# Weimarer Republik (1918 - 1933)

# Novemberrevolution

# Arbeiter- und Soldatenräte



# Die Münchner Räteherrschaft

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Räteherrschaft. Ende einer Utopie

##### 1. Räteherrschaft. Ende einer Utopie

Nur wenige Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stürzt die Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner den jungen Freistaat Bayern ins Chaos. Die Regierung flieht ins sichere Bamberg, in München rufen revolutionäre Arbeiter- und Soldatenvertreter am 7. April 1919 eine Räterepublik aus. Die bayerische Hauptstadt wird zu einem Laboratorium linker Utopisten. Doch die Gegenseite rüstet schon zum Angriff

[![70edfaa9-0e80-4728-8e6e-7d2dc7f1afee.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/70edfaa9-0e80-4728-8e6e-7d2dc7f1afee.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/70edfaa9-0e80-4728-8e6e-7d2dc7f1afee.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image photo" id="bkmrk-ein-totenkopf-prangt"><figcaption>EIN TOTENKOPF prangt auf dem Geschützwagen dieser rechtsnationalen Freikorpskämpfer. Gemeinsam mit der Reichswehr ziehen sie gegen die Räteherrschaft, die sich in München etabliert hat</figcaption></figure>Der 7. April 1919 ist ein strahlender Frühlingstag in München. Wer Arbeit hat, macht sich an diesem Montagmorgen auf den Weg. Da werden grellrote Plakate an die Litfaßsäulen geklebt: „An das Volk in Baiern!“, heißt es da in schwarzen Lettern. Was dann folgt, lässt sich so zusammenfassen: Bayern ist ab sofort sozialistische Räterepublik, revolutionäre Arbeiter haben Seite an Seite mit Bauern und Soldaten die Regierung übernommen. Der 7. April wird zum Nationalfeiertag erhoben. Alle Bürokratie soll „unverzüglich ausgetilgt“ werden. Bayern soll dem Vorbild Russlands folgen, in dem seit 1917 Lenins Räte regieren, und damit Abschied vom „fluchwürdigen Zeitalter des Kapitalismus“ nehmen.

Überrascht lesen viele die Bekanntmachung: schon wieder Revolution – der nächste Umsturz seit dem Ende des Weltkrieges ein halbes Jahr zuvor. Die erste Erhebung hat das Königreich Bayern am 8. November 1918 zur Republik gemacht, hat die konstitutionelle Monarchie beendet und dafür gesorgt, dass die Staatsgewalt fortan allein vom Volk ausgeht – und nicht mehr wie zuvor vor allem vom König.

Nach mehreren unruhigen Monaten amtiert seit drei Wochen die aktuelle Staatsregierung. Doch es sieht nicht gut aus für Bayerns Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann von der SPD. Politische Morde überschatten die junge Demokratie: Kurt Eisner, Hoffmanns Vorgänger im Amt, ist auf offener Straße erschossen worden. Für das im Land kursierende Notgeld gibt es kaum noch etwas zu kaufen. Gewalt, Mangel und Hunger treiben immer mehr Menschen in die politische Radikalität. In ihren Augen hat die gerade erst etablierte Ordnung schon wieder abgewirtschaftet. Vor allem die äußerste Linke polemisiert gegen den Landtag und die Regierung Hoffmann. Sie weiß die Arbeiter hinter sich, viele der heimgekehrten Soldaten und einen großen Teil der Bauern.

Sie will keine Herrschaft des ganzen Volkes, sondern die Diktatur des Proletariats. Sie setzt auf die Macht von „Räten“, wie sie nach dem Muster des revolutionären Russlands in den Monaten zuvor in vielen Ländern Europas entstanden sind, um die Politik mitzugestalten. In diesen Räten sitzen Arbeitervertreter, gewählt von Belegschaften in den Betrieben, Soldaten aus den Kasernen sowie Bauern. Verteidiger der parlamentarischen Demokratie haben in diesen Volksgremien immer weniger zu sagen. Eine Versammlung von Soldaten fordert etwa Anfang April die Einführung einer Räterepublik in Bayern. Der Landtag dürfe nicht mehr zusammentreten.

Nachdem Soldatenräte den Abgeordneten erklärten, sie könnten nicht mehr für den Schutz des Landtags garantieren, fliehen Parlamentarier und Regierung aus München. Hoffmann fährt am 6. April nach Nürnberg. Doch der dortige Bürgermeister warnt ihn vor den radikalen Arbeitern am Ort und empfiehlt ihm Bamberg. Das ist katholisch-konservativ, und es gibt dort nur wenige organisierte Proletarier. Bamberg also. München bleibt führungslos zurück.

Es ist dieses Machtvakuum, in das die Revolutionäre in der Nacht auf den 7. April stoßen: Im Wittelsbacher Palais, dem Wohnsitz des letzten Königs, konstituieren sich rund 100 Angehörige der Räte zum Revolutionären Zentralrat einer neuen Republik. Die Versammelten, darunter auch einige linke Intellektuelle wie die Schriftsteller Ernst Toller und Erich Mühsam, sehen sich dazu befugt, die Macht im Freistaat zu übernehmen. Und dekretieren: Ab Montag, den 7. April 1919, 12.00 Uhr, sei Bayern eine Räterepublik – geführt also von den Gremien der Arbeiter, Bauern und Soldaten. Die bayerischen Landesbehörden werden telegraphisch über diesen Schritt informiert.

Dann bricht der Morgen an. Zahlreiche Menschen sammeln sich auf den Plätzen der Münchner Innenstadt. Sie wollen erfahren, was jetzt geschieht. Auf einer Parkbank am Karlsplatz – dem Stachus – stehend, wendet sich Erich Mühsam an die Menge und erklärt, was für eine Republik da ausgerufen worden sei. Einige buhen ihn aus, andere pflichten ihm bei.

> Die Revolutionäre stoßen in ein MACHTVAKUUM

Zur gleichen Zeit sammeln sich am Marienplatz vor dem Rathaus Studenten, die für die parlamentarische Demokratie eintreten und gegen die Herrschaft des Proletariats. Es kommt zum Gerangel mit Arbeitern. Die Menge löst sich auf. Am Odeonsplatz, vor der Residenz, werden von monarchistischen Bürgern sogar Hochrufe auf den König laut, bis schließlich Soldaten einschreiten. Sehr groß ist die Begeisterung für die neue Republik offenbar nicht. Aber noch verläuft alles recht friedlich. Beamte und Sicherheitskräfte verhalten sich ruhig, auch wenn in München nun das Proletariat regiert – offiziell jedenfalls, denn viele der führenden Köpfe der Räterepublik sind Intellektuelle, die utopischen Idealen nachhängen.

[![f1ef6468-6ddb-4203-a953-a9853ec3c298.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/f1ef6468-6ddb-4203-a953-a9853ec3c298.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/f1ef6468-6ddb-4203-a953-a9853ec3c298.jpg)

Kurt Eisner. Der Sozialist ruft im November 1918 den Freistaat Bayern aus. Wenige Monate später wird er ermordet.

[![ea2c9974-7946-4cd3-bf5f-f7d71f3f6e94.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/ea2c9974-7946-4cd3-bf5f-f7d71f3f6e94.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/ea2c9974-7946-4cd3-bf5f-f7d71f3f6e94.jpg)

Johannes Hoffmann. Ab März 1919 ist der SPD-Politiker Ministerpräsident - und muss vor Revolutionären aus München fliehen

Der 25-jährige Autor Ernst Toller, Chef der Münchner USPD, einer radikalen Abspaltung der SPD, wird zum Vorsitzenden des Revolutionären Zentralrats gewählt. De facto wird er damit Regierungschef. Der Dichter Gustav Landauer – der an diesem Tag seinen 49. Geburtstag feiert – ist nun Volksbeauftragter für Volksaufklärung, eine Art Kultusminister. Bislang hielt der Anarcho-Sozialist Vorträge über Hölderlin, nun entwirft er das Manifest der Räterepublik.

Auch Erich Mühsam, 51, einer der prominentesten Revolutionäre, gehört dem Zentralrat an. Am Morgen ist der Schriftsteller bereits um sechs Uhr früh ins Telegraphenamt gestürmt und hat eine Jubelnachricht an Lenins kommunistische Regierung in Moskau abgesetzt: „Bayern ist Räterepublik … die Diktatur des Proletariats verwirklicht … es lebe die Weltrevolution!“ Doch so einfach ist es nicht. Noch im Verlauf des Montags erscheinen Flugzeuge über der Stadt und werfen Zettel ab, auf denen zu lesen ist, das Kabinett Hoffmann sei nicht zurückgetreten, sondern die einzig rechtmäßige Regierung und allein befugt, Befehle zu erteilen.

Zwar bleibt die Aktion ohne Wirkung. Doch so mancher Münchner wird wohl bereits jetzt ahnen, was bald kommen muss. Die Regierung Hoffmann in Bamberg sowie die SPD-Reichsregierung in Berlin werden eine Abspaltung Bayerns nicht hinnehmen. Beide werden um München kämpfen. Mit allen Mitteln. Aber auch aus den Reihen der Räte droht der neuen Republik Gefahr. Denn die Kommunistische Partei beteiligt sich nicht an der neuen Regierung. Der Zentralrat hat sie zwar zur Teilnahme eingeladen, aber die Kommunisten weigern sich; sie wollen die Macht lieber für sich alleine.

Am Ende werden der Münchner Räteherrschaft nur knapp vier Wochen bleiben. Vier Wochen, in denen Ungeheures gedacht und angestoßen wird – und Utopisten an der Isar beginnen, ihre himmelstürmenden Ideen umzusetzen. Seit die Münchner im November 1918 ihren Monarchen vertrieben und die Republik ausgerufen haben, ist die Stadt ein Laboratorium der anarchischen Linken und der Kommunisten. (Als Reaktion darauf entstehen hier aber auch ultrarechte Gruppierungen, die aus München die Hauptstadt der nationalsozialistischen Bewegung machen werden.)

In jenen Tagen, als linke Schriftsteller an die Macht streben, lässt sich ein Mann namens Adolf Hitler in den Münchner Soldatenrat wählen, nur um wenig später einen glühenden Hass gegen diese Linken zu entwickeln. Die Extreme, die schließlich die Weimarer Republik von rechts und von links zermalmen werden, treffen in München bereits im April und Mai 1919 tödlich entschlossen aufeinander. Weshalb aber das utopische Experiment der Linken ausgerechnet in München entsteht und wie es sich vier Wochen gegen alle Widerstände halten kann, das ist die bizarre wie tragische Geschichte der Münchner Räteherrschaft.

**MÜNCHEN, 7. NOVEMBER 1918**. Viele Menschen hungern. Die anfängliche Euphorie bei der Mobilmachung 1914 ist längst der Gewissheit gewichen, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist. Vor allem Arbeiter und Bauern fühlen sich von den alten Parteien nicht mehr vertreten. 1917 hat sich eine linke Gruppe von der SPD abgespalten, die USPD. Ihre Vertreter dringen auf ein sofortiges Ende des Krieges. In München hat sich der Journalist Kurt Eisner an die Spitze der USPD gesetzt, war im Januar 1918 eine treibende Kraft beim Streik der Rüstungsarbeiter.

Nun, da Deutschland mit seinen Kräften am Ende ist und die Oberste Heeresleitung den Krieg verloren gibt, haben in Kiel die Matrosen der Marine gemeutert – und Arbeiter und Soldaten im ganzen Reich mitgerissen. An diesem 7. November also zieht Eisner nach einer Kundgebung auf der Theresienwiese mit gut 1000 Anhängern zum Sturm auf die Kasernen im Norden der Stadt. Die Soldaten reagieren erst verzagt, rufen vom Fenster aus, die Offiziere hätten sie eingesperrt, sie könnten nicht herauskommen. „Dann tretet eben die Türen ein“, fordern die Demonstranten. Und tatsächlich folgen die Soldaten dem Aufruf, setzen ihre Offiziere fest und schließen sich dem Zug an.

Bayerns letzter König Ludwig III., 73 Jahre alt und offenbar nicht im Bilde über die Lage im Land, spaziert gerade im Englischen Garten. Ein Passant warnt ihn: „Revolution is Majestät, gengs S’ heim!“ Als der König in die Residenz zurückkehrt, haben die Wachen bereits ihre Posten verlassen. Niemand stellt sich Kurt Eisners Zug in den Weg. Im „Mathäserbräu“, einer Bierhalle in der Innenstadt, wählen die Versammelten schließlich einen Arbeiter- und einen Soldatenrat als ihre Interessenvertretung, besetzen Hauptbahnhof und Telegraphenamt.

Am Abend dringen Eisner und seine Leute in den Landtag ein – dem entgeisterten Pförtner nehmen sie einfach die Schlüssel ab. Um 23 Uhr verkündet Eisner dort vor den Räten drei entscheidende Punkte: Bayern tritt aus dem Krieg aus, die Monarchie ist abgeschafft, und Bayern ist ab sofort ein Volks- und Freistaat, eine Republik. Befugt hat ihn dazu niemand, außer den gerade anwesenden Räten. Die bestimmen Eisner auch gleich zum neuen Ministerpräsidenten.

Es ist eine unblutige Revolution. Die Staatsmacht lässt sie geschehen, muss sie geschehen lassen, löst sich einfach auf. Die Soldaten laufen ihr ohnehin davon. Jedes Vertrauen in die Obrigkeit ist nach vier Jahren Krieg, nach all den Hungerwintern, nach den ewigen Sieges- und Durchhalteparolen erloschen. Und alle wollen endlich Frieden. So hebt kaum jemand die Hand zur Verteidigung des morschen Systems, es implodiert, im Reich und in Bayern.

Die Macht in München gehört jetzt dem, der sie sich nimmt. Der Kriegsminister des bayerischen Königs versucht zwar noch mit einer Division, die Revolution niederzuschlagen. Aber die Soldaten beider Lager verbrüdern sich. Von der Münchner Frauenkirche weht nun die rote Fahne. In der Nacht flüchtet der König mit dem Auto aus München. Nach 738 Jahren, in denen das Haus Wittelsbach Bayern regiert hat, ist die Dynastie am Ende. Zwei Tage später, am 9. November, muss Kaiser Wilhelm II. abdanken, wird auch in Berlin die Republik ausgerufen.

Eisners Regierung führt in Bayern umgehend das Frauenwahlrecht und den Achtstundentag ein. Banken und Unternehmen will der neue Kabinettschef vorerst nicht sozialisieren, denn dafür sei die Wirtschaft derzeit zu schwach. Eisner sieht die Räte nur als Zwischenstufe auf dem Weg zur allgemeinen Volksherrschaft und lädt seinen Freund Gustav Landauer aus Krumbach nach München ein, um an der „Umbildung der Seelen“ mitzuwirken.

Leicht ist diese Aufgabe nicht. Zeitungen nennen den aus Berlin stammenden Eisner einen „galizischen Juden“. Münchens Erzbischof Faulhaber beschimpft ihn als „Zorn Zions“ – der USPD-Führer hat es gewagt, die kirchliche Schulaufsicht abzuschaffen. Dennoch hofft er auf einen Sieg bei den für Januar 1919 angesetzten Landtagswahlen. Aber es kommt anders: Die USPD erhält nur 2,5 Prozent der Stimmen. Gewinner sind die Bayerische Volkspartei mit 35 Prozent und die SPD mit 33 Prozent. Die Regierung Eisner ist gescheitert.

Der USPD-Führer, ganz Demokrat, akzeptiert die Niederlage und will am 21. Februar 1919 im Landtag als Ministerpräsident abdanken. Mit der Rücktrittserklärung in der Tasche marschiert er zu Fuß zum Landtag. Sein Büroleiter hat ihn davor gewarnt, den gleichen Weg wie immer zu nehmen – zu aufgeheizt sei die Stimmung gegen ihn, ein Attentat nicht auszuschließen. Doch Eisner ignoriert die Bedenken. Ein Fehler.

Vor dem Palais Montgelas treffen ihn von hinten zwei Kugeln in den Kopf. Der Täter, der Student Anton Graf Arco auf Valley, ein Reaktionär, der Eisner für einen Verräter hält, hat ihn abgepasst. Dessen Leibwächter schießen auf Arco. Der Attentäter überlebt. Der Ministerpräsident aber ist sofort tot. Als die Nachricht vom Attentat den Landtag erreicht, hält Erhard Auer von der SPD eine Gedenkrede auf Eisner. Da stürmt ein Metzgergeselle mit einer Pistole herein und schießt Auer nieder, den er für den Hintermann des Attentats hält. Bei der daraufhin im Landtag ausbrechenden Schießerei sterben zwei Männer. Auer überlebt schwer verletzt.

Erst jetzt erkennen die Münchner, wen sie mit Eisner verloren haben: einen Mann, dem eine Revolution gelungen ist, der den Krieg für Bayern beendet, die Monarchie weggefegt und die Herrschaft des Volkes verwirklicht hat – und das alles ohne Blutvergießen. „Die hundert Tage der Regierung Eisner“, befindet der Schriftsteller Heinrich Mann, „haben mehr Ideen, mehr Belebung der Geister gebracht als die fünfzig Jahre zuvor.“ 100.000 Menschen säumen den Trauerzug für Eisner hinaus zum Ostfriedhof. Unter ihnen auch der verkrachte Soldat Adolf Hitler.

Der Ministerpräsident tot, der Landtag vorerst paralysiert: In dieser chaotischen Lage und aufgewühlt von den politischen Morden wählen die Münchner Arbeiter- und Soldatenräte einen Zentralrat, beanspruchen die Macht im Land für sich und berufen für Ende Februar einen gesamtbayerischen Rätekongress nach München ein. Auch in anderen bayerischen Städten haben sich inzwischen Räte gebildet – in Arbeiterhochburgen wie Nürnberg und Augsburg, aber auch in kleineren Städten wie Rosenheim, Passau, Lindau und sogar in Bauerndörfern wie Jandelsbrunn im Bayerischen Wald.

Trotz dieser Entwicklung hält sich der soeben gewählte Landtag in München allein zur Regierungsbildung befugt. Einstimmig votieren die Abgeordneten am 17. März 1919 für Johannes Hoffmann von der SPD als neuen Regierungschef. Er ist damit der erste frei gewählte Ministerpräsident Bayerns.

[![4f8ab9b8-55bd-4fb7-a00f-a67c5b56707a.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/4f8ab9b8-55bd-4fb7-a00f-a67c5b56707a.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/4f8ab9b8-55bd-4fb7-a00f-a67c5b56707a.jpg)

Am 7. April 1919 erklärt eine Versammlung von Arbeiter-, Soldaten- und Bauernvertretern Bayern zur Räterepublik. Anfangs stellt sich den Aufständischen niemand entgegen (bewaffnete Streife)

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Schon bald nach der Machtübernahme formieren sich die Gegner der Räteherrschaft. Der nach Bamberg geflohene Ministerpräsident Hoffmann bittet die Reichsregierung um Hilfe - und die entsendet Reichswehr und Freikoprseinheiten nach Bayern (Patrouille von Rotarmisten)

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Am 14. April 1919 beginnt die zweite Phase der Räteherrschaft: Nach einem gescheiterten Putschversuch von Anhängern der Regierung Hoffmann übernehmen die Kommunisten die Macht (Straßensperre in München)

Doch wer hat wirklich die Macht: Hoffmann und der Landtag – oder der Zentralrat der Arbeiter und Soldaten? Johannes Hoffmann hat für den 8. April den Landtag einberufen und ist gleich nach dieser Ankündigung nach Berlin gefahren, um sich für den Notfall die militärische Unterstützung des Deutschen Reichs zu sichern.

> In München herrschen jetzt LITERATEN

Unterdessen verschlechtert sich die Versorgungslage in München immer weiter. Ein scharfer Wintereinbruch im März verschlimmert die Situation nochmals. Gegen Lebensmittelmarken gibt es gerade noch einen Achtel Liter Milch, ein kleines Glas voll – und auch das nur jeden zweiten Tag. Die übliche Lebensmittelration in der Stadt beträgt Anfang April 1000 Kalorien. Um halbwegs satt zu werden, muss man hohe Preise auf dem Schwarzmarkt zahlen.

**UND SO KOMMT ES** am 7. April 1919 zur nächsten Revolution. Als Reaktion kappt die Regierung Hoffmann von Bamberg aus Zugverbindungen nach München. Damit fehlen nun die dringend benötigten Kohlelieferungen aus dem Ruhrgebiet. Fabriken drohen stillzustehen. Und auch die Nahrungsmittel werden immer knapper: Werden in der ersten Aprilwoche noch rund 600 Schlachtkälber nach München transportiert, sind es in der dritten Aprilwoche nur noch 16. Die Milchlieferungen gehen um zwei Drittel zurück.

Die Stadt, so plant Hoffmann von Bamberg aus, soll systematisch ausgehungert und anschließend militärisch niedergerungen werden. Zur Linderung der Not ordnet die Räteregierung Sofortmaßnahmen an: Schleichhandel und Wucher sind zu bekämpfen, Preise sollen kontrolliert werden. In einigen Hotelküchen und Gaststätten beschlagnahmen Arbeiterräte zentnerweise Fleisch, Fett und Getreide.

Aber satt werden die Stadtbewohner davon nicht, da die Bauern immer weniger Waren in die Stadt liefern. Um zumindest den Wohnungsmangel zu bekämpfen, beschließt die Regierung, alle leer stehenden Häuser zu beschlagnahmen, auch Schlösser und Palais. Tatsächlich gelingt binnen Tagen die Registrierung Hunderter Wohnungen.

Mit seinen Ankündigungen weckt das Regime die absonderlichsten Hoffnungen. In den Vorzimmern der Machthaber drängen sich die Bittsteller. Ernst Toller beschreibt das später so: „Eine Partei revolutionärer Bürger hat sich gebildet, sie fordert die Verhaftung früherer Kegelbrüder und Vereinskollegen. Verkannte Lebensreformer bieten ihre Programme zur Sanierung der Menschheit an. Die einen sehen die Wurzel des Übels im Genuss gekochter Speisen, die anderen in der Goldwährung, die dritten im Tragen unporöser Unterwäsche.“ Kurios ist auch der neue Außenminister: Erich Mühsam hatte sich selbst als Volksbeauftragten für das Außenressort vorgeschlagen, war aber von den Genossen abgelehnt worden, weil er ihnen zu weltfern erschienen war. Er sei ein „so ausgesprochen literarischer Bohemien, dass sich niemand ihn in einer würdigen Amtsposition vorstellen konnte“, erinnert sich ein Weggefährte.

Daher wird im Zentralrat der Journalist Dr. Franz Lipp vorgeschlagen, den zwar kaum einer kennt, der aber Beziehungen ins Ausland zu haben scheint, da er früher für die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ berichtet habe. Mangels Alternativen wählt man ihn. Am Morgen des 8. April erscheint Lipp im Ministerium, überreicht den Vorzimmerdamen Blumen, schreitet in sein Büro und beginnt mit der Arbeit. Die besteht darin, als Erstes den Kontakt zur Reichsregierung in Berlin abzubrechen und der Schweiz den Krieg zu erklären, weil die sich weigert, der Räterepublik Lokomotiven zu überlassen.

Lipp trifft sich nie mit anderen Regierungsmitgliedern, er telefoniert nicht, schickt stattdessen Telegramme. Seine fixe Idee ist der Abortschlüssel, den Ministerpräsident Hoffmann angeblich mit nach Bamberg genommen hat. Schließlich zwingt Regierungschef Toller ihn zum Rücktritt. Lipp aber erscheint wieder im Büro. Toller schickt ihn daraufhin ins Sanatorium.

Die neue Regierung macht Bayern zum Experimentierfeld utopischer Ideen. Besonders tut sich dabei Silvio Gesell, der Volksbeauftragte für Finanzen, mit seinen Theorien zu Freigeld und Freiland hervor: Da Geld keinem Verfall unterliege, anders als Arbeitskraft und Waren, sei der Geldbesitzer den Arbeitern überlegen. Damit störe Geldbesitz das freie Spiel der Kräfte und müsse daher einem von oben verordneten Wertverlust unterliegen. Je länger ein Sparer oder Spekulant Geld zurückhalte und nicht ausgebe, desto höher müsse der Verlust sein, etwa durch ein Verfallsdatum, das auf die Geldscheine aufgedruckt werde. Damit entfalle der Anreiz, Geld zu horten.

Ähnlich sieht Gesell den Grundbesitz, der ebenfalls keinem natürlichen Wertverlust unterliege: Aller Boden müsse enteignet und fortan vom Staat an seine Bürger verpachtet werden. Die Einkünfte seien dann an Mütter nach ihrer Kinderzahl zu verteilen, um sie wegen ihrer unbezahlten Arbeit wirtschaftlich unabhängig zu machen. Gesell arbeitet an der radikalen Umgestaltung des Finanzwesens. Im Grunde sind ihm proletarische Ideale gleichgültig, er würde sein Freigeld auch in einer Monarchie oder einer Demokratie verwirklichen.

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Erich Mühsam. Der Autor ist ein prominentes Mitglied des Zentralrats - einer Art Regierung der Revolutionäre.

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Gustav Landauer. Früher hat der Dichter über Hölderlin doziert. Nun ist er Kulturbeauftragter der Räterepublik.

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Ernst Toller. Der Schriftsteller ist erst 25 Jahre alt, als der Zentralrat ihn zum Regierungschef der Räterepublik wählt.

Für all diese Experimente hat die Räterepublik indes nur wenig Spielraum. Die Münchner sind ohnehin in Angst, ihr Geld könnte entwertet werden. Sie stürmen die Banken und wollen ihre Ersparnisse abheben. Umgehend muss die Regierung die Konten sperren. Das Vertrauen in das neue Regime sinkt rapide. Dennoch: Eine radikale Umgestaltung soll alles Denken und Handeln der Menschen erfassen, vor allem in der Erziehung. Über der Münchner Universität wird die rote Fahne aufgezogen. Fortan entscheidet ein revolutionärer Hochschulrat. Landauer, der Kulturbeauftragte, will als Erstes die theologische und die juristische Fakultät streichen. Von zentraler Bedeutung sei dagegen ab sofort die philosophische Fakultät. Aus den Schulen, bislang Untertanenschmieden, sollen Bildungsorte für Freigeister werden, in denen Kritik ausdrücklich willkommen ist. Stundenplan und Prügelstrafe sollen verschwinden, ebenso die Schulbank als Sinnbild der überkommenen Lernanstalt.

Allerdings gibt es nun wieder eine Pressezensur. Schon die Proklamationserklärung der Räterepublik verfügte die Sozialisierung der Presse. Die „Münchner Neuesten Nachrichten“, eine liberale Zeitung, wird per Dekret kurzerhand zum Organ des Revolutionären Zentralrats. Das Blatt muss nun seitenlang Ausführungen über „Das unwahre Prinzip unserer Erziehung“ sowie Proklamationen der Regierung abdrucken. Die Leser konstatieren „überströmende Langeweile“. Den Schriftsteller Thomas Mann erinnern die Ausgaben der Zeitung nun „an die ehemalige Faschingsnummer“.

Ist das also die Diktatur des Proletariats? Sind die utopischen Ideen für einen Stahlarbeiter von Interesse, für eine Näherin, für die vielen Kriegsheimkehrer ohne Perspektive? Wäre ihnen am Ende ein Teller warmer Suppe vielleicht lieber als die gesamte Räterepublik? Darauf wird die Regierung keine Antwort geben. Auch in der Justiz verfolgt das neue Regime ungewöhnliche Ideen und setzt Revolutionstribunale ein.

Die bestehen aus jeweils sieben „revolutionären Volksgenossen“: verdienten Mitgliedern der Linksparteien. Diese Richter ohne jede juristische Ausbildung sind weder an Gesetze noch an eine Prozessordnung gebunden – der Traum aller Revolutionäre, die mit dem alten System gründlich aufräumen wollen. Und der Albtraum all jener, die das Recht hochhalten. Denn die Tribunale entscheiden nach freiem Ermessen.

Schon am 11. April 1919 treten die ersten im Justizpalast zusammen. Sie urteilen schnell – und überraschend milde. 300 Verfahren werden eröffnet, die meisten Angeklagten freigesprochen. Ein Kommunist mokiert sich über diese Tribunale, die keinem Konterrevolutionär etwas zuleide täten. Am 13. April kommt es zum nächsten Umsturzversuch, diesmal veranlasst von Ministerpräsident Hoffmann. Der sieht darin die letzte Möglichkeit, die Räteregierung mit eigenen, also bayerischen Mitteln loszuwerden. Denn schon drängt der SPD-Reichspräsident Friedrich Ebert aus Berlin zur Eile: Mit der Räterepublik müsse endlich Schluss gemacht werden.

Doch was soll Hoffmann tun? Er hat keine regulären Truppen, jedenfalls nicht in München. Bleibt nur die „Republikanische Schutztruppe“, eine zur Sicherung der Landesregierung gegründete militärische Vereinigung. In der Nacht zum 13. April 1919 verhaftet sie in Hoffmanns Auftrag mehrere Mitglieder des Zentralrats, darunter Mühsam. Nicht gefasst wird Ernst Toller – er wird durch einen anonymen Anruf gewarnt und kann sich in der Wohnung eines Freundes hinter einem Bücherregal verbergen. In seinem Versteck entwirft er einen Appell an alle Revolutionäre im Deutschen Reich, der bedrohten Räterepublik zu Hilfe zu eilen.

[![3e897a86-b7e4-4b31-a1d0-73a72a8524f4.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/3e897a86-b7e4-4b31-a1d0-73a72a8524f4.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/3e897a86-b7e4-4b31-a1d0-73a72a8524f4.jpg)

Mit Panzerzügen rücken Reichswehr- und Freikorpseinheiten Ende April 1919 gegen die bayerische Hauptstadt vor, um die Räteherrschaft militärisch in die Knie zu zwingen.

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Anfang Mai können die Verteidiger Münchens der Übermacht nicht mehr standhalten. Regierungstruppen (unten) ziehen in die Stadt ein.

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Im Triumph paradieren Freikorpskämpfer in Münchens Zentrum. Viele von ihnen machen nun systematisch Jagd auf die Revolutionäre - und töten mehr als 600 Menschen.

Um fünf Uhr morgens telegraphiert der Anführer der Schutztruppe eine Siegesmeldung zu Hoffmann nach Bamberg. Das aber ist mehr als voreilig. Denn die Nachricht von der Verhaftungswelle verbreitet sich schnell in München. Als die Schutztruppe ein Versammlungslokal der Kommunisten stürmen will, wehren sich die so heftig, dass sich die Angreifer zurückziehen müssen. Das ist für die Kommunisten das Fanal zum Gegenangriff. Tausende Arbeiter und Soldaten sammeln sich auf der Theresienwiese und marschieren zum Hauptbahnhof, dem Hauptstützpunkt der Putschisten, von dem aus Mühsam und andere Gefangene per Zug nach Nordbayern gebracht worden sind. „Zum Kampf!“, rufen die Leute unterwegs. Am Bahnhof fahren die Arbeiter und Soldaten schweres Geschütz gegen Hoffmanns Schutztruppe auf: Maschinengewehre und Minenwerfer.

Aus Flugzeugen schweben Flugblätter in die Stadt, die die Räteregierung mit ihren „landfremden Agitatoren“ für abgesetzt erklären. In immer neuen Wellen stürmen die Arbeiter gegen den Bahnhof, mehrere Stunden lang. „Vorwärts! Auf! Sturm!“, ruft einer, und schon wird der Revolutionär und Schriftsteller Oskar Maria Graf mitgerissen, in das Bahnhofsgebäude hinein. Schließlich: „Sieg, Sieg! Hoch die Räterepublik!“ Als die Offiziere der Schutztruppe am Abend per Lokomotive aus dem Bahnhof fliehen, sind 21 Menschen tot – vor allem Unbeteiligte.

Die Räteherrschaft hat sich als wehrhaft erwiesen. Aber sie ist nun nicht mehr die friedliche Republik der Utopisten und der Schöngeister. Denn den blutigen Sieg über die Schutztruppe haben vor allem Kommunisten erkämpft. Daher rufen sie nun selbstbewusst eine neue, kommunistische Räterepublik aus und verkünden einen mehrtägigen Generalstreik sowie die Aufstellung einer „Roten Armee“. Widerstand von der alten Räteregierung gibt es nicht. Die Macht haben nun andere. Vor allem einer: Rudolf Egelhofer. Er hat den Sturm der Arbeiter auf den Hauptbahnhof angeführt.

Am Tag des Putsches ist er 23 Jahre alt geworden, ein gebürtiger Münchner, im Krieg einfacher Matrose. Egelhofer wird Stadtkommandant und Oberkommandierender der Roten Armee. Umgehend verhängt er den Ausnahmezustand und befiehlt die Entwaffnung des Bürgertums zugunsten des Proletariats. Wer binnen zwölf Stunden nicht seine Pistolen und Gewehre abgegeben habe, werde erschossen, lässt er erklären. Mit den requirierten Waffen stattet er die Rotarmisten aus. Nun sammeln sich von allen Seiten die Feinde der Räteherrschaft. Ministerpräsident Hoffmann muss nach dem Scheitern seines Putsches die Reichsregierung um Hilfe bitten. Darauf hat Berlin nur gewartet und lässt seine Truppen los, darunter die Freikorps – Freiwilligenverbände aus entlassenen Frontsoldaten, die unter dem Kommando früherer kaiserlicher Offiziere stehen.

Die eigenen militärischen Mittel des Deutschen Reichs sind kläglich, die Reichswehr ist erst im Aufbau begriffen. Die SPD-Regierung in Berlin hat daher einen faustischen Pakt mit den ultrakonservativen und nationalistischen Militärs der alten preußischen Armee geschlossen. So aber gewinnen in der Weimarer Republik von Beginn an rechte Kräfte die Gewalt über Truppen und Kanonen. Ein preußischer General, Ernst von Oven, leitet die Operation gegen die Münchner Räte. Nordbayern ist da bereits weitgehend in der Hand der Regierung Hoffmann – Würzburg etwa ist nach nur drei Tagen Räteregierung auf die Seite des Landtags zurückgekehrt.

Hoffmann lässt Südbayern nun von allem Verkehr, von allen Nachrichten samt Telefon- und Telegraphenleitungen abschneiden, die Reichsbank kappt den Bargeldnachschub. Aus Richtung der Bayerischen Alpen marschiert das Freikorps Werdenfels auf München. Egelhofer kann 12.000 Mann aus den Betrieben und Kasernen der Stadt dagegensetzen, darunter Weltkriegsveteranen, aber auch Jünglinge, Greise und freigelassene russische Kriegsgefangene. Was seiner Armee fehlt, sind Übung, schwere Waffen, Nachschub. Wären ein paar Monate Zeit, ließe sich vielleicht eine schlagkräftige Truppe formen, aber Egelhofer hat diese Zeit nicht.

**SCHON AM 15. APRIL** stehen die ersten 800 Mann der Angreifer bei Dachau kurz vor München. Egelhofer wirft seine Rote Armee in den Nordwesten der Stadt: Arbeiter, Soldaten, Literaten. Offiziere hat diese Truppe nicht, deren Aufgabe müssen erfahrene Frontkämpfer oder Unteroffiziere übernehmen. Dennoch gelingt es dem Freiwilligenheer, den Gegner zurückzuschlagen. Als Ernst Toller dazustößt, bieten ihm Kämpfer die Kommandogewalt an: Einer müsse ja seinen Kopf hinhalten. Und: „Die Hauptsach is, dich kennen wir!“

[![b03c07e8-c8c8-41a2-a5d2-40d0372aff34.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/b03c07e8-c8c8-41a2-a5d2-40d0372aff34.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/b03c07e8-c8c8-41a2-a5d2-40d0372aff34.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image photo" id="bkmrk-gefangene-rotarmiste"><figcaption>GEFANGENE ROTARMISTEN. Die siegreichen Truppen verüben in der Stadt zahlreiche Massaker: angeblich als Reaktion auf die – allerdings wenigen – Untaten, die die Kommunisten während der Verteidigung der Räteherrschaft begangen haben</figcaption></figure>So wird der Schriftsteller zum Truppenkommandeur. Am nächsten Morgen kehrt er nach München zurück, um Landkarten von Dachau zu besorgen – findet aber keine. Die Karten sind offenbar von den Gegnern requiriert worden. Dennoch schafft er es, Dachau zurückzuerobern, ein unerwarteter Triumph.

Für Toller gehören Autorität, Gehorsam und Disziplin zum alten Kaiserreich und nicht in die moderne Räteherrschaft. Ihm gelten Freiwilligkeit und Einsicht als soldatische Tugenden. Das geht nicht lange gut: Viele seiner Leute kehren nach den ersten Erfolgen vor Dachau nach München zurück. Resigniert stellt Toller schließlich fest: „Wir sind gezwungen, die eigenmächtigen Urlauber aufzuhalten, wir müssen Regeln der alten militärischen Disziplin einführen.“ Den Wirten verbietet er den Ausschank von Alkohol, um seine Leute dienstfähig zu halten. Sein Erfolg ist trotzdem nicht von Dauer. Zwar kann die Rote Armee einige Städte rund um München sichern, etwa Freising, Rosenheim und Kaufbeuren. Aber schon rücken neue Einheiten von Reichswehr und Freikorps heran.

Am 20. April marschieren die angreifenden Truppen in Augsburg ein. Rund 35.000 Soldaten nehmen nun auch München von allen Seiten in die Zange. Panzerzüge, Panzerwagen, Flugzeuge: Die Macht des Deutschen Reichs steht gegen das ausgehungerte München. So wie die Reichsregierung in Berlin muss auch Hoffmann dafür mit den Rechten gemeinsame Sache machen. Die hetzen mit nationalistischen Parolen. Das dabei verwendete Muster wird Deutschland noch lange verfolgen: In München seien jüdische, bolschewistische Geisteskranke am Werk, die es mit Stumpf und Stiel auszurotten gelte.

21\. April: Mit vorgehaltener Waffe beschlagnahmen Rotarmisten das Auto des päpstlichen Nuntius in München. Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., flüchtet bald darauf aus der Stadt.

22\. April: Am letzten Tag des Generalstreiks paradieren 12.000 Bewaffnete durch die Ludwigstraße. Es ist die letzte Heerschau der Roten Armee. Rudolf Egelhofer gibt in Matrosenuniform Durchhalteparolen aus.

26\. April: Egelhofer lässt ein Hotel durchsuchen, in dem die rechtsradikale Thule-Gesellschaft residiert. Ihr Wappen ist ein Hakenkreuz, man grüßt sich mit „Sieg und Heil“ und gibt den „Münchner Beobachter“ heraus (aus dem später der „Völkische Beobachter“ der Nationalsozialisten hervorgehen wird). Einige Mitglieder werden verhaftet. 29. April: 25 Kilometer südlich von München fällt Starnberg an ein Freikorps aus Württemberg. 30. April: Die Rote Armee muss Dachau aufgeben. Die Kraft reicht nicht aus. Die Räteherrschaft beginnt sich unter der Wucht der feindlichen Angriffe aufzulösen. Viele bewaffnete Arbeiter werfen die Gewehre fort und gehen heim.

Ein Ausschuss der Räte bietet Hoffmann die Niederlegung der Waffen an, wenn die Reichstruppen vor der Stadt bleiben. Doch der Ministerpräsident lehnt ab. Berlin und Bamberg gehen auf keine Bedingungen ein. Sie wollen die völlige Niederwerfung der Räterepublik. Dazu haben sie ihren Soldaten die standrechtliche Erschießung jedes Kämpfers erlaubt, der sich ihnen widersetzt. Das brutale Vorgehen der Reichstruppen ist das Todesurteil für zehn Gefangene der Roten Armee im Münchner Luitpold-Gymnasium. Unter ihnen sind einige adelige Mitglieder der „Thule-Gesellschaft“: Friedrich Wilhelm von Seydlitz, Gustav von Thurn und Taxis, Hella von Westarp.

Die Hinrichtung der zehn im Schulhof ist die einzige hervorstechende Gräueltat der Linken in München. Die Reichstruppen wüten weitaus brutaler: 52 Tote in einer Kiesgrube, 21 Handwerker am Karolinenplatz, 22 Exekutierte in Starnberg. Die Marinebrigade Ehrhardt trägt das Hakenkreuz am Stahlhelm. Bei den Regierungstruppen: die späteren NSDAP-Größen Heinrich Himmler, Ernst Röhm, Rudolf Heß. Der Korpsführer Ritter von Epp wird später NS-Statthalter in Bayern.

1\. Mai: Rotarmisten gelingt es mit Minenwerfern, einen Panzerzug zu zerstören, dessen Besatzung sich zum Hauptbahnhof vorkämpfen wollte. Sie haben ihre Geschütze auf der Hackerbrücke aufgebaut, die vor der Station quer über die Bahngleise verläuft. Bis zum nächsten Tag halten sie die Stellung, dann beenden Regierungstruppen mit Granatenfeuer die Blockade des Bahnhofs.

2\. Mai: Für 12.00 Uhr ist der allgemeine Sturm auf München von allen Seiten angesetzt. Verstärkt durch Panzerwagen, rücken Hoffmanns Leute vor. In Großhadern am Stadtrand zerren Soldaten Gustav Landauer aus dem Haus der Witwe Eisners, wo er sich versteckt gehalten hat. Gegenwehr gibt es vor allem in Arbeitervierteln wie Giesing und Haidhausen, am Schlachthof sowie im Zentrum rund um Stachus und Sendlinger Tor. Allein um den Kiosk auf dem Stachus tobt ein stundenlanger Kampf.

Zum letzten Gefecht kommt es am gegenüberliegenden „Mathäserbräu“, in dem Kurt Eisners Umsturz im November 1918 seinen Anfang genommen hatte. Am Abend des 2. Mai ist schließlich ganz München in der Hand der Regierungstruppen. Nun beginnen die „Säuberungen“. In den Arbeitergegenden töten die Soldaten tagelang nach Belieben. Mehr als 600 Menschen sterben, weil sie eine Waffe getragen haben oder die falsche Armbinde oder einfach eine Arbeiterkappe.

In den Biergärten der besseren Viertel spielen die Militärkapellen fortan wieder patriotische Lieder. Oskar Maria Graf beobachtet, wie feine Damen der Gesellschaft auf der Ludwigstraße einen Zug Gefangener verhöhnen, bespucken, Ohrfeigen austeilen. Der Schriftsteller notiert über die Münchner Arbeiter: „Sie sind alle Hunde gewesen, wie ich, haben ihr Leben lang kuschen und sich ducken müssen, und jetzt, weil sie beißen wollten, schlägt man sie tot.“ Zu spät kommen Lenins Glückwünsche aus Moskau zum 1. Mai: Die Arbeiterklasse, die sich befreit habe, so der Sieger der Oktoberrevolution erfreut über den Umsturz in München, feiere an diesem Tag nicht nur in der Sowjetunion – sondern auch in Sowjetbayern.

**DIE MÜNCHNER** Räteherrschaft ist beendet. Im Terror der rechten Gewalt geht das München der Künstler und Literaten endgültig unter; jenes München, das einstmals leuchtete, so wie es Thomas Mann beschrieben hat. Und das im November 1918 trotz der Verrohungen durch den Weltkrieg eine ganz und gar unblutige Revolution hervorbrachte. In München setzten sich linke Autoren an die Spitze der Bewegung, weil die Stadt schon lange vor dem Krieg ein Sammelbecken der Künstler und Literaten war. Weil die Schriftsteller im Krieg zu den Ersten gehörten, die sich offen gegen das System wendeten. Und weil sie Ideale propagierten, die mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs auf fruchtbaren Boden fielen. Als sie jedoch ihre Utopie an der Isar wahr werden lassen wollten, wurde der Traum zum Albtraum.

Ernst Toller kann sich zunächst bei Freunden verstecken, wird im Juni 1919 verhaftet und wegen Hochverrats verurteilt. 1924 kommt er frei, flieht 1933 vor den Nationalsozialisten ins Ausland und begeht 1939 in New York Selbstmord. Rudolf Egelhofer entdecken die Häscher in der Wohnung einer befreundeten Ärztin unter einem Berg Wäsche. Er wird am 3. Mai 1919 in der königlichen Residenz erschossen.

Gustav Landauer wird ins Gefängnis München-Stadelheim gebracht. Im Hof malträtieren ihn die Wachen mit Gewehrkolben. Als er sich, auf dem Bauch liegend, noch bewegt, schießt ihm ein Vizewachtmeister zweimal in den Rücken. Die Wucht der Projektile reißt ihm sein Herz heraus. Den Leichnam wirft man ins Waschhaus. Erich Mühsam wird 1919 wegen Hochverrats zu 15 Jahren Haft verurteilt. Bei einer Amnestie 1924 entlässt man ihn aus dem Gefängnis – gleichzeitig mit dem ebenfalls in Haft befindlichen Adolf Hitler. Im Februar 1933 sperrt das NS-Regime Mühsam erneut ein. Der Mann, der einige der kühnsten Träume der Räteherrschaft hervorgebracht hat, stirbt am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg. SS-Männer erhängen ihn in der Latrine.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

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**Sekundärliteratur**

-&gt; Schneider, Curt: Räteherrschaft. Ende einer Utopie, in: Bayern. Die Geschichte eines ganz besonderen deutschen Staates 1806-2018 (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 92), Hamburg 2018, S. 88-99.

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# Spartakusaufstand

# Friedensvertrag von Versailles

# Reparation

# Völkerbund

# Freikorps

# Kultur und Gesellschaft



# Kino und Film

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Film und Kino

##### 1. Film und Kino

Bereits vor dem [Ersten Weltkrieg](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg) gab es in Deutschland zahlreiche Lichtspielhäuser, in denen Stummfilme vorgeführt wurden. In den Jahren der [Weimarer Republik](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik) konnte sich der Film als einflussreiches Massenmedium etablieren, die Lichtspielhäuser nahmen einen rasanten Aufstieg. Deutschland war der europäische Staat mit den meisten Kinos, deren Anzahl zwischen 1918 und 1930 von 2.300 auf 5.000 anwuchs. Mitte der 20er Jahre gingen auf der Suche nach Unterhaltung und Freizeitvergnügen täglich etwa zwei Millionen Menschen in die Kinos. Für ihr Eintrittsgeld bekamen sie neben dem Hauptfilm kurze Vorfilme, gelegentlich Natur- oder Reisefilme und stets die Wochenschau zu sehen.

Deutschland - und hier vor allem die in Potsdam-Babelsberg ansässige [Universum-Film AG](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/kunst-und-kultur/universum-film-ag-ufa) (UFA) - produzierte in den 1920er und 1930er Jahren mehr Filme als alle anderen europäischen Staaten zusammen. In der Weimarer Republik entwickelte sich die UFA nach Hollywood zum zweitgrößten Filmimperium der Welt und vereinte Produktionsstätten, Verleihorganisationen und Lichtspielhäuser in einem Unternehmen. Beliebte Filmstars der 1920er und 1930er Jahre wie Marlene Dietrich, Lilian Harvey, Heinz Rühmann, [Emil Jannings](https://www.dhm.de/lemo/biografie/emil-jannings) oder [Hans Albers](https://www.dhm.de/lemo/biografie/hans-albers) standen ebenso unter Vertrag der UFA wie die Filmregisseure [Ernst Lubitsch](https://www.dhm.de/lemo/biografie/ernst-lubitsch), [Friedrich Wilhelm Murnau](https://www.dhm.de/lemo/biografie/wilhelm-friedrich-murnau), [Fritz Lang](https://www.dhm.de/lemo/biografie/fritz-lang) und [Josef von Sternberg](https://www.dhm.de/lemo/biografie/josef-von-sternberg) und der Filmkomponist Werner Richard Heymann (1896-1961).

Bei der UFA entstanden in den 1920er Jahren die Klassiker des deutschen Films, der einige große Regisseure mit bedeutenden Produktionen hervorbrachte. "Das Kabinett des Dr. Caligari" (1919/20) von Robert Wiene (1873-1938), "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" (1931) von Fritz Lang oder Josef von Sternbergs "Der blaue Engel" (1930/31) und "Die blonde Venus" mit Marlene Dietrich gehören zu den Klassikern der internationalen Filmgeschichte. Besonders die frühen Stummfilme - Friedrich Wilhelm Murnaus "Nosferatu" (1922) und "Faust" (1926) oder Fritz Langs Nibelungen-Verfilmungen - setzten mit expressionistischen Hell-Dunkel-Effekten und romantisch-illusionistischen Stilmitteln Maßstäbe in der Filmkunst.

Der Rhythmus choreographierter Massenszenen bestimmte Langs 1927 uraufgeführten Stummfilm "Metropolis". Die Fabel verknüpft Technikkritik mit naiven Sozialphantasien: Die Arbeiter der Unterstadt sind der Macht der Kapitalisten und ihrer Maschinen rechtlos ausgeliefert. Unter der Führung eines dämonischen weiblichen Homunkulus lehnen sie sich gegen ihre Unterdrücker auf, bevor die Liebe zum klassenversöhnenden Happy-End führt. Das millionenteure Spektakel erwies sich an den Kassen jedoch als Misserfolg. Längst hatte die Filmfabrik Hollywood die deutschen Kinos erobert und setzte 1927 mit dem ersten Tonfilm neue Maßstäbe. In Hollywood wurde auch Marlene Dietrich zum Weltstar, die 1932 als verführerische "Blonde Venus"; nach Deutschland zurückkehrte - allerdings nur auf Zelluloid.

1927 kaufte [Alfred Hugenberg](https://www.dhm.de/lemo/biografie/alfred-hugenberg) die vom wirtschaftlichen Bankrott bedrohte UFA auf und integrierte sie in seinen Hugenberg-Konzern, einem politisch weit rechts stehenden Medienkonglomerat aus Verlagen, Nachrichtendiensten, Werbeagenturen, Filmgesellschaften und zahlreichen Zeitungsbeteiligungen. Die kapitalintensive Umstellung auf Tonfilme ab 1929 förderte einen Konzentrationsprozeß im Filmgewerbe, aus dem die UFA dank der wirtschaftlichen Sanierung Hugenbergs gestärkt hervorging. Mit der UFA, Tobis und Terra existierten 1932 in Deutschland nur noch drei große Filmgesellschaften.

Den internationalen Filmklassikern standen eine weitaus größere Anzahl Kinofilme leichter Unterhaltung gegenüber. Anfang der 1930er Jahre etablierte sich der Tonfilm auch in Deutschland. Schlager aus Filmen wie "Die drei von der Tankstelle" (1930) mit Heinz Rühmann oder "Der Kongreß tanzt" (1931) mit dem Traumpaar des deutschen Films Willy Fritsch und Lilian Harvey konnten nun von einem Millionenpublikum mitgesungen werden. Waren 1929 nur acht von 183 deutschen Spielfilmen vertont, so veränderte sich die Relation ein Jahr später auf 101 von 146 Filmen. 1932 wurden bereits alle 127 in Deutschland produzierten Spielfilme als Tonfilme hergestellt. Tausende von Berufsmusikern wurden arbeitslos, die zuvor die Stummfilmvorführungen in den Kinos musikalisch untermalt hatten.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Scriba, Arnulf: Film und Kino, in: LeMO online, online verfügbar seit 14.09.2024 unter: [https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/kunst-und-kultur/film-und-kino](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/kunst-und-kultur/film-und-kino), zuletzt geprüft am 15.12.2025.

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**Sekundärliteratur**

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# Kunst und Musik

#### Inhaltsverzeichnis

1. Die Rheinischen Expressionisten
2. Roaring Twenties. Die populäre Musik der 1920er Jahre
3. Hallo! Hallo! Hier Radio! Geschichte der Radiosignale
4. Klangwelten der Moderne

##### 1. Die Rheinischen Expressionisten

<figure data-reader-unique-id="294" id="bkmrk-august-macke%2C-einlad"><div data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/38010.jpg" data-reader-unique-id="295">![](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_38010.jpg)</div>[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/lboimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/lboimage.png)

<figcaption data-reader-unique-id="298">August Macke, Einladung zur Ausstellung Rheinischer Expressionisten in Bonn, 1913, Linolschnitt mit Buchdrucktext (Faltblatt). (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

</figcaption></figure>**1. Begriffsbestimmung**

Die Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten wa­ren ei­ne An­zahl von Künst­le­rin­nen und Künst­lern, die vor dem Ers­ten Welt­krieg, in der Re­zep­ti­on zeit­ge­nös­si­scher fran­zö­si­scher Kunst­strö­mun­gen, avant­gar­dis­ti­sche, dem [Ex­pres­sio­nis­mus](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/E#term-577) ver­pflich­te­te Kunst im Rhein­land eta­blier­ten. Der Be­griff wur­de von [Au­gust Ma­cke](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c9469241d290.28232784 "August Macke") ge­prägt, auf des­sen In­itia­ti­ve vom 10.7.-10.8.1913 un­ter dem Ti­tel „Rhei­ni­sche Ex­pres­sio­nis­ten“ 16 Künst­ler die Band­brei­te ih­res zeit­ge­nös­si­schen Kunst­schaf­fens in der [Bonn](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11f467f2030.53547864 "Stadt Bonn")er Buch- und Kunst­hand­lung Fried­rich Co­hen der Öf­fent­lich­keit prä­sen­tier­ten.

Die be­tei­lig­ten Ma­ler in der Bon­ner Aus­stel­lung wa­ren, ne­ben dem Or­ga­ni­sa­tor, Au­gust Ma­cke: M. G. Bar­nett, ali­as Paul Adolf See­haus (1891-1919) aus Bonn, Hein­rich Cam­pen­donk (1889-1957) aus Sin­dels­dorf, [Max Ernst](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c6a5aeac2ea1.63412147 "Max Ernst") (1891-1976) aus Brühl, Ernst Mo­ritz En­gert (1892-1986) aus Bonn, Ot­to Feld­mann (1881-1942) aus Köln, Franz Se­raph Hen­se­ler (1883-1918) aus Bonn, Franz Mat­thi­as Jan­sen (1885-1958) aus Köln, Jo­seph Kölsch­bach (1892-1947) aus Köln, Hel­muth Ma­cke (1891-1936) aus [Kre­feld](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d120098edaa9.85225473 "Stadt Krefeld"), Car­lo Men­se (1886-1965) aus [Düs­sel­dorf](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57cd5d070b7153.05336683 "Stadt Düsseldorf"), Ma­rie von Ma­la­chow­ski-Nau­en (1880-1943) und Hein­rich Nau­en aus Brüg­gen (1880-1940), Ol­ga Op­pen­hei­mer (1886-1941) aus Köln, Wil­liam Strau­be (1871-1945) aus [Ko­blenz](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11fd00472a0.61506310 "Stadt Koblenz") und [Hans Thu­ar](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5e304479da8190.32007149 "Hans Thuar") (1887-1945) aus Köln. Ne­ben die­sen Aus­stel­lern lässt sich der Kreis der im Rhein­land im ex­pres­sio­nis­ti­schen Sin­ne tä­ti­gen Künst­ler noch sehr viel wei­ter fas­sen.

Der Be­griff „Ex­pres­sio­nis­mus“ war um 1911 ein all­ge­mei­ner Ter­mi­nus für die jun­ge avant­gar­dis­ti­sche Kunst in Eu­ro­pa. Der Kunst­his­to­ri­ker Wil­helm Worrin­ger (1881-1965) er­klär­te ihn 1911 in der Zeit­schrift „Der Stur­m“ als „ei­ne zeit­ge­schicht­li­che Not­we­nig­keit“ und er­kann­te in den ex­pres­sio­nis­ti­schen Kunst­äu­ße­run­gen die Ab­kehr von der äu­ße­ren Wirk­lich­keits­nä­he hin zu ei­ner in­ne­ren Wahr­haf­tig­keit<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="18"><sup data-reader-unique-id="19">\[1\]</sup></span>. Der Kunst­his­to­ri­ker Ri­ch­art Rei­che (1876-1943) spricht im Vor­wort des Ka­ta­lo­ges zur Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 von „je­ner jüngs­ten Be­we­gung, die nach ei­ner Ver­ein­fa­chung und Stei­ge­rung der Aus­drucks­for­men, ei­ner neu­en Rhyth­mik und Far­big­keit, nach de­ko­ra­ti­ver oder mo­nu­men­ta­ler Ge­stal­tung streb­t“.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="20"><sup data-reader-unique-id="21">\[2\]</sup></span>

Ein Bild als Aus­druck ge­fühls­mä­ßi­ger Er­fah­run­gen zu ver­ste­hen und beim Be­trach­ter ent­spre­chend star­ke Emo­tio­nen her­vor­zu­ru­fen, war ein Ziel, dass ei­ne star­ke In­di­vi­dua­li­tät und Sub­jek­ti­vi­tät des Künst­lers evo­zier­te, wes­halb nicht von ei­nem ein­heit­li­chen Stil ge­spro­chen wer­den kann. Ver­mut­lich war es Max Ernst, der in der Bon­ner Ta­ges­zei­tung „Volks­mun­d“ vom 12.7.1913 in ei­ner Be­spre­chung der Aus­stel­lung der Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten schrieb: „Die Aus­stel­lung zeigt, wie in der gro­ßen Strö­mung des Ex­pres­sio­nis­mus ei­ne Rei­he von Kräf­ten wirk­sam sind, die un­ter­ein­an­der kei­ne Ähn­lich­keit ha­ben, son­dern nur die ge­mein­sa­me Rich­tung der Kraft, näm­lich der Ab­sicht, Aus­druck für ein See­li­sches zu ge­ben, al­lein durch die Form. Das Ziel ist die ab­so­lu­te Ma­le­rei.“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="23"><sup data-reader-unique-id="24">\[3\]</sup></span>

Das spe­zi­fisch Rhei­ni­sche, das die in Re­de ste­hen­den Künst­ler mit­ein­an­der ver­band, ist zum ei­nen be­dingt durch die Rhein-Land­schaft mit dem Strom als Le­bens­ader, die im Mo­tiv­re­per­toire al­ler ei­nen be­vor­zug­ten Platz ein­nimmt, zum an­de­ren die rhei­ni­sche His­to­rie und Tra­di­ti­on, mit der sich je­der auf sei­ne Wei­se aus­ein­an­der­setz­te und ih­re Kon­ti­nui­tät mit neu­en Mit­teln fort­zu­schrei­ben ver­such­te.

**2. Tendenzen zur Durchsetzung avantgardistischer Kunst im Rheinland**

**2.1. Der Sonderbund**

Die Kunst­aka­de­mie in Düs­sel­dorf, die im 19. Jahr­hun­dert un­ter dem Stich­wort „[Düs­sel­dor­fer Ma­ler­schu­le](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d1295fefdcc4.18641232 "Die Düsseldorfer Malerschule im 19. Jahrhundert")“ be­stim­men­der Fak­tor der Kunst­ent­wick­lung ge­we­sen war, schied, da von in­ter­nen Rich­tungs­kämp­fen zer­ris­sen und als ein dem wil­hel­mi­ni­schen Reich ver­pflich­te­ter, von kon­ser­va­ti­ven Ten­den­zen be­stimm­ter Kunst­be­trieb, als Trä­ger ei­ner [Avant­gar­de](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/A#term-745) aus.

Der von 1892-1897 in der Land­schafts­klas­se der Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie aus­ge­bil­de­ten Ma­ler und Meis­ter­schü­ler Pe­ter Jans­sens (1844-1908), Au­gust De­us­ser (1870-1942), such­te zu­sam­men mit sei­nen Kol­le­gen Max Cla­ren­bach (1880-1952), Ju­li­us Bretz (1870-1953), Wal­ter Ophey (1882-1930) und Wil­helm Schmurr (1878-1959) neue, von der Aka­de­mie un­ab­hän­gi­ge Prä­sen­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten. Un­ter der In­itia­ti­ve De­us­sers stell­ten die fünf Ma­ler zu­sam­men mit Al­fred Sohn-Re­thel (1875-1958) und des­sen Bru­der Ot­to Sohn-Re­thel (1877-1949) so­wie dem Kunst­hand­wer­ker und Wie­ner Se­zes­sio­nis­ten Jo­seph Ma­ria Ol­brich (1867-1908) ih­re Ge­mäl­de und Zeich­nun­gen in ei­ner so ge­nann­ten „Son­der-Aus­stel­lun­g“ vom 10.-31.5.1908 in der Düs­sel­dor­fer Kunst­hal­le aus. Na­tio­na­len Be­kannt­heits­grad er­reich­ten die Künst­ler, nach­dem die Aus­stel­lung im Au­gust im Kre­fel­der Kai­ser-Wil­helm-Mu­se­um un­ter der Ägi­de des Di­rek­tors Fried­rich De­ne­ken (1857-1927) und von De­zem­ber 1908 bis Mai 1909 in der Ga­le­rie Edu­ard Schul­te in Ber­lin ge­zeigt wur­de.

Aus die­ser Künst­ler­ver­ei­ni­gung ging die Grün­dung des „Son­der­bun­des“ her­vor, de­ren Mit­glie­der sich von Mai-Ju­ni 1909 mit ei­ner ers­ten Aus­stel­lung in der Kunst­hal­le Düs­sel­dorf prä­sen­tier­ten. Zum Kreis der Aus­stel­ler ge­hör­ten zu­sätz­lich Ru­dolf Bos­selt (1871-1938), Ot­to van Wät­jen (1881-1942), Ernst te Pe­erdt (1852-1932) und Chris­ti­an Rohlfs (1849-1938), Max Lie­ber­mann (1847-1935) als Gast so­wie der Gra­fi­ker und Schrift­stel­ler Fritz Hel­muth Ehm­ke (1878-1965)<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="33"><sup data-reader-unique-id="34">\[4\]</sup></span>.

Den ins­ge­samt 85 Wer­ken die­ser im Rhein­land tä­ti­gen Künst­ler wur­den 15 Wer­ke der in­ter­na­tio­na­len Avant­gar­de – fran­zö­si­scher Im­pres­sio­nis­ten und Po­st­im­pres­sio­nis­ten so­wie Gra­fi­ken aus dem Be­sitz des Kunst­samm­lers [Al­fred Flecht­heim](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c6adbdbc2a32.13192211 "Alfred Flechtheim") (1878-1937) im Wech­sel ge­gen­über­ge­stellt. Die­se, zu je­nem Zeit­punkt für Düs­sel­dorf ein­ma­li­ge re­vo­lu­tio­nä­re Schau wur­de von Ri­ch­art Rei­che (1876-1943), Di­rek­tor des Bar­mer Kunst­ver­eins, Al­fred Ha­gel­stan­ge (1874-1914), Di­rek­tor des Köl­ner Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­ums, und Adolf Bü­ning vom Lan­des­mu­se­um in Müns­ter (heu­te LWL-Mu­se­um für Kunst und Kul­tur) über­nom­men.

Noch im glei­chen Jahr er­folg­te die Grün­dung des „Son­der­bun­des West­deut­scher Kunst­freun­de und Künst­ler“, ei­ne Ver­ei­ni­gung von Künst­lern, Samm­lern, Mu­se­ums­fach­leu­ten so­wie Kunst­kri­ti­kern, un­ter dem Vor­sitz von Karl Ernst Ost­haus (1874-1921), Grün­der des Folk­wang-Mu­se­ums in Ha­gen. Sie soll­te zu ei­ner der be­deu­tends­ten Aus­stel­lungs­in­itia­ti­ven mo­der­ner Kunst im Rhein­land wer­den: Vom 16.7.-9.10.1910 wur­de un­ter dem Ti­tel „Deut­sche und fran­zö­si­sche Neu­kunst“ die zwei­te Son­der­bund-Aus­stel­lung im Städ­ti­schen Kunst­pa­last Düs­sel­dorf prä­sen­tiert. Ne­ben dem Düs­sel­dor­fer Kern wa­ren auch die ex­pres­sio­nis­ti­schen Ma­ler der Künst­ler­ver­ei­ni­gung „Brü­cke“ (Ernst Lud­wig Kirch­ner – 1880-1938, Karl Schmidt-Rott­luff – 1884-1976, Max Pech­stein – 1881-1955, Emil Nol­de – 1867-1956) und ei­ni­ge des spä­te­ren „Blau­en Rei­ter­s“ (Was­si­ly Kandins­ky – 1866-1944, Alex­an­der von Jaw­lens­ky – 1864 oder 1865-1941) ver­tre­ten – Sei­te an Sei­te mit fran­zö­si­schen Po­st­im­pres­sio­nis­ten, den Fau­ves und frü­hen ku­bis­ti­schen Wer­ken von Pa­blo Pi­cas­so (1881-1973) und Ge­or­ges Braque (1882-1963). Von Mai bis Ju­li 1911 folg­te die drit­te Aus­stel­lung mit dem Ti­tel „Rhei­ni­sche und fran­zö­si­sche Kunst“ in der städ­ti­schen Kunst­hal­le Düs­sel­dorf. Von den 147 Ex­po­na­ten stamm­ten 101 aus Frank­reich. Res­sen­ti­ments ge­gen­über der „fran­zö­si­schen Neu­kunst“ auf Sei­ten kon­ser­va­ti­ver Krei­se führ­ten zu ei­ner Ver­le­gung der Son­der­bund­aus­stel­lung im Jahr 1912 nach Köln, die vom 25. Mai – 30. Sep­tem­ber in der Städ­ti­schen Kunst­hal­le am Aa­che­ner Tor stadt­fand<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="38"><sup data-reader-unique-id="39">\[5\]</sup></span>.

<div data-reader-unique-id="9" id="bkmrk-paul-adolf-seehaus%2C-" style="text-align: justify;"><div data-reader-unique-id="10">  
</div><div data-reader-unique-id="40"><div data-reader-unique-id="41"><figure data-reader-unique-id="42"><div data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/38011.jpg" data-reader-unique-id="43">![](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_38011.jpg)</div>[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/UU0image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/UU0image.jpeg)

<figcaption data-reader-unique-id="46">Paul Adolf Seehaus, Leuchtturm mit rotierenden Strahlen, 1913, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

</figcaption></figure></div> </div></div>„Die Aus­stel­lung war ei­ne Prä­sen­ta­ti­on mit dem Ziel, ei­nem brei­ten Pu­bli­kum ei­ne Ent­wick­lungs­li­nie auf­zu­zei­gen – vom Neo­im­pres­sio­nis­mus über Vin­cent van Gogh (1853-1890), Paul Cé­zan­ne (1839-1906), Paul Gau­gu­in (1848-1903) und Ed­vard Munch (1863-1944) hin zum Fau­vis­mus und Ex­pres­sio­nis­mus, der sich da­mals Bahn brach. Auch Pa­blo Pi­cas­so (1881-1973) war 1912 in Köln ver­tre­ten und kün­de­te mit ei­ni­gen jüngs­ten, ku­bis­ti­schen Ar­bei­ten von wei­te­ren Neue­run­gen in der Kunst.“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="51"><sup data-reader-unique-id="52">\[6\]</sup></span> Die „Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten“ wa­ren bei die­ser in­ter­na­tio­na­len Schau mit Car­lo Men­se, Hein­rich Nau­en, Hans Thu­ar, Ol­ga Op­pen­hei­mer (1886-1941), Au­gust Ma­cke und Franz Mat­thi­as Jan­sen (1885-1958) prä­sent.

**2.2 Der Gereonsklub**

Der „Ge­re­ons­klub von Künst­lern und Kunst­freun­den“ ent­stand 1911 aus ei­ner Kul­turof­fen­si­ve der Köl­ner Künst­ler Franz Mat­thi­as Jan­sen, Ol­ga Op­pen­hei­mer und Em­my Worrin­ger (1878-1961). Sitz des Klubs war das 1909-1910 von dem Ar­chi­tek­ten Carl Mo­ritz (1863-1944) im Auf­trag von Max Op­pen­hei­mer (dem Va­ter von Ol­ga) er­bau­te Bü­ro- und Ge­schäfts­haus in der Köl­ner Ge­re­on­stra­ße 18-31, auch „Ge­re­ons­haus“ ge­nannt. Ol­ga Op­pen­hei­mer, die 1907 in Mün­chen und Dach­au und 1909 bei Paul Sé­ru­si­er (1864-1927), ei­nem Weg­ge­fähr­ten Paul Gau­gu­ins (1848-1903), in Pa­ris stu­diert hat­te, un­ter­hielt hier im 5. Stock ihr Ate­lier und ei­ne Mal­schu­le, de­ren Räum­lich­kei­ten sie für die Ak­ti­vi­tä­ten des Klubs zur Ver­fü­gung stell­te.

<div data-reader-unique-id="48" id="bkmrk-hans-thuar%2C-drei-fra" style="text-align: justify;"><div data-reader-unique-id="49">  
</div><div data-reader-unique-id="55"><div data-reader-unique-id="56"><figure data-reader-unique-id="57"><div data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/38012.jpg" data-reader-unique-id="58">![](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_38012.jpg)</div>[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/15Iimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/15Iimage.jpeg)

<figcaption data-reader-unique-id="61">Hans Thuar, Drei Frauen im Grünen, 1912, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

</figcaption></figure></div> </div></div>Ziel der durch Ol­ga Op­pen­hei­mer über Mün­chen bis Pa­ris ver­netz­ten Grup­pe war die Pro­pa­gie­rung und Durch­set­zung avant­gar­dis­ti­scher Kunst­strö­mun­gen in Form von wech­seln­den Aus­stel­lun­gen, Dich­ter-Le­sun­gen und Vor­trags­pro­gram­men, letz­te­re wur­den von Em­mys Bru­der, dem Kunst­his­to­ri­ker Wil­helm Worrin­ger (1881-1965), ge­lei­tet. Be­ra­tend und för­dernd er­wies sich auch der jun­ge Di­rek­tor des Köl­ner Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­ums, Al­fred Ha­gel­stan­ge. Die Er­öff­nungs­aus­stel­lung am 20.1.1911 prä­sen­tier­te die Künst­ler Cu­no Amiet (1886-1976), Theo von Brock­hu­sen (1882-1919), An­dré De­rain (1880-1954), Pie­ter Du­pont (1870-1911), Vin­cent van Gogh, Au­gus­te Her­bin (1882-1960), Fer­di­nand Hod­ler (1853-1918), Pa­blo Pi­cas­so und Paul Sé­ru­si­er. Das Rah­men­pro­gramm wur­de durch die Le­sung aus den „Brie­fen ei­nes Zu­rück­ge­kehr­ten“ von Hu­go von Hoff­manns­thal (1874-1929) so­wie Kom­po­si­tio­nen am Kla­vier von Ju­lio Gos­lar (1883-1976) ge­stal­tet. Die Wer­ke Franz Marcs (1889-1916) im Ok­to­ber 1911 in ei­ner Ein­zel­aus­stel­lung ge­zeigt wer­den. Die zwei­te Grup­pen­aus­stel­lung, im No­vem­ber 2011, prä­sen­tier­te wei­te­re Ex­po­na­te über­wie­gend fran­zö­si­scher zeit­ge­nös­si­scher Künst­ler. Im De­zem­ber wur­den Mit­glie­der der von Was­si­ly Kandins­ky 1909 ge­grün­de­ten Neu­en Künst­ler­ver­ei­ni­gung Mün­chen (NKVM) vor­ge­stellt. Zu den Be­su­chern ge­hör­ten auch die be­deu­ten­den Kunst­samm­ler Al­fred Flecht­heim und der Köl­ner Kon­fek­ti­ons­wa­ren­fa­bri­kant Her­mann Hertz (1858-1925), die sich im Rah­men der Ver­nis­sa­ge am 15.12.1911 hef­ti­ge Dis­kus­sio­nen über ein Bild von Hein­rich Cam­pen­donk lie­fer­ten, de­ren tu­mult­ar­ti­ger Aus­gang so­wohl von Au­gust Ma­cke als auch von sei­ner Frau, Eli­sa­beth Erd­mann-Ma­cke, leb­haft ge­schil­dert wird.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="66"><sup data-reader-unique-id="67">\[7\]</sup></span> Ein „Jour fi­xe“ je­den Sams­tag lud zu wei­te­ren De­bat­ten ein. Franz M. Jan­sen er­in­nert sich: „Die Sams­ta­ge er­hiel­ten in der Fol­ge­zeit ei­nen sol­chen Ruf, dass aus­wär­ti­ge In­ter­es­sier­te, Künst­ler al­ler Art, Mu­se­ums­di­rek­to­ren und die es wer­den woll­ten und von de­nen es man­che auch wur­den (wie z.B. Swar­zen­ski Frank­fur­ter Stä­del) zu ih­nen ka­men.“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="68"><sup data-reader-unique-id="69">\[8\]</sup></span>

Be­reits zu Be­ginn des Jah­res 1911 hat­te Au­gust Ma­cke, der En­de 1910 von sei­nem Wohn­sitz in Te­gern­see zu­sam­men mit sei­ner jun­gen Fa­mi­lie nach Bonn zu­rück­ge­kehrt war, Kon­takt zum Ge­re­ons­klub ge­sucht und avan­cier­te bald zur be­stim­men­den Kraft der Un­ter­neh­mung; ins­be­son­de­re mach­te er die Or­ga­ni­sa­to­ren mit Ar­bei­ten der Künst­ler der Re­dak­ti­on des „Blau­en Rei­ter­s“ be­kannt, aus der im Ja­nu­ar 2012 ei­ne ers­te und im Ju­ni 2012 ei­ne zwei­te Aus­stel­lung, die im Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um in Köln ge­zeigt wur­de, her­vor­gin­gen. Auch die Wer­ke der Brü­cke-Ma­ler Ernst Lud­wig Kirch­ner, Max Pech­stein, Emil Nol­de und Erich He­ckel (1883-1970) fan­den auf Ma­ckes An­re­gung im Ge­re­ons­klub Auf­nah­me, dem ent­spre­chend wur­den hier, par­al­lel zur Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung be­deu­ten­de Ex­pres­sio­nis­ten der Öf­fent­lich­keit zu­gäng­lich ge­macht.

Im Som­mer 1912 sie­del­te der Ge­re­ons­klub in das Han­sa­haus am Frie­sen­platz 16 um; zur Fi­nan­zie­rung der Mie­te stif­te­ten die Mit­glie­der Aqua­rel­le und Zeich­nun­gen, die un­ter den zahl­rei­chen För­de­rern ver­lost wur­den. Im Han­sa­haus zeig­te man – als Pre­mie­ren in Köln - ei­ne Ein­zel­aus­stel­lung von Paul Klee (1879-1940) 1912 und ei­ne des fran­zö­si­sche Künst­lers Ro­bert De­lau­nay (1885-1941) im März 1913; die Ak­ti­vi­tä­ten des Klubs fan­den al­ler­dings auf­grund des „Drucks der Ver­hält­nis­se“ noch im glei­chen Jahr ein En­de.

**2.3 Kölner Künstlerbund 1910 und Kölner Sezession 1912-1913**

Ei­ne wei­te­re Aus­stel­lungs­in­itia­ti­ve, die zum über­re­gio­na­len Fo­rum für neue Kunst avan­cier­te, for­mier­te sich in der „Köl­ner Se­zes­si­on“, die un­ter dem Vor­sitz von Au­gust De­us­ser (1870-1954) und dem Köl­ner Büh­nen­bild­ner und Bild­hau­er Hans Wil­der­mann (1884-1954), durch Mit­wir­kung von Al­fred Ha­gel­stan­ge, Franz M. Jan­sen, Ol­ga Op­pen­hei­mer und auch Au­gust Ma­cke am 13.12.1911 ins Le­ben ge­ru­fen wur­de<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="74"><sup data-reader-unique-id="75">\[9\]</sup></span>. Ei­ne ers­te Aus­stel­lung fand An­fang Ja­nu­ar 1912 im Köl­ner Kunst­ge­wer­be­mu­se­um, ei­ne zwei­te ein Jahr spä­ter in den Räu­men des Köl­ner Kunst­ver­eins im Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um statt.

<div data-reader-unique-id="63" id="bkmrk-alfred-hagelstange%2C-" style="text-align: justify;"><div data-reader-unique-id="64">  
</div><div data-reader-unique-id="76"><div data-reader-unique-id="77"><figure data-reader-unique-id="78"><div data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/38085.jpg" data-reader-unique-id="79">![](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_38085.jpg)</div>[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/oXyimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/oXyimage.jpeg)

<figcaption data-reader-unique-id="82">Alfred Hagelstange, Gemälde von Wilhelm Giese, 1908, Öl auf Leinwand. (Foto: © Wallraf-Richartz-Museum &amp; Fondation Corboud, Köln – Abteilung Kunsttechnologie und Restaurierung)

</figcaption></figure></div> </div></div>Be­reits zu­vor lie­fer­te der Köl­ner Künst­ler­bund vom 20.10.-30.12.1910 dort ei­ne Aus­stel­lung, in der Franz Mat­thi­as Jan­sen, auf Emp­feh­lung Ha­gel­stan­ges, mit 34 Ar­bei­ten ei­nen be­deu­ten­den, aber sehr um­strit­te­nen Bei­trag leis­te­te; auch die kurz zu­vor aus Pa­ris zu­rück­ge­kehr­te Ol­ga Op­pen­hei­mer war ver­tre­ten. „Als Ein­zug der [Mo­der­ne](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/M#term-592) in die Va­ter­stadt“ apo­stro­phier­te Jan­sen die­se Köl­ner Prä­sen­ta­ti­on<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="88"><sup data-reader-unique-id="89">\[10\]</sup></span>. Aus­stel­ler der Se­zes­sio­nen wa­ren un­ter an­de­rem die Mit­glie­der des Ge­re­ons­klubs Hein­rich Nau­en, F. M. Jan­sen, Au­gust Ma­cke, Car­lo Men­se, Ol­ga Op­pen­hei­mer, Mar­tha Worrin­ger, so­wie wei­te­re rhei­ni­sche Ex­pres­sio­nis­ten wie Ot­to Feld­mann und Hans Thu­ar, auch Wil­helm Lehm­bruck (1881-1919) war ver­tre­ten.

**2.4 Galeristen, Sammler, Förderer**

Die en­ge Ver­net­zung nicht nur der Künst­ler un­ter­ein­an­der, son­dern auch de­ren Kon­tak­te zu Ga­le­ris­ten und Samm­lern trug zum rhei­ni­schen „Kunst­früh­lin­g“ vor dem Ers­ten Welt­krieg ent­schei­dend bei. Fried­rich Co­hen (1836-1912) hat­te 1891 die von sei­nem Va­ter Max Co­hen (1806-1865) 1828 ge­grün­de­te Li­tho­gra­phi­sche An­stalt und Ver­lags­buch­hand­lung in Bonn, un­mit­tel­bar ge­gen­über der Uni­ver­si­tät, Am Hof 14 (spä­ter Am Hof 30) ge­le­gen, über­nom­men und in der obe­ren Eta­ge ei­nen Kunst­sa­lon eta­bliert. 1906 stell­te er hier die Prot­ago­nis­ten der Worps­we­der Künst­ler­ko­lo­nie aus, 1907 die Ma­ler der „Brü­cke“, 1908 Ga­brie­le Mün­ter (1877-1962), im Mai 1912 Au­gust Ma­cke und schlie­ß­lich konn­te 1913 hier Ma­ckes Aus­stel­lung die „Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten“ rea­li­siert wer­den.

Ot­to Feld­mann vvvv, so­wohl Künst­ler als auch Ga­le­rist, rich­te­te im Ja­nu­ar 1912 in Köln am Han­sa­ring 20 den „Rhei­ni­schen Kunst­sa­lon“ ein und im No­vem­ber 1913 die „Neue Ga­le­rie“ in Ber­lin, Len­né-Stra­ße 6a. In Köln zeig­te Feld­mann, der sich 1910 und 1911 in Pa­ris auf­hielt, im Ju­li 1912 ei­ne Ein­zel­aus­stel­lung von Au­gust Ma­cke, im Ok­to­ber des glei­chen Jah­res die ita­lie­ni­schen Fu­tu­ris­ten Um­ber­to Boc­cio­ni (1882-1916), Car­lo Car­rà (1881-1966), Lu­i­gi Rus­so­lo (1885-1947) und Gi­no Se­ve­ri­ni (1883-1966) und im No­vem­ber Zeich­nun­gen und Aqua­rel­le von Ju­les Pa­scin (1885-1930). 1913 über­nahm er die Aus­stel­lung der „Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten“ aus Bonn, im De­zem­ber zeig­te er noch­mals Ju­les Pa­scin, 1914 Erich He­ckel so­wie den Deut­schen Werk­bund, wäh­rend er in Ber­lin die gro­ße Pa­let­te fran­zö­si­scher Ma­le­rei und im Ju­ni 1914 noch­mals die Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten prä­sen­tier­te.

Der in Düs­sel­dorf an­säs­si­ge Kauf­mann Al­fred Flecht­heim ge­hör­te zu den be­deu­tends­ten Kunst­samm­lern in Rhein­land und war auch als Kunst­händ­ler, Pu­bli­zist und Ver­le­ger tä­tig. Er kauf­te Wer­ke von Vin­cent van Gogh (1853-1890), Paul Cé­zan­ne (1839-1906), Früh­wer­ke von Ge­or­ge Braque (1882-1963) und An­dré De­rain (1880-1954) und pfleg­te en­ge Kon­tak­te zu den Künst­lern des Blau­en Rei­ters, des Ge­re­ons­klubs und der Brü­cke. Als Mit­be­grün­der und Schatz­meis­ter des Son­der­bun­des war er an der Köl­ner Son­der­bund-Aus­stel­lung 1912 als Or­ga­ni­sa­tor be­tei­ligt. Au­ßer­dem stell­te er Bil­der aus sei­ner Samm­lung für die Son­der­bund­aus­stel­lung 1909 be­reits zur Ver­fü­gung und schenk­te wei­te­re dem Lan­des­mu­se­um sei­ner Hei­mat­stadt Müns­ter. Im De­zem­ber 1913 er­öff­ne­te Flecht­heim auf der Kö­nigs­al­lee in Düs­sel­dorf ei­ne ei­ge­ne Ga­le­rie „End­lich bin ich in der La­ge, mir ei­nen lang ge­heg­ten Wunsch zu er­fül­len: mich nur mehr mit Din­gen der Kunst zu be­schäf­ti­gen“ schreibt er im ers­ten Ka­ta­log<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="94"><sup data-reader-unique-id="95">\[11\]</sup></span>. 1914 stell­te er hier auch die Rhei­ni­sche Ex­pres­sio­nis­ten aus.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/auximage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/auximage.jpeg)![](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_38074.jpg)

Hans Thuar, Rheinische Landschaft (Bahnstrecke), 1912, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

<div data-reader-unique-id="84" id="bkmrk-%C2%A0"><div data-reader-unique-id="96"> </div></div>Als wei­te­re Samm­ler und För­de­rer der rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten kön­nen der be­reits er­wähn­ten Kon­fek­ti­ons­fa­bri­kant Her­mann Hertz aus Köln, den Ma­cke als den „grö­ß­ten und mo­derns­ten Köl­ner Kunst­samm­ler“ be­zeich­ne­te<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="107"><sup data-reader-unique-id="108">\[12\]</sup></span>, der Li­te­rat und Kauf­mann Jo­sef Fein­hals (1867-1947), der auch als zwei­ter Vor­sit­zen­der des Son­der­bun­des wirk­te, der Aa­che­ner In­dus­tri­el­le und Schrift­stel­ler Ju­li­us Tal­bot Kel­ler (1890-1946), der be­vor­zugt Wer­ke von Nau­en und Hen­se­ler sam­mel­te, der Aa­che­ner Ed­win Su­er­mondt (1883-1923), der mit Nau­en be­freun­det war und Mo­nu­men­tal­ge­mäl­de für sei­ne Burg Dro­ve in der Ei­fel in Auf­trag gab, der Bon­ner Wirt­schafts­theo­re­ti­ker Wil­li Wy­god­zin­ski (1869-1921), der Wer­ke von Au­gust Ma­cke sam­mel­te und auch Paul Adolf See­haus för­der­te, Dr. Wal­ter Co­hen (1888-1942), Bru­der von Fried­rich, Samm­ler und Kunst­his­to­ri­ker, der am Bon­ner Pro­vin­zi­al­mu­se­um tä­tig war, in zahl­rei­chen Ar­ti­keln die Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten pro­pa­gier­te und bei der Durch­füh­rung ih­rer Bon­ner Aus­stel­lung half. Des Wei­te­ren war er Mit­glied im Ge­re­ons­klub, Son­der­bund, im Vor­stand der 1915 ge­grün­de­ten „Ge­sell­schaft zur För­de­rung deut­scher Kunst e.V. in Neuss und ver­fass­te die ers­te Ma­cke-Mo­no­gra­phie. Als wich­ti­ger För­de­rer soll auch der Kunst­his­to­ri­ker [Wal­ter Kaes­bach](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c9310d9c0586.93184123 "Walter Kaesbach") (1879-1961) er­wähnt wer­den, des­sen Samm­ler­tä­tig­keit 1904 mit dem An­kauf ei­nes Wer­kes von Chris­ti­an Rohlfs (1849-1938) ein­setz­te. 1912 schloss er Freund­schaft mit Hein­rich Nau­en und Erich He­ckel. Die Künst­ler des Ex­pres­sio­nis­mus, ne­ben den Brü­cke-Ma­lern un­ter an­de­rem Hein­rich Cam­pen­donk, Hein­rich Nau­en, Wil­helm Lehm­bruck und Au­gust Ma­cke, bil­de­ten Glanz­punk­te sei­ner Samm­lung.

Über­re­gio­nal für die Durch­set­zung der neu­en Ma­le­rei von gro­ßer Be­deu­tung und im en­gen Kon­takt mit der rhei­ni­schen Kunst­sze­ne ste­hend, wa­ren die Ga­le­ris­ten Hein­rich Thann­hau­ser (1859-1934) und Hans Goltz (1873-1927) in Mün­chen so­wie Her­warth Wal­den (1878-1941) in Ber­lin. Prä­sen­tier­te Hein­rich Thann­hau­ser, nach­dem er in der 1904 ge­grün­de­ten Ga­le­rie die fran­zö­si­sche Im­pres­sio­nis­ten so­wie Paul Gau­gu­in, den mit ihm be­freun­de­ten Pa­blo Pi­cas­so und Ge­or­ge Braque ge­zeigt hat­te, 1909 und 1910 die Mit­glie­der der Neu­en Künst­ler­ver­ei­ni­gung Mün­chen (NKVM) un­ter der Fe­der­füh­rung von Was­si­ly Kandins­ky, so auch nach de­ren Spal­tung im De­zem­ber1911 erst­mals die Re­dak­ti­on des „Blau­en Rei­ter­s“ (18.12.1911-1.1.1912). Kandins­ky konn­te für die Aus­stel­lung den in Pa­ris le­ben­den Ro­bert De­lau­nay ge­win­nen, des­sen Werk star­ken Ein­fluss auf die Ex­pres­sio­nis­ten, vor al­lem Ma­cke, aus­üben soll­te. Da­ne­ben konn­ten Wer­ke des 1910 in Pa­ris ver­stor­be­nen „Zöll­ner­s“ Hen­ri Rous­seau (1844-1910) ge­zeigt wer­den. Die zwei­te, an teil­neh­men­den Künst­lern er­heb­lich er­wei­ter­te Aus­stel­lung wur­de 1912 un­ter dem Ti­tel „Schwarz-Wei­ß“, in der Münch­ner Kunst- und Buch­hand­lung von Hans Goltz, der auch die Re­dak­ti­on des Blau­en Rei­ter be­riet und Sub­skrip­ti­on und Aus­lie­fe­rung des im glei­chen Jahr er­schie­ne­nen Al­ma­nachs or­ga­ni­sier­te.

Her­warth Wal­den (1878-1941), ali­as Ge­org Le­win, über­nahm die „Blaue-Rei­ter-Aus­stel­lun­g“, nach­dem sie im Ja­nu­ar 1912 im Ge­re­ons­club in Köln ge­zeigt wor­den war und er­öff­ne­te mit ihr sei­ne in Ber­lin ge­grün­de­te Ga­le­rie „Der Stur­m“ am 12.3.1912. Wal­den be­tä­tig­te sich als Schrift­stel­ler, Ver­le­ger, Ga­le­rist, Mu­si­ker und Kom­po­nist. 1910-1932 gab er in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Schrift­stel­ler Al­fred Dö­blin (1878-1957) die Zeit­schrift „Der Stur­m“ her­aus, die zu ei­ner der wich­tigs­ten Pu­bli­ka­tio­nen des Ex­pres­sio­nis­mus avan­cier­te. Ne­ben dem Blau­en Rei­ter prä­sen­tier­te Wal­den in sei­ner Ga­le­rie die ita­lie­ni­schen Fu­tu­ris­ten und in­te­grier­te die rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten in die in­ter­na­tio­na­le Werk­schau „Ers­ter Deut­scher Herbst­sa­lon“ (2.4.-1.12.1913) in der Pots­da­mer Stra­ße 75, die ne­ben der Son­der­bund­aus­stel­lung in Köln 1912 die wohl um­fang­reichs­te Prä­sen­ta­ti­on der eu­ro­päi­schen Avant­gar­de in Deutsch­land bis nach dem Zwei­ten Welt­krieg blei­ben soll­te. 85 Künst­ler mit 366 Ex­po­na­ten, dar­un­ter die Pa­ri­ser Ku­bis­ten der „Sec­tion d´or“ so­wie auf Ver­mitt­lung Ma­ckes ei­ne Grup­pe tsche­chi­scher Ku­bis­ten, die Mit­glie­der des Blau­en Rei­ters, die ita­lie­ni­schen Fu­tu­ris­ten, rus­si­sche Künst­ler, dar­un­ter Marc Cha­gall (1887-1985), Na­ta­li­ja Gontscha­ro­wa (1881-1962), Mi­chail La­ri­o­now (1881-1964), Da­vid Burl­juk ( 1882-1967) und auch die in Ame­ri­ka le­ben­den Lyo­nel Fei­nin­ger (1871-1956), Al­bert Bloch (1882-1961) und Mars­den Hart­ley (1877-1943) wa­ren ver­tre­ten.

<div data-reader-unique-id="104" id="bkmrk-august-macke%2C-sticke"><div data-reader-unique-id="105">  
</div><div data-reader-unique-id="112"><div data-reader-unique-id="113"><figure data-reader-unique-id="114"><div data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/38072.jpg" data-reader-unique-id="115">![](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_38072.jpg)</div>[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/kP2image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/kP2image.jpeg)

<figcaption data-reader-unique-id="118">August Macke, Stickende Frau auf Balkon, 1910, Öl und Tempera auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

</figcaption></figure></div> </div></div>**2.5 Museen und Kunstvereine**

Be­reits früh er­kann­ten auch ei­ni­ge pro­gres­siv ein­ge­stell­te Ver­tre­ter rhei­ni­scher Mu­se­en und Kunst­ver­ei­ne die Chan­ce, die eu­ro­päi­sche Kunst der Mo­der­ne in all ih­ren Fa­cet­ten zu zei­gen. Fried­rich De­ne­ken (1857-1927), ers­ter Di­rek­tor des Kre­fel­der Kai­ser-Wil­helm-Mu­se­ums, das 1897 als Mu­se­um für an­ge­wand­te Kunst er­öff­net wor­den war, ge­lang es 1900 in Pa­ris, Ob­jek­te des Art Nou­veau und ja­pa­ni­scher Ge­stal­tungs­kunst für das Kre­fel­der Mu­se­um zu er­wer­ben. Er be­trieb die Grün­dung der „Hand­wer­ker und Kunst­ge­wer­be­schu­le in Kre­feld, an die 1904 der Nie­der­län­der [Jo­han Thorn Prik­ker](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5cff93e982fdd9.71994144 "Johan Thorn Prikker") (1868-1932) als Leh­rer be­ru­fen wur­de. Bei ihm ab­sol­vier­ten so­wohl Hel­muth Ma­cke als auch Hein­rich Cam­pen­donk ih­re Aus­bil­dung. 1907 war De­ne­ken an der Grün­dung des deut­schen Werk­bun­des be­tei­ligt. Ne­ben dem kunst­ge­werb­li­chen Zweig för­der­te er nach­hal­tig mo­der­ne zeit­ge­nös­si­sche Kunst. 1900 kauf­te ein Kre­fel­der Un­ter­neh­mer auf der Pa­ri­ser Welt­aus­stel­lung die Mar­morskulp­tur „Eva“ von Au­gus­te Ro­din (1840-1917) und über­ließ sie dem Mu­se­um, Ro­din gab ei­nen Bron­ze­kopf (Yvet­te Guil­bert) als Ge­schenk hin­zu. Des Wei­te­ren zeig­te der auf­ge­schlos­se­ne Di­rek­tor die sei­ner­zeit sen­sa­tio­nel­len Pla­ka­te von Hen­ri Tou­lou­se-Lautrec (1864-1901), 1904 Zeich­nun­gen von Paul Gau­gu­in, 1907 in der „Fran­zö­si­schen Kunst­aus­stel­lun­g“ Wer­ke von van Gogh, Cé­zan­ne, Signac, und kauf­te Clau­de Mo­nets (1840-1926) „Das Par­la­ment, Son­nen­un­ter­gan­g“ aus dem Jahr 1904, trotz mas­si­ver Wi­der­stän­de an. 1908 stell­te er in der aus Düs­sel­dorf über­nom­me­nen Son­der­aus­stel­lung die neus­ten Ten­den­zen der rhei­ni­schen Ma­le­rei vor.

Der Kunst­his­to­ri­ker Dr. Ri­ch­art Rei­che (1876-1943) wur­de 1907 zum Kon­ser­va­tor des Bar­mer Kunst­ver­eins be­ru­fen und über­nahm die Auf­ga­be des künst­le­ri­schen Lei­ters und Aus­stel­lungs­ku­ra­tors. In den Räu­men der „Kai­ser Wil­helm- und Fried­rich-Ruh­mes­hal­le“, dem Sitz des Ver­eins, zeig­te er in meh­re­ren be­deu­ten­den Aus­stel­lun­gen sei­ner­zeit noch un­be­kann­te Künst­ler, die er auch an Ga­le­ri­en und Mu­se­en wei­ter­ver­mit­tel­te. Er über­nahm die Düs­sel­dor­fer Son­der­bund­aus­stel­lung von 1909, dann, im Mai 1910, die Münch­ner Aus­stel­lung des NKVM, im Ok­to­ber zeig­te er „Jun­ge fran­zö­si­sche Ma­le­rei“ und rich­te­te noch im sel­ben Jahr Franz Marc, Ale­xej von Jaw­lens­ky und Emil Nol­de Ein­zel­aus­stel­lun­gen aus, spä­ter prä­sen­tier­te er Adolf Erbs­löh, Ma­ri­an­ne von We­ref­kin (1860-1938) und Au­gust Ma­cke. Ri­ch­art Rei­che war Mit­glied des Ge­re­ons­klubs und hielt dort 1911, an­läss­lich der Ver­nis­sa­ge der NKVM-Aus­stel­lung ei­ne Re­de über den „Na­tu­ra­lis­mus“.

Im März 1912 zeig­te er wie­der­um „Fran­zö­si­sche Ma­le­rei“ und im Ok­to­ber wei­te­re Wer­ke von Franz Marc und Kees van Don­gen (1877-1968). Im glei­chen Jahr war Ri­ch­art Rei­che als Or­ga­ni­sa­tor und [Ku­ra­tor](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/K#term-311) ma­ß­geb­lich an der Son­der­bund­aus­stel­lung in Köln be­tei­ligt; da­ne­ben stell­te er, eben­falls noch 1912, Kunst­wer­ke aus der Samm­lung des bei Bar­men le­ben­den Woll­händ­lers und Kunst­samm­lers Gott­lieb Fried­rich Re­ber (1880-1959) im Bar­mer Kunst­ver­ein (Co­rot, Re­noir, Manet, Ce­zan­ne, De­gas, Gau­gu­in) der Öf­fent­lich­keit vor. Im Mai 1913 prä­sen­tiert er Au­gust Ma­cke in ei­ner Ein­zel­aus­stel­lung.

Der Kunst­his­to­ri­ker Al­fred Ha­gel­stan­ge (ge­bo­ren 1874) war von 1908 bis zu sei­nem frü­hen Tod 1914 Di­rek­tor des Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­ums in Köln, des Wei­te­ren Be­ra­ter des Ge­re­ons­klubs, Mit­be­grün­der des Köl­ner Künst­ler­bunds und der Köl­ner Se­zes­si­on, or­ga­ni­sier­te 1911 die Aus­stel­lung „Kunst un­se­rer Zeit in Cöl­ner Pri­vat­be­sit­z“ und über­nahm 1912 die zwei­te Aus­stel­lung (Schwarz-Weiss) des Blau­en Rei­ters. Er för­der­te nach­hal­tig die rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten, un­ter an­de­rem Hein­rich Nau­en. Als Mit­glied des Or­ga­ni­sa­ti­ons-Ko­mi­tees der Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 hat­te er wei­te­ren Ein­fluss auf die Pro­pa­gie­rung der Kunst der Mo­der­ne.

Karl Ernst Ost­haus, Ban­kiers­sohn und Er­be ei­nes gro­ßen Fa­mi­li­en­ver­mö­gens, der sich nach ei­ner kauf­män­ni­schen Leh­re dem Stu­di­um der Geis­tes-und Na­tur­wis­sen­schaf­ten zu­wen­de­te, war ei­ne der wich­tigs­ten Kunst­samm­ler und Mä­ze­ne zeit­ge­nös­si­scher Kunst am Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts. Am 9.7.1902 er­öff­ne­te un­ter sei­ner Di­rek­ti­on das Folk­wang-Mu­se­um in Ha­gen (heu­te Karl Ernst-Ost­haus-Mu­se­um), des­sen Grün­dung (1899) und Bau durch den Ar­chi­tek­ten Hen­ri Van de Vel­de (1863-1957) er in die We­ge lei­te­te.

Be­reits zur Er­öff­nung konn­te Ost­haus das 1902 an­ge­kauf­te Bild „Korn­feld mit Schnit­ter“ prä­sen­tie­ren, es gilt als das ers­te Werk van Go­ghs in ei­ner öf­fent­li­chen Samm­lung Deutsch­lands. In den Jah­ren von 1902-1914 er­warb Ost­haus Wer­ke von Au­gus­te Ro­din (1840-1917), Ed­gar De­gas (1834-1917), Paul Cé­zan­ne, Au­gus­te Re­noir (1841-1919), Paul Gau­gu­in, Ca­mil­le Co­rot (1796-1875), Vin­cent van Gogh, Aris­ti­de Mail­lol (1861-1944), Ge­or­ge Min­ne(1866-1941), Ed­vard Munch, Hen­ri Rous­seau (1844-1910), Ge­or­ges Seu­rat (1859-1891), Ge­or­ge Fre­de­rick Watts (1801-1889), An­selm Feu­er­bach (1829-1880), Ar­nold Böck­lin (1827-1901), Emil Nol­de, Hen­ri Ma­tis­se (1869-1954), Os­kar Ko­kosch­ka (1886-1980), Franz Marc, Was­si­ly Kandins­ky und Karl Schmidt-Rott­luff (1884-1976).

1906 prä­sen­tier­te er Ed­vard Munch, die „Brü­cke-Ma­ler“ und Hen­ri Ma­tis­se, 1909 in Ein­zel­aus­stel­lun­gen Jaw­lens­ky und Kandins­ky, 1910 Ernst Bar­lach zum Jah­res­wech­sel 1910/1911 die NKVM und 1911 Ein­zel-Aus­stel­lung Franz Marcs, die zu­vor im Köl­ner Ge­re­ons­klub ge­zeigt wor­den war.

Zum zehn­jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um 1912 ver­zeich­ne­te der ers­te Samm­lungs­ka­ta­log das gro­ße Spek­trum der künst­le­ri­schen Avant­gar­de. Den Rei­gen der Aus­stel­lun­gen er­öff­ne­te Emil Nol­de, es folg­ten Wil­helm Lehm­bruck, Egon Schie­le (1890-1918); im Ju­li macht die ers­te Aus­stel­lung des Blau­en Rei­ters im Folk­wang-Mu­se­um Sta­ti­on, es folg­te Jo­han Thorn Prik­ker. 1913 stell­te Ernst Lud­wig Kirch­ner aus, 1914 wur­de Karl Schmidt-Rott­luff ge­zeigt.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="133"><sup data-reader-unique-id="134">\[13\]</sup></span>

1909 war Ost­haus Grün­dungs­mit­glied des „Son­der­bun­des West­deut­scher Kunst­freun­de und Künst­ler“ in Düs­sel­dorf und über­nahm den Vor­sitz. 1910 ver­wen­de­te er sich für die Künst­ler­grup­pe Brü­cke so­wie für Mail­lol und Ma­tis­se, die auf der zwei­ten Düs­sel­dor­fer Son­der­bund­aus­stel­lung prä­sen­tiert wer­den konn­ten, dem ent­spre­chend war Ost­haus ma­ß­geb­lich an die­ser Ge­samt­schau ex­pres­sio­nis­ti­scher Strö­mun­gen be­tei­ligt.

**3. Die Ausstellung Rheinischer Expressionisten in Bonn 1913**

„Die rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten ha­be ich ge­macht in Bonn, so ne­ben­bei, ers­tens, um Cas­si­rer zu­vor­zu­kom­men, und die Leu­te hier zu­sam­men­zu­brin­gen, zwei­tens als ei­ne Pro­be für den Herbst­sa­lon.“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="138"><sup data-reader-unique-id="139">\[14\]</sup></span> Die­ses State­ment von Au­gust Ma­cke um­schreibt in knapps­ter Form sei­ne Mo­ti­ve, in Bonn die ge­mein­sa­me Aus­stel­lung sei­ner Ma­ler­freun­de zwi­schen den gro­ßen eu­ro­päi­schen Ge­samt­schau­en des Son­der­bunds in Köln 2012 und des Herbst­sa­lons in Ber­lin 2013 zu or­ga­ni­sie­ren.

**3.1 Vorbereitung**

Um Ma­cke hat­te sich im Früh­som­mer 1913 in Bonn ein Kreis von Ma­ler­kol­le­gen ge­bil­det, die sich in ei­ner Vil­la in Grau-Rhein­dorf zum Bei­sam­men­sein und Ar­bei­ten tra­fen. Ma­ckes Schwa­ger, Walt­her Ger­hardt, hat­te je­ne, di­rekt am Rhein in der Es­ter­mann­stra­ße 158 ge­le­ge­ne Vil­la W. v. Plüs­kow ge­mie­tet, En­gert so­wie Hen­se­ler und der Schrift­stel­ler Karl Ot­ten (1889-1963) be­wohn­ten dort je­weils ein Zim­mer. In die­sem Kon­text wur­de die Idee zur Aus­stel­lung „Rhei­ni­scher Ex­pres­sio­nis­ten“, ge­bo­ren, die Au­gust Ma­cke ziel­stre­big um­setz­te.

„Wir sa­ßen in sei­nem Gar­ten un­ter der Lau­be am Rhein und blin­zel­ten in den strah­len­den Som­mer. Ma­cke, Max Ernst, der zar­te, buck­li­ge See­haus, der schlan­ke, un­end­lich be­gab­te Franz Hen­se­ler, der aus Mün­chen hier­her ver­schla­gen wur­de. Manch­mal tauch­te Hein­rich Nau­en auf, und Franz Marc be­stieg sein blau­es Ross, um den Af­fen­fries im Ate­lier aus­zu­ma­len. Zwi­schen­durch geis­ter­te der schlauch­ar­tig sich win­den­de Ha­ru En­gert um­her, saß mit un­ter­ge­schla­ge­nen Bei­nen und schnitt Sil­hou­et­ten. Aus un­se­ren eu­ro­päi­schen Ge­sprä­chen – wir be­trach­te­ten Köln und Bonn als Vor­or­te von Pa­ris, Wien und Rom – form­te sich in Ma­cke die Idee ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven Aus­stel­lung Rhei­ni­scher Ex­pres­sio­nis­ten, die oh­ne je­de Vor­be­rei­tung oder frem­de Hil­fe in den Tag sprang.“ So schil­der­te Karl Ot­ten die At­mo­sphä­re in der Ge­burts­stun­de der Aus­stel­lung<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="143"><sup data-reader-unique-id="144">\[15\]</sup></span>.

Au­gust Ma­cke, der ne­ben dem Grau-Rhein­dor­fer Künst­ler­kreis en­ge Be­zie­hun­gen zu den Mit­glie­dern des Köl­ner Ge­re­ons­klubs pfleg­te, zum Ar­beits­aus­schuss der Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 ge­hör­te und als Mit­glied des Blau­en Rei­ters her­vor­ra­gen­de Be­zie­hun­gen nach Mün­chen un­ter­hielt, dürf­te kaum Mü­he ge­habt ha­ben, ei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve Lis­te der Aus­stel­ler zu­sam­men­zu­stel­len und den dem Ex­pres­sio­nis­mus auf­ge­schlos­se­nen Fried­rich Co­hen, in des­sen Kunst­sa­lon 1907 die Brü­cke-Ma­ler, 1908 Holz­schnit­te von Ga­brie­le Mün­ter und 1912 be­reits Au­gust Ma­cke prä­sen­tiert hat­te, für das Un­ter­neh­men zu ge­win­nen.

<div data-reader-unique-id="120" id="bkmrk-august-macke-%281887-1"><div data-reader-unique-id="121">  
</div><div data-reader-unique-id="146"><div data-reader-unique-id="147"><figure data-reader-unique-id="148"><div data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/38084.jpg" data-reader-unique-id="149">![](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_38084.jpg)</div>[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/dDeimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/dDeimage.jpeg)

<figcaption data-reader-unique-id="152">August Macke (1887-1914), Helle Frauen vor Hutladen, 1913, Öl auf Leinwand. (Osthaus Museum Hagen)

</figcaption></figure></div> </div></div>**3.2 Die Künstler der Ausstellung**

Paul Adolf See­haus, 1891 in Bonn ge­bo­ren und durch ei­ne schwe­re Er­kran­kung 1904 blei­bend kör­per­be­hin­dert, trat in der Aus­stel­lung un­ter dem Pseud­onym „H.G. Bar­net­t“ (der Na­me stammt von ei­nem eng­li­schen Fi­scher­dorf, wo er sei­ne ers­ten Mal­fe­ri­en ver­bracht hat­te) auf. Seit 1910 war er mit Ma­cke eng be­freun­det und be­zeich­ne­te sich als sei­nen „un­ent­gelt­li­cher Meis­ter­schü­ler“. Wich­ti­ge An­re­gun­gen sam­mel­te er auf der Köl­ner Son­der­bund- und der Fu­tu­ris­ten-Aus­stel­lung im Rhei­ni­schen Kunst­sa­lon von Ot­to Feld­mann 1912. Par­al­lel zu sei­nem Kunst­ge­schichts­stu­di­um 1914-1917 war See­haus wei­ter als Ma­ler, ins­be­son­de­re auch als Ra­die­rer und als Aus­stel­lungs­or­ga­ni­sa­tor tä­tig. Knapp vier Mo­na­te nach sei­ner [Pro­mo­ti­on](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/P#term-444) an der Uni­ver­si­tät Bonn starb er am 13.3.1919 in Ham­burg an ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung. In der Bon­ner Aus­stel­lung war See­haus mit zwei Ge­mäl­den - „Rhein­ufer bei Bon­n“, „Ha­fen­an­la­ge“ - und zwei Hin­ter­glas­bil­dern ver­tre­ten. See­haus´ en­ge Ver­bun­den­heit zur Mu­sik spie­gelt sich im Farb- und Form­rhyth­mus sei­ner kam­mer­mu­si­ka­li­schen Bil­der wi­der, die von idyl­li­scher Zart­heit bis zu dy­na­mi­schen Kraft­zir­keln rei­chen.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="159"><sup data-reader-unique-id="160">\[16\]</sup></span>

Hein­rich Cam­pen­donk, 1889 in Kre­feld ge­bo­ren, be­such­te 1905-1909 die Kunst­ge­wer­be­schu­le in Kre­feld und war wie Hel­muth Ma­cke Schü­ler von Jan Thorn Prik­ker. Mit Hel­muth Ma­cke un­ter­hielt er ei­ne Ate­lier­ge­mein­schaft und knüpf­te Kon­takt zu Au­gust Ma­cke, der NKVM und den Ver­tre­tern des Blau­en Rei­ters. 1911 sie­del­te er ins Baye­ri­sche Sin­dels­dorf um und schloss sich den Krei­sen um Kandins­ky und Marc an. Zur Bon­ner Aus­stel­lung steu­er­te er ein Bild mit dem Ti­tel „Fisch­pre­dig­t“ und ei­ni­ge Aqua­rel­le bei. Men­schen und Din­ge sind in sei­nem stark­far­bi­gen Wer­ken auf mys­tisch-ge­heim­nis­vol­le Wei­se mit der Um­ge­bung ver­schlun­gen. Wal­ter Co­hen wuss­te sei­ne Ge­mäl­de als „An­dachts­bil­der ei­nes Welt­from­men“ zu um­schrei­ben<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="162"><sup data-reader-unique-id="163">\[17\]</sup></span>.

Ernst Mo­ritz En­gert, 1892 in Yo­ko­ha­ma als Sohn ei­nes aus Ha­d­a­mar (Wes­ter­wald) stam­men­den Kauf­manns ge­bo­ren, kehr­te mit sei­nen El­tern 1904/1905 nach Deutsch­land zu­rück. An­ge­regt durch ei­nen Sil­hou­et­ten­schnei­der, den En­gert auf ei­nem Jahr­markt be­geg­ne­te, be­gann er, sich die­ser Tech­nik zu­zu­wen­den und setz­te sie, nach spo­ra­di­schem Kunst­stu­di­um in Mün­chen, kon­se­quent fort. Von Bild­nis­sil­hou­et­ten über Pla­kat­ent­wür­fe bis zu Schat­ten­spie­len ent­wi­ckel­te En­gert ei­ne Meis­ter­schaft, die den ei­gent­lich in der Kunst­welt nicht hoch an­ge­se­he­nen Sche­ren­schnitt ei­ne neue Di­men­si­on ver­leiht. In der Bon­ner Aus­stel­lung zeig­te En­gert ne­ben Sche­ren­schnit­ten das Ge­mäl­de „Run­de Ma­don­na“.

Max Ernst, 1891 in Brühl ge­bo­ren, stu­dier­te 1910-1914 Phi­lo­so­phie und Kunst­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Bonn, lern­te 1911 Au­gust Ma­cke ken­nen und fass­te den Ent­schluss, Ma­ler zu wer­den. Sei­ne frü­hen, be­reits 1909 ent­stan­den Bil­der zeu­gen noch von im­pres­sio­nis­ti­scher Stim­mung, wäh­rend er im Ver­band mit den rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten, oh­ne aka­de­mi­sche Kennt­nis­se, sich mit der fran­zö­si­schen Stilp­lu­ra­li­tät aus­ein­an­der­setz­te und Bil­der mit gro­ßem Ex­pe­ri­men­tier­wil­len schuf. Er de­bu­t­ier­te 1913 in der Bon­ner Aus­stel­lung mit den Wer­ken „Die Stra­ße“ (1912), „Mar­ty­ri­um“, „Chris­tus und die Jün­ger“, „Weib­li­cher Kopf“ (Hin­ter­glas­bild).

Ot­to Feld­mann (1881-1942) trat 1908 in der Jah­res­aus­stel­lung der Ver­ei­ni­gung Köl­ner Künst­ler in Köln erst­mals in Er­schei­nung und er­öff­ne­te, nach Pa­risauf­ent­hal­ten, 1912 die Ga­le­rie „Rhei­ni­scher Kunst­sa­lon am Han­sa­ring 20 in Köln, in der er avant­gar­dis­ti­scher Kunst bis 1914 ein Fo­rum bot. 1911 be­schick­te er von Pa­ris aus die Win­ter-Aus­stel­lung der Ber­li­ner Se­zes­si­on „Zeich­nen­de Küns­te“, im Ja­nu­ar 1913 war er an der zwei­ten Aus­stel­lung der Köl­ner Se­zes­si­on im Wal­raff-Ri­ch­artz-Mu­se­um in Köln be­tei­ligt und er­öff­ne­te im glei­chen Jahr ei­ne „Neue Ga­le­rie“ in Ber­lin. Ot­to Feld­mann mach­te sich als Zeich­ner und Aqua­rel­list ei­nen Na­men, ei­ne Ka­ri­ka­tur von dem Kunst­händ­ler Al­fred Flecht­heim 1911 zeugt von sei­nen zahl­rei­chen Kon­tak­ten in der Rhei­ni­schen Kunst-Sze­ne.

<div data-reader-unique-id="154" id="bkmrk-paul-adolf-seehaus%2C--1"><div data-reader-unique-id="155">  
</div><div data-reader-unique-id="167"><div data-reader-unique-id="168"><figure data-reader-unique-id="169"><div data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/38076.jpg" data-reader-unique-id="170">![](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_38076.jpg)</div>[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/xHvimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/xHvimage.jpeg)

<figcaption data-reader-unique-id="173">Paul Adolf Seehaus, Kessenich bei Bonn, 1913, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

</figcaption></figure></div> </div></div>Franz Se­raph Hen­se­ler, 1883 im Ober­baye­ri­schen Ro­sen­heim ge­bo­ren, be­gann ne­ben sei­nem Ju­ra­stu­di­um als künst­le­ri­scher Au­to­di­dakt und mach­te sich ei­nen Na­men mit ori­gi­nel­len Wer­be­gra­fi­ken und Buch­il­lus­tra­tio­nen. Im Kreis der Schwa­bin­ger Bohè­me lern­te er Ernst Mo­ritz En­gert und Karl Ot­ten ken­nen, mit de­nen er 1913 die Grau-Rhein­dor­fer Vil­la W. v. Plüs­kow bei Bonn be­zog. Im en­gen Aus­tausch mit Au­gust Ma­cke be­tei­lig­te er sich an der Bon­ner Aus­stel­lung mit den Ge­mäl­den „Rhei­ni­sche Ma­don­na“, „Se­bas­ti­an“, „Mon­d­an­be­ter“, fer­ner mit den Tusch­zeich­nun­gen und/oder Ra­die­run­gen „Ver­füh­run­g“, „Kreuz­tra­gun­g“ und „Fa­mi­lie“.

Franz Mat­thi­as (Lam­bert) Jan­sen, 1885 in Köln ge­bo­ren, stu­dier­te 1905-1906 Ar­chi­tek­tur an der TH Karls­ru­he und 1906-1910 bei dem Ar­chi­tek­ten Ot­to Wag­ner (1841-1918) an der Aka­de­mie der Küns­te in Wien. Nach sei­ner Rück­kehr nach Köln be­schloss er 1910 die Ar­chi­tek­tur zu­guns­ten der Ma­le­rei auf­zu­ge­ben und de­bü­tier­te im glei­chen Jahr auf Ver­mitt­lung von Al­fred Ha­gel­stan­ge mit 34 Ge­mäl­den an der 2. Aus­stel­lung des Köl­ner Künst­ler­bun­des, war an den Son­der­bund­aus­stel­lun­gen 1911 in Düs­sel­dorf und 1912 in Köln, und 1913 als Mit­be­grün­der an den Aus­stel­lun­gen der Köl­ner Se­zes­si­on be­tei­ligt, da­ne­ben war er 1911 auch Mit­be­grün­der des Ge­re­ons­klubs. Der Vor­wurf des Stilp­lu­ra­lis­mus, dem ihm Kri­ti­ker vor­war­fen, zeug­te von der ra­schen Ad­ap­ti­on, die der Au­to­di­dakt Jan­sen in der Aus­ein­an­der­set­zung mit den zahl­rei­chen fran­zö­si­schen Strö­mun­gen voll­zog. Da­ne­ben ent­stand seit 1912 ein um­fang­rei­ches gra­phi­sches Werk in Zy­klen. In der Bon­ner Aus­stel­lung war Jan­sen mit dem Ge­mäl­de der „Som­mer“ ver­tre­ten.

Jo­sef Kölsch­bach, 1892 in Köln ge­bo­ren, (ge­stor­ben 1947) stu­dier­te 1912 an der Kunst­aka­de­mie in Düs­sel­dorf, brach aber nach dem Be­such der Son­der­bund­aus­stel­lung noch im glei­chen Jahr sein Aka­de­mie­stu­di­um ab und wur­de frei­schaf­fen­der Künst­ler. Über Max Ernst lern­te er Au­gust Ma­cke ken­nen, der ihn zur Bon­ner Aus­stel­lung ein­lud. Sei­ne Be­wun­de­rung für Kandins­ky mach­te sich in sei­nen frü­hen Aqua­rell­zy­klen be­merk­bar, wäh­rend sei­ne Hin­ter­glas­bil­der mit re­li­giö­sen Mo­ti­ven den 21-Jäh­ri­gen durch ei­ne Ein­zel­aus­stel­lung im [Aa­chen](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11ee6c78f89.85456777 "Stadt Aachen")er Reiff-Mu­se­um im Ju­ni/Ju­li 1913 schon be­kannt mach­ten, be­vor er in der Bon­ner Aus­stel­lung sei­ne „Gro­ße Kom­po­si­ti­on mit Kopf im Bild­zen­trum“ so­wie wei­te­re Hin­ter­glas­bil­der „Köp­fe“ zeig­te.

<div data-reader-unique-id="175" id="bkmrk-franz-seraph-hensele"><div data-reader-unique-id="176">  
</div><div data-reader-unique-id="181" style="text-align: justify;"><div data-reader-unique-id="182"><figure data-reader-unique-id="183"><div data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/38079.jpg" data-reader-unique-id="184">![](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_38079.jpg)</div>[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/idUimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/idUimage.jpeg)

<figcaption data-reader-unique-id="187">Franz Seraph Henseler, Kreuztragung, 1913, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

</figcaption></figure></div> </div></div>Hel­muth Ma­cke, 1891 in Kre­feld ge­bo­ren, stu­dier­te wie Hein­rich Cam­pen­donk, mit dem er ge­mein­sam ein Ate­lier führ­te, 1906-1908 an der Kre­fel­der Kunst­ge­wer­be­schu­le bei Jo­han Thorn Prik­ker. Mit sei­nem Vet­ter Au­gust Ma­cke war er freund­schaft­lich ver­bun­den. Nach dem Stu­di­um leb­te er von 1909-1910 in Ate­lier­ge­mein­schaft mit Wil­helm Wie­ger (1890-1964) und Hein­rich Nau­en in Or­b­roich bei Kre­feld. 1910-1911 hielt er sich mit Au­gust Ma­cke am Te­gern­see auf und lern­te die Künst­ler des Blau­en Rei­ters ken­nen, wäh­rend er ein Jahr spä­ter in Ber­lin Kon­tak­te zu den Ma­lern der Brü­cke auf­nahm und Freund­schaft mit Erich He­ckel schloss. Nach sei­ner Be­tei­li­gung an der Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 in Köln war er 1913 beim „Ers­ten Deut­schen Herbst­sa­lon in Ber­lin ver­tre­ten. In Bonn zeig­te er Fi­gu­ren­bil­der und Land­schaf­ten aus sei­ner ers­ten, vom Blau­en Rei­ter be­ein­fluss­ten Schaf­fens­pe­ri­ode.

Car­lo Men­se, 1886 in Rhei­ne/West­fah­len ge­bo­ren, ab 1891in Köln auf­ge­wach­sen, stu­dier­te 1906-1908 an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf und lern­te Au­gust Ma­cke ken­nen. Auf sei­nen Rat wur­de er 1909 Pri­vat­schü­ler von Lo­vis Corinth (1858-1925) in Ber­lin und setz­te 1911 sein Kunst­stu­di­um in Wei­mar fort, sie­del­te im glei­chen Jahr mit sei­nem Bru­der Ru­di nach Mün­chen über und wur­de Mit­glied im Ge­re­ons­klub in Köln. Auch er nahm an der Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 und am Ers­ten Deut­schen Herbst­sa­lon in Ber­lin 1913 teil. 1914 ent­warf er Gra­phi­ken und Ti­tel­blät­ter für die ex­pres­sio­nis­ti­schen Zeit­schrif­ten „Der Stur­m“ und „Die Ak­ti­on“ und über­nahm die Or­ga­ni­sa­ti­on der Fol­ge­aus­stel­lung „Rhei­ni­sche Ex­pres­sio­nis­ten“ in der Ga­le­rie Flecht­heims in Düs­sel­dorf. Mehr­fa­che Rei­sen nach As­co­na zum Mon­te Vé­rità führ­ten zur Be­kannt­schaft mit der ex­pres­sio­nis­ti­schen Tän­ze­rin Ma­ry Wig­man (1886-1973).

Sein Werk nahm bis zum Ers­ten Welt­krieg die un­ter­schied­lichs­ten Ein­flüs­se, auch die durch sei­ne Kol­le­gen, auf. In Bonn war er mit Land­schafts­bil­dern und Ra­die­run­gen ver­tre­ten.

<div data-reader-unique-id="189" id="bkmrk-helmut-macke%2C-interi" style="text-align: justify;"><div data-reader-unique-id="190">  
</div><div data-reader-unique-id="194"><div data-reader-unique-id="195"><figure data-reader-unique-id="196"><div data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/38078.jpg" data-reader-unique-id="197">![](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_38078.jpg)</div>[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/G7fimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/G7fimage.jpeg)

<figcaption data-reader-unique-id="200">Helmut Macke, Interieur, 1910, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

</figcaption></figure></div> </div></div>Hein­rich Nau­en, 1880 in Kre­feld ge­bo­ren, be­such­te 1898 die Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie, 1899 die Pri­vat­schu­le von Hein­rich Knirr (1862-1944) in Mün­chen und von 1899-1902 die Kunst­aka­de­mie Stutt­gart als Meis­ter­schü­ler Leo­pold von Kalck­reuths (1855-1928). An­schlie­ßend hielt er sich bis 1905 in der Künst­ler­ko­lo­nie Lae­them-Saint-Mar­tin bei Gent in Flan­dern auf. 1906-1911 mach­te er Sta­ti­on in Ber­lin, Or­b­roich bei Kre­feld und Bel­gi­en. 1910 wur­de sein groß­for­ma­ti­ges Ge­mäl­de „Die Ern­te“, das im Zen­trum der ers­ten Aus­stel­lung der Köl­ner Se­zes­si­on stand, in Pa­ris prä­sen­tiert, was ihm gro­ße An­er­ken­nung, auch in ei­nem Brief von Hen­ri Ma­tis­se, brach­te. 1911 sie­del­te er nach Schloss Dil­born bei Brüg­gen über, das zum ge­sell­schaft­li­chen Mit­tel­punkt der Kunst­sze­ne wur­de. 1912/1913 schuf er im Auf­trag von Er­win Su­er­mondt sechs Wand­bil­der für die Burg Dro­ve bei Dü­ren und be­tei­lig­te sich an der Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 mit sechs Bil­dern. 1914 rich­te­te ihm Al­fred Flecht­heim ei­ne Ein­zel­aus­stel­lung in sei­ner Ga­le­rie aus, in der der Dro­ve-Zy­klus der Öf­fent­lich­keit prä­sen­tiert wur­de. Nau­ens wich­tigs­tes The­ma war die Land­schaft und auch der in ihr ar­bei­ten­de Mensch sym­bo­lis­tisch über­höht und von star­ker Far­big­keit. Der Ein­fluss van Go­ghs ist in vie­len sei­ner frü­hen Ge­mäl­de spür­bar. In Bonn wur­den sein Por­trät von Hel­muth Ma­cke und das Bild zwei­er „Mäd­chen im Boo­t“ ge­zeigt.

Cla­ra Ma­ria von Ma­la­chow­ski-Nau­en, 1880 in Han­no­ver ge­bo­ren, be­gann ih­re Aus­bil­dung 1899 an der pri­va­ten Kunst­schu­le bei Wil­helm Clau­di­us (1854-1942) in Dres­den, die sie 1900-1905 bei Leo­pold von Kalck­reuth in Stutt­gart fort­setz­te, wo sie ih­ren spä­te­ren Mann, Hein­rich Nau­en ken­nen­lern­te. Sie setz­te ihr Stu­di­um bei W.C.H. Clau­di­us in Dres­den fort, hei­ra­te­te dort 1905 und folg­te ih­rem Mann nach Pa­ris an die Aca­dé­mie Ju­li­an und auf sei­nen wei­te­ren Sta­tio­nen. Ma­ria Nau­en be­tä­tig­te sich als Ma­le­rin, Ra­die­re­rin und Holz­schnei­de­rin, vor al­lem auch als Ma­le­rin von Kin­der­por­träts. Die ein­zi­ge Aus­stel­lung, an der sie vor dem Ers­ten Welt­krieg be­tei­ligt war, war die der Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten in Bonn, wo vier ih­rer Land­schaftsaqua­rel­le ge­zeigt wur­den.

Ol­ga Frie­de­ri­ke Op­pen­hei­mer, 1886 in Köln ge­bo­ren, be­gann ih­re künst­le­ri­sche Aus­bil­dung zu­sam­men mit ih­rer Freun­din Em­my Worrin­ger bei Adolf Höl­zel (1853-1934) in Dach­au und an der Aka­de­mie in Mün­chen. 1908 be­zog sie ein Ate­lier in Köln am Mar­si­li­en­stein 28. 1909 wur­de sie in Pa­ris Schü­le­rin von Paul Sé­ru­si­er, ein Jahr spä­ter grün­de­te sie zu­sam­men mit Em­my Worrin­ger ei­ne Mal- und Zei­chen­schu­le im Köl­ner Ge­re­ons­haus und war ei­ne der Grün­de­rin­nen des Köl­ner Ge­ronsklubs. Zu­sam­men mit ihr be­wies sie sich als klu­ge Or­ga­ni­sa­to­rin, um ge­gen die kon­ser­va­ti­ve Köl­ner Kunst­sze­ne zu op­po­nie­ren, was sich auch als Mit­be­grün­de­rin der Köl­ner Se­zes­si­on be­stä­tig­te. Als ei­ne der we­ni­gen Künst­le­rin­nen im Kreis ih­rer Kol­le­gin­nen war sie bis 1913 in wich­ti­gen Aus­stel­lun­gen ver­tre­ten: 1910 in der 2. Aus­stel­lung des Köl­ner Künst­ler­bun­des im Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um, 1911 „Gra­phik Köl­ner Künst­ler“, 1912 an der Son­der­bund­aus­stel­lung in Köln, im glei­chen Jahr in der 1. Aus­stel­lung der Köl­ner Se­zes­si­on im Kunst­ge­wer­be­mu­se­um, 1913 in der 2. im Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um und 1913 als ein­zi­ge deut­sche Re­prä­sen­tan­tin in der le­gen­dä­ren Ar­mo­ry-Show in New York. Im glei­chen Jahr hei­ra­te­te sie Em­mys Bru­der, den Gas­tro­no­men Adolf Worrin­ger (1882-1960). Nach der Ge­burt zwei­er Söh­ne gab sie 1916 die Ma­le­rei auf. Auf­grund schwe­rer De­pres­sio­nen wur­de sie 1918 in die Heil­an­stalt Wald­breit­bach ein­ge­lie­fert und 1941 im [Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/K#term-789) Ma­jda­n­ek er­mor­det.

<div data-reader-unique-id="202" id="bkmrk-heinrich-nauen%2C-ernt" style="text-align: justify;"><div data-reader-unique-id="203">  
</div><div data-reader-unique-id="208"><div data-reader-unique-id="209"><figure data-reader-unique-id="210"><div data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/38077.jpg" data-reader-unique-id="211">![](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_38077.jpg)</div>[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/fKDimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/fKDimage.jpeg)

<figcaption data-reader-unique-id="214">Heinrich Nauen, Ernte, 1909, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

</figcaption></figure></div> </div></div>Wil­liam Strau­be, 1871 in Ber­lin ge­bo­ren, be­such­te von 1886-1888 Abend­kur­se im Akt­zeich­nen, 1890-1893 ab­sol­vier­te er ei­ne De­ko­ra­ti­ons­leh­re, stu­dier­te ab 1894 an der Kö­nig­li­chen Kunst­schu­le in Ber­lin, mach­te 1896 sein Zei­chen­leh­rer­ex­amen und setz­te sein Stu­di­um als Meis­ter­schü­ler des His­to­ri­en­ma­lers Jo­sef Scheu­ren­berg (1846-1914) fort. Seit 1898 war er als Zei­chen­leh­rer in Ko­blenz tä­tig und un­ter­nahm in den Fol­ge­jah­ren zahl­rei­che Rei­sen durch Eu­ro­pa, mach­te 1901 in Pa­ris die Be­kannt­schaft mit Ma­tis­se und hat­te ei­ne ers­te Aus­stel­lung in Düs­sel­dorf. 1908 gab er sei­ne Zei­chen­leh­rer­stel­le zu­guns­ten ei­ner frei­schaf­fen­den Künst­ler­tä­tig­keit auf, stu­dier­te an der Aca­dé­mie Ma­tis­se in Pa­ris und 1915-1916 als Schü­ler von Adolf Hoel­zel an der Stutt­gar­ter Aka­de­mie. Ver­mut­lich wur­de Ma­cke auf Strau­be bei des­sen Teil­nah­me an der Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 auf­merk­sam, und lud ihn, auf­grund der Stil­ver­wandt­schaft zu den Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten, zur Bon­ner Aus­stel­lung ein.

Hans Thu­ar, 1887 in Trep­pen­dorf bei Lüb­ben ge­bo­ren, wuchs ab 1892 in Köln auf. Os­tern 1897 schloss er Freund­schaft mit Au­gust Ma­cke, zwei Jah­re spä­ter wur­de er von ei­ner Pfer­de­bahn über­fah­ren und ver­lor bei­de Bei­ne. Am Kran­ken­la­ger mach­te er ers­te Mal­ver­su­che mit Au­gust Ma­cke, nahm von 1903-1907 Un­ter­richt bei Pro­fes­sor We­ge­lin in Köln, ver­ließ die Schu­le, be­tä­tig­te sich als De­ko­ra­ti­ons­ma­ler und stu­dier­te von 1907-1908 an der Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie, ar­bei­te­te 1909-1910 ab­wech­selnd in Köln und Düs­sel­dorf: Nach ei­ner de­pres­si­ven Pha­se schwang er sich, nach Um­zug nach Bonn-En­de­nich, 1911-1914 zu ei­ner ers­ten Schaf­fens­pe­ri­ode auf, be­tei­ligt sich an den Aus­stel­lun­gen der Köl­ner Se­zes­si­on 1911 und 1913, an der Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung 1912, und am Ers­ten Deut­schen Herbst­sa­lon in Ber­lin 1913. In der Bon­ner Aus­stel­lung wur­den Land­schafts­bil­der ge­zeigt, die sich durch ei­ne von star­ken Grund­far­ben ge­präg­te, kla­re und re­du­zier­te For­men­spra­che aus­zeich­nen.

Au­gust Ma­cke selbst war in der Aus­stel­lung mit den Bil­dern: „Vier Mäd­chen“, „Ba­den­den Mäd­chen“, „Gar­ten­re­stau­ran­t“, „Kin­der am Was­ser“, „Ak­te“ und ei­nem Holz­schnitt ver­tre­ten.

**3.3 Rezeption der Ausstellung**

An­ge­sichts der aus­ge­spro­chen zwie­späl­ti­gen Auf­nah­me der Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung und den Prä­sen­ta­tio­nen der Köl­ner Se­zes­si­on - ei­ner klei­nen Grup­pe von Samm­lern, För­de­rern und pro­gres­siv ein­ge­stell­ten Kunst­his­to­ri­kern - stand das kras­se Un­ver­ständ­nis der kon­ser­va­ti­ven na­tio­na­len Krei­se, der Ta­ges­pres­se und das der Be­völ­ke­rung ge­gen­über - lässt sich, in der Äu­ße­rung „hof­fent­lich wer­den kei­ne Schei­ben ein­ge­schla­gen“ im Vor­feld der Er­öff­nung Au­gust Ma­ckes An­span­nung er­ken­nen<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="223"><sup data-reader-unique-id="224">\[18\]</sup></span>. Sei­ne Be­sorg­nis er­wies sich je­doch als un­be­grün­det, die Aus­stel­lung wur­de gut be­sucht, Ma­cke ver­an­stal­te­te ei­ne Füh­rung, an der cir­ca 70 Per­so­nen teil­nah­men, 15 Bil­der wur­den ver­kauft.

Die Re­zen­sio­nen fie­len aus­ge­spro­chen aus­führ­lich und über­wie­gend po­si­tiv aus, was wohl auch dar­an lag, dass die Ver­fas­ser, als Stu­den­ten des Bon­ner Kunst­his­to­ri­schen In­sti­tuts, dem Freun­des­kreis der Ma­ler na­he­stan­den, so Joa­chim Benn, Max Ernst, Al­fred Sal­mo­ny und Karl Ot­ten. Au­ßer­dem wa­ren meh­re­re der Be­tei­lig­ten in Bonn orts­an­säs­sig und Ma­cke durch frü­he­re Aus­stel­lun­gen in Bonn und durch sei­ne Fa­mi­lie be­kannt, so dass sich ein klei­ner fa­mi­liä­rer Kreis von In­ter­es­sen­ten bil­den konn­te.

Die „Pro­be“ für den Ers­ten Deut­schen Herbst­sa­lon in Ber­lin, wie es Ma­cke aus­drück­te, war ge­lun­gen. Es folg­te dann noch im glei­chen Jahr die Über­nah­me der Aus­stel­lung in den „Rhei­ni­schen Kunst­sa­lon“ von Ot­to Feld­mann in Köln, und von Sep­tem­ber bis No­vem­ber die Aus­stel­lungs­be­tei­li­gung am Ers­ten Deut­sche Herbst­sa­lon bei Her­warth Wal­den in Ber­lin, im Ja­nu­ar 1914 un­ter dem Ti­tel „Die Neue Ma­le­rei“ ei­ne Ex­pres­sio­nis­ten-Aus­stel­lung in der Ga­le­rie Ernst Ar­nold in Dres­den. Im Mai wur­den die Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten un­ter der Ku­ra­tie von Car­lo Men­se in der Düs­sel­dor­fer Ga­le­rie von Al­fred Flecht­heim prä­sen­tiert, im Ju­ni, in un­ter­schied­li­che Zu­sam­men­set­zung ge­gen­über Bonn, noch­mals in der „Neu­en Ga­le­rie“ von Ot­to Feld­mann, in Ber­lin ge­zeigt.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/8Mximage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/8Mximage.jpeg)

<div data-reader-unique-id="216" id="bkmrk-william-straube%2C-sel"><div data-reader-unique-id="217">  
</div><div data-reader-unique-id="227"><div data-reader-unique-id="228"><figure data-reader-unique-id="229"><div data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/38075.jpg" data-reader-unique-id="230">![](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_38075.jpg)</div><figcaption data-reader-unique-id="233">William Straube, Selbstbildnis an der Staffelei, 1911, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

</figcaption></figure></div> </div></div>**3.4 Vorläufiges Ende durch den Ersten Weltkrieg**

Der Ers­te Welt­krieg schlug ei­ne gro­ße Zä­sur in die Wei­ter­ent­wick­lung der rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten, vie­le wur­den ein­ge­zo­gen, Cam­pen­donk bis 1916, En­gert bis 1916, Ernst bis 1918, Jan­sen, we­gen Krank­heit 1915 zu­rück­ge­stellt, Kölsch­bach bis 1916, Hel­muth Ma­cke bis 1918 (er ar­bei­te­te 1915 als Kriegs­ma­ler von Ver­dun), Men­se bis 1918, Nau­en bis 1918. Au­gust Ma­cke und Franz Hen­se­ler star­ben im Feld, Paul Adolf See­haus 1919 an Lun­gen­ent­zün­dung. Thu­ar litt 1914-1920 an tie­fer De­pres­si­on, Ma­rie von Ma­la­chow­ski-Nau­en trat nach der Bon­ner Aus­stel­lung 1913 nicht mehr in Er­schei­nung, Ol­ga Op­pen­hei­mer gab 1916 die Ma­le­rei auf.

**4. Die Rheinischen Expressionisten nach dem Ersten Weltkrieg**

**4.1 Die Ausstellung „Das junge Rheinland“ in Köln**

Paul Adolf See­haus or­ga­ni­sier­te mit Hil­fe von Dr. Wal­ter Co­hen 1918 im Köl­ni­schen Kunst­ver­ein ei­ne Aus­stel­lung mit dem Ti­tel „Das jun­ge Rhein­lan­d“, in der die ers­te Bi­lanz der rhei­ni­schen Kunst un­mit­tel­bar nach dem Krieg ge­zo­gen wur­de. Un­ter dem Ti­tel „Au­gust Ma­cke zum Ge­dächt­nis“ schrieb Co­han das Vor­wort zum Ka­ta­log, wäh­rend See­haus in der im „Kunst­blat­t“ er­schie­ne­nen [Re­zes­si­on](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/R#term-483)for­mu­lier­te: „Das Ge­sicht der ty­pisch rhei­ni­schen Kunst ist ge­blie­ben \[…\] Wie der Duft der At­mo­sphä­re, sil­ber­grau und vio­lett die rhei­ni­sche Land­schaft schmei­chelnd um­gibt und aus­glei­chend um­la­gert, so durch­dringt ei­ne fast tra­di­tio­nel­le Schön­heit die Wer­ke die­ser rhei­ni­schen Ma­ler \[…\] Frank­reichs Nach­bar­schaft klingt lei­se her­ein.“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="243"><sup data-reader-unique-id="244">\[19\]</sup></span> Im Mit­tel­punkt stan­den 30 Wer­ke von Au­gust Ma­cke, da­ne­ben Ar­bei­ten von Nau­en, Kölsch­bach, Max Ernst, Cam­pen­donk, Jan­sen und See­haus und auch von wei­te­ren dem Kreis ver­bun­de­nen Ma­ler.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/A1bimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/A1bimage.jpeg)

<div data-reader-unique-id="235" id="bkmrk-heinrich-campendonk%2C"><div data-reader-unique-id="245"><div data-reader-unique-id="246"><figure data-reader-unique-id="247"><figcaption data-reader-unique-id="251">Heinrich Campendonk, Pferde-Komposition, 1912, Öl auf Pappe. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

</figcaption></figure></div> </div></div>**4.2 Die Künstlervereinigung „Das junge Rheinland“ in Düsseldorf**

Der Ti­tel „Das Jun­ge Rhein­lan­d“ wur­de für die gleich­na­mi­ge Künst­ler­ver­ei­ni­gung über­nom­men, die am 24.2.1919 in Düs­sel­dorf von dem Dich­ter [Her­bert Eu­len­berg](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c6a662ef3bb6.03652809 "Herbert Eulenberg"), dem Ma­ler Ar­thur Kauf­mann (1888-1971) und dem Ma­ler und Schrift­stel­ler Adolf Uzar­ski (1885-1970) ins Le­ben ge­ru­fen wur­de. Der Zu­sam­men­schluss soll­te die In­ter­es­sen der rhei­ni­schen Künst­ler­schaft ver­tre­ten und ih­nen un­ab­hän­gi­ge Aus­stel­lungs­mög­lich­kei­ten bie­ten. Die ers­te Aus­stel­lung fand im Ju­li 1919 in der Düs­sel­dor­fer Kunst­hal­le mit 113 Teil­neh­mern statt, dar­un­ter post­hum Ma­cke und See­haus. Noch im sel­ben Jahr wur­de die Schau in Bar­men ge­zeigt. Un­ter an­de­rem schlos­sen sich Max Ernst, Car­lo Men­se, Hein­rich Nau­en, Wal­ter Ophey und Ot­to Sohn-Re­thel die­ser Ver­ei­ni­gung an, die, ne­ben an­de­ren in den 1920er-Jah­ren ent­stan­de­nen Künst­ler­grup­pie­run­gen, 1933 auf­ge­löst wur­de.

Be­rühm­tes Zen­trum der zeit­ge­nös­si­schen rhei­ni­schen Künst­ler war die Düs­sel­dor­fer Alt­stadt-Ga­le­rie „Jun­ge Kunst – Frau Ey“ die von Jo­han­na Ey (1864-1947), be­kannt als Mut­ter Ey, ge­lei­tet wur­de. Doch der Ze­nit der ex­pres­sio­nis­ti­schen Kunst­ent­wick­lung war über­schrit­ten, Kunst­strö­mun­gen wie Da­da, [Sur­rea­lis­mus](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/S#term-724) und Neue Sach­lich­keit bra­chen sich Bahn. So fand Max Ernst über Da­da zum Sur­rea­lis­mus, wäh­rend Hein­rich Cam­pen­donk, Hans Thu­ar, Hein­rich Ma­cke und Hein­rich Nau­en, der 1921 an die Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf be­ru­fen wur­de, ihr Spät­werk auf­bau­ten. Mit der [Macht­er­grei­fung](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/M#term-808) der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten wur­den, so wie vie­le an­de­re, die Wer­ke der Ex­pres­sio­nis­ten als „ent­ar­te­t“ er­klärt, teil­wei­se zer­stört, Samm­lun­gen zer­schla­gen, aus Mu­se­en ent­fernt und der Öf­fent­lich­keit ent­zo­gen.

**4.3 Würdigung der Rheinischen Expressionisten nach dem Zweiten Weltkrieg**

1952 or­ga­ni­sier­te Wal­ter Holz­hau­sen (1896-1968) ei­ne ers­te um­fas­sen­de Aus­stel­lung der Städ­ti­schen Kunst­samm­lun­gen Bonn mit dem Ti­tel „Bonn und der rhei­ni­sche Ex­pres­sio­nis­mus“ im Kauf­hof Bonn und rief da­mit die Er­in­ne­rung an den künst­le­risch so frucht­ba­ren Kreis um Au­gust Ma­cke zu­rück ins Le­ben.

Das städ­ti­sche Kunst­mu­se­um Bonn, das Au­gust-Ma­cke-Haus in Bonn, das Kai­ser-Wil­helm Mu­se­um in Kre­feld und wei­te­re Mu­se­en ver­wal­ten heu­te das Er­be der Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten, sor­gen für die kunst­his­to­ri­sche Auf­ar­bei­tung und mit kon­ti­nu­ier­li­chen Aus­stel­lun­gen für ih­re Prä­sen­ta­ti­on in der Öf­fent­lich­keit.

<div data-reader-unique-id="253" id="bkmrk-%C2%A0-3"><div data-reader-unique-id="286"><div data-reader-unique-id="287"><figure data-reader-unique-id="288"><figcaption data-reader-unique-id="292">[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/R0limage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/R0limage.jpeg)

</figcaption></figure></div></div></div><div class="content-images" id="bkmrk-carlo-mense%2C-stromla"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Carlo Mense, Stromlandschaft, 1913, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

</figcaption>##### 2. Roaring Twenties. Die populäre Musik der 1920er Jahre

</figure></div>**"Schöner Gigolo, armer Gigolo, / Denke nicht mehr an die Zeiten / Wo du als Husar, goldverschnürt sogar / Konntest durch die Straßen reiten! / Uniform passée, Liebchen sagt: Adieu! / Schöne Welt, du gingst in Fransen. / Wenn das Herz dir auch bricht / Zeig ein lachendes Gesicht / Man zahlt, und du musst tanzen." Es gibt viele verschiedene akustische Manifestationen, die uns angesichts des Liedtextes von Julius Brammer aus dem Jahr 1928 (Musik: Leonello Casucci) in den Sinn kommen können. Denken wir z. B. an die tiefe Stimme der Marlene Dietrich, die melancholisch ihre englische Version *Just a Gigolo* ins Mikrofon haucht. Oder an den jungen Max Raabe, dessen leicht näselnde Kopfstimme uns den Text eher zackig, mit stark rollendem "r" und prägnanten Konsonanten präsentiert. Oder an Louis Armstrongs unverwechselbare Stimme, der das Lied 1930 in den USA herausbrachte. Drei Stationen eines Schlagers (1930, 1978 und 1989) mit einem jeweils unterschiedlichen Klang. Wie aber gestaltete sich der "originale" Sound der 1920er Jahre? Und wie hörten die Menschen zu dieser Zeit die Musik?**

Die vermutlich erste Einspielung vom *Schönen Gigolo* ist heute nur wenigen bekannt. Es handelt sich um eine Aufnahme vom 22. August 1929 mit dem Orchester Dajos Béla und dem Refraingesang von Kurt Mühlhardt. Im Gegensatz zu vielen späteren Versionen, die das Lied musikalisch eher der Ballade oder auch dem Swing annäherten (z. B. die bekannte Version von Louis Prima, 1956), steht hier noch deutlich der Tango-Rhythmus im Vordergrund. Ein Hinweis, dass und auf welche Weise zu dieser Musik getanzt wurde? Die Aufnahme ist geprägt von den Nebengeräuschen der alten Grammophonplatte, dem leicht flachen Klang der Streicher, den gedämpften Blechbläsern und dem insgesamt trockenen Eindruck von Schlagzeug und Begleitinstrumenten. Ein dürrer Klang, der sich von der Live-Präsentation durch ein Tanzorchester gravierend unterschieden haben muss. Und doch faszinierte diese Aufnahme die Menschen, weil sie so die Musik an verschiedene Orte "mitnehmen" konnten. Um der populären Musik der 1920er Jahre auf die Spur zu kommen, müssen wir nicht nur fragen, wo und von wem diese Musik gespielt oder gehört wurde; es geht auch darum, sich den Klang der alten Aufnahmen wieder "vor Ohren" zu führen.

**Tanzpaläste, Theater, Bars und Kabarett – Szenen populärer Musik in den 1920er Jahren**

*Schöner Gigolo*: … – Die Geschichte, die das Lied erzählt und die primär über den Refrain vermittelt wird, handelt vom Abstieg eines ehemaligen Soldaten, der sich nach Ende des Krieges sein Geld als Eintänzer verdient: "Man zahlt und du musst tanzen." Das eigentliche Vergnügen wird hier zur lästigen Pflicht, die Arbeit ist anstrengend, erfordert neben tänzerischen Fähigkeiten auch Fremdsprachenkenntnisse, Einfühlungsvermögen und vor allem Ausdauer, wenn der junge, schöne Mann den Damen zu ihrem (Tanz-)Vergnügen zur Verfügung stehen muss. Die Kennzeichnung des Soldaten als ehemaliger Husar, also als Teil der mit prunkvollen Uniformen ausgestatteten Reiterei, deren Mitgliedern neben Tapferkeit, Schnelligkeit, Klugheit und Furchtlosigkeit auch ein anziehendes Wesen und Eleganz nachgesagt wurden, macht den Niedergang noch deutlicher. In seiner Melancholie spiegelt der Text nicht nur Enttäuschung und Lethargie angesichts des für den ehemaligen Soldaten verlorenen Krieges, sondern er passt mit seiner Grundstimmung in die Zeit der beginnenden Weltwirtschaftskrise 1929. Waren für die Besucher die Bars, Theater und Tanzpaläste Orte des Vergnügens und der Erholung, waren sie für Musiker, Sänger und Tänzer mehr oder weniger attraktive Arbeitsorte. Ob Geld verdienend oder Geld ausgebend – von Musik waren hier alle umgeben und alle partizipierten daran, musizierend, (mit-)singend, tanzend oder (zu-)hörend.

In den Großstädten konzentrierten sich die verschiedenen Vergnügungsetablissements oft in bestimmten Zentren, die in der Nähe von Verkehrsknotenpunkten lagen. In Berlin z. B. hatten sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwei solcher Zentren herausgebildet: Vor dem Ersten Weltkrieg entstand eins rund um den Bahnhof Friedrichstraße, wo sich mit den renommierten Hotels *Adlon* und *Kaiserhof* und dem Varieté *Wintergarten* auch in den 1920er Jahren noch wichtige Stätten von Tanzmusik und populärer Kultur befanden. Aufstrebend und nach dem Ersten Weltkrieg federführend in Sachen Unterhaltung waren die Etablissements im "Neuen Westen" Berlins um den Kurfürstendamm. So berichtete etwa der Publizist Karl Scheffler 1931: "Dort sind \[…\] die großen in Licht glitzernden Kinos, die allabendlich viele 1.000 Besucher aufnehmen und zu bestimmten Stunden entlassen, dicht gedrängt sodann die Restaurants, Konditoreien und Cafés mit ihren im Sommer von Markisen überdachten Vorplätzen, die Tanzlokale und Kabaretts. \[…\] Dort versammeln sich, wie auf einem Korso, die gut Gekleideten, die theatralisch Geschminkten, die Schauspieler und Schauspielerinnen, die freiwillig die Revue des Großstadtlebens agieren. \[…\] Dieses ist die Feierabend-Apotheose der Großstadt, ist der Triumphgesang, den das neue Berlin sich immer wieder von neuem selber singt."

<div class="spacer-horizontal__breakout" id="bkmrk-werbema%C3%9Fnahmen-f%C3%BCr-i"><figure class="detail-picture spacer-horizontal"><picture class="picture is-lazy is-active">![Werbemaßnahmen für Interpret und Plattenfirma wurden eng miteinander verzahnt - hier ein Plakat von Friedl für die Comedian Hamonists / Odeon, ca. 1929, Deutsches Plakat Museum Essen](https://www.bpb.de/cache/images/8/232068_original.jpg?2956A)</picture><figcaption class="detail-picture__description">Werbemaßnahmen für Interpret und Plattenfirma wurden eng miteinander verzahnt - hier ein Plakat von "Friedl" für die Comedian Hamonists / Odeon, ca. 1929, Deutsches Plakat Museum Essen (© picture-alliance/akg)

</figcaption></figure></div>Zwischen den Tanzlokalen, Kabaretts, Bühnen, Cafés und Bars herrschte an solchen Kulminationspunkten ein reger Austausch; sowohl die Künstler als auch das Publikum wechselten zwischen den Orten hin und her. Was auf diese Weise im unmittelbaren Umfeld an Programm- und Repertoireaustausch stattfand, erreichte über die neuartigen Kanäle der Massenkommunikation – Zeitungen, Rundfunk, Grammophonplatten – auch ein weit entferntes Publikum. Die Absatzmärkte wurden im Zusammenspiel verschiedener medialer Strukturen bedient, wie das Beispiel der Vermarktung der bekannten Gesangsgruppe *Comedian Harmonists*zeigt. Auf die Produktion einer neuen Platte folgten z. B. nicht nur Werbemaßnahmen in Zeitungen, sondern auch Konzerttourneen, für die wiederum die externen Plattenverkaufsstellen warben. Nur die geschickte Nutzung der verschiedenen Medien und Distributionskanäle ermöglichte die erstaunliche Karriere des Ensembles, das bis heute durch Schlager wie *Veronika, der Lenz ist da*bekannt ist. Solche Schlager wurden in verschiedenen Arrangements auch als Notenausgaben verbreitet, was es Alleinunterhaltern, Caféhausmusikern oder Tanzorchestern ermöglichte, diese in ihr Repertoire aufzunehmen.

Die enge Bindung von Song und Interpret, wie wir sie aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kennen, bestand in den 1920er Jahren noch nicht. Oft wurde ein Schlager bereits kurz nach Erscheinen von verschiedenen Plattenfirmen mit unterschiedlichen Orchestern bzw. Interpreten produziert. So war z. B. auch Casuccis *Schöner Gigolo* Ende der 1920er Jahre auf Schallplatten der Labels Odeon, Elektrola, Parlophone, Beka und Homokord zu hören, es sangen Richard Tauber, Luigi Bernauer oder Walter Jurmann und die Orchester von Dajos Béla, Marek Weber, Bernard Etté, das Saxofon-Orchester Dobbri usw. begleiteten.

Schlager und Tanz wurden in den 1920er Jahren mehr und mehr zu einer untrennbaren Einheit. Im Lied vom *Schönen Gigolo* steht der Tanz nicht nur inhaltlich im Mittelpunkt, indem der Gigolo selbst tanzt und den Frauen als Tanzpartner zu Diensten ist – das Lied ist als Tango auch formal Tanzmusik und erklingt durch die Interpretation von Tanzorchestern, wie dem Orchester Dajos Béla, live oder auf Platte bei Tanzveranstaltungen. Sollte ein Lied populär werden, "einschlagen", so musste es vor allem "tanzbar" sein: "Die Praxis hat bewiesen, dass die Schlager Erfolg haben, die nicht nur musikalisch und textlich dazu geeignet sind, sondern auch den zur Zeit modernen Tanzschritten entsprechen", hieß es dazu 1932 in einer Zeitschrift.

Moderne Tanzschritte – das waren in den 1920er Jahren zunächst (noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bekannt) Tango, Boston und Onestep sowie der sich aus Letzterem entwickelnde Foxtrott. 1920 folgte mit dem Shimmy der Vorläufer des Charleston, wie dieser ein Platztanz, bei dem keine eigentliche Fortbewegung im Raum erfolgt. Auch Tänze südamerikanischen Ursprungs wie die Rumba fanden ihren Weg auf das Tanzparkett.

Tatsächlich kam kaum ein Schlager der 1920er Jahre ohne Bezeichnungen wie "Foxtrott", "Valse Boston", "Shimmy", "Tango" oder "Onestep" aus. Mit dem Bezug auf die Tanzformen gingen auch musikalische Veränderungen einher: Sie zeigen sich vor allem in einer stärkeren Betonung des rhythmischen vor dem melodischen Element und in weiteren Einflüssen afroamerikanischer und südamerikanischer Musik. Diese werden gelegentlich auch als "Einbruch des Jazz" bezeichnet und schlagen sich z. B. in Form neuartiger Kombinationen von Musikinstrumenten wie dem Saxofon oder Banjo mit alten Salonorchestertraditionen (Stehgeiger) nieder.

Was aber machte einen Schlager außerdem erfolgreich? Der im Jahr 1926 zu diesem Thema befragte Komponist Ralph Benatzky, der u. a. für einen Großteil der Musik zur Revueoperette *Das weiße Rößl* verantwortlich zeichnete, stellte musikalische, formale, textliche und marktstrategische Komponenten heraus, ohne diese zu hierarchisieren: "a) die \[…\] natürliche Übereinstimmung von Text und Musik; b) ein möglichst geringer Tonumfang und eine leicht singbare Tonlage; c) ein Ins-Ohr-gehen, aber auch ein Nicht-zu-sehr-ins-Ohr-gehen; d) irgendeine \[…\] unerwartete harmonische oder rhythmische, aber ja nicht melodische Wendung, der Angelhaken, mit dem die Aufmerksamkeit des Hörers gefangen wird; e) eine gute und logisch vorbereitete kurze Vorstrophe; f) die richtige Länge oder Kürze des ganzen Opus; g) der psychologisch richtige Moment des Erscheinens; h) Aufnahmefähigkeit des Marktes, verursacht durch Aktualität des Opus und i) etwas Chance und 1.000 andere Imponderabilien, die sich nicht erklären lassen."

<div class="text-content spacer-horizontal__inset-narrow" id="bkmrk-in-lightbox-%C3%B6ffnen-j"><div class="detail-picture detail-picture--right text-content"><figure class="detail-picture__figure"><div class="detail-picture__picture"><picture class="picture is-lazy is-active"><source media="(min-width: 625px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/7/232067_original.jpg?022D9"><source media="(min-width: 490px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/7/232067_article_side.jpg?1A533">![Joséphine Baker im berühmten Bananenröckchen in der Pariser Revue La Folie Du Jour, Folies-Bergère, 1926.](https://www.bpb.de/cache/images/7/232067_article_side.jpg?1A533)</source></source></picture><button class="lightbox-toggle"><span class="a-visually-hidden" lang="de">In Lightbox öffnen</span></button></div><figcaption class="detail-picture__description">Joséphine Baker im berühmten "Bananenröckchen" in der Pariser Revue "La Folie Du Jour", Folies-Bergère, 1926. (© picture-alliance/akg)

</figcaption></figure></div></div>Zwei der Elemente, die Benatzky (mit einem Augenzwinkern) hervorhebt, erscheinen besonders wichtig und hängen mit außermusikalischen Entwicklungen zusammen. So steht die "richtige Länge oder Kürze" eines Liedes in den 1920er Jahren nicht mehr in einem dramaturgischen oder anderweitigen Kontext, sondern bereits in unmittelbarem Zusammenhang mit der Aufnahmefähigkeit einer Schellackplattenseite, die etwas mehr als drei Minuten Spielzeit (bei den 10-Zoll-Platten) umfasste. Zudem ist mit der "Aktualität des Opus" ein entscheidender Punkt angesprochen, der einen Großteil der Schlager der 1920er Jahre betrifft. "Schlagend" waren sie deshalb, weil sie einerseits aktuell in der Wahl der musikalischen Ausdrucksform (z. B. eines Shimmys oder Tangos) waren, andererseits in ihren Texten an aktuelle Themen anknüpften oder zumindest mit diesen in Verbindung zu bringen waren. So besingen Schlager etwa die noch neuartige Errungenschaft des Wochenendes (z. B. *Weekend, Wochenend und Sonnenschein*) oder den Rundfunk (*Hallo, hallo, hier Radio*). Der englischsprachige Song *Yes! We have no bananas* (Frank Silver / Irving Cohn) kam als *Ausgerechnet Bananen* zwar schon vor dem Gastspiel der Tänzerin Josephine Baker nach Deutschland (nämlich im Jahr 1923), erhielt aber durch ihren Auftritt im Bananenkostüm einen zusätzlichen Popularitätsschub.

Aber nicht nur die Aktualität machte einen – mit Blick auf den Erfolg – guten Text aus. Entscheidend war auch der Refrain, wurden doch die Tanzarrangements normalerweise nur mit Refraingesang produziert. Neben Liebesthemen bevorzugte man vor allem in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren Nonsens-Reime, die man sich dank ihres Wortwitzes gut merken konnte (*Mein Onkel Bumba aus Kalumba tanzt nur Rumba*, *Was macht der Maier am Himalaja*, *Benjamin, ich hab nichts anzuziehn*), oder Schlager, die kurze Geschichten erzählten oder versteckte Anzüglichkeiten enthielten (*Mein kleiner grüner Kaktus*, *Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin*, *Veronika, der Lenz ist da*).

Die Schlager der 1920er Jahre, die vom Produktionszentrum Berlin aus über Schallplatten und Notenausgaben schon unmittelbar nach Erscheinen ihren Weg ins ganze Reich, ja selbst in abgelegene Gegenden fanden, waren akustischer Ausdruck ihrer Zeit. In der neuen Körperlichkeit, die sich z. B. in den Schütteltänzen äußerte, offenbarte sich nicht nur ein – wortwörtlich ausgeführtes – "Abschütteln" des Korsetts bürgerlicher Zwänge und preußischer Ordnung, sondern wohl auch ein Unbehagen gegenüber der zunehmenden Technisierung und Rationalisierung der Welt: Die Freiheit und Individualität des Tanzes sowie die in Mode kommenden "Hot"- ("heißen" oder "scharfen") Jazz-Improvisationen, in denen sich der Musiker losgelöst vom starren Notentext musikalisch entfaltete, standen dem durch und durch geplanten, industrialisierten Element entgegen. Die neu entdeckte Freiheit des Körpers als Zeichen für eine Natürlichkeit, die sich z. B. auch in Nackttänzen äußerte, bildete ein Gegengewicht zu einer zunehmend von Maschinen und technischen Neuerungen geprägten Realität. Auch die albernen Nonsens-Verse der Schlager können in diesem Sinne als eine Art Gegenbewegung zur als drückend empfundenen Herrschaft der Vernunft empfunden werden.

**Revuen, Operetten … – Revueoperetten! Populäres Musiktheater der 1920er Jahre**

Kaum ein Bild hat die Rezeption der populären Kultur der 1920er Jahre so geprägt wie die Fotografien von den Girl-Reihen der großen Ausstattungsrevuen – doch welcher Klang gehörte eigentlich zu den bekannten Bildern der Girls und wie war er in die dramaturgische Konzeption eingebunden?

Ausgehend von der ursprünglich französischen Tradition der Jahresrevuen und unter Aufnahme englischer und US-amerikanischer Einflüsse aus den Music Halls hatte sich in Deutschland mit dem Zentrum Berlin schon vor dem Ersten Weltkrieg der Typus der Jahresrevuen und Revuepossen etabliert. In den 1920er Jahren wurde die dramaturgische Konzeption, die zunächst noch von einer losen Rahmenhandlung zusammengehalten wurde, freier und fügte sich zu einer Reihung von Bildern, die mit großem Ausstattungsaufwand inszeniert wurden und sich höchstens noch assoziativ unter ein Rahmenthema zusammenfassen ließen. Im von Privattheatern dominierten System etablierte zuerst James Klein seine Revuen mit Titeln wie *Das hat die Welt noch nicht gesehn* oder *Donnerwetter 1 000 Frauen* in der Komischen Oper (ab 1921). Kurz darauf folgten Herman Haller im Admiralspalast und Erik Charell im Großen Schauspielhaus mit anspruchsvolleren Produktionen.

Musikalisch wie dramaturgisch waren die Revuen so gebaut, dass sich die sogenannten Zugnummern, d. h. die musikalischen Hauptschlager, auskoppeln ließen; ihre Vermarktung ging mit der Produktion Hand in Hand, ihr Erfolg wurde teilweise schon vor Beginn der Aufführungsserie durch das gezielte Engagement von Stars gesichert. Einer war Claire Waldoff, die mit "Berliner Schnauze" krähend ihre Lieder vortrug und in ihrem Aussehen nicht dem Klischee der schönen Revuegirls entsprach. Sie war nicht nur volksnah und komisch, sondern nutzte ihre Popularität auch außerhalb des Theaters als Vorkämpferin für die Emanzipation der Frauen.

<div class="text-content spacer-horizontal__inset-narrow" id="bkmrk-in-lightbox-%C3%B6ffnen-c"><div class="detail-picture detail-picture--left text-content"><figure class="detail-picture__figure"><div class="detail-picture__picture"><picture class="picture is-lazy is-active"><source media="(min-width: 786px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/4/215934_original.jpg?FD5C4"><source media="(min-width: 490px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/4/215934_article_side.jpg?313E9">![Claire Waldoff, Berliner Sängerin, Schauspielerin und Kabarettistin - Aufnahme um 1927](https://www.bpb.de/cache/images/4/215934_article_side.jpg?313E9)</source></source></picture><button class="lightbox-toggle"><span class="a-visually-hidden" lang="de">In Lightbox öffnen</span></button></div><figcaption class="detail-picture__description">Claire Waldoff, Berliner Sängerin, Schauspielerin und Kabarettistin - Aufnahme um 1927 (© picture-alliance, akg)

</figcaption></figure></div></div>Die Auftritte populärer Sänger und Komiker bildeten einen Kontrast zu den opulenten Ausstattungsnummern, die durch Masse statt durch individuelle Künstler wirkten. Neben den Stars wurden auch bekannte Schlager, oft Adaptionen US-amerikanischer Songs, in die Revuen integriert und gezielt im Programmheft beworben. Die Mehrfachnutzung von Text und Musik in unterschiedlichen Kontexten wurde bereits bei der Komposition bzw. der Textproduktion mitgedacht.

Schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren Bühnenwerke hauptsächlich über die Sekundärrezeption ihrer Musik außerhalb des Theaters bekannt geworden (z. B. in Form von Arrangements oder Drehorgelklängen) – nun verschärfte sich diese Situation angesichts von Rundfunk und Grammophonplatten nicht nur, sondern wurde auch gezielt für Werbemaßnahmen genutzt. Auf den Titeln der Schallplatten und Notenblätter fand sich der Zusatz "aus der Revue …"; die Musiknummern wiederum wurden strategisch an herausgehobenen Punkten in die Dramaturgie des Theaterabends eingebaut, sodass ein Wiedererkennungseffekt eintreten konnte. Die Bedeutung verschiedener medialer Kanäle für den Erfolg einer Revue ist z. B. aus dem Schlager *Ich bin die Marie von der Haller-Revue* herauszulesen, der in der Revue *Schön und schick* gesungen wurde: "Ich bin die Marie von der Haller-Revue, im Tanzen bin ich ein Genie, von mir steh’n Artikel bei Mosse und Scherl, man hält mich sogar für ein Tiller-Girl! Ich bin die Marie von der Haller-Revue, sie seh’n meine Fotografie in der BZ, drunter steht’s fett: Marie von der Haller-Revue!"

<div class="text-content spacer-horizontal__inset-narrow" id="bkmrk-in-lightbox-%C3%B6ffnen-d"><div class="detail-picture detail-picture--right text-content"><figure class="detail-picture__figure"><div class="detail-picture__picture"><picture class="picture is-lazy is-active"><source media="(min-width: 900px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/0/215930_original.jpg?F5AED"><source media="(min-width: 490px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/0/215930_article_side.jpg?3DD02">![Weiße Rose, getanzt von den Tillerettes-Tänzerinnen im Variete Wintergarten in Berlin - 1932](https://www.bpb.de/cache/images/0/215930_article_side.jpg?3DD02)</source></source></picture><button class="lightbox-toggle"><span class="a-visually-hidden" lang="de">In Lightbox öffnen</span></button></div><figcaption class="detail-picture__description">Die Tillerettes-Tänzerinnen im Variete Wintergarten in Berlin - 1932 (© Bayerische Staatsbibliothek München, Scherl's Magazin Seite 94 - 1296 6.1930, H.12, Dezember)

</figcaption></figure></div></div>Man kennt also das Girl Marie aus der Zeitung, wie die Nennung der Verlagshäuser Mosse und Scherl sowie der Berliner Zeitung BZ im Schlager verdeutlicht, und nicht etwa von der Bühne, wo sie in der Masse der anderen Girls unterging. Die Anspielung auf die berühmtere Tanzformation der Tiller-Girls zeigt zudem, wie auf bereits bekannte Vorbilder Bezug genommen wurde und diese zur Steigerung der eigenen Bedeutung funktionalisiert wurden. Spätestens als ganz Berlin und damit auch das ganze Deutsche Reich die Melodie des Schlagers pfiff, sang und dazu Foxtrott tanzte, war die Haller-Revue buchstäblich in aller Munde und die Werbestrategie der Autoren aufgegangen.

Die Dramaturgie der Revue, deren Wesen der Kritiker Hans Heinz Stuckenschmidt einmal als "es ist ihre Form, keine Form zu haben" beschrieb, sowie die selbstverständliche Integration "jazziger", d. h. tanzmusikalischer Musiknummern, hatten enormen Einfluss auch auf andere Bereiche des Musiklebens. Nicht nur das avancierte Musiktheater experimentierte mit neuartigen dramaturgischen Formen und Jazz-Elementen wie z. B Brecht / Weills *Dreigroschenoper* oder auch Hindemiths Oper *Neues vom Tage*. Auch in der Operette versuchte man mit Revue-Elementen zu arbeiten. So brachte etwa Hermann Haller 1930 Emmerich Kálmáns *Cszardasfürstin* als Revue-Operette mit neuen (zusätzlichen) Musiknummern heraus.

Auch Charell experimentierte mit Operetteninszenierungen und produzierte u. a. das *Dreimäderlhaus*, den *Mikado* und *Die lustige Witwe* in Neufassungen. Den größten Erfolg landete er 1930 mit seiner letzten Revueoperette im Großen Schauspielhaus, dem *Weißen Rößl*, das er anschließend auch in London, Paris und New York inszenierte. Charell erweiterte die Musik des damals bereits als Revue- und Operettenkomponist bekannten Wieners Ralph Benatzky um Schlager von Robert Stolz (*Die ganze Welt ist himmelblau*), Robert Gilbert (*Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist*) und Bruno Granichstaedten (*Zuschau’n kann i net*). Sie erwiesen sich neben Benatzkys Hauptschlagern (*Im weißen Rössl am Wolfgangsee* oder *Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein*) als Zugnummern und trugen wesentlich zum modernen, Jazz-geprägten musikalischen Erscheinungsbild des Stückes bei. Mit seinen heterogenen Elementen wies *Das weiße Rößl* Merkmale auf, die laut Stuckenschmidt kennzeichnend für die Revue waren, nämlich den "Kontrast, das Gegeneinander und Nebeneinander sensualer Effekte, die Wechselwirkung heterogener Reizeindrücke".

**Die "Kurz-Kunst": Kabarett**

Die kleinste populäre Musiksphäre in den 1920er Jahren war sicherlich die des Kabaretts. Auch wenn es kein Massenpublikum erreichte, erwies sich sein Einfluss bzw. die Wechselwirkung mit den großen Theatern, den Tanzpalästen und der Filmmusik als bedeutend. Das musikalische Programm im Kabarett der frühen 1920er Jahre war vielfältig: Avantgardistische Tänze einer Anita Berber standen neben Balalaika-Orchestern, Violin-Solovorträgen oder Liedern. Die Chansons wurden gedichtet von Schriftstellern wie Walter Mehring, Kurt Tucholsky, Klabund oder Marcellus Schiffer; die Musik schrieben Komponisten wie <span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Friedrich Hollaender](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/210233/ich-bin-von-kopf-bis-fuss-auf-liebe-eingestellt/)</span>, Werner Richard Heymann oder Mischa Spoliansky, alle drei waren später mit Theater- und vor allem Filmmusiken erfolgreich. Musikalische Beiträge wechselten sich mit Marionettentheater, Einakter oder Stummfilmexperimenten ab.

Das Spektrum der Kabarett-Bühnen reichte von volkstümlichen Vorstadt-Theatern oder dem Linden Cabaret, wo z. B. die oben erwähnte volksnahe Claire Waldoff sang, über Rudolf Nelsons elegant-mondänes Künstlertheater bis hin zu literarisch engagierten und avantgardistisch orientierten Bühnen wie dem "Schall und Rauch" des Regisseurs Max Reinhardt, der "Rampe" der Schauspielerin Rosa Valetti oder der kleinen "Wilden Bühne", die von der Operettensängerin und Schauspielerin Trude Hesterberg geleitet wurde. Die Unternehmen waren meistens kurzlebig. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre erweiterte sich das Spektrum mit dem "Kabarett der Komiker" um eine langlebige und größere Spielstätte, die auch Varieté-Elemente in ihr Programm integrierte. "Die Katakombe", gegründet 1929 vom Kabarettisten Werner Finck, galt als dezidiert politische Bühne in einer Zeit sich verschärfender Krisen.

Das Programm im Kabarett lebte von der Parodie und der Karikatur aktueller Zeitströmungen. So wurden neben Theaterstücken und Revuen auch populäre Schlager zum Ziel des Spotts bzw. Objekt von Umdichtungen. Mit der Beteiligung von Schauspielerinnen und Schauspielern wie Kate Kühl, Kurt Gerron oder Rosa Valetti standen Vertreter des späteren Brecht-Theaters auf der Bühne, deren Persönlichkeiten teilweise noch die Nachkriegszeit prägten. Dass der Klang ihrer Stimmen und ihre Chanson-Interpretationen aus der Nachkriegszeit allerdings nicht einfach mit dem Klang der 1920er Jahre gleichgesetzt werden können, zeigen einige der wenigen überlieferten Aufnahmen aus dem Kabarett der Zwischenkriegszeit: So offenbart z. B. das Chanson *Charlot*, gesungen von Kate Kühl, in einer Aufnahme von 1929 eine deutlich höhere Stimmlage der Sängerin als wir sie von Aufnahmen aus der Nachkriegszeit kennen. Auch die Begleitung mancher Lieder, die ursprünglich nur mit Klavier gesungen wurden, wurde in der Nachkriegszeit neu arrangiert.

Wesentlich ist für die Musik im Kabarett ein Merkmal, welches Werner Richard Heymann für das Kabarettchanson beschreibt und das wir auch im Schlager der 1920er Jahre wiederfinden: "Kabarett wird oft als Kleinkunst bezeichnet, man müsste es eigentlich ‚Kurz-Kunst‘ nennen. Man hat nämlich beim Kabarett keine Zeit. Das wesentlichste Merkmal der Dichtung und Musik beim Kabarett scheint mir zu sein, dass man mitten hineinspringen muss, dass man keine Zeit hat, vorzubereiten, sondern mit beiden Füßen sofort in der zu beschreibenden oder zu erlebenden dramatischen Situation drin sein muss." Die gegen Ende der 1920er Jahre im Schlager-Refrain perfektionierte Prägnanz und Kürze findet sich also bereits zu Beginn der 1920er Jahre im Kabarett, auch wenn hier ein anderer (literarischer) Anspruch damit verbunden wird.

Der "Sound" der 1920er Jahre war in Sachen populärer Musik geprägt von Tanzmusik und Schlager, die sich ihren Weg nicht nur in Tanzpaläste, Bars und Caféhäuser bahnten. Auch kleinere und größere Bühnen bis hin zu Oper und Film wurden von den neuen Klängen angesteckt und integrierten sie in ihr spezifisches Repertoire und ihre Tonsprache. Durch Grammophon und Rundfunk konnten breite Bevölkerungsschichten noch weit von den Aufführungsorten entfernt an populärer Musik teilhaben und diese in ihren Alltag integrieren: die Nadel kratzte auf der Schallplatte, der Radioapparat rauschte, während die richtige Frequenz gesucht wurde, dann erklang aus dem Gerät der neuste Schlager. Auch inhaltlich knüpften die Lieder mit Figuren wie dem Gigolo oder der Verkäuferin an den Alltag dieser Bevölkerungsschichten an. Weiterhin bedeutungsvoll blieb aber auch live gespielte Musik, die allabendlich in unzähligen Kneipen, Ballhäusern, Tanz- oder Kellerlokalen, Bars und Theatern zu hören war. Dort mischte sie sich mit dem Klang der Menge, dem Schleifen der Schuhe auf dem Tanzparkett, den Gläsern, Gesprächen und dem Applaus. So teilten und prägten Musiker und Publikum in den 1920er Jahren den ganz spezifischen "Sound" populärer Musik, den uns die Tondokumente der Grammophonplatten nur eingeschränkt, aber doch zumindest ein wenig wieder lebendig machen können.

##### 3. Hallo! Hallo! Hier Radio! Geschichte der Radiosignale

**Rundfunkschlager, Pausenzeichen, Hymnen und Jingles – die Welt der Radiosignale ist äußerst vielseitig. Unzählige akustische Kennungen sollen die Aufmerksamkeit des Publikums auf den eigenen Sender und das eigene Programm lenken und die Hörerinnen und Hörer jeweils darüber informieren, welche Station sie gerade eingeschaltet haben. Diese klingenden und tönenden Visitenkarten sind untrennbar mit der Geschichte des Rundfunks verbunden. Sie erfüllten wichtige sende- und empfangstechnische Aufgaben und waren Gegenstand rundfunkpolitischer Debatten und eines nicht immer nur friedlichen Wettbewerbs im Äther. Durch ihren ständigen Einsatz, ihre leichte Erkennbarkeit und ihre Eingängigkeit übernehmen sie nach wie vor eine identitätsstiftende Rolle. Viele der Radiosignale gingen in das kulturelle akustische Gedächtnis ein und sind bis heute ein beliebtes Objekt für radionostalgische Erinnerungen.**

**Werbung für den Rundfunk**

<div class="text-content spacer-horizontal__inset-narrow" id="bkmrk-in-lightbox-%C3%B6ffnen-1"><div class="detail-picture detail-picture--left text-content"><figure class="detail-picture__figure"><div class="detail-picture__picture"><picture class="picture is-lazy is-active"><source media="(min-width: 708px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/4/215724_original.jpg?0D84D"><source media="(min-width: 490px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/4/215724_article_side.jpg?FAD0E">![Paar beim Radiohören - Foto auf der Rueckseite handschriftl. datiert 4.11.1928, digital koloriert.](https://www.bpb.de/cache/images/4/215724_article_side.jpg?FAD0E)</source></source></picture><button class="lightbox-toggle"><span class="a-visually-hidden" lang="de">In Lightbox öffnen</span></button></div><figcaption class="detail-picture__description">1928: Paar beim Radiohören (© picture-alliance, akg-images)

</figcaption></figure></div></div>"Hallo, hallo! Hier Radio! / Das macht die Menschen lebensfroh. / Von früh bis spät brennt lichterloh / In Leid und Schmerz mein junges Herz fürs Radio. / Hallo, hallo! Das Mikrofon / Kennt selbst der kleinste Bengel schon. / Weiß jeder, ich bin da, / Wenn irgendwas geschah / Und rufen laut: Hurra!" Diese sich so nachdrücklich Gehör verschaffenden Zeilen bilden den Auftakt des sogenannten *Norag-Marsches*. Gesungen vom Hamburger Studio-Ensemble um Publikumslieblinge wie Bernhard Jakschtat, Isa Roland und Erwin Bolt wurde die Werbeschallplatte in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre rasch ein äußerst populärer Schlager. Der *Norag-Marsch*formulierte eine klare Werbebotschaft für das junge Medium Radio und wusste mit einem Potpourri von angesungenen Liedzeilen ein umfängliches Versprechen von Unterhaltung, Freude und Geselligkeit speziell mit dem Namen des Senders zu verbinden – der Norag, der Nordischen Rundfunk AG. Im Refrain heißt es: "Hier ist die Norag mit dem Detektor, hier ist die Norag für ihn und Hektor. Hier ist die Norag für Jedermann, der zwei Mark im Monat noch bezahlen kann. Hier ist die Norag für kluge Schädel, hier ist die Norag fürs kleine Mädel. Hier ist die Norag für Dich, mein Kind, wenn wir beide ganz allein zu Hause sind."

Geschrieben hatte diese radiophone Werbebotschaft für den 1924 in Norddeutschland an den Start gegangenen Sender Horst Platen (1884 – 1964); er war ab 1926 Erster Kapellmeister und bald darauf schon Hauskomponist der Norag. Die akustische Botschaft reihte sich in die vielfältigen Aktivitäten ein, die die hauseigene Werbeabteilung koordinierte. In den jährlichen Geschäftsberichten ist unter anderem von Werbewagen die Rede, die man in die Städte und aufs Land schickte, um dort Veranstaltungen durchzuführen, zudem von Auftritten auf Messen, in Schulen und bei Sportvereinen sowie von den "Rundfunk-Werbetagen", welche als "Volksfeste" gestaltet wurden. Der *Norag-Marsch* wird dabei nicht gefehlt haben.

Der Rundfunk gab sich, mit solch professioneller PR und mit, jenseits der Werbung im Programm, publikumswirksamer Off-air-Promotion, bei seiner Markteinführung als äußerst modern und attraktiv. Es sollte – so die Werbebotschaft – chic und "in" sein, zu den Radiohörern zu gehören.

**Werbung für den Rundfunk**<button class="button-interactive"></button>

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/X57image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/X57image.jpeg)

<div class="opening-header__inner spacer-horizontal__inset-breakout" id="bkmrk-%28%C2%A9-picture-alliance-"><div class="scroller-container scroller-gallery"><div class="scroller-film"><div class="scroller flickity-resized flickity-enabled is-draggable" data-draggable-to-right="true"><div class="flickity-viewport"><div class="flickity-slider" role="list"><div aria-hidden="true" class="scroller__item scroller-gallery__item" role="listitem" tabindex="-1"><div class="scroller-gallery__transformer"><div class="scroller-gallery__button-interactive"><div class="flag-context"><div class="flag-remote"><div class="scroller-gallery__copyright">(© picture-alliance / IMAGNO/Österreichisches Theaterm)</div></div></div></div></div></div></div></div></div></div></div></div>1924: Die Radiogirls aus der Revue "Alles per Radio" von Gustav Beer und Karl Farkas in Wien.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/xIsimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/xIsimage.jpeg)

<div class="scroller-gallery__copyright" id="bkmrk-%28%C2%A9-picture-alliance%2C">(© picture-alliance, IMAGNO/Austrian Archives)</div>Straßenwerbung mit einem Modell des Berliner Funkturms für die "Grosse Deutsche Funkausstelllung". - Undatiertes Foto von 1932

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/hsEimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/hsEimage.jpeg)

<div class="opening-header__inner spacer-horizontal__inset-breakout" id="bkmrk-%28%C2%A9-picture-alliance%2F"><div class="scroller-container scroller-gallery"><div class="scroller-film"><div class="scroller flickity-resized flickity-enabled is-draggable" data-draggable-to-right="true"><div class="flickity-viewport"><div class="flickity-slider" role="list"><div aria-hidden="true" class="scroller__item scroller-gallery__item" role="listitem" tabindex="-1"><div class="scroller-gallery__transformer"><div class="scroller-gallery__button-interactive"><div class="flag-context"><div class="flag-remote"><div class="scroller-gallery__copyright">(© picture-alliance/akg)</div></div></div></div></div></div></div></div></div></div></div></div>Werbeszenerie: "Weihnachten! Der Radioapparat, das schönste Geschenk für die ganze Familie". Eine Familie betrachtet den neuen Radioapparat auf dem

Gabentisch. Undatiertes Foto (um 1930).

<div class="opening-header__inner spacer-horizontal__inset-breakout" id="bkmrk--6"><div class="scroller-container scroller-gallery"><div class="scroller-film"><div class="scroller flickity-resized flickity-enabled is-draggable" data-draggable-to-right="true" id="bkmrk--7"><div class="flickity-viewport"><div class="flickity-slider" role="list"><div aria-hidden="true" class="scroller__item scroller-gallery__item" role="listitem" tabindex="-1"><div class="scroller-gallery__transformer"><div class="scroller-gallery__button-interactive"><div class="flag-context"><div class="flag-remote"><div class="scroller-gallery__description"><div class="expandable expandable--read-more scroller-gallery__read-more expandable--expanded"><div aria-hidden="false" class="expandable__inner" id="bkmrk--8" tabindex="-1"></div></div></div>  
</div></div></div></div></div><div aria-hidden="true" class="scroller__item scroller-gallery__item" role="listitem" tabindex="-1"><div class="scroller-gallery__transformer"><picture class="picture is-lazy scroller-gallery__picture is-active"></picture><div class="scroller-gallery__button-interactive"><div class="flag-context"><div class="flag-remote"><button class="button-interactive"></button>  
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</div></div></div></div></div></div>Die beziehungsfördernde Wirkung des *Norag-Marsches* stand damals nicht allein. Immer wieder wurde auch die Anziehungskraft beschworen, die das neue Medium ausübte, etwa wenn es in einem anderen, ab 1925 von Max Kuttner gesungenen Rundfunkschlager heißt: "Manche Maid / Wenn schon Schlafenszeit / Steigt ins Bettchen empfangsbereit / Und sie genießt mit dem Ohr / Ihren Lieblingstenor / Horizontal ideal. / Die schöne Adrienne / Tschintatata-ta-ta-ta-ta-ta-radio / Hat eine Hochantenne." In den Radiozeitschriften und in den Werbeanzeigen der Radioindustrie wurden entsprechende Fotos abgebildet, die auf das Vergnügen mit dem Unterhaltungsrundfunk abhoben und die sinnliche Beziehung zum neuen Apparat herausstellten.

**Hallo, hallo, hier Radio!<span class="opening-header__subtitle">Galerie</span>**

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/ohcimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/ohcimage.jpeg)

<div class="opening-header__inner spacer-horizontal__inset-breakout" id="bkmrk-%28%C2%A9-ndr%29"><div class="scroller-container scroller-gallery"><div class="scroller-controls"><div class="scroller-gallery__copyright">(© NDR)</div><button class="button-interactive"></button></div></div></div>Postkarte mit Werbung für die Norag (1923)

**Pausenzeichen**

Sende- und empfangstechnisch bedingt meldeten sich die Rundfunkmacher damals gern mit Aufmerksamkeit heischenden "Hallo, hallo!"-Rufen zu Wort. Oder sie wandten sich an ihr Publikum regelrecht fordernd, etwa im Oktober 1923, als die Funk-Stunde Berlin auf Sendung ging: "Achtung! Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin!" Solche Stationsansagen wurden nicht selten mit der Nennung der Frequenz verbunden, auf der das Programm zu empfangen war. Denn noch war es für die Besitzer vor allem kleiner und leistungsschwacher Geräte mitunter schwierig, einen Sender einzustellen und einen guten Empfang zu erzielen.

Die Stationsansagen waren das Signal, dass das Programm begann. In den ersten Jahren füllte es allerdings noch nicht den gesamten Tag. Erst nach und nach weiteten sich die Sendezeiten der einzelnen Sendegesellschaften aus. Zu den anfänglichen Abendstunden kamen ein paar Stunden Nachmittags- und ein paar Stunden Vormittagsprogramm. Zwischen diesen sogenannten Programminseln herrschte Sendepause. Aber auch während dieser Pausen wollte man im Äther akustisch präsent sein, damit die einmal gefundene Frequenz identifizierbar blieb. Hierfür erfand man das Pausenzeichen.

Zunächst setzten die einzelnen Sender noch sehr einfache Mittel ein. Beliebt waren vor allem charakteristische Morsezeichen wie "h – a" ab Januar 1925 für Hamburg bzw. ab 1926 "m – ü" (München) und "n – g" (Nürnberg) für die beiden Sender der *Deutschen Stunde* in Bayern. Einen anderen Weg hatte bereits im November 1924 die Mitteldeutsche Rundfunk AG (Mirag) eingeschlagen. Sie nahm das Ticken eines Weckers mit einem Fernsprechmikrofon auf und überbrückte damit die Funkstille. Dies fand Nachahmer in Breslau und Berlin. Das Ticken ihrer Wecker war jedoch langsamer und weniger hektischer als das des Leipziger Pausenweckers, der eine Schlagzahl von 240 Ticks pro Minute hatte.

Die Techniker der Sendegesellschaften experimentierten damals auch mit Metronomen, Glockenspielen und Kuckucksuhren. Sie entwickelten darüber hinaus zunehmend aufwändigere Apparaturen, um jeweils charakteristische Pausentöne mechanisch zu erzeugen und zu senden. Speziell nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurden solche technischen Errungenschaften gefeiert. Wiederholt gab die Rundfunkpresse einen Überblick über die mittlerweile vielen verschiedenen Pausenzeichen und berichtete stolz von neuen Pausengeräten, so z. B. die *Funkschau* im Frühsommer 1933: "Das neue Pausenzeichen des Deutschlandsenders wird erzeugt, indem eine Walze mit entsprechend eingesetzten Stiften Metallzungen anschlägt, die in verschiedener Tonhöhe schwingen. Diese Zungen befinden sich vor der Spule eines kleinen Magneten und rufen so in dieser Spule Wechselströme hervor, die genau den Tönen entsprechen, auf die sie selber abgestimmt sind. Nach entsprechender Verstärkung werden diese Wechselströme auf den Sender gegeben. Man sieht auf der Walze deutlich, wenn man von links nach rechts geht, in der Anordnung der Stift, die Melodie, darüber die Begleitstimme." Auch die Pause musste im Rundfunk tönend sein.

**Radiosignale**

<div class="text-content spacer-horizontal__inset-narrow" id="bkmrk-in-lightbox-%C3%B6ffnen-j-1"><div class="detail-picture detail-picture--right text-content"><figure class="detail-picture__figure"><div class="detail-picture__picture"><picture class="picture is-lazy is-active"><source media="(min-width: 642px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/8/215728_original.jpg?80917"><source media="(min-width: 490px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/8/215728_article_side.jpg?0FE81">![Etwa 12-jähriger Bub an einem Radioapparat. Um 1930. Photographie.](https://www.bpb.de/cache/images/8/215728_article_side.jpg?0FE81)</source></source></picture><button class="lightbox-toggle"><span class="a-visually-hidden" lang="de">In Lightbox öffnen</span></button></div><figcaption class="detail-picture__description">Junge am Radioapparat. Um 1930 (© picture-alliance, IMAGNO)

</figcaption></figure></div></div>Pausenzeichen sind wahrscheinlich die bekanntesten akustischen Kennmarken in der Rundfunkgeschichte. Doch es gibt eine Fülle von musikalischen bzw. akustischen Symbolen und Zeichen mit Repräsentationsfunktion. Ludwig Stoffels vom Deutschen Rundfunkarchiv fasste 1989 diese unter dem Begriff der Rundfunksignale zusammen. Für einen Katalog, der mehrere Hundert *Rundfunksignale nach Ländern* auflistete, definierte er einleitend: "Unter Rundfunksignale im weiten Sinne lässt sich die Gesamtheit der vom Rundfunk ausgestrahlten Pausenzeichen, Signets und sonstigen Erkennungszeichen verstehen. Sie dienen der Identifikation einer Sendegesellschaft, eines Senders bzw. Studios, eines Programms, eines Programmsegments, einer Sendereihe usw."

In der Rundfunkgeschichte spielten Hymnen allgemein und speziell die Nationalhymnen eine große Rolle. Sie verbanden sich mit dem akustischen Auftritt der Sender. Ein besonderes Beispiel sind die "Olympia-Hymnen", die die Rundfunkberichterstattung von den sportlichen Großereignissen leitmotivisch prägen können. Sehr bekannt sind die Fanfarenstöße, die 1936 zur Berichterstattung des NS-Rundfunks über die Olympischen Spiele in Berlin gehörten. Ein anderes Beispiel ist das Lied *Ich hab’ mich ergeben mit Herz und mit Hand*, das ein nationales Bekenntnis formuliert und aus der Tradition der Burschenschaftslieder des 19. Jahrhunderts stammt. Nach dem Ende des Krieges wurde es in den Westzonen bis zur Annahme des Grundgesetzes 1949 als Ersatz für die fehlende Nationalhymne gesungen. Der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) spielte es zum Abschluss jedes Sendetags gegen 24 Uhr.

Mit der Entscheidung für eine Hymne drückt ein Sender einen expliziten politischen Anspruch aus. So bildete etwa ab Mai 1945 die von Pierre Degeyter 1888 komponierte *Internationale*, das Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung, das Rundfunksignal des ostdeutschen Berliner Rundfunks. Mit der Gründung der DDR im Jahr 1949 wählten mehrere Programme des Berliner Senders die Nationalhymne *Auferstanden aus Ruinen* als ihr Erkennungszeichen. Sie gehörte schließlich untrennbar zu Radio DDR sowie zum im November 1971 in "Stimme der DDR" umbenannten Deutschlandsender.

Einen politischen Anspruch manifestieren auch die Radiosignale, die die Nationalsozialisten ihren Sendern und Programmen während des "Dritten Reiches" zur Auflage machten. *Üb’ immer Treu’ und Redlichkeit* mochte als Volkslied noch an bürgerliche Tugenden appellieren – der Deutsche Kurzwellensender und der Deutschlandsender verwendeten eine kurze Melodiefolge daraus seit 1933. Mit dem Beginn des Matrosenchors *Steuermann, lass die Wacht* setzte der Hamburger Sender ab Mai 1933 die von der nationalsozialistischen Führung so geschätzten Wagnerschen Opernklänge ein. Der Reichssender Frankfurt ließ ab Januar 1935 die Fanfaren des antifranzösischen Kriegslieds *Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein* blasen. Für andere Reichssender ist das *Deutschlandlied* als Radiosignal nachgewiesen.

<div class="text-content spacer-horizontal__inset-narrow" id="bkmrk--10" style="text-align: justify;"><div class="detail-picture detail-picture--left text-content"><figure class="detail-picture__figure"><figcaption class="detail-picture__description"><picture class="picture is-lazy is-active"><source media="(min-width: 400px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/7/218967_original.png?FC863"></source></picture>

</figcaption></figure></div></div>Eines der markantesten Radiosignale der deutschen Rundfunkgeschichte stammt aus Großbritannien. Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs startete der*European Service* der *BBC* seine sehr erfolgreiche "V-Kampagne". Das "V" für *victory* wurde in den von Deutschland besetzten Ländern konspirativ auf Wände gemalt und alliierte Flugzeuge warfen Handzettel mit dem "Victory"-Zeichen über dem Feindesland ab. Prägend aber wurde das akustische "V", das Morsezeichen "kurz, kurz, kurz, lang" des *Deutschen Dienstes* der BBC. Er stellte dieses Signet – jeweils drei Mal wiederholt, gespielt auf einer Pauke – seinen Berichten vom 28. Juni 1941 bis 8. Mai 1945 voran. Die Tonfolge war auch der Anfang von *Beethovens 5. Sinfonie*. Wie sehr das "V"-Radiosignal im kulturellen Gedächtnis verankert ist, zeigt sein häufiger Einsatz in Film-, Fernseh- und Radiodokumentationen. Geschichtsjournalisten können auf seine Bekanntheit bauen.

**Neustart in der Nachkriegszeit**

Nach den Erfahrungen des "Dritten Reiches" wurde im Rundfunk auf einen politischen Neubeginn gesetzt. Die Sender in der sowjetischen Besatzungszone, sehr bald unter direkte staatliche Kontrolle gestellt, verkündeten ihren politischen Anspruch im Äther. Aber auch im Westen gab man sich programmatisch. Der Beginn des Knabenchors *Bald prangt, den Morgen zu verkünden*aus Mozarts *Zauberflöte* wurde zum akustischen Senderzeichen des neu gegründeten Südwestfunks (SWF) in der französischen Zone. Die Tonfolge unterstrich die aufklärerischen kulturpolitischen Ziele, die man ab März 1946 im Programm verfolgte.

Das Signal von Radio München bzw. ab 1949 des Bayerischen Rundfunks betonte hingegen die regionale Identität. Die erste Zeile der Stadthymne Münchens *So lang der alte Peter* war von 1948 bis 1951 um eine Silbe verkürzt zu hören. "So lang der alte Pe …" war das Signal. Ab Oktober 1951, als der Turm der Peterskirche in München und sein Glockenspiel wiederhergestellt waren, ertönte das Signet wieder zusammen mit der fehlenden Silbe "-ter". Diese Senderkennung wurde bis Ende 1996 verwendet.

Radio Frankfurt bzw. ab 1949 der Hessische Rundfunk verwendete zunächst einen Dreiklang der Töne f, d und a; im November 1946 wählte man dann ein Hornmotiv aus der Oper *Die Königskinder*, die Engelbert Humperdinck in Frankfurt 1895 / 97 komponiert hatte. Charakteristisch aber sollte das neue Sendersignet werden, das der Frankfurter Sender sich Mitte der 1950er Jahre zulegte. Programmdirektor Henning Wicht wollte sich dezidiert von den melodiösen Lautfolgen der anderen ARD-Sender unterscheiden und schrieb einen Wettbewerb im Bereich der elektronischen Musik aus. Der Komponist Hermann Heiß (1897 – 1966) reichte 17 Klangmodelle ein, die er in Studios für elektronische Musik in Köln und Frankfurt zusammengestellt hatte, und gewann die Ausschreibung. Eines davon wurde am 1. Mai 1955 zum ersten Mal ausgestrahlt. Dieses elektronische Pausenzeichen prägte fortan den Hessischen Rundfunk und verlieh ihm ein außerordentlich modernes Image.

Die Erkennungszeichen der ARD-Sender waren vielfach präsent. Sie gewährleisteten die Erkennbarkeit der Radioprogramme bei Sende- und bei Umschaltpausen. Gesteigert wurde ihr hoher Wiedererkennungseffekt durch die Verwendung als akustische Signets beim Fernsehen. Schaltete man das Erste Programm ein, das von den unterschiedlichen Rundfunkanstalten gemeinsam veranstaltet wird, erschien zum Beginn eines Programmbeitrags das Logo der jeweils verantwortlichen Anstalt auf dem Bildschirm, begleitet von ihrem tönenden Signet. Die akustischen Kennmarken der Rundfunkanstalten im Senderverbund der ARD waren also über die einzelnen Bundesländer hinaus in ganz (West-)Deutschland präsent und stellten eine einzigartige Visitenkarte und ein Programmversprechen dar.

Wie sehr solche symbolischen Verdichtungen rundfunk- und kulturpolitisch aufgeladen waren, kann an zwei Beispielen veranschaulicht werden. Das erste zeigt, welches Konfliktpotenzial ein Pausenzeichen haben kann. Von 1945 bis 1955 gehörte das Funkhaus Köln zum NWDR. Das große Rundfunkgebilde für die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und die Freie und Hansestadt Hamburg erlebte man an Rhein und Ruhr als Bevormundung und Zwangsgemeinschaft. Die akustische Kennmarke für alle Funkhäuser des von der britischen Besatzungsmacht für ihre Zone aufgebauten Rundfunks waren zunächst zwei Takte aus Mozarts Oper *Die Zauberflöte*, die Noten von *Das klinget so herrlich* aus der Papageno-Arie.

Als ein Affront wurde eine Pressemeldung vom 6. Juli 1948 verstanden, in der es hieß: "Das neue Pausenzeichen des Nordwestdeutschen Rundfunks, dem ein Thema aus der *Sinfonie Nr. 4* von Johannes Brahms zugrunde liegt, wird am 15. Juli zum ersten Mal zu hören sein. Es ist beabsichtigt, die einzelnen Sendestationen des NWDR deutlich zu kennzeichnen, indem dasselbe Pausenzeichen jeweils von anderen Instrumenten gespielt wird. So wird es in Hamburg von zwei Oboen, in Köln von zwei Hörnern, in Berlin von zwei Klarinetten und in Hannover von zwei Trompeten gesendet." Ein Motiv des Hamburger Komponisten Johannes Brahms, lediglich anders instrumentiert für das Funkhaus in Köln – in einigen Zeitungen erschienen wütende Lesebriefe, im Westen des NWDR-Sendegebiets verschärfte diese Brüskierung durch die Hamburger Zentrale den bereits vorhandenen Unmut.

Es folgten einige Jahre schwerer rundfunkpolitischer Kämpfe, bis 1955 die Auflösung des NWDR und die Errichtung der beiden eigenständigen Rundfunkanstalten NDR und WDR beschlossen wurden. Am 1. Januar 1956 starteten die beiden neuen Sender ihre Programme. Stolz und selbstbewusst waren die akustischen Demonstrationen mit den neuen Pausenzeichen: Der NDR sendete jetzt ein Motiv aus Johannes Brahms' *2. Sinfonie* als Pausenzeichen; der WDR entschied sich für das Bundeslied *In allen guten Stunden* des Bonner Komponisten Ludwig van Beethoven.

<div class="spacer-horizontal__breakout" id="bkmrk-radioempf%C3%A4nger-blaup"><figure class="detail-picture spacer-horizontal"><picture class="picture is-lazy is-active">![Radioempfänger Blaupunkt-Stockholm (1963)](https://www.bpb.de/cache/images/1/215731_original.jpg?C05F0)</picture><figcaption class="detail-picture__description">Radioempfänger Blaupunkt-Stockholm (1963) (Wikimedia, Oguenther ) Lizenz: [cc by-nc-nd/3.0/de/](https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/)

</figcaption></figure></div>Das zweite Beispiel ist das Pausenzeichen des Saarländischen Rundfunks (SR), das im März 1956 eingeführt wurde, nachdem sich wenige Monate zuvor die Bevölkerung des Saarlands in einer Volksabstimmung für eine Anbindung an die Bundesrepublik ausgesprochen hatte. Mit dem traditionellen Bergarbeiterlied *Glück auf, der Steiger kommt* knüpfte der SR-Hauskomponist Heinrich Konietzny (1910 – 1983) an die kulturelle Identität der Industrie- und Bergbauregion an. Er verwendete eine Melodie-Sequenz, die beim Hören untrennbar mit der Textzeile "Und er hat sein helles Licht bei der Nacht (schon angezünd’t, schon angezünd’t)" verbunden ist, woraus die Aufbruchssymbolik der Klangfolge deutlich wird.

Doch das Pausenzeichen, das vom SR bis Mitte der 1990er Jahre verwendet wurde, hatte auch eine NS-Geschichte. Auf die Melodie des Steigerlieds war ab 1920 und vor allem vor der Abstimmung 1935 das Kampflied *Deutsch ist die Saar* gesungen worden und zur Sequenz des Pausenzeichens gehörte die Textzeile "Und ewig deutsch mein Heimatland (mein Heimatland, mein Heimatland)". Für viele SR-Hörerinnen und -Hörer werden beide Textbedeutungen mitgeschwungen haben. Wahrscheinlich haben die Rundfunkverantwortlichen im Saarland damals bewusst die symbolische Doppeldeutigkeit von Heimatbekenntnis auf der einen und Deutschlandzugehörigkeit auf der anderen Seite in Kauf genommen.

**Jingles im Radiomarkt**

Bis in die 1980er Jahre fanden diese akustischen Senderkennungen in Deutschland Verwendung. Mit der Einführung des Dualen Systems, also des Nebeneinanders von privaten kommerziellen Sendern und öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, zu Beginn der 1980er Jahre veränderte sich die Radiolandschaft grundlegend. Sendepausen gab es nicht mehr. Die Anzahl der Programme stieg an, das Ringen um Aufmerksamkeit wuchs. Gegenwärtig sind in Deutschland 256 Radioprogramme über Antenne, Satellit und Kabel auf dem Privatradiomarkt auf Sendung, dazu kommen 54 öffentlich-rechtliche Radioprogramme. Sie alle versuchen, die Aufmerksamkeit der Hörerinnen und Hörer auf sich zu lenken. Wer seinen Apparat einmal eingeschaltet hat, soll kontinuierlich darauf aufmerksam gemacht werden, welchen Sender er gerade hört. In der immer stärker werdenden Konkurrenz des Radiomarkts geht es um Erkennbarkeit und Identifizierbarkeit, um die Bildung einer Programmmarke, welche emotionale Bindung erlaubt und auf Nachfrage erinnert wird.

Eine Entwicklung, die in anderen Rundfunksystemen der Welt, speziell im US-amerikanischen Markt eine längere, mitunter auch sehr lange Tradition hatte, war in Deutschland in den 1980er und 1990er Jahren zu erkennen: die Formatierung von Radioprogrammen, von einzelnen Sendungen und von ganzen Sendern, d. h., alles wurde sehr strategisch geplant, um die Durchhörbarkeit zu gewährleisten und um die Hörer irritierende Momente zu vermeiden. In diesem Zusammenhang taucht der Begriff des Jingles auf, als musikalisches Erkennungszeichen, als besonderer Aufmerksamkeitswecker.

Das *Kompakt-Lexikon Medien* von Insa Sjurts definiert Jingle als "Erkennungsmelodie eines Hörfunksenders oder eines Hörfunkprogrammelements" und führt aus: "Jingles werden vorproduziert und beinhalten die Stationskennung (Name des Senders und / oder akustisches Logo), häufig weist der Jingle auch auf die inhaltliche Ausrichtung des Programms hin." Das *Handbuch für Ausbildung und Praxis im Hörfunk* von Walther von LaRoche und Axel Buchholz erklärt: "Ohne Jingles kein modernes Begleitprogramm. Jingles verbinden und trennen Programmbestandteile, kündigen eine Sendung an, sagen die Station, manchmal die Frequenz, den Namen der Sendung und den Namen ihres Gestalters. Der Jingle ist kurz, in der Regel sind sechs Sekunden die Obergrenze." Die Autoren erklären den angehenden Radio-Journalisten: Themajingles kündigen Themen an, Brückenjingles verbinden sie, Trennjingles setzen eins vom anderen ab.

Die bunte Fülle der eingängigen und mitunter als lästig empfundenen Jingles ist Teil einer Werbekommunikation. Radiojingles werden von den Sendern in Auftrag gegeben und in empirischen Wirkungsstudien auf ihren Erfolg hin untersucht. Zugleich spezialisiert sich eine Radioindustrie, die Jingles in vielen Variationen und Kombinationen entwirft, um eine Markenbildung zu erreichen und das sogenannte Audio Branding zu optimieren; die Sender sollen also einen möglichst unverwechselbaren Sound erhalten.

Es geht um viel, nämlich um die Behauptung auf einem explizit ökonomischen oder implizit um Legitimität bemühten Markt. Wenn zweimal pro Jahr in der [<span class="a-visually-hidden">Externer Link: </span>Media Analyse](http://www.agma-mmc.de/media-analyse/radio.html) eine zufällig ausgewählte, insgesamt als repräsentativ geltende Gruppe von Bürgern telefonisch befragt wird, sollen die Angerufenen sich erinnern können, welche Sender sie gestern, welche in den letzten 14 Tagen gehört haben. Alle Kennwerte wie "Hörer gestern", "weitester Hörerkreis", "Hördauer" oder "Marktanteil", die ermittelt werden, sind kommerziell verwertbare Größen. Die kleinen akustischen Elemente übernehmen also eine wichtige Funktion. Sie sind Teil einer "Ökonomie der Annoncenkultur", wie Claudia Schmölders in ihrem Rundfunkessay [<span class="a-visually-hidden">Externer Link: </span>Jingle, Trailer, Klappentext. Zur Karriere einer Textsorte](http://www.claudiaschmoelders.de/uploads/2/6/3/7/2637360/swr_2_radioessay_ber_jingles.doc) für den SWR 2006 formulierte. Diese mitunter schrille, jedenfalls sehr präsente Jingle-Umwelt – zu ihr zählen je nach Platzierung und Zuschnitt der Jingles die Claims, Bumpers oder Openers, Closers oder Stingers, Backtimers, Donuts, Promos und Drop-Ins – gehört heute zum Alltag der Radiomacher und -hörer.

##### 4. Klangwelten der Moderne 

**Die neue Zeit begann laut: mit Schüssen und Sprechchören, mit Lärm und Liedern. Es war ein Vorgeschmack auf jene lauten und dröhnenden Jahre, die nicht zu Unrecht als "Roaring Twenties" bezeichnet werden. In den Straßen der revolutionären Zentren gellten vereinzelt Schüsse. Vor allem jedoch waren es organische Klänge, die den Sound der Revolution von 1918 beherrschten. Sprechchöre skandierten: "Schießt nicht auf eure Brüder!", "Alle Macht den Räten!", aber auch bereits "Wir sind das Volk!"**

"Lasst los die Hebel der Maschinen / Zum Kampf heraus aus der Fabrik. / Dem Werk der Zukunft wolln wir dienen / Der freien Räterepublik", sangen die Revolutionäre, oder "Wir sind des Geyers schwarze Haufen / Hei a ho ho!". "Aus dem Fenster sehe ich in der Wilhelmstraße Menschenzüge. Alles läuft zusammen, Autos fahren. Heulender Lärm schallt bis ins Zimmer", notierte der Fabrikant Oskar Münsterberg in seinem Tagebuch über den Klang der Revolution in Berlin. "Trach-tach-tach! Knall und Schall / In den Häusern: Widerhall", so hatte der russische Dichter Aleksander Blok in seinem Gedicht *Die Zwölf* den Sound der russischen Revolution beschrieben. Da die technische Aufzeichnung von Tönen noch kaum entwickelt war, gibt es – soweit bekannt – keine Originaltöne der Ereignisse, sondern nur literarische Beschreibungen.

Auf den Kundgebungen und Versammlungen der Revolutionäre ging es so tumultuarisch zu, dass man oft sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Die Redner verfügten noch nicht über Mikrofon und Lautsprecher, sie waren noch ganz auf die Kraft ihrer Stimme angewiesen, sodass der Kreis ihrer Zuhörer begrenzt war. Indes war man sich der machtpolitischen Bedeutung der neuen Kommunikationstechnologien sehr wohl bewusst. In Berlin besetzten Revolutionäre *Wolffs Telegraphisches Bureau*, die zentrale Nachrichtenagentur der Reichshauptstadt, und sendeten von dort Funkaufrufe und Bekanntmachungen. Doch fanden diese Sendungen wenig Zuhörer, da die Empfangstechnologie noch kaum verbreitet war.

**Sprechen ohne Mikrofon**

Die Etablierung der ersten Republik auf deutschem Boden und die Verabschiedung einer demokratischen Verfassung hatte für die Soundgeschichte vielfältige Auswirkungen. Völlig neue Klangwelten und -technologien entstanden, ältere differenzierten sich aus. Zugleich kam es zu einer bis dahin unbekannten Politisierung von Stimmen, Klängen und Tönen, die zu einer eigenen akustischen Kennung der Weimarer Republik beitrugen.

Die gewiss folgenreichste medientechnische Innovation der 1920er Jahre war das Radio. Technisch war es das erste genuin elektrische Medium. Kulturgeschichtlich bedeutete seine Einführung eine Revolution. Als "ein Kind des Krieges" (Frank Bösch) basierte es gleich auf mehreren Erfindungen der technischen Speicherung und Distribution von Klängen und Tönen: der Telegraphie, der Telefonie, der Schallplatte, und auf der Entdeckung der Radiowellen. Erstmals ermöglichte es eine Vernetzung der menschlichen Kommunikation ohne Verdrahtung. Bereits während des Weltkriegs wurde die Radiotechnik für Kriegszwecke vervollkommnet und ausgebaut. Erste Rundfunksendungen gab es 1917 für Soldaten. 1921 wurde dann in Pittsburgh der erste öffentliche Rundfunksender der Welt in Betrieb genommen. In Deutschland begannen regelmäßige Rundfunkübertragungen am 29. Oktober 1923 in Berlin. Während in Nordamerika der Rundfunk von privaten Sendern organisiert wurde, spielte in Deutschland – nicht zuletzt als Folge der Erfahrungen der Revolution von 1918 – der Staat bei der Lenkung und Kontrolle der Programmgestaltung eine gewichtige Rolle.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/LvXimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/LvXimage.jpeg)

<div class="scroller-container scroller-gallery" id="bkmrk-um-1925%3A-drei-junge-"><div class="spacer-horizontal__breakout"><figure class="detail-picture spacer-horizontal"><figcaption class="detail-picture__description">Um 1925: Drei junge Männer liegen rund um ein Detektorradio vor ihrem Zelt in der Lobau. (© picture-alliance, IMAGNO)

</figcaption></figure></div></div>Die Möglichkeit, über große Entfernungen und Räume hinweg Stimmen, Musik und Töne jedweder Art zu verbreiten und sie an unterschiedlichen Orten fast zeitgleich zu empfangen und zu hören, hatte es bislang nicht gegeben. Erstmals reichte nun die reproduzierte Stimme über die eigenen vier Wände, die das <span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Grammophon](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209556/der-sound-aus-dem-trichter/)</span>beschallt hatte, hinaus in die Gesellschaft. Das Ergebnis: die Entstehung einer neuen Form von massenmedialer Öffentlichkeit. Mithilfe eines technischen Apparats wurde es möglich, an kulturellen, sportlichen und politischen Ereignissen teilzuhaben, ohne selbst körperlich anwesend zu sein. Durch das Radio wurde Öffentlichkeit in die private Lebenswelt integriert. Es war eine atemberaubende Erweiterung der Welt durch "neue Eindrücke, neue Erlebnisse, neue Erfahrungen" (Knut Hickethier). In diesem Sinne fungierte das Radio als ein genuin demokratisches Medium, ein "Medium für alle", das vielfach verschlossene Bereiche der Kultur öffnete und popularisierte. Ab Ende der 1920er Jahre war das Radio ein Massenmedium geworden mit etwa 3 Mio. registrierten Hörern, die zahllosen "Schwarzhörer" nicht mitgerechnet.

Insbesondere in Deutschland verstand sich das Radio zunächst primär als Unterhaltungs- und Bildungsangebot. Seine vorrangige Funktion war es, die Hörer durch Vorträge, literarische Hörspiele und klassische Musik kulturell zu bilden, durch Meldungen wie Wetterberichte und Wasserstandsmeldungen zu informieren und durch Live-Übertragungen von Konzerten und Sportveranstaltungen zu unterhalten. Insbesondere das "Meldungswesen", das beim Zeitfunk angesiedelt war, unterstrich den Anspruch, aktuell und nah am Zeitgeschehen zu sein. Wesentlich geprägt indes war das Programm durch Musik, die sich auf diese Weise von einem punktuellen Ereignis zum allgegenwärtigen "Freizeitbegleiter" (Knut Hickethier) wandelte. Zwar nutzte auch die Politik den Rundfunk, etwa bei Weihnachtsansprachen oder Regierungserklärungen der Reichskanzler, die aus dem Vox-Haus am Potsdamer Platz 1 in Berlin übertragen wurden. Ansonsten aber war man bemüht, die Politik von dem neuen Medium fern- und dieses insbesondere den radikalen Parteien vorzuenthalten.

Mit und durch das Radio entstanden neue ästhetische Präsentationsformen und gänzlich neue Klangwelten. Der <span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Schlager](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/210142/roaring-twenties/)</span><span class="Apple-converted-space"> </span>als neue kulturindustrielle Musikform wurde erst mit dem Rundfunk ein Massenphänomen, ebenso Modetänze wie der Charleston, später dann Jazz und Swing. Aber auch die Musik der "klassischen Moderne" von<span class="Apple-converted-space"> </span><span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Strawinsky](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209617/le-sacre-du-printemps/)</span>, Hindemith,<span class="Apple-converted-space"> </span><span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Honegger](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209780/fabriksirenen-nebelhoerner-dampfbootpfeifen/)</span><span class="Apple-converted-space"> </span>u. a. war in regelmäßig ausgestrahlten Komponisten-Konzerten zu hören. Live-Übertragungen von Sportveranstaltungen, etwa dem<span class="Apple-converted-space"> </span><span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Link hat Vorschau-Popup</span><span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>*Berliner Sechstagerennen*](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209786/sport-und-vergnuegungskultur/)</span>

<div aria-live="polite" class="link-preview__popup-wrapper" id="bkmrk-%C2%A0-9"><div><div aria-hidden="true" class="link-preview__popup"><div class="link-preview__popup-inner"><div><article aria-label="Linkvorschau" class="teaser-link-preview teaser-link-preview--sm-width-100"><div aria-hidden="true" class="teaser-link-preview__picture-wrapper"><figure class="teaser-link-preview__picture"><picture class="picture is-lazy is-active">![](https://www.bpb.de/cache/images/5/215695_teaser_3x2_400.jpg?DE4CE)</picture></figure></div><div class="teaser-link-preview__content"><header class="teaser-link-preview__header">
</header></div></article></div></div></div></div></div>, vermittelten nicht nur eine spezifische Atmosphäre von Teilhabe und Dabeisein, sie trugen auch zur Herausbildung einer neuen Sendeform, der Sportreportage, bei.

Als ein "Wortkunstwerk und ein Dialog des sprachmächtigen Autors mit jedem einzelnen Hörer" (Hans-Ulrich Wagner) entstand das Hörspiel als neue literarische Form. <span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Walter Ruttmann](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/210144/die-sinfonie-der-grossstadt/)</span><span class="Apple-converted-space"> </span>schuf mit seiner ausschließlich aus Geräuschen montierten Klangcollage<span class="Apple-converted-space"> </span>*Weekend*<span class="Apple-converted-space"> </span>ein Hörbild über ein typisches großstädtisches Wochenende in Berlin. Er rief damit ein völlig neues Format, die Radiogeschichte, ins Leben, das bereits Formen des<span class="Apple-converted-space"> </span>*Neuen Hörspiels*<span class="Apple-converted-space"> </span>der 1950er Jahre vorwegnahm. Und noch eine weitere Innovation kreierte das frühe Radio: die Ausstrahlung von kurzen, einprägsamen Melodien, sogenannten<span class="Apple-converted-space"> </span><span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Jingles](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209790/hallo-hallo-hier-radio/)</span>, die als akustische Erkennungszeichen im zunehmend stärker frequentierten Äther-Radiostationen bzw. später einzelne Sendungen identifizierbar machten. Solche Kompositionen begründeten eine eigenständige Gattung von Werbeschlagern und -melodien. Mit dem Marsch<span class="Apple-converted-space"> </span>*Hallo! Hallo! Hier Radio!*<span class="Apple-converted-space"> </span>machte seit 1924 die<span class="Apple-converted-space"> </span>*Nordische Rundfunk A*G (*Norag*) in Hamburg auf sich aufmerksam. Etwa zur gleichen Zeit begannen auch Unternehmen ihre Produkte erstmals im Radio mithilfe solcher Jingles zu bewerben: die Geburtstunde des kommerziellen Audio-Brandings. Akustisch wurde das neue Medium in den Bereichen Politik und Sport wesentlich von Männerstimmen beherrscht.<span class="Apple-converted-space"> </span><span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Frauen](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/210097/frauen-sprechen-hoeren/)</span>blieben im Radio die Ausnahme – ein Zustand, der bis weit in die Zeit der Bundesrepublik andauerte.

Im Bereich der Musik war das zweite Dezennium eine "goldene" Zeit der musikalischen Avantgarde. Komponisten wie <span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Arthur Honegger, George Antheil und Arseni Avraamov](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209780/fabriksirenen-nebelhoerner-dampfbootpfeifen/)</span>

<span class="Apple-converted-space"> </span>stellten sich der künstlerischen Herausforderung der neuen akustischen Umgebung: Sie integrierten Maschinen- und Verkehrsgeräusche in ihre Kompositionen und damit in die ästhetische Erfahrungsdimension der Zeitgenossen. Durch die Entwicklung neuer Klangerzeuger und die Möglichkeit der Aufzeichnung von Tonaufnahmen emanzipierte sich die Musik gleichermaßen von ihren vormodernen und sakralen Ursprüngen wie von der bürgerlichen Ästhetik. Die berühmteste künstlerische Darstellung der vielstimmigen Geräuschwelt der modernen Großstadt gelang Walter Ruttmann 1927 in seinem experimentellen Dokumentarfilm<span class="Apple-converted-space"> </span>*Berlin. Die Sinfonie der Großstadt*<span class="Apple-converted-space"> </span>zur Musik von Edmund Meisel, der ein Jahr zuvor bereits<span class="Apple-converted-space"> </span><span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Sergej Eisensteins Stummfilmklassiker *Panzerkreuzer Potemkin*](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209733/von-kinokapellen-und-klavierillustratoren/)</span>vertont hatte.

Überhaupt waren die 1920er Jahre eine Hochzeit der großen Filmkompositionen, angefangen mit Paul Hindemiths Partitur für den Bergfilm *Im Kampf mit dem Berg – In Sturm und Eis* (1921), über Gottfried Huppertz’ Komposition für Fritz Langs *Metropolis* (1925 / 26) und Dmitri Schostakowitschs Orchesterpartitur zu *Das Neue Babylon* (1928) bis hin zu Hanns Eislers Tonfilmmusik zum Proletfilmklassiker *Kuhle Wampe* (1932) von Slátan Dudow. "Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt", notierte 1930 Kurt Tucholsky gewiss überpointiert, aber nicht völlig unberechtigt in der *Weltbühne*. Nicht zuletzt stieg, begünstigt durch Rundfunk und Film, die 1927 in Berlin gegründete *Krolloper* unter der Leitung von Otto Klemperer zum wichtigsten Zentrum der "Neuen Musik" und der musikalischen Avantgarde in Europa auf.

Parallel und im Gegensatz zur autonomen Kunstmusik entwickelte sich eine neue musikalische Massenkultur aus Tanzmusik, Filmmusik und Schlager – eine "Gebrauchsmusik", deren zentralen Vermittlungsinstanzen Schallplatte, Radio und Film waren und die wiederum die musikalische "Hochkultur" inspirierte. Hinzu kam seit Ende der 1920er Jahre der Jazz, den insbesondere der erste große Ton- und Musikfilm der Geschichte, *<span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>The Jazz Singer](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/210052/the-jazz-singer/)</span>*<span class="Apple-converted-space"> </span>(USA 1927), auch in Europa populär machte. Schlager und Tanzmusik, Big Bands und Musikrevuen schufen das musikalische Image der "<span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Roaring Twenties](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/210142/roaring-twenties/)</span>": der dröhnenden Jahre des Aufbruchs. Zur optischen wie akustischen Ikone der musikalischen Moderne wurde das Saxofon, festgehalten u. a. in Otto Dix’ berühmtem<span class="Apple-converted-space"> </span>*Großstadt*-Triptychon von 1927 / 28. Zugleich stand es für eine neue Lautstärke in der Populärmusik.

Zwar blieben die Konzert- und Opernprogramme weiterhin geprägt von den Klassikern, doch neben Oper und Sinfonie traten nun zunehmend Filmkompositionen und Zeitopern wie 1928 die *Dreigroschenoper* von Bertolt Brecht und Kurt Weill oder Ernst Kreneks ein Jahr zuvor in Leipzig uraufgeführte Jazzoper *Jonny spielt auf*. Diese sollte später durch die Ausstellung *Entartete Musik*traurige Berühmtheit erhalten, galt sie doch den Nazis als Inbegriff angeblich "artfremder", d. h. "jüdischer" Musik, obwohl weder der Komponist Jude war noch "Jonny" Saxofon spielte, wie das spätere Plakat zur Ausstellung suggerierte. Neben Hochkultur, Avantgarde und Gebrauchsmusik entstand mit der <span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Arbeitermusik- und -chorbewegung](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/210236/politische-kampflieder/)</span><span class="Apple-converted-space"> </span>für wenige Jahre eine weitere Sparte der Musikkultur, wodurch Musik verstärkt in die unteren sozialen Schichten getragen und das politische Lied populärer wurde.

In dem Maße wie Schallplatte, Rundfunk und Tonfilm zu Massenmedien wurden und sich die Aufnahme- und Wiedergabetechniken verbesserten, konnten sich schließlich "Ohrwürmer" und "<span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Jahrhundertstimmen](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/210143/in-klaengen-denken/)</span>" sowie ein musikalisches Starwesen herausbilden. Erst mit der technischen Reproduzierbarkeit und dem ständigen Einhämmern durch Radio, Film und Grammophon entstanden nationale wie internationale "Gebrauchsmusikikonen", wie die von<span class="Apple-converted-space"> </span><span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Marlene Dietrich](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/210233/ich-bin-von-kopf-bis-fuss-auf-liebe-eingestellt/)</span>

interpretierten Songs aus<span class="Apple-converted-space"> </span>*Der blaue Engel*<span class="Apple-converted-space"> </span>(1930), bzw. konnten Lieder, wie<span class="Apple-converted-space"> </span>*La Paloma*, überhaupt zu Welthits werden und deren Interpreten zu gefeierten Weltstars aufsteigen. All diese Entwicklungen indes blieben nicht unwidersprochen. Während Thomas Mann im *Zauberberg* 1924 die Entdeckung des Grammophons noch liebevoll als epochales Ereignis beschrieben hatte, verhöhnte Hermann Hesse 1927 im *Steppenwolf* Grammophon und Radio als Zeichen des Niedergangs der abendländischen Kultur: "Achten Sie darauf, wie diese irrsinnige Schallröhre scheinbar das Dümmste, Unnützeste und Verbotenste von der Welt tut und eine irgendwo gespielte Musik wahllos, dumm und roh, dazu jämmerlich entstellt, in einen fremden, nicht zu ihr gehörigen Raum hinein schmeißt \[…\], wie das Radio die herrlichste Musik der Welt zehn Minuten lang wahllos in die unmöglichsten Räume wirft, in bürgerliche Salons und in Dachkammern, zwischen schwatzende, fressende, gähnende, schlafende Abonnenten hinein, so, wie es diese Musik ihrer sinnlichen Schönheit beraubt, sie verdirbt, verkratzt und verschleimt und dennoch ihren Geist nicht ganz umbringen kann."

<div class="detail-picture detail-picture--left text-content" id="bkmrk-in-lightbox-%C3%B6ffnen-b"><figure class="detail-picture__figure"><div class="detail-picture__picture"><picture class="picture is-lazy is-active"><source media="(min-width: 800px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/8/217518_original.jpg?25CC6"><source media="(min-width: 490px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/8/217518_article_side.jpg?B5230">![Blick auf den Potsdamer Platz mit Verkehrsturm aus erhöhter Sicht. - 1929](https://www.bpb.de/cache/images/8/217518_article_side.jpg?B5230)</source></source></picture><button class="lightbox-toggle"><span class="a-visually-hidden" lang="de">In Lightbox öffnen</span></button></div><figcaption class="detail-picture__description">Blick auf den Potsdamer Platz mit Verkehrsturm aus erhöhter Sicht. - 1929 (© Bundesarchiv Bild 183-R93426 / Fotograf o.A.)

</figcaption></figure></div>Wie schon das Etikett der "Roaring Twenties" signalisierte, waren die 1920er Jahre nicht nur in Deutschland ein lautes und lärmendes Jahrzehnt. Anders als während der Kaiserzeit wurde vor allem der <span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Lärm der Großstadt ](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/210141/rumm-rumm-haut-die-dampframme/)</span>zum Thema in Kultur und Politik. Künstler wie George Grosz und Otto Dix sowie Schriftsteller und Dichter wie Alfred Döblin und Kurt Schwitters thematisierten die zeitgenössischen Klangwelten in ihren Arbeiten. Und erstmals kümmerten sich auch Politik und Verwaltungen um den Lärm und ließen, wie seit Ende der 1920er Jahre in New York, Messungen durchführen, deren Ergebnisse in Lärmkarten festgehalten wurden. Voraussetzung für solche wissenschaftlich basierten Datenerhebungen war die Einführung des Dezibels (dB) als Messeinheit für die Lautstärke des Schalls im Jahr 1925. Erstmals war damit Lärm vergleichbar geworden. In einer Bestandsaufnahme von 1930 registrierte das New Yorker Gesundheitsamt, dass, anders als vor der Jahrhundertwende nun technische Geräuschquellen wie Autos, Züge, Straßenbahnen, Bauarbeiten, Lautsprecher und Radios dominierten.

Die Politisierung von Musik und Klang kann geradezu als ein Kennzeichen der 1920er und beginnenden 1930er Jahre angesehen werden. Dies zeigte sich bereits 1922 bei den heftigen Diskussionen um die Kanonisierung des *Deutschlandlieds* zur neuen Nationalhymne. In der fragmentierten politischen Kultur der Republik blieb es stets umstritten und wurde nur von einer Minderheit der Demokraten anerkannt und gesungen. Repräsentativ für die innere Zerrissenheit auch auf musikalischer Ebene war die Tatsache, dass vor allem die politisch extremen Lager eigene "Hymnen" besaßen, die sie der Republik lautstark entgegenschmetterten. Lieder und Lärm wurden geradezu als politische Waffen entdeckt. Mit dem Marschtritt ihrer Kolonnen, mit <span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Kampfliedern](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/210236/politische-kampflieder/)</span>wie<span class="Apple-converted-space"> </span>*SA marschiert*<span class="Apple-converted-space"> </span>und Sprechchören wie "Deutschland erwache" oder "Juda verrecke" machte Hitlers NSDAP auch akustisch in der Öffentlichkeit auf sich aufmerksam. Unter lautem Gejohle fielen SA und SS in die Hochburgen des politischen Gegners ein, um ihn einzuschüchtern oder ganz zum Schweigen zu bringen. Dem Getöse von rechts antworteten die Kommunisten mit Schalmeien-Kapellen und eigenen Kampfliedern. Insbesondere gegen Ende der Republik wurde der Kampf um die Macht in Gesellschaft und Politik auch mit akustischen Mitteln auf der Straße ausgetragen.

Die akustische Dimension der Straßenpolitik beschränkte sich jedoch nicht auf politische Kampflieder und Straßenlärm. Ab Mitte der 1920er Jahre erlaubten die <span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Fortschritte der Mikrofon- und Lautsprechertechnik](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209789/achtung-aufnahme/)</span><span class="Apple-converted-space"> </span>die Verstärkung politischer Reden im öffentlichen Raum. Damit wurde nun erstmals die Beschallung "unerhörter" Menschenmassen und ihre einheitliche Ausrichtung auf den Redner, den allmächtigen Herrn des Mikrofons, möglich. Erst mithilfe der neuen Technik ließen sich Menschenmassen überhaupt zur Masse formen. Zugleich veränderten umgekehrt Mikrofon und Lautsprecher den Charakter der politischen Rede und die Stimme des Sprechers in der Wahrnehmung der Zeitgenossen wie der Nachgeborenen. Zum Ende der Republik hatte die Politik die neuen Soundtechniken entdeckt.

<div class="scroller-container scroller-gallery" id="bkmrk--13"></div><div class="scroller-container scroller-gallery" id="bkmrk--14"></div><div class="scroller-container scroller-gallery" id="bkmrk--15"></div><div class="scroller-container scroller-gallery" id="bkmrk--16"></div>##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Steger, Denise, Die Rheinischen Expressionisten, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinischen-expressionisten/DE-2086/lido/5f97d542608d88.24054171 (abgerufen am 18.05.2026)

-&gt; Stahrenberg, Caroline: Roaring Twenties. <span class="opening-header__subtitle">Die populäre Musik der 1920er Jahre, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 03.08.2016 unter: [https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/210142/roaring-twenties/](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/210142/roaring-twenties/), zuletzt geprüft am 10.08.2026.</span>

-&gt; Wagner, Hans-Ulrich: Hallo! Hallo! Hier Radio!. Geschichte der Radiosignale<span class="opening-header__subtitle">, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 03.08.2016 unter: [https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209790/hallo-hallo-hier-radio/](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209790/hallo-hallo-hier-radio/), zuletzt geprüft am 10.08.2026.</span>

<span class="opening-header__subtitle">-&gt; Paul, Gerhard: Klangwelten der Moderne, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 03.08.2016 unter: [https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209779/klangwelten-der-moderne/](https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209779/klangwelten-der-moderne/), zuletzt geprüft am 30.08.2026</span>

**Sekundärliteratur**

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# Literatur und Theater



# Die ,Goldenen Zwanziger'

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Goldene Zwanziger Jahre

##### 1. Goldene Zwanziger Jahre 

**<span class="mw-page-title-main">Goldene Zwanziger Jahre</span>**

<div id="bkmrk-"></div>
<div class="clear_both" id="bkmrk--2"></div>Perspektivisch gebundener, erst nach dem Zweiten Weltkrieg etablierter Begriff, der die Zeit der kulturellen und wirtschaftlichen Erfolge in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre umfasst und mit dem seit den 1960er Jahren die als modern und fortschrittlich geltenden Phänomene positiv rezipiert werden (im Amerikanischen "Roaring Twenties"). Eng verbunden ist der Begriff mit moderner Großstadt- und Massenkultur. In Deutschland werden die "Goldenen Zwanziger Jahre" vor allem mit den Entwicklungen in Berlin verbunden. In Bayern und speziell in München lassen sich zwar "moderne" (massen-)kulturelle Phänomene ebenfalls beobachten (z. B. Theater, Film), doch blieb hier die kulturelle Szene stark modernitätskritischen Auffassungen verpflichtet. Der auch dadurch bedingte Abwanderungsprozess von Schriftstellern und Wissenschaftlern nach Berlin führte in München zur "Kunststadtdebatte", die allerdings keinen grundlegenden Wandel herbeiführte. Münchens Kulturleben profilierte sich in den "Goldenen Zwanzigern" daher eher modernitätskritisch-konservativ mit fließendem Übergang zu nationalistisch-völkischen Positionen.

<span id="bkmrk--3"></span>**<span class="mw-headline" id="bkmrk-kultur-der-gro%C3%9Fstadt-1">Kultur der Großstadt</span>**

Der Begriff "Goldene Zwanziger Jahre" ist ein perspektivisch gebundener Begriff, der die Zeit der kulturellen und wirtschaftlichen Erfolge in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre umfasst. Er beschreibt vor allem ein heterogenes Feld kultureller Neuerungen, ohne ein einheitliches Profil abgeben zu können: Er bezieht sich ebenso auf Veränderungen in der Alltags- und Arbeitskultur wie auf Innovationen in [Musik](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44984 "Artikel 44984"), [Kunst](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44530 "Artikel 44530"), [Literatur](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44761 "Artikel 44761"), Architektur und auf die neuen Massenmedien Radio und [Film](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_46143 "Artikel 46143"). Mit ihm verbunden sind Merkmale wie "Kultur der Großstadt", "Angestelltenkultur", "Girl-Kultur" und die veränderte Rolle der [Frau](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_46325 "Artikel 46325"), "american way of life", Tanz, Sport, Kino, Technikbegeisterung, Avantgarde und Reformbewegungen sowie – in der Literatur und den Künsten – Darstellungsweisen, die den dokumentarischen Wert der Künste betonen (["Neue Sachlichkeit"](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44920 "Artikel 44920")).

Mit dem Begriff werden vor allem Aspekte der [Industrialisierung](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44512 "Artikel 44512") und [Urbanisierung](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_46318 "Artikel 46318") in Metropolen wie Berlin oder Paris erfasst. Diese sind, ausgehend von der wirtschaftlichen Stabilisierung zwischen 1924 und 1929, auf die Entwicklung in [München](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00008915 "Ort:ODB S00008915") anzupassen - der einzigen Großstadt in Bayern, die den Vergleich mit Berlin sucht. In München sind die "Goldenen Zwanziger" nach der Beendigung des "[Weißen Terrors](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44645 "Artikel 44645")" und der Niederschlagung des [Hitler-Putsches](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44511 "Artikel 44511") 1923 anzusetzen und aus einer besonderen, regional ausgeprägten Urbanität heraus zu beschreiben (was im Folgenden nur exemplarisch geschehen kann).

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-kulturgeschichtliche-1">Kulturgeschichtlicher Hintergrund: Von der Jahrhundertwende zur Weimarer Republik</span>**

<div aria-expanded="false" class="mw-bodytext" id="bkmrk-oskar-maria-graf.-%28b" role="article"><div class="mw-body-content"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" dir="ltr" lang="de-x-formal"><figure class="mw-default-size">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/d/d8/Artikel_44722_bilder_value_2_goldenezwanziger2.jpg/300px-Artikel_44722_bilder_value_2_goldenezwanziger2.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Artikel_44722_bilder_value_2_goldenezwanziger2.jpg)<figcaption>Oskar Maria Graf. (Bayerische Staatsbibliothek, [Bildarchiv port-010561](https://bildarchiv.bsb-muenchen.de/search?id=port-010561&View=bildarchiv))</figcaption></figure></div></div></div>Der süddeutsche Raum wird um 1900 gerne mit dem Deutschland von vor 1870/71 verglichen. Das soziale Leben war von der Industrialisierung nicht in demselben Ausmaß betroffen wie jenes im Norden. [Kunstakademie](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_45875 "Artikel 45875"), Bohemekultur, liberale Strömungen und die Entwicklung Münchens zu einem [Verlags- und Zeitschriftenzentrum](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44966 "Artikel 44966") begünstigten die Entfaltung eines vielfältigen kulturellen Lebens. Erster Weltkrieg und [Revolution](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44332 "Artikel 44332") bewirkten eine Polarisierung auch der kulturpolitischen Situation zwischen Linken und Rechten. Gegen die modernen und liberalen Strömungen der Zeit, die vor 1914 unter dem Stichwort "Münchner Moderne" verbucht werden, setzten konservative Intellektuelle auch nach 1918 auf einen Idealismus, der Region und Religion als Alternative zu zeitgenössischen Lebens- und Anschauungsweisen aufzeigen will. Diese Ansichten blieben nicht unwidersprochen, etwa in [Oskar Maria Grafs](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118541358 "Person:118541358") (1894-1967) Selbstcharakterisierung als "Provinzschriftsteller". Das Stichwort "Provinz" wird hier bewusst gegen ein konservatives Verständnis von Regionalität gesetzt; Provinz kann jedoch auch, wie in [Marieluise Fleißers](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118533886 "Person:118533886") (1901-1974) "Ingolstädter Stücken" (1926 bzw. 1929 in Berlin uraufgeführt), das Gegenteil von Großstadterfahrung meinen.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-zwischen-moderne-und-1">Zwischen Moderne und drohender Provinzialisierung</span>**

Die "Goldenen Zwanziger Jahre" sind in Bayern als Alternative zu bzw. Abgrenzung von Entwicklungen in den Metropolen zu beschreiben. Sie werden von der bürgerlichen Mitte und deren kulturellem Selbstverständnis gestaltet bzw. von den politisch Rechten bedroht.

Bei der Verlagerung der kulturellen "Gewichte" war einerseits ein Generationswechsel wirksam. Zwischen 1918 und 1921 starben u. a. [Lena Christ](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118520555 "Person:118520555") (1881-1920), [Max Dauthendey](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118678973 "Person:118678973") (1867-1918), [Heinrich Lautensack](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118570226 "Person:118570226") (1881-1919), [Georg Queri](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118743139 "Person:118743139") (1879-1919) und [Ludwig Thoma](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118622072 "Person:118622072")(1867-1921). Andererseits ist die Übersiedlung vieler Künstler von München nach Berlin in der ersten Hälfte der 1920er Jahre als ein - wenn auch anders gelagerter - Grund dafür anzuführen. In die Metropole übersiedelten u. a. [Bertolt Brecht](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118514768 "Person:118514768") (1898-1956), [Lion Feuchtwanger](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118532715 "Person:118532715") (1884-1958), Marieluise Fleißer, [Ödön von Horváth](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118553739 "Person:118553739") (1901-1938), [Erich Mühsam](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118584758 "Person:118584758") (1878-1934) und [Ernst Toller](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118623230 "Person:118623230") (1893-1939), später auch [Heinrich Mann](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118577131 "Person:118577131") (1871-1950) (weitere Hinweise bei Prinz, Geschichte Bayerns, 452).

Auch die [Universitäten](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44632 "Artikel 44632") waren von den kulturellen Veränderungen betroffen. [Karl Vossler](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118770411 "Person:118770411") (1872-1949) warnte 1926 anlässlich der 100-Jahres-Feier der Ludwig-Maximilians-Universität vor "Provinzialismus", womit die Professorenschaft und noch stärker die Studentenschaft gemeint war, die sich aufgrund des Kriegsausgangs radikalisierte. In den 1920er Jahren verließen angesehene Wissenschaftler München, so z. B. der Kunsthistoriker [Heinrich Wölfflin](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118634496 "Person:118634496") (1864-1945) und der Historiker [Hermann Oncken](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118589997 "Person:118589997") (1869-1945), während das konservative Umfeld u. a. durch [Karl Alexander von Müller](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118737538 "Person:118737538") (1882-1964), [Karl Haushofer](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118547119 "Person:118547119") (1869-1946) (zu dessen Assistenten [Rudolf Heß](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:11855039X "Person:11855039X") \[1894-1987\] zählte) erstarkte. Vosslers Aussage belegt, wie etwa das Wirken des Theaterwissenschaftlers [Arthur Kutscher](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118725645 "Person:118725645") (1878-1960) und anderer namhafter Gelehrter, neben der Sorge um die Provinzialisierung intakte Strukturen bei der kritischen Analyse der Situation.

Staat und Stadt versäumten es aber, der Abstimmung mit den Füßen entschieden genug entgegenzuwirken. München verfügte über zu wenig Mittel, um den Trend in den Norden Deutschlands zu unterbinden. Für Künstler waren neben Berlin auch Kunstzentren wie Hannover interessant. Die verbliebenen Kreise wie derjenige um [Carl Muths](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118989820 "Person:118989820") (1867-1944) katholisches "[Hochland](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44729 "Artikel 44729")" oder der George-Kreis entwickelten eigene Vorstellungen von der Moderne, die mit den innovativen Impulsen Weimars nur schwer vereinbar waren. Die Anziehungskraft Münchens blieb dennoch für viele Literaten, Künstler und Intellektuelle aus dem bayerischen Raum ungebrochen. München war auch in den 1920er Jahren ein bedeutendes Buch- und Zeitschriftenzentrum.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-alltagskultur-1">Alltagskultur</span>**

<div aria-expanded="false" class="mw-bodytext" id="bkmrk-anzeige-der-piccadil" role="article"><div class="mw-body-content"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" dir="ltr" lang="de-x-formal"><figure class="mw-default-size">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/b/b5/Artikel_44722_bilder_value_10_goldenezwanziger10.jpg/300px-Artikel_44722_bilder_value_10_goldenezwanziger10.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Artikel_44722_bilder_value_10_goldenezwanziger10.jpg)<figcaption>Anzeige der Piccadilly-Lichtspiele u. a. für Alfred Hitchcocks "Bergadler". (in: Haidhauser Bote 2 \[1927\], Nr. 11, 19.März 1927)</figcaption></figure><figure class="mw-default-size">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/b/b9/Artikel_44722_bilder_value_9_goldenezwanziger9.jpg/300px-Artikel_44722_bilder_value_9_goldenezwanziger9.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Artikel_44722_bilder_value_9_goldenezwanziger9.jpg)<figcaption>Das Münchener Vergnügungsprogramm bewarb 1928 die Tänzerin Mella Fortuna als "eine zweite Josefine Baker". [Josefine Baker](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118506099 "Person:118506099")(1906-1975) wurde im Jahr darauf untersagt, in München aufzutreten. (aus: Münchener Vergnügungsprogramm vom 21 Oktober 1928 mit 27. Oktober 1928)</figcaption></figure></div></div></div>Für das kulturelle Leben im München der 1920er Jahre kann man annehmen, was [Thomas Mann](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118577166 "Person:118577166") (1875-1955) anlässlich der Rede zur Eröffnung der "Münchner Gesellschaft 1926" am 2. November 1926 geschrieben hat: "Wir leben in einer Zeit, deren verächtliche Fidelität uns zuweilen ein bisschen auf die Nerven geht, einer Zeit von wahrem Jazz-Band-Charakter, deren Helden der Preisboxer und der Kinostar sind und in der Verrohung und Verflachung ungeahnte Orgien feiert: amüsante Orgien, ich gebe es zu, großartige Orgien, ich gebe es auch zu; es wäre wohl philisterlich und kleinbürgerlich, über die neuen Zeiten zu flennen. Aber als spezifisch deutsch \[…\] erscheint mir doch immer noch der Protest gegen die blöden Wunder dieser Zeit".

Massenkulturelle Phänomene prägten zunehmend das Verhalten der Menschen. So sorgten beispielsweise Film und Radio für neue Unterhaltungsformen und Informationsquellen.

Die ausführlichste Studie zur Entfaltung massenkultureller Phänomene und zu ihrer Einbettung in traditionelle Kulturgebiete in den 1920er Jahren liegt zu [Nürnberg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00000094 "Ort:ODB S00000094") vor. Schmidt spricht diesbezüglich von der "Provinzmoderne" und betont, dass moderne Kulturmuster jeweils in regionale Rahmenbedingungen eingepasst werden mussten, mitunter bis zur Unkenntlichkeit ersterer.

Ausgehend von den regionalen Besonderheiten und unabhängig von der jeweils aktuellen prozentualen Beteiligung einzelner [Parteien](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44562 "Artikel 44562") an der [Regierung](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44427 "Artikel 44427") ist in München ein kulturkonservativer Ansatz vorhanden, der gegen Ende der 1920er Jahre vor allem durch kulturnationale Haltungen infrage gestellt wurde (vgl. zur begrifflichen Abgrenzung: von Saldern, Massenfreizeitkultur). Die [Kaffeehauskultur](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44851 "Artikel 44851") von vor 1914 wurde durch die Bierkellerkultur konterkariert.

Exemplarisch für den schmalen Grad, auf dem sich die "Goldenen Zwanziger Jahre" in München entfalten konnten, ist die Kulturpolitik des von 1925 bis 1933 amtierenden [Oberbürgermeisters](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44782 "Artikel 44782") [Karl Scharnagl](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:117109681 "Person:117109681") ([BVP](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44371 "Artikel 44371"), 1881-1963). Sie blieb von konservativen und christlichen Werten geprägt. Man setzte auf "Veredelung" massenkultureller Phänomene, reagierte aber auch mit verschärften [Zensurbestimmungen](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44961 "Artikel 44961"), beispielsweise beim Film. Aufmerksamkeit erhielten populäre moderne Unterhaltungsformen, wenn sie das Bild Münchens für den [Tourismus](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44714 "Artikel 44714") steigern konnten. So wurde beispielsweise bei Sommerveranstaltungen nach 1930 auf [Sport](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_46277 "Artikel 46277") gesetzt, lange nachdem z. B. die "[Münchner Neuesten Nachrichten](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44551 "Artikel 44551")" einen eigenen Sportteil eingerichtet hatten. Neue Akzente setzte man in der Kulturpolitik u. a. mit der Eröffnung des [Deutschen Museums](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44474 "Artikel 44474") 1925 und der Lenbachgalerie 1929 oder der Einrichtung des Münchner Dichterpreises, der von Oskar Maria Graf mit angeregt wurde (vgl. Mann, Rede, 17f.) und den 1928 erstmals [Hans Carossa](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118519182 "Person:118519182")(1878-1956) erhielt.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-kunststadtdebatte-un-1">Kunststadtdebatte und literarisches Leben</span>**

<div aria-expanded="false" class="mw-bodytext" id="bkmrk-titelblatt-der-publi" role="article"><div class="mw-body-content"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" dir="ltr" lang="de-x-formal"><figure class="mw-default-size">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/5/56/Artikel_44722_bilder_value_11_goldenezwanziger11.jpg/300px-Artikel_44722_bilder_value_11_goldenezwanziger11.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Artikel_44722_bilder_value_11_goldenezwanziger11.jpg)<figcaption>Titelblatt der Publikation Kampf um München als Kulturzentrum, 1926. (Bayerische Staatsbibliothek, Bavar. 4431w)</figcaption></figure></div></div></div>Hermann (Kulturpolitik, 343) zufolge sind die Jahre 1924 bis 1929 in München von der Kunststadtdebatte geprägt, die jene von Wolf 1919 aufgezeigten Defizite im Vergleich mit dem München von vor 1914 aufgriff und auf den Vergleich mit Berlin ausweitete. Die Selbstverständigungsprozesse der 1920er Jahre können daher exemplarisch an der Kunststadtdebatte aufgezeigt werden. Thomas Mann, Mitte der 1920er Jahre bereits Repräsentant der liberalen bürgerlichen Mitte, hat die Kunststadtdebatte 1926 wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gehoben, nachdem sie seit 1900 immer wieder aufgeflammt war und nach der gescheiterten Revolution neuen Nährboden erhalten hatte. In "Kampf um München als Kulturzentrum" - einer Veranstaltung am 30. November 1926 in der Münchner Tonhalle - wandte sich Thomas Mann mit anderen Intellektuellen und Politikern gegen "den von der Presse gewarteten Vulgär-Faszismus". Kritisiert wurden auch der Einfluss der "Münchner Neuesten Nachrichten" und deren nationalistischer Duktus auf die Öffentlichkeit. Die Versuche, an Entwicklungen vor 1914 anzuknüpfen und München nicht zur "Wiege der Bewegung" werden zu lassen, wurden öffentlich diskutiert.

Gründungen wie diejenige der "Münchner Gesellschaft 1926" oder vorher der "[Argonauten](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44836 "Artikel 44836")", die 1924 von [Ernst Penzoldt](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118739913 "Person:118739913") (1892-1955), [Ludwig Friedrich Barthel](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:11865280X "Person:11865280X") (1898-1962) und [Josef Magnus Wehner](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:117231770 "Person:117231770") (1891-1973) initiiert wurden und schnell einen wichtigen Einfluss auf das kulturelle und literarische Leben der Stadt nahmen, versuchten, neue Impulse zu setzen. Eine repräsentative Umfrage unter wichtigen Kulturschaffenden, welche die Zeitschrift "Der Zwiebelfisch" (Heft 1, 1926/27) veranstaltete, offenbarte jedoch spürbare Defizite im kulturellen Leben der Stadt. Die politische Auseinandersetzung mit Thomas Mann in den "[Süddeutschen Monatsheften](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44812 "Artikel 44812")" (1928) zeigte schließlich einen erheblichen Druck der politisch Rechten an.

In der [Literatur](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44761 "Artikel 44761") waren in Bayern noch die Anfänge der "Neuen Sachlichkeit" verbunden, wie die Werke von Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Marieluise Fleißer, Oskar Maria Graf u. a. verdeutlichen. In der Zeit zwischen der Stabilisierung der Währung sowie der Aufhebung des Ausnahmezustandes im Jahr 1925 und dem Ausbruch der [Weltwirtschaftskrise](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44646 "Artikel 44646") 1929 gewannen Nationalisten, konservative Revolutionäre und [nationalsozialistische Kräfte](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44553 "Artikel 44553") an Einfluss. Exemplarisch für diese Tendenzen sind der Salon von [Elsa Bruckmann](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:116726199 "Person:116726199") (1865-1946), in denen [Adolf Hitler](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118551655 "Person:118551655") (1889-1945) der Zugang zur Mittel- und Oberschicht gelang (vgl. Martynkewicz, Salon Deutschland), und der 1928 von [Alfred Rosenberg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118602691 "Person:118602691") (1893-1946) gegründete "[Kampfbund für deutsche Kultur](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44897 "Artikel 44897")" (KfdK).

Andererseits entwickelte sich in München eine neue, auch "magischer Realismus" genannte Stilrichtung, die mit den politischen Absichten der "Neuen Sachlichkeit" brach. Aus dem Umkreis der "Argonauten" heraus wurde eine "Neue Klassik" ausgerufen. Sie ist in dem von [Arthur Hübscher](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118554336 "Person:118554336") (1897-1985) 1929 herausgegebenen "Münchner Dichterbuch" beispielhaft dokumentiert. Das Buch versammelt Beiträge u. a. von [Paul Alverdes](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:119552582 "Person:119552582") (1897-1979), [Hans Brandenburg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118514318 "Person:118514318") (1885-1968), [Georg Britting](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118674196 "Person:118674196") (1891-1964), Hans Carossa, [Hanns Johst](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118712853 "Person:118712853") (1890-1978) und [Gottfried Kölwel](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118724282 "Person:118724282") (1889-1958). Mehrere Autoren dieses Bandes unterschrieben 1933 das "Gelöbnis treuester Gefolgschaft" für Adolf Hitler - neben [Rudolf Binding](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118663291 "Person:118663291") (1867-1938) [Leo Weismantel](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118630431 "Person:118630431") (1888-1964), [Johannes von Guenther](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:11869894X "Person:11869894X") (1886-1973) und Josef Magnus Wehner. Andere - wie Hanns Johst - waren schon vor 1933 Mitglied der [Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44553 "Artikel 44553") (NSDAP).

<span id="bkmrk--4"></span>**<span class="mw-headline" id="bkmrk-staatliche-und-priva-1">Staatliche und private Bühne(n)</span>**

Das [Theater](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44629 "Artikel 44629") der 1920er Jahre in München war durch eine Stilpluralität gekennzeichnet, die in ihren modernen Ausprägungen wiederholt [Zensurmaßnahmen](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44961 "Artikel 44961") nach sich zog. Nicht unterschätzt werden darf der Einfluss der NSDAP-Stadträte. Es muss zwischen staatlichen und privaten Bühnen unterschieden werden.

Von 1920 bis zu seinem Tode wachte Dr. [Karl Zeiß](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:11697088X "Person:11697088X") (1871-1924) als Generalintendant über das Münchner Staatsschauspiel, das sich auf die vier Bühnen des Nationaltheaters, des Prinzregententheaters, des Residenztheaters sowie des Künstlertheaters auf der Theresienhöhe verteilte. Nach dessen Tod übernahm – wieder – [Clemens Freiherr von und zu Franckenstein](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:119049252 "Person:119049252") (1875-1942) die Leitung des Staatsschauspiels, um zu Beginn der 1930er Jahre von [Richard Weichert](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:117234966 "Person:117234966") (1880-1961) beerbt zu werden.

Mit der von Eugen Felber geleiteten "Neuen Bühne" in der Senefelderstraße existierte kurzfristig eine reine Arbeiterbühne, die Oskar Maria Graf als Dramaturg und [Fritz Schaefler](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:11940513X "Person:11940513X") (1888-1954) als Bühnenbildner beschäftigte. Diese musste jedoch bereits 1921, ein Jahr nach Eröffnung, ihren Betrieb einstellen, da sich die Volksbühne weigerte, sie in ihre Besucherorganisation aufzunehmen.

<div aria-expanded="false" class="mw-bodytext" id="bkmrk-otto-falckenberg-%2818" role="article"><div class="mw-body-content"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" dir="ltr" lang="de-x-formal"><div align="center">- <div class="thumb">[![Otto Falckenberg (1873-1947), von 1917 bis 1945 Leiter der Münchner Kammerspiele. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-011895)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/e/e6/Artikel_44722_bilder_value_1_goldenezwanziger1.jpg/209px-Artikel_44722_bilder_value_1_goldenezwanziger1.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Artikel_44722_bilder_value_1_goldenezwanziger1.jpg "Otto Falckenberg (1873-1947), von 1917 bis 1945 Leiter der Münchner Kammerspiele. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-011895)")</div><div class="gallerytext">Otto Falckenberg (1873-1947), von 1917 bis 1945 Leiter der Münchner Kammerspiele. (Bayerische Staatsbibliothek, [Bildarchiv port-011895](https://bildarchiv.bsb-muenchen.de/search?id=port-011895&View=bildarchiv))</div>
- <div class="thumb">[![Szenenbild aus der Aufführung der Dreigroschenoper in den Münchner Kammerspielen. (aus: Münchener Vergnügungsprogramm, 2. August 1929)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/4/49/Artikel_44722_bilder_value_5_goldenezwanziger5.jpg/300px-Artikel_44722_bilder_value_5_goldenezwanziger5.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Artikel_44722_bilder_value_5_goldenezwanziger5.jpg "Szenenbild aus der Aufführung der Dreigroschenoper in den Münchner Kammerspielen. (aus: Münchener Vergnügungsprogramm, 2. August 1929)")</div><div class="gallerytext">Szenenbild aus der Aufführung der Dreigroschenoper in den Münchner Kammerspielen. (aus: Münchener Vergnügungsprogramm, 2. August 1929)</div>
- <div class="thumb">[![Anzeige für die Aufführung von Frank Wedekinds "Lulu" mit Margarethe Koeppke (1902-1930) als Lulu. (aus: Münchener Vergnügungsprogramm, 4. Januar 1929)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/6/68/Artikel_44722_bilder_value_8_goldenezwanziger8.jpg/300px-Artikel_44722_bilder_value_8_goldenezwanziger8.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Artikel_44722_bilder_value_8_goldenezwanziger8.jpg "Anzeige für die Aufführung von Frank Wedekinds "Lulu" mit Margarethe Koeppke (1902-1930) als Lulu. (aus: Münchener Vergnügungsprogramm, 4. Januar 1929)")</div><div class="gallerytext">Anzeige für die Aufführung von Frank Wedekinds "Lulu" mit [Margarethe Koeppke](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:1020866438 "Person:1020866438")(1902-1930) als Lulu. (aus: Münchener Vergnügungsprogramm, 4. Januar 1929)</div>

</div></div></div></div>Im Jahre 1919 übernahm [Hermine Körner](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118713477 "Person:118713477") (1878-1960) bis 1925 die Leitung des Schauspielhauses, der neben den [Kammerspielen](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44373 "Artikel 44373")wichtigsten Privatbühne Münchens. 1926 fusionierten das Schauspielhaus und die Kammerspiele, deren Geschicke seit 1917 von [Otto Falckenberg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118531832 "Person:118531832") (1873-1947) geleitet wurden. Bertolt Brecht, [Joachim Ringelnatz](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118601121 "Person:118601121") (1883-1934), [Karl Valentin](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118625896 "Person:118625896") (eigentl. Valentin Ludwig Fey, 1882-1948) u. a. beteiligten sich in verschiedensten Funktionen an Aufführungen. Jedoch verschärften sich aufgrund des modernen Spielplans die staatlichen Zensurmaßnahmen, die wirtschaftliche Engpässe sowie künstlerische Konflikte nach sich zogen. Aus Angst vor Restriktionen wurde der Spielplan umgestellt: Statt avantgardistische Stücke aufzuführen, wurde auf beliebte klassische Stoffe zurückgegriffen.

In Hinsicht auf das Theaterleben lässt sich zusammenfassend sagen, dass München zu Unrecht im Schatten der großen Theaterstädte der 1920er Jahre – Berlin und Wien – stand, denn es verfügte über ein höchst abwechslungsreiches, teils exquisites Programm. Vergleichbares ließe sich für Volkssänger wie [Weiß Ferdl](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:11864324X "Person:11864324X") (d. i. Ferdinand Weißheitinger, 1883-1949) annehmen, und auch Varieté und [Cabaret](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44732 "Artikel 44732") lebten zwangsläufig von unterhaltenden und kritischen Impulsen.

<div aria-expanded="false" class="mw-bodytext" id="bkmrk-wei%C3%9F-ferdl%2C-zigarett" role="article"><div class="mw-body-content"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" dir="ltr" lang="de-x-formal"><div align="center">- <div class="thumb">[![Weiß Ferdl, Zigarettenbild in Rollenkostüm. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-016565)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/4/46/Artikel_44722_bilder_value_4_goldenezwanziger4.jpg/228px-Artikel_44722_bilder_value_4_goldenezwanziger4.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Artikel_44722_bilder_value_4_goldenezwanziger4.jpg "Weiß Ferdl, Zigarettenbild in Rollenkostüm. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-016565)")</div><div class="gallerytext">Weiß Ferdl, Zigarettenbild in Rollenkostüm. (Bayerische Staatsbibliothek, [Bildarchiv port-016565](https://bildarchiv.bsb-muenchen.de/search?id=port-016565&View=bildarchiv))</div>
- <div class="thumb">[!["Karl Valentin und Lisl Karlstadt wieder in München". (aus: Münchener Vergnügungsprogramm, 17. Juni mit 23. Juni 1928)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/4/4e/Artikel_44722_bilder_value_7_goldenezwanziger7.jpg/300px-Artikel_44722_bilder_value_7_goldenezwanziger7.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Artikel_44722_bilder_value_7_goldenezwanziger7.jpg ""Karl Valentin und Lisl Karlstadt wieder in München". (aus: Münchener Vergnügungsprogramm, 17. Juni mit 23. Juni 1928)")</div><div class="gallerytext">"Karl Valentin und Lisl Karlstadt wieder in München". (aus: Münchener Vergnügungsprogramm, 17. Juni mit 23. Juni 1928)</div>

</div></div></div></div><span id="bkmrk--5"></span>**<span class="mw-headline" id="bkmrk-filmstadt-m%C3%BCnchen-1">Filmstadt München</span>**

Der Film konnte sich in Bayern – wie in Deutschland – im Laufe der 1920er Jahre als populäres Massenmedium konsolidieren und etablieren. Pionierarbeit leisteten etwa wichtige Vertreter der filmischen Avantgarde wie [Walter Ruttmann](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:119053500 "Person:119053500") (1887-1941) (1919-21: "Lichtspiel Opus 1") oder [Oskar Fischinger](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:119451107 "Person:119451107") (1900-1967) (1924/25: "Münchner Bilderbogen"). Ein anderer Pionier des bayerischen Films war Karl Valentin, der mit [Liesl Karlstadt](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118560247 "Person:118560247") (eigentlich Elisabeth Wellano, 1892-1960) während der Weimarer Republik zahlreiche Bühnenerfolge feierte, Stumm- und Tonfilme drehte und sich ab 1919 auch an Schallplattenaufnahmen versuchte.

<div aria-expanded="false" class="mw-bodytext" id="bkmrk-anzeige-f%C3%BCr-die-film" role="article"><div class="mw-body-content"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" dir="ltr" lang="de-x-formal"><figure class="mw-default-size">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/f/fc/Artikel_44722_bilder_value_6_goldenezwanziger6.jpg/300px-Artikel_44722_bilder_value_6_goldenezwanziger6.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Artikel_44722_bilder_value_6_goldenezwanziger6.jpg)<figcaption>Anzeige für die Filmfestwochen 1929. (aus: Münchener Vergnügungsprogramm, 27. Juli 1929 mit 3. August 1929)</figcaption></figure></div></div></div>Die bayerische Filmlandschaft hatte ihren Anteil an jenem "goldenen Zeitalter" des deutschen Films. Bereits am 19. November 1919 widmete sich eine komplette Ausgabe des [Simplicissimus](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44605 "Artikel 44605") (Jg. 24, Nr. 34, 19. November 1919) unter der Überschrift "[Kino](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_46143 "Artikel 46143")" dem aufstrebenden Medium. Im selben Jahr gründete [Peter Ostermayr](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:120251981 "Person:120251981") (1882-1967) in München das Filmgelände in Geiselgasteig, das 1925 vom "Reichsfilmblatt" als "Los Angeles im Isartal" bezeichnet wurde. In dessen "Glashaus" wurden beispielsweise [Alfred Hitchcocks](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118551647 "Person:118551647")(1899-1980) deutsch-englische Gemeinschaftsproduktionen "The Pleasure Garden" (1925) und "The Mountain Eagle" (1926) gedreht. Am 1. Mai 1920 wurde Ostermayrs [Münchner Lichtspielkunst GmbH (MLK)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_44771 "Artikel 44771") als Reaktion auf die noch während des Ersten Weltkrieges 1917 entstandene Universum Film AG (Ufa) zum "Emelka-Konzern", welcher 1932 als [Bavaria Film AG](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Artikel_45898 "Artikel 45898") fortbestand. Zur Etablierung des Filmes als Kunstform in Bayern trugen auch die von der Bayerischen Landesfilmbühne unter Vorsitz von Dr. [Johannes Eckhardt](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:116336048 "Person:116336048") (1887-1966) veranstalteten "Film-Festwochen in München" vom 13. Juli bis 23. August 1928 bei. Auf dieser bis dato deutschlandweit einmaligen Veranstaltung wurden "42 Höchstleistungen des europäischen und amerikanischen Filmschaffens" vorgeführt.

<span id="bkmrk--6"></span>**<span class="mw-headline" id="bkmrk-wie-golden-waren-die-1">Wie golden waren die "Goldenen Zwanziger"?</span>**

Die Kultur der "Goldenen Zwanziger Jahre" in München ist ein zaghaftes Pflänzchen, das sich vor allem in den vom bürgerlichen Kunstgeschmack gering geschätzten Bereichen entfaltet hat. Der modernekritische Impetus, der sich nach der Revolution 1918/19 in der Stadt zu verbreitern begann, markiert die Differenz zur Metropole Berlin, dem damaligen Zufluchtsort aller an Innovationen in Literatur, Musik und den Künsten interessierten Beteiligten. Der sich in der Weimarer Zeit ausbildende Typus des Intellektuellen hatte es - so der in Nürnberg geborene [Hermann Kesten](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118561715 "Person:118561715") (1900-1996) - schwer, seinen Kulturbegriff gegen den Zeitgeschmack und - mit fortschreitender Entwicklung - gegen völkische Positionen zu behaupten. Insofern enthält der Begriff der "Goldenen Zwanziger Jahre" für Kesten lediglich ein Element der Hoffnung, ohne dass sie sich hätte realisieren lassen. Die "Goldenen Zwanziger Jahre" sind für ihn ein "Doublé, \[...\] schwach vergoldet".

<div aria-expanded="false" class="mw-bodytext" id="bkmrk-komponist-hans-pfitz" role="article"><div class="mw-body-content"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" dir="ltr" lang="de-x-formal"><figure class="mw-default-size">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/a/a5/Artikel_44722_bilder_value_3_goldenezwanziger3.jpg/300px-Artikel_44722_bilder_value_3_goldenezwanziger3.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Artikel_44722_bilder_value_3_goldenezwanziger3.jpg)<figcaption>Komponist Hans Pfitzner (1869-1949). (Bayerische Staatsbibliothek, [Bildarchiv port-011932](https://bildarchiv.bsb-muenchen.de/search?id=port-011932&View=bildarchiv))</figcaption></figure></div></div></div>Thomas Manns Bekenntnis zur Republik und seine Bereitschaft, daraus Konsequenzen für einen zeitgenössischen Kulturbegriff zu ziehen, mag beispielhaft für Hoffnungen liberaler bürgerlicher Haltungen gewesen sein. Der "Protest der Richard-Wagner-Stadt München" hingegen zeigt, wie wenig Manns Ansatz wichtige Repräsentanten des Bürgertums davon hat überzeugen können. Den "Protest" gegen einen 1933 gehaltenen Vortrag von Thomas Mann über Richard Wagner unterschrieb eine Art "Who's who" der Münchner Kulturszene, u. a. [Hans Knappertsbusch](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118723707 "Person:118723707") (1888-1965), [Hans Pfitzner](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118593625 "Person:118593625") (1869-1949) oder [Richard Strauss](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:11861911X "Person:11861911X")(1864-1949). Es hieß in den "Münchner Neuesten Nachrichten" Nr. 105 vom 16./17. April 1933: "Herr Mann, der das Unglück erlitten hat, seine früher nationale Gesinnung bei der Errichtung der Republik einzubüßen und mit einer kosmopolitisch-demokratischen Auffassung zu vertauschen, hat daraus nicht die Nutzanwendung einer schamhaften Zurückhaltung gezogen, sondern macht im Ausland als Vertreter des deutschen Geistes von sich reden. \[...\] Wir lassen uns solche Herabsetzung unseres großen deutschen Musikgenies von keinem Menschen gefallen, ganz sicher nicht von Herrn Thomas Mann, der sich selbst am besten dadurch kritisiert und offenbart hat, dass er die 'Gedanken eines Unpolitischen' nach seiner Bekehrung zum republikanischen System umgearbeitet und an den wichtigsten Stellen in ihr Gegenteil verkehrt hat. Wer sich selbst als dermaßen unzuverlässig in seinen Werken offenbart hat, hat kein Recht auf Kritik wertbeständiger Geistesriesen." Allein schon die Infragestellung des Rechts auf (Selbst-)Kritik zeigt an, dass der liberale Kulturbegriff in den "Goldenen Zwanziger Jahren" Erosionen ausgesetzt gewesen ist.

##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Waldemar Fromm, Goldene Zwanziger Jahre, publiziert am 14.10.2011; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <span class="url">&lt;https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Goldene\_Zwanziger\_Jahre&gt;</span> (23.01.2026)

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

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# Massenkultur und Vergnügen



# Sport und Bewegung

#### Inhaltsverzeichnis

1. Max Schmeling, Sportidol für Generationen
2. Rhönrad 1921. Otto Feick

<section class="jump-marks" data-unstick="" id="bkmrk-%C2%A0"></section>##### 1. Max Schmeling, Sportidol für Generationen

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/uZHimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/uZHimage.png)<picture data-reader-unique-id="4"><source data-reader-unique-id="5" sizes="(min-width: 66em) 66em, 100vw" srcset="safari-reader://www.ndr.de/resources/assets/resources/images/placeholder.png%2020w,https://images.ndr.de/image/ef88a34e-b570-4428-ba55-2167b1db9de4/AAABkW2-q7w/AAABnSSvsdE/16x9-small/schmeling118.webp?width=256%20256w,https://images.ndr.de/image/ef88a34e-b570-4428-ba55-2167b1db9de4/AAABkW2-q7w/AAABnSSvsdE/16x9-small/schmeling118.webp?width=384%20384w,https://images.ndr.de/image/ef88a34e-b570-4428-ba55-2167b1db9de4/AAABkW2-q7w/AAABnSSvrFg/16x9-big/schmeling118.webp?width=640%20640w,https://images.ndr.de/image/ef88a34e-b570-4428-ba55-2167b1db9de4/AAABkW2-q7w/AAABnSSvrFg/16x9-big/schmeling118.webp?width=768%20768w,https://images.ndr.de/image/ef88a34e-b570-4428-ba55-2167b1db9de4/AAABkW2-q7w/AAABnSSvrFg/16x9-big/schmeling118.webp?width=1088%201088w,https://images.ndr.de/image/ef88a34e-b570-4428-ba55-2167b1db9de4/AAABkW2-q7w/AAABnSSvrFg/16x9-big/schmeling118.webp?width=1920%201920w" type="image/webp"></source></picture>

<section class="jump-marks" data-unstick="" id="bkmrk-max-schmeling-ist-bi"><div data-reader-unique-id="1">  
</div>Max Schmeling ist bis heute der einzige deutsche Box-Weltmeister aller Klassen. Zur Legende machte ihn jedoch ein Sieg in einem Nicht-WM-Kampf: der K.o. gegen den als unbesiegbar geltenden Joe Louis in New York. Am 28. September 1905 wurde er in Klein Luckow geboren. Es gibt viele Geschichten über Max Schmeling, eine aber bleibt immer in Erinnerung: Drei Uhr morgens in Deutschland, doch an jenem 19. Juni 1936 dachte kaum einer ans Schlafen. Gebannt saßen Millionen vor dem Radio und verfolgten die Live-Übertragung vom Boxen im New Yorker Yankeestadion. Mittendrin: die Protagonisten Joe Louis und Max Schmeling.

**Legendärer Sieg gegen Joe Louis**

Ersterer ein designierter Weltmeister, der sich bis dahin der Gegner im Schnelldurchgang entledigt hatte. An eine Chance gegen ihn glaubten nur Schmeling und sein Trainer Max Machon. Die Wetten standen zehn zu eins für den US-Amerikaner. Schmeling nutzte seine Chance und landete in der zwölften Runde eine seiner starken Rechten. Louis, der kurz vor der Weltmeisterschaft stand und als unbesiegbar galt, ging K.o. Eine Sensation in der Boxwelt - und für den am 28. September 1905 in Klein Luckow in der Uckermark geborenen [Schmeling ein Meilenstein](safari-reader://www.ndr.de/sport/legenden/Max-Schmeling-Stationen-einer-Weltkarriere,schmeling144.html "Max Schmeling - Stationen einer Weltkarriere").

**Einziger deutscher Box-Weltmeister aller Klassen**

"Das war schon mein bedeutendster Kampf. Ich will nicht sagen, dass es der schwerste Kampf war, aber für mich war es der entscheidendste Kampf meiner Karriere", bilanzierte er rückblickend auf seine [70 Kämpfe, von denen er 56 gewann](safari-reader://www.ndr.de/sport/legenden/Schmelings-Karriere-in-Zahlen,schmeling152.html "Schmelings Karriere in Zahlen"). Der nicht für möglich gehaltene Sieg machte Schmeling zur deutschen Boxlegende - obwohl es kein WM-Kampf war.

Es war ein harter Weg bis dahin. 1906 zog seine Familie nach Hamburg. In Rothenburgsort und in Eilbek ging er zur Schule. Im Alter von 14 Jahren begann Schmeling eine kaufmännische Lehre in einer "Annoncen-Spedition", der Werbeagentur Wilkens. Als 17-Jähriger verließ Schmeling Hamburg. In Düsseldorf arbeitete er bei einer Brunnenbaufirma. Abends boxte er beim Mülheimer Boxclub und startete in seine Amateurlaufbahn. Mit 19 Jahren hatte er den ersten Profikampf, mit 21 Jahren war er bereits deutscher Meister.

  
**Rekordkampf gegen Walter Neusel in Hamburg-Lokstedt**

Im Jahr 1927 startete er durch, holte die Europameisterschaft im Halbschwergewicht. Ein Jahr später wechselte er ins Schwergewicht - und holte sich 1930 nach der Disqualifikation seines Gegners Jack Sharkey den WM-Titel. Verteidigen konnte Schmeling den Gürtel allerdings nur einmal gegen Young Stribling. Im Juni 1932 nahm Sharkey erfolgreich Revanche.

Schmelings Stern schien zu sinken, von den folgenden vier Kämpfen konnte er nur einen gewinnen. Mit Walter Neusel stand der potenzielle Nachfolger bereit. Am 26. August 1934 trafen die Kontrahenten aufeinander. Offiziell sahen 102.000 Zuschauer auf der Sandbahn in Hamburg-Lokstedt Schmelings Sieg - bis heute Europarekord. Hätte Schmeling diesen Kampf verloren, wären die Duelle gegen Louis wohl nicht zustande gekommen.

**Schmeling: Bescheiden und großzügig**

Schmelings Karriere wurde durch den Krieg gestoppt. 1940 wurde der Profiboxer in die Wehrmacht einberufen und zum Fallschirmjäger ausgebildet. Bei der Landung auf Kreta 1941 zog er sich eine Knie- und Rückenverletzung zu, 1943 wurde er entlassen. Schmeling floh 1945 mit seiner Frau aus Pommern und lebte ab 1946 in Hamburg.

Im Alter von 42 Jahren stieg er noch einmal in den Ring, um Geld zu verdienen. Die Schmelings hatten im Krieg fast alles verloren. Seinen letzten Kampf bestritt er am 31. Oktober 1948 in Berlin gegen Richard Vogt.

Mit der Börse aus den Kämpfen kaufte sich Schmeling 1949 in dem kleinen Ort Wenzendorf bei Hollenstedt ein rund 100.000 Quadratmeter großes Grundstück. Zunächst konnte er sich durch Pelztierzucht und Tabakanbau über Wasser halten. Der große Durchbruch nach seiner Box-Karriere kam für Schmeling in den 50er-Jahren mit Coca-Cola. Er erhielt die Generalvertretung für Produkte des Brauseherstellers und gründete Niederlassungen in Hamburg-Bramfeld und Reutlingen.

  
**Rückzug aus der Öffentlichkeit**

Seine ungeheure Popularität hielt auch nach seinem Karriereende an und blieb bis in die Gegenwart ungebrochen. Ansonsten lebte der Sympathieträger sehr zurückgezogen. Ohne Aufhebens verteilte Schmeling sein gesamtes Vermögen, gründete Stiftungen mit einem Kapital von fünf Millionen Euro für wohltätige Zwecke und vererbte sein Anwesen seiner Heimatgemeinde.

Er scheute die Medienwelt und jeglichen Rummel um seine Person ("Über mich ist schon alles gesagt und geschrieben worden"). Insbesondere seit dem Tod seiner Frau Anny Ondra 1987 zeigte er sich nur noch selten in der Öffentlichkeit. Schmelings großer Wunsch, 100 Jahre alt zu werden, erfüllte sich nicht: Er starb am 2. Februar 2005 im Alter von 99 Jahren in seinem Haus in Hollenstedt. Zwei Tage später wurde die Boxlegende in ihrem niedersächsischen Wohnort im engsten Freundeskreis beigesetzt.

Max Schmeling hat Sportgeschichte geschrieben. Seine Biografie ist voll unvergessener Siege und dramatischer Niederlagen. Die Stationen einer Weltkarriere.

Unter den Gästen: Doria Gray, Harry Gondi, Lilli Palmer, Peter van Eyck, Paul Nevermann, Max Schmeling (Ohne Sprecherton)

</section>
##### 2. 1921. Otto Feick

Am 4. Juli 1890 wird in der Heil`schen Schmiede des pfälzischen Dorfes Reichenbach, nahe Kaiserslautern, Otto Feick geboren. Er wächst dort bei seiner Mutter Philippina Heil und den Großeltern auf. Sein Vater Ludwig Feick, ein Schmied lebt im etwa 10 km entfernten Glan-Münchweiler. Der kleine Junge ist gerne bei seinem Großvater in der Schmiede. Eines Tages nimmt er sich dort zwei Wagenreifen, verbindet diese miteinander und stellt sich zwischen die beiden Reifen. Nachdem er seine Füße mit einer Schnur festgebunden hat, hält er sich an den Reifen fest und lässt sich den kleinen Hang bei der Schmiede herunterrollen, wobei er sich die Finger quetscht.

<div class="frame frame-default frame-layout-0 frame-type-textpic aos-init aos-animate" data-aos="fade-up" id="bkmrk-geburtshaus-geburtsh"><div class="ce-below ce-center ce-textpic"><div class="ce-bodytext"><div class="ce-text">  
</div></div><div class="ce-gallery" data-ce-columns="2" data-ce-images="2"><div class="ce-outer"><div class="ce-inner"><div class="ce-row"><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/9/e/csm_2._Geburtshaus_58ff109449.jpg)<figcaption class="image-caption">Geburtshaus</figcaption></figure></div><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/2/6/csm_2._Geburtshaus_mit_Soldaten_1026e6fee3_75abcc8905.jpg)<figcaption class="image-caption">Geburtshaus mit Soldaten</figcaption></figure></div></div></div></div></div></div></div>Als seine Mutter 1901 wieder heiratet, zieht er mit ihr nach Kaiserslautern, wo er die Schule besucht und 1903 in der evangelischen Stiftskirche konfirmiert wird. Otto erlernt das Schlosserhandwerk und leistet 1912 in Aschaffenburg seinen Militärdienst ab. Dort lernt er Pauline Schmalz aus dem fränkischen Schönau kennen und heiratet sie 1914. Das junge Paar zieht nach Ludwigshafen in den gerade neu entstehenden Ortsteil Gartenstadt. Otto Feick arbeitet in Ludwigshafen im Betriebswerk der Deutschen Reichsbahn als Lokomotiv-Schlosser, engagiert sich im Eisenbahner-Verband und wird bald in den Vorstand der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands gewählt. Mit dem Ziel, den durch die Arbeit in der Fabrik wie auch die beengten Wohnverhältnisse bedingten Belastungen mit Hilfe von Sport zu begegnen, gründet er im Juni 1919 in Ludwigshafen den „Verein für Volksgesundheit“ und wird dessen erster Vorsitzender. Das Sportgelände des Vereins wird direkt an dem kleinen See Blies angelegt. Dieser Verein besteht unter dem Namen „VSK Germania Niederfeld 1919 e.V.“ noch heute.

<div class="frame frame-default frame-layout-0 frame-type-textpic aos-init aos-animate" data-aos="fade-up" id="bkmrk-stiftskirche-kaisers"><div class="ce-below ce-center ce-textpic"><div class="ce-bodytext"><div class="ce-text">  
</div></div><div class="ce-gallery" data-ce-columns="3" data-ce-images="3"><div class="ce-outer"><div class="ce-inner"><div class="ce-row"><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/1/6/csm_4._Stiftskirche_Kaiserslautern_7d3f76eb78.jpg)<figcaption class="image-caption">Stiftskirche Kaiserslautern</figcaption></figure></div><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/a/f/csm_5._Gartenstadt_f34be66e54.png)<figcaption class="image-caption">Gartenstadt</figcaption></figure></div><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/5/3/csm_6._Verein_fuer_volksgesundheit_b1cf8272cf.jpg)<figcaption class="image-caption">Verein für Volksgesundheit</figcaption></figure></div></div></div></div></div></div></div>Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wird die Pfalz französisch besetzt. Der Eisenbahnschlosser Otto Feick und viele seiner Kollegen leisten passiven Widerstand. Sie weigern sich, für die Besatzungsmacht zu arbeiten und fertigen keine Güterzüge nach Frankreich mehr ab. Einige Züge entgleisen sogar wie „aus heiterem Himmel“. Daraufhin werden er und mehrere Kollegen 1921 von der französischen Militärpolizei verhaftet. Auch wenn viele Tausend Ludwigshafener dagegen demonstrieren, wird er von einem Militärgericht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er im Militärgefängnis in Mainz verbüßen muss.

<div class="frame frame-default frame-layout-0 frame-type-textpic aos-init aos-animate" data-aos="fade-up" id="bkmrk-pfalz-unter_franz%C3%B6si"><div class="ce-below ce-center ce-textpic"><div class="ce-bodytext"><div class="ce-text">  
</div></div><div class="ce-gallery" data-ce-columns="3" data-ce-images="3"><div class="ce-outer"><div class="ce-inner"><div class="ce-row"><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/5/c/csm_7._Pfalz_unter_franzoesische_Besatzung_1918-1930_97abec01aa.jpg)<figcaption class="image-caption">Pfalz unter\_französische Besatzung 1918-1930</figcaption></figure></div><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/0/1/csm_8._Eisenbahner_der_Pfalz_e7d1f7fe90.jpg)<figcaption class="image-caption">Eisenbahner der Pfalz</figcaption></figure></div><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/4/5/csm_9._5099942_1_articledetail_otto_feick_7d49106385.jpg)<figcaption class="image-caption">Otto Feick</figcaption></figure></div></div></div></div></div></div></div>Im Gefängnis erinnert er sich an die Reifen, mit denen er als Kind den Hang vor der Schmiede seines Großvaters hinuntergerollt war und beginnt sich mit Plänen für ein ungewöhnliches Turngerät zu beschäftigen: zwei kreisförmige Stahlreifen von jeweils etwa eineinhalb Metern Durchmesser werden durch sechs gleich lange Sprossen parallel zueinander verbunden. An zwei Sprossen werden Griffe montiert und an zwei weiteren Sprossen Bretter mit gepolsterten Lederriemen zur Aufnahme der Füße. Zusätzlich befinden sich auf der gegenüberliegenden Seite zwei weitere Haltegriffe. Nach der Entlassung aus der Haft fertigt er ein erstes Modell an und probiert es 1922 auf dem Gelände seines Vereins für Volksgesundheit aus. Das hierbei entstandene Foto verwendet er später für die Patentanmeldung.

<div class="frame frame-default frame-layout-0 frame-type-textpic aos-init aos-animate" data-aos="fade-up" id="bkmrk-konstruktion-vorlage"><div class="ce-below ce-center ce-textpic"><div class="ce-bodytext"><div class="ce-text">  
</div></div><div class="ce-gallery" data-ce-columns="2" data-ce-images="2"><div class="ce-outer"><div class="ce-inner"><div class="ce-row"><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/3/d/csm_10._Konstruktion__2__d66deac8cf.jpg)<figcaption class="image-caption">Konstruktion</figcaption></figure></div><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/1/6/csm_11._vorlage-zur-patentzeichnung-rhoenrad-ludwigshafen-rhein-1920er-GerdHaessel_-_Kopie.jpg_520808e9ef.jpg)<figcaption class="image-caption">Vorlage zur Patentzeichnung Rhönrad</figcaption></figure></div></div></div></div></div></div></div>Als die deutsche Reichsregierung 1922 mit der Leistung der im Versailler Vertrag festgesetzten hohen Reparationszahlungen in Verzug gerät, wird im Januar 1923 das Ruhrgebiet von französischen und belgischen Truppen besetzt. Daraufhin ruft die Reichsregierung zum passiven Widerstand auf und weist ihre Beamten an, Anordnungen der Besatzer nicht zu befolgen. Auch wird den Arbeitern der Reichsbahn verboten, Kohle nach Frankreich oder Belgien zu befördern. Die Franzosen antworten darauf mit Ausweisung. 1923 müssen allein in der Pfalz 5.000 Eisenbahner mit ihren Familien binnen 24 Stunden ihre Heimat verlassen, darunter auch Otto Feick. Er zieht mit seiner Familie in den kleinen Ort Schönau an der Brend, dem in der Rhön gelegenen Heimatort seiner Frau. Dort gründet Feick eine Metallwerkstatt, wo er unter anderem Bettgestelle und Spielzeug herstellt und an der Verbesserung seines Turngerätes weiterarbeitet. Zum Dank an seine neue Heimat nennt er es „Rhönrad“. Im November 1925 wird ihm auf dieses außergewöhnliche Sportgerät ein Patent erteilt.

<div class="frame frame-default frame-layout-0 frame-type-textpic aos-init aos-animate" data-aos="fade-up" id="bkmrk-an-das-eisenbahnpers"><div class="ce-below ce-center ce-textpic"><div class="ce-bodytext"><div class="ce-text">  
</div></div><div class="ce-gallery" data-ce-columns="4" data-ce-images="4"><div class="ce-outer"><div class="ce-inner"><div class="ce-row"><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/0/2/csm_12._._An_das_Eisenbahnpersonal_1923_Stadtarchiv_Kaiserslautern_P-A4-0094_221bae722d.jpg)<figcaption class="image-caption">An das Eisenbahnpersonal</figcaption></figure></div><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/3/8/csm_13._Schoenau_an_der_Brend_da17016dcb.png)<figcaption class="image-caption">Schönau an der Brend</figcaption></figure></div><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/f/7/csm_14.__Otto_Feick_mit_35_Jahren_1925__in_seinem_Turnrad_fa82b1da50_4f331011fe.jpg)<figcaption class="image-caption">Otto Feick mit 35 Jahren 1925 in seinem Turnrad</figcaption></figure></div><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/6/e/csm_15._erste-patentschrift-rhoenrad-GerdHaessel_f11e3e28f3.jpg)</figure></div></div></div></div></div></div></div>Ab 1926 reist er mit einer kleinen Gruppe von Turnerinnen und Turnern durch Deutschland, um seine Erfindung bekannt zu machen. Dabei kommt er auch nach Ludwigshafen, wo er das Rhönrad auf einer Erfindermesse im neu eröffneten Ebertpark vorstellt. Anschließend bereist er mit seiner Turntruppe fast ganz Europa und 1929 schließlich auch die Vereinigten Staaten. Dort werden die Rhönräder als "German Wheels" bekannt und spielen sogar in dem 1929 von Metro Goldwyn Mayer produzierten Film „Dynamit“ bei einem Sportfest eine wichtige Rolle.

Anlässlich der Premiere dieses Films in Österreich berichtet das Neue Wiener Tageblatt in seiner Ausgabe vom 24. April 1931, man könne in dem Film ein von Damen bestrittenes Rhönrad-Rennen sehen. Nach einer Vorführung in England werden Rhönräder von Piloten der Royal Air Force zum Training des Gleichgewichtssinns und zur Simulation von Loopings eingesetzt. Um diese kostspieligen Vermarktungstourneen finanzieren zu können, muss Otto Feick sogar seine Patentrechte verpfänden. Aber die Produktion der Rhönräder, die zwischen 80 und 100 Reichsmark kosten, beginnt schließlich so erfolgreich zu laufen, dass er in Würzburg eine neue Werkstätte eröffnen kann.

Bereits im August 1930 findet in Bad Kissingen das erste internationale Rhönrad-Turnier statt. Die Sportler messen sich unter anderem im „Bergab-Mutfahren“, Wett- und Hindernisrennen. Und schließlich führen 1936 in einem Rahmenprogramm der Olympischen Spiele in Berlin 120 Turner Rhönräder vor, auch wenn es -bis heute übrigens- keine olympische Disziplin ist. Dieser Auftritt macht das Rhönrad nicht nur schlagartig bekannt, sondern hat auch zur Folge, dass selbst lange nach dem 2. Weltkrieg das Rhönrad noch als „Nazi-Sport“ verpönt ist, obwohl sich der Gewerkschaftler und überzeugte Demokrat Otto Feick nie von den Nationalsozialisten hat einnehmen lassen.

<div class="frame frame-default frame-layout-0 frame-type-textpic aos-init aos-animate" data-aos="fade-up" id="bkmrk--1"><div class="ce-below ce-center ce-textpic"><div class="ce-bodytext"><div class="ce-text">  
</div></div><div class="ce-gallery" data-ce-columns="3" data-ce-images="6"><div class="ce-outer"><div class="ce-inner"><div class="ce-row"><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/d/3/csm_16._Otto_Feick_-__0ea66849d6.jpg)</figure></div><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/a/7/csm_17._Dynamit_1b18d393a4.png)</figure></div><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/6/7/csm_17._Dynamit_1504__ab001df7f2.png)</figure></div></div><div class="ce-row"><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/7/1/csm_18._anno_9e36681f27.png)</figure></div><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/a/2/csm_18._annoshow_a12a978498.jpeg)</figure></div><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/1/8/csm_19._1936_Olympic_Games_Poster_b9dfebf664.jpg)</figure></div></div></div></div></div></div></div><div class="frame frame-default frame-layout-0 frame-type-textpic aos-init aos-animate" data-aos="fade-up" id="bkmrk-otto-feick-ca.-50-ja"><div class="ce-intext ce-left ce-textpic"><div class="ce-gallery" data-ce-columns="1" data-ce-images="1"><div class="ce-row"><div class="ce-column"><figure class="image">![](https://www.meile-der-innovationen.de/fileadmin/_processed_/a/1/csm_20.__Otto_Feick__ca_50_Jahre_721840c5b8_bea64f66dc.jpg)<figcaption class="image-caption">Otto Feick ca. 50 Jahre</figcaption></figure></div></div></div><div class="ce-bodytext"><div class="ce-text">  
</div></div></div></div>Trotzdem kann Feick keine Rhönräder mehr verkaufen und muss seine Werkstatt schließen. Noch mehr aber macht ihm der Tod seines einzigen Sohnes Fritz zu schaffen, der 1945 auf der Flucht aus russischer Gefangenschaft erschossen wird. Feick ist ein gebrochener Mann (20). Erst ab 1953 finden wieder Wettbewerbe im Rhönradturnen statt. Nachdem der Deutsche Turnerbund das Rhönradturnen 1959 offiziell als Turndisziplin anerkennt, wird 1960 in Hannover die erste deutsche Meisterschaft ausgetragen. Erst mehr als 30 Jahre später gibt es eine Europameisterschaft. Nach Gründung des internationalen Rhönradverbandes 1995 findet noch im gleichen Jahr im niederländischen Den Helder die erste Weltmeisterschaft statt.

Geschwindigkeitsrennen spielen keine Rolle mehr. Nun geht es bei den Disziplinen um artistische Übungen im und auf dem Rad. Beim Geradeaus-Turnen rollt das Rad auf beiden Reifen in die durch Gewichtsverlagerung bestimmte Richtung. Beim Spirale-Turnen wird das gekippte Rad auf nur einem Reifen in einem Kreis bewegt. Besonders anspruchsvoll ist der Sprung. Hier springen die Sportler auf das rollende Rad und dann mit einem Salto oder auch Überschlag wieder herunter. Diese akrobatischen Übungen erfordern nicht nur Ausdauer sowie Arm- und Beinkraft, sondern auch Koordination und einen ausgeprägten Gleichgewichtssinn.

Heute sind die Stahlreifen der Rhönräder mit Hart-PVC beschichtet. Dadurch kann man mit dem Rhönrad nun auch wetterunabhängig in Hallen turnen. Dies hat auch den Vorteil, dass die Turner ihre Übungen langsamer und präziser ausführen und auch größere Räder mit bis zu 2,40 m Durchmesser nutzen können. Solche Rhönräder wiegen bis zu 60 Kilogramm. Auch können die Räder heute zerlegt und dadurch leichter transportiert werden. Dies alles erlebt Feick nicht mehr. Gesundheitlich angeschlagen, lebt er von einer geringen Rente in ärmlichen Verhältnissen. Nach langer Krankheit stirbt er am 17. Oktober 1959 und wird in Schönau an der Brend beigesetzt. Der Otto-Feick-Platz in Reichenbach-Steegen erinnert an ihn. Und nun auch die Tafel der Kurpfälzer Meile der Innovationen, die wir heute einweihen.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Max Schmeling. Sportidol für Generationen, in: NDR online, online verfügbar seit 23.09.2025 unter: [https://www.ndr.de/sport/legenden/Max-Schmeling-Sportidol-fuer-Generationen,schmeling146.html](https://www.ndr.de/sport/legenden/Max-Schmeling-Sportidol-fuer-Generationen,schmeling146.html), zuletzt geprüft am 09.04.2026.

-&gt; 1921 Rhönrad Otto Feick, in: Kurpfälzer Meile der Innovationen, online verfügbar unter: [https://www.meile-der-innovationen.de/innovationen/rhoenrad-1921](https://www.meile-der-innovationen.de/innovationen/rhoenrad-1921), zuletzt geprüft am 09.04.2026.

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**Sekundärliteratur**

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# Das Bild der neuen Frau



# Die Neue Frau

#### Inhaltsverzeichnis

1. Die Neue Frau (LeMO Artikel)
2. Einführung des Frauenwahlrechts

##### 1. Die Neue Frau 

<section class="container" id="bkmrk-der-industriellen-un">Der industriellen und technologischen Revolution schloss sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Umgestaltung der Gesellschaft an. Ausdruck des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses im [Kaiserreich](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich) war auch ein verändertes Rollenverständnis der Geschlechter. Viele Frauen organisierten sich verstärkt innerhalb der [Frauenbewegung](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/frauen) für das Erlangen von politischen, sozialen und zivilen Bürgerrechten. Auf kultureller Ebene thematisierte zunächst die Literatur die neue Frauenrolle und ihr Auftreten in der Öffentlichkeit. In Romanen von Schriftstellerinnen der Jahrhundertwende wurde der Typus der Neuen Frau zuerst vorgestellt, die als Protagonistin ihr Leben selbstständig und selbstbewusst in die Hand nahm, um es aktiv zu gestalten. In der traditionsbewussten Gesellschaft des Kaiserreichs waren diese modernen Ideen allerdings nur von einer sehr geringen Zahl von Frauen umsetzbar.

Der [Erste Weltkrieg](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg) bedeutete für viele Frauen im politischen und sozialen Sinn eine einschneidende Zäsur. Frauen übernahmen neue Aufgaben in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt. Bedingt durch die Abwesenheit der Männer an der Front fand zumindest in Großstädten bei einer Vielzahl von Frauen ein grundlegender Wandel der sexuellen Moral statt. Nach dem Ende des Krieges machte die um sich greifende Aufbruchstimmung nicht vor den Türen privater Häuser Halt: Die Zahl der Ehescheidungen nahm 1919 sprunghaft zu. Betroffen davon waren überproportional häufig die übereilt geschlossenen Ehen während des Krieges. Aber auch viele Langverheiratete hatten sich durch das hinziehende Getrenntsein emotional voneinander distanziert.

</section><section class="container" id="bkmrk-nach-kriegsende-1918">Nach Kriegsende 1918 und der Rückkehr der Frontsoldaten wurde die Mehrzahl der Frauen aus dem öffentlichen Leben wieder zurückgedrängt. Mit der Einführung des Wahlrechts für Frauen zu Beginn der Weimarer Republik erfüllte sich aber eine von der Frauenbewegung seit langem aufgestellte politische Hauptforderung. Auch im Alltagsbereich boten sich in den 20er Jahren für eine kleine Gruppe von jungen und ungebundenen Frauen neue Möglichkeiten zu bisher unvorstellbaren Lebensplanungen. Veränderte Moralvorstellungen und ein neues weibliches Selbstverständnis boten die Grundlagen für das Erscheinen der sogenannten Neuen Frau im städtischen Alltag.

<div class="row"><div class="small-15 large-10 columns  "><div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0">  
</div></div></div>[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-08/scaled-1680-/image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-08/image.jpeg)

<div class="row"><div class="small-15 large-10 columns  "><div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0">  
</div></div></div>Eine kleine, elitäre Gruppe der weiblichen Bevölkerung, zumeist um die Jahrhundertwende geborene Akademikerinnen, Journalistinnen, Schriftstellerinnen, Tänzerinnen oder Künstlerinnen, waren die Protagonistinnen der Neuen Frau. Vor allem in den Großstädten ansässig, brachen sie mit dem traditionellen weiblichen Lebensstil ihrer Mütter, lebten und wirkten jenseits der konventionellen Auffassung von Ehe und weiblichem Bezugsfeld. Vielmehr wollten sie einen Beruf ausüben und in einer "ebenbürtigen Beziehung" leben, was aber keinesfalls die Institution der Ehe oder den Wunsch nach Familie ausschloss. Das Frauenbild der radikalen Frauenbewegung, welches sich auch fundamental von den alten Konventionen unterschied, lehnte die Neue Frau als altmodisch ab. Ihr Frauenbild streifte vielmehr den Nimbus des Politischen ab und fokussierte sich auf die kulturelle Selbstdarstellung und auf ein neues Selbstverständnis der Frau in der Weimarer Republik.

Häufig entstammte die Neue Frau großbürgerlichen oder adeligen Kreisen. Nur sie hatten die finanziellen Möglichkeiten, einen normabweichenden Lebensstil zu führen und an dem uneingeschränkten Konsum der neuesten Mode sowie an Kultur, Unterhaltung und Freizeit teilzunehmen. Häufig übten sie moderne, aus dem angloamerikanischen Raum eingeführte Sportarten wie Tennis oder Golf aus, drangen so auch beim Sport in männliche Domänen ein und entwickelten ein neues Selbstverständnis zu ihrem Körper. Das Image der Neuen Frau wirkte aber auch jenseits der gebildeten Elite. Es waren zumeist die weiblichen Angestellten, die sogenannten Tippmamsells, die den Trendsetterinnen nachzueifern trachteten. Die Werbung, Romane wie "Stud. chem. Helene Wilfüer" von Vicki Baum und vor allem Zeitschriften wie "Die Dame" oder "Elegante Welt" brachten das Bild der Neuen Frau in die Öffentlichkeit. Bubikopf, Zigaretten aufgesteckt im Spitz und knielange Röcke wurden vor allem in den "Goldenen Zwanzigern" zu den Modeerscheinungen einer neuartigen Massenkultur. Mit Beginn der [Weltwirtschaftskrise](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/industrie/wirtschaftskrise) 1929 und ihrer sozialen Folgen verlor das Image der selbstständigen und unabhängigen Neuen Frau jedoch zunehmend an Glanz. Als kulturelles und konsumorientiertes Phänomen verschwand es ebenso schnell aus dem Alltag, wie es aufkam.

<div class="row"><div class="small-15 large-10 columns  "><div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--1"></div></div></div></section>##### 2. Einführung des Frauenwahlrechts

Zur Wahl der [Nationalversammlung](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/nationalversammlung) am 19. Januar 1919 war es für Frauen in Deutschland erstmals möglich, zu wählen und gewählt zu werden. Dem ging ein langer Kampf voraus, der bereits im 19. Jahrhundert begann. Noch vor der organisierten Frauenbewegung sprach sich im Zuge der [Revolution von 1848/49](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/revolution-1848) als Erste Louise Otto-Peters für das Frauenwahlrecht aus. In ihrer politischen „Frauen-Zeitung“, die sie erstmals 1849 herausgab, forderte sie „das Recht der Mündigkeit“ für die Frau und „die Selbstständigkeit im Staat“. In den 1870er Jahren setzte sich Hedwig Dohm (1831-1919) ebenfalls für das Frauenwahlrecht ein. In ihrem Werk „Der Frauen Natur und Recht“ von 1876 formulierte sie ihre Forderung ganz explizit.

Diesen Wegbereiterinnen folgte ab 1890 der organisierte Kampf der Frauenbewegung für das Frauenwahlrecht in Deutschland. Bis dahin hatte das [Sozialistengesetz](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/sozialistengesetz.html), das von 1878 bis 1890 galt und die Ausbreitung jeglicher sozialdemokratischer Bestrebungen verhindern sollte, einen umfassenden Einsatz für diese sozialdemokratische Forderung stark eingeschränkt. So konnte die Frauenbewegung ab diesem Zeitpunkt endlich wachsen, wenn auch ihre Arbeit noch bis 1908 durch verschiedene Vereinsgesetze in einigen Ländern des Kaiserreiches erschwert wurde, die Frauen ausdrücklich untersagten, sich politisch zu betätigen.

Für das Frauenwahlrecht kämpften nun aber nicht nur Frauen aus dem „radikalen“ bürgerlichen Flügel und die Sozialdemokratinnen, sondern auch die, die als bürgerlich-gemäßigt galten. Die SPD hatte, initiiert durch Clara Zetkin, das Thema Frauenstimmrecht bereits 1891 in ihr Wahlprogramm aufgenommen. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, haben die Sozialdemokratinnen 1910 den jährlichen [Internationalen Frauentag](https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/internationaler-frauentag) ausgerufen. Begangen wurde dieser Tag erstmals am 19. März 1911 in Deutschland und anderen Ländern.

<div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk-"></div><div id="bkmrk-luise-zietz%2C-lore-ag"><div class="photo-with-caption">[![Luise Zietz, Lore Agnes und Anna Hübler - die weiblichen Mitglieder der USPD-Fraktion in der Nationalversammlung](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/f59-2019.jpg "Luise Zietz, Lore Agnes und Anna Hübler - die weiblichen Mitglieder der USPD-Fraktion in der Nationalversammlung")<span class="image-caption">Luise Zietz, Lore Agnes und Anna Hübler - die weiblichen Mitglieder der USPD-Fraktion in der Nationalversammlung</span>](https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/die-weiblichen-mitglieder-der-uspd-fraktion-in-der-nationalversammlung-1919)</div></div>1902 wurde auf Vorschlag von Anita Augspurg zusammen mit [Lida Gustava Heymann](https://www.dhm.de/lemo/biografie/lida-gustava-heymann)und [Minna Cauer](https://www.dhm.de/lemo/biografie/minna-cauer) der erste Frauenwahlrechtsverein, der Deutsche Verein für Frauenstimmrecht, in Hamburg gegründet. Einige, vor allem die Preußinnen, plädierten für das Dreiklassenwahlrecht als "Zwischenschritt", wie es auch Männer schon innehatten. Diese Position war umstritten und führte letztlich kurz vor dem [Ersten Weltkrieg](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg) zur Spaltung in drei verschiedene Frauenstimmrechtsvereine.   
  
Mit Beginn des Ersten Weltkrieges fand der Einsatz für das Frauenwahlrecht vorerst ein jähes Ende. Die Männer zogen in den Krieg, die Frauen gehörten zur sogenannten Heimatfront. Einige von ihnen engagierten sich dennoch weiter politisch, beispielsweise für den Frieden, 1915 fanden zwei Frauenfriedenskonferenzen statt.

<div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--2"></div>Explizit wurde der Kampf um das Frauenwahlrecht erst 1917 wieder aufgenommen. Ausschlaggebend dafür war die Osteransprache von [Kaiser Wilhelm II.](https://www.dhm.de/lemo/biografie/wilhelm-ii) im selben Jahr. Darin stellte er zwar eine demokratische Wahlrechtserweiterung in Aussicht, ignorierte dabei aber die Frauen mit ihren Forderungen. Daraufhin formierte sich ein breites Frauenbündnis für das Frauenwahlrecht. So gaben die Frauen der Mehrheitssozialdemokratie, der Reichsverband für Frauenstimmrecht und der Deutsche Stimmrechtsbund eine gemeinsame Erklärung zur Wahlrechtsfrage ab und führten zahlreiche Kundgebungen in mehreren großen Städten durch. Doch das alles brachte nicht den erwünschten Erfolg. Und so unternahmen die Frauen im Oktober 1918 einen letzten Versuch und wandten sich an den Reichskanzler [Prinz Max von Baden](https://www.dhm.de/lemo/biografie/max-von-baden) und baten um eine Unterredung. Dazu kam es allerdings nicht mehr. Der [Rat der Volksbeauftragen](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/revolution-191819/rat-der-volksbeauftragten) bekam das Heft in die Hand und rief am 12. November 1918 das demokratische Wahlrecht aus. Damit wurde in Preußen das Dreiklassenwahlrecht abgeschafft und in ganz Deutschland das aktive und passive Frauenwahlrecht eingeführt.   
  
Schnell erkannten die Parteien, dass sie speziell um die neue weibliche Wählergruppe werben mussten. Die Frauenbewegung bemühte sich um politische Aufklärungsarbeit mit entsprechenden Schriften, Flugblättern und Wahlaufrufen. Am 19. Januar 1919 konnten Frauen erstmals ihr aktives und passives Wahlrecht ausüben. Als erste weibliche Abgeordnete zogen 37 Frauen in die Nationalversammlung ein. Damit stellten sie knapp 10 Prozent der Abgeordneten.

<div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--3"></div>##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Herzog, Susanne: Die Neue Frau, in: LeMO, online verfügbar seit 14.09.2014 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/alltagsleben/die-neue-frau, zuletzt geprüft am 11.08.2025.

-&gt; Jurczyk,Cordula: Einführung des Frauenwahlrechts, in: LeMO, online verfügbar seit 16.01.2019 unter: [https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/revolution/einfuehrung-frauenwahlrecht](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/revolution/einfuehrung-frauenwahlrecht), zuletzt geprüft am 09.12.2025.

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**Sekundärliteratur**

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# Krisen der Weimarer Republik



# Aufstieg der Nationalsozialisten

#### Inhaltsverzeichnis

1\. München unter dem Hakenkreuz

##### 1. München unter dem Hakenkreuz

Niemand beschimpft die Weimarer Republik so hasserfüllt wie Adolf Hitler. Am 8. November 1923 versucht der Vorsitzende der rechtsextremen NSDAP, mit seinen Gefolgsleuten Bayerns Regierung zu stürzen, um anschließend gegen Berlin zu marschieren. Der Staatsstreich scheitert – und wird doch zum Triumph

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image photo" id="bkmrk-wegen-seines-umsturz">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2019/11/ef853219-3c7f-4dfb-a580-ec9f2783c0a3.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption>WEGEN SEINES Umsturzversuchs muss sich Hitler 1924 vor einem Münchner Gericht verantworten. Am Tag der Urteilsverkündung posiert er mit anderen Angeklagten, darunter dem früheren Reichswehrgeneral Erich Ludendorff (Mitte)</figcaption></figure>Adolf Hitler will sich umbringen. Es ist der 11. November 1923, und die Polizei wartet vor der Tür. Der per Haftbefehl gesuchte Aufrührer, der drei Tage zuvor versucht hat, Bayerns Regierung zu stürzen, hat sich in der Villa seiner Gönnerin Helene Hanfstaengl am Staffelsee versteckt. Vergebens, die Ordnungshüter haben ihn gefunden. Hysterisch schreit Hitler mit dem Revolver in der Hand: „Das ist das Ende! Mich von diesen Schweinen verhaften lassen – niemals! Lieber tot!“ So zumindest wird es Helene Hanfstaengl später berichten. Der Putschversuch des 34-Jährigen war als Startsignal für einen „Marsch auf Berlin“ gedacht, bei dem die Weimarer Republik zu Fall gebracht werden sollte. Doch sein Coup scheiterte bereits am Münchner Odeonsplatz. Im Handgemenge hat er sich die Schulter ausgerenkt. Unter starken Schmerzen ist er in die 70 Kilometer entfernte Villa geflohen. Doch die Behörden haben kaum mehr als 48 Stunden gebraucht, um ihn dort ausfindig zu machen. Nun stehen die Polizisten vor der Tür.

Hitlers Gastgeberin ist eine Amerikanerin mit deutschen Wurzeln. Ihr Mann Ernst, Sohn einer wohlhabenden Münchner Verlegerfamilie, hat einige Jahre lang in New York gelebt. Das Ehepaar gehört zur Münchner High Society, unterstützt offen Hitlers Partei. Und es ist Helene Hanfstaengl, die in diesem Moment Entschlossenheit zeigt. Mit einer schnellen Bewegung entwindet sie dem Rasenden die Waffe (so jedenfalls stellt sie es später dar). Sie lässt den Kommandeur der Polizeitruppe ins Haus und führt ihn zu Hitler, der einen weißen Schlafanzug trägt, den lädierten Arm in eine Schlinge gesteckt. Sein Widerstandsgeist ist gebrochen. Als ihm der Polizist erklärt, er wolle ihn verhaften, reicht Hitler ihm höflich die Hand und bittet darum, vor Anpöbelungen geschützt zu werden.

Auf der Straße nimmt ihn das Polizeikommando in Empfang. Ziel ist das Gefängnis in Landsberg. In diesem Moment scheint die politische Laufbahn des NSDAP-Chefs beendet zu sein. Ihm drohen ein Verfahren wegen Hochverrats und die Abschiebung in sein Heimatland Österreich.

<div class="lSSlideOuter" id="bkmrk-m%C3%9Cnchen-ist-der-idea"><div class="lSSlideWrapper usingCss">- <figure style="text-align: justify;">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2019/11/b9f34b01-8df6-4f42-a5e6-10feb4da05ee.jpg?w=800&webp=1&w=1200)
    
    <figcaption>  
    MÜNCHEN IST der ideale Ort für Adolf Hitlers Pläne: Nirgendwo in Deutschland finden sich mehr Antisemiten und Demokratiefeinde. Im November 1923 will er seinen Hetzreden Taten folgen lassen (Foto vom 4. November 1923)  
      
    </figcaption>
    - ![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2019/11/f10a1bb7-7ee2-4ab2-a3df-830f4c237c05.jpg?w=800&webp=1&w=1200)
    
    <figcaption>DER PUTSCH: Während Hitler am 8. November 1923 im »Bürgerbräukeller « die nationale Revolution ausruft, besetzen bewaffnete Anhänger das bayerische Hauptquartier der Reichswehr. Einer der Kämpfer: Heinrich Himmler, der spätere SS-Führer (mit Fahne)  
      
    </figcaption>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2019/11/9b5bd760-f549-49a3-9dfd-4df1316d6718.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>DIE TRUPPEN der NSDAP verfügen zwar über Lkw und Maschinengewehre, doch den regulären Einheiten von Reichswehr und Landespolizei sind sie unterlegen (Hitler-Anhänger während des Putsches)</figcaption></figure>

</div></div>Tatsächlich aber ist dies erst der Anfang seiner Karriere. Denn Bayerns Justiz wird dafür sorgen, dass der Prozess gegen Adolf Hitler zum Startpunkt seines unglaublichen Aufstiegs gerät.

**LANGE HAT HITLER** nach Menschen gesucht, die seiner Wut zuhören: als 20-Jähriger in einem Männerheim in Wien, später in Münchner Cafés, wo es den erwerbslosen Österreicher 1913 hinzog, dann in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Doch Publikum für seine Tiraden fand er kaum. Bis sich ihm in Bayern nach Krieg und sozialistischer Revolution ideale Umstände bieten. Im April 1919 ist das bayerische Bürgertum schockiert von der Machtübernahme linker Arbeiter- und Soldatenräte, die eine eigene Republik ausrufen (siehe Seite 88). Entsprechend erleichtert sind weite Teile der Münchner Gesellschaft, als paramilitärische Freikorps-Einheiten in die Stadt einrücken und das kommunistische Treiben brutal beenden. Für das Chaos in der Stadt machen sie andere verantwortlich: „landfremde Elemente“, Juden, Marxisten. Die rechten Truppen werden als Heilsbringer gefeiert.

Den meisten Bürgern ist nach den Schreckenstagen des kurzen kommunistischen Putsches alles recht, um eine erneute linke Machtübernahme zu verhindern. Viele verängstigte Münchner sympathisieren mit den radikalen Nationalisten. Denn nur ihnen trauen sie zu, die Kommunisten in Schach zu halten. Die vor dem Ersten Weltkrieg eher liberale Stadt entwickelt sich zum Zentrum rechtsradikaler Kräfte. Dazu trägt eine Generation junger Männer bei, die wie Hitler fanatisiert und voller Hass aus dem Krieg zurückkehren. Hinzu kommt, dass die Landesregierung alles tut, um die Rechtsradikalen zu unterstützen. 1920 wird ein überzeugter Monarchist bayerischer Ministerpräsident. Gustav Ritter von Kahr erklärt Bayern umgehend zu einem Ort, an dem all jene willkommen sind, die die Weimarer Demokratie ablehnen.

In Bayern sind sie sicher. Selbst jene Reichswehroffiziere, die sich 1920 an einem gescheiterten Putsch gegen die demokratisch gewählte Reichsregierung beteiligt haben, können sich hier frei bewegen. Mehr als 70 „völkische“ Gruppierungen gibt es 1920 in Deutschland, 15 davon in München. Ihre Mitglieder glauben an die Überlegenheit der „deutschen Rasse“, sie hassen alles Jüdische und verabscheuen den Marxismus. Zuspruch gibt es genug: Die wohlsituierten Mitglieder der geheimen „Thule-Gesellschaft“ etwa überlegen, wie man die Münchner Arbeiterklasse von einem nationalen Sozialismus überzeugen könnte. Die antidemokratische Terrortruppe „Organisation Consul“ plant in der bayerischen Hauptstadt die Ermordung des Außenministers Walther Rathenau (und verübt das Attentat im Juni 1922). Und wenn im „Kindlkeller“ gegen Juden gehetzt wird, ist die Bierhalle voll bis auf den letzten Platz: 7000 Menschen, vereint im Hass.

Aber noch gibt es niemanden, der all diese Bemühungen bündelt. Keinen Anführer. Noch nicht. Es ist Hitlers rhetorisches Talent, das ihn in den drei Jahren nach Kriegsende in München bekannt macht. Damit fällt er bereits in der Armee auf. Als er im Juli 1919 an einer Schulung der Nachrichten-Abteilung der Reichswehr teilnimmt, bei der die Armee Kriegsheimkehrer wie ihn gegen sozialistische Gedanken immunisieren will, sticht er durch besonderen politischen Eifer hervor. Bereits einen Monat später setzt ihn die Reichswehr bei einer weiteren Schulung als Ausbilder ein. Dort hält er das erste Mal in seinem Leben Reden vor einer größeren Menschenmenge.

> Hitlers Ton begeistert die Zuhörer

Die Veteranen lassen sich begeistern von seinem radikalen Ton, von seinem Hass auf Juden. Hitlers „Fanatismus“ habe sie zur Aufmerksamkeit geradezu gezwungen, erinnert sich ein Zuhörer. Der 30-jährige österreichische Gefreite entdeckt seine Begabung: Er kann Menschen durch seine Sprache erreichen. Mehr noch, er kann sie mitreißen.

Von der Reichswehr wird er nun als nationalistischer „Aufklärungsredner“ eingesetzt. Und findet schnell eine politische Heimat: Im September 1919 observiert er als Agent der Reichswehr ein Treffen der völkischen „Deutschen Arbeiterpartei“ – und meldet sich prompt zu Wort. Er redet sich dabei derart in Rage, dass der Parteivorsitzende Anton Drexler hinterher meint: „Mensch, der hat a Gosch’n, denn kunnt ma braucha.“

Hitler lässt sich nicht lange bitten. Einige Tage nach dem Treffen tritt er in die Partei ein, Mitgliedsnummer 555 (die DAP hat ihre Zählung bei 500 begonnen, um größer zu erscheinen). Sie konkurriert zu jener Zeit mit Münchens anderen völkischen Gruppierungen. Nur wenig deutet darauf hin, dass sie schon bald die dominierende rechtsradikale Kraft sein wird.

Wenn es für die DAP eine Hoffnung gibt, dann ist es der Rhetoriker Hitlers: 1920 wird er zu ihrem wichtigsten Bierkeller-Redner. Anfangs spricht er in kleineren Lokalen vor ein paar Hundert Leuten. Im Februar 1920 wagt die Partei eine erste Großveranstaltung im „Hofbräuhaus“. Es kommen 2000 Menschen. Und es wird stürmisch gejubelt, als Hitler gegen Juden hetzt und gegen den Versailler Vertrag und schließlich verkündet: „Unsere Parole heißt nur Kampf.“

Von nun an ist er für die Partei – die sich jetzt Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei nennt – nahezu unverzichtbar. Ab April 1920 ist die Agitation für die NSDAP und gegen die verhasste Weimarer Republik seine Hauptaufgabe, die Reichswehr hat er verlassen. Immer mehr Menschen strömen in den folgenden Monaten in die Bierkeller und Hallen, um ihn, den schärfsten Hetzer gegen „jüdische Halsabschneider und Profiteure“, zu hören. Die 6000 Sitze des „ Circus Krone“ füllt er bald mühelos.

Zudem findet Hitler wohlhabende Unterstützer. Viele geben Geld, laden ihn ein zu ihren Soireen in den Salons der feineren Münchner Gesellschaft, wo er sich anfangs noch etwas ungelenk anstellt, aber als Kuriosum umschwärmt wird. Im Juli 1921 fordert er schließlich den Parteivorsitz mit „diktatorischer Machtbefugnis“. Die bisherigen Anführer der NSDAP fürchten, ihren wichtigsten Agitator zu verlieren, wenn sie ihm nicht nachgeben – und stimmen zu. Die NSDAP zieht derweil immer mehr Mitglieder an und bleibt dennoch nur eine von vielen rechten Gruppen in Deutschland und ist zudem außerhalb des Freistaates kaum bekannt.

Auch ihre Kampfmiliz, die Sturmabteilung (SA), ist im Vergleich mit anderen bewaffneten Gruppen in Bayern, die teilweise Zehntausende Mann unter Waffen haben, eher klein. Hitler selbst sieht sich anfangs offenbar nicht als den künftigen Führer. In einer Rede im Mai 1923 erklärt er: „Unsere Aufgabe ist, dem Diktator, wenn er kommt, ein Volk zu geben, das reif ist für ihn.“

All das ändert sich im November 1923. Vier Jahre nach Gründung der Weimarer Republik ist die politische Stimmung in Deutschland extrem angespannt. Französische und belgische Truppen haben Anfang des Jahres das Ruhrgebiet besetzt, da Deutschland mit Reparationszahlungen für die Schäden im Ersten Weltkrieg in Rückstand geraten ist. Viele Bürger sind wütend, sie fühlen sich durch den Einmarsch in ihrer nationalen Ehre verletzt.

Zudem befindet sich Deutschland in einer Wirtschaftskrise. Die Inflation ist außer Kontrolle geraten. Ein Dollar ist Anfang November 1923 mehr als 418 Milliarden Mark wert. Für einen Laib Brot bezahlt man 5,6 Milliarden Mark. In Bayern ruft die Regierung den Ausnahmezustand aus und setzt den früheren Ministerpräsidenten Gustav Ritter von Kahr als Generalstaatskommissar mit diktatorischen Vollmachten ein.

In dieser instabilen politischen Lage sehen die Nationalsozialisten ihre Chance für einen Umsturz gekommen. Hitler braucht Verbündete, um die Wut der Menschen auszunutzen. Die NSDAP zählt zwar immerhin schon 55.000 Mitglieder, hat aber noch nie an einer Wahl teilgenommen. Am 7. November 1923 erfährt er, dass die drei mächtigsten Männer Bayerns am nächsten Tag bei einer politischen Veranstaltung im Münchner „Bürgerbräukeller“ sein werden: Generalstaatskommissar von Kahr, Otto von Lossow, der Kommandeur der Reichswehr in Bayern, und Hans von Seißer, Chef der bayerischen Landespolizei.

Hitler fasst einen Plan: Er will diese Männer zur Rebellion gegen Berlin zwingen – indem er sie als Geiseln nimmt.

> Der Richter zeigt viel Verständnis

Am Abend des 8. November marschiert er mit bewaffneten SA-Männern in den mit 3000 Zuschauern besetzten „Bürgerbräukeller“, droht Kahr, Lossow und Seißer mit deren Ermordung und bringt sie tatsächlich dazu, per Handschlag im aufgehetzten Saal einer nationalen Revolution zuzustimmen. Aber als die drei in der Nacht freigelassen werden, ignorieren sie das ihnen abgepresste Versprechen und befehlen loyale Reichswehrtruppen aus ganz Bayern zur Unterstützung der Münchner Polizei herbei. Die ersten Putschisten werden noch vor Mitternacht festgenommen.

Hitler sieht am nächsten Morgen seine einzige Chance in einem Marsch durch München mit 2000 Anhängern, der die Bevölkerung mobilisieren soll. Doch schon am Odeonsplatz werden die Männer von bewaffneten Polizisten gestoppt. 30 Sekunden dauert der Schusswechsel, dann liegen 13 Gefolgsleute Hitlers sowie vier Polizeibeamte und ein Passant tot am Boden. Der Putsch ist gescheitert. Hitler flieht mit einem Auto. Zwei Tage später wird er in der Villa am Staffelsee festgenommen.

**ALS DER VERSCHWÖRER** zur Untersuchungshaft in das Gefängnis von Landsberg eingeliefert wird, ist er blass und schweigsam. Hitler kommt in einen Bereich für besonders privilegierte Gefangene. Die dortige „Festungshaft“ ist im Reichsstrafgesetzbuch politischen Häftlingen und Duellanten vorbehalten: all jenen also, die ihre Verbrechen in vermeintlich „ehrenhafter Gesinnung“ begangen haben. Die Haftbedingungen sind deutlich entschärft – vor allem, wenn es sich um Nationalisten handelt.

Während die meisten anderen Gefangenen in engen, dunklen Zellen sitzen, hat Hitler Platz für einen kleinen Schreibtisch und viel Licht, das durch zwei große Fenster hineinströmt. Er bewohnt das beste Zimmer des Gefängnisses und verfällt dennoch in eine Depression. Er tritt in Hungerstreik, magert ab, wirkt nach wenigen Tagen wie ein „Haufen Elend, niedergeschlagen, unrasiert“, so ein Gefängniswärter. Weil er außer Wasser nichts zu sich nimmt, wird er auf die Krankenstation verlegt.

Seine Partei ist verboten, Anhänger sind auf der Flucht, er selbst muss mit hoher Strafe rechnen – auf Hochverrat stehen mindestens fünf Jahre Gefängnis. Er scheint ein gebrochener Mann zu sein. Doch dann kommen die Briefe. Helene Hanfstaengl schreibt ihm, sie habe ihn nicht von einem Suizid abgehalten, nur damit er sich jetzt zu Tode hungere. Andere schicken Pakete; Winifred Wagner, Schwiegertochter des Komponisten Richard Wagner, sendet ihm eine Wolldecke, Jacke, Strümpfe, Lebensmittel und Bücher. Im Gefängnis kommen derart viele Delikatessen an, dass Hitler den Überfluss an ein Kloster spendet.

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image photo" id="bkmrk-milde-strafe%3A-nach-d">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2019/11/e1081869-d71e-4ff3-9b30-cf25c03b10e2.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption>MILDE STRAFE: Nach der Gerichtsverhandlung wird Hitler für knapp neun Monate in Landsberg inhaftiert – in komfortablen Verhältnissen und im Kreise von Parteigenossen wie Rudolf Heß (2. v. r.)</figcaption></figure>Er begreift, dass seine politische Karriere doch noch nicht beendet ist. Im Gegenteil: Nach dem Putschversuch hat er mehr Bewunderer als je zuvor. Seine Depression klingt ab, er nimmt wieder Nahrung zu sich. Und er findet ein neues Ziel: Er will seinen Prozess zur großen Abrechnung mit der Demokratie, den Juden sowie den Zauderern Kahr, Lossow und Seißer machen. Mit manischer Energie bereitet er sich auf den 26. Februar 1924 vor.

Neun weitere Verschwörer sind mit ihm angeklagt, darunter der spätere SA-Chef Ernst Röhm sowie Erich Ludendorff, ehemaliger Reichswehrgeneral und großer Stratege des Ersten Weltkriegs, ein Antisemit und Antidemokrat – am Abend des Putsches war er neben Hitler im „Bürgerbräukeller“ aufgetreten.

Hitler tritt vor ein ihm zugeneigtes Publikum: Der leitende Richter Georg Neithardt ist, ganz im Sinne der bayerischen Landesregierung, überzeugter Nationalist. Wie der Justizminister Franz Gürtner ist er der Meinung, dass sich Hitlers nationale Überzeugung in einem geringeren Strafmaß niederschlagen sollte. Neithardt äußert öffentlich Verständnis für die „selbstlose“ deutsche Gesinnung des NSDAP-Führers.

Der Justizminister hält Neithardt daher für die beste Wahl, um das Verfahren zu leiten. Er hat allerdings unterschätzt, wie weit der Richter in seiner Nachsichtigkeit zu gehen bereit ist. Denn Neithardt lässt dem Häftling im Gerichtssaal alle Freiheiten. Hitler darf an einem der Tage vier Stunden lang reden, darf die Juden als „größten Feind der arischen Menschheit“ bezeichnen. Unterbrochen wird er nicht. Ein Gerichtsreporter nennt das Verfahren „politischen Karneval“. Der Angeklagte treibt seine Tiraden so weit, dass Gürtner schließlich den Richter darauf hinweist, seine Prozessführung mache einen peinlichen Eindruck. Neithardt antwortet, er vermöge Hitlers Wortschwall nicht zu bremsen.

Stärker einschreiten kann die Regierung nicht, ohne selbst das Recht zu brechen. Sie will es aber vermutlich auch nicht. Neithardt hat als Vorsitzender Richter die Kontrolle über das Verfahren und kann nicht aus politischen Gründen abgesetzt werden – das lässt die Verfassung der Weimarer Republik nicht zu. Das Urteil, das er am 1. April 1924 spricht, ist mild. Hitler wird zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, mit Aussicht auf Bewährung bereits nach sechs Monaten. Die vom Gesetz zwingend vorgeschriebene Ausweisung des Österreichers lehnt der Richter ab: Hitler denke und fühle deutsch, so seine Begründung. Den Eindruck, den der Angeklagte bei vielen der Anwesenden hinterlässt, Gefasst einer der Richter so zusammen: „Ein kolossaler Kerl, dieser Hitler!“

Alle wichtigen Zeitungen berichten über den Prozess. Es ist der Moment, in dem der Name des Putschisten in ganz Deutschland bekannt wird.

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image photo" id="bkmrk-im-dezember-1924-wir">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2019/11/70f653cb-db1b-4160-b630-341fd7e2629a.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption>IM DEZEMBER 1924 wird Hitler aus der Festungshaft entlassen (oben). Schon im Jahr darauf kann er die zwischenzeitlich verbotene NSDAP neu gründen – und seinen Aufstieg fortsetzen  
  
</figcaption></figure>**ZURÜCK IN LANDSBERG,** bleibt Hitler nicht lange allein: Seine Mitkämpfer, darunter mehr als 40 SA-Männer, treten im Mai 1924 ihre Strafe an. Die Männer sitzen unter Bedingungen ein, wie sie eher in einem Hotel herrschen: Sie müssen weder putzen noch ihr Bett selbst machen, sie dürfen rauchen und Alkohol trinken und bekommen ihr Essen von anderen, weniger privilegierten Gefangenen serviert.

Hitler gefällt sich in der Rolle des Anführers, der sich von seinen Leuten „Chef “ nennen lässt und in weißem Hemd und Lederhose durch die Anstalt spaziert. Noch wohler fühlt er sich, als einige seiner engsten Begleiter zu ihm stoßen, etwa Emil Maurice, sein Fahrer aus München, oder Julius Streicher. Der Kopf der NSDAP-Ortsgruppe in Nürnberg hatte während des Hitler-Putsches das Münchner Rathaus besetzt.

Und da ist Rudolf Heß, der spätere Stellvertreter des „Führers“, der am 8. November 1923 zwei Minister entführt hat. Der ehemalige Kampfpilot ist gebildet, aber psychisch labil. Er weicht seinem Vorbild nun kaum noch von der Seite. Mit Heß bespricht Hitler seine Ideen, diskutiert über Politik und Geschichte und geht mit ihm im Gefängnisgarten spazieren, während er zum Rest seiner Anhänger meist eine gewisse Distanz bewahrt.

Und immer mehr reift in ihm der Plan, ein politisches Buch zu schreiben, ein Manifest, das seine Weltanschauung zusammenfasst. Das Manuskript nennt er zunächst etwas umständlich „Viereinhalb Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit“. Später wird es einen griffigeren Titel bekommen: „Mein Kampf“.

In dem Werk bekommt Hitlers politisches Programm erstmals Konturen: Er verbindet die Verachtung für den Kommunismus nun untrennbar mit dem Hass auf die Juden. Das Hauptziel des Nationalsozialismus sei die „Vernichtung“ des „jüdischen Bolschewismus“, schreibt er. Die Eroberung von „Lebensraum“ in der Sowjetunion sei notwendig für den Unterhalt der deutschen „Herrenrasse“. Seine Radikalität verfestigt sich beim Schreiben. Er habe während der Arbeit an dem Buch endgültig begriffen, dass er bislang zu milde gewesen sei, sagt er später. In Landsberg manifestiert sich die Idee für den Genozid an den Juden.

Das Schreiben wird bald nur unterbrochen durch kurze Spaziergänge und den Empfang von Besuchern: Ernst Hanfstaengl ist häufig zu Gast, auch Alfred Rosenberg, der spröde Chefredakteur der Parteizeitung, der an der Stelle von Hitler nun kommissarisch die versprengten Nationalsozialisten führt. Zu Hitlers Geburtstag am 20. April 1924 kommen 21 Gratulanten. Das wichtigste Geschenk macht ihm Helene Bechstein: eine neue, aus New York importierte Schreibmaschine. Auf ihr tippt Hitler große Teile von „Mein Kampf“. Oft steht er um 5.00 Uhr auf, lässt sich von Heß eine Tasse Tee machen und schreibt dann den Tag hindurch.

„Landsberg war meine Hochschule auf Staatskosten“, behauptet Hitler später. Erst dort habe er die Richtigkeit seiner Anschauungen begriffen. In der Ruhe der Haft, umgeben von Schmeichlern, beginnt er sich nicht mehr als Vorbereiter jenes großen Mannes zu sehen, der Deutschland retten wird – sondern glaubt nun, selbst dieser Mann zu sein. Viel wichtiger aber ist die Einsicht, dass die NSDAP nur durch Wahlen an die Macht kommen kann. Die neue Strategie heißt daher: Beteiligung an der Demokratie. Um dann, nach dem Wahlsieg, ebendiese Demokratie abzuschaffen.

Als er am 20. Dezember 1924, nach nur 13 Monaten, auf Bewährung freikommt, wird er dringend erwartet. Denn die anderen Anführer der nach dem Putsch in Bayern verbotenen NSDAP haben sich zerstritten. Alfred Rosenberg und Julius Streicher konnten sich auf keine Strategie und keinen Anführer einigen. Aber Hitler bleibt anfangs fast unsichtbar. Zwei Monate lang hält er keine Rede, sondern verbringt etliche Tage in seiner Wohnung in der Münchner Thierschstraße. Der Grund für die Zurückhaltung: Er will Heinrich Held, den neuen bayerischen Ministerpräsidenten, dazu bewegen, das Verbot der NSDAP aufzuheben. Er verhält sich ruhig, um nicht aufzufallen.

Seine einzige politische Aktion in diesen Tagen ist daher ein Treffen mit Held. Er versichert, keinen weiteren Putsch anzetteln zu wollen. Und tritt dabei so kleinlaut auf, dass das Verbot der NSDAP tatsächlich kurz darauf aufgehoben wird. Man habe Hitler gezähmt, glaubt Held. Ein Irrtum. Schon bald baut die NSDAP eine reichsweite Organisation auf. Hitler wird der unbestrittene Anführer der völkischen Bewegung in Deutschland. Und wirkt dennoch zunächst wie ein Schreihals jenseits der Realität.

Denn die Situation hat sich, in Bayern wie in ganz Deutschland, nach 1923 stabilisiert: Eine Währungsreform beendet die Hyperinflation, die Wirtschaft wächst, den Menschen geht es besser, der politische Radikalismus der ersten Jahre nach Krieg und Revolution ebbt ab. Im Mai 1928 erreicht die NSDAP bei Reichstagswahlen nur 2,6 Prozent in ganz Deutschland. Und selbst in München, das die Nationalsozialisten später „Hauptstadt der Bewegung“ nennen werden, bekommen sie nicht mehr als 10,7 Prozent der Stimmen.

Aber die stabilen Jahre der Weimarer Republik währen nur kurz. Am 24. Oktober 1929 brechen die Aktienkurse der New Yorker Börse ein, und bald darauf erreicht die Weltwirtschaftskrise auch Deutschland. Tausende Fabriken schließen, Hunderttausende Arbeiter werden entlassen. 1932 sind mehr als 5,5 Millionen Menschen ohne Brot und Lohn. Und in der Krise wenden sich immer mehr Menschen der NSDAP zu.

Diejenigen, die um ihre Existenz fürchten, sehen im System der Weimarer Republik die Ursache ihrer Probleme. Sie wählen die Nationalsozialisten oft aus Protest, nicht aus Überzeugung. Doch sie wählen sie: Im Juli 1932 gewinnt die NSDAP 37,4 Prozent der Stimmen, ein halbes Jahr später ernennt der Reichspräsident Adolf Hitler zum Kanzler.

Rudolf Heß wird sein Stellvertreter. Im Mai 1941 fliegt er mitten im Krieg eigenmächtig nach England – offenbar in der irrigen Hoffnung, er könne ein Bündnis mit den Briten einfädeln. Er wird später als Kriegsverbrecher verurteilt und erhängt sich 1987 im Gefängnis. Die Hanfstaengls lassen sich 1936 scheiden. Laut ihrem Mann konnte Helene die Nationalsozialisten da schon länger nicht mehr ertragen. Sie geht zurück in die USA, wo sie 1973 stirbt.

Richter Georg Neithardt wird 1933 zum Oberlandesgerichtspräsidenten befördert; 1941 stirbt er. Ein Gericht, das 1950 seine Verwicklung in den Nationalsozialismus prüft, kommt zwar zu dem Ergebnis, der Richter sei als Belasteter einzustufen, stellt dann aber das Verfahren ein. Die Witwenrente seiner Frau bleibt daraufhin unangetastet. Wilhelmine Neithardt erhält sie bis zu ihrem Tod am 1. Juli 1992

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

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**Sekundärliteratur**

-&gt; Böhme, Johannes: München unter dem Hakenkreuz, in: Bayern. Die Geschichte eines ganz besonderen deutschen Staates 1806-2018 (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 92.), Hamburg 2018, S. 100-107.

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# Die Rheinlandbesetzung

#### Inhaltsverzeichnis

1. Die Rheinlandbesetzung (1918-1930)
2. Die Rheinlandbesetzung

##### 1. Die Rheinlandbesetzung (1918-1930)

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/Opoimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/Opoimage.jpeg)

<div class="information-object__top" id="bkmrk-plakat-%27nein%2C-mich-z"><div class="outer-wrapper"><div class="information-object-mood
                    "><div class="information-object-mood__mood-image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Plakat 'Nein, mich zwingt ihr nicht!', 13.1.1923. (Gemeinfrei / Haus der Geschichte)

</figcaption></figure></div></div></div></div></div>**1. Die Besetzung infolge des Waffenstillstandes**

Bei der Be­sat­zungs­zeit (1918-1930) han­delt es sich um ei­nen re­gel­rech­ten Kom­plex von The­men. Im Fol­gen­den ste­hen nicht nur Ver­trä­ge und Pa­ra­gra­phen, Po­li­tik- und Di­plo­ma­tie­ge­schich­te im Vor­der­grund, son­dern es gilt eben­so, ei­nen Blick auf Kul­tur- und Wis­sen­schafts­po­li­tik be­zie­hungs­wei­se Kul­tur- und Wis­sen­schafts­ge­schich­te zu wer­fen. Wirt­schaft­li­che Im­pli­ka­tio­nen spie­len eben­falls ei­ne Rol­le. Al­ler­dings wer­den die­se an an­de­rer Stel­le des On­line-Por­tals aus­führ­li­cher be­han­delt, so dass sie hier le­dig­lich ge­streift wer­den.

Der Pres­se­text zu dem 2010 erst­mals ge­sen­de­ten WDR-Do­ku­men­tar­film „Der Feind am Rhein – Die al­li­ier­te Be­sat­zung nach dem Ers­ten Welt­krie­g“ be­zeich­net die Be­sat­zungs­zeit als „ei­ne ver­ges­se­ne Epo­che der deut­schen Zwi­schen­kriegs­zeit“.[<sup>\[1\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6488) Die­se Ein­schät­zung trifft zu­min­dest auf die his­to­ri­sche For­schung nicht zu. Zahl­reich sind die Ver­öf­fent­li­chun­gen zur rhei­ni­schen Ge­schich­te der Zwi­schen­kriegs­zeit der letz­ten Jah­re. Ins­be­son­de­re zur Be­sat­zungs­zeit, zur Ruhr­kri­se und zur Tau­send­jahr­fei­er, fer­ner zum Ver­hält­nis von Rhein­land und Preu­ßen lie­gen zahl­rei­che Pu­bli­ka­tio­nen vor.[<sup>\[2\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6489)

Das am 11.11.1918 zwi­schen den Kon­flikt­par­tei­en ge­schlos­se­ne Waf­fen­still­stands­ab­kom­men von Com­pièg­ne sah vor, dass das links­rhei­ni­sche Reichs­ge­biet in­klu­si­ve ei­nes zehn Ki­lo­me­ter brei­ten Ge­biets­strei­fens auf dem rech­ten Rhein­ufer durch das deut­sche Mi­li­tär ge­räumt und an­schlie­ßend ent­mi­li­ta­ri­siert wer­den soll­te. Zu­dem soll­ten das links­rhei­ni­sche deut­sche Ter­ri­to­ri­um durch die En­ten­te­mäch­te be­setzt so­wie aus­ge­dehn­te Brü­cken­köp­fe mit ei­nem Ra­di­us von 30 Ki­lo­me­tern ge­gen­über den Städ­ten [Köln](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57cd5d2f2acc68.36305193 "Köln"), [Ko­blenz](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11fd00472a0.61506310 "Koblenz") und Mainz ein­ge­rich­tet wer­den. Ab De­zem­ber 1918 rück­ten die Be­sat­zungs­trup­pen in die grö­ße­ren Städ­te des zu be­set­zen­den west­deut­schen Ge­bie­tes ein. So wur­de Trier zu­nächst von ame­ri­ka­ni­schen und [Aa­chen](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11ee6c78f89.85456777 "Aachen") von fran­zö­si­schen Trup­pen be­setzt.[<sup>\[3\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6490) Am 12. De­zem­ber rück­ten ame­ri­ka­ni­sche Ein­hei­ten in Ko­blenz und in das rechts­rhei­ni­sche Eh­ren­breit­stein ein. Zu­nächst be­ruh­te die Be­set­zung auf dem Kriegs­recht.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/2H7image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/2H7image.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-amerikanische-truppe"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Amerikanische Truppen überqueren die Trierer Römerbrücke über die Mosel, 1918.

</figcaption></figure></div>Am 13.12.1918 kon­sti­tu­ier­te sich die In­te­r­al­li­ier­te Wirt­schafts­kom­mis­si­on, die für die Dis­tri­bu­ti­on von Roh­stof­fen an die Fa­bri­ken im be­setz­ten Ge­biet zu­stän­dig war. Eben­so ob­lag ihr die Auf­sicht über wirt­schaft­li­che Ak­ti­vi­tä­ten. Der Obers­te Wirt­schafts­rat der Al­li­ier­ten Be­sat­zungs­mäch­te in Deutsch­land ver­füg­te am 21.4.1919 in Pa­ris die Ein­rich­tung ei­ner „In­te­r­al­li­ier­ten Rhein­land­kom­mis­si­on“, be­ste­hend aus De­le­gier­ten der vier Be­sat­zungs­mäch­te Bel­gi­en, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en und USA. Ihr ob­lag die Ge­währ­leis­tung ei­ner ein­heit­li­chen Ver­wal­tung des be­setz­ten Ge­bie­tes in sämt­li­chen Ver­sor­gungs- und Wirt­schafts­fra­gen. Mit­te Mai 1919 zog die Kom­mis­si­on in Ko­blenz ein, wo sie zu­nächst im Ge­richts­ge­bäu­de re­si­dier­te, be­vor sie in das Ge­bäu­de des Ober­prä­si­di­ums um­zog.

Bei den auf ver­schie­de­nen Ebe­nen aus­ge­tra­ge­nen Kon­flik­ten der Be­sat­zungs­zeit han­del­te es sich nicht nur um ei­nen „Streit zwi­schen Frank­reich und Preu­ßen“ (Jür­gen Wil­helm), son­dern auch – wenn nicht so­gar vor al­lem – um ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Frank­reich und dem Deut­schen Reich, das im No­vem­ber 1918 die Staats­form ei­ner Re­pu­blik an­ge­nom­men hat­te. Dar­über hin­aus war nicht nur Preu­ßen von der Be­sat­zung be­trof­fen, son­dern auch an­de­re Ge­bie­te wie et­wa die baye­ri­sche Pfalz, [Bir­ken­feld](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d1220dea7256.43656924 "Kreis Birkenfeld") oder – im Os­ten – Ober­schle­si­en und das Me­mel­land.

Zu­nächst sym­bo­li­sier­te die Be­set­zung für die Be­völ­ke­rung der be­trof­fe­nen Ge­bie­te nicht den „Schand­ver­tra­g“ von Ver­sailles, son­dern die mi­li­tä­ri­sche Nie­der­la­ge des Kai­ser­rei­ches. Um­ge­kehrt sym­bo­li­sier­te sie für Frank­reich den Sieg über den „preu­ßisch-deut­schen“ Nach­barn und ver­stärk­te bei den von West nach Ost vor­rü­cken­den Be­sat­zungs­trup­pen die wäh­rend der vier Kriegs­jah­re ent­stan­de­nen Emo­tio­nen. Ein­drück­lich schil­dert Ni­co­las Beau­pré die vi­su­el­len Ein­drü­cke, die ih­re Spu­ren in den Köp­fen der Sol­da­ten hin­ter­lie­ßen: „Der Ein­zug in die völ­lig zer­stör­ten Zo­nen an und hin­ter der Front, dann in die von der Be­sat­zung ,be­frei­ten' Re­gio­nen und in die zu­rück­er­hal­te­nen De­par­te­ments von El­sass-Loth­rin­gen und schlie­ß­lich, für ei­ni­ge, nach Deutsch­land selbst, funk­tio­niert wie ei­ne Ab­fol­ge von Be­stär­kun­gen des im Krieg ent­stan­de­nen Bil­des vom An­de­ren. Der Kon­takt mit ,dem An­de­ren’, sei er von den auf dem \[fran­zö­si­schen\] Ter­ri­to­ri­um hin­ter­las­se­nen Spu­ren und Stig­ma­ta mit­tel­bar oder an­läss­lich der Be­sat­zung Deutsch­lands di­rekt er­folgt, schloss für die gro­ße Mehr­heit der Sol­da­ten jeg­li­che Fra­ter­ni­sie­rung und selbst Mit­ge­fühl für die auch von den Deut­schen er­lit­te­nen Lei­den aus“.[<sup>\[4\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6491) Auch die ame­ri­ka­ni­schen Be­sat­zungs­trup­pen hat­ten ein Fra­ter­ni­sie­rungs­ver­bot zu be­ach­ten, das al­ler­dings En­de Sep­tem­ber 1919 auf­ge­ho­ben wur­de.

**2. Die Besetzung auf Grundlage der Bestimmungen des Versailler Vertrages**

Das mit dem Ver­sailler Frie­dens­ver­trag ver­bun­de­ne Rhein­land­ab­kom­men vom 28.6.1919 stell­te die Rhein­land­be­set­zung auf ei­ne völ­ker­recht­li­che Grund­la­ge. Bei­de Ver­trags­wer­ke tra­ten am 10.1.1920 in Kraft. Das Rhein­land­ab­kom­men sah für das be­setz­te Ge­biet so­wohl un­ter­schied­li­che Be­sat­zungs­fris­ten als auch ver­schie­de­ne Be­sat­zungs­zo­nen vor. Die Fran­zo­sen rück­ten in die Pfalz und die süd­li­che Rhein­pro­vinz, nach Mainz und Wies­ba­den vor. Die Ame­ri­ka­ner be­setz­ten Ko­blenz und Um­land,[<sup>\[5\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6492) die Bel­gi­er den links­rhei­ni­schen Nor­den der Rhein­pro­vinz von Aa­chen bis zum Rhein, wäh­rend sich die Bri­ten auf die „Köl­ner In­sel“ kon­zen­trier­ten. Zu­nächst war ei­ne Be­sat­zungs­zeit von 15 Jah­ren vor­ge­se­hen, ge­rech­net vom 10.1.1920 an, wo­bei die Räu­mung etap­pen­wei­se er­fol­gen soll­te. Vor­aus­set­zung für ei­ne Räu­mung des be­setz­ten Ge­bie­tes war al­ler­dings die Er­fül­lung sämt­li­cher Ver­trags­be­stim­mun­gen. Die ent­mi­li­ta­ri­sier­te Zo­ne rechts des Rhei­nes er­fuhr mit In­kraft­tre­ten des Ver­tra­ges ei­ne Aus­deh­nung auf 50 Ki­lo­me­ter. Höchs­te Zi­vil­in­stanz war die [In­te­r­al­li­ier­te Rhein­land­kom­mis­si­on](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/I#term-242) (Hau­te Com­mis­si­on In­te­r­al­liée des Ter­ri­toires Rhén­ans, ab­ge­kürzt H.C.I.T.R.) un­ter Vor­sitz des fran­zö­si­schen Ho­hen Kom­mis­sars [Paul Ti­rard](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c93fddacbaa5.48066651 "Paul Tirard").[<sup>\[6\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6493) Die­ser mach­te von sei­nen Kom­pe­ten­zen gro­ßzü­gig Ge­brauch. Der Auf­sicht der In­te­r­al­li­ier­ten Rhein­land­kom­mis­si­on (ab­ge­kürzt „Ir­ko“), die im All­tags­sprach­ge­brauch häu­fig ein­fach „Rhein­land­kom­mis­si­on“ ge­nannt wur­de, war auch die deut­sche Ver­wal­tung im be­setz­ten Ge­biet un­ter­stellt. Ih­re Kon­trol­le nahm sie in Form ei­nes Sys­tems von Be­zirks- und Kreis­de­le­gier­ten wahr, die den je­wei­li­gen deut­schen Ver­wal­tungs­stel­len vor Ort an die Sei­te ge­stellt wur­den.[<sup>\[7\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6494) In der fran­zö­si­schen Be­sat­zungs­zo­ne wur­den fol­gen­de Be­zir­ke ein­ge­rich­tet: Bonn, Kreuz­nach, Mainz, Spey­er, Trier und Wies­ba­den. Die Rhein­land­kom­mis­si­on be­saß ei­ge­ne, al­ler­dings nicht klar ab­ge­grenz­te le­gis­la­ti­ve Kom­pe­ten­zen, die dem Schutz und dem Wohl­er­ge­hen der Be­sat­zungs­trup­pen die­nen soll­ten. Sie war be­rech­tigt, die Ge­set­ze des Rei­ches zu ap­pro­bie­ren. Glei­ches galt für Er­las­se obers­ter Reichs- und Lan­des­be­hör­den. So­mit konn­te die Rhein­land­kom­mis­si­on de fac­to als obers­te öf­fent­li­che Au­to­ri­tät im links­rhei­ni­schen Deutsch­land gel­ten. Für Be­völ­ke­rung, Po­li­tik, Ver­wal­tung und Wirt­schaft war es in den Fol­ge­jah­ren von nicht ge­rin­ger Be­deu­tung, ob man sich im be­setz­ten oder un­be­setz­ten Teil der Rhein­pro­vinz be­fand. Po­li­ti­sche Äu­ße­run­gen und „Agi­ta­ti­on“, die im un­be­setz­ten Ge­biet über die Par­tei­gren­zen hin­weg all­ge­mei­ne Zu­stim­mung ge­fun­den hät­ten, konn­ten im be­setz­ten Ge­biet kur­zer­hand zur Aus­wei­sung füh­ren.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/aDNimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/aDNimage.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-paul-tirard-%281879-19"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Paul Tirard (1879-1945), französischer Oberkommissar und Präsident der Interalliierten Rheinlandkommission zwischen 1920 und 1930. (Landeshauptarchiv Koblenz)

</figcaption></figure></div>Die von der deut­schen Öf­fent­lich­keit als un­zu­mut­bar emp­fun­de­nen Be­din­gun­gen des Ver­sailler Ver­trags – um­fang­rei­che Ge­biets­ver­lus­te, Be­set­zung wei­te­rer, be­deu­ten­der Ge­bie­te, Re­du­zie­rung der Streit­kräf­te auf ein 100.000-Mann-Heer usw. – be­deu­te­ten für die jun­ge Re­pu­blik ei­ne er­heb­li­che Hy­po­thek. Die Be­set­zung des links­rhei­ni­schen Reichs­ge­bie­tes – so­weit es beim Deut­schen Reich ver­blieb – so­wie die Bil­dung rechts­rhei­ni­scher Brü­cken­köp­fe be­för­der­ten ins­be­son­de­re die be­setz­ten Ge­bie­te der von der Rhein­land­be­set­zung am stärks­ten be­trof­fe­nen Rhein­pro­vinz aus deut­scher Sicht zu „na­tio­na­len Kri­sen­ge­bie­ten, de­nen auch im Reichs­in­ter­es­se der grö­ßt­mög­li­che Bei­stand zu leis­ten war“.[<sup>\[8\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6495) Reich und Preu­ßen wa­ren so­mit in glei­chem Ma­ße an ei­ner Lö­sung der zahl­rei­chen mit der Be­set­zung ver­bun­de­nen Pro­ble­me in­ter­es­siert. Dies schlug sich un­ter an­de­rem in der Ein­rich­tung neu­er Stel­len nie­der, et­wa dem [Reichs­kom­mis­sar für die be­setz­ten rhei­ni­schen Ge­bie­te](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d12bc2396434.58798832 "Der Reichskommissar für die besetzten rheinischen Gebiete (1919–1930)") in Ko­blenz.

Wie in­ten­siv auch im all­täg­li­chen Le­ben die Be­sat­zungs­fol­gen zu spü­ren wa­ren, ver­deut­licht das Bei­spiel der Zeit­um­stel­lung: Vom 15.12.1918 bis zum En­de des Waf­fen­still­stan­des so­wie er­neut zwi­schen Ok­to­ber 1921 und Fe­bru­ar 1925 wur­de im be­setz­ten Ge­biet auf die West­eu­ro­päi­sche Zeit um­ge­stellt. Die Uh­ren wur­den al­so um ei­ne Stun­de zu­rück­ge­stellt.

Ei­ne Be­son­der­heit stell­te das „Saar­ge­bie­t“ dar, wel­ches de fac­to aus der Rhein­pro­vinz aus­ge­glie­dert und ei­nem Son­der­sta­tut des Völ­ker­bun­des un­ter­stellt wur­de. Nach ei­ner 15-jäh­ri­gen Über­gangs­zeit soll­te die Be­völ­ke­rung mit­tels Ab­stim­mung selbst über die künf­ti­ge staat­li­che Zu­ge­hö­rig­keit des Saar­ge­bie­tes ent­schei­den. Do­mi­nie­rend war in der Pra­xis der Ein­fluss Frank­reichs, an der Spit­ze der mi­li­tä­ri­schen Be­sat­zungs-Ver­wal­tung stand der fran­zö­si­sche Ge­ne­ral Jo­seph Louis And­lau­er (1869-1956) („Ad­mi­nis­tra­teur Su­pé­ri­eur de la Sar­re“). Am 4.4.1919 wur­de im Saar­ge­biet der Aus­nah­me­zu­stand ver­kün­det. Auf ei­nem Pla­ka­t­an­schlag, ge­zeich­net von Ge­ne­ral And­lau­er, stand un­ter an­de­rem zu le­sen[<sup>\[9\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6496) :

„Durch die ge­gen­wär­ti­ge La­ge im Saarbe­cken tre­ten ab Sams­tag, den 5. April für die ge­sam­te Be­völ­ke­rung fol­gen­de Maß­nah­men in Kraft: Je­des Zu­sam­men­ste­hen in den Dör­fern wie auch au­ßer­halb der Dör­fer, wo es im­mer auch sein mag, ist ver­bo­ten, ein­ge­schlos­sen in die­ses Ver­bot sind Zu­sam­men­künf­te in Gast­wirt­schaf­ten, Kaf­fees und Pri­vat­häu­sern. Je­de An­samm­lung von mehr als 4 Per­so­nen wird mit Ge­walt aus­ein­an­der­ge­wie­sen.“

Die­se Maß­nah­men zeu­gen zum ei­nen von dem durch­aus nach­voll­zieh­ba­ren Si­cher­heits­be­dürf­nis der fran­zö­si­schen Be­sat­zungs­macht; sie kön­nen zum an­de­ren bei der Er­klä­rung des Un­mu­tes der ein­hei­mi­schen Be­völ­ke­rung hilf­reich sein, der zu ei­nem ge­wis­sen Teil – aber eben nicht aus­schlie­ß­lich – auf der deut­schen Pro­pa­gan­da, xe­no­pho­ben Vor­ur­tei­len und auf­ge­bausch­ten Ein­zel­fäl­len be­ruh­te.

**3. Die Ausweitung der Besetzung in den Jahren 1920 und 1921**

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/h6Jimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/h6Jimage.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-angeh%C3%B6rige-der-%27rote"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Angehörige der 'Roten Ruhrarmee', 1920.

</figcaption></figure></div>Dass die Be­set­zung des links­rhei­ni­schen Rhein­lan­des durch­aus be­frie­den­de Wir­kung ent­fal­ten konn­te, zeig­te sich wäh­rend des so ge­nann­ten „Ruhr­krie­ge­s“. In­fol­ge des miss­lun­ge­nen „Kapp-Lütt­witz-Put­sches“ in Ber­lin im März 1920 kam es im rhei­nisch-west­fä­li­schen In­dus­trie­ge­biet zu ei­ner Er­he­bung der kom­mu­nis­tisch do­mi­nier­ten „Ro­ten Ruhr­ar­mee“, die von Reichs­wehr und Frei­korps mit gro­ßer Här­te nie­der­ge­schla­gen wur­de und ins­ge­samt et­wa 1.600 Men­schen­le­ben for­der­te. Im links­rhei­ni­schen Be­sat­zungs­ge­biet blieb es hin­ge­gen ru­hig. Als Re­ak­ti­on auf das Über­grei­fen deut­scher mi­li­tä­ri­scher Ein­hei­ten auf das ent­mi­li­ta­ri­sier­te Ruhr­ge­biet im Zu­ge der Kampf­hand­lun­gen ge­gen die „Ro­te Ar­mee“ be­setz­ten fran­zö­si­sche Trup­pen ab dem 6.4.1920 vor­über­ge­hend den Main­gau, na­ment­lich die Städ­te Frank­furt am Main, Darm­stadt, Die­burg, Hom­burg und Ha­nau.

Das Deut­sche Reich er­füll­te die ihm im Ver­sailler Ver­trag und im Pro­to­koll zu Spa auf­er­leg­ten Ver­pflich­tun­gen nur schlep­pend, ins­be­son­de­re die Ver­zö­ge­run­gen bei De­mi­li­ta­ri­sie­rung und Koh­le­lie­fe­run­gen er­reg­ten in Pa­ris Un­mut. Die Kon­fe­renz von Pa­ris leg­te am 29.1.1921 die Hö­he der [Re­pa­ra­tio­nen](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/R#term-609)fest. Für den Fall der Nicht­an­nah­me wur­den Deutsch­land ver­schie­de­ne Sank­ti­ons­mög­lich­kei­ten vor Au­gen ge­führt: Zeit­li­che und geo­gra­phi­sche Aus­deh­nung der Rhein­land­be­set­zung, zoll- und han­dels­po­li­ti­sche Kon­se­quen­zen so­wie das Ve­to ge­gen ei­nen Völ­ker­bund­bei­tritt des Deut­schen Rei­ches. Der deut­sche Au­ßen­mi­nis­ter Wal­ter Si­mons (1861-1937, Amts­zeit 25.6.1920-4.5.1921) be­zeich­ne­te die For­de­run­gen vor der in­te­r­al­li­ier­ten Kon­fe­renz in Lon­don am 1.3.1921 schlicht­weg als un­er­füll­bar. Nun war auch der eng­li­sche Pre­mier­mi­nis­ter Da­vid Lloyd Ge­or­ge (1863-1945, Amts­zeit 1916-1922) zu Zu­ge­ständ­nis­sen ge­gen­über den fran­zö­si­schen Sank­ti­ons­for­de­run­gen be­reit. Die Kon­fe­renz bil­lig­te je­doch nicht die von Aris­ti­de Bri­and (1862-1932) fa­vo­ri­sier­te Be­set­zung des Ruhr­ge­bie­tes, son­dern zu­nächst le­dig­lich ein von Groß­bri­tan­ni­en und Bel­gi­en vor­ge­schla­ge­nes Ul­ti­ma­tum. Die En­ten­te­mäch­te droh­ten Deutsch­land mit ei­ner Aus­wei­tung der Be­set­zung für den Fall, dass die Zah­lun­gen nicht bis zum 12. Mai er­bracht wür­den. Da die deut­sche Sei­te un­nach­gie­big blieb, rück­ten fran­zö­si­sche, bel­gi­sche und eng­li­sche Trup­pen­ver­bän­de in die Städ­te [Düs­sel­dorf](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57cd5d070b7153.05336683 "Düsseldorf"), [Duis­burg](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57a1bb8b86e3d8.75533467 "Duisburg") und Ruhr­ort (heu­te Stadt Duis­burg) ein.

Wäh­rend die Ope­ra­ti­on im Main­gau als „ein­ma­li­ge Po­li­zei­maß­nah­me“ gel­ten konn­te, rech­ne­ten bei der Be­set­zung der rechts­rhei­ni­schen Brü­cken­köp­fe Düs­sel­dorf, Duis­burg und Ruhr­ort vie­le mit ei­ner län­ge­ren Sank­ti­ons­dau­er. Han­del­te es sich 1920 um ein mi­li­tä­risch mo­ti­vier­tes Vor­ge­hen, stan­den bei den Ak­ti­vi­tä­ten des Jah­res 1921 wirt­schafts­po­li­ti­sche As­pek­te im Vor­der­grund. Die Be­set­zung der drei rechts­rhei­ni­schen Städ­te en­de­te erst im Jahr 1925, als auch die in­zwi­schen er­folg­te [Ruhr­be­set­zung](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/R#term-713) auf­ge­ho­ben wur­de.

**4. Die Ruhrbesetzung 1923 bis 1925**

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/ik4image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/ik4image.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-ruhrbesetzung%2C-1923."><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Ruhrbesetzung, 1923. (Bundesarchiv Bild 183-R09876 / CC-BY-SA 3.0)

</figcaption></figure></div>Als die deut­sche Sei­te mit der Zah­lung der Re­pa­ra­tio­nen – vor al­lem in Form von Holz- und Koh­le­lie­fe­run­gen – nicht mehr nach­kam, war dies für den fran­zö­si­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Ray­mond Poin­ca­ré (1860-1934) der An­lass, das Ruhr­ge­biet mi­li­tä­risch zu be­set­zen. Seit dem 11.1.1923 rück­ten fran­zö­si­sche und bel­gi­sche Ver­bän­de nach und nach vor, so dass das Kon­tin­gent der Be­sat­zungs­trup­pen an der Ruhr ge­gen En­de des Mo­nats März ei­ne Stär­ke von ca. 100.000 Sol­da­ten er­reicht hat­te. Die Aus­wei­tung der Be­set­zung hat­te nicht et­wa – wie von deut­scher Sei­te häu­fig be­haup­tet und be­fürch­tet – ei­ne An­ne­xi­on des Ruhr­ge­bie­tes zum Ziel, son­dern die Si­che­rung „pro­duk­ti­ver Pfän­der“ („ga­ge pro­duc­tif“) . Die In­dus­trie des Ruhr­ge­bie­tes wur­de als Faust­pfand be­trach­tet, das man für die Dau­er der Be­sat­zung pro­duk­tiv für sich zu nut­zen ge­dach­te – eben so lan­ge, bis die deut­sche Sei­te wie­der ih­ren Re­pa­ra­ti­ons­ver­pflich­tun­gen nach­kom­men wür­de.

Die deut­sche Reichs­re­gie­rung re­agier­te mit dem Auf­ruf zum „pas­si­ven Wi­der­stan­d“. Die­se Maß­nah­me wur­de vom Gro­ß­teil der Be­völ­ke­rung mit­ge­tra­gen: „Die Em­pö­rung, die der Ein­marsch aus­lös­te, war all­ge­mein und ging durch al­le Schich­ten“.[<sup>\[10\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6497) So wand­te sich et­wa die der So­zi­al­de­mo­kra­tie na­he ste­hen­de „Es­se­ner Ar­bei­ter-Zei­tun­g“ „aus rei­nem na­tio­na­lem Emp­fin­den ge­gen die Ver­ge­wal­ti­gung \[…\] hei­mat­li­chen Bo­den­s“.[<sup>\[11\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6498)

Ein auch in ak­tu­el­len Pu­bli­ka­tio­nen häu­fig ab­ge­bil­de­tes Pro­test­pla­kat ge­gen die Ruhr­be­set­zung bringt die Hal­tung wei­ter Tei­le der Be­völ­ke­rung zum Aus­druck: „Nein! Mich zwingt Ihr nicht!“.[<sup>\[12\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6499) Die­se Ein­stel­lung kor­re­lier­te mit den Wor­ten des Vor­sit­zen­den des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses, Gus­tav Stre­se­mann (DVP) (1878-1929). In ei­ner Er­klä­rung für die bür­ger­li­chen Frak­tio­nen des Reichs­tags führ­te die­ser un­ter an­de­rem aus: „Ge­gen die Ver­ge­wal­ti­gung des deut­schen Vol­kes, deut­schen Bo­dens und deut­scher Wirt­schaft, ge­gen die­sen Bruch ge­schrie­be­ner Ver­trä­ge und un­ge­schrie­be­ner \[…\] ru­fen wir das deut­sche Volk und die Ge­wis­sen der Völ­ker zum Wi­der­stan­de auf \[…\]. Frank­reichs Ziel ist die Ver­nich­tung Deutsch­lands \[…\]. Das wird ihm nicht ge­lin­gen“.

Die Si­tua­ti­on spitz­te sich zu­neh­mend zu: Staats- und Kom­mu­nal­be­am­te wi­der­setz­ten sich fran­zö­si­schen An­ord­nun­gen, Ei­sen­bahn- und Ze­chen­ar­bei­ter igno­rier­ten die An­wei­sun­gen der Be­sat­zungs­mäch­te. Kauf­mann­schaft, Hand­werk und Gas­tro­no­mie be­schlos­sen, ge­gen­über Bel­gi­ern und Fran­zo­sen kei­ne Leis­tun­gen zu er­brin­gen. Die Ze­chen­di­rek­to­ren ver­wei­ger­ten auf Ge­heiß des Reichs­koh­len­kom­mis­sars die Ko­ope­ra­ti­on mit den Wirt­schafts­of­fi­zie­ren der Ge­gen­sei­te. Auf die­se Wei­se soll­ten Koh­le­lie­fe­run­gen an die Be­sat­zungs­mäch­te un­ter­bun­den wer­den.

Nun es­ka­lier­te die La­ge voll­ends, denn die Be­sat­zungs­mäch­te ant­wor­te­ten am 29.1.1923 mit der Ver­hän­gung ei­nes ver­schärf­ten Be­la­ge­rungs­zu­stan­des. Ar­bei­ter, An­ge­stell­te und Un­ter­neh­mer, Staats- und Kom­mu­nal­be­am­te so­wie Pri­vat­per­so­nen wur­den fest­ge­nom­men und häu­fig mit emp­find­li­chen Geld- oder Haft­stra­fen ver­se­hen, wenn nicht zum Mit­tel der Aus­wei­sung aus dem be­setz­ten Ge­biet ge­grif­fen wur­de.

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/23Pimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/23Pimage.png)

<div class="content-images" id="bkmrk-karte-des-besetzten-"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Karte des besetzten Rheinlandes, Stand: 1. Juli 1923, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz. (Public Domain Mark 1.0)

</figcaption></figure></div>[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/Q2Iimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/Q2Iimage.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-arbeiter-aus-duisbur"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Arbeiter aus Duisburg demonstrieren für die Beibehaltung des passiven Widerstands, 1923.

</figcaption></figure></div>Tat­säch­lich blieb der pas­si­ve Wi­der­stand in den ers­ten Wo­chen nicht oh­ne Wir­kung, be­ein­träch­tig­te er die loth­rin­gi­sche Schwer­in­dus­trie zu­nächst er­heb­lich. Doch grö­ßer noch wa­ren die ne­ga­ti­ven Fol­gen für das Reich selbst. Nach­dem die Fran­zo­sen den Ei­sen­bahn­ver­kehr in ei­ge­ner Re­gie or­ga­ni­siert hat­ten, lief der Ab­trans­port der Koh­le wie­der an, so dass die fran­zö­si­sche Stahl­in­dus­trie bald dar­auf wie­der im ge­wohn­ten Um­fang pro­du­zie­ren konn­te. In Deutsch­land hin­ge­gen kam es zu Ver­sor­gungs­eng­päs­sen, ga­lop­pie­ren­der [In­fla­ti­on](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/I#term-239) und Man­gel­er­näh­rung wei­ter Be­völ­ke­rungs­krei­se, was am 12.8.1923 schlie­ß­lich zum Rück­tritt der Re­gie­rung Cu­no führ­te. Die Pha­lanx des pas­si­ven Wi­der­stan­des ge­riet all­mäh­lich in Auf­lö­sung, im­mer häu­fi­ger war in der Be­völ­ke­rung von Ar­beits­auf­nah­me und Ab­bruch des Wi­der­stan­des die Re­de. So sah sich die neue Reichs­re­gie­rung un­ter Stre­se­mann am 26.9.1923 ge­zwun­gen, das En­de des pas­si­ven Wi­der­stan­des zu ver­kün­den.

Als letzt­lich er­folg­rei­ches Un­ter­fan­gen wer­tet Hans-Hein­rich Nol­te den pas­si­ven Wi­der­stand des Jah­res 1923, da die­ser durch sei­nen grund­sätz­li­chen Ver­zicht auf Ge­walt „zur Ver­bes­se­rung des Bil­des von Deutsch­land in den an­gel­säch­si­schen Län­dern und da­mit lang­fris­tig zur Ver­bes­se­rung der La­ge des Lan­des“ bei­ge­tra­gen ha­be.[<sup>\[13\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6500) Die ge­ra­de­zu kon­trä­re Po­si­ti­on ver­tritt Gerd Kru­meich, in des­sen Au­gen der pas­si­ve Wi­der­stand dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und des­sen Me­tho­den der Ge­walt­an­wen­dung den Weg be­rei­te­te[<sup>\[14\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6501) : „We­ni­ger deut­lich \[...\] ist bis­lang, wie­weit auch fa­schis­ti­sche Ak­ti­vi­tä­ten im wei­tes­ten Sinn von die­sen Ver­hält­nis­sen be­för­dert und zu ei­ner Art neu­er Nor­ma­li­tät wur­den. Die al­lein durch die Aus­wir­kun­gen des ,Ruhr­kampfs’ zu er­klä­ren­den neu­en In­ter­ven­ti­ons­for­men mit z.T. hoch­po­li­ti­sier­ter öf­fent­li­cher Ver­wal­tung ver­wei­sen auf die­sen Zu­sam­men­hang. \[...\] im­mer wie­der kam es zur ,Zu­sam­men­ar­beit’ von staat­li­cher Ver­wal­tung und Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen und dar­über hin­aus zu der Ver­le­gung von ge­nu­in staat­li­cher Sank­ti­ons­ge­walt in die Hän­de pri­va­ter Per­so­nen und Or­ga­ni­sa­tio­nen. \[…\] So war wohl das po­li­tisch we­sent­lichs­te Er­geb­nis des ,Ruhr­kampfs’ von 1923 die all­ge­gen­wär­ti­ge Er­fah­rung von Ge­walt im po­li­ti­schen Rah­men – ei­ne ers­te Form der Selbst­auf­lö­sung der De­mo­kra­tie und ei­ne Vor­stu­fe der Über­tra­gung der Macht an die po­li­ti­sche Ex­tre­me, wie sie de­fi­ni­tiv 1933 staat­li­che Rea­li­tät wer­den soll­te."

Mit­un­ter nah­men pas­si­ver Wi­der­stand und al­li­ier­te Ge­gen­maß­nah­men in der Tat ge­walt­tä­ti­ge Zü­ge an. Ins­be­son­de­re das Frei­korps „Ober­lan­d“ so­wie das „Han­sea­ti­sche Frei­korps“ gin­gen ge­walt­sam ge­gen die fran­zö­si­sche Be­sat­zung vor. Der spä­ter von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten glo­ri­fi­zier­te Al­bert Leo Schla­ge­ter (1894-1923) ver­üb­te Sa­bo­ta­ge­ak­te auf fran­zö­si­sche Ver­kehrs­ein­rich­tun­gen und wur­de nach sei­ner Er­grei­fung von ei­nem fran­zö­si­schen Kriegs­ge­richt zum To­de ver­ur­teilt. Sei­ne Hin­rich­tung fand am 26.5.1923 auf der Golz­hei­mer Hei­de bei Düs­sel­dorf statt. Klaus Wisotz­ky weist je­doch dar­auf hin, dass der ak­ti­ve, ge­walt­sa­me Wi­der­stand „bei al­ler na­tio­na­len Em­pha­se und bei al­ler Em­pö­run­g“ in der Be­völ­ke­rung nur we­nig Rück­halt be­saß.

„Welt­wei­te Auf­merk­sam­keit“ (Klaus Wisotz­ky) er­reg­te der Zwi­schen­fall, der sich am Kar­sams­tag 1923, am 31. März, in der Krupp’schen Au­to­hal­le zu­trug.[<sup>\[15\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6502) Fran­zö­si­sche Sol­da­ten hat­ten dort Last­kraft­wa­gen be­schlag­nah­men wol­len, was ei­ne auf­ge­brach­te Men­ge von meh­re­ren Tau­send Ar­bei­tern zu ver­hin­dern ver­such­te, in­dem sie die Aus­fahrt ver­sperr­te. In Pa­nik ge­ra­ten, bahn­ten sich die fran­zö­si­schen Sol­da­ten um sich schie­ßend den Weg ins Freie. Ge­tö­tet wur­den da­bei 13 De­mons­tran­ten. Dem Trau­er­zug am 10. April gab ei­ne gro­ße Men­schen­men­ge das letz­te Ge­leit. Die Ge­werk­schaf­ten sa­hen in dem Vor­fall „den neu­es­ten und furcht­bars­ten, aber kei­nes­wegs den ein­zi­gen Fall von Hin­schlach­tun­gen un­be­waff­ne­ter Ar­bei­ter durch den fran­zö­si­schen Mi­li­ta­ris­mus“.[<sup>\[16\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6503)

Was die Aus­wei­tung des be­setz­ten Ge­bie­tes an­be­langt, blieb der pas­si­ve Wi­der­stand er­folg­los: Die letz­ten fran­zö­si­schen Trup­pen ver­lie­ßen erst En­de Ju­li 1925 das Ruhr­ge­biet. Im Grun­de en­de­te erst jetzt der „kal­te deutsch-fran­zö­si­sche Krie­g“.[<sup>\[17\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6504) Was auf deut­scher Sei­te blieb, war ein po­li­ti­scher Flur­scha­den, nicht zu­letzt in in­nen­po­li­ti­scher Hin­sicht. Das „ad­mi­nis­tra­ti­ve Cha­os“,[<sup>\[18\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6505) das kaum mehr über­schau­ba­re Kom­pe­ten­zen­ge­flecht, die man­geln­de be­hörd­li­che Ko­or­di­na­ti­on in ver­ti­ka­ler und ho­ri­zon­ta­ler Hin­sicht, die Ak­zep­tanz von Ge­walt zur Durch­set­zung po­li­ti­scher Zie­le – Po­li­tik und Ver­wal­tung tru­gen auf die­se Wei­se da­zu bei, die deut­sche De­mo­kra­tie bei der Be­völ­ke­rung nach­hal­tig zu de­le­gi­ti­mie­ren und zu dis­kre­di­tie­ren.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/OsKimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/OsKimage.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-beerdigung-der-%27krup"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Beerdigung der 'Krupp-Opfer' auf dem Ehrenfriedhof in Essen, 10.4.1923.

</figcaption></figure></div>**5. Die Position der Besatzungsmächte gegenüber den verschiedenen Abtrennungsbestrebungen**

Die his­to­ri­sche For­schung in Deutsch­land und in Frank­reich war sich lan­ge Zeit nicht dar­über ei­nig, ob die Zu­rück­drän­gung Deutsch­lands bis auf die Rhein­gren­ze zu den kon­stan­ten Kriegs­zie­len Frank­reichs ge­hör­te.[<sup>\[19\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6506) Wenn­gleich die Rhein­gren­ze nicht mit letz­ter Kon­se­quenz und vor al­lem nicht mit gleich blei­ben­der Kon­stanz als Kriegs­ziel ver­folgt wur­de, scheint die Schluss­fol­ge­rung An­na-Mo­ni­ka Lau­ters plau­si­bel: „Die For­de­rung nach der Rhein­gren­ze – ob in Form ei­ner An­ne­xi­on, ei­ner Neu­tra­li­sie­rung, ei­nes au­to­no­men Pro­tek­to­rats oder der dau­er­haf­ten Be­set­zung – wur­de in wei­ten Tei­len aus Po­li­tik und Ge­sell­schaft ver­tre­ten. Vor al­lem aber ent­wi­ckel­te sich ein Ar­se­nal an Ar­gu­men­ten zur Be­grün­dung des fran­zö­si­schen An­spruchs auf die links­rhei­ni­schen Ge­bie­te, das nach dem Krieg wei­ter zur Ver­fü­gung stan­d“.[<sup>\[20\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6507)

Die fran­zö­si­sche Öf­fent­lich­keit war al­ler­dings auch nach dem En­de des Krie­ges al­les an­de­re als ei­nig, was die Zu­kunft des be­setz­ten Ge­bie­tes an­be­lang­te. Na­tür­lich gab es – vor al­lem, aber nicht aus­schlie­ß­lich auf der po­li­ti­schen Rech­ten – ei­ne „an­ne­xi­ons­be­rei­te fran­zö­si­sche Rhein-Lob­by“, doch re­prä­sen­tier­te die­se kei­nes­wegs die Be­völ­ke­rungs­mehr­heit.[<sup>\[21\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6508) Selbst die For­de­rung ei­ner Ab­tren­nung des be­setz­ten Ge­bie­tes von Deutsch­land oder we­nigs­tens von Preu­ßen war längst nicht All­ge­mein­gut.[<sup>\[22\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6509) Wäh­rend die Pres­se in der fran­zö­si­schen Pro­vinz, im Sü­den und Wes­ten des Lan­des, „of­fen und selbst­ver­ständ­li­ch“[<sup>\[23\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6510) die Un­ter­stüt­zung des [Se­pa­ra­tis­mus](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/S#term-504) for­der­te, ver­hiel­ten sich die Pa­ri­ser Zei­tun­gen zu­rück­hal­ten­der. Dort wa­ren sol­che Tö­ne kaum zu ver­neh­men, was An­na-Mo­ni­ka Lau­ter mit der „Rück­sicht­nah­me auf das in­ter­na­tio­na­le di­plo­ma­ti­sche Par­ket­t“ be­grün­det. Der Ge­dan­ke ei­ner Tren­nung des Rhein­lands vom üb­ri­gen Reich in Form ei­nes ei­ge­nen Staa­tes war vor al­lem bei Wis­sen­schaft­lern, Li­te­ra­ten und Jour­na­lis­ten po­pu­lär. Die In­itia­ti­ve hier­zu soll­te al­ler­dings von der rhei­ni­schen Be­völ­ke­rung aus­ge­hen, nicht von au­ßen ok­troy­iert wer­den.

Die Po­si­tio­nie­rung der fran­zö­si­schen Kreis­de­le­gier­ten ge­gen­über den au­to­no­mis­ti­schen und se­pa­ra­tis­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten fiel recht un­ter­schied­lich aus. Wäh­rend der fran­zö­si­sche Be­zirks­de­le­gier­te der In­te­r­al­li­ier­ten Rhein­land­kom­mis­si­on in Trier am 22.10.1923 sei­ne Sym­pa­thie für die se­pa­ra­tis­ti­sche Sa­che be­kun­de­te, för­der­te der fran­zö­si­sche Kreis­de­le­gier­te im Rest­kreis [Mer­zig-Wa­dern](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d123ad13a6b1.16940078 "Kreis Merzig-Wadern") das Vor­ge­hen der Se­pa­ra­tis­ten nur „auf hö­he­re Wei­sun­g“, wäh­rend er ih­nen in ei­ni­gen Fäl­len so­gar Ein­halt ge­bot. Das un­ter­schied­li­che Ver­hal­ten der fran­zö­si­schen Stel­len brach­te auf deut­scher Sei­te der Reichs­mi­nis­ter der Fi­nan­zen in ei­nem Schrei­ben an das Reichs­mi­nis­te­ri­um für die be­setz­ten Ge­bie­te vom 24.11.1923 zur Spra­che: „Wäh­rend im bel­gisch be­setz­ten Ge­biet die Son­der­bünd­ler ent­waff­net wur­den, er­hal­ten sie im fran­zö­sisch be­setz­ten Ge­biet fast über­all tat­kräf­ti­ge Un­ter­stüt­zung durch die fran­zö­si­schen Kreis­de­le­gier­ten. Al­ler­dings kann man gros­se Ver­schie­den­hei­ten im Ver­hal­ten der ein­zel­nen De­le­gier­ten be­ob­ach­ten. Ein­zel­ne sind durch­aus an­stän­dig und wirk­lich be­strebt, neu­tral zu sein\[,\] z.B. in St. Goar, Ge­münd, Sim­mern; an­de­re un­ter­stüt­zen die Son­der­bünd­ler heim­lich oder in­di­rekt, z.B. Kreuz­nach, May­en, Ahr­wei­ler; an­de­re wie­der füh­ren of­fen die Ge­schäf­te der Son­der­bünd­ler\[,\] z.B. Dü­ren, Daun, Prüm, Bir­ken­feld etc.“.[<sup>\[24\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6511)

Ti­rard hielt ei­ne bun­des­staat­li­che Lö­sung, al­so ei­ne rhei­ni­sche Au­to­no­mie in­ner­halb des Reichs­ver­bands, nicht für aus­rei­chend. Er setz­te bei sei­nen Be­mü­hun­gen auf ei­ne Los­lö­sung rhei­ni­scher Ge­bie­te von Deutsch­land und die Grün­dung ei­nes selbst­stän­di­gen rhei­ni­schen Staa­tes. So äu­ßer­te Ti­rard dem Trie­rer Ober­bür­ger­meis­ter Chris­ti­an Stöck (1866-1953) ge­gen­über, wie die­ser in sei­nen Er­in­ne­run­gen fest­hält: „Er \[Ti­rard\] er­klär­te mir, die Schaf­fung ei­nes Staa­tes im Ver­ban­de des Deut­schen Rei­ches ge­nü­ge dem fran­zö­si­schen Vol­ke nicht, da sie nicht ge­nü­gend Si­cher­heit ge­gen den preu­ßi­schen Ein­fluß bie­te. \[...\] Sei­ner An­sicht \[nach\] sei es das bes­te, ei­ne Art Con­fö­de­ra­ti­on zu bil­den wie die Schweiz, be­ste­hend aus je ei­ner Re­pu­blik Pfalz, Rhein­hes­sen, Mo­sel­land etc.“.[<sup>\[25\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6512)

Der mitt­ler­wei­le in Pa­ris sta­tio­nier­te Ge­ne­ral Charles Man­gin (1866-1925) mach­te Poin­ca­ré ge­gen­über Vor­schlä­ge zur Er­rich­tung ei­ner „Rhei­ni­schen Re­pu­bli­k“. Er lud Hans Adam Dor­ten (1880-1963), zu dem er im­mer noch Kon­takt un­ter­hielt, ein nach Pa­ris, wo die­ser sym­pa­thi­sie­ren­de Po­li­ti­ker und Jour­na­lis­ten tref­fen soll­te, dar­un­ter auch den Her­aus­ge­ber des „Le Ma­tin“. Die­ser wie­der­um ver­si­cher­te Dor­ten der Un­ter­stüt­zung durch die fran­zö­si­sche Po­li­tik. Dor­ten sol­le nur sei­ne Stär­ke, sei­nen Rück­halt in der rhei­ni­schen Be­völ­ke­rung un­ter Be­weis stel­len, dann wer­de ihm ge­hol­fen. So­bald die Din­ge ih­ren Lauf näh­men, wer­de Man­gin zur Un­ter­stüt­zung Dor­tens ab­ge­ord­net. Mang­ins Nach­fol­ger Ge­ne­ral Jean-Ma­rie De­gout­te (1866-1938) wirk­te in sei­ner Denk­schrift vom 19.4.1921 auf ei­ne An­ne­xi­on des Rhein­lands durch Frank­reich hin.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/l6himage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/l6himage.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-separatisten-der-rhe"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Separatisten der Rheinischen Republik vor dem Kurfürstlichen Schloss in Koblenz, 22. November 1923. (Library of Congress)

</figcaption></figure></div>Der Li­te­rat, Jour­na­list, Po­li­ti­ker, Ab­ge­ord­ne­te und Prä­si­dent der „Pa­trio­ti­schen Li­ga“ Mau­rice Bar­rès (1862-1923) galt ei­ner der ag­gres­sivs­ten und ein­fluss­reichs­ten fran­zö­si­schen Re­van­chis­ten.[<sup>\[26\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6513) Er be­müh­te sich wäh­rend der ge­sam­ten Be­sat­zungs­zeit, die fran­zö­si­sche Po­li­tik in Rich­tung ei­ner An­ne­xi­on – und als ei­ne sol­che im­mer un­wahr­schein­li­cher wur­de: in Rich­tung ei­nes selbst­stän­di­gen Rhe­in­staa­tes – zu be­we­gen. Die Rhein­län­der, die er als hal­be Gal­li­er und halb-ro­ma­nisch be­zeich­ne­te, be­ab­sich­tig­te er Preu­ßen-Deutsch­land zu ent­frem­den und für die fran­zö­si­sche Kul­tur zu ge­win­nen.[<sup>\[27\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6514) Ge­gen En­de sei­nes Le­bens – er starb am 5.12.1923 – fa­vo­ri­sier­te Bar­rès, der kurz zu­vor noch das be­setz­te Ge­biet be­reist hat­te, für das Rhein­land die se­pa­ra­tis­ti­sche Va­ri­an­te in Form ei­nes nörd­li­chen und ei­nes süd­li­chen Rhe­in­staa­tes.

Cum gra­no sa­lis lässt sich fest­hal­ten: Wäh­rend Bel­gi­er und Fran­zo­sen vor Ort durch­aus Sym­pa­thi­en für ei­ne Ab­tren­nung des Rhein­lands zu­min­dest von Preu­ßen – und so­mit auch für den Ge­dan­ken ei­nes Rhe­in­staa­tes – heg­ten, ver­hiel­ten sich Ame­ri­ka­ner und Eng­län­der zu­rück­hal­tend bis ab­wei­send ge­gen­über den ent­spre­chen­den Prot­ago­nis­ten. Ein Bei­spiel hier­für ist der Ober­be­fehls­ha­ber der ame­ri­ka­ni­schen Be­sat­zungs­ar­mee Hen­ry T. Al­len (1859-1930). Die­ser schil­dert in sei­nen Er­in­ne­run­gen die Ak­ti­vi­tä­ten und An­nä­he­rungs­ver­su­che des Rhe­in­staat­be­für­wor­ters Hans Adam Dor­ten[<sup>\[28\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6515) :

„Die Um­trie­be Dr. Dor­tens in der ame­ri­ka­ni­schen Zo­ne tre­ten scharf in den Vor­der­grund. Ich bin nicht voll­kom­men si­cher, ob un­se­re Po­li­tik, die je­de Pro­pa­gan­da für ei­ne Rhein­re­pu­blik un­ter­sagt, die rich­ti­ge ist. Im­mer­hin ist sie von un­se­rem Gro­ßen Haupt­quar­tier ge­bil­ligt und wird auch von den Eng­län­dern ver­folgt, wäh­rend die Fran­zo­sen dem Dr. Dor­ten ih­re wei­test­ge­hen­de Un­ter­stüt­zung und al­le mög­li­chen Er­leich­te­run­gen zu­teil wer­den las­sen. Ich hö­re, daß Ge­ne­ral Gé­r­ard, der die 8. Ar­mee in Land­au kom­man­diert, für die Grün­dung ei­ner, Pfalz-Re­pu­blik’, ei­ner ,Re­pu­blik Mainz’ und ei­ner ,Re­pu­blik Köln’ ist. Bei der geis­ti­gen Ver­fas­sung die­ser Her­ren ist es wahr­schein­lich, daß sie auch in Co­blenz und Köln ger­ne ans Ru­der kom­men möch­ten. Mei­ne ei­ge­ne An­sicht über die in der ame­ri­ka­ni­schen Zo­ne zu be­fol­gen­de Po­li­tik ist die, den Deut­schen so­weit freie Hand zu las­sen, als dies mit der Auf­recht­er­hal­tung der Ord­nung und den Be­stim­mun­gen des Ver­tra­ges in Ein­klang ge­bracht wer­den kann.“

Da letzt­lich auch die Ver­tre­ter Bel­gi­ens und Frank­reichs nicht ent­schie­den zu­guns­ten der Rhe­in­staat­be­für­wor­ter – na­ment­lich der Se­pa­ra­tis­ten im Jahr 1923 – ein­grif­fen, wa­ren die­se auf sich al­lein ge­stellt und so­mit zum Schei­tern ver­ur­teilt.

**6. Die Propaganda der französischen Seite**

Von fran­zö­si­scher Sei­te – oder tref­fen­der: von Ti­rard – wur­de der Ver­such ei­ner „fried­li­chen Durch­drin­gun­g“, ei­ner „pé­né­tra­ti­on pa­ci­fi­que“ un­ter­nom­men. Wich­ti­ges In­stru­ment für Pres­se­po­li­tik und Pro­pa­gan­da war die Ab­tei­lung „Pres­se et In­for­ma­ti­on“ in Ko­blenz, die dem fran­zö­si­schen Kom­mis­sa­ri­at an­ge­glie­dert war. Ti­rard ging recht un­ab­hän­gig von der je­wei­li­gen Re­gie­rung in Pa­ris vor, was je­doch auch die Ge­fahr des Schei­terns in sich barg. Sei­ne Wer­be­kam­pa­gne für die fran­zö­si­sche Kunst­aus­stel­lung 1921 in Wies­ba­den et­wa schei­ter­te dar­an, dass sie kei­ne of­fe­ne Un­ter­stüt­zung sei­tens der Re­gie­rung er­fah­ren hat­te, weil die­se den (wirt­schaft­li­chen) In­ter­es­sen der ei­ge­nen Be­völ­ke­rung mehr Be­ach­tung schenk­te als den Kon­zep­tio­nen Ti­rards. Die (Kul­tur-)Pro­pa­gan­da Ti­rards hat­te zwei Sto­ß­rich­tun­gen: Zum ei­nen ziel­te sie auf die ein­hei­mi­sche rhei­ni­sche Be­völ­ke­rung ab, zum an­de­ren auf die öf­fent­li­che Mei­nung in der fran­zö­si­schen Hei­mat. Bei­de ver­such­te Ti­rard für den Ge­dan­ken zu ge­win­nen, dass von ei­ner Ein­glie­de­rung des be­setz­ten Rhein­lands in den fran­zö­si­schen Staat al­le Be­tei­lig­ten nur pro­fi­tie­ren könn­ten, dass – um es in mo­der­ne­ren Wor­ten zu for­mu­lie­ren – zu­sam­men­zu­füh­ren sei, was zu­sam­men ge­hö­re.


[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/rqvimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/rqvimage.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-karikatur-%27kulturell"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Karikatur 'Kulturelle Überfremdungsversuche durch französische Sendlinge', Rheinischer Beobachter, Jahrgang 1923.

</figcaption></figure></div>Was be­inhal­te­ten nun die Maß­nah­men der „fried­li­chen Durch­drin­gun­g“? Zu­nächst wur­de das Ter­rain der Pres­se be­schrit­ten, um ei­ne Stei­ge­rung der Wir­kung der Kul­tur­pro­pa­gan­da zu er­rei­chen. Seit dem 1.10.1920 er­schien in Mainz ei­ne zwei­spra­chi­ge Zeit­schrift, die sich in trans­na­tio­na­ler Per­spek­ti­ve dem in­ter­na­tio­na­len Kul­tur­aus­tausch ver­schrie­ben hat­te, die „Rhei­ni­sche\[n\] Blät­ter. Zeit­schrift für Li­te­ra­tur, Han­del, Ge­wer­be und Kunst“ oder fran­zö­sisch „La Re­vue Rhé­na­ne. Re­vue lit­tér­ai­re, éco­no­mi­que et ar­tis­ti­que“. Ihr aus­drück­li­ches An­sin­nen war nach ei­ge­nem Be­kun­den, die „geis­ti­ge Ver­bin­dung zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich“ neu zu be­le­ben: „Die ,Rhei­ni­schen Blät­ter’ sind über­zeugt, dass ei­ne auf den Ver­stän­di­gungs­wil­len ge­stütz­te An­nä­he­rung, wel­che po­li­tisch sich zu voll­zie­hen im Be­griff ist, schon durch die ein­sich­ti­gen Be­mü­hun­gen und das auf­rich­ti­ge Stre­ben der her­vor­ra­gends­ten Geis­ter bei­der Na­tio­nen ei­ne teil­wei­se Ver­wirk­li­chung auf künst­le­ri­schem, li­te­ra­ri­schem und wirt­schaft­li­chem Ge­biet er­fah­ren ha­t“.[<sup>\[29\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6516)

Ein wei­te­res Mit­tel war das An­ge­bot von Sprach­kur­sen zur Er­lan­gung fran­zö­si­scher Sprach­kennt­nis­se. Im­mer­hin konn­te Ti­rard im De­zem­ber 1920 die Teil­nah­me von 12.485 Teil­neh­mern an fran­zö­si­schen Sprach­kur­sen im be­setz­ten Ge­biet ver­kün­den. Al­ler­dings war der Er­folg zwei­fel­haft: „Die Be­woh­ner des be­setz­ten Ge­biets schei­nen zwar durch­aus dar­an in­ter­es­siert ge­we­sen zu sein, die fran­zö­si­sche Spra­che zu er­ler­nen, ver­ban­den dies aber nicht mit ei­nem ge­stei­ger­ten In­ter­es­se an Frank­reich und der fran­zö­si­schen Kul­tur“.[<sup>\[30\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6517) Dar­über hin­aus wur­den Vor­trags­rei­sen fran­zö­si­scher Wis­sen­schaft­ler so­wie Thea­ter- und Film­auf­füh­run­gen or­ga­ni­siert, je­doch mit nur mä­ßi­ger An­zie­hungs­kraft für die rhei­ni­sche Be­völ­ke­rung.

Die fran­zö­si­sche Kul­tur­po­li­tik am Rhein war al­so bei wei­tem nicht so er­folg­reich – oder je nach Dar­stel­lung und Per­spek­ti­ve: be­droh­lich –, wie dies von deut­scher Sei­te häu­fig be­fürch­tet be­zie­hungs­wei­se be­haup­tet wur­de.[<sup>\[31\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6518) Ei­ne Brei­ten­wir­kung er­ziel­te die fran­zö­si­sche Pro­pa­gan­da in der deut­schen Be­völ­ke­rung nicht, zu­min­dest nicht im be­ab­sich­tig­ten Sin­ne.[<sup>\[32\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6519) Den­noch war die „pé­né­tra­ti­on pa­ci­fi­que“ in der deut­schen „Pres­se und Pu­bli­zis­tik ein häu­fig be­han­del­tes und emo­tio­nal ge­la­de­nes The­ma“,[<sup>\[33\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6520) al­ler­dings un­ter den Ge­sichts­punk­ten des Ab­wehr­kamp­fes.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/FIdimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/FIdimage.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-franz%C3%B6sische-panzerf"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Französische Panzerfahrer vor dem Landgericht in Duisburg, 1922.

</figcaption></figure></div>Auch in­nen­po­li­tisch führ­te Ti­rards Stra­te­gie nicht zum Er­folg, sei­ne Be­mü­hun­gen blie­ben in der fran­zö­si­schen Öf­fent­lich­keit fast oh­ne jeg­li­che Re­so­nanz. Eben­so schei­ter­te der Ver­such, in Frank­reich die Vor­stel­lung von ei­nem „rhein­frän­ki­schen“ be­zie­hungs­wei­se „rhei­ni­schen Bru­der­vol­k“ zu eta­blie­ren, dem man bei­ste­hen und das man von Preu­ßen-Deutsch­land lö­sen müs­se. Er­folg be­schie­den war die­ser Art von Bin­nen-Pro­pa­gan­da le­dig­lich in den­je­ni­gen Krei­sen, wel­che Mau­rice Bar­rès, dem „Co­mité de la Ri­ve Gau­che du Rhin“ oder dem „Co­mité Du­plei­x“ na­he stan­den. Die fran­zö­si­sche Pres­se schenk­te Ti­rards Ak­ti­vi­tä­ten kaum Be­ach­tung. Schlie­ß­lich wie­sen die In­ter­es­sen des fran­zö­si­schen Mit­tel­stan­des, der die rhei­ni­sche Kon­kur­renz fürch­te­te, Ti­rards Pro­pa­gan­da in ih­re Gren­zen.

An­sons­ten wur­de die fran­zö­si­sche Pro­pa­gan­da ins­be­son­de­re wäh­rend der Aus­deh­nung des be­setz­ten Ge­bie­tes im Jahr 1923, in der Zeit des Pas­si­ven Wi­der­stan­des, ak­tiv, wo­von zahl­rei­che Flug­blät­ter und Pla­ka­te in den je­wei­li­gen kom­mu­na­len und staat­li­chen Ar­chi­ven zeu­gen:[<sup>\[34\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6521) „Wohl zu kei­nem an­de­ren po­li­ti­schen Er­eig­nis gibt es so vie­le Pla­ka­te und Flug­blät­ter wie zum Ruhr­kampf“.[<sup>\[35\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6522) Ziel der fran­zö­si­schen Pro­pa­gan­da­kom­pa­ni­en war es, den „Kampf um die Ober­ho­heit in den Köp­fen der Men­schen, der von bei­den Sei­ten mit gro­ßem Auf­wand be­strit­ten wur­de“, zu­guns­ten der fran­zö­si­schen Sei­te zu ent­schei­den und so­mit den Wi­der­stand auf der deut­schen Sei­te in sich zu­sam­men­fal­len zu las­sen, ihm qua­si die mo­ra­li­sche Grund­la­ge zu ent­zie­hen. Die fran­zö­si­sche Pro­pa­gan­da ver­such­te, an­ti­ka­pi­ta­lis­ti­sche und an­ti­preu­ßi­sche Res­sen­ti­ments zu be­die­nen. Adres­sat war die ein­hei­mi­sche Ar­bei­ter­schaft, die man an die blu­ti­gen Er­eig­nis­se wäh­rend des „Ruhr­krie­ge­s“ im Jahr 1920 er­in­ner­te und da­vor warn­te, sich von wort­brü­chi­gen Ver­tre­tern aus Schwer­in­dus­trie, Rechts­par­tei­en und ost­el­bi­schem Jun­ker­tum in­stru­men­ta­li­sie­ren zu las­sen. Es ge­he ein­zig und al­lein dar­um – so ver­kün­de­ten fran­zö­si­sche Flug­blät­ter –, „die Her­ren der Ber­li­ner Re­gie­rung, in wel­chen der al­te Geist der preu­ßi­schen Jun­ker auf­lebt, da­zu zu ver­an­las­sen, die von ih­nen un­ter­schrie­be­nen Ver­trä­ge nicht als Pa­pier­fet­zen zu be­han­deln“.

Das fran­zö­si­sche Un­ter­fan­gen, mit­tels in­ten­si­ver be­glei­ten­der Pro­pa­gan­da um Ver­ständ­nis oder gar Zu­stim­mung in der deut­schen Be­völ­ke­rung zu wer­ben, war schon zu Be­ginn der Ope­ra­tio­nen an der Ruhr zum Schei­tern ver­ur­teilt, denn auch wenn der Wi­der­stands­wil­le der Be­völ­ke­rung mit fort­dau­ern­dem „Ruhr­kampf“ er­lahm­te – Sym­pa­thi­en für Frank­reich woll­ten sich bei der gro­ßen Mehr­heit nicht ein­stel­len: „Die jah­re­lan­gen Be­mü­hun­gen, die Men­schen am Rhein für Frank­reich ein­zu­neh­men, wa­ren durch die Ruhr­be­set­zung end­gül­tig zum Schei­tern ver­ur­teil­t“.[<sup>\[36\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6523)

Ei­ne wei­te­re, tie­fer grei­fen­de Maß­nah­me war die Aus­wei­sung miss­lie­bi­ger Per­so­nen aus dem Be­sat­zungs­ge­biet. Dies kann man durch­aus als pro­pa­gan­dis­ti­sches Mit­tel auf­fas­sen, konn­te sich die fran­zö­si­sche Sei­te von sol­chen Maß­nah­men doch nicht zu­letzt ab­schre­cken­de und dis­zi­pli­nie­ren­de Wir­kung er­hof­fen. Das Pro­ce­de­re bei ei­ner Aus­wei­sung wur­de dem Land­rat des Krei­ses May­en in ei­nem Be­richt vom 2.5.1923 ge­schil­dert: „Die Aus­wei­sung nahm den ge­wöhn­li­chen Ver­lauf, in­dem Feld­gen­dar­men in den Woh­nun­gen der Aus­ge­wie­se­nen er­schie­nen und die­sel­ben ins un­be­setz­te Ge­biet ab­trans­por­tier­ten. So­weit Fa­mi­li­en vor­han­den wa­ren, muss­ten die­se in­ner­halb 4 Ta­gen fol­gen“.[<sup>\[37\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6524) Ins­ge­samt wur­den et­wa 150.000 Per­so­nen sei­tens der fran­zö­si­schen Be­sat­zung aus­ge­wie­sen. Da­bei han­del­te es sich um 40.000 Haus­hal­tungs­vor­stän­de und 110.000 Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge. Al­lein in der Stadt Ko­blenz, dem Sitz des Ober­prä­si­den­ten Hans Fuchs, wa­ren 1.500 Per­so­nen mit ih­ren Fa­mi­li­en von der Aus­wei­sung be­trof­fen, dar­un­ter der [Ober­prä­si­dent](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/O#term-825) selbst – er wur­de am 2. Fe­bru­ar 1923 aus­ge­wie­sen.

**7. Propaganda und „Abwehrkampf“ der deutschen Seite**

Die Pro­pa­gan­da der deut­schen Sei­te war zu­nächst we­nig auf­ein­an­der ab­ge­stimmt, ja re­gel­recht un­ko­or­di­niert, da die Kom­pe­ten­zen zwi­schen der Reichs­re­gie­rung und den ein­zel­nen be­trof­fe­nen Län­dern nicht ein­deu­tig ge­re­gelt wor­den wa­ren. Zu­dem war die Kom­mu­ni­ka­ti­on der nach­ge­ord­ne­ten Be­hör­den un­ter­ein­an­der so­wie zwi­schen nach­ge­ord­ne­ten und Obers­ten Be­hör­den man­gel­haft. Zu­ta­ge trat dies ins­be­son­de­re in der Zeit der Ruhr­be­set­zung und des pas­si­ven Wi­der­stan­des.[<sup>\[38\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6525) Vor al­lem zwei In­sti­tu­tio­nen wa­ren es, wel­che die „Ab­wehr“ von deut­scher Sei­te zu or­ga­ni­sie­ren ver­such­ten: das Reichs­mi­nis­te­ri­um für die be­setz­ten Ge­bie­te so­wie die „Rhei­ni­sche Volks­pfle­ge“ (RVP).

Das [Reichs­mi­nis­te­ri­um für die be­setz­ten Ge­bie­te](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d12a0da73104.85780877 "Das Reichsministerium für die besetzten Gebiete (1919-1930)") wur­de durch ei­nen Er­lass des Reichs­prä­si­den­ten vom 24.8.1923 er­rich­tet. Aus­schlag­ge­bend war die Bil­dung des Ka­bi­netts Stre­se­mann im glei­chen Mo­nat. Her­vor­ge­gan­gen war das Mi­nis­te­ri­um aus der Ab­tei­lung IV des Reichs­mi­nis­te­ri­ums des In­nern mit der Be­zeich­nung „Staats­se­kre­ta­ri­at für die be­setz­ten rhei­ni­schen Ge­bie­te“. Die­ses wie­der­um war am 3.5.1921 als Zen­tral­stel­le für die An­ge­le­gen­hei­ten der be­setz­ten Ge­bie­te ge­schaf­fen wor­den. Der Auf­ga­ben­be­reich war breit ge­streut und um­fass­te im Grun­de al­le Ge­bie­te des öf­fent­li­chen Le­bens, die von dem Ein­fluss der Be­sat­zung be­trof­fen wa­ren. Das Reichs­mi­nis­te­ri­um für die be­setz­ten Ge­bie­te hat­te zwei we­sent­li­che Ziel­set­zun­gen: die Be­lan­ge des Rei­ches im be­setz­ten Ge­biet ge­gen­über den Be­sat­zungs­mäch­ten zu wah­ren und – wich­ti­ger noch – die Ver­tre­tung der In­ter­es­sen der be­setz­ten Ge­bie­te bei der deut­schen Reichs­re­gie­rung.[<sup>\[39\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6526)

Am Rhein selbst wirk­te seit En­de 1918 ein „Kom­mis­s­ar“, der die deut­schen In­ter­es­sen vor Ort im be­setz­ten rhei­ni­schen Ge­biet zu ver­tre­ten hat­te. Zu­nächst wur­de der In­dus­tri­el­le Ot­to Wolff (1881-1940) gleich­sam als „Reichs­in­stanz für Be­sat­zungs­fra­gen“[<sup>\[40\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6527) zum „Kom­mis­sar der deut­schen Waf­fen­still­stands­kom­mis­si­on in den be­setz­ten rhei­ni­schen Ge­bie­ten“ er­nannt. Um Syn­er­gie­ef­fek­te zu nut­zen und Rei­bungs­ver­lus­te zu ver­mei­den, ei­nig­ten sich Reich und Preu­ßen auf die Schaf­fung ei­nes ge­mein­sa­men „Reichs- und Preu­ßi­schen Staats­kom­mis­sar für die be­setz­ten rhei­ni­schen Ge­bie­te“ mit Sitz in Ko­blenz. Die­sen Pos­ten füll­te zu­nächst – seit dem 19.6.1919 – auf preu­ßi­schen Vor­schlag der vor dem Ru­he­stand ste­hen­de Re­gie­rungs­prä­si­dent von Köln, Karl von Starck (1867-1937), aus. Schlie­ß­lich wur­de das Kom­mis­sa­ri­at dem am 24.8.1923 er­rich­te­ten „Reichs­mi­nis­te­ri­um für die be­setz­ten Ge­bie­te“ un­ter­stellt, be­vor es am 30.9.1930 auf­ge­löst wur­de.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/Pdjimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/Pdjimage.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-plakat%3A-h%C3%A4nde-weg-vo"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Plakat: Hände weg vom Ruhrgebiet!, Grafiker: Theo Matejko. (Bundesarchiv Plak 002-012-025)

</figcaption></figure></div>Bei der „Rhei­ni­schen Volks­pfle­ge“ han­del­te es sich um ei­ne nicht­amt­li­che „Tarn­or­ga­ni­sa­ti­on“, die im Auf­trag der Reichs­re­gie­rung die an­ti­fran­zö­si­sche Pro­pa­gan­da im Wes­ten fi­nan­zier­te und ko­or­di­nier­te. Sie war im Ju­ni 1920 aus der im Au­gust 1919 im be­setz­ten Ge­biet zur Ab­wehr der Ab­son­de­rungs­be­stre­bun­gen ein­ge­rich­te­ten „Be­ge­stel­le“ (B.-G.-Stel­le \[Re­fe­rat\]) der „Reichs­zen­tra­le für Hei­mat­diens­t“ (RfH) her­vor­ge­gan­gen. Nach der Er­rich­tung des Staats­se­kre­ta­ria­tes für die be­setz­ten Ge­bie­te im Reichs­mi­nis­te­ri­um des In­nern im Mai 1921 wur­de die RVP die­sem Staats­se­kre­ta­ri­at un­ter­stellt. Im Jah­re 1922 wur­de sie als „nach­ge­ord­ne­te Stel­le nicht­amt­li­chen Cha­rak­ter­s“ be­zeich­net, seit 1923 stand sie un­ter der Dienst­auf­sicht des Reichs­mi­nis­te­ri­ums für die be­setz­ten Ge­bie­te, trat nach au­ßen je­doch als pri­va­te Or­ga­ni­sa­ti­on auf. Zum 30.9.1930 wur­de die RVP auf­ge­löst.[<sup>\[41\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6528) Fort­bil­dungs­maß­nah­men für His­to­ri­ker und Leh­rer ge­hör­ten eben­so zu ih­rem Auf­ga­ben­pro­fil wie die Pu­bli­ka­ti­on pro­pa­gan­dis­ti­schen Schrift­tums. Zu den ge­för­der­ten Au­to­ren zähl­ten un­ter an­de­rem [Bru­no Kuske](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c93c0da134c5.15136554 "Bruno Kuske"), Her­mann Oncken (1869-1945), Aloys Schul­te und [Paul Went­z­cke](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c92d2a6bedc7.01279050 "Paul Wentzcke").

Ei­ne tra­gen­de Rol­le im „Ab­wehr­kampf“ kam dem Be­grün­der und Di­rek­tor des Düs­sel­dor­fer Stadt­ar­chivs Paul Went­z­cke zu, der von 1926 bis 1933 Lei­ter des His­to­ri­schen Mu­se­ums der Stadt und von 1928 bis 1933 Vor­sit­zen­der des Düs­sel­dor­fer Ge­schichts­ver­eins war. Went­z­cke agier­te an der Schnitt­stel­le von his­to­ri­scher Wis­sen­schaft, Ver­wal­tung und Po­li­tik und wur­de wäh­rend der ge­sam­ten Be­sat­zungs­zeit – so­wie auch dar­über hin­aus – nicht mü­de, den deut­schen Cha­rak­ter des Rheins ge­gen al­le tat­säch­li­chen oder ver­meint­li­chen Be­dro­hun­gen in schar­fer, na­tio­na­lis­ti­scher Form her­vor­zu­he­ben. Da­bei ver­hehl­te der aus ei­ner pro­tes­tan­ti­schen preu­ßi­schen Be­am­ten­fa­mi­lie stam­men­de Bur­schen­schaf­ter Went­z­cke sei­ne an­ti­so­zia­lis­ti­sche Ein­stel­lung nicht. Und man kann hin­zu­fü­gen: auch die an­ti­al­li­ier­te, ins­be­son­de­re an­ti­fran­zö­si­sche nicht. Die Vor­be­rei­tun­gen zur rhei­ni­schen [Jahr­tau­send­fei­er](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d1357ad31239.21169195 "Die „Jahrtausendausstellungen“ in Köln und Aachen 1925") ver­an­lass­ten ihn, sich in meh­re­ren Pu­bli­ka­tio­nen (1923, 1925, 1929-1934) dem „Ab­wehr­kampf“ an Rhein und Ruhr zu wid­men. Er war auch ma­ß­geb­lich an dem Zu­stan­de­kom­men der im Sin­ne des „Ab­wehr­kamp­fes“ kom­men­tier­ten Bi­blio­gra­phie „Zehn Jah­re Rhein­land­be­set­zun­g“ be­tei­ligt, die der Di­rek­tor der Pfäl­zi­schen Lan­des­bi­blio­thek Spey­er, Ge­org Reis­mül­ler, und des­sen Mit­ar­bei­ter Jo­sef Hof­mann zu­sam­men­stell­ten und 1929 ver­öf­fent­lich­ten.[<sup>\[42\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6529)

Die Nach­ru­fe auf Went­z­cke zeu­gen nicht nur von des­sen po­li­ti­scher Ein­stel­lung be­zie­hungs­wei­se sei­ner geis­ti­gen Hal­tung, von des­sen deutsch-na­tio­nal in­spi­rier­tem Kampf ge­gen die Rhein­land­be­set­zung so­wie ge­gen jeg­li­che Ten­den­zen zur Tren­nung des be­setz­ten Ge­bie­tes von Preu­ßen be­zie­hungs­wei­se von Deutsch­land, son­dern auch von der recht un­kri­ti­schen Sicht, die man in wei­ten Be­völ­ke­rungs­krei­sen – auch in der Ge­schichts­wis­sen­schaft und im Ar­chiv­we­sen – zu Be­ginn der 1960er Jah­re noch auf das Phä­no­men des „Ab­wehr­kamp­fes“ wäh­rend der Rhein­land­be­set­zung hat­te.[<sup>\[43\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6530) Sie bie­ten so­mit ei­nen Blick in die Re­zep­ti­ons­ge­schich­te der Be­sat­zungs­zeit. Die jün­ge­re For­schung setzt an­de­re Maß­stä­be an: „Went­z­cke ge­hör­te zu den ak­tivs­ten rechts­ra­di­ka­len, an­ti­west­li­chen Pu­bli­zis­ten im Rhein­land wäh­rend der [Wei­ma­rer Re­pu­blik](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/W#term-556)“.[<sup>\[44\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6531)

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/grdimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/grdimage.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-karikatur-%27reiche-ko"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Karikatur 'Reiche Kohlenbeute' im Kladderadatsch. (Universitätsbibliothek Heidelberg)

</figcaption></figure></div>Die Nach­ru­fe auf Went­z­cke zeu­gen nicht nur von des­sen po­li­ti­scher Ein­stel­lung be­zie­hungs­wei­se sei­ner geis­ti­gen Hal­tung, von des­sen deutsch-na­tio­nal in­spi­rier­tem Kampf ge­gen die Rhein­land­be­set­zung so­wie ge­gen jeg­li­che Ten­den­zen zur Tren­nung des be­setz­ten Ge­bie­tes von Preu­ßen be­zie­hungs­wei­se von Deutsch­land, son­dern auch von der recht un­kri­ti­schen Sicht, die man in wei­ten Be­völ­ke­rungs­krei­sen – auch in der Ge­schichts­wis­sen­schaft und im Ar­chiv­we­sen – zu Be­ginn der 1960er Jah­re noch auf das Phä­no­men des „Ab­wehr­kamp­fes“ wäh­rend der Rhein­land­be­set­zung hat­te.[<sup>\[43\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6530) Sie bie­ten so­mit ei­nen Blick in die Re­zep­ti­ons­ge­schich­te der Be­sat­zungs­zeit. Die jün­ge­re For­schung setzt an­de­re Maß­stä­be an: „Went­z­cke ge­hör­te zu den ak­tivs­ten rechts­ra­di­ka­len, an­ti­west­li­chen Pu­bli­zis­ten im Rhein­land wäh­rend der [Wei­ma­rer Re­pu­blik](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/W#term-556)“.[<sup>\[44\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6531)

Ei­ne wich­ti­ge und pro­mi­nen­te Rol­le spiel­te auch das 1920 an der [Bon­ner](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11f467f2030.53547864 "Bonn") Uni­ver­si­tät ge­grün­de­te [In­sti­tut für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de der Rhein­lan­de](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/I#term-241) (IGL). Dort mach­te sich der Ein­fluss der po­li­tisch-kul­tu­rell in­spi­rier­ten „Hei­mat­be­we­gun­g“ be­merk­bar. Das In­sti­tut, das ei­ne Brü­cke zwi­schen lan­des- so­wie volks­kund­li­cher For­schung und nicht­aka­de­mi­scher Hei­mat­ge­schich­te schlug, hat­te laut dem [Or­di­na­ri­us](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/O#term-392) für rhei­ni­sche Lan­des­ge­schich­te, [Franz Stein­bach](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c95564389fa8.83735719 "Franz Steinbach"), die Auf­ga­be, „die preu­ßi­sche Hoch­schu­le am Rhein in im­mer en­ge­re Füh­lung mit der rhei­ni­schen Be­völ­ke­rung zu brin­gen“.[<sup>\[45\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6532) An­ge­sichts der po­li­ti­schen Ge­samt­si­tua­ti­on – Rhein­land­be­set­zung, Ei­gen­be­stre­bun­gen in ver­schie­de­nen Re­gio­nen Preu­ßens und des Rei­ches, Be­dro­hung der Re­pu­blik von den po­li­ti­schen Rän­dern her – be­för­der­ten die Prot­ago­nis­ten die Ver­bin­dung von re­gio­na­ler und na­tio­na­ler Iden­ti­tät. Mit an­de­ren Wor­ten: „Obers­tes Ziel ei­ner rhei­ni­schen Ge­schich­te muss­te es in die­ser kri­ti­schen La­ge sein, das Rhein­land durch die Jahr­hun­der­te hin­durch als deut­sches Land zu er­wei­sen“.[<sup>\[46\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6533)

Der in der „West­for­schun­g“ en­ga­gier­te Lan­des- und Wirt­schafts­his­to­ri­ker [Her­mann Au­bin](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57adba98616a97.12472310 "Hermann Aubin"), Be­grün­der des Bon­ner In­sti­tuts, war be­müht, ei­ne im „na­tio­na­len Ab­wehr­kampf“ brauch­ba­re rhei­ni­sche Stam­mes-Iden­ti­tät zu kre­ieren. In­dem er die Dis­zi­plin der „Ge­schicht­li­chen Lan­des­kun­de“ dem po­li­ti­schen Ab­wehr­kampf, den volks- und na­tio­nal­po­li­ti­schen In­ter­es­sen dienst­bar mach­te, be­gab sich Au­bin „dau­er­haft in das Span­nungs­feld von Wis­sen­schaft und Po­li­ti­k“.[<sup>\[47\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6534) Er war mit­ver­ant­wort­lich für die „Po­li­ti­sie­rung his­to­ri­scher For­schun­g“. Die Ber­li­ner Be­hör­den er­hoff­ten sich von Au­bins West- und Kul­tur­raum­for­schung „nütz­li­che ge­schichts­po­li­ti­sche Ar­gu­men­te zur Ab­wehr so­wohl der fran­zö­si­schen Rhein­pro­pa­gan­da als auch des rhei­ni­schen Se­pa­ra­tis­mus“.[<sup>\[48\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6535) Die West­for­schung war so­mit letzt­lich Teil ei­ner „ge­samt­ge­sell­schaft­lich an­ge­leg­ten Be­we­gung ge­gen den Ver­sailler Ver­trag und ge­gen die fran­zö­si­sche Rhein­land­be­set­zun­g“.[<sup>\[49\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6536)

Auch das Pro­gramm des Vor­sit­zen­den der [Ge­sell­schaft für Rhei­ni­sche Ge­schichts­kun­de](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/G#term-191), des na­tio­nal­li­be­ra­len Köl­ner Stadt­ar­chi­vars Jo­seph Han­sen (1862-1943), für die Ver­öf­fent­li­chung ei­ner rhei­ni­schen Ge­schich­te at­met in je­der Zei­le die na­tio­na­le Ziel­set­zung und zeugt von der In­stru­men­ta­li­sie­rung der re­gio­na­len Ge­schich­te be­zie­hungs­wei­se der re­gio­na­len Iden­ti­tät im Diens­te des na­tio­na­len Ge­dan­kens: „Das Be­dürf­nis nach ei­ner Ge­schich­te des Rhein­lan­des ist aber neu­er­dings in der La­ge, in die un­ser Ge­biet durch den un­glück­li­chen Aus­gang des Welt­krie­ges ver­setzt wor­den ist, in ver­stärk­ten \[!\] Ma­ße her­vor­ge­tre­ten. Die deut­sche West­mark, von der wir glaub­ten, daß die Ge­fahr frem­den Über­griffs auf sie für im­mer be­sei­tigt sei, er­scheint uns heu­te nicht mehr als si­che­rer ei­ge­ner Be­sitz, son­dern als heiß um­strit­te­ner Kampf­preis der Frem­den. Wenn in­fol­ge des ver­lo­re­nen Krie­ges ganz Deutsch­land wie­der Tum­mel­platz fremd­län­di­schen Macht­stre­bens ge­wor­den ist, so muß das von den Ar­me­en der Kriegs­geg­ner be­setz­te Rhein­land jetzt den Kelch po­li­ti­scher De­mü­ti­gung bis zur Nei­ge lee­ren, und die Un­ver­sehrt­heit des na­tio­na­len Ter­ri­to­ri­ums er­scheint auf das äu­ßers­te ge­fähr­de­t“.[<sup>\[50\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6537)

Es ent­behr­te so­mit nicht jeg­li­cher Grund­la­ge, wenn der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler und Na­tio­na­list Mau­rice Bar­rès von sei­ner fran­zö­si­schen War­te aus kon­sta­tier­te: „Les pro­fes­seurs al­le­man­ds qui fai­sai­ent du pan­ger­ma­nis­me dans les chai­res de Stras­bourg font du pan­ger­ma­nis­me dans les chai­res de Bonn. Ils tra­vail­lai­ent à in­stal­ler la Prus­se en Al­sace et en Lor­rai­ne; ils tra­vail­lent au­jourd’hui à main­tenir la Prus­se en Rhéna­nie“.[<sup>\[51\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6538)

Auch die Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten wa­ren nicht frei von po­li­ti­schen Ziel­vor­ga­ben, die sich im Wir­ken ver­schie­de­ner For­scher nie­der­schlu­gen. So wa­ren bei­spiels­wei­se die Be­zie­hun­gen des in Köln leh­ren­den Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lers und -geo­gra­phen Bru­no Kuske „zur pro­vin­zia­len Lan­des­pla­nungs­ge­mein­schaft, zur Rhei­ni­schen Volks­pfle­ge und de­ren Ge­gen­pro­gramm zur Kul­tur­pro­pa­gan­da der fran­zö­si­schen Be­sat­zungs­macht, zum Bon­ner In­sti­tut für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de \[...\] sehr en­g“.[<sup>\[52\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6539) Es war Kuskes Schrift „Rhein­gren­ze und Puf­fer­staat. Ei­ne volks­wirt­schaft­li­che Be­trach­tun­g“,[<sup>\[53\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6540) die als ers­te Pu­bli­ka­ti­on von der Rhei­ni­schen Volks­pfle­ge fi­nan­ziert wur­de und „ei­ne her­aus­ra­gen­de Stel­lung im Ge­samt­pro­gramm der RV­P“[<sup>\[54\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6541) ein­nahm. Für Kuske selbst war dies der „Ein­stieg in ei­ne kon­stan­te an­ti­fran­zö­si­sche und an­ti­se­pa­ra­tis­ti­sche Pu­bli­zis­ti­k“. Er avan­cier­te in der Fol­ge­zeit zu ei­nem der be­deu­tends­ten West- und Raum­for­scher, hob zu­neh­mend sei­ne na­tio­na­le Ge­sin­nung her­vor und war auch an der Köl­ner Jahr­tau­send­fei­er im Jahr 1925 ma­ß­geb­lich be­tei­ligt. Kuskes Schü­ler Al­bert Pass gab seit 1919 die Zeit­schrift „Das Rhein­land. Zei­tungs­kor­re­spon­denz für die Er­hal­tung der deut­schen Art am Rhein“ her­aus, in der auch Kuske und Went­z­cke im ge­schil­der­ten Sin­ne Auf­sät­ze pu­bli­zier­ten. Der Köl­ner Han­dels­hoch­schul­di­rek­tor Chris­ti­an Eckert (1874-1952) sah die Funk­ti­on der neu­ge­grün­de­ten Köl­ner Uni­ver­si­tät in ei­ner Denk­schrift vom 11.3.1919 dar­in, „ein Boll­werk des deut­schen Geis­tes in den ge­fähr­de­ten Rhein­lan­den“ zu bil­den.

Die deut­sche Pro­pa­gan­da ver­stand sich al­so als Ab­wehr-Maß­nah­me, als ei­nen na­tio­na­len Be­frei­ungs- und Ab­wehr­kampf mit dem Ziel ei­ner bal­di­gen Räu­mung des be­setz­ten Ge­bie­tes und zur Ver­hin­de­rung von be­fürch­te­ten An­ne­xio­nen. Ei­ne Ka­ri­ka­tur im „Klad­de­ra­dat­sch“ vom 19.2.1928 mit dem Ti­tel „His­to­ri­scher Mas­ken­zu­g“ steht stell­ver­tre­tend für ei­ne im Rhein­land und im üb­ri­gen Deutsch­land weit ver­brei­te­te Auf­fas­sung, der zu­fol­ge Frank­reich seit je­her ei­ne ag­gres­si­ve Ex­pan­si­ons­po­li­tik in Rich­tung Os­ten be­trie­ben ha­be: Die Kon­ti­nui­tät reicht - der bild­li­chen Dar­stel­lung ge­mäß - vom Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg („1634“) über die Zeit der Re­vo­lu­ti­ons­krie­ge be­zie­hungs­wei­se der Cis­rhen­a­ni­schen Re­pu­blik („1793“), über Na­po­le­on I. („1805-1813“) bis hin zur Zeit des Ers­ten Welt­krie­ges und der an­schlie­ßen­den Be­sat­zungs­zeit („1914-19??“ \[!\]). Der auf der Ka­ri­ka­tur selbst ver­merk­te Aus­ruf „Nach Deutsch­land!“ wird er­gänzt durch den iro­ni­schen Wort­laut der Bild­un­ter­schrift: „Frank­reich braucht Si­cher­heit, da­mit es sei­ne ge­schicht­li­chen Raub- und Brand­zü­ge ins wehr­lo­se Deutsch­land auch fer­ner­hin aus­füh­ren kan­n“.[<sup>\[55\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6542)

Auf dem Hö­he­punkt des Ruhr­kamp­fes 1923 war die deut­sche Pro­pa­gan­da ge­gen­über der fran­zö­si­schen Sei­te im Vor­teil, denn sie konn­te auf die Emo­tio­nen und Ge­füh­le der ein­hei­mi­schen Be­völ­ke­rung ab­zie­len, wäh­rend die al­li­ier­te Pro­pa­gan­da fern­ab der Hei­mat wir­ken muss­te und sich eher auf die Ver­mitt­lung nüch­ter­ner Fak­ten stütz­te, wel­che die Ber­li­ner Re­gie­rung bei der ei­ge­nen Be­völ­ke­rung dis­kre­di­tie­ren soll­ten.

Welch dras­ti­scher Spra­che und über­trie­be­ner Bil­der sich die deut­sche Pro­pa­gan­da häu­fig be­dien­te, do­ku­men­tiert ein Flug­blatt mit dem Ti­tel „Der fran­zö­si­sche Bol­sche­wis­mus im Ruhr­ge­bie­t“, das sich – ähn­lich den oben ge­schil­der­ten, ge­gen­läu­fi­gen fran­zö­si­schen Be­mü­hun­gen – gän­gi­ge Kli­schees und Res­sen­ti­ments zu­nut­ze macht[<sup>\[56\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6543) : „Wol­len wir die fran­zö­sisch-bel­gi­schen Räu­ber und Mör­der im­mer noch dul­den? Wol­len wir uns die Bru­ta­li­tä­ten, die Raub- und Mord­ta­ten, die Schmä­hun­gen, Schän­dun­gen, die Aus­wei­sun­gen und die bes­tia­li­schen Schi­ka­nen an al­len Or­ten von den fran­zö­sisch-bel­gi­schen Ein­bre­chern im­mer noch ge­fal­len las­sen? Oder müs­sen wir uns in un­se­rer Hei­mat von ein­ge­bro­che­nen Wüst­lin­gen wie Hun­de be­han­deln las­sen? Wol­len wir im­mer noch zu­se­hen, wie die fran­zö­sisch-bel­gi­schen Ein­dring­lin­ge \[...\] un­se­re Bür­ger hin­schlach­ten? Wol­len wir es im­mer noch über uns brin­gen, daß fran­zö­sisch-bel­gi­sche Blut­ge­rich­te un­schul­di­ge Deut­sche zu bes­tia­li­schen To­des­stra­fen, zu un­mensch­li­chen Ge­fäng­nis­stra­fen und zu wu­che­ri­schen Geld­stra­fen ver­ur­tei­len?“

Bei al­ler In­ten­si­tät der Pro­pa­gan­da auf bei­den Sei­ten hat es doch den An­schein, dass die Tä­tig­kei­ten auf die­sem Ge­biet nicht den Aus­schlag ga­ben für Er­folg oder Miss­er­folg ei­ner po­li­ti­schen oder mi­li­tä­ri­schen In­itia­ti­ve.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/LXVimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/LXVimage.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-karikatur-%27historisc"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Karikatur 'Historischer Maskenzug' im Kladderadatsch. (Universitätsbibliothek Heidelberg)

</figcaption></figure></div>**8. Der Einsatz von Kolonialtruppen in den besetzten Gebieten**

Die Re­ak­tio­nen auf den Ein­satz von Ko­lo­ni­al­trup­pen auf Sei­ten der Al­li­ier­ten ge­hö­ren zu den dun­kels­ten Ka­pi­teln der Be­sat­zungs­zeit im Rhein­land. In vie­len rhei­ni­schen Städ­ten wur­den, vor al­lem auf fran­zö­si­scher Sei­te, Ko­lo­ni­al­trup­pen – in der Mehr­zahl aus Nord­afri­ka – ein­ge­setzt. Ins­ge­samt dürf­te es sich um cir­ca 30.-40.000 schwar­ze Sol­da­ten ge­han­delt ha­ben. An­läss­lich der fran­zö­si­schen Be­set­zung des Main­g­aus im April 1920 er­fuhr die deut­sche Öf­fent­lich­keit erst­mals von dem Ein­satz schwar­zer Ko­lo­ni­al­trup­pen auf Sei­ten der Al­li­ier­ten. In wei­ten Tei­len der ein­hei­mi­schen Be­völ­ke­rung kam es in die­sem Zu­sam­men­hang zu Un­muts­äu­ße­run­gen und Kam­pa­gnen, die ras­sis­ti­sche Zü­ge tru­gen: Von „Wil­den“, „Pri­mi­ti­ven“, „Schwar­zer Schmach“ so­wie „Schwar­zer Schan­de“ war die Re­de, den schwar­zen Sol­da­ten wur­den se­xu­el­le Über­grif­fe und Grau­sam­kei­ten ge­gen­über der Zi­vil­be­völ­ke­rung un­ter­stellt.

Die Em­pö­rung reich­te von der Reichs­spit­ze bis hin­ab auf die lo­ka­le Ebe­ne, er­fass­te Ver­ei­ne, Par­tei­en und Par­la­men­te. Da­bei fin­den sich in na­he­zu al­len Re­so­lu­tio­nen, Pe­ti­tio­nen, In­ter­pel­la­tio­nen, Pla­ka­ten und Flug­blät­tern ras­sis­ti­sche Ver­satz­stü­cke. Recht bald nach Be­kannt­wer­den des Ein­sat­zes schwar­zer Be­sat­zungs­trup­pen leg­ten al­le Reichs­tags­frak­tio­nen mit Aus­nah­me der ra­di­ka­len Lin­ken der Reichs­re­gie­rung ei­ne In­ter­pel­la­ti­on vor, in der gän­gi­ge Vor­wür­fe und Res­sen­ti­ments auf­ge­lis­tet wur­den[<sup>\[57\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6544) : „Fran­zo­sen und Bel­gi­er ver­wen­den auch nach Frie­dens­schluß far­bi­ge Trup­pen in den be­setz­ten Ge­bie­ten der Rhein­lan­de. Die Deut­schen emp­fin­den die­se miß­bräuch­li­che Ver­wen­dung der Far­bi­gen als ei­ne Schmach und se­hen mit wach­sen­der Em­pö­rung, daß je­ne in deut­schen Kul­tur­län­dern Ho­heits­rech­te aus­üben. Für deut­sche Frau­en und Kin­der – Män­ner wie Kna­ben – sind die­se Wil­den ei­ne schau­er­li­che Ge­fahr. Ih­re Eh­re, Leib und Le­ben, Rein­heit und Un­schuld wer­den ver­nich­tet. Im­mer mehr Fäl­le wer­den be­kannt, in de­nen Far­bi­ge \[!\] Trup­pen deut­sche Frau­en und Kin­der schän­den, Wi­der­stre­ben­de ver­let­zen, ja tö­ten. Nur der kleins­te Teil der be­gan­ge­nen Scheu­ß­lich­kei­ten wird ge­mel­det. Scham­ge­fühl, Furcht vor ge­mei­ner Ra­che schlie­ßen den un­glück­li­chen Op­fern und ih­ren An­ge­hö­ri­gen den Mund. Auf Ge­heiß der fran­zö­si­schen und bel­gi­schen Be­hör­den sind in den von ih­nen be­setz­ten Ge­bie­ten öf­fent­li­che Häu­ser er­rich­tet, vor de­nen far­bi­ge Trup­pen sich scha­ren­wei­se drän­gen, dort sind deut­sche Frau­en ih­nen preis­ge­ge­ben! Die­se Zu­stän­de sind schand­bar, er­nied­ri­gend, un­er­träg­lich! In der gan­zen Welt er­he­ben sich im­mer mehr ent­rüs­te­te Stim­men, die die­se un­aus­lösch­li­che Schmach ver­ur­tei­len. Sind die­se men­schen­un­wür­di­gen Vor­gän­ge der Reichs­re­gie­rung be­kannt? Was ge­denkt sie zu tun?“

<div class="information-object-paragraph__image" id="bkmrk-inder-in-k%C3%B6ln%2C-ca.-1"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/23658.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_23658.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Inder in Köln, ca. 1919.

</figcaption></figure></div> </div>Der Vel­ber­ter Bür­ger­meis­ter Leo Tweer (1881-1960), in des­sen Stadt Sol­da­ten des 7. Ko­lo­ni­al­re­gi­ments ein­quar­tiert wor­den wa­ren, be­rich­te­te am 23.2.1923 an den Land­rat: „Das Auf­tre­ten die­ses ech­ten un­ver­fälsch­ten uni­for­mier­ten Ne­ger­typs hat, wie dies selbst­ver­ständ­lich, in der ge­sam­ten Be­völ­ke­rung ge­wal­ti­ge Er­re­gung und Un­ru­he her­vor­ge­ru­fen“.[<sup>\[58\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6545)

Durch die me­dia­le Ver­brei­tung der An­schul­di­gun­gen ge­gen die Ko­lo­ni­al­trup­pen in ver­schie­de­nen eu­ro­päi­schen Län­dern – ins­be­son­de­re na­tür­lich im be­setz­ten und un­be­setz­ten Deutsch­land – stei­ger­te sich die Stim­mung zu ei­ner re­gel­rech­ten Hys­te­rie: Im April 1921 er­schien ein Film mit dem Ti­tel „Die schwar­ze Schmach“, im glei­chen Jahr Gui­do Kreut­zers Ro­man „Die schwar­ze Schmach. Der Ro­man des ge­schän­de­ten Deutsch­lan­d“ und 1922 Paul Hains Mach­werk „Mbun­go Ma­he­si, der Kul­tur­trä­ger vom Se­ne­gal“; der „Deut­sche Not­bund ge­gen die schwar­ze Schmach“ rief ei­ne Zeit­schrift mit dem Ti­tel „Die Schmach am Rhein“ ins Le­ben. Die Kam­pa­gne, die un­ge­schminkt ras­sis­ti­sche Zü­ge trug, ging „weit über die ex­tre­mis­ti­schen Mi­lieus hin­aus“[<sup>\[59\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6546) bis tief in das La­ger der po­li­ti­schen Lin­ken so­wie in fe­mi­nis­ti­sche Krei­se hin­ein. In­ter­na­tio­na­le Frau­en­ver­ei­ni­gun­gen in Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Schwe­den und den USA for­der­ten den Ab­zug der schwar­zen Trup­pen­ein­hei­ten.

So ver­wun­dert es nicht, dass die deut­sche Sei­te im Rah­men des Pas­si­ven Wi­der­stan­des in­fol­ge der Ruhr­be­set­zung er­neut zu ras­sis­ti­schen und xe­no­pho­ben Ste­reo­ty­pen griff: Be­klagt wur­de auf an­ony­men Flug­blät­tern das „Her­an­brin­gen far­bi­ger Trup­pen“. Oder man gab die An­wei­sung: „Die schwar­zen Tie­re sind nun da. Wie soll man sie be­han­deln? Bes­ti­en muß man ent­we­der zäh­men oder nie­der­schla­gen. Zähmt sie durch Furcht oder Angst! Aber wenn sie nicht wol­len oder sich als Bes­ti­en be­tra­gen, dann –“. Auf ei­nem Flug­blatt mit dem Ti­tel „Hee­res­be­rich­t“ stand zu le­sen: „Die Ver­ei­nig­te Obers­te Hee­res­lei­tung: Poin­ca­ré Der schar­fe Ede ehem. Zu­häl­ter zehn­fa­cher Raub­mör­der und Bam­bu­la Ober­nig­ger und Meis­ter­schän­der Kö­nig al­ler Su­da­ne­sen“.[<sup>\[60\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6547)

<div class="information-object-paragraph__image" id="bkmrk-franz%C3%B6sische-propaga"><div class="information-object-paragraph"><div class="information-object-paragraph__content">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/23661.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_23661.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Französische Propagandapostkarte, Bonn 1922.

</figcaption></figure></div> </div></div></div>Be­feu­ert wur­den Furcht und Ab­nei­gung ge­gen­über den schwar­zen Trup­pen­kon­tin­gen­ten auch durch de­ren Wahr­neh­mung in den Staa­ten der [En­tente](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/E#term-672), nicht zu­letzt in Frank­reich selbst. Mit­un­ter wur­den dort ähn­li­che Gräu­el­mär­chen ver­brei­tet wie auf der geg­ne­ri­schen, der deut­schen Sei­te. So schil­dert der fran­zö­si­sche Kriegs­teil­neh­mer und Li­te­rat Ga­bri­el Che­val­li­er (1895-1965) in sei­nem 1930 er­schie­ne­nen An­ti­kriegs­ro­man „La Peur“ wie er den Durch­zug schwar­zer Ein­hei­ten auf dem Weg zur Front zu Kriegs­be­ginn er­leb­te: „Und dann kom­men die Schwar­zen, die man schon von wei­tem an ih­ren wei­ßen Zäh­nen in den dunk­len Ge­sich­tern er­kennt, die kind­li­chen, grau­sa­men Schwar­zen, die ih­re Geg­ner ent­haup­ten und ih­nen die Oh­ren ab­schnei­den, um sie sich dann als Amu­let­te um­zu­hän­gen. Ein be­son­ders er­freu­li­ches De­tail. Fei­ne Ker­le die­se Schwar­zen! Man gibt ih­nen zu trin­ken, man liebt sie, man liebt die­sen kräf­ti­gen Ge­ruch, die­sen exo­ti­schen Welt­aus­stel­lungs­ge­ruch, der bei ih­rem Vor­bei­marsch in der Luft lieg­t“.[<sup>\[61\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6548) Ob­gleich der Schil­de­rung kei­ne ras­sis­ti­sche Welt­an­schau­ung zu­grun­de liegt, könn­te der Text – ge­ring­fü­gig mo­du­liert und et­was an­ders ak­zen­tu­iert – eben­so gut von der an­ti­fran­zö­si­schen Agi­ta­ti­on der deut­schen Sei­te wäh­rend der Be­sat­zungs­zeit stam­men.

Ein trau­ri­ges Schick­sal muss­ten vie­le „Misch­lings“- oder „Bas­tard­kin­der“ – so der da­ma­li­ge amt­li­che Sprach­ge­brauch – er­lei­den, al­so Kin­der, de­ren Vä­ter schwar­ze Be­sat­zungs­sol­da­ten wa­ren: 1933 wur­den sie auf Ge­heiß der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­ha­ber hin sta­tis­tisch er­fasst und we­ni­ge Jah­re spä­ter, 1937, zwangs­ste­ri­li­siert.

**9. Die Jahrtausendfeiern im Jahr 1925**

Ein Hö­he­punkt der deut­schen Pro­pa­gan­da-Tä­tig­keit wa­ren oh­ne Zwei­fel die „Jahr­tau­send­fei­ern“, die we­ni­ge Mo­na­te vor der Räu­mung der Köl­ner Be­sat­zungs­zo­ne statt­fan­den und das an und für sich recht un­be­deu­ten­de Er­eig­nis von 925 – die Rück­kehr Lo­tha­rin­gi­ens/Loth­rin­gens zum ost­frän­ki­schen Reich – zum Ge­gen­stand hat­ten. Dass man für die­se Zeit noch nicht von „Deutsch­lan­d“ und „Frank­reich“ be­zie­hungs­wei­se von „Deut­schen“ und „Fran­zo­sen“ spre­chen kann, darf heu­te als un­be­strit­ten gel­ten. In der Zwi­schen­kriegs­zeit galt es hin­ge­gen auf bei­den Sei­ten auch in wis­sen­schaft­li­chen Krei­sen als selbst­ver­ständ­lich, so­wohl die ei­ge­ne als auch die geg­ne­ri­sche Sei­te bis auf „die Gal­lier“ und „die Ger­ma­nen“ zu­rück­zu­füh­ren und dies je­weils mit Frank­reich be­zie­hungs­wei­se „den Fran­zo­sen“ und Deutsch­land be­zie­hungs­wei­se „den Deut­schen“ zu iden­ti­fi­zie­ren.[<sup>\[62\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6549) Spi­ri­tus rec­tor der Fei­er­lich­kei­ten[<sup>\[63\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6550) war der da­ma­li­ge Di­rek­tor des Stadt­ar­chivs Düs­sel­dorf, Paul Went­z­cke, der seit De­zem­ber 1918 der na­tio­nal­li­be­ra­len Deut­schen Volks­par­tei (DVP) an­ge­hör­te.[<sup>\[64\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6551) Ver­schie­de­ne Aus­schüs­se wa­ren mit der Vor­be­rei­tung der Fei­er­lich­kei­ten und der Jahr­tau­send­aus­stel­lung be­fasst: Bru­no Kuske ge­hör­te dem zen­tra­len Ar­beits­aus­schuss an und gab ge­mein­sam mit dem His­to­ri­ker und Mu­se­ums­di­rek­tor Wil­helm Ewald (1878-1955) den „Ka­ta­log der Jahr­tau­send­aus­stel­lung der Rhein­lan­de in Köln 1925“ her­aus, der Ge­schichts­aus­schuss war mit His­to­ri­kern wie Her­mann Au­bin und Aloys Schul­te so­wie mit Kom­mu­nal­ar­chi­va­ren wie Jo­seph Han­sen (Köln) und Paul Went­z­cke (Düs­sel­dorf) be­stückt, wäh­rend sich im In­dus­trie­aus­schuss Ab­ge­sand­te von Han­dels­kam­mern und ver­schie­de­nen Wirt­schafts­zwei­gen zu­sam­men­fan­den. Doch auch die Lo­kal­po­li­tik – na­ment­lich der Köl­ner Ober­bür­ger­meis­ter Kon­rad Ade­nau­er – en­ga­gier­te sich an ex­po­nier­ter Stel­le bei den Vor­be­rei­tun­gen, war dies doch für die je­wei­li­ge Kom­mu­ne ei­ne will­kom­me­ne Ge­le­gen­heit, um öf­fent­lich­keits­wirk­sam die An­häng­lich­keit des be­setz­ten Ge­bie­tes an das un­be­setz­te Deutsch­land zu de­mons­trie­ren. Son­der­zü­ge brach­ten vie­le „Rhein­län­der“ aus dem ge­sam­ten Reichs­ge­biet zu den Or­ten der Fei­er­lich­kei­ten, so et­wa An­fang Ju­li den „Ver­ein der Rhein­län­der“ aus dem ost­preu­ßi­schen Ins­ter­burg mit 780 Teil­neh­mern nach Köln.[<sup>\[65\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6552)

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-propagandaplakat-%27pr"><div class="information-object-paragraph__content">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/23651.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_23651.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Propagandaplakat 'Protest der deutschen Frauen gegen die farbige Besatzung am Rhein', Deutsches Reich, ca. 1923.

</figcaption></figure></div> </div></div>In ers­ter Li­nie ging es den Or­ga­ni­sa­to­ren dar­um, „vor al­lem ge­gen­über der fran­zö­si­schen Be­sat­zungs­po­li­tik so­wie den Se­pa­ra­tis­ten­be­we­gun­gen ei­ne po­li­ti­sche De­mons­tra­ti­on und ein sicht­ba­res Be­kennt­nis des ei­ge­nen deut­schen und rhein­län­di­schen Zu­ge­hö­rig­keits­ge­fühls und Selbst­ver­ständ­nis­ses“[<sup>\[66\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6553) ab­zu­le­gen. In­so­fern war es – nach den nicht all­zu weit zu­rück­lie­gen­den Er­fah­run­gen von Pas­si­vem Wi­der­stand und se­pa­ra­tis­ti­schen Ak­tio­nen – eben nicht be­son­ders „er­staun­lich, mit wel­cher Be­geis­te­rung und In­ten­si­tät im Jahr 1925 die so ge­nann­te Jahr­tau­sen\[d\]fei­er der Rhein­lan­de be­gan­gen“ wur­de.

Doch nicht nur in der Rhein­pro­vinz, son­dern auch in zahl­rei­chen an­de­ren deutsch­spra­chi­gen Re­gio­nen in­ner­halb und au­ßer­halb der Reichs­gren­zen fan­den ent­spre­chen­de Fes­ti­vi­tä­ten statt, so et­wa in Schles­wig, Kiel, Ber­lin, Kö­nigs­berg, Dan­zig, Mün­chen, Inns­bruck und Wien, ma­ß­geb­lich in­iti­iert vom „Reichs­ver­band der Rhein­län­der“ be­zie­hungs­wei­se dem „Rhei­ni­schen Hei­mat­bun­d“ un­ter Paul Kauf­mann. In Dan­zig wur­de bei­spiels­wei­se zwi­schen dem 31. Au­gust und dem 5. Sep­tem­ber 1925 ei­ne „Rhei­ni­sche Wo­che“ aus­ge­rich­tet.

Mu­si­ka­li­sche Ver­an­stal­tun­gen ge­hör­ten zum Kern­pro­gramm fast je­der ein­zel­nen Fei­er. Auf­ge­führt wur­den im Grun­de flä­chen­de­ckend Beet­ho­vens 9. Sin­fo­nie, al­so die „Ode an die Freu­de“, so­wie der Lob­ge­sang auf „Die hei­li­ge deut­sche Kunst“ aus der Schluss­sze­ne von Ri­chard Wag­ners „Meis­ter­sin­gern“. Das 94. Nie­der­rhei­ni­sche Mu­sik­fest un­ter Mit­wir­kung von Ri­chard Strauss (1864-1949) war ein Be­stand­teil der Köl­ner Jahr­tau­send­fei­er. Der Kom­po­nist und Mu­sik­re­dak­teur Her­mann Un­ger (1886-1958) be­zeich­ne­te die­se im Pro­gramm­heft als „wich­ti­ge und fei­er­li­che Ge­sin­nungs­be­kun­dun­g“.[<sup>\[67\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6554) In Duis­burg ka­men un­ter an­de­rem Gus­tav Mah­lers Ach­te Sin­fo­nie so­wie Carl Ma­ria von We­bers Oper „Obe­ron“ zur Auf­füh­rung.

Über­ra­schen mag die Auf­füh­rung des Fest­spiels „Hein­rich aus An­der­nach“ aus der Fe­der Fritz von Un­ruhs (1885-1975). Als „ein­deu­tig frie­den­stif­ten­des Sym­bol“ wird der Leich­nam ei­nes deut­schen Un­be­kann­ten Sol­da­ten, der al­ler­dings für al­le Welt­kriegs­to­ten steht, „als Auf­for­de­rung zum Frie­den im die ver­fein­de­ten Län­der ver­bin­den­den Rhein ver­senk­t“.[<sup>\[68\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6555)

**10. Die Befreiungsfeiern**

Mit dem Jahr 1926 be­gann die Räu­mung des be­setz­ten Ge­bie­tes, die sich an den Be­sat­zungs­zo­nen ori­en­tier­te. Be­glei­tet wur­de der Ab­zug der Be­sat­zungs­trup­pen von Be­frei­ungs­fei­ern, die ins­be­son­de­re in den Städ­ten grö­ße­re Aus­ma­ße an­nah­men und po­li­ti­sche Pro­mi­nenz aus dem un­be­setz­ten Ge­biet an­zo­gen. So ver­sam­mel­te sich am 1.2.1926 nach dem Ab­zug der fran­zö­si­schen Be­sat­zungs­trup­pen ei­ne gro­ße Men­schen­men­ge auf dem Markt­platz vor dem Bon­ner Rat­haus, wäh­rend sich im Ju­li 1930 nach dem Ab­zug der letz­ten al­li­ier­ten Trup­pen­tei­le mit Reichs­prä­si­dent Paul von Hin­den­burg (1847-1934, Amts­zeit als Reichs­prä­si­dent 1925-1934) so­gar der höchs­te Re­prä­sen­tant der Wei­ma­rer Re­pu­blik auf ei­ne Rei­se durch die ge­räum­ten rhei­ni­schen Ge­bie­te mach­te. Da­bei kam es ge­gen En­de der Fei­er­lich­kei­ten in Ko­blenz am 22.7.1930 zu ei­nem Un­glück, das 38 Men­schen­le­ben for­der­te, als ei­ne Steg­brü­cke über die Mo­sel un­ter der Mas­se der ab­strö­men­den Be­su­cher ein­stürz­te.

Auch Paul Went­z­cke trat er­neut her­vor: „Der Hö­he­punkt sei­ner Tä­tig­keit als Ver­eins­lei­ter \[des Düs­sel­dor­fer Ge­schichts­ver­eins\] war 1930 die glanz­vol­le, von der Freu­de über die Räu­mung des Rhein­lan­des ge­tra­ge­ne Fei­er des 50jäh­ri­gen Be­ste­hens des Ver­eins im Schloß Ben­ra­th“.[<sup>\[69\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6556)

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-plakat-zur-jahrtause"><div class="information-object-paragraph__content">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/31949.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_31949.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Plakat zur Jahrtausendausstellung in Aachen, 1925. (Stadtarchiv Aachen)

</figcaption></figure></div> </div></div>Mit na­tio­na­lem Pa­thos und Deutsch­tü­me­lei – al­lein elf Zei­len des ab­ge­druck­ten dreis­tro­phi­gen Ge­dich­tes be­gin­nen mit dem Wort „Deut­sch“ – reich­lich aus­ge­stat­tet war das holz­schnitt­ar­ti­ge Ti­tel­blatt der „Neu­wie­der Zei­tun­g“ zur Rhein­land­be­frei­ung vom 1.12.1929. Dort hieß es un­ter der Über­schrift „Frei! Frei der Rhein!“:[<sup>\[70\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6557)

*Deutsch ist der Rhein,*

Der me­dia­le Fort­schritt wirk­te sich auch auf die Fei­er­lich­kei­ten an­läss­lich des end­gül­ti­gen En­des der Rhein­land­be­set­zung aus, nicht zu­letzt in Form von Rund­funk­sen­dun­gen. Die of­fi­zi­el­le Köl­ner Be­frei­ungs­fei­er vom 21.3.1926 an­läss­lich der Räu­mung der ers­ten Be­sat­zungs­zo­ne et­wa, die in der gro­ßen Hal­le des Rhein­parks mit Jo­hann Se­bas­ti­an Bachs g-moll-Phan­ta­sie be­gann und mit Fried­rich Schil­lers „Ode an die Freu­de“ aus Beet­ho­vens 9. Sin­fo­nie en­de­te, wur­de im Rund­funk – von der „West­deut­schen Funk­stun­de AG“ (WE­FAG) – di­rekt über­tra­gen. Ähn­li­ches gilt für die Be­frei­ungs­fei­ern am 30.11.1929 in Aa­chen, am 1. De­zem­ber in Ko­blenz so­wie am 15. De­zem­ber in Bad Ems, nur teil­ten sich die­ses Mal die „West­deut­sche Rund­funk AG“ (WER­AG) so­wie ihr süd­west­deut­sches Pen­dant, die SÜWRAG, die Ver­ant­wor­tung.

**11. Die Resonanz in Kunst und Kultur**

Im kul­tu­rel­len Be­reich wa­ren es vor al­lem die zahl­rei­chen Ge­schichts- und Hei­mat­ver­ei­ne, die sich dem na­tio­na­len Ab­wehr­kampf ver­schrie­ben hat­ten. Ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel ist der im März 1925 ge­grün­de­te Ver­ein für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de der Rhein­lan­de. Er fun­gier­te als Schnitt­stel­le zwi­schen Hei­mat­for­schung und Hei­mat­kun­de auf der ei­nen so­wie der an der Bon­ner Uni­ver­si­tät an­ge­sie­del­ten pro­fes­sio­nel­len ge­schicht­li­chen Lan­des­kun­de der Rhein­lan­de auf der an­de­ren Sei­te. Sinn und Zweck des Ver­eins for­mu­lier­te der Bon­ner His­to­ri­ker Aloys Schul­te auf der Jah­res­haupt­ver­samm­lung 1927 in Kreuz­nach (heu­te Bad Kreuz­nach) fol­gen­der­ma­ßen: „Der Ver­ein hat sich die Auf­ga­be ge­stellt, die Ge­schich­te der en­ge­ren Hei­mat zu pfle­gen, aber im Ver­ban­de mit der gro­ßen Hei­mat, im Ver­ban­de mit der Ge­schich­te des deut­schen Vol­kes und des deut­schen Va­ter­lan­des“.[<sup>\[71\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6558) Die Grün­dung des Ver­eins muss auch in Zu­sam­men­hang mit der Hei­mat­be­we­gung ge­se­hen wer­den, die, ei­nem Wer­be­blatt des Ver­eins zu­fol­ge, „nir­gend­wo in deut­schen Lan­den kräf­ti­ge­re Wur­zeln ge­schla­gen \[hat\] als am Rhein, wo frem­de Be­dro­hung den Wert der hei­mat­li­chen Kul­tur­gü­ter am deut­lichs­ten er­ken­nen lie­ß“.

Die Be­set­zung wirk­te sich auch auf ei­ni­ge Be­rei­che der Kunst un­mit­tel­bar aus, et­wa wenn in Düs­sel­dorf wie ver­mut­lich auch im üb­ri­gen Rhein­land „das Haupt­the­ma der ört­li­chen ,Denk­mals­kul­tur’ die Mah­nung zur Ein­heit des Vol­kes“[<sup>\[72\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6559) wur­de. Die Po­li­tik wies ei­ne Ten­denz zur In­stru­men­ta­li­sie­rung im Sin­ne des „na­tio­na­len Ab­wehr­kamp­fes“ auf. Aus­druck die­ser ver­such­ten Ver­ein­nah­mung der Kunst war et­wa die Ver­lei­hung der gro­ßen „Be­frei­ungs­pla­ket­te des Reichs­prä­si­den­ten“ an den rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten Franz M. Jan­sen (1885-1958), ei­nem Ma­ler und Gra­phi­ker der „Rhei­ni­schen [Mo­der­ne](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/M#term-592)“, im Jahr 1930 für sein Bild „Re­gen­tag im Früh­lin­g“.

Die In­stru­men­ta­li­sie­rung und För­de­rung von „Kunst“ sei­tens der Po­li­tik er­fuhr ei­ne Fort­set­zung, ja Stei­ge­rung, als we­ni­ge Jah­re spä­ter die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten an die Macht ge­lang­ten. So ver­öf­fent­lich­te Ro­land Betsch (1888-1945), der 1937 mit dem „West­mark­preis“ aus­ge­zeich­net wor­den war, un­ter dem Ti­tel „Bal­la­de am Strom“ im Jahr 1941 ei­nen Ro­man in drei Bän­den, in wel­chem er ganz im na­tio­na­lis­ti­schen Geist die Be­sat­zungs­zeit vor­nehm­lich in der Rhein­pfalz, mit­un­ter je­doch auch in der be­nach­bar­ten Rhein­pro­vinz the­ma­ti­sier­te. Hier ori­en­tier­te sich das Wir­ken des Schrift­stel­lers be­reits an den ge­setz­ten po­li­ti­schen Ziel­vor­ga­ben. Ähn­lich wie im Fall des His­to­ri­kers und Ar­chi­vars Paul Went­z­cke gab es al­so auch im kul­tu­rel­len Be­reich Kon­ti­nui­täts­li­ni­en, die über 1933 – und auf­grund der per­so­nel­len Kon­ti­nui­tä­ten letzt­lich über das Jahr 1945 – hin­aus­reich­ten.

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-franz%C3%B6sische-fahnenw"><div class="information-object-paragraph__content">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/23656.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_23656.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Französische Fahnenwache auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz, 1929. (Bundesarchiv)

</figcaption></figure></div> </div></div>Auf der an­de­ren Sei­te gab es durch­aus ver­söhn­li­che Tö­ne, die ge­willt wa­ren, die auf­ge­wor­fe­nen Grä­ben zu über­brü­cken. Den Schre­cken des Krie­ges un­ver­blümt schil­dern die Ver­tre­ter des li­te­ra­ri­schen [Ex­pres­sio­nis­mus](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/E#term-577), auf na­tio­na­ler Ebe­ne un­ter an­de­rem Au­to­ren wie An­ton Schnack (1892-1973), Wal­ter Ha­sen­cle­ver (1890-1940), Li­on Feucht­wan­ger (1884-1958), Erich Müh­sam (1878-1934), Ernst Tol­ler (1893-1939) und Bert Brecht (1898-1956). Die­se lie­ßen die über­kom­me­nen Feind­bil­der ver­blas­sen und „ten­dier­te\[n\] im­mer stär­ker zum Pa­zi­fis­mus und zu ei­ner Po­li­tik der in­ter­na­tio­na­len Ver­stän­di­gun­g“.[<sup>\[73\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6560)

Im Rhein­land war es un­ter an­de­rem die Ko­blen­zer Ma­ler­grup­pe „Das Boo­t“, die ei­ne Brü­cke über den na­tio­na­len Gra­ben schlug. Nach und nach stie­ßen auch fran­zö­si­sche In­tel­lek­tu­el­le der In­te­r­al­li­ier­ten Rhein­land­kom­mis­si­on zu die­sem Kreis. Vie­le rhei­ni­sche Kunst­schaf­fen­de und mit die­sen be­freun­de­te Künst­ler be­trach­te­ten nach dem Schre­cken, wel­chen Krieg und Mi­li­ta­ris­mus über Eu­ro­pa ge­bracht hat­ten, den Rhein als ver­bin­den­des Band zwi­schen Frank­reich und Deutsch­land. Künst­le­risch rich­te­te man den Blick nach Wes­ten, ins­be­son­de­re nach Pa­ris, po­li­tisch setz­te man sich für pa­zi­fis­ti­sche Über­zeu­gun­gen ein. Paul Eluard (1895-1952), [Max Ernst](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c6a5aeac2ea1.63412147 "Max Ernst"), Re­né Schi­cke­le (1883-1940) und Paul Adolf See­haus (1891-1919) ga­ben die­sen Be­mü­hun­gen ein Ge­sicht.

Der Köl­ner Ma­ler [Franz W. Sei­wert](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5d43f66ec1b9e3.83920212 "Franz Wilhelm Seiwert") (1894-1933) plä­dier­te in der von Franz Pfem­fert (1879-1954) her­aus­ge­ge­be­nen „Ak­ti­on“ im kon­flikt­träch­ti­gen Jahr 1923 da­für, „die Rhein­land­fra­ge \[...\] vom Stand­punkt ei­ner wahr­haf­ten In­ter­na­tio­na­li­tät“[<sup>\[74\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6561) aus zu be­trach­ten. Die in Düs­sel­dorf nach dem Krieg ge­grün­de­ten Künst­ler­ver­ei­ni­gun­gen „Das Jun­ge Rhein­lan­d“ und der „Ak­ti­vis­ten­bun­d“ spra­chen sich eben­so für ei­ne Ver­stän­di­gung mit Frank­reich aus wie der Kreis um den In­ha­ber des „Kai­ros“-Ver­la­ges, Ga­le­ris­ten und Her­aus­ge­ber der kurz­le­bi­gen Zeit­schrift „Der Strom. Rhei­ni­sche Zeit­schrift für Li­te­ra­tur und Kunst“ Karl Nie­ren­dorf (1889-1947). Als Ge­schäfts­füh­rer der Köl­ner „Ge­sell­schaft der Küns­te“ or­ga­ni­sier­te Nie­ren­dorf ei­ne Vor­trags­rei­he, in de­ren Rah­men [Al­fons Paquet](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5f902f99d43c17.29684809 "Alfons Paquet") (1881-1944) am 2.11.1919 un­ter dem Ti­tel „Der Rhein als Schick­sal“ ei­ne An­spra­che hielt, die für die rhei­ni­sche Kunst­sze­ne Si­gnal­wir­kung be­saß: „Mit ihr be­ginnt ei­ne Wel­le pro­west­li­cher eu­ro­päi­scher Be­kennt­nis­se“.[<sup>\[75\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6562) „Der Strom“ gab dem Lu­xem­bur­ger Gust van Wer­ve­ke (1896-1976) im Jahr 1919 Raum für ei­nen Ap­pell, der – nicht oh­ne ein ge­wis­ses Pa­thos – eben­falls zu ei­ner deutsch-fran­zö­si­schen An­nä­he­rung bei­tra­gen woll­te.[<sup>\[76\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6563) Von ei­ner kol­lek­ti­ven Per­pe­tu­ie­rung der deutsch-fran­zö­si­schen „Erb­feind­schaf­t“ konn­te in der in­ter­na­tio­nal aus­ge­rich­te­ten Kunst­sze­ne nicht die Re­de sein. Die Mehr­heit der Kunst­schaf­fen­den ließ sich nicht in die­sem Sin­ne in­stru­men­ta­li­sie­ren. Max We­ber (1864-1920) sie­del­te im Sep­tem­ber 1922 so­gar end­gül­tig nach Frank­reich über.

Carl Mie­ren­dorff (1897-1943) ver­öf­fent­lich­te zwi­schen 1919 und 1921 die po­li­tisch-li­te­ra­ri­sche Zeit­schrift „Das Tri­bu­nal“ in Darm­stadt. Wie in den „Rhei­ni­schen Blät­tern“ wur­de hier für ei­nen Aus­tausch zwi­schen deut­schen und fran­zö­si­schen In­tel­lek­tu­el­len, für die deutsch-fran­zö­si­sche Ver­stän­di­gung ge­wor­ben. Auch die Künst­ler­grup­pe um die links­rhei­ni­sche Zeit­schrift „Das Neue Rhein­lan­d“, die an der Pro­fi­lie­rung ei­ner „rhei­ni­schen Ei­gen­ar­t“, ei­ner rhei­ni­schen Iden­ti­tät in­ter­es­siert war und sich zu die­sem Zwe­cke so­wohl von „Ber­lin“ als auch von Frank­reich ab­grenz­te, ver­lor den Ge­dan­ken der Ver­söh­nung und Völ­ker­ver­stän­di­gung nicht aus den Au­gen: „Das ,Neue Rhein­land’ ver­stand sich als Po­di­um für die rhei­ni­sche Kunst, Kul­tur und Dich­tung, woll­te kul­tu­rel­le Brü­cken bau­en und ei­nen Bei­trag zur Völ­ker­ver­söh­nung leis­ten, wo­bei das Rhein­land den Mit­tel­punkt für die­se geis­ti­ge, po­li­ti­sche und kul­tu­rel­le Er­neue­rung bil­den soll­te“.[<sup>\[77\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6564)

Es lohnt sich, den 1903 in Eh­ren­breit­stein (heu­te Ko­blenz-Eh­ren­breit­stein) ge­bo­re­nen Schrift­stel­ler [Jo­seph Breit­bach](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c5886c642203.56391151 "Joseph Breitbach") ge­nau­er zu be­trach­ten. In sei­nem Oeu­vre spielt die Be­sat­zungs­zeit ei­ne be­deu­ten­de Rol­le, nicht zu­letzt in dem 1932 er­schie­ne­nen Ro­man „Die Wand­lung der Su­san­ne Das­sel­dor­f“. Die 1929 in Tou­lon ge­schrie­be­ne Er­zäh­lung „Edu­ca­ti­on Sen­ti­men­ta­le“ han­delt von dem in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen le­ben­den, ju­gend­li­chen Klein­kri­mi­nel­len Pit­ter Bün­ger und spielt im von den Ame­ri­ka­nern be­setz­ten Ko­blenz, un­mit­tel­bar nach En­de des Ers­ten Welt­krie­ges. Bei der Schil­de­rung der ame­ri­ka­ni­schen Be­sat­zungs­sol­da­ten ent­hält sich Breit­bach jeg­li­cher Ideo­lo­gie, ge­schwei­ge denn Feind­se­lig­keit. Die Er­zäh­lung be­ginnt mit der Er­wäh­nung der Be­set­zung der Stadt Ko­blenz durch die Ame­ri­ka­ner: „An dem Tag, als die ame­ri­ka­ni­schen Be­sat­zungs­trup­pen im Win­ter 1918 in Ko­blenz zum ers­ten­mal den Rhein sa­hen, stand Pit­ter Bün­ger vor Ge­rich­t“.[<sup>\[78\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6565) Breit­bach sieht in der Be­sat­zungs­zeit die Ku­lis­se sei­nes im Ent­ste­hen be­grif­fe­nen Ro­mans, wie er sei­nem Freund Alex­an­der Mohr am 16.6.1926 in ei­nem Brief mit­teilt. Er spricht von der „gro­ßar­ti­gen Ku­lis­se der Be­sat­zung im Rhein­land in den Jah­ren 1920-25“.[<sup>\[79\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6566) Ei­ne nen­nens­wer­te Ver­bit­te­rung Breit­bachs ge­gen­über der Be­sat­zung ist all dem nicht zu ent­neh­men. Im Ge­gen­teil: Er, der schon in den frü­hen 1920er Jah­ren als „Ken­ner der fran­zö­si­schen Ly­rik und Li­te­ra­tur“ galt, sie­del­te ge­nau in dem Jahr, in dem sich all­mäh­lich die letz­ten bis da­hin ver­blie­be­nen Be­sat­zungs­trup­pen für die Heim­kehr rüs­te­ten, 1929, nach Frank­reich über. Von der Per­zep­ti­on der Be­sat­zung sei­tens Breit­bachs zeugt auch sei­ne Kor­re­spon­denz mit Alex­an­der Mohr. Die Brie­fe sind zum Teil in fran­zö­si­scher Spra­che ge­hal­ten, und Breit­bach zeich­net in ei­nem Schrei­ben vom 9.1.1924 ein nicht un­be­dingt nach­tei­li­ges Bild der In­te­r­al­li­ier­ten Rhein­land­kom­mis­si­on: „Ich ha­be üb­ri­gens jetzt hier fa­bel­haf­te Ent­de­ckun­gen ge­macht. Die Rhein­land-Kom­mis­si­on ist ein Asyl für Da­da­is­ten, Sur­rea­lis­ten, pour tou­tes sor­tes de poè­tes. So ken­ne ich jetzt Eric de Haul­le­vil­le, des­sen schöns­tes Buch ,Dé­nou­e­ments’, Edi­ti­ons Dis­que \[V\]ert ich Dir sehr emp­feh­le“.[<sup>\[80\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6567)

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-abzug-franz%C3%B6sischer-"><div class="information-object-paragraph__content">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/23657.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_23657.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Abzug französischer Truppen aus Koblenz, Dezember 1929. (Bundesarchiv)

</figcaption></figure></div> </div></div>In der Ar­chi­tek­tur – die na­tur­ge­mäß eher auf Gel­der be­zie­hungs­wei­se Auf­trä­ge der öf­fent­li­chen Hand und des Groß­bür­ger­tums an­ge­wie­sen war als die Li­te­ra­tur – gab es schon eher die Ten­denz, sich im na­tio­na­len Sin­ne und so­mit ge­gen die al­li­ier­te Be­sat­zung zu pro­fi­lie­ren. So hält Jür­gen Wie­ner mit Blick auf den rhei­ni­schen Hoch­haus­bau wäh­rend der Be­sat­zungs­zeit fest: „Mö­gen ins­be­son­de­re in Ber­lin Hoch­häu­ser schon vor dem Krieg ge­plant wor­den sein, so ent­stan­den im Rhein­land in den Jah­ren 1921–1924 mehr Hoch­häu­ser als in al­len an­de­ren deut­schen Städ­ten zu­sam­men. Da dies ge­nau in die Jah­re der Be­set­zung der Rhein­lan­de fiel, wird man hin­ter die­sen An­stren­gun­gen \[...\] auch ei­ne selbst­be­wuss­te De­mons­tra­ti­on von Stär­ke ge­gen­über den west­li­chen Nach­barn le­sen müs­sen. Sie wa­ren Si­gna­le des un­beug­sa­men Wil­lens und der wie­der­zu­ge­win­nen­den Mach­t“.[<sup>\[81\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6568)

In der Mu­sik­bran­che mach­te sich eben­falls ein na­tio­na­ler Ton be­merk­bar, der mit der Rhein­land­be­set­zung in Zu­sam­men­hang stand. Zum ei­nen gab es die Mit­wir­kung bei den Jahr­tau­send­fei­ern im Jahr 1925, zum an­de­ren pro­gram­ma­ti­sche Aus­sa­gen, die den deut­schen Cha­rak­ter der Mu­sik und so­mit letzt­lich des be­setz­ten Ge­bie­tes stark her­vor­ho­ben. So stell­te der Köl­ner Ver­le­ger und Mu­sik­wis­sen­schaft­ler Ger­hard Ti­scher (1877- nach 1952) in sei­ner „Rhei­ni­schen Mu­sik- und Thea­ter-Zei­tun­g“ 1925 an­läss­lich der Jahr­tau­send­fei­ern fest: „Wenn es gilt das Deutsch­tum zu be­to­nen, dann muß der Deut­sches­ten al­ler Küns­te, der Mu­sik\[,\] schon ein be­son­ders gro­ßer Raum ge­währt wer­den“.[<sup>\[82\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6569) Im „Deut­schen Jahr­buch für Mu­si­k“, das 1923 erst­mals im Es­se­ner Rhei­ni­schen Mu­sik­ver­lag Ot­to Schling­hoffs er­schien, wur­den ähn­li­che Tö­ne an­ge­schla­gen. Hans Pfitz­ner (1869-1949) frag­te, was „noch deut­sch“ sei: „Sind es die, de­nen an der Zu­ge­hö­rig­keit des El­saß zu Deutsch­land, dem Schick­sal der Ko­lo­ni­en, der Bal­ten, Dan­zigs, Ti­rols, des Saar- und Ruhr­ge­biets lieg­t“? Wei­ter be­klag­te er, „\[w\]as mit un­serm ar­men Land ge­sche­hen ist von au­ßen an \[...\] Schmach, Hohn, Schimpf und Ver­ach­tun­g“. Hans Joa­chim Mo­ser (1889-1967) ap­pel­lier­te in der­sel­ben Zeit­schrift an die Le­ser: „Ein ed­les Na­tio­nal­ge­fühl im Pu­bli­kum un­se­rer Kon­zert­sä­le nicht ver­kom­men zu las­sen, zeigt sich ge­ra­de in der furcht­ba­ren Not der Ge­gen­wart als drin­gend ge­bo­ten \[...\]. In der uns von den Fein­den zu­ge­dach­ten Ver­elen­dung und Ver­nich­tung un­se­rer Wirt­schaft ist auch un­se­re Kunst mit ein­ge­schlos­sen“. Der Her­aus­ge­ber Rolf Cunz, Kri­ti­ker der „Rhei­nisch-West­fä­li­schen Zei­tun­g“ und Mu­sik­re­dak­teur der Zeit­schrift „Der [Hell­weg](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/H#term-701). West­deut­sche Wo­chen­schrift für deut­sche Kunst“, sieht in sei­nem Ar­ti­kel, in wel­chem er die „Wer­be­gast­spie­le ins un­be­setz­te Ge­bie­t“ des „ver­ei­nig­ten Ruhr­or­ches­ter­s“ 1923 in Mün­chen und Ber­lin the­ma­ti­siert, den „Glau­ben an den End­sieg deut­scher Kul­tur, deut­scher Kunst, deut­scher Mu­si­k“ be­stä­tigt. Ti­scher hat­te be­reits 1922 in sei­ner Zei­tung, ge­rich­tet an die Adres­se der Be­woh­ner der be­setz­ten Ge­bie­te, re­sü­miert: „Deut­sche Mu­sik pfle­gen hei­ßt des­halb, am Wie­der­auf­bau des nie­der­ge­bro­che­nen Vol­kes mit­ar­bei­ten“.

An­ders als die hier­für prä­des­ti­nier­ten Wis­sen­schafts­dis­zi­pli­nen – al­len vor­an, wie oben dar­ge­legt, die Ge­schichts­wis­sen­schaft – ließ sich die rhei­ni­sche Kunst­sze­ne nicht so ein­fach vor den Kar­ren der Po­li­tik span­nen. Ein be­acht­li­cher Teil der Kunst­schaf­fen­den – in­son­der­heit der Li­te­ra­ten – ver­schrieb sich viel­mehr dem Ge­dan­ken des Pa­zi­fis­mus, der Ver­söh­nung und Völ­ker­ver­stän­di­gung. Kon­zis fasst Ger­tru­de Cepl-Kauf­mann die da­ma­li­ge Be­find­lich­keit vie­ler rhei­ni­scher Li­te­ra­ten zu­sam­men: „Die Vor­stel­lung, dass mit der Her­aus­for­de­rung auf den Ers­ten Welt­krieg zu re­agie­ren, sich not­wen­di­ger­wei­se La­ger von Kriegs­an­hän­gern und -geg­nern hät­ten bil­den müs­sen, ist zu ein­fach. Den­noch wird man ge­ra­de in Krei­sen der rhei­ni­schen Schrift­stel­ler ei­ne Do­mi­nanz pa­zi­fis­ti­scher Be­kennt­nis­se fin­den. Die Ver­bin­dun­gen zu Frank­reich, zur Kul­tur­me­tro­po­le Pa­ris, hat­ten ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on. Wal­ter Ha­sen­cle­ver, von Un­ruh, Re­né Schi­cke­le und Carl Ein­stein leb­ten lan­ge Jah­re dort. Selbst kon­ser­va­ti­ve Au­to­ren wie \[...\] Ja­kob Kneip hat \[!\] mit ei­ner Re­de ,An die Freun­de' sein pro­f­ran­zö­si­sches Be­kennt­nis aus­ge­spro­chen und zur Ver­söh­nung auf­ge­ru­fen. Für die meis­ten ging die­ser Su­che nach Ver­söh­nung al­ler­dings erst das Er­leb­nis und die Er­kennt­nis vom Schre­cken und der Bar­ba­rei des Krie­ges vor­aus“.[<sup>\[83\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861#footnote-6570)

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-denkmal-f%C3%BCr-die-belg"><div class="information-object-paragraph__content">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/23647.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_23647.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Denkmal für die belgische Besatzung am Niederrhein in Kleve-Schmithausen.

</figcaption></figure></div></div></div><div class="information-object-paragraph__image" id="bkmrk--14"></div>##### 2. Die Rheinlandbesetzung

Im deutsch-französischen Krieg 1871 annektierte Deutschland Elsass-Lothringen. Nach dem Ersten Weltkrieg schlug das Pendel zurück: Frankreich und Belgien führten nun die alliierte Besetzung des Rheinlandes an. Französische Willkür und deutsche Propaganda schufen ein Klima der Feindschaft, aus dem später Hitler Kapital schlagen konnte.

**Ein schwieriges Kapitel**

Die französische (und belgische) Besetzung des Rheinlandes nach dem Ersten Weltkrieg ist ein besonders schwieriges Kapitel der deutsch-französischen Beziehungen. Das hat zunächst historische Gründe. Die Geschichte der Rheinlande als eines Grenzlandes zwischen Deutschland und Frankreich ist geprägt von Übergriffen, Aneignungen und Phobien auf beiden Seiten, die sich bis in das 17. Jahrhundert zurückverfolgen lassen.

"Sie sollen ihn nicht haben, den freien, deutschen Rhein": Dieses Gesangsgedicht von <span class="link-preview">[<span class="a-visually-hidden">Interner Link: </span>Nikolaus Becker ](https://www.bpb.de/themen/europaeische-geschichte/geschichte-im-fluss/135684/deutscher-rhein-franzoesischer-rhein/#page-Nikolaus%20Becker)</span>aus dem Jahre 1840 war ein außenpolitisches Fanal mit der bissigen Antwort von Gérard de Nerval : "Nous l´avons eu, votre Rhin allemand…"

Alphonse de Lamartines Vermittlungsversuch: "Roule libre et superbe entre tes larges rives, Rhin, Nil de l’Occident, coupe des nations" konnte die Gemüter nicht auf Dauer beruhigen. Auch für das Rheinland galt, was man an der Geschichte Elsass-Lothringens ablesen kann, nämlich die Tatsache, dass die Militärs beider Seiten die Grenzregion Rheinland in erster Linie als "übergriffiges" Gebiet ansahen, als Basis für Angriffs- und Verteidigungsmanöver. Politiker folgten ihnen dabei, beispielsweise Bismarck, der 1871 die Annexion Elsaß-Lothringes allein aus militärischen Gründen betrieb.

**Puffer zwischen Deutschland und Frankreich**

Die Besetzung des Rheinlandes nach dem Ersten Weltkrieg folgte genau dieser alten Mechanik. Wenn die Deutschen die Besetzung als ein typisches Beispiel für "napoleonischen" Imperialismus deuteten, so wurde sie in Frankreich ganz überwiegend als eine zwingende militärische Notwendigkeit zum Schutze der französischen Grenzen angesehen - angesichts eines zwar im Kriege unterlegenen, bevölkerungsmäßig und wirtschaftlich aber auf Dauer doch übermächtigen Nachbarn.

Während des Ersten Weltkrieges war eine dauernde Okkupation des Rheinlandes durch Frankreich nur eine zeitweilige und recht vage formulierte Möglichkeit gewesen. Nach dem Krieg aber rückte sie infolge der militärischen Optionen in das Zentrum des Interesses. Engländer und Amerikaner hatten ursprünglich nur verlangt, dass die deutschen Truppen Frankreich und Belgien vollständig räumten. General Foch, der Oberkommandierende der alliierten Truppen, setzte im Waffenstillstandsabkommen vom 11. November 1918 zusätzlich die Demilitarisierung des Rheinlandes durch. Das Rheinland sollte zu einem echten Puffer zwischen Rest-Deutschland und Frankreich werden.

<div class="spacer-horizontal__breakout" id="bkmrk-1.233-kilometer-lang" style="text-align: justify;"><div class="text-content spacer-horizontal__inset-narrow"><figure class="facts-counter"><div class="facts-counter__inner"><span class="animated-number facts-counter__number">1.233</span></div>Kilometer lang ist der Rhein. Er ist damit nach der Wolga, der Donau, dem Dnepr, dem Don und dem Dnestr der sechstlängste Fluss in Europa.

</figure></div></div>Es folgten schwierige Verhandlungen zwischen den Alliierten, weil große Teile der französischen politischen Klasse und Öffentlichkeit der Meinung waren, dass das Rheinland und das Saargebiet definitiv vom Deutschen Reich abgetrennt und als unabhängige Staaten unter die Kontrolle der Vereinten Nationen oder Frankreichs gestellt werden sollten. Wegen des entschiedenen amerikanischen und britischen Widerstandes gegen eine solche Verkleinerung Deutschlands – die ja zwingend ein Übergewicht Frankreichs im künftigen Europa zur Folge haben musste – wurde im Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 schließlich nur eine zeitweilige "Friedensbesetzung" durch alliierte Truppen und zudem eine endgültige Entmilitarisierung des Rheinlandes festgelegt: Laut Artikel 42 und 43 des Vertrages war es Deutschland untersagt, "auf dem linken Ufer des Rheines und auf dem rechten Ufer westlich einer 50 km östlich des Stroms verlaufenden Linie Befestigungen beizubehalten oder anzulegen" und in diesem Gebiet Truppen zu stationieren.

**Der Hohe Ausschuss**

Zusätzlich enthielt der Vertrag noch als Anhang eine spezielle „Vereinbarung“ zwischen den USA, Belgien, Großbritannien und Frankreich einerseits und dem Deutschen Reich andererseits. Hier wurden die Modalitäten der "Friedensbesetzung" des Rheinlandes festgelegt. Insbesondere wurde eine "Haute commission interalliée des territoires rhenans" als zentrale Legislative und (!) Exekutive der Alliierten im Rheinland geschaffen. Als deren Vorsitzender wurde der französische Diplomat Paul Tirard eingesetzt. Über die Kompetenzen dieser *Haute Commission* hieß es in Artikel 3 der "Vereinbarung" nur lapidar: "Der Hohe Ausschuss ist befugt, Verordnungen zu erlassen, soweit dies für die Gewährleistung des Unterhalts, der Sicherheit und der Bedürfnisse der Streitkräfte der alliierten und assoziierten Mächte nötig ist (…). Diese Verordnungen haben Gesetzeskraft."

Weiterhin wurden in dieser "Vereinbarung" das Verhältnis der weiter bestehenden deutschen Behörden des Rheinlands zu den Organen der *Haute Commission* sowie die Unterbringung und der Unterhalt der Besatzungsarmee geregelt. Auch eine abschließende Verschärfungsmöglichkeit dieser "Friedensbesetzung" im völkerrechtlichen Sinne mussten die Deutschen unterschreiben. So beinhaltete Artikel 13 die Maßgabe, dass der Hohe Ausschuss befugt sei "so fern er es für nötig hält, den Belagerungszustand über das ganze Gebiet oder einen Teil davon zu verhängen".

**Französische Willkür...**

Diese ganz ungewöhnliche Maßgabe öffnete natürlich jeder Besatzungswillkür Tür und Tor. Dies um so mehr, als die ursprünglich vorgesehene amerikanische Beteiligung an der Rheinlandbesatzung wegen der Nicht-Unterzeichnung des Versailler Vertrages durch den Senat der USA unterblieb. Auch die Engländer zogen sich ab 1920 weitestgehend aus der Besatzungspolitik und überhaupt aus der Zusammenarbeit mit Frankreich zurück. So blieben als Besatzungsmächte am Rhein nur noch Belgien und Frankreich, was sicherlich auch der Grund dafür war, dass die Besetzungspraktiken sehr viel härter wurden, als sie es bei einer Vierer-Besatzung (unter Einschluss der westlichen Demokratien) geworden wäre. Denn tatsächlich wurde die Besatzung jetzt ja nur noch von den beiden Ländern ausgeübt – Belgien und Frankreich –, die selber so sehr unter der Kriegsbesatzung durch die Deutschen gelitten hatten.

Im Grunde verfolgten die französischen und belgischen Rheinlandbehörden die Strategie, nahezu alle Beschwerden der Deutschen über Schikanen, Fehlgriffe, Misshandlungen als unbegründet abzulehnen, gleichgültig, ob schließlich doch hinter den Kulissen Remedur geschaffen wurde. Ein besonders wichtiges Beispiel hierfür sind die zahlreichen Anzeigen sexueller Gewaltverbrechen durch französischer Soldaten. Diese wurden von den französischen Behörden auch als unbegründet zurückgewiesen, wenn die Beschuldigten militärintern bestraft wurden.

**…und deutsche Propaganda**

Es war für die deutschen Nationalisten und Rechtsradikalen deshalb ein leichtes Spiel, ihre Propaganda auf der Schutzlosigkeit von Frauen und Kinder aufzubauen. Das zeigte sich vor allem bei der geradezu explosionsartigen Verbreitung von Pamphleten und Schriften über die so genannte "Schwarze Schmach".

Bereits im 1870er Krieg hatte die deutsche Propaganda sich auf die Tatsache eingeschossen, dass die Franzosen "Senegalesen" gegen Deutsche kämpfen ließen, dass also eine zivilisierte Macht es zuließ, dass ein Weißer von schwarzen "Untermenschen" getötet werden konnte. Den schwarzen Soldaten wurden auch besonders barbarische Methoden im Kampf unterstellt. Im Ersten Weltkrieg hatten sich diese Gerüchte ebenfalls in der Propaganda niedergeschlagen. Nach 1918, im "Krieg nach dem Krieg", brachen sie zu voller Kraft auf, waren doch jetzt die Frauen und Mädchen "Freiwild am Rhein", so der Titel einer besonders infamen Hetzschrift.

<div class="spacer-horizontal__breakout" id="bkmrk--15"><div class="text-content spacer-horizontal__inset-narrow"><a id="bkmrk--16"></a></div></div>**Düsseldorfer Blutsonntag**

Ein weiteres Problem war die Unterstützung separatistischer Bewegungen durch die Besatzungsmächte. Dies lag in erster Linie daran, dass Paul Tirard, genauso wie die meisten französischen Militärs, Politiker, Journalisten und Intellektuellen, der Meinung war, dass die Rheinländer sich am liebsten vom "preußischen Joch" lösen und unter dem Schutz Frankreichs ein selbständiges Land sein wollten. Diese Überzeugung war auch der Hebelpunkt für die "pénétration pacifique", die im besetzten Rheinland an vielen Orten beispielsweise durch die betonte Pflege französischer Feier- und Gedenktage, etwa des "14 Juillet" gefördert werden sollte, aber in Wirklichkeit kaum einen Rheinländer zu überzeugen vermochte.

Gleichwohl stand diese "kulturpolitische" Überzeugung weiterhin im Mittelpunkt einer Politik der Unterstützung separatistischer Aktivitäten. Am schlimmsten davon ist im Rheinland der "Düsseldorfer Blutsonntag" vom 30. September 1923 in Erinnerung geblieben. Damals versuchten separatistische Gruppen, die Macht zu übernehmen und wurden dabei von den französischen Militärs massiv unterstützt. Und das, obwohl sich die Bevölkerung ganz eindeutig gegen diese separatistischen Aktivitäten wendete.

Das quantitativ größte Problem der Rheinland-Besetzung aber waren die im "Rheinlandstatut" des Versailler Vertrages nicht direkt vorgesehenen, von den französischen und belgischen Militärbehörden aber häufig angewandten "Ausweisungen" von missliebigen Personen aus dem Besatzungsgebiet. Das bedeutete konkret, dass jemand, der etwa eine der vielen verbotenen Zeitungen verbreitet hatte, ohne weitere Umstände entweder alleine oder mit seiner Familie aus dem Besetzungsgebiet abtransportiert und tatsächlich jenseits der Grenze auf offener Straße ausgesetzt werden konnte.

**Der Ruhrkampf**

Solche Ausweisungen fanden vor allem im so genannten "Ruhrkampf" statt, in der Zeit vom Januar bis September 1923, in der Franzosen und Belgier die Rheinlandbesetzung ausdehnten und auch weite Teile des Ruhrgebietes militärisch besetzten, um Deutschland zur Erfüllung seiner Reparationspflichten zu zwingen.

Tatsächlich hatte die deutsche Regierung im Dezember 1922 ihre Zahlungen und Sachlieferungen mit der provokativen Begründung eingestellt, man habe selber eine zu große Not zu bewältigen und wolle nur noch nach dem Maße des vorhandenen "Überschusses" bezahlen. Diese Erklärung erfolgte in einer Situation, in der die Folgen der Kriegszerstörungen und der räuberischen deutschen Besatzungspolitik in Frankreich zu einer großen Finanz- und Wirtschaftskrise geführt hatten.

Auch mussten die Franzosen zusätzlich die Schulden begleichen, die sie während des Krieges vor allem in Amerika aufgenommen hatten. Nicht zuletzt deshalb zeigte die französische Propaganda in ihren Filmen und Fotos die "rauchenden Schornsteine" an Rhein und Ruhr. Sie waren ein Symbol des – trotz der grassierenden Inflation – vorgeblichen Wohlstands der Deutschen.

Von den Problemen in Frankreich hatten die Deutschen, die sich von einem brutalen und unnahbar arroganten Sieger ausgebeutet und misshandelt fühlen, nicht die geringste Vorstellung. Umso extremer verlief diese wichtigste und abschließende Phase der Rheinlandbesetzung. Jetzt wurde, im Fall Schlageter, auch zum ersten Mal ein Todesurteil wegen Sabotage einer Eisenbahnbrücke vollstreckt. Und über Generationen hinweg ist der heftigste Zusammenstoß zwischen Besatzern und Zivilbevölkerung in Erinnerung geblieben, nämlich der „blutige Karsamstag“ 1923 bei Krupp, als eine französische Militärpatrouille in das Gelände der Krupp-Fabrik eindrang, um dort Konfiszierungen durchzuführen. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit herbei geströmten Arbeitern, die sich diesen Wegnahmen erregt widersetzen wollten. Der kommandierende Offizier dieses Trupps ließ daraufhin das Feuer eröffnen – zehn Tote waren die Folge. Dieser Zusammenprall erschien den Deutschen als emblematisch für die Brutalität der Besatzer, zumal die Franzosen auch hier jegliche Verantwortung von sich wiesen und im Gegenzug sogar die Direktoren von Krupp verhaften und zu längeren Gefängnisstrafen verurteilen ließen.

An der Ruhr war also, stärker noch als im "friedensbesetzten" Rheinland, ein wirklicher "Krieg nach dem Krieg" ausgebrochen, der seinen deutlichsten Ausdruck fand in der Vielzahl antifranzösischer Schriften und Plakate, die interessanterweise genau den Bildern entsprachen, welche die Franzosen während des Weltkriegs von der deutschen Besatzung gezeichnet und gemalt hatten.

**Ende der Besatzung**

Nach der Einwilligung der Deutschen in den Young-Plan nach der Locarno-Konferenz und der von Stresemann und Briand eingeleiteten Politik des Friedens zwischen den beiden Nachbarn endete die Rheinlandbesetzung am 30. Juni 1930 mit dem Abzug der französischen und belgischen Truppen. Dennoch blieb das Rheinland weiterhin entmilitarisiertes Gebiet, behielt also einen Sonderstatus gegenüber dem übrigen Deutschen Reich.

Auch das war ein Punkt, aus dem Hitler später Kapital schlagen konnte, als er 1936 mit dem Einmarsch ins entmilitarisierte Rheinland die Franzosen und ihre Alliierten vor die Entscheidung stellte, ob sie den Machthaber gewähren lassen wollten oder nicht. Leider – von heute her gesehen – ließen sie diesen ersten Schritt zur gewaltsamen "Neuordnung Europas" durch die Nationalsozialisten ungestraft geschehen. Zu stark war in Frankreich inzwischen die Friedenssehnsucht aller politischen Lager und gesellschaftlichen Schichten geworden.

Francois Seydoux, der in Berlin geborene und später langjährige französische Botschafter in Bonn, hat in seinen Lebenserinnerungen über seine Jugendzeit in jenen Jahren Folgendes geschrieben.

<div class="spacer-horizontal__breakout" id="bkmrk-zitat-ich-verbrachte"><div class="text-content spacer-horizontal__inset-narrow"><section aria-labelledby="quote-1705010967" class="quote"><span class="a-visually-hidden" id="bkmrk-zitat">Zitat</span>> Ich verbrachte die Ferien des Sommers 1925 im französischen Hochkommissariat für das Rheinland mit Sitz in Koblenz (…). Nirgends hätte man sich ein zugleich glanzvolleres wie unzutreffenderes Bild von der Situation Frankreichs machen können, das siegreich an den Ufern des Rheins und der Mosel eine große Tradition wiederbelebte. Nirgends fühlten wir uns von den Deutschen weiter entfernt als in diesen uns geographisch und auch aufgrund eines gemeinsamen Erbes so nahe gelegenen Gebieten. Franzosen und Deutsche lebten nebeneinander, ohne sich anzublicken, die einen bestrebt, sich an eine Situation zu gewöhnen, die man sich zwangloser gewünscht hätte, die anderen düster verschlossen in ihrer Demütigung. Die brave Frau, bei der ich logierte, hatte nur wenige Minuten für ein paar Worte mit mir übrig; wir hatten nicht die gleiche Wellenlänge; das Besatzungsregime war böse für sie, und ich armer Junge gehörte zu den Besatzern. Ein separatistisches Rheinland, das in den vergangenen Jahren einmal eine Chance gehabt hatte, kam nicht mehr in Frage. Von Wiederversöhnung aber sprach kein Mensch.

</section></div></div>Eine wirklich dauerhafte Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich konnte erst Wirklichkeit werden, als ein weiterer und unermesslich grausamerer Krieg gezeigt hatte, dass es keine Alternative mehr geben konnte zu einer Zusammenarbeit Frankreichs und Deutschlands für ein vereintes und friedliches Europa.

<div class="spacer-horizontal__breakout" id="bkmrk--17"><div class="text-content spacer-horizontal__inset-narrow"><a id="bkmrk--18"></a></div></div>**Chronologie**

1793: Unter dem Einfluss der französischen Revolution gründet sich in Mainz die Mainzer Republik  
  
1806: Nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bildete Napoleon den Rheinbund, ein Staatenbündnis, das neben den westrheinischen auch einige ostrheinische deutsche Territorialstaaten einschloss. Der Code Napoleon bringt Freiheits- und Menschenrechte.   
  
1813: Die deutschen Befreiungskriege beenden den Rheinbund.  
  
1815: Auf dem Wiener Kongress verliert Frankreich die linksrheinischen Gebiete, behält aber das Elsass. Das Rheinland kommt zu Preußen.  
  
1840: Während der Rheinkrise beansprucht Frankreich den Rhein als natürliche Grenze. Es beginnt die Propagandaschlacht um den Rhein.  
  
1871: Im deutsch-französischen Krieg annektiert das Deutsche Reich Elsass und Lothringen.  
  
1918: Im Waffenstillstand vom 11. November wird die Demilitarisierung des Rheinlandes festgelegt.  
  
1919: Der Versailler Vertrag regelt eine "Friedensbesetzung" des Rheinlands.  
  
1923: Düsseldorfer Blutsonntag und Blutiger Karsamstag bei Krupp. Ruhrkampf.  
  
1925: Antifranzösische so genannte Jahrtausendfeiern im Rheinland anlässlich des 1.000sten Jahrestags der Einverleibung des mittelfränkischen Lotharingen in das ostfränkische Reich Heinrichs I.  
  
1930: Am 30. Juni beenden die französischen und belgischen Truppen die Rheinlandbesetzung.  
  
1936: Hitler marschiert ins entmilitarisierte Rheinland ein.

##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Schlemmer, Martin, Die Rheinlandbesetzung (1918-1930), in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861 (abgerufen am 14.05.2026)

<div class="information-object__body" id="bkmrk--20"><div class="information-object-paragraph"><div class="information-object-paragraph__content"><div class="footnotes" id="bkmrk--21"></div></div></div></div>-&gt; Krumeich, Gerd: Die Rheinlandbesatzung, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 11.05.2012 unter: [https://www.bpb.de/themen/europaeische-geschichte/geschichte-im-fluss/135676/die-rheinlandbesetzung/](https://www.bpb.de/themen/europaeische-geschichte/geschichte-im-fluss/135676/die-rheinlandbesetzung/), zuletzt geprüft am 01.09.2026.

-&gt;

**Sekundärliteratur**

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# Persönlichkeiten

#### Inhaltsverzeichnis

1. Friedrich Ebert
2. Otto Dix
3. Karl Liebknecht
4. Matthias Erzberger
5. Vicki Baum
6. Gustav Stresemann
7. Paul von Hindenburg
8. Marlene Dietrich
9. Albert Einstein
10. Werner Heisenberg
11. Bertolt Brecht
12. Käthe Kollwitz
13. Gabriele Münter
14. Else Lasker-Schüler
15. Hermann Hesse
16. Fritz Lang
17. Gunta Stölzl
18. Albert Schweitzer
19. Marie Juchacz
20. Max Schmeling
21. Walther Rathenau
22. Joachim Ringelnatz
23. Ernst Toller
24. Kurt Eisner
25. Paul Klee
26. Walter Benjamin
27. Alfred Döblin
28. Gottfried Benn

##### 1. Friedrich Ebert 

Als erster Reichspräsident der Weimarer Republik stellte sich Friedrich Ebert der schwierigen Verantwortung, die junge Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg durch eine Zeit der Krisen zu führen. Sein Anspruch, nicht als Parteipolitiker, sondern als „Beauftragter des ganzen deutschen Volkes“ zu handeln, wurde dabei zum Grundmotiv einer stets dem Schutz der Republik verpflichteten Gratwanderung.

In der zeitgenössischen Rezeption schwankte das Bild von Ebert zwischen „Vertreter der kleinen Leute“, „Mann des Ausgleichs“ und „Bewahrer der Republik“ einerseits und „Verräter sozialistischer Ideale“, „Novemberbrecher“, „Bundesgenosse des Militärs“ oder „Agent der Bourgeoisie“ andererseits. Die Verdienste des ersten demokratisch gewählten Staatsoberhaupts Deutschlands um die parlamentarische und soziale Demokratie machten ihn zur Zielscheibe sowohl links- als auch rechtsgerichteter Anfeindungen.

Friedrich Ebert wurde am 4. Februar 1871 in Heidelberg geboren. Er begann eine Lehre als Sattler, trat noch während der anschließenden Wanderschaft der späteren SPD bei und war als politischer Redner und Organisator aktiv. Während seiner Zeit in Bremen bewies er als Arbeitersekretär der lokalen SPD ein offenes Ohr für die konkreten Probleme der „einfachen Leute“. Zeit seines Lebens konzentrierte er sich auch vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen eher auf die kurzfristige Lösung akuter Missstände als auf das langwierige Ausfechten programmatischer Auseinandersetzungen. Einem raschen Aufstieg zum überregional bekannten Arbeiterführer und Mitvorsitzenden der SPD folgte 1912 der Einzug in den Reichstag.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs sah Ebert, ganz Realpolitiker, in der Unterstützung der Kriegskredite der Regierung eine Chance zur Durchsetzung wirtschaftlicher, sozialer und politischer Reformen. Er positionierte sich zusehends schärfer gegen den linken Flügel seiner Partei, konnte die im April 1917 vollzogene Spaltung der Sozialdemokratie in die Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) und die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) aber nicht verhindern. Im revolutionären Umfeld der unmittelbaren Nachkriegszeit stellte er sich als Reichskanzler und Mitglied des Rates der Volksbeauftragten an die Spitze der Übergangsregierung und half maßgeblich mit, die Umsturzversuche in parlamentarische Bahnen zu lenken und möglichst früh Wahlen zur Nationalversammlung durchzuführen.

Am 11. Februar 1919 wurde Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten gewählt. Seine Amtszeit wurde von einer Reihe schwieriger Entscheidungssituationen geprägt, darunter etwa die Auseinandersetzungen um den Versailler Vertrag, der Militärputsch der Generäle Kapp und Lüttwitz im März 1920, der Aufstand der Roten Ruhrarmee, die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen sowie die Hyperinflation. Eberts gesamte Amtszeit war darüber hinaus begleitet von einer Schmutzkampagne von kommunistischen und deutschnationalen Agitatoren. 1924 war Ebert in einen Prozess verwickelt, bei dem das Amtsgericht Magdeburg schließlich ein Urteil sprach, das das demokratiefeindliche Lager in seinem Hass auf die Republik bestätigte. Mit Rücksicht auf den laufenden Prozess hatte Ebert die dringend notwendige Behandlung einer Blinddarmentzündung verzögert.

Am 28. Februar 1925 starb Friedrich Ebert im Alter von nur 54 Jahren nach einer Notoperation.

Friedrich Ebert wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Heidelberger Bergfriedhof beigesetzt. Sein Tod bedeutete eine tiefe Zäsur in der politischen Entwicklung der Weimarer Demokratie. Unter seinem Nachfolger Paul von Hindenburg verschoben sich die politischen Gewichte deutlich nach rechts. In Heidelberg erinnert heute die Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte an den ersten Reichspräsidenten.

##### 2. Otto Dix

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-08/scaled-1680-/V6dimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-08/V6dimage.jpeg)

Pseudonyme: Jimmy; Jim; Toy

1891 – 1969

Maler, Grafiker

Otto Dix gehört zu den herausragenden Künstlern der Weimarer Republik. Mit seinem veristischen Stil in Malerei und Grafik etablierte er sich als führender Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Seine Porträts und Darstellungen zum Ersten Weltkrieg prägen bis heute das kollektive Bildgedächtnis. Im „Dritten Reich“ wurde der Maler als „entartet“ diffamiert und verlor seine Professur an der Staatlichen Akademie der Künste in Dresden. Nach 1945 malte Dix in einem stärker expressionistischen Stil, konnte aber nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen.

<span class="bold">Jugend und Ausbildung</span>

Dix wuchs in einem sozialdemokratisch geprägten Arbeiterhaushalt in Untermhaus bei Gera auf, wo er von 1898 bis 1906 die Volksschule besuchte und als Kind dem Maler [Fritz Amann (1878–1969)](https://www.deutsche-biographie.de/1337867624.html), Cousin seiner Mutter, Modell stand. Nach einer Lehre als Dekorationsmaler bei der Firma Carl Senff in Gera von 1906 bis 1910 studierte er anschließend bis August 1914 Ornament- und Naturmalerei, Figurenzeichnen und Figürliche Dekorationsmalerei an der Königlichen Kunstgewerbeschule zu Dresden, u. a. bei [Richard Guhr (1873–1956)](https://www.deutsche-biographie.de/126453489.html). In Dresdner Museen und Galerien lernte er Werke der Alten Meister, [Vincent van Goghs (1853–1890)](https://www.deutsche-biographie.de/118540416.html) und der lokalen Expressionisten, insbesondere der Künstlergruppe „Brücke“, kennen. Im Ersten Weltkrieg diente Dix als Frontsoldat; seine Kriegserfahrungen verarbeitete er in Zeichnungen und Gouachen, die den Frontalltag, die Kämpfe und zerstörte Landschaften zeigen. Zahlreiche Selbstbildnisse dieser Zeit offenbaren sein künstlerisches Konzept des Stilpluralismus.

<span class="bold">Dada und Verismus</span>

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg schuf Dix seine starkfarbigen, expressiv-futuristischen „Kosmischen Bilder“, die ihn in Deutschland berühmt und berüchtigt werden ließen, aber bald dadaistisch-veristischen Arbeiten wichen. Eine besondere Rolle nahmen dabei zwei verlorene lebensgroße Darstellungen von Lustmorden ein, die Dix im Selbstbildnis als Täter (1920) und auf fotografischer Grundlage das aufgeschlitzte Opfer auf einem Bett (1922) darstellen. Die beiden Lustmord-Bilder zeigen den Wandel Dix‘ vom Dadaismus zum Verismus. 1920 nahm er mit dem Hauptwerk „Die Kriegskrüppel“ an der 1. Internationalen Dada-Messe in Berlin teil und studierte bei [Max Feldbauer (1869–1948)](https://www.deutsche-biographie.de/118903764.html) und [Otto Gussmann (1869–1926)](https://www.deutsche-biographie.de/118915037.html) als Meisterschüler an der Staatlichen Akademie der Künste in Dresden. [Paul Ferdinand Schmidt (1878–1955)](https://www.deutsche-biographie.de/117515434.html), Direktor der Städtische Kunstsammlungen Dresden von 1919 bis 1924, förderte ihn, u. a. durch den Ankauf seiner 1914 angefertigten Nietzsche-Büste (heute verschollen).

<span class="bold">Rheinland, Berlin und Dresden – Die Neue Sachlichkeit</span>

1922 siedelte Dix nach Düsseldorf über, wo er an der Kunstakademie Meisterschüler von [Heinrich Nauen (1880–1940)](https://www.deutsche-biographie.de/11873816X.html) und [Wilhelm Herberholz (1881–1956)](https://www.deutsche-biographie.de/134283058.html) wurde. Er schloss sich der Künstlergruppe „Das junge Rheinland“ um die Kunstmäzenin und Galeristin [Johanna Ey (1864–1947)](https://www.deutsche-biographie.de/118531506.html) an; [Karl Nierendorf (1889–1947)](https://www.deutsche-biographie.de/11701625X.html) wurde sein wichtigster Galerist, seit dem 21. Mai 1926 in Alleinvertretung. In Düsseldorf entstand 1921/23 das großformatige Gemälde „Schützengraben“, das vom Kölner Wallraf-Richartz-Museum erworben und wegen heftiger Kritik an der detailversessenen Darstellung hinter einem Vorhang präsentiert wurde. 1925 wurde es deshalb wieder an Nierendorf zurückgegeben, auf der Internationalen Kunstausstellung in Zürich gezeigt, blieb unverkäuflich, und ist seit 1940 verschollen. 1924 schuf Dix mit der aus fünfzig Blättern bestehenden Grafikmappe „Der Krieg“ ein Hauptwerk der modernen Kunst, das bis heute als Bezugspunkt engagiert-kritischer künstlerischer Tätigkeit dient. Inhaltlich facettenreich und technisch virtuos, stellt es ein Panorama des Kriegs dar, das die Trivialität des Alltags, das Groteske, die Grausamkeit und den Tod ausbreitet.

1925 war Dix mit seiner kühlen zeichnerischen Prägnanz eine zentrale Figur der Mannheimer Ausstellung zur Neuen Sachlichkeit; zahlreiche seiner Porträts zeigen Schlüsselfiguren der Epoche wie [Anita Berber (1899–1928)](https://www.deutsche-biographie.de/11865568X.html), [Sylvia von Harden (1894–1963)](https://www.deutsche-biographie.de/116464860.html), [Alfred Flechtheim (1878–1937)](https://www.deutsche-biographie.de/118952714.html) und [Theodor Däubler (1876–1934)](https://www.deutsche-biographie.de/118850245.html). Expressive und groteske Züge blieben in diesen Werken erhalten, wobei gesteigerte Farbigkeit Dix’ künstlerisches Mittel in Konkurrenz zur Porträtfotografie blieb. Zunehmend setzte er sich mit den Alten Meistern auseinander und malte zwei großformatige Triptychen, „Großstadt“ (1927/28) und „Der Krieg“ (1929/32), Allegorien der Lebensalter, Schwangere, die eigene Familie und sich selbst. 1931 entstand das an Dürer angelehnte programmatische „Selbstbildnis mit Kristallkugel“, das den Maler als Seher interpretiert und auf die sich verschärfende Krise der Weimarer Republik sowie die eigene Kunst – so auf die reduzierte Farbigkeit des Verismus sowie die kreisförmige Komposition des gleichzeitigen Triptychons „Der Krieg“ – anspielt. Seine Werke wurden in bedeutenden internationalen Ausstellungen gezeigt, u. a. der Internationalen Kunstausstellung Dresden (1926), im Carnegie Institute Pittsburgh (1927), im Museum of Modern Art New York City (1931) sowie auf der 16. und 17. Biennale in Venedig (1928/30).

<span class="bold">„Drittes Reich“ und Nachkriegszeit</span>

Im April 1933 verlor Dix auf Grundlage des NS-Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums seine Dresdner Professur; seine Kunstwerke galten den Nationalsozialisten als „entartet“. Nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit scheiterten Versuche der Anpassung, u. a. in der Ausstellung „Zwei deutsche Maler“ mit dem Reichskulturkammer-Funktionär [Franz Lenk (1898–1968)](https://www.deutsche-biographie.de/118812629.html) bei Nierendorf in Berlin 1935. Politisch kritische Hauptwerke wie die allegorischen „Sieben Todsünden“ (1933), in denen [Adolf Hitler (1889–1945)](https://www.deutsche-biographie.de/118551655.html) als Neid dargestellt ist, „Triumph des Todes“ (1934), „Flandern“ (1934/36) sowie religiöse Themen („Die Versuchung des Heiligen Antonius“, 1936/37, „Der Heilige Christophorus IV“, 1939) fanden kaum mehr ein Publikum. Seit Januar 1934 Mitglied der Reichskulturkammer, konnte Dix weiterarbeiten, auch vereinzelt ausstellen und verkaufen, doch war er auf private Förderer angewiesen, deren Zeitgeschmack er sich mitunter anpasste. In der Münchner NS-Ausstellung „Entartete Kunst“ im Juli 1937 wurden mehr als 20 seiner Werke gezeigt (einschließlich Blätter der Mappe „Der Krieg“, 1924), ca. 260 seiner Werke wurden beschlagnahmt, wohl mehrere Arbeiten auf Papier im März 1939 im Hof der Berliner Hauptfeuerwache vernichtet. Zudem war er Repressionen ausgesetzt, etwa durch eine kurzzeitige Verhaftung in Dresden im November 1939 im Zusammenhang mit dem Münchner Bürgerbräukeller-Attentat auf Hitler, da er sich auf einer Liste des Reichssicherheitshauptamtes von führenden Persönlichkeiten der „Systemzeit" befand. Das in dieser Zeit von Landschaftsdarstellungen geprägte Werk oszillierte zwischen Anpassung und Widerstand.

Noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs gab Dix die altmeisterliche Technik auf und kehrte zum Expressionismus zurück. Die zeitaufwendige und genau zu planende Lasurmalerei wurde von der freieren Alla-Prima-Technik, die langwierige Vorbereitungen und Arbeitsprozesse zugunsten einer spontaneren Malweise vermied, abgelöst. Anspielungen auf die christliche Ikonografie setzte er weiter zur Interpretation der eigenen Zeit ein. Trotz künstlerischer Rehabilitation, etwa auf der documenta I in Kassel 1955, und einzelner Aufträge wie für das große Wandbild „Krieg und Frieden“ für den Rathaussaal in Singen am Hohentwiel (1960), konnte Dix nicht mehr an frühere Erfolge anschließen. In den beiden deutschen Staaten wurde er selektiv rezipiert, wobei in der Bundesrepublik mit der Wiederentdeckung des sog. Epochenstils seit ca. 1960 vornehmlich der neusachliche Künstler der 1920er Jahre wertgeschätzt wurde. In der DDR wurde Dix als Anti-Kriegsmaler wahrgenommen, während man seinen Blick auf das Proletariat, trotz seines Einflusses auf proletarisch-revolutionäre Künstler, als zu wenig positiv kritisierte. Das umfangreiche Spätwerk, das seinen Wunsch zeigt, dem eigenen, an die ‚Goldenen Zwanziger Jahre‘ geknüpften Mythos zu entkommen, fand bislang wenig Beachtung.

##### 3. Karl Liebknecht

<span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> studierte 1890-93 Rechtswissenschaften und Nationalökonomie in Leipzig und Berlin. 1893/94 leistete er seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger bei den Garde-Pionieren in Berlin, anschließend war er bis 1898 Referendar in Arnsberg und Paderborn. 1897 erfolgte die Promotion zum <abbr title="doctor iuris">Dr. iur.</abbr> et rer. <span class="abbr" title="politisch">pol.</span> in Würzburg mit der Dissertation „Compensationsvollzug und Compensationsvorbringen nach gemeinem Rechte“. <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> eröffnete 1899 in Berlin gemeinsam mit seinem älteren Bruder Theodor eine Rechtsanwaltspraxis. Er trat erst im <span class="abbr" title="August">Aug.</span> 1900 der <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr> bei, wurde aber bereits im <span class="abbr" title="November">Nov.</span> 1901 in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt, der er bis 1913 angehörte. 1903 und 1907 als Kandidat für den Reichstagswahlkreis Potsdam-Spandau-Osthavelland unterlegen, konnte er diesen Wahlkreis 1912 für die <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr> erobern. <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> war Delegierter auf den sozialdemokratischen Parteitagen und wurde 1908 ins <span class="abbr" title="Preußisch">Preuß.</span> Abgeordnetenhaus gewählt.

Bekannt wurde <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> als politischer Anwalt, vor allem bei der Verteidigung von Funktionären der <span class="abbr" title="russisch">russ.</span> Arbeiterbewegung. Seit Erscheinen seines Buches „Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung“ (1907) trat er als Gegner des Militarismus und als einer der Führer der sozialistischen Jugendbewegung auf. Er war 1907-10 Präsident der sozialistischen Jugendinternationale. Von <span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> 1907 bis Juni 1909 mußte <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> wegen seines Militarismus-Buches eine Festungshaft in Glatz absitzen. 1911 unternahm er eine Agitationsreise durch die USA. Im Reichstag wandte sich <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> gegen die Geschäftspraktiken der Rüstungsfirmen. Bei Ausbruch des Weltkriegs versuchte <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> vergeblich, die sozialdemokratischen Abgeordneten für eine Ablehnung der Kriegskredite zu gewinnen. Nachdem er in der Fraktion gegen die Kredite gestimmt hatte, unterwarf er sich der Parteidisziplin und stimmte am 4.8.1914 im Reichstag für die Bewilligung. <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span>, der vor dem Krieg als radikaler Einzelgänger noch nicht zum Kern der „Linken“ in der <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr> um [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz55316.html)Rosa Luxemburg, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68711.html)Franz Mehring und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz58056.html)Julian Marchlewski gezählt hatte, lehnte sich nun eng an diese Gruppe an. Nachdem er am 2.12.1914 als einziger Abgeordneter im Reichstag gegen die Bewilligung der Kriegskredite gestimmt hatte, wurde er zur Symbolfigur der Kriegsgegner. Im <span class="abbr" title="Februar">Febr.</span> 1915 wurde <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> als Armierungssoldat zum Militärdienst eingezogen, bis auf sein Auftreten im Reichstag und <span class="abbr" title="Preußisch">Preuß.</span> Abgeordnetenhaus war ihm damit jede politische Betätigung untersagt. Dennoch war er aktiv an<span class="pb" title="Seite im Original 506">|</span>der Bildung der Gruppe „Internationale“, die seit 1916 als Spartakusgruppe bekannt wurde, beteiligt. Im Mai 1915 verfaßte er das Flugblatt „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“. Im April 1916 nahm <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> an einer illegalen Tagung der Arbeiterjugend in Jena teil, er organisierte zum 1.5.1916 eine Friedensdemonstration auf dem Potsdamer Platz in Berlin und wurde dort verhaftet. Am 28.6.1916 verurteilte das Kommandanturgericht Berlin <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> zu 2½ Jahren Zuchthaus, das Oberkriegsgericht erhöhte die Strafe in der Berufungsinstanz auf 4 Jahre und 1 Monat Zuchthaus. <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> kam im <span class="abbr" title="November">Nov.</span> 1916 ins Zuchthaus Luckau. Dort verfaßte er mehrere Schriften, darunter seine philosophischen „Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung“. Diese zeigen ihn als einen durchaus eigenständigen Denker.

<span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> wollte zwar die marxistische Theorie als Grundidee des Sozialismus erhalten, er kritisierte aber sowohl die ökonomischen Kategorien von Marx als auch den historischen Materialismus. Er lehnte die These vom Wirken „historischer Gesetze“ ebenso ab wie das Marxsche Schema von ökonomischer Basis und ideologischem Überbau. Philosophisch verstand sich <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> als Agnostiker und Universalist. Seine Sozialismus-Vorstellungen beruhten auf der Grundthese von der „Tendenz zur Steigerung der natürlichen und sozialen Solidarität“.

Am 23.10.1918 vorzeitig aus dem Zuchthaus entlassen, wurde <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> von seinen Anhängern in Berlin begeistert begrüßt. In der Novemberrevolution führte er gemeinsam mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz55316.html)Rosa Luxemburg den „Spartakusbund“ und gab dessen Organ, die „Rote Fahne“, heraus. Am 9.11. rief er vom Balkon des Schlosses in Berlin die „freie sozialistische Republik“ aus. Er war nicht bereit, in die Revolutionsregierung einzutreten, und versuchte, die Massen gegen die sozialdemokratischen Volksbeauftragten und für eine Räteherrschaft zu mobilisieren. Auf dem Gründungsparteitag der <abbr title="Kommunistische Partei Deutschlands">KPD</abbr> (30.12.1918 - 1.1.1919) forderte er die Trennung von der <abbr title="Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands">USPD</abbr> und die Bildung der neuen Partei, deren Führer er neben [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz55316.html)Rosa Luxemburg wurde. <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> neigte einem radikalen, revolutionären Kommunismus zu. Während der Januar-Kämpfe in Berlin erklärt er die Regierung Ebert für „abgesetzt“. Nach den Unruhen wurde <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span>zusammen mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz55316.html)Rosa Luxemburg von Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützendivision festgenommen und am 15.1.1919 brutal ermordet.


##### 4. Matthias Erzberger

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-10/scaled-1680-/itZimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-10/itZimage.jpeg)

\* 20.09.1875 in Buttenhausen † 26.08.1921 (ermordet) in Bad Griesbach

<div class="element tile-2 auto conntected-to-image home white-text" id="bkmrk-auf-tragische-weise-" style="text-align: justify;"><article class="grey-bg with-padding">**Auf tragische Weise legte Matthias Erzberger die Zerrissenheit des ausgehenden Kaiserreichs und der jungen Weimarer Republik offen. Auch weil er sich als herausragender Parlamentarier um eine Überwindung politischer wie gesellschaftlicher Spannungen bemühte und an einer umfassenden Reformierung innen- wie außenpolitischer Strukturen arbeitete, wurde er als Repräsentant der Weimarer Demokratie 1921 von rechten Nationalisten ermordet.**

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Für die Zeit des Kaiserreichs legte der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Matthias Erzberger eine beachtliche politische Karriere hin. Bereits mit 28 Jahren zog er als Abgeordneter des Zentrums in den Reichstag ein und etablierte sich dort schnell als Experte für Haushaltsfragen. Während er zu Beginn des Ersten Weltkriegs durchaus nationalistische, imperialistische Ideen unterstützte und sich unter anderem auch Annexionsforderungen anschloss, wandelte er sich über militärische Rückschläge immer mehr zu einem Befürworter einer Friedens- und Verständigungspolitik. Im Juli 1917 forderte er in einer Rede vor dem Reichstag dazu auf, auf Annexionen zu verzichten und mit einem "Verständigungsfrieden" ein Ende des Krieges herbeizuführen; seine Forderungen wurden schließlich von einer Mehrheit aus Linksliberalen, Sozialdemokraten und Zentrum als Friedensresolution angenommen. Damit bereitete er einer gemeinsamen parlamentarischen Mitte den Weg in die spätere Weimarer Republik, wurde jedoch erstmals auch Hassfigur der nationalistischen Rechten. Als Staatssekretär unter Max von Baden bemühte sich Matthias Erzberger um Verhandlungen eines Waffenstillstands und unterschrieb als Minister in Compiègne 1918 eben jenen Waffenstillstand. Nach seiner Ermordung 1921 erschien diese Unterschrift Weggefährten wie Joseph Wirth wie die Zustimmung zum eigenen Todesurteil.  
  
Als Politiker der Weimarer Republik drängte er im Anschluss weiter auf einen Vorzug der Politik gegenüber dem Militär. Sein Kernanliegen war dabei, die junge Weimarer Demokratie gegen Angriffe von links und rechts zu wappnen und auf eine stabile Handlungsgrundlage zu setzen. Während der Novemberrevolution trat er deshalb als Vertreter des politischen Katholizismus für eine Zusammenarbeit mit Sozialdemokraten und Liberalen ein. Da er als Reichsminister ohne Geschäftsbereich der Regierung von Philipp Scheidemann die Annahme des Versailler Vertrags unterstützte, wurde Erzberger zur prominenten Zielscheibe antirepublikanischer Gegner der Weimarer Republik, die ihn als Vaterlandsverräter und „Erfüllungspolitiker“ beschimpften. Noch mehr Gegner brachte er gegen sich auf, als er 1919 als Reichsfinanzminister eine gerechtere Steuerreform zu Lasten der Besitzenden anstrebte. Durch eine Verleumdungsaktion musste Erzberger bereits 1920 seine Posten räumen; ein Jahr später wurde er am 26. August in Bad Griesbach ermordet.

</article></div><div class="element tile-2 auto conntected-to-image home white-text" id="bkmrk--3" style="text-align: justify;"></div>
##### 5. Vicki Baum 

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/wIKimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-11/wIKimage.jpeg)


1888 – 1960

Schriftstellerin, Journalistin, Drehbuchautorin, Harfenistin

Die österreichisch-US-amerikanische Autorin Vicki Baum gehört zu den international kommerziell erfolgreichsten Schriftstellerinnen des deutschsprachigen Raums im 20. Jahrhundert. Ihre in 32 Sprachen übersetzten und vielfach verfilmten Romane verfasste sie seit 1939 auf Englisch. Baums literarisches Hauptwerk ist der Roman „Menschen im Hotel“ (1929).

<span class="bold">Leben</span>

Baum wuchs in einem gutbürgerlichen Elternhaus in Wien auf, wo sie das Lehrerpädagogium besuchte. Von 1898 bis 1904 absolvierte sie eine Ausbildung zur Harfenistin am Wiener Konservatorium und erhielt anschließend ein Engagement beim Wiener Concertverein. Nach ihrer Scheidung von dem Journalisten [Max Prels (1878–1926)](https://www.deutsche-biographie.de/116282320.html) 1913 ging sie als Harfenistin an das Hoftheater Darmstadt, gab aber ihren Beruf 1916 nach der Heirat mit dem Dirigenten [Richard Lert (1885–1980)](https://www.deutsche-biographie.de/131526103.html) auf und lebte danach in Kiel, Hannover und Mannheim. 1926 übersiedelte sie zunächst allein nach Berlin, wo sie eine Anstellung als Zeitschriftenredakteurin beim Ullstein Verlag erhielt; 1928 folgten ihr ihre Söhne, 1929 der Ehemann. Baums auf der Grundlage ihres Romans „Menschen im Hotel“ (1929) inszeniertes Theaterstück „Grand Hotel“ wurde 1931 am Broadway zu einem Erfolg. Sie reiste noch im selben Jahr nach New York City und emigrierte 1932 mit ihrer Familie nach Los Angeles (Kalifornien, USA). Baums Bücher wurden 1933 im nationalsozialistischen Deutschland verboten und sie 1938 ausgebürgert (US-amerikanische Staatsbürgerin 1938).

In den USA pendelte Baum regelmäßig zwischen ihrem Haus in Los Angeles und ihrer Wohnung in New York City, war weiterhin schriftstellerisch tätig und arbeitete bis 1937 als Drehbuchautorin bei der Filmproduktionsgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). 1935 und 1936 reiste sie nach Japan, China, Indonesien und Europa, um Stoff für neue Romane zu sammeln; im März 1939 führte sie eine Vortragstour nach England. Ihren letzten Aufenthalt in Europa trat sie 1949 an.

<span class="bold">Werk</span>

Baum begann um 1905, sich schriftstellerisch zu betätigen. Erste Gedichte und Erzählungen erschienen seit 1908 in Zeitschriften wie „Erdgeist“ (Wien), „Der Merker“ (Wien) und „Jugend“ (München). 1914 legte sie ihren Erstlingsroman „Frühe Schatten. Das Ende einer Kindheit“ vor, der autobiografisch geprägt ist. [Thomas Mann (1875–1955)](https://www.deutsche-biographie.de/118577166.html) – Baums literarisches Vorbild – sprach ihr als Mitglied bzw. Vorsitzender der Jury bei den Literaturwettbewerben der Zeitschrift „Licht und Schatten“ 1910 und der „Kölnischen Zeitung“ 1924 für ihre Erzählungen „Alter Schloßpark“ (1910) bzw. „Der Weg“ (1924) den ersten Preis zu. Der Ullstein Verlag, in dem ihre Romane seit 1920 erschienen, baute Baum seit 1926 gezielt als Marke und Bestsellerautorin auf.

Baums Hauptwerk ist der 1929 veröffentlichte Roman „Menschen im Hotel“, der in der Originalausgabe den ironischen Untertitel „Ein Kolportageroman mit Hintergründen“ trägt und zunächst in Fortsetzungen in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ erschien. Der Schauplatz des Romans ist ein Berliner Luxushotel, in dem innerhalb von fünf Tagen Figuren aus unterschiedlichen sozialen Milieus zusammenkommen, miteinander agieren und wieder auseinandergehen. 1929 von Baum dramatisiert, bildete der Roman die Grundlage für die US-amerikanische Theaterinszenierung sowie die äußerst erfolgreiche Hollywoodverfilmung „Grand Hotel“ (1932) unter der Regie von [Edmund Goulding (1891–1959)](https://www.deutsche-biographie.de/129013846.html) mit [Greta Garbo (1905–1990)](https://www.deutsche-biographie.de/118537571.html) in der Hauptrolle. Während deutsche Kritiker „Menschen im Hotel“ als „Romankitsch“ – so [Alfred Kerr (1867–1948)](https://www.deutsche-biographie.de/11856157X.html) – und „Kosmetik“ – so [Herbert Ihering (1888–1977)](https://www.deutsche-biographie.de/118708627.html) – kritisierten, wurde die englische Übersetzung in Großbritannien begeistert aufgenommen. [Graham Greene (1904–1991)](https://www.deutsche-biographie.de/11854179X.html) beurteilte den Roman als „oberflächlich, melodramatisch, sentimental, aber technisch vollendet“, [John B. Priestley (1894–1984)](https://www.deutsche-biographie.de/11874190X.html) als „eine Art Kinofilm des modernen Lebens“.

Beeinflusst von ihren Weltreisen, legte Baum 1937 und 1939 die Romane „Liebe und Tod auf Bali“ und „Hotel Shanghai“ vor, die den „Puputan“ (Massenselbstmord) der Balinesen in Badung 1906 und den versehentlichen Bombenabwurf chinesischer Flugzeuge auf die Nanking Road in Shanghai 1937 literarisieren. Die Verknüpfung von historischem Hintergrund und atmosphärischen Details in diesen Werken fand international Beachtung.

Nach 1945 konnte Baum, die seit „The Ship and the Shore“ (1941) ausschließlich in englischer Sprache schrieb, in den USA nicht mehr an ihre Erfolge anknüpfen. Auch „The Mustard Seed“ (1953), ein satirischer Roman über die neurotische, von Kommerz und Sex beherrschte US-Gegenwartsgesellschaft, fand wenig Resonanz. In der Bundesrepublik und Europa hingegen wurden ihre Romane, von denen viele auch als Verfilmungen große Popularität erlangten, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder veröffentlicht und werden bis heute erfolgreich neu aufgelegt. Baums 1958 begonnene Autobiografie, die „Nicht so wichtig“ heißen sollte, blieb Fragment und wurde postum 1962 von ihrer Schwiegertochter [Ruth Lert (1915–1997)](https://www.deutsche-biographie.de/1265197520.html) unter dem Titel „It was all quite different“ (Es war alles ganz anders) vollendet.

Baums Romane, die sich durch präzis recherchierte Milieuschilderungen und das ironische Spiel mit Formeln und Schemata auszeichnen, galten im deutschsprachigen Raum lange als „Unterhaltungsliteratur“, Baum als Trivialautorin. Im Zuge der Erforschung der literarischen „Neuen Sachlichkeit“ seit den 1980er Jahren wurde v. a. „Menschen im Hotel“ als neusachlicher Zeitroman wiederentdeckt, und Vicki Baum erfuhr eine Neubewertung als „neusachliche Bestsellerautorin“.

##### 6. Gustav Stresemann

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/BIYimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-11/BIYimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> entstammte einer Familie des Berliner Kleinbürgertums; im Berliner Südosten betrieben die Eltern einen Flaschenbierhandel mit Gaststube. <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> als dem jüngsten ihrer acht Kinder ermöglichten sie den Besuch der höheren Schule (Andreas Realgymnasium, Abitur 1897). Obwohl die persönlichen Neigungen des jungen <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> der Geschichte und Literatur galten und ihm eine Laufbahn als Journalist vorschwebte, konzentrierte er sich im Studium (1898–1901 in Berlin u. Leipzig) auf die Nationalökonomie. Gleich nach der Promotion in Leipzig bei Karl Bücher (1901) übernahm er in Dresden die Stelle eines Assistenten beim Verband der Schokoladenfabrikanten und entfaltete eine ideenreiche organisatorische Aktivität: Unter seiner Führung entwickelte sich der 1902 gegründete „Verband sächsischer Industrieller“ (Syndikus bis 1919) zu einem der größten regionalen Wirtschaftsverbände. Parallel zum beruflichen Aufstieg vollzog sich die politische Karriere. In seiner Studentenzeit war <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> ein aktives Mitglied in der Reformburschenschaft „Neo Germania“ und schloß sich auch Friedrich Naumanns „Nationalsozialem Verein“ an. Als sich dieser nach dem Debakel bei der Reichstagswahl 1903 auflöste, ging <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> allerdings nicht mit Naumann und den meisten seiner Anhänger zur Freisinnigen Vereinigung, sondern trat der Nationalliberalen Partei bei. 1906 wurde er zum Dresdner Stadtverordneten gewählt, 1907 eroberte er bei der Reichstagswahl den Erzgebirgswahlkreis Annaberg. Als jüngstes Reichstagsmitglied war <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> ein außerordentlich aktiver und rhetorisch begabter, rasch in der vordersten Reihe agierender Abgeordneter. Maßgeblichen Anteil hatte er am Zustandekommen einer Angestelltenversicherung (1911).

Der steile politische Aufstieg endete abrupt 1912. Bei der Reichstagswahl verlor <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> sein Mandat, und Exponenten des rechten Parteiflügels verdrängten ihn aus dem Führungsgremium der Nationalliberalen Partei. <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> sah sich auf seine Tätigkeit als Verbandsfunktionär zurückgeworfen. Im <span class="abbr" title="Dezember">Dez.</span> 1914 erneut in den Reichstag gewählt, fiel ihm schnell eine Führungsrolle in der nationalliberalen Fraktion zu. Nach dem Tod Ernst Bassermanns (1854–1917) wurde er im <span class="abbr" title="September">Sept.</span> 1917 zum Fraktionsvorsitzenden und zum <span class="abbr" title="stellvertretend">stellv.</span> Parteivorsitzenden gewählt.

<span class="abbr" title="Stresemann">S.</span>s politisches Agieren während der Kriegsjahre stellt ein besonders problematisches Kapitel seiner Biographie dar. Zwar trat er für innere Reformen ein (Abschaffung des <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Dreiklassenwahlrechts, Stärkung des Parlaments), forderte aber im Einklang mit der großen Mehrheit seiner Partei umfangreiche Annexionen sowie den unbeschränkten U-Boot-Krieg und arbeitete auf den Sturz des Reichskanzlers Bethmann Hollweg hin. Kriegsniederlage und Zusammenbruch des Kaiserreichs brachten <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> in eine schwierige Lage, die seine führende Position im <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Liberalismus akut gefährdete. Die Auseinandersetzungen um eine Neuformierung des liberalen Lagers beendeten nicht die Spaltung des <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Liberalismus in zwei Parteien, was man zu Unrecht häufig <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> anlastete. Dieser lehnte wie viele andere Nationalliberale ein Zusammengehen mit der Gruppe um [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz75157.html)Theodor Wolff (1868–1943) und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69114.html)Alfred Weber (1868–1958) ab, die in der Gründungsphase der „Deutschen Demokratischen Partei“ eine maßgebliche Rolle spielte. Am 15. 12. 1918 konstituierte sich unter <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span>s Führung die „Deutsche Volkspartei“, deren immer wiedergewählter Vorsitzender er bis zu seinem Tode blieb.

In der Nationalversammlung stand die kleine <abbr title="Deutsche Volkspartei">DVP</abbr>-Fraktion in Opposition zur „Weimarer Koalition“ (<abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr>, Zentrum, <abbr title="Deutsche Demokratische Partei">DDP</abbr>); sie lehnte die Unterzeichnung des Friedensvertrags und die Verfassung ab. Im Gegensatz zu Exponenten des rechten Parteiflügels suchte <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> nach 1919 einen Kurs der Mitte zu steuern mit der Bereitschaft, auch eine Koalition mit der <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr> einzugehen. Bei der Reichstagswahl 1920 überflügelte die „Stresemann-Partei“<span class="pb" title="Seite im Original 546">|</span>die linksliberale <abbr title="Deutsche Demokratische Partei">DDP</abbr>deutlich. Von nun an war sie an fast allen Reichskabinetten beteiligt. Am 12. 8. 1923, in der kritischsten Phase der Weimarer Republik, wurde <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> von Reichspräsident Ebert in das seit langem angestrebte Amt des Reichkanzlers berufen. Die von ihm gebildete „Große Koalition“ (<abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr>, Zentrum, <abbr title="Deutsche Demokratische Partei">DDP</abbr>, <abbr title="Deutsche Volkspartei">DVP</abbr>) sah sich einer Fülle gravierender Probleme gegenüber: Abbruch des Ruhrkampfes, Sanierung der Währung, separatistische Bestrebungen im Rheinland, Aufstands- und Putschversuche rechts- und linksextremistischer Kreise. In den nur 100 Tagen seiner Kanzlerschaft gelang es, die dramatische Krisensituation im wesentlichen zu bewältigen. Nachdem der Reichstag am 22. 11. 1923 das von <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> verlangte Vertrauensvotum abgelehnt hatte, demissionierte das Kabinett, doch behielt <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> in der neuen Reichsregierung und in allen weiteren Kabinetten das Amt des Außenministers.

Es war das Feld der Außenpolitik, auf dem <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> Epoche gemacht hat. Ziel war der Wiederaufstieg des <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Reichs zur souveränen und im internationalen System gleichberechtigten Großmacht. Aber aufgrund der Erfahrungen von 1914–18 legte <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> seit 1919 seiner Außenpolitik eine realistische Einschätzung der internationalen Kräfteverhältnisse zugrunde und operierte mit den Mitteln der Verhandlung und Verständigung. Zwei Gesichtspunkte besaßen dabei für ihn axiomatische Bedeutung: Rückkehr des <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Reichs in die Weltpolitik über die Weltwirtschaft und Normalisierung des Verhältnisses zu den Westmächten <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> durch Befriedigung des <span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Sicherheitsbedürfnisses.

Im Grunde bewertete <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> alle Stationen seiner Außenpolitik der Jahre 1923–29 (Dawes-Plan 1924, Locarno-Verträge 1925, Berliner Vertrag mit der Sowjetunion 1926, Eintritt in den Völkerbund 1926, Kellogg-Pakt 1928, Young-Plan 1929) als Etappen auf dem Weg zur Wiedergewinnung der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span>Machtstellung. Bei seiner Revisionspolitik vorsichtig agierend, vermied er Konflikte und setzte auf internationale Kooperation. <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> erreichte in seinen sechs Amtsjahren die Räumung des Ruhrgebiets und die vorzeitige Beendigung der Rheinlandbesetzung, eine erträgliche Regelung der Reparationsfrage in Verbindung mit einer wirtschaftlichen Stabilisierung in Deutschland, Aufhebung der alliierten Militärkontrolle und Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Nicht weniger zählt auch die Tatsache, daß es <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> gelang, das seit der Jahrhundertwende gestörte Verhältnis Deutschlands zu seinen Nachbarstaaten weitgehend zu normalisieren und Vertrauen diesseits und jenseits des Atlantiks aufzubauen. Als erster Deutscher wurde er im <span class="abbr" title="Dezember">Dez.</span> 1926 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet (gemeinsam mit seinem <span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Amtskollegen Aristide Briand).

<span class="abbr" title="Stresemann">S.</span>s letzte Lebensphase war in vielfacher Weise überschattet: Er litt darunter, daß erhoffte Ergebnisse der Locarno-Politik sich zu langsam einstellten, sein labiler Gesundheitszustand machte ihm immer mehr zu schaffen, <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> seit einem Zusammenbruch im Frühjahr 1928, und schließlich gestaltete sich das Verhältnis zu seiner eigenen Partei zunehmend prekär. So unbestritten seine Stellung als Parteivorsitzender war, dem von ihm gesteuerten politischen Kurs folgte ein Teil der Partei, insbesondere die Reichstagsfraktion, immer unwilliger. Die Auseinandersetzungen kulminierten 1928/29, als <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> durch das Verhalten der Fraktion seine Autorität als Parteiführer in Frage gestellt sah. Als ein bereits vom Tode Gezeichneter erkämpfte er auf der Haager Konferenz im <span class="abbr" title="August">Aug.</span> 1929 die Zusage einer vorzeitigen Rheinlandräumung und hielt im <span class="abbr" title="September">Sept.</span> auf der Völkerbundstagung in Genf eine engagierte Europarede. In der Nacht vom 2./3. 10. 1929 erlag er einem Schlaganfall.

<span class="abbr" title="Stresemann">S.</span> ragt unter den Politikern der Weimarer Republik weit heraus. Als Reichskanzler im Krisenjahr 1923 und als langjähriger Außenminister übte er einen so prägenden Einfluß auf die <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Politik dieser Jahre aus, daß mit Recht von einer „Ära Stresemann“ gesprochen wird. Das Bild <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span>s in der Nachwelt reicht von affirmativer Erinnerungskultur unmittelbar nach seinem Tod über die Verfemung <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span>s durch die Nationalsozialisten als „Erfüllungspolitiker“, die Betonung der <span class="abbr" title="europäisch">europ.</span> Perspektive seiner Politik in der Phase der frühen Bundesrepublik bis hin zum ambivalent-differenzierenden Bild der heutigen Forschung, das <span class="abbr" title="Stresemann">S.</span>ebenso als kalkulierenden Real- wie als nationalen Machtpolitiker in die Reihe der großen <span class="abbr" title="europäisch">europ.</span> Politiker seiner Zeit einordnet.

##### 7. Paul von Hindenburg

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/pCnimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-11/pCnimage.jpeg)

Nach kurzem Besuch des Gymnasiums in Glogau besuchte <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> 1859-66 die Kadettenanstalten in Wahlstatt (Kreis Liegnitz) und Berlin. Die Teilnahme am Feldzug in Böhmen 1866, besonders an der Schlacht von Königgrätz, als Seconde-Leutnant im 3. Garde-Regiment zu Fuß blieb für <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> zeitlebens das große Erlebnis eigener Bewährung und preußischen Waffenruhms. Den Krieg 1870/71 machte er als Regiments-Adjutant mit. Anschließend begann eine erfolgreiche Karriere im Wechsel von Truppen- und Generalstabsdienst: 1873-76 Kriegsakademie mit vorzüglichem Abgangszeugnis, 1877 Großer Generalstab mit (1878) Versetzung zum II. Armeekorps in Stettin, 1881 1. Generalstabsoffizier der 1. Division in Königsberg, 1884/85 Kompaniechef im Infanterie-Regiment 58 in Fraustadt (Posen), 1885 Großer Generalstab und Ia des III. Armeekorps in Berlin, dort auch Lehrer an der Kriegsakademie, Beginn enger Anlehnung an Schlieffen und dessen Lehre, 1889 Kriegsministerium, 1893 Kommandeur (Oberst) des Infanterie-Regiment 91 in Oldenburg, 1896 Chef des Stabes des VIII. Armeekorps in Koblenz, 1900 Kommandeur der 28. Division in Karlsruhe, 1903 Kommandierender General des IV. Armeekorps in Magdeburg. Als solcher erhielt er 64jährig 1911 den Abschied. Theoretisch und praktisch hatte er sich als militärischer Führer bewährt. Der Dienst hatte ihn geprägt. Ohne politischen Ehrgeiz und besonderes politisches Interesse, hatte er sich in einer sehr erfolgreichen, wenn auch nicht ungewöhnlichen militärischen Laufbahn bewährt, geradlinig und unkompliziert, in betont königstreu konservativer Tradition sich begreifend.

Bei Kriegsausbruch war für den in Hannover im Ruhestand lebenden <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> zunächst keine Verwendung vorgesehen. Als am 21.8.1914 Ludendorff zum Chef des Stabes der 8. Armee in Ostpreußen ernannt wurde, um dort die gefährliche Lage zu meistern, wurde <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> Oberbefehlshaber der 8. Armee, weil ihm im Gegensatz zu seinem Vorgänger die überlegene Ruhe des Gewährenlassens gegenüber dem eigenwilligen, energisch kraftvollen neuen Chef zugetraut wurde. Diese Erwartung erwies sich als zutreffend. Ludendorff blieb im Kriege stets der erste Mitarbeiter <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>s, überragte ihn aber in der Führungskunst an Entschlußkraft und Arbeitsleistung. Er prägte <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> seinen Willen sowohl militärisch wie politisch auf, ohne daß <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> dies als Fremdbestimmung empfunden hätte; denn militärisch kamen beide erfahrenen Generalstäbler aus Schlieffens Schule und fanden sich auch politisch in gleicher Gesinnung zusammen. Die beiderseitige Entfremdung und die von Ludendorff betriebene Herabsetzung <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>s begannen erst nach dem Kriege. In der Schlacht von Tannenberg, deren Namensgebung in Anknüpfung an 1410 auf <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>s Vorschlag beim Kaiser zurückgeht, bewährte sich die gemeinsame Führung von Chef und Oberbefehlshaber zum ersten Mal. Schlieffens „Cannae“ war verwirklicht worden. <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> wurde nicht nur zum „Retter Ostpreußens“, sondern zum populären Symbol des deutschen Siegeswillens. Der <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>-Mythos begann sogleich nach Tannenberg, steigerte sich während des Krieges und überdauerte die Niederlage in den „vaterländisch“ gesinnten Massen.

Mitte September 1914 übernahmen <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> und Ludendorff als Oberbefehlshaber und Chef die in Kongreßpolen operierende 9. Armee, am 1.11.1914 den Oberbefehl über alle deutschen Truppen der Ostfront („Oberbefehlshaber Ost“). Von dieser Stellung aus versuchten sie vergeblich, Wilhelm II. und den Chef des Generalstabs von Falkenhayn dazu zu bewegen, die Ostfront so zu verstärken, daß die schnelle Kriegsentscheidung im Osten erzwungen werden konnte. Der Konflikt zwischen der Obersten Heeresleitung (<abbr title="Oberste Heeresleitung">OHL</abbr>) und „Ober-Ost“ hielt an, bis nach dem Scheitern der Verdun-Offensive sowie dem Kriegseintritt Rumäniens Falkenhayn entlassen wurde und <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> am 29.8.1916 sein Nachfolger – mit Ludendorff als voll mitverantwortlichem „Erstem Generalquartiermeister“ – wurde. Die neue <abbr title="Oberste Heeresleitung">OHL</abbr> geriet, je stärker der Krieg nicht nur militärisch geführt werden mußte, sondern schwere kriegswirtschaftliche, außen- und innenpolitische Entscheidungsfragen aufwarf, zunehmend in die politischen Auseinandersetzungen hinein und gewann angesichts der Führungsschwäche des Kaisers und seiner Reichskanzler 1917/18 eine Schlüsselstellung. <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> handelte auch dabei stets im Einvernehmen mit dem die Entscheidungen maßgeblich bestimmenden Ludendorff, so besonders in der Polenfrage, im Durchsetzen des unbeschränkten U-Bootkrieges und im Drängen auf die Entlassung des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg. Die dem „Vaterländischen Hilfsdienstgesetz“ von 1916 zugrundeliegenden Vorbereitungen deckte <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> mit seinem Namen („<span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>-Programm“).

In den letzten Kriegsmonaten sah sich <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> der bisher ungewohnten Belastung ausgesetzt, selbst und unabhängig von Ludendorff Entscheidungen fällen zu müssen. So suchte er im Juli 1918 vorübergehend eine von Ludendorff scharf abweichende Strategie durchzusetzen (Gegenoffensive statt hinhaltender Verteidigung), die freilich durch die Ereignisse schnell überholt wurde. Nach Aussöhnung mit Ludendorff kam es Ende Oktober zur Entfremdung zwischen beiden, als Ludendorff entlassen wurde und <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> sein Entlassungsgesuch auf Drängen des Kaisers und des Kriegskabinetts zurückzog. <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> begab sich durch sein Bleiben de facto, wenn auch gegen seine eigentliche Absicht und Überzeugung auf den durch die 3. Wilson-Note vom 23. Oktober vorgezeichneten Weg, der zur Abdankung des Kaisers und zur bedingungslosen Annahme des Waffenstillstandsvertrags führte. Am 9.11.1918 riet <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> zum Übertritt Wilhelms II. nach Holland, woraus unerquickliche Kontroversen, eine Vertrauenskrise zwischen dem ehemaligen Kaiser und <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> sowie ein lebenslanges Trauma <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>s folgten.

Im November 1918 hat <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>, nunmehr beraten und bestimmt durch Ludendorffs Nachfolger General Groener, nolens volens entscheidend dazu beigetragen, daß der Übergang von der Monarchie zur Republik unter den Bedingungen der Niederlage, materieller Not und Revolutionsgefahr verhältnismäßig reibungslos gelang. Denn <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> blieb in seinem Amt, geachtet vom größten Teil des Volkes und der Front, und wurde von Ebert und der <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr>-Mehrheit für unentbehrlich gehalten. <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> drängte am 10. November auf schnelle Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrags, stellte sich der neuen Regierung zur Verfügung, um das Frontheer geordnet zurückzuführen und, mit Hilfe der Arbeiter- und Soldatenräte, Ruhe und Ordnung aufrechterhalten zu helfen.

<span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> betrachtete sich als zum Ausharren in der Verantwortung verpflichtet und ging, bei geschickter Vermittlung des demokratisch gesinnten Generals Groener, bewußt ein Bündnis mit der provisorischen Regierung des Rats der Volksbeauftragten ein, da ihn mit Ebert und Noske die Überzeugung verband, daß Ruhe und Ordnung gegen die weitertreibende Revolution von links unter allen Umständen bewahrt werden sollten. Auf Grund der Schlüsselstellung, die <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> und Groener besaßen, gelang es ihnen schnell, die Kommandogewalt im Heer wieder zu festigen und Freiwilligenverbände aufzustellen, die – zuerst im Januar 1919 in Berlin – mit Erfolg gegen linksrevolutionäre Aufständische eingesetzt wurden. Nach Annahme des Friedensvertrags von Versailles durch den Reichstag und die (umgebildete) Reichsregierung nahm <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> den Abschied, nachdem Groener vorher mit seinem Einverständnis Ebert gegenüber die Annahme des Friedensvertrags als unausweichlich bezeichnet hatte.

<span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> zog sich in Hannover in den Ruhestand zurück, ohne die Absicht zu haben, sich öffentlich politisch zu betätigen. Aufsehen erregte sein Auftreten vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß der Nationalversammlung am 18.11.1919 (gemeinsam mit Ludendorff), wo er eine Erklärung im Sinne der damals aufkommenden Dolchstoß-Legende abgab.

Im April 1925 stellte er sich – selbst parteilos – nach einigem Widerstreben zum 2. Wahlgang der Reichspräsidentenwahl als überparteilicher Kandidat der Rechtsparteien einschließlich der Bayerischen Volkspartei zur Verfügung. Er wurde mit der relativen Mehrheit von gut 48% vor Marx (Zentrum) mit 45% und Thälmann (<abbr title="Kommunistische Partei Deutschlands">KPD</abbr>) mit 6% gewählt. Die Wahl wurde entweder als Anzeichen angesehen, daß die restaurativen Kräfte einen für die Zukunft verhängnisvollen Sieg über die Republik errungen hätten, oder sie wurde mit der Hoffnung verbunden, daß die Tradition des Kaiserreichs Aussicht habe, hinfort sich der Republik im Geiste einer „konservativen Demokratie“ anzuverwandeln. In der Tat lagen beide Möglichkeiten in diesem Ereignis beschlossen. Bis 1929 schien die Entwicklung in der zweiten Richtung zu gehen. <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> bemühte sich, seiner „Osterbotschaft“ vor der Wahl gemäß, über den Parteien zu stehen sowie trotz seiner inneren Bindung an die Monarchie, getreu seinem Eide, ein loyaler und gerechter Präsident der Republik zu sein. Er befremdete daher viele seiner alten Freunde oder Kameraden von rechts und zerstreute manche Befürchtungen von links. Doch wirkten <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>s Enttäuschung über die Labilität der kurzlebigen Kabinette seit 1925 und sein traditionelles Mißtrauen gegen politische Parteien und Parlamentarismus darauf hin, schon in der Regierungskrise um die Jahreswende 1926/27 dem Gedanken eines parlamentarisch unabhängigen Beamtenkabinetts näherzutreten oder Oberst von Schleichers Vorschlag eines Minderheitskampfkabinetts mit dem Notstandsartikel 48 im Hintergrund zu erwägen. Wurden derartige Absichten damals noch zurückgestellt, so traten sie im Frühjahr 1930 in ihr akutes Stadium.

Als gegen Ende des Jahres 1929 die vielberufene „Krise des Parlamentarismus“ und die Entscheidungsschwäche der Regierung gegenüber den drängenden wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen angesichts der beginnenden Wirtschaftskrise und zunehmender rechtsradikaler Aktivität noch stärker als zuvor ins öffentliche Bewußtsein traten, hielt <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>, bestärkt durch Schleicher und andere Ratgeber, den Zeitpunkt für gekommen, seine Präsidialgewalt für einen richtungweisenden Kurswechsel einzusetzen. Ein „<span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>-Kabinett“ sollte gebildet und notfalls auch unabhängig von der Parteienmehrheit gehalten werden. Auf jeden Fall sollte von nun an ohne die <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr> regiert werden. <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> wünschte eine Abkehr vom fragwürdig gewordenen reinen Parlamentarismus, das heißt eine dauerhafte Schwenkung nach rechts, wobei er außer dem allgemeinen „vaterländischen“ Wohl speziell auch eine verstärkte Hilfe für die in der Krise besonders gefährdete ostdeutsche (Groß)-Landwirtschaft im Auge hatte. Wenn auch offensichtlich die Initiative zum „<span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>-Kabinett“ stärker von Schleicher als von dem auch hier nicht selbst treibenden <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> ausgegangen ist, so hat der Reichspräsident doch die Berufung [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107352.html)Brünings zum Reichskanzler (30.3.1930) als Beginn für den erwünschten Kurswechsel angesehen. Daraus folgte, daß <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> „seinen“ Kanzler im Juli 1930 mit Hilfe des Artikel 48 der Verfassung und der Reichstagsauflösung gegen die widerstrebende Reichstagsmehrheit deckte, daß er aber zwischen dem Herbst 1930 und dem Frühjahr 1932 in dem Maße sich [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107352.html)Brüning entfremdete, als dieser de facto trotz seiner unpopulären Wirtschaftspolitik immer mehr ein Kanzler der Mitte und der Linken und immer weniger der sich von ihm zunehmend abwendenden Rechten wurde. Auch hier war Schleicher neben andern Einflüssen von rechts politisch entscheidend, schon in der zweiten Hälfte des Jahres 1931, besonders aber im Frühjahr 1932,<span class="pb" title="Seite im Original 181">|</span>als es um die Frage der Amtsverlängerung oder der Wiederwahl <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>s ging. Der Reichspräsident lehnte damals [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107352.html)Brünings Plan ab, daß er als Reichsverweser bis zur Einsetzung eines Monarchen weiter im Amt bleiben sollte, da für ihn eine monarchische Restauration nur mit Wilhelm II. als Kaiser in Betracht kommen konnte. Die Wiederwahl wurde unvermeidlich, weil eine verfassungsändernde Mehrheit im Reichstag für eine Amtsverlängerung ohne Wahl nicht erreichbar war. Widerwillig fügte sich <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>der Tatsache, daß nur er noch für populär genug gehalten werden konnte, gegen Hitler den Wahlsieg davonzutragen. Daß er, verglichen mit 1925, gleichsam mit verkehrter Front, das heißt von links und der Mitte gegen rechts gewählt wurde, hat <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> kaum verwinden können. Nachdem er im 2. Wahlgang mit der absoluten Mehrheit von 53% vor Hitler mit 37% und Thälmann mit 10% gewählt worden war, ließ er seinem Unmut über [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107352.html)Brüning freien Lauf. Den letzten Anstoß gab der Entwurf eines Siedlungsgesetzes, in dem die Aufsiedlung nicht entschuldungsfähiger Güter vorgesehen war. <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> gab dem daraufhin einsetzenden Druck des Reichslandbundes und der Deutschnationalen Volkspartei bereitwillig nach und entließ [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107352.html)Brüning, den er ohnehin fallen lassen wollte, am 30.5.1932.

Zu dem von Schleicher vorgeschlagenen Nachfolger Franz von Papen und dessen konservativem Kabinett gewann <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> alsbald Sympathie und Vertrauen. Die Grenze dieser engen Beziehung war jedoch durch <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>s Treue zur Verfassung gesetzt. Der Reichspräsident lehnte Ende November 1932 eine befristete Diktatur Papens als Ausweg aus der staatspolitischen Krise ab, da die Verfassung einer Suspension des Reichstags widersprach, mochte diese auch nur für ein halbes Jahr vorgesehen sein. <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> trennte sich ungern von Papen, hielt es aber für seine Pflicht, Schleicher als Kanzler einen verfassungsgerechten Ausweg aus der Krise finden zu lassen. Als Schleicher damit im Januar 1933 gescheitert oder vorerst stecken geblieben war und nun seinerseits die Diktatur mit suspendiertem Reichstag für ein halbes Jahr forderte, lehnte <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> wiederum ab und ließ sich unter dem Druck persönlicher Einflüsse widerstrebend dazu bringen, Hitler als Reichskanzler eines konservativ-nationalsozialistischen Koalitionskabinetts verfassungsgemäß zu berufen (30.1.1933).

In den folgenden 1½ Jahren war <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> dem Vorgehen Hitlers aus Mangel an Urteilskraft und Information mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Seine Zustimmung zur nationalen „Erneuerung“ Deutschlands in der Anknüpfung an eine alte geliebte Tradition (Tag von Potsdam, 21.3.1933) wurde durch schwere Sorgen über die nationalsozialistische „Revolution“ überdeckt. Mit Hilfe des Vizekanzlers von Papen suchte <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>, die von Hitler zunehmend zurückgedrängten konservativen Kräfte wirksam zu erhalten. So lehnte er Anfang 1934 die Ernennung des „zu jugendlichen“ Generals von Reichenau zum Chef der Heeresleitung ab und setzte gegen Hitler und Blomberg die Ernennung des Generals Freiherr von Fritsch durch. In den letzten Lebensmonaten ist <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> teils infolge Nachlassens seiner Kraft, teils infolge der von Hitler bewerkstelligten Isolierung schon mehr und mehr ausgeschaltet gewesen. Mit seinem Tode erlosch das Amt des Reichspräsidenten, das auf Grund eines schon vorher verabschiedeten Gesetzes mit dem des Reichskanzlers vereinigt wurde. Der längst erhoffte Tod <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>s gab Hitler den Weg noch unbehinderter als zuvor frei.

<span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>s Bedeutung ist in und nach dem 1. Weltkrieg von einem großen Teil der deutschen Nation überschätzt worden. In der Staats- und Wirtschaftskrise 1930-33 verlor sein Mythos im Kreuzfeuer zwischen „Republik“ und „nationaler Revolution“ an Ausstrahlungskraft. <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span> war 1916-18 sowie 1925-33 überfordert, als er aus dem militärischen Bereich herauszutreten und eine politische Führungsrolle zu spielen genötigt war. Sein Ausharren im Dienst, inmitten einer weithin fremden, ja zum Teil von ihm mißachteten Umwelt, hat zum Scheitern der demokratischen Republik beigetragen; <span class="abbr" title="Hindenburg">H.</span>s bei aller Verfassungsloyalität gleichwohl stets lebendiges Wunschziel einer monarchischen Restauration wurde dabei nie aktualisiert. So ist der vor 1914 glänzend aufgestiegene Generalstabsoffizier und der im Kriege gefeierte Feldherr als Greis in eine für ihn ausweglose Tragik verstrickt gewesen.

##### 8. Marlene Dietrich

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/2gvimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-11/2gvimage.jpeg)

1901 – 1992

Schauspielerin, Sängerin

Marlene Dietrich zählt zu den bekanntesten Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Hauptrolle als Revuesängerin Lola Lola im Kinofilm „Der blaue Engel“ (1930) begründete ihren Mythos als erotische Filmdiva und Stilikone. Mit ihren Erfolgen in Hollywood wurde sie zum international gefeierten Star. Trotz lukrativer Angebote der deutschen Filmindustrie ging sie nach 1933 nicht nach Deutschland zurück, sondern unterstützte Emigranten und besonders die US-Armee bei ihrem Kampf gegen den Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie deshalb in weiten Teilen der bundesdeutschen Öffentlichkeit als „Vaterlandsverräterin“ abgelehnt.

<div class="accordion-collapse collapse show" data-bs-parent="#dbocontent_leben" id="bkmrk-marlene-dietrich-und" style="text-align: justify;"><div class="accordion-body"><div><figure class="media-object ndb-mid-thumbnail pull-right  img-thumbnail rounded">![alternativer text](https://www.deutsche-biographie.de/downloadImage?image=/images/d/d6/Marlene-dietrich-ernst-lubitsch-1937.jpg)<figcaption class="text-muted"><small>Marlene Dietrich und Ernst Lubitsch, Imago Images ([InC](https://rightsstatements.org/page/InC/1.0/?language=de)) </small></figcaption></figure></div></div></div><span class="bold">Ausbildung und Anfänge am Theater</span>

Dietrich besuchte seit 1907 Schulen in Berlin und Dessau, ehe sie im Frühjahr 1918 die Berliner Victoria-Luisen-Schule ohne Abschluss verließ. Für die Filmschauspielerin [Henny Porten (1890–1960)](https://www.deutsche-biographie.de/118817272.html) schwärmend, spielte sie Violine in den Orchestern von Stummfilmkinos. Auf Veranlassung der Mutter besuchte Dietrich seit Herbst 1920 ein Mädchenpensionat in Weimar und erhielt Privatunterricht als Konzertgeigerin bei [Robert Reitz (1884–1951)](https://www.deutsche-biographie.de/11643273X.html). 1921 studierte sie kurze Zeit Violine an der Berliner Hochschule für Musik. Nach ihrer Ablehnung an der Schauspielschule von [Max Reinhardt (1874–1943)](https://www.deutsche-biographie.de/118599380.html) nahm sie Schauspielunterricht bei [Berthold Held (1868–1931)](https://www.deutsche-biographie.de/116681780.html) und spielte von Juni 1922 bis 1929 in ca. 26 Theaterstücken in Berlin und Wien meist kleine und mittlere Rollen in Komödien sowie in einigen Dramen u. a. [Frank Wedekinds (1864–1918)](https://www.deutsche-biographie.de/118629867.html), [William Shakespeares (1564–1616)](https://www.deutsche-biographie.de/118613723.html) und [Heinrich von Kleists (1777–1811)](https://www.deutsche-biographie.de/118563076.html).

<span class="bold">Von Berlin nach Hollywood</span>

Im Juli 1922 erhielt Dietrich eine erste kleine Rolle in dem Kinofilm „So sind die Männer“ unter der Regie von [Georg Jacoby (1882–1964)](https://www.deutsche-biographie.de/119410974.html). Im selben Jahr engagierte sie der Produktionsleiter [Rudolf Sieber (1897–1976)](https://www.deutsche-biographie.de/1329905504.html), den sie 1923 heiratete, für den mehrteiligen Film „Tragödie der Liebe“ unter der Regie von [Joe May (1880–1954)](https://www.deutsche-biographie.de/119002361.html), worauf weitere Engagements in Stummfilmen folgten. Einen ersten Erfolg hatte sie 1928 mit der Revue und der Schallplattenaufnahme des Liedes „Es liegt in der Luft“ von [Mischa Spoliansky (1898–1985)](https://www.deutsche-biographie.de/117485578.html).

Im September 1929 wurde der Regisseur [Josef von Sternberg (1894–1969)](https://www.deutsche-biographie.de/118753630.html) bei einer Aufführung von [Georg Kaisers (1878–1945)](https://www.deutsche-biographie.de/118559427.html) Revue „Zwei Krawatten“ am Berliner Theater auf Dietrich aufmerksam und engagierte sie für den Ufa-Tonfilm „Der blaue Engel“ (1930), basierend auf [Heinrich Manns (1871–1950](https://www.deutsche-biographie.de/118577131.html)) Roman „Professor Unrat“. An der Seite von [Emil Jannings (1884–1950)](https://www.deutsche-biographie.de/118556932.html) machte sie in der weiblichen Hauptrolle der Varietésängerin Rosa Fröhlich, genannt Lola Lola, Furore; legendär wurde dabei ihre Interpretation der Lieder [Friedrich Hollaenders (1896–1976)](https://www.deutsche-biographie.de/118706489.html), v. a. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Im „Blauen Engel“ verkörperte sie die Frauenfigur, für die sie in den folgenden Jahren berühmt wurde: eine unabhängige, freche, erotisch aktive Frau, die sich ihre männlichen Begleiter selbst aussucht.

Am 13. Februar 1930 wurde Dietrich von der US-amerikanischen Produktionsgesellschaft Paramount Pictures unter Vertrag genommen und übersiedelte im April in die USA. Dort drehte sie unter Sternbergs Regie an der Seite von [Gary Cooper (1901–1961)](https://www.deutsche-biographie.de/118522043.html) das Liebesdrama „Morocco“ (1930), den Spionagefilm „Dishonored“ (1931) sowie den Abenteuer- und Liebesfilm „Shanghai Express“ (1932). Vor allem „Morocco“ und „Shanghai Express“ wurden Welterfolge und machten Dietrich zum internationalen Star. Zahlreiche außereheliche Liebesaffären brachten sie in die Klatschspalten internationaler Zeitschriften; auch ihr männlicher Kleidungsstil sorgte für Aufsehen.

Nach dem Misserfolg von Sternbergs Film „Blonde Venus“ (1932) mit Dietrich spielte sie unter der Regie von [Rouben Mamoulian (1897–1987)](https://www.deutsche-biographie.de/119464691.html) die Sängerin Lilly Czepanek in „Song of Songs“ (1933) und unter der Regie Sternbergs Katharina die Große in „The Scarlett Empress“ (1934) sowie die Tänzerin Concha Pérez in „The Devil is a Woman“ (1935). Die Filme Sternbergs bilden das zentrale Korpus des Dietrich-Mythos. Aus der Rolle der unbeschwert-lebenslustigen Lola Lola entwickelte er eine lebenserfahrene Frau, die die Männer beherrscht. Nachdem ihre letzten beiden Filme kommerzielle Flops gewesen waren, beendete Sternberg die Zusammenarbeit mit Dietrich 1935. Paramount Pictures lieh Dietrich 1936 an den Produzenten [David O’Selznick (1902–1965)](https://www.deutsche-biographie.de/11861312X.html) aus, der mit ihr den ersten Technicolor-Film drehte, die Romanze „Garden of Allah“ (1936). 1937 lehnte sie ein Angebot ab, für Filmproduktionen der Universum Film AG (Ufa) nach Deutschland zurückzukehren.

Den Sommer 1938 verbrachte Dietrich mit dem Schriftsteller [Erich Maria Remarque (1898–1970)](https://www.deutsche-biographie.de/118599631.html) an der Côte d’Azur. Im März 1937 beantragte sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, die sie 1939 erhielt; für Remarque besorgte sie ein einjähriges Visum für die USA, anderen Emigranten und Verfolgten des NS-Regimes half sie mit Geld und ihren Beziehungen. Im Juli 1939 offerierte ihr der Produzent [Joe Pasternak (1901–1991)](https://www.deutsche-biographie.de/1062193342.html) die weibliche Hauptrolle in der Westernkomödie „Destry Rides Again“ (1939) neben [James Stewart (1908–1997)](https://www.deutsche-biographie.de/118618059.html). Mit Liedern wie „Joe the Wrangler“ und „See What the Boys in the Backroom Will Have“ veränderte sie ihr Image von der europäisch anmutenden Diva und Salonlöwin zu einer dem US-amerikanischen Publikumsgeschmack entsprechenden pragmatischen Frau. Der Film wurde ein Erfolg und verhalf Dietrich zum Comeback in den USA. Im Liebesfilm „Seven Sinners“ (1940) besingt sie in einem weißen Marineanzug die Männer der US-Navy und eroberte an der Seite von [John Wayne (1907–1979)](https://www.deutsche-biographie.de/118629603.html) die Herzen des Publikums. Seit 1941 hatte Dietrich eine mehrjährige Liebesbeziehung mit [Jean Gabin (1904–1976)](https://www.deutsche-biographie.de/118536982.html).

<span class="bold">Truppenbetreuung im Zweiten Weltkrieg und Rückkehr in das Filmgeschäft</span>

Nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg Ende 1941 reiste Dietrich mit Liedern aus ihren Filmen auf einer Werbetournee für Kriegsanleihen mehr als ein Jahr durch die USA. Im April 1944 schloss sie sich der United Service Organizations (USO) an, die hinter den Kriegsfronten für die Unterhaltung der US-amerikanischen Soldaten sorgte. Von April bis Juni 1944 sang und spielte sie in Nordafrika und Europa vor rund 150 000 Soldaten; zum festen Bestandteil ihres Repertoires gehörte das Soldatenlied „Lilli Marleen“. Eine zweite Tour führte sie von September 1944 bis Juli 1945 nach England, Frankreich, Deutschland und bis nach Pilsen (Tschechoslowakei).

Im Frühsommer 1945 kehrte Dietrich nach Hollywood zurück. Der Regisseur [Billy Wilder (1906–2002)](https://www.deutsche-biographie.de/118632795.html) gewann sie für die Hauptrolle in „A Foreign Affair“ (1948). Die bittere Komödie über das deutsch-US-amerikanische Verhältnis im Spiegel einer Dreiecksbesitzung im besetzten Berlin der Nachkriegszeit wurde wegen seiner politischen Brisanz in der Bundesrepublik nicht aufgeführt und erstmals 1977 im Fernsehprogramm der ARD ausgestrahlt.

<span class="bold">Revueauftritte und späte Filmkarriere</span>

1953 konzipierte Dietrich für das Sahara-Hotel in Las Vegas (Nevada, USA) eine 20minütige Show mit Liedern aus ihren Filmen, die in den folgenden Jahren aufgrund des großen Erfolgs ausgebaut wurde und mit der sie bis 1974 weltweit auf Tournee ging. Der Kostümbildner [Jean Louis (1907–1997)](https://www.deutsche-biographie.de/1020511613.html)entwarf für sie ein „nacktes Kleid“, was einen Skandal auslöste. 1960 trat sie mit ihrer Revue in der Bundesrepublik auf und wurde wegen ihrer Unterstützung für die US-Armee während des Zweiten Weltkriegs angefeindet. Sie erhielt Drohbriefe, und ihre Konzerte wurden teilweise von Demonstrationen gegen ihre Person überschattet. 1962 sprach sie den Kommentar zu „The Black Fox“, einer britischen Dokumentation über den Aufstieg und Fall [Adolf Hitlers (1889–1945)](https://www.deutsche-biographie.de/118551655.html).

Dietrich drehte seit Beginn der 1950er Jahre nur noch wenige Kinofilme. In Wilders „Witness for the Prosecution“ (1957) spielte sie die weibliche Hauptrolle, in [Orson Welles (1915–1985)](https://www.deutsche-biographie.de/118630822.html) „Touch of Evil“ (1958) verkörperte sie eine Wahrsagerin. Zur Berliner Weltpremiere von „Judgment at Nuremberg“ am 14. Dezember 1961 reiste Dietrich nicht an, da sie mit ihren Shows beschäftigt war und sich öffentliche Demonstrationen gegen ihre Person ersparen wollte. Ihr musikalischer Leiter [Burt Bacharach (1928–2023)](https://www.deutsche-biographie.de/12876290X.html) arrangierte für sie 1962 u. a. den Song „Where Have All the Flowers Gone“ von [Pete Seeger (1919–2014)](https://www.deutsche-biographie.de/11925557X.html), der in Dietrichs englischer, deutscher und französischer Interpretation ein Welterfolg wurde. Unter dem Titel „I Wish You Love“ wurde eine Aufzeichnung ihrer Bühnenshow 1973 in Großbritannien und den USA im Fernsehen ausgestrahlt.

Nachdem sich Dietrich am 29. September 1975 in Sidney (Australien) bei einem Unfall einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen hatte, konnte sie nicht mehr auf der Bühne auftreten. Seitdem zog sie sich in ihre Pariser Wohnung zurück. Der Regisseur und Produzent [Rolf Thiele (1918–1994)](https://www.deutsche-biographie.de/138680965.html) bewegte sie 1978 zu einem Kurzauftritt in seinem Film „Schöner Gigolo, armer Gigolo“, in dem sie das gleichnamige Lied sang. Der Dokumentarfilm „Marlene“ (1984) mit Interviewsequenzen Dietrichs mit [Maximilian Schell (1930–2014)](https://www.deutsche-biographie.de/119528967.html) gilt als einzigartiges Dokument ihrer Verweigerung gegenüber der Öffentlichkeit in den letzten Lebensjahren.

##### 9. Albert Einstein

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/ywCimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/ywCimage.jpeg)

Selten wohl hat ein Mensch das „Gesetz, danach er angetreten“ so zwingend in sich gefühlt und ist ihm, zunächst in kindlicher Unbewußtheit, allen äußeren Einflüssen zum Trotz gefolgt, wie <span class="abbr" title="Einstein">E.</span>. Als gereifter Gelehrter erinnerte er sich noch einiger Gedanken aus seiner Kindheit, die deutlich den Zug zu dem verraten, was wir heute Relativitätstheorie nennen. Von allem Wissensstoff, den das Gymnasium vermittelte, berührte ihn näher einzig und allein die euklidische<span class="pb" title="Seite im Original 405">|</span>Geometrie; noch im Alter pries er sie begeistert als eine notwendige Vorstufe für jede Beschäftigung mit theoretischer Physik, weil sie die innere Konsequenz, die Geschlossenheit besitzt, welche für die Physik das anzustrebende, wenn auch nie völlig zu erreichende Ziel ist. Zu dieser Veranlagung kam eine ebenso früh scharf ausgeprägte und mit den damaligen Zuständen keineswegs konforme politische Einstellung, die sich wohl zum Teil aus seiner jüdischen Abkunft erklärt. Zum „guten Schüler“ eignete er sich unter diesen Umständen wenig und hatte darunter zu leiden; seine Schulzeit verlief irregulär und hätte dies wohl auch getan, wenn die Umzüge seiner Eltern, von Ulm nach München, dann nach Pavia und Mailand, nicht dazu beigetragen hätten. 1894 verließ er eigenmächtig das Münchener Luitpoldgymnasium, besuchte dann ein Jahr eine internationale Schule in Mailand und meldete sich 1895 bei der <abbr title="Technischen Hochschule">TH</abbr> Zürich für das mathematisch-physikalische Fachlehrerstudium. Diese erste Bewerbung gelang nicht, sondern erst eine zweite 1896, nachdem er gewisse Lücken seiner Bildung auf der Aargauischen Kantonschule in Aarau ausgefüllt hatte. Aber auch das Studium gab ihm, was er suchte, nur unvollkommen. Eigentlich hörte er nur mathematische Vorlesungen, und auch diese unregelmäßig, während ihm das physikalische Praktikum freilich die unmittelbare Berührung mit der Erfahrung gab, die ihren Eindruck auf ihn nicht verfehlte. Hauptsächlich aber holte er sich die ihm zusagenden Kenntnisse autodidaktisch aus den Werken von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70096.html)Helmholtz, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70359.html)Kirchhoff, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz8419.html)Clausius, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz7362.html)Boltzmann, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz10761.html)Planck und anderen. Zum Diplomexamen, welches er 1900 (keineswegs schlecht) bestand, mußte er sich freilich, wie jeder, auch anders vorbereiten. Der „Wust“, den er dabei wohl oder übel verarbeiten mußte, verleidete ihm für ein ganzes Jahr das weitere Lernen. Von seinen Lehrern hat auch auf der Hochschule keiner geahnt, was in ihm steckte.

Auch sonst war dieses Jahr für ihn schwer wegen seiner Mittellosigkeit. Er versuchte es mit verschiedenen Aushilfestellungen, konnte aber erst festen Fuß fassen, als er 1901 durch Empfehlungen, die auf einen seiner Studienkameraden zurückgingen, beim eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum (das heißt dem Patentamt) in Bern als wissenschaftlicher Expert angestellt wurde. Dieses Amt sicherte ihn materiell und ließ ihm doch noch genug Zeit, seinen eigenen Ideen nachzuhängen.

Jetzt kam seine Genialität zur Entfaltung. Auf einige methodisch interessante Arbeiten über Brownsche Molekularbewegung und andere thermodynamische Schwankungen folgten in dem einen Jahr 1905 zwei Veröffentlichungen, die für fast alle weitere Forschung <span class="abbr" title="Einstein">E.</span>s grundlegend waren und heute zum festen Bestand der Wissenschaft gehören. Sie betrafen zwei ganz verschiedene Gebiete der Physik, nämlich die Quanten- und die Relativitätstheorie.

Die Quantentheorie hatte Planck 1900 begründet, als er das Verteilungsgesetz der Energie im Spektrum der Hohlraumstrahlung aufstellte. Dabei mußte er im Gegensatz zu aller älteren Physik den Gedanken zugrunde legen, daß die Energie eines Oszillators sich nicht stetig verändern kann, sondern nur um diskrete Stufen, deren Höhe durch die Schwingungszahl des Oszillators und eine von ihm neu entdeckte, universelle Konstante, das elementare Wirkungsquantum h, bestimmt ist. Das hatte zunächst wenig Beachtung, noch weniger Glauben gefunden. <span class="abbr" title="Einstein">E.</span> griff nun diese Idee auf und schuf, ohne Rücksicht auf die wohlbewährte Wellentheorie des Lichtes, den Begriff des Lichtquants, eines Atoms der strahlenden Energie, dessen Energieinhalt gerade einer Energiestufe eines Oszillators von derselben Schwingungszahl wie das Licht entspricht. Strahlung ist danach nichts anderes als eine Gesamtheit von Lichtquanten. Diese Auffassung stützte sich auf mehrere bislang unerklärte Beobachtungen, zum Beispiel das Stokessche Gesetz für das Fluoreszenzlicht, dessen Schwingungszahl stets kleiner ist als die des erregenden Lichtes, und jene von Lenard entdeckte Tatsache, daß die Energie der im lichtelektrischen Effekt freigesetzten Elektronen nur von der Schwingungszahl des Lichtes, nicht von seiner Intensität abhängt. <span class="abbr" title="Einstein">E.</span> konnte sogar voraussagen, daß diese Energie eine lineare Funktion der Schwingungszahl sein muß, was spätere Messungen vollauf bestätigen. Auf die Plancksche Berechnung der mittleren Energie eines Oszillators als Funktion der Temperatur führte <span class="abbr" title="Einstein">E.</span> 1907 den Abfall der spezifischen Wärme fester Körper mit sinkender Temperatur zurück, und 1912 stellte er in diesem Zusammenhang das photochemische Äquivalenzgesetz auf, demzufolge der primäre Elementarakt der Photochemie in der Absorption <span class="spaced">eines</span> Lichtquantes durch ein Molekül und der entsprechenden chemischen Umsetzung besteht, auf die freilich im allgemeinen noch viele mehr oder minder verwickelte Folgereaktionen folgen. Auch diese Theorie hat schließlich im Experiment volle Bestätigung gefunden. Die Idee des Lichtquants gehört heute zu dem erprobten Rüstzeug der Quantentheorie.

Die zweite, vielleicht noch größere Leistung aus jenem Schicksalsjahr 1905 war die Grundlegung der Relativitätstheorie. Das 19. Jahrhundert hatte zu Beginn die Wellentheorie des Lichtes gesichert und die Geschwindigkeit des Lichtes mit immer wachsender Genauigkeit gemessen, sowohl gegenüber der Erde als auch gegenüber dem Planetensystem. Die Übereinstimmung beider Messungen war aber auf Grund der klassischen Physik unverständlich, da sich die Erde doch im Planetensystem bewegt. Zahllos waren die Experimente, welche diese Problematik klären sollten, kaum weniger zahlreich die theoretischen Ansätze dazu. Da man seit [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn11873220X.html)Clerk Maxwell und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70132.html)Heinrich Hertz das Licht als elektromagnetische Wellen ansah, spielten auch elektromagnetische Versuche dabei mit. Bald nach 1900 hatten Forscher wie [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz106948.html)H. A. Lorentz und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74547.html)Henri Poincaré beachtliche Gesichtspunkte zu dieser Frage aufgestellt, ohne jedoch zu völlig befriedigendem Ergebnis zu gelangen.

<span class="abbr" title="Einstein">E.</span>, der viel dachte, aber wenig las und infolgedessen anfangs von diesen seinen Vorgängern nichts wußte, faßte das Problem von der grundsätzlichen Seite an. Er <span class="spaced">forderte</span> ein Relativitätsprinzip, demzufolge es eine Vielzahl von gleichberechtigten Bezugssystemen in der Physik gibt, in denen genau dieselben Naturgesetze herrschen, also zum Beispiel auch die Lichtgeschwindigkeit denselben Wert hat. Diese Bezugssysteme haben gegeneinander gleichförmige Bewegungen ohne Drehung; ihre gegenseitigen Geschwindigkeiten liegen stets unter der des Lichtes. Die entscheidende Frage, wie man die räumlichen Koordinaten vom einen zum anderen Bezugssystem umzurechnen hat, beantwortet die Lorentztransformation, so genannt, weil sie schon bei [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz106948.html)H. A. Lorentz auftrat, ohne daß dieser das Relativitätsprinzip in seinem ganzen Umfang erkannt hätte. Dabei wird aber auch die Zeit umgerechnet. Zwei Ereignisse, die in einem Bezugssystem gleichzeitig sind, sind in einem anderen im allgemeinen ungleichzeitig. Und die Längen zweier Stäbe stimmen in verschiedenen Bezugssystemen nicht überein. Vor solchen Folgerungen hätte wohl jeder zurückgeschreckt, hätte nicht <span class="abbr" title="Einstein">E.</span> gezeigt, daß sie sich ganz anschaulich herleiten lassen, wenn man bedenkt, daß man Signale vom einen zum anderen Raumpunkt höchstens mit Lichtgeschwindigkeit übertragen kann. In dieser Kritik der Raum- und Zeitmessung lag das unerhört Neue dieser speziellen Relativitätstheorie. Über die Relativität der Gleichzeitigkeit ist jahrzehntelang erbittert gekämpft worden.

Eine weitere, Widerspruch herausfordernde Folgerung war das <span class="abbr" title="Einstein">E.</span>sche Additionstheorem der Geschwindigkeiten, demzufolge die Zusammensetzung einer Lichtgeschwindigkeit mit einer beliebigen anderen wieder Lichtgeschwindigkeit ergibt, übrigens eine notwendige Konsequenz der Voraussetzung, daß die Lichtgeschwindigkeit in allen Bezugssystemen die gleiche ist. Sodann trat an die Stelle der Newtonschen Dynamik eine relativistische, bei der Energie und Impuls eines beschleunigten Körpers über alle Grenzen wachsen, wenn sich dessen Geschwindigkeit der des Lichtes nähert. Erreichung der Lichtgeschwindigkeit ist danach ausgeschlossen. Diese Dynamik bestätigten bald genaue Messungen über die Ablenkbarkeit von Elektronen im elektrischen oder magnetischen Feld; heute beruht die Konstruktion der großen Teilchenbeschleuniger (Zyklotron, Linearbeschleuniger und so weiter) auf der relativistischen Dynamik, die sich dabei vollauf bewährt.

Als kleinen Nachtrag zu dieser ersten Veröffentlichung brachte dann dasselbe Jahr 1905 noch <span class="abbr" title="Einstein">E.</span>s Gesetz von der Trägheit der Energie. Die Masse eines Körpers ist danach gleich seinem Energieinhalt, dividiert durch das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit. Dieses Gesetz hat Geschichte gemacht. Schien es anfangs in der Natur keine besondere Rolle zu spielen, so hat es sich später als eine Grundlage der Physik der Atomkerne herausgestellt und in der Atombombe eine wahrlich durchschlagende Bestätigung gefunden.

Diese beiden großen Entdeckungen <span class="abbr" title="Einstein">E.</span>s von 1905 machten ihn, trotz aller gegen sie erhobenen Zweifel, sogleich berühmt. Zwar weigerte sich die Berner Universität noch 1906, ihn auf Grund der Relativitätstheorie zu habilitieren; sie holte das aber 1907 auf Grund einer anderen Habilitationsschrift nach. Dann kamen die Berufungen in rascher Folge: 1909 an die Universität Zürich, 1911 an die Universität Prag und 1912 an die <abbr title="Technische Hochschule">TH</abbr> Zürich. Hier war er zu Vorlesungen über theoretische Physik verpflichtet. Davon befreite ihn 1913 eine Berufung an die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin, an der er hauptamtliches Mitglied wurde, mit Lehrberechtigung an der Universität, aber ohne Verpflichtung dazu. 1914 wurde er Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin. Diese Stellungen behielt er bis 1933 bei.

Das Vertrauen, das sich in dieser Berufung aussprach, rechtfertigte <span class="abbr" title="Einstein">E.</span> vollauf. Denn neben mancher anderen wertvollen Arbeit vollendete er 1915 sein größtes Werk: die allgemeine Relativitätstheorie, die ihn schon<span class="pb" title="Seite im Original 407">|</span>seit 1907 beschäftigt hatte. Die spezielle Relativitätstheorie enthielt nämlich keine Begründung für die Existenz der allgemeinen, Newtonschen Massenanziehung, insbesondere fehlte es ihr wie der früheren Physik überhaupt an einer Deutung jenes empirisch wohlbestätigten Gesetzes von der Gleichheit von träger Masse, wie sie im Newtonschen Bewegungsgesetz auftritt, und der schweren Masse, welche für die Anziehung verantwortlich ist. Durch eine kühne Opferung der euklidischen Geometrie, welche die gesamte Physik seit den ältesten Zeiten als selbstverständliche Grundlage aller Raummessung betrachtet hatte, und geeignete Übernahme der Grundideen der speziellen Relativitätstheorie gelang es <span class="abbr" title="Einstein">E.</span>, beide Mängel zu beseitigen, ohne etwas Wesentliches von den älteren physikalischen Ergebnissen zu opfern. Aber mehr noch: Zwangsläufig ergaben sich aus dieser neuen Theorie 3 astronomische Effekte, von denen der eine, die Perihelbewegung des Planeten Merkur, schon lange bekannt, aber unerklärt war, während die Lichtablenkung an der Sonne erst 1919 auf <span class="abbr" title="Einstein">E.</span>s Anregung hin von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz116558.html)Eddington entdeckt und die Verschiebung der Spektrallinien nach manchen Mißerfolgen schließlich an Fixsternen besonders großer Dichte festgestellt wurde. Die Auffindung der Lichtablenkung hob den Ruhm <span class="abbr" title="Einstein">E.</span>s fast ins Übermenschliche. Und er wuchs noch weiter, als die allgemeine Relativitätstheorie noch für eine andere rätselhafte astronomische Beobachtung eine plausible Deutung fand, nämlich die aus den Dopplereffekten von [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn119183684.html)E. Hubble und anderen erschlossene Fortbewegung ferner Milchstraßensysteme (im allgemeinen Nebel genannt) von unserem eigenen galaktischen System. Diese Theorie eröffnete nämlich die Möglichkeit, den dreidimensionalen Raum als einen Kugelraum von ständig wachsendem Radius anzusehen, was dann selbstverständlich zu wachsenden Abständen zwischen allen Körpern, führt. Eine ganz neue Kosmologie bahnt sich hier an.

Aber mit dem Ruhm wuchs auch die Anfeindung. Zwar im 1. Weltkrieg gewannen dessen Aufregungen und Nöte keinerlei Einfluß auf <span class="abbr" title="Einstein">E.</span>s Produktivität. Er hatte sein Inneres gut abgeriegelt gegen äußere Einwirkungen. Aber nach dem Zusammenbruch des deutschen Reiches 1918 schwoll eine Welle von ungehemmtem Nationalismus, vermischt mit Antisemitismus an und wandte sich auch gegen <span class="abbr" title="Einstein">E.</span>, dessen andersartige politische Denkart aus der Kriegszeit her bekannt war. Es bildete sich in Berlin zum Beispiel eine Gesellschaft der Einsteingegner mit dem Ziel, seine Wissenschaft in öffentlichen Versammlungen anzugreifen; allerdings kamen davon nur zwei wirklich zustande. Auch dies machte ihm keinen Eindruck. Aber allmählich kam die Hitlersche Bewegung auf, welche alsbald zu Gewalttaten gegen Juden und politisch anders Denkende überging. Das erforderte Vorsicht, und so verließ <span class="abbr" title="Einstein">E.</span>Ende 1932 Deutschland. Wie berechtigt dies war, zeigte sich alsbald nach der sogenannten Machtergreifung vom 30.1.1933. Nun plante die „Partei“ den Ausschluß <span class="abbr" title="Einstein">E.</span>s aus der Preußischen Akademie, und zwar zum Tage des Judenboykotts vom 1.4.1933. <span class="abbr" title="Einstein">E.</span> kam ihm zuvor, indem er von Belgien aus seinen Austritt erklärte. Er hat Deutschland nie mehr betreten, wanderte vielmehr über England nach den Vereinigten Staaten von Amerika aus.

In Princeton, jener hübschen kleinen Universitätsstadt, erhielt er ein Amt an dem Institute for Advanced Study, welches ihm dieselbe Freiheit von Lehrverpflichtungen gewährte wie die Berliner Stellung. Dort hat er, abgesehen von einigen Reisen auf dem amerikanischen Kontinent, den Rest seines Lebens verbracht. Zu seinen wesentlichen Beschäftigungen gehörte ein vergebliches Ringen um ein Verständnis der Quantentheorie, wie sie sich in den 20er Jahren durch Wellenmechanik und so weiter entwickelt hatte. Aber kurz vor seinem Tode gestand er als ein Ergebnis lebenslangen Grübelns ein, daß man von einem Verständnis der atomaren Vorgänge noch viel weiter entfernt sei, als es die meisten Physiker zugeben wollten. Ferner versuchte er weitere Verallgemeinerungen der Relativitätstheorie, um in ihren nun die gesamte Mechanik und Gravitation umfassenden Bau auch die elektromagnetischen Vorgänge einzubeziehen. Trotz unsagbarer Mühe und Geduld blieb ihm auch hier wohl ein Erfolg versagt.

Außerdem aber besaßen jetzt seine politischen Sorgen ein Übergewicht. Selbstverständlich rüttelten ihn Hitlers Judenverfolgungen auf, ja, er fühlte sich vielleicht jetzt erst so recht diesem unglücklichen Volke angehörig. Aber soviel er auch im Einzelnen tat, hervorgetreten ist er an einer entscheidenden Stelle nur einmal; als nämlich die wissenschaftliche Forschung die Möglichkeit einer Atombombe ergeben hatte, und man in Amerika vielfach befürchtete, eine solche werde in Deutschland hergestellt werden, legte ihm [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz130140.html)Leo Szilard, damals in Chicago (früher in Berlin), ein an den Präsidenten [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz130150.html)Roosevelt zu richtendes Schreiben vor, in welchem die amerikanische Regierung aufgefordert wurde, die zur Produktion solcher Bomben notwendigen Vorkehrungen sofort in Gang zu setzen. Und <span class="abbr" title="Einstein">E.</span> unterschrieb.

An den weltgeschichtlichen physikalisch-technischen Arbeiten zur Verwirklichung hat er freilich nicht persönlich teilgenommen, die Anwendung der Bombe über Hiroshima und Nagasaki nicht gebilligt. Als Pazifist, der er mit aller Entschiedenheit war, hat er nach Kriegsende nicht aufgehört, seine Stimme gegen weitere Verwendung der Bombe zu erheben wie gegen alle Kriegsrüstung. Daneben aber wandte er sich als alter Freiheitskämpfer auch gegen alle Gesinnungsforschung, wie sie einige Jahre hindurch unter der Ägide des Senators [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118575678.html)McCarthy in den Vereinigten Staaten im Gange war. Konnte er das Ende dieser Bewegung auch noch erleben, so blieb ihm doch in der Politik, ebenso in der Wissenschaft, so mancher Wunsch unerfüllt. Immerhin, auf dem Sterbebett konnte er mit vollem Recht sagen: „Meine Arbeit ist getan“.

<span class="abbr" title="Einstein">E.</span>s leidenschaftliches Forschungsbedürfnis zeigte sich auch in seinen Gesprächen mit Fachgenossen; er war unermüdlich in der Auseinandersetzung der ihn gerade beschäftigenden Gedanken. Daneben ging er gern, namentlich in höheren Jahren, auf Politik, soziale Verhältnisse, aber auch religiöse Fragen ein, in denen er einen durchaus eigenen Standpunkt einnahm. Er liebte die Musik, namentlich [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz7298.html)Bach und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70756.html)Mozart, spielte von Jugend auf Violine und war für Hauskonzerte gesucht. In seinen letzten Jahren, als sich allerhand Altersleiden eingestellt hatten, zog er sich mehr und mehr in sein schönes Heim in Princeton zurück. Besucher, die vorgelassen wurden, konnten ihn dann antreffen meditierend, lesend oder auch im Gespräch mit einem seiner jungen Mitarbeiter. Leiden ertrug er mit Geduld, den Tod erwartete er bei voller Besinnung in altgewohnter Seelenruhe. Denn er war nicht nur ein wissenschaftliches Genie, sondern auch ein in sich gefestigter Charakter.<abbr title="gestrichen:  – [d. Red.]">|</abbr>

##### 10. Werner Heisenberg

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/r03image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/r03image.jpeg)

1901 – 1976

Theoretischer Physiker

Werner Heisenberg war einer der wichtigsten Physiker des 20. Jahrhunderts. 1925 begründete er die Quantenmechanik und trug mit seiner Unschärferelation (1927) wesentlich zur Deutung dieser Theorie bei. Er war einer der Begründer der Quantenfeldtheorie und der Kernphysik. Während des Zweiten Weltkriegs leitete er die Kernforschung im nationalsozialistischen Deutschland. Nach 1945 war er als Wissenschaftsorganisator führend beim Wiederaufbau der Wissenschaften in der Bundesrepublik.

<span class="bold">Ausbildung</span>

1910 zog Heisenberg mit seiner Familie nach München, wo er das von seinem Großvater geleitete Maximiliansgymnasium besuchte. Für den Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg zu jung, beteiligte er sich 1919 als Freiwilliger an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik, ohne an Kampfhandlungen teilzunehmen.

Nach dem Abitur 1920 studierte Heisenberg Physik an der Universität München und wurde hier 1923 bei [Arnold Sommerfeld (1868–1951)](https://www.deutsche-biographie.de/11861553X.html) mit einer Dissertation, die sich mit dem Problem der Turbulenz beschäftigte, zum Dr. phil. promoviert. Im Herbst 1923 trat er eine Stelle als Assistent bei [Max Born (1882–1970)](https://www.deutsche-biographie.de/118513621.html) an der Universität Göttingen an, habilitierte sich im Sommer 1924 mit einer Arbeit zum Zeeman-Effekt für Theoretische Physik und erhielt nach einem kurzen Besuch im Frühjahr 1924 von [Niels Bohr (1885–1962)](https://www.deutsche-biographie.de/118661051.html) das Angebot, mit einem Stipendium nach Kopenhagen zu kommen. Von Born freigestellt, blieb Heisenberg von September 1924 bis April 1925 an Bohrs Institut.

<span class="bold">Heisenberg in Göttingen, Kopenhagen und Leipzig</span>

Zurück in Göttingen, beschäftigte sich Heisenberg mit der Berechnung von spektralen Intensitäten, eine Fragestellung, die ihn zur Quantenmechanik führte. Anfang Juni 1925 brach er zu der legendenumwobenen Reise nach Helgoland auf, während der er weitere Durchbrüche auf dem Weg zur Quantenmechanik erzielte. Am 9. Juli vollendete Heisenberg, wieder in Göttingen, das Manuskript „Über quantentheoretische Umdeutung kinematischer und mechanischer Beziehungen“ (publiziert im September 1925), mit dem die Quantenmechanik begründet wurde.

In der rasanten Entwicklung der Quantenmechanik zwischen 1925 und 1927 spielte Heisenberg eine zentrale Rolle. Noch 1925 verfasste er mit Born und [Pascual Jordan (1902–1980)](https://www.deutsche-biographie.de/117182826.html) die sog. Dreimännerarbeit, in der die von Born und Jordan auf Grundlage von Heisenbergs Umdeutung entwickelte Matrizenmechanik zu einer allgemeineren Theorie weiterentwickelt wurde, mit der sich im Prinzip beliebig komplizierte mechanische Systeme quantentheoretisch behandeln ließen. Im Frühjahr 1926 trat Heisenberg auf Einladung Bohrs eine Stelle in Kopenhagen an. Hier schrieb er grundlegende Arbeiten zur Anwendung der Quantenmechanik auf Mehrkörperprobleme, wie das Helium-Atom. Aus der quantenmechanischen Analogie zwischen den Zweielektronensystemen Helium-Atom und Wasserstoff-Molekül schloss Heisenberg, dass es nicht nur Ortho- und Parahelium, sondern auch Ortho- und Para-Wasserstoff-Moleküle gebe. Diese 1929 bestätigte Vorhersage allotroper Formen des Wasserstoffs lieferte die offizielle Begründung für die Zuerkennung des Nobelpreises für Physik 1933 nachträglich für das Jahr 1932. Heisenberg war in Kopenhagen zentral an der Debatte über die Interpretation der Quantenmechanik beteiligt, die sich in der Auseinandersetzung mit [Erwin Schrödingers (1887–1961)](https://www.deutsche-biographie.de/118823574.html) Wellenmechanik ergab. Heisenbergs wichtigster Beitrag hierzu waren die Unbestimmtheitsrelationen, die er Anfang 1927 aufstellte (auch als Unschärferelationen oder Unschärferelation bekannt).

Im November 1927 nahm Heisenberg einen Ruf als ordentlicher Professor für Theoretische Physik an die Universität Leipzig an. Mit grundlegenden Beiträgen zu Quantenfeldtheorie und Kernphysik etablierte er, mit dem 1929 dorthin berufenen [Friedrich Hund (1896–1997)](https://www.deutsche-biographie.de/118775324.html), Leipzig als neues Zentrum quantentheoretischer Forschung. Sein erster Doktorand war 1928 der spätere Nobelpreisträger [Felix Bloch (1905–1983)](https://www.deutsche-biographie.de/119001438.html). Zu weiteren Schülern zählen [Edward Teller (1908–2003)](https://www.deutsche-biographie.de/118801589.html) und [Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007)](https://www.deutsche-biographie.de/118630717.html).

<span class="bold">Heisenberg in der Zeit des Nationalsozialismus</span>

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme setzte sich Heisenberg gegen die Entlassungen von Physikprofessoren im Rahmen des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und gegen die Übernahme wichtiger Posten durch Vertreter der „Deutschen Physik“ ein. Ansonsten hielt er sich von politischen Fragen fern. Eine Berufung an die Universität München wurde durch die politisch motivierte Ablehnung der Theoretischen Physik verhindert; Angebote für Professuren in den USA, wo er im Sommer 1939 auf Vortragsreise war, lehnte er ab. Im Kontext des Münchner Berufungsverfahrens im Juli 1937 wurde Heisenberg von Vertretern der „Deutschen Physik“ in der Wochenzeitung der SS „Schwarzer Korps“ als Vertreter der Physik [Albert Einsteins (1879–1955)](https://www.deutsche-biographie.de/118529579.html) scharf angegriffen. Nach einem Brief Heisenbergs an [Heinrich Himmler (1900–1945)](https://www.deutsche-biographie.de/11855123X.html) erfolgte eine langwierige Untersuchung durch die SS, in deren Rahmen Heisenberg im Gestapo-Hauptquartier verhört und am Ende als unpolitischer Akademiker eingestuft wurde. Himmler unterband weitere Angriffe auf ihn. Heisenberg wurde nahegelegt, in der Lehre die Nennung Einsteins Namen und anderer jüdischer Physiker zu unterlassen.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Heisenberg zum unter der Ägide des Heereswaffenamts stehenden „Uranverein“ abkommandiert. Bereits im Winter 1939/40 verfasste er zwei Geheimberichte mit Beiträgen zur Theorie des Kernreaktors und Bemerkungen zu Kernwaffen. In den folgenden Jahren betreute er experimentelle Reaktorforschung in Leipzig, später am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin, an das er als Direktor zum Juli 1942 berufen wurde. Es wurde kein funktionierender Reaktor fertiggestellt. In den letzten Kriegsjahren schrieb Heisenberg grundlegende theoretische Arbeiten zur Streutheorie, die mit Kernspaltung nichts zu tun hatten.

Heisenbergs Arbeit während des Kriegs wird in der Forschung kontrovers diskutiert. [Mark Walker (geb. 1959)](https://www.deutsche-biographie.de/111929873.html) vertritt die Ansicht, dass eine Atombombe für das Deutsche Reich außer Reichweite gewesen wäre; in dieser Gewissheit hätten die Physiker um Heisenberg ohne weitere moralische Skrupel zur Kernspaltung geforscht. Andere argumentieren, dass die Fertigstellung einer Atombombe durchaus möglich gewesen wäre, aber dass Heisenberg vor 1945 die Physik der Atombombe nicht durchdrungen hätte. Doch auch hier herrscht Uneinigkeit über die Ursachen von Heisenbergs Ahnungslosigkeit: [Paul Rose (geb. 1944)](https://www.deutsche-biographie.de/121250911.html) führt diese auf Inkompetenz und Überheblichkeit zurück, [Manfred Popp (geb. 1941)](https://www.deutsche-biographie.de/131469096.html) auf Heisenbergs Unwillen, die Bombe zu bauen.

Wegen der Bombardierung Berlins zog das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik seit Ende 1943 schrittweise nach Hechingen auf der Schwäbischen Alb um. Im April 1945 floh Heisenberg nach Urfeld (Oberbayern), wo sich seine Familie aufhielt. Anfang Mai wurde er, als einer der letzten führenden deutschen Kernphysiker, im Rahmen der US-amerikanischen Alsos-Mission verhaftet und nach zwei Monaten an verschiedenen Internierungsorten in Frankreich und Belgien mit Kollegen an den britischen Geheimdienst übergeben, der sie im Landsitz Farm Hall in Cambridgeshire unterbrachte. Hier wurden die Gespräche der zehn Internierten systematisch abgehört. In Farm Hall erfuhren diese auch vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima, womit offensichtlich wurde, dass die US-amerikanischen Forscher viel weiter gekommen waren als der Uranverein.

<span class="bold">Heisenberg in der Bundesrepublik</span>

Anfang 1946 wurden Heisenberg und seine Kollegen in die britische Besatzungszone geflogen und freigelassen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut (bald darauf: Max-Planck-Institut für Physik) wurde mit Heisenberg als Direktor in Göttingen wiederaufgebaut. In den folgenden Jahrzehnten widmete er sich seiner nicht-linearen Spinortheorie, die eine vereinheitlichte Theorie der Elementarteilchen sein sollte und von den Medien als „Weltformel“ bezeichnet wurde. Dieser Versuch gilt als gescheitert, antizipierte jedoch einige Ideen des späteren Standardmodells der Teilchenphysik, wie spontane Symmetriebrechung oder Confinement.

Obwohl Heisenberg wissenschaftlich nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen konnte, wurde er zu einer der wichtigsten Personen der Wissenschaftspolitik der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik, z. B. 1949 als Vorsitzender des Deutschen Forschungsrats, einem der Vorläufer der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Als Gründungspräsident der Alexander von Humboldt-Stiftung (1953) machte er sich um die Internationalisierung der bundesdeutschen Physik verdient. 1957 war Heisenberg Mitunterzeichner der „Göttinger Erklärung“, mit der führende Wissenschaftler erfolgreich gegen die atomare Aufrüstung der Bundesrepublik protestierten.

1958 zog das Max-Planck-Institut für Physik auf Heisenbergs Betreiben nach München um, wo er bis 1970 als Professor für Physik an der Universität wirkte. 1969 veröffentlichte er die Autobiografie „Der Teil und das Ganze“, die zu einem Bestseller wurde. Heisenberg war einer der bedeutendsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Er war nicht nur an der Entstehung der Quantenmechanik zentral beteiligt, sondern prägte ihre Weiterentwicklung und Interpretation über Jahrzehnte. Auch seine philosophischen Betrachtungen, in denen er die Quantenmechanik mit altgriechischer Naturphilosophie und einer Kritik der Moderne verband, stießen v. a. in der Bundesrepublik auf große Resonanz.

##### 11. Bertolt Brecht

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/ZHgimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/ZHgimage.jpeg)

1898 – 1956

Schriftsteller, Regisseur, künstlerischer Leiter des Berliner Ensembles

Bertolt Brecht war ein politischer Dichter, der in allen literarischen Gattungen arbeitete. Als Stückeschreiber und Regisseur revolutionierte er mit seinem „epischen Theater“ (später „dialektisches Theater“) die Bühnenkunst des 20. Jahrhunderts. Brechts Sprache ist in ihrer Kombination von Poesie, Direktheit, Traditions- und Formbewusstheit unverwechselbar. Seine Texte und sein Denken übten weit über den deutschen Sprachraum hinaus erheblichen Einfluss auf Kunst, Politik und Gesellschaft aus, weil sie die Welt als veränderungswürdig betrachten und Politisches und Künstlerisches verbinden.

<span class="bold">Augsburg oder Literarische Anfänge</span>

Brecht besuchte das Königliche Realgymnasium in Augsburg, wo er mit der Produktion literarischer Texte begann und Freundschaft mit dem späteren Bühnenbildner [Caspar Neher (1897–1962)](https://www.deutsche-biographie.de/118738356.html) schloss, mit dem er lebenslang immer wieder zusammenarbeitete. Nach dem Notabitur 1917 nahm Brecht ein Studium der Medizin an der Universität München auf, das er 1921 abbrach, um als Regisseur und Dramaturg in München, seit 1924 in Berlin zu arbeiten. In dieser Zeit baute er sich einen Freundeskreis auf, zu dem neben Neher u. a. [Marta Feuchtwanger (1891–1987)](https://www.deutsche-biographie.de/118532723.html), [Lion Feuchtwanger (1884–1958)](https://www.deutsche-biographie.de/118532715.html), [Arnolt Bronnen (1895–1959)](https://www.deutsche-biographie.de/118515691.html), [Erich Engel (1891–1966)](https://www.deutsche-biographie.de/118684647.html), [Marieluise Fleißer (1901–1974)](https://www.deutsche-biographie.de/118533886.html), [Frank Warschauer (1892–1940)](https://www.deutsche-biographie.de/122156544.html)und [Herbert Ihering (1888–1977)](https://www.deutsche-biographie.de/118708627.html) zählten.

Erste Bekanntheit erlangte Brecht bereits mit seinen Theaterstücken. Sein 1918/19 in zwei Fassungen entstandenes Erstlingsdrama „Baal“, in das er von ihm verfasste Lyrik einarbeitete, wurde 1923 unter [Alwin Kronacher (1880–1951)](https://www.deutsche-biographie.de/116553731.html) am Alten Theater in Leipzig uraufgeführt. Für „Baal“ und sein zweites, unter der Regie von [Otto Falckenberg (1873–1947)](https://www.deutsche-biographie.de/118531832.html) an den Münchner Kammerspielen 1922 uraufgeführtes Theaterstück „Trommeln in der Nacht“, in dem sich ein Soldat zwischen der Fortsetzung des Kriegs und dem Brautbett entscheiden muss, wurde er im selben Jahr mit dem renommierten Kleist-Preis ausgezeichnet. Vorstellungen der Uraufführung seines folgenden Stücks „Im Dickicht“ – das seit [Carl Eberts (1887–1980)](https://www.deutsche-biographie.de/118687565.html) Aufführung am Hessischen Landestheater 1927 unter dem Titel „Im Dickicht der Städte“ bekannt wurde – wurden 1923 im Münchner Residenztheater von Nationalsozialisten gestört.

<span class="bold">Berlin (I) oder Experiment, Politisierung und Erfolg</span>

Internationale Anerkennung erwarb Brecht mit „Die Dreigroschenoper“, einer freien Adaption von [John Gays (1685–1732)](https://www.deutsche-biographie.de/118716573.html) „Beggar’s Opera“ (1728), in der deutschen Übersetzung von Brechts Mitarbeiterin [Elisabeth Hauptmann (1897–1973)](https://www.deutsche-biographie.de/118546929.html). „Die Dreigroschenoper“, die im viktorianischen London spielt und in der Brecht den modernen Industriekapitalismus anprangerte, wurde bis 1933 in 18 Sprachen übersetzt und erlebte zahlreiche Aufführungen im In- und Ausland. Viele der darin enthaltenen Lieder, allen voran „Die Moritat von Mackie Messer“ und das „Lied von der Seeräuber Jenny“, wurden nicht zuletzt durch die Kompositionen von [Kurt Weill (1900–1950)](https://www.deutsche-biographie.de/118630202.html), der auch die Musik zu Brechts „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (1930) und „Die sieben Todsünden“ (1933) schuf, zu bekannten Schlagern.

Nachdem er sich seit 1927 als Autor, Dramaturg und politischer Denker an den Aufführungen der Ersten Piscatorbühne ([Erwin Piscator, 1893–1966](https://www.deutsche-biographie.de/118594648.html)) beteiligt hatte, experimentierte Brecht seit etwa 1930 mit sog. Lehrstücken, einer Form, die er später „Learning Play“ nannte, wobei das Lernen vor dem Lehren und das Spiel vor dem Stück betont wurden. Beim Festival „Deutsche Kammermusik Baden-Baden 1929“ wurden die Lehrstücke „Der Flug der Lindberghs“ (Musik: Kurt Weill und [Paul Hindemith, 1895–1963](https://www.deutsche-biographie.de/118551256.html)) sowie das „Lehrstück“ (später „Badener Lehrstück vom Einverständnis“, Musik: Hindemith) uraufgeführt. Berühmt und seiner politischen wie dramaturgischen Radikalität wegen umstritten ist das Lehrstück „Die Maßnahme“ (1930), für das [Hanns Eisler (1898–1962)](https://www.deutsche-biographie.de/118529692.html), mit dem Brecht ebenfalls mehrfach erfolgreich zusammenarbeitete, die Musik komponierte. Als legendär gilt das Stückfragment „Fatzer“ (auch „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“, 1926/30), ein dramaturgisches Experiment, das wiederum Erfahrungen von Krieg und Desertation verarbeitet; der Dramatiker [Heiner Müller (1929–1995)](https://www.deutsche-biographie.de/118584944.html), der es 1988 als Hörspiel mit Musik der Band „Einstürzende Neubauten“ unter dem Titel „Untergang des Egoisten Fatzer“ für den Rundfunk der DDR bearbeitete, bezeichnete es als „Jahrhunderttext“.

Mit der Erfindung des epischen Theaters – einer Spielform, die die Trennung zwischen Spielenden und dem Publikum aufheben soll – beeinflusste Brecht die Bühnenkunst in aller Welt bis in die unmittelbare Gegenwart. Brecht war immer zugleich Schriftsteller und Regisseur – ein Mann, der das Spiel liebte. Er war ein politischer Künstler, der die Welt als eine veränderbare zeigen wollte. [Walter Benjamin (1892–1940)](https://www.deutsche-biographie.de/118509039.html) charakterisierte diese Arbeit mit der Formulierung „Laboratorium Vielseitigkeit“. Brechts Arbeit zeichnet sich durch ihre Kollektivität aus.

Seit Mitte der 1920er Jahre lebte Brecht als freischaffender Schriftsteller in Berlin und schrieb neben Theaterstücken Prosa und Lyrik. Sein erster Gedichtband, eine Sammlung gegenwärtiger Balladen, Legenden und Chroniken, erschien 1927 unter dem Titel „Bertolt Brechts Hauspostille“. Brechts Freundeskreis erweiterte sich um Elisabeth Hauptmann, Kurt Weill, [Lotte Lenya (1898–1981)](https://www.deutsche-biographie.de/118779486.html), [Karl Korsch (1886–1961)](https://www.deutsche-biographie.de/118565567.html), Walter Benjamin, [Fritz Sternberg (1895–1963)](https://www.deutsche-biographie.de/118617923.html), [Sergej Tretjakow (1892–1937)](https://www.deutsche-biographie.de/118623850.html), [George Grosz (1893–1959)](https://www.deutsche-biographie.de/118542672.html), [Bernard von Brentano (1901–1964)](https://www.deutsche-biographie.de/118673858.html) und Hanns Eisler. Seit etwa Mitte der 1920er Jahre befasste sich Brecht mit dem Marxismus, wobei ihm Korsch, Sternberg und Eisler wesentliche Gesprächspartner waren. Brecht war nie Mitglied einer Kommunistischen Partei, gleichwohl gilt er als Sympathisant der Kommunisten, was in seinen Arbeiten klar erkennbar ist. Ein Beispiel entschiedener Parteinahme für die Sache des Kommunismus, die Brecht auch das „Mittlere“ oder die „Dritte Sache“ nannte, ist das nach dem Roman von [Maxim Gorki (1868–1936)](https://www.deutsche-biographie.de/118639293.html) geschriebene Stück „Die Mutter“, das 1932 mit Brechts Ehefrau [Helene Weigel (1900–1971)](https://www.deutsche-biographie.de/118630091.html) in der Hauptrolle im Komödienhaus am Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde.

In den Jahren zwischen 1930 und 1933 widmete sich Brecht, der schon als junger Autor Filmerzählungen geschrieben hatte, intensiv dem Film. Nach dem Erfolg der „Dreigroschenoper“ prozessierte Brecht gegen die Verfilmung des Stücks durch die Nero-Film A. G. (Regie: [Georg Wilhelm Pabst, 1885–1967](https://www.deutsche-biographie.de/118942387.html)), weil der Produzent das Drehbuch des Autors erheblich verändert hatte. Der Streit drehte sich um die Frage der Mitwirkung. Nachdem das Gericht Brechts Klage abgewiesen hatte, kam es zu einem Vergleich (dazu die Schrift „Der Dreigroschenprozeß“, 1931). Der kommunistische Kinoklassiker „Kuhle Wampe“, entstanden 1932 in Zusammenarbeit mit [Slatan Dudow (1903–1963)](https://www.deutsche-biographie.de/118681044.html), [Ernst Ottwalt (1901–1943)](https://www.deutsche-biographie.de/11859091X.html) und Eisler, thematisiert das Elend der Arbeitslosigkeit und Möglichkeiten kommunistischen Widerstands.

<span class="bold">Exil oder Die Geburt des Klassikers</span>

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 stand Brecht wegen seiner Nähe zu den Kommunisten auf der von [Wolfgang Herrmann (1904–1945)](https://www.deutsche-biographie.de/1102189189.html) zusammengestellten „Schwarzen Liste“, seine Bücher wurden verbrannt, er 1935 ausgebürgert. Am 28. Februar 1933 floh er mit seiner Familie und seiner Mitarbeiterin [Margarete Steffin (1908–1941)](https://www.deutsche-biographie.de/119027615.html) über Paris nach Svendborg (Dänemark), wo er seine spätere Mitarbeiterin [Ruth Berlau (1906–1974)](https://www.deutsche-biographie.de/118809849.html)kennenlernte, 1937 die Arbeit an dem Stück „Furcht und Elend des III. Reiches“ (Uraufführung 1938 in Paris) aufnahm und „Leben des Galilei“ (1938) verfasste. 1939 übersiedelte er nach Schweden, lebte in Lidingö bei Stockholm, schrieb „Der gute Mensch von Sezuan“ und publizierte die Sammlung „Svendborger Gedichte“ (beides 1939). Im April 1940 flüchtete Brecht vor den deutschen Truppen weiter nach Helsinki und verfasste hier das Stück „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ (1940) und die Hitler-Satire „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ (1941). Außerdem legte er in dieser Zeit grundsätzliche, politisch motivierte literaturtheoretische Schriften vor, so „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ (1934). Im Mai 1941 erhielt Brecht ein Einreisevisum in die USA, gelangte mit seiner Familie von Wladiwostok (Sowjetunion) aus mit dem Schiff nach Santa Monica (Kalifornien), fasste hier aber nicht, wie von ihm beabsichtigt, als Filmschriftsteller für Hollywood-Produktionen Fuß. Realisiert wurde lediglich das wesentlich von Brecht verfasste Drehbuch zu [Fritz Langs (1890–1976)](https://www.deutsche-biographie.de/118569244.html) Geiseldrama „Hangmen Also Die“ (1943). In den USA entstand 1944 Brechts letztes großes Theaterstück „Der kaukasische Kreidekreis“ (Musik: [Paul Dessau, 1894–1979](https://www.deutsche-biographie.de/118524917.html)).

Bald nachdem sein „Leben des Galilei“ als „Galileo“ 1947 in der Übersetzung und Bearbeitung von [Charles Laughton (1899–1962)](https://www.deutsche-biographie.de/118726684.html) in englischer Sprache in Santa Monica und New York City aufgeführt worden war, wurde Brecht wegen seiner politischen Auffassungen „unamerikanischer Aktivitäten“ verdächtigt und am 30. Oktober 1947 vor dem House on Un-American Activities Committee (HUAC) unter Vorsitz von Senator [Joseph McCarthy (1908–1957)](https://www.deutsche-biographie.de/118575678.html) verhört. Repressalien fürchtend, floh er am Tag nach dem Verhör mit Weigel in die Schweiz und inszenierte 1948 am Stadttheater Chur seine Fassung der „Antigone des Sophokles“ mit seiner Frau in der Hauptrolle. Als weitere wichtige theatertheoretische Schrift entstand das „Kleine Organon für das Theater“ (1948).

<span class="bold">Berlin (II) oder Die Gründung des Berliner Ensembles</span>

1948 folgten Brecht und Weigel einer Einladung des Schauspielers und Regisseurs [Wolfgang Langhoff (1901–1966)](https://www.deutsche-biographie.de/118569538.html) und der Sowjetischen Kulturadministration und remigrierten nach Berlin-Ost. Hier brachten sie sein 1939 geschriebenes Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ am 11. Januar 1949 am Deutschen Theater in Berlin-Ost auf die Bühne – wiederum mit Weigel in der Titelrolle (Musik: Paul Dessau). Zur Spielzeit 1949/50 gründeten beide das „Berliner Ensemble“, das im Deutschen Theater gastierte und 1954 dauerhaft in das ehemalige Theater am Schiffbauerdamm übersiedelte. Brecht, der sich immer als Schriftsteller und Regisseur verstand, fand hier Gelegenheit, seine im Exil entstandenen Stücke zu inszenieren. Er bearbeitete zudem Stücke u. a. von [William Shakespeare (1564–1616)](https://www.deutsche-biographie.de/118613723.html), [Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)](https://www.deutsche-biographie.de/118540238.html), [Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792)](https://www.deutsche-biographie.de/118571656.html) und kümmerte sich um die Ausbildung seiner Schülerinnen und Schüler, z. B. [Peter Palitzsch (1918–2004)](https://www.deutsche-biographie.de/119082268.html), [Benno Besson (1922–2006)](https://www.deutsche-biographie.de/118662597.html), [Käthe Rülicke (1922–1992)](https://www.deutsche-biographie.de/139818030.html), [Egon Monk (1927–2007)](https://www.deutsche-biographie.de/118815377.html), [Manfred Wekwerth (1929–2014)](https://www.deutsche-biographie.de/119282682.html) und [B. K. Tragelehn (geb. 1936)](https://www.deutsche-biographie.de/118843303.html). Bis heute sind die Stücke Brechts eine Säule der Arbeit des Berliner Ensembles. [Hannah Arendt (1906–1975)](https://www.deutsche-biographie.de/11850391X.html) nannte den Aufbau des Ensembles „vielleicht die hervorragendste kulturelle Leistung im Deutschland der Nachkriegszeit“.

Brecht betrachtete seine Theaterarbeit als Experimente, die zeigen sollten, dass die Welt geändert werden müsse. Gleichwohl ist sein Theater kein didaktisches, die Botschaft ist der Kunst nicht untergeordnet. Theater ist Spiel, es soll Spaß machen. Brechts Stücke sind Modelle gesellschaftlichen Lebens, Entwürfe von Figuren, Vorschläge für Probehandeln.

Brechts Verhältnis zur DDR war von kritischer Solidarität geprägt. Er sprach sich unmissverständlich für den sozialistischen deutschen Staat aus. Seine Arbeit wurde jedoch oft mit Argwohn betrachtet, in den Medien ignoriert oder gar zensiert. Eine Zerreißprobe für den Dichter war der Volksaufstand am 17. Juni 1953, bei dem Brecht seine Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei formulierte, aber auch die „Sichtung“, also kritische Prüfung, der sozialistischen Errungenschaften forderte. „Der 17. Juni hat die ganze Existenz verfremdet“, schrieb er in sein „Journal“ im Sommer 1953. Die Erfahrungen der größten Krise der jungen Republik verarbeitete er in seinem Gedichtzyklus „Buckower Elegien“ (1953).

Mit den Gastspielen des Berliner Ensembles auf dem Festival Théâtre des Nations in Paris 1954 und 1955 begann die ungeheure internationale Rezeption der Stücke Brechts, die Gedichte und andere Texte einschloss und ihren Höhepunkt in den 1960er und 1970er Jahren fand. In der DDR war Brecht präsent als sozialistischer Klassiker, praktisch bedeutete das eine Inanspruchnahme: Man zog heran, was man zur Bestätigung der aktuellen Politik und Kulturpolitik gebrauchen oder sich zurechtbiegen konnte. Im Westen wurde der „Klassiker der Vernunft“ (Suhrkamp Verlag) von Linksstehenden verehrt, von Konservativen skeptisch betrachtet. Dessen ungeachtet sind seine Stücke fester Bestandteil der Repertoires.

<span class="bold">Nachruhm</span>

Brechts Werk wurde gleichermaßen im Westen und im Osten Deutschlands verlegt und akademisch erforscht. In den 1980er Jahren wurde die als Gemeinschaftsprojekt der Verlage Aufbau und Suhrkamp in beiden deutschen Staaten erarbeitete „Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe“ begonnen, die nach der Wiedervereinigung 2000 mit insgesamt 30 Bänden in 33 Teilbänden abgeschlossen wurde. Dem Andenken und der Verbreitung von Brechts Werk und Denken widmen sich seit 1956 das Bertolt-Brecht-Archiv der Akademie der Künste, Berlin, und seit 1978 das Brecht-Weigel-Museum, die in seinem letzten Wohnhaus in der Chausseestraße untergebracht sind. Auch Brechts Wochenendhaus in Buckow bei Berlin (1977), sein Wohnhaus in Svendborg (1995) und sein Geburtshaus in Augsburg (1998) sind heute Gedenkstätten. 1969 wurde zudem die wissenschaftliche Internationale Brecht-Gesellschaft nach dem Modell einer von Brecht geplanten „Diderot-Gesellschaft“ gegründet, die das „Brecht Yearbook“ / „Brecht-Jahrbuch“ herausgibt; 1991 wurde die Bertolt-Brecht-Forschungsstätte Augsburg eingerichtet.

##### 12. Max Schmeling 

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/3OWimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/3OWimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> wuchs in Hamburg auf, wo er die Volksschule besuchte. Eine 1920 begonnene kaufmännische Ausbildung in einem Verlag brach er bald ab und übte verschiedene Hilfsarbeiten aus. Nach dem Umzug nach Düsseldorf 1922 und später nach Köln begann er im Boxclub Köln-Mülheim mit regelmäßigem Boxtraining und wurde 1923 für erste Wettbewerbe sowie ein Jahr später bei der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Meisterschaft der Amateure im Halbschwergewicht eingesetzt. Anschließend entschied er sich für eine Karriere als „Profi“, erlangte viele schnelle Siege, erlitt aber auch mehrere Niederlagen in drittklassigen Kämpfen und wechselte mehrfach den Manager, bevor er seit 1926 vom Chefredakteur der Berliner Zeitschrift „Boxsport“, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113321.html)Artur Bülow (<abbr title="geboren">\*</abbr> 1886), betreut wurde. Bülow vermittelte <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> in das Camp des Meistertrainers [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113322.html)Max Machon (1894–1971) nach Lanke und baute ihn rasch für Titelkämpfe auf. 1927 wurde <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span>Europameister im Halbschwergewicht und durch einen Kampf gegen den populären <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Mittelgewichtsmeister [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113323.html)Hein Domgörgen zum Star der Berliner Box-Szene. Der von <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> knapp nach Punkten gewonnene Kampf um die <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Schwergewichtsmeisterschaft gegen [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113324.html)Franz Diener 1928 wurde zum gesellschaftlichen Ereignis. Der errungene Titel wurde ihm aber aberkannt, weil <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> ihn nicht gegen einen Herausforderer verteidigte, sondern nach New York ging, wo nach einem Streit mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113321.html)Bülow [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113325.html)Joe Jacobs <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span>s neuer Manager wurde.

Nach drei Siegen in Folge durfte <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> an den Ausscheidungskämpfen (Elimination Bouts) um die vakante Weltmeisterschaft im Schwergewicht teilnehmen, in denen er sich klar durchsetzte. Den Kampf gegen US-Schwergewichtsmeister [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113326.html)Jack Sharkey am 12.6.1930 gewann <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> – in New York zum Publikumsliebling geworden – durch Disqualifikation seines Gegners wegen Tiefschlag. <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> führte damit als erster und bislang einziger Deutscher den Titel eines Schwergewichtsweltmeisters, der ihm allerdings längere Zeit wegen der Umstände seines Siegs von vielen nationalen Verbänden der USA nicht zuerkannt wurde. 1932 gab er dem Drängen der New Yorker Boxkommission nach und bestritt einen Rückkampf gegen Sharkey, den er umstritten nach Punkten verlor. In den folgenden Jahren versuchte <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> erfolglos, in den USA wieder an einen Titelkampf zu gelangen, zumal ihn eine weitere Niederlage 1933 gegen den als „Boxclown“ berüchtigten Max Baer weiter zurückgeworfen hatte. Trotz dieser Niederlage befand sich <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span>s Popularität in der Heimat auf ihrem Höhepunkt, nicht zuletzt durch die Heirat mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz73538.html)Anny Ondra im Sommer 1933, zu der Adolf Hitler ein Geschenk schickte. <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> und Ondra waren ein Glamour-Paar der <abbr title="Nationalsozialismus">NS</abbr>-Zeit und auf allen großen gesellschaftlichen Anlässen präsent. Während <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> und die neuen Machthaber versuchten, große Boxveranstaltungen in Deutschland zu organisieren und die Weltmeisterschaft ins Land zu holen, bereitete <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span>s <span class="abbr" title="jüdischer">jüd.</span> Manager Jacobs, von dem er sich auch auf Druck der Nationalsozialisten nicht trennte, einen erneuten Qualifikationskampf in den USA vor. Am 19.6.1936 trat <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> gegen den als unschlagbar geltenden [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113328.html)Joe Louis an, den er in einem spektakulären Kampf nach<span class="pb" title="Seite im Original 126">|</span>zwölf Runden durch K.O. besiegte. Der Sieg gegen den Schwarzen [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113328.html)Louis wurde von den Nationalsozialisten als Bestätigung ihrer Rassenideologie gedeutet. Wegen seiner Nähe zu den <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Machthabern wurde <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> um den verdienten Kampf gegen den Weltmeister [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113329.html)James J. Braddock gebracht. Statt dessen trat Louis 1937 gegen [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113329.html)Braddock an, schlug diesen und wurde damit Schwergewichtsweltmeister. Den ideologisch aufgeheizten Rückkampf gegen Louis verlor <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> am 22.6.1938 klar in nur 127 Sekunden durch K.O.

<span class="abbr" title="Schmeling">S.</span>s Glanzzeit als Boxer war damit beendet, aber auch als Symbolfigur für das <abbr title="Nationalsozialismus">NS</abbr>-Regime wollte er sich nicht mehr einspannen lassen. Ohne zum Regimegegner zu werden, ging er auf Distanz, auch weil er im privaten Umfeld immer öfter um Hilfe gebeten wurde, größtenteils von <span class="abbr" title="jüdisch">jüd.</span> Freunden, die versuchten, das Land zu verlassen. 1940 wurde er als Fallschirmjäger zur Wehrmacht eingezogen, ein Jahr später aber nach einer Verwundung auf Kreta wieder entlassen. <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> legte seinen Titel als Europameister nieder und gab 1942 seine Boxlizenz ab. Die letzten Kriegsjahre erlebte er auf seinem Gut in Pommern, von wo er vor der <span class="abbr" title="russisch">russ.</span> Armee nach Hamburg floh. Die Lizenz für eine mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz121365.html)Axel Springer und John Jahr geplante Verlagsgründung wurde 1945 von der <span class="abbr" title="englisch">engl.</span> Militärverwaltung verweigert. <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> versuchte daraufhin 1947 mit seinem Trainer [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113322.html)Machon ein Comeback, mußte aber nach fünf schwachen Kämpfen endgültig vom Boxsport zurücktreten. Er bestritt im Lauf seiner Profi-Karriere insgesamt 70 Kämpfe, von denen er 56 gewann, 38 davon durch K.O.

In den Folgejahren versuchte sich <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> als Nerzzüchter, Tabakbauer und Hersteller von Eierlikör. 1957 erhielt er eine Lizenz für die Abfüllung und den Vertrieb von Coca-Cola im Gebiet Hamburg-Ost. <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span>s Karriere als erfolgreicher Geschäftsmann in Hamburg-Wandsbek währte bis in die 1990er Jahre. In seinen letzten Lebensjahren, <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> nach dem Tod seiner Frau, zog er sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Popularität aus der Zeit seiner Boxerfolge blieb bis zu seinem Lebensende erhalten, zumal <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> ein Symbol des Wirtschaftswunders wurde. Auch in den USA war der für seine höflichen Umgangsformen bekannte <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> bis zu seinem Tod ungewöhnlich populär; er wurde 1992 als einziger Deutscher in die „International Boxing Hall of Fame“ aufgenommen. <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> engagierte sich für soziale Einrichtungen, wie die <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Sporthilfe und die SOS-Kinderdörfer, und gründete 1991 in Hamburg die „Max-Schmeling-Stiftung“ zur Unterstützung von in Not geratenen Sportlern und bedürftigen älteren Menschen (Stiftungsvolumen <span class="abbr" title="circa">ca.</span> 10 <span class="abbr" title="Million(en)">Mio.</span> DM).

##### 12. Käthe Kollwitz

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/b9timage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/b9timage.jpeg)

<span class="abbr" title="Kollwitz">K.</span> erhielt seit ihrem 14. Lebensjahr Mal- und Zeichenunterricht. Ihre Anschauungen wurden durch die dortige Freie Gemeinde beeinflußt, deren Haupt und Prediger nach dem Großvater mütterlicherseits ihr Vater geworden war. Diese freireligiöse christliche Gemeinschaft berief sich in vielem nicht nur auf das Urchristentum, sondern versuchte mehr noch, zeitgenössische sozialistische Ideen zu verwirklichen. Eine längere Reise mit der Mutter und jüngeren Schwester Lise führte sie zum ersten Mal auch nach Berlin. Den nachhaltigsten Eindruck von diesem Aufenthalt vermittelte der 17jährigen eine Begegnung mit dem damals noch wenig bekannten [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68448.html)Gerhart Hauptmann in Erkner. 1885 setzte sie in Berlin ihr Malstudium in der Künstlerinnenschule von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz81060.html)Karl Stauffer-Bern fort; danach ging sie zu Ludwig Herterich nach München.

Nach Königsberg zurückgekehrt, heiratete sie 1891 den ihr durch die Freie Gemeinde schon länger befreundeten Arzt Dr. Karl Kollwitz, mit dem sie endgültig nach Berlin übersiedelte. Durch dessen im Norden der Stadt gelegene Kassenpraxis wurde sie mit den Schattenseiten der Großstadt, mit Armut, Krankheit und den Nöten des durch die rasche Industrialisierung angewachsenen Proletariats – wie Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Prostitution – konfrontiert. Das Elend dieser Menschen, mit denen sie litt, der Versuch, die gleichgültige Gesellschaft mit ihrer Kunst wachzurütteln, sollten fortan das Leitmotiv ihres Schaffens werden. Ihre Tagebuchnotiz von 1922: „Ich bin einverstanden damit, daß meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind“, galt bereits, als sie, tief bewegt von der Berliner Uraufführung der „Weber“ von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68448.html)Gerhart Hauptmann, 1893-97 die packende Folge „Der Weberaufstand“ schuf (3 Radierungen und 3 Lithographien). Diese von ihr selbst als „Markstein“ in ihrem Schaffen bezeichnete Arbeit zeugt von starker künstlerischer Begabung und fand auf der Großen Berliner Kunstausstellung ein lebhaftes, wenn auch nicht nur positives Echo. Einer ihrer ersten Bewunderer war Adolph Menzel, der sie – vergeblich – für die kleine Goldene Medaille vorschlug. 1901-08 folgte die nicht weniger erschütternde und dramatische Folge „Der Bauernkrieg“, 7 Radierungen, die sie bereits auf der Höhe ihres Könnens als Graphikerin zeigen.

1904 ging <span class="abbr" title="Kollwitz">K.</span> für ein Jahr nach Paris, um an der Académie Julian Bildhauerei zu studieren, stand doch die menschliche Gestalt im Mittelpunkt ihres Schaffens. Rodins Plastiken und Steinlens Zeichnungen schenkten ihr neue künstlerische Impulse und leiteten in ihrem Werk nach betont malerischen Anfängen in Hell-Dunkel-Kontrasten zu plastischerer Gestaltung über. 1907 erhielt sie den Villa-Romana-Preis; von Florenz wanderte sie zu Fuß nach Rom. 1910 begann <span class="abbr" title="Kollwitz">K.</span>, neben den graphischen Arbeiten sich auch mit Plastik – fast ausschließlich Kleinplastiken – zu befassen, während sie die Malerei schon lange aufgegeben hatte.

Zu Beginn des 1. Weltkriegs fiel ihr Sohn Peter mit erst 18 Jahren. Dieses bittere Erlebnis verlieh <span class="abbr" title="Kollwitz">K.</span> Wollen und Wirken als engagierter Frau und Künstlerin noch größere Wahrhaftigkeit. Nicht nur das Leid ihrer Mitmenschen, auch das ihre ging fortan in ihr Werk ein und hob es über die zeitgebundenen Anlässe hinaus ins Allgemeingültige, Überzeitliche. Den Schmerz der seelischen Wunden, die ihr geschlagen worden waren, vermochte sie allein durch ihre künstlerische Aufgabe zu mildern. Mit graphischen Arbeiten und eindringlichen Plakaten stellte sie sich in den Dienst nationaler und internationaler Hilfsorganisationen im Kampf gegen Hunger und Elend, wobei die Mütter und Kinder immer stärker ins Zentrum der<span class="pb" title="Seite im Original 471">|</span>Darstellung traten. In Kohle- und Kreidezeichnungen, in Kreidelithographien und expressionistischen Holzschnitten – wie der 1924 erschienenen Folge „Krieg“ – schilderte sie die Einsamkeit und Verzweiflung der Verlassenen, ihre seelische und materielle Not, die Mühsal ihres gequälten Daseins, ohne jemals sentimental zu werden. Ihre künstlerische Handschrift – <span class="abbr" title="Kollwitz">K.</span> beherrschte alle graphischen Techniken meisterhaft – ist von männlicher Kraft, ihre Aussage von schlichter Menschlichkeit und innerer Monumentalität.

1919 wurde <span class="abbr" title="Kollwitz">K.</span> Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und erhielt den Professortitel. 1928 wurde sie Leiterin eines Meisterateliers für Graphik an der Hochschule für bildende Künste in Berlin.

Der Gedanke an ein Ehren- und Mahnmal für ihren gefallenen Sohn und alle gefallenen jungen Kriegsfreiwilligen hatte sie seit 1914 bewegt, doch erst 1924-32 konnte sie ihn für den Soldatenfriedhof Rossevelde-Eessen bei Dixmuiden (Flandern), auf dem auch ihr Sohn lag, in Gestalt eines trauernden Elternpaares verwirklichen. Die beiden knieenden Menschen aus belgischem Granit in ihren blockhaften Umrissen drücken den Schmerz der Frau, die <span class="abbr" title="Kollwitz">K.</span>Züge trägt, und die stumme Verzweiflung und innere Auflehnung des Mannes aus (Kopie 1954 in Köln).

Seit Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit hat <span class="abbr" title="Kollwitz">K.</span> immer wieder Selbstbildnisse geschaffen. Sie sind eine völlig uneitle Zwiesprache mit sich selbst, menschliche Rechenschaftsberichte, die nicht weniger ergreifend und ehrlich sind als jene von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz8727.html)Lovis Corinth. Am intensivsten hat sie sich seit 1926 um ein plastisches Selbstbildnis bemüht, wobei sie um dreidimensionale Formen stets heftiger zu ringen hatte als um die graphische Schwarz-Weiß-Kunst. 1936 beendete sie diese Arbeit. Ihr in Bronze gegossener Kopf von fast klassischer Schlichtheit zieht die Summe ihres Schaffens. Würde und Bescheidenheit, Leidensfähigkeit und Mut, der traurige, jedoch wache Blick der Künstlerin, vor allem aber das Menschliche und Mütterliche sind in ihrem Antlitz beschlossen.

In den 20er Jahren war der Tod eines der sie immer wieder bewegenden Themen geworden, mit dem sie sich 1921 mit 7 Holzschnitten und – neben weiteren Darstellungen – in einem 1935 erschienenen Zyklus von Lithographien auseinandersetzte. Sie selbst erfuhr durch den Tod ihres Mannes 1940 und ihres Enkels Peter, der 1942 fiel, weiteres Leid.

Mit dem Nationalsozialismus hat <span class="abbr" title="Kollwitz">K.</span> nicht paktiert und mit der Entfernung aus ihrem Lehramt die Folgen dafür tragen müssen. Bei dem Versuch eines Journalisten, sie öffentlich zu rehabilitieren, entschied sie: „Ich will und muß bei den Gemaßregelten stehen.“ Schon 1921 hatte sie jedoch erkannt, daß sie im Grunde keine Revolutionärin, sondern eher eine Evolutionärin war. 1943 wurde sie aus Berlin evakuiert und ging nach Nordhausen am Harz. Ein Jahr später fand sie durch Vermittlung des Prinzen Ernst Heinrich von Sachsen und betreut von ihrer Enkelin Jutta Zuflucht auf <abbr title="gestrichen: Schloß [d. Red.]">|</abbr>Moritzburg. Goethe und die Bibel, die sie jedoch „nicht wie die alten Mutterchen“ las, waren ihre letzten Tröster.

Mit Heinrich Zille, Hans Baluschek und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz67860.html)Otto Nagel vertrat <span class="abbr" title="Kollwitz">K.</span> in Berlin eine sozialkritisch engagierte Kunst. Vom literarischen Naturalismus Gerhart Hauptmanns geprägt, fand sie eine eigene realistische Sprache, die – ähnlich wie bei Barlach – durch äußerste Vereinfachung aller Konturen und Formen sowie strenge Konzentration auf das Wesentliche eine Steigerung des Ausdrucks und der Aussage erreicht hat, die über das zeitgebundene Engagement hinaus Gültigkeit behält. Den besten Schlüssel zum Verständnis des Menschen und der Künstlerin bilden ihre Tagebuchnotizen und Briefe, die ihr Sohn Hans gesammelt 1948 und 1953 herausgegeben hat. Nach 1945 ist <span class="abbr" title="Kollwitz">K.</span> in zahlreichen Ausstellungen geehrt worden. Graphische und bildhauerische Arbeiten finden sich in fast allen großen deutschen wie auch in ausländischen Museen.<abbr title="gestrichen:  – [d. Red.]">|</abbr>

##### 13. Gabriele Münter 

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/04Qimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/04Qimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Münter">M.</span>, deren Eltern wegen der <span class="abbr" title="amerikanisch">amerikan.</span> Sezessionskriege 1864 nach Deutschland zurückgekehrt waren, wuchs in Herford und Koblenz auf. 1897 begann sie ein Zeichenstudium in Düsseldorf, das sie jedoch nach Krankheit und Tod der Mutter bald wieder abbrach. 1898-1900 hielt sie sich in Amerika auf. Im Frühjahr 1901 ging sie nach München, um ihr Studium an der Schule des „Künstlerinnen-Vereins“ fortzusetzen. Im Winter dieses Jahres belegte sie Kurse an der neugegründeten „Phalanx“-Kunstschule und lernte dort Wassily Kandinsky kennen, der Lehrer der Malklasse war. 1903 kam es während eines Sommeraufenthaltes der „Phalanx“-Klasse in Kallmünz zur Verlobung von Kandinsky und <span class="abbr" title="Münter">M.</span> In der folgenden Zeit unternahm das Paar zahlreiche Reisen, <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> nach Holland, Tunis, Rapallo, und wohnte 1906/07 in Paris. 1908 gaben <span class="abbr" title="Münter">M.</span> und Kandinsky ihr unstetes Wanderleben auf und ließen sich in München nieder. Während dieser frühen Jahre malte <span class="abbr" title="Münter">M.</span> überwiegend kleinformatige Freilichtstudien im Stil des Spätimpressionismus, mit naturalistisch gedämpfter Palette in Grün-, Grau- und Brauntönen. In der Pariser Zeit entstand mehr als ein Viertel ihres graphischen Werkes, wobei besonders die Farbholz- und Linolschnitte zu erwähnen sind.

Im Sommer 1908 entdeckten <span class="abbr" title="Münter">M.</span> und Kandinsky am Staffelsee den malerisch gelegenen Marktflecken Murnau. Zusammen mit ihren Malerfreunden Alexej Jawlensky und Marianne <span class="abbr" title="von">v.</span> Werefkin arbeiteten sie bis zum Herbst 1908 in Murnau und Umgebung; für <span class="abbr" title="Münter">M.</span> bedeutete dieser Aufenthalt den Durchbruch zu einer neuen Sehweise, den sie rückblickend in der berühmt gewordenen Formulierung zusammenfaßte: „Ich habe da nach einer kurzen Zeit der Qual einen großen Sprung gemacht – vom Naturabmalen – mehr oder weniger impressionistisch – zum Fühlen eines Inhalts – zum Abstrahieren – zum Geben eines Extrakts.“ In kurzer Zeit stellte sich <span class="abbr" title="Münter">M.</span> von dem kleinteiligen, gespachtelten Farbauftrag der frühen Ölstudien um auf einen breiten, flüssigen und spontanen Pinselstrich, der mit leuchtenden, unvermischt nebeneinandergesetzten Farben Ansichten des Ortes und der Umgebung festhält. Weitere Kennzeichen dieser neuartigen, expressiven Bilder sind der zunehmende Verzicht auf gegenständliche Details, die Aufgabe der Tiefenperspektive zugunsten einer Entfaltung der Bildelemente in der Fläche sowie eine zunehmende Emanzipation der Darstellung vom Naturvorbild.

Im Zuge des produktiven Austauschs zwischen den Freunden schloß sich Anfang 1909 die „Neue Künstlervereinigung München“ zusammen, deren Mitglied auch <span class="abbr" title="Münter">M.</span> wurde.<span class="pb" title="Seite im Original 547">|</span>Im selben Jahr kaufte <span class="abbr" title="Münter">M.</span> ein Sommerhaus in Murnau, wo sie mit Kandinsky bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges viele Wochen verbrachte. Neue künstlerische Anregungen fand sie in diesen Jahren in der <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> und <span class="abbr" title="böhmisch">böhm.</span> Hinterglasmalerei sowie in der überwiegend religiösen regionalen Volkskunst. Nach der Spaltung der „Neuen Künstlervereinigung“ im Winter 1911 bildete <span class="abbr" title="Münter">M.</span> zusammen mit Kandinsky, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz58014.html)Franz Marc und Alfred Kubin die Kerngruppe des „Blauen Reiters“. Auf dessen erster Ausstellung sowie im gleichnamigen „Almanach“ war sie <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> mit ihren großen Stilleben von 1911 vertreten, auf denen die Gegenstände – meist religiöses Kunsthandwerk und Glasbilder – ein geheimnisvolles Leben zu gewinnen scheinen. Auch mit diesen mystifizierenden, dunklen Bildern setzte <span class="abbr" title="Münter">M.</span>, neben den farbstarken Murnauer Landschaften und den lapidar vereinfachten Porträts der Malerkollegen, in der Malerei des „Blauen Reiters“ ihren eigenen unverwechselbaren Akzent.

Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges emigrierten <span class="abbr" title="Münter">M.</span> und Kandinsky zunächst in die Schweiz. Nach der Rückkehr Kandinskys in seine <span class="abbr" title="russisch">russ.</span> Heimat fuhr <span class="abbr" title="Münter">M.</span> im Sommer 1915 nach Stockholm, um im neutralen Ausland auf ihn zu warten. Im Winter 1915/16 sahen sich beide hier zum letzten Mal. Während Kandinsky 1917 zum zweiten Mal heiratete und erst 1921/22 als Lehrer am Bauhaus nach Deutschland zurückkehrte, blieb <span class="abbr" title="Münter">M.</span> bis 1920 in Skandinavien, zuletzt in Kopenhagen. Hier entstanden überwiegend weibliche Porträts, aber auch figürliche Interieurs und Straßenszenen, an deren gedämpften Farben und dekorativen Linien sich ein deutlicher Stilwandel unter dem Einfluß der <span class="abbr" title="schwedisch">schwed.</span> Matisse-Schüler ablesen läßt. Die frühen 20er Jahre bedeuteten für <span class="abbr" title="Münter">M.</span> eine Zeit der persönlichen und künstlerischen Depression. Nach Jahren in Murnau und München ging sie 1925 nach Berlin und entwickelte hier ihre Bleistiftporträts nach meist weiblichen Modellen mit knappen Umrißlinien zur Meisterschaft. Ein Paris-Aufenthalt 1929/30 sowie eine zusammen mit ihrem zweiten Lebensgefährten Johannes Eichner unternommene Reise nach Südfrankreich gaben <span class="abbr" title="Münter">M.</span>s künstlerischem Schaffen neue Impulse. Sie kehrte zu einer vitalen Malerei mit kräftiger Palette zurück und knüpfte dabei stilistisch an ihre Errungenschaften aus der Zeit des „Blauen Reiters“ an. 1931 ließ sich <span class="abbr" title="Münter">M.</span> endgültig in Murnau nieder; erneut entstanden zahlreiche Gemälde, überwiegend Landschaften und Stilleben. Die Kriegsjahre brachten eine Zeit des Rückzugs mit deutlich verminderter künstlerischer Produktivität; in ihren späten Arbeiten bevorzugte sie eine charakteristische, sparsame Ölmalerei auf Papier, insbesondere für Blumenstilleben und abstrakte Studien. – Zu ihrem 80. Geburtstag 1957 übergab <span class="abbr" title="Münter">M.</span> die noch in ihrem Besitz befindlichen Werke Kandinskys sowie weiterer Mitglieder des „Blauen Reiters“ und eigene Bilder der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München.

##### 14. Else Lasker-Schüler

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/0izimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/0izimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Lasker">L.</span>, die an einer periodischen Nervenkrankkeit (Chorea) litt, verließ um 1880 das Lyzeum und erhielt Privatunterricht. Mit ihrer Eheschließung übersiedelte sie nach Berlin, wo sie sich zunächst im eigenen Atelier intensiv der Ausbildung ihrer zeichnerischen Begabung widmete. Ihre 1903 vollzogene Scheidung von Lasker bewog sie, fortan auf gesicherte bürgerliche Lebensformen zu verzichten. Sie wandte sich der Berliner Bohème zu, deren markantesten Persönlichkeiten sie schon während ihrer 2. Ehe mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz50899.html)Herwarth Walden zuzurechnen ist, und zählte <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> Benn, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz9170.html)Däubler, das Ehepaar [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69629.html)Dehmel, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz11475.html)Döblin, Hans Ehrenbaum-Degele, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz24068.html)George Grosz, Hans Adalbert von Maltzahn, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz58014.html)Franz Marc und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz95981.html)Kurt Pinthus zu ihren Freunden. Im Verlauf ihrer zahlreichen Dichterlesungen schloß sie in Prag Freundschaft mit Max Brod, Franz Werfel und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz50491.html)Paul Leppin und in Österreich mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz699.html)Peter Altenberg, Oskar Kokoschka und ganz besonders mit Karl Kraus. – Die vom Tod ihres einzigen Sohnes (1927) tief getroffene Dichterin verließ 1933 Deutschland und fand in Zürich und Ascona ein häufig gefährdetes Exil. Während einer ihrer Palästinareisen wurde die von den Nationalsozialisten 1938 ausgebürgerte <span class="abbr" title="Lasker">L.</span> vom 2. Weltkrieg überrascht und blieb bis zu ihrem Tod in Jerusalem.

Gottfried Benns Urteil, <span class="abbr" title="Lasker">L.</span> sei „die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“, bestätigt den Vorrang des Lyrischen in ihrem neben Gedichten auch zahlreiche epische und dramatische Formen umfassenden Werk. So reflektiert schon ihr erster, 1902 erschienener Gedichtband „Styx“ – vorausgegangen waren Einzelveröffentlichungen von Gedichten in der Zeitschrift „Die Gesellschaft“ – in leidenschaftlich bewegter Sprache und kühnen Bildern Situationen existentiellen Betroffenseins wie den langen, schmerzvollen Prozeß der Trennung von ihrem ersten Mann („Karma“, später <span class="abbr" title="unter dem Titel">u. d. T.</span> „Scheidung“), die Begegnung mit dem bis heute nicht identifizierten Vater ihres Sohnes („Elegie“) und die ihre weitere Entwicklung bestimmende Freundschaft zu dem ihr wesensverwandten Vagantendichter [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz32342.html)Peter Hille („Der gefallene Engel“). Durch ihn findet die nach ihrer Scheidung in materielle Bedrängnis und geistige Vereinsamung geratene Dichterin zu der von den Brüdern Heinrich und Julius Hart gegründeten „Neuen Gemeinschaft“, einer nach Erneuerung des Lebens strebenden Künstlerkolonie. Dort erfährt <span class="abbr" title="Lasker">L.</span>, die sich zu der von J. Hart und Hille postulierten Kunst des „fühlenden Menschen“, einer sich in einem „visionär ekstatischen“ Schöpfungsprozeß vollziehenden „unmittelbaren Gefühlsdarstellung“ (J. Hart) bekennt, erstmals Anerkennung ihres frühen dichterischen Schaffens, bei dem es sich um überwiegend lyrische Gesänge leidenschaftlichen Begehrens und Liebens von einer bisher nicht gekannten emotional gesteigerten Expression handelt. Hille, der als erster ihre überragende poetische Begabung erkennt – er preist sie: „der schwarze Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist“ – wird ihr in diesen Jahren zum Dichterbruder, der sie ihre jüdische Herkunft als Charisma begreifen läßt und ihr die Gewißheit ihrer dichterischen Sendung vermittelt. Poetischen Niederschlag findet diese entscheidende Phase ihrer geistigen und religiösen Entwicklung, die wesentliche Züge von Hilles mystischer, nach All-Einheit strebender Religiosität empfing, in dem 1905 erschienenen Zyklus „Der siebente Tag“, der, vor allem in den Gedichten „Mein stilles Lied“, „Der Letzte“ und „Weltende“, grundlegende Aussagen über ihr neues Selbst- und Weltverständnis enthält.

Aus dem überwältigenden Eindruck der Begegnung mit Hille, der sie Erlösungscharakter beimaß – Hille verlieh ihr, so symbolisch ihre Neugeburt feiernd, den Namen „Tino“ –, lebt ihr nach dem jähen Tod des Dichters (1904) geschriebenes „Peter-Hille-Buch“, ihr erstes Prosawerk, das 1906 erschien und das sie als „meine Bibel“ bezeichnete. Das Werk transponiert, Elemente der ihr von Hille vermittelten Bilderwelt des Christlichen adaptierend, ihren gemeinsamen Weg mit dem Dichter in ein traumhaft legendäres Reich, wobei Hilfe in der Gestalt des „Petrus der Felsen“ – später wird sie ihn „<span class="abbr" title="Sankt">St.</span> Peter Hille“ („Konzert“) nennen – mythisch-prophetische Züge gewinnt und ihre Berliner Freunde, deren Individualität sie spielerisch verrätselt, zu Idealfiguren erhoben werden.

Mit dem Tod Hilles setzt ein Prozeß der Selbstmythisierung <span class="abbr" title="Lasker">L.</span>s ein, der fortan ihr Leben und Werk bestimmt und sie ihr Dichten als ein „mystisches Sichselbsthaben“ (Bänsch) erfahren läßt, das sie immer wieder aus den vielfältigen Krisen und Leiden ihres Daseins rettet. So antwortet sie auf den Tod Hilles mit dem ersten ihrer orientalischen Geschichtenbücher, dem 1907 erschienenen „Die Nächte Tino von Bagdads“, in dem sie Hilles Geschöpf Tino – und damit sich selbst – zur in einem imaginären Orient beheimateten „Prinzessin“ verklärt. Auch in ihrem Briefroman „Mein Herz“ (1912, 1977) ist es wieder eine solche „Nacht meiner tiefsten Not“, gemeint ist das Zerbrechen ihrer zweiten Ehe mit dem von ihrHerwarth Walden genannten Georg Lewin, die sie mit einer erneuten kühnen Selbstmythisierung, diesmal ihrer Erhebung zum „Prinzen von Theben“, überwindet. Das ungemein facettenreiche Werk bietet eine originell verfremdete Darstellung der damaligen Kunstszene, zu deren zentralen Gestalten die häufig nomadisierende Dichterin zählte, „immer unstät, kein zuhaus“ (an E. Plietzsch), umgeben von ihren zahlreichen Vertrauten in den Berliner Cafés Hof haltend.

Das von ihr als eine Möglichkeit der Seinserkenntnis verstandene Stilprinzip, „die Leute alle zu kleiden, damit ein Spiel zu Stande kommt … Spielen ist alles“ (an K. Kraus 1911), bleibt auch in der 1919 veröffentlichten Kaisergeschichte „Der Malik“ wirksam, einer Dichtung, die geprägt ist von dem Erleben des 1. Weltkriegs und dem Verlust enger Freunde wie Franz Marc, Georg Trakl, dem sie noch im März 1914 in Berlin begegnet war, und Peter Baum, ihrem Elberfelder Jugendgefährten. Das zugleich als Huldigung und Totenklage für [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz58014.html)Franz Marc, ihren „blauen Reiter“ und „Halbbruder Ruben“ geschriebene Werk spielt wiederum im imaginären Orient, dem Sinnbild ihrer religiösen Sehnsucht (<span class="abbr" title="vergleiche(nd)">vgl.</span> Martini). Dort versammelt sie die zu heroischen Gestalten der Sage und des Mythos verherrlichten Freunde (<span class="abbr" title="zum Beispiel">z. B.</span> Benn = „Giselheer“) um sich zu einem gloriosen Maskenspiel um Liebe, Krieg und Tod, in das auch legendenhaft der Bericht ihrer 1913 nach Moskau unternommenen erfolglosen Reise zur Rettung des ihr befreundeten Anarchisten J. Holzmann („Senna Hoy“) eingeht, wobei die anfänglich intendierte Projektion einer besseren Welt zunehmend verschattet wird von der Einsicht in die tragische Verfassung des Menschen und seiner Geschichte, die das Werk schließlich in einer ergreifenden Klage enden läßt.

Die für ihr Schaffen bezeichnende Verwandlung von Leben in Dichtung gewinnt für sie – auch hier sind die frühen Einflüsse J. Harts und Hilles unübersehbar – fortschreitend religiösen Charakter, indem sie Kunst immer mehr als priesterlichen Dienst begreift, als ein „Platzmachen für Gott“ („Ich räume auf“). So beruhen die von ihr als Höhepunkt ihrer Lyrik angesehenen, 1913 erschienenen „Hebräischen Balladen“ – grandiose Transsubstantiationen biblischer Gestalten wie Abel, Jakob, Joseph, David, Abigail, Esther und Ruth in Figuren eines von ihr geschaffenen hebräischen Mythos – für sie auf einer „heiligen Erleuchtung“ („Konzert“), die ihrer Dichtung Offenbarungscharakter verleiht. – Dichterische Verwandlung erlebter Realität in einen „Extrakt höherer Wahrheit“ („Konzert“) bestimmt auch ihre Herkunft und Familie einbeziehenden Dichtungen (<span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> „Ich räume auf“, „Konzert“, „Das Hebräerland“) und führt zu jener „mythischen Biographie“ (Klüsener), aus der sie die Gewißheit ihrer Erwähltheit gewinnt. Schon 1908 hatte die zeitlebens ihrer Bergischen Heimat und der Geburtsstadt Elberfeld verbundene Dichterin „aus dunkler Erinnerung das Schauspiel „Die Wupper“ (<span class="abbr" title="erschienen">ersch.</span> 1909, uraufgeführt 1919) geschrieben, „eine böse Arbeitermär, die sich nie begeben hatte, aber deren Wirklichkeit phantastisch ergreift“ („Ich räume auf“). Das Stück kulminiert in einer symbolträchtigen Jahrmarktszene, an der <span class="abbr" title="Lasker">L.</span> die unüberwindliche Heterogenität der menschlichen Gesellschaft demonstriert. Es erweist sich dabei ihre erstaunliche Hellsichtigkeit für die damaligen sozialen Mißverhältnisse, die häufig in lyrischer Brechung erscheinen und unmittelbar erst durch eine Gruppe von drei das Stück antagonistisch begleitenden „Herumtreibern“, dramaturgisch dem antiken Chor vergleichbar, in ihrer Absurdität entlarvt werden.

Die Umbildung ihrer Familiengeschichte zur Legende setzt ein mit der zum Kult gesteigerten Verehrung der Mutter („Meine schöne Mutter blickte immer auf Venedig“, „Im Rosenholzkästchen“, „Das Hebräerland“), die ihr als Mittlerin ihrer dichterischen Begabung galt und deren Herkunft sie nach Spanien, einer Region ihres imaginären Orients – „meine Vorfahrengeschichten verlangen Morgenland“ („Mein Herz“) – verlegt, wo auch sie selbst und ihr zum Baumeister von Aussichtstürmen stilisierter Vater, dem sie die zeichnerische Komponente ihrer Doppelbegabung zuschreibt, beheimatet werden („Der Wunderrabbiner von Barcelona“, 1921). Mit der Gestalt des Wunderrabbiners Eleasar, der Liebende wunderbar bewahrt und in einem dadurch ausgelösten Pogrom untergeht, beginnt der Mythisierungsprozeß ihres Urgroßvaters, des vermutlich als Lehrer in Geseke tätig gewesenen Hirsch Cohen. In ihrem Schauspiel „Arthur Aronymus und seine Väter“ und in der ihm zugrundeliegenden Prosaskizze „Arthur Aronymus“, beide 1932 erschienen, erhebt sie ihn zum „Rabbuni Uriel“, der mit einem fiktiven Bischof Matthias Lavater von Paderborn befreundet gewesen sein soll, und verleiht ihm überdies die Würde eines „Oberrabbiners von Rheinland und Westfalen“. Konsequent bedient sie sich auch hier zur Erfüllung ihres auf Erlösung des Menschen gerichteten dichterischen Auftrags der idealen Vorbildlichkeit der von ihr mythisierten Gestalten: So hält sie den sich ankündigenden neuerlichen Verfolgungen des jüdischen Volkes die reine Menschlichkeit und hohe Toleranz Uriels in den an der Schwelle des Nationalsozialismus geschriebenen Aronymus-Dichtungen entgegen, wobei sich ihre Hoffnung auf Versöhnung in der beeindruckenden Schlußszene des gemeinsam von Juden und Christen gefeierten Passahmahles niederschlägt. – Es gehört zu den tragischen Erfahrungen ihres Lebens, daß ihr Stück in Deutschland nicht mehr aufgeführt werden konnte, die bis zuletzt an eine Aussöhnung glaubende Dichterin vielmehr nach tätlichen Angriffen auf offener Straße im April 1933 fluchtartig Berlin verlassen mußte. Erst nach einer Palästinareise 1934 vermochte sie eine durch den Verlust der Heimat ausgelöste Phase des Schweigens mit ihrem Prosaband „Das Hebräerland“ (1937, 1981) zu überwinden, einer Dichtung, die bereits dem Alterswerk zuzurechnen ist. Das Buch, Zeugnis ihrer unzerstörbaren Liebe zum Menschen, verklärt das Erlebnis Palästinas zum Traum vom heiligen Lande, in dem Juden und Araber in ursprunghaft-paradiesischer Brüderlichkeit miteinander zu leben lernen sollen; es gewinnt seine Legitimation aus ihrer in ihm endgültig vollzogenen Identifikation mit der alttestamentarischen Gestalt Josephs von Ägypten, auf welche die Selbstmythisierung ihres Lebens konsequent zulief und durch die sie ihrer dichterischen Aussage die messianisch-erlösende Kraft der Berufenen zugemessen weiß.

In der 1940/41 geschriebenen, aber erst 1979 in Düsseldorf und Wuppertal uraufgeführten „theatralischen Tragödie“ „Ichundich“ verwendet <span class="abbr" title="Lasker">L.</span> neben dem Identifikationsprinzip noch das schon im Titel vorgegebene Motiv der Ichspaltung, wodurch sie eine Reihe von „ineinander verschränkten und gespiegelten Figurenkonstellationen“ (Kupper) schafft, die es ihr erlauben, sich mit ihrer Dichtung unmittelbar auf das politische Geschehen der Zeit zu beziehen – ein in ihrem Werk einmaliger Vorgang – und eine vernichtende Abrechnung mit dem Nationalsozialismus vorzunehmen. Eingespannt in den Rahmen der von ihr verfremdet fortgeführten Faustdichtungen Goethes, läßt sie die höchsten Repräsentanten des Nationalsozialismus, welche die Hölle zu stürmen beabsichtigen, in dem Inferno untergehen und sich selbst auf offener Bühne, auf der sie sich zuvor in Gestalt einer Vogelscheuche begegnet, sterben.

In ihrem letzten Werk kehrt <span class="abbr" title="Lasker">L.</span> zur lyrischen Aussage zurück. Anders als in den frühen Gedichtsammlungen „Styx“, „Der siebente Tag“ und besonders „Meine Wunder“ (diese enthält <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> „Ein alter Tibetteppich“ und die zum Gegenstand eines skandalösen Prozesses gewordenen ersten expressionistischen Verse „Leise sagen“) erscheinen in ihrem letzten Gedichtband „Mein blaues Klavier“ (1943) die emotionalen Eruptionen<span class="pb" title="Seite im Original 655">|</span>vorangegangener lyrischer Schöpfungen gebrochen und ihre formale Virtuosität zugunsten eines beherrschten Altersstils zurückgenommen. Auch die kühnen Tropen früherer Jahre sind nun einer verinnerlichten Bilderwelt gewichen, die verdunkelt ist vom Schicksal ihrer späten Lebensjahre: dem Versinken in Einsamkeit und Armut des Exils („Die Verscheuchte“), wehmütigen Erinnerungen an Elternhaus und verlorene Heimat („Meine Mutter, „Über glitzernden Kies“), einer letzten, unerfüllt gebliebenen Liebe („Ein Liebeslied“) und düsteren Todesahnungen („Ich weiß“). Die schon früh entstandene poetisch verklärte Vorwegnahme ihres qualvollen Sterbens „Und meine Seele verglüht in den Abendfarben Jerusalems“ („Styx“/„Hebräische Balladen“) offenbart ihre Hinwendung zum <span class="abbr" title="jüdisch">jüd.</span> Volk und zum Land ihrer Väter und das Bekenntnis zum Gott des alten Testaments. Zugleich aber lebte sie bis an ihren Tod bewußt aus dem sprachlichen Erbe und in der geistigen Tradition ihrer deutschen Heimat, deren Verlust sie nie verschmerzt hat und deren ihr verbundenen Menschen ihr letzter Gedichtband gewidmet ist. So wird ihr jüdischen und deutschen Geist verschmelzendes Werk zu einem lebendigen Zeugnis der Versöhnung und beispielhaften humanen Verhaltens.<abbr title="gestrichen:  – [d. Red.]">|</abbr>

##### 15. Hermann Hesse 

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/oqOimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/oqOimage.jpeg)

H. war ein feinnerviges, dazu höchst kurzsichtiges Kind, das in einem vielsprachigen, von orientalischen Erinnerungen erfüllten Elternhaus fast zuviel Anregungen empfing. Die streng pietistische Erziehung durch den Vater verstärkte seinen trotzigen Eigensinn. Dagegen wirkte die Musikpflege und Naturverbundenheit der Mutter beruhigend. Er geriet frühzeitig mit den autoritären Schullehrern der Zeit in Konflikt. Kurze Zeit nach der Aufnahme in das Maulbronner Seminar kam es zur offenen Revolte bis zu Selbstmorddrohungen; auch das Cannstatter Gymnasium verließ er kurz nach dem Bestehen des Einjährigen-Examens (1893), ohne das Abitur zu machen. Schwierig war auch die Berufswahl. Nach mannigfachen Ansätzen, zuletzt als Volontär in einer Turmuhrenfabrik, trat H. schließlich im Herbst 1895 in das Heckenhauersche Geschäft in Tübingen ein und erhielt dort eine gründliche Ausbildung als Buchhändler; nach Beendigung der Lehrzeit blieb er noch ein Jahr als Verkäufer. Schon vorher war er sich über seinen eigentlichen Beruf als Dichter klar geworden, auf den er sich durch umfassende Lektüre vorbereitete; seine ersten Verse entstanden unter dem leuchtenden Eindruck Hölderlins. In Tübingen wandte er sich von frühen Zwelfeln ab und huldigte nun im „Petit cénacle“, dem unter anderem Ludwig Finckh angehörte, einer romantischen Gefühlsreligion. 1899 erschienen die ersten Buchveröffentlichungen des jungen Autors. Aber erst der 1904 bei S. Fischer verlegte Entwicklungsroman „Peter Camenzind“ erwarb ihm die Gunst der Lesermassen und der literarischen Preisrichter. Er konnte nun heiraten und sich als freier Schriftsteller in Gaienhofen am Bodensee niederlassen, wo er 1904-12 lebte.

Gaienhofen war für H. und seinen Freundeskreis ein zweites Worpswede, wo man naturverbunden, obwohl nicht weltfremd, ein franziskanisches Menschentum suchte. H.s Erzählungen fanden in den Kreisen der eben aufblühenden Jugendbewegung ihre begeistertsten Leser. Sie stellen wie „Knulp“ (1915) das freie Leben ewiger Tippelbrüder zwar einfühlsam, aber ohne falsche Sentimentalität dar, sie behandeln die Entwicklungsnöte junger Handwerker und einzelgängerischer Lateinschüler in farbenreicher, an [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz40430.html)Gottfried Keller geschulter Sprache. Die bedeutendste dieser Erzählungen ist „Unterm Rad“ (1906), die Schilderung einer zum Selbstmord führenden Pubertätskrise. Wie zahlreiche andere Dichter und Erzieher kämpfte H. hier gegen die in einer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäße autoritäre Pädagogik. Bei aller romantischen Absoitigkeit suchte er doch nach einer positiven Einstellung zur Gegenwart. Er schrieb für die „Neue Rundschau“, die „Jugend“ und den „Simplizissimus“ und verband sich 1907-12 mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz47984.html)Albert Langen, Ludwig Thoma und anderen in der Herausgabe der politischen Zeitschrift „März“, die später von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz49344.html)Theodor Heuss übernommen wurde.

Die starken Eindrücke aus der Welt des Großvaters und Vaters legten H. schon früh den Gedanken nahe, das Vorbild für eine erneuerte Geisteshaltung im Orient zu suchen. 1911 reiste er mit dem Maler Hans Sturzenegger nach Ceylon, Singapur und Sumatra. Doch wirkte die Berührung mit der orientalischen Wirklichkeit enttäuschend und ernüchternd. Zum Teil war diese Reise auch eine Flucht vor den Problemen der eigenen Ehe, die durch depressive Gemütszustände seiner Frau in wachsendem Maße zerrüttet wurde; von diesen Problemen spricht verhüllt der Roman „Roßhalde“ (1914).

Der Versuch, durch eine Übersiedlung in eine neue Umgebung, nach Bern (1912), eine Lösung zu finden, schlug fehl. Und überdies zerstörte bald der Schock des 1. Weltkrieges alle romantischen Träume von einer inneren Wandlung Deutschlands oder gar Europas.|H. ließ sich zuerst von der Hochflut der Begeisterung mitreißen, wurde aber sehr bald ernüchtert. Er ging nun in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 3.11.1914 mit der patriotischen Kriegsdichtung unbarmherzig ins Gericht und forderte eine Rückbesinnung auf humanistische Werte. Zwar fand er bei Romain Rolland, bei den Schweizer Intellektuellen und auch bei besonnenen Deutschen wie [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz49344.html)Theodor Heuss und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz28378.html)Conrad Haußmann Verständnis, wurde aber von rechtsstehenden Publizisten entrüstet zum Verräter gestempelt. Daß seine Haltung nicht Verrat war, bewies H. durch seine hingebungsvolle Arbeit (1915–19 sogar als Beamtenstellvertreter) in der geistigen Betreuung der deutschen Kriegsgefangenen.

Der Druck der Kriegszeit lastete auf H.s Gemüt, dem die Auflösung seiner Ehe und seines Hausstandes schwer zusetzte. Er bekämpfte die innere Verstörung Anfang 1916 mit Erfolg durch eine psychoanalytische Behandlung. Sein Arzt Dr. Josef Bernhard Lang, ein Schüler C. G. Jungs, ermutigte ihn zu einer positiveren Einstellung zum Leben, die den Schlüssel zur Erneuerung der deutschen und europäischen Kultur im „Weg nach Innen“ fand. Der Zusammenbruch von 1918 bestätigte H.s schlimmste Befürchtungen. Die Flugschrift „Zarathustras Wiederkehr“ (1919, zuerst anonym) rief denn auch die deutsche Jugend zur Einkehr und Umkehr auf. Ihre äußere Form und einzelne Gedanken erinnern an Nietzsche, von dessen Amoralismus jedoch nichts zu spüren ist. Auch lehnte H. den bolschewistischen Umsturz aller bürgerlichen Werte als einer der ersten europäischen Intellektuellen sehr früh ab (Die Brüder Karamasoff oder der Untergang Europas, 1920). Die erste dichterische Frucht von H.s Kriegsjahren war der Roman „Demian“ (1919, geschrieben 1916-17 in Bern), der zuerst unter dem Pseudonym „Emil Sinclair“ erschien; denn H. empfand ihn als einen schriftstellerischen Neubeginn. In der Tat verwandte er hier zum ersten Mal einen unrealistischen Stil, um Sinclairs Überwindung seiner moralischen Schizophrenie und seine Hinwendung zur tätigen (und damit immer schuldhaften) Teilnahme am Leben zu versinnbildlichen. Kein künftiger Held H.s versucht mehr eine romantische Weltflucht wie Peter Camenzind.

H.s äußeres Leben nach dem 1. Weltkrieg wurde zum Teil durch die häusliche Krise, zum Teil durch die Verminderung seiner Einnahmen durch die deutsche Inflation bestimmt. 1919 verließ er Bern, um in der Casa Camuzzi in Montagnola bei Lugano ein erstes Refugium zu finden. Die Heilkraft der südlichen Landschaft wurde durch ausgedehnte malerische Versuche unterstützt, zu denen ihn zuerst die psychoanalytische Behandlung ermutigt hatte. Es kam sogar zu selbst illustrierten Schriften, die den Dichter als einen nicht unbegabten Freund der Dresdener „Brücke“-Maler zeigten. „Klingsors letzter Sommer“ (1920) versuchte, den malerischen Stil mit einem gewissen Erfolg auch auf die Prosa zu übertragen, und näherte sich damit expressionistischen Stilexperimenten; doch blieb der Dichter auch weiterhin literarischen Gruppen fern.

Die politische Entwicklung unter der Weimarer Verfassung verfolgte H. mit großer Anteilnahme, die zu wachsender Sorge wurde. Als seine Söhne für die Schweizer Armee angemustert wurden, entschloß er sich, 1923 wieder die Schweizer Staatsangehörigkeit seiner Kindheit anzunehmen; die deutsche (das heißt zunächst württembergische) hatte er 1891 für die Aufnahme in das Maulbronner Seminar erworben, was bei der pietistischen Unterbewertung der „Welt“ kein besonders wichtiger Schritt gewesen war. Im Januar 1924 versuchte H. vergeblich wieder einen Hausstand zu gründen. 1927 endlich fand er in der österreichischen Kunsthistorikerin Ninon Dolbin eine zu ihm passende neue Lebensgefährtin, die er 1931 ehelichte. Gleichzeitig zog das Ehepaar in H.s neue Villa in Montagnola ein, die sein Mäzen Hans C. Bodmer für ihn gebaut hatte und die dem Dichter endlich völlige Ruhe für sein Schaffen gewährte.

Die neue Einstellung zur Welt, um die in „Demian“ und „Klingsors letzter Sommer“ noch gerungen wurde, wurde in „Siddhartha“ (1922) zum ersten Male umfassend dargestellt. Das Buch ist ein Höhepunkt in der zuerst von der Romantik angestrebten Annäherung des deutschen Geistes an den indischen, der Bergpredigt an die Bhagavadgita, und wird auch in Indien als eine geglückte Synthese empfunden. In einfacher, rhythmisch gebundener Sprache und mit wenigen, aber eindrucksvollen Bildern wird hier der Weg eines Menschen zu demutsvoller Hingabe an das ewige Werden und zum Dienst am Nächsten dargestellt. Obwohl H. wesentliche Teile des christlichen Dogmas ablehnte, bejaht das Buch durchaus die christliche Ethik. Seine nächsten Romane galten der Auseinandersetzung mit dem modernen europäischen Leben. Sie erreichte im „Steppenwolf“ (1927) ihren ersten Höhepunkt. In sonatenähnlicher Struktur wird hier die existentielle Gefährdung des Menschen bis in die letzten Tiefen des Unterbewußtseins schonungslos ausgelotet, seine schizoide Gespaltenheit in edle und animalische Triebe|aller Art. Den „Steppenwolf“ in all unserem Tun und Trachten leugnen zu wollen, ist sinnlos; möglich ist nur seine Bejahung durch Sublimierung des Trieblebens. Aber natürlich ist dies eine unendliche, nie vollkommen zu lösende Aufgabe.

H.s Einstellung wird häufig als hoffnungslose Schizophrenie oder als zerstörerischer Nihilismus mißverstanden. „Der Steppenwolf“ entfremdete H. viele Leser, und „Narziß und Goldmund“ (1930) trug ihm gar den Vorwurf der Immoralität ein. In diesem historischen Roman geht es aber um das Problem der künstlerischen Existenz, und die geschilderten Lebensläufe sind nicht etwa vorbildlich, sondern höchstens repräsentativ für zwei mögliche, aber nicht für sich vollkommene Lebenshaltungen. Narziß lebt als Abt ein Leben der Askese und des Geistes, während Goldmund aus dem Kloster flieht, von Frauen geliebt wird und Menschen töten muß. Erst spät lernt er, mit seinein wilden Leben durch künstlerische Gestaltung fertig zu werden, und erst in seiner Sterbestunde sieht er ein, daß er den reinen Geist als Leitstern braucht, genauso wie der reine Geist der Kunst als sichtbarer Sprache bedarf. Beide Wege führen zur Gottheit, die hier, wie so oft bei H., als weibliches Glied einer Mandala erscheint. „Narziß und Goldmund“, H.s spannungs- und farbenreichster Roman, ist auch dem naiven Leser ohne weiteres zugänglich. Schwieriger ist „Die Morgenlandfahrt“ (1932), deren Thema der Weg zur Unio mystica ist; bei der Abfassung des Romans stand der von H. über alles geliebte Novalis Pate.

Für einen Individualisten wie H., dessen Romane größtenteils in der Ichform geschrieben sind, war als Lösung des sozialen Problems nur eine pluralistische Gesellschaft möglich, wie sie sein letzter utopischer Roman „Das Glasperlenspiel“ (1943, erste Pläne 1931) zu umreißen sucht. Neben abendländischen werden hier auch chinesische und indische Wege zur Weisheit, neben den Lebensformen des Künstlers und des Gelehrten auch diejenigen des Kaufmanns, des Politikers und des Technikers als berechtigt anerkannt. Die Einheit des Lebens wird als mystische „coineidentia oppositorum“ durch die Akademie der Glasperlenspieler periodisch zelebriert. Freilich droht diese während der Lebenszeit des Helden Josef Knecht dem ästhetischen Bildungshochmut zu verfallen und sich alexandrinisch vom Leben abzukehren. Knecht leitet neue Beziehungen zu den Mächten der Außenwelt ein und zwingt die Akademie durch seinen schockierenden Rücktritt von allen Ämtern zur Besinnung auf ihre Lebensverbundenheit; wäre dies nicht so, dann würde man nie seinen Lebenslauf beispielhaft beschrieben haben. Bildung wurzelt einerseits in Religion und verpflichtet anderseits zur Umwandlung des praktischen Lebens. Knechts eigene Wendung gipfelt in seinem selbstvergessenen Einsatz für den geliebten Zögling, bei dem er den Tod erleidet. Dieser Tod ist aber auch wie der des Empedokles ein Eingehen in das Unendliche, dem gegenüber sogar das vorbildliche Leben von begrenztem Wert ist. Dieser mystische Unterton macht das Ende des Romans zu einem Rätsel, über dessen Auflösung sich keine kritische Einmütigkeit hat erzielen lassen. H.s „Glasperlenspiel“ versucht eine ganzheitliche Schau der Kultur, bei der Goethes „Wanderjahre“ und das konfuzianische „I Ging“, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69541.html)Jacob Burckhardt, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz72026.html)Nikolaus von Kues und der heilige Benedikt Pate gestanden haben. Das Ergebnis ist ein gleichsam christlicher Humanismus. H.s Kritikern erscheint seine Vision zu unverbindlich, sein parodistischer Chronikstil zu maniriert; die Avantgarde lehnt ihn in den Punkten ab, in denen ihre Antwort auf die nationalsozialistische Gleichschaltung eine linksdemokratische oder sozialistische ist, doch wird er in der DDR als Vertreter des bürgerlichen „kritischen Realismus“ geschätzt.

H. hielt in den Wirren des nationalsozialistischen Jahrzehnts wie der Nachkriegszeit konsequent am Recht zu freier Meinungsäußerung und persönlicher Lebensgestaltung fest. Obwohl er keine politischen Aufrufe unterzeichnete, ließ er in Privatbriefen und literarischen Kritiken keinen Zweifel an seiner Ablehnung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und sorgte menschlich in großzügiger Weise für politische Flüchtlinge. Seine eigentliche Antwort auf die rigorose Gleichschaltung alles Menschlichen durch die modernen totalitären Systeme war „Das Glasperlenspiel“.

Unter den mannigfachen Ehrungen, die dieser Roman H. eintrug, war der Nobelpreis des Jahres 1946 die wichtigste. H. war schon vorher durch zahlreiche Übersetzungen in europäische und orientalische Sprachen eine führende Erscheinung der Weltliteratur geworden. Den erstaunlichsten Widerhall fand er in Indien und Japan.

Nach der Beendigung des „Glasperlenspiels“ zog sich H. aus dem literarischen Leben zurück. Er blieb jedoch ein überaus fleißiger Briefschreiber und wies vielen jungen Leuten, die sich an ihn wandten, Wege zu|freier Selbstentfaltung. Literarische Kritiken, die seit den Gaienhofer Jahren einen großen Teil seiner schriftstellerischen Tätigkeit ausgemacht hatten, lieferte er nur noch gelegentlich. Auch auf die Herausgabe von Schriften anderer, die zahlreiche Nummern seiner frühen Bibliographie füllt, verzichtete er in seinem Alter. Dagegen sammelte er nun sein dichterisches Lebenswerk und überarbeitete Teile desselben. Unter ihm nehmen H.s lyrische Gedichte einen starken Band ein. Nur wenige Gedichte haben sich allgemein durchgesetzt, und der Reichtum seiner Lyrik ist noch kaum erschlossen. H. liebte es im Alter, den versponnenen Magier zu spielen, und fand in gärtnerischer Arbeit den ersehnten Einklang mit den Kräften des Alls. Sein letztes Gedicht entstand bei einem morgendlichen Spaziergang vor seinem Hinscheiden und war dem absterbenden Ast einer Robinie gewidmet.

##### 16. Fritz Lang

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/Qnpimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/Qnpimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Lang">L.</span> war der ideenreichste Filmregisseur Berlins in der Zeit der Weimarer Republik. Er besuchte die Realschule und studierte an der <abbr title="Technische Hochschule">TH</abbr> Wien Architektur. Da er sich jedoch mehr für Malerei interessierte, wechselte er auf die Akademie der Graphischen Künste über und setzte seine Studien an der <span class="abbr" title="Staatlich">Staatl.</span>Kunstgewerbeschule in München fort. Als 21jähriger wagte er den Bruch mit seiner bürgerlichen Herkunft und brachte sich während der folgenden Wanderjahre, die ihn <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> nach Paris führten, als Maler und Karikaturist, Kabarettist und Schausteller durch. Nach Ausbruch des Weltkriegs kehrte <span class="abbr" title="Lang">L.</span> in seine Heimat zurück und ging als Leutnant zur Front. Nachdem er verwundet worden war, trat er als Schauspieler im Rahmen der Truppenbetreuung auf und begann mit dem Schreiben von Film-Drehbüchern, die auf Anhieb Beachtung fanden und von der Berliner Firma Decla verfilmt wurden (von Joe May). Da <span class="abbr" title="Lang">L.</span> mit der Verfilmung nicht zufrieden war, übersiedelte er 1918 nach Berlin, um sich selbst als Regisseur zu betätigen. Sein in fünf Tagen gedrehter Film „Halbblut“ (1919) machte ihn schlagartig bekannt, vollends „Der müde Tod“ (1921), ein für <span class="abbr" title="Lang">L.</span>s Inszenierungsstil – Schatten, Lichtreflexe, Betonung architektonischer Strukturen – bereits kennzeichnender Film. Die Wirksamkeit der Bildersprache ist um so erstaunlicher, als man den ganzen Film noch mit einer Handkurbelkamera drehen mußte und noch keine Nachtaufnahmen machen konnte. Das Drehbuch für diesen und viele weitere Filme schrieb seine 2. Frau, Thea <span class="abbr" title="von">v.</span> Harbou, so 1921/22 für den zweiteiligen Film „Dr. Mabuse, der Spieler“ nach dem gleichnamigen Roman von Norbert Jacques. Mit ihr zusammen schrieb <span class="abbr" title="Lang">L.</span> das Drehbuch für den zweiteiligen Film „Das indische Grabmal“, dessen Regie Joe May übernahm. 1922-24 inszenierte er die beiden Teile von „Die Nibelungen“ und fuhr anschließend für zwei Monate nach Amerika. 1925/26 realisierte er – wiederum nach dem Buch seiner Frau – den sozial-utopischen Monsterfilm „Metropolis“ (mit Brigitte Helm als Schauspielerin), ein Jahr darauf „Spione“, 1929 „Frau im Mond“ und 1931 „M – Mörder unter uns“, in dem [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz54292.html)Peter Lorre den Kindermörder darstellt. Dieser Film wurde ebenso wie „Die Frau im Mond“ von den Nationalsozialisten verboten, „Die Nibelungen“ und „Metropolis“ hingegen wurden gelobt. Goebbels bot <span class="abbr" title="Lang">L.</span> sogar an, eine Art Reichs-Filmintendant zu werden, aber nach dem Verbot von „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1933) emigrierte <span class="abbr" title="Lang">L.</span> nach Paris und trennte sich von Thea <span class="abbr" title="von">v.</span> Harbou, die dem Nationalsozialismus nahestand. Seit <span class="abbr" title="Dezember">Dez.</span> 1933 drehte er mit Charles Boyer „Liliom“, einen Film, der für<span class="pb" title="Seite im Original 535">|</span>ihn das Sprungbrett nach Hollywood wurde (1934). Hier schuf er eine Reihe bemerkenswerter Filme – 22 von insgesamt 34. Obwohl <span class="abbr" title="Lang">L.</span> bemüht war, sich seinem neuen Publikum anzupassen, blieben seine Filme, in denen Romantik, Expressionismus und Neue Sachlichkeit eine faszinierende Allianz eingingen, letztlich „deutsch“. Er verfilmte die Geschichten von guten und bösen Helden, in grauer Vorzeit spielend wie im modernen Asphaltdschungel. Mit dem Bergarbeiterfilm „Fury“ (1936), den er von seinen <span class="abbr" title="amerikanisch">amerikan.</span> Arbeiten am meisten schätzte, erregte er heftige Diskussionen. Zusammen mit Brecht schrieb er das Drehbuch für einen Film über die Ermordung Heydrichs in Prag, „Hangmen also die“ (1943). <span class="abbr" title="Lang">L.</span>arbeitete in verschiedenen Studios von Hollywood, vor allem bei 20th Century Fox, Paramount, Columbia und in Auftragsproduktionen für United Artists, Warner Brothers und Radio Keith Orpheum. 1945 gründete er die Gesellschaft Diana-Productions, die aber nur zwei Filme herstellte. 1956 kehrte <span class="abbr" title="Lang">L.</span> nach Deutschland zurück, um an seine Erfolge in den 20er Jahren anzuknüpfen (Der Tiger von Eschnapur, 1958; Das indische Grabmal, 1958; Die 1 000 Augen des Dr. Mabuse, 1960). Diesen Filmen war jedoch kein Erfolg beschieden. Enttäuscht kehrte <span class="abbr" title="Lang">L.</span> nach Amerika zurück. In den letzten Lebensjahren fast erblindet, lebte er in Beverly Hills. – „Das Wesen des Films“, sagte <span class="abbr" title="Lang">L.</span> 1924, „ist nur dann überzeugend und eindringlich, wenn es sich mit dem Wesen der Zeit deckt, aus der dieser geboren wurde“. Bei der Beantwortung der Frage, was dieses Wesen der Zeit sei, verließ er sich nur auf seine eigene Intuition. Sie scheint ihn nicht getrogen zu haben: Die dichte zeitgenössische Atmosphäre von <span class="abbr" title="Lang">L.</span>s Filmen bleibt beeindruckend.<abbr title="gestrichen:  – [d. Red.]">|</abbr>

##### 17. Gunta Stölzl

<div class=" frame default   frame-type-textpic    layout-10 " id="bkmrk-portr%C3%A4t-gunta-st%C3%B6lzl" style="text-align: justify;"><div class="ce-body "><div class="ce-textpic  ce-left ce-above imglayout-2"><div class="media-jpg enabled-1 ce-gallery" data-ce-columns="1" data-ce-images="1"><div class="ce-row"><div class="ce-column"><figure class="image">![Porträt Gunta Stölzl. Foto: unbekannt, um 1926. ](https://www.hausaufderalb.de/fileadmin/hausaufderalb/images/bauhaus_kuenstler/gunta_stoelzl_600.jpg "Porträt Gunta Stölzl. Foto: unbekannt, um 1926. ")<figcaption class="image-caption">Porträt Gunta Stölzl. Foto: unbekannt, um 1926.</figcaption></figure></div></div></div><div class="ce-textpic-text"><div class="ce-bodytext datisser">  
</div></div></div></div></div>> „Nichts Hemmendes an meinem äußeren Leben, ich kann’s mir gestalten wie ich will. Ah, wie so oft träumt ich davon und nun ist’s wirklich wahr geworden, kaum faß ich es noch.“

**Gunta Stölzl prägte in besonderem Maß die Webereiklasse des Bauhauses. Als Jungmeisterin in Dessau erhielt sie als eine der wenigen Frauen am Bauhaus eine Leitungsposition. Zahlreiche Teppiche, Möbelbespannungen und weitere Gebrauchstextilien gehen auf ihre Entwürfe zurück. Die Werkstatt für Weberei erhielt unter ihrer Führung gewinnversprechende Aufträge und wurde zur wichtigsten Einnahmequelle der Reformschule.**

Aus einem bildungsnahen Elternhaus stammend, konnte die 1897 in München geborene Adelgunde Stölzl, genannt Gunta, 1913 ihre Reifeprüfung ablegen. Familiär vorgeprägt – ihr Urgroßvater war Webermeister – begann sie in ihrer Heimatstadt an der Kunstgewerbeschule zu studieren. Kunstakademien ließen zu dieser Zeit noch keine weiblichen Studierenden zu. Beim Freiwilligendienst als Rote-Kreuz-Schwester im Ersten Weltkrieg hatte sie viel Leid und Kriegselend gesehen. Sie wurde – wie ihre gesamte Generation – früh mit den Realitäten des Lebens konfrontiert. Das Bauhaus, das aus der ehemaligen Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar hervorging, warb 1919 mit seinen Reformideen und bot Möglichkeiten für fortschrittliche Lebensentwürfe. Mit einer Arbeitsmappe voll Zeichnungen aus ihrer Studienzeit sowie mit freien Arbeiten bewarb sich Gunta Stölzl bei [Walter Gropius](https://www.hausaufderalb.de/walter-gropius) (1883–1969). Er erkannte ihre gute Beobachtungsgabe sowie ihr Einfühlungsvermögen und nahm sie sofort auf. Vorerst begann sie bei einem Glasmaler zu arbeiten und wechselte dann zur Dekorationsmalerei. Auch dort waren die Tätigkeiten weniger künstlerischer Natur. So bestand ihre Arbeit im Renovieren des Weimarer Bauhaus-Gebäudes.

<div class=" frame default   frame-type-textpic    layout-10 " id="bkmrk-die-webereiklasse-%281" style="text-align: justify;"><div class="ce-body "><div class="ce-textpic  ce-right ce-intext imglayout-17"><div class="media-jpg enabled-1 ce-gallery" data-ce-columns="1" data-ce-images="1"><div class="ce-row"><div class="ce-column"><figure class="image">[![Die Webereiklasse (1927/28) auf der Bauhaustreppe. Foto: T. Lux Feininger, Wikipedia, gemeinfrei](https://www.hausaufderalb.de/fileadmin/_processed_/5/9/csm_alma_weibereiklasse_600_69addb7a01.jpg "Die Webereiklasse (1927/28) auf der Bauhaustreppe. Foto: T. Lux Feininger, Wikipedia, gemeinfrei")](https://www.hausaufderalb.de/index.php?eID=tx_cms_showpic&file=127785&md5=fd30a5987dbac020337b251ff499fba09536dee8&parameters%5B0%5D=eyJ3aWR0aCI6IjgwMG0iLCJoZWlnaHQiOiI2MDBtIiwiYm9keVRhZyI6Ijxib2R5&parameters%5B1%5D=IHN0eWxlPVwibWFyZ2luOjA7IGJhY2tncm91bmQ6I2ZmZjtcIj4iLCJ3cmFwIjoi&parameters%5B2%5D=PGEgaHJlZj1cImphdmFzY3JpcHQ6Y2xvc2UoKTtcIj4gfCA8XC9hPiIsImNyb3Ai&parameters%5B3%5D=OiJ7XCJkZWZhdWx0XCI6e1wiY3JvcEFyZWFcIjp7XCJ4XCI6MCxcInlcIjowLFwi&parameters%5B4%5D=d2lkdGhcIjoxLFwiaGVpZ2h0XCI6MX0sXCJzZWxlY3RlZFJhdGlvXCI6XCJOYU5c&parameters%5B5%5D=IixcImZvY3VzQXJlYVwiOm51bGx9fSJ9)<figcaption class="image-caption">Die Webereiklasse (1927/28) auf der Bauhaustreppe. Foto: T. Lux Feininger, Wikipedia, gemeinfrei</figcaption></figure></div></div></div><div class="ce-textpic-text"><div class="ce-bodytext datisser">  
</div></div></div></div></div>Ab 1920 entstand die anfangs als „Frauenklasse“ bezeichnete Weberei, in der die Studierenden und die bereits ausgebildete Stölzl noch keinen strukturierten Unterricht erhielten. Von ihren bereits vorhandenen Kenntnissen profitierten auch ihre Mitstudentinnen. So erinnerte sich Anni Albers (1899–1994): „Zu Beginn lernten wir überhaupt nichts. Ich habe viel von Gunta gelernt, die eine großartige Lehrerin war. Wir saßen da und haben es einfach probiert.“ So wurde mit Applikationen, Stickerei, Gobelintechnik und Flachgewebe experimentiert, wobei eine neue Formensprache Einzug hielt. Geometrische Muster und abstrakte Kompositionen bestimmten die Entwürfe. Als [Paul Klee](https://www.hausaufderalb.de/paul-klee) (1879–1940) Meister am Bauhaus wurde, nahm Gunta Stölzl sogleich dessen Kurs „Bildnerische Formenlehre“ wahr. Zuvor hatte sie aufgrund ihres besonderen Engagements in der Weberei eine Schulgeldfreistelle erhalten. Gemeinsam mit der ebenfalls sehr begabten Benita Otte (1892–1976) besuchte sie eine Fortbildung für Textilfärberei in Krefeld.

Aus wirtschaftlichen Gründen wurde die Arbeit in der Weberei nun straffer organisiert, die tägliche Arbeitszeit betrug sechs Stunden. Die Produkte sollten verkauft werden, um das stets um finanzielle Unterstützung bemühte Bauhaus abzusichern. Gunta Stölzl wurde zur prägenden Gestalt der Webereiklasse. Es begann eine schöpferische und produktive Zusammenarbeit mit der Tischlerei. Gemeinsam mit Marcel Breuer (1902–1981) entstanden Bespannungen für Latten- und Stahlrohrstühle. Auch die Entwicklung der Wandbehänge und Teppiche ging voran. 1922 webte sie ihr Gesellenstück, einen Smyrna-Knüpfteppich. Für das „Haus am Horn“, das Musterhaus der ersten Bauhaus-Ausstellung, entstand ein weiterer sechs Meter langer Knüpfteppich mit abstrakten Motiven. Noch während der Ausstellung erwarb ihn ein Architekt.

<div class=" frame default   frame-type-textpic    layout-10 " id="bkmrk-gunta-st%C3%B6lzl%2C-schlit" style="text-align: justify;"><div class="ce-body "><div class="ce-textpic  ce-center ce-above imglayout-0"><div class="media-jpg enabled-1 ce-gallery" data-ce-columns="1" data-ce-images="1"><div class="ce-outer"><div class="ce-inner"><div class="ce-row"><div class="ce-column"><figure class="image">![Gunta Stölzl, Schlitzgobelin Rot-Grün, 1927-1928. Foto: Jennifer Mei, Wikimedia, CC BY 2.0](https://www.hausaufderalb.de/fileadmin/hausaufderalb/images/bauhaus_kuenstler/gunta_stoelzl_wandteppich_600.jpg "Gunta Stölzl, Schlitzgobelin Rot-Grün, 1927-1928. Foto: Jennifer Mei, Wikimedia, CC BY 2.0")<figcaption class="image-caption">Gunta Stölzl, Schlitzgobelin Rot-Grün, 1927-1928. Foto: Jennifer Mei, Wikimedia, CC BY 2.0</figcaption></figure></div></div></div></div></div><div class="ce-textpic-text">  
</div></div></div></div>1924 wurde Gunta Stölzl als Gesellin in der Bauhaus-Weberei angestellt, was eine große Ausnahme unter weiblichen Studierenden darstellte. Mit dem Umzug des Bauhauses nach Dessau wurde sie zuerst Werkmeisterin der Webabteilung. 1927, nachdem die Studierenden die Entlassung des bisherigen Leiters Georg Muche (1895–1987) vorangetrieben hatten, übernahm Gunta Stölzl die technische und künstlerische Gesamtleitung der Abteilung. Unter ihrer Führung wurden Stoffe und Prototypen zur wichtigsten Einnahmequelle des Bauhauses. Sie entwickelte neue Lehrpläne, ließ ihre Studierenden vermehrt mit modernen, synthetischen Materialien experimentieren und übernahm größere Aufträge. Bereits 1925 schrieb sie an ihren Bruder:

> „Nun spielt die wirtschaftliche Seite des Bauhauses hier eine viel entscheidendere Rolle, alles muß sich rentieren, d. h. muß einen Geldwert haben, allerdings scheint die Sache auch mehr Aussichten hier zu bekommen, was die Ausnutzung der Arbeit betrifft \[…\].“

<div class=" frame default   frame-type-textpic    layout-10 " id="bkmrk-gunta-st%C3%B6lzl%3A-entwur" style="text-align: justify;"><div class="ce-body "><div class="ce-textpic  ce-center ce-below imglayout-8"><div class="ce-textpic-text"><div class="ce-bodytext datisser">  
</div></div><div class="media-jpg enabled-1 ce-gallery" data-ce-columns="1" data-ce-images="1"><div class="ce-outer"><div class="ce-inner"><div class="ce-row"><div class="ce-column"><figure class="image">![Gunta Stölzl: Entwurf für einen Wandbehang, 1927. Bauhaus-Archiv Berlin](https://www.hausaufderalb.de/fileadmin/hausaufderalb/images/bauhaus_kuenstler/gunta_stoelzl_wandteppich_entwurf_bauahus_600.jpg "Gunta Stölzl: Entwurf für einen Wandbehang, 1927. Bauhaus-Archiv Berlin")<figcaption class="image-caption">Gunta Stölzl: Entwurf für einen Wandbehang, 1927. Bauhaus-Archiv Berlin</figcaption></figure></div></div></div></div></div></div></div></div>1928 heiratete sie den Bauhaus-Studenten der Architektur Arieh Sharon (1900–1984), der aus dem galizischen Judentum stammte. Sie nahm die palästinensische Staatsbürgerschaft an („British Passport Palestine“). Kurz darauf wurde ihre erste Tochter Yael geboren. Die veränderte politische Lage am Bauhaus bekam auch Gunta Stölzl zu spüren. Persönliche Intrigen und diffamierende Anfeindungen machten ihr zu schaffen und sie musste absurde Anschuldigungen und Kritik hinnehmen. Nachdem sich die Situation zunehmend verschlimmerte, kündigte sie, bevor sie entlassen werden konnte. Sie verließ das Bauhaus im Sommer 1931, ein unschöner Abschied, der sie noch Jahre später schmerzte.

Gunta Stölzl emigrierte in die Schweiz und gründete gemeinsam mit den ehemaligen Bauhäuslern Gertrud Preiswerk (1902–1994) und Heinrich-Otto Hürlimann (1900–1964) eine Handweberei in Zürich. Die Zeit war geprägt vom intensiven Bemühen um Aufenthaltserlaubnis in der neuen Heimat. Sie hielt den Kontakt zu alten Bauhaus-Freunden aufrecht. Mit Benita Otte unternahm sie viele gemeinsame Urlaube. 1937 wurde sie alleinige Besitzerin der Handweberei Flora. Im selben Jahr erhielt sie auf der Pariser Weltausstellung als bedeutende internationale Auszeichnung das „Diplome Commémoratif“. Die Kriegsjahre brachten ihr existenzsichernde Aufträge, da sie bis kurz vor Kriegsende über einen großen Vorrat an gesponnener Wolle verfügte, der zur Herstellung von Bekleidungsstoffen diente. Sie lernte den Autor und Journalisten Willy Stadler (1903–1988) kennen. Die beiden heirateten 1942 und Gunta Stölzl wurde Schweizer Staatsbürgerin. Ein Jahr später wurde ihre zweite Tochter Monika geboren. Die Handweberei führte Gunta Stölzl noch bis in ihr 71. Lebensjahr weiter. In den Jahren danach arbeitete sie an eigenen Gobelins und bestritt Ausstellungen.

Gunta Stölzl starb am 22. April 1983 im Züricher Krankenhaus unweit ihres Wohnortes Küsnacht.

##### 18. Albert Schweitzer

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-01/scaled-1680-/jNaimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-01/jNaimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Schweitzer">S.</span> wuchs in einem liberal geprägten <span class="abbr" title="protestantischen">prot.</span> Pfarrhaus in Günsbach (Oberelsaß) auf. Nach dem Abitur in Mülhausen studierte er seit 1893 Theologie und Philosophie in Straßburg, Paris und Berlin, <span class="abbr" title="unter anderem">u. a.</span> bei [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz33567.html)Heinrich Julius Holtzmann (1832–1910), Theobald Ziegler (1846–1918), [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz116502.html)Wilhelm Windelband (1848–1915) und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz49285.html)Adolf <span class="abbr" title="von">v.</span> Harnack (1851–1930); in Paris nahm er Orgelunterricht bei [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz109134.html)Charles-Marie Widor (1844–1937). 1899 wurde er in Straßburg bei Ziegler mit einer Arbeit über „Die Religionsphilosophie Kants“ (1899, <span class="abbr" title="Nachdruck">Nachdr.</span> 2005) zum <abbr title="doctor philosophiae">Dr. phil.</abbr>, 1900 bei Holtzmann mit „Das Abendmahlsproblem auf Grund der wissenschaftlichen Forschung des 19. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> und der historischen Berichte“ (Das Abendmahl im Zus.hang mit d. Leben Jesu u. d. <span class="abbr" title="Geschichte">Gesch.</span> d. Urchristentums, 1901, <span class="abbr" title="Nachdruck">Nachdr.</span> 1983) zum <span class="abbr" title="Licentiat(us)">Lic.</span> <span class="abbr" title="theologisch">theol.</span> promoviert. 1901 habilitierte sich <span class="abbr" title="Schweitzer">S.</span> an der <span class="abbr" title="Theologischen">Theol.</span> Fakultät in Straßburg (Das Messianitäts- u. Leidensgeheimnis, Eine Skizze d. Lebens Jesu, 1901) und lehrte anschließend bis zum Wintersemester 1911/12 als Privatdozent Neues Testament; 1912 wurde ihm der Professorentitel verliehen. Seit 1900 war er als Vikar an <span class="abbr" title="Sankt">St.</span> Nicolai in Straßburg tätig; 1903–06 versah er zudem als Nachfolger Gustav Anrichs das Amt des Direktors des dortigen Thomasstifts[¶](http://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/3400) (Collegium Wilhelmitanum).

1905 begann <span class="abbr" title="Schweitzer">S.</span> ein Studium der Medizin, das er 1913 mit der Promotion zum <span class="abbr" title="doctor medicinae">Dr. med.</span> abschloß (Die psychiatr. Beurteilung Jesu, <span class="abbr" title="Darstellung(en)">Darst.</span> u. Kritik, 1913, <span class="abbr" title="Nachdruck">Nachdr.</span> 2002). Während dieser Zeit entstand sein bekanntestes <span class="abbr" title="theologisch">theol.</span> Werk, die „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ (1906 zunächst unter d. Obertitel „Von Reimarus zu Wrede“, ²1913, <span class="abbr" title="Nachdruck">Nachdr.</span> 1984), in dem er die bisherige Jesusforschung kritisch bilanzierte und sein eigenes konsequent-eschatologisches Jesusverständnis darlegte. Darüber hinaus publizierte er weitere bedeutende Schriften zur Musik- (<span class="abbr" title="Deutsche">Dt.</span> u. <span class="abbr" title="französische">franz.</span> Orgelbaukunst u. Orgelkunst, 1906; J. S. Bach, 1908, <sup>12</sup>2005) und Religionsgeschichte (<span class="abbr" title="Geschichte">Gesch.</span> d. Paulin. <span class="abbr" title="Forschung(en)">Forsch.</span> <span class="abbr" title="von">v.</span> d. <span class="abbr" title="Reformation">Ref.</span> bis auf d. Gegenwart, 1911); das dazugehörige Pendant erschien erst 1930 im Druck (Die Mystik d. Apostels Paulus, <span class="abbr" title="Nachdruck">Nachdr.</span> 1981). Gemeinsam mit Widor edierte er seit 1912 die „Kritisch-praktische Ausgabe des gesamten Orgelwerkes von Bach“ (8 <span class="abbr" title="Bände">Bde.</span>, 1912–67; seit <span class="abbr" title="Band">Bd.</span> 6 mit E. Nies-Berger).

1912 gab <span class="abbr" title="Schweitzer">S.</span> seine akademische Laufbahn sowie sein Predigtamt auf und brach mit seiner Frau 1913 nach Lambarene in Äquatorialafrika (Gabun) auf, um dort mit privaten Mitteln ein Tropenhospital aufzubauen (Zwischen Wasser u. Urwald, 1920). Der 1. Weltkrieg bereitete diesem ärztlichen Wirken ein vorläufiges Ende. Das Ehepaar <span class="abbr" title="Schweitzer">S.</span> wurde 1914 von den <span class="abbr" title="französischen">franz.</span> Kolonialbehörden interniert, 1917 nach Südfrankreich überführt und konnte 1918 in die <span class="abbr" title="elsässische">elsäss.</span> Heimat zurückkehren. <span class="abbr" title="Schweitzer">S.</span> übernahm dort wieder seine Vikarsstelle, wurde Assistenzarzt am Bürgerhospital in Straßburg und setzte seine in Lambarene begonnene Arbeit an einer Kulturphilosophie fort, in deren Zusammenhang er 1915 den für sein ethisches Denken zentralen Begriff „Ehrfurcht vor dem Leben“ geprägt hatte. 1919 stellte er seine Ehrfurchtsethik in zwei Predigten in Straßburg vor und behandelte<span class="pb" title="Seite im Original 56">|</span>sie eingehender in Vorlesungen, die er 1920 in Uppsala auf Einladung <span class="abbr" title="Erzbischof">Ebf.</span> Nathan Söderbloms hielt. Auf ihnen basieren die beiden ersten Bände seiner „Kulturphilosophie“ (1923, <span class="abbr" title="Nachdruck">Nachdr.</span>2007).

1924 folgte <span class="abbr" title="Schweitzer">S.</span>s zweite Ausreise nach Afrika, der sich noch zwölf weitere anschlossen. Seine zwischenzeitlichen Europaaufenthalte dienten <span class="abbr" title="unter anderem">u. a.</span> dazu, durch Orgelkonzerte und Vorträge die für das Spital erforderlichen finanziellen Mittel zu sammeln. 1953 wurde ihm der Friedensnobelpreis für das Jahr 1952 zugesprochen, den er am 4.11.1954 in Oslo entgegennahm. In seiner Dankesrede „Das Problem des Friedens in der heutigen Welt“ ächtete er den Krieg als etwas Unmenschliches und rief die Menschheit auf, den Nationalismus durch die Humanitätsgesinnung zu überwinden. 1957/58 warnte er in drei Appellen über Radio Oslo vor der atomaren Gefahr (Appell an d. Menschheit, 1957; Friede oder Atomkrieg, 1958) und engagierte sich gemeinsam mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz120101.html)Linus Carl Pauling, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz115151.html)Bertrand Russell und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz71923.html)Martin Niemöller gegen Nuklearwaffen. Von 1959 bis zu seinem Tod lebte er in Lambarene.

Die von <span class="abbr" title="Schweitzer">S.</span> herausgestellte endzeitliche Bestimmtheit der Verkündigung und des Wirkens Jesu wird in der Bibelwissenschaft weithin anerkannt. Sein Verständnis von Bachs Musik als dichterisch-malerisch und darin textbezogen wirkte revolutionierend; seine Deutungen der Motive Bachs sind ein Vorgriff auf die Forschungen zur Emblematik in der Musik des Barockzeitalters. <span class="abbr" title="Schweitzer">S.</span>s Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ ist ein oft bemühter Bezugspunkt in der gegenwärtigen ökologischen Debatte und steht in Verbindung mit seiner Suche nach einer den Religionen und Weltanschauungen zugrunde liegenden Philosophie, weshalb <span class="abbr" title="Schweitzer">S.</span> als ein Wegbereiter des interreligiösen Dialogs anzusehen ist. Schließlich sind von seinen in der Nachlaßausgabe veröffentlichten Predigten, Aufsätzen und Vorträgen wichtige Impulse für ein der Wahrheitssuche verpflichtetes liberales Christentum zu erwarten. Sichtbares Symbol seiner Ethik ist das <span class="abbr" title="Schweitzer">S.</span>s Namen tragende Lambarene-Spital, das noch immer in seinem Geist betrieben und maßgeblich durch Spendenmittel finanziert wird. Das hier praktizierte Entwicklungshilfekonzept hat sich bei den <span class="abbr" title="international">internat.</span> Entwicklungshilfeorganisationen – zumindest theoretisch – durchgesetzt.

##### 19. Marie Juchacz

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/kenimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/kenimage.png)

Sie war die erste Frau, die 1919 im Reichstag eine Rede hielt, kämpfte um die Gleichberechtigung der Frauen und später für die Reform des § 218: die SPD-Politikerin, Frauenrechtlerin und Gründerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Marie Juchacz. 1933 geriet sie als NS-Gegnerin ins Visier der Gestapo.

Seit 1926 wohnte Marie Juchacz (1879-1956) mit ihrer Schwester Elisabeth Kirschmann-Röhl (1888-1930; SPD-Politikerin und Mitbegründerin der AWO) und dem Schwager Emil Kirschmann (1888-1949; SPD-Politiker, 1924-1933 MdR) in einem Reihenhaus in Berlin-Köpenick. Das Haus diente ihnen in arbeitsreichen Zeiten als Rückzugsort. Marie Juchacz leitete die Arbeiterwohlfahrt (AWO) und war Mitglied des Reichstags (MdR) für die SPD.

Elisabeth Kirschmann-Röhl pendelte, bedingt durch ihre politische Tätigkeit als preußische Landtagsabgeordnete, zwischen Köln und Berlin, bis sie 1930 frühzeitig verstarb. Dort hatten sie Reden, Bücher und Artikel geschrieben und Ideen für die AWO und die sozialistische Frauenbewegung diskutiert. So manche sozialpolitische Reform auf dem Gebiet des Mutterschutzes, der Gleichstellung unverheirateter Mütter und unehelicher Kinder, der Säuglings- und Kinderpflege, der Volksgesundheit und Jugendpflege, der Arbeitslosenfürsorge sowie des [§ 218](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/gegen-den-klassen-paragrafen-die-abtreibungsdebatte-zwischen-1900-und-1933 "weitere Informationen zur Abtreibungsdebatte in der alten Frauenbewegung im Digitalen Deutschen Frauenarchiv"), wurde in ihrem Haus mit Garten entwickelt – doch im Mai 1933 wurde alles ‚zerschlagen‘. Stunden vor der Flucht waren Marie Juchacz und Emil Kirschmann von Freund\*innen vor der Gestapo gewarnt worden. Sie flohen über die ‚grüne Grenze‘ ins autonome Saargebiet, das seit dem Ersten Weltkrieg dem Völkerbund unterstand. Währenddessen plünderte die NSDAP-geführte Sturm-Abteilung (SA) ihr Haus.

**Vom Schulkind zur Frauenrechtlerin und Politikerin (1879–1929)**

1879 in Landsberg an der Warthe (heute: Gorzów Wielkopolski) geboren, wuchs Marie Juchacz (geb. Gohlke) mit zwei Geschwistern in einfachen, liebevollen Verhältnissen auf.<span data-reader-unique-id="30">[1](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote1_vYMko3-oFO1TfUu3vQK42hUTaFT7N1C098c0RZx8_whLm70suHrDi)</span> Nach der Volksschulzeit war sie Hausangestellte, Fabrikarbeiterin, Krankenwärterin und erlernte den Beruf der Schneiderin. Ihre politische Bildung verdankte sie ihrem Vater, der als Zimmermann Bücher aus der Gewerkschaftsbibliothek leihen konnte, und ihrem Bruder Otto Gohlke (1871–1958, ebenfalls Zimmermann). Früh interessierte sie die Frauen- und Friedenspolitik. Ihre Ehe mit dem Schneidermeister Juchacz scheiterte 1906, und sie zog zunächst mit den beiden Kindern und ihrer Schwester Elisabeth zum Bruder, der mit seiner siebenköpfigen Familie in Berlin wohnte. Als Elisabeth ein Jahr später in erster Ehe Gustav Röhl heiratete und ein Kind erwartete, wurde in Berlin-Neukölln ein Haushalt Juchacz-Röhl eingerichtet.

Gemeinsam zu wirtschaften und die drei Kinder großzuziehen, erlaubte es den Frauen abends politisch aktiv zu sein, und sie entwickelten sich zu beliebten Rednerinnen der SPD. 1913 wurde Marie Juchacz SPD-Frauensekretärin der oberen Rheinprovinz. Elisabeth trennte sich von ihrem Mann und der Lebensmittelpunkt der zwei Frauen und der Kinder verlagerte sich nach Köln, wo Elisabeth ihren zweiten Ehemann Emil Kirschmann kennenlernte. Die Berufung in den SPD-Hauptvorstand brachte Marie Juchacz 1917 nach Berlin zurück, wo sie sich für das [Frauenwahlrecht](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/geschichte-des-frauenwahlrechts-deutschland "zur Geschichte des Frauenwahlrechts im Digitalen Deutschen Frauenarchiv") einsetzte.<span data-reader-unique-id="34">[2](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote2_xTJ8HoZXYY3Oq2kq9TvCHEp-NqPQz-NZ6RKAXyD1pmo_ozbQLrEJJtA7)</span>

Am 19. Februar 1919 hielt sie in Weimar als erste Frau im deutschen Parlament eine Rede und gründete einige Monate später die AWO, der sie fortan ihre Kraft widmete. 1929 wurde das Thema ‚[Ehe- und Sexualberatung](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/218-und-die-frauenbewegung/unter-dem-druck-der-oeffentlichkeit "weitere Informationen zum §218 in den 1920er Jahren im Dossier des Digitalen Deutschen Frauenarchivs")‘ im Unterricht der AWO-eigenen Wohlfahrtsschule in Berlin verankert. Marie Juchacz kämpfte für die Selbstbestimmung der Frauen und für die Reform des § 218.

<figure data-reader-unique-id="38" id="bkmrk--27" role="group" style="text-align: justify;"><picture data-reader-unique-id="42"><source data-reader-unique-id="43" media="(min-width: 768px)" srcset="safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/sites/default/files/styles/embedded_tablet/public/2021-12/FA049200.jpg.webp?itok=f-FJa03w%201x,%20/sites/default/files/styles/embedded_tablet_retina/public/2021-12/FA049200.jpg.webp?itok=38en7JZU%202x" type="image/webp"></source></picture></figure>**Widerstand gegen den Nationalsozialismus (1929–1933)**

Marie Juchacz und Elisabeth Kirschmann-Röhl stellten sich mit all ihrer Kraft der Politik der Nationalsozialisten entgegen.<span data-reader-unique-id="54">[3](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote3_xSN5zcG4oHwebP6p8Rm-0qHMMf2enisoxFRFs0ZQps_cMHWzubEM2ol)</span> 1930 arbeitete Marie Juchacz in Berlin. Während Elisabeth Kirschmann-Röhl im Wahlkampf für die SPD durch ihren Wahlkreis im Rheinland tourte, geriet sie einmal in eine Versammlung der Nationalsozialisten, meldete sich trotz der Gefahr zu Wort, wurde niedergeschrien und vom Podium gezerrt. Der Wahlkampf und der Vorfall hatten sie zu viel Kraft gekostet – sie kollabierte und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Ein innerer Abszess führte Tage später zu ihrem Tod.<span data-reader-unique-id="56">[4](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote4_LDx5OxOB0tq1pzXerskZOO80gT6WML4SSX4Gn-sSPI_y5mcxDLlFej6)</span><picture data-reader-unique-id="62"><source data-reader-unique-id="63" media="(min-width: 768px)" srcset="safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/sites/default/files/styles/embedded_tablet/public/2021-12/Bild-3%20-FB038955.jpg.webp?itok=UF3hKrRP%201x,%20/sites/default/files/styles/embedded_tablet_retina/public/2021-12/Bild-3%20-FB038955.jpg.webp?itok=Bw-lQilR%202x" type="image/webp"></source></picture>

Die Beisetzung mit über tausend Menschen glich einer Demonstration gegen den kürzlich erlangten Wahlsieg der Nationalsozialisten. Trotz der tiefen Trauer um ihre Schwester setzte Marie Juchacz ihren unermüdlichen Kampf für ihre Ideale und für die erkämpften politischen Errungenschaften fort. In ihrer letzten Reichstagsrede vom 26. Februar 1932 rang sie um die Stimmen der wahlberechtigten Frauen für die SPD und somit gegen den Faschismus und einen drohenden Krieg:

> „Die Frauen \[…\] wollen keinen Bürgerkrieg, die Frauen wollen keinen Völkerkrieg, die Frauen wollen keine Verschärfung der Wirtschaftsnot durch innen- und außenpolitische Abenteuer. \[…\] Es ist genug des Elends! Es ist genug des Bluts! \[…\] Die Frauen müssen bei dieser Wahl, die für das Schicksal des deutschen Volkes entscheidend sein kann, auf viele Jahre hinaus, den Kampf annehmen, für Frieden und Freiheit, für Frauenrecht und Frauenwürde, gegen den Todfeind: den Faschismus.“<span data-reader-unique-id="81">[5](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote5_UgC4Kmm-1Df3rspvAB2PhVfJY4c6juw78oq770lyKO8_iJ6iott63HgQ)</span>

Marie Juchacz erfuhr bei der Fraktionssitzung am 30. Januar 1933, dass Adolf Hitler (1889–1945, NSDAP-Vorsitzender) mit der Regierungsbildung beauftragt wurde. Zitiert wird sie mit den Worten: „Oh, armes Deutschland!“<span data-reader-unique-id="84">[6](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote6_BOTNtw320ldu33O7vjsRtIpqR5SSlDEZBD4b8QIo5eE_p8jjUitYR9dT)</span> Wenige Tage darauf engagierte Marie Juchacz einige ehemalige Polizisten zu ihrem Schutz, da bewaffnete SA- und SS-Männer nachts rund um die Häuser der sozialdemokratischen Abgeordneten in Berlin-Köpenick Einschüchterungsversuche unternahmen.<span data-reader-unique-id="86">[7 ](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote7_LpwdzbvsEA5S08x1q-0AWzDaApO3zTHAGb6uH-LibWU_t6xGp6OX12p1)</span>Nach der Verabschiedung des ‚Ermächtigungsgesetzes‘ am 23. März 1933, gegen das die SPD stimmte, kündigte Hermann Göring (1893–1946, NSDAP) an, dass er NS-Gegner ‚vernichten‘ und ‚ausrotten‘ wolle. Für Andersdenkende bestand Lebensgefahr.

**Saargebiet – „Für Deutschland – gegen Hitler“<span data-reader-unique-id="90">[8](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote8_u6yGfeoVEgRduM0mgSYoXY70RzOwwK1SuTRx3qzAgY_yOtPVJMA0RYS)</span> (1933–1935)**

Während in Deutschland die SPD verboten und die AWO aufgelöst wurde, konnten SPD und AWO im Saargebiet die Arbeit fortsetzen, weshalb Marie Juchacz und Emil Kirschmann nach Saarbrücken flohen, in der Hoffnung, bald nach Deutschland zurückzukehren.  
Mit Sorge beobachtete Marie Juchacz im Mai 1933 die rückwärtsgewandte Umgestaltung des § 218 durch die NSDAP. Der seit 1927 zugunsten der Frauen ansatzweise reformierte Paragraf, der den Schwangerschaftsabbruch „aus medizinischen Gründen“ legalisierte, wurde kurzerhand wieder mit einer Strafe von „bis zu zwei Jahre Gefängnisstrafe“ geändert.<span data-reader-unique-id="94">[9](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote9_z9GMTCpDqLO43upgi6yBnVpDGgRklBqnnp7o5tKvrI_xJbSmObmUka9)</span>

Sie sah die Notwendigkeit sich den Frauenrechten zuzuwenden und nahm Kontakt zur AWO-Geschäftsführerin und späteren AWO-Vorsitzenden Lotte Lemke<span data-reader-unique-id="97">[10](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote10_ZCz86zUl-Ez0ScoVzWGnAP1Mve71rlWXWPsOWdq7uwQ_wZEmuLsAjadh)</span> (1903–1988) in Berlin auf, die eine Tarnorganisation<span data-reader-unique-id="99">[11](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote11_z6b8nCH4inPyxV1xWLGmHVoYiDzEAeszvtwvQUVueCc_zSfCM2T8eSJ4)</span> betrieb, erhielt jedoch keine Antwort. Stattdessen ermahnte sie der Parteivorstand aus Prag, die ‚SoPaDe‘, wohin ein Teil des SPD-Vorstand ins Exil geflüchtet war: „Wir glauben nicht, dass es zurzeit eine spezifische politische Frauenarbeit gibt. \[…\] Ein besonderer Plan mit besonderer Arbeit an den Frauen ist nicht ratsam. Die Bedingungen unseres (illegalen) Wirkens in Deutschland erfordert die Rückkehr zu einfachen Organisationsgebilden. Alle Verästelungen im Organisationsgefüge \[…\] sind derzeit nicht opportun. \[…\]“<span data-reader-unique-id="101">[12](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote12_8S8YHJ0KXV4JVCOtyfcV7SuduYVMcYZ3VlpIJal2Hc_qpWgGqlbovjG)</span>

Vom Verhalten der SoPaDe enttäuscht wollte sich die vormals zentrale SPD-Frauensekretärin nicht zur ‚Spendeneintreiberin‘ der Partei degradieren lassen. Stattdessen wurde die 54-Jährige in der Flüchtlingshilfe aktiv und betrieb mit der AWO-Funktionärin und Widerstandskämpferin Johanna Kirchner (1889–1944) und zeitweise auch dem erwachsenen Sohn Paul Juchacz (1905–1954) ein Lokal, das schnell zum Treffpunkt für Emigrierte wurde. Darüber schrieb sie rückblickend: „Im Mai 1933 ging ich ins Saargebiet und richtete in Saarbrücken einen privaten Mittags- und Abendtisch ein, der während des Abstimmungskampfes zum Sitzungslokal und für viele politische Emigranten zum Heim wurde.“<span data-reader-unique-id="104">[13](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote13_ok3j0ihUpErLw59cYSDFsPpNnCduaXSyePkxOZHN0WI_kfWYL16YDM4Y)</span> Sie hatte eine regelrechte „Anmeldestelle“<span data-reader-unique-id="106">[14](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote14_sGmSZXPoIyacJIXW8TgdZwrtNAYwv2O2g6VYhyR1jOU_vnNiwhN1tEce)</span> eingerichtet, die zugleich als Informationszentrale für die journalistische Arbeit Emil Kirschmanns diente.

Im direkten Umfeld der AWO Saarbrücken mit Angela Braun-Stratmann (1892-1966) an der Spitze konnte Marie Juchacz beratend wirken und weitere Hilfsangebote vermitteln. Die Saarabstimmung 1935 gliederte das Gebiet wieder an Deutschland an, und die Gruppe politischer Freund\*innen floh aus dem Saargebiet nach Frankreich.

**Frankreich (1935-1941)**

Die Saarbrücker Gruppe unterstützte die Arbeit von Emil Kirschmann, der die offizielle ‚Beratungsstelle für Saarflüchtlinge‘, Rue Nationale 41 in Forbach-Lothringen bis 1936 leitete, und arbeitete dem französischen Nachrichtendienst zu. Bis Kriegsbeginn wurde das westdeutsche Grenzgebiet zu Frankreich von dort mit antinazistischem Propagandamaterial beliefert.<span data-reader-unique-id="111">[15](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote15_r6tr0qEeJKXHYlh3WFvJ96NwcXoc9Xaw19a5XMqAE_lOkWVPuQdE3D)</span>.

Die Gruppe lebte in einer Art ‚Kommune‘, deren Haushalt Marie Juchacz in der Nähe von Metz und auch später in Mühlhausen führte. Beim Angriff der Wehrmacht auf Frankreich verließ die Mühlhauser Gruppe Ostfrankreich und floh in den unbesetzten Süden.<span data-reader-unique-id="114">[16](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote16_n-fqa1ydS9TJqX3eI-ypnE8CWyGRpzjkYPuGDHU_uDgMZa0p8Sud)</span> Alle Spuren der Widerstandsarbeit wurden im Ofen der Wohnung verbrannt.<span data-reader-unique-id="116">[17](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote17_4EM4-aWvKTTHCJPLZ6vWEXm8-lT-cUBH3My5n7KWZU_pKVxXYDMZVZq)</span> Dank ihrer Flucht nach Sauvagnon bei Pau, wo sich die Gruppe selbstversorgend in einem leerstehenden Haus niederließ, entging sie der Internierung Camp de Gurs in Süd-Frankreich.<span data-reader-unique-id="118">[18](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote18_roc808RGbRNs8DvlqSuqoVp2GHVW91d6gneoz89ZM_uCsXyGSqlrLv)</span>

**Exil in den USA (1941-1949)**

Bei der ‚Rettungsaktion für die von den Nazis bedrohten deutschen Flüchtlinge‘ von September 1940 waren Marie Juchacz und Emil Kirschmann als zwei von 125 Personen für ein Not-Visum für die USA vorgesehen. Sie lehnten zunächst ab, da sie noch immer auf einen baldigen politischen Wandel hofften.

Erst im März 1941 erhielten Marie Juchacz und Käthe Fey, die seit Saarbrücken bei ihnen geblieben war, die erneute Ausreiseerlaubnis von Marseille nach New York. Emil Kirschmann floh illegal auf einem anderen Schiff. In den USA lernte Marie Juchacz mit 63 Jahren Englisch in einem Quäker-Heim, dem Scattergood Hostel in Iowa. Dann teilte das Dreigespann Juchacz-Kirschmann-Fey eine kleine Wohnung in der Bronx und lebte von den bescheidenen Gehältern von Emil (Edelsteinschleifer) und Käthe (Pflegehelferin). Marie Juchacz trat mit Freund\*innen der ‚German-speaking branch‘, einem Zweig des ‚Workmen’s Circle‘ bei, unterstützte dort einen Ausschuss, die so genannte ‚Arbeiterwohlfahrt New York‘ (auch ‚Solidarity 424E‘), die eine solidarische Paket-Aktion in Gang brachte und wurde dessen Präsidentin. Sie stand in engem Briefkontakt mit der AWO-Vorsitzenden Lotte Lemke. 1949 kehrte Marie Juchacz mit fast 70 Jahren nach Deutschland zu ihrer Familie zurück.<span data-reader-unique-id="126">[19](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote19_vtJCWWs5yTsqx9uw75eLyNnBzHO5iLv8GKquXhHPec_aBbyC0Q0FC2z)</span>

<div data-reader-unique-id="122" id="bkmrk--28" style="text-align: justify;"><div data-reader-unique-id="123"><div data-reader-unique-id="128"><figure data-reader-unique-id="129" role="group"></figure>  
</div></div></div>**Rückkehr nach Deutschland (1949)**

Nach ihrer Rückkehr aus dem Exil unterstützte Marie Juchacz bis zu ihrem Tod 1956 als Ehrenvorsitzende weiter die Arbeit der AWO, reiste durch ganz Deutschland zu Veranstaltungen. Um die „Kluft zwischen den Generationen“ zu füllen, die, wie Marie Juchacz sagte, ganz besonders in der Frauenfrage zu fühlen sei,<span data-reader-unique-id="146">[20](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote20_WSk0I19CEz7FeNGfgDHVvkLz5G6NRsbsrOcxsYtxLGs_n9JIIc2V3YoJ)</span> schrieb sie das Buch *Sie lebten für eine bessere Welt*.<span data-reader-unique-id="149">[21](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote21_WMMKJIybNupPqlk24f3hBqo5gYgHTyi5zYrsWG2N0I_dwdttvZB6D7U)</span>

Marie Juchacz steht stellvertretend für alle Frauen, die von Nationalsozialisten bedroht zur Flucht gezwungen waren.

##### 20. Max Schmeling

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/LXeimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/LXeimage.png)

<span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> wuchs in Hamburg auf, wo er die Volksschule besuchte. Eine 1920 begonnene kaufmännische Ausbildung in einem Verlag brach er bald ab und übte verschiedene Hilfsarbeiten aus. Nach dem Umzug nach Düsseldorf 1922 und später nach Köln begann er im Boxclub Köln-Mülheim mit regelmäßigem Boxtraining und wurde 1923 für erste Wettbewerbe sowie ein Jahr später bei der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Meisterschaft der Amateure im Halbschwergewicht eingesetzt. Anschließend entschied er sich für eine Karriere als „Profi“, erlangte viele schnelle Siege, erlitt aber auch mehrere Niederlagen in drittklassigen Kämpfen und wechselte mehrfach den Manager, bevor er seit 1926 vom Chefredakteur der Berliner Zeitschrift „Boxsport“, [Artur Bülow (<abbr title="geboren">\*</abbr> 1886)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113321.html), betreut wurde. Bülow vermittelte <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> in das Camp des Meistertrainers [Max Machon (1894–1971)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113322.html) nach Lanke und baute ihn rasch für Titelkämpfe auf. 1927 wurde <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span>Europameister im Halbschwergewicht und durch einen Kampf gegen den populären <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Mittelgewichtsmeister [Hein Domgörgen](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113323.html) zum Star der Berliner Box-Szene. Der von <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> knapp nach Punkten gewonnene Kampf um die <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Schwergewichtsmeisterschaft gegen [Franz Diener](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113324.html) 1928 wurde zum gesellschaftlichen Ereignis. Der errungene Titel wurde ihm aber aberkannt, weil <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> ihn nicht gegen einen Herausforderer verteidigte, sondern nach New York ging, wo nach einem Streit mit [Bülow](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113321.html) [Joe Jacobs](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113325.html) <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span>s neuer Manager wurde.

Nach drei Siegen in Folge durfte <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> an den Ausscheidungskämpfen (Elimination Bouts) um die vakante Weltmeisterschaft im Schwergewicht teilnehmen, in denen er sich klar durchsetzte. Den Kampf gegen US-Schwergewichtsmeister [Jack Sharkey](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113326.html) am 12.6.1930 gewann <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> – in New York zum Publikumsliebling geworden – durch Disqualifikation seines Gegners wegen Tiefschlag. <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> führte damit als erster und bislang einziger Deutscher den Titel eines Schwergewichtsweltmeisters, der ihm allerdings längere Zeit wegen der Umstände seines Siegs von vielen nationalen Verbänden der USA nicht zuerkannt wurde. 1932 gab er dem Drängen der New Yorker Boxkommission nach und bestritt einen Rückkampf gegen Sharkey, den er umstritten nach Punkten verlor. In den folgenden Jahren versuchte <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> erfolglos, in den USA wieder an einen Titelkampf zu gelangen, zumal ihn eine weitere Niederlage 1933 gegen den als „Boxclown“ berüchtigten Max Baer weiter zurückgeworfen hatte. Trotz dieser Niederlage befand sich <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span>s Popularität in der Heimat auf ihrem Höhepunkt, nicht zuletzt durch die Heirat mit [Anny Ondra](https://www.deutsche-biographie.de/sfz73538.html) im Sommer 1933, zu der Adolf Hitler ein Geschenk schickte. <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> und Ondra waren ein Glamour-Paar der <abbr title="Nationalsozialismus">NS</abbr>-Zeit und auf allen großen gesellschaftlichen Anlässen präsent. Während <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> und die neuen Machthaber versuchten, große Boxveranstaltungen in Deutschland zu organisieren und die Weltmeisterschaft ins Land zu holen, bereitete <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span>s <span class="abbr" title="jüdischer">jüd.</span> Manager Jacobs, von dem er sich auch auf Druck der Nationalsozialisten nicht trennte, einen erneuten Qualifikationskampf in den USA vor. Am 19.6.1936 trat <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> gegen den als unschlagbar geltenden [Joe Louis](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113328.html)an, den er in einem spektakulären Kampf nach<span class="pb" title="Seite im Original 126">|</span>zwölf Runden durch K.O. besiegte. Der Sieg gegen den Schwarzen [Louis](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113328.html) wurde von den Nationalsozialisten als Bestätigung ihrer Rassenideologie gedeutet. Wegen seiner Nähe zu den <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Machthabern wurde <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> um den verdienten Kampf gegen den Weltmeister [James J. Braddock](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113329.html) gebracht. Statt dessen trat Louis 1937 gegen [Braddock](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113329.html) an, schlug diesen und wurde damit Schwergewichtsweltmeister. Den ideologisch aufgeheizten Rückkampf gegen Louis verlor <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> am 22.6.1938 klar in nur 127 Sekunden durch K.O.

<span class="abbr" title="Schmeling">S.</span>s Glanzzeit als Boxer war damit beendet, aber auch als Symbolfigur für das <abbr title="Nationalsozialismus">NS</abbr>-Regime wollte er sich nicht mehr einspannen lassen. Ohne zum Regimegegner zu werden, ging er auf Distanz, auch weil er im privaten Umfeld immer öfter um Hilfe gebeten wurde, größtenteils von <span class="abbr" title="jüdisch">jüd.</span> Freunden, die versuchten, das Land zu verlassen. 1940 wurde er als Fallschirmjäger zur Wehrmacht eingezogen, ein Jahr später aber nach einer Verwundung auf Kreta wieder entlassen. <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> legte seinen Titel als Europameister nieder und gab 1942 seine Boxlizenz ab. Die letzten Kriegsjahre erlebte er auf seinem Gut in Pommern, von wo er vor der <span class="abbr" title="russisch">russ.</span> Armee nach Hamburg floh. Die Lizenz für eine mit [Axel Springer](https://www.deutsche-biographie.de/sfz121365.html) und John Jahr geplante Verlagsgründung wurde 1945 von der <span class="abbr" title="englisch">engl.</span> Militärverwaltung verweigert. <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> versuchte daraufhin 1947 mit seinem Trainer [Machon](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113322.html) ein Comeback, mußte aber nach fünf schwachen Kämpfen endgültig vom Boxsport zurücktreten. Er bestritt im Lauf seiner Profi-Karriere insgesamt 70 Kämpfe, von denen er 56 gewann, 38 davon durch K.O.

In den Folgejahren versuchte sich <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> als Nerzzüchter, Tabakbauer und Hersteller von Eierlikör. 1957 erhielt er eine Lizenz für die Abfüllung und den Vertrieb von Coca-Cola im Gebiet Hamburg-Ost. <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span>s Karriere als erfolgreicher Geschäftsmann in Hamburg-Wandsbek währte bis in die 1990er Jahre. In seinen letzten Lebensjahren, <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> nach dem Tod seiner Frau, zog er sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Popularität aus der Zeit seiner Boxerfolge blieb bis zu seinem Lebensende erhalten, zumal <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> ein Symbol des Wirtschaftswunders wurde. Auch in den USA war der für seine höflichen Umgangsformen bekannte <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> bis zu seinem Tod ungewöhnlich populär; er wurde 1992 als einziger Deutscher in die „International Boxing Hall of Fame“ aufgenommen. <span class="abbr" title="Schmeling">S.</span> engagierte sich für soziale Einrichtungen, wie die <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Sporthilfe und die SOS-Kinderdörfer, und gründete 1991 in Hamburg die „Max-Schmeling-Stiftung“ zur Unterstützung von in Not geratenen Sportlern und bedürftigen älteren Menschen (Stiftungsvolumen <span class="abbr" title="circa">ca.</span> 10 <span class="abbr" title="Million(en)">Mio.</span> DM).

##### 21. Walther Rathenau

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/sdTimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/sdTimage.jpeg)

Nach dem Abitur 1885 am <span class="abbr" title="Königlich">Kgl.</span> Wilhelms-Gymnasium in Berlin studierte <span class="abbr" title="Rathenau.">R.</span> Physik, Chemie und Philosophie in Berlin und Straßburg; 1889 mit einer Dissertation über „Die Absorption des Lichts in Metallen“ promoviert, schloß er ein polytechnisches Studium an der <abbr title="Technische Hochschule">TH</abbr> München an. Mit einem Industriepraktikum bei der „Aluminium-Industrie-<abbr title="Aktiengesellschaft">AG</abbr>“ in Neuhausen (Schweiz) begann <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> 1892 seine Laufbahn in der von seinem Vater begründeten AEG, für die er als Fachmann für Elektrochemie 1893 den Aufbau der Elektrochemischen Werke in Bitterfeld übernahm, um dort die Entwicklung elektrolytischer Verfahren zur industriellen Erzeugung von Aluminium, Kalciumkarbid und Acytelengas voranzutreiben. In den Folgejahren mit der Errichtung weiterer elektrochemischer Werke und Versuchen zur elektrischen Kraftübertragung befaßt, wurde <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> 1899 in den Vorstand der AEG berufen, in dem er die Verantwortung über die Abteilung für Zentralstationen erhielt. 1902 wechselte er für fünf Jahre als Geschäftsinhaber unter der Direktion Carl Fürstenbergs (1850–1933) zur Berliner Handels-Gesellschaft, der Hausbank der AEG und wurde 1904 in den Aufsichtsrat der AEG berufen (1912 <span class="abbr" title="Vorsitzender">Vors.</span>).

Beim zielstrebigen Aufstieg in die Wirtschaftselite des Kaiserreichs bewahrte <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> eine teils gesuchte, teils erzwungene Distanz zur wilhelminischen Gesellschaft und wurde zum kritischen Beobachter seiner Zeit. Jahrzehntelang zwischen geschäftlichen und künstlerischen Neigungen schwankend, trat er als Industrieorganisator und Inhaber einer Vielzahl von Aufsichtsratsmandaten ebenso hervor wie als umfassend gebildeter Intellektueller und vielgelesener Sozialphilosoph, aber auch als begabter Laienmaler und Schöpfer künstlerischer Entwürfe für sein selbstentworfenes Haus in Berlin-Grunewald und ein 1909 in Freienwalde (Mark) erworbenes Hohenzollernschlößchen. <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> verband unternehmerisches Handeln, politisches Wollen und kulturelle Reflexion in einer seine Mitwelt oft irritierenden Weise und nicht ohne Rückschläge. Als Jude wurde er nach seiner Militärdienstzeit 1890/91 bei den <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span>Gardekürassieren nicht zum Reserveoffiziersexamen zugelassen und nach dem Rücktritt von Reichskanzler Bernhard <span class="abbr" title="von">v.</span> Bülow 1909 auch in seinem Bemühen um eine politische Karriere im Lager der Nationalliberalen behindert, die er als Begleiter des Staatssekretärs im neugegründeten Reichskolonialamt, [Bernhard Dernburg](https://www.deutsche-biographie.de/sfz9689.html), auf zwei Informationsreisen nach <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span>-Ostfrika und <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span>-Südwestafrika 1907/08 begonnen hatte. Die Doppelrolle eines elitären Außenseiters, der zwar 1895 bei der <span class="abbr" title="jüdisch">jüd.</span> Gemeinde Charlottenburg seinen „Austritt aus dem Judenthume“ beantragte, aber nie rechtsgültig vollzog und auch nicht zum <span class="abbr" title="christlich">christl.</span> Glauben übertrat, führte <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> an die Seite von [Maximilian Harden (1861–1927)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70007.html), in dessen 1892 gegründeter Wochenzeitschrift „Die Zukunft“ er – zunächst unter Pseudonym – eine Vielzahl feuilletonistischer Betrachtungen besonders zu wirtschaftlichen und ethischen Fragen veröffentlichte. Unter ihnen erregte ein 1897 von antisemitischen Zügen nicht freier Assimilationsaufruf unter dem Titel „Höre, Israel!“ erhebliches Aufsehen, schon bevor <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> seine gesammelten „Zukunft“-Essays als „Impressionen“ (1902) und „Reflexionen“ (1908) unter eigenem Namen erscheinen ließ.

In den folgenden Jahren wuchs <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> in die Stellung eines der Kultur der Kaiserzeit durch vielfältige Verbindungen und Freundschaften – etwa mit [Gerhart Hauptmann](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68448.html), Harry <span class="abbr" title="Graf">Gf.</span> Kessler, Ernst Troeltsch, Fritz <span class="abbr" title="von">v.</span> Unruh, Frank Wedekind und Stefan Zweig – verbundenen <span class="italics">homme de lettres</span> hinein. Seine 1912/13 publizierten Bücher „Kritik der Zeit“ und „Zur Mechanik des Geistes oder Vom Reich der Seele“, die die Gegenwart als Mechanisierungszeitalter deuteten und in spekulativer Weise durch einen Übergang von der materiellen Welt des „Intellekts“ zu einer ideal gerichteten Welt der „Seele“ überwunden wissen wollten, trafen den Ton seiner Zeit, nicht zuletzt auch in ihrer rassisch argumentierenden Scheidung von Furcht- (oder Zweck-) und Mutmensch. Bereits 1911 hatte <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> zugleich seinen antijüd. Affront von 1897 mit einem Aufsatz korrigiert, der das Versagen des <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Staates bei der politischen Integration der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Juden angriff und den Untergang der auf dem Machtausschluß des liberalen Bürgertums beruhenden und im Glauben an „pseudogerman. Ausschließlichkeit“ befangenen Herrschaftsklasse in Deutschland<span class="pb" title="Seite im Original 175">|</span>prophezeite. Der nach nationaler Weltgeltung strebenden Politik des wilhelminischen Zeitalters setzte <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> das Programm einer <span class="abbr" title="mitteleuropäisch">mitteleurop.</span> Zollunion als Kernstück einer „solidarischen Zivilisation“ entgegen, das ihn zum Vordenker einer zivilgesellschaftlichen Alternative zur machtstaatlichen Antwort auf die Krise der klassischen Moderne macht.

Seine geschäftlichen Erfolge als „Konzern-Architekt“, mit denen <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> aus Rationalitätsgründen auf eine gemischtwirtschaftliche Kartellisierung der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span>Elektrizitätsindustrie und die Schaffung eines „Reichselektrizitätsmonopols“ hinarbeitete, trugen zum weiteren Aufstieg der AEG bei. Bei Ausbruch des Kriegs 1914 erkannte <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> die unzureichende wirtschaftliche Vorbereitung Deutschlands und regte eine zentrale Erfassung und Verwaltung kriegswichtiger Rohstoffe an. Daraufhin zum Abteilungsleiter im <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Kriegsministerium ernannt, schuf er binnen kurzem eine Mammutbehörde, die die gesamte <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span>Industrie einer an den Bedürfnissen der Kriegführung orientierten Beaufsichtigung unterwarf und damit seinen wirtschaftspolitischen Ordnungsvorstellungen stark entgegenkam, ihm aber auch den Vorwurf der Verquickung von Kriegsdienst und Konzerninteressen eintrug. Im März 1915 schied <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> aus dem Kriegsrohstoffamt aus und kehrte zur AEG zurück. Nach dem Tod seines Vaters im selben Jahr scheiterte er in seinem Bemühen, dessen Nachfolge anzutreten, und wurde statt dessen zum „Aufsichtsratspräsidenten“ der AEG mit Sondervollmachten bestellt.

Nach einem Zerwürfnis mit [Erich Ludendorff](https://www.deutsche-biographie.de/sfz54616.html), den er 1915/16 zeitweilig beraten hatte, zog <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> sich für die Zeit des Kriegs aus öffentlichen Ämtern zurück. Er versuchte fortan <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> durch Memoranden und persönliche Kontakte – etwa in der „<span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Gesellschaft 1914“ und in der „Mittwochsgesellschaft“ – politischen Einfluß zu nehmen und entwickelte 1917 in einer vielbeachteten Schrift „Von kommenden Dingen“ seine Vision eines „Volksstaates“, indem er für eine grundlegende soziale Bewußtseinsveränderung warb und eine Gesellschaft skizzierte, in der Klassenschranken aufgehoben, erblicher Reichtum abgeschafft und die industrielle Produktion zentral organisiert würde. Ungeachtet seines politischen Weitblicks, der ihn schon im <span class="abbr" title="August">Aug.</span> 1914 mit der Sorge vor einer Kriegsniederlage erfüllt hatte, isolierte <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> sich bei Kriegsende mit einem Aufruf zur Volkserhebung, der auf eine Verbesserung der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span>Verhandlungsposition bei den Friedensverhandlungen zielte, im kriegserschöpften Deutschland aber als Durchhalteparole eines Kriegsverlängerers aufgenommen wurde. In der Novemberrevolution spielte <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> keine Rolle. Er wurde auch nicht in die erste Sozialisierungskommission berufen, der er mit wirtschafts- und gesellschaftstheoretischen Entwürfen vorgearbeitet hatte. Ebenso mißlang der Versuch, mit dem Demokratischen Volksbund eine eigene Partei zu gründen. Die <abbr title="Deutsche Demokratische Partei">DDP</abbr>, der er daraufhin beitrat, verweigerte ihm einen Listenplatz zur Nationalversammlung.

<span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> zog sich erneut auf das Feld der politischen Publizistik zurück und veröffentlichte in rascher Folge eine Reihe von Schriften, die seine wirtschafts- und sozialpolitischen Zukunftsvorstellungen entwickelten. Doch erst als das Erstarken gegenrevolutionärer Strömungen die Schwäche des demokratischen Lagers sichtbar machte, fanden <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span>s Vorstellungen in politischen Kreisen breiteren Widerhall. 1920 wurde er in die Zweite Sozialisierungskommission berufen und als Sachverständiger in Reparationsfragen hinzugezogen, die nach dem Versailler Friedensvertrag zum Angelpunkt der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Außenpolitik wurden, um im Mai 1921 als Wiederaufbauminister in das 1. Kabinett Wirth einzutreten. Mit dem Wiesbadener Abkommen zur Umwandlung <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span>Reparationsschulden in Sachlieferungen erreichte <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> nach zähen Verhandlungen mit seinem <span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Amtskollegen Loucheur einen ersten Erfolg für seine politische Strategie, Deutschland von den Versailler Kriegsfolgen nicht <span class="italics">gegen</span>, sondern gemeinsam <span class="italics">mit</span> den alliierten Siegermächten zu entlasten. Der Rückzug der <abbr title="Deutsche Demokratische Partei">DDP</abbr> aus der Regierung zwang ihn im <span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> 1921 zum Rücktritt. In den folgenden Monaten wirkte <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> im Auftrag Reichskanzler Wirths als Sachverständiger für Wirtschaftsfragen – <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> als Leiter der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Delegation bei den Reparationsverhandlungen in Cannes- und wurde Ende <span class="abbr" title="Januar">Jan.</span> 1922 zum Außenminister ernannt.

In den knapp sechs Monaten seiner Amtszeit gelang es <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> auf der Konferenz von Genua im April/Mai 1922, das <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Reich aus der außenpolitischen Isolierung zu lösen. Doch geriet seine Verständigungspolitik schnell in eine Sackgasse. Gerade der von ihm nur zögerlich betriebene Ausgleich mit Sowjetrußland, der am Rande der Genueser Konferenz in Rapallo paraphiert wurde, ließ Deutschland zwar mit einem Überraschungscoup auf die <span class="abbr" title="international">internat.</span>Bühne zurückkehren, isolierte es aber gleichzeitig erneut von den Westmächten und zerstörte so endgültig die Grundlagen einer Verständigungspolitik, die bereits mit der Ablösung des kompromißbereiten <span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Ministerpräsidenten Briand durch Poincaré im <span class="abbr" title="Januar">Jan.</span> 1922 massiv erschüttert worden war.

Am 24.6.1922 wurde <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> auf der Fahrt in das Auswärtige Amt in Berlin-Grunewald von zwei nationalistischen Attentätern aus einem fahrenden Auto heraus erschossen. Sie gehörten der „Organisation Consul“ (O. C.) an, einem paramilitärischen Wehrverband unter Führung des Marineoffiziers Hermann Ehrhardt (1881–1971). Das Attentat auf <span class="abbr" title="Rathenau.">R.</span>, der während seiner Ministerzeit auf der nationalistischen <span class="abbr" title="beziehungsweise">bzw.</span> völkischen Rechten als Jude und „Erfüllungspolitiker“ stärksten Anfeindungen ausgesetzt war, war Teil einer mit dem Überfall auf [Philipp Scheidemann](https://www.deutsche-biographie.de/sfz111363.html) am 4.6.1922 begonnenen Anschlagsserie, mit deren Hilfe die O. C. die Republik destabilisieren wollte. Rasch erlassene Republikschutzvordnungen und schnelle Fahndungserfolge der Polizei zerschlugen die logistische Struktur der O. C. und verhinderten eine weitere Eskalation.

Der die Öffentlichkeit stets polarisierende <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> wurde postum als Märtyrer der Republik gewürdigt und in der Weimarer Republik durch zahlreiche Gedenkzeichen geehrt, bevor das <abbr title="Nationalsozialismus">NS</abbr>-Regime das Andenken an ihn zu tilgen suchte. Nach 1945 wurde er geschichtspolitisch in Ost und West vereinnahmt und in der <abbr title="Deutsche Demokratische Republik">DDR</abbr> als Vorkämpfer der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span>-<span class="abbr" title="sowjetisch">sowjet.</span> Verständigung geehrt, während die Bundesrepublik ihn <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> als Opfer von fanatischem Antisemitismus und politischem Extremismus würdigte. Im Kontext der sozialliberalen Entspannungspolitik kehrte der „Weg von Rapallo“ für kurze Zeit in die öffentliche Aufmerksamkeit zurück, und mehr als <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span>s gesellschaftspolitische Erwägungen finden seine wirtschaftsethischen Forderungen auch heute noch Aufmerksamkeit. Unabhängig von der konjunkturellen Schwankungen unterworfenen Rezeption seiner Schriften, kommt <span class="abbr" title="Rathenau">R.</span> bleibender Rang ebenso als Mittler zwischen Politik, Wirtschaft und Kultur zu wie als Verkörperung der vielfältigen Verwerfungen und Spannungslinien in der Epoche des krisenhaften Übergangs vom wilhelminischen Kaiserreich zur Weimarer Republik<abbr title="gestrichen: . - [d. Red.]">|</abbr><abbr title="ergänzt [d. Red.]">.</abbr>

##### 22. Joachim Ringelnatz

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/ZJmimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/ZJmimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span> besuchte die Volksschule, dann das Staatsgymnasium und nach einem Schulverweis die Tollersche Privatschule in Leipzig, die er mit dem Einjährigen verließ. Seit 1901 fuhr er mit Einwilligung des Vaters weltweit zur See, <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> bis nach <span class="abbr" title="British">Brit.</span>-Honduras (Was e. Schiffsjungen-<span class="abbr" title="Tagebuch">Tageb.</span> erzählt, 1911). Nachdem er den Seemannsberuf 1903 wegen mangelnder Sehschärfe aufgeben mußte, begann er eine kaufmännische Lehre in Hamburg, leistete 1904 seinen Marine-Militärdienst und wurde Handlungsgehilfe in Leipzig und Frankfurt/M. 1908 reiste er wegen eines „Abenteuerphantoms“ nach Hull und folgte schließlich einem befreundeten Handlungsgehilfen nach München.

<span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span>s Jugendzeit wurde begleitet von poetischen Versuchen, die 1901-07 in „Auerbach's <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Kinderkalender“ erschienen, den sein Vater herausgab. In München wurde <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span> in Kathi Kobus' Künstler-Kneipe „Simplicissimus“ zum „Hausdichter“, scheiterte jedoch mit seinem „Tabakhaus zum Hausdichter“, das er von März bis <span class="abbr" title="Dezember">Dez.</span> 1909 führte. Er verkehrte in Künstlerzirkeln wie der „Hermetischen Gesellschaft“ des Bibliophilen C. G. <span class="abbr" title="von">v.</span> Maassen und versuchte sich in der Nachfolge Heines, Eichendorffs, Geibels und Dehmels (Gedichte, 1910). Auf zwei Kinderbücher (Kleine Wesen, 1910; Was Topf u. Pfann' erzählen kann, 1910) folgten kleine Novellen und Erzählungen (Ein jeder lebt's, 1913) voller genial-skurriler Details. Seine Gedichte der „Schnupftabaksdose“ (1912) setzten eine Tradition der Unsinnsdichtung des 19. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> fort, die heute nur durch <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span> und die „Galgenlieder“ Christian Morgensterns bekannt ist.

1911 reiste <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span> zu Freunden nach Riga und betreute 1912 in Klein-Oels die Bibliothek des Grafen Yorck <span class="abbr" title="von">v.</span> Wartenburg, die auch den Nachlaß Diltheys enthielt. Nachdem er wegen einer Prügelei entlassen worden war, arbeitete er im Jahr darauf als Bibliothekar Börnes <span class="abbr" title="von">v.</span> Münchhausens, später als Bibliothekar und Fremdenführer auf Burg Lauenstein (Oberfranken). Im Herbst 1913 kehrte er nach München zurück, wo er wieder im „Simplicissimus“ auftrat.

1914 zog <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span> begeistert in den Krieg. Meist auf Minensuchbooten in Wilhelmshaven und Cuxhaven eingesetzt, brachte er es 1917 bis zum Leutnant zur See und Bootskommandanten. Auch während des Kriegs schrieb er Gedichte und <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> Erzählungen, die als eines von Albert Langens „Kriegsbüchern“ erscheinen sollten, von der Zensur jedoch verboten wurden (Die Woge, <span class="abbr" title="Marine-Kriegsgeschichte">Marine-Kriegsgesch.</span>, 1922). Mit den kleinen erzählerischen Skizzen gelang <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span> eine Verbindung konventionellen Erzählens mit der leisen Parodie brüchig gewordener bürgerlicher Ideale, die Darstellung der Beziehungslosigkeit von politischem Geschehen und dem Schicksal des einzelnen, von pathetischem Bildungsnationalismus und politischer Ohnmacht. Seine beiden autobiographischen Bücher „Als Mariner im Krieg“ (1928) und „Mein Leben bis zum Kriege“ (1931) sind im wesentlichen zuverlässige, nicht-stilisierte Berichte der Zeit bis 1918, oft mit Tagebuchcharakter.

Nach Kriegsende scheiterten <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span>s Versuche, in Berlin Fuß zu fassen, daran, daß er keine Arbeitserlaubnis erhielt; er arbeitete in München bei der Postüberwachungsstelle und trat im Sommer 1920 wieder im „Simplicissimus“ auf, jetzt unter dem Pseudonym J. <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span>, das er seit <span class="abbr" title="Dezember">Dez.</span> 1919 führte. Mit den Gedichtsammlungen „Turn-Gedichte“ und „Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid“ (1920; <span class="abbr" title="erwähnt">erw.</span> u. <span class="abbr" title="von">v.</span> Karl Arnold <span class="abbr" title="illustriert">ill.</span> 1923) legte er den Grundstein zu seiner Karriere als Kabarettist und reisender Vortragskünstler seiner eigenen Werke. Der Seemann Kuttel Daddeldu, eine Parodie eigener Seemannsträume, kam als kindliche und dennoch verdorbene Gestalt dem Zeitgeschmack ebenso entgegen wie die zahlreichen gesellschaftlich Deklassierten und einsamen Außenseiter in <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span>s Gedichten der frühen 20er Jahre. „Ich war aus dem Kriege entlassen“ – diese Anfangszeile aus „Von einem, dem alles danebenging“ (1923) - kennzeichnete das Lebensgefühl einer Generation ohne Orientierung.

Nach Auftritten in der Berliner Kleinkunstbühne „Schall und Rauch“ im Sept./Okt. 1920 folgten Engagements in vielen <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Städten, in der dt.sprachigen Schweiz, in Wien und Prag, die <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span>s Ruhm festigten. Seine „Reisebriefe eines Artisten“ (1927), die Gedichte in „Allerdings“ (1928), den „Flugzeuggedanken“ (1929) und der Sammlung „Gedichte dreier Jahre“ (1932) sowie die Auswahlausgaben „103 Gedichte“ (1933) und „Gedichte,<span class="pb" title="Seite im Original 633">|</span>Gedichte von Einstmals und Heute“ (1934) haben die einfachen Dinge, die Reduzierung der großen Gefühle auf alltägliche Wirklichkeit, die „Umverwandlung von Schwermut in lyrischen Leichtsinn“ (Peter Rühmkorf) zum Thema. Das gilt ebenso für <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span>s „Geheimes Kinder-Spiel-Buch (1924) und das „Kinder-Verwirr-Buch“ (1931), beide auch ein Zeugnis bewahrter und bewußt inszenierter Kindlichkeit und Naivität.

Weniger erfolgreich war <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span> als Dramatiker und Prosaist. Das Zeit- und Selbstbild. … liner Roma …“ (1921, <span class="abbr" title="gedruckt">gedr.</span> 1924) nähert sich im Fragmentcharakter mit seinen Momentaufnahmen von der Großstadt Berlin der avangardistischen Collage-Literatur. Die Erzählungen in „Nervosipopel“ (1924) mit ihren unsinnsträchtigen Bildern und Symbolen der Phantasie und der Heimatlosigkeit des Außenseiters gehören in den Kontext expressionistischer grotesker Märchen. Von <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span>s dramatischen Versuchen hat sich wenig erhalten (Der Flieger 1918; Mannimmond, 1921; Zusammenstoß, 1931), seine Filmpläne sind verloren. Einzig die tragisch-rührende Seemannsballade „Die Flasche“ – im <span class="abbr" title="Januar">Jan.</span> 1932 im Leipziger Schauspielhaus uraufgeführt – wurde zu Lebzeiten veröffentlicht und ein Erfolg, zumal <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span> mit ihr selbst in der Rolle des Matrosen Hans Pepper auf Tournee ging (Die Flasche u. mit ihr auf Reisen, 1932).

Schwermut ist auch in seiner Malerei (seit 1905), Landschaften und Seestücken der Einsamkeit, Darstellungen grotesker Szenen, zu spüren. <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span> fand Anschluß an die Berliner Kunstszene: 1922 hatte er seine erste Ausstellung in der Galerie Flechtheim, 1925 wurden zwei Bilder auf der Ausstellung der <span class="abbr" title="Preußisch">Preuß.</span> Akademie der Künste verkauft. 1930 zog <span class="abbr" title="Ringelnatz">R.</span> von München nach Berlin; seit 1933 hatte er Auftrittsverbot, letzte Gastspiele fanden in Zürich und Basel (1933/34) statt. In der Lungenheilstätte Beetz-Sommerfeld führte er ein letztes Tagebuch und schrieb an einem Roman (Krankenhaus-<span class="abbr" title="Tagebuch">Tageb.</span>, Der letzte Roman, 1934).

##### 23. Ernst Toller

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/t5Himage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/t5Himage.jpeg)

Wegen nervöser Eß-, Schlaf- und Gehstörungen mußte <span class="abbr" title="Toller">T.</span> seine Schulausbildung zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr unterbrechen. 1907–14 besuchte er das Realgymnasium in Bromberg und immatrikulierte sich im April 1914 an der <span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Ausländeruniversität Grenoble. Bei Beginn des 1. Weltkriegs gelang ihm über die Schweiz die Flucht nach Deutschland, wo er in München als Kriegsfreiwilliger beim 1. <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Fußartillerie-Regiment eintrat. Als Unteroffizier (seit März 1916) an der Westfront erlitt <span class="abbr" title="Toller">T.</span> im Mai 1916 einen psychischen und physischen Zusammenbruch, in dessen Folge er nach Lazarett- und Sanatoriumsaufenthalten 1917 als „dauernd arbeitsverwendungsfähig Heimat“ aus dem Kriegsdienst entlassen wurde. <span class="abbr" title="Toller">T.</span> studierte Rechtswissenschaften und Nationalökonomie zunächst in München, wo er dem Kreis um den Theaterwissenschaftler [Artur Kutscher (1878–1960)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70458.html)angehörte, dann seit <span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> 1917 in Heidelberg, wohin er [Max Weber (1864–1920)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz6881.html) nach der 2. Lauensteiner Tagung folgte. Während dieser Zeit näherte er sich dem in Europa damals erstarkenden intellektuellen Anarchismus an. <span class="abbr" title="Toller">T.</span> wurde 1917 Vorsitzender der Heidelberger Ortsgruppe des „Kulturpolitischen Bundes der Jugend in Deutschland“, korrespondierte mit dem anarchistischen Theoretiker [Gustav Landauer (1870–1919)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz47689.html) und lernte in Berlin, wohin er Ende <span class="abbr" title="Dezember">Dez.</span> 1917 vor den <span class="abbr" title="badisch">bad.</span> Militärbehörden ausgewichen war, den sozialistischen Publizisten Kurt Eisner (1867–1919) kennen. Ihm folgte er nach München, agitierte dort für den von der <abbr title="Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands">USPD</abbr> angeleiteten Friedensstreik der Munitionsarbeiter und wurde am 3. 2. 1918 verhaftet. Die von <span class="abbr" title="Toller">T.</span> verfaßten Flugblätter, die auf der Basis literarischer Skizzen entstanden, galten als versuchter Landesverrat, weil sie sich gegen die geplante Frühjahrsoffensive des <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Heeres richteten und ihr Ton bei den Arbeiterinnen der Rüstungsbetriebe Wirkung zeigte. Am 6. 4. 1918 wurde <span class="abbr" title="Toller">T.</span> <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> auf Fürsprache Max Webers aus der Untersuchungshaft entlassen, aber im Juli 1918 nach Gerichtsbeschluß von den Münchner Psychiatern [Emil Kraepelin (1856–1926)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz44753.html) und Ernst Rüdin (1874–1952) untersucht. Im <span class="abbr" title="September">Sept.</span> 1918 endgültig vom Kriegsdienst befreit, beteiligte er sich an Eisners Seite am Aufbau der Republik in Bayern, zunächst als<span class="pb" title="Seite im Original 340">|</span>Mitglied des Arbeiterrats, nach Eisners Ermordung in der ersten Räterepublik als Vorsitzender des Zentralrats und während der kommunistischen Herrschaft als Abschnittskommandeur der Roten Armee. Anfang Mai 1919 entzog er sich in wechselnden Münchner Verstecken der Verfolgung durch „Weiße“ Truppen, bevor er Anfang Juni aufgespürt und am 16. 7. 1919 in einem Hochverratsprozeß zu 5 Jahren Festungshaft verurteilt wurde.

Mit den in den Haftanstalten Eichstätt und Niederschönenfeld geschriebenen Gedichten (<span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> Das Schwalbenbuch, 1924) und in rascher Folge entstandenen Dramen (Die Wandlung, 1919; Masse-Mensch, 1921; Die Maschinenstürmer, 1922; Der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Hinkemann, 1923) wurde <span class="abbr" title="Toller">T.</span> zum bekanntesten, in 27 Sprachen übersetzten <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Bühnenautor der 1920er Jahre. Die Andeutungsbühne, die Entwicklung von Lichtregie und Massenszenarien, die Verwendung von dokumentarischen Filmaufnahmen und technischen Bühnenapparaturen wurden bis in die 1930er Jahre hinein von experimentierfreudigen Regisseuren ([Karlheinz Martin](https://www.deutsche-biographie.de/sfz58646.html), [Jürgen Fehling](https://www.deutsche-biographie.de/sfz110889.html), [Erwin Piscator](https://www.deutsche-biographie.de/sfz96057.html)) an seinen Texten erprobt, bei Textänderungen oftmals gegen den Willen des Autors.

Nach der Entlassung aus der Haft 1924 gelangen <span class="abbr" title="Toller">T.</span> noch kurzlebige Bühnenerfolge (Hoppla, wir leben!, 1927; Feuer aus d. Kesseln, 1930), doch überfielen ihn erneut die durch Krieg und Haft verstärkten Depressionen. Seine justizkritischen Schriften (<span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> Justiz, Erlebnisse, 1927) mündeten in den Plan einer autobiographischen Trilogie, die das Schicksal seiner von Krieg und Nationalismus zerstörten Generation beschreibt (Eine Jugend in <span class="abbr" title="Deutschland">Dtld.</span>, 1933, neu <span class="abbr" title="herausgegeben">hg.</span> u. <span class="abbr" title="kommentiert">komm.</span> <span class="abbr" title="von">v.</span> [W. Frühwald](https://www.deutsche-biographie.de/sfz133241.html), 2011, <span class="abbr" title="Porträt"><span class="italics">P</span></span>; Briefe aus d. Gefängnis, 1935, Fragmente e. Spanienbuches, 1938/39). Seit Ende <span class="abbr" title="Februar">Febr.</span> 1933 war <span class="abbr" title="Toller">T.</span> in wechselnden Staaten im Exil, im <span class="abbr" title="August">Aug.</span> 1933 wurde er ausgebürgert. Seine (zu) groß angelegten politisch-sozialen Projekte scheiterten, zumindest nach <span class="abbr" title="Toller">T.</span>s eigener Einschätzung, so <span class="abbr" title="zum Beispiel">z. B.</span> die Sammlung des dt.sprachigen Exils oder die humanitäre Aktion für die hungernden Flüchtlinge im <span class="abbr" title="Spanisch">Span.</span> Bürgerkrieg, die durch Francos Sieg zeitlich überholt wurde. Am 22. 5. 1939, kurz vor dem Beginn des 2. Weltkriegs, den er vorausgesagt hatte, erhängte sich <span class="abbr" title="Toller">T.</span> in einem Hotel in New York.

Den Nationalsozialisten gelang es, das Andenken <span class="abbr" title="Toller">T.</span>s in ihrem Macht- und Einflußgebiet weitgehend zu zerstören. Erst zu Beginn der 1960er Jahre, als das Interesse am Verhältnis von Politik und Literatur wieder zu wachsen begann, wurden in zwei Auswahlausgaben auch Teile seines Werks wieder zugänglich (Ausgew. <span class="abbr" title="Schriften">Schrr.</span>, Berlin \[Ost\] 1961; Prosa, Briefe, Dramen, Gedichte, Reinbek 1961). Die unterschiedlichen Versuche, <span class="abbr" title="Toller">T.</span>s Dramen auf der Bühne wieder zu etablieren, blieben wegen der Zeitnähe dieser Stücke ohne Erfolg. Gegenwartsautoren wie [Tankred Dorst](https://www.deutsche-biographie.de/sfz133239.html) (T., 1968) und [Albert Ostermaier](https://www.deutsche-biographie.de/sfz133240.html) (Zw. zwei Feuern, <span class="abbr" title="Toller">T.</span>topographie, 1993) stellten deshalb die Person <span class="abbr" title="Toller">T.</span>s in den Mittelpunkt poetisch-dokumentarischer Texte, das Schicksal eines Autors, der am tragischen Zwiespalt zwischen einer gewaltgierigen Welt und der von ihm politisch wie literarisch ersehnten Menschheitsutopie zerbrochen ist.

##### 24. Kurt Eisner

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/hW2image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/hW2image.jpeg)

1867 – 1919

Politiker, Journalist

Nach einer Karriere als profilierter sozialdemokratischer Journalist im späten Kaiserreich führte Kurt Eisner im November 1918 die Revolution in Bayern an, rief den Freistaat Bayern aus und wurde Ministerpräsident sowie Staatsminister des Äußern. In seiner Amtszeit wurden die Ausarbeitung einer neuen bayerischen Verfassung auf den Weg gebracht, das Frauenwahlrecht eingeführt, die geistliche Schulaufsicht beseitigt und wichtige soziale Forderungen der Sozialdemokratie verwirklicht. Die Ermordung Eisners am 21. Februar 1919 führte zur Ausrufung der Bayerischen Räterepublik.

Dem Berliner jüdischen Wirtschaftsbürgertum entstammend, besuchte Eisner seit 1876 das humanistische Ascanische Gymnasium und studierte von 1886 bis 1890 Germanistik und Philosophie an der Universität Berlin, ohne einen Abschluss zu erlangen. 1890 fand er in dem Depeschenbüro „Herold“ eine erste Anstellung, arbeitete von 1891 bis 1893 als Hilfsredakteur bei der „Frankfurter Zeitung“ und übersiedelte anschließend nach Marburg an der Lahn, wo er Redakteur des „General-Anzeigers“ (seit 1894 „Hessische Landeszeitung“) wurde. Seine Aufgabe, das Anzeigenblatt zu einer seriösen Tageszeitung umzubauen, war mit dem – letztlich gescheiterten – Ziel verbunden, eine Wiederwahl des antisemitischen Reichstagsabgeordneten [Otto Böckel (1859–1923)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118852337.html) im Wahlkreis Marburg-Kirchhain zu verhindern.

Nachdem er in [Richard Wredes (1869–1932)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd117428175.html) Zeitschrift „Die Kritik“ einen ironisch-despektierlichen Artikel über Kaiser [Wilhelm II. (1859–1941)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118632892.html) veröffentlicht hatte, wurde Eisner in einem aufsehenerregenden Prozess vor dem Königlichen Landgericht Berlin I am 27. April 1897 wegen Majestätsbeleidigung zu neun Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung aus dem Strafgefängnis Plötzensee erhielt er das Angebot, zu dem von [Wilhelm Liebknecht (1826–1900)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118572768.html) geleiteten SPD-Zentralorgan „Vorwärts“ zu wechseln, dessen Redaktion er seit Ende 1898 angehörte. Dies führte am 1. Dezember 1898 zum Eintritt Eisners in die SPD. Nach Liebknechts Tod bestimmte Eisner den politischen Kurs des Blatts, obgleich ihm der Posten des Chefredakteurs versagt blieb. Unter seiner Ägide nahm der „Vorwärts“ im Rahmen des von [Eduard Bernstein (1850–1932)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118509993.html) angestoßenen Revisionismusstreits eine vermittelnde Rolle ein. Als zentraler Vertreter des Neukantianismus innerhalb der SPD versuchte Eisner, die Parteitheorie auf eine neue Grundlage zu stellen, womit er viel Kritik auf sich zog, u. a. die des SPD-Vorsitzenden [August Bebel (1840–1913)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118507893.html) und des orthodoxen Marxisten [Karl Kautsky (1854–1938)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118560808.html). Dies hatte zur Folge, dass er im November 1905 den „Vorwärts“ verlassen musste.

Anschließend als freiberuflicher Schriftsteller und Journalist in Berlin tätig, wirkte Eisner u. a. an der von [Heinrich Braun (1954–1927)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118673475.html) und [Lily Braun (1865–1916)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd11867353X.html) herausgegebenen Wochenschrift „Die Neue Gesellschaft“ mit und wurde zum März 1907 der Nachfolger [Adolf Brauns (1862–1929)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118936654.html) als Chefredakteur der „Fränkischen Tagespost“. Mit seinem Bemühen, die Zeitung zu einem „Organ weltpolitischer Aufklärung“ zu machen, indem er überregionalen Themen und dabei v. a. der Außenpolitik des Deutschen Reichs einen für die Provinzpresse unüblich großen Stellenwert einräumte, zog Eisner erneut innerparteiliche Kritik auf sich. 1910 übersiedelte er nach München, wo er als Landtagsberichterstatter und freier Mitarbeiter der von [Adolf Müller (1863–1943)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd119228467.html) geführten Tageszeitung „Münchener Post“ wirkte.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs stimmte Eisner mit seiner Partei für Kriegskredite, da er von einem russischen Angriffskrieg ausging. Diese Annahme revidierte er seit Anfang 1915. Die Auseinandersetzung mit den Kriegsursachen machte ihn seit Ende 1916 zu einem der führenden Köpfe der Münchner Antikriegsbewegung, wodurch er zunehmend in Konflikt mit der bayerischen SPD-Parteiführung um [Georg von Vollmar (1850–1922)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118770209.html) und [Erhard Auer (1874–1945)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd116376961.html) geriet. Im Mai 1917 schloss sich Eisner der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands an, avancierte zu ihrer zentralen Führungsfigur in München und gehörte mit [Felix Fechenbach (1894–1933)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118532146.html) zu den Hauptorganisatoren der Münchner Januarstreiks 1918. Diese endeten mit der Inhaftierung Eisners und weiterer Streikführer sowie mit der weitgehenden Ausschaltung der Münchner Antikriegsbewegung.

Nach seiner Haftentlassung Mitte Oktober 1918 forderte Eisner weiterhin einen Verständigungsfrieden und agitierte für den Sturz der Monarchie. Am 7. November 1918 wirkte er führend an der mit der (M)SPD und den Gewerkschaften durchgeführten Friedenskundgebung auf der Münchner Theresienwiese mit, die den Ausgangspunkt für den revolutionären Umsturz und die Ausrufung des Freistaats Bayern durch Eisner am selben Tag bildete. Obgleich die Mehrheitssozialdemokraten in der neu gebildeten Regierung ein klares Übergewicht besaßen, wurde Eisner am 8. November 1918 zum Bayerischen Ministerpräsidenten sowie zum Staatsminister des Äußern bestimmt.

In der Regierung, der mit [Heinrich von Frauendorfer (1855–1921)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd116721251.html) und [Edgar Jaffé (1866–1921)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118711431.html) auch Vertreter des liberalen Bürgertums angehörten, hatte Eisner mit seinen Anliegen einen schweren Stand: Sein Widerstand gegen sofortige Neuwahlen schürte ebenso Misstrauen wie seine enge Verbindung zu den Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten, die seine eigentliche Machtgrundlage bildeten. Stets dem unberechtigten Vorwurf ausgesetzt, auf eine reine Räteherrschaft hinzuarbeiten, fand Eisner auch für seinen föderalistischen Ansatz wenig Unterstützung, der darauf abzielte, das Deutsche Reich von den Ländern aus neu aufzubauen, um zentralistische Strukturen zu verhindern. Gleichwohl gelangen der Regierung Eisner mehrere bleibende Neuerungen und soziale Errungenschaften, darunter die Einführung des Wahlrechts für Frauen, die Abschaffung der kirchlichen Schulaufsicht und die Einführung des Acht-Stunden-Tags. Die Ausarbeitung einer neuen parlamentarisch-demokratischen Verfassung wurde auf den Weg gebracht und mit dem Staatsgrundgesetz eine Übergangsverfassung verabschiedet, die wesentliche Bestimmungen der im August 1919 verabschiedeten Bamberger Verfassung vorwegnahm.

Heftige öffentliche Reaktionen provozierte v. a. Eisners Außenpolitik. Am 23. November 1918 veranlasste er die Veröffentlichung von Akten des bayerischen Staatsministeriums des Äußern aus dem Juli 1914, die die Schuld der deutschen Regierung am Kriegsausbruch belegen sollten, um so das Vertrauen der Siegermächte wiederzugewinnen und möglichst günstige Friedensbedingungen zu erwirken. Dies und sein Eingeständnis der deutschen Kriegsschuld auf dem Internationalen Sozialistenkongress in Bern Anfang Februar 1919 machten ihn zu einer zentralen Hassfigur der radikalen Rechten. Am 21. Februar 1919 wurde Eisner auf dem Weg zum bayerischen Landtag, wo er den Rücktritt seiner Regierung erklären wollte, durch [Anton Graf von Arco auf Valley (1897–1945)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118833952.html) ermordet.

##### 25. Paul Klee

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/SR0image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/SR0image.jpeg)

<span class="abbr" title="Klee">K.</span> wuchs in Bern auf, wohin die Familie 1880 übersiedelte; im April 1897 bezog man ein eigenes Haus am Obstbergweg 6. Erste Anleitung im Zeichnen und Kolorieren erhielt <span class="abbr" title="Klee">K.</span> von seiner Großmutter mütterlicherseits. 1886-90 besuchte er die Primarschule, während weiterer 4 Jahre das Städtische Progymnasium, dann die Literarschule des Städtischen Gymnasiums am Waisenhausplatz, wo er 1898 das Maturitätsexamen bestand. Aus diesem Anlaß verfaßte <span class="abbr" title="Klee">K.</span> zusammen mit [Hans Bloesch (1878–1945)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz39090.html) die Mauleselzeitung „Die Wanze“. Bei Konzertmeister [Karl Jahn](https://www.deutsche-biographie.de/sfz39418.html), einem Schüler [Joseph Joachims](https://www.deutsche-biographie.de/sfz37284.html), erlernte <span class="abbr" title="Klee">K.</span> das Violinspiel; rasche Fortschritte sollten ihm bald erlauben, als außerordentliches Mitglied im Städtischen Orchester mitzuwirken. Von den frühen literarischen Versuchen sind in Briefen und Tagebüchern – <span class="abbr" title="Klee">K.</span> führte ein „Journal“ von Oktober 1897 bis Ende 1918 – eine Reihe von Gedichten erhalten. Die Frage, ob er Musiker, Schriftsteller oder Maler werden sollte, entschied er zugunsten der bildenden Kunst.

An der Münchener Akademie fand er wegen fehlender Übung im figürlichen Zeichnen zunächst keine Aufnahme. Zur Vorbereitung besuchte er die Zeichenschule von Heinrich Knirr. Im Oktober 1900 trat er dann an der Akademie in die Klasse Franz von Stucks ein, folgte dem Unterricht indes nur bis März 1901. Als entscheidender Wendepunkt im Studiengang wurde von <span class="abbr" title="Klee">K.</span> ein Aufenthalt in Burghausen in der ersten Julihälfte 1899 empfunden, wo er von Walter Ziegler in die Technik des Radierens eingeführt wurde. Erste selbständige Radierversuche unternahm <span class="abbr" title="Klee">K.</span> erst im Mai 1901 (Abenteuerlicher Fisch). In diesen Jahren der Entwicklung spielten Frauen eine wichtige Rolle. 1899 begegnete <span class="abbr" title="Klee">K.</span> auf einer musikalischen Soiree der Pianistin Lily Stumpf, mit der er in der Folge häufig musizierte sowie Opern- und Konzertaufführungen besuchte. Einem Liebesverhältnis mit einer Verkäuferin „Tini“ entstammte ein Knabe, der jedoch kurz nach der Geburt starb (5.-29.11.1900). Auch eine Liebelei mit dem Aktmodell Cenzi Resthmayer blieb Episode (Jahreswende 1900/01), brachte <span class="abbr" title="Klee">K.</span> indes seine innige Verbundenheit mit Lily Stumpf um so stärker zum Bewußtsein; kurz vor seiner Rückkehr nach Bern verlobte er sich mit ihr.

Am 30.6.1901 kehrte <span class="abbr" title="Klee">K.</span> nach Bern zurück, brach aber bereits am 22. Oktober wieder mit dem befreundeten Bildhauer Hermann Haller (1880–1950) zu einem sechsmonatigen Studienaufenthalt nach Italien auf. Von Genua kommend trafen die Freunde am 27. Oktober in Rom ein. Seit Januar 1902 zeichnete <span class="abbr" title="Klee">K.</span> abends im Deutschen Künstlerverein nach Natur. Vor seiner Rückkehr weilte er einige Tage in Neapel (mit Besuch von Pompeji, Sorrent und Amalfi) und in Florenz. In Italien wurde <span class="abbr" title="Klee">K.</span> angesichts der Meisterwerke der Antike und der Renaissance die epigonale Haltung der eigenen Zeit schmerzlich bewußt. Der aus dieser Erkenntnis resultierenden Ratlosigkeit suchte er sich in der Folge durch Karikatur und Satire zu erwehren.

Ausschlaggebend für die weitere künstlerische Entwicklung waren die in der Abgeschiedenheit des Elternhauses verbrachten Jahre 1902-06: In dieser Berner Zeit erarbeitete sich <span class="abbr" title="Klee">K.</span> die Grundlagen seines Schaffens. Seit November 1902 besuchte er die Vorlesung „Plastische Anatomie für Künstler“ von Hans Strasser. Dreimal in der Woche zeichnete er abends Akt im Kunstgewerbemuseum. Gemeinsam mit [Louis Moilliet](https://www.deutsche-biographie.de/sfz64252.html) betrieb er private Aktstudien, im Frühjahr 1903 nach einem weiblichen Modell, im Juli nach einem Knaben. Marguerite Frey-Surbek wurde 1904 Privatschülerin von <span class="abbr" title="Klee.">K.</span> Im Winter 1902/03 und 1904/05 spielte <span class="abbr" title="Klee">K.</span> im Berner Stadtorchester in den Abonnementskonzerten. Oktober 1903-März 1906 rezensierte er Opern- und Konzertaufführungen für das „Berner Fremdenblatt“. Gelegentliche Reisen führten <span class="abbr" title="Klee">K.</span> auch jetzt ins Ausland. Vom 31.5.-13.7.1905 reiste er mit seinen Freunden Bloesch und Moilliet zum ersten Mal nach<span class="pb" title="Seite im Original 723">|</span>Paris. Mit Bloesch unternahm er auch eine Studienreise nach Berlin (9.-16.4.1906). Im Sommer 1906 wurden erstmals Arbeiten <span class="abbr" title="Klee">K.</span>s öffentlich ausgestellt: Die Münchener Sezession zeigte seine 11 Radierungs-Inventionen. Nach seiner Heirat ließ sich <span class="abbr" title="Klee">K.</span> am 1. Oktober 1906 in München nieder, in einer kleinen Wohnung im Gartenhaus Ainmillerstraße 32. 1908 bezog er ein Atelier in der Feilitzschstraße 3. Für die finanzielle Grundlage sorgte seine Frau, die Klavierunterricht gab. Von April bis Juni 1908 erteilte <span class="abbr" title="Klee">K.</span> Abendakt-Korrektur an der Debschitz-Schule. Im Mai wurde er Mitglied der Vereinigung Schweizerischer Graphiker „Die Walze“.

Eine erste Werkübersicht von 56 Arbeiten fand in der Schweiz im Herbst 1910 statt: im September im Kunstmuseum Bern, im Oktober im Kunsthaus Zürich, im November in der Kunsthandlung zum Hohen Haus in Winterthur und im Januar 1911 in der Kunsthalle Basel. Im Juni 1911 stellte die Moderne Galerie (Thannhauser) im Arcopalais in München 30 Blätter aus.

Im Februar 1911 begann <span class="abbr" title="Klee">K.</span> einen Werkkatalog seiner bisherigen Arbeiten anzulegen, den er bis kurz vor seinem Tod führte. November 1911-Dezember 1912 berichtete er in der schweizerischen Monatsschrift „Die Alpen“ über Ausstellungen und andere kulturelle Ereignisse in München. 1912 veröffentlichte Hans Bloesch in dieser Zeitschrift (6. Jahrgang, Heft 5) unter dem Titel „Ein moderner Graphiker“ eine erste Würdigung von <span class="abbr" title="Klee">K.</span>s zeichnerischem Schaffen. Allmählich knüpfte <span class="abbr" title="Klee">K.</span> Kontakte mit Gleichgesinnten. Im Januar 1911 wurde er von [Alfred Kubin](https://www.deutsche-biographie.de/sfz46483.html) aufgesucht, der kurz zuvor eine Zeichnung von ihm erworben hatte. Mit Kubin gehörte er im Herbst des Jahres dann zu den Gründungsmitgliedern einer Vereinigung junger Maler, Bildhauer und Dichter, die sich „Sema“ nannte. <span class="abbr" title="Klee">K.</span> fühlte sich indes stärker zu den Künstlern des „Blauen Reiter“ hingezogen, zu [Kandinsky](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68558.html), [Marc](https://www.deutsche-biographie.de/sfz58014.html) und [Macke](https://www.deutsche-biographie.de/sfz55453.html), die er zur selben Zeit kennenlernte. An der 2. Ausstellung der Redaktion „Blauer Reiter“, die 1912 in der Buchhandlung von Hans Goltz stattfand, beteiligte er sich mit 17 Zeichnungen. Ferner stellte <span class="abbr" title="Klee">K.</span> 1912 mit dem „Modernen Bund“ im Zürcher Kunsthaus und mit dem Sonderbund in Köln aus. 1913 war er im ersten deutschen Herbstsalon der Berliner Galerie „Der Sturm“ mit 8 Aquarellen und 14 Zeichnungen vertreten. 1914 half <span class="abbr" title="Klee">K.</span> die „Neue Münchener Sezession“ begründen. Wilhelm Hausenstein wies in seinem Buch „Die bildende Kunst der Gegenwart“ (1914) als erster im Rahmen einer Übersicht über die aktuelle Kunst auf <span class="abbr" title="Klee">K.</span> hin.

Im April 1912 reiste <span class="abbr" title="Klee">K.</span> ein zweites Mal nach Paris und machte Atelierbesuche bei Robert Delaunay und Henri Le Fauconnier. Delaunays Aufsatz „Über das Licht“ übersetzte <span class="abbr" title="Klee">K.</span> für die Zeitschrift „Der Sturm“ (3. Jahrgang, Heft 144/145, 1913). Eine mit Moilliet auf Frühjahr 1913 geplante Studienreise nach Tunesien konnte erst über Ostern 1914 durchgeführt werden. Jetzt schloß sich auch Macke an. Am 6. April schifften sie sich in Marseille ein; Reisestationen waren Tunis, Saint-Germain, Sidi-Bou-Said und Karthago, Hammamet, Kairouan und Tunis. Am 20. April trat <span class="abbr" title="Klee">K.</span> die Rückreise über Italien allein an.

1916-18 war <span class="abbr" title="Klee">K.</span> eingezogen. Er diente bei der Werftkompagnie der Fliegerersatzabteilung in Schleißheim und seit Januar 1917 in der Bayerischen Fliegerschule V in Gersthofen, wo er als Schreiber in der Kassenverwaltung eingesetzt wurde. Die künstlerische Produktion erfuhr in dieser Zeit kaum eine Unterbrechung. Eine Ausstellung in der „Sturm“-Galerie in Berlin im Februar 1917 verbesserte dank zahlreicher Verkäufe seine materiellen Verhältnisse.

Als 3. Band der „Sturm“-Bilderbücher erschien 1918 eine Auswahl von 24 Zeichnungen. Hausenstein faßte im Juli dieses Jahres den Plan, über <span class="abbr" title="Klee">K.</span> ein Buch zu schreiben: Es erschien im März 1921 unter dem Titel „Kairuan oder eine Geschichte vom Maler <span class="abbr" title="Klee">K.</span> und von der Kunst dieses Zeitalters“. Ein von <span class="abbr" title="Klee">K.</span> im Entwurf „Graphik“ überschriebener, im November 1918 abgeschlossener Text, in dem er das eigene Schaffen zu erläutern sucht, wurde 1920 in der Anthologie „Schöpferische Konfession“ der „Tribüne der Kunst der Zeit“ publiziert. „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“, lautet ein Leitsatz, der epochale Bedeutung erlangen sollte.

1919 mietete <span class="abbr" title="Klee">K.</span> einen Atelierraum im Schlößchen „Suresnes“ in der Werneckstraße. Mit dem Kunsthändler Hans Goltz schloß er am 1.10.1919 einen Verkaufsvertrag für 3 Jahre ab, der später bis 1925 verlängert wurde. 1920 veranstaltete Goltz die bisher umfassendste Werkschau (362 Arbeiten). Der Versuch Oskar Schlemmers, des Vorsitzenden des Studentenausschusses, eine Berufung <span class="abbr" title="Klee">K.</span>s an die Stuttgarter Akademie als Nachfolger Adolf Hölzels zu erwirken, war im Sommer 1919 gescheitert.

1920 wurde <span class="abbr" title="Klee">K.</span> von Walter Gropius als Lehrer an das Staatliche Bauhaus nach Weimar berufen; er nahm seine Tätigkeit am 10.1.1921 auf. Mitte April übernahm er als Formmeister die Buchbinderwerkstätte; 1922/23 stand er dem Atelier für Glasmalerei vor. Der Unterricht gliederte sich in die theoretische Vorlesung zur Form- und Gestaltungslehre am Vormittag und in die praktischen Übungen am Nachmittag. Die Lehrerschaft des Bauhauses rekrutierte sich vorwiegend aus Malern; neben <span class="abbr" title="Klee">K.</span> wirkten [Lyonel Feininger](https://www.deutsche-biographie.de/sfz15730.html), Johannes Itten, [Wassily Kandinsky](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68558.html), Laszlo Moholy-Nagy, [Georg Muche](https://www.deutsche-biographie.de/sfz65905.html) und der Bildhauer Gerhard Marcks. Aus Anlaß der großen Bauhaus-Ausstellung 1923 erschien die Buchpublikation „Staatliches Bauhaus in Weimar 1919–23) “, die <span class="abbr" title="Klee">K.</span>s Aufsatz „Wege des Naturstudiums“ enthält. Im Herbst suchte <span class="abbr" title="Klee">K.</span> Erholung auf der Nordseeinsel Baltrum. Im Sommer 1924 verbrachte er 6 Wochen auf Sizilien.

Zur Eröffnung einer Ausstellung seiner Werke im Kunstverein Jena hielt <span class="abbr" title="Klee">K.</span> am 26.1.1924 einen, 1945 unter dem Titel „Über die moderne Kunst“ veröffentlichten, Vortrag, in dem er die Ergebnisse seiner Kunstlehre zusammenfaßte. 1924 veranstaltete die Société Anonyme New York die erste Ausstellung mit Werken <span class="abbr" title="Klee">K.</span>s in den USA. Kurz darauf gründete Emmy Galka Scheyer mit Feininger, Jawlensky, Kandinsky und <span class="abbr" title="Klee">K.</span> die Gruppe „The Blue Four“ mit dem Ziel, das Werk dieser Maler in den USA zu vertreiben.

Ende 1924 mußte das Bauhaus seine Tätigkeit in Weimar einstellen. Das Institut wurde von der Stadt Dessau übernommen. <span class="abbr" title="Klee">K.</span> begann seinen Unterricht in Dessau am 23.6.1925 und bezog im folgenden Jahr eines der von Gropius erbauten Meisterhäuser an der Burgkühnauer Allee (ab April 1930: Stresemann-Allee). <span class="abbr" title="Klee">K.</span> und Kandinsky leiteten in Dessau nunmehr auch eine freie Malklasse. 1925 erschien als Band 2 der von Gropius und Moholy-Nagy edierten Bauhausbücher <span class="abbr" title="Klee">K.</span>s „Pädagogisches Skizzenbuch“, eine Kurzfassung der Vorlesungen für das 1. Semester. 1925 fand in der Galerie Vavin-Raspail <span class="abbr" title="Klee">K.</span>s erste Pariser Ausstellung statt. Im gleichen Jahr beteiligte er sich an der ersten Gruppenausstellung der „Peinture surréaliste“ in der Pariser Galerie Pierre. Die Nationalgalerie Berlin erwarb 1925 das Gemälde „Der Goldfisch“ (1925). Der Braunschweiger Kaufmann Otto Ralfs gründete in diesem Jahr die <span class="abbr" title="Klee">K.</span>-Gesellschaft, eine Vereinigung von Sammlern, die durch jährliche Ankäufe dem Künstler ein zusätzliches Einkommen sicherten. Während der Semesterferien unternahm <span class="abbr" title="Klee">K.</span> in den folgenden Jahren jeweils ausgedehnte Reisen in den Süden, nach Italien (1926), Porquerolles und Korsika (1927), in die Bretagne (1928) und ins Baskenland (1929). Mit einer Ägyptenreise, die ihn vom 20.12.1928 bis 14.1.1929 nach Kairo, Gizeh, Luxor und Assuan führte, erfüllte sich <span class="abbr" title="Klee">K.</span> ein lang gehegter Wunsch.

In der Galerie Flechtheim in Berlin, die von Goltz die Vertretung <span class="abbr" title="Klee">K.</span>s übernommen hatte, fand vom 20.10.-15.11.1929 zum 50. Geburtstag eine 150 Arbeiten umfassende Ausstellung statt, die, auf 63 Nummern reduziert, 1930 vom Museum of Modern Art in New York übernommen wurde. Weihnachten 1929 gab Christian Zervos in den Éditions Cahiers d'Art eine Monographie mit einleitendem Text von Will Grohmann heraus. Im April 1930 erschien in der Reihe „Peintres nouveaux“ bei Gallimard in Paris eine kleine Publikation von René Crevel. Die schweren politischen Auseinandersetzungen, in die sich das Bauhaus immer stärker verstrickte, ließen die Last der Lehrtätigkeit zunehmend unerträglicher werden. Im Mai 1930 begann <span class="abbr" title="Klee">K.</span> das Angebot Walter Kaesbachs zu erwägen, an der Düsseldorfer Akademie eine Professur zu übernehmen. Von einem Erholungsaufenthalt in Sils Baselgia im Engadin und einer Reise nach Genua, Viareggio und Lucca (12.7.-20.8.) zurückgekehrt, löste <span class="abbr" title="Klee">K.</span> seinen Vertrag mit dem Bauhaus zum 1.4.1931.

Zum Willkommen zeigte der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen 1931 eine Werkübersicht von 252 Nummern. <span class="abbr" title="Klee">K.</span> kam nach einer zweiten Sizilienreise am 19. Oktober nach Düsseldorf, wo er zunächst bloß 4 Schüler hatte. Im Herbst 1932 fuhr er über die Schweiz – in Zürich sah er die große Picasso-Ausstellung – nach Venedig und Padua. 1933 wurde <span class="abbr" title="Klee">K.</span> von den Nazis als „galizischer Jude“ diffamiert; er mußte seine arische Herkunft nachweisen. Während seiner Abwesenheit durchsuchte die <abbr title="Sturmabteilung (der NSDAP)">SA</abbr> sein Haus in Dessau und beschlagnahmte vorübergehend die Korrespondenz. <span class="abbr" title="Klee">K.</span> flüchtete sich vom 19. März bis 2. April in die Schweiz. Am 21. April wurde er mit sofortiger Wirkung aus dem Lehramt entlassen; kurz darauf übersiedelte er nach Düsseldorf. Im Oktober ging er einen Vertrag mit D. H. Kahnweiler (Galerie Simon) ein, der das Monopol für sämtliche Verkäufe außerhalb der Schweiz erhielt.

Am 23. Dezember 1933 emigrierte <span class="abbr" title="Klee">K.</span> nach Bern und suchte 1939 um das schweizerische Bürgerrecht nach; doch er starb, noch ehe es ihm hätte zuerkannt werden können. Zunächst wohnte er im Elternhaus, seit dem Frühjahr 1934 im Kistlerweg 6/II. 1934 fand in der Mayor Galery, London, die erste Ausstellung in Großbritannien statt. 1935 zeigte die Kunsthalle in Bern 273 Werke aus des Künstlers eigenem Besitz. Das Berner Kunstmuseum erwarb das Gemälde „Ad Parnassum“ (1932). Im Sommer 1935 machten sich erste Anzeichen einer Krankheit (Sklerodermie) bemerkbar, die wenige Jahre später zum Tode führen sollte. Zur Linderung waren in der folgenden Zeit Kuraufenthalte notwendig: 1936 in Tarasp und Montana-Vermala, 1937 in Ascona, 1938 auf Beatenberg, 1939 in Faoug am Murtensee. 1937 wurden in der deutschen Ausstellung „Entartete Kunst“ 17 Bilder von <span class="abbr" title="Klee">K.</span> zur Schau gestellt, 102 weitere Werke aus öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt. Verzeichnet der Oeuvrekatalog für das Jahr 1936 nur 25 Arbeiten, so erfuhr die künstlerische Produktion in den folgenden Jahren eine gewaltige Steigerung: 1938: 489, 1939: 1 253, 1940: 366 Werke. Am 28.11.1937 empfing <span class="abbr" title="Klee">K.</span> in seinem Heim den Besuch Pablo Picassos, über Ostern 1939 jenen von Georges Braque. Anläßlich seines 60. Geburtstages veranstaltete das Zürcher Kunsthaus 1940 eine Ausstellung von 213 Werken. Am 10. Mai begab sich <span class="abbr" title="Klee">K.</span> zur Erholung ins Kurhaus Victoria nach Orselina (Locarno). Im Juni verschlimmerte sich sein Zustand derart, daß er in die Clinica SanťAgnese nach Muralto überführt werden mußte, wo er am 29. Juni starb.

1946 wurde der gesamte Nachlaß als deutsches Eigentum einer Treuhandverwaltung unterstellt, die 1947 aus diesem Besitz die [Paul Klee](https://www.deutsche-biographie.de/sfz41314.html)-Stiftung errichtete. Diese wurde 1953 vom Sohn des Künstlers anerkannt und dem Berner Kunstmuseum übergeben. Die Stiftung enthält 40 Tafelbilder, 160 farbige Blätter, 2 256 Zeichnungen, 10 Skizzenbücher, 88 druckgraphische Blätter, 29 Hinterglasmalereien, 11 Skulpturen, den Oeuvrekatalog, die Manuskripte der Tagebücher, der theoretischen Bauhaus-Kurse und des Jenenser Vortrages.

<span class="abbr" title="Klee">K.</span> selber ließ sein Schaffen erst von 1903 an gelten. 1911 nahm er in seinen Oeuvrekatalog zwar eine Auswahl von 18 zwischen dem 4. und 11. Lebensjahr entstandenen Zeichnungen auf, nicht aber die Arbeiten der Schulzeit: Bereits während der Münchener Studienjahre hatte er sich von den minuziösen Landschaftsdarstellungen, mit denen er als Gymnasiast nicht weniger als 10 Skizzenbücher gefüllt hatte, kritisch distanziert und schätzte nur mehr seine vom Jugendstil geprägten Karikaturen und humoristischen Randglossen, mit denen er seine Schulbücher und -hefte versehen hatte. Im Schaffen <span class="abbr" title="Klee">K.</span>s lassen sich zwei Kategorien von Arbeiten unterscheiden: Solche die „ohne Natur“ und jene, die „nach der Natur“ entstanden sind. Bis Ende 1913 nahm er diese Differenzierung auch im Oeuvrekatalog mittels der Buchstaben A und B vor. Die von <span class="abbr" title="Klee">K.</span> am Bauhaus gelehrte Maxime „Die Zwiesprache mit der Natur bleibt für den Künstler conditio sine qua non“ hatte er von früh an befolgt. Erst im Besitze der im Aktzeichnen und beim Sezieren gewonnenen Kenntnisse der menschlichen Anatomie wagte er sich 1903-05 an eine freie, vom direkten Naturvorbild unabhängige Anwendung in jener Folge von 11 Radierungen, die er „Inventionen“ nannte. Mit diesem „Opus eins“, wie <span class="abbr" title="Klee">K.</span> es nannte, verwirklichte sich die künstlerische Absicht erstmals in gültiger Weise. Die Arbeit der nachfolgenden Jahre wurde von dem Anliegen diktiert, den vor der Natur gewonnenen Eindruck direkt in eine persönliche Bildsprache umzusetzen. 1905 rückte die methodische Erforschung der Lichtwirkungen, des Heil-Dunkels, ins Zentrum seines Interesses. 1908 erproben die Schwarzaquarelle dann die systematische Abstufung der Tonschritte von Licht zu Schatten, ein Verfahren, das <span class="abbr" title="Klee">K.</span> 1910 auch auf die Farbigkeit übertrug. In den Zeichnungen führte die Entdeckung der dem Licht innewohnenden bildnerischen Energie zur Übersetzung dieser immateriellsten Erscheinung der Natur ins graphisch-lineare Element.

Wie sich <span class="abbr" title="Klee">K.</span> einst von der akademischen Routine in Karikaturen Luft gemacht hatte, enthob er sich dem Zwang der Naturvorlage auch im Herbst 1908 und gestaltete aus seinem „Urgebiet der psychischen Improvisation“ 6 Illustrationen zum satirischen Epos „Der Musterbürger“ seines Freundes Bloesch. Diese und verwandte Zeichnungen können als direkte Vorstufen zu den 26 Zeichnungen betrachtet werden, die <span class="abbr" title="Klee">K.</span> 1911-12 zu Voltaires Roman „Candide“ schuf (das Werk erschien erst 1920 im Druck). Aus der 1912 anhebenden Auseinandersetzung mit Kubismus und Orphismus empfing <span class="abbr" title="Klee">K.</span> wesentliche Grundlagen für sein weiteres Schaffen. Lernte er vom Kubismus die tektonische Straffung der Komposition, so wurde er dank der orphistischen Theorie der farbigen Simultankontraste der dynamischen Beziehungen der Farbwerte gewahr. Doch erst in der Begegnung mit dem Orient erschloß sich <span class="abbr" title="Klee">K.</span> das beharrlich verfolgte Geheimnis der Farbe: in Kairouan (15-17.4.1914) wußte er sich zum Maler geboren. In den Tunesien-Aquarellen hat <span class="abbr" title="Klee">K.</span> zu einer autonomen Bildsprache gefunden. 1915 vollzog sich die Loslösung von jeglichem realen Ausgangspunkt: Das Kriegserlebnis ließ den Künstler eine distanzierte Lebenshaltung einnehmen. Er<span class="pb" title="Seite im Original 726">|</span>wurde „abstrakt mit Erinnerungen“, wie er sagte, und seine Hand „ganz Werkzeug eines fernen Willens“. Zeichenhafte und emblematische Elemente bestimmen das Formenvokabular: Zahlen, Buchstaben, Ausrufezeichen, Pfeil, Auge, Gestirne.

Erst nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst wandte sich <span class="abbr" title="Klee">K.</span> dem Ölgemälde zu; bis zu seinem 40. Lebensjahr hatte er seine Kunst fast ausschließlich in kleinformatigen Graphiken und Aquarellen geübt, kaum je aber im Tafelbild. Zu gleicher Zeit führte die Beschäftigung mit der Lithographie zur Entdeckung der aquarellierten „Ölfarbenzeichnung“: <span class="abbr" title="Klee">K.</span> verwandte dieses Pausverfahren in der Folge häufig, um eine Zeichnung und Malerei integrierende Ganzheit zu erzielen.

Die Lehrtätigkeit am Bauhaus verlangte die Ausarbeitung eines pädagogischen Systems, dessen Fundament die Lehre von den „ideellen Mitteln“: Linie, Hell-Dunkel, Farbe, bildet. Die Erfahrungen der eigenen Entwicklung und früher in Tagebüchern notierte theoretische Reflexionen konnten zu diesem Zweck nutzbar gemacht werden. <span class="abbr" title="Klee">K.</span> mußte sich über das klar werden, was er bisher meist unbewußt getan hatte. So führte etwa die Bewußtmachung von Farbgesetzen und -relationen, wie sie die Lehre an Farbkreis und Farbkugel demonstriert, zu den aquarellierten Farbstufungen und zu den Gemälden farbiger Quadrate. Namentlich in der zweiten Hälfte der 20er Jahre erprobte <span class="abbr" title="Klee">K.</span> in Zeichnungen immer neue schematische Gesetzmäßigkeiten. In der Mathematisierung der Gestaltungsprozesse schlägt sich die technologisch-rationalistische Zielsetzung, wie sie am Bauhaus seit der Übersiedlung nach Dessau immer radikaler verfolgt wurde, sichtbar nieder. Doch behauptete sich den natürlichen und geometrischen Gesetzlichkeiten gegenüber auch jetzt die Intuition, sei es in der phantastischen und märchenhaften Thematik vieler Weimarer Arbeiten, sei es in Zeichnungen der späten 20er und frühen 30er Jahre, wo innere Regungen und Unbewußtes sich spontan der seismographisch registrierenden Hand mitteilen. Diese intuitive Arbeitsweise markiert die Wendung zum Irrationalen und Metaphysischen, welche die letzte Schaffensphase kennzeichnet.

Das Hauptanliegen der Düsseldorfer Zeit bildete das Licht: In den von <span class="abbr" title="Klee">K.</span> als „divisionistisch“ bezeichneten Bildern überzieht ein dichter Raster aus Farbtupfen den ein- oder vielfarbigen Grund. In der gleichzeitigen Zusammenschau rufen Unterlage und Farbpartikel die Illusion eines schattenlosen Farblichts hervor. 1933 setzte eine Entfaltung zum monumental Großformigen, Lapidaren ein. In den Gemälden und jetzt zahlreichen Pastellen bevorzugte <span class="abbr" title="Klee">K.</span> als Malgrund trocken anzufühlende Gewebe wie Baumwolle, derbe Jute oder Rupfen. Einfarbige Blätter wurden vielfach mit dem Pinsel pastos in Kleisterfarbe oder mit dem Kohlestift ausgeführt: die Graphik erfuhr eine Angleichung an die Malerei. Kennzeichnend für das Spätwerk ist die Verwendung von Balkenstrichen und -zeichen. Diese „Hieroglyphen“ und „Chiffren“ sind nicht mehr auf die Bildmitte zentriert sondern in lockerer Streuung über die Bildfläche verteilt. Die Bildformate weiten sich jetzt stetig und erreichen in „Insula dulcamara“ (1938) mit den Maßen 88 auf 176 Zentimeter das größte Format des Gesamtwerkes. Der Gehalt dieser Zeichenbilder kreist vielfach um weltanschauliche Fragen, um das eigene Schicksal und das Sterben. 1939 und 1940 fallen im zeichnerischen Werk als Besonderheit mehrere umfangreiche Zyklen auf: „Der Inferner Park“, „Vorbereitung zu einer Fußwaschung“, „Näherungen“. „Eidola“, „Detaillierte Passion“. Neben diese infernalischen Visionen und erschütternden Bekenntnisse des Ringens um Leben und Tod treten als Sinnbilder der Hoffnung und Läuterung Variationenfolgen über das Thema ‚Engeľ. <span class="abbr" title="Klee">K.</span> selber mag in einem bereits 1939 vollendeten, jedoch weder signierten noch im Werkverzeichnis katalogisierten als letztem Stilleben auf schwarzem Grund bekannt gewordenen Gemälde sein künstlerisches Vermächtnis erblickt haben. Dem Schaffen <span class="abbr" title="Klee">K.</span>s kommt in der Kunst des 20. Jahrhunderts eine zentrale Stellung zu; was seine technische, formale, ikonographische und inhaltliche Vielfalt und Vielschichtigkeit betrifft, dürfte es gar einzigartig dastehen. <span class="abbr" title="Klee">K.</span>s Innovationen haben auf seine Zeitgenossen und auf die weitere Entwicklung der Kunst in einem großen, noch immer schwer abzuschätzenden Ausmaß wegweisend und befruchtend gewirkt.

##### 26. Walter Benjamin

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/vXAimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/vXAimage.jpeg)

1892 – 1940

Schriftsteller, Literaturkritiker, Übersetzer

Zu den Hauptwerken Walter Benjamins zählen der Traktat über den „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ (1928), die Aphorismen-Sammlung „Einbahnstraße“ (1928) – sowie postum publiziert – die literarisierten Erinnerungen an seine „Berliner Kinderheit um neunzehnhundert“ (1950) sowie das Fragment gebliebene „Passagen-Werk“ (1982). Seit den 1960er Jahren erfahren seine Schriften eine bis heute anhaltende breite, auch internationale Rezeption.

<div class="anchor" id="bkmrk--38"></div><span class="bold">Leben</span>

Benjamin war der älteste Sohn einer vermögenden jüdischen Familie, der sowohl auf väterlicher wie mütterlicher Seite herausragende Persönlichkeiten entstammten. Nach vorschulischem Privatunterricht besuchte er von 1903 bis 1912 die Charlottenburger Kaiser-Friedrich-Schule, unterbrochen nur von einem anderthalbjährigen Aufenthalt im Landerziehungsheim Haubinda (Thüringen), wo er den Schulreformer [Gustav Wyneken (1875–1964)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118635743.html) und den Musikpädagogen [August Halm (1869–1929)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118545205.html) kennenlernte. Nach dem Abitur studierte er Philologie und Philosophie an den Universitäten Berlin, Freiburg im Breisgau und München. In Berlin machte er 1915 die Bekanntschaft des Judaisten [Gerhard (später: Gershom) Scholem (1897–1982)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118610295.html), mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. 1917 setzte er sein Studium in Bern fort, lernte u. a. den Schriftsteller und Mitbegründer des Cabaret Voltaire (der Wiege des Dadaismus) [Hugo Ball (1886–1927)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118506234.html) sowie den Philosophen [Ernst Bloch (1885–1977)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118511742.html) kennen und wurde 1919 bei [Richard Herbertz (1878–1959)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd11672868X.html) mit einer Arbeit über die deutsche Romantik zum Dr. phil. promoviert.

Als 1925 alle Versuche, sich an einer deutschen Universität (u. a. Frankfurt am Main) zu habilitieren, gescheitert waren, verdiente Benjamin seinen Lebensunterhalt als freier Schriftsteller. Bis 1933/35 publizierte er hauptsächlich in der Berliner Wochenzeitschrift „Die literarische Welt“ und in der „Frankfurter Zeitung“. In den Jahren der Weimarer Republik machte er zahlreiche intellektuelle Bekanntschaften, u. a. des Philosophen [Theodor W. Adorno (1903–1969)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118500775.html), des Journalisten [Siegfried Kracauer (1889–1966)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118565877.html) sowie der Schriftsteller [Bertolt Brecht (1898–1956)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118514768.html) und [Wilhelm Speyer (1887–1952)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd13239359X.html). Er arbeitete an Speyers Roman „Gaby, weshalb denn nicht?“ (1930) sowie dessen Schauspielen „Es geht. Aber es ist auch danach“ (1929), „Jeder einmal in Berlin (1930) und „Ein Mantel, ein Hut, ein Handschuh“ (1933) mit und übertrug mit [Franz Hessel (1880–1941)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118881280.html) zwei Bände aus [Marcel Prousts (1871–1922)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118596799.html)Romanzyklus „À la recherche du temps perdu“ ins Deutsche (Im Schatten der jungen Mädchen; Die Herzogin von Guermantes). Reisen führten Benjamin zwischen 1924 und 1932 durch Europa.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme floh er im März 1933 aus Berlin und lebte fortan – unterstützt u. a. vom Institut für Sozialforschung – in Paris. In seinen Exiljahren verbrachte er teils mehrmonatige Aufenthalte auf Ibiza (1933), in Sanremo bei seiner geschiedenen Ehefrau (1934/35, 1936 und 1937/38) sowie bei Brecht in Dänemark (1934, 1936, 1938). Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Benjamin nahe der Ortschaft Vernuche interniert und kehrte nach seiner Freilassung im Dezember 1939 nach Paris zurück. Wegen der deutschen Besatzung Frankreichs ging er 1940 mit seiner Schwester Dora in den Süden des Landes und lebte in Lourdes. Im September floh er über die Pyrenäen nach Spanien, um über Lissabon in die USA zu gelangen. Nachdem ihm im spanischen Grenzort Portbou die Weiterreise verweigert wurde, beging er in der Nacht vom 26. auf den 27. September Suizid.

<span class="bold">Werk</span>

Benjamins Werk umfasst wissenschaftliche Abhandlungen, Literaturkritiken, philosophische und politische Aufsätze, ästhetisch-theoretische Essays, (literarisierte) Erinnerungen, Städte- und Denkbilder, Reiseimpressionen, (kommentierte) Anthologien, Gedichte und Übersetzungen. Seine frühesten Schriften datieren aus dem Jahr 1910, als der Schüler unter dem Einfluß seines Lehrers Wyneken in der Jugend(kultur)bewegung engagiert war. Bis 1916 publizierte er, mehrheitlich unter Pseudonym, Arbeiten u. a. in den Zeitschriften „Der Anfang“ und „Die freie Schulgemeinde“. Nach der Dissertation „Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik“ veröffentlichte er erst 1924/25 wieder eine größere, für seine intellektuelle Entwicklung einschneidende Arbeit: „Goethes Wahlverwandtschaften“. Mit diesem in den von [Hugo von Hofmannsthal (1874–1929)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118552759.html) herausgegebenen „Neuen Deutschen Beiträgen“ erschienenen kunstphilosopischen Essay begründete er seinen Ruf als einer der herausragenden (Literatur-)Kritiker der Weimarer Republik.

Fortan publizierte Benjamin vornehmlich in linksliberalen Zeitungen und Zeitschriften wie „Frankfurter Zeitung“, „Die Gesellschaft“, „Kölnische Zeitung“, „Die literarische Welt“, „Magdeburgische Zeitung“, „Vossische Zeitung“ sowie in der Amsterdamer Revue „i 10“. Außerdem war er zwischen 1927/29 und 1933 mit Beiträgen zur Kinder- und Jugendstunde sowie literarischen Porträts häufig im Frankfurter und Berliner Rundfunk zu hören. 1928 veröffentlichte er kurz nacheinander zwei seiner Hauptwerke: die Aphorismen-Sammlung „Einbahnstraße“ und den als Habilitationsschrift entstandenden Traktat über den „Ursprung des deutschen Trauerspiels“, in dem er im Zuge einer Wiederaufwertung der Literatur des deutschen Barock zugleich seine kunstphilosophischen Positionen aus dem Wahlverwandtschaften-Essays vertiefte und präzisierte. In den Folgejahren erschien die Mehrzahl seiner wichtigsten Essays und Porträts, u. a. „Der Sürrealismus“, „Zum Bilde Prousts“ (beide 1929), „Politisierung der Intelligenz“, „Theorien des deutschen Faschismus“ (beide 1930) „Linke Melancholie“, „Karl Kraus“, „Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft“ sowie „Kleine Geschichte der Photographie“ (alle 1931); diese Arbeiten wiesen Benjamin über alle thematische Vielfalt hinaus v. a. als äußerst originellen Kritiker aus. Seit 1924 veröffentlichte er darüber hinaus zahlreiche Städtebilder („Neapel“, „Moskau“, „Marseille“, „San Gimignano“), Reiseimpressionen („Nordische See“, 1930) und „Denkbilder“ („Kurze Schatten“ I und II, „Ibizenkische Folge“). Zwischen 1923 und 1932 erschienen seine wichtigsten Übersetzungen: u. a. die der „Tableaux parisiens“ von [Charles Baudelaire (1821–1867)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118507184.html).

Kurz vor und nach Benjamins Flucht aus Deutschland wurde das deutsche Publikum mit zahlreichen Stücken aus der „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ bekannt, an der er seit 1932 arbeitete und deren letzte von ihm festgelegte Fassung (1938) ihren geplanten (Privat-)Druck nicht erlebte. So blieb die Anthologie „Deutsche Menschen“ – kommentierte Briefe deutscher Geistesgrößen –, die 1931/32 bereits einzeln in der „Frankfurter Zeitung“ erschienen waren, Benjamins einzige Buchpublikation der Exiljahre. Bis 1935 veröffentlichte er noch in reichsdeutschen Zeitungen wie „Frankfurter Zeitung“, „Kölnische Zeitung“ und „Vossische Zeitung“, anschließend war er auf deutsche Exilzeitschriften und fremdsprachige Organe angewiesen. Nur mit der Zürcher Zeitschrift „Der öffentliche Dienst“ (1933/34) sowie v. a. der „Zeitschrift für Sozialforschung“ (1934–1940) stellte er eine dauerhafte Zusammenarbeit her. In dem Organ des ehemaligen Frankfurter Instituts für Sozialforschung erschienen programmatische Aufsätze Benjamins: „Zum gegenwärtigen gesellschaftlichen Standort des französischen Schriftstellers“ (1934), „Probleme der Sprachsoziologie“ (1935), der zunächst ins Französische übersetzte Kunstwerk-Aufsatz („L’œuvre d’art à l’époque de sa reproduction mécanisée“, 1936) – seiner Überzeugung nach „die erste Kunsttheorie des Materialismus, die diesen Namen verdient“ –, „Eduard Fuchs, der Sammler und der Historiker“ (1937) und zuletzt „Über einige Motive bei Baudelaire“ (1939/40). Letztgenannte Arbeit gehört in den Kontext des bereits 1927 begonnenen und in den Exiljahren intensiv wiederaufgenommenen „Passagen-Werks“, eines der Hauptwerke Benjamins, das jedoch Fragment blieb. Seine letzte Veröffentlichung zu Lebzeiten, „Une lettre de Walter Benjamin au sujet de ‚Le regard‛ de Georges Salles“, erschien im Mai 1940 in der „Gazette des amis des livres“ seiner Freundin [Adrienne Monnier (1892–1955)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118784579.html).

Vor 1933 bereits einem großen Publikum bekannt, dauerte es nach 1945 lange, ehe Benjamin wiederentdeckt wurde. Die frühen postumen Publikationen – der Goethe-Essay, die Thesen „Über den Begriff der Geschichte“, die erstmals in Buchform veröffentlichte „Berliner Kindheit“, die Neuausgabe der „Einbahnstraße“, die zweibändigen „Schriften“ sowie die wiederaufgelegten „Deutschen Menschen“ – erhielten anerkennende Kritiken, ohne größeres Interesse beim Publikum zu wecken. Das änderte sich mit dem politischen Wandel der Bundesrepublik in den 1960er Jahren und mit der Studentenbewegung. 1967 entfachte die Zeitschrift „Alternative“ eine heftige Debatte um die Herausgabe seiner Werke, bei der es nur vordergründig um Auslassungen seiner Editoren Adorno, Scholem und [Rolf Tiedemann (1932–2018)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd124131573.html) ging. Vielmehr wurde Benjamin im Kontext gesellschaftskritischer und ästhetischer Debatten als Kronzeuge einer marxistischen Theorie reklamiert, die sich sowohl von der des Realsozialismus in der DDR als auch von der negativen Gesellschaftstheorie der „Frankfurter Schule“ (Adorno, Horkheimer) unterschied. Eine unmittelbare Folge dieser politischen Auseinandersetzungen, in denen sich Marxisten (u. a. [Hildegard Brenner, geb. 1927](https://www.deutsche-biographie.de/gnd141073020.html), [Hans Heinz Holz, 1927–2011](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118835998.html), [Helmut Lethen, geb. 1939](https://www.deutsche-biographie.de/gnd122795199.html)) sowie dem Institut für Sozialforschung nahestehende Intellektuelle (v. a. Adorno, Tiedemann) fast unversöhnlich gegenüberstanden und bei denen es auch um die Deutungshoheit über Benjamins Werk ging, war die Edition seiner „Gesammelten Schriften“ (1972–1999). Mit ihnen wurde die Basis für seine breite, auch internationale Rezeption geschaffen, so dass Benjamin heute zu den meistdiskutierten deutschen Autoren gehört.

##### 27. Alfred Döblin 

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-06/scaled-1680-/image.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-06/image.png)

Seit 1888 wuchs <span class="abbr" title="Döblin">D.</span> illusionslos und ohne Beziehung zur Natur in der Großstadt Berlin auf. Er studierte in Freiburg (Breisgau) Medizin und promovierte dort über „Gedächtnisstörungen bei der Korsakoffschen Psychose“ (1905). <span class="abbr" title="Döblin">D.</span> war Arzt in einer Irrenanstalt zu Regensburg und 1911-33 Kassenfacharzt für Nervenkrankheiten in Berlin. Als Asphaltliterat und wegen seiner jüdischen Herkunft verschrien, emigrierte <span class="abbr" title="Döblin">D.</span>, der 1928 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste geworden war, in der Nacht des Reichstagsbrands in die Schweiz und nach Paris, wo er 1936 französischer Staatsbürger wurde. 1940 flüchtete <span class="abbr" title="Döblin">D.</span> über Spanien und Portugal nach den USA und kehrte 1946 als Oberst und Literaturinspekteur der französischen Militärregierung nach Deutschland zurück. Er lebte zunächst in Baden-Baden, später in Mainz. - Schon während seines Studiums begann <span class="abbr" title="Döblin">D.</span>s thematisch wie stilistisch vielschichtige literarische Arbeit, deren Ertrag in mehr als 40 Büchern bestand. Wie bei Gottfried Benn vermittelte seine Tätigkeit als Arzt ihm genaue Kenntnis der Großstadtpsyche und ihrer Gruppenseele, während die Vorstellung von der Individualität als Persönlichkeit mehr und mehr zurücktrat. Als Ethiker und Schriftsteller erlebte <span class="abbr" title="Döblin">D.</span> die Massenseele der modernen Welt als Trauma, zu dessen Analyse sein dichterisches Werk immer von neuem ansetzte. Bis zur Konversion zum Katholizismus und seinem letzten großen Roman „Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende“ (1957) spannt sich ein Bogen stilistischer und sprachlicher Experimente, mit dem Ziel, durch die Dichtung eine neue ethische und metaphysische Ordnung zu gewinnen.

Zunächst bejahte <span class="abbr" title="Döblin">D.</span> die vom Expressionismus abgelehnte Technik, mußte jedoch erkennen, daß der Mensch diese über das Maß dessen hinausentwickelte, was er zu beherrschen vermochte („Berge, Meer und Giganten“, 1924, Neufassung als „Giganten“, 1932). Mit der „erlebten Rede“ und<span class="pb" title="Seite im Original 13">|</span>der ihm eigenen parataktischen Montagetechnik gestaltete <span class="abbr" title="Döblin">D.</span> in seinem Hauptwerk „Berlin Alexanderplatz“ (1929, Neuausgabe 1948), einem treffenden Porträt der Berliner Unterwelt, das selbstverschuldete Schicksal eines entlassenen Sträflings bis zur inneren Umkehr. Diese Sehnsucht nach transzendenter Ordnung wird auch im Spätwerk offenbar: „Hamlet“ ist bei <span class="abbr" title="Döblin">D.</span> ein englischer Soldat des 2. Weltkriegs, der auf der Suche nach der verborgenen Schuld der Kriege den Keim des Übels in sich selber erkennt und ausrottet. So gelangt <span class="abbr" title="Döblin">D.</span>, seiner Wandlung zum Katholizismus entsprechend, von der Gruppenseele zur personalen Einheit und von der sozialen Utopie zur Gewissenserforschung der Hamletgestalt. Sein Gesamtwerk enthält dabei in fortwährender Änderung des Stils und der Thematik die Haupttendenzen der zeitgenössischen Dichtung; die Inversion familiärer Beziehungen zum Beispiel wird in einer Sprache gestaltet, die sich im Naturalismus, Expressionismus und Surrealismus die wesentlichen Möglichkeiten seiner Zeit dienstbar macht. So wurde <span class="abbr" title="Döblin">D.</span> einer der markantesten Vertreter der Dichtung nach den beiden Weltkriegen. - Mitglied des deutschen Pen-Zentrums, Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, deren Literaturpreis er 1954 erhielt; Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 1957.

##### 28. Gottfried Benn

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/Aduimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/Aduimage.jpeg)

1886 – 1956

Schriftsteller, Arzt

Gottfried Benn war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker und Essayisten des 20. Jahrhunderts. Zur Zeit seiner expressionistischen Anfänge galt er als lyrischer Avantgardist. Art und Ausmaß seiner Verstrickungen in den NS-Ideologieapparat sind bis heute umstritten. Seit 1949/50 als Schriftsteller wieder erfolgreich, verfasste er mit seinem Vortrag „Probleme der Lyrik“ (1951) die „Ars poetica“ der jungen Bundesrepublik und wurde zum Vorbild der nachfolgenden Lyrikergenerationen.

<div class="anchor" id="bkmrk--41" style="text-align: justify;"></div><span class="bold">Anfänge</span>

Benn wuchs in einem evangelischen Pfarrhaushalt in der Neumark auf. Nach dem Abitur am Friedrichsgymnasium in Frankfurt an der Oder 1903 studierte er Evangelische Theologie und Philologie an den Universitäten Marburg an der Lahn und Berlin, ehe er im Oktober 1905 gegen den Willen des Vaters zum Studium der Medizin wechselte, das er 1905 aus finanziellen Gründen an der Kaiser Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen in Berlin aufnahm. Anfang 1912 wurde er approbiert und zum Dr. med. promoviert.

Während seine etwa an [Detlev von Liliencron (1844–1909)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118572954.html) und [Richard Dehmel (1863–1920)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118679236.html) orientierten frühesten lyrischen Versuche weitgehend epigonal erscheinen, zeigen Prosatexte aus dieser Zeit Benns poetologische Standortsuche. Durch die Bereicherung der dichterischen Sprache mittels eines naturwissenschaftlichen Wortschatzes glaubte er der v. a. von [Friedrich Nietzsche (1844–1900)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118587943.html) und [Hugo von Hofmannsthal (1874–1929)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118552759.html)diagnostizierten Sprach- und Erkenntniskrise entkommen zu können. Mit der provozierenden und schockierenden Sammlung „Morgue und andere Gedichte“ (1912) machte Benn erstmals als Schriftsteller auf sich aufmerksam: Die Gedichte stehen in der Tradition der „Ästhetik des Hässlichen“, sie sind zynisch, ihre Thematik stammt aus der Pathologie.

Seiner Tätigkeit in Berliner Krankenhäusern und Kasernen überdrüssig, betätigte sich Benn 1914 als Reisearzt und als Mediziner in Heilstätten, bevor er mit Beginn des Ersten Weltkriegs zum Kriegsdienst eingezogen wurde. In Brüssel kam er in Kontakt mit einer deutschen Künstlerkolonie, zu der [Carl Einstein (1885–1940)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118529587.html), [Otto Flake (1880–1963)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118533665.html), [Alfred Flechtheim (1878–1937)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118952714.html) und [Wilhelm Hausenstein (1882–1957)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118547003.html) zählten, und schuf mit den „Rönne-Novellen“ die in dieser Abfolge erstmals u. d. T. „Gehirne“ im Oktober 1916 in der expressionistischen Reihe „Der jüngste Tag“ (Bd. 35) erschienen, Texte, die heute in ihrem sprach- und bewusstseinskritischen Gestus zu den bedeutendsten deutschsprachigen Prosawerken der Moderne gehören. 1917 als kriegsuntüchtig aus dem Militärdienst entlassen, kehrte Benn nach Berlin zurück, wo er eine dermatologische Facharztausbildung machte und im November eine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten eröffnete, die ihn zeitlebens finanziell sicherte.

<span class="bold">Literarischer Aufstieg</span>

Benns meist achtreihige, gereimte Strophen der 1920er Jahre sind voller Sarkasmus und in ihrem sich vor Fremdworten und der Sprache der Naturwissenschaft nicht scheuenden Stakkatostil nur schwer verständlich. Spätestens mit dem Erscheinen der „Gesammelten Gedichte“ (1927) wurde der notorische Einzelgänger Benn zum etablierten Autor, der mit Auftritten im Rundfunk und Äußerungen zu aktuellen Themen in Tageszeitungen Stellung nahm. 1931 schrieb Benn das Libretto zu [Paul Hindemiths (1895–1963)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118551256.html) Oratorium „Das Unaufhörliche“ und wurde Berater und Mitarbeiter der internationalen Avantgarde-Zeitschriften „Bifur“ und „transition“. Höhepunkt dieses Aufstiegs war im Januar 1932 Benns Aufnahme in die Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste und die Veröffentlichung seines Aufsatzes „Goethe und die Naturwissenschaften“ in der „Neuen Rundschau“ anlässlich Goethes 100. Todestag.

<span class="bold">Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg</span>

Kurz nach dem erzwungenen Austritt [Heinrich Manns (1871–1950)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118577131.html) und [Käthe Kollwitz’ (1867–1945)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118564943.html) 1933 verlas Benn in seiner Funktion als kommissarischer Vorsitzender der Abteilung für Dichtung in einer Sitzung die von ihm verfasste Erklärung, die die Bereitschaft aller Mitglieder einforderte, sich „unter Anerkennung der veränderten geschichtlichen Lage“ für die Akademie und damit für den neuen Staat „zur Verfügung zu stellen“. Während ihm die meisten Mitglieder zustimmten, erklärten u. a. [Thomas Mann (1875–1955)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118577166.html), [Alfred Döblin (1878–1957)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118526200.html) und [Ricarda Huch (1864–1947)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118554190.html) ihren Austritt, andere wurden ausgeschlossen und durch national-konservative Schriftsteller wie [Börries von Münchhausen (1874–1945)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118785273.html) oder [Hans Grimm (1875–1959)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118542249.html)ersetzt. Unter dem Druck der Benns berufliche Existenz als Arzt gefährdenden anhaltenden ökonomischen Krise und der kulturpolitischen Veränderungen in der Akademie sowie künstlerischer Differenzen und persönlicher Anfeindungen distanzierte sich Benn seit Herbst 1933 zunehmend von allem, was ihn mit der Öffentlichkeit verband. 1935 wurde er im Rang eines Oberstabsarztes als Leiter einer Abteilung der Wehrersatzinspektion in Hannover in die Reichswehr aufgenommen, was die Anfeindungen und Beschimpfungen als „Kulturbolschewist“ und „Rasseschänder“ gegen ihn, die auf seine literarische Vergangenheit als Expressionist zielten, nicht beendete. Am Ende stand im März 1938 sein Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer und damit ein generelles Publikationsverbot.

Als eine der wenigen Konstanten dieser Zeit erwies sich der 1932 begonnene, lebenslange und umfangreiche Briefwechsel mit dem Bremer Kaufmann [Friedrich Wilhelm Oelze (1891–1978)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd117105384.html), in dem Benn Themen der Literatur und eigene Werke mit seinem Freund diskutierte. In Hannover entstanden das Prosastück „Weinhaus Wolf“ und die „Stadthallengedichte“ – gereimte Gedichte, die thematisch v. a. um Tod, Leid und Einsamkeit kreisen und fester Bestandteil von Lyrikanthologien des 20. Jahrhunderts wurden. Das erzwungene Schweigen nach 1938 führte dazu, dass Benn sich zunehmend auf radikal-ästhetische Positionen zurückzog, die an seine expressionistischen Anfänge erinnern, was dadurch begünstigt wurde, dass seine Dienststelle im August 1943 nach Landsberg an der Warthe (heute Gorzów Wielkopolski, Polen) verlegt wurde.

<span class="bold">Erneute Erfolge als Lyriker</span>

Der verlorene Zweite Weltkrieg, der Suizid seiner Ehefrau aus Angst vor Übergriffen sowjetischer Soldaten sowie die Zerstörung seiner Berliner Praxis, die er Ende Dezember 1945 wieder eröffnete, ließen Benn monatelang in tiefe Depression versinken. Sein literarischer Wiederaufstieg über die Grenzen Deutschlands hinaus begann 1948 mit den „Statischen Gedichten“, für die zunächst keine Drucklizenz erteilt worden war, weil zwei Bücher Benns in der Sowjetischen Besatzungszone auf der „Liste auszusondernder Literatur“ standen. Die Veröffentlichung der „Statischen Gedichte“, die er größtenteils bereits vor 1945 verfasst hatte, war für Benn der Abschluss einer Phase der Lyrikproduktion, die 1935 begonnen hatte und nach „Morgue“ den zweiten Höhepunkt in seiner Entwicklung als Lyriker darstellte. Mit ihrem ästhetischen Klassizismus machten die Gedichte der vom Krieg erschöpften Leserschaft ein ideales Angebot zur Identifikation und zum Trost. Die „Statischen Gedichte“ gelten heute als mit Abstand beliebteste Gedichte Benns, ließen ihn bei Kritik und Publikum zu einem der bekanntesten Dichter der jungen Bundesrepublik werden und trugen dazu bei, dass Benn 1951 als erster Preisträger den Büchnerpreis erhielt. Während Benns Gedichte von der DDR-Germanistik aus ideologischen Gründen bis weit in die 1970er Jahre aus dem Kanon deutscher Lyrik ausgeschlossen wurden, werden seitdem die Spuren seines Werks in dem der Lyriker der DDR immer offensichtlicher.

Die Erfahrung des Alterns stellte den in seinen letzten Lebensjahren schwer erkrankten Benn in alltäglicher wie in künstlerischer Hinsicht vor Probleme, die er in seinen Lyrikbänden „Fragmente“ (1951), „Destillationen“ (1953) und „Aprèslude“ (1955) thematisierte. Benn wagte darin den Versuch, einen bis dahin in Deutschland unbekannten Ton anzuschlagen, der unter dem Begriff Parlando-Lyrik zusammengefasst und von großem Einfluss für spätere Lyriker wie [Peter Rühmkorf (1929–2008)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118603957.html) und [Hans Magnus Enzensberger (1929–2022)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118530534.html) wurde. Mit seinem Vortrag „Probleme der Lyrik“ (1951) schuf er die „Ars poetica“ der jungen Bundesrepublik und wurde zum unumstrittenen Vorbild so unterschiedlicher Lyriker wie [Robert Gernhardt (1937–2006)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd11884556X.html) oder [Durs Grünbein (geb. 1962)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd119371391.html) und der nachwachsenden Lyriker-Generationen. Bis heute gilt Benn als feste Bezugsgröße, dessen Werk immer noch größte Aufmerksamkeit zuteil wird.








##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Friedrich Ebert, in: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, online verfügbar unter: [https://www.hausaufderalb.de/friedrich-ebert](https://www.hausaufderalb.de/friedrich-ebert), zuletzt geprüft am 11.08.2025.

-&gt; Peters, Olaf, „Dix, Otto“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2024, URL: [https://www.deutsche-biographie.de/118526103.html#dbocontent](https://www.deutsche-biographie.de/118526103.html#dbocontent), zuletzt geprüft am 11.08.2025.

-&gt; Weber, Hermann, "Liebknecht, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 505-506 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd11857275X.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd11857275X.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 01.09.2025.

-&gt; Katholischer Vermittler im demokratischen Neubeginn Weimars. Matthias Erzberger, in: 100 Köpfen der Demokratie (Stiftung Orte der Demokratiegeschichte), online verfügbar unter: [https://www.demokratie-geschichte.de/koepfe/2325](https://www.demokratie-geschichte.de/koepfe/2325), zuletzt geprüft am 14.10.2025.

-&gt; Nottelmann, Nicole, „Baum, Vicki“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2022, URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118653830.html#dbocontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118653830.html#dbocontent), zuletzt geprüft am 10.11.2025.

-&gt; Kolb, Eberhard, "Stresemann, Gustav" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 545-547 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118619268.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118619268.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 12.11.2025.

-&gt; Conze, Werner, "Hindenburg, Paul von" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 178-182 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118551264.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118551264.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 12.11.2025.

-&gt; Sudendorf, Werner, „Dietrich, Marlene“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2025, URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118525565.html#dbocontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118525565.html#dbocontent), zuletzt geprüft am 29.11.2025.

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-&gt; Alexander S. Blum / Emily Philippi, „Heisenberg, Werner“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2024, URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118548670.html#dbocontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118548670.html#dbocontent), zuletzt geprüft am 06.12.2025.

-&gt; Wizisla, Erdmut, „Brecht, Bertolt“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2022, URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118514768.html#dbocontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118514768.html#dbocontent), zuletzt geprüft am 06.12.2025.

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-&gt; Pfeifer, David, "Schmeling, Max (Maximilian) Siegfried Adolph Otto" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 125-126 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118608525.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118608525.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 09.04.2026.

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-&gt; Pape, Walter, "Ringelnatz, Joachim (eigentlich Hans Gustav Bötticher, weitere Pseudonyme Pinko Meyer, Fritz Dörry, Gustav Hester)" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 631-633 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118601121.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118601121.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 27.04.2026.

-&gt; Frühwald, Wolfgang, "Toller, Ernst Hugo" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 339-341 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118623230.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118623230.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 05.05.2026.

-&gt; Grau, Bernhard, „Eisner, Kurt“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2025, URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118529706.html#dbocontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118529706.html#dbocontent), zuletzt geprüft am 05.05.2026.

-&gt; Geelhaar, Christian, "Klee, Paul" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 722-727 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118562827.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118562827.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 05.05.2026.

-&gt; Brodersen, Momme, „Benjamin, Walter“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2022, URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118509039.html#dbocontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118509039.html#dbocontent), zuletzt geprüft am 16.05.2026.

-&gt; Richter, Karl, " Döblin, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 12-13 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118526200.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118526200.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 08.06.026.

-&gt; Hof, Holger, „Benn, Gottfried“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.03.2024, URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118509047.html#dbocontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118509047.html#dbocontent), zuletzt geprüft am 10.08.2026.

**Sekundärliteratur**

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# Technik und Verkehr



# Die Luftfahrt

#### Inhaltsverzeichnis

1\. <span class="title__headline typo-headline-sc-2xl-alt">Die ersten Jahre der Lufthansa: Als die Piloten noch im Freien saßen</span>

##### 1. <span class="title__headline typo-headline-sc-2xl-alt">Die ersten Jahre der Lufthansa: Als die Piloten noch im Freien saßen</span>


<div class="article__header" id="bkmrk-am-6.-januar-1926-wi"><div class="intro typo-body-md-medium typo-body-xl-medium@lg u-richtext">Am 6. Januar 1926 wird die Deutsche Luft Hansa AG, die Vorgängerin der heutigen Lufthansa, gegründet. Auch wegen Geldschwierigkeiten. Eine Zeitreise zu den Anfängen</div></div><div class="article__lead-content" id="bkmrk-der-pilot-sitzt-drau"><div class="group-gallery"><div id="bkmrk-der-pilot-sitzt-drau-1"><div class="group-gallery-item" data-item-index="1" data-item-number="1" data-item-type="image-element" data-item-url="https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/100-jahre-lufthansa--die-ersten-jahre-der-airline-37011232.html"><div class="group-gallery-item__bounding-box"><figure class="group-gallery-item__figure"><picture class="picture"><source media="(max-width: 767px)" sizes="(min-width: 1024px) 1024px,  100vi" srcset="https://image.geo.de/37011614/t/ve/v7/w480/r1/-/1-tempelhof-d-37090175.jpg%20480w,%20https://image.geo.de/37011614/t/py/v7/w960/r1/-/1-tempelhof-d-37090175.jpg%20960w,%20https://image.geo.de/37011614/t/bE/v7/w1440/r1/-/1-tempelhof-d-37090175.jpg%201440w">![Propellermaschine und einige Menschen auf dem Flughafen Berlin Tempelhof 1926](https://image.geo.de/37011614/t/j7/v7/w1440/r1.5/-/1-tempelhof-d-37090175.jpg "Der Pilot sitzt draußen")</source></picture></figure></div><div class="group-gallery-item__description"><div class="typo-headline-md">Der Pilot sitzt draußen</div><div class="group-gallery-item__copy typo-body-base u-richtext">Noch geht alles per Hand vor sich. Gepäckträger laden unter den Augen der mutmaßlichen Passagiere Koffer in die Fokker-Grulich, mit der die Luft Hansa AG am 6. April 1926 ihren Linienflugbetrieb aufnimmt. Die planmäßige Route führt über Halle, Erfurt und Stuttgart nach Zürich. Vier Personen haben in der geschlossenen Kabine Platz. Der Pilot sitzt draußen im Freien.</div></div></div><span id="bkmrk-"></span></div></div></div><section data-reader-unique-id="32" id="bkmrk-in-den-zwanzigerjahr">In den Zwanzigerjahren scheint alles möglich. In vielen Regionen der Erde kommt es nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu einer beispiellosen Dekade des radikalen Auf- und Umbruchs, voller technischer, kultureller und sozialer Errungenschaften, aber auch voller Abgründe und Gegensätze. Dies ist die Zeit, da zwei miteinander konkurrierende deutsche Luftverkehrsunternehmen unter anderem wegen finanzieller Schwierigkeiten eine Fusion eingehen, um ihre Ambitionen zu bündeln.

Am 6. Januar 1926 schließen sich die Junkers Luftverkehr AG und der Deutsche Aero Lloyd zusammen. Die neue Firma trägt den Namen "Deutsche Luft Hansa Aktiengesellschaft", angelehnt an den mittelalterlichen Handelsverbund der Hanse.

<article class="clear" data-brand-identifier="geo" data-content-id="35838620" data-headline="Heute Paris, morgen New York: Die Ära des Jetsets in Bildern" data-reader-unique-id="11" data-teaser-context="not_set" data-teaser-context-headline="not_set" data-teaser-type="embed-text" data-tracking="" data-type="gallery" data-upscore-object-id="35838620"><div data-reader-unique-id="12"><figure data-reader-unique-id="13">  
</figure></div>**<span data-reader-unique-id="20">Historische Aufnahmen</span> <span data-reader-unique-id="21" data-upscore-title="">Heute Paris, morgen New York: Die Ära des Jetsets in Bildern</span>**

Nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs wenden sich Flugzeugbauer in den 1950ern wieder der zivilen Luftfahrt zu: Fliegen entwickelt sich zur neuen Art des Reisens. Mehr noch: zu einem Lebensstil

</article>Der Erstlingsflug hebt am 6. April 1926 in Berlin-Tempelhof ab. An Bord eines Hochdeckers vom Typ Fokker-Grulich geht es für vier Passagiere, mehr Plätze hat die Maschine nicht in der geschlossenen Kabine, über Halle, Erfurt und Stuttgart nach Zürich. Die Reisegeschwindigkeit beträgt 120 km/h. Der Pilot sitzt bei dem ersten Linienflug der Luft Hansa noch im Freien.

Doch erst als die Restriktionen, die dem Deutschen Reich durch die Siegermächte des Ersten Weltkriegs 1919 auferlegt worden waren, für die zivile Luftfahrt im Mai 1926 gelockert werden, kann das Unternehmen wirklich durchstarten. Streckennetz und Angebot wachsen rasant.

**Aber über der Firmengründung liegt ein dunkler Schatten**

Allerdings konnten Historiker aufzeigen, dass von Anfang an auch das Militär beziehungsweise an der Aufrüstung interessierte Kräfte im Deutschen Reich in die Entwicklung der Firma involviert waren, sie quasi als Deckmantel benutzten, um die Restriktionen der Siegermächte zu unterlaufen. Die Rolle der Lufthansa (so die Schreibweise seit 1933) in der Zeit des Nationalsozialismus ist zudem Gegenstand einer aktuellen [Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte](https://www.lufthansagroup.com/de/themen/100-jahre-lufthansa.html). Denn auch das ist Gewissheit: Die Lufthansa war mit dem NS-Regime verflochten, hat unter anderem Maschinen geliefert, Piloten für die Streitkräfte ausgebildet und während des Zweiten Weltkrieges Tausende nach Deutschland verschleppte Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in ihren Wartungshallen eingesetzt.

Die heutige Lufthansa ist keine juristische Nachfolgerin der mit dem Ende des NS-Regimes abgewickelten Fluggesellschaft, sie ist aus der Neugründung des Unternehmens in den 1950er-Jahren hervorgegangen, aber mit der "ersten" Lufthansa in vielerlei Hinsicht verbunden.

</section>##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Fries, Anja: <span class="title__headline typo-headline-sc-2xl-alt">Die ersten Jahre der Lufthansa: Als die Piloten noch im Freien saßen, in: geo.de online verfügbar seit 06.01.2026 unter: [https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/100-jahre-lufthansa--die-ersten-jahre-der-airline-37011232.html](https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/100-jahre-lufthansa--die-ersten-jahre-der-airline-37011232.html), zuletzt geprüft am 31.01.2026.</span>

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**Sekundärliteratur**

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