Kommunikation und Vernetzung
Die Post
Inhaltsverzeichnis
1. Kommunikationsgeschichte1505: Die Gründung der Post im Heiligen Römischen Reich
1. Kommunikationsgeschichte1505: Die Gründung der Post im Heiligen Römischen Reich
Die Gründung der Post im Jahr 1505 markierte einen Wendepunkt in der Kommunikation. Mit festen Routen und strikten Regeln revolutionierte Franz von Taxis den Nachrichtentransport – eine Entwicklung, die eng mit Buchdruck, Handel und politischem Wandel verknüpft war.
Es ist die Zeit der großen Umbrüche: Die Erfindung des Buchdrucks in Europa, der vermehrte Einsatz von Kanonen auf den Schlachtfeldern und das Aufkommen des Transportwesens für Menschen und Waren signalisieren das Ende des Mittelalters und den Beginn einer neuen Ära: der Moderne.
Mit diesen Entwicklungen breiten sich Renaissance, Humanismus und die Reformation über den europäischen Kontinent aus. Am Beginn des 16. Jahrhunderts regieren sowohl im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation als auch im Königreich Kastilien und Leon die Habsburger.
Franz von Taxis und die erste organisierte Post
Philipp I. von Habsburg (1478–1506), genannt der Schöne, der seit 1504 durch Heirat König von Kastilien und Leon ist, schließt 1505 einen Vertrag mit Franz von Taxis über den Transport seiner Post – vor allem zwischen Kastilien, im heutigen Zentralspanien, und dem Habsburgerreich.
Das Unternehmen von Franz von Taxis richtet feste Routen und Reisezeiten ein und legt so den Grundstein für ein Unternehmen, das nach 1530 stark expandieren sollte. In den ersten beiden Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts hatte sich das Postaufkommen unter anderem wegen des Buchdrucks stark erhöht, sodass eine Ausweitung des Angebots notwendig wurde.
Buchdruck erhöht Postaufkommen
Seit 1530 ist vertraglich geregelt, welche Postsendungen innerhalb welcher Zeit und auf welchen Routen transportiert werden müssen. Es gibt seitdem "normale" Briefe und Eil- oder Sonderpost, die häufiger und schneller von einem Ort zum anderen gebracht werden muss. Zehn Jahre später wird es Kaufleuten per Erlass sogar verboten, ihre Post auf eigenen Wegen zu transportieren. Sie müssen nun ihre Geschäftspost immer und ausschließlich durch das Transportunternehmen des Franz von Taxis befördern lassen.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Kommunikationsgeschichte1505: Die Gründung der Post im Heiligen Römischen Reich, in: Deutschlandfunk Nova, online verfügbar seit 28.03.2025 unter: https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/kommunikationsgeschichte-1505-die-gruendung-der-post-im-heiligen-roemischen-reich, zuletzt geprüft am 19.01.2026.
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Sekundärliteratur
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Zeitungswesen
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1. Zeitungswesen. Eine Revolution zum Lesen
1. Zeitungswesen. Eine Revolution zum Lesen
Eine epochale Entwicklung geht mit dem Ausbau des Postnetzes in den deutschen Landen einher: Immer schneller gelangen Nachrichten nun von Ort zu Ort. Der Straßburger Drucker Johann Carolus weiß dies zu nutzen – und begründet 1605 die erste Zeitung der Welt
Wohlhabend und günstig an Verkehrsrouten gelegen ist Straßburg um 1600: ideal für Produktion und Vertrieb eines Nachrichtenblattes
Ein Krieg zwischen Gänsen und Enten hat diese 1588 in Nürnberg veröffentliche ,,Zeyttung'' zum Thema. Einblattdrucke wie dieser gelten als Vorläufer der mehrseitigen und vor allem regelmäßig erscheinenen Zeitung.
Er, Johann Carolus, nicht älter als 30, Sohn eines protestantischen Pfarrers, hat schon viel erreicht, als das Jahr 1605 anbricht. Seine Heirat mit der Straßburgerin Anna Frölich, sechs Jahre zuvor, hat ihm die Bürgerrechte in der 25 000-Einwohner-Stadt eingebracht. Damit gehört er zur etwa 4000-köpfigen Elite, die unter anderem über das aktive und passive Wahlrecht für den Rat verfügt. Und seit dem 21. Juli 1604 ist der gelernte Buchbinder Besitzer einer Druckerei. Drei Druckerpressen gehören ihm nun, ein Schriftenvorrat an beweglichen Lettern im Gesamtgewicht von 34 Zentnern, dazu 60 Ballen Papier mit je 5000 Bogen sowie bereits gedruckte Bücher im Umfang von ganzen 130 Ballen Papier.
Allerdings hat Carolus dafür einen Kredit aufnehmen müssen. Zehn Jahre Laufzeit bei fünfprozentiger Verzinsung. Und er ist nicht der einzige Druckereibesitzer in der elsässischen Metropole, die ihrer Nähe zum Rhein die Prosperität und Liberalität einer Handelsstadt verdankt. Carolus muss sich anstrengen, die Produktivität des Ehepaars – Anna Frölich wird ihm zehn Kinder gebären – auch beruflich zu erhöhen.
Neben dem Verlegen von Büchern, darunter religiöse und historische Werke, Dichtung und satirische Schriften, auch Bände zur Astronomie, zur Zoologie oder Büchsenmacherei, versucht er sich noch in einer zweiten Profession: Er lässt von auswärts eintreffende Nachrichten handschriftlich vervielfältigen, um sie gegen eine „Ergötzlichkeit“, eine Vergütung, an „ettliche Herren“ der Straßburger Gesellschaft zu verteilen, vielleicht ein Dutzend Größen der Stadtpolitik, gelehrte Köpfe, reiche Kaufleute.
Nur: Es ist die Profession der „Novellanten“, auch „Avisenschreiber“ oder „Zeitunger“ genannt, die es in ihren allerersten Ursprüngen so bereits seit einem Jahrhundert gibt. Und sie ist mühsam, zeitaufwendig. „Dieweil es mit dem Abschreiben langsam zugangen“ ist, wie Carolus beklagt, kommt ihm eine Idee, die für ihn womöglich nur einen kleinen Schritt bedeutet. Aber aus Sicht der Nachwelt nicht weniger ist als eine Revolution: Am Platz bei der Sankt-Thomas Kirche zu Straßburg erscheint wohl im September des Jahres die erste gedruckte Zeitung der Welt.
„Relation“ nennt sie ihr Schöpfer Carolus, aus dem lateinischen Wort referre, „wiedergeben, berichten“, abgeleitet. Und wenn sie 1605 bereits erfüllt, was 1609 in ihr zu lesen sein wird (dem Jahr, aus dem erste Exemplare von ihr erhalten sind), so widmet sie sich „aller fürnemmen und gedenckwürdigen Historien“, die sich aus „Hoch unnd Nieder Teutschland“ berichten lassen, aber auch aus „Franckreich / Italien / Schott und Engelland“, aus „Hispannien“ bis hin zur „Türckey“. Die „Relation“ erscheint wöchentlich mit einem ferttigt“, seinem „großgünstigen Leser“ offerieren kann: Neuigkeiten aus Prag und Wien etwa, Köln und Antwerpen, Venedig und Rom. Und damit viel mehr, als rund anderthalb Jahrhunderte zuvor die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg ermöglicht hat. Bücher haben das gesammelte Wissen der Vergangenheit zum Inhalt, die vermeintlich feststehenden Lehren der Religion und der Philosophie. Zeitungen aber die Gegenwart; aus ihr abgeleitet womöglich auch die Zukunft. Auf dem Rücken der Pferde nimmt diese Veränderung Geschwindigkeit auf. Genauer: mit der Post – Umfang von vier, manchmal sechs Seiten. Etwa 1750 Wörter umfasst eine Ausgabe, die nun mithilfe von Setzkasten und Druckerpresse beliebig oft vervielfältigt werden können.
Es ist ein stiller Übergang in eine neue Epoche – aber er markiert die Geburtsstunde des ältesten Massenmediums der Neuzeit. Markiert jenen Wendepunkt, an dem sich in der Zeitung vier Eigenschaften vereinen, die zu Bausteinen einer modernen politischen Öffentlichkeit werden: Periodizität, also verlässlicher, dauerhafter Nachschub an Informationen. Publizität, also generelle Verfügbarkeit für das gesamte lese- (und zahlungs-)fähige Publikum. Aktualität, was die Zeitung vom Buch unterscheidet. Und Universalität, also prinzipiell unbegrenzte inhaltliche Vielfalt. Voraussetzung für all das ist ein entwickeltes Nachrichtennetz.
Besonders sie, die immer engmaschigeren Wege des Informationstransfers, sind der Motor für das, was Johann Carolus, „bey der Nacht eylendt geund mit dem Datum 1490. In diesem Jahr wird eine kaiserlich-habsburgische Stafettenpost durch Angehörige des lombardischen Geschlechts de Tassis (eingedeutscht Taxis, später die Fürsten von Thurn und Taxis) in Diensten von Kaiser Maximilian I. eingerichtet, zwischen Mechelen bei Brüssel und Antwerpen im Norden und Innsbruck im Süden, von wo Verbindungen nach Venedig und Rom bestehen.
Die Route führt über Augsburg und auch über das von Straßburg knapp 100 Kilometer entfernte Rheinhausen, was später zum Vorteil von Johann Carolus werden soll. Wichtig aber ist vor allem, was auf ihr und den immer enger vernetzten Zulieferstrecken geschieht: Rationalisierung durch die Portionierung des Raumes. So wie sich die Nachrichtenschreiber an den Ausgangsorten professionalisieren werden, Neuigkeiten nicht mehr nur im elitären Herrendienst für einzelne Auftraggeber verfassen, sondern sie systematisch sammeln, so wird den Postreitern ein strenges Reglement vorgegeben. Sie haben Stundenzettel zu führen, sie haben ein vorgegebenes Tempo zu halten, ungefähr eine deutsche Meile pro Stunde zu absolvieren, mithin rund 7,5 Kilometer. Sie haben sich ihre Fracht am nächsten Posten – italienisch mit dem Wort posta bezeichnet, dem Namensgeber der Post – quittieren zu lassen. Ein Galgensymbol auf den Stundenzetteln droht ihnen andernfalls Strafe an.
„Cito Cito Cito Cito volande di et nocte senza perdere tempo“ ist auf einem Poststundenzettel des Mailänder Kuriermeisters Tomaso Brascha vom 6. Februar 1495 zu lesen, um ein Uhr nachts für einen Reiter nach Innsbruck ausgegeben. „Schnell schnell schnell schnell fliegend bei Tag und Nacht, ohne Zeit zu verlieren.“ Und bei Tag und Nacht reiten sie, auch wenn es noch kaum gute Straßen gibt.
Bei den in regelmäßigen Abständen eingerichteten Stationen wechseln die Boten ihr Pferd oder übergeben die beförderten Briefe und Dokumente an ausgeschlafene Kuriere. Ohne Rastzeiten reist die Fracht so immer weiter, 180 Kilometer in 24 Stunden oftmals, zumindest im Sommer. Durch den Ausbau eines Postensystems verkürzt sich die Transportdauer etwa auf der Strecke Hamburg–Augsburg von rund 30 Tagen um 1500 herum auf elf im Jahr 1615.
Dabei ist das Tempodiktat keine Marotte ehrgeiziger Postmeister. Sondern trifft auf die Begehrlichkeit eines wachsenden Publikums. Die Höfe im Reich, die Diplomaten, die gelehrte Elite in den Klöstern haben sich auch zuvor schon mit Korrespondenzen versorgen lassen. Nun aber ist es zunehmend auch der Stadt- und Landadel, sind es Beamte, Domherren und Professoren, sind es die Handelsherren und Großkaufleute, die etwa über Wechselkurse informiert sein wollen, mehr noch über Kriege, Erbstreitereien, einen Staatsbankrott in Spanien oder auch Naturereignisse, die Auswirkungen auf ihre Belange haben könnten. Sie wollen nicht nur wissen, sie wollen Entscheidungshilfen.
Von den im 16. Jahrhundert blühenden „Neuen Zeitungen“, die etwa von Botengängern zu Fuß verbreitet werden, von Bänkelsängern vorgetragen, von Bauchladenverkäufern auf Märkten angeboten, hat diese Klientel wenig. Es sind Einblattdrucke oder wenige Seiten umfassende Heftchen, gefüllt mit Geschichten über wilde Tiere, schreckliche Morde, Missgeburten und Wunder, über Kometen, die „Pestilenz Seuch und großen Neid, Erdbeben und eines Fürsten End“ mit sich bringen; eine Art Boulevardmedium, abgestellt auf die Gier nach Sensationen. „Warhafftige Newe Zeitung“ nennen sie sich. Oder auch „Erbärmliche“ oder „Erschröckliche“ Zeitung, wobei der Begriff noch nicht eine regelmäßig erscheinende Publikation meint, sondern die einzelne „Nachricht“ oder „Neuigkeit“.
Hingegen mangelt es den seriösen Medien des ausgehenden 16. Jahrhunderts an der erwünschten Aktualität. Ein Schritt, diesem Manko entgegenzutreten, sind da jene „Messrelationen“, deren erste anlässlich der Frankfurter Herbstmesse von dem gelehrten Schriftsteller Michael von Aitzing 1583 unter dem Namen „Relatio Historica“ herausgegeben wird: eine bald darauf halbjährlich erscheinende Dokumentensammlung zu reichspolitischen Konflikten. Die Publikationsform hat großen Erfolg, wird von etlichen Autoren und Verlegern aufgegriffen. Zwar kommt sie dem aktuellen Geschehen schon recht nah, ist aber noch eher Buch als Zeitung. Und mitunter, wie ein Verfasser solcher Messrelationen die Werke der Konkurrenten beschimpft, doch „auf den Gassen mit dem Besen zusammengeraspelt und -gekehrt“.
Vor allem aber: Auch die Halbjahreskompendien erfüllen nicht, was dann erst den Reiz der Zeitungen ausmachen wird. Die erst werden die Neugier eines Publikums in schneller Taktung befriedigen können. Zumal in einer Zeit rasch wechselnder Konflikte; vom Hin und Her im Krieg osmanischer und habsburgischer Truppen in Ungarn und auf dem Balkan bis zum glimmenden Feuer zwischen protestantischen und katholischen Reichsständen im territorial parzellierten Zentraleuropa, das 1618 zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges führen wird. Augsburg ist gemischtkonfessionell, Frankfurt vorwiegend protestantisch, Köln katholisch. Per Post aber gelangen Neuigkeiten aus allen Regionen in sämtliche große Städte. Von Konstanz bis Königsberg, von Salzburg bis Riga. Post überwindet Glaubenseifer und Grenzen aller Art, macht die Welt kleiner. Mithilfe besserer Karten. Mit Tempo. Mit immer mehr Verteilerstationen. Es ist ein steter Prozess, der völlig unabhängig von allen sonstigen Geschehnissen verläuft, unabhängig von Krieg, Pest, Hungerkrisen, unabhängig vom Umfang des Handelsvolumens oder Schwankungen in der Bevölkerungszahl. Das Wachstum im Handel mit der Ware Nachricht ist nicht mehr aufzuhalten. Was Rinnsal war, wird Flut. So unumkehrbar wie später die Industrielle Revolution.
Der Druckereibesitzer Johann Carolus ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. An der zentralen mitteleuropäischen Postroute begegnen sich jeden Freitag in Rheinhausen die Reiter jener Stafetten, die zwei Tage zuvor gleichzeitig in Brüssel und Augsburg ihren Kurs aufgenommen haben. Zugleich kann Carolus auf eine Verbindung nach Frankfurt am Main setzen, um noch schneller an Nachrichten aus Köln und damit auch aus den Niederlanden, Norddeutschland, England und Frankreich zu kommen.
Am späten Mittwoch treffen sie bei ihm in Straßburg ein, bald darauf stehen sie in seiner „Relation“. Es ist eine schmucklose Zeitung mit raumsparender Schrifttype, einer durchschnittlichen Zeilenlänge von 90 Zeichen, ohne typografische Kunstgriffe, ohne Schlagzeilen, zumeist ohne Absätze in den einzelnen Berichten gedruckt. Nur einmal im Jahr, jeweils zu Jahresbeginn, stellt ihr Carolus ein Schmucktitelblatt sowie eine persönliche Ansprache und Glückwünsche an seine Leserschaft voran.
Aber nicht die Gestaltung ist die Sensation, sondern das, wovon die maßgeblichen Personen des Straßburger Stadtlebens (und zunehmend auch Kunden in anderen Orten) erfahren können, seit ihnen die „Relation“, wie Jahrhunderte später einmal über die Segnungen der Presse geschrieben werden wird, „die Goldbarren des Wissens in gangbare Scheidemünzen“ umprägt. Nur, und das ist für das beginnende 17. Jahrhundert tatsächlich aufregend zu nennen, 26 Tage sind die meisten Nachrichten alt, die im Jahrgang 1609 der „Relation“ aus Rom zu lesen sind. 20 Tage jene aus Venedig, jene aus Wien manchmal nur 15 und zwölf jene aus Prag, sieben die Neuigkeiten aus Köln. Jede mit Herkunft und Datum versehen. Selbst von Begebenheiten in Persien und Usbekistan wird berichtet, insgesamt 352 Meldungen aus 17 Herkunftsorten.
Carolus veröffentlicht die Nachrichten „anderst nicht, das wie sie geschriben“; nur Schreibfehler korrigiert der gebildete Verleger, der sich in der Antike auskennt und wohl des Griechischen mächtig ist. Fremdwörter und ausländische Eigennamen lässt er kursiv drucken, übersetzt sie mitunter.
Von Galileos Fernrohr-Innovation erfahren seine Leser, gelegentlich von „Banditten“, auch einmal von einem Hauseinsturz in Erfurt, bei dem 20 Gäste einer Hochzeitsgesellschaft sterben. Aber Nachrichten von militärischen und politischen Verschiebungen dominieren die „Relation“; etwa von Waffenstillstandsverhandlungen in den Niederlanden, deren nördliche Provinzen seit Jahren Krieg um ihre Unabhängigkeit gegen die spanischen Habsburger führen, oder von Konflikten zwischen Herrschern und Ständen in Wien und Prag.
Dass sie frei von Kommentaren ist, eher puristisches Faktenreferat, dass sich der überzeugte Protestant Carolus selbst in konfessionellen Fragen jeglicher Wertung enthält, ist stilbildend für viele Zeitungen, die nach der „Relation“ kommen werden, zumindest für die ersten Jahrzehnte nach 1605. Als wichtig für seinen Verkaufserfolg schätzt Carolus wohl ein, dass seine Zeitung als objektive Informationsquelle gilt. Und mit der Zensur nicht über Kreuz gerät. Denn die gibt es natürlich in seiner Zeit, auch in der Reichsstadt Straßburg.
Eine Rüge trifft ihn trotzdem. Anlass ist der Hinweis auf eine offenbare Finanzkalamität der kaiserlichen Administration 1609 in einer Nachricht aus Prag. Die osmanische Gesandtschaft, die „tag und nacht nichts anders als Fressen und Sauffen“ im Sinne habe und die man daher gern loswerden wolle, habe der Kaiser mit 5000 Talern auf die Heimreise zu schicken befohlen, das Geld sei aber nicht aufzutreiben (woraufhin die „Türckische Bottschafft“ in Prag bleibt). Das ist selbst dem protestantischen Straßburger Rat zu respektlos, da zu „schimpff und verkleinerung“ der kaiserlichen Majestät einladend. Carolus leistet, „daruber bekümmert“, eilig Abbitte.
Einen größeren Schlag hat er bereits im Gründungsjahr der „Relation“ hinnehmen müssen: Sein Begehr, die Stadt möge ihn mit einem Monopol für den Zeitungsdruck vor etwaigen Nachahmern bewahren, wird „runde“ abgelehnt. Schlecht für Carolus, gut aber für die unternehmerische Freiheit in den Medien, die im Folgenden auch die Konkurrenz in anderen Städten anstachelt. Ab 1609 erscheint in Wolfenbüttel die wohl weltweit zweite Zeitung: der „Aviso“.
Noch ist auch dieses Blatt, wie ein Jahr darauf eine Zeitung in Basel, 1615 eine in Frankfurt, 1617 in Berlin, 1618 in Hamburg, 1619 in Danzig, Freiburg, Halberstadt, Hildesheim, Stuttgart, 1620 in Köln (und noch eine in Frankfurt), 1621 in Güstrow, 1622 in Wien, Königsberg und gleich zwei in Zürich, nur einmal wöchentlich zu bekommen. Aber das Medium Zeitung ist nicht mehr aufzuhalten, besonders der Dreißigjährige Krieg hilft dabei. Die Menschen wollen wissen, was anderen und vor allem ihnen selber blühen (oder drohen) könnte.
Und so erscheinen viele Blätter bald zwei-, dreimal die Woche oder noch öfter, die erste Tageszeitung der Welt schließlich, täglich außer sonntags, kommt ab dem 1. Juli des Jahres 1650 in Leipzig unter dem Titel „Einkommende Zeitungen“ heraus (kurzfristig allerdings nur).
Nun, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, setzt auch eine verstärkte Reflexion über die Zeitungen ein, die zur beliebtesten weltlichen Lektüre im deutschen Sprachraum werden, zum Leitmedium ihrer Epoche. Sie reicht von Hymnen und einem Gefühl des Befreitseins bis zur Verachtung der Zeitgenossen. Den einen sind die wöchentlichen „Avisen“ Erwachsenenbildung und wichtigstes Organ der Erkenntnis und eines eigenständigen Denkens. „Ein Zeitungsleser / hat oft Gedanken / die ihme kein Kayser wehren kann / wenn er ihn gleich todt schlüge“, schreibt einer. Zeitungen, schwärmt ein anderer, nähmen junge Leute „gleichsam bey der hand in das Reichs und VölkerRecht“, wobei die in einer Viertelstunde mitunter mehr lernen als „vom besten Doctor in einem Monat und länger“. Zeitungen, heißt es, könnten „insgemein jedermänniglich“ nützen und jene Erfahrenheit mit sich bringen, die „gute Politicos“ auszeichne.
Das Postwesen, Grundlage der Zeitungen, wird jemand rund 100 Jahre später schreiben, habe den „Adlerflug, welchen unsere neuere Literatur genommen hat“, ermöglicht und sei unter den Ursachen, „durch deren Zusammenfluß unser kleines Europa zum herrschenden Welttheil und zum ausschließenden Size aller Cultur und Politik geworden ist“, eine der wichtigsten.
Andere, wie 1614 bereits ein Schreiber, geißeln Zeitungen hingegen als „mehr lügentlich als gleublich“. Oder die „Zeitungssucht“, wie sich jemand 1676 mokiert, als „Torheit der Gegenwart“. Es sind Verliererstimmen.
Hat die „Relation“ des Straßburger Verlegers Carolus wohl selbst im Dreißigjährigen Krieg nicht mehr als 150 Abonnenten erreicht, so schaffen es andere Blätter in jener Zeit auf 450, einzelne wohl gar auf 1500 Bezieher. Neben den „Neuen Zeitungen“ mit ihrer Sensationsberichterstattung, von denen im 17. Jahrhundert Schätzungen zufolge noch rund 8000 gedruckt werden, etablieren sich zeitgleich etwa 200 ernstzunehmende, periodisch erscheinende Blätter an rund 80 Druckorten im deutschsprachigen Raum. Zwar gehen viele im Lauf des Jahrhunderts auch wieder ein, doch an dessen Ende existieren immerhin um die 60. 14 der 32 Zeitungsstädte im Europa des Jahres 1669 liegen auf dem Gebiet des heutigen Deutschland, dazu kommen Zürich, Bern, Wien, Stettin und Danzig. Die heutigen Niederlande und Belgien sind mit sechs Standorten vertreten, während der Balkan, Osteuropa, Süditalien, die Iberische Halbinsel da noch ganz ohne Zeitung sind und in Staaten wie Frankreich, England, Schweden, Dänemark nur in den Hauptstädten welche erscheinen. Bis zu 250 000 Leser erreichen womöglich die deutschen Blätter, und damit immerhin ein Viertel der lesefähigen Million, die für das 17. Jahrhundert in ihrem Verbreitungsgebiet angenommen wird; mit weitaus höheren Quoten in den Städten. Sind Handwerksgesellen darunter, müssten sie (im günstigsten Fall) etwa einen Wochenlohn für das Jahresabonnement einer Wochenzeitung berappen. Zudem werden die Zeitungsexemplare auch weitergereicht: Höfe und Regierungsbeamte verlieren ihr Monopol auf Wissen.
Und die Zeitungen wandeln sich. Werden zunehmend von Berufsjournalisten erstellt. Beginnen, Nachrichten zu gewichten und zu kommentieren. Konkurrieren miteinander. Fangen an, zu egalisieren. Und verstoßen gegen das Wesen der hergebrachten Gesellschaften, deren Kern die Unveränderlichkeit der Verhältnisse sein sollte. Nun aber herrscht die Neuigkeit.
Was Johann Carolus 1605 in Straßburg angestoßen hat, kulminiert knapp 100 Jahre später in der kosmopolitisch ausgerichteten Hafenstadt Hamburg – in der Existenz von acht Zeitungen zugleich in der Handelsmetropole und in Altona nebenan. Der „Nordische Mercurius“, zeitweise zwei-, dann viermal die Woche am Markt, gilt als qualitätsvollstes Presseprodukt seiner Zeit. Er operiert mit schlagzeilenträchtigen Zwischentiteln und, bedeutender noch für die Pressegeschichte, auch mit Lokalnachrichten. Um 1700 schreibt ein Zeitungskundler, die „Hamburger Gazetten“ seien „wohl die vollkommensten“.
Die Straßburger „Relation“ gibt es da längst nicht mehr. Johann Carolus ist 1634 gestorben. Was der größte Ertrag jenes Mediums ist, an dessen Wiege er stand, fasst noch im Geburtsjahrhundert der Zeitung das allgemeinwissenschaftliche Blatt „Relationes Curiosae“ zusammen: „Glückselig ist der Mensch von jedermann zu nennen / Der auch den Ursprung kann der Dinge recht erkennen.“
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Quellen:
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Sekundärliteratur
-> Gaede, Peter-Matthias: Zeitungswesen. Eine Revolution zum Lesen, in: Deutschland um 1600. Katholiken gegen Protestanten (GEO Epoche Jg. 2023, Heft Nr. 124), Hamburg 2023, S. 62-70.
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