Zeitalter der Reformation (1495 - 1555)


Haus Habsburg

Haus Habsburg

Die Herrscher der Habsburger

Inhaltsverzeichnis

1. Weltmacht Habsburg. Karl V.: Imperator Mundi

1. Weltmacht Habsburg. Karl V.: Imperator Mundi

Er ist der mächtigste Monarch seiner Zeit: Karl V. gebietet über große Teile Europas und ein riesiges Kolonialreich in Amerika. Doch trotz der gewaltigen Ressourcen dieses weltumspannenden Imperiums kann der Kaiser sein wichtigstes Ziel nicht erreichen: die von Deutschland ausgehende Reformation zu unterdrücken und so die Einheit des abendländischen Christentums zu bewahren

Karl V. wird 1530 vom Papst zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt, er ist zudem König von Spanien, Neapel, Sizilien und Sardinien sowie Herzog von Burgund. Kein Habsburger hat je über mehr Völker geherrscht (Porträt des Hofmalers Tizian, 1548)
(Bild: picture-alliance / akg-images)

Endlich kommt der Kaiser. Auf einen Stock gestützt, betritt er den Saal des Schlosses. Karl V. ist schwarz gekleidet, denn er trauert um seine Mutter, die kurz zuvor gestorben ist. An diesem Tag wirkt er noch ernster als sonst. Mit 55 Jahren sieht er aus wie ein alter Mann, vor der Zeit zum Greis geworden. Er muss sich stützen auf die Schulter eines Jünglings, Wilhelm von Oranien, der ihn den kurzen Weg zum Thronsessel geleitet, wo Karl unter einem gewaltigen Baldachin Platz nimmt, von Schmerzen geplagt, müde und erschöpft. Der mächtigste Mann des Erdenrunds. Der Herrscher über ein Reich, in dem, wie es heißt, die Sonne nicht untergeht. Stille. Neben ihm sitzen seine Schwester Maria und sein Sohn Philipp. Auch die Ritter seines Ordens sind da. Vor ihm stehen Abgesandte der 17 nie derländi schen Provinzen sowie Herzöge und Grafen, kirchliche Würdenträger und die Magistrate der Städte mit ihren Halskrausen aus gestärktem Leinen.

Dann geschieht das Unerhörte. Ein Staatsrat verkündet den Rücktritt Karls: Er übergibt die Macht seinem Sohn. Zunächst gilt das zwar allein für die burgundischen Niederlande. Doch alle wissen, dass dies nur der Anfang ist. So etwas hat es noch nicht gegeben in der mehr als 500-jährigen Geschichte des Heiligen Römischen Reiches. Bisher hat nur der Tod den Kaiser vom Thron geschieden. Nun dankt zum ersten Mal ein Herrscher freiwillig ab. Karl spricht jetzt selbst. Stockend. Einen Zettel hält er in der zitternden Hand, auf der Nase eine seiner Brillen, ohne die er seine Notizen nicht entziffern könnte. Tränen rinnen ihm über die fahlen, bärtigen Wangen. Er kann sie nicht zurückhalten. Ein anrührender Moment.

Da gebietet kein Imperator mehr, da referiert kein Regent gestanzte Formeln in höfischem Zeremoniell. Da spricht ein Mensch, der Rechenschaft ablegen will: „Ich muss bekennen, dass ich mich zu mannigfachen Irrtümern habe verleiten lassen – sei es durch jugendliche Unerfahrenheit oder durch den Stolz des reiferen Alters oder durch eine andere Schwäche der menschlichen Natur.“ Ein Eingeständnis des eigenen Versagens. Die Lebensbeichte eines großen, aber gescheiterten Kaisers. Es ist der 25. Oktober 1555.

GENAU 40 JAHRE zuvor war Karl schon einmal in diesem Saal. Er spielt in seiner Abdankungsrede darauf an. Ein blasser Jüngling ist er da von nicht ganz 15 Jahren, und das Leben liegt vor ihm. An jenem 5. Januar 1515 erklären ihn die Stände des Herzogtums Burgund vorzeitig für mündig. Als Herzog übernimmt Karl die Herrschaft der Burgunder in den Niederlanden. Der junge Karl ist alles andere als eine stattliche Erscheinung. Und das ist nicht nebensächlich in einer Zeit, da es auf das Äußere eines Fürsten sehr ankommt. Heinrich VIII. von England und vor allem Franz I., der nur fünf Jahre ältere König von Frankreich, der später Karls großer Kontrahent sein wird, gelten als attraktive Männer. Nicht so Karl. Auffallend blass und mager sieht er aus. Seine Augen stechen hervor, der Unterkiefer ist unverhältnismäßig groß. Wenn er sich nicht im Griff hat, steht er mit offenem Mund und hängendem Kinn da. Auf seine Umgebung wirkt der in sich gekehrte Junge ungelenk und hölzern, auf manche sogar geistig etwas schwerfällig. Er spricht nicht viel und wenn, dann eher zögernd und langsam. Oft ist er krank und unpässlich.

Seinem lebenslustigen Großvater Maximilian I. ist bei diesem Erben nicht wohl zumute. Wenn er nicht wüsste, wie sehr seinem Enkel Jagd und Turniere und das Lanzen stechen gefielen, „könnte man ihn für einen Bastard halten“, soll der Kaiser des Reiches geurteilt haben. Dabei macht Maximilians geschickte Hochzeitsdiplomatie Karl schon in jungen Jahren zum Erben eines Weltreichs. Denn der Habsburger hat 1477 Maria geheiratet, die einzige Tochter Karls des Kühnen, des Herzogs von Burgund. Nach Marias Tod sollen die Kinder aus dieser Verbindung das Reich der Burgunder übernehmen.

Maximilian selbst wird die Erblande der Habsburger hinterlassen: das Erzherzogtum Österreich, die Steiermark, Kärnten, Krain und Tirol sowie Besitzungen im Norden der Schweiz und rund um den Breisgau. Nicht erblich sind hingegen die römisch-deutsche Königs- und Kaiserwürde. Sieben Kurfürsten vergeben den Titel. Doch wird Maximilian durch Bestechung versuchen, auch dieses Amt in der Familie zu halten.

Karl der Kühne und seine Vorgänger haben Burgund als eigensinnige Macht zwischen Frankreich und dem Reich etabliert. Zu den Stammlanden westlich des Rheins um Dijon und zu den Erblanden Flandern und der Franche Comté um Besançon erwarben sie nach und nach Brabant mit den Städten Brüssel und Antwerpen sowie die Grafschaften Holland, Seeland, Hennegau und Luxemburg. Der herzogliche Hof in Brüssel galt als der reichste und prächtigste in ganz Europa. Die Ritterkultur mit ihren Festen und Turnieren war ohne Vorbild. Das schafft Feinde. Vor allem den Franzosen war das Herzogtum ein Dorn im Auge, zumal die Burgunder-Herrscher dem König von Frankreich eigentlich lehenspflichtig (und damit untertan) waren. Immer wieder gab es Krieg. 1493 schlossen beide Seiten vorübergehend Frieden. Die Bourgogne, das Stammland der Burgunder, fiel dabei allerdings an Frankreich. Maximilian musste sich mit dem Rest begnügen.

Ihm blieben vor allem die reichen Niederlande. Der Kaiser suchte später seinem Enkel Karl einzuschärfen, dass die Franzosen die „alten und natürlichen Feinde“ des Hauses Habsburg sind – ein Gedanke, den Karl verinnerlichen wird. Die Rivalität mit Frankreich hat Maximilian geleitet, als er 1495 zustimmte, seine beiden Kinder aus der Ehe mit Maria von Burgund in einer strategisch günstigen Doppelhochzeit zu verheiraten: Die Habsburger verbanden sich mit dem spanischen Herrscherhaus. Philipp der Schöne, der einzige Sohn Maximilians (und mittlerweile Herzog von Burgund), heiratete Johanna, die Tochter Ferdinands von Aragón und Isabellas von Kastilien. Und deren Bruder Johann nahm die Habsburger-Prinzessin Margarete zur Frau.

DER KAISER WILL DAS CHRISTLICHE ABENDLAND UNTER SEINER FÜHRUNG VEREINEN

Damit sah sich Frankreich auf einmal im Osten und Süden von einem neuen dynastischen Bündnis bedrängt. Schon bald darauf machten der Zufall und der Tod die Habsburger zu Erben Spaniens mitsamt seinen Besitzungen in Italien und Amerika. Denn schon wenige Monate nach der Hochzeit mit Margarete starb Spaniens Kronprinz Johann, im folgenden Jahr seine ältere Schwester mit ihrem neugeborenen Sohn, und 1504 verschied Königin Isabella von Kastilien. Johanna, die Gattin Philipps des Schönen, würde nun das spanische Königreich erben. Doch da Johanna als geistig verwirrt galt, übernahm Ferdinand von Aragón die Regentschaft für seine Tochter: mit der Maßgabe, dass nach seinem Tod sein Enkel Karl – Johannas am 24. Februar 1500 in Gent geborener Sohn – das Erbe von ganz Spanien antreten sollte.

Es ist ein weitverstreuter Besitz, der nach und nach an Karl gehen wird. Denn 1506 stirbt auch sein Vater, Philipp der Schöne, und hinterlässt ihm die burgundischen Niederlande, die bis zu Karls Volljährigkeit von seiner Tante regiert werden. Nach dem Tod seines Großvaters Maximilian wird er zudem die habsburgischen Erblande bekommen, und nach dem Ableben des anderen Großvaters Ferdinand große Teile Süditaliens sowie ganz Spanien. Doch dort gilt der junge Thronfolger als Fremder. Denn Karl wächst fern von Spanien auf: bei seiner Tante Margarete in der Nähe Brüssels. Von früher Kindheit an erlebt er die burgundische Ritterwelt. Schon als Neunjähriger wird er Oberhaupt des von seinem Ururgroßvater begründeten Ritterordens vom Goldenen Vlies. Karl trägt fortan stets das Ordenszeichen, ein daumengroßes goldenes Widderfell. Auf fast allen Porträts ist es zu erkennen, oft als einziger Ausweis seines Ranges.

Der Männerbund nach dem Vorbild der legendären Tafelrunde König Artus’ muss den künftigen Thronerben tief beeindruckt haben. 31 burgundische Edelleute gehören dem Kreis an. Ein Ritter vom Goldenen Vlies ist ein Kämpfer für das Heil der Christenheit und hat „Großes“ zu vollbringen. Das Streben nach Ehre und Ruhm gilt als höchstes Ziel. Es wird Karls Handeln fortan bestimmen. Sein Leibarzt Luigi Marliano, ein Humanist aus Mailand, wird den Jüngling während einer Sitzung der Brüderschaft in einer Rede auf das außerordentliche Erbe hinweisen, das ihn erwartet: ein Weltreich. Und so wie es einen Gott gebe und eine Sonne, so müsse es einen Regenten für die ganze Erde geben.

Karl habe die einzigartige Gelegenheit, das christliche Abendland unter seiner Führung zu vereinigen – wie es seinen kaiserlichen Vorgängern im Mittelalter einst vorschwebte: als Gebieter über das Reich und als Anführer der Fürsten Europas, als Weltenherrscher. Der Arzt und Ordensritter prägt auch das Lebensmotto Karls: „plus ultra“ – noch weiter. Sinnbild dafür sind die zwei Säulen des Herkules, die sein persönliches Wappen zeigt. Sie symbolisieren die Überwindung der Meerenge von Gibraltar und die Ausdehnung des abendländischen Herrschaftsbereichs: nach Westen über den Ozean, aber auch nach Süden und Osten, nach Afrika und Asien – in die muslimische Welt.

Die Osmanen zurückzudrängen, die 1453 Konstantinopel erobert haben und inzwischen fast den gesamten Balkan beherrschen, sieht Karl fortan als sein Le-bensziel; unbedingt will er einen Kreuzzug gegen die „Ungläubigen“ führen. Im Januar 1516 stirbt Ferdinand von Aragón, und der knapp 16-jährige Karl tritt nun auch in Spanien sein Erbe an. Der junge Herrscher wirkt bei der Ankunft in seinem neuen Reich, das er nie zuvor betreten hat und dessen Sprache er kaum beherrscht, steif und unsicher.

Begleitet wird er zudem von arroganten Edelleuten, die offenkundig nur im Sinn haben, die neuen Pfründe auszubeuten: Als „rohe Anhänger der Venus und des Bacchus“ tadeln spanische Intellektuelle die burgundisch-niederländische Horde. Ausgerechnet der Frau des neuen Oberschatzmeisters Kastiliens, eines aus den Niederlanden mitgebrachten Beraters, erlaubt der junge König, 300 Pferde und 80 Maultiere in die Heimat auszuführen – beladen mit edlen Stoffen, mit Gold und Juwelen.

Zum Erzbischof von Toledo, dem wichtigsten Bischofssitz Spaniens, beruft Karl einen 16-Jährigen aus den Niederlanden, den Neffen seines Ratgebers. So schafft er sich keine neuen Freunde: 1520 erheben sich die Städte vorübergehend gegen den König aus der Fremde, der sich kaum für sie zu interessieren scheint und nur Geld verlangt. Doch da verlässt Karl sein Reich schon wieder.

DENN IM JANUAR 1519 ist sein Großvater Maximilian mit 59 Jahren gestorben. Zum dritten Mal – nach Burgund und Spanien – soll Karl nun erben. Die Herrschaft in den habsburgischen Erblanden geht unbestritten an ihn über. Nicht so eindeutig indes ist die Übergabe der Kaiserwürde. Zwar hat Maxi - milian noch in seinem letzten Lebensjahr versucht, mit Versprechungen und viel Geld seinem Enkel die Nachfolge zu sichern. Doch die Entscheidung hängt allein von den sieben Kurfürsten ab. Sie bestimmen den nächsten römisch-deutschen König, der sich dann vom Papst zum Kaiser krönen lassen kann. Und neben Karl bewirbt sich auch Franz I. von Frankreich um den würdevollsten weltlichen Titel der Christenheit (Englands Heinrich VIII. bringt sich ebenfalls ins Gespräch). Karl reagiert sofort und entschieden. Er weiß, dass Diplomatie allein jetzt nicht ausreicht. Er muss sich die Kö-nigswahl im Reich kaufen – obwohl Habsburger bereits seit 1438 ununterbrochen den Kaisertitel tragen. Seiner Tante Margarete schreibt er, dass er entschlossen sei, „nichts unversucht zu lassen und alles und jedes einzusetzen“, um die Krone zu erringen. Er will Großes vollbringen, ganz so, wie es ihm sein Ordensbruder vom Goldenen Vlies ans Herz gelegt hatte. Karls Emissäre vergeben rund eine Million Gulden im Reich – nicht viel weniger als die Jahreseinkünfte Kastiliens.

Aber auch Franz I. lässt viel Geld verteilen, was die Preise hochtreibt. Allein der Erzbischof von Mainz erhält von Karl 103 000 Gulden. Nur der Kurfürst von Brandenburg wird mit 100 Gulden abgespeist; er hat sich als hartnäckiger Franzosenfreund zu erkennen gegeben. So viel kurzfristig verfügbares Kapital besitzt Karl indessen nicht – er muss sich Geld borgen. Der Augsburger Bankier Jakob Fugger leiht ihm mehr als eine halbe Million Gulden, den Rest besorgt sich Karl bei einer Kaufmannsfamilie und weiteren Bankhäusern.

Der Einsatz zahlt sich aus: Die Kurfürsten wählen den Habsburger am 28. Juni 1519 in Frankfurt einstimmig zum neuen römisch-deutschen König. Der Kurfürst von Brandenburg beugt sich dem Druck der anderen, lässt sich allerdings notariell bestätigen, dass er nur „aus rechter Furcht“ und nicht aus Überzeugung für Karl gestimmt habe. Doch die teure Wahl ist auch ein Menetekel: Karl lebt fortan auf Pump. Mehr als 500 Kreditverträge muss er im Lauf seiner Regierungszeit unterzeichnen. Trotz der enormen Gold- und Silberlieferungen, die bald aus Amerika eintreffen, bleibt er immer hoch verschuldet. Und Fugger zögert nicht, den Kaiser daran zu erinnern. „Es liegt am Tage, dass Eure Majestät die Römische Krone ohne meine Mithilfe nicht hätten erlangen können“, schreibt er ihm wenige Jahre nach der Wahl unverblümt.

Am 22. Oktober 1520 zieht Karl in Aachen ein. Im gesamten Reich wird er mit Jubel und Freudenfeuern empfangen – ganz im Gegensatz zu seiner Ankunft ein paar Jahre zuvor in Spanien. Die Propaganda, die noch sein Großvater Maximilian zugunsten seines Enkels in Gang gesetzt hatte, zeigt nun ihre Wirkung im Reich. Auch wenn er kaum ein Wort Deutsch spricht, wird Karl als Patriot gefeiert, der die Franzosen und den Papst in die Schranken weisen werde. Tags darauf nimmt er im Dom Platz auf dem Thron Karls des Großen, gekleidet in einen Purpurmantel, die Prunkpantoffeln an den Füßen und die alte Krone auf dem Haupt, die angeblich schon Otto der Große getragen hat. Er ist nun gesalbter römisch-deutscher König und „Erwählter Römischer Kaiser“, wie er sich bis zur Krönung durch den Papst 1530 nennen wird.

MEHR ALS 70 HERRSCHERTITEL hat Karl geerbt: ein rundes Dutzend Königswürden – die deutsche und mehrere spanische (darunter Kastilien, Aragón, Granada, Sizilien, Sardinien, Neapel) – dazu diverse Herzogs- und Grafentitel und ein paar einfache Herrschaften. Fiktive Ränge sind darunter, ganz Anspruch und ohne Wirklichkeit, wie König von Jerusalem oder Herzog zu Athen, die seit Kreuzfahrerzeiten zum Erbe der Herrscher in Aragón und Neapel zählen. Doch die anderen zeigen die unglaubliche Ausdehnung des habsburgischen Machtbereichs, von Amsterdam bis Palermo, von Wien bis Cádiz, von Mallorca bis zu den „Indianischen Inseln“.

So gewaltig ist dieses Herrschaftsgebiet, dass Karl allein es gar nicht regieren kann. Er tritt seinem drei Jahre jüngeren Bruder Ferdinand die österreichischen Herzogtümer ab. Zudem soll Ferdinand den Kaiser im Reich vertreten, wann immer Karl nicht selbst dort ist. Und er ist meist nicht vor Ort. Seiner Tante Margarete übergibt er die Regentschaft in den Niederlanden. In Spanien wird er später seine Frau und nach deren Tod seine Kinder mit den Regierungsgeschäften beauftragen. Karl versteht es, Aufgaben zu delegieren, ohne je die Fäden aus der Hand zu geben. Allen schreibt er unablässig Briefe, gibt Direktiven, verteilt Rat. Die Familienmitglieder berichten ihm aus den Teilen des Reiches, die sie in seinem Auftrag verwalten.

Doch er sieht seine Autorität von Beginn an herausgefordert – nicht von seinen Verwandten, auf die kann er sich verlassen. Aber seine Konkurrenten spüren, dass seine Stärke zugleich seine Schwäche ist: die schiere Größe seines Reiches. Der Kaiser kann nicht überall sein, um mit der Autorität seines Amtes oder mit Soldaten seinen Willen durchzusetzen. Etliche Rivalen machen ihm Territorien streitig: Frankreichs Franz I., der Papst, die Türken. Der Kaiser selbst hetzt stets dorthin, wo seine Anwesenheit gerade am dringendsten erforderlich ist. Auch das wird eine Konstante bleiben im Leben dieses Herrschers: Ständig reist Karl V. umher. So wie seine kaiserlichen Vor fahren im Mittelalter besitzt er keine Hauptstadt, er kennt keine Residenz. Sein Hof ist dort, wo er sich gerade aufhält.

Nur dass seine Reisewege deutlich länger sind als die der Vorgänger. Neunmal hält er sich im Reich auf. Sechsmal reist er nach Spanien. Siebenmal ist er in Italien, viermal in Frank reich, je zweimal in England und in Nordafrika. Die längste Zeit, 28 Jahre, verbringt er in den burgundischen Niederlanden. 18 Jahre hält er sich in Spanien auf, und in dem Reich, dessen Kaiser er ist, insgesamt acht Jahre. Aber von überall aus muss er regieren können. Deshalb reist er mit einem gewaltigen Tross umher. Mitunter umfasst sein Gefolge 4000 Menschen. Sein Staatsrat begleitet ihn, die wichtigsten Dokumente hat er ständig dabei. Denn Karl liest tatsächlich Akten, beruft sich darauf. Auch wenn er „von Natur hartnäckig“ auf seinen Meinungen beharrt, wie er selbstkritisch einräumt, trifft er Entscheidungen nie, ohne Ratschlag einzuholen und die Aktenlage zu prüfen.

Nach seiner Wahl ist Karls Anwesenheit am dringlichsten in Worms vonnöten. Dorthin hat er den ersten Reichstag unter seiner Herrschaft einberufen: die Versammlung der deutschen Reichsfürsten und der Abgesandten der Städte. Karl will über die Neuordnung der Reichsregierung beraten und eine Frage klären, die die Deutschen seit drei Jahren erregt: Martin Luthers Thesen zur Kirchenreform. Am 17. April 1521 treffen Kaiser und Mönch aufeinander. Eine denkwürdige Begegnung: der wohl wortgewaltigste Deutsche seiner Zeit und der Herrscher, der die Sprache seiner Untertanen kaum versteht. Luther, der bereits unter Kirchenbann steht, könnte unter dem schweren Verdacht der Ketzerei jederzeit in Haft genommen werden. Aber Karl hat ihm freies Geleit zugesichert, damit er seine Thesen in der Gegenwart des Kaisers widerrufen möge.

Doch am folgenden Tag weigert sich Luther abzuschwören. Karl fühlt sich von dem Mönch persönlich herausgefordert. Über Nacht setzt er eine Entgegnung auf, eigenhändig, auf Französisch, das beherrscht er. Karl schreibt, er sei „entschlossen, meine Königreiche und Herrschaften, Freunde, Leib und Blut, Leben und Seele einzusetzen“, um den katholischen Glauben zu verteidigen. Wie ernst er es damit meint, wird sich bald herausstellen: Zwei Jahre später brennen die ersten Lutheraner in seinen niederländischen Provinzen als Ketzer auf dem Scheiterhaufen. Hinter Karls Unbeugsamkeit steht die Kaiseridee, die sich ihm als Ordensmeister vom Goldenen Vlies tief eingeprägt hat: Wenn er die Einheit des Abendlandes wiederherstellen will, muss er die Einheit des Glaubens verteidigen.

KARL IST EIN KONSERVATIVER HERRSCHER – KEIN VISIONÄR EINES NEUEN ZEITALTERS

Trotz des erbitterten Streits lässt er Luther ziehen. Ehrenwort ist Ehrenwort – so, wie er es als Ritter gelernt hat. Ohnehin verliert er die deutschen Probleme erst einmal aus den Augen. Anderes erscheint dringlicher. Er muss in die Niederlande, denn noch während des Reichstags erfährt er, dass die Franzosen Flandern angegriffen haben. Franz I. wirft ihm den Fehdehandschuh hin. Und Karl nimmt ihn auf. Nun schlägt ihre Konkurrenz in einen lebenslangen Zweikampf um, in ein Wechselspiel blutiger Auseinandersetzungen und kurzzeitiger Versöhnungen, das von den Zeitgenossen aufmerksam verfolgt wird wie Episoden in einem mittelalterlichen Ritterepos. Vor allem streiten sie um die Vorherrschaft in Italien. Der Krieg endet zunächst mit einer Sensation: Kaiserliche Truppen nehmen Franz I. am 24. Februar 1525 in der Schlacht von Pavia gefangen. Gedemütigt wird der französische Monarch nach Spanien verschleppt.

Erst nach einer persönlichen Begegnung mit Karl kommt Franz ein Jahr später wieder frei – gegen sein Ehrenwort, dass er die Bourgogne, das Stammland der Burgunder, zurückgeben wird. Zudem muss er seine beiden Söhne als Geiseln bei Karl abliefern. Doch Franz lässt sich notariell beglaubigen, dass ihm die Zugeständnisse unter Druck abgepresst wurden, und verbündet sich, kaum wieder frei, mit Papst Clemens VII. gegen den Kaiser. Der erboste Karl fordert ihn daraufhin zum Duell. „Besser wäre es, diesen Streit zwischen uns persönlich auszufechten, als so viel Christenblut zu vergießen“, erklärt er dem französischen Gesandten. In Norditalien flammen die Kämpfe wieder auf. Als der versprochene Sold ausbleibt, machen sich Karls Landsknechte selbstständig und marschieren gegen Rom. Im Frühjahr 1527 plündern die Soldaten die Heilige Stadt und setzen den Papst in der Engelsburg gefangen. Ein spanischer Augenzeuge notiert: „In der Hauptstadt der Christenheit wird keine Glocke geläutet, keine Kirche geöffnet, keine Messe gelesen. Es gibt weder Sonntag noch Feiertag. Die herrlichsten Paläste sind verwüstet, die Straßen in Misthaufen verwandelt, der Gestank der Leichen ist entsetzlich.“

Karl reagiert kühl: Zwar drückt er dem Papst sein Bedauern aus und entlässt ihn aus der Haft, doch fordert er Gegenleistungen: Der Heilige Vater soll ihn zum Kaiser krönen und muss 400 000 Dukaten zahlen. Clemens unterwirft sich. Kurz darauf gelingt ein Friedensschluss mit Frankreich; für den Rückzug der Franzosen aus Italien verzichtet Karl bis auf Weiteres auf die Herausgabe der Bourgogne. Und gibt gegen eine Million Dukaten die beiden französischen Prinzen wieder frei. Die Vorherrschaft Habsburgs in Italien ist damit gesichert.

Am 24. Februar 1530, Karls 30. Geburtstag, krönt Papst Clemens VII. ihn offiziell zum Kaiser – in Bologna, nicht in der Heiligen Stadt, denn Karl hat keine Zeit für einen Romzug. Er muss zum Reichstag nach Augsburg und kündigt an, „die Zwietrachten hinzulegen und eine einige und wahre Religion zu halten“. In Augsburg lässt er lutherische Predigten kurzerhand verbieten. Doch als ihn der protestantische Markgraf von Brandenburg-Ansbach auf dem Reichstag zur Rede stellt, zuckt Karl zurück. Er wolle sich eher auf der Stelle den Kopf abschlagen lassen, als Gott und sein Evangelium zu verleugnen, donnert der Markgraf. Karl wehrt erschrocken – und in gebrochenem Deutsch – ab: „Nicht Kopf abhauen, nicht Kopf ab.“

Trotz aller Entschlossenheit bleibt er Realpolitiker. Ständig sieht er sich gezwungen, zwischen widerstreitenden Interessen zu vermitteln. Zwar verlangt er weiterhin, dass die Lutheraner ihrem Glauben abschwören. Doch tatsächlich lässt er sie gewähren: Er braucht die protestantischen Fürsten. Denn Karl will die Wahl seines Bruders Ferdinand zum römisch-deutschen König durchsetzen und damit zu seinem designierten Nachfolger als Kaiser. Die Kaiserkrone soll schließlich in der Familie bleiben. 1531 stimmen die Kurfürsten dieser Regelung zu, einige zwar widerstrebend, aber Karl bekommt seinen Willen (wieder hat er mit Geld nachgeholfen).

Vor allem aber braucht er dringend Soldaten gegen die Türken. Denn die Os- manen sind in Ungarn eingefallen und belagern 1529 kurzzeitig sogar Wien. Als sie erneut vorrücken, sichert der Kaiser den Protestanten als Gegenleistung für deren Truppenhilfe vorläufig Toleranz zu. Mit einem Heer von 100 000 Mann marschiert er nach Wien. Doch die Türken ziehen sich überraschend zurück. Umso mehr drängt es Karl nun, sich selbst als Kriegsherr zu beweisen. Bisher hat er Schlachten nur in der Ferne schlagen lassen. Er will endlich mit eigenen Siegen Ehre und Reputation erwerben.

1535 bietet sich ihm eine Gelegenheit: gegen die Türken, die von Nordafrikas Küste aus das östliche Mittelmeer beherrschen. Unter der Fahne des Kreuzes erobert eine Streitmacht das von den Osmanen gehaltene Tunis. Karl ist selbst dabei – ein strategischer und propagandistischer Coup, der erste persönliche militärische Erfolg des Kaisers. Nun kann er sich als Sieger in einem Kreuzzug gegen die Ungläubigen zeigen. Doch währt die Genugtuung nicht lange. Noch während Karl als Triumphator durch seine Königreiche Sizilien und Neapel nach Rom zieht, bedroht Franz I. 1536 wieder einmal Norditalien.

Rastlose Jahre folgen nun mit ständigen Auseinandersetzungen, die Karl immer härter werden lassen: erst wieder und wieder gegen die Franzosen, dann erneut gegen die Türken, dann gegen die Protestanten im Reich, die sich verbündet haben und einen altgläubigen Herzog bekriegen. Selbst die Kolonien in Amerika bereiten Probleme. Als Karl die Versklavung der Indios verbietet, erheben sich die dortigen spanischen Großgrundbesitzer. Die Aufstände können nur mühsam niedergerungen werden. Dazu kommt ein Schicksalsschlag: 1539 stirbt seine Frau Isabella, die Mutter seines Sohnes Philipp, des spanischen Kronprinzen. Zwar begegnete Karl seiner Frau zeitlebens recht unterkühlt, zeigte ihr gegenüber eher Anerkennung und Respekt als Zuneigung. Doch ihr Tod im Kindbett trifft ihn tief. Karl trägt fortan schwarz und heiratet nicht mehr.

Nur in einer Hinsicht lässt der so auf Selbstbeherrschung bedachte Monarch sich gehen: Er ist maßlos bei Speis und Trank. Schon morgens trinkt er kaltes Bier, isst Unmengen an Fleisch. Bei Tisch schlingt er ohne zu kauen die Speisen hinunter und blickt ernst drein. Einem Greifswalder Juristen, der den Kaiser über Jahre bei Reichstagen beobachtet, fällt auf, dass er sich zwar Schalksnarren hält, die bei den Mahlzeiten „allerlei Possen reißen konnten, er aber kehrte sich nicht darum“, mochte allenfalls „mit einem halben Lächeln den Mund verziehen“.

Bereits seit seinem 27. Lebensjahr leidet er an der Gicht – wohl eine Folge seiner schlechten Ernährung. Ein väterlicher Beichtvater ermahnt ihn, Maß zu halten: „Ich verstehe nicht, warum Ihre Majestät für die fragwürdigen Freuden des Trinkens im Übermaß, des Verzehrs ungesunder Speisen und all der anderen Versäumnisse das Leben gefährdet.“ Karl hört nicht darauf. Und so häufen sich die Gichtanfälle und verlaufen schmerzhafter – und der Kaiser wird unduldsamer und hartherziger.

1546 RÜSTET ER gegen die Lutheraner, ist zum Ketzerkrieg entschlossen. Aus seinem ganzen Reich zieht er Trup pen zusammen: 20 000 Deutsche und ebenso viele Spanier, 12 000 Italiener und 10 000 Niederländer. Neun miteinander verbündete protestantische Fürsten stellen eine noch stärkere Armee auf. Am 24. April 1547 kommt es bei Mühlberg an der Elbe zur Entscheidungsschlacht. Es wird Karls größter militärischer Triumph: Sachsens Kurfürst Johann Friedrich und der Landgraf von Hessen geraten in Gefangenschaft. Monate später führt der Kaiser die Gefangenen als „geschlagene Häupter“ auf dem Reichstag in Augsburg vor. Das bringt die Protestanten nur noch mehr gegen ihn auf; auch katholische Fürsten empfinden es als Unrecht.

Doch Karl glaubt sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms: Er hat die türkischen Ungläubigen geschlagen, die Franzosen und nun die evangelischen Ketzer. Den Krieg hat er gewonnen, den Frieden aber verliert er ganz schnell. Karl will die Reformation per Befehl beenden: Die Protestanten sollen mit wenigen Ausnahmen zu den katholischen Ritualen zurückkehren. In Süddeutschland, wo seine Soldaten stehen, kann er das auch durchsetzen. Weiter im Norden aber leisten die Lutheraner Widerstand. Zudem verstärkt er den Unmut gegen sich durch seine dynastische Politik. Um der Familie auf Dauer die Macht im Reich zu sichern, ersinnt er eine komplizierte Nachfolgeregelung.

Als Erstes verheiratet er seine Tochter Maria mit Ferdinands Sohn Maximilian – zur Verschränkung der beiden Zweige der Dynastie. Dann muss sich Ferdinand verpflichten, sobald er selbst Kaiser geworden ist, anstelle seines eigenen Sohnes Karls Sohn Philipp zum römischen König (und damit zum designierten Kaiser) zu machen. Philipp wiederum soll, wenn er auf den Kaiserthron gelangt, seinen Cousin Maximilian zum Nachfolger bestimmen.

Ferdinand unterwirft sich nur grollend dem Willen seines Bruders. Die Reichsfürsten aber bringt Karl vollends gegen sich auf mit diesem Versuch, entgegen der Tradition der Wahlmonarchie „das Reich erblich zu machen“: So wettern sie in ihrer Beschwerdeschrift wider den Kaiser. Die Protestanten nutzen die Stimmung gegen Karl. Sie haben sich erneut verbündet, haben Frankreichs König als Alliierten gewonnen und zielen nun erstmals ganz direkt auf des Kaisers Person. Im April 1552 rücken ihre Truppen auf Innsbruck vor, wo Karl den Winter verbringt, gichtkrank, ohne Geld und ohne Soldaten.

Trotz Warnungen will er nicht an einen Angriff glauben, zu spät sucht er deshalb nach Unterstützern. Doch der Kaiser ist isoliert und durch das gegnerische Heer von seinen Machtbasen abgeschnitten. „Ich habe keinen Pfennig und niemanden, der mir einen leiht“, klagt er seiner Schwester Maria, „und kein Mensch in ganz Deutschland ist bereit, für mich einzutreten.“ Er erwägt, sich mit drei Begleitern und schwarz gefärbtem Bart tollkühn in die Niederlande durchzuschlagen. Doch der Fluchtweg ist versperrt. Karl muss sich über die Berge nach Villach davonmachen. Weil er wegen seiner schmerzenden Glieder nicht reiten kann, wird er in einer Sänfte getragen: Was für eine Demütigung für den Triumphator von Mühlberg, den Herrscher der Welten!

EHER WILL ER DAS REICH FÜR IMMER VERLASSEN, ALS FRIEDEN MIT DEN PROTESTANTEN ZU SCHLIESSEN

Die protestantischen Fürsten bestehen nun auf einer dauerhaften Anerkennung ihrer Konfession. Der Monarch lehnt das brüsk ab. „Für nichts auf der Welt“, schreibt er an seinen Bruder Ferdinand, werde er sich „mit etwas einverstanden erklären, was gegen meine Pflicht und mein Gewissen verstößt“. Selbst als ihn Ferdinand unter Tränen zur Annahme der Bedingungen mahnt, weil sonst kein Frieden im Reich einkehre, gibt der Kaiser nicht nach. Doch Karl muss Zeit gewinnen. Er einigt sich mit den rebellierenden Fürsten darauf, die Konfessionsfreiheit vorläufig wieder zuzulassen, bis zu einem Reichstag. Dort soll auch die Nachfolgeregelung beraten werden.

Noch einmal sammelt er ein Heer um sich, belagert Metz, das Frankreichs neuer König, Heinrich II., als Bundesgenosse der Protestanten eingenommen hat und nicht wieder herausgibt. Doch nichts will mehr glücken. Im Januar 1553 muss Karl abziehen. Wieder eine Schmach. Und das gegen den Erbfeind des Hauses Habsburg. Bleich, abgemagert, niedergeschlagen zieht Karl sich dorthin zurück, wo er groß geworden ist, in die burgundischen Niederlande. In einer Sänfte mit vorgezogenen Vorhängen trifft er in Brüssel ein – alles andere als ein triumphaler Einzug. Langsam reift in dem kranken Mann die Einsicht, dass ihm die körperliche Kraft und die politische Macht feh-len, sein Riesenreich zusammenzuhalten, geschweige denn, ihm seinen Willen aufzuzwingen.

Tatsächlich hat er die Vision eines Kaisertums nicht umsetzen können, wie sie ihm als Jüngling so einleuchtete – in jener festlichen Sitzung des Ordens vom Goldenen Vlies. Die Vorstellung eines unter seiner Führung vereinten Abendlandes ist ein Traumgebilde geblieben. Kein einziger seiner vielen Kriegszüge in all den Jahren, keine diplomatische Rochade, kein Machtwort auf einem der Reichstage hat ihn diesem Ziel auch nur einen Schritt näher gebracht. Zu gewaltig war diese Aufgabe, als dass er sie hätte bewältigen können, zu groß war die Zahl seiner Gegner, zu weit gespannt war sein Reich.

Hat er „Großes“ geleistet? So lautete doch sein ritterlicher Auftrag von einst. Natürlich kann er Siege nennen, manche waren sogar triumphal. Aber statt das Reich zu befrieden, hat er es am Ende in Aufruhr versetzt. Den Ausgleich mit den Protestanten kann er nicht mehr bewerkstel ligen. Nur seinem Bruder könnte dies noch gelingen. Die politische Initiative im Reich ist längst an Ferdinand übergegangen. Karl selbst muss sein Scheitern erkennen. Langsam, aber systematisch zieht er sich nun zurück. Er überlässt seinem Bruder 1555 die Leitung des Reichstags in Augsburg, denn er selbst will nicht über das Unvermeidliche präsidieren: die Anerkennung der protestantischen Konfes sion in Deutschland. Dann sendet er Ferdinand kurz vor Ende des Reichstags seinen Sekretär, um dem Bruder mitzuteilen, dass er abdankt. Doch der will den in zähem Ringen gefundenen Ausgleich mit den Protestanten nicht mit einem Streit darüber gefährden, in wessen Namen die Friedensregelung beschlossen wird. Kurzerhand schickt Ferdinand den kaiserlichen Kurier zurück: Sein Bruder möge sich den Schritt noch einmal über- legen. Und unterzeichnet den Augsburger Religionsfrieden im Namen Karls V.

Doch der Kaiser hat sich alles bereits genau überlegt. Am 25. Oktober 1555 übergibt er seinem Sohn im Brüsseler Schloss die burgundische Herzogswürde und damit die Herrschaft über die Niederlande. Kurz darauf erhält Philipp auch Spa nien, Sizilien und die amerikanischen Kolonien. Als er ihm das königliche Siegel reicht, sagt Karl: „Führet es, lieber Sohn, als ob ich schon tot wäre.“ Als Kaiser dankt er am 3. August 1556 noch einmal ausdrücklich ab, beauftragt auch seinen Bruder, zu regieren, „als ob Sie allein im Leben und Regiment und Wir allbereit mit Tod abgegangen wären“. Weil das Reichsrecht den Rücktritt eines Kaisers nicht kennt, wird der offiziell erst im März 1558 wirksam, nachdem die Kurfürsten in einem komplizierten Verfahren Ferdinand zum neuen Erwählten Römischen Kaiser proklamiert haben.

Da hat sich Karl V. längst in sein Exil zurückgezogen: in eine neu erbaute Villa neben einem Kloster in der spanischen Estremadura. Dort widmet er sich religiösen und historischen Studien, schreibt seinem Sohn Memoranden, schaut einem eigens angestellten italienischen Mechaniker und Uhrmacher fasziniert bei der Arbeit zu oder angelt von seinem Erkerzimmer aus. Doch gesundheitlich verfällt er rasch. Nach tagelangem Todeskampf stirbt Karl V. in den frühen Morgenstunden des 21. September 1558, vermutlich an Malaria. Mit ihm vergeht das Reich, in dem die Sonne nie unterging. Sein Bruder Ferdinand ist römisch-deutscher Kaiser und regiert die habsburgischen Erblande. Sein Sohn Philipp herrscht in Spanien, den italienischen Königreichen und den nun Spanischen Niederlanden. Vereint werden die Linien des Hauses Habsburg nie wieder.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Klüver, Reymer: Weltmacht Habsburg. Karl V.: Imperator Mundi, in: Die Macht der Habsburger (GEO Epoche, Jg. 2010, Heft Nr. 46), Hamburg 2010.

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Reichsstände und Reichsreform

Reichsstände und Reichsreform

Die Reichsreform

Inhaltsverzeichnis

  1. Die Reichsreform von 1495 (Quelle)
  2. Fürst und Stände. Tübinger Vertrag 1514 (Quelle)

1. Die Reichsreform von 1495

Kurzbeschreibung

Die erste Phase der Reichsreform unter Maximilian I. begann mit einer Reihe von Gesetzen, die am 7. August 1495 durch den Reichstag in Worms verabschiedet wurden. Darin enthalten waren zwei wesentliche Beschlüsse, die zum einen den Ewigen Landfrieden (A) und zum anderen den Gemeinen Pfennig (B) betrafen. Der Ewige Landfriede (A) ist wegen der darin verfügten endgültigen Abschaffung des Rechtes zur Fehde und der Schaffung eines Systems von Recht und Ordnung bedeutend. Der zweite Gesetzesakt mit dem Titel „Ordnung des Gemeinen Pfennigs“ (B) stellte die erste direkt vom Reich eingezogene Steuer dar; er wurde mehrere Male erneuert, zum letzten Mal 1544, danach wurde er zugunsten des älteren Matrikelsystems eingestellt (durch welches Geld für eine festgelegte Anzahl von Kavallerie- und Infanterieeinheiten, genannt „Römische Monate“, durch die Stände des Kaiserreichs in Absprache mit den kaiserlichen Steuerregesten direkt aufgeteilt wurde). Bemerkenswert ist der starke Kontrast zwischen der Sprache des Statuts von 1495 und der in den Passagen der Goldenen Bulle von 1356 gebrauchten Sprache. Während die zweite voller Symbolik ist und sich an bestimmte Personen wendet, sind die unten abgedruckten Gesetze in einer allgemeineren, säkularen und zweckmäßigeren Sprache verfasst. Die Statuten von 1495 initiierten einen Prozess der Reform, der 1521 ein Ende fand. Zu den Errungenschaften dieses Reformprozesses gehörten die Gründung des Reichskammergerichts 1495 und die Schaffung der Reichskreise 1512. Diese Institutionen brauchten eine Generation oder mehr um sich durchzusetzen. Der Gemeine Pfennig hingegen scheiterte, so wie alle anderen Versuche, die Steuergesetze des Reiches zu reformieren.

Quelle

A. Der Ewige Landfriede.

Worms, 1495 August 7

Wir Maximilian von Gots Gnaden Romischer Kunig, zu allen Zeiten Merer des Reichs

[…] embieten allen und yecklichen Unsern und des Hailigen Reichs Churfürsten, Fürsten, gaistlichen und weltlichen, Prelaten, Graven, Freyherrn, Rittern, Knechten, Hauptlüten, Vitzthumben, Vögten, Pflegern, Verwesern, Amptlüten, Schulthaissen, Burgermaistern, Richtern, Räten, Burgern und Gemainden und sunst allen andern Unsern und des Reichs Undertanen und Getrewen, in was Wirden, Stats oder Wesens die sind, den diser Unser Koniglicher Brief oder Abschrifft davon zu sehen oder zu lesen fürkompt oder gezaigt wirdt, Unser Gnad und alles Gut. Als Wir hievor zu der Höche und Last des Hailigen Römischen Reichs erwelt und nu zu Regierung desselben komen sind und vor Augen sehen stäte, onunderlässige Anfechtung gegen der Cristanhait, nu lang Zeyt geübt, dardurch vil Küngreich und Gewält cristanlicher Lande in der Unglaubigen Gehorsam pracht sein, also das sy ir Macht und Herrschung bis an die Grenitzen Teutscher Nacion und des Hailigen Reichs erstreckt, dartzu sich auch dis Zeit mercklich Gewält erhebt haben Unserm hailigen Vater Babst und der Römischen Kirchen Stet, Landtschaft und Widem Güter, auch ander des Hailigen Reichs Landtschaft und Oberkait gewaltigklich überzogen haben, darauß nit allain dem Hailigen Reich, sonder auch der gantzen Cristanhait swere Minderung, Verwüstung und Verlust der Selen, Ern und Wirden erwachsen; wa nit mit stattlichem, zeytigem Rat dagegen getrachtet und zu Fürdrung desselben stathaftiger, verfencklicher Fride und Recht im Reich aufgericht und in bestentlichem Wesen erhalten und gehandthabt wurden: darumb mit ainmütigem zeytigem Rat der erwirdigen und hochgepronen Unser lieben Neven, Ohemen, Churfürsten, Fürsten, gaistlichen und weltlichen, auch Prelaten, Graven, Herren und Stende haben Wir durch das Hailig Reich und Teutsch Nacion ainen gemainen Friden fürgenomen, aufgericht, geordnet und gemacht, richten auf, ordnen und machen den auch in und mit Crafft dis Briefs:

§ 1. Also das von Zeit diser Verkündung niemand, von was Wirden, Stats oder Wesens der sey, den andern bevechden, bekriegen, berauben, vahen, überziehen, belegern, auch dartzu durch sich selbs oder yemand anders von seinen wegen nicht dienen, noch auch ainich Schloß, Stet, Märckt, Bevestigung, Dörffer, Höff oder Weyler absteigen oder on des andern Willen mit gewaltiger Tat frevenlich einnemen oder gevarlich mit Brand oder in ander Weg dermassen beschedigen sol, auch niemands solichen Tätern Rat, Hilf oder in kain ander Weis kain Beystand oder Fürschub thun, auch sy wissentlich oder gevarlich nit herbergen, behawsen, essen oder drencken, enthalten oder gedulden, sonder wer zu dem andern zu sprechen vermaint, der sol sölichs suchen und tun an den Enden und Gerichten, da die Sachen hievor oder yetzo in der Ordnung des Camergerichts zu Außtrag vertädingt sein oder künftigklich werden oder ordenlich hin gehörn.

§ 2. Und darauf haben Wir all offen Vechd und Verwarung durch das gantz Reich aufgehabt und abgethan, heben auch die hiemit auff und thun die ab von Römischer Koniglicher Macht Volkommenhait in und mit Crafft dis Briefs.

§ 3. Und ob yemand, was Wirden oder Stands der oder die wärn, der wider ains oder mer, so vorgemelt im nechsten Artickel gesetzt ist, handeln oder zu handeln understeen wurden, die söllen mit der Tat von Recht zusampt andern Penen in Unser und des Hailigen Reichs Acht gefallen sein, die Wir auch hiemit in Unser und des Hayligen Reichs Acht erkennen und ercleren; also das sy, ir Leyb und Gut allermenigklich erlaubt und niemands daran freveln oder verhandeln sol oder mag. Auch alle Verschreibungen, Pflicht oder Bundtnus inen zustende, und darauff sy Vordrung oder Zusprüch haben möchten, söllen gegen den jhenen, die in verhafft wärn, ab und tod, auch die Lehen, sovil der Uberfarer der gepraucht, den Lehenherrn verfallen, und sy dieselben oder derselben Tail, so lang der Fridbrecher lebt, im oder andern Lehenserben zu leichen oder den seinen Tail der Abnutz volgen zu lassen, nicht schuldig sein.

§ 4. Und ob Churfürsten, Fürsten, Prelaten, Graven, Herren, Ritterschafft, Stet oder ander, in was Stands, Wirden oder Wesens ain yeder sey, gaistlich oder weltlich, oder die iren wider disen Friden beschedigt wurden, und die Täter nit offenbar, sonder yemand der verdacht wär, auch die Clager sy des nit beweysen wölten, und doch auß redlicher Anzaigung in Verdacht stünden, söllen und möchten der Churfürst, Fürst, Prelat, Grave, Herr, Ritterschafft oder Stet, dem oder des Mannen, Prelaten, Graven, Herrn, Ritterschafft, Undertanen oder Verwanten Schaden beschehen wäre, den oder dieselben beschreyben und für sich vertagen, Entschuldigung mit dem Ayde von demselben zu nemen. Und ob der oder die Verdachten sich der Entschuldigung in ainich Weg widerten oder auf die Vertagung nicht erscheinen wölten, so söllen sy der Beschedigung und Fridbruchs schuldig gehalten und afftermals gegen inen laut dis Gebots müge gehandelt werden. Doch so solt der selb Churfürst, Fürst, Prelat, Grave, Herr, Ritterschefft oder Stet dem oder denselben ungevarlich Glait zuschreiben ab, bey und zu solichen Tagen bis wider an ir Gewarsami für sy und alle die jhenen, so sy mit inen zu solchem Tag brechten, ungevarlich. Und ob man die Tagesbrief inen nit möcht zu Handen bringen, so soll man die an zwayen oder dreyen Enden aufschlahen, da sy zuversichtlich Hendel und Wesen hetten. Ob auch wider disen Friden und Unser Gebot yemand beraubt, beschedigt und Zugriff geschehen wurde, so sollen alle die jhenen, die des zu frischer Tat ermant oder sunst innen wurden, mit Macht nacheylen und mit vleissigem Ernst gegen solichen Beschedigern handeln und fürnemen, als wer es ir selbs Sach, dieselben zu Handen zu bringen.

§ 5. Es sol auch solich Täter und Fridbrecher niemand hawsen, herbergen, essen, drencken, enthalten, Fürschub thun in seiner Oberkait, Aigenthum und Gebieten, sonder dieselben annemen und zu inen mit dem Ernst von Ampts wegen richten und auch auff menigklichs Klag, Rechts ungesaumpt von inen helffen, dawider sy nicht schützen, schirmen oder fürtragen sol ainich Trostung, Sicherhait, Freiheit oder Glait; wann sy des alles ausserhalb Verwilgen des Widertails unempfencklich sein und nit geniessen söllen in kainen Weg, wann wir in allen Trostungen, Sicherhaiten, Furwörten und Gelaiten von wem die gegeben werden, solichen Fridbruch wöllen ausgenomen und darinn nit begriffen haben.

§ 6. Und ob die Täter und Überfarer dis Fridens Enthalt, Bevestigung oder sunst dermassen Fürschub oder Gunst heten, also das statlicher Hilff oder Veldzugs Not wäre, auch ob yemand in disem Landtfriden begriffen, von was Stands, Wird oder Wesens der wäre, gaistlich oder weltlich, von yemand, den diser Landtfrid nit begriff, bevechdt, bekriegt oder sunst beschedigt, oder die Täter und Beschediger hawsen, enthalten oder den Hilff oder Beylegung thun wurd, dasselb sol durch die Beschedigten oder auch Unsern Camerrichter an Uns oder Unsern Anwalt und die järlichen Versamblung der Churfürsten, Fürsten und Stende des Reichs pracht werden; daselbs den Bekriegten oder Beschedigten unvertzogenlich Hilff und Beystand oder Rettung beschehen sol. So aber der Handel mit Überzug oder sunst dermassen gestalt sein wurd, das der järlichen Sambnung auß Notturfft nit zu erbaiten wär, geben Wir hiemit Macht Unserm Camerrichter von Unsern wegen, Uns und die Churfürsten, Fürsten und Stende des Reichs furderlich an gelegen Malstat zu beschreyben, dahin Wir und sy oder Unser und ir Anwälte treffenlich komen oder mit Macht schicken wöllen und söllen, davon wie obstat zu ratschlagen und zu handeln. Doch sol und mag nicht destminer Unser Camerrichter und Camergericht alltzeyt auff Anrüffen der Beschedigten und Bekriegten oder auch von Ampts wegen wider Überfarer und Fridbrecher wie Recht procediern.

§ 7. Und als vil Raysig und Fußknecht sind, der ains Tails gantz kain Herrschaft haben, auch ettlich Dinsts verpflicht, darinn sy sich wesentlich doch nicht halten, oder die Herrschaffte, darauff sy sich versprechenn, ir tzu Rechte und Billichait nit mächtig sein, sonder in Landen irm Vortail und Reuterey nachreyten, ordnen, setzen und wöllen Wir, das hinfüro solich Raisig und Fußknecht in dem Hailigen Reich nicht söllen geduldet oder aufenthalten, sonder, wa man die betreten mag, so söllen sy angenomen, herttigklich gefragt und umb ir Mißhandlung mit Ernst gestrafft und auf das wenigst ir Hab und Gut angenomen, gebewtet und sy mit Aiden und Bürgschafften nach Notturft verbunden werden.

§ 8. Item ob gaistlich Personen, des Wir Uns in nit versehen, wider disen Unsern Friden und Gebot handeln wurden, so söllen die Prelaten, die on Mitel ordenlich Gerichtszwang gegen inen haben, si auff Ansuchen des Beschedigten ungesaumbt daran halten, Kerung und Wandel der Schäden zu tun, so verr sein Vermügen raicht, und sy hertigklich umb die Überfarung straffen. Und ob dieselben sewmig, und die Täter nit gestrafft wurden, so setzen Wir sy, auch die Täter, hiemit auß Unser und des Reichs Gnad und Schirm, wölten sy auch als Irrer des Fridens in irer Widerwertigkait nit versprechen oder vertädigen in kainen Weg. Doch sol inen die Entschuldigung, ob sy verdacht wärn, wie von den Weltlichen obstet, auch zugelassen werden.

§ 9. Es sol auch wider disen Friden niemand mit Verschreibung, Pflichten und in ainich ander Weg verbunden sein oder werden, die Zeyt dis Landtfridens, wann Wir solichs alles von Crafft Unser Koniglichen Oberkait craftlos und unbündig erkennen und erkleren, doch sol dasselb in andern Stucken, Puncten und Artickeln derselben Verschreibung, Pflicht oder Verbundtnus irer Inhalt unverletzlich und unschädlich sein. Und sol diser Landtfriden niemand an seiner aufrichtigen Schuld Verschreibung nemen oder geben, geben oder nemen. Und welcher oder welche also durch Verwürckung, wie vor und nach steet, in Acht komen, die söllen auch von Uns davon nit absolviert werden, dann mit Willen des Beschedigten, der oder die brechten sich dann mit Recht darauß.

§ 10. Und darauf empfelchen Wir allen und yeden obgeschriben euch auch hiemit auß Römischer Koniglicher Macht bey den Aiden und Pflichten, die ir Uns von des Reichs wegen insonderhait getan und bey der Gehorsam, ir Uns als Römischen Konig schuldig seid, und bey Verlust aller Gnaden Privilegien und Rechten, so ir von Uns und dem hailigen Reich oder andern habt, ernstlich und vestigklich gebietende, das ir diesen obgeschriben Friden und Unser Gebot mit allen Puncten, Artickeln und Inhalt stät und vest halten, auch durch ewer Fürstenthumb, Graveschafft, Herrschaft, Gebiet, und was jecklicher in Regierung und Bevelch hat, mit ewren Amptlüten, Vitzthumen, Pflegern, Verwesern, Stathaltern, wie die Namen haben, auch ewrn Undertanen zu halten und tzu voltziechen ernstlich schaffet und bestellet, daran nit sawmet, noch dawider trachtet oder tut haimlich oder offenlich in kain Weis, alle vorgemelt zusampt andern Penen der gemainen Reichs Recht, der Koniglichen Reformacion und Unser swär Ungnad zu vermeiden.

§ 11. Wir setzen auch hindan alle und yecklich Gnad, Privilegia, Freyhait, Herkomen, Bundtnus und Pflicht, von Uns oder Unsern Vorfarn am Reich oder andern hievor außgangen und verfaßt, in dem und die in ainich Weis wider diesen Unsern Friden gesein oder getun möchten, mit was Worten, Clauseln, Mainungen die gesetzt oder gepflichtigt wären, die Wir auch auß Römischer Koniglicher Macht Volkomenhait hiemit hindan setzen, und wöllen, das sich niemand, von was Wirden, Stands oder Wesens der sey, wider disen Friden und Gebot durch solich Gnad, Freyhait, Herkomen oder Verbundtnus schützen, schirmen oder verantwurten sol oder mag, in kain Weis.

§ 12. Und sol diser Frid und Gebot dem gemainen Unserm und des Reichs Recht und andern Ordnungen und Geboten vormals außgangen nit abbrechen, sonder das mern und auff Stund yederman nach diser Verkündung den zu halten schuldig sein. […]

B. Ordnung des gemeinen Pfennigs

Wir Maximilian von Gots Gnaden Römischer Konig etc. und Wir [ff. die Stände] bekennen für Uns, Unser Nachkommen und Erben offenlich mit disem Brieff und thun kundt allermenigklich, das Wir Friden und Recht in dem Hailigen Reich zu handthaben, auch zu Widerstand der Veind Cristi, der Türcken und ander Anfechter des Hailigen Reichs und Teutscher Nacion, Uns mitainander verainiget, beschlossen, verordent und gesetzt haben, wie hernach volgt:

§ 1. Namlich das die nechstkomenden vier Jar lang, und nit lenger, alle und yeglich Menschen, si sein gaistlich oder weltlich, Frawen oder Mann, was Wirden, Ordens, Stands oder Wesens die sind, niemand außgeschlossen, durch das Hailig Reich gantz auß, järlich geben: namlich wer an Werd, es sey an beweglichen oder unbeweglichen Gütern oder Renten hat Vc Gulden Reinischer, der sol geben ainen halben Guldin; welcher also tausend Reinisch Guldin hat, der sol geben ainen gantzen Reinischen Guldin; welcher aber über tausent Guldin Reinisch hat, der sol über ainen gantzen Reinischen Guldin, sovil sein Andacht ist, geben; welcher aber under Vc Reinisch Guldin, und XV Jar Alters erlangt hat, sol geben ainen vierundtzwantzigisten Tail ain Reinischen Guldins, also das XXIIII Menschen ainen Reinischen Guldin geben.

§ 2. Item söllen in solchem XXV Reinisch Guldin järlicher lediger Renten oder Nutzung für Vc Guldin Werdt, und L Reinisch Guldin järlicher lediger Renten oder Nutzung für tausent Guldin Werdts geachtet sein.

§ 3. Jtem söllen auch die vier Jar järlich alle Juden, Mann und Frawen, jung und alt, yeder ainen Guldin Reinisch geben und in ainer yeden Stat, Marckt, Dorff oder Gegenhait dieselben einwonenden Juden aufgezaichnet und inen aufgelegt werden, die Anzal solcher Summa under inen nach ir yedes Vermügen und Gelegenhait anzuschlagen, einzunemen und furter N. den hernach geschribnen Comissarien zu bezaln.

§ 4. Jtem Fürsten, gaistlich und weltlich, Prelaten, Graven, Freyherren und Comun söllen yeder nach seinem Stand und Wesen hierinn etwas mer thun dann ander, als sich wol gepürt.

§ 5. Die Einnom solcher Auflegung der Weltlichen sol allenthalb im Reich durch die Pfarrer beschehen, und söllen Wir Maximilian Römischer Konig und yeder Churfürst, Fürst, gaistlich und weltlich, Prelat, Grave, Freyher, Ritter, Edelman, Comun und ander auf iren Costen in iren Steten, Flecken, Märckten und Dörffern bey den Unsern und den iren ernstlich verfügen und bestellen, das solich Auffsatzung von ainer yeden Person in yeder Pfarr durch redlich Personen, dartzu verordnet bey irer Glübd und Aid, in Beywesen des Pfarrers yecklichs Jars vor dem Newen Jars Tag eingenomen und verwart werden getreulich, dieselben Verordneten auch, ob ainer tausent oder Vc Guldin Werdts hab, bey yegklichs trewen Ermessen, und solichs alles aigentlich auffschreiben und den Commissarien, so in yedem Lande von den siben Schatzmaistern hernach geschriben auf zimlich Belonung gesetzt, zu derselben Comissarien Gesynnen mit sampt der Aufschreibung getruelich überantwurten. Welche Comissarien den siben solich Gelt mit sampt der Auffschreybung vor purificacionis Marie nechst darnach komend furter getreulich überlibern söllen.

§ 6. Es sol die obgenant Aufsatzung in Unser Konig Maximilians und Unsers Suns Ertzhertzog Philips Erblanden yegklichs Jars auf Zeyt und Maß, wie vor stat, eingenomen und durch die Comissarien den Schatzmaistern mitsampt Aufschreibung getreulich überantwurt werden, dardurch Churfürsten, Fürsten und Stende und yeder auch dester williger geben werd.

§ 7. Jtem söllen die hernach geschriben siben Schatzmaister in ainem yeden Ertzbistumb und Bistumb ain Gaistlichen zu Comissarien auf zymlich Belonung benennen, die obgenanten Aufsatzung von den Gaistlichen in Beywesen der Geordneten von den Bischoven, auch yegklichs Jars vor dem Newen Jars Tag getreulichen einzunemen und mit sampt der Auffschreibung, wie vor steet, den Schatzmaistern vor purificacionis Marie nechst darnach volgende getreulich zu überlibern.

§ 8. Jtem zu Einvordrung, Einnemung und Verwarung solicher Aufsatzung söllen yetz alhie siben redlich und glaubhafftig Personen zu Schatzmaistern auf zimlich Belonung bestelt und gen Franckfurt geordnet werden, das Gelt getreulich zu sameln und zu verwarn; der ain von Uns Konig Maximilian, der ander von Uns Churfürsten, der drit von den andern Fürsten des Reichs, gaistlichen und weltlichen, der vierdt von den Prelaten, der fünfft von Graven und Freyherren, der sechst von den von der Ritterschafft, der sibend von den Steten benent werden, der yegklicher Uns Konig Maximilian, Uns den Churfürsten, auch Fürsten und Stenden, von des Hailigen Reichs wegen Pflicht und Aid auf das hailig Ewangelium thun söllen, also: „Ich N. glob und swer, das ich sol und wil der Koniglichen Majestät, Churfürsten, Fürsten und Stenden von des Hailigen Reichs wegen getrew seyn, Eer, Wird und Nutz des Hailigen Reichs betrachten, raten und fürnemen, solch Gelt der Aufsatzung mit sampt meinen Mitgesellen getreulich einvordern, zu Franckfurt in ain Gewelb beyainander thun und verwaren. Ich sol und wil auch solich Gelt zumal oder ains Tails vor oder nach der Uberliberung niemands, was Wirden, Stats oder Wesens der wäre, nach oder volgen lassen, geben oder zusagen oder verwilligen, das ichts davon nachgelassen, Volg gegeben oder zugesagt werde, dann allain den oder an die End, dahin ich auf der järlichen Samnung, die hinfüro sein wirdet, clarlichen beschaiden wird, als zu Erhaltung und Handthabung der Christanhait und des Hailigen Reichs Fridens und Rechts. Sol und wil auch mit sampt meinen Mitgesellen von allen und yegklichen Einnemen und Außgabungen aufrichtig Rechenschafft der järlichen Samblung thun und meinem Bevelch getreulichen nach allem meinem besten Verstentnus, Synnen und Vermügen ob sein und das volbringen; daran mich auch kain Neyd, Hass, Miet, Gab, Zusag, Gunst, Früntschafft, Veindtschafft oder ander Sachen ainicher Weiß hindern söllen, alles one Geverd.“

§ 9. Die obgenanten Comissarien söllen auch disen vorgeschribnen Aid, sovil sy berüren mag, den Schatzmaistern thun.

§ 10. Jtem dieselben Schatzmaister und Comissarien und ir yeder söllen von Uns Konig Maximilian, allen Churfürsten, Fürsten und andern, gaistlichen und weltlichen, den sy verpflicht, in disem Handel und Bevelch allain aller Glübt und Aid, damit sy Uns oder inen verbunden oder verstrickt weren, gentzlich ledig gezelt sein.

§ 11. Jtem die siben Schatzmaister sollen irem Bevelch nach, laut dieser Ordnung und dem obgeschribnen Aide, den sy sweren werden, gestracks nachgeen und dem kain Entzug oder Abbruch thun. Des sol inen auch von Uns Konig Maximilian, auch Churfürsten, Fürsten und andern Stenden des Reichs kain Ungnad oder Unwil ertzaigt oder gen inen samentlich oder sonderlich fürgenomen, sonder sy gnedigklich gehandthabt und geschirmt werden.

§ 12. Jtem so die järlich Versambnung bedencken und schliessen wurd, Söldner aufzunemen, söllen dieselben von Personen auß allen Landen im Hailigen Reiche, doch Fürsten, Graven, Freyherren, Ritterschaft, auch ander dartzu und zu irem Fürnemen geschickt vor andern angesehen und aufgenomen; doch also, das kain Landtschafft in solchem für die andern gezogen werd.

§ 13. Ob sich yemand in Hilff, Rat oder Anschleg der Türcken oder ander, so mit der Tat oder in ander Weiß wider die Cristanhait, das Reich oder die Nacion, geben wurden, dieselben söllen auß dem Reich geschlossen, ir Hab und Gut confisciert und dermassen offenlich publicirt werden.

§ 14. Jtem sol allenthalben in dem hailigen Reich bestelt werden, das Volck auf den Cantzeln zu ermanen, ob yemand Got zu Lob, zu Erhaltung und Merung cristanlichs Glaubens und des Hailigen Reichs, auch Rechtens und Fridens etwas mer, dann hievor aufgesatzt ist, Handtraich und Hilf thun wölt. […]

Quelle: Hanns Hubert Hofmann, Hrsg., Quellen zum Verfassungsorganismus des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1495–1815. Darmstadt: WBG, 1976, S. 2–6, 15–18.

2. Fürst und Stände. Tübinger Vertrag 1514

Kurzbeschreibung

Bis zum späten 15. Jahrhundert bestand das Reich hauptsächlich aus Territorien, die von Fürsten regiert wurden, deren Autorität aus einem Bündel oft unterschiedlicher Rechte bestand. Die Anfänge der institutionalisierten Zentralgewalt liegen im späteren 15. Jahrhundert, etwa zeitgleich mit der Reichsreform. In den meisten dieser semi-souveränen Staaten spielten die Stände—Adel, Prälaten, Städte und gelegentlich auch Bauern—eine bedeutende Rolle bei der Konsolidierung der Fürstentümer zu Territorialstaaten. In dem südwestlichen Territorium Württemberg waren die Stände zwischen den 1470 er und 1490er Jahren an der Territorialregierung beteiligt. Das Territorium war bereits 1482 durch die Erklärung seiner Unteilbarkeit gegen weitere Zersplitterung abgesichert worden; es erhielt eine feste Residenz in Stuttgart sowie eine Universität in Tübingen, und mit der Erhebung Württembergs von der Grafschaft zum Herzogtum 1495 wurde die Primogenitur (Erstgeburtsrecht) eingeführt. Die scheinbar reibungslose Umwandlung Württembergs ist der Tatsache zuzuschreiben, dass dessen Städte mächtig und dessen Adel schwach waren. Es gab allerdings eine Krise unter Herzog Ulrich (1487–1550), der wegen seiner immensen Schulden und seiner Reaktion auf einen Bauernaufstand 1514 in Konflikt mit den Landständen geriet. Das Ergebnis war der Tübinger Vertrag, welcher von den am Anfang des Dokuments genannten kaiserlichen Räten verhandelt wurde. Die Stände verpflichteten sich darin, für fast vierzig Jahre für die herzoglichen Schulden aufzukommen und erhielten im Gegenzug weitreichende Zugeständnisse z.B. hinsichtlich der Mitbestimmung bei der Steuererhebung. Das Dokument fungierte bis zu seiner Aufhebung infolge eines Staatsstreichs 1805 als eine Art schriftlicher Verfassung für das Herzogtum Württemberg.

Quelle

Des allerdurchleuchtigsten, grossmechtigsten fürsten und herren hern Maximilian von gots gnaden romischen kaysers zu allen zyten merers des rychs etc. unsers allergnedigsten hern gesandt räte, mit namen wir Jörig grave zu Montfort her zu Bregentzs, Cristof herr zu Limppurg des hailigen rychs erbschenckh semperfry und Johann Schad baider rechten doctor und von gottes gnaden wir Wilhälme bischofe zu Strassburg landgrafe in Elsäss, ouch von denselben gnaden wir Hug bischof zu Costantzs, auch wir nachbenanten Schenckh Valentin her zu Erbach, Florentz von Veningen baider rechten doctor cantzler und Franciscus von Sickhingen von unsern gnedigsten und gnedigen hern hern Ludwig churfürsten und hern Friderichen baiden pfalntzgrafen by Reyn und hertzogen in Bayrn gebrüder, Petter von Uffsess zu Bamberg und Wirtzburg thumbherr, propst zu Chomberg und Ludwig von Hutten ritter von unserm gnedigen hern, hern Lourentzen bischofen zu Wirtzburg und hertzogen zu Francken und Pleyckher Landtschade von mins gnedigen hern hern Philipsen marggraven zu Baden und Rötteln,

gesandt und verordnet räte bekhennen ofenlich in disem briefe und thund kund allermeniglich, nachdem sich zwischend dem durchlenchtigen hochgebornen fürsten und hern hern Ulrichen hertzogen zu Wirttemberg und zu Teckh, grafen zu Mümppelgart etc. unserm lieben hern freund und gnedigen hern ains und den erwürdigen und ersamen prelaten und gemainer landschaft siner lieb und gnaden fürstenthumbs verwanten und unterthanen anderstails etlich spenn und gebrechen gehalten, derenhalb etwas ufruren under gemainer landschaft sich erwegt und begeben, aber darzwischent sovil in der gütin fürgenommen und gehandelt, das dieselbige zu gemainem siner lieb und gnaden usgeschriben landtag alher und zu ferrer handlung gebracht, ouch etwas vil tag her zwischent inen baydersyts gehandelt worden, aber zuletzst für uns zu gütlicher handlung kommen, darinn wir sovil arbait und flys fürgewent und gethon, das wir sie solicher aller und sonderlich mit ir baider tailen gutem wissen und willen in der güte entschaiden und vertragen haben, wie hernach folgt.

[1] Nemlich und zum ersten söllent die landschaft für sich obgemeltem hertzog Ulrichen fünf jar lange die nesten ains jeden jars geben und raichen zway und zwaintzig tusend guldin, dartzu söllent im die prelaten, stift, clöster, ouch die ämpter Mümpelgart, Nürtingen, Plamont und Rychewylr ouch geben und raychen, als vil by denselben allen erraicht werden mag, und sölichs alles, so die angezögten fünf jar lang allenthalp, wie obstet, gefellt, söllent zu hertzog Ulrichs wachender schuld und zu stattlicher bezalung der gilten bewendt werden.

[2] Darnach und nach usgang der fünf jaren obgemelt söllent gemaine landschaft mit sampt den prelaten, stiften, clöstern, ouch den ämptern Mümpelgart, Nürtingen, Plawmont und Rychenwyler, so vil by denselben ämptern ouch erlangt werden mag, achtmal hundert tusend guldin houptguts zu ablösung der zins unnd gilten, damit das fürstenthumb beswert ist, uf sich nemen und bezalen, wie hernach folgt. Also das die landschaft für sich daran söllent geben zway und zwantzig tusend guldin aines yeden jars, so lang bis obangezögt summa, achtmal hundert tusend guldin bezalt und abgelöst ist. Daneben söllent die prelaten, stift, clöster und obbestimpt ämpter jedes jars geben, als vil by denselben allen erlangt werden mag. Und was also von den prelaten und ämptern jarlichs gefellt, das soll in die achtmal hundert tusent guldin gerechnet und daran abgezogen,

[3] also was zu yeder zyt jars von solicher somm achtmal hundert tusent guldin der verschribnen gilten obbestimt abgelöst werden, dieselben söllent in hertzog Ulrichs seckel alltzyt gefallen.

[4] Und zu empfahung sölicher järlichen raychung, als nemlich der ersten fünf jaren, auch nachfolgender landsteur der achtmal hundert tusent guldin söllent sonder personen, so vormals mit ämptern ynnemens und usgebens nit beladen sind, von hertzog Ulrichen und der landschaft mit verpflichtung geordnet werden, solicher raychung der ersten fünf jare fürter zu den wachenden schulde und bezalung der gilten und nachmals die landsteuer zu ablosung der zins und gilten, damit das fürstenthumb beswert ist, und nit anders wahin trewlich zu wenden und zu keren und dernhalb alle jar gemeltem hertzog Ulrichen und der landschaft ufrichtlich redlich rechnung zu tund.

[5] Und hieruf soll hertzog Ulrich us sondern gnaden, die er zu siner landschaft tregt, den landschaden, so bisher im gebruch gewesen, yetzo abthun und nachlassen, also das der hinfüro nit mer hegert werden oder sein soll. Doch das dise nachlassung des landschadens und die bezalung der ersten zway und zwaintzig tusend guldin ains mit dem andern zugeen und beschehen.

[6] Der houptkrieg halben, so die zu rettung land, leut und siner herzog Ulrichs verwandten, zu handhabung siner ober- und herlicheit, ouch gerechtigkait, hilf und haltung siner aynung bisher angenomen und beschlossen, und der ihenen, so er fürter seins gefallens dem fürstenthumb zu gut annemen und thun mag, fürgenomen wölten werden, so soll das geschehen mit rat und wissen gemeiner landschaft. Würde aber hertzog Ulrich usserhalb der obgemelten stück ainich krieg fürnemen und yemand us freundschaft oder sunst fürschub oder hilf thun, so soll dasselbig geschehen mit rat, wissen und willen gemainer landschaft, sover anders hertzog Ulrich von inen hilf haben wölt. Und sol in allen stücken hertzog Ulrich wie sine voreltern die liferung geben, desglychen die landschaft mit iren lyben, fürung und anderm dienen, wie von alter herkomen und by hertzog Ulrichs voreltern ouch geschehen ist, alles ungevarlich.

[7] Und ob ain landskrieg obgemelter mass angenomen und man hilf darzu thun müste, das dann dieselbig zyt dise yetzige angenomne hilf ainen stillstand haben soll, doch unabbrüchlich disem zusagen bis zu end der kriegshilf. Dergestalt soll es ouch gehalten werden, wa ein regierender fürst, das got verhüt, gefangen würde, und soll die landschafft alsdann zu erledigung irs regierenden landsfürsten treuwlich helfen und soliche hilf mit irem rat und wissen fürgenotnen werden, wie dann by hertzog Ulrichs voreltern geschehen ist.

[8] Damit ouch der gemain man den last so viel lydenlicher und williger tragen, so soll inen hertzog Ulrich ainen fryen zug gnediglich vergönden und zulassen, doch also das in den nesten fünf, jaren niemands von der landschaft us dem land ziehen.

[9] Wöllt aber jemands in sölcher zyte sine kind us solichen verhyraten, der soll des macht haben mit abzug des zehenden pfennings aller hab, die das usgestürt kind hinus nimpt und solicher abzug des zehenden pfennings soll hertzog Ulrichen in den fünf jaren in sinen seekel gefallen.

[10] Wölicher aber nach usgang sölicher fünf jaren in den andern nestfolgenden fünf jaren hinus ziehen oder sine kind hinus hyraten wölt, der soll das zu thun macht haben mit abzug des zehenden pfennings, wie obsteet.

[11] Wölicher aber nach usgang yetz gemelter zehen jar in nestfolgenden zehen jaren hinus ziehen wölt, der soll den zwaintzigsten pfenning zu abzug geben,

[12] und fürous wer nach den zwainzig jaren hinus zühet, der soll für den abzug zu geben nichtz schuldig, sonnder alsdann fry sein.

[13] Und was also nach verschynung der ersten fünf jaren von abzug gefallet, soll der landschaft zu hilf der zway und zwaintzig tusend guldin zufallen und komen.

[14] Und hieruf söllent land, leut, schloss, stett und dörfer one rat, wissen und willen gemainer landschaft nit mer versetzt oder verendert, aber doch ob sich erschainten eehefig not und ursachen, söllent in sölicher bewilligung ouch betracht und angesenhen werden, ouch gemaine landschaft nit schuldig sein sich fürter mer als mitschuldner zu verschryben und zu besiglen.

[15] Derglychen soll ouch ainich schatzung oder sunst ander unordenlich hilf oder beschwerde, wie die namen haben mügen, fürter uf prelaten oder landschaft nit mer gelegt werden. […]

[17] Es soll ouch niemands in pynlichen sachen, wa es eer, lyb oder leben antrifft, anders dann mit urtail und recht gestraft oder getötet, sonder ainem yeden nach sinem verschulden rechts gestattet werden, es were dann in fellen, darin die kayserlichen recht anders zu thond zulassen, und mit gefengnus und frag soll es, wie von alter herkomen ist, gehalten werden. […]

[19] Und ob hertzog Ulrich und sein bruder on manlich eeliche lybserben mit toud abgieng, so soll alsdann die obgemelt hilf toud und ab sein, aber nit destweniger die obbestimpten fryhaiten in allweg beständig sein und plyben, doch das die schulden und gilten uf dem fürstenthumb steen, ouch die, so hertzog Ulrich und des bruder hinter inen verlassen würden, vor allen dingen von den gefellen und nutzungen des fürstenthumbs usgericht und bezalt werden.

[20] Und sollent die obangezögt fryhait von hertzog Ulrichen und darnach für und für von aller herschaft allweg in anfang irs regimentz zu halten, des ir brief und sigel, darinnen sie sich by iren fürstlichen wirden im wort der wahrheit dieselben fryhait zu halten verpflichten sollen, gemainer landschaft übergeben werden und davor sie ynzulassen oder inen gehorsami zu laisten nit schuldig sein.

[21] Dagegen söllen gemaine landschaft gemeltem hertzog Ulrichen, sin erben und nachkhomen regierenden globen und schweren, wie inen fürgehalten wirdet von worten zu worten also lutende. […]

[23] Und söllent hieruf hertzog Ulrich und gemaine landschaft römisch kayserlich majestat unsern allergnedigsten hern sollicher aller obgeschribner vertreg und fryhaiten gnugsam berichten und ir majestat daruf in undertenigkait bitten gnediglich zu confirmiern und bestetigen. […]

Quelle: Paul Sander und Hans Spangenberg, Hrsg., Urkunden zur Geschichte der Territorialverfassung. Neuauflage, Stuttgart, 1965, S. 56–61, Nr. 176.


Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Die Reichsreform von 1495, veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-3795> [25.09.2026].

-> Fürst und Stände—Tübinger Vertrag (1514), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-3957> [25.09.2026].

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Sekundärliteratur

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Gesellschaft


Gesellschaft

Sexualität, Geschlecht und Körper

Inhaltsverzeichnis

1. Martin Luther warnt vor Prostitution (Quelle)

1. Martin Luther warnt vor Prostitution 

Kurzbeschreibung

Das älteste Gewerbe der Welt erlebte in der frühen Neuzeit einen erheblichen Wandel, insbesondere in den Gebieten, die von den protestantischen Reformen erfasst wurden. Die Prostitution in der frühen Neuzeit nahm viele Formen an, sowohl formelle als auch informelle, doch zwei Faktoren stellten die vorherrschende mittelalterliche Auffassung von Prostitution als „notwendiges Übel“ in Frage: die protestantische Reformation und die Ausbreitung der Syphilis. In protestantischen Gebieten wurden Moral und Sexualität verstärkt kontrolliert und überwacht, wobei der Fokus oft unverhältnismäßig stark auf den Frauen lag. Im gesamten deutschsprachigen Raum wurden mit der zunehmenden Verbreitung des Protestantismus städtische Bordelle geschlossen, deren Besitzer/innen zuvor oft einen Amtseid ablegen mussten. Dies geschah als Reaktion auf die neuen moralischen Prioritäten der Reformatoren und die Gesetze der Magistrate. Martin Luther übte heftige Kritik an der Prostitution und betrachtete Prostituierte als Mörderinnen. In seiner „Warnung vor Prostituierten“, die er 1543 an Universitätsstudenten in Wittenberg richtete, beschreibt er die jungen Männer, die Prostituierte besuchen, als „Brunst fühlend“ und die Prostituierten selbst als „mörderisch“.

Quelle

An die Studenten zu Wittenberg.

Es hat der Teuffel durch unsers glaubens sonderliche feinde etliche hurn hieher gefüret, die arme jugent zu vorderben. Dem zu wider ist noch als eines alten, treuen predigers an euch, lieben kinder, mein vetterlich bitt, das ir wolt gar gewislich gleuben, das der böse Geist solche hurn hieher sendent, di da gressig, schebig, stinckend, garstig und französisch[1] sein, wie sich teglich leider in der ergarung findet. Das doch ein gut gesell den andern warne! Denne in solch französische hur 10, 20, 30 etc fromer leut kinder vorgifften kan, ist derhalben zurechnen al sein mörderin und erger al sein vorgiffterinne. […]

Drolt euch, das radt ich, jeh ehr, jeh besser! Wer nicht hurntreiber will sein, der kan es wol anderswo bekommen. Unser herr churfurst hat diese universitet nicht gestifft vor hurntreiber oder hurnheufer, da wist euch nach zurichten!

Und ich muste törlich reden. Wenn ich ein richter were, so wolt ich ein solche gifftige französische huren redern und eedern lassen, den es ist nicht auszureden, was schaden ein solch unfletige hure thut bei dem jungen blut, das sich an ir so jemerlich vorderbet, ehe es ein recht mensch ist wurden, und in der bluet sich vorterbt. Die jungen narren meinen, sie mussen nicht leiden; so bald sie eine brunst fulen, soll ein hur da sein! Die alter veter nennens impatientiam libidinis, Heimlich leiden. Es mus ja nicht alles so balde gebusset sein, was einen gelustet. Es heist: Were dich, post concupiscientias tuas ne eas Eccles. Kans doch in ehelichem stand nict so gleich zugehen. Summa, hutte dich vor hurn und bitt Gott, der dich geschaffen hat, das er dir ein frum kind zufuge; es wirt doch muh genug haben.

Quelle: „Ernste Vermahn- und Warnschrift an die Studenten zu Wittenberg“, am 13.5.1543 öffentlich an der Kirche angeschlagen. In D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. 120 Bände, Weimar 1883-2009, Br, X, S. 295-296.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Martin Luther warnt vor Prostituierten (13. Mai 1543), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-5450> [04.06.2026], zuletzt geprüft am 17.09.2026.

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Sekundärliteratur

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Gesellschaft

Ehe und Partnerschaft

Inhaltsverzeichnis

  1. Ehe als Partnerschaft. Magdalene und Balthasar Paumgartner aus Nürnberg (Quelle)
  2. Anna Wecker ,,Ein Hochzeit Spruch'' (Quelle)

1. Ehe als Partnerschaft. Magdalene und Balthasar Paumgartner aus Nürnberg

Kurzbeschreibung

Wohlhabende Deutsche gaben zum Andenken an ihre Eheschließung häufig Diptycha (zweigeteilte Portraits) in Auftrag. Die Partnerschaft von Mann und Frau stand im Zentrum der Hausgemeinschaft des 16. Jahrhundert, welche wiederum die elementare soziale Zelle der Zeit bildete. Der Hausstand stellte die wesentliche zivilisatorische Instanz dar, den Ort, wo Kindern gleichermaßen Gehorsam wie Tischmanieren beigebracht wurden. Naturgemäß ist das häusliche Leben wenig dokumentiert, doch gelegentlich gewähren die Quellen einen äußerst seltenen Einblick darin, wie ein Ehepaar seinen Haushalt organisierte, verwaltete und dessen Auskommen sicherte. Die Korrespondenz zwischen Magdalena und Balthasar Paumgartner, eines wohlhabenden Nürnberger Paares, erlaubt einen solchen Einblick ins Familienleben. Die Paumgartners teilten sich die Verantwortung für ihren Haushalt, die Erziehung ihrer Kinder sowie ihre Geschäfte. Die Korrespondenz beginnt kurz nach ihrer Verlobung und wurde über den Tod ihres Sohnes im Kindesalter hinaus fortgeführt. Sie berichtet von Freuden und Sorgen, von intimer Zuneigung und pragmatischer Berechnung, sowie von Gläubigkeit und Alltagsweisheit.

1. Balthasar Paumgartner an Magdalena Behaim.

1582, 15. December

Laus Deo. 1582 adi 15. December hieigem calender nach inn Luccha.

Erbare, tugendreyche, gethreüe, freunndtliche, hertzliebe, verthrauhtte braud.

Dein schreibenn vom 11. November hab ich auff 12 ditz nachtts mit grossem verlangen wol empfangen. Demnach ich aber wol gewüest unnd ausgerechnett gehabtt, bey solcher post widerumb anttwortt von dir auf mein ahn dich gethon schreiben kommen werd müessen, hab ich solcher brieff den vergangnen sontag mitt begyrden gewartt, derowegen den gantzen tag nichtt auß dem hauß kommen. Wie rechtt würd mir aber gescheen sein, wann nichtt allsbald widerumb geschrieben hettest! Auß solchen deinem sonnst eurer aller gesunndheytt von hertzen gern vernohmmen: wiß mich sambtt den meinigen allhie, Gott lob, auch noch wol auff sein; der selwige wölle unns inn seinen gnaden also langwyrig erhalttenn, unnd bald widerumb glückhselig inn unnser freüdengärttlin widerumb zusam helffen. Amen.

So vernimb ich fast gern, du mein altte mum Scheürlin schon ettlich mal heymgesuchtt hettest unnd sie so freunndlichen gegenn dir, daran ich nye gezweyflett. Bitte dich freunndlich, wöllest mitt gelegenheitt also forttfahrenn unnd ihrs rahtts inn ettlichen sachen pflegenn, der ich wol wayß, ihr wol damitt ist unnd sonnderlich wol gefeltt, wann man ein guett verthrauen inn sie setztt und auch ihrem rahtt volgtt. Wollt unns solche mum auch gern wo müeglichen wol gewogen unnd zu freundin erhaltten. Dann ob wir ihr schon wennig zu geniessenn, wird sie unns doch auch nymmer kein schad nichtt sein. Wirst dich also zu verhaltten unnd ihr den fuchsschwantz wol zu streichen wissenn, daran gar nichtt zweyfle.

Das ich dir, hertzliebe verthrauhtte, so langsamb unnd eher unnttrwegen nichtt geschriebenn hab, dessen ursach unnd mein enttschuldigong darnebenn wol vernohmmen wirst habenn. Soviel ich aber aus deinem yetzigenn vermercke, nimbstu solche von mir nicht also ahn. Nun ist dem einmal nichtt annderst, dann da ich dir schon hin unnd wider untterwegenn auß wol hett schreiben können, hette ich dir doch wennig freüd, aber viel mehr bekhümmernus mitt gemachtt, alleweil ich diese rayß nun auf guett glückh gewagtt, unnd biß nichtt inn unnser hauß herkommen, schier selber nichtt glauben können, man mich des strengen ergangnen verbotts der sterbsleufft halber bey euch herein werde lassenn, dich demnach mitt solchen viel umbstenden weytter nichtt betrübenn mügenn.

Bystu aber offt gefragtt, unnd sich verwundertt worden, du kheine brieff von mir nichtt hast gehabtt, so hatt es mir allhie gewießlichen nicht gemanglett; des fragens all sonntag, da die brieff allher zu kommen pflegenn, kein end nichtt ist gewest, mich gleichermassen verwundertt unnd doch darneben gedachtt hab, werdest mir eher nichtt schreiben, biß nicht zuvor brieff von mir habest. Wöllen demnach den zorn zwischen unns zugleich aufgehen lassenn!

Anttwort ditz will ich, hertzallerliebste, noch allhier von dir gewerttig sein; nach solchem aber darffst mir weitter nichtt allher schreiben. Dann ich unngefehrlich auf den letztten Jenner an andern ortt unnd stäed als gen Modona unnd Reggio inn unnsers hanndels geschäfften zu verraysen werd habenn, innmassen das mich deine brieff vielleichtt nichtt mehr allhie ahntreffen möchtten. Doch khan ichs bißhero gewieß noch nichtt wissenn, dann es ihm nun zuviel gleich sihett, ich so bald, wie gern woltt, von hinnen nichtt abgeferttigtt werd werdenn, von vielen über mein willen nun allzuviel unnd lang verhindertt werde. Wann ich doch nuhn eins, daran unnserm handel am mainsten unnd ja nichtt wennig gelegenn, rechtt unnd meins gefallens verrichttett, wie bald woltt ich das annder meinem brueder unnd den dienern hie befellhenn, mich dann gewießlichen nichtt lang mehr allhie saumen! Bin aber zu Gott dem allmechttigen tröstlicher hoffnung, mir nichtt mangln soll, das ich dann den khünnfftigen monatt Jenner bald gewahr will werdenn.

Inndessen wird mir zu thon allhie nichtt manglen, wie ich dann diese feurtag genn Florentz, so 8 teütsch meil von hinnen, verrayse, aber inn ein tag 3 oder 4 widerumb allher khomme. Unnttrdessen mach dein rechnong, es seye oder gehe mir sonnst gesundheitt halber Gott lob woll, mich meiner langweyligen rayß, von deren ich dann dürr unnd mager gnug allher kommen, zimlich widerumb erholett hab. Sihe unnd trachtte du yetz nuhn, dir mitt deinen vielfälttigen vergebnen sorgen, mitt denen du im end doch nichtts anders erhaltten khannst, nichtts ärgers zurichttest, unnd mach dein gewiese rechnong, ich mich nach verrichttong meiner sachen kein stunnd allhie nichtt saumen, sonndern (ob Gott will) noch eher, alls du unnd ich selber vermaynen, bey dir daussenn sein wölle, wölle der lieb Gott bald unnd mitt freuden gebenn.

Die langweyligen betrübtten sterbsleufft bey euch vernimb ich zwar ungern: demnach mir aber von andern geschrieben wird, es zimlich nachgelassen hab, unnd die kältt auch vor der thür gewest, verhoffe ich zu Gott dem allmechttigen, es weytter nicht nohtt gehabtt soltt habenn. Allhie ist es bey 5 wochen her fast schöen hell wetter gewesen, dergleichen nichtt viel leütt gedencken, wann es sonnst dieser zeytt des jars mehrenthayls unnd nuhn stettigs zu regnen pflegtt, derowegen sich meniglichen ahn dem schöenen wetter verwundertt.

Des guetten unnd frommen Sebastian Im Hoffs töedlichen abgang zu Lion allhie vor diesem unnd auch vom vetter Endreß Im Hoff auß Venedig vernohmmen, Willhelm Kreß, so bey ihm zu Lion gewest, nichtt wennig mittleiden mit ihm gehabtt hatt. Der allmechttige seye ihm wie unns allen gnedig unnd barmhertzig unnd verleyhe nach diesem das ewige lebenn! Amen.

Das der altt Mattheus Fetzer ein preüttigam ist, vor diesem vernohmmen; sein braud aber sowol als des D. Wolffen Rosina sind mir unbekand.

Der Wilhelm Kreß, den ich allhie inn ein guette kost unttrgebracht hab unnd mein brueder Jörg lassen dich beede widerumb fleyssig grüessen, und dastu ihrer auch gedenckest, gantz freunndlichen dannckenn.

Wann du zu der fraw Lochnerin kompst, wöllest ihr anzaigen, mitt dem rottcremasin futtrattlas unnd zwyfärbigen dd. daffatt sie aufs best versehen wölle; den futtrattlas vor diesem schon besteltt gehabtt.

Sonnst hab ich ausserhalb meiner geschäfft warlichen ein langweylige zeitt unnd kein kurtzweyl gar nichtt allhie, ausserhalb das ein 14 tag hero comediantten hier gewest unnd all abendts biß umb 4 uhr inn die nachtt comedyen gehaltten haben. Ein weybsbyld gehabtt, die reden unnd reihtten (wie man pflegtt zu sagen) könd hatt; woltt Gott dichs auch zu sehen wünschen hett können, dich gewießlichen darob verwundertt wirst haben. Die zeitt ein weil mitt den comedyen zusehen zugebrachtt, mitt solchen aber auch schon ein end hatt. Nach den weyhenachtt feyrtagen aber sollen anndere herkommen, sind aber gegen eurn spyeln in s. Martha unnd prediger closter nichtt zu vergleichenn. Wie aber die weyber, sonderlich diese, so yetz hie gewest, bered seind unnd sich darein zu schicken wissen, khan ich dir gnugsam nichtt erschreiben. Kannst es auch, biß selber nichtt sehest, nichtt glauben; sonnder zweivel inn viel hystorybuchern gestudirtt habenn unnd also nun wol gelehrtt sein müessenn.

Du meldest unnttr anderm inn deinem brieff, ich soll dich mitt schreibenn nichtt mehr so lang [warten] lassenn: wer wyß, ob ich dich bey den böesen bey euch regirenden leüfften mehr finnde! Mitt solchem hastu mir nichtt wennig ahnfechttonng unnd allerlay seltzame gedanncken gemachtt. Dann ob der lieb Gott dich unnd mich ebenn so bald alls kein annders nichtt finnden khan, so bin ich yedoch getröester hoffnunng, er werde unnser ditzmal noch verschonen unnd zuvor mitt freuden inn unnser stüblein oder plomen gärttlin widerumb zusammen helffen, sonnst seind wir all in seinen henden unnd, wann mein gentzliche hoffnung nichtt zu ihm setzett, müest ich mich stettigs besorgen, mir auf dem weg ein unglückh widerfahrenn könnd. Aber ich hoffe des bessern; also solstu ihm auch thon, im ende ihne walttenn lassenn.

Ich wayß dir, hertzliebe, verthrauhtte, für ditzmal sonnst ein mehrers nichtt zu schreibenn, thue mich allein der übrsandtten plümlein aus unserm gartten gantz freundlichen bedancken unnd die deinettwegen fleyssig auffhebenn, gantz freunndlich bitten, dein bruedern Pauluß, schwestern und Hoff Kätterlin, auch die Held Magdel fleyßig meinettwegen zu grüessen, ihnen allen viel guetts zu sagen. Unnd sey du auch, hertzliebste Magdale, zu viel hundertttausennd mal freündlich unnd fleyssig von mir gegrüest, dem lieben Gott zu gnadenn inn treühenn befollhenn.

D. gethreüer l. preüttigam

Balthasar Paumgartner der jönger.

2. Magdalena Paumgartner an ihren gatten.

1591, 9. December.

Erberer, freundlicher, herzlieber Paumgarttner.

Ich kon nit underlasen, dir ale acht tag zu schreiben, wiewol du mir kein ursach gibst. Dan nun in der driten wogen keins von dir gehabt, vileicht bis samstag aug keins, welgs mich kleinmutig genug machen wiert. Und mus eben dem alten sprigwort nachdencken: „aus den augen, aus dem sin!“, wiewol dein pruter sagt, du ser vil in den handelspriefen schreibst heraus, desen ich, denck ich, engelten mus. Hat mir aber doch vil nachdenckens gemacht, als ob du vileicht nit wolauf seist und er mir, der Yerg, solgs zu verstien gebst, du schreibst so vil in die schreibstuben. Hab in iedoch wol ermond, das ich im lezlich hab glauben musen, es gescheh aus keiner andern ursach, den das du so vil zu thun habst. Sagt aug, wie er in deinem schreib[en] wol mercke, du dich noch vor der mes herausbegeben werst, desen ich mich von herzen frey und mit verlangen deines schreibens wart bis samstag, da ich solgs aug von dir vernim mit freuden. Mit uns stedt es, Got sey lob und donck, noch im alten wesen und guter gesundheit, der erhalte uns noch ferner zu beden theiln! Amen.

Und geschicht dis schreiben, herzlieber Paumgartner, wegen des puben, der nor imer mond an mir, wan dir schreib, sol dir schreiben, das du ime ein kleid mitpringst. So schick dir gleich hiemit ein mas, wie long das wames und wie weit, aug wie long die erbel und das geses mus sein, dan ichs reilich nach dem alten pubensameten gemesen hab, welgs im am gerechten ist, und hab im zugeben aug. Welst also nor etwas schbarz nemen dazu, dan er vor 2 gefarbter hat. Doch sted es zu dir, was dir gefeld.

Und der alte Peir ligt noch imer hin, wie vor acht tagen, das mon imerzu meind, er kin es nit 3 aber 4 tag antreiben. Man schneid im iez ale tag faul fleichs aus dem schaden, und thut im dennoch nit weh, fragt nach nimund mer. So redt er nit mer, den so in dierst oder etwas esen wil, macht in aln ein ser langweilge zeit. Got der herr ende es balt mit im!

Die Dobias Kastnerin hat dich aug fleisig grusen lasen, ist alhie bei irer muter in der Lienhart Grundherin haus obenauf im driden gaden und ist mit irer muter hereingefarn auf 3 tag und hat sy das pluten angehebt zum mund aus und ist so schbag, das ich nit weis, ob sy es lang andreiben wiert. Besug sy oft, dan sy zuvor bey uns hat einkern soln, ist sy nun 3 wogen hie kronck. Hab sorg, wan schon heimkum, nit lang andreiben wer. Got helf uberal!

Herzeter schaz, bit, wolst aug meins welschen rocks nit vergesen, wie der Wilhelm Im Hoff seinem beib ein mit von Venedig mit hat pracht, so mon vir pelz dregt. Und welst mir nitt vir ubel haben, das ich dir in meinem schreiben imer etwas abbedele. Wil dich sunderlich biten, wan du etwa ein drum oder 2 röten und safelorfarben atlas wolfel bekumst, welst etwas mit herauspringen. Verhoff, der zeig zum pristla sol underwegen sein, weil schbager Yerg sagt, es kum in einer kisten ein packal an mich, welgs ich gar wol bedarff.

Mus heut abermal zu gast esen bey der alten Kleweinin, so die yungfrau ir schnur heimledt und behelt sy ferner bey yr. So haben wir heutt uber acht tag des pruder Paulus sein hondschlag, wolte Got, wo miglich du aug dabey solt sein. Nun, der almechtige Gott pring uns nach langweiliger zeit widerum zusam mit freuten, da wir uns als ergezen weln mit Gotes hilf!

Weis dir sunst, freindlicher, herzeter schaz, vir dis mal ein merers nit zu schreiben, den das du von mir zu vil maln freundlich und fleisig gegrust wolst sein in dein treies herz und Got dem hern in genaden befoln. Es lasen dich vil, vil grusen, die ich nit ale erschreiben kinde, die Gröserin, Scheirly, her Paumgartner — haben gester bey im zum hondschlag angeschriben, ist er selbst bey uns gewesen und dich grisen lasen —, Lognerin, Remerin, Wilhelm Im Hoff, Plaben, er und sy: es wir zu lang. So vil ir die wogen an des Pfinzings hachzeit mit mir gedanzt haben, haben dein im besten gedacht und gefragt, wan schreiben von dir gehabt. So hab ich aber gedeuchst und gesagt, vor acht tagen, wan schön 3 wogen! Nun auf dis mal nit mer!

Dadum den 9 Dezemer 1591 yars.

Madelena Balthaser Paumgarttnerin

d. l. h.

3. Magdalena Paumgartner nach Frankfurt an ihren gatten.

1592, 13. September.

Erberer, freundlicher, herzliebster Paumgarttner.

Dein schreiben ist mir vergang samstag wol zukumen, daraus mit herzensfreuden vernumen dein wolhinabkunft und dan nunmer in groser mue und arbeitt. Got helf, es ales wol zugehe und verrichtet werte, und wir mit freuten wider zusamenkumen, wiebol uns Got ein schmerzlichen ris dorch unser freudt hat thun, die wir zuvor alzeit freudenreicher zusam sein kumen, als leider iez geschehen wiert. Doch dorch die starcke hofnung zu Got, so wir haben, kon es wider dazu kumen. Amen.

Herzlieber Paumgartner, hab in deinem schreiben die zeitungen gern gelesen, und das aug die kiten nit geraden sein. Wolst du doch sehen, das wir nor ein 300 haben kinen, wan ir nit mer sein kinen. Wan du aug vir dich nach regelpirn gefragt hetest, hest du wol thun und am hinabziehen meser kauft vir das gesindlich oder schlechte kres. Wolest aug des zuckers nit vergesen.

Hab heut der alten Köplin aug geschriben gen Schlackenwalt, das sy mein nit verges mit dem flax; schick ir ein duzet leckiegla, das sy desto ehr dron denckt.

Aug so hat herr Kres heut wider ein sun bekumen, hat ir nun 5 sun, kind uns wol einen mitdeiln, wens gilte. Hat in der Finolt gehebt, heist Yochum Friderich. Bin gleich zur kindauff gangen.

Morgen fru sol ich mit dem Christof zum meien auf sein fogelhertt farn.

Mus dirs gleich vir ein neie zeitung schreiben, dieweil wir Gott lob iezund ein 3 tag schön weder wider haben, da wir seid deinem verreisen nor stedichs regenweter gehabt, welges, wan es lenger gewert het, balt etwas erwecken het terfen.

Dan es nort geregnet umber hat, das es gepachsz hat. Und hab aug heut gehert, das es drunden anfange zu sterben. Bit dich derhalben, herzliebster schaz, wolest dein wol in acht nemen und nit niechtern ausgehn, eh den du was esest.

Ist mir aug die wogen leid gewesen wegen deines vadern, der aber nit wolauf gewesen ist. Ab[er] Got lob, heut haben wir potschaft, das er wider ein wenig feiner ist. Hat mir leid gemacht, das du nit hie bist, und das wir nit hinaus zu im sein, weil es nunmer imer zum ende get.

Iez gleich, so ich dir gar schreiben wil, kumpt ein fas wein; so ichs einlegen las, kumpt mir ein brieff von dir, des ich erfreuet bin. Wirst mein schreiben vordem aug nunmer wol empfangen haben. Und das fas wein, so kumen, helt bey 4 aeimer.

So hab ich seid deinem verreisen von Adam Stuzer nichts gehört, so ist er nit da gewesen. Wiert villeicht der pot von Salzporg noch nit kumen sein, derhalb ich dir nit wol röten kon zu kaufen. Wan du villeicht 4 rös zusamprechst, wir mon dir vir die zbien praun desto weniger geben woln. Doch stedt es zu dir; wie es dir gefelt, so mir aug.

Ich hab dir aug, herzlieber Paumgartt[n]er, in meinem ersten brieff umb 2 eln oder 3 leinwad vir mich zu kresen [geschrieben]; mein ich und zbeifel doch, das ichs nit vergesen hab. So welst nor ungefer eine umb 10 oder 12 pazen nemen, dan ich ir zu golern aug darff.

Und weis dir sunst, herzlieber schaz, auf dis mal nit mer zu schreiben, dan das unser meinstes gefeng von fegeln ist am sundag 15 gewesen. Heut 6 hebet gleich wider an zu regnen. Got geb palt wider schön weder!

Wolst also von mir, herzliebster Paumgartner, freundlich und fleisig gegriest und Got dem hern in genaden befoln sein.

Dadum 13 Septemer zu nacht 1592.

Magdalena Baltthaser Paumgarttnerin.

Quelle: Briefwechsel Balthasar Paumgartners, des Jüngere mit seiner Gattin Magdalena, geb. Behaim. (1582–1598). Herausgegeben von Dr. Georg Steinhausen. Gedruckt für den literarischen Verein in Stuttgart. Tübingen, 1895, S. 6–10, 141–43, 174–75. Online verfügbar unter:https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=mdp.39015018633506&view=1up&seq=5&skin=2021.

2. Anna Wecker ,,Ein Hochzeit Spruch''

Kurzbeschreibung

Diese Hochzeitsrede aus dem Jahr 1586, verfasst von Anna Wecker, einer Kochbuchautorin, anlässlich der Hochzeit von Jacob Pommern und Barbara Löffelholtz, bietet einen Einblick in die frühneuzeitlichen Ansichten über die Ehe. In ihrem Hochzeitsgedicht hebt Wecker geschlechtsspezifische Erwartungen an die Ehe und die zentrale Bedeutung von Glaube und Religion für die Ehe hervor. Sie verwendet biblische Themen von der Schöpfungsgeschichte bis hin zu den Ermahnungen des Paulus in den Apostelbriefen, um die Harmonie in der Ehe und die familiären Pflichten beider Ehepartner zu betonen. Der Ehefrau schreibt sie Bescheidenheit und Tugendhaftigkeit vor, dem Ehemann Sanftmut und Fürsorge für seine Familie. Wecker rät dem Paar, eine liebevolle Bindung anzustreben, die auf Glauben und Pflichtgefühl beruht.

Quelle

Ein Hochzeit Spruch/ zu Ehren und glücklicher Wolfart. Dem Erbarn und Vesten Junckhern/ Jacob Pommern/ und seiner Erbarn und Tugentsamen Braut/ Jungfrawen Barbara Löffelholtzin: Gestellet Durch/ Anna Kellerin: Doctor Hannß Jacob Wecker seligen hinderlassene Wittfraw. Gedruckt zu Nürmberg/ durch Nicolaum Knorrn.

Anfangs als Got hat der Welt volend

Und alle ding für gut erkent/

Nach dems war baschlossen in seim Rat

War es als sehr gut durch sein Wort/

Da hat er auch den Menschen gmacht/

Auß eim Erdenkloß wol betracht.

Nach seiner Bilnuß schuff er jhn/

Ein lebend Athem bließ jm ein.

Daraus ward ein lebende Seel/

Nach dem vnd sie Gott woll gefiel/

Als er nun von Gott wol gformiert

Hat er jhn in den garten gfiert/

Den er auch hatt bereitet wol/

Zu allm das dem Mensch dienen sol/

Es solt als wachsen vnd sich mehrn.

Daß sich der Mensch davon möchrt nehrn/

Er schuff das Vieh groß vnd auch klein/

Darzu die Vögel Fisch als rein/

Welchs alles der Mensch solt Regiern/

Darumbs jm Gott thet selbs zufuhrn/

Auch solt er essen alle frucht/

Ohn von dem Baum deß Lebens nicht/

Dadurch guts und böß wird erkandt/

Sunst sturben sie deß Todts zu hand/

Eim jedn gab er seinen Namen/

Da fand sich nichts seines Stammen/

Ein jeder art fand sich ein Paar

Seins Gleichen noch nichts gschaffen war/

Da sprach Gott/ es wird nicht gut sein/

Daß der Mensch sollte sein allein/

Wir wölln jhm ein gehüllfen machn/

Der jhm zu nechst stand in sein sachn/

Da ließ Gott auff den Menschen falln/

Ein tieffen schlaff/ Nam in dem alln

Ein Ripp auß seinem Eygen leibe

Darauß bawete er das Weib/

Thet die stat mit Fleisch zufüllen/

Brachts Weib zu Jhm/ Nach seim willen/

Mit deren Er die Welt solt mehrn/

Darin auch seinen schöpfer Ehrn/

Auch das sie lebten Ewiglich/

Sie waren gschaffen unsterblich/

Er sprach das ist bein von meim bein/

Ein hülff der Nechst bey mir wird sein/

Männin wird man heissen jhrn Nam/

Darumb das sie gnommen vom Mann/

Derhalb der Mensch verlassen wird/

Vatter/ Mutter wies sich gebürt/

Vnd anhangen seinem Ehe Weib/

Die werden sein zwo Seel ein Leib/

Jst also die Erst Ehe gemacht/

Weh dem Menschen der sie veracht/

Gott will daß der Welt also werd gmehrt/

Vnd sein ordnung mit nicht verkehrt/

Demnach dann wir auch haben heut/

Solcher zweyer Junger Eheleuth/

An Ehrn Reich und gutes Namen/

Von jhrn Eltern gutes Stammen/

Welche zur Ehe jetz griffen hand/

Nach löblichen seeligen stand/

Den Gott allein hat auffgesetzt/

Er bhüt sie das sie vnuerletzt/

Darinnen also mögen walln/

Vnd jhrem schöpffer wolgefalln/

Daß sie auch jn mehren sein Reich/

Mit seim Sohn Christo Erben gleich/

Gott geb jhn frucht von ihrem Leib/

Darumb er sie schuff Mann vnd Weib/

Er bhüt sie daß sie unbefleckt/

Rein leben/ was schon Creutz zutregt/

Vnd segne sie wie Abraham/

Auch im Glauben groß werd jr Nam/

Zu Lob dem Herrn Jesu Christ/

Durch den der Ehestand heilig ist.

Sich selber mit der Kirch vergleicht/

Nennt sie sein Gspons vnd Himelreich/

Wil jhm jhr thun gefallen lohn/

So sie bleibt in seiner forcht schon/

Weil jhr denn jetzt das Freudmal halt.

Vnd darzu kommen Jung vnd Alt/

So thund Christum dazu auch ladn/

Wolt jhr das jhr kein mangel habn/

Davids Psalmen thutt wol lessen/

Wie der Gottesförchtig mag genesen.

Es zeigt an das Bach der Weißheit

Was nutz Gottsforcht den Frommen treidt

Auch was die Schälck von hinnen tragn/

Sie hie nach allem wollust jagn/

Paulus der gibt uns gute Lehr/

Das jederman der Ehe hab in ehr/

Der Mann das Weib sol halten wol/

Wie sein Seel er sie achten sol.

Niemandt hat ghasst sein eigen Fleisch/

Drumb sagt er das der Ehe lieb erheisch

Mit bescheidenheit bey jhr wohnen/

Als deß schwächern jhr verschonen/

Kein bochen/boldern mit jhr treib/

Sie ist ein Ripp von seinem Leib/

Zunechst gnommen vnter dein Hertzen/

Gott gab sie dir ohn allen schmertzen/

Darumb veracht jhm nicht sein gab/

Voraus wenn sie hat Weiber lob/

Die Liebe viel verdecken thut/

Die Liebe macht viel ungschmackts gut/

Was die an jhren fehlen wil/

Straffs mit sanfftmut Heimlich vnd still.

Jn der Ehe wirds nit alls süß sein/

Das Creutz laufft jmmer mit hinein/

Trags nach dem herrn mit gedult/

Denck das die Sünd wol hab beschuld/

Für Weib vnd Kind dein Leben setz/

Auff das jhr Ehr nicht werd verletzt/

Hülff trost solls Weib beym Mann finden/

Das sie nicht vrsach hab zu sünden/

Vor seim Gesind auch Christlich wandln/

Nit wie ein Tyrann mit jhn handln/

Nicht wie ein Heyd schehren und fluchn/

Gottes wort allzeit fleissig suchn/

Seine Kinder auch ziehen recht/

Das er von jhnen nicht werd schmecht/

Ein gut Exempel allzeit geben/

Wie das Weib/ Kind/ vnd Gsind soll lebn/

Gewinnen sol der Mann das Brot/

Seinem Alter schaffen vorrath/

Das so er Scheid von Weib vnd Kindn/

Sich nach jhm jhre Narung findn/

Vnd das mit Gott vnd billigkeit/

Auff das der Nechst nicht werd beleidt.

Das Weib sol auch in Gottsforcht lebn/

Dem Mann mit gwalt nicht widerstrebn/

Wenn er sie nicht von Gott weisst ab/

Mit fleiß sie jhn in ehren hab/

Wol mercken was er heissen thut/

Hat sie denn etwas nicht für gut/

So suche sie gelegenheit/

Das sies wend mit bescheidenheit/

Sanfftmütig sol sie gegen jhm sein/

Dencken er ist der Herre dein/

So hats Gott glegt auff dein rücken/

Das dich vor deim Mann solt dücken/

Bey der Sara wir sollen lernen/

Die heist Abraham einen Herren.

Der Töchtern all die worden sind/

So man wie sie im Glauben find/

Thut er denn nicht alls was er sol/

Laß sie jhn doch jhr gefallen wol/

Bey leib kein bitterkeit sich find/

Die Lieb all schmertz vnd leid verbind/

Gegn jhm sol sie nicht brauchen gwalt/

Mit freundlichkeit dein sach erhalt/

Ein Christlichs Weib zeucht auch ein Mann/

Wenn sies mit Gott greifft flüglich an/

Ein vernünfftigs verstendigs Weib/

Jst deß Manns ehr/ erhelt sein Leib/

Jhr Gmüt geb sie der hoffart nicht/

Paulus der gibt ein guten Bricht/

Was der Weiber geschmuch sol sein/

Vnd das sie schön gehen herein/

Nicht in Haarflechten Gold gezirt

Doch lest er nach was sich gebürt/

Zucht/ scham die steht eim Weib wol an/

Mit guten Wercken angethan/

Ein närrisch/ hädrichs/ zennckisch Weib/

Erregt viel haß vnd grosses Eib/

Jammer vnd Mord/bringt auch vmb der Seel/

Wie die Gottlose Jsabel/

Ein Weib sol sein auff Frieden gricht/

Den Mann zu zorn anrichten nicht/

Secht wie sich Abigael halt/

Da sich Nabal so heßlich stalt/

Als David speiß von jhm begert/

Vnd Nabal seine stimm nicht hört/

Redt si nicht noch bösers darzu/

Sprach nicht warumb solten wirs thun/

Sondern so bald jhr der sach fürkam

Nicht lang sie sich zubdencken nam/

Fragt auch nicht darumb jhren Mann/

Sein vnuerstand sah sie doch an/

Schnell vnd behind macht sie sich auff/

Lud jhre Esel saß selbst drauff/

Fleisch Brot vnd Tranck hat sie wol breit/

Fuhr hin mit Zucht vnd Erbarkeit/

Stallt ab deß Königs zorn vnd grim/

Das Nabel nicht kem vmb von jhm/

Mit jhm auch das vnschuldig Blut/

Das sie mit jhr Demut verhut

Also lißt man von der Judith/

Jhr Tugend/Ehr/ rett Land vnd Leut/

Auch habn viel Christlich Frawn gwunnen/

Jhr Mann das sie zum Glauben kommen

Deß gleich Lamuels Mutter lehrt/

Was einm frommen Weib zu gehört/

Liß wol schick dich nach jhrer Lehr

So wirstu haben Rhum vnd Ehr/

Jhr Kinder wirds zur Gottsforcht ziehn/

Auff das sie schand vnd Laster fliehn/

Durch kinder gbern wird selig sein/

Das Weib wanns bleibt im Glauben rein/

Ein fromb Weib ist ein gutter theil/

Dem sie Gott gibt wird haben heil/

Die erfrewt den Mann in der nöth/

Wenn die mit der Weißheit umbgeht

Wem Gott ein solche hat beschert/

Der ist von Gott vnd Menschen gehrt/

Gleichsfals wir jetzund eine habn/

Zu dern wir das vertrawen tragn/

Das sie werdt in jhrm standt Gott ehrn/

Sein Reich weittern vnd helffen merhn/

Dieweil sie ist gar wol erzogn/

Wie sie menniglichen thut lobn/

Jhr habet beyd das Beyspil wol/

Wie ein recht Christlich Ehe sein sol/

Greifft nur in der Gottes furcht an/

So werd jhr auch sein Segen han/

Gottes lob sucht in allen dingen/

So wirds euch hie vnd dort gelingen/

Auch liebet sein Word allezeit/

Das man sehn mög weß Kind jhr seid/

Sein Gbot habt allezeit vor augen/

Keinem andern gebet glauben/

Betrachtet das jhr sterblich sind/

Vnd alles hie ein ende nimbt/

An schöne/ Ehre/ Gut vnd Gelt/

Mangelt euch nichts in dieser Welt/

Das aber nicht in Himel fehrt/

Ein anders der Herr Christus lehrt/

Das wir nichts sollen lieber han/

Denn jhn/ wölln wir in sein Reich gahn/

Reichthumb er euch wol gönnen thut/

So fern jhr sucht das ewig gut/

Denn wer was mehr liebet denn jhn/

Derselbe wird sein nicht werd sein.

Hiemit wünsch ich euch glück vnd heil/

Das euch Gottes Geist werd zutheil/

Wenn jhr volbringet ewren lauff/

Vnd Gott gebend das Leben auff/

Das er euch führe an die stat/

Da die Ehe jhren Vrsprung hat/

Zu Christo in das Paradeyß/

Mit den Engln singn Gott Preyß/

Ein Frewd die ewiglichen werdt/

Amen wer es von hertzen bgert.

ENDE

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Ehe als Partnerschaft—Magdalena und Balthasar Paumgartner aus Nürnberg (Briefwechsel, 1582, 1591 und 1592), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-3712> [24.09.2026].

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Sekundärliteratur

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Gesellschaft

Zünfte und Handwerk

Inhaltsverzeichnis

  1. Zunftordnung der Pantoffelmacher in Lüneburg 1525 (Quelle)
  2. Zunftbrief für die Schwarzfärber und Mängeler im Fürstentum Hessen 1580 (Quelle)

1. Zunftordnung der Pantoffelmacher in Lüneburg 1525

Kurzbeschreibung

Diese Zunftordnung der Pantoffelmacher in Lüneberg im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg befindet sich in der Mitte des Spektrums zwischen lokaler Autonomie und fürstlicher Herrschaftsgewalt. Sie regelt die Beziehungen zwischen den Handwerksmeistern und zwischen Meistern und Lehrlingen und gibt zudem Aufschluss über das gemeinsame religiöse Leben der Zunft. Bei dieser Zunft handelte es sich nicht lediglich um eine Arbeitseinheit – sie war darüber hinaus auch eine marianische Bruderschaft, deren Mitglieder (und deren Ehefrauen) ein gemeinsames religiöses Leben führten. Die Zunftkasse bestand aus der „Marien bussen“, woraus sich die Berechnung von Strafen in Wachs erklärt, der vermutlich für Votivkerzen benutzt wurde. Die Zunft diente ebenfalls als Bestattungsverein.

Quelle


[I.]Ordenynge van den meysteren.


Ein ider meister mach holden twe knechte und enen jungen eft ansteker. Und wenner ein meister enen jungen heft de ein half jar ut der lere gewesen, so mach he enen anderen jungen darby setten.

[2] Wenner ein meister sine warkstede dermaten besettet hedde und dar entbaven mer knechte inwannerende kemen, desulvige knechte to welkenem meister de inwanneren, dar scholen se 14 dage arbet by hebben; und darna ummeher arbeiden van deme enen meister to deme anderen. Und wert sake, dat denne nen meister were, de syner bedorfte, so schall he blyven dar he is, averst unvormedet, dewilen dat he buten der medeltid gekamen is; und schole ok nicht gemedet werden er de medeltid kummet, sunder ein itlig hebbe sinen tal.

[3] Darto so scholen de meistere de medeltid so gewontlich up paschken und Michaelis holden und de knechte meden dar se eren krog hebben, so dat vor ene wise und wanheit in anderen stederen geholden wart; dar sich ein ider meister billig inne schicken schole. Und dar de meister eft gesellen hir entegen deden, scholen darvor billike bote don.

[4] Item dar sick ein geselle unbillig hedde in sines meisters huse, darvor schall de meister van ome borlike bote esken und nemen.

[5] So ok ein meister were de samptkop vorkopen wolde als by gulden tale, de schall de tuffelen nicht van sick leveren, he hebbe ersten den oldesten meister darby gehat, dat he bosichtige sodane wark gut sy kopmans weringe. Und dede he des nicht, dar schole he vorbroken ene tunne bers, de ene helfte in Marien bussen und de andere helfte an de meistere.

[6] Dar ok de ene meister deme anderen sinen knecht entmedede buten der medeltid, schole he wedden myt ener tunnen bers so vaken dat deit, de ene helfte in Marien bussen und de andere helfte an de meistere.

[7]Und so denne woll van den meisteren oren frouwen eft kinderen na deme willen gades vorstorve, so schall men mede to grave folligen, so sich des bohert, und de knechte scholen dat lik to grave dragen. De des nicht dede und wer to hues, schall dat wedden myt ein half punt wasses in Marien bussen, he sy denne meister, frouwe eft knecht.

[8] So scholen ok alle meistere in Marien bussen geven alle sonavende II Pfennig.


[II.] Ordeninge und regiment der knechte.

[1] Item so ein knecht int erste wanderende kummet, schall me ome dusse gerechticheit vorlesen, dat he sich darna wete to holden und vor broke hebbe to bewarende.

[2] Darna schall men one inschenken und entfangen vor enen guden gesellen, so schall he fort geven in Marien bussen VI Pfennig.

[3] Wert sake, dat sich ein knecht so full drunke und wedder avergeve in deme kroge, so schall he geven I punt wasses in Marien bussen.

[4] Und so denne ein knecht darto ersoket wurde, den fullen knecht in sines meisters hus to bringende, dat he mochte vor schaden bohut wesen, und de knecht dat nicht endede, schal he wedden myt I tunnen rodes bers, de ene helfte in Marien bussen und de andere helfte in den krog.

[5] Und so id sich begeve, dat de knecht nicht bleve in sines meisters huse und ginge wedder darut in ungeborlike stede, so schall he in demsulvigen broke fallen.

[6] Darto so schall nen knecht unborlike were in dem kroge dregen by ein punt wasses broke in Marien bussen.

[7] Ok so schall nen knecht spelen myt tarlingen eft karthen noch buten edder binnen der stadt by broke I punt wasses, so vaken dat deit.

[8] Item ein ider knecht und wenner ener ut der lere gekamen schall alle XIIII dage geven in de bussen Marien II Pfennig.

[9] Welker junge ein jar in der lere is gewesen, de schall geven umme de XIIII dage I Pfennig in Marien bussen.

[10] Item wenner ein junge unse hantwark to lerende bogert, schall vor den meisteren angenamet werden, und ok dat he echte und rechte geboren sy und III jar in der lere wesen.

[11] Und wenner ein junge also in de lere kummet, de schall geven den knechten III β in den krog und IIII β in de bussen.

[12] Dar denne ein knecht sodane lerejar nicht geholden hedde, desulvige schall nicht gefordert werden.

[13] Wert ok, dat ein geselle in krankheit fylle, deme schall men IIII eft VIII β ut der bussen lenen, und so denne de knecht storve, schall me sodane gelt ut sinen redesten guderen soken. Bleve he aver lovendig, so schall he id wedder in de bussen geven.

[14] Item so ein geselle brokhaftich wurde vorsatig in der botalinge, schall one nen meister holden tegen der gesellen dank so lange he sich richtig maket. Und so denne ein knecht wandert eft utgeschenket wert, de schall geven VI Pfennig in Marien bussen.

[15] Und ut allen dussen vorigen gebroken schall enes ersamen rades broke, so jenich knecht darin felle, vorgan und nicht hindren.

[16] Wes denne also in de bussen gesammelt, will me to hulpe nemen to twen bomen und lichten tor ere gades und der hilligen junkfrouwen Marien, or hoge lof darmede to vormeren. Schreven des mitwekens na Marien lichtmessen dage anno XXV.

Quelle: Eduard Bodemann, Hg., Die Älteren Zunfturkunden der Stadt Lüneburg. Hannover, 1883, S. 170-72.

 

2. Zunftbrief für die Schwarzfärber und Mängeler im Fürstentum Hessen 1580

Kurzbeschreibung

Dort wo das körperschaftliche Leben schwach war oder nicht existierte, lag die Regulierung des Handwerks in den Händen einer höheren Autorität, gewöhnlich eines Fürsten. Dieser Zunftbrief für die hessischen Schwarzfärber und Mängeler wurde von Landgraf Wilhelm „dem Weisen“ (1532–92) erlassen. Laut Wilhelm sei der Zunftbrief von den Ausübenden dieser beiden eng verwandten Handwerke verlangt worden. Insofern handelt es sich bei diesem Dokument streng genommen nicht um eine Zunftordnung, sondern um ein fürstliches Statut, das im Wesentlichen Bestimmungen über die Organisation von Arbeit und Produktion trifft, einschließlich der Preisabsprache (Paragraph 17).

Quelle

Wir Wilhelm von Gottes gnaden landtgraue zu Hessen, graue zu Catzenelnbogen, Dietz, Ziegenhainn und Nidda etc. thun kundt hierann uffentlich vor uns, unsere erbenn undt nachkommende fürstenn zue Hessenn bekennende, als uns itzo unsere underthanen undt lieben getrewenn, die sambtliche schwartzferber undt mengeler des schwarzferberhandtwergks, undertheniglichenn angelangt undt gepettenn, ihnenn gleich andernn handtwercken inn unsernn stettenn undt dorffern ein inung und zunfft ihres schwartzferbers undt mengelers handtwercks, darmitt dasselbig uffrichtig und trewlich under ihnenn getriebenn undt sonstett darinn guette ordnungen gehaltten werden möchtte, gnediglichenn uffzurichtenn und mittzutheilenn, das wir demnach aus sondernn gnaden, darmitt wir ihnen gewogenn undt sonderlich umb ihres und gemeiner unserer stett und ambter bestenn undt nutzenn willen, diesem ihrem underthenigem suchen gnediglichen stadt gegebenn undt ihnen solche zunfft undt inung aus landtsfürstlicher macht mittgetheiltt habenn undt thun das hirmitt undt inn crafft dieß brieffs wissentlich uff formb und maß wie nachvolgett:

[1.] Undt erstlich, da einer diß handtwerck treibenn und sich dessenn geprauchenn will, derselbig soll redlich undt fromb sein undt hinfuro anders nicht inn diese zunfft ingenohmmenn werdenn, er hab dan das handtwerck nach außweissung dieses unsers innungsbrieffs drey jhar lang bey einem redlichenn meister uffrichtig gelernett und deshalbenn vonn seinem lehrmeister ein schriftlichenn schein, den ein jeder lehrmeister seinem lehrjungenn zu gebenn verpflichtett sein soll, vorzulegenn, auch damitt er die gewohnheitt undt ordnung des handtwergks desto besser innenn, zwey jahr lang uffs handwerck gewandertt habenn undt alsdan sich mitt zehen guldenn einkeuffenn, die halb uns und die ander helffte dem handwerck gefallenn und gegebenn werden sollenn.

[2.] Wehr nuen bedacht ist, berurtt schwartzferber oder mengelers handtwerck zue lernenn, der soll von frommenn, redtlichenn elternn sein undt dasselbig beurkundt habenn, dartzu sich viertzehenn tage darbey versuchenn, da ihme dan dasselbig beliebtt, alsdann soll er sich jegenn seinen lehrmeister verburgenn, das handtwerck drey jhar lang bey demselbigenn zue lernenn, sich jegenn ihnen und die gesellenn gepurlichs gehorsambs zuuerhalten. Wurde aber ein lehrjung innerhalb der lehrjhar vonn seinem lehrmeister ohne redliche ursache vermissendlichen abtrettenn, derselbig soll des handwercks beraubt sein; hielte auch ein meister seinenn jungen dermassenn nicht wie ihme zuestehett, so soll derselbig meister nach verwirckung deshalbenn gestrafft werdenn.

[3.] Ein meister soll nichtt mehr als einen lehrjungen uffnehmenn undt wann er den ahngenohmmen hette, so soll er denselbigenn einem andernn meister zue lernenn nicht überlassenn oder zuestellenn, es were dann, das er armutts halber denn lehrjungenn nichtt halten noch fördern köntte, alsdan soltte ihme den jungen einem andern meister zu ubergebenn freystehenn.

[4.] Eins meisters sohnn aber, dieweill derselbig bey dem handtwergk ufferzogenn wirdett, soll die drey jhar zue lernenn nichtt verpflichtett seinn, es wehre dan, das er solch handtwerck ein zeitt lang verlassenn undt ein ander handtwerck gelernett oder sich sonstenn zue andernn geschefftenn gebrauchenn lassenn, alsdann soll er diß handtwerck, da er anders dasselbig zue treibenn bedachtt, vonn deswegenn, dieweill ers vertzogenn, drey jhar lang vonn newem zu lernenn verpflichtett und verbundenn sein.

[5.] Eins meisters sohn soll die zunfft gantz und eins meisters tochter halb habenn, darumb so eins meisters tochter ann einen dieses handtwercks bestattett wirdt, der soll die zunfft nuer zur helffte kauffenn.

[6.] Ein meister soll mehr nicht den einen lehrjungenn uff einmahll zue lernnen annehmen und wann er denselbigenn außgelernett hatt, so soll er ihnen in beysein zweyer oder jhe zum wenigstenn eines meisters undt eins gesellenn seiner lehrjahr loßzehlenn und ihme darüber ein schriftlich urkundt, sich dero anderer ortter bey meistern und gesellen zu gebrauchen habenn, gebenn.

[7.] Da auch einer diß handtwerck nicht redtlich gelernett und gleichwohll darauff wandernn thett, derselbig soll vonn keinem darzu gefördertt noch angenohmmenn werden, da ihnenn aber hierüber ein meister wissendtlich fördertte und uffenthielte, der soll ihme gleich geachtett werdenn. Thette er es aber unwissendt, so soll es ihme unnachteillig sein.

[8.] Kein meister soll seinem gesellenn, da er dessenn bedurfftig, ohne redtliche ursache uerleubenn undt einen andern ann seine stadt stellenn, es geschehe dann mitt des gesellenn guetten wissenn und willenn. Ingleichem soll keinn geselle einem meister, dem er in seiner arbeitt stehett, ohne desselbigenn bewilligung oder darzue habende erhebliche ursache aus deßelbigen arbeitt gehenn oder uhrlaub von ihme, so er seiner nöttig, nehmen. Da es aber einer oder mehr hierüber thette, dem oder denselbigen soll bey keinem meister inn unserem fürstenthumb zu arbeittenn verstattet werdenn.

[9.] Kein meister soll dem andern seine gesellenn abspannen oder abhendig machenn bey straff zweier gulden buß.

[10.] Bei ebenmessiger straff soll ein jeder meister, was ihme pracht, uffs beste zuerichtenn, damitt die leutte verwarett werdenn und keiner dem andern sein arbeitt durch einig mittell oder wege, wie das beschehenn köntte, abpsannen.

[11.] Trüge sich zu, das ein meister verstürbe undt deßenn hinderlassene wittwe das handtwerck zu treibenn bedacht, auch einen lehrjungen hette, so bey ihrem haußwirth angedingt wehr, so soll ihr dasselbig zu treibenn, auch den lehrjungen in seinen lehrjaren zu behaltenn verstattet werdenn, biß sie ihren widwenstandt unverrückt.

[12.] Würde sich eins meisters widtwe hinwieder ann einen gesellen dieses handtwercks bestattenn, so soll sie, sofern sich sonstett der gesell dieser ordnung gemeß verhaltenn, die innung halb habenn und der gesell die ander helffte vonn den handtwercks meistern zu keuffen verpflichtett sein.

[13.] Es soll auch keinem meister miedtleutte bey sich uffzunehmenn, noch bey andernn intzueziehenn, noch uff einem dorff zue wohnen und daselbst ein werckstadt uffzuerichtenn bey verlust des handtwercks verstattet werdenn, darmitt nicht dardurch störer uffwaichßenn undt den meistern inn stetten ihr arbeitt verhindert werde.

[14.] Keinem störer, handtferber noch puscher soll an den enden oder ortten, da ein redlicher meister wohnett, das handtwerck zu treibenn, noch auch sonstenn inn unserem fürstenthumb heußlichen zue wohnen nachgegebenn werdenn, wie dan jedes ortts unsere beampten deshalbenn ein vleissigs uffsehens haben sollenn.

[15.] Ein jeder redtlicher meister soll die gesellenn, so ider zeitt gewandert kohmmen und umb herbrige bey ihme ansuchen ein nacht zu herbrigen undt was das hauß vermag ihme mittzuetheillen verpflichtet sein, damitt auch ein jeder gesell zuefriddenn sein soll oder aber ein besser herbrig umb sein geldt suchenn.

[16.] Die meister sollenn jherlichs und ides jhars besondern uff jeden montagk nach dem Casselischen Michels jharmarckte inn unserm fürstenthumb ann dem ortt, dahinn sie sich jedes mals vergleichenn, zuesammenn kommen, daselbst zwen newe meister zu den zweyenn alttenn aus ihnen zue ober- oder handtwercksmeister uff der vorigenn obermeister vorschlag erwehlenn und bestettigenn, welche auch guete ordnung und dieße unsere innung uffrichtig haltenn, darzue ihnenn dann unsere beambten ides ortts behulffig undt beystendig sein sollenn. Köntte auch ein meister vonn ehehafftenn wegenn alsdan nicht erscheinenn, so soll er einen thaler alsdan zue schickenn verpflichtet sein. Da einer aber verechtlichenn verpbliebe, derselbig soll nach erkentnus der anweßendten meister und gesellen gestrafft werdenn, welche straff uns und dem handtwerck zue gleichem theill gefallenn soll.

[17.] Damitt auch hinfüro keiner unserer underthaner mitt dem lohne übernohmmen werde, so wollen wir, das hinfüro von einem schurtz, der zehenn gernn hatt, mehr nicht als zwolff pfennige undt von einem schurtz, der zwolff gernn, viertzehen pfennige gegebenn und genohmmen und also jedertzeitt der lohn nach der größe und gelegenheitt der schürtz gerichtett und niemandts übernommen werdenn soll. Vom tuch aber, so zweyer ehlen breitt, soll man vier pfennige undt von dem, so ehlenbreitt, zween pfennige undt vom drilch dritten halben halben pfennig vonn einer ehlenn gebenn und nehmenn. Die kauffleutte aber sollenn von hundertt ehlenn tuche ein thaler zu erlegenn verpflichtt sein. Da aber einer mehr oder weniger nehme als hierinnen vermeldt, derselbig soll solchs mitt vier gulden uns und dem handtwerck, idem zu seinem halben theill verbueßenn.

[18.] Soviell das leimbleder belangt, des zu diesem handtwerck nicht zu entrathenn, soll ein jeder meister dasselbig an dem ortt, da er heußlich gesessenn ist, inkeuffen, es wehr dan, das ers daselbst nicht gnugsamb bekohmmen köent, mag ers anderswoh auch zuewegen pringen, wie auch ein jeder meister dem andern solch leimbleder, ob und was er deßen ubrig hette, zu beforderung des handtwercks umb die gepuer, nemlich ein virttelssack umb achthalben alb. und theurer nicht, zukommen lassen soll. Da aber einer aus mißgunst oder ander mitteln dem andern den zeug verhindern, da ihme der nicht zugefurtt oder getragen wurde, der soll es mitt zweien gulden verbueßenn, sonsten soll einem idem den zeug, so ihme ungeuer zuekombtt, zue keuffen freystehenn.

[19.] Es soll auch keiner den andern ann seinen ehren und guetten leumutt mitt wortten oder werckenn angreiffen oder der straff darumb gewerttig sein.

[20.] Es sollen auch unsere beambten ides ortts dem handtwerck ob dieser innung zu haltenn undt zu einpringung verwirckter buß behulfflich undt befordersam sein.

[21.] Würden sie auch sonsten guete ordnung under ihnen machenn, die uns, unserm furstenthumb und underthanen nicht zuwieder wehren, dasselbig soll ihnen hirdurch unbenommen sein.

[22.] Doch behalten wir uns, unsern erben und nachkommen frey und beuor, dieße ordenung jedertzeitt nach unserm gefallenn zue mehrenn, zue mindern oder gantz und gar abzueschaffenn, alles getrewlich undt ohne gefehrde.

Des zu urkundt habenn wir unser fürstlich secrett insiegell ann diesen brieff hencken lassenn, der geben ist zu Cassell, den funfftzehenden nouembris anno domini ein tausentt fünnfhundertt und achtzigk.

Wilhelm 1. z. Hesßen.

Reinhardus Schefferus, cancellarius vt.

Quelle: Edmund Salow, Hrsg., Das Zunftwesen in Kassel bis zum Erlaß der hessischen Zunftordnung von 1693. Lichtenau, 1978, S. 190–93.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Zunftordnung der Pantoffelmacher in Lüneburg (8. Februar 1525), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-3964> [25.09.2026].

-> Zunftbrief für die Schwarzfärber und Mängeler im Fürstentum Hessen (15. November 1580), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-3965> [25.09.2026].

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Sekundärliteratur

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Bauernkrieg


Bauernkrieg

Geschichte des Bauernkrieges

Inhaltsverzeichnis

  1. Bauernkrieg vor 500 Jahren: 5 Dinge, die Sie wissen müssen
  2. Bauernkrieg 1524 - 1526 (Allgemein und Fokus Bayern)
  3. Die Geschichte des Bauernkrieges
  4. Beschwerden und Forderungen. Die zwölf Artikel der schwäbischen Bauern. (Quelle)

1. Bauernkrieg vor 500 Jahren: 5 Dinge, die Sie wissen müssen
Ein Drama, das bis heute nachwirkt: Vor 500 Jahren proklamieren Bauern in Süddeutschland mehr Freiheit und Mitsprache. Die Aufständischen treten mit Mistgabeln gegen Kanonen an. Martin Luther schlägt sich auf die Seite des Adels. Es endet in einem Blutbad.
Heute ist Freiheit in Deutschland im Grundgesetz verankert, von den meisten wird sie als Selbstverständlichkeit gesehen. Im Jahr 1525 blüht die Idee von mehr Freiheit nur ein paar Monate. Schon zuvor hatten sich, ermutigt von den umwälzenden Gedanken der Reformation, einzelne Gruppen von Bauern in Mittel- und Süddeutschland erhoben – gegen die Ausbeutung durch Adel und Kirche.
Sie überfallen Klöster und Städte und schrecken vor Gewalt nicht zurück. Den einfachen Männern gelingt jedoch auch Unerhörtes: Sie formulieren Forderungen, denen Gedanken von Freiheits- und Menschenrechten zugrunde liegen. Stoff für eine Revolution, doch das Vorhaben scheitert weitgehend.

Die eiserne Hand des Götz von Berlichingen in einer Ausstellung auf der Götzenburg in Jagsthausen, Deutschland 1998

Die Rache der Obrigkeit ist fürchterlich. Die aufständischen Bauern werden an verschiedenen Orten „niedergemacht“. Die Zahl der Todesopfer wird auf 70.000 bis 100.000 geschätzt. Die Sieger bestimmen die Geschichtsschreibung und stempeln die Bauern mit den Worten Martin Luthers als „mordende und plündernde Horden“ ab – kaum ein Wort zu deren Zielen. Auf Freiheit müssen die Deutschen danach lange warten.

1. Bauernkrieg – Lehren für heute

Oxford-Historikerin Lyndal Roper ist überzeugt: Herausforderungen, die die Bauern damals bewegten, sind noch heute aktuell. Dazu zählt sie die Frage, wie man die Ressourcen der Erde zum Nutzen aller schützt – eine ökologische Dimension, eng verknüpft mit dem damals tiefen Glauben an „Gottes Schöpfung“. 

2. Bauernkrieg 1524-1526
Zeitgenössische Darstellung eines Bauernhaufens. Abbildung des Titelblatts der „Bundesordnung“, beschlossen bei der Bauernversammlung in der Memminger Kramerzunftstube, 1525. (Bayerische Staatsbibliothek, Res/4 Eur. 332,33)

von Barbara Schratzenstaller

Als Bauernkrieg werden überregionale Aufstände in Teilen des Heiligen Römischen Reichs bezeichnet, die nach erstem Aufflammen 1524 im Jahr 1525 voll ausbrachen. Sie wurden maßgeblich getragen von der ländlichen Bevölkerung und hatten in erster Linie eine Verbesserung ihrer Rechtsstellung gegenüber der Obrigkeit sowie der wirtschaftlichen Lebensbedingungen zum Ziel. Unter dem Eindruck der Reformation sollte die Gesellschaftsordnung nach einem aus der Bibel abgeleiteten "Göttlichen Recht" ausgerichtet werden. Trotz anfänglicher Versuche gütlicher Verhandlungen leiteten Landesherren betroffener Gebiete, maßgeblich der Schwäbische Bund als Zusammenschluss süddeutscher Reichsstände, gegen die vielerorts in Haufen zusammengeschlossenen Aufständischen militärische Maßnahmen in die Wege. Binnen weniger Monate wurden die Erhebungen niedergeschlagen, Tausende der daran Beteiligten kamen dabei ums Leben.

Begriffsbestimmung

Zeitgenössisch bildete sich keine feste Begrifflichkeit heraus, um die Erhebungen 1524 bis 1526 zu bezeichnen. Im Schrifttum dieser Jahre finden sich unterschiedliche Termini wie aufrur, empörung und ungehorsam. Auch die später gängige Bezeichnung 'Bauernkrieg' (bawrenkrieg, tumultus agricolarum u.ä.) ist bereits 1525 vereinzelt belegt. Diese ist allerdings nicht unproblematisch, weil sie die soziale Schicht der Akteure auf die Bauern beschränkt und kriegerisches Handeln als wesentliches Charakteristikum benennt. Beide Merkmale vermögen die Vielschichtigkeit der Ereignisse nicht ausreichend abzubilden. Bemühungen, die Konflikte gütlich und friedlich zu lösen, bleiben dabei ebenso ausgeblendet wie die Beteiligung anderer Teile der Bevölkerung an den Aufständen: Zu nennen sind etwa Handwerker, Bergknappen, in Städten wohnhafte Ackerbürger, daneben die Mitwirkung oder zumindest Unterstützung durch einzelne Protagonisten aus (Nieder-)Adel und Ritterschaft.

In den 1970er Jahren versuchte Peter Blickle (1938-2017) als Alternative den Begriff der Empörung bzw. Revolution "des Gemeinen Mannes", zu etablieren, der terminologisch alle nicht an der Herrschaft beteiligten Bevölkerungsteile in die Vorgänge einbindet und ebenfalls an zeitgenössische Auffassungen vom "Gemeinen Mann" als dem Verursacher der Unruhen anknüpft. Diese Perspektive sollte sich jedoch nicht vollends durchsetzen; als Verständigungsbegriff ist 'Bauernkrieg' bislang unersetzt.

Ursachen, zeitgenössischer Kontext und Ziele der Aufständischen

Vielfältige politisch-herrschaftliche, rechtliche, wirtschaftliche, religiöse und soziale Umstände des frühen 16. Jahrhunderts bildeten ein Konglomerat, das die insgesamt von 1524 bis 1526 währenden Aufstände entfachte. Mit Gerd Schwerhoff (geb. 1957) lässt sich von einem breitgefächerten "Krisenpanorama" sprechen, das die bisherige Forschung skizzierte. Regional sind unterschiedliche Faktoren auszumachen, deren Wirkungen zudem je nach Forschungsposition verschieden gewichtet werden. Grundsätzlich dürfte weniger wirtschaftliche Not, als eine Verschlechterung der rechtlichen Situation großer Teile der Bevölkerung die Aufstände entscheidend mitbedingt haben. Die Vorstellung vom "armen Bauern" in dieser Zeit im Generellen gilt als überholt. Allerdings war insbesondere in kleinteiligen Herrschaftsgebieten aufgrund der komplexen Agrarverfassung die ökonomische Gesamtbelastung der Bevölkerung gestiegen: Zwar wurden die mittlerweile nicht mehr anlassbezogenen Steuern nunmehr regelmäßig einbezogen. In Territorien, in denen der Landesherrzugleich Grundherr war, erhöhte die Kumulation von Herrschaftsrechten jedoch den Druck auf die bäuerliche Bevölkerung und beförderte ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Obrigkeit.

Bereits im Spätmittelalter und in den Jahren vor dem Bauernkrieg war es regional zu kleineren Aufständen gekommen. Dabei handelte es sich um Reaktionen auf die seit dem 15. Jahrhundert intensiv vorangetriebene Verdichtung der Herrschaftsrechte von landbesitzendem Adel, Klerus und Städten, die den Beginn der frühmodernen "Territorialisierung" markieren. Althergebrachte Rechte, wie die Nutzung der Allmende, waren zunehmend eingeschränkt worden. Die Wahrung alter Rechte, nicht die Einforderung neuer Rechte, bildete dementsprechend im Bauernkrieg einen wesentlichen Kern der Forderungen der Aufständischen. Durch die beginnende Staatsbildung war es zudem innerhalb des Adels zu Abstiegsprozessen gekommen, da Grafen, Herren und Ritter daran nur erschwert Anteil nehmen konnten. Zur Sicherung ihres Platzes im Herrschaftsgefüge wie ihres Lebensstandards reagierten Niederadlige mit Maßnahmen, die die wirtschaftliche bzw. rechtliche Stellung ihrer Hintersassen schwächten, indem sie etwa ihre Eigenwirtschaft ausbauten und damit in Konkurrenz zu diesen traten.

Gleichzeitig wuchs überregional der Wunsch von Bauern nach Partizipation; Formen der Repräsentation, wie die Teilnahme von Angehörigen des Bauernstands an Landtagen, waren im Spätmittelalter nur in wenigen Gebieten eingeführt worden (Salzburg, Tirol). In begrenztem Maße dürften vor allem im alemannischen Raum die von Bauern getragenen Gemeinwesen der Schweizer Urkantone eine Vorbildwirkung entfaltet haben.

Nur regional von Bedeutung war dagegen die Forderung nach Abschaffung der Leibeigenschaft. Dieses Zugriffsrecht auf Personen, das unterschiedlich streng ausgeprägt sein konnte (teils etwa nur eine spezielle Abgabe, wie in Form der symbolischen "Leibhenne", zur Folge hatte), existierte vielerorts nicht mehr. Vor allem in Teilen Schwabens bestand die Leibeigenschaft jedoch fort und bildete dort auch teilweise einen wesentlichen Beschwerdepunkt der Bauern, insbesondere aufgrund ihrer Verbindung mit dem "Todfall" (einer Sachleistung, die bei Todesfall von den Nachkommen an den Grundherrn abzugeben war).

Titelseite des Erstdrucks der "12 Artikel von Memmingen", Augsburg 1525. (Bayerische Staatsbibliothek, Rar. 1677#Beibd.2)

Ein wesentlicher Unterschied zu früheren Aufstandsbewegungen war die starke religiös-theologische Konnotation des wenige Jahre nach der Reformation ausgebrochenen Bauernkriegs. Die Aufrührer stützten sich zentral auf das Evangelium. Anstelle theologischer Auslegungen sollte dieses als reine Lehre verbreitet werden, womit eine reformatorische Forderung aufgegriffen wurde. Die soziale Ordnung sollte mittels einer an der Bibel ausgerichteten Rechtsordnung ("Göttliches Recht") verändert werden. Von den Aufständischen teils unter Mitwirkung von (Laien-)theologen formulierte Vorstellungen wurden auch von Martin Luthers (1483-1546)  Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" (1520) beeinflusst. Die wichtigste programmatische Publikation auf Seiten der Aufständischen sind die in Memmingen verabschiedeten "Zwölf Artikel", die ihre Argumentation aus der Heiligen Schrift ableiten. Sie bieten eine Synthese der wichtigsten Forderungen der Aufständischen in Schwaben (u. a. nach freier Pfarrerwahl zur Sicherung der Seelsorge auf dem Land, vollständiger Abschaffung der Leibeigenschaft, Reduzierung von Frondiensten und Abgaben sowie Rückgabe entzogener Allmende). Der Buchdruckermöglichte eine rasche überregionale Verbreitung dieses Textes während der Hochphase der Aufstände ab dem Frühjahr 1525, in der Folge bildete er auch in anderen Regionen die Basis der Forderungen.

Verlauf des Bauernkrieges in Grundzügen

Seinen Anfang nahm der Bauernkrieg im Südwesten des Reichs. Bereits Mitte 1524 erhoben sich in der Landgrafschaft Stühlingen im Schwarzwald Bauern aufgrund zunehmender Belastungen gegen ihren Herrn und brachten ihre Beschwerden vor das Reichskammergericht.

Um den Jahreswechsel 1524 auf 1525 schlossen sich bei Baltringen in Oberschwaben mehrere Tausend Bauern zu einem "Haufen" zusammen. Als Haufen sind im Kontext des Bauernkrieges paramilitärische Vereinigungen der Aufständischen zu verstehen, die sich im Laufe des Konfliktes konsolidierten, was sich beispielsweise an der Vergabe von Ämtern (Feldhauptmann, -schreiber) ablesen lässt.

Georg III. von Waldburg-Zeil, genannt Bauernjörg, Truchsess von Waldburg (reg. 1511-1531). Stich nach einem Gemälde. Abb. aus: Franz Ludwig Baumann, Geschichte des Allgäus, Bd. 3, 1894, 26. (Bayerische Staatsbibliothek, Bavar. 4613 k-3)
Exemplarische Darstellung einer Klosterplünderung nach Abt Jacob Murer(1468-1533) in der Chronik des Prämonstratenserstifts Weißenau von 1525. (Günther Franz (Hg.), Jacob Murers Weissenauer Chronik des Bauernkrieges von 1525, Bd. 2: Faksimile, Sigmaringen, 1977, s. p.)

Der Schwäbische Bund, dem in der Region die Aufgabe der Friedenssicherung zukam, bemühte sich rasch darum, die Erhebung einzudämmen. Am 9. Februar 1525 trafen sich Abgesandte des Bundes mit Vertretern des Baltringer Haufens zu Gesprächen. Parallel dazu begann der Schwäbische Bund vorsorglich Truppen zu formieren, Georg Truchsess von Waldburg (1488-1531) wurde zum Obersten Feldhauptmann ernannt. Währenddessen bildeten sich ebenfalls in Schwaben der Allgäuer Haufen und der Bodenseehaufen. Die drei schwäbischen Haufen gründeten am 7. März 1525 eine "Christliche Vereinigung", um dem Schwäbischen Bund geschlossen ihre Forderungen zu unterbreiten. Ihre Vertreter berieten sich in Memmingen, wo sie Mitte März die Zwölf Artikel abfassten und ihrer Vereinigung eine Bundesordnung gaben.

Im März und April 1525 weiteten sich die Unruhen aus auf Gebiete in Thüringen, Franken, der Pfalz, dem Elsass, dem Mittelrheingebiet, Tirol, Salzburg, darüber hinaus auf Teile der Eidgenossenschaft. In dieser Phase kam es auch zu ersten Gewalthandlungen. Überregional plünderten und brandschatzten Bauernhaufen Klöster und Adelssitze, an lokalen Plünderungsaktionen wirkten immer wieder Frauen und Kinder mit. Derlei anti-feudale und anti-klerikale Agitationen waren teils auf die erfolglos gebliebenen Verhandlungsbestrebungen der Aufständischen zurückzuführen. Nach mehrtägigen Raubzügen in Klöstern und Burgen in der Umgebung geriet am 4. April 1525 ein schwäbischer Bauernhaufen bei Leipheim in eine erste größere militärische Konfrontation mit dem Schwäbischen Bund und wurde vernichtend geschlagen. In der Kriegsführung konnten es die Haufen insgesamt nur schwer mit gegnerischen Fürstenheeren aufnehmen, auch wenn manche der Aufständischen über militärische Erfahrung verfügten und vereinzelt Niederadlige auf ihren Seiten wirkten, wie beispielsweise der Reichsritter Florian Geyer (ca. 1490-1525) in Franken.

Titelseite des Vertrags von Weingarten mit einer Stellungnahme Martin Luthers (1483-1546), 1525. (Landesbibliothek Coburg, Lu Ia 1525,12)

Am Ostersonntag, den 16. April 1525 erstürmte ein Bauernhaufen, der sich im Raum von Neckartal und Odenwald gesammelt hatte, das im Herzogtum Württemberg gelegene Weinsberg. Der dortige Amtmann, Graf Ludwig von Helfenstein (1493-1525), und 16 weitere Adlige wurden von den Aufständischen am nächsten Tag durch Spießrutenlauf getötet. Diese Tat wurde seitens der Obrigkeit als besondere Niederträchtigkeit empfunden und wirkte als Katalysator für ein entschlosseneres militärisches Vorgehen des Schwäbischen Bundes. Dass das Aufbegehren der Bauern nicht zwangsläufig eskalieren musste, zeigt der zeitgleiche Vorgang in Weingarten: Georg Truchsess von Waldburg hatte mit dem Seehaufen eine vertragliche Vereinbarung getroffen, die eine militärische Konfrontation abwendete. Der "Weingartener Vertrag" vom 17. April verlangte die Auflösung der Christlichen Vereinigung und stellte dafür gerichtliche Verhandlungen über deren Beschwerden in Aussicht. Trotz solcher Tendenzen der Verrechtlichung verfolgte das Bundesheer unter Truchsess von Waldburg in der Konfliktführung 1525 insgesamt eine kriegerische, auf die Tötung anstelle der Gefangennahme von Aufständischen und die Zermürbung der Bevölkerung zielende Linie, die durchaus Kritik hervorrief, etwa seitens der Städte im Bund.

Die württembergischen Bauern wurden am 12. Mai bei Böblingen von Bundestruppen besiegt. Kurz darauf ließ der Herzog Franz von Lothringen bei Zabern tausende Bauern töten – es war das wohl opferreichste Gefecht des Bauernkriegs. In der Kurpfalz wurden die Bauern bei Pfeddersheim am 23./24. Juni geschlagen. Nachdem schließlich im Juli 1525 die Aufstände im Allgäu durch den Schwäbischen Bund niedergeworfen worden waren, entließen dessen Kriegsräte einen Großteil des Heeres. In der thüringischen Reichsstadt Mühlhausen hatte indes der reformatorische Prediger Thomas Müntzer (1489-1525) Unruhen befeuert und dem Aufstand mit der Zuschreibung, das auserwählte Volk Gottes zu sein, radikal-apokalyptische Züge verliehen. Im Mai 1525 kam es zur militärischen Konfrontation gegen ein hessisch-braunschweigisch-sächsisches Heer, die bei Frankenhausen mit einer vernichtenden Niederlage der Aufständischen und der Hinrichtung Müntzers endete.

Aufstände von Bauern und Bergknappen in Nord- und Südtirol führten am 12. Juni 1525 zur Eröffnung eines Sonderlandtages durch Erzherzog Ferdinand (reg. 1521-1564, ab 1558 Kaiser), auf dem Abgesandte der Bauern zentrale Forderungen vorbrachten, die zum Teil in eine im Jahr darauf festgesetzte Landesordnung übergingen. Im Erzstift Salzburg lehnten sich im Mai 1525 ebenfalls Bergleute und Bauern gegen die fürstbischöfliche Landesherrschaft auf und zogen am 6. Juni in die Bischofsstadt ein. Am 3. Juli 1525 besiegten salzburgische Aufständische bei Schladming Truppen unter dem steiermärkischen Landeshauptmann Sigmund von Dietrichstein (1484-1533). Vermittelt durch Herzog Ludwig X. von Bayern (reg. 1516-1545) kam es am 31. August 1525 zu einem Waffenstillstand in Salzburg. Angestrebte Verhandlungen zur Schaffung einer Landesordnung wurden, anders als in Tirol, allerdings verschleppt. Dies bedingte ein erneutes Aufflammen von Unruhen; erst im Juli 1526 konnte ein letzter Aufstand militärisch beendet werden.

Ungefähre Ausdehnung des Bauernkriegs 1525 in einer Karte, die das Heilige Römische Reich Deutscher Nation um 1500 zeigt. (Kartengrundlage: © IEG / A. Kunz 2008lizenziert durch CC BY-NC 4.0)

Die räumliche Ausbreitung des Bauernkriegs, in dessen Verlauf bis zu 300.000 Aufständische unter Waffen gestanden haben mögen, darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der größere Teil des Heiligen Römischen Reiches davon nicht oder nur peripher betroffen war. Dies gilt für viele weltliche ebenso wie für einige geistliche Territorien. Hierzu zählen das bayerische Herzogtum, aber auch Pfalz-Neuburg und die Oberpfalz.

Betroffenheit der verschiedenen Landesteile im Bereich des heutigen Bayerns

Schwaben

Eines der Kerngebiete der Aufstände lag im Allgäu, das politisch-administrativ unterschiedliche Territorien umfasste: neben den großen geistlichen Herrschaften des Fürststifts Kempten und des Hochstifts Augsburg sind vor allem Reichsstädte (Kaufbeuren, Memmingen, Isny, Leutkirch, Wangen, Kempten) und kleinere weltliche wie geistliche Herrschaften zu nennen. Eine regionale Besonderheit war die vor allem im Fürststift Kempten noch übliche Rechtsstellung der Untertanen als Leibeigene ("Allgäuischer Gebrauch"). Sie wurde von den Fürstäbten im Zuge der Territorialisierung ihres Herrschaftsbereichs als drückendes Instrument eingesetzt und beförderte die Unzufriedenheit der Untertanen massiv.

Im Februar 1525 hatten sich im Allgäu mehrere tausend Aufständische zu einem Haufen zusammengeschlossen und waren Anfang März der "Christlichen Vereinigung" beigetreten. Während sich die Aufständischen in Schwaben konsolidierten, kam es zunächst noch zu Versuchen der gütlichen Einigung. Es wurden Forderungskataloge an die jeweiligen Herren gesandt. Die Allgäuer Bauern trugen an Erzherzog Ferdinand als Statthalter des Kaisers die Erwartung nach der Durchsetzung des göttlichen Rechts heran.

Verhandlungen mit dem Schwäbischen Bund scheiterten im Laufe des März, unter anderem aufgrund einer von diesem angewandten Verzögerungs- und Separierungstaktik. Auch im Allgäu schlugen die Aufstände in Gewalt um, ein großer Kloster- und Burgensturm trieb die Geistlichen und Adligen zur Flucht in die Reichsstädte. Der Annahme des Weingartner Vertrags vom 17. April verweigerten sich die Allgäuer Bauern. Sie hatten sich zur Vorbereitung auf erwartete militärische Aktionen des Schwäbischen Bundes in zwei Haufen mit Stützpunkten im Westen und Osten des Allgäu aufgeteilt.

Zwischenzeitlich befanden sie sich in einer vielversprechenden Lage: im Allgäu gab es nach dem Kloster-und Burgensturm kaum mehr Gegner der Bauern und die Reichsstädte verhielten sich neutral bis sympathisierend. Eine längerfristige Festigung ihrer Position gelang jedoch nicht. Nach der Niederwerfung der Aufstände in Franken waren die Truppen des Schwäbischen Bundes bereit für einen Zug ins Allgäu. Am 14. Juli trafen die Bundestruppen mit den Bauernhaufen beim Fluss Leubas zusammen, eine offene Schlacht wurde durch eine Zermürbungstaktik Georg von Waldburgs verzögert. Indessen wandten sich nach Ankunft des Landknechtsführers Georg von Frundsberg(1473-1528) Teile der Bauern zur Flucht, wurden aber von Bundestruppen eingeholt und vernichtend geschlagen, wobei ganze Dörfer in Brand gesteckt wurden. Um die 3.000 Mann, die sich noch auf den Kohlenberg bei Sulzberg zurückgezogen hatten, ergaben sich eine Woche später. Im Rahmen der Kapitulation wurden 18 Personen hingerichtet.

Im Ergebnis brachte der Bauernkrieg im Allgäu vor allem für die Untertanen im Fürststift Kempten eine Verbesserung ihrer Lage: Unter Vermittlung des Schwäbischen Bundes schloss Abt Sebastian von Breitenstein (reg. 1522-1535) mit Ihnen am 20. Januar 1526 den "Memminger Vertrag", der nach einer bereits längeren Phase von Konflikten um die rechtliche Stellung der stiftischen Bauern deren Rechtssicherheit erhöhte und zu ihrer wirtschaftlichen Entlastung beitrug; später sollten sie den Rang der Landstandschaft erhalten.

Franken

Zahlreiche Herrschaftsgebiete in Franken gerieten in einer kurzen, heftigen Phase von März bis Juni 1525 in den Sog des Bauernkriegs. Ende März kam es, wohl beeinflusst durch Unruhen in der Herrschaft Hohenlohe und den Gebieten des Deutschen Ordens, zu Aufständen im Territorium der Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber, wo mit Unterstützung von Teilen der Bürgerschaft der Rat entmachtet wurde. Bauern aus dem Markgraftum Brandenburg-Ansbach und umliegender Herrschaften aus dem Nördlinger Ries schlossen sich zu einem Haufen zusammen. Es formierten sich ferner drei große fränkische Bauernhaufen, der Taubertaler, der Neckar-Odenwäder und der Bildhäuser Haufen, letzterer benannt nach dem geplünderten und zerstörten Zisterzienserkloster Maria Bildhausen nahe Münnerstadt.

Entsatz der belagerten Festung Marienbergdurch den Schwäbischen Bund am 8. Juni 1525. Zeitgenössischer, kolorierter Holzschnitt aus dem Contrfect[us] Etlicher Krigshandlvng (sog. "Bamberger Burgenbuch"), 1523-1527. (Staatsbibliothek Bamberg, RB.H.bell.f.1, fol.68 (Detail), lizenziert durch CC BY-SA 4.0)

Im April 1525 erreichten die Aufstände die Hochstifte Würzburg und Bamberg. In Bamberg richteten sich diese stark gegen die adlig-klerikale Mitregentschaft des Domkapitels. In kurzer Zeit wurden im Hochstift 200 Burgen zerstört oder mussten geöffnet werden. In Würzburg flohen am 5. Mai 1525 Fürstbischof Konrad von Thüngen (reg. 1519-1540) und Mitglieder des Domkapitels aus der Stadt, der teils mit ihnen sympathisierende Stadtrat schloss sich wenige Tage später den Aufständischen an. Im Hochstift wurden zahlreiche Klöster geplündert und Forderungen nach deren Aufhebung verlautbart. Vergleichsweise ruhig blieb es dagegen im Gebiet der Reichsstadt Nürnberg, deren Rat ein Ausgreifen der Unruhen durch gewisses Entgegenkommen, etwa die Aufgabe von Zehntrechten, verhindern konnte. Zwischen ihren Verpflichtungen als Mitglied des Schwäbischem Bundes und den gleichzeitigen Hoffnungen der Aufständischen auf militärische Unterstützung bemühte sich die Reichsstadt um eine neutrale bis ausgleichende Haltung.

Markgraf Kasimir von Brandenburg-Ansbach (reg. 1515–1527) ging konsequent gegen die Unruhen in seinem Territorium vor: am 7./8. Mai 1525 besiegte er den zahlenmäßig überlegenen Rieshaufen in der Schlacht bei Ostheim, am 9. Juni 1525 ließ er in Kitzingenzahlreiche aufständische Bürger hinrichten bzw. blenden, was eine im Vergleich herausragend harte Vergeltungsmaßnahme darstellte. Vor den Toren Würzburgs trafen am 8. Mai 1525 die großen fränkischen Haufen zusammen mit dem Ziel, die Landesfestung Marienberg zu erstürmen. Trotz schwerer Beschädigungen wurde sie von den Bauern letztlich nicht eingenommen. Als Truppen des Schwäbischen Bundes mit Bischof Konrad das Würzburger Umland erreicht hatten, stellten sich die Haufen der militärischen Konfrontation, die mit schweren Niederlagen endete (2. Juni bei Königshofen; 4. Juni bei Ingolstadt in Unterfranken) und tausenden Bauern das Leben kostete.

Am 7. Juni ergaben sich die verbliebenen Würzburger Aufständischen, womit der Bauernkrieg in Franken endete. Hinrichtungen von Rädelsführern durch den Bund wie die Landesherren, eine Wiedereinsetzung der Stadträte und allgemein verhängte Strafzahlungen waren unmittelbare Folgen in der Region.

Herzogtum Bayern

Obgleich es von mehreren Territorien umgeben war, in denen Aufstände tobten, zählt das Herzogtum Bayern zu jenen Gebieten, die vom Bauernkrieg kaum betroffen waren. Zwar lässt sich auch für Bayern in diesen Jahren eine erhöhte Unzufriedenheit der Bevölkerung erkennen, die sich in Beschwerden an die Herzöge über hohe Abgaben, zu leistende Dienste und Wildschäden manifestierte. Es kam jedoch weder zu Zusammenschlüssen von Bauern noch zu größer angelegten aufrührerischen Aktionen oder zum Aufbegehren gegen die herzogliche Landesherrschaft.

Die Unruhen strahlten 1525 nur leicht in die Randgebiete Bayerns aus. Nahe der Grenze zum Erzstift Salzburg zogen bayerische Bauern bewaffnet in Traunstein ein. Intention und Organisationsform dieser kleinräumigen Erhebung sind nicht mehr zu rekonstruieren. Gesichert ist, dass die herzogliche Zusage der Abstellung ihrer Beschwerden ausreichte, um die Aufständischen zu besänftigen. Drei Rädelsführer wurden im Nachgang am 30. Januar 1526 hingerichtet. An der Grenze zum Hochstift Eichstätt sind einzelne Überläufer aus Bayern zum Mässinger Haufen belegt. In einer kurzen Phase von Einfällen schwäbischer Bauern über den Lech nach Bayern im Mai 1525, bei denen unter anderem Kloster Steingaden geplündert und in Brand gesetzt wurde, kam es nicht zu einer Vereinigung mit bayerischen Bauern. Diese flohen oder schlossen sich, wie am Peißenberg und in Eglfing am Staffelsee, sogar zur Abwehr der schwäbischen Bauern zusammen und warteten auf herzogliche Anweisungen.

Für das Ausbleiben des Bauernkriegs im Herzogtum Bayern lassen sich mehrere Gründe benennen. So trafen die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. (reg. 1508-1550) und Ludwig X. Vorkehrungen, um ein unmittelbares Eindringen der Aufstände von außen abzuwehren. Im Westen wurden zum Schutz vor den schwäbischen Bauern jenseits des Lech im Frühling 1525 die Grenzüberwachung durch herzogliche Beamte intensiviert, Geschütze in Stellung gebracht und die Stimmung in der Bevölkerung durch die Pfleger sondiert. Die Anwerbung böhmischer Söldner, frühzeitige Hilfsforderungen an Landsassen und Städte für den Bedarfsfall und Heranziehung der Klöster zu finanzieller Unterstützung bildeten weitere Maßnahmen. Insbesondere Kanzler Leonhard von Eck (1480-1550) sprach sich für ein hartes Vorgehen gegenüber den Aufständischen aus und setzte diese Politik als einer der Kriegsräte beim Tag des Schwäbischen Bundes überregional um. Bereits nach dem kaiserlichen Edikt des Wormser Reichstages 1521 war im Herzogtum erfolgreich das Verbot der Verbreitung lutherischer Schriften durchgesetzt worden, das erste herzogliche Religionsmandat vom 5. März 1522 untersagte auch die mündliche Auseinandersetzung mit den neuen Lehren.

Allein mit obrigkeitlichen Maßnahmen lässt sich die Ruhe im Herzogtum Bayern unter den im frühen 16. Jahrhundert gegebenen Möglichkeiten herrschaftlicher Durchdringung des Landes jedoch nicht erklären. Mit ausschlaggebend war ein fehlendes Bedürfnis der Untertanen, sich gegen ihre Landesherrschaft zu stellen, um alte oder neue Rechte einzufordern. Bereits im 15. Jahrhundert waren im Herzogtum Regelungen getroffen worden, die die rechtliche Stellung der Bauern im Vergleich zu anderen Regionen besser und langfristiger absicherten. Bei Klagen der herzoglichen Bauern ist ein gewisses obrigkeitliches Entgegenkommen, auch in den Jahren des Bauernkriegs, fassbar; so wurden lokal etwa Maßnahmen gegen Wildverbiss gestattet. Ferner konnten Untertanen Beschwerden über adlige und kirchliche Grundherren bei der übergeordneten herzoglichen Verwaltung einreichen und erwirkten häufig für sie positive Urteile. Der Herzog fungierte damit als schützende Instanz gegenüber grundherrlichen Zugriffen, was die Rechtssicherheit der Bauern erhöhte und eine positive Haltung gegenüber dem Landesherrn beförderte.

Rezeption und Forschungsgeschichte

Titelseite von "Wider die mordischen vnd Reubischen Rotten der Pawren" von Martin Luther (1483-1546), 1525. (Bayerische Staatsbibliothek, Res/4 Th.u. 104,VI,9)

Die Deutung des Bauernkriegs setzte bereits während seines Verlaufs ein. Als einer von mehreren Reformatoren verurteilte Luther in Reaktion auf die Ereignisse in Weinsberg und bemüht um Demonstration seiner Loyalität zu reformatorischen Landesherren die Aufstände. In seiner Schrift Wider die mordischen vnd reubischen Rotten der Pawren befürwortete er ihre gewaltsame Niederschlagung. Nicht die eigene Lehre an sich, sondern deren Missbrauch und speziell das Wirken des von ihm dämonisierten Thomas Müntzer fungierte aus Luthers Perspektive als Katalysator der Unruhen. Von altgläubiger Seite, etwa durch Johannes Cochläus (1479-1552), wurde dagegen eine Ursache in den reformatorischen Lehren jedweder Prägung gesehen.

Nach der ersten monographischen Abhandlung von Petrus Gnodalius im Jahr 1570 wurden im konfessionellen Zeitalter und im 18. Jahrhundert von katholischer wie reformatorischer Seite verschiedene größere Werke über den Bauernkrieg publiziert, so 1795 der Versuch einer Geschichte des Deutschen Bauernkriegs oder der Empörung in Deutschland zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts des evangelischen Historikers Georg Sartorius (1765-1828). Mit seiner im Angesicht der Französischen Revolution getroffenen Interpretation setzten (Um-)Deutungen des Bauernkriegs vor dem eigenen Zeithintergrund der Interpreten ein.

Ein Grundlagenwerk bildete die 1841 bis 1843 erschienene Allgemeine Geschichte des großen Bauernkrieges des Pastors und späteren linken Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung, Wilhelm Zimmermann (1807-1878), die erstmals die Aufständischen dezidiert positiv darstellte. Beeinflusst durch die Deutungen Zimmermanns und die Ereignisse der Revolution von 1848/49 wurde der Bauernkrieg von sozialistischen Vordenkern aufgegriffen und zum frühen Vorläufer ihrer eigenen gesellschaftspolitischen Bewegungen etikettiert, z.B. Friedrich Engels(1820-1895) und August Bebel (1840-1913).

In der DDR nahm der Bauernkrieg unter der Bezeichnung "frühbürgerliche Revolution" als vermeintlich kommunistische Ziele verfolgende Aufstandsbewegung einen festen Platz in der Geschichtskultur ein. Insbesondere Thomas Müntzer erfuhr eine Stilisierung als ruhmreicher Anführer des Kampfes unterdrückter Unterschichten.

Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Impulse und eine stärkere Aufmerksamkeit für Unterschichten als Forschungsthema wurden in dieser Zeit auch in der westdeutschen Forschung gesetzt (v. a. Peter Blickle). Kennzeichnend ist ferner die lange Nachwirkung der Agrargeschichtsforschung, speziell der Studien von Günther Franz (1902-1992). Durch landes- und regionalgeschichtliche Zugriffe konnten erst die Vielschichtigkeit und je nach Aufstandsregion die unterschiedlichen Ausprägungen der Ereignisse aufgezeigt werden.

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde in der Bauernkriegsforschung verstärkt ein frühes Aufglimmen der Forderung nach Menschenrechten und Demokratie hervorgehoben, das sich aus programmatischen Forderungen, wie in den Zwölf Artikeln formuliert, erkennen lasse. Im Jahr 2025 jährt sich das Gedenken an zentrale Ereignisse des Bauernkrieges zum 500. Mal, was durch neue Gesamtdarstellungen sowie zahlreiche Tagungen und Ausstellungen gewürdigt wird.

3. Die Geschichte des Bauernkrieges 

Im Sommer 1524 entbrennt am Südostrand des Schwarzwaldes ein Kampf, der bald weite Teile des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation erfasst: Landleute und ihre städtischen Verbündeten erheben sich gegen die Mächtigen der Zeit – für mehr Freiheit und Gerechtigkeit

WEHRHAFT KOMMT das Titelblatt der »Bundesordnung« (hier koloriert) daher, die sich Delegierte von drei oberschwäbischen Bauernhaufen im März 1525 in Memmingen gegeben haben. Neben den ebenfalls in der Stadt verfassten »Zwölf Artikeln«, die einen Forderungskatalog an die Herrschenden enthalten, ist sie die wichtigste Schrift der Aufständischen

1513

Bauern und andere Unzufriedene schließen im Breisgau ein geheimes Bündnis. Angeführt von einem Mann namens Joß Fritz, selbst Sohn von Leibeigenen, planen sie einen bewaffneten Aufstand. Zu ihren Zielen zählen unter anderem die Beschränkung des Zugriffs geistlicher und herrschaftlicher Gerichte, der Erlass übermäßiger Schuldzinsen sowie die Freiheit von Jagd, Fischfang und Waldnutzung. Doch bevor sie losschlagen können, wird die nach der einfachen Fußbekleidung der Bauern „Bundschuh“ benannte Verschwörung verraten. Schon 1493 im Elsass und 1502 im Bistum Speyer (hier bereits unter Führung von Joß Fritz) waren ähnliche, ebenfalls als Bundschuh bezeichnete Konspirationen aufgeflogen, etliche Teilnehmer wurden bestraft, einige mit dem Tod. Auch 1513 können die Herren das Aufbegehren niederschlagen und lassen mehrere Beteiligte hinrichten, Joß Fritz gelingt es jedoch, zu fliehen (möglicherweise steht er 1517 einer weiteren, abermals aufgedeckten Verschwörung vor). Zwar bleibt die Bundschuh-Bewegung mit ihrem Bestreben, die zunehmende Beschneidung von Rechten und Freiheiten durch die Herrschenden und Besitzenden in Schlössern, Klöstern und Städten zu stoppen, letztlich wirkungslos, doch erzeugt sie bei den Obrigkeiten in weiten Teilen der betroffenen Region – dem Südwesten des heutigen Deutschlands und benachbarten Gebieten wie dem Elsass – eine nervöse Furcht vor Aufruhr.

1514

In Württemberg erheben sich Angehörige des Bauernstandes und weiterer unterprivilegierter Gruppen unter dem Schlagwort vom „Armen Konrad“ (eine zeitgenössische Bezeichnung für einen mittellosen Mann) gegen Herzog Ulrich, der seine kostspielige Hofhaltung und den Aufbau eines Verwaltungsapparats durch neue Verbrauchssteuern zu finanzieren sucht. Die Abgaben etwa auf Fleisch und Wein, aber auch auf Getreide treffen Bauern, kleine Handwerker und andere Städter mit geringen Mitteln besonders stark – und das in ohnehin schwerer Zeit, denn mehrfach sind die Sommer nass und die Ernten schlecht ausgefallen. So entwickelt sich der Arme Konrad zu einer ausgedehnten Revolte im gesamten Herzogtum. Zwar bietet der Herrscher durchaus Verhandlungen an, doch ist er kaum zu Zugeständnissen bereit. Unter der Androhung, den Aufstand mithilfe von zwischenzeitlich zusammengezogenen Truppen militärisch niederzuschlagen, geben die Bauern schließlich auf.

DEN EIGENEN Kämpfern Mut, dem Gegner Angst machen soll der Trommelwirbel der Landsknechte: professionelle Soldaten, die meist auf jener Seite kämpfen, die ihnen die besten Konditionen bietet

1517

Der Wittenberger Theologe Martin Luther veröffentlicht 95 Thesen über Missstände in der römischen Kirche, insbesondere deren Praxis, Gläubigen gegen Geldzahlungen einen sogenannten Ablass zu erteilen, eine Reduzierung der Sündenstrafen im Fegefeuer. Tausende gedruckte Flugschriften verkünden bald im ganzen Reich seine Botschaft von einem gewandelten christlichen Glauben, orientiert allein am Inhalt der Heiligen Schrift und nicht an einer überkommenen, vom Papst geführten Institution. Als Luther sich weigert, seine Kritik an der Kirche zu widerrufen, leitet dies den Bruch mit der römischen Geistlichkeit ein. Es ist der Beginn der Reformation in den deutschen Landen.

1519

28. Juni. Der Enkel des einige Monate zuvor verstorbenen Kaisers Maximilian aus dem Hause Habsburg wird in Frankfurt als Karl V. zum römisch-deutschen König gewählt (im Folgejahr nimmt er zudem den Titel „erwählter römischer Kaiser“ an). Er ist damit Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, eines Verbands von Hunderten Territorien, darunter große Fürstentümer mit teils mächtigen Landesherren, aber auch Gebiete unter geistlichen Fürsten, kleine und kleinste weltliche Herrschaften sowie Reichsstädte. Die Stimmen der Kurfürsten kann sich Karl nur durch gewaltige Bestechungssummen sichern, die vor allem vom Handelskonzern der Fugger aus Augsburg finanziert werden. Der neue Herrscher, der neben der Reichskrone auch über das spanische Königreich samt der Kolonien in Amerika, die reichen Niederlande und die österreichischen Erblande der Habsburger verfügt, ist als strenger Katholik ein erbitterter Gegner Luthers und der reformatorischen Bewegung.

1520

Martin Luther veröffentlicht seine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. In 30 oft mit Gegensätzen operierenden Thesen legt er die Grundprinzipien seines theologischen Freiheitsgedankens dar. Bei den unter politischen Missständen und wirtschaftlicher Ausbeutung leidenden Menschen in den deutschen Landen verfängt vor allem dieser Satz: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“ Er wird zu einem tragenden Teil der Legitimation all jener, die sich bald gegen die andauernde Entrechtung durch die Obrigkeit zur Wehr setzen werden. Luther selbst aber hat damit laut eigener Aussage nur die geistige Freiheit gemeint, nicht die fleischliche.

1521

Auf dem Reichstag in Worms muss sich Martin Luther vor Karl V. und den deutschen Fürsten für seine Kirchenkritik verantworten. Da der Theologe seine Thesen nicht verwerfen will, verhängt der Kaiser kurz darauf die Reichsacht über ihn. Doch die Ausbreitung der Reformation in weiten Teilen des Reiches kann der Herrscher, der sich als Bewahrer der kirchlichen Einheit und Verteidiger des rechten Glaubens sieht, nicht verhindern. So nehmen bald zahlreiche deutsche Städte den neuen Glauben an, darunter Nürnberg, Bremen, Magdeburg, Frankfurt, Goslar, Lübeck und Hamburg. Auch einzelne Reichsfürsten treten in den folgenden Jahren zum Protestantismus über, etwa Kurfürst Johann von Sachsen.

1523

Der Rat von Zürich führt im Einklang mit dem Prediger Ulrich Zwingli die Reformation ein und ordnet das Leben in der Stadt und dem ihr untertanen Gebiet neu. Die zur Eidgenossenschaft zählende Stadtrepublik beherrscht ein ausgedehntes Territorium, das im Norden bis an den Hochrhein reicht. Zwinglis Lehre (die sich in manchen Punkten von der Theologie der Wittenberger Reformatoren um Luther unterscheidet) breitet sich bald auch auf der anderen Seite des Flusses aus. So predigt etwa in der unter habsburgischer Herrschaft stehenden Stadt Waldshut der Pfarrer Balthasar Hubmaier im Sinne dieses neuen Glaubens und findet viele Anhänger unter den Bewohnern des Ortes und der Umgebung.

1524

24. März. Aufgebrachte Bürger zerstören die Wallfahrtskapelle von Mallerbach, in der ein wundertätiges Marienbild verehrt wird. Zuvor hat der im nahen Allstedt wirkende Reformator Thomas Müntzer – anfangs ein glühender Verehrer Luthers, nun aber deutlich radikaler als dieser – die Kapelle als „Spelunke“ bezeichnet und damit vermutlich den Gewaltausbruch heraufbeschworen.

Mai. Einwohner der Ackerbürgerstadt Forchheim im Hochstift Bamberg und Bauern aus der Umgebung erheben sich gegen ihren Landesherrn, den Fürstbischof von Bamberg. Sie fordern freie Jagd und Fischerei, wenden sich, beeinflusst durch einen in Forchheim tätigen reformatorischen Prediger, aber auch gegen Teile der an die Kirche zu leistenden Abgaben sowie bestimmte Privilegien von Geistlichen.

FELDHERR Georg Truchsess von Waldburg (der »Bauernjörg«), dessen Antlitz diese nach 1520 entstandene Medaille ziert, führt das Heer des Schwäbischen Bundes gegen die Aufständischen

Der Bischof lässt die Stadt bereits wenig später von Söldnern besetzen und beendet so den Aufstand. Doch in weiten Teilen Frankens, darunter auch auf dem großen Territorialbesitz der Reichsstadt Nürnberg, gärt es unter den Untertanen, kommt es, nicht zuletzt beflügelt durch die neue Glaubenslehre, die hier schnell Anhänger findet, zu Protesten und Abgabenverweigerungen.

Pfingsten. Auf einem Landtag in Breisach am Oberrhein warnt Erzherzog Ferdinand von Österreich vor der Ausbreitung des Luthertums und droht dessen Anhängern mit Krieg. Der jüngere Bruder von Kaiser Karl V. hat 1522 von diesem die Landesherrschaft über die gesamten Erblande der Habsburger übertragen bekommen, zu denen neben dem Erzherzogtum selbst die Steiermark und weitere bis an die Adria reichende Territorien sowie die Grafschaft Tirol zählen. Zudem herrscht Ferdinand auch über eine Vielzahl von verstreuten Gebieten im Elsass und im Südwesten des heutigen Deutschlands, unter anderem den Breisgau mit der Stadt Freiburg. Darüber hinaus fungiert er im Reich als Stellvertreter seines kaiserlichen Bruders (dem er 1558 als Ferdinand I. nachfolgen wird).

DURCH SCHLÄGE mit Dreschflegeln trennen Menschen in deutschen Landen um 1500 die Spreu vom Getreidekorn. Es ist nicht das einzige landwirtschaftliche Gerät, das als Waffe dienen kann

23. Juni. Die Bauern in der Landgrafschaft Stühlingen am Südostrand des Schwarzwaldes ziehen bewaffnet vor das Schloss des Landesherrn. Traditionell gilt der Aufruhr am Johannisabend als Beginn des Bauernkrieges, obwohl es im Laufe des Jahres 1524 bereits zuvor vereinzelte Unmutsbekundungen von Landleuten an anderen Orten gegeben hat. Wie einige Wochen zuvor schon die Untertanen des nahe gelegenen Klosters Sankt Blasien verlangen die Stühlinger wahrscheinlich die Aufhebung bestimmter Abgaben und Dienste, zudem wohl die Wiederherstellung traditioneller Rechte, etwa auf Jagd und Fischfang. Die Herrschaft in Stühlingen versucht das Landvolk zu beschwichtigen, Verhandlungen über die Einsetzung eines Schiedsgerichts bleiben aber ergebnislos. Die Bauern organisieren sich derweil militärisch und wählen den früheren Landsknecht Hans Müller aus dem Stühlinger Weiler Bulgenbach zu ihrem Hauptmann. Unterstützung finden sie unter den reformatorisch gesinnten Bürgern der nahen Stadt Waldshut, möglicherweise lassen sie sich auch selbst von der dort von Balthasar Hubmaier verkündeten neuen Glaubenslehre inspirieren.

13. Juli. Vor dem kursächsischen Herzog Johann und dessen Sohn hält Thomas Müntzer im Schloss von Allstedt eine Predigt, deren Inhalt zeigt, wie weit er sich von seinem einstigen Lehrer Martin Luther entfernt hat. Den weltlichen Herren, so Müntzer, obliege die Pflicht, gegen die „Gottlosen“ zu kämpfen und so den göttlichen Willen im Sinne der Reformation durchzusetzen. Kämen sie dem aber nicht nach, so sei ihre Herrschaft nicht länger legitimiert, die Untertanen nicht mehr zum Gehorsam verpflichtet. Nicht zuletzt aufgrund des Ausbleibens einer Antwort der Herren auf seine „Fürstenpredigt“ wendet sich Müntzer einige Monate später der Sache der aufständischen Bauern zu, von der er sich nun die Umsetzung seiner religiösen Vision erhofft.

18. Juli. In der Eidgenossenschaft kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen bäuerlichen Anhängern der Reformation und Altgläubigen. Unter dem Eindruck der Lehre Zwinglis stürmen und plündern Landleute das Kartäuserkloster Ittingen.

Sommer. Die in Stühlingen ausgebrochenen Unruhen weiten sich aus, erfassen bald benachbarte Gegenden im Schwarzwald sowie den Klettgau südlich der Landgrafschaft und den Hegau nordwestlich des Bodensees. Regierende und ihre Vertreter warnen sich gegenseitig vor der Formierung eines neuen „Bundschuhs“. Die Angst geht um unter den Herrschenden, zumal aufseiten der Habsburger, die neben dem eigenen Besitz auch als Schutzmacht vieler kleinerer Herrschaften in der Region auftreten. Doch für konkrete Maßnahmen gegen die rebellierenden Landleute fehlt es der lokalen Regierung der Habsburger an Geld, auch weil Erzherzog Ferdinand seine österreichischen Kernlande durch die Expansion des Osmanischen Reiches bedroht sieht und daher andere Prioritäten setzt. Zugleich laufen allerorten Verhandlungen zwischen Obrigkeit und Untertanen, Zugeständnisse an die Protestierenden aber gibt es kaum. Die Herrschenden spielen auf Zeit, um aufzurüsten.

2. Oktober. Es ist Kirchweih in Hilzingen. Doch strömen in diesem Jahr nicht nur tanzfreudige Menschen zur Feier des Weihtages des Gotteshauses in das Dorf im Hegau: Wie zuvor verabredet, versammeln sich auf das Läuten der Sturmglocken hin rund 800 bewaffnete Bauern auf dem Festplatz, um eine Allianz zu gründen.

LANG IST DIE LISTE DER BAUERN ÜBER DIE MISSSTÄNDE

1525

Januar. Weitere Bauerngruppen im Südwesten folgen dem Beispiel der Aufständischen in der Schwarzwaldgegend und dem Hegau. In Oberschwaben bilden sich im Ort Baltringen unweit von Ulm, im Allgäu und am Bodensee nach dem Vorbild von Söldnerheeren organisierte „Haufen“ – mehr oder minder gut bewaffnete Kampfeinheiten des Landvolks. Bald gerät die gesamte im Norden von der Donau, im Osten vom Lech begrenzte Region in Aufruhr.

2. Februar. Georg Truchsess von Waldburg, der bereits im Dienst von Herzog Ulrich von Württemberg 1514 den Aufstand des „Armen Konrad“ beendet hatte, wird zum obersten Feldherrn des Schwäbischen Bundes ernannt, einer Vereinigung von Fürsten, Rittern und Reichsstädten im Gebiet des ehemaligen Herzogtums Schwaben (etwa vom Elsass bis zum Lech); mächtigstes Mitglied ist Erzherzog Ferdinand als Landesherr der habsburgischen Besitzungen in der Region. Zwei Wochen nach seiner Ernennung erklärt der Truchsess die Aufständischen im Hegau zu Landfriedensbrechern und droht ihnen mit massiver Gewalt.

ABLASSBRIEFE versprechen Gläubigen eine Verkürzung ihrer Zeit im Fegefeuer. Für die römische Kirche ist der Verkauf der Dokumente ein lukratives Geschäft, für Reformatoren Gotteslästerung und Betrug (Ablassurkunde von 1484)

Der zwischenzeitlich aus Württemberg vertriebene Herzog Ulrich verfolgt derweil von einer Burg im Hegau aus die Situation. Nach mehreren Verstößen gegen die Landfriedensordnung war er mit der Reichsacht belegt und schließlich nach einem Überfall auf die Reichsstadt Reutlingen 1519 von den Truppen des Schwäbischen Bundes aus dem Herzogtum gejagt worden, das seither unter habsburgischer Herrschaft steht. Ulrich, einst für seine harsche Steuerpolitik und Willkür berüchtigt, sinnt nun darauf, den Aufruhr zu nutzen, um Württemberg zurückzuerobern. Dafür wirbt er nicht nur eidgenössische Söldner an, sondern versucht auch Kontakte zu den aufständischen Bauern zu knüpfen – deren Vorgänger er einst hatte bekämpfen lassen.

14. Februar. Im Bergbaurevier von Schwaz, Tirol, einem bedeutenden Abbaugebiet für Silber und Kupfer, sperren Tausende bewaffnete Bergknappen die Zufahrtswege ab und ziehen, unterstützt von Bauern aus der Gegend, Richtung Landeshauptstadt Innsbruck. Sie fordern etwa die Wiedereinführung kürzlich gestrichener Feiertage, die Abschaffung verschiedener Abgaben sowie gerechtere Preise für Leder und andere Waren, aber auch Maßnahmen gegen die Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger: Die hatte im Gegenzug für Kredite die Einnahmen aus dem landesherrlichen Hüttenbetrieb überschrieben bekommen und nutzt dies, um die Erzpreise zu drücken. Erzherzog Ferdinand als Regent von Tirol hatte bereits im Vormonat persönlich mit den Aufständischen verhandelt, nun trifft er erneut mit einer großen Menge zusammen und sagt zu, den meisten ihrer Forderungen nachzukommen. Aber den Einfluss der Fugger – der wichtigsten Kreditgeber seiner Dynastie – kann und will der Habsburger nicht beschränken. Die Unruhen gelten als Vorboten des Bauernkrieges im Alpenraum.

24. Februar. Bei Pavia in der Lombardei gelingt den Truppen von Kaiser Karl V. ein spektakulärer Sieg über die Armee des französischen Königs Franz I. Die Schlacht ist Teil des seit Jahren andauernden Ringens zwischen Habsburgern und Frankreich um die Vorherrschaft in Italien, das das Geschehen des Bauernkriegs in mehrfacher Weise beeinflusst: Zum einen bindet es die Aufmerksamkeit und die Mittel des Kaisers außerhalb des Reiches, zum anderen aber auch einen großen Teil der in Europa verfügbaren Söldner. So gelingt es dem Schwäbischen Bund erst nach dem habsburgischen Sieg bei Pavia, aus den nun frei werdenden Söldnern schlagkräftige Truppen mit erfahrenen Kämpfern aufzustellen.

7. März. In der Kramerzunftstube der Reichsstadt Memmingen gründen rund 50 Abgesandte der drei großen oberschwäbischen Bauernhaufen am zweiten Tag ihrer Beratungen die „Christliche Vereinigung“. Die Interessenvertretung ist zugleich Kampf- und Schutzbündnis des Landvolks gegen die Herrschenden. Zudem erarbeiten die Vertreter der Bauernhaufen eine Liste von Theologen, die „göttliches Recht“ sprechen, also schlichten sollen, bei Streitigkeiten zwischen Obrigkeit und Untertanen. Kurz zuvor sind unter der Federführung des Memminger Handwerkers Sebastian Lotzer, vermutlich mit Hilfe des reformierten Predigers Christoph Schappeler, die „Zwölf Artikel“ entstanden, ein mit vielen Verweisen auf die Bibel versehener Forderungskatalog der Bauern, der neben der Abschaffung der Leibeigenschaft und drückender Frondienste auch die freie Wahl von Pfarrern umfasst. Das Manifest erscheint in 25 Druckausgaben mit insgesamt wohl 25 000 Exemplaren und verbreitet sich schnell in den gesamten deutschen Landen.

MIT EISEN bewehrte Piken sind eine wichtige Waffe des professionellen Fußvolks gegen heranpreschende Reiter. Die Spieße werden mit einem Ende in den Boden gerammt, die Spitzen den Pferden entgegengereckt (16. Jahrhundert)

9. März Herzog Ulrich steht mit eidgenössischen Söldnern und aufständischen Bauern, die sich ihm im Hegau angeschlossen haben, vor Stuttgart. Doch die Einnahme der württembergischen Hauptstadt misslingt, und binnen weniger Tage lösen sich die Truppen auf, wohl auch, weil Ulrich nicht den versprochenen Sold zahlen kann. Hatten vor allem die habsburgischen Regierungsvertreter in der Region lange die Rückeroberungspläne des Herzogs als größte Gefahr in der instabilen Lage angesehen und in ihm sogar den heimlichen Drahtzieher der Bauernaufstände vermutet, ist dessen Vorhaben nun gescheitert, ohne dass es zu größeren Kämpfen gekommen wäre. Ulrich wird bis Ende des Bauernkriegs keine Rolle mehr spielen (1534 gelingt es ihm tatsächlich, Württemberg zurückzugewinnen).

15. März. Im Feldlager der Truppen des Schwäbischen Bundes erklären große Teile der Söldner im Heer, dass sie nicht gegen die aufrührerischen Bauern ins Feld ziehen würden, weil es sich dabei um ihre Freunde handele. Georg Truchsess von Waldburg stellt daraufhin jedem der Landsknechte frei, mit ihm zu kämpfen oder nicht – der jeweilige Söldner müsse sich aber darüber klar sein, dass er dann kaum noch von einer Herrschaft angeworben werden würde. Die Mehrheit der Kämpfer bleibt daraufhin bei dem Heerführer.

IM WAPPEN von Überlingen prangt der habsburgische Löwe auf der Brust des Adlers. Kaiser Karl V. hat es der Stadt 1528 verliehen: für ihr Eintreten gegen aufständische Bauern

Etwa um die gleiche Zeit erheben sich Bauern und ihre Verbündeten in Rothenburg ob der Tauber, im Neckartal und im Odenwald.

4. April. Bei Leipheim an der Donau versucht der bewaffnete örtliche Bauernhaufen das heranziehende Heer des Schwäbischen Bundes durch Beschuss und eine Straßensperre zu stoppen und den Bund, dessen Rat seinen Hauptsitz im nahen Ulm hat, zu Verhandlungen zu bewegen. Doch die von Georg Truchsess von Waldburg angeführte Armee lässt sich nicht beirren und überwältigt die schlecht ausgestatteten Aufständischen. Die erste Schlacht des Bauernkrieges endet für das Landvolk mit einer desaströsen Niederlage: Vermutlich mehrere Tausend Männer fallen im Kampf, werden auf der Flucht von den Söldnern der Fürstenallianz getötet oder ertrinken. Die aufseiten der Aufständischen stehende Stadt Leipheim muss sich ergeben, die Anführer der Bauern werden hingerichtet.

6. April. Die Aufständischen der Landgrafschaft Stühlingen und Bauern aus einigen benachbarten Gebieten legen ihre Beschwerden beim kaiserlichen Reichskammergericht in Esslingen vor, die betroffenen Landesherren hatten ihre Klagen zwei Tage zuvor eingereicht. Nachdem mehrere Versuche, einen Ausgleich zu erreichen, in den vorangegangenen Monaten gescheitert waren, hatten sich beide Seiten schließlich auf dieses Verfahren einigen können. Viele der Aufständischen hatten sich aber, enttäuscht vom zurückhaltenden Vorgehen der gemäßigten Stühlinger Bauern, von diesen getrennt und sich den auf militärischen Kampf eingestellten Bauerngruppen in der Region zugewandt, darunter auch deren einstiger Feldhauptmann Hans Müller von Bulgenbach.

DIE AUTORITÄTEN BLEIBEN HART

16. April. Am Ostermorgen erstürmt der etwa 6000 Mann zählende „lichte Haufen“, ein Verband bewaffneter Bauern vor allem aus dem Neckartal und dem Odenwald, Stadt und Schloss Weinsberg unweit der Reichsstadt Heilbronn. Binnen einer Stunde sind die Kämpfe beendet, der Verteidiger Graf Ludwig von Helfenstein, dessen Frau und Sohn sowie weitere adelige Kämpfer werden gefangen genommen. Die Bauern lassen keine Gnade walten. Sie zwingen die Männer, sich zu entkleiden und bis zum Tod durch Reihen von mit Spießen zustechenden Kämpfern zu laufen. Die Gräfin, eine Tante Kaiser Karls V., und ihr Sohn werden nach der Zahlung eines hohen Lösegeldes auf einem Mistkarren nach Heilbronn gebracht. Der beispiellose Vorfall wird als „Weinsberger Bluttat“ bekannt und dient den Fürsten und ihren Heerführern als Legitimation für eine gnadenlose Niederschlagung der Bauernaufstände und die Exekution Tausender Rebellen.

17. April. Da sich Georg Truchsess von Waldburg beim Kloster Weingarten nördlich der oberschwäbischen Stadt Ravensburg einer gewaltigen Allianz von Aufständischen, vor allem Angehörigen des Seehaufens, gegenübersieht, verzichtet er auf einen Kampf und schließt einen Vertrag mit dem Landvolk. Die Bauern werden nicht belangt, dürfen ihre Waffen behalten und fortan bei Streitigkeiten mit den Herrschenden ein Schiedsgericht anrufen. Allerdings müssen sie weiterhin Abgaben leisten. Mit dem Abkommen sind die Kampfhandlungen in Oberschwaben weitgehend beendet. Der Allgäuer Haufen tritt dem Weingartener Vertrag jedoch nicht bei und kämpft weiter.

Lange Märsche setzen den Armeen zu. Die Füße vieler Landsknechte stecken in ledernen »Kuhmaulschuhen«, die meist durch einen zusätzlichen Riemen auf dem Spann gehalten werden (frühes 16. Jahrhundert)

18. April. Heilbronn wird von den vereinten Neckartaler und Odenwalder Bauern unter der Bedingung verschont, dass sie die Klöster der Stadt plündern dürfen. Im Verlauf des Monats schreitet die Ausbreitung des Bauernkriegs in den deutschen Landen – von Goslar am Harz im Norden bis zum eidgenössischen Sankt Gallen im Süden – rasant fort, in etlichen Regionen lodern Unruhen auf: in Württemberg etwa, wo Landleute am 25. April die Hauptstadt Stuttgart besetzen, im Elsass, in der Eidgenossenschaft, in den fränkischen Hochstiften Bamberg und Würzburg.

24. April. Erzherzog Ferdinand, alarmiert durch den Aufruhr im Allgäu, ordnet alle obrigkeitlichen Amtsträger in Tirol an, verdächtige Personen zu überwachen, vor allem Menschen, die zu Unruhen aufrufen oder Luthers Ideen verbreiten. Waren bislang nur die habsburgischen Besitzungen im Südwesten von den Bauernaufständen betroffen, befürchtet Ferdinand nun aufgrund der massiven Umtriebe im direkt benachbarten Allgäu ein Übergreifen auf Tirol und damit auf die Kernlande seiner Dynastie. Tatsächlich treffen sich am selben Tag in Sterzing (im heute italienischen Südtirol) 200 Bauern zu einer Versammlung, darunter wohl auch ein Emissär aus dem Allgäu. Die Aufständischen stehen in Verbindung mit Unzufriedenen im Alpenraum, verbreiten dort auch die „Zwölf Artikel“ und andere Druckschriften.

25. April. Georg von Waldburg erhält die Anweisung, mit dem Heer des Schwäbischen Bundes direkt nach Württemberg zu ziehen, um dort gegen die Aufständischen zu kämpfen. Sein eigener Plan, von Oberschwaben zunächst in den Hegau zu ziehen, wo der örtliche Bauernhaufen und der Schwarzwälder Haufen (angeführt von Hans Müller) ihre Kräfte vereint haben und sich anschicken, die gesamte Region unter ihre Kontrolle zu bringen, wird von den Räten des Bundes verworfen.

27. April. Der für sein eigenmächtiges Handeln berüchtigte Adelige Götz von Berlichingen (der „Ritter mit der eisernen Hand“) übernimmt die Führung des Neckartal-Odenwälder Haufens (von dem er sich bereits Ende Mai wieder absetzt). Ob der erfahrene Militärführer sich aus freien Stücken oder aber, wie von ihm später behauptet, unter Zwang und allein mit der Absicht, Schlimmeres zu verhindern, auf das Bündnis einlässt, ist unklar.

Anfang Mai. Mit der „Amorbacher Erklärung“, abgefasst unter anderem von Götz’ Schreiber, erarbeiten einige Hauptleute der Odenwälder und Neckartaler Bauern ein an die „Zwölf Artikel“ angelehntes Papier. Darin werden allerdings nur die Hälfte der Memminger Paragrafen übernommen (unter anderem die freie Pfarrerwahl und die Aufhebung der Leibeigenschaft), die anderen (etwa der Erlass von Frondiensten) werden bis auf Weiteres ausgesetzt. Das von vielen als unterwürfig empfundene Papier entzweit die Bauern des Haufens, wird aber zeitweilig von etlichen fränkischen Adeligen, Städten sowie dem Erzstift Mainz anerkannt. Tatsächlich sind die Obrigkeiten jedoch seit der „Weinsberger Bluttat“ entschlossen, den Aufruhr mit aller Härte zu beenden.

Etwa zeitgleich veröffentlicht Martin Luther seine Flugschrift „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“. Darin stellt sich der Wittenberger Reformator, der sich spätestens nach der „Weinsberger Bluttat“ von den Aufständischen distanziert hat, klar auf die Seite der Herrschenden – während sich sein einstiger Anhänger Thomas Müntzer im thüringischen Mühlhausen zum radikalen Verfechter der Sache der Bauern aufschwingt.

DEN KOPF von Männern und Frauen nahezu aller Stände bedecken Barette, wobei Stoffund Zierrat verraten, welche Stellung der Träger oder die Trägerin innehat (Strickbarett, um 1560)

9. Mai. Eine Gruppe von Landleuten befreit in Brixen einen zum Tode verurteilten Gewalttäter, als der Mann, der vielen in der Gegend als Rebell gegen die Obrigkeit gilt, von Knechten des Fürstbischofs in Ketten über den Domplatz zu seiner Hinrichtung geführt wird. Am Tag darauf verbünden sich Brixener Bürger und Bauern aus dem Umland. Zahlreiche Aufständische ziehen daraufhin in die Stadt, vertreiben die bischöflichen Amtsträger aus der dortigen Burg und plündern Häuser von Klerikern und Edelleuten. Der Bauernkrieg in Tirol hat damit begonnen. Angeführt wird er bald von Michael Gaismair, einem abtrünnigen Schreiber des Fürstbischofs. Gaismair verschafft damit auch einer Mehrheit der Brixener Bürger Stimme und Gewicht im Kampf gegen das fürstbischöfliche Regiment, das den Städtern essenzielle Mitspracherechte verweigert hat. Auch in anderen Teilen Tirols – in der direkt von Erzherzog Ferdinand regierten Grafschaft wie in den darin gelegenen, unter habsburgischer Schirmherrschaft stehenden geistlichen Territorien – kommt es nun zu Aufständen, vor allem im Süden des Gebietes. Im Bergbaurevier von Schwaz bleibt es dagegen ruhig, teilweise bieten dortige Bergleute nun sogar dem Erzherzog ihre Unterstützung an.

12. Mai. In Württemberg besiegt Georg Truchsess von Waldburg bei Böblingen mit einem Heer von 8000 Kämpfern drei vereinte Bauernhaufen in der Gesamtstärke von etwa 12 000 Mann. Auch Böblingen selbst wird erobert. Die verlorene Schlacht ist der Auftakt eines ganzen Reigens von verlustreichen Rückschlägen, die die Aufständischen in den kommenden Wochen gegen den Schwäbischen Bund und andere Fürstenkoalitionen erleiden werden – und die Niederlagen werden in der Folge nicht wenige Haufen dazu bringen, sich aufzulösen.

15. Mai. Nahe dem thüringischen Frankenhausen unterliegen die vom Prediger Thomas Müntzer aufgestachelten Mühlhäuser Bauern und Verbündete in einer großen Schlacht dem Heer einer Fürstenkoalition unter dem Befehl des Landgrafen Philipp von Hessen. Dem ungleichen Kampf, in dem die Bauern kaum eine Chance haben, ist wie so oft in diesem Konflikt eine Phase der Verhandlungen vorangegangen, die aber zu keiner Einigung geführt hat.

Gewalt. Die Stadt hatte den Aufständischen am 5. Mai aus Sympathie mit deren Sache die Tore geöffnet und war zum Sammelplatz elsässischer Landleute geworden. Bei Kämpfen am 15./16. Mai konnten sich die Bauernhaufen anfangs behaupten und sogar ihren unbewaffneten Abzug aus Zabern aushandeln. Als die Landleute aber am Morgen des 17. Mai an den Söldnern vorbeimarschieren, Thomas Müntzer sowie einige Anführer des Aufstandes überleben die Schlacht, geraten aber in Gefangenschaft. Müntzer wird gefoltert und am 27. Mai 1525 hingerichtet. Sein abgetrennter Kopf steht noch Jahre aufgespießt unweit der einstigen Rebellenhochburg Mühlhausen.

ALLERORTEN WÜTET BALD DIE GEWALT

17. Mai. Zabern, die Residenzstadt des Fürstbischofs von Straßburg, wird Schauplatz einer weiteren Eskalation der fallen diese über die Wehrlosen her, dringen in die Stadt ein und verüben ein Massaker unter Rebellen und Einwohnern, das nur ein kleiner Teil der Bevölkerung überlebt.

20. Mai. Im Erzgebirge versammeln sich die Bergleute von Sankt Joachimsthal (heute Jáchymov in Tschechien), um unter anderem gegen die um sich greifende Korruption der Bergbeamten zu protestieren. Die Unruhen, denen sich hier – wie schon zuvor im Bergbaurevier von Schwaz in Tirol – zeitweise Landleute anschließen, können durch einen Vergleich beendet werden, der auf einen Großteil der Forderungen der Knappen eingeht. Auch auf der sächsischen Seite des Erzgebirges kommt es in dieser Zeit zu Aufständen von Bergleuten, dauerhafte Kampfbündnisse mit Bauern in der Region entstehen jedoch nicht.

23. Mai. Freiburg muss vor den Schwarzwälder Bauern unter Hans Müller und mehreren weiteren Haufen aus dem Breisgau und dem Markgräflerland kapitulieren, die die habsburgische Stadt in den vorangegangenen Tagen belagert haben. Müller erzwingt einen Beistandspakt, der unter anderem Zahlungen an die Bauern vorsieht und die Stellung von Söldnern und Geschützen (woran sich die Stadt später nicht halten wird). Auch die Hegauer Bauern nutzen die Abwesenheit größerer gegnerischer Kontingente und dringen bis in die Nähe von Konstanz vor.

24. Mai. Die Bergknappen von Gastein im Erzstift Salzburg erklären den Aufstand gegen ihren geistlichen Landesherrn und rufen auch die Bauern der Gegend dazu auf. Die Erhebung, die durch die Kampferfahrung vieler Knappen von Anfang an eine bisher nicht gesehene Wucht erreicht, gipfelt Anfang Juni in der Einnahme der erzbischöflichen Residenzstadt Salzburg.

25. Mai. Im „Vertrag von Renchen“ einigen sich Markgraf Philipp von Baden, lokale Fürsten und Aufständische gütlich. Im Gegenzug dafür, dass das Landvolk ihnen erneut huldigt und ihre Herrschaft anerkennt, kommen die Adeligen den Bauern in Punkten wie Pfarrerwahl, Abgaben und Lockerung der Leibeigenschaft sehr weit entgegen. Noch im 18. Jahrhundert werden sich Bauern auf dieses Abkommen berufen.

2. Juni. Verschanzt in einer Wagenburg bei Königshofen in Franken, erwarten auf der Flucht befindliche Aufständische das heranziehende Heer des Schwäbischen Bundes unter Georg Truchsess von Waldburg. Zunächst können die Rebellen die Söldner auf Distanz halten, dann aber lockern sich ihre Linien – warum, ist unklar –, und der gegnerischen Reiterei gelingt es, die Reihen der Bauern aufzubrechen. Der Blutzoll unter den Aufständischen ist erneut immens. Mindestens 3000 Landleute fallen, das Bundesheer hat nur etwa 50 Tote zu beklagen. Zwei Tage später erleidet ein weiteres Kontingent der Bauern, das eigentlich den Verbündeten in Königshofen zu Hilfe eilen wollte, bei Giebelstadt nahe Würzburg eine vernichtende Niederlage. Bis zur Monatsmitte werden auch alle abtrünnigen Städte des Erzbistums Mainz von der Obrigkeit zurückerobert.

SCHWÄBISCHE ADELIGE treffen in einer befestigten Stadt zu einer Versammlung ein. Ihr Bündnis ist der große Gegenspieler der Bauern (Buchmalerei aus der Chronik von Diebold Schilling dem Jüngeren, 1513)

6. Juni. Die Truppen des Schwäbischen Bundes ziehen vor die Tore Würzburgs und stellen der aufseiten der Bauern stehenden Stadt ein Ultimatum und harte Bedingungen, etwa Strafzahlungen und eine vollständige Entwaffnung. Die Übergabe der Stadt erfolgt am Tag darauf. Noch am 7. Juni müssen alle Würzburger, Bürger anderer Stiftsstädte und Bauern getrennt nach Herkunft antreten, Namen werden aufgerufen und viele der so Benannten umgehend hingerichtet. Andere Städter, die mit den Bauern sympathisiert hatten, werden eingekerkert, teils gefoltert und als gebrochene Männer entlassen – darunter der berühmte Holzbildhauer und einstige Würzburger Bürgermeister Tilman Riemenschneider.

12. Juni. In Innsbruck tritt der Tiroler Landtag zusammen – unter Beteiligung der Aufständischen, die hier ihre zuvor ausgearbeiteten Forderungen zur Beratung bringen können. Auch muss es Landesherr Erzherzog Ferdinand hinnehmen, dass auf Drängen der Landleute die Geistlichkeit von den Verhandlungen ausgeschlossen wird. Beeinflusst von der Reformation, zählen zu den Kernforderungen der Aufständischen die Auflösung aller Klöster, die Verstaatlichung des gesamten Kirchenbesitzes, das Gebot, dass Kleriker nicht gleichzeitig weltliche Macht ausüben dürfen, und die freie Pfarrerwahl. Die Religionsfrage steht für den altgläubigen Ferdinand allerdings nie wirklich zur Diskussion, diesbezügliche Beschlüsse des Landtags werden zu keiner Zeit umsetzt. Die im Jahr darauf veröffentlichte Tiroler Landesordnung (eine Art erste Verfassung) berücksichtigt gleichwohl etwa 60 der insgesamt 96 von Bauern und Bürgern eingereichten Beschwerden, doch kommt sie vor allem den reicheren Landleuten und betuchten Städtern entgegen, bringt der ärmeren Bevölkerung hingegen kaum Erleichterung oder größere Freiheiten. Michael Gaismair, der als Anführer des Aufstands in Brixen viel zum Zustandekommen des „Bauernlandtags“ beigetragen hatte, tritt dort selbst kaum in Erscheinung.

19./20. Juni. Der Schwarzwälder Haufen trifft vor Radolfzell ein und unterstützt die Hegauer Bauern, die seit Anfang des Monats die habsburgische Stadt am Bodensee belagern. Viele aufständische Gruppen in der Region versuchen derweil, für sie relativ günstige Abkommen ähnlich dem Renchener Vertrag mit der Obrigkeit auszuhandeln oder zumindest Kapitulationsbedingungen ohne starke Repressionen. Nachrichten über die Niederlage in Franken machen die Runde, die Ankunft gegnerischer Truppen rückt näher.

AUF DEN KNIEN fleht dieser Landmann, seine Kappe in den Händen. Doch die Autoritäten haben nur selten ein Einsehen mit notleidenden Untertanen (Bronzestatuette, um 1560)

23. Juni. Ein Heer des pfälzischen Kurfürsten, das an der Niederschlagung der aufständischen Bauern in Franken beteiligt war und anschließend nach Westen gezogen ist, besiegt einen Bauernhaufen, der sich in der Stadt Pfeddersheim bei Worms verschanzt hat. In der Schlacht, dem letzten großen Gefecht im nördlichen Aufstandsgebiet, und bei den sich anschließenden Massakern kommen rund 4000 Bauern und Stadtbewohner ums Leben.

27. Juni. Im vormaligen Augustinerkloster in Wittenberg feiern Martin Luther und Katharina von Bora ihre zwei Wochen zuvor begangene Hochzeit. Unter den Gästen sind der kursächsische Hofmaler Lucas Cranach und die Reformatoren Johannes Bugenhagen und Philipp Melanchthon; der Kurfürst selbst und der Rat der Stadt senden Geschenke. Die Eheschließung des ehemaligen Mönchs Luther und der einstigen Nonne Katharina von Bora, die zwei Jahre zuvor aus dem Kloster entlaufen war, stößt bei Altgläubigen auf heftige Ablehnung sowie Hohn und Spott. Der Termin auf dem Höhepunkt des Bauernkrieges wird aber auch von protestantischen Zeitgenossen kritisiert. Doch der Zeitpunkt ist von Luther bewusst gewählt: Von der einen Seite als der eigentliche Schuldige an den Aufständen angesehen, von der anderen Seite als Verräter an der von reformatorischen Gedanken beflügelten Sache der Bauern angefeindet, will er ein Zeichen setzen, dass er sich nicht unterkriegen lässt.

Ende Juni. Während das Bundesheer von Franken Richtung Allgäu zieht, erreichen von Erzherzog Ferdinand im Namen des Schwäbischen Bundes entsandte Truppen Radolfzell und sprengen die Belagerung durch die Bauern. Am 1. Juli verlassen die Schwarzwälder den Bodensee, wenige Tage später ziehen auch die Hegauer ab, beide Haufen lösen sich auf (Müller wird später gefangen genommen und am 12. August hingerichtet). Gnadenlos löschen die Bundestruppen den letzten Widerstand in der Gegend aus, Dutzende Dörfer gehen in Flammen auf. Neben anderen Aufständischen suchen nun

Aufständischen im Allgäu, wo große Kontingente des Allgäuer Landvolks Stellung bezogen haben. Es kommt zu einigen Scharmützeln. Doch als das Bundesheer am Morgen des 15. Juli die anstehende Schlacht eröffnen will, sind nahezu alle Bauern abgezogen. Die Gründe dafür sind bis heute unklar; möglicherweise haben die Hauptleute der Bauern angesichts der Stärke des Bundesheeres beschlossen, dass ein auch die Stühlinger Bauern die Kapitulation und huldigen am 12. Juli ihrem Landesherrn.

ZEHNTAUSENDE FALLEN IM KRIEG

3. Juli. Unter der Führung des Bergbauunternehmers Michael Gruber gelingt einem Heer aus aufständischen Salzburger Bauern und Bergknappen bei Schladming, unweit der Grenze zum Erzstift in der habsburgischen Steiermark, ein herausragender militärischer Erfolg: der Sieg über eine von Erzherzog Ferdinand entsandte Söldnerarmee. Gleichwohl kann dieser in der Folge ein weiteres Ausgreifen der Aufstände in der Steiermark und im eigentlichen Erzherzogtum Österreich unterbinden. Die Stadt Schladming lässt er zerstören und niederbrennen.

13. Juli. Die Armee des Schwäbischen Bundes unter Georg von Waldburg rückt auf Leubas vor, den unweit von Kempten gelegenen wichtigsten Versammlungsplatz der Kampf aussichtslos ist. Dennoch kommt es zu Gewalt und Verwüstung. Denn Georg von Waldburg lässt die Aufständischen mit aller Härte verfolgen und deren Dörfer niederbrennen.

16. August. An der Salzach langen die Truppen des Schwäbischen Bundes an, mittlerweile unter dem Kommando von Georg von Frundsberg, ihnen gegenüber stehen die Salzburger Aufständischen unter Michael Gruber, dem Sieger von Schladming. Doch eine große militärische Konfrontation bleibt aus, die Parteien schließen am 31. August einen Waffenstillstand. Die Untertanen müssen dem Erzbischof zwar als Landesherrn huldigen, Reparationen zahlen und alle Geiseln in die Freiheit entlassen, werden aber ansonsten nicht belangt. Bei künftigen Beschwerden gegen ihren Herrn sollen die Fürsten von Österreich und von Bayern (dessen Herzöge ebenfalls Mitglieder des Schwäbischen Bundes sind) sowie weitere Angehörige des Bundes als Schlichter fungieren. Frieden für das Salzburger Land bedeutet dies aber noch nicht: Ein im Oktober abgehaltener Landtag, bei dem die Forderungen nochmals vorgetragen, aber größtenteils abgewiesen werden, sorgt bei vielen für Enttäuschung, ein Teil der Bauern und Bergleute setzt den Aufstand fort.

Oktober. Michael Gaismair, zwei Monate zuvor wegen seiner Beteiligung an der Plünderung eines Klosters während des Brixener Aufstands verhaftet, gelingt die Flucht aus dem Gefängnis in Innsbruck. Nach dem Ende des Tiroler Landtags im Juli war unter jenen, die mit den dort gefassten Beschlüssen unzufrieden waren, erneut Widerstand aufgebrandet, den Erzherzog Ferdinand nun aber konsequent niederschlagen ließ. So sieht Gaismair bald nach seinem Ausbruch keine Möglichkeit, etwas in Tirol zu erreichen, und verlässt das Land. Den Winter über hält er sich im mit der Eidgenossenschaft assoziierten Graubünden auf, wo er vermutlich eine Art radikalen Gegenentwurf zur Tiroler Landesordnung verfasst. Das ihm zugeschriebene Werk propagiert von der Reformation beeinflusste egalitäre und frühdemokratische Überzeugungen, ist jedoch nicht mehr als eine Utopie ohne Chance auf Umsetzung.

4. November. Bei Grießen im Klettgau trifft ein Aufgebot von lokalen Adeligen auf den Bauernhaufen der Gegend und schlägt diesen vernichtend. Die letzte Schlacht des Bauernkrieges nördlich der Alpen endet wie so viele Auseinandersetzungen zuvor mit Hunderten Toten unter den Bauern, der Zerstörung des Dorfes und der grausamen Bestrafung der Anführer.

Anfang Dezember. Die Stadt Waldshut, die mit der frühen Hinwendung ihrer Bürger zur Reformation und dem anhaltenden Widerstand gegen ihren habsburgischen Herrn wichtigen Anteil an den Bauern aufständen der Region hatte, kapituliert. Der dort wirkende Theologe Balthasar Hubmaier – mittlerweile ein glühender Vertreter der Täuferbewegung, deren Mitglieder unter anderem die Kindstaufe ablehnen – sowie viele seiner Anhänger verlassen die Stadt.

1526

20. Januar. Im „Memminger Vertrag“ regeln der Fürstabt des Fürststifts Kempten und seine Untertanen ihr weiteres Zusammenleben: Das Landvolk soll fortan vor herrscherlicher Willkür beschützt werden und mehr Rechtssicherheit erhalten. Schon im Vorjahr haben die Bürger der Reichsstadt Kempten, in die sich der Fürstabt vor den Aufständischen geflüchtet hatte, die Lage des bedrängten Geistlichen zudem geschickt für ihre Belange genutzt. Sie kauften ihm für 30 000 Gulden alle Rechte ab, die das Fürststift bis dahin noch in und an der Stadt besaß.

Frühjahr. Das Salzburger Land wird zu einem Sammelbecken all jener Landleute, die den Kampf noch nicht aufgegeben haben. Lokale Aufständische verbünden sich mit Flüchtlingen aus den benachbarten habsburgischen Territorien Steiermark und Tirol, aber auch aus dem Allgäu und weiter entfernten Gebieten. Die Reaktion der Obrigkeiten lässt nicht lange auf sich warten, doch gelingen den Rebellen einige militärische Erfolge. Im Mai stößt auch Michael Gaismair zu ihnen und wird umgehend neuer Anführer der verbliebenen Kämpfer. Auf der Flucht vor Truppen des Schwäbischen Bundes (dem der Erzbischof von Salzburg inzwischen beigetreten ist) ziehen sie im Juli in Gaismairs Südtiroler Heimat und, als sie auch dort keine Unterstützung finden können, über die Grenze zur Republik Venedig. Der Bauernkrieg in den deutschen Landen ist damit endgültig beendet.

27. August. Mit einem Reichsabschied endet der seit Juni unter dem Vorsitz von Erzherzog Ferdinand als Stellvertreter seines Bruders Kaiser Karl V. tagende Reichstag zu Speyer. Die Reichsstände setzen sich in dem Dokument auch mit dem zurückliegenden Bauernkrieg auseinander. Der Abschied wertet jede Form des Aufruhrs als Landfriedensbruch, der hart bestraft werden muss. Zugleich eröffnet er aber auch allen Untertanen den Rechtsweg, gesteht ihnen also das Recht zu, ihre Forderungen gerichtlich prüfen zu lassen. Mehr als 70 000 Menschen sind in dem rund zwei Jahre währenden Konflikt im Kampf gefallen, in Gefangenschaft gestorben, hingerichtet oder auf der Flucht erschlagen worden. Der Blutzoll der ersten großen sozialen Erhebung der deutschen Geschichte ist hoch, die Zerstörungen von Dörfern, Klöstern, Burgen, Schlössern und Städten immens. Konkrete Erfolge, etwa die Verringerung der Abgabenlast oder die Zurückerlangung angestammter Rechte, haben die Bauern nur regional erreichen können, in vielen Gegenden erlangen sie allenfalls marginale Verbesserungen. Die Abschaffung der Leibeigenschaft aber, eine der zentralen Forderungen der „Zwölf Artikel“ von Memmingen, wird in weiten Teilen der deutschen Lande noch weitere Jahrhunderte auf sich warten lassen.

DEN GESAMTEN Körper umschließt diese Rüstung aus dem Besitz des Herzogs Ulrich von Württemberg. Die aufständischen Bauern verfügen oft nicht einmal über einen Brustharnisch (16. Jahrhundert)

4. Beschwerden und Forderungen. Die zwölf Artikel der schwäbischen Bauern

Kurzbeschreibung

Das unten wiedergegebene Dokument war das Vorbild aller während des Bauernkrieges entstandenen Beschwerdelisten. Der Kürschner und Laienprediger Sebastian Lotzer entwarf diese Artikel in Memmingen zwischen dem 27. Februar und dem 1. März 1525; sie waren als Zusammenfassung der mehr als dreihundert Artikel gedacht, welche die Baltringer Bauern zusammengestellt hatten, um sie dem Schwäbischen Bund vorzulegen. Der Memminger Prediger Christoph Schappeler fügte die Vorrede hinzu. Die Zwölf Artikel wurden bereits kurz nach ihrer Fertigstellung veröffentlicht. Innerhalb weniger Wochen wurden sie fünfundzwanzigmal nachgedruckt und im Gebiet des Aufstands weitläufig verbreitet.

Quelle

Die grundlichen und rechten Hauptartikel aller Baurschaft und Hindersessen der gaistlichen und weltlichen Oberkaiten, von wölchen si sich beschwert vermeinen [12 Artikeln]

Dem christlichen Leeser Frid und Gnad Gottes durch Christum. Es sein vil Widerchristen, die jetzund von wegen der versammleten Baurschaft das Evangelion zu schmehn Ursach nemen, sagent, das sein die Frücht des neuen Evangelions: Niemant gehorsam sein, an allen Orten sich empor heben und aufpömen, mit großem Gewalt zůhauf laufen und sich rotten, gaistlich und weltliche Oberkaiten zů reformieren, auszůreiten, ja villeücht gar zů erschlagen? Allen diesen gotlosen, frevenlichen Urtailern antwurten dise nachgeschribne Artikel. Am ersten, das sie dise Schmach des Wort Gotes aufheben. Zům andern die Ungehorsamikait, ja die Empörung aller Bauren christenlich entschuldigen: Zum ersten ist das Evangelion nit ain Ursach der Empörungen oder Aufrůren, dieweil es ain Rede ist von Christo dem verhaißnen Messia, welchs Wort und Leben nichts dann Liebe, Fride, Geduld und Ainigkaiten lernet, also das alle, die in disen Christum glauben, lieplich, fridlich, gedultig und ainig werden; so dann der Grund aller Artikel der Bauren (wie dann klar gesehen wirt) das Evangelion zu hören und demgemeß zů leben, dahin gericht ist. Wie mügen dann die Widerchristen das Evangelion ain Ursach der Embörung und des Ungehorsams nennen? Das aber etlich Widerchristen und Feind des Evangelii wider sölliche Anmůttung und Begerung sich lönen und aufbömen, ist das Evangelion nit Ursach, sonder der Teüfel, der schedlichst Feind des Evangelii, der solches durch den Unglauben in den Seinen erweckt, hiemitte das das Wort Gotes (Liebe, Frid und Ainigkait lernent) undergetruckt und weggenommen wurde. Zům andern dann klar lauter volget, das die Bauren in iren Artikeln solches Evangelion zůr Leer und Leben begerend, nit mügen ungehorsam, aufrürisch genennt werden. Ob aber Got die Pauren (nach seinem Wort zů leben ängstlich růfent) erhören will, wer will den Willen Gotes tadlen? Wer will in sein Gericht greifen? Ja wer will seiner Mayestet widerstreben? Hat er die Kinder Israhel zů im schreiend erhöret und aus der Hand Pharaonis erlediget, mag er nit noch heut die Seinen erretten? Ja er wirts erretten! Und in ainer Kürz! Derhalben christlicher Leser, solliche nachvolgend Artikel lise mit Fleiß, und nachmals urtail.

Hie nahvolgent die Artikel

Der erst Artikel. Zum Ersten ist unser diemütig Bitt und Beger, auch unser aller Will und Mainung, das wir nun fürohin Gewalt und Macht wöllen haben, ain ganze Gemain sol ain Pfarer selbs erwölen und kiesen; auch Gewalt haben den selbigen wider zů entsetzen, wann er sich ungepürlich hielt. Derselbig erwölt Pfarrer soll uns das hailig Evangeli lauter und klar predigen one allen menschlichen Zůsatz, Leer und Gebot; dann uns den waren Glauben stetz verkündigen, geit uns ain Ursach, Got umb sein Gnad zů bitten; uns denselbigen waren Glauben einbilden und in uns bestetten; dann wann sein Genad in uns nit eingepildet wird, so bleiben wir stetz Fleisch und Blůt, das dann nichts Nutz ist; wie klärlich in der Geschrift stat, das wir allain durch den waren Glauben zů Got kommen kinden, und allain durch sein Barmherzigkait sälig müssen werden. Darumb ist uns ain söllicher Vorgeer und Pfarrer von Nöten und in diser Gestalt in der Geschrift gegrindt.

Der ander Artikel. — Zům andern nachdem der recht Zehat aufgesetzt ist im alten Testament und im Neuen als erfült, nichts destminder wöllen wir den rechten Kornzehat gern geben; doch wie sich gebürt. Demnach man sol in Got geben und den Seinen mitailen, gebürt es ainem Pfarrer, so klar das Wort Gots verkindt. Seien wir des Willen hinfüro disen Zehat unser Kirchbröpst so dann ain Gemain setzt, sollen einsemmlen und einnemen, darvon ainem Pfarrer, so von ainer ganzen Gemain erwölt wirt, sein zimlich, gnůgsam Aufenthalt geben, im und den Seinen, nach Erkantnus ainer ganzen Gmain. Und was überbleibt, sol man armen Dürftigen, so im selben Dorf verhanden seind, mittailen, nach Gestalt der Sach und Erkantnus ainer Gemain. Was überbleibt, soll man behalten, ob man raisen müßt von Lands Not wegen; darmit man kain Landsteuer dürf auf den armen Man legen, sol mans von disem Überschuß ausrichten. Auch ob Sach were, daz ains oder mer Dörfer weren, die den Zehenden selbs verkauft hettent aus etlicher Not halben, dieselbigen so darumb zů zaigen, in der Gestalt haben von ainem ganzen Dorf, der sol es nit entgelten; sonder wir wellen uns zimlicher Weis nach Gestalt der Sach mit im vergleichen, im sollichs wider mit zimlicher Zil und Zeit ablössen. Aber wer von kainem Dorf sollichs erkauft hat und ire Forfaren inen selbs solchs zůgeaigent haben, wöllen und sollen und seind inen nichts weiters schuldig zů geben, allain, wie obstat, unsern erwölten Pfarrer darmit zů underhalten, nachmalen ablesen oder den Dürftigen mittailen, wie die hailig Geschrift inhölt, si seien gaistlich oder weltlich. Den klainen Zehat wöllen wir gar nit geben, dann Got der Herr hat das Vich frei dem Menschen beschaffen, das wir für ain unzimlichen Zehat schetzen, den die Menschen erdicht haben. Darumb wöllen wir in nit weiter geben.

Der drit Artikel. Züm dritten ist der Brauch bisher gewesen, das man uns für ir aigen Leüt gehalten haben, wölchs zů erbarmen ist, angesehen das uns Christus all mit seinem kostparlichen Plůtvergüssen erlößt und erkauft hat, den Hirten gleich als wol als den Höchsten, kain ausgenommen. Darumb erfindt sich mit der Geschrift, das wir frei seien und wöllen sein. Nit das wir gar frei wöllen sein, kain Oberkait haben wellen, lernet uns Gott nit. Wir sollen in Gepotten leben, nit in freiem fleischlichen Můtwilen; sonder Got lieben, in als unsern Herren in unsern Nechsten erkennen und alles das ton, so wir auch gern hetten, das uns Got am Nachtmal gepotten hat zů ainer letz. Darumb sollen wir nach seinem Gepot leben, zaigt und weist uns dis Gepot an, das wir der Oberkait nit korsam seien, nit allain der Oberkait, sunder wir sollen uns gegen jederman diemütigen, das wir auch geren gegen unser erwelten und gesetzten Oberkait (so uns von Got gesetzt) in allen zimlichen und christlichen Sachen geren gehorsam sein. Seien auch on Zweifel, ir werdend uns der Aigenschaft als war und recht Christen geren entlassen oder uns im Evangeli des berichten, das wirs seien.

Der viert Artikel. Zum vierten ist bisher im Brauch gewesen, das kain armer Man nit Gewalt gehabt hat, das Wiltpret, Gefigel oder Fisch in fließenden Wasser nit zů fachen zü gelassen werden, welchs uns ganz unzimlich und unbrüderlich dunkt, sunder aigennützig und dem Wort Gots nit gemeß sein. Auch in etlichen Ortern die Oberkait uns das Gewild zů Trutz und mechtigem Schaden haben, wir uns das Unser (so Got dem Menschen zů Nutz wachsen hat lassen) die unvernünftigen Tier zů Unutz verfretzen můtwiliglich, leiden müssen, darzů stillschweigen, das wider Gott und dem Nechsten ist; wann als Gott der Herr den Menschen erschůf, hat er im Gewalt geben über alle Tier, über den Fogel im Luft und uber den Fisch im Wasser. Darumb ist unser Begeren: wann ainer Wasser hette, das ers mit gnůgsamer Schrift beweisen mag und das man das Wasser inwissenlich also erkauft hette, begeren wir ims nit mit Gewalt zů nemen, sunder man müst ain christlich Einsechen darinnen haben von wegen brüderlicher Lieb. Aber wer nit gnůgsam anzaigen darum kan ton, sols ainer Gemain zimlicher Weis mittailen.

Der funft Artikel. Zum fünften seien wir auch beschwert der Holzung halb, dann unsere Herschaften habend inen die Hölzer alle allain geaignet, und wann der arm Man was bedarf, můß ers umb zwai Geld kaufen. Ist unser Mainung, was für Hölzer seien, es habens geistlich oder weltlich innen, die es nit erkauft haben, sollen ainer ganzen Gemain wider anhaimfallen, und ainer Gemain zimlicher Weis frei sein, aim ietlichen sein Noturft ins Haus zů brennnen umbsunst lassen nemen; auch wann von Nöten sein wurde zů zimmern, auch umbsunst nemen, doch mit Wissen der, so von der Gemain darzů erwelt werden. So aber kains verhanden wer dann das, so redlich erkauft ist worden, sol man sich mit denselbigen briederlich und christelich vergleichen. Wann aber das Gůt am Anfang aus inen selbs geaignet wer worden und nachmals verkauft worden, sol man sich vergleichen nach Gestalt der Sach und Erkantnus briederlicher Lieb und heiliger Geschrift.

Der sechst Artikel. Zům sechsten ist unser hart Beschwerung der Dienst halben, wölche von Tag zu Tag gemert werden und teglich zůnemen, begeren wir das man ain zimlich Einsechen darein tue, uns dermaßen nit so hart beschweren, sonder uns gnedig hierinnen ansechen, wie unser Eltern gedient haben, allain nach Laut des Wort Gots.

Der sibent Artikel. Züm sibenden das wir hinfüro uns ain Herschaft nit weiter wölle lassen beschweren, sonder wies ain Herschaft zimlicher Weis aim verleicht, also sol ers besitzen laut der Verainigung des Herren und Bauren. Der Herr soll in nit weiter zwingen noch dringen, mer Dienst noch anders von im umbsunst begeren, darmit der Baur solich Gůtt onbeschwert also rüeblich brauchen und nießen müg. Ob aber dem Herren Dienst von Nöten weren, sol im der Baur willig und gehorsam für ander sein, doch zü Stund und Zeit das dem Bauren nit zu Nachtail dien; und ime umb ainen zimlichen Pfenning Denst tun.

Der achtet Artikel. Zům achten sei wir beschwert, und der vil, so Güter innen haben, das dieselbigen Güter die Gült nit ertragen kinden und die Bauren das Ir darauf einbießen und verderben, das die Herschaft dieselbigen Güter erber Leüt besichtigen lassen und nach der Billikait ain Gilt erschöpf, damit der Baur sein Arbait nit umbsunst tie; dann ain ietlicher Tagwerker ist seins Lons wirdig.

Der neunt Artikel. Zům neünten seien wir beschwert der großen Frefel, so man stetz neu Satzung macht; nit daz man uns straft nach Gestalt der Sach, sunder zů Zeiten aus großem Neid, und zů Zeiten aus großem Gunst. Ist unser Mainung, uns bei alter geschribner Straf strafen, darnach die Sach gehandelt ist, und nit nach Gunst.

Der zehent Artikel. Zům zehenden sei wir beschwert, das etlich haben inen zügeaignet Wisen, dergleichen Ecker, die dann ainer Gemain zůgeherent; dieselbigen werden wir wider zü unsern gemainen Handen nemen, es sei dann Sach, das mans redlich erkauft hab. Wann mans aber unbillicher Weis erkauft het, sol man sich gütlich und briederlich mitainander vergleichen nach Gestalt der Sach.

Der ailft Artikel. Zům ailften wellen wir den Brauch genant den Todfall ganz und gar abtůn habn, den nimmer leiden noch gestatten, das man Witwen, Waisen das Ir wider Got und Eeren also schentlich nemen, berauben sol, wie es an vil Orten menigerlai Gestalt geschehen ist, und von den, so si beschützen und beschirmen solten, hand si uns geschunden und geschaben; und wann si wenig Fůg hettent gehabt, hettent sis gar genomen; das Got nit mer leiden wil, sunder sol ganz absein, kain Mensch nichts hinfiro schuldig sein zů geben, weder wenig noch vil.

Beschluß. Zům zwelften ist unser Beschluß und endliche Mainung, wann ainer oder mer Artikel, alhie gestelt, so dem Wort Gotes nit gemeß weren, als wir dann nit vermainen, dieselbigen Artikel wol man uns mit dem Wort Gots für unzimlich anzaigen, wolt wir darvon abston, wann mans uns mit Grund der Schrift erklert. Ob man uns schon etlich Artikel jetz zuließ und hernach sich befend, das Unrecht weren, sollen si von Stund an tot und absein, nichts mer gelten. Dergleichen ob sich in der Schrift mit der Warhait mer Artikel erfunden, die wider Got und Beschwernus des Nächsten weren, wöll wir uns auch vorbehalten und beschlossen haben. Und uns in aller christlicher Leer ieben und brauchen, darumb wir Gott den Herren bitten wöllen, der uns das selbig geben kan und sunst niemant. Der Frid Christi sei mit uns allen.

Quelle: Quellen zur Geschichte des Bauernkrieges, gesammelt und herausgegeben von Günther Franz. Darmstadt: WBG, 1963, S. 174–79.

Quellen:

-> Barbara Schratzenstaller, Bauernkrieg, 1524-1526, publiziert am 07.05.2025; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bauernkrieg,_1524-1526> (31.01.2026)

-> Fries, Anja; Sedlmair, Andreas; Sedlmair, Stefan: Die Geschichte des Bauernkrieges, in: Bauernkrieg 1524-1526 (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 131), Hamburg 2025, S. 71-83.

Beschwerden und Forderungen—Die Zwölf Artikel der schwäbischen Bauern (27. Februar–1. März 1525), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-4323> [25.09.2026].

Bauernkrieg

Militär und Gesellschaft im Bauernkrieg

Inhaltsverzeichnis

  1. Truppen und Waffen. Wie die Aufständischen im Bauernkrieg kämpften.
  2. Schlacht von Hemmingstedt. Kampf um die Bauernrepublik.

1. Truppen und Waffen. Wie die Aufständischen im Bauernkrieg kämpften

Auch wenn ihre vernichtenden Niederlagen in den Schlachten bei Frankenhausen, Leipheim oder Königshofen etwas anderes suggerieren. Die Aufständischen des Bauernkriegs waren keineswegs nur schlecht bewaffnete und im Kampf unerfahrene Bauern-Haufen. Dass sie ihren adligen Gegnern dennoch unterlagen, hatte andere Gründe. Wie und mit welchen Waffen die Rebellen im Bauernkrieg 1524-1526 kämpften.

Es ist ein furchtbares Gemetzel, das sich am 15. Mai 1525 bei Frankenhausen abspielt. Auf dem Hausberg der nordthüringischen Stadt verheißt der Prediger Thomas Müntzer den bis zu 8.000 versammelten Rebellen gerade den Sieg über das aufmarschierte Fürstenheer, als plötzlich von überallher Kanonenkugeln einschlagen. Von allen Seiten greifen Reiter und Landsknechte die Wagenburg der Aufständischen an. Die Attacke trifft die Bauern und Bürger des Frankenhäuser Haufens überraschend. Fast ohne Gegenwehr geben sie ihre Stellung auf. In Panik fliehen sie bergab nach Frankenhausen. Doch den 4.000 Landsknechten und 2.000 Reitern des gegnerischen Fürstenheeres entgehen sie nicht. In einem Hohlweg, der heute den Namen "Blutrinne" trägt, werden die Aufständischen massenweise abgeschlachtet. Auch in Frankenhausen selbst werden alle Männer getötet. "An die 6.000 sind tot verblieben und 600 gefangen genommen", bilanziert Landgraf Philipp von Hessen das Blutbad.

Das "Schlachten" von Frankenhausen

Schädel eines verwundeten Mannes in der Ausstellung in der Kornmarktkirche mit der Gedenkstätte zum Deutschen Bauernkrieg
Schädel eines verwundeten Mannes in der Ausstellung zum Bauernkrieg in der Kornmarktkirche Mühlhausen.Bildrechte: IMAGO / Funke Foto Services

Frankenhausen gilt bis heute als eine der bedeutendsten Schlachten des Bauernkriegs, wobei "Schlacht" nicht selten in Anführungszeichen gesetzt wird. In der Tat kann von einer echten Schlacht im Sinne von zwei sich in intensiven Gefechten bekämpfenden Heeren keine Rede sein. Die Bauern und Bürger des Frankenhäuser Haufens werden am Nachmittag des 15. Mai 1525 fast ohne Gegenwehr abgeschlachtet. Das 6.000 Mann zählende Fürstenheer unter Landgraf Philipp von Hessen, Herzog Heinrich von Braunschweig und Herzog Georg von Sachsen soll dabei nur sechs Kämpfer verloren haben. Das "Schlachten" von Frankenhausen scheint das Stereotyp zu bestätigen, wonach es sich bei den Aufständischen des Bauernkriegs durchweg um kampfunerfahrene, mit Sensen, Dreschflegeln und Mistgabeln bewaffnete Bauern gehandelt habe. Doch dem ist nicht so.

Mehr als Sensen und Sicheln

Fahnenträger und Trommler im Bauernkrieg 1525 Gravur von Hans Sebald Beham 1544
Fahnenträger und Trommler im Bauernkrieg 1525, Gravur von Hans Sebald Beham 1544.Bildrechte: IMAGO/piemags

Zwar sind selbstgefertigte Waffen wie gestreckte Sensen oder Sicheln mit Schaft zu Beginn des Aufstands 1524/25 durchaus nicht selten. Doch mit der Einnahme von Burgen und Städten gelangen die Rebellen zunehmend in den Besitz modernerer und effektiverer Waffen. Aber auch zuvor sind zahlreiche Untertanen im römisch-deutschen Reich weder waffen- noch wehrlos. Vor allem im Südwesten Deutschlands sorgt die sogenannte Landfolgepflicht, eine Wehrpflicht im Verteidigungsfall, dafür, dass Bauern und Bürger mit "Wehr und Harnisch" ausgestattet sind. Nicht wenige Bauern sammeln als "Reisläufer" (als Fußsoldaten dienende Söldner) militärische Erfahrungen. Nach dem Vorbild der Landsknechtsheere versammeln sich auch die Aufständischen des Bauernkriegs in "Haufe" oder "Haufen". Allerdings sind diese Heerhaufen nicht auf eine bestimmte Zahl, sondern auf ein bestimmtes Herkunftsgebiet festgelegt, weshalb Größenordnungen von 4.000 bis 18.000 Mann überliefert sind.

Nach dem Vorbild der Landsknechte

Bewaffnete Bauern während des Bauernkrieges Holzschnitt-Titelblatt zur Bundersordnung der Bauern 1525
Bewaffnete Bauern während des Bauernkrieges, Holzschnitt-Titelblatt zur Bundersordnung der Bauern 1525.Bildrechte: IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive

Von den Landsknechten übernehmen die Haufen des Bauernkriegs auch ihre Unterteilung in Fähnlein (500 Mann) und Rotten (10 bis 15 Mann). Es gibt regelmäßige militärische Übungen und die Aufstellung in quadratischer Schlachtordnung entspricht der damaligen Kriegskunst. Auch die militärischen Ämter wie der Oberste Feldhauptmann des Haufens, die Hauptmänner über die Fähnlein, die Leutinger zur Unterstützung des Obersten Feldhauptmanns, die Fähndriche, Feldwaibel, Rottmeister usw. gehen auf das Vorbild der Landsknechtsheere zurück. Vor allem die mittleren Ämter werden von militärisch erfahrenen Männern besetzt, von denen es nicht wenige gibt. Bei den zu wählenden Obersten Feldhauptleuten und Hauptleuten ist das oft nicht so. Aber auch hier gelangen immer wieder erfahrene Kriegsleute an die Spitze schlagkräftiger Haufen. Zu nennen sind etwa die Reichsritter Bernhard Schenk von Winterstetten, Götz von Berlichingen, Florian Geyer von Giebelstadt oder der ehemalige kaiserliche Landsknecht Hans Müller von Bulgenbach, der am 23. Mai 1525 mit einem Rebellenheer Freiburg einnimmt – immerhin der größte Sieg von Aufständischen im Bauernkrieg.

Söldner, Hakenbüchsen und Kanonen

Ritter Florian Geyer von Giebelstadt, Darstellung vermutlich Ende 19. Jahrhundert
Der Ritter Florian Geyer von Giebelstadt ist einer der bekanntesten adligen Hauptleute im Bauernkrieg, Darstellung vermutlich Ende 19. Jahrhundert.Bildrechte: IMAGO/piemags

Nach den Plünderungen von Klöstern und Burgen und der Einnahme von Städten verfügt mancher große Rebellen-Haufen auch über genügend Geldmittel, um Söldner zu Fuß und zu Pferde anzuwerben. So soll der bis zu 15.000 Mann starke Seehaufen aus dem Gebiet nördlich des Bodensees in Oberschwaben im April 1525 rund 5.500 professionelle Soldaten in seinen Reihen haben. Zudem verfügt er über mehr als 4.000 Hakenbüchsen (frühe Vorderlader), was eine beachtliche Feuerkraft darstellt. Auch bei der Anzahl der Artilleriestücke sind zumindest die großen Haufen Südwestdeutschlands ihren Gegnern durchaus ebenbürtig oder zuweilen sogar überlegen. Und dennoch enden alle großen Feldschlachten des Bauernkriegs für die Aufständischen in einer Katastrophe. Trotz numerischer Überlegenheit sind die "Bauernhaufen" den professionellen Söldnerheeren des Schwäbischen Bundes und anderer Reichsstände unterlegen.

Zahlenmäßig überlegen aber zerstritten

Reichsritter Götz von Berlichingen zu Hornberg
Götz von Berlichingen wird zum Hauptmann des Neckartal-Odenwälder Haufens bestimmt, setzt sich aber fünf Tage vor dessen Vernichtung am 2. Juni 1525 bei Königshofen ab. Bildrechte: IMAGO / Zoonar

Die Gründe sind vielschichtig. Obwohl schätzungsweise 200.000 Aufständische (ohne Tirol und Salzburg) 1525 am Bauernkrieg beteiligt sind, bleiben ihre Aktionen regional voneinander getrennt. Zu einem reichsweiten koordinierten Vorgehen kommt es nicht. Die Anführer der verschiedenen regionalen Haufen kennen sich oft gar nicht. Ihre adligen Gegner sind hingegen gut vernetzt. Dort, wo mehrere Haufen gemeinsam agieren, sind Konflikte unter den Anführern vorprogrammiert. Aber auch innerhalb der Haufen herrscht häufig Misstrauen gegenüber den Hauptleuten. Die Absetzung auch von befähigten Anführern oder deren Rückzug sind Folgen dieses ständigen inneren Zwists. Für den Dresdner Historiker Gerd Schwerhoff sind das die Ursachen dafür, "dass viele Bauernhaufen bereits im Angesicht der feindlichen Heere ihre Ordnung nicht aufrecht erhalten konnten und in eine Massenpanik gerieten". Auch bei den Gegnern der Aufständischen sind Konflikte an der Tagesordnung. Doch im Kampf bewährt sich die Professionalität der feudalen Söldnerheere mit ihren klaren Kommandostrukturen und klaren militärischen Regeln.

Fehlen einer Reiterei kriegsentscheidend

Aber selbst dort, wo sich die Haufen der Aufständischen im Kampf zunächst als ebenbürtig erweisen, sind sie nicht in der Lage, taktische Erfolge in komplette Siege umzumünzen. Der Grund ist das weitgehende Fehlen einer Kavallerie, die einen fliehenden Feind verfolgen und vernichten kann.

Schlacht bei Pavia am 24. Februar 1525,  Öl auf Holz, gemalt 1525-1530 von einem unbekannten Künstler
Schwere deutsche Reiterei in der Schlacht bei Pavia am 24. Februar 1525, Unbekannter Künstler, Öl auf Holz, 1525-1530.Bildrechte: imago/United Archives International

Für den Leipziger Historiker Manfred Bensing ist das "Fehlen einer Reiterei kriegsentscheidend". Ohne sie hätten die Rebellen-Haufen dem Zusammenspiel von Fußvolk, Artillerie und Reiterei der Fürstenheere nichts entgegenzusetzen vermocht. Ihre Taktik habe deshalb "vorwiegend defensiv" sein müssen. Bensing macht "ideologische Gründe" für diesen Missstand verantwortlich. So hätten verschiedene Feldordnungen das Mitführen "reisiger Pferde" (Kriegsrösser) verboten. Abgesehen von wenigen berittenen Söldnern, hätten nur die gewählten Hauptleute den Haufen voranreiten dürfen. "Niemand sollte sich über den anderen erheben, ausgenommen die vom Volk eingesetzte Obrigkeit." Dem Fehlen einer Reiterei in den Haufen der Aufständischen stehen die flexibel operierenden Kavallerieverbände der Fürstenheere gegenüber. Sie verschaffen diesen einen entscheidenden Vorteil bei der Aufklärung, im Gefecht und in der Verfolgung. Tatsächlich sind es vor allem die Reiter der Fürstenheere, die bei Massenpaniken unter den Bauern für die größten Blutbäder sorgen.

Wagenburgen und defensives Operieren

Wagenburg der Bauern bei Königshofen 1525, Darstellung aus dem 19. Jahrhundert
Wagenburg der Bauern bei Königshofen 1525, Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.Bildrechte: IMAGO / H. Tschanz-Hofmann

Neben dem "Fehlen einer Reiterei" steht für Gerd Schwerhoff die Wagenburg als Sinnbild für das "defensive Operieren" der Aufständischen im Bauernkrieg. Die in den Schlachten bei Königshofen und Frankenhausen eingesetzten Wagenburgen der Rebellen haben allerdings nichts mit den einst gefürchteten Wagenburgen der Hussiten gemein, wie Schwerhoff erklärt: "Der Umgang mit dieser 'beweglichen Festung' erforderte große Disziplin und strikte Kommandostrukturen, die den Bauernhaufen abgingen." Auch die am 15. Mai 1525 auf dem Hausberg von Frankenhausen stehende Wagenburg bietet den 8.000 Bauern und Bürgern des Frankenhäuser Haufens keinen Schutz.

Frankenhausen offenbart Schwächen

Panoramamuseum auf einer Anhöhe vor Bad Frankenhausen
Auf dem Schlachtberg von Bad Frankenhausen erinnert seit 1989 das Panorama-Museum mit dem Bauernkriegspanorama von Werner Tübke an die Schlacht von 1525.Bildrechte: imago/photo2000

Die "Schlacht" bei Frankenhausen steht symbolhaft für vieles, was die Unterlegenheit der Aufständischen im Bauernkrieg ausmacht. Ihren kampferprobten Gegnern ist die Mehrzahl von ihnen hinsichtlich militärischer Professionalität und Tötungsroutine unterlegen. Hinzu kommt der permanente Zwist innerhalb der Rebellen-Haufen, der überlebenswichtige Entscheidungen in schwierigen Situationen verzögert. Auch bei Frankenhausen diskutieren die Aufständischen kurz vor ihrer Vernichtung, ob sie sich den Fürsten ergeben und ihre Anführer ausliefern oder weiterkämpfen sollen. Sie lassen sich von Thomas Müntzers flammender Siegespredigt von letzterem überzeugen. Doch da ist es bereits zu spät. Kurz darauf werden fast alle von ihnen in einer einzigen Orgie der Gewalt abgeschlachtet.

2. Schlacht von Hemmingstedt. Kampf um die Bauernrepublik.

Jahrzehntelang leben die Dithmarscher Landleute unabhängig von ihrem Adelsherrn. Doch im Jahr 1500 versucht Dänemarks mächtiger König, sie niederzuzwingen – und schickt eine gefürchtete Söldnertruppe

 
MEHR ALS 10000 Mann bietet der Dänenkönig gegen 6000 Bauernkrieger auf. Am 17. Februar 1500 kommt es zur Schlacht

Knietief versinken die beiden Späher im Schlamm, als sie gegen Mittag des 17. Februar 1500 auf der schmalen Straße Richtung Norden stapfen. Eisiger Regen prasselt auf sie ein, durchnässt ihre Kleider, raubt ihnen die Sicht auf ihrem Weg durch das Marschland. Eine braune, morastige Fläche umgibt sie, durchzogen von Entwässerungsgräben. Irgendwo zu ihrer Linken wogt die Nordsee im Sturm gegen Deiche. Vor ihnen führt der aufgeweichte Weg in konturloses Grau.

Die beiden Kundschafter, die hier nahe dem Dorf Hemmingstedt durch Dithmarschen ziehen, knapp 100 Kilometer nordwestlich von Hamburg, gehören zur Schwarzen Garde, einer gefürchteten Söldnertruppe, deren Kämpfer sich oft in dunkle Wämser kleiden. Greise, Frauen, Kinder, Soldaten, Ritter – alle machen sie nieder. Ihr Anführer Thomas Slentz kommt wohl aus Köln, unter seinem Befehl stehen Tausende Deutsche, Niederländer, Spanier, Schotten, Schweizer.

Jetzt hat einer der mächtigsten Könige Europas die Kämpfer angeheuert: Johann von Dänemark, Herrscher auch über Schleswig und Holstein, Norwegen und Schweden. Den etwa 3500 Gardisten hat er eigene Ritter, Fußsoldaten sowie knapp 30 Kanonen zur Seite gestellt. Insgesamt marschieren hinter den zwei Kundschaftern mehr als 10000 Kämpfer durch die flache Ebene.

Und diese Soldaten sind nicht an die Nordseeküste gezogen, um gegen das Heer eines anderen Fürsten zu kämpfen, ja nicht einmal gegen Soldaten. Es geht gegen Landleute, die sich weigern, die Autorität des dänischen Königs anzuerkennen und in einem autonomen Staat zusammenleben: der Bauernrepublik Dithmarschen.

Bislang konnte das Heer des Dänenkönigs fast ohne Widerstand vorrücken, hat weitgehend ungestört die Stadt Meldorf geplündert. Jetzt zieht es weiter Richtung Hemmingstedt, um auch Dithmarschens Norden zu erobern. Da zeichnen sich vor den Augen der Kundschafter dunkel die Umrisse eines Hindernisses ab.

Wie eine Wand zieht es sich über die Straße. Plötzlich hallt Kanonendonner über die Marsch; ein Geschoss zerreißt einen der Späher. Die Bauern greifen an!

So beginnt an diesem Februartag des Jahres 1500 die Schlacht zweier ungleicher Armeen: ein zu weiten Teilen hochgerüsteter Militärapparat gegen eine Schar meist untrainierter Landleute. Doch die Bauern verfügen über eine Waffe, von der die Soldaten nichts ahnen und die mächtiger ist als jedes Schwert: die Nordsee.

DITHMARSCHEN IST EINE 50 Kilometer lange und bis zu 35 Kilometer breite Region an der Westküste des heutigen Schleswig-Holstein. Begrenzt wird der Landstrich im Norden von der Eider, im Süden von der Elbe und im Osten von Sümpfen und Mooren. Der Großteil des Gebiets ist so flach, dass Stürme die Fluten der Nordsee oft weit ins Landesinnere tragen.

Im 12. Jahrhundert haben die Menschen vielerorts begonnen, Deiche aufzuschütten und Entwässerungskanäle zu graben, um dem Meer so Boden abzuringen. Der Aufwand lohnte sich, denn die Äcker sind sehr fruchtbar. Ihren Weizen verkaufen die Einheimischen bis nach Spanien, England und ins Baltikum; manche Großbauern unterhalten dafür sogar eigene Hochseeschiffe. Nebenbei plündern sie Schiffe, die bei Niedrigwasser im Watt stecken bleiben. So werden die Dithmarscher reich – und selbstbewusst.

Rechtlich gehört die Gegend seit 1227 dem Bremer Erzbischof. Dessen Territorien sind wiederum Teil des Heiligen Römischen Reiches. Doch der Kaiser ist weit und der Erzbischof von Bremen schwach. Und so stellen die Dithmarscher seine Vertreter vor Ort bereits um 1300 vor die Wahl, ihren Adelsrechten abzuschwören oder die Region zu verlassen. Offiziell sagen sich die Bauern zwar nie von ihrem Herrn los – faktisch aber bestimmen sie ihre Geschicke nun selbst (und die Obrigkeit kann wohl nichts dagegen unternehmen).

OFFIZIER einer Söldnertruppe. Landsknechte aus ganz Europa kämpfen im dänischen Heer

Mitte des 15. Jahrhunderts schreiben die Bauern sogar eine Art Verfassung nieder. Jeweils zwölf gewählte Vertreter aus vier Bezirken Dithmarschens bilden einen Rat, der sich jeden Samstag im Wirtshaus von Heide versammelt, das so zu ihrem Hauptort wird. Dort sprechen sie Recht und entscheiden auch darüber, mit wem die Republik Handel treibt oder ob sie in den Krieg zieht und sich gegen Feinde verteidigt. Eine echte Volksvertretung ist dieser Rat der 48 aber nicht: Wer erst einmal zu dem Gremium gehört, behält das Amt auf Lebenszeit. Stirbt ein Ratsherr, wählen vermutlich die restlichen Mitglieder des Rats seinen Nachfolger – meist aus der Familie des Verstorbenen. So sichern sich einige reiche Bauernsippen die Macht im Land.

Auch in anderen norddeutschen Küstenregionen leben die Bauern zu jener Zeit in Freistaaten zusammen, etwa auf der friesischen Insel Butjadingen, im benachbarten Stadland oder im nördlich davon liegenden Wursten.

Im 15. Jahrhundert erwachsen den Bauernrepubliken mit den erstarkenden Fürsten jedoch mächtige Gegner. Viele Landesherren modernisieren ihre Staaten: Sie professionalisieren die Verwaltung, um besser Steuern eintreiben zu können, und nehmen dem niederen Adel angestammte Rechte. Zudem arrondieren sie auf Kosten schwächerer Nachbarn ihre Gebiete. Bald versuchen norddeutsche Fürsten, auch die Territorien der Bauernrepubliken zu annektieren, und setzen sie unter Druck.

Dithmarschen bleibt vorerst weitgehend unbehelligt, denn der Bremer Erzbischof zeigt weiterhin kein Interesse an der abgeschiedenen Gegend. Auch von anderen Herrschern droht der Republik zunächst kaum Gefahr: Durch Flüsse und Meer ist der Landstrich gut von Feinden abgeschirmt und nur vom östlich gelegenen Holstein ernsthaft angreifbar. Das dort seit Langem regierende Adelsgeschlecht aber ist zu schwach für einen effektiven Schlag gegen die Bauern.

Aber als 1459 der letzte Graf dieser Linie stirbt, fällt Holstein an den Dänenkönig. Der kann den Kaiser davon überzeugen, ihm auch das Recht auf Dithmarschen zu übertragen. Dass das Land eigentlich dem Bremer Erzbischof untersteht, ist dem Kaiser offenbar unbekannt. Und obwohl er seine Zusage nach Bremer Protesten schon bald wieder zurückzieht, rückt die dänische Krone nicht mehr von ihrem Anspruch ab. Sie verlangt von den Dithmarschern Anerkennung der neuen Herrschaft sowie hohe Steuern und den Bau von drei Zwingburgen.

Die stolzen Bauern verweigern alles drei. Daher entschließt sich Dänemarks König Johann, seinen Anspruch zu Beginn des Jahres 1500 mit Gewalt durchzusetzen. Er heuert die Schwarze Garde an, zieht Artillerie und Ritter zusammen.

Der Dithmarscher Rat sendet Hilfsgesuche an die Hansestädte der Region, die den Machthunger des dänischen Monarchen argwöhnisch verfolgen. Es geht um die Hegemonie über die Handelswege: Hamburg etwa fürchtet, der König könnte die Elbmündung kontrollieren und die Stadt von ihren Warenströmen abschneiden. Und doch schicken die Hanseaten nur wenig Verstärkung: 25 Armbrüste, vier Geschütze und 500 Gulden. Auch sonst kommt kaum Hilfe. Dithmarschen ist auf sich allein gestellt.

Die Bauern diskutieren, wie mehrere Chronisten berichten, ob sie kapitulieren, auf die nahe gelegene Insel Büsum fliehen oder kämpfen sollen. Am Ende ist es wohl ein Einwanderer aus Holland, der Schwiegersohn eines Dithmarscher Bauern, der die Einheimischen vom Widerstand überzeugt: Wulf Isebrand.

Nach der Dithmarscher Verfassung muss jeder Mann in den Krieg ziehen, der mindestens 14 Jahre alt ist und ohne Krückstock zur Kirche gehen kann. 6000 wehrfähige Kämpfer kommen so etwa zusammen – gegen mehr als 10000 größtenteils kriegserprobte Feinde.

Eine militärische Ausbildung haben nur wenige der Dithmarscher. Immerhin sind sie unter anderem mit Armbrüsten, Spießen, Wurfbeilen und leichten Kanonen bewaffnet. Ihr größter Vorteil aber ist: Sie kennen die Gegend, wissen, wo der durchnässte Grund trägt, wo man selbst bei Überschwemmungen laufen kann – aber auch, wo durch einen falschen Tritt der Tod durch Ertrinken droht.

Als das dänische Heer unter König Johann am 11. Februar einfällt, ziehen sich die Bauern aus den höher gelegenen Landesteilen zurück. Selbst Meldorf, ihre einzige Stadt, geben sie auf. Nur einige angeworbene Söldner bleiben – und mit ihnen Alte, Kranke und Kinder. Ein Fehler. Denn die Schwarze Garde metzelt die Zivilisten nieder. „Die Kinder an der Mutterbrust haben sie mit Spießen durchstochen, in die Höhe gehalten und Wohlgefallen daran gehabt“, so ein Lübecker Chronist. Am Vormittag des 17. Februar 1500 zieht der größte Teil des dänischen Heeres weiter nach Norden – bis die zwei Späher auf die Bauern treffen.

ALS DIE ERSTEN KANONENSCHÜSSE verhallt sind, hastet einer der Kundschafter zur Schwarzen Garde zurück, die ein paar Dutzend Meter hinter ihm durch den Regen marschiert. Da treffen die ersten Geschosse bereits die dänische Armee, durchschlagen Harnische, reißen Söldnern Arme, Beine und Köpfe ab.

Die Soldaten reagieren sofort, einige ziehen ihre Feldgeschütze nach vorn und zielen auf die Erdschanze, die die Bauern in der Nacht aufgeschüttet haben. Währenddessen formieren sich die anderen Söldner zu einer Phalanx, recken ihre bis zu fünf Meter langen Piken nach vorn.

Wulf Isebrand, der die Verteidiger auf der Schanze kommandiert, stellt eine Gruppe Bauern für einen Ausfall auf. Sie sollen die gegnerischen Geschütze umkippen. Die Männer stürzen die Schanze hinab, werden aber meist von Landsknechten aufgespießt oder von Kanonenkugeln zerschmettert. Beim zweiten Vorstoß jedoch gelingt es ihnen, die Geschütze auszuschalten – auch, weil Sturm und Regen manche Lunten löschen und deshalb nicht alle Kanonen feuern.

Der Garde bleibt nun nur noch ein direkter Angriff der Fußsoldaten auf die Schanze. Unter dem Kanonenfeuer der Dithmarscher rückt die Phalanx der Landsknechte vor, die Offiziere marschieren in der ersten Reihe.

Die Dithmarscher verteidigen ihre Schanze nur mit vielleicht 400 Mann – alle anderen stehen im Hinterland. Die Bauern wissen: Kurz hinter der Schanze wird das Land trockener und fester. Dort könnte das dänische Heer seine Kampfkraft voll ausspielen. Fällt die Schanze, ist die Republik verloren. Wulf Isebrand befiehlt den Gegenangriff.

Die Kämpfer ziehen ihre Helme, Panzer und Stiefel aus, um so leicht wie möglich zu sein und nicht im Schlamm zu versinken. Einer trägt ein Kruzifix heran. „Hilf Maria, milde“, rufen die Bauern und stürmen an der Schanze vorbei.

So tollkühn der Vorstoß der Dithmarscher auch ist, so klein sind die Chancen gegen die Phalanx der Söldner. Die Bauern rennen in die gegnerischen Piken, manche werden aufgespießt, die anderen zurückgedrängt. Gleichwohl wagen die Bauern wenig später noch einen zweiten Ausfall, der ebenfalls scheitert. Doch die Attacken verschaffen den Dithmarschern Zeit. Schon treffen mehr als 2000 Mann Verstärkung aus dem Hinterland ein. Und dann entfaltet das Meer seine Macht.

Denn schon am Morgen haben die Bauern die Schleusen an den Deichen geöffnet. Stetig treiben Sturm und Flut seither die Wassermassen ins Land, füllen erst die Gräben und überschwemmen nun auch das Gelände. Die Söldner stehen bald auf einem schmalen Damm inmitten einer scheinbar nicht endenden Wasserfläche. Vorn donnern feindliche Kanonen, von hinten drängt das eigene Heer.

Nun kommen die Bauern erneut angestürmt. Bei Johanns Kämpfern bricht Panik aus, ihre Formation löst sich auf. Die Dithmarscher stechen sie nieder. Offiziere fallen zu Boden. Da verlässt die Soldaten der Mut. Sie wenden sich zur Flucht und schlagen sich den Weg für den Rückzug durch den Rest des Heeres frei. Wer sich nicht auf der Straße halten kann, droht ein Opfer der Nordsee zu werden, deren Fluten links und rechts des Wegdammes wogen. Viele Männer ertrinken.

IN OFFENER Schlacht hätten die Bauern keine Chance. Doch sie locken die Feinde in einen Hinterhalt

Die Einheimischen setzen nach. Anders als ihre Gegner wissen sie, wo sich tiefe Gräben befinden und an welchen Stellen das Wasser flach ist; daher können sie sich auch abseits der verstopften Straße durch die Marsch bewegen. Um über Tiefen zu setzen, nutzen sie ihre Spieße als Sprungstöcke.

Und als sie auf die Ritter des dänischen Heeres stoßen, attackieren sie deren Pferde und bringen die schwer gepanzerten Gegner so zu Fall. Bewegungsunfähig versinken viele Panzerreiter in Schlamm und Wasser. Nach und nach metzeln die Dithmarscher die verhassten Adeligen nieder. Wohl mindestens 3500 Angreifer sterben; die Dithmarscher verlieren ein paar Hundert Bauern.

Die Flüchtenden lassen Kanonen, Kriegskasse und sogar die den Dänen heilige Staatsflagge zurück. König Johann schließt sich dem hektischen Rückzug an. Da es bereits zu dunkeln beginnt, lassen die Bauern ihn ziehen.

DER TRIUMPH ÜBER DIE Schwarze Garde ist so unerwartet, dass ihn sich die Geschichtsschreiber nur durch göttlichen Beistand erklären können – und so überliefern sie, dass eine Jungfrau auf der Schanze erschienen sei und die Bauern in die Schlacht geführt habe.

Der Sieg bleibt nicht ohne Folgen: Die Nachricht, dass der König von Dänemark besiegt und die Schwarze Garde aufgerieben ist, dringt bis nach Schweden. Dort erheben sich Separatisten und erkämpfen die Unabhängigkeit.

Diese zeitweilige Schwäche des dänischen Großreichs ändert aber nichts daran, dass in Europa endgültig die Epoche der fürstlichen Territorialstaaten angebrochen ist. Nach und nach werden fast alle Bauernrepubliken an der Nordsee von weltlichen oder geistlichen Landesherren unterworfen: Stadland und Budjadingen fallen 1514, Wursten wird 1525 erobert.

Dithmarschen hingegen bleibt nach der Schlacht von Hemmingstedt zwei Generationen lang unabhängig. Die Händler der Bauernrepublik umgehen Monopole der Hanse, ihre Fischer greifen fürstliche Schiffe an, und ihre Kämpfer starten sogar Plünderzüge nach Holstein.

Erst im Sommer 1559 wird Dithmarschen unterworfen. Ein neues dänisches Heer marschiert ins Land, und kein himmlischer Beistand hilft den Bauern. Sie unterliegen und müssen ihrem Landesherrn huldigen. Der Triumph bei Hemmingstedt jedoch bleibt unvergessen. In den folgenden Jahrhunderten inspiriert er zahllose Künstler, wird der Mythos allerdings auch von Nationalisten und später den Nationalsozialisten für ihre Zwecke missbraucht. Heute aber feiern die Dithmarscher die Schlacht von Hemmingstedt als das, was sie wirklich war: der Kampf einer frühen Republik – und der Sieg der Freiheit.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Niemetz, Daniel: Truppen und Waffen. Wie die Aufständischen im Bauernkrieg kämpften, in: mdr.de, online verfügbar seit 19.05.2025 unter: https://www.mdr.de/geschichte/weitere-epochen/neuzeit/bauernkrieg-soeldner-anfuehrer-frankenhausen-schlacht-100.html, zuletzt geprüft am 07.12.2025.

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Sekundärliteratur

-> Pfaffenzeller, Martin: Schlacht von Hemmingstedt. Kampf um die Bauernrepublik, in: GEO Epoche (Jg. 2019, Heft Nr. 100).

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Schmalkaldischer Krieg

Religion


Religion

Die Reformation

Inhaltsverzeichnis

  1. Von den 95 Thesen zum Augsburger Religionsfrieden. Meilensteine der Reformation.
  2. Schlaglicht 1555: der Erste Religionsfrieden
  3. Das Wunder von Augsburg 
  4. Thomas Müntzer. Gottes Speerspitze
  5. Luther auf dem Reichstag in Worms 
  6. Populäre Irrtümer rund um die Reformation
  7. Kirche im ausgehenden Mittelalter
  8. Schlaglicht 1517: der sogenannte Thesenanschlag
  9. Schlaglicht 1521: Luther und Karl V. in Worms 
  10. Schlaglicht 1526: Impuls fürs landesherrliche Kirchenregiment
  11. Schlaglicht 1529: die ''Protestation''
  12. Schlaglicht 1530: die ''Confessio Augustana''
  13. Schlaglicht 1546: der erste deutsche Konfessionskrieg
  14. Martin Luthers 95 Thesen 1517 (Quelle)

1. Von den 95 Thesen zum Augsburger Religionsfrieden. Meilensteine der Reformation.

Martin Luther war mit seinen 95 Thesen nicht der Erste, der den Ablasshandel angriff. Seiner Kritik war jedoch eine beispiellose Wirkung beschieden. In dem Beitrag werden die großen Linien der Reformationsgeschichte zwischen 1517 und 1555 nachgezeichnet.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts bildete das westliche Europa einen kulturellen Raum, der von verbindenden Traditionen geprägt war – allen voran die lateinische Sprache, die in der transnationalen und gelehrten Kommunikation dominierte, die christliche Religion, damit einhergehend das päpstlich approbierte Kirchenrecht (ius canonicum) sowie die Universitäten.Zur Auflösung der Fußnote[1]Auch einige religiöse Praktiken waren exklusiv in der westlich-lateinischen Christenheit verwurzelt, etwa die Kreuzzüge, der Pflichtzölibat der Priester, der rechtsverbindlich geforderte Gehorsam gegenüber dem Bischof von Rom oder das Bußwesen, das bestimmte Vergehen mit exakt tarifierten Kompensationsleistungen belegte.

Dasselbe galt für den Ablass. Bei diesem seit dem Hochmittelalter ausgebauten Heilsinstitut handelte es sich um eine Verkürzung oder gar gänzliche Aufhebung zeitlicher Sündenstrafen, die, sofern sie nicht zu Lebzeiten abgetragen wurden, vor der Erlösung im Fegefeuer gebüßt werden mussten. Die attraktiven Plenarablässe, die in der Regel gegen Geldzahlungen die totale Sündenvergebung (plena remissio peccatorum) gewährten, konnte nur der Papst spenden und wurden in großen Kampagnen europaweit und seit der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts weithin einheitlich propagiert. Diese Praxis war gleichsam ein Spiegel ihrer Zeit, die stark religiös geprägt war und in der Glaubensfragen den Alltag durchdrangen: Es herrschte eine allgemeine Gerichtsangst, man fürchtete sich vor der Prüfung des Lebenswerks durch einen strafenden Gott. Das Leben der Menschen war bestimmt von einer ständigen Suche nach Mitteln, nach guten Werken und Verdiensten, die – wie etwa ein Klosterbeitritt – die Chancen erhöhen könnten, vor Gott zu bestehen, sowie nach Mittlern zwischen dem sündigen Selbst und dem richtenden Gott – beispielsweise Heilige oder Priester.

Als der Augustinermönch Martin Luther am 31. Oktober 1517 mit der Veröffentlichung von 95 Thesen in Wittenberg und ihrer Versendung an den obersten kirchlichen Würdenträger im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Mainz und Magdeburg, die Ablasspraxis infrage stellte, rührte er also an die zentrale Frage nach der menschlichen Identität aus und vor Gott. Luther war davon überzeugt, dass der Ablass die jedem Christen gebotene stetige Buße aushöhle, also die Umkehr zu einer Gottes Geboten entsprechenden Lebensführung. Anstatt die Christen auf den Weg der Nachfolge ihres leidenden Heilandes zu führen, gewähre ihnen der Ablass trügerische Sicherheiten und verlogene Erleichterungen. Das Evangelium, das die bedingungslose göttliche Gnade gegenüber dem wegen seiner Gottferne verzweifelten Sünder verkünde, werde durch ein Heilsangebot entwertet, das jedem – unabhängig von seiner inneren Haltung – nur aufgrund des Erwerbs eines Ablassbriefes den Erlass von Fegefeuerpein und den Eintritt in den Stand der ewigen Seligkeit zuerkenne.

Auch wenn der Bettelmönch aus dem Augustinereremitenorden keineswegs der erste Theologe war, der den Ablass angriff, so war seiner Kritik doch eine beispiellose Wirkung beschieden. Dies hing zum einen damit zusammen, dass Luther den Ablass gleichsam "von innen", vom Grundverständnis des christlichen Glaubens und der entsprechenden sittlich-religiösen Haltung der Buße her attackierte. Zum anderen erlangten seine Thesen durch den Buchdruck eine für ihn selbst völlig überraschende Verbreitung und wurden ungemein zügig innerhalb Deutschlands, aber auch in anderen europäischen Ländern rezipiert.

Ein Reformer wird zum Reformator

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der 95 Thesen war sich Luther noch nicht darüber im Klaren, dass ein Angriff auf den Ablass auf eine Infragestellung der Papstgewalt hinauslaufen musste. Denn der Stellvertreter Christi auf Erden erhob den Anspruch, über einen "Schatz der Kirche" (thesaurus ecclesiae) zu verfügen, in dem die Verdienste Christi und der Heiligen gesammelt waren; kraft der ihm übertragenen Schlüsselgewalt konnte er nach Belieben darüber verfügen. Verbindliche Lehrentscheidungen zum Ablass hatte die römische Kirche jedoch noch nicht dogmatisiert. Insofern hoffte Luther zunächst, dass sich der Papst seine Kritik an der marktschreierischen Ablasspropaganda des Dominikaners Johann Tetzel zu eigen machen werde.

Nach der Thesenpublikation setzte eine lebhafte Publizistik ein: Luther führte literarische Auseinandersetzungen mit Tetzel und dessen Kollegen Konrad Wimpina, einem Theologieprofessor in Frankfurt an der Oder, sowie mit dem Ingolstädter Theologen Johann Eck, der ihn als Ketzer und Papstfeind attackierte, dem römischen Kurientheologen Sylvester Prierias und einer stetig wachsenden Zahl weiterer Apologeten der römischen Papstkirche. Neben der Frage des Ablasses rückten allgemeine Probleme der Gnaden- und der Sakramentenlehre, des Verhältnisses von biblischer Norm und kirchlicher Tradition, der Autorität der Kirchenväter, der Päpste und der Konzilien ins Zentrum der theologischen Debatten.

Nach und nach ergriffen andere Theologen und Autoren aus dem Laienstand verdeckt oder offen Partei für Luther, etwa sein Fakultätskollege Andreas Bodenstein, der Nürnberger Ratsschreiber Lazarus Spengler oder der Wittenberger Griechischdozent Philipp Melanchthon. Humanistische Gelehrte wie der Basler Münsterprediger Wolfgang Capito, der Nürnberger Jurist Christoph Scheurl, der Schlettstädter Philologe Beatus Rhenanus oder der Heidelberger Dominikanermönch Martin Bucer sorgten dafür, dass Luthers Schriften umgehend nachgedruckt und europaweit verbreitet wurden. Luther selbst feuerte die Publizistik pausenlos an und belieferte die Wittenberger und Leipziger Druckwerkstätten mit Manuskripten; allein bis Ende 1519 waren 45 Schriften des Wittenberger Bibelprofessors in insgesamt 263 Ausgaben und über einer Viertelmillion Exemplaren verbreitet. Kein Autor war jemals zügiger in einem solchen Ausmaß gedruckt worden wie Luther.

Während dieser seine Botschaft publizistisch verbreitete und seine reformatorisch-theologische Position in den Kontroversen, die er führte, präzisierte, schritt auch das kirchenrechtliche Verfahren gegen ihn voran. Albrecht von Brandenburg hatte einen Ketzerprozess in Rom eingeleitet, dessen Abschluss sich zunächst aus politischen Gründen verzögerte: Die römische Kurie nahm auf Luthers Landesherrn Friedrich III. von Sachsen Rücksicht, da sie seiner Unterstützung bedurfte, um die Wahl des habsburgischen Thronfolgers Karl von Spanien zum Kaiser des Reiches zu verhindern. Vor allem mit Blick auf die Machtverhältnisse in Italien hatte Rom keinerlei Interesse an einer Ausweitung des habsburgischen Einflusses. Denn Sizilien, Mailand und Neapel standen bereits unter spanischer Ägide. Der Kirchenstaat fühlte sich eingekreist; das Kaisertum würde diesen Effekt noch steigern. Nachdem der Versuch, Karl als Kaiser zu verhindern, freilich gescheitert war, beschleunigte sich der römische Prozess gegen Luther. Dabei spielte sein alter Gegner Eck eine wichtige Rolle, mit dem er sich im Sommer 1519 eine von Hunderten von Gästen besuchte Schaudisputation in Leipzig geliefert hatte. Eck reiste nach Rom, formulierte wesentliche Passagen der päpstlichen Bannandrohungsbulle "Exsurge Domine" und propagierte ab Sommer 1520 ihre Verbreitung im Reich. Auch verschiedene theologische Fakultäten wie jene in Köln, Löwen und Paris hatten sich mit Luthers Lehre beschäftigt und sie verurteilt.

Auf die offizielle Verketzerung seiner Lehre hin ging Luther zu forcierten literarischen Gegenangriffen über, identifizierte den Papst nunmehr öffentlich als den in der Bibel geweissagten Antichristen und legte noch im selben Jahr mit seiner Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung" ein auf Deutschland bezogenes, von den politischen Handlungsträgern in Stadt und Land umzusetzendes kirchlich-gesellschaftliches Reformprogramm vor. Kurz darauf zerschlug er in seiner radikalen Schrift "Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche" die römische Sakramentenlehre. Von den sieben Sakramenten, die sich in verbindlichem kirchlichen Gebrauch befanden (Taufe, Buße, Abendmahl, Firmung, Ehe, Priesterweihe, letzte Ölung), gestand er nur Taufe und Abendmahl den Charakter eines Sakramentes zu, weil Christus sie eingesetzt und mit einem Verheißungswort und einem äußeren Zeichen versehen habe. Die anderen fünf hielt Luther für willkürliche Erfindungen eines machtbewussten Klerus. Die ihm in der Bannandrohungsbulle eingeräumte Widerrufsfrist ließ er verstreichen und verbrannte am Tag ihres mutmaßlichen Ablaufs, dem 10. Dezember 1520, das kanonische Recht nebst weiterer papsttreuer Literatur in einem öffentlichen Spektakel vor dem Wittenberger Elstertor. Damit wurde aus dem mönchischen Reformer, der versucht hatte, aus Loyalität die im Ablasswesen aufbrechende Glaubwürdigkeitskrise seiner Kirche zu überwinden, jener Reformator, der sie kompromisslos bekämpfen und einen kirchlichen Neubau betreiben wollte.

Sola-Theologie

Bis zu diesem definitiven Bruch mit der Papstkirche hatten sich Luthers theologische Überzeugungen weitestgehend konsolidiert. Gegenüber der mittelalterlichen Schultheologie, der sogenannten Scholastik, und ihrer philosophischen Grundlage, dem Aristotelismus, ging Luther polemisch auf Abstand. In Anknüpfung an ältere monastische, insbesondere mystische Traditionen der Theologie war es ihm ein Anliegen, das persönliche Gottesverhältnis des Einzelnen, den Glauben, zu akzentuieren.

Den Mittelpunkt seines Glaubensverständnisses bildete "allein das Wort" (solum verbum), das als gepredigte, fleischgewordene oder geschriebene Botschaft Weg und Ziel des Heils darstellte. Allein Christus (solus Christus), der gekreuzigte Heiland, vermittele im Zuspruch der Sündenvergebung die allein seligmachende Gnade Gottes (sola gratia), der allein im dem Wort vertrauenden Glauben (sola fide) entsprochen werde. Auch die von Christus eingesetzten und mit äußeren Zeichen wie Brot, Wein und Wasser versehenen Sakramente der Taufe und des Abendmahls verstand Luther vom Glauben her: als Mittel, ihn zu begründen und zu stärken. Die selbstverständliche hierarchische Teilung der Christenheit in Kleriker und minderberechtigte Laien hob Luther auf – im Glauben seien alle gleich, und niemand könne eine größere Nähe zu Gott für sich beanspruchen als ein anderer.

Als einzige unfehlbare Quelle und Norm der christlichen Wahrheit galt Luther die Bibel (sola scriptura). Sie in der Volkssprache allgemein zugänglich zu machen, war ihm und seinen Mitstreitern ein wichtiges Anliegen. Nach dem Erscheinen der von Luther angefertigten deutschen Übersetzung des Neuen Testaments im September 1522 entstanden in verschiedenen europäischen Ländern volkssprachliche Bibelübersetzungen, die nach und nach die Partizipationsmöglichkeiten der "gemeinen Christen" ungemein erhöhten. Auch die Übertragung der gottesdienstlichen Liturgie und die Dichtung volkssprachlicher Kirchenlieder entsprachen dem partizipativen Konzept des "allgemeinen Priestertums", das seit 1520 zur ekklesiologischen, also die Gestalt der Kirche betreffenden Basistheorie der reformatorischen Bewegung wurde.

Die Sprengkraft dieser Theologie ergab sich daraus, dass sie für Laien nachvollziehbar war, jedem Christen eine unmittelbare Gottesbeziehung ermöglichte und keiner heilsvermittelnden Institution bedurfte. Zugleich schärfte sie das Bewusstsein für die Unterschiedenheit von Kirche und Welt und die allein durch das Wort einerseits, mittels weltlicher Herrschaftsvollmachten andererseits ausgeübten beiden Regimente Gottes. Dem Papst, der die weltliche Gewalt über einen Territorialstaat ausübte, warf er die Vermischung beider Regierweisen vor.

Radikalisierung und Spaltung

Obschon Luther durch die päpstliche Bannbulle "Decet Romanum Pontificem" vom 3. Januar 1521 kirchenrechtlich verbindlich zum Ketzer und damit zum Tode verurteilt war, erreichte die kursächsische Regierung in komplizierten Verhandlungen mit dem neugewählten Kaiser Karl V., dass der Wittenberger Augustinermönch im April 1521 zu einem Verhör vor den Reichstag in Worms geladen wurde. Luthers Erwartung eines ergebnisoffenen theologischen Disputs freilich wurde enttäuscht: Er wurde zum Widerruf seiner Äußerungen aufgefordert, den er unter Berufung auf die Vernunft und sein durch die Schrift gebundenes Gewissen verweigerte. Diese Bekennerszene des 18. April 1521 wurde in der bald einsetzenden Rezeptionsgeschichte der Reformation zu einer Sternstunde des individuellen Glaubensmutes im Aufstand gegen eine religiöse Zwangskultur stilisiert.

Luther selbst schwebte nach seinem Auftritt vor Kaiser und Reich in Lebensgefahr: Mit dem Wormser Edikt schuf Kaiser Karl V. die reichsrechtliche Grundlage für die Ächtung Luthers und seiner Anhänger, die nun vogelfrei waren, sowie für ein Verbot seiner Schriften. Doch Luthers Landesherr, Kurfürst Friedrich III. von Sachsen, bestritt die Gültigkeit des Edikts, das erst nach Ende des Reichstages und der Abreise eines Großteils der Stände der verbliebenen Minderheit vorgelegt worden war, und ließ seinen berühmtesten Professor auf der Heimreise von Worms überfallen und in den Gewahrsam der Wartburg verbringen. Das Wormser Edikt wurde denn auch nicht im ganzen Reich umgesetzt, zumal sich Kaiser Karl V., der zugleich König von Spanien war, in den 1520er Jahren aufgrund von Kriegen gegen Frankreich und das Osmanische Reich, das bereits die Peloponnes und Teile Ungarns erobert hatte und dessen Heere 1529 vor Wien standen, außerhalb des Reiches aufhielt. Das begünstigte die Einführung der Reformation in zahlreichen Städten und Ländern.

Während der rund zehn Monate, die Luther auf der Wartburg verbrachte, begann sich die reformatorische Stimmung in Wittenberg zu radikalisieren. Neben studentischen Agitatoren, von Visionen geleiteten, prophetischen Laien (den sogenannten Zwickauer Propheten) und den Ordensbrüdern Luthers trat nach und nach auch sein Kollege Andreas Bodenstein als Propagandist einschneidender Reformen hervor. Bald wurde die Messe ohne Kommunikanten abgeschafft, Priester traten in den Ehestand, das Abendmahl wurde unter "beiderlei Gestalt", Brot und Wein, gefeiert, Bilder im Kirchenraum gerieten als "Götzen" in Verruf und wurden abgetan.

Obschon Luther den Reformforderungen im Prinzip zustimmte, nahm er Anstoß an Tempo und Form ihrer Umsetzung. Seines Erachtens sollten alle Veränderungen des Kirchenwesens in Abstimmung mit der Landesherrschaft erfolgen. Bodenstein hingegen vertrat ein "kommunalistisches" Reformationskonzept: Ihm zufolge waren der Rat Wittenbergs und die Vertreter der Universität, die im Januar 1522 gemeinsam die erste reformatorische Kirchenordnung beschlossen hatten, dazu berechtigt, ja verpflichtet, diejenigen Elemente des Kirchenwesens, die im Widerspruch zur Bibel standen, umgehend und kompromisslos umzugestalten. Das hier vertretene Modell der Einführung der Reformation im Rahmen einer von der politischen Obrigkeit erlassenen Ordnung wurde prägend.

Mit Luthers Rückkehr von der Wartburg Anfang März 1522 setzte die erste tief greifende Spaltung der reformatorischen Bewegung ein. Sie betraf zunächst die Frage, wer mit welchen Mitteln zu welchem Zeitpunkt berechtigt sei, Veränderungen des Kirchenwesens umzusetzen. Weitere Zerwürfnisse folgten. Das gravierendste ergab sich aus unterschiedlichen Deutungen der Abendmahlselemente Brot und Wein: Bodenstein sah in ihnen reine Symbole, die auf den für die Gläubigen heilsamen Kreuzestod Christi verwiesen; für Luther hingegen stand fest, dass sie Leib und Blut Christi nicht nur bezeichneten, sondern mit diesen in einer der Vernunft nicht zugänglichen Weise identisch seien. Der stärker rationalistischen Position des im September 1524 aus Kursachsen ausgewiesenen Bodensteins schlossen sich – wenngleich mit abweichenden Argumenten – bald zahlreiche andere Theologen in den Reformationszentren Oberdeutschlands und der deutschsprachigen Schweiz an, darunter der charismatische Prediger Ulrich Zwingli in Zürich, dem es 1523 gelungen war, den Rat der Stadt für sein Reformationswerk zu gewinnen, der Basler Reformator Johannes Oekolampad sowie Martin Bucer in Straßburg.

Nach und nach entwickelte sich daraus eine eigene Richtung, die sich als Reformierte von den Lutheranern abgrenzte. Sie zeichnete sich etwa dadurch aus, dass der Gemeinde im Verhältnis zu den kirchlichen Amtsträgern eine größere Autonomie zuerkannt wurde als im Luthertum; die Sakramente, aber auch das gesprochene Wort galten nicht als sinnliche Träger des göttlichen Heils, und der hoheitliche Abstand Gottes zum Menschen wurde stark akzentuiert. "Katholische Reste" wie Bilder im Kirchraum, liturgische Kleidung, Orgeln, die Oblaten und ihre "Erhebung" (Elevation) beim Abendmahl, der Exorzismus bei der Taufe, Altäre und Kerzen oder das jedem Christen zugestandene Recht der Nottaufe wurden konsequenter und kompromissloser beseitigt als im Luthertum. In Abgrenzung und Widerstreit entwickelten sich beide Strömungen zu eigenständigen Konfessionen.

Lutheraner und Reformierte hatten mit der mittelalterlichen katholischen Tradition gemein, dass sie anstaltsartige Kirchentümer bildeten. Jedes Mitglied eines Gemeinwesens sollte ihnen kraft der Säuglingstaufe angehören, eine religiöse Entscheidungsfreiheit des Einzelnen war nicht vorgesehen. Gegen diese Tendenzen begehrten ab Herbst 1524 kleinere Gruppen von Theologen und Laien im sächsisch-thüringischen und im schweizerisch-oberdeutschen Kontext auf, die ein religiöses Freiwilligkeitsprinzip und die konsequente Trennung von Kirche und Staat forderten. So sei der Taufzwang Unmündiger mit der im Neuen Testament gelehrten Glaubens- und Bekenntnistaufe unvereinbar. Auch eine institutionalisierte Amtsgeistlichkeit, wie sie sich in Luthertum und Reformiertentum entwickelte, lehnten die "Täufer" ab; vielfach erkannten sie einfachen Laien besondere Offenbarungsqualitäten (Visionen, Auditionen) zu. Außerdem kritisierten sie an den entstehenden lutherischen und reformierten Kirchen, dass die politischen Obrigkeiten und ihre theologischen und juristischen Beamten eine maßgebliche Rolle spielten – sei es als "Notbischöfe", als Richter in den Konsistorien und Ehegerichten oder als Disziplinierungsinstanzen bei den Visitationen.

Von einzelnen Vertretern und Gruppen wurden gesellschaftliche und politische Veränderungen im Angesicht des nahe geglaubten apokalyptischen Endes der Geschichte mit Mitteln physischer Gewalt umgesetzt – etwa von dem ehemaligen Luther- und Bodensteinschüler Thomas Müntzer im Kontext des weite Teile Süd- und Mitteldeutschlands überziehenden Bauernkrieges 1524/25 oder im sogenannten Täuferreich von Münster 1534/35. Die herrschenden geistlichen und weltlichen Eliten reagierten darauf mit unerbittlicher Härte. Täufer und sonstige Dissidenten wurden während des Reformationsjahrhunderts in beinahe allen europäischen Ländern blutig verfolgt und vermochten nur heimlich ihrem Glauben nachzugehen.

Politisierung der Religionsfrage

Nach einer Reihe militärischer Konflikte kehrte Karl V. 1530 erstmals seit 1521 ins Reich zurück, um persönlich einen Reichstag abzuhalten, und lud nach Augsburg. Die Ausschreibung, die die Verhandlungsgegenstände definierte, räumte der Religionsfrage eine prominente Bedeutung ein. Seitens der Protestanten – diese Gruppenbezeichnung trugen die evangelischen Reichsstände infolge eines Protestes während des vorangehenden Reichstages in Speyer 1529, als eine katholische Mehrheit versucht hatte, das Wormser Edikt zu bekräftigen und die reformatorische Entwicklung ins Unrecht zu setzen – wurde zunächst damit gerechnet, dass die Situation offen sei und der Kaiser eine unvoreingenommene Anhörung beider Parteien anstreben werde. Doch in Augsburg stellte sich bald heraus, dass es aus Sicht des Kaisers keine Alternative zur Rückkehr zur römischen Kirche gab. Er hielt an dem altrömischen Grundsatz fest, wonach nur eine einheitliche Religion ein Gemeinwesen zu integrieren vermag, und wollte die Einheit des Reiches wieder herstellen, das am religiösen Konflikt zu zerbrechen drohte.

Dies nötigte die Protestanten dazu, ihre Glaubensauffassung in Gestalt eines Bekenntnisses zu formulieren. Die maßgebliche Arbeit an diesem Dokument, das als Augsburgisches Bekenntnis (Confessio Augustana) zur wichtigsten Lehrnorm in die Geschichte der reformatorischen Bekenntnisbildung eingehen sollte, leistete der humanistisch geprägte Wittenberger Theologe Philipp Melanchthon. Luther war die Teilnahme am Reichstag verwehrt; er verbrachte die entsprechende Zeit auf der Coburg, dem südlichsten Vorposten seines kursächsischen Landesherrn. So war die Confessio Augustana denn auch von einer irenischen, verständigungsorientierten Tendenz bestimmt und verzichtete auf die etwa für Luther bei eigenen Bekenntnisformulierungen typische Schärfe. Melanchthon hob hervor, dass die evangelische Lehre mit der Heiligen Schrift und den altkirchlichen Lehrentscheidungen zur Trinitätslehre, zu den beiden Naturen Christi und zur Erbsünde übereinstimme. Sie ziele lediglich auf die Abschaffung problematischer Entwicklungen der jüngeren Tradition wie etwa der Wallfahrten, des Pflichtzölibats und der politischen Funktionalisierung des Bischofsamtes. Von einer markanten Distanzierung vom Papstamt, vom Ablass und anderen kritischen Themen sah die konsensorientierte Bekenntnisschrift um der Vermittlung willen ab.

Unterzeichnet wurde die Confessio Augustana von jenen protestantischen Reichsständen, die die Abendmahlslehre Zwinglis und der oberdeutschen Theologen um Bucer nicht teilten; letztere legten in Augsburg eigene Bekenntnisse vor, denen aber eine größere Wirkung versagt blieb. Die Confessio Augustana wurde am 25. Juni 1530 vor dem Reichstag verlesen und dem Kaiser übergeben. Doch dieser ließ sie durch eine katholische Theologenkommission widerlegen und forderte, dass die Protestanten zum Gehorsam unter die Kirche des Papstes zurückkehrten. Das somit bestätigte Wormser Edikt wurde wieder in Kraft gesetzt, woraufhin sich die protestantischen Stände unter der Führung von Kursachsen und Hessen zu einem militärisch-politischen Bündnis zusammenschlossen, dem sogenannten Schmalkaldischen Bund. Basis für die Mitgliedschaft bildete die Anerkennung der Confessio Augustana. Nach dem Augsburger Reichstag 1530 war die Religionsfrage fortan vor allem eine Angelegenheit der Politik.

Der Kaiser, der im Krieg gegen das Osmanische Reich der Unterstützung der evangelischen Stände bedurfte, war zunächst weiterhin zu Kompromissen genötigt und setzte im Rahmen von "Friedständen" für jeweils auf einige Jahre befristete Perioden die Gültigkeit des Wormser Edikts aus und überließ das im Kontext der territorialen, regionalen oder lokalen Reformationen eingezogene Kirchengut (Säkularisationen) vorerst den weltlichen Obrigkeiten. Erst zu Beginn der 1540er Jahre wandte sich Karl V. wieder der Lage im Reich zu und versuchte sodann, durch Religionsgespräche unter seiner Ägide theologische Annäherungen zwischen den konfessionellen Konfliktparteien zustande zu bringen. In einigen Lehrfragen gab es Fortschritte, doch blieben die Gespräche letztlich ohne Erfolg. Das nach zähen Abstimmungen zwischen Kaiser und Papst 1545 endlich eröffnete Konzil von Trient leitete eine neue Epoche der katholischen Reform und des Umgangs mit den Protestanten ein. In langen Verhandlungen klärte das Konzil das Verhältnis von Schrift und Tradition, präzisierte die Sakramentenlehre, drängte den Bilderkult zurück und schaffte die fiskalischen Missstände im Zusammenhang mit Ablass und Stiftungswesen ab. Außerdem leitete es Reformen des Klerus und straffe Disziplinierungsmaßnahmen ein, so etwa mit der Einführung einer Residenzpflicht für Bischöfe, des Konfessionseides oder des Index der verbotenen Bücher.

Eine dauerhaftere Lösung der Religionsfrage im Reich ergab sich erst 1555. Dieser war eine Phase des besonders intensiven Ringens vorausgegangen: 1547/48 hatte Karl V. den Schmalkaldischen Bund militärisch bezwungen und die evangelischen Stände genötigt, ein Religionsreglement anzunehmen, das mit Ausnahme einiger weniger Elemente wie dem Abendmahl mit Brot und Wein (Laienkelch) und der Priesterehe katholisch war. Dagegen formierte sich unter protestantischen Fürsten und Städten ein Widerstand, der den Kaiser 1553 zur Flucht und seinen Bruder und Statthalter Ferdinand zu Verhandlungen zwang. Diese führten 1555 zum sogenannten Augsburger Religionsfrieden, mit dem die der Confessio Augustana entsprechende Religionsform neben der katholischen auf Dauer reichsrechtlich anerkannt wurde – Reformierte und Täufer waren also vom Augsburger Religionsfrieden ausgeschlossen.

Die jeweiligen Landesherren erhielten das ius reformandi, also das Recht zur Einführung der Reformation. Die Bikonfessionalität auf der Ebene des Reiches sicherte die konfessionelle Homogenität der Einzelterritorien, in denen fortan der Grundsatz cuius regio, eius religio herrschte (wessen Gebiet, dessen Religion). Von der Konfession ihrer Landesherrn abweichenden Untertanen kam ein Auswanderungsrecht (ius emigrandi) bei Eigentumsgarantie zu – das erste individuelle Grundrecht. Der seiner Konfession wegen zur Migration gezwungene Gläubige war Teil der frühneuzeitlichen europäischen Geschichte. Viele derer, die im 17. und 18. Jahrhundert in der "neuen Welt" ihr Glück suchten, verließen Europa auch aus religiösen Gründen.

Multikonfessionalität als Ausnahme

Die Verhältnisse in Deutschland waren dadurch geprägt, dass die evangelischen und die katholischen Kräfte sich ungefähr die Waage hielten. Gleichwohl konnte der Augsburger Religionsfrieden eine mit religiösen Motiven legitimierte Gewalt auch in Deutschland nicht definitiv beenden, die von 1618 bis 1648 im Dreißigjährigen Krieg eskalieren sollte. Mit dem in vielerlei Hinsicht zu den Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens zurücklenkenden Westfälischen Frieden von 1648 wurde die Anerkennung der drei Konfessionen römischer Katholizismus, Luthertum und Reformiertentum im Reich sanktioniert.

Mit Blick auf andere europäische Länder blieb die Anerkennung mehrerer Konfessionen innerhalb eines staatlichen Gemeinwesens bis weit ins 18. Jahrhundert hinein die Ausnahme. Auch Frankreich durchlitt über drei Jahrzehnte verheerende Religionskriege; erst im Zuge der Herrschaft des vom Reformiertentum zum römischen Katholizismus konvertierten Bourbonen Heinrich IV. konnte 1598 mit dem Edikt von Nantes ein Toleranzedikt erlassen werden, das den Protestanten gewisse militärische Sicherungsplätze und Existenzgarantien gewährte. In den Niederlanden verband sich der nationale Befreiungskampf gegen die spanische Fremdherrschaft mit einer reformierten Konfessionsidentität; in der niederländischen Gesellschaft spielte sie eine überragende öffentliche Rolle, doch auch andere Konfessionen einschließlich des Täufertums wurden hier toleriert. Multikonfessionelle Verhältnisse etwa in Böhmen, Ungarn oder Polen hingegen bestanden nur vorübergehend und waren eine Folge starker Adelskräfte und schwacher Monarchien. Mit der herrschaftspolitischen Konsolidierung der jeweiligen Königsmacht hielten dann wieder monokonfessionell-katholische Verhältnisse Einzug. In England, Dänemark-Norwegen und Schweden-Finnland gab es Königsreformationen, die in Anknüpfung an die traditionelle Bischofsverfassung einheitliche kirchliche Strukturen entstehen ließen – lutherische Staatskirchentümer im Norden und ein anglikanisches, der Lehre nach reformiertes, der liturgischen Form nach hingegen katholisierendes Kirchenwesen mit dem Monarchen als supreme head an der Spitze in England.

Langfristige Wirkungen

Von der Reformation in der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen gingen Wirkungen aus, die in einem langen, gestreckten historischen Prozess dazu beitrugen, dass das lateineuropäische Mittelalter nach und nach in die Neuzeit überging – wobei angesichts weiterer Faktoren wie dem Buchdruck, rationalen Prägungen der mittelalterlichen Universitätskultur, Renaissance und Humanismus, der geografischen Expansion Europas, naturwissenschaftlichen Entdeckungen oder dem Kapitalismus ein monokausales, allein auf die Reformation zurückgreifendes Erklärungsmodell unsachgemäß wäre.

Die wichtigste Wirkung der Reformation in diesem komplexen Gefüge des historischen Übergangs bestand zunächst darin, dass sie viele aus der römisch-katholischen Tradition erwachsene Bindungen und Verpflichtungen religiös-praktischer Art beendete, den weltlichen Obrigkeiten durch das kanonische Recht auferlegte Beschränkungen beseitigte und damit Zugriffsmöglichkeiten auf das Kirchenwesen eröffnete, die in der vorangehenden Kirchengeschichte undenkbar gewesen waren.

Die Pluralisierung der lateineuropäischen Christentumskultur, die mit der Reformation einsetzte, begünstigte die religiöse Konkurrenz und intensivierte die religiöse Bildung der Gläubigen, die nun in Glaubensfragen auskunftsfähiger sein mussten als zuvor. Die in protestantischen Kreisen geförderte volkssprachliche religiöse Lektüre vor allem der Bibel wirkte sich mittelbar auch auf die gesellschaftlichen Verhältnisse aus, insbesondere auf die allgemeine Bildung. Auch wenn volkssprachliche Bibeln noch lange auf dem Index der verbotenen Bücher standen, zog der Katholizismus freilich vielfach nach, und die seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gegründeten Jesuitengymnasien waren dem höheren Schulwesen in evangelischen Städten keineswegs unterlegen. Die wachsende Bildung förderte langfristig das gesellschaftlich-politische Partizipationsbedürfnis der Menschen. In Nordamerika, wohin besonders Protestanten aus den Dissidentenmilieus migrierten, konnten sich diese nachreformatorischen lateineuropäischen Dispositionen zunächst unmittelbarer als Impulse zur Förderung der Demokratie, der Toleranz und der Menschenrechte auswirken als in Europa selbst, wo "mittelalterliche" ständische Vorprägungen bestanden.

Die Gewissensfreiheit des Einzelnen, die Vorstellung einer grundsätzlichen Gleichheit und Gleichwertigkeit der Menschen sowie die daraus erwachsende Idee eines wechselseitigen Respekts, einer toleranten Anerkenntnis von Differenz, sind mittelbare Folgen eines in den religiösen Vorstellungen der Reformation angelegten Wertesystems, das nach und nach in die kulturellen und rechtlichen Traditionen der westlichen Zivilisation eindrang.

Die Reformation hat den Einzelnen in seinem unvertretbar persönlichen Gottesverhältnis gefördert und gefordert. Den Reformatoren, allen voran Luther, ging es entscheidend darum, dass Christus als mein Erlöser erkannt und geglaubt, die Gnade Gottes mir gilt, die Bibel als mein Heilswort gehört und in meinem Glauben persönlich angeeignet wird. Diese Individualisierung des Menschen in Bezug auf sein Verhältnis zu Gott dürfte mittelbar auch gesellschaftliche Individualisierungsprozesse begünstigt haben, die für die westliche Moderne charakteristisch geworden sind und sie bis heute prägen.

2. Schlaglicht 1555: der Erste Religionsfrieden

Auf den Fürstenkrieg folgte der vor allem im Fränkischen zerstörerische und sehr blutige Markgrafenkrieg. Der Leidensdruck wuchs und wuchs, viele Reichstagsteilnehmer von 1555 bangten um "land und leut", fast alle um die Fortexistenz des Reichsverbands. Und Karl V. zog sich sukzessive aus der Politik zurück. All das waren die Voraussetzungen für den Ersten Religionsfrieden.

Fragen wir uns, vom Religionsfrieden aus in die Reformationszeit zurückblickend, wie man die neue, verstörende Erfahrung weltanschaulicher Heterogenität zu bewältigen versuchte, stoßen wir auf drei Grundmuster. Man konnte Theologen um einen Tisch versammeln, auf dass sie darum rangen, die Spaltung inhaltlich zu überwinden, zu einer gemeinsamen Lehrgrundlage zurückzufinden; solche "Religionsgespräche" (oder, präziser, "Reichsreligionsgespräche"), wie das die Forschung nennt, hat es in der Reformationszeit wiederholt gegeben, bekanntlich ist die theologische Wiedervereinigung bis heute nicht gelungen. Zweitens konnte man auf die Neuerungen repressiv reagieren – sie also verbieten oder doch durch Reichsgesetze einzudämmen versuchen. Auch das geschah wiederholt, vom Wormser Edikt 1521 über die Reichsabschiede der Jahre 1529 und 1530 bis hin zum Augsburger Interim von 1548. Oder, drittens, man fand sich nolens volens vorläufig mit den Neuerungen ab: vorübergehender Gewaltverzicht, bis zum nächsten Reichstag oder einem in Bälde erwarteten Konzil – Waffenstillstand, doch nicht Frieden! Wir kennen schon den Reichsabschied von 1526; der "Nürnberger Anstand" von 1532 und der "Frankfurter Anstand" von 1539 wären weitere Beispiele; oder, wie wir gleich sehen werden, der Passauer Vertrag von 1552.

Der Augsburger Religionsfrieden, Flugblatt zum 100jährigen Jubiläum 1655.

Der Augsburger Religionsfrieden, Flugblatt zum 100jährigen Jubiläum 1655. (© picture-alliance/akg)

Alles hat nicht gegriffen, nicht wirklich befriedet, keine dauerhafte Rechtssicherheit verschafft. Half also nur noch, viertens, eine unbefristete Hinnahme der weltanschaulichen Spaltung? Die Annahme, man könne den konfessionellen Dissens auf unabsehbare Dauer aushalten und politisch handhabbar machen, spielte bis in die frühen 1550er Jahre hinein keine Rolle, fast niemand hielt es für möglich, dass ein politisches System (namens Reich) zwei Versionen von Wahrheit, zwei Wege zum Seelenheil überwölben könne. Zunächst einmal müsse man theologisch wieder zusammenfinden, erst dann könne, in einem zweiten Schritt, auch wieder politische Harmonie ins Reich einkehren.

Es gehört zu den avantgardistischen Zügen des Augsburger Religionsfriedens, dass er diese Reihenfolge umkehrte! Der mentale Durchbruch war schon drei Jahre zuvor gelungen, bei den Passauer Verhandlungen. In Linz, dann in Passau beriet man über eine Beilegung des "Fürstenkriegs": einer militärisch verblüffend erfolgreichen Erhebung mehrerer Reichsfürsten gegen den mittlerweile (nicht nur der Inhaftierung des hessischen Landgrafen wegen) fast im ganzen Reich unbeliebten Kaiser Karl. Mündlich hat man sich in Passau schon auf einen unbefristeten Religionsfrieden geeinigt; doch ratifizierte das der Kaiser nicht, er akzeptierte nur eine erneut kurzfristige Lösung: wieder ein Waffenstillstand zwischen den Konfessionen also, kein Religionsfrieden!

Was machte ihn drei Jahre später doch möglich? Nun, das Reich kam einfach nicht zur Ruhe. Auf den Fürstenkrieg folgte der vor allem im Fränkischen zerstörerische und sehr blutige Markgrafenkrieg. Der Leidensdruck wuchs und wuchs, viele Reichstagsteilnehmer von 1555 bangten um "land und leut", fast alle um die Fortexistenz des Reichsverbands, sie wollten den Religionsfrieden jetzt unbedingt. Und Karl zog sich sukzessive aus der Politik zurück, weilte im Sommer 1555 bereits an seinem spanischen Alterssitz, wollte über die Reichstagsberatungen nicht einmal auf dem Laufenden gehalten werden. Er also stand der Ausarbeitung eines Religionsfriedens nicht mehr im Weg.

Die Grundprinzipien: Ius reformandi und Ius emigrandi

Mit dieser Urkunde wurde am 25. September 1555 in Augsburg der Religionsfrieden besiegelt.

Mit dieser Urkunde wurde am 25. September 1555 in Augsburg der Religionsfrieden besiegelt. (© picture-alliance/akg)

Der Augsburger Religionsfrieden sieht die unbefristete friedliche Koexistenz zwischen Confessio Augustana und "alter religion" in Mitteleuropa vor. Anders als, beispielsweise, die Länder der Iberischen Halbinsel oder Skandinaviens überließ das Reich als föderalistische Organisation die Glaubensentscheidung – nach damaliger Auffassung ein wichtiges Attribut von Staatlichkeit – der jeweiligen regionalen Obrigkeit. Sie – ein Fürst oder Graf, in Reichsstädten der Stadtrat – kann sich dem Religionsfrieden zufolge frei für eine der beiden reichsrechtlich anerkannten Konfessionen entscheiden. Diese Entscheidung ist keine lediglich 'private', sie bindet das ganze Territorium. Die regionale Obrigkeit darf festlegen, welcher Konfession man in ihrem Herrschaftsbereich anzuhängen hat. Man wird das später in die Formel "cuius regio, eius religio" fassen (ein deutscher Merksatz lautet: "wo ich leb, so ich bet") oder auch vom "Ius reformandi" des Landesherrn sprechen. Ihm korrespondiert das "Ius emigrandi", das Emigrationsrecht seiner "unterthanen". Wenn sich ein Untertan der Glaubenswahl seiner Obrigkeit nicht fügen will, aus Gewissensgründen nicht fügen kann, dann darf er auswandern. Er darf – so der Religionsfrieden, der somit Zwangsbekehrungen ausschließt. Das ist eine viel zu wenig bekannte, spezifisch deutsche Wurzel dessen, was man einmal viel später Menschenrechte nennen wird – Auswanderungsfreiheit gewähren noch nicht einmal alle gegenwärtigen Verfassungen. Der Untertan darf aus Glaubensgründen auswandern – in der Praxis heißt das freilich fortan manchmal auch: Er muss! Wer auffällt, der Obrigkeit seiner Glaubenspraktiken wegen anstößig wird, bekommt amtlich beschieden, er habe gefälligst zu gehen. Man muss sich seinen Glauben nicht vorschreiben lassen, wohl hat man, so man sich mit der Entscheidung des Landesherrn nicht abfinden kann, sein Bündel zu packen, Glück und Seelenheil woanders zu suchen.

Versuchen wir es in einem zweiten Anlauf noch knapper! Der Religionsfrieden kennt zwei reichsrechtlich zugelassene Konfessionen, räumt den Territorialobrigkeiten die Wahlfreiheit zwischen ihnen ein und jenen Untertanen, denen diese Wahl nicht passt, die Auswanderung.

Ausnahmen: Reichsstädteartikel und Geistlicher Vorbehalt

Das ist natürlich nicht alles. Neben den einfachen Grundprinzipien bietet der Religionsfrieden viele ziemlich komplizierte Spezialbestimmungen, die das Ius reformandi der Landesobrigkeit durchlöchern oder doch in einem Spannungsverhältnis zu ihm stehen. Über ihre Auslegung wird sich das Reich im Konfessionellen Zeitalter zerstreiten. Uns sollen hier beispielhaft zwei dieser Spezialbestimmungen genügen: der Reichsstädteartikel und der Geistliche Vorbehalt.

Ersterer liest sich ganz modern: In Reichsstädten, in denen beide Religionen praktiziert würden, sollten diese weiterhin "fridlich und ruewig bei- und nebenainander wonen". Was heutzutage nur vernünftig anmutet, hat damals die größten Verwicklungen ausgelöst. Warum? Nun, zum einen war es eine Bestimmung mit eindeutig prokatholischer Schlagseite. Nahezu alle Reichsstädte hatten sich früh der Reformation geöffnet, waren längst durch und durch evangelisch, doch gab es in manchen Kommunen kleine katholische Restbestände, oder das Augsburger Interim hatte wieder die Hinnahme katholischer Glaubenspraxis erzwungen. Es waren katholische Spurenelemente, die nun in einer ganz überwiegend evangelischen Umwelt konserviert wurden. Und dann fehlte im Religionsfrieden jegliches Detail. Er bietet ja lediglich eine Verhaltensmaxime. Wer bekam wieviel Kirchenraum – die paar Dutzend Katholiken am Ende so viel wie die anderen 97 Prozent, oder sogar mehr, weil man Dom oder Münster reklamierte, der Mehrheit zumutete, eine Kapelle am Ortsrand zu nutzen? Bekamen besagte paar Dutzend Katholiken womöglich auch noch 50 Prozent der städtischen Ämter? Das stößt uns schon aufs dritte, ganz grundsätzliche Problem: Die Religion war damals eben etwas Hochpolitisches, durch und durch Öffentliches. Für die Lutheraner war es eine unerträgliche Provokation, wenn die katholische Minderheit mit fliegenden Fahnen Prozessionen in der Stadt veranstaltete. Musste man so etwas vor seiner eigenen Hausfassade dulden? Durfte man es dulden, ohne seinerseits Seelenheil zu verspielen? Man hat es vielfach eben nicht geduldet, im günstigsten Fall waren Pöbeleien und Schlägereien die Folge.

Der Geistliche Vorbehalt ist eine Sonderregel für die von Geistlichen regierten Territorien. Wechselt ein Fürstbischof oder ein Reichsabt zum evangelischen Glauben über, verliert er dem Geistlichen Vorbehalt zufolge Amt und Würden; die für die Nachfolgeregelung zuständige Instanz, im Hochstift also das Domkapitel, darf einen katholischen Nachfolger wählen. Warum hat auch diese Bestimmung viel Streit verschuldet, was ist hier unklar oder auslegungsfähig? Die Protestanten fanden gleich zwei Schlupflöcher. Zum einen hatten sie am Reichstag von 1555 dieser Passage des Religionsfriedens nicht zugestimmt. Das steht sogar im Text – die betreffende Bestimmung sei nicht konsensfähig gewesen und deshalb durch einseitige Verfügung Ferdinands festgesetzt worden. Also erklärten die Protestanten im Konfessionellen Zeitalter, die Satzung binde nur jene, die sie damals auch gewollt hätten.

Das zweite Schlupfloch umreißend, muss man zunächst etwas ausholen. Die Landkarte nördlich des Mains färbte sich im dritten Viertel des 16. Jahrhunderts nicht etwa deshalb fast ganz evangelisch ein, weil so viele zuvor katholische Fürstbischöfe zum evangelischen Glauben übergetreten wären. Nein, es ist anders gekommen: Diejenigen Adelskreise, aus denen sich die jeweiligen Domkapitel traditionell rekrutierten, wurden nördlich des Mains zumeist sukzessive evangelisch. Also sickerten Protestanten ins Domkapitel ein, irgendwann hatten sie die Mehrheit und irgendwann starb der alte, katholische Fürstbischof. Das mehrheitlich evangelische Kapitel wählte daraufhin einen Protestanten als neuen Landesherrn und Bistumsverweser. Der nannte sich manchmal sogar "Bischof", es setzte sich dann aber die unverfänglichere Bezeichnung "Bistumsadministrator" durch. Das war das zweite Schlupfloch: Der Geistliche Vorbehalt spricht ausdrücklich nur von Konvertiten, von katholischen Fürstbischöfen, die evangelisch werden – dann verlieren sie ihr Amt. Davon, dass da einer gewählt werden könnte, der von vornherein Protestant war, nie etwas anderes gewesen war, ist nicht die Rede. Und deshalb werden die Protestanten im Konfessionellen Zeitalter behaupten, dass der Religionsfrieden die evangelischen Bistumsadministrationen keinesfalls verbiete, während das die Katholiken, natürlich, ganz anders sehen. In zwei Fällen (Köln, Straßburg) wird der Streit um den Geistlichen Vorbehalt auch mit Waffengewalt ausgetragen. Andere Spezialbestimmungen provozieren andere Konflikte. Ius reformandi der Obrigkeit, Ius emigrandi der Untertanen: so einfach war das mit dem Religionsfrieden, einem sehr komplexen Schlüsseltext der deutschen Geschichte, eben nicht!


3. Das Wunder von Augsburg 

Monatelang verhandeln die Mächtigen des römisch-deutschen Reiches 1555 in Augsburg über einen Vertrag, der den seit Jahrzehnten tobenden Zwist zwischen Katholiken und Protestanten beenden soll. Ein Mammutprojekt – das der altgläubige Kaiser Karl V. zudem zu hintertreiben versucht

DIE HANDELSSTADT Augsburg mit ihrem von Perlachturm (Mitte) und Rathaus (rechts) geprägten Hauptplatz steht schon früh im Zentrum des Reformationsgeschehens. Ab Februar 1555 ringt hier der Reichstag um den Religionsfrieden

Augsburg, 25. September 1555, die Uhr am Perlachturm, der mit 63 Metern Höhe die schwäbische Handelsmetropole überragt, schlägt eins. Die Stadt am Lech ist an diesem Herbsttag der Mittelpunkt einer aus den Fugen geratenen Welt. Denn seit mehr als 30 Jahren wird das Land von religiösen Konflikten zerrissen. Ritter, Bauern und Fürsten führen Krieg unter dem Banner der Reformation, protestantische Herrscher agieren gegen den katholischen Kaiser, der schlägt erbarmungslos zurück. „Es klagen alle Christen und schreien zu Gott“, heißt es in einem Schreiben einiger Fürsten von 1555, „dass sie in die äußerste Not und Verderben kommen.“

Kaiser Karl V. hatte daher zu einem Reichstag in Augsburg eingeladen, der nach Monaten mühevoller Verhandlungen tatsächlich einen Weg aus der Misere gefunden hat. Doch er selbst weilt nicht in der Stadt: Den frommen Herrscher, der zweimal am Tag zur Messe geht und der einst geschworen hatte, an die Ausrottung der Reformation „meine Reiche, meine Freunde, meinen Leib, mein Blut, mein Leben und meine Seele“ zu setzen, plagt das schlechte Gewissen. Unter keinen Umständen mag er die Verantwortung für einen Vergleich mit den Protestanten auf sich nehmen – den Ketzern, die die heilige katholische Kirche gespalten haben.

Deshalb leitet sein jüngerer Bruder und designierter Nachfolger, der römisch-deutsche König Ferdinand I., den Reichstag. Der ist zwar ebenso streng katholisch, aber auch ein Realpolitiker und hält den Friedensschluss für unumgänglich, wenn das Reich nicht zerbrechen soll.

An diesem Nachmittag, im großen Saal des Rathauses, das sich im Schatten des Perlachturms erhebt, will Ferdinand endlich den Beschluss des Reichstages verkünden – einen „beständigen, beharrlichen, unbedingten, ewig währenden Frieden“ der Religionen. Doch kurz nach dem Glockenschlag vom städtischen Wachturm wird die Ankunft eines Boten verkündet. Karl V. hat ihn geschickt und zu größter Eile verpflichtet: In fünf Tagen hat der Kurier die gut 600 Kilometer weite Strecke vom kaiserlichen Hof in Brüssel nach Augsburg zurückgelegt, ist Tag und Nacht in Kutschen gereist. Was der Bote mitzuteilen hat, ist streng vertraulich und darf nur unter vier Augen unterbreitet werden.

Der Kaiser, berichtet der Kurier Ferdinand, sei zu der Überzeugung gekommen, dass ihn „Alter, Leibesschwachheit und Unvermöglichkeit“ daran hinderten, die Regierungsgeschäfte weiterhin wahrzunehmen. Und da keine Besserung zu erwarten sei, habe Karl beschlossen, in Kürze sein Amt niederzulegen und an Ferdinand zu übertragen. Eine Gesandtschaft mit den notwendigen Dokumenten breche demnächst auf. Ferdinand dürfe daher die Reichstagsresolution nicht in des Kaisers Namen proklamieren.

DER HABSBURGISCHE Kaiser Karl V. versteht sich als Schutzherr der römisch-katholischen Kirche – kann die Ausbreitung der Lehre Luthers aber nicht verhindern

Ist das der befürchtete Versuch Karls, buchstäblich in letzter Minute den Friedensplan seines Bruders zu verhindern? Denn ein Frieden für das Reich, dem dessen Oberhaupt nicht zustimmt, ist juristisch und politisch ausgeschlossen. Zudem wäre der Rücktritt eines Kaisers ein beispielloser Schritt und rechtlich kompliziert, ein Vorgang, der einen Ausgleich zwischen den Religionen bis auf Weiteres unmöglich machen würde. Soll Ferdinand also den Frieden auf eine unbestimmte Zukunft verschieben, wegen der Amtsmüdigkeit und der Gewissensbisse Karls? Jenen Frieden, den die Menschen so sehr ersehnen?

Der seit Jahrzehnten tobende Zwist der Konfessionen ist längst auch zu einem Bruderkampf geworden, zu einem Ringen zwischen den beiden mächtigsten Männern Deutschlands.

DIESES „DEUTSCHLAND“ IST EIN nur schwierig zu fassendes Gebilde. Zeitgenössische Gelehrte etwa verstehen darunter all jene Gebiete, in denen Deutsch gesprochen wird. Andere jedoch setzen es gleich mit dem Territorium des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation oder zumindest mit dessen Kerngebiet. Dieses Reich ist ein hochkompliziertes Konstrukt: kein zentral regierter Staat wie die Königreiche Frankreich und England, sondern ein anachronistisches „Monstrum“ (so wird es ein Verfassungsrechtler im 17. Jahrhundert formulieren), das aus dem Mittelalter in die Neuzeit hineinragt.

Ein gewaltiges Konglomerat von Territorien, das sich von der Toskana bis nach Holstein erstreckt, von Flandern bis nach Schlesien und von der Adria bis an die Ostsee. Doch die Bindung mancher Gebiete, etwa der Niederlande oder der Eidgenossenschaft, an das Reich ist lose, ihr Status mitunter ungeklärt. Zwar hat das Reich das Attribut „deutscher Nation“, unter seinen gut 16 Millionen Einwohnern (ohne die italienischen Gebiete) sind aber auch zahlreiche Franzosen, Flamen, Tschechen, Slowenen.

Besonders verwirrend sind die inneren Verhältnisse, zumal in den „deutschen Landen“. Diese bilden ein buntes Mosaik aus weitgehend selbstständigen Territorien: bedeutende mit fast vollständig arrondiertem Staatsgebiet wie das Herzogtum Bayern, solche wie das Kurfürstentum Mainz, das sich auf mehrere nicht zusammenhängende Teilstücke verteilt, bis hinunter zum winzigen Areal mancher Ritter. Es gibt weltliche Herrschaften, und es gibt geistliche: sieben Erzbistümer, Dutzende Bistümer, etliche Männer- und Frauenklöster mit eigenen Gebieten. Dazu kommen über 60 Reichsstädte, darunter Großstädte wie Köln mit mehr als 40 000 Einwohnern, aber auch Nester wie Pfullendorf oder Türkheim.

FÜR KARL V. SIND DIE PROTESTANTEN NICHTS ALS KETZER

Wie Klammern halten vor allem zwei Institutionen dieses mannigfaltige Gebilde zusammen. Da ist zum einen dessen Spitze – der Kaiser. Er trägt den ehrwürdigsten Titel der Christenheit und wird traditionell vom Papst gekrönt. Als Angehöriger des Hochadels gebietet er meist selbst über die Besitztümer seines Geschlechts. Seine reale Macht als Reichsoberhaupt ist jedoch begrenzt, er kann nur gemeinsam mit den anderen Territorialherrschern gebieten. Um sich abzustimmen und Gesetze für das ganze Reich zu erlassen, treffen Kaiser und Fürsten in unregelmäßigen Abständen auf Reichstagen zusammen.

Das Kaiseramt ist nicht erblich, der Herrscher wird von den ranghöchsten Fürsten gewählt, den Kurfürsten. Doch mittlerweile scheinen die Habsburger, der einflussreichste Clan Europas, zu dessen gewaltigen Besitzungen auch Spanien, Süditalien und ein Kolonialreich in Übersee gehören, ein Vorrecht auf die Reichskrone zu haben: Karl V. ist bereits der dritte Habsburger-Kaiser hintereinander.

Und dann ist da noch die katholische Kirche, über Jahrhunderte die mächtigste Organisation im Reich: Sie vermittelt das ewige Heil der Menschen, lenkt deren irdische Wege, bietet Trost und Hilfe von der Wiege bis zur Bahre, droht aber auch mit Fegefeuer und Höllenstrafen. Und verbindet so die Menschen im Glauben. Doch dieses geistliche Fundament liegt in Trümmern, seit ein sächsischer Geistlicher die Kirche herausgefordert hat.

Zunächst geht es Martin Luther, Theologieprofessor an der Universität Wittenberg, nur um eine konkrete Beschwerde. Am 31. Oktober 1517 übersendet er dem Erzbischof von Mainz und Magdeburg 95 Thesen. Luther kritisiert darin den Verkauf von Ablässen, mit dem der Papst seine gewaltigen Bauvorhaben finanziert – vor allem die Peterskirche in Rom. Durch den Erwerb eines Ablassbriefs kann sich der Gläubige, so verkündet es der Heilige Vater, von seinen Sündenstrafen im Fegefeuer loskaufen. Luther ist bei Weitem nicht der einzige Kritiker des Papsttums: Die vor allem an weltlicher Macht und Luxus interessierten Kirchenfürsten der Zeit provozieren eine regelrechte Flut von Reformforderungen. Dass aus einer kircheninternen, zudem maßvollen Beschwerde eine der grundstürzenden Umwälzungen in der Geschichte des Christentums wird, liegt vor allem an der Reaktion der katholischen Hierarchie.

Zuerst hält Erzbischof Albrecht den Brief des Hochschullehrers nicht einmal für wert, beantwortet zu werden. Daraufhin sendet Luther seine Klagen an andere Gelehrte, die sie an weitere Kollegen schicken und drucken lassen. Das Echo ist enorm, rasch verbreiten sich die 95 Thesen und werden überall gelesen. Jetzt reagiert auch der Erzbischof – und erklärt ihren Verfasser zum Ketzer. 1520 verurteilt Papst Leo X. 41 Sätze Luthers als „häretisch, irrig, für fromme Ohren anstößig“; seine Schriften müssen beschlagnahmt und verbrannt werden, Besitz und Verbreitung stehen unter Strafe. Bald darauf exkommuniziert der Papst Luther.

Der hat angesichts der feindseligen Reaktion der Kleriker inzwischen seine Kritik ausgeweitet und zugespitzt: In einer seiner mehr als 20 Schriften verwirft er etwa die meisten kirchlichen Sakramente wie die Firmung oder die Letzte Ölung, denn die seien nicht von Jesus selbst eingesetzt. Luther lehrt, alle Christen seien gleich zu Gott – und stellt damit die Oberhoheit des Papstes infrage. Allein in den Evangelien der Bibel offenbare sich Gottes Wort dem Menschen, eine Vermittlung durch geweihte Priester sei nicht notwendig (diese Erkenntnis gibt später den Anhängern Luthers ihren Namen: Sie nennen sich „evangelisch“). Errettet werde der Mensch nicht durch fromme Werke oder Selbstpeinigung, sondern nur durch den Glauben, den ihm die Gnade Gottes zuteilwerden lasse. Den Papst schmäht Luther als „Antichrist“, der sich über Gott erhebe. Und trifft damit die Stimmung im Land, bald kursieren Hunderttausende Exemplare seiner Schriften.

Mit all dem stellt Martin Luther die Existenz der katholischen Kirche infrage. Spätestens jetzt muss der Kaiser als deren Schutzherr einschreiten. Und die sich rasant ausbreitende Häresie bekämpfen.

WORMS, 17. APRIL 1521. Es ist eines der berühmtesten Rededuelle der Geschichte – und das vielleicht folgenreichste. Kaiser Karl V. hat Martin Luther zum Verhör vorgeladen, der Professor soll über seine ketzerischen Schriften aussagen, sie widerrufen oder der Reichsacht verfallen. Und das bedeutet: völlig rechtlos zu sein. Luther, sichtlich eingeschüchtert, bekennt sich mit leiser Stimme zu seinem Werk. Zur Frage des Widerrufs bittet er um Bedenkzeit.

DAS RÖMISCH-DEUTSCHE REICH UM 1555

ABERDUTZENDE große und kleine Herrschaften sowie etliche Reichsstädte bilden das deutschsprachige Kerngebiet des Heiligen Römischen Reiches. Viele davon schließen sich ab 1517 der Reformation an, eine Reihe unter ihnen gründen schließlich gar ein protestantisches Militärbündnis

Einen Tag gewährt ihm Karl. Dann ein neues Verhör. Diesmal spricht Luther fest und laut: Er werde nicht widerrufen, „weil es die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun“. Die Antwort des Kaisers in einer selbstverfassten Rede am nächsten Tag ist ebenso unmissverständlich: „Es wäre eine große Schande für uns, die wir zu Schützern des katholischen Glaubens berufen sind, wenn zu unseren Zeiten und durch unsere Pflichtvergessenheit die Häresie, ja auch nur der Verdacht der Häresie zu unserer und zu unserer Nachkommen ewiger Unehre zurückblieb.“ Der Habsburger verhängt die Reichsacht über Luther. Der Reformator ist jetzt vogelfrei, seine Lehre verboten.

Bereits ein Jahr später wird der Konflikt zwischen den Anhängern der Reformation und ihren Gegnern zum offenen Krieg: Ritter vom Oberrhein, aus Franken und Schwaben rüsten gegen geistliche Fürsten wie den Erzbischof von Trier – zum Kampf gegen das „verderbte Rom“ und die „Falschheit der Pfaffen“ sowie die wachsende Macht der Fürsten. Sie berufen sich auch auf Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, die sie als Manifest politischer Selbstbestimmung verstehen (auch wenn der Reformator in Wirklichkeit nur die religiöse Gewissensfreiheit meint).

Zwar sind die aufständischen Ritter rasch besiegt. Doch bereits 1524 erschüttert der Bauernkrieg das Reich – die gewaltigste Massenrevolte der deutschen Geschichte. Die Landleute sind ebenfalls inspiriert von Luthers Lehre, leiten ihre Forderungen wie die Abschaffung der Leibeigenschaft aus der Bibel ab. Zehntausende erheben sich in Süddeutschland, Thüringen und in einigen Alpenregionen gegen ihre Grundherren. Die Rache der Adeligen ist brutal: Ihre militärisch überlegenen Söldnertruppen schlagen die Rebellion nieder, wohl 75 000 Menschen fallen auf den Schlachtfeldern oder werden bei Vergeltungsaktionen ermordet.

Aber die Reformation breitet sich weiter aus, vor allem durch massenhaft gedruckte Bücher und Flugschriften. So werden vor allem die großen Städte, in denen mehr Menschen lesen können als auf dem Land, zu Epizentren des neuen Glaubens. Wie Nürnberg, das sich 1525 zur lutherischen Lehre bekennt, wie Augsburg, Bremen oder Frankfurt. Nach und nach werden der Norden, der Osten, die Mitte Deutschlands sowie Württemberg im Südwesten evangelisch; die großen geistlichen Herrschaften im Westen, Bayern und die österreichischen Erblande der Habsburger bleiben hingegen Bastionen der Altkirchlichen. Mächtige Herrscher wie der Kurfürst von Sachsen und der Landgraf von Hessen wenden sich der Lehre Luthers zu und fordern die Anerkennung des neuen Glaubens. Als die katholischen Stände auf dem Reichstag zu Speyer 1529 dies verwehren, protestieren die evangelischen Herren – und werden fortan auch „Protestanten“ genannt. Die Reformation findet unterdessen weiter neue Anhänger.

Und Karl V. kann wenig dagegen unternehmen. Denn in vielen Winkeln seines Imperiums brennt es: 1521 hat ein jahrzehntelanges Ringen des Habsburgers mit dem französischen König Franz I. um die Hegemonie in Europa begonnen. Karls Bruder Ferdinand, der seit einer von Karl V. verfügten Erbteilung über die östlichen Lande der Habsburger herrscht, sieht sich dem wohl gefährlichsten Feind gegenüber: Im Herbst 1529 belagern die Osmanen erstmals Wien und bedrohen von nun an immer wieder Österreich, besetzen gar auf Dauer Teile des von Habsburg beanspruchten Ungarn.

AUF DEM REICHSTAG 1521 in Worms soll Martin Luther seine in den Jahren zuvor veröffentlichten Thesen über kirchliche Missstände widerrufen. Als er sich weigert, verhängt Karl V. (links, sitzend) die Reichsacht über Luther und verbietet dessen Lehre

Karl hat schlicht keine Zeit, sich um die Reformation zu kümmern – in den ersten 20 Jahren seiner Regentschaft weilt er nur zweimal in deutschen Landen. Doch er hat seinen Schwur, die Ketzerei auszurotten, nicht vergessen; sobald die außenpolitischen Krisen beigelegt sind, will er losschlagen. Als 1546 endlich Frieden mit Frankreich und den Osmanen abzusehen ist, ist der Moment gekommen.

AUF DEM REICHSTAG jenes Jahres in Regensburg gibt sich der Kaiser versöhnlich, versichert, nichts gegen die protestantische Religion unternehmen zu wollen. Doch noch während die Delegierten beraten, schließen die Diplomaten des Habsburgers ein Abkommen mit dem Papst, der 12 500 Soldaten und riesige Geldsummen sendet, und vereinbaren mit Bayern wohlwollende Neutralität. Vor allem aber verbündet Karl sich mit einem neukirchlichen Fürsten – Herzog Moritz, Herr eines Teils von Sachsen, der auf der Seite des Kaisers gegen seine Glaubensgenossen in den Kampf ziehen wird. Der Lohn für den Verrat: die Würde eines Kurfürsten, die noch sein Vetter Johann Friedrich innehat.

Wenige Tage vor dem Ende der Regensburger Beratungen dann offenbart Karl seine Absichten: Unter einem Vorwand verhängt er die Reichsacht gegen die wichtigsten evangelischen Machthaber. Das ist praktisch eine Kriegserklärung gegen die Protestanten, die schon Jahre zuvor im thüringischen Schmalkalden ein militärisches Bündnis geschmiedet haben.

In dem nun entbrennenden Ringen, dem „Schmalkaldischen Krieg“, scheint zunächst keine Seite überlegen. Dann aber macht die protestantische Führung, unter sich uneinig und militärisch inkompetent, es dem Kaiser leicht: Persönlich führt er seine Truppen in der entscheidenden Schlacht bei Mühlberg an der Elbe am 24. April 1547 zum Sieg.

AB 1546 HERRSCHT Krieg zwischen Kaiser und protestantischen Fürsten. Moritz von Sachsen (links) ist zunächst ein Verbündeter Karls V., wechselt dann aber die Seite

Und er ist ein erbarmungsloser Sieger: Gegnerische Soldaten, die die Waffen strecken und um Gnade bitten, befiehlt Karl zu töten – so berichtet es jedenfalls ein Gesandter des Papstes. Die ranghöchsten evangelischen Fürsten, Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen und der hessische Landgraf Philipp, geraten in Gefangenschaft. Um den Sachsen zu demütigen, lässt Karl gegen ihn sogar ein Todesurteil verhängen. Zwar wird das Verdikt nicht vollstreckt, aber es ist ein nie da gewesener Verstoß gegen die Rechtstraditionen des Reichs – das bleibt bei den Fürsten im Gedächtnis, gleich welcher Konfession sie angehören.

Noch im Hochgefühl des Sieges beruft der Kaiser sogleich einen Reichstag nach Augsburg ein; „geharnischt“ nennen die Zeitgenossen diese Versammlung, weil die Stadt währenddessen von schwer gerüsteten spanischen Soldaten besetzt ist, angeblich fast so viele, wie Augsburg Einwohner hat.

Eine Machtdemonstration: Karl plant, den Delegierten eine neue Reichsverfassung und ein Religionsgesetz zu diktieren, und niemand soll zu widersprechen wagen. Er will die kaiserliche Befehlsgewalt auf Kosten der Fürsten stärken, den protestantischen Glauben abschaffen und ihn fürs Erste durch eine de facto katholische „Zwischenkonfession“ mit wenigen evangelischen Einsprengseln ersetzen. Seinen Kritikern droht er mit der Einquartierung ausländischer Truppen – und setzt sich mit dem Religionsgesetz scheinbar auf ganzer Linie durch. Sein Plan, die Macht des Kaisers zu erweitern, scheitert hingegen am Widerstand der Fürsten, nicht zuletzt auch der katholischen.

Doch die Protestanten kämpfen erbittert gegen das kaiserliche Diktat. Nur dort, wo Truppen der Habsburger stehen, folgen die Menschen der neuen Religionsregel. Zudem formiert sich eine starke Adelsopposition, die ausgerechnet Moritz von Sachsen, gerade für seinen Dienst für Karl V. zum Kurfürsten erhoben, anführt. Aber Moritz ist auch der Schwiegersohn des gefangenen Landgrafen von Hessen, nennt dessen Behandlung „Infamie“ – und findet für das Machtstreben Karls in einem offenen Brief im März 1552 noch stärkere Worte: Die „alte löbliche Freiheit“ der deutschen Nation werde geschmälert, der Kaiser wolle das Land in eine „unerträgliche, viehische, erbliche“ Sklaverei zwingen.

Moritz sendet seine Diplomaten an die Höfe der evangelischen Herrscher und gewinnt sie für ein später „Fürstenaufstand“ genanntes Komplott: Mit Waffengewalt wollen sie den Beschluss des „geharnischten Reichstags“ umstoßen, so die Existenz des protestantischen Bekenntnisses gegen den Kaiser sichern, den Landgrafen befreien und dann mit dem Reichsoberhaupt über ein friedliches Zusammenleben der Konfessionen verhandeln – unter Gleichen, nicht wie zwischen Bittstellern und Gebieter.

Um die überlegenen Streitkräfte Karls gleichzeitig an mehreren Stellen zu binden, schließen die Fürsten sogar ein Abkommen mit dem Erzfeind der Habsburger: Frankreichs König. Der fordert für seine Hilfe aber einen hohen Preis – die zum Reich gehörenden französischsprachigen Städte Cambrai, Toul, Metz und Verdun sollen nach der Niederlage des Kaisers unter seine Oberhoheit fallen.

ANFANGS KÄMPFT EIN PROTESTANT FÜR DIE KATHOLIKEN

Karl bleibt, obwohl ihn Nachrichten über die Verschwörung erreichen, untätig. Offenbar verachtet er die Fürsten so sehr, dass er ihnen keinen Coup zutraut.

Im Februar 1552 schlagen die Verbündeten los. Der französische Monarch fällt mit 35 000 Mann in Lothringen ein, Moritz dirigiert seine Truppen in aller Eile nach Tirol, wo Karl zu dieser Zeit in Innsbruck residiert. Der Kaiser kann gerade noch entkommen, nachts und bei strömendem Regen. In einer Sänfte flieht der gichtkranke Herrscher über die Alpen. Landgraf Philipp kommt aus seinem Gefängnis in den Niederlanden frei. Nach diesem Blitzsieg scheinen die evangelischen Fürsten um Moritz ihrem Ziel nah: Nun muss Karl ihnen entgegenkommen.

Derweil ist der Krieg in deutschen Landen aber längst nicht vorbei. Denn einer der Alliierten der aufständischen Adeligen, Markgraf Albrecht Alkibiades von Brandenburg-Kulmbach, führt den Kampf als private Fehde weiter. Der hochverschuldete Herr eines armen Ländchens in Franken will sich an katholischen „Pfaffen und Pfeffersäcken“ bereichern, verwüstet die Territorien seiner Nachbarn und zieht später sogar bis nach Niedersachsen.

Dort stellt sich ihm eine von seinem früheren Verbündeten Moritz angeführte Allianz entgegen. In einer der blutigsten Schlachten des Jahrhunderts auf deutschem Boden wird der Markgraf besiegt: Mehr als 3000 Kämpfer fallen am 9. Juli 1553 im Gefecht bei Sievershausen nahe Braunschweig. Der schwer verwundete Kurfürst Moritz stirbt zwei Tage später (Albrecht Alkibiades flieht 1554 nach Frankreich).

Karl V., eben noch Triumphator, im Reich stark wie nie, ist nach der Niederlage gegen die Fürsten und seiner schmählichen Flucht zwar zutiefst gedemütigt. Einen dauerhaften Frieden aber will er den Protestanten nach wie vor nicht zugestehen; Verhandlungen zwischen den Parteien haben 1552 erneut mit einem vorläufigen Abkommen geendet. Sein drei Jahre jüngerer Bruder Ferdinand, der die Übereinkunft vermittelt hat, drängt hingegen auf eine beständige Einigung. Ein seit Langem schwelender Konflikt zwischen den Geschwistern tritt nun immer deutlicher zu Tage.

Als Ferdinand 1531 von den Kurfürsten zum römisch-deutschen König und damit auch zum dereinstigen Nachfolger Karls im Kaiseramt gewählt worden war, hatte der zwar öffentlich beteuert, sein Bruder habe fortan in seiner Abwesenheit nahezu alle kaiserlichen Kompetenzen, doch zugleich erließ er eine streng geheime Vollmacht, die Ferdinands Autorität wieder erheblich einschränkte: In allen politischen Fragen muss sich der Jüngere mit dem Reichsoberhaupt abstimmen, und alle Erlasse können nur in Karls Namen ergehen.

Nicht nur auf diese Weise hat der Kaiser Ferdinand immer wieder vor den Kopf gestoßen. Den verbittert auch sehr, dass sein Bruder 1551 einen komplizierten Erbfolgeplan angeordnet hat, laut dem Ferdinand den Kaisertitel zwar nach Karls Tod übernehmen würde. Stirbt er aber selbst, soll das Amt nicht an seinen eigenen, sondern an Karls Sohn übergehen.

BEI MÜHLBERG an der Elbe erringt Karl V. im April 1547 einen triumphalen Sieg über die Protestanten (links); der mächtige Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen gerät für fünf Jahre in kaiserliche Gefangenschaft (rechts)

Seither betreibt Ferdinand mehr und mehr seine eigene Politik. Und das bedeutet, nach Jahren des Krieges: Es muss endlich ein dauerhafter Frieden zwischen den Konfessionen her. Karl aber weigert sich, seinem Bruder beizustehen, sogar als der ihn unter Tränen anfleht. „Auch wenn alles zugrunde gehen müsste“, werde er nicht gegen sein Gewissen handeln und sich mit den Protestanten verständigen. Immerhin lässt sich der Kaiser herab, einem weiteren Reichstag zuzustimmen – und lädt für Februar 1555 nach Augsburg ein. Mit der Agenda des Treffens allerdings will er nichts zu tun haben: Er teilt seinem Bruder mit, nicht anzureisen, und erteilt ihm eine unbegrenzte Vollmacht. Mit einer Einschränkung: Er werde, lässt Karl den Bruder wissen, gegen alles Protest einlegen, „wodurch unsere wahre alte christliche und katholische Religion beleidigt, verletzt, geschwächt oder beschwert würde“. Bis zum letzten Tag des anstehenden Reichstags, weiß Ferdinand, wird er sich nicht sicher sein können über die Pläne des Kaisers.

Augsburger Dom, 5. Februar 1555. Es muss König Ferdinand I. wie ein böses Omen vorkommen: Nur eine Handvoll Fürsten sind zum Eröffnungsgottesdienst des Reichstags erschienen, von den Kurfürsten nicht ein einziger. Viele der hohen Herren lassen sich in diesen unruhigen Zeiten lieber von Juristen und Diplomaten vertreten. Das wird Entscheidungen verzögern, wochenlang, denn die Abgesandten müssen immer erst die Genehmigung der daheimgebliebenen Fürsten einholen. Aber auch von den Vertretern sind noch längst nicht alle da. Und als der Priester zum eucharistischen Hochgebet ansetzt, mit dem im Abendmahl laut katholischem Glauben die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Jesu Christi vollzogen wird, verlassen sämtliche Protestanten demonstrativ die Kirche: Die Bedeutung des Abendmahls ist einer der zentralen Streitpunkte zwischen den Konfessionen.

Die Debatten dürften schwierig werden – das ist schon nach diesem Tag klar. „Es will sich also nicht aus dem Ärmel schütteln lassen“, schwant einem Begleiter des württembergischen Herzogs.

DES KAISERS BRUDER MACHT SEINE EIGENE POLITIK

Erst am 12. März haben sich die Reichstagsteilnehmer auf die Tagesordnung geeinigt: Zuerst soll der Religionsfrieden verhandelt werden. Das gängige Prozedere sieht vor, dass sich die Versammelten zunächst innerhalb von drei getrennten Gremien beraten. In der ersten sogenannten „Kurie“ sitzen die Beauftragten von sechs der sieben Kurfürsten (der siebte, der König von Böhmen, nimmt lediglich an den Herrscherwahlen teil), in der zweiten die aller anderen dem Kaiser direkt unterstellten Herren. Die dritte Kurie vereint die Abgesandten der Reichsstädte und hat am wenigsten Einfluss. Üblicherweise beraten sich die erste und die zweite Kurie so lange, bis sie jeweils eine einheitliche Position finden, stimmen sich danach ab – und befragen nur pro forma die Städtekurie. Stimmt dann noch der Kaiser zu, wird aus der Vorlage ein „Reichsabschied“ – praktisch ein Gesetz.

Die Positionen der Katholiken und Protestanten liegen jedoch dermaßen weit auseinander, dass lange Zeit nicht einmal die einzelnen Kurien zu Beschlussvorlagen gelangen. Die Delegierten beschimpfen sich gegenseitig, werfen einander „ungebührliche Listigkeit“ oder Raffgier vor. Man zankt um die Dauer des Friedens und besonders heftig um die Frage, ob geistliche Fürsten zum evangelischen Glauben konvertieren dürfen oder ob sie dann „Stand, Amt und Pfründen“ verlieren müssten, wie es die Katholiken fordern. Derart verfahren ist der Zwist um diesen sogenannten „geistlichen Vorbehalt“, dass Ferdinand die Bischöfe mahnt, endlich mit ihrem „ungereimten Grübeln und Difficultieren“ aufzuhören.

Am 15. Juni muss ein österreichischer Rat dem König „gänzliches Schisma und Spaltung“ melden – ohne Hoffnung auf Einigung.

Mitte August erreicht Ferdinand per Brief eine seltsame Nachricht seines Bruders: Karl V. weist ihn an, den Reichstag in die Länge zu ziehen, damit er ihm eine Botschaft zukommen lassen könne. Um was es darin gehen wird, deutet der Kaiser nicht an. Aber angesichts der Querelen der vergangenen Jahre muss Ferdinand damit rechnen, dass sein Bruder einen Kniff erdacht hat, um die Verhandlungen zu hintertreiben.

Der König reißt nun die Gespräche an sich, um sie schnell zum Erfolg zu führen, wobei sich auszahlt, dass er, anders als sein Bruder, ein leutseliger, redegewandter Mensch ist. Tatsächlich sind die meisten Streitfragen bald ausgeräumt. Nur im Konflikt um den geistlichen Vorbehalt bleiben die Protestanten unnachgiebig: Sollte ein geistlicher Herrscher, der die Konfession wechselt, sein Amt verlieren und für ihn ein altgläubiger Nachfolger eingesetzt werden, wie es die Katholiken verlangen, droht angesichts der großen Anzahl geistlicher Territorien rund ein Sechstel Deutschlands praktisch für immer katholisch zu werden.

Doch ein Vertreter der katholischen Stände ersinnt einen Trick: Der geistliche Vorbehalt soll zwar Teil des Vertrages sein. Aber Ferdinand wird diesen Passus allein kraft königlicher Autorität verkünden – sodass die Protestanten nicht zustimmen müssen und ihr reines Gewissen bewahren.

KARLS JÜNGERER Bruder Ferdinand sorgt sich als römisch-deutscher König um die Stabilität des Reichs: Er drängt auf eine Verständigung mit den Protestanten

Darüber hinaus garantiert Ferdinand den lutherischen Städten und Rittern auf von Geistlichen regierten Gebieten ihre Religionsfreiheit.

Das bringt den Durchbruch: Im Spätsommer kann der König endlich die Abschlusssitzung des Reichstags anberaumen.

AUGSBURGER RATHAUS, 25. SEPTEMBER 1555, zwei Uhr nachmittags. Im großen Ratssaal sind noch einmal die hochadeligen Herren, die Diplomaten und Rechtsgelehrten zusammengekommen. Sie ahnen nicht, dass eine Stunde zuvor ein Bote eingetroffen ist, um Ferdinand I. einen Befehl des Kaisers zu übermitteln: Stoppe die Abschlusszeremonie. Dass Karl seinem Bruder verboten hat, den Religionsfrieden in seinem Namen zu verkünden, da er bald zurücktreten wolle. Dass die mühsam errungene Einigung zwischen den Konfessionen auf der Kippe steht.

Und die Delegierten werden es auch nicht erfahren. Denn Ferdinand entscheidet, so zu tun, als hätte es die Nachrichten seines Bruders nie gegeben. Den Boten schickt er kurzerhand nach Brüssel zurück.

So macht sich der König mit seinem Gefolge auf ins Rathaus – die Abschlusszeremonie kann, nach mehr als sieben Monaten Diskussionen, pünktlich beginnen. Vor den Versammelten beteuert Ferdinand, er habe auf „Kaiserlicher Majestät Vollmacht gehandelt, Gott zulieb, der Kaiserlichen Majestät und gemeinen Ständen zur Wohlfahrt und Gutem“. Und verschweigt, dass er, um den Frieden zu retten, in Wirklichkeit eigenmächtig gehandelt hat.

Die Druckfassung des Reichstagsbeschlusses wird 106 Seiten umfassen. Kern des Werkes ist der Religionsfriede: Er wird zu einem Grundgesetz des Heiligen Römischen Reiches. Die beiden Konfessionen der Katholiken und Lutheraner erkennen sich darin gegenseitig an (andere evangelische Bekenntnisse wie der Calvinismus sind allerdings ausdrücklich ausgeschlossen). Und sie verpflichten sich zu einer dauerhaften friedlichen Koexistenz: Kein Mensch darf einen anderen fortan aus religiösen Gründen „mit Gewalt überziehen, beschädigen, vergewaltigen“.

IN EINEM GEFECHT nahe Braunschweig wird der protestantische Feldherr Moritz von Sachsen 1553 tödlich verwundet. Erst zwei Jahre später findet das Reich zur Ruhe

Aussuchen können sich die Gläubigen ihre Kirche jedoch nicht. Über die Konfession bestimmt der jeweilige Landesherr (oder bei Städten der Rat). Und wechselt der das Bekenntnis, müssen die Bürger ihm folgen. Später wird ein Jurist für diese Regelung die berühmte lateinische Formel „cuius regio, eius religio“ finden – wessen Gebiet, dessen Glaube. Immerhin: Zwangsbekehrungen erlaubt das Vertragswerk nicht; wer sich der Vorgabe seines Fürsten nicht fügen mag, darf auswandern. Dieses Emigrationsrecht ist eine revolutionäre Errungenschaft – das erste Menschenrecht, das ein Verfassungsdokument jedem Deutschen garantiert.

Ansonsten ist der Vertrag ein einziger Kompromiss, voller Ausnahmen, die in Tauschgeschäften ausgehandelt wurden. Zudem ist der Text an vielen Stellen unklar formuliert. Manche Passagen sind so verschwurbelt, dass beide Seiten darin ihre Positionen wiederfinden. Ferdinand I. gibt sich dennoch hochzufrieden mit dem Erreichten.

Sein Bruder indessen hat resigniert. Der Traum, die Spaltung der Kirche zu heilen und das Abendland unter seiner Führung zu vereinen – zerronnen; der Schwur, die protestantische Ketzerei auszurotten – nicht eingelöst. Und nun wird sogar der Religionsfriede und die ihm innewohnende Anerkennung der evangelischen Konfession, die Karl V. um jeden Preis verhindern wollte, in seinem Namen verkündet. Die Botschaft des aus Augsburg zurückkehrenden Kuriers, dass sein Bruder seine Befehle einfach ignoriert hat, nimmt er ohne Protest hin. Gequält von immer schlimmerer Gicht, Asthma und Hämorrhoiden, verbittert von Fehlschlägen und Demütigungen, schifft sich der Habsburger nach Spanien ein. Dort wird er bis zu seinem Tod im Kloster San Jerónimo de Yuste in der Einsamkeit der Estremadura leben.

1555 SETZT FERDINAND seine Unterschrift unter den wegweisenden Friedensschluss von Augsburg (oben), in dem die Konfessionen einander anerkennen. Dass er ihn gegen den Willen des Kaisers in dessen Namen verkündet, verschweigt der König bei der Schlusszeremonie

Seine Ämter gibt Karl im Jahr nach dem Augsburger Religionsfrieden eines nach dem anderen auf. Auch die Kaiserkrone legt er nun nieder und verzichtet auf den Erbfolgeplan, mit dem er seinen Bruder einst so gegen sich aufgebracht hatte. Dass der Herrscher zurücktritt, ist in der mehr als 500-jährigen Geschichte des Heiligen Römischen Reiches noch nie vorgekommen. Es bedarf langer Verhandlungen, bis sich die Kurfürsten bereitfinden, den Thronverzicht zu akzeptieren und Ferdinand am 14. März 1558 zum Kaiser zu proklamieren.

Dessen größte Leistung bleibt das in Augsburg ausgehandelte Vertragswerk. Es wird den Menschen in deutschen Landen mehr als ein halbes Jahrhundert weitgehend Frieden bescheren. Dem Abkommen wohnt jedoch ein schwerwiegender Makel inne: Es ist eben nur durch Tricks zustande gekommen. Indem es Lücken ließ, unauflösbare Gegensätze verschwieg oder bewusst unklar formulierte. Ein solcher Pakt kann funktionieren, solange beide Seiten guten Willens sind und pragmatisch über Ungereimtheiten hinwegsehen.

Doch in den Jahrzehnten nach Ferdinands Tod 1564 tritt eine neue Generation von Fürsten an, die nicht mehr durch Kriegsgräuel geprägt und von unbedingtem Friedenswillen getrieben sind. Die engstirnig nur die eigene Konfession verfechten und die der anderen verteufeln. Und die wieder bereit sind, die Waffen in die Hand zu nehmen. Für ihren Glauben.

4. Thomas Müntzer. Gottes Speerspitze. 

Martin Luthers revolutionäre Thesen elektrisieren auch einen jungen, streitbaren Theologen. Doch Thomas Müntzer schlägt einen viel radikaleren Weg ein als der Wittenberger Reformator. Furchtlos predigt er gegen Fürsten und Altgläubige, bricht mit der mittelalterlichen Vorstellung der gottgegebenen Ordnung, zieht am Vorabend des sich anbahnenden Bauernkrieges Tausende Anhänger in seinen Bann – und greift schließlich selbst zu den Waffen

ALS JUNGER PRIESTER führt Thomas Müntzer ein unstetes Wanderleben, getrieben von ständig neuen Konflikten mit Fürsten und Glaubensbrüdern. Im März 1523 bekommt er seine erste feste Anstellung in Allstedt südöstlich des Harzes, wo er sogleich den Gottesdienst reformiert: Er predigt auf Deutsch statt auf Latein und steht den Gläubigen zugewandt statt mit dem Rücken zu ihnen (hier und im Folgenden Szenen aus dem Defa-Film »Thomas Müntzer« von 1956)

So eine Predigt hat sich wahrscheinlich noch kein deutscher Herrscher anhören müssen. Keine erbauliche Bibelstunde ist das, keine gelehrte Exegese. Vielmehr eine Standpauke, ein Mahnruf und – in ihrem letzten Teil – eine ziemlich unverhüllte Drohung.

Auf der Rückreise von einer diplomatischen Mission haben Herzog Johann und sein Sohn Station gemacht auf dem Schloss von Allstedt, einer Kleinstadt 50 Kilometer nördlich von Weimar. Wohl am Morgen des 13. Juli 1524 tritt in der Hofstube im Westflügel ein gewisser Thomas Müntzer vor die beiden Fürsten und ihr Gefolge. Seit etwas über einem Jahr wirkt Müntzer als Pfarrer der Kirche St. Johannis und hat in dieser Zeit schon viel von sich reden gemacht.

Der frühere Anhänger Martin Luthers hat eine neue, sehr populäre Form des Gottesdienstes eingeführt. Gleichzeitig aber ist er ein wortgewaltiger Agitator, der Menschen so aufzupeitschen versteht, dass sie erst kürzlich eine Marienkapelle in der Nähe verwüstet haben. Einen altgläubigen Grafen, der seinen Untertanen den Besuch von St. Johannis verbietet, beschimpft er von der Kanzel herab unerschrocken als „Bösewicht, Türken, Heiden“. Und auch an seinen vorherigen Wirkungsstätten hat der etwa 35-jährige Müntzer für nichts als Streit und Aufruhr gesorgt. Vielleicht soll der Vortrag also eine Art Prüfung für den umstrittenen Theologen sein. Doch stattdessen müssen die versammelten Adeligen sich nun fühlen, als würden sie selber auf die Probe gestellt. Der Geistliche will wissen, ob er mit ihnen rechnen kann.

BRUCH MIT ALTEN GEWISSHEITEN

Müntzer beginnt seine Rede mit der biblischen Geschichte von König Nebukadnezar und dem Propheten Daniel, der als Einziger die apokalyptischen Träume des Herrschers von Babylon deuten konnte. Von einer herannahenden Endzeit ist auch Müntzer überzeugt. Als „neuer Daniel“ fordert er die Fürsten halb flehend, halb drohend dazu auf, ihm zu folgen und sich der Reformation, der Erneuerung der Christenheit anzuschließen, bevor es zu spät ist: „Drum, ihr teuren Väter von Sachsen, ihr müsst es wagen, um des Evangeliums willen!“ Dafür schließlich habe der Herr den weltlichen Autoritäten das Schwert gegeben: um die Gläubigen zu beschützen und die „Gottlosen“, also die Gegner der Erneuerung, zu bekämpfen. Solange sie ihrem göttlichen Auftrag nachkämen, könnten die Obrigkeiten auf den Gehorsam des Volkes zählen. „Wenn sie das aber nicht tun“, predigt Müntzer, „dann soll ihnen das Schwert genommen werden.“

Was für eine Ungeheuerlichkeit! Droht Müntzer hier etwa mit Aufstand? Seine Worte sind ein brutaler Bruch mit der mittelalterlichen Vorstellung von der gottgegebenen Ordnung der Welt, mit vom Allmächtigen eingesetzten Herrschenden an der Spitze, denen sich jeder Christenmensch unterwerfen muss. Selbst Martin Luther ist der Meinung, dass Ungehorsam gegen die Autoritäten Ungehorsam gegen Gott bedeutet. Müntzer aber spricht – als einer der ersten in der deutschen Geschichte – in seiner „Fürstenpredigt“ dem Volk ein Recht auf Widerstand zu.

Es ist dieser Dissens über das richtige Verhältnis zur weltlichen Herrschaft, der die beiden Reformatoren entzweit und Müntzer von einem Schüler und Bewunderer Luthers zu dessen Widersacher machen wird. Einen „beschissenen Propheten“ schimpft der Wittenberger Theologe ihn bald, einen „lügenhaften Mördergeist“ und „Erzteufel“, dessen Anblick er „ganz und gar nicht ertragen“ könne. Müntzer, nicht weniger sprachgewandt, nennt seinen Rivalen „Bruder Mastschwein“, „Vater Leisetritt“, „Doktor Lügner“.

ARGWÖHNISCH verfolgen viele Altgläubige, wie Müntzer in reformatorischem Eifer mit vielen Regeln der römischen Kirche bricht. Auch den Zölibat lehnt er ab und heiratet eine ehemalige Nonne
IM SOMMER 1524 erheben sich im Südwesten der deutschen Lande Bauern gegen die Herrschaften, die ihre Rechte zu sehr beschneiden. Müntzer, der mit den Aufständischen sympathisiert, zeigt sich bald überzeugt, dass sie die von Gott Auserwählten sind. Dagegen geißelt er ausbeuterische Adelige als »Verdammte«

Der Gang der Zeit treibt die zwei Geistlichen unversöhnlich auseinander: Luther, der das Projekt seiner Reformation nicht gefährden will, gibt sich immer staatstragender und steht fest aufseiten der Obrigkeit. Müntzer, dessen radikale, aber nur gedachte Endzeit-Theologie sich unerwartet vereint mit den konkreten Aufständen des Volks im heraufziehenden Bauernkrieg, findet sich im Lager der Unterdrückten und Entrechteten wieder. Mehr noch: Am Ende zieht der gelehrte Theologe, zu Pferd und an der Spitze eines großen Heeres, gar als Krieger in die Schlacht. Dabei hat er anfangs etwas völlig anderes bewirken wollen.

„ICH, THOMAS MÜNTZER“, so stellt sich der Prediger in einer seiner Schriften nüchtern vor, „gebürtig von Stolberg.“ Das ist schon fast alles, was über seine frühen Jahre bekannt ist: Geboren um 1489 in der Kleinstadt Stolberg in einem Tal des südlichen Harzes, wahrscheinlich um den 21. Dezember, den Gedenktag des Apostels Thomas, dessen Vornamen er trägt. Der Vater, darauf könnte der Nachname deuten, ist vielleicht ein Münzmeister, vielleicht auch ein anderer wohlhabender Handwerker. Jedenfalls kann der Sohn, als er sich 1506 an der Universität Leipzig für ein Grundstudium der sieben freien Künste einschreibt, die Gebühr von sechs Groschen entrichten, während bei denjenigen Studenten, die sich das nicht leisten können, der Vermerk „arm“ im Register angefügt ist.

Im Jahr 1512 taucht Müntzer erneut an einer Universität auf, in Frankfurt an der Oder, wo er wohl den akademischen Grad eines Magister Artium erwirbt. Er habe seinen „allerhöchsten Fleiß verwandt, vor allen anderen Menschen, die ich gekannt habe“, so Müntzer selbst. Wohl 1514 wird er zum Priester geweiht und wirkt eine Weile in einem geistlichen Amt in Braunschweig. Dort findet er Anschluss an einen Kreis religiöser Laien aus dem Bürgertum, die vor allem eines eint: das Unbehagen am Zustand der Kirche.

DROHUNGEN GEGENÜBER DEN HERREN

Nicht wenige Gläubige sehnen sich nach einer Erneuerung des Christentums. Sie werfen dem Papst in Rom Habsucht vor, hinterfragen die Praxis des Ablasshandels, kritisieren das Konkubinat der Kirchenfürsten, die Trunksucht der Mönche. Auch Müntzer versteht sich als entschiedener Gegner des etablierten Klerus. Wohl deshalb, die genauen Umstände sind nicht überliefert, muss der junge Theologe auf Druck der eingesessenen Geistlichkeit Braunschweig verlassen. Der Anfang eines Musters, das sich durch sein ruheloses Leben ziehen wird.

Wenig später, Ende 1517, findet man Müntzer im Zentrum der frühreformatorischen Bewegung – in Wittenberg. Am 31. Oktober desselben Jahres hat Luther hier seine 95 Thesen zum Ablass veröffentlicht, was ihn in einen tiefen Konflikt mit Papst und Kaiser verstricken, aber auch über Landesgrenzen hinweg berühmt machen wird. Müntzer, etwa sechs Jahre jünger als Luther, hält sich für einige Wochen in dessen Kreis auf, liest sicherlich dessen frühe Schriften, knüpft Kontakte mit anderen Reformatoren wie Philipp Melanchthon und Andreas Karlstadt. Er ist auch bei der Disputation in Leipzig zugegen, auf der Luther 1519 mit dem Theologieprofessor Johannes Eck über das „Papstprimat“ streitet, die absolute Autorität des Pontifex.

DEN FÜRSTEN in Allstedts Umgebung missfallen die ketzerischen Reden des Priesters, die Tausende Menschen anziehen. Der Graf von Mansfeld untersagt seinen Untertanen gar, Müntzers Gottesdienste zu besuchen. Das stachelt den wortgewaltigen Theologen nur weiter an. In seinem Furor droht er den »gottlosen« Herrschern mit dem Widerstand des Volks
ALLSTEDT WIRD bald von Flüchtlingen aus dem Umland überlaufen, die Müntzer trotz des gräflichen Verbots hören wollen. Der immer radikaler agierende Prediger überzeugt rund 500 Männer, einen Bund gegen die Obrigkeit zu gründen. Doch damit bringt er selbst die duldsamsten Ratsherren gegen sich auf. In der Nacht des 7. August 1524 flieht Müntzer aus der Stadt und lässt alles zurück, auch seine Frau

Und als sich dort ein Geistlicher, der eine Studienreise antreten will, bei Luther erkundigt, ob der ihm eine Vertretung für sein Pfarramt in Zwickau empfehlen könne, soll dieser ihm einem zeitgenössischen Bericht zufolge Müntzer vorgeschlagen haben. Tatsächlich tritt der die Stelle bald darauf an.

Endlich bietet sich dem von reformatorischem Furor erfüllten Müntzer die Gelegenheit, vor einer großen Gemeinde von der Kanzel zu sprechen. Noch dazu in einer bedeutenden Handelsstadt, berühmt für ihr Tuch und Bier. Schon in der ersten Zwickauer Predigt im Mai 1520 legt er sich mit den Mönchen eines Franziskanerklosters an und beschimpft sie als „Ungeheuer“. Bei einem anderen Gottesdienst wühlt er die Zuhörer so mit seinen Tiraden auf, dass sie danach einen altgläubigen Pfarrer mit Dreck bewerfen und aus der Stadt jagen, „dass er kaum mit dem Leben davonkam“, wie es in einem Bericht heißt. Das wohl erste Mal, dass eine Predigt Müntzers in offene Gewalt mündet.

Als der Priester, den er vertreten hat, zurückkehrt, wechselt Müntzer an eine kleinere Kirche. Obwohl beide Geistliche ins reformatorische Lager gehören, greift er nun auch den anderen an. Denn der ist ein Anhänger des Humanismus und setzt sich für einen vernunftgeleiteten Umgang mit der Heiligen Schrift ein, während Müntzer predigt, dass der Mensch nur durch eigenes, mystisches Erleben zu Gott finden könne. Und da in jenen Jahren jede theologische Kontroverse rasch in gewaltvollen Streit umschlagen kann, eskaliert der Konflikt: Anhänger beider Lager heften Schmähbriefe an die Kirchentüren des Gegners, Unbekannte werfen Müntzers Fenster ein. Als der Stadtrat sich gezwungen sieht, ihn wegen des Aufruhrs zu entlassen – der andere Pfarrer hat bereits von sich aus gekündigt –, bewaffnen sich seine Anhänger. 56 Männer werden festgenommen.

AM ENDE DER GEDULD

Unter die letzte Gehaltsquittung setzt Müntzer neben seine Unterschrift den Zusatz: „der für die Wahrheit kämpft in der Welt“. Zeichen eines zunehmenden Sendungsbewusstseins, das auch die Reformatoren um Martin Luther nervös zu machen beginnt, als sie von den Vorfällen in Zwickau erfahren.

Erneut zieht Müntzer danach von Ort zu Ort. Verbringt ein halbes Jahr in Prag, hält sich dann in Erfurt und Jena auf, studiert die Schriften der mittelalterlichen Mystiker, wirkt als Kaplan in einem Kloster nahe Halle. Das Muster seines Lebens setzt sich fort: Zuverlässig gerät er irgendwann in Streit mit konservativen Geistlichen, verursacht Aufruhr, wird entlassen oder gleich vertrieben. Doch der Theologe lässt sich nicht beirren. Bald identifiziert er sich mit Propheten wie Elia oder Daniel, deren Dasein ja ebenfalls von Prüfungen bestimmt gewesen war. „Wisse, liebster Bruder“, schreibt er einem Freund, „dass ich nichts anderes wünsche als meine Verfolgung.“

Inzwischen haben die Mitstreiter Luthers in Wittenberg erste konkrete Reformen in Gang gesetzt. Insbesondere Andreas Karlstadt, der zu Weihnachten 1521 statt der römischen Messe einen schlichten Abendmahlsgottesdienst begeht: Dabei trägt er kein priesterliches Gewand und spricht Teile der liturgischen Texte auf Deutsch. So etwas hat es noch nicht gegeben! Doch Luther, der sich aus Angst vor Verhaftung auf der Wartburg über Eisenach versteckt hält, eilt nach Wittenberg und dreht das Rad der Neuerungen wieder zurück – nicht aus Überzeugung, sondern mit Kalkül. Er will die Gläubigen nicht überfordern und die Obrigkeiten nicht mit unabgestimmten Änderungen am Gottesdienst verärgern.

Im März 1523 erhält Müntzer endlich eine feste Anstellung, als Pfarrer der Kirche St. Johannis in Allstedt. Warum sich der dortige Rat für den notorischen Störenfried entscheidet, ist nicht überliefert. Allstedt hat 900 Einwohner, oberhalb des Ortes liegt ein Schloss, das der kursächsische Hof zu Weimar bei Dienstreisen als Unterkunft nutzt. (Zu dieser Zeit gibt es zwei sächsische Fürstentümer: das „albertinische“ Herzogtum Sachsen mit Dresden und Leipzig sowie das „ernestinische“ Kurfürstentum Sachsen; dort teilen sich Kurfürst Friedrich der Weise, der in Wittenberg residiert, und sein Bruder Herzog Johann, dessen Hof in Weimar angesiedelt ist, die Herrschaft; 1525 folgt Johann dem verstorbenen Friedrich als Kurfürst nach, Mitte des Jahrhunderts geht die Kurwürde vom ernestinischen auf das albertinische Sachsen über.)

Direkt nach seiner Ankunft beginnt Müntzer, den Gottesdienst grundlegend neu zu ordnen, und geht damit weiter als irgendein Reformator zuvor. Zum ersten Mal in der Geschichte spricht ein Pfarrer die gesamte Liturgie auf Deutsch und der Gemeinde zugewandt, einige Lieder und Texte hat Müntzer dafür eigens übersetzt. Mit einem Schlag ist die unbedeutende Kleinstadt Allstedt zu einem Zentrum der Reformation aufgestiegen.

Müntzer geht es darum, dass die Gemeinde das geistliche Handeln wirklich versteht, am Geschehen beteiligt ist und nicht abgelenkt wird von „eitel Larven“ – all den Ritualen der römischen Kirche, die den Laien wie Zauberei erscheinen müssen. Seine Neuerungen werden zur Sensation, manchmal drängen sich vor St. Johannis bis zu 2000 Menschen aus nah und fern. Dabei ist es nicht nur der Gottesdienst, der die Massen anzieht, sondern auch der Prediger selbst: Sprachgewaltig und leidenschaftlich, zornig und mit schwärmerischem Blick, so erleben die Gläubigen den Theologen, von dem sich kein authentisches Porträt erhalten hat, auf der Kanzel.

Zum ersten Mal in seinem unsteten Leben kommt Müntzer in Allstedt zur Ruhe. Wie viele reformatorische Priester entschließt er sich zur Ehe und heiratet eine ehemalige Nonne. Doch bald beginnen wieder die Konflikte: Als der altgläubige Graf von Mansfeld, dessen Herrschaftsgebiet einige Kilometer entfernt liegt, seinen Untertanen den Besuch des in seinen Augen ketzerischen Gottesdiensts verbietet, beschimpft ihn Müntzer von der Kanzel. Wenn die Obrigkeit ihren Untertanen verbiete, das Evangelium zu hören, schreibt er dem Adeligen wenig später in einem mit Bibelzitaten gespickten Brief, verstoße sie gegen ihren göttlichen Auftrag, Gottesfurcht zu wecken. Wer stattdessen selbst gefürchtet werden wolle, erhebe sich gar über Gott.

GEGEN DIE GOTTLOSIGKEIT

Der Theologe deutet hier zum ersten Mal ein auf die Bibel gestütztes Widerstandsrecht an. Wenn Herrscher den Gottesdienst untersagen, Priester verfolgen, das Evangelium missachten, dann darf der Untertan sich widersetzen, dann muss den Tyrannen „das Schwert genommen werden“. Soziale Missstände, die Not des Volks kümmern Müntzer wenig, ihm geht es nur um die etwaige „Gottlosigkeit“ der Herrscher. Der Graf fordert energisch seine Festnahme, doch der Stadtrat steht hinter dem populären Priester.

Die Situation nimmt an Schärfe zu, als Anhänger Müntzers am Gründonnerstag 1524 das Wallfahrtskirchlein von Mallerbach zwei Kilometer südöstlich von Allstedt plündern und niederbrennen. Müntzer hatte die Kapelle in seinen Predigten „Spelunke“ genannt und die Verehrung der angeblich weinenden Marienstatue dort mit der Anbetung des Teufels gleichgesetzt. Als ein Vertreter des Herzogs einen der mutmaßlichen Brandstifter verhaften lässt und weitere Festnahmen drohen, läutet Müntzer die Sturmglocken, und mit Mistgabeln bewaffnete Bürger laufen zusammen. Die Behörden können die Lage beruhigen, doch dafür beginnt sich die Stadt in den folgenden Wochen mit Flüchtlingen aus dem Umland zu füllen, deren Herrscher ihnen den Besuch von Müntzers Kirche verboten oder sie auf dem Weg dorthin sogar angegriffen haben. Müntzer ruft in einer Predigt dazu auf, gegen die Bedrohung einen Bund mit Gott zu schließen, um die 500 Menschen tragen sich im Ratskeller in eine Bundesliste ein.

Das riecht nun doch zu sehr nach Aufruhr, und so beordert Herzog Johann als Landesherr von Allstedt umgehend Müntzer, Ratsherren und weitere Stadtvertreter am 31. Juli 1524 zum Verhör an den Weimarer Hof. Das Feuer in der Kapelle, das Sturmläuten, die Bundesgründung – all das habe allein Müntzer zu verantworten, erklären die Amtsträger. Lange haben die Ratsherren zu dem Theologen gehalten, jetzt lassen sie ihn fallen.

LUTHER HAT SCHON Müntzers Treiben in Zwickau voll Argwohn beobachtet und auch die Vorgänge in Allstedt verfolgt. Im Juli veröffentlicht er eine Schrift, den „Fürsten zu Sachsen“ zugeeignet, in der er, ohne Müntzers Namen zu nennen, vor dem „Geist von Allstedt“ warnt. Der Teufel, schreibt er, biete alle Kräfte auf, um das Wort Gottes anzugreifen, und so habe der Leibhaftige Luthers Lehre erst in Gestalt des Papstes und des Kaisers bekämpft und sei nun in jenen „falschen Propheten“ eingefahren, der in Allstedt zur Gewalt gegen die Obrigkeit aufrufe. Dringlich mahnt er die Fürsten, dessen Wirken zu beenden. Müntzer ist völlig überrascht von dem Angriff „ohne alle brüderliche Vorwarnung“ und flieht aus Allstedt, bevor die Fürsten sich zu Konsequenzen entschließen. In der Nacht des 7. August klettert er heimlich über die Stadtmauer. Seine Ehefrau lässt er zurück.

MÜNTZERS WORTE richten sich nicht nur gegen die weltliche Macht, sondern vor allem gegen jene Rituale der katholischen Kirche, die nicht in der Bibel stehen – und seiner Auffassung nach einzig dazu dienen, die Kirchgänger vom Kern des Glaubens abzulenken. Dass seine Anhänger Wallfahrtskapellen zerstören und Klöster plündern, findet Müntzers ausdrücklichen Zuspruch
IM JANUAR 1525 bekommt Müntzer eine Anstellung in Mühlhausen südlich des Harzes. Dort erreicht sein Sendungsbewusstsein eine neue Dimension: Auf sein Betreiben hin werden die Mühlhäuser Stadtoberen (hier im Bild) abgesetzt, ein neuer Rat soll »im Sinne Gottes« regieren. War Müntzer bislang nur ein religiöser Eiferer, greift er nun auch aktiv in die Politik ein. Daraufhin rüsten die Fürsten der Region zum Angriff

Aber auch für Martin Luther selbst steht viel auf dem Spiel. Der Wittenberger ist sich bewusst, dass er mit seiner vier Jahre zuvor veröffentlichten Schrift „Von der Freiheit eines Christen menschen“ viele Menschen überhaupt erst ermutigt hat, gegen die Herrschenden aufzubegehren. Zwar ging es ihm dabei, wie er stets betont, nur um die geistliche Freiheit, dennoch steht für die altgläubigen Autoritäten fest, dass der Reformator aus Wittenberg einen großen Teil zum Aufruhr beigetragen hat. Für Luther ist Müntzer, auf den er diese Schuld abwälzen kann, der ideale Sündenbock.

Es sind jedoch auch grundlegende theologische Fragen, welche die beiden Geistlichen voneinander trennen. Luther lässt allein die Schrift gelten, das bereits verkündete Wort. Weitere Offenbarungen, Prophetie lehnt er ab. Für Müntzer dagegen, beeinflusst von den mittelalterlichen Mystikern, ist der Glaube ein prozesshaftes und sinnliches Geschehen. Zunächst müsse der Mensch wie Christus Leiden am eigenen Leib erfahren, dann werde der Geist Gottes seine Seele erfüllen, und erst danach erschließe sich ihm die Bedeutung der Bibel. Luther will bedächtig vorgehen und die „Schwachen im Glauben“ nicht überfordern. Für Müntzer dagegen gibt es nur „Auserwählte“ und „Verdammte“. Ihm bleibt keine Zeit, weil er von der nahenden Apokalypse überzeugt ist. Vor allem aber unterscheiden sich die zwei Männer im Verhältnis zu den Herrschenden.

FORT MIT DEN ALTEN RÄTEN

Im Spätherbst 1524 lässt Müntzer eine Erwiderung an Luther drucken. Schon die Widmung ist bezeichnend: Während Luther sich mit seiner Schrift den „durchlauchtigsten Fürsten“ empfohlen hat, wendet Müntzer sich nur an den „Herrn, Jesus Christus“. Seinem Gegner in Wittenberg wirft er vor, die Reformation einem Leben in Luxus und der Fürstengunst geopfert zu haben.

Im Dezember reist Müntzer in die Regionen Klettgau und Hegau im Südwesten der deutschen Lande, am Hochrhein zwischen Bodensee und Basel. Im Sommer hat sich hier die Landbevölkerung lautstark zu Protesten erhoben, zuerst in der Landgrafschaft Stühlingen (siehe Seite 52). Von dort haben sich die Unruhen und Arbeitsverweigerungen seither mehr und mehr ausgeweitet. Müntzer ist elektrisiert. „Das Volk wird frei werden, und Gott allein will der Herr darüber sein“, hat er gerade erst im Pamphlet gegen Luther geschrieben. Und nun scheint das, was er bisher nur ersehnt und theologisch herbeigedacht hat, tatsächlich einzutreten!

In seiner Fürstenpredigt hat er Herrscher dazu aufgefordert, gemeinsam mit ihm für das Evangelium zu streiten. Doch die Adeligen aus Weimar waren nach der Predigt im Juli 1524 wortlos abgereist und haben ihn seitdem keiner Antwort gewürdigt. Entschlossen wendet sich Müntzer von den Fürsten ab, sie haben ihre Chance verspielt. Noch im selben Jahr entdeckt er das Volk für sich. Müntzer vermählt seine radikale Theologie mit dem Befreiungskampf der Geknechteten. Sie sind die „Auserwählten“, die tyrannischen Herrscher die „Verdammten“, und der Bauernkrieg ist der Beginn der Apokalypse!

Der Gelehrte Müntzer, der bisher nur die Kanzel und das Leben in den Städten kannte, entdeckt nun die Nöte der Landbevölkerung für sich. Er predigt wohl einige Wochen vor den Bauern, dann kehrt er, überzeugt von seinem göttlichen Auftrag, Ende Januar 1525 in die Heimat zurück. Müntzer siedelt nach Mühlhausen südlich des Harzes im heutigen Thüringen über, 50 Kilometer von seinem Geburtsort Stolberg entfernt. Die Stadt hat ihre wirtschaftliche Blütezeit hinter sich, viele der rund 7500 Einwohner sind verarmt, die Stimmung ist angespannt.

Der Theologe war im Sommer zuvor schon einmal hier: Ohne Anstellung predigte er in den Kirchen und, unvermeidlich, fand sich bald im Zentrum von Unruhen wieder. Die zwei Bürgermeister fürchteten um ihr Leben und flohen aus der Stadt, Müntzers Anhänger gründeten einen Gottesbund wie in Allstedt und zogen in einer Prozession mit Kreuz und Schwert durch die Gassen, ein reiches Dorf im Umland wurde Opfer einer mysteriösen Feuersbrunst. Am Ende behielten die konservativen Ratsherren die Oberhand, und Müntzer wurde der Stadt verwiesen.

Nun, fünf Monate später, ist die Atmosphäre noch aufgeheizter. Viele Ratsmitglieder und Altgläubige haben Mühlhausen verlassen, Klöster sind geplündert, Heiligenbilder demoliert. Müntzer, selbst ganz erfüllt von Sendungsbewusstsein und Aufruhr, erhält eine Anstellung als Pfarrer der Marienkirche, mit seiner aus Allstedt nachgekommenen Frau zieht er ins Pfarrhaus.

Im März 1525 versammelt er die Bürger in der Kirche. Mit einer Mehrheit von zwei Dritteln stimmen die Anwesenden dafür, den alten Stadtrat aufzulösen und einen neuen Rat einzusetzen – ein ungewöhnlicher Vorgang in diesen vordemokratischen Zeiten. Die Stadtverfassung wird außer Kraft gesetzt, der neue „ewige“ Rat soll ganz im Sinne Gottes regieren. Gleichzeitig belebt Müntzer auch den heiligen Bund wieder, nun allerdings streng militärisch geordnet. Müntzer hat erneut eine Grenze übertreten. Bisher stritt er nur um Fragen der Religion, jetzt betreibt er Politik.

Die Landesherren in den Gebieten rund um die Stadt blicken längst alarmiert auf das revolutionäre Treiben. Die Mühlhäuser müssen damit rechnen, angegriffen zu werden. Daher haben die Behörden die Bürger schon am 9. März zur Musterung vor die Tore der Stadt gerufen. 130 Reiter und 2000 Mann zu Fuß versammelten sich, außerdem fünf bestellte Landsknechte, um die militärische Ordnung zu festigen.

Müntzer, offenbar überwältigt vom Augenblick, griffsich kurzerhand ein Pferd, saß auf und ritt mitten hinein in die Menge der Bewaffneten, um zu ihnen zu sprechen. Nun sei es an der Zeit, rief er erregt, beim Wort Gottes zu stehen und dafür zu leben oder zu sterben! Es ist der nächste radikale Schritt: der Geistliche als Krieger.

MÜNTZER IST zunehmend davon überzeugt, dass die biblische Apokalypse bevorsteht. Die Bauernaufstände, die sich im Frühjahr 1525 ausbreiten, sind für ihn Ausdruck der Endzeit
ANFANG MAI 1525 zieht Müntzer mit seinen Anhängern unter einer von ihm gestalteten Regenbogenfahne gegen die fürstlichen Truppen bei Frankenhausen. In seiner letzten Predigt bestärkt Müntzer die Landleute: »Darum seid getrost und tut Gott den Dienst und vertilget diese untüchtige Oberkeit.« Doch die Schlacht endet für die Bauern und ihren Anführer im Desaster

Der neue Rat lässt die Wallanlagen verstärken, Büchsen gießen, in einem ehemaligen Kloster eine Pulverkammer einrichten. Müntzer wiederum beauftragt einen Schneider damit, eine große Fahne aus feinster Seide anzufertigen. Sie zeigt einen Regenbogen auf weißem Grund – das Symbol für den Bund zwischen Gott und Mensch nach der Sintflut. Noch steht die Fahne neben seiner Kanzel, doch bald schon, kündigt Müntzer an, werde er sie „zu Felde bringen und zuvorderst beim Fähnlein sein“. Die „Auserwählten“ sollen sich unter ihr versammeln und sich von ihm in die Schlacht des Endgerichts führen lassen.

MÜNTZERS LETZTES AUFGEBOT

Denn die Apokalypse steht unmittelbar bevor, nun wird der Weizen von der Spreu getrennt! Von Euphorie erfasst, verfolgt Müntzer, wie sich die Bauernaufstände in diesem Frühling 1525 vom Südwesten in nördliche Richtung ausbreiten. Vom Hochrhein über Allgäu und Franken, hinein ins Tal der Werra, bis ins heutige Thüringen, immer weiter in Richtung Mühlhausen. Am einen Ort verweigern die Landleute den Kirchenzehnten, am anderen fordern sie die Abschaffung der Leibeigenschaft. Burgen brennen, Klöster werden ausgeraubt, Herrschende fürchten um ihr Leben, alle Ordnung löst sich auf!

Müntzer sendet nun feurige Briefe an andere Gemeinden in der Region und ruft zum Kampf, in einem furchteinflößenden Ton endzeitlicher Siegesgewissheit: „Dran, dran, dran, lasst euch nicht erbarmen, lasst euer Schwert nicht kalt werden von Blut!“

Da hat Thomas Müntzer noch vier Wochen zu leben (siehe Seite 124).

DER GELEHRTE MAGISTER der Theologie ist endgültig zum Propheten der Revolution geworden. Als solcher geht Müntzer auch in die Geschichte ein. Zunächst für Jahrhunderte jedoch eher im negativen Angedenken: Die Reformatoren um Luther lassen wenig unversucht, sich vom früheren Gefährten abzugrenzen und von ihm das abstoßende Bild eines mordgierigen Unruhestifters und Volksverführers zu zeichnen. Dann, in der Epoche der großen Revolutionen und der Arbeiterbewegung im 18. und 19. Jahrhundert, wandelt Müntzer sich im Blick der Zeitgenossen plötzlich zum Vorreiter einer gerechteren Gesellschaft. Friedrich Engels deutet in einem Aufsatz von 1850 den Bauernkrieg marxistisch und macht Müntzer zu einem frühen Klassenkämpfer. Die Deutsche Demokratische Republik knüpft daran an: Als Vertreter der „frühbürgerlichen Revolution“ dient der Prediger als Symbolfigur des Sozialismus. 350 Straßen werden in der DDR nach ihm benannt, Schulen, Arbeiterbrigaden, Regimenter der Armee, auf dem Fünfmarkschein ist sein Porträt zu sehen.

Beide Seiten, Gegner wie Bewunderer, haben Müntzers Bedeutung allerdings stark überzeichnet. Er war weder Anstifter noch führender Kopf des Bauernkriegs, der ja auch ganz woanders in den deutschen Landen begonnen hat. Dennoch spielt er eine wichtige historische Rolle: Müntzer war ein früher Vordenker des Rechts auf Selbstbestimmung. Und ein Mann, der für seine Überzeugungen in den Tod gegangen ist.

5. Luther auf dem Reichstag in Worms 

Neben Wittenberg gilt vor allem Worms als eine der bekanntesten Wirkungsstätten des Reformators Martin Luther. Gerade mal zehn Tage verbrachte Luther in der Stadt am Rhein, doch diese zehn Tage veränderten die Welt grundlegend.

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„Luthers Einzug in Worms“, 16. April 1521, Vorladung zum Reichstag von Worms.
(Gemälde von Friedrich Wilhelm Martersteig) (Bild: © epd-bild / akg-images)

Im Rathaus von Worms, jener alten und stolzen Kaiserstadt, eröffnet Karl V. am 27. Januar 1521 den Reichstag. Mehr als vier Monate verhandeln hier die mächtigen Reichsstände, Fürsten und Räte, Geistliche und Botschafter über die Themen, welche die deutschen Lande bewegen. Doch dieses Jahr wird auch ein junger Professor aus Wittenberg angehört, der mit seinen Thesen landesweit für Furore sorgt: Martin Luther.

Es regnet lutherische Schriften

Der junge Karl – gerade einmal 19 Jahre alt – ist deutscher Kaiser, spanischer König, Herrscher über ein Imperium, in dem die Sonne nicht untergeht. Erst im Jahr zuvor ist er im Aachener Dom gekrönt worden. Die Probleme des Reiches sind ihm aber weitgehend unbekannt, denn aufgewachsen ist er in den habsburgischen Niederlanden. Auch die deutsche Sprache fällt ihm schwer. Karl hofft auf dem Reichstag alle deutschen Fragen auf einmal zu lösen, damit er schnell nach Spanien zurückkehren kann, um dort den Kampf gegen seinen Intimfeind, den König von Frankreich zu organisieren. Doch schon bald muss er erkennen, dass die Interessengegensätze der Teilnehmer sehr groß sind. Unmittelbar nach Eröffnung des Reichstages werden weitere, scheinbar endlose Verhandlungen über das Protokoll geführt. 

Luther selbst steht nicht auf der Tagesordnung. Die Reichsstände wollen sich nicht mit seinem Wirken befassen. Im Vordergrund stehen vielmehr die üblichen reichsrechtlichen Themen: Fragen der Verwaltung und des Landfriedens. Punkt für Punkt wollen sie in den Ausschüssen das straffe Programm abarbeiten. Im Volk hingegen ist der Wittenberger Theologe dasGesprächsthema. 1517 hatte er seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Schlosskirche in Wittenberg geschlagen und seitdem eine Reihe von kirchenkritischen Schriften veröffentlicht. Dank der neuen Technik des Buchdrucks verbreiten sie sich schnell im Reich und werden zu einem Bestseller. Selbst in Worms sind Luthers Werke begehrt, sodass der päpstliche Gesandte feststellt: „Täglich regnet es lutherische Schriften in deutscher und lateinischer Sprache.“ Es werde „gar nichts anderes verkauft als Schriften Luthers“.

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Kaiser Karl V., Gemälde, um 1525/32, deutscher oder flämischer Maler (Pinacoteca Nazionale, Siena).
(Bild: epd)

Die Reise nach Worms

Dabei ist Luther erst vor wenigen Wochen durch den päpstlichen Kirchenbann quasi zum Ketzer erklärt worden. Früher hätte das automatisch den Tod bedeutet. Seit kaum zwei Jahren steht aber auch einem Ketzer ein Ächtungsverfahren zu. Damit die weltlichen Autoritäten gegen den Reformator vorgehen und seine Schriften verbieten können, muss deshalb auch der Kaiser die Reichsacht aussprechen. Ginge es nach den geistlichen Fürsten, sollte der Kaiser Luther einfach in dessen Abwesenheit verurteilen und eine Verordnung erlassen. Sie erwarten das übliche Procedere: Verbrennung der Schriften, Festnahme des Ketzers und dessen Überstellung nach Rom. 

Die Mehrheit der Fürsten unter Führung von Luthers Landesherren Kurfürst Friedrich dem Weisen widersetzen sich dem Verfahren. Stattdessen wollen sie den Mönchen nicht ungehört bestraft sehen. Friedrich erreicht schließlich durch zähes Verhandeln, dass Luther seine Thesen vor dem Reichstag nochmals erläutern und verteidigen darf. Ein Novum. Der tiefgläubige Kaiser muss diesem ganz und gar ungewöhnlichen Verfahren notgedrungen zustimmen. Weder kann er die deutliche Parteinahme der Reichsstände ignorieren, noch die öffentliche Meinung. Im März zitiert Karl deshalb Luther nach Worms – und sichert ihm freies Geleit zu. 

Luther reist Anfang April fast 600 Kilometer von Wittenberg an den Rhein. Auf der Reise wird Luther allerorts mit Begeisterung empfangen. Er predigt in Erfurt, Gotha und Eisenach. In Worms begrüßen ihn und seine Reisegesellschaft mehr als 2000 jubelnde Menschen. 

Keine Disputation erwünscht

Die erste Begegnung zwischen Kaiser Karl V. und dem Mönch Martin Luther soll am 17. April stattfinden – nicht vor dem Reichstag, sondern im Bischofssitz, dem Aufenthaltsort des Kaisers. Mit diesem protokollarischen Kniff ist es Karl gelungen, den reichsrechtlichen Status dieser Sitzung offen zu halten und Luther abseits der großen Bühne zu verhören. Es soll keine Disputation geben. Der Angeklagte soll lediglich seine Thesen zurücknehmen. Doch Luther zögert und erbittet sich Bedenkzeit: „Damit ich ohne Gefahr für meine Seligkeit auf die Frage richtig antworte.“ Karl gewährt ihm den Aufschub.

Doch am nächsten Abend spricht Luther deutliche Worte: „Ich kann und will nicht widerrufen, weil weder sicher noch geraten ist, etwas wider das Gewissen zu tun. Es sei denn, dass ich mit Zeugnissen der Heiligen Schrift oder mit öffentlichen, klaren und hellen Gründen und Ursachen widerlegt werde, denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilen allein, weil es offensichtlich ist, dass sie oft geirrt und sich selbst widersprochen haben. Gott helfe mir. Amen.“

Lutherdenkmal in Worms
Das Lutherdenkmal in Worms ist das weltweit größte Denkmal des Reformators. Martin Luther steht in der Mitte der Skulpturengruppe
(Bild: © epd-bild / Andrea Enderlein

Der Kaiser, der mithilfe von Dolmetschern dem Verhör folgt, bricht das Verfahren ab. Er attestiert Luther mit drastischen Worten, dessen Irrtum: „Denn es ist sicher, dass ein einzelner Mönch in seiner Meinung irrt, wenn diese gegen die der ganzen Christenheit, wie sie seit mehr als tausend Jahren gelehrt wird, steht. Deshalb bin ich fest entschlossen, an diese Sache meine Reiche und Herrschaften, mein Leib, mein Blut und meine Seele zu setzen.” Von zahlreichen Anwesenden begleitet, unter einer Mischung aus Jubel und Anfeindungen, verlässt Luther den Saal.  In diesem Moment, so weiß die Legende soll er den Satz gesprochen haben: „Ich bin hindurch.“

Von Worms auf die Wartburg

Martin Luther wird entlassen, jedoch nicht verhaftet, da ihm der Schutzbrief für 21 Tage freies Geleit zusichert. Er verlässt am 26. April Worms, durch das Tor, durch das er 10 Tage vorher kam. Es ist ihm nicht gelungen, den Kaiser für seine Sache zu gewinnen. Stattdessen hat dieser schon zwei Tage nach der ersten Begegnung mit Luther erklärt, dass er seiner kaiserlichen Verpflichtung, dem Schutz der römischen Kirche nachkommen werde. So verhängt Karl über den Wittenberger Theologieprofessor nach dessen Abreise die Reichsacht – das „Wormser Edikt“. 

Der Platz, an dem Luther sein mutiges Bekenntnis ablegt, ist durch eine Platte im Boden gekennzeichnet. Die berühmten Worte „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ hat er wohl nicht gesprochen, doch sie fassen heute noch den Geist seiner Rede gut zusammen. Noch heute verleihen die Lutherstädte alle zwei Jahre den Preis „Das unerschrockene Wort“. Ausgezeichnet werden Frauen und Männer, die bereit sind „für unerschrockenes Auftreten Unbill in Kauf zu nehmen –  so wie seinerzeit Martin Luther, der sich 1521 während des Reichstags zu Worms vor Kaiser Karl V. für seine innere Überzeugung verantworten musste. 

Weit kommt Luther übrigens nicht. Auf seiner Rückreise wird er in der Nacht auf den 5. Mai 1521 von Bewaffneten auf die Wartburg bei Eisenachgeschafft. Eingefädelt hat die Aktion der sächsische Kurfürst Friedrich, der ihn dadurch vor dem Zugriff seiner Feinde schützt. Hier, auf der Festung beginnt Martin Luther das neue Testament ins Deutsche zu übersetzen. Es wird der nächste Bestseller sein. 

6. Populäre Irrtümer rund um die Reformation

War die Reformation eine Bewegung für Glaubens- und Meinungsfreiheit? Hat Luther die Bibel als erster ins Deutsche übersetzt? Und förderte die Reformation den "kapitalistischen Erwerbsgeist"?

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Luther-Bibel aus dem Jahr 1534, zu sehen am 26.10.2016 in der St. Gertraud-Kirche in Frankfurt (Oder). (© picture-alliance, ZB)

Nein, "ein Thesenanschlag fand nicht statt" (Volker Leppin) – ziemlich sicher nicht am 31. Oktober 1517, sehr wahrscheinlich hat nie Martin Luther persönlich gehämmert oder geheftet, vermutlich wurden die Thesen überhaupt nie ausgehängt. Und "hier stehe ich, ich kann nicht anders"? Das ist immerhin gut erfunden (vgl. Interner Link: Schlaglicht 1517 und Link hat Vorschau-PopupInterner Link: Schlaglicht 1521Es nimmt einem historischen Ereignis wenig von seinem Rang, wenn es Mythen und Legenden umranken – vielleicht im Gegenteil! Mit der von Martin Luther angestoßenen Reformation sind eine Reihe volkstümlicher Vorstellungen verknüpft, deren Stichhaltigkeit wir im Folgenden prüfen wollen:

Martin Luther hat als erster die Bibel ins Deutsche übersetzt?

Falsch! Leihen wir uns die Worte von einem der besten Kenner des späten Mittelalters, Ernst Schubert: "Im 14. Jahrhundert begannen an die Stelle der älteren Bibeldichtungen Übersetzungen zu treten ... In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wird dann die gewerbsmäßige Anfertigung von verdeutschten Bibelhandschriften faßbar." Bald kamen gedruckte Übersetzungen hinzu, bereits 1466 erschien der erste deutschsprachige Bibeldruck. Insgesamt sind für die Jahre zwischen 1466 und 1522 allein 22 Gesamtausgaben der Bibel in deutscher Übersetzung belegt, noch verbreiteter waren Teildrucke, etwa des Neuen Testaments. Einer der führenden Schriftsteller und Gelehrten des ausgehenden Mittelalters, Sebastian Brant, seufzte: "All landt syndt yetz voll heyliger geschrifft." Freilich stellte der Verkaufserfolg von Luthers Bibelübersetzungen rasch den aller anderen in den Schatten, und die sprachschöpferische Kraft des Reformators überstieg die seiner Vorgänger weit.

Martin Luther ist der Schöpfer der neuhochdeutschen Schriftsprache?

Mehr falsch als richtig! Schon seit dem ausgehenden Mittelalter setzte sich, freilich zögerlich, eine überall wenigstens von den Eliten verstandene deutsche Schriftsprache durch. Wir dürfen es als Indikator für die Intensivierung der schriftlichen Kommunikation, besonders auf dem Gebiet der sich ungemein professionalisierenden Politik nehmen, doch sind alle sprachgeschichtlichen Einzelheiten sehr umstritten. Es gibt keinen Erfinder, nicht den einen Sprachschöpfer, den großen Vereinheitlicher; die Ratskanzleien von Eger und insbesondere Nürnberg scheinen stilbildend gewirkt zu haben, noch deutlicher ist die offenbar wichtige Rolle der Kanzlei Kaiser Friedrichs III. (1440-93). Die im Bairischen, Ostfränkischen und Ostmitteldeutschen üblichen Schreibsprachen näherten sich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts merklich einander an, offenbar unter der Dominanz südlicher Einflüsse.

Die früher gern in diesem Zusammenhang genannte Bibelübersetzung Martin Luthers hat für solche Ausgleichs- und Vereinheitlichungsprozesse keine Rolle mehr gespielt, wohl aber, neben anderen Bestsellern dieses frühen Erfolgsautors, zur Popularisierung des sprachgeschichtlichen Ergebnisses und damit auch zu einer Überwindung des im ausgehenden Mittelalter breit klaffenden Spalts zwischen Nieder- und Hochdeutsch beigetragen. Der niederdeutsche Sprachraum, zuletzt unter lübischer Dominanz an sich geschlossener als der mittel- und oberdeutsche, wechselte im ersten neuzeitlichen Jahrhundert schreibsprachlich zum Hochdeutschen. Die Reformation gehört zum Ursachenbündel, wichtig waren sicher auch die Schreibusancen der Reichskanzlei, und der wirtschaftliche Niedergang der Hanse zeichnete sich früher ab als der der oberdeutschen Handelsmetropolen. Die ostmitteldeutsche und oberdeutsche, obersächsische und bairische Elemente verbindende Sprache Luthers galt schon für viele Zeitgenossen als vorbildlich.

Doch blieb die individuelle und landschaftliche Variationsbreite beträchtlich. Endlich eine allgemeinverbindliche deutsche Literatursprache zu schaffen: dieses Anliegen wird noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts den bedeutenden Sprach- und Literaturkritiker Johann Christoph Gottsched ("Sprachkunst", 1748) umtreiben. Gesprochen haben die allermeisten Menschen sowieso weiterhin Dialekt; ein schwäbischer oder fränkischer Bauer des späten 17., noch des 18. Jahrhunderts, den eine Streitsache des Kammergerichts wegen nach Wetzlar führte, stieß dort mit seinem vermeintlichen Gestammel auf blankes Unverständnis.

Die Reformation war eine Bewegung für Glaubens-, gar Meinungsfreiheit?

Falsch! Schon in den Augen vieler Aufklärer, vollends für den Kulturprotestantismus des 19. Jahrhunderts, war die Reformation eine einzige große Freiheitsbewegung, und allemal, so eine unerschütterliche innerevangelische Gewissheit, hätten die Protagonisten der Reformation für Glaubensfreiheit gekämpft. Selbstverständlich sei auch das Auswanderungsrecht des Augsburger Religionsfriedens eine evangelische Errungenschaft. Tatsächlich taucht das "Ius emigrandi" zum ersten Mal in einem katholischen Textentwurf auf, es war am Reichstag von 1555 nie strittig.

Wie intensiv die Obrigkeiten des Konfessionellen Zeitalters von ihrem "Ius reformandi" Gebrauch machten, wie viele Andersgläubige also gehen mussten, ist angesichts des unbefriedigenden Forschungsstands (die Reformationsepoche hat bis vor kurzem ungleich mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit genossen als das sich anschließende Konfessionelle Zeitalter) flächendeckend noch nicht zu bilanzieren. Aber davon, dass die Untertanen evangelischer Obrigkeiten so "frei" gewesen wären, katholischen Kultus zu praktizieren, kann offenkundig keine Rede sein. Auch für evangelische Fürsten gab es nur einen wahren, also legitimen Glauben. Erst im 18. Jahrhundert wird die Ansicht an Boden gewinnen, auch andere Weltanschauung könne Teilwahrheiten enthalten, ja, womöglich könne der Mensch überhaupt nur Teilwahrheiten erhaschen. Versuche der Obrigkeiten, mit Hilfe der Kirche Zugriff auf Gehirne und Herzen der Untertanen zu gewinnen (manche Historiker nennen es "Sozialdisziplinierung"), bauten in evangelischen Territorien mit ihrem landesherrlichen Kirchenregiment gewiss nicht weniger Konformitätsdruck auf als in katholischen. Ob die Ablehnung des kirchlichen Lehramts und gemeinschaftsstiftender Massenereignisse (Prozessionen, Wallfahrten) durch Luther langfristig(!), der Moderne zu, doch Individualisierungsprozesse angestoßen hat? Darüber nachzudenken könnte lohnen.

Dass im Zuge der Reformation zahlreiche Klöster aufgehoben wurden, hat die Gesellschaft modernisiert?

Falsch! Klöster hatten in der vormodernen Gesellschaft viele Funktionen, so waren sie abseits der großen Städte oft die einzigen Auftraggeber für anspruchsvolle Bauten und Kunstwerke sowie Bildungszentren. Für viele Landstriche sind deshalb reagrarisierende Effekte des großen Klostersterbens der Reformationszeit plausibler als modernisierende: Sie büßten einen bereits erreichten Stand gewerblicher Differenzierung und kulturellen Reichtums wieder ein. Intensiv hat besagtes Klostersterben zuletzt die Gender Studies beschäftigt. Trug "die reformatorische Polemik gegen das weibliche Religiosentum wesentlich dazu bei, die legitimen Möglichkeiten weiblicher Lebensgestaltung auf die Rolle als Ehefrau und Mutter" einzuschränken (Antje Rüttgardt)? Oder, auf Volkshochschulniveau: "Vom Kloster in die Küche"? Das setzt natürlich voraus, in Klöstern nicht mehr Versorgungsanstalten zu sehen, sondern Horte weiblicher Autonomie und freier Bildung: eine erstaunliche Umwertung, angesichts der meist strengen Klausurvorschriften übrigens eine Romantisierung, die ungefähr so einseitig ist wie das schiefe Verdikt von der bequemen Versorgungsanstalt. Dennoch ist sehr wahrscheinlich, dass viele der damaligen Frauen den Untergang ihres Klosters gar nicht als Befreiung empfunden haben.

Die Reformation hat "kapitalistischen Erwerbsgeist" befördert?

Jein! "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus": so ist eine Studie überschrieben, die der Pionier der Soziologie, Max Weber, 1905 veröffentlicht hat. Luther hatte er nicht primär im Blick, es sei "die vom Kalvinismus geprägte Lebensführung", die entscheidend zur Ausbildung eines asketischen Habitus, zur Entwicklung der modernen Wirtschaftsgesinnung und damit des Kapitalismus beigetragen habe. Das wird seither oft behauptet, scheint auch triftig zu sein, besonders wegen der calvinistischen "Prädestinationslehre": Weil Gott alle irdische Wirklichkeit vor dem Anfang der Zeit geschaffen und vollkommen gekannt, mithin schon immer gewusst habe, was aus allem einmal würde und erwüchse, stehe auch schon immer fest, welche Menschen für das Heil vorgesehen, "prädestiniert" seien und welche verworfen. Zu einem Kernstück "calvinistischen" Glaubens wurde die "Prädestinationslehre" erst nach Calvins Tod, und es verbreitete sich nun die alsbald so typische, aber gegenüber Calvins eigenen Anschauungen doch vergröbernde, veräußerlichende Auffassung, man könne Erwähltheit oder Verdammnis eines Menschen zuverlässig seinem Wohlstand ablesen. Nehmen wir die Genussfeindlichkeit, das unerbittliche Pflichtethos Calvins hinzu, könnte das ja in der Tat eine Manie befördert haben, Gewinne erst zu akkumulieren und dann, anstatt sie gemütlich zu verkonsumieren, ungeschmälert in neue, noch profitablere Unternehmungen zu investieren, um seiner Erwähltheit nur immer gewisser sein zu können.

Plausibel mutet das schon an. Alle evangelischen Bewegungen kehrten sich ja von der "contemplatio" ab, damit von jener dem Mittelalter noch selbstverständlichen Arbeitsteilung, wonach die einen das Bruttosozialprodukt mehren, die anderen, etwa im Kloster, beten, auch für diejenigen, die ihre tägliche Mühsal von rechter Kontemplation abhält. Für den einstigen Mönch Luther verfielen Mönche schlimmster "Werkgerechtigkeit". Hingegen kämen "ein frum magt, so sie ... nach yhrem ampt den hoff keret oder mist außtregt, oder eyn knecht ynn gleycher meynung pflugt ... stracks tzu gen hymel ..., dieweyll ein ander, der ... seyn ampt und werck ligen lestt, stracks tzu tzur hellen geht". Alle Reformatoren predigten ein hohes Arbeits- und Leistungsethos (übrigens kannte die katholisch bleibende Welt ja auch viel mehr arbeitsfreie, sprich Feiertage). Arbeit wurde zum vornehmsten Lebenszweck, im Grunde zu Gottesdienst – nur ein arbeitsreiches Leben sei ein erfülltes und gottgefälliges. Die Überzeugung, Gottes Gnade zeige sich (modern formuliert) im "Lebenserfolg" und zumal in materiellen Gütern: Jene Facette käme so gesehen als calvinistische Spezialität nur noch hinzu.

Freilich, stringent empirisch belegen lassen sich solche Thesen eben nicht. War denn, beispielsweise, die Handelsrepublik Venedig ökonomisch rückständig, war es der Jesuitenstaat in Südamerika? Als viele Augsburger der neuen Glaubenslehre der Wittenberger zuströmten, blieb ausgerechnet der Großunternehmer und Chef des größten Bankhauses seiner Zeit, Jakob Fugger, katholisch. Andererseits kann man nicht leugnen, dass die von Fürstbischöfen regierten geistlichen Territorien (eine deutsche Spezialität) des Reiches mehr durch kulturellen Reichtum glänzten als durch starke innovative Ökonomien. Indes, erneutes Aber: waren denn die durch und durch evangelischen Reichsstädte im 17. oder 18. Jahrhundert Heimstätten ökonomischen Fortschritts? In der Summe wird man das Gegenteil attestieren. Und gilt, um noch einen Ausblick in die Gegenwart anzuschließen, in den heutigen USA mit ihren kräftigen puritanischen Wurzeln, dass, wer geschäftlich scheitert und Bankrott macht, als Sünder verabscheut und ausgegrenzt wird? Ist man dort nicht im Gegenteil auffallend bereit, die zweite und dritte Chance, also Neuanfänge zuzubilligen und zu fördern? Wir kommen über gewisse Plausibilitäten nicht hinaus, die Max-Weber-These wird sich nie 'beweisen' lassen.

7. Kirche im ausgehenden Mittelalter

Seit dem 11. Jahrhundert hatte sich die Kirche mehr und mehr in eine Klerikerkirche verwandelt, Laien waren konsequent abgedrängt worden. Aus dem Papsttum war ein Renaissancefürstentum geworden, die Päpste agierten als Politiker. Alle Leistungen der Kurie bekamen Geldwert.

Soweit die eigentümliche, sehr ausgeprägte Frömmigkeit jener Tage! Genauso ausgeprägt war die Unzufriedenheit mit der Institution Kirche. Ein Angriffspunkt war das Papsttum selbst. Die römische Kirche hatte sich schon seit dem 11. Jahrhundert mehr und mehr zur "Klerikerkirche" (Erich Hassinger) entwickelt, unter konsequenter Abdrängung der "Laien", also des Kirchenvolks. Klerikerkirche und Papstkirche: denn der Papst hatte seine Stellung in der Hierarchie auf Kosten der bischöflichen und der synodalen Kompetenzen ausgebaut, hatte schließlich eine Herrschaft inne, die fast absolut anmuten kann, noch nicht absolutistisch, der Terminus soll eine andere Epoche charakterisieren. Und doch – so, wie der Absolutist Ludwig XIV. einmal erklären wird, er selbst sei der Staat ("L'Etat, c'est moi"), so sprach einer der Herolde der päpstlichen Machtvollkommenheit, Aegidius Romanus, im frühen 14. Jahrhundert vom "Papa ..., qui potest dici Ecclesia": vom Papst, von dem man auch sagen könne, er sei die Kirche.

Die konziliare Krise des 15. Jahrhunderts hatten die Päpste wie eine lästige Seuche ausgestanden, ohne die von den Konzilien geforderten Reformen zu realisieren. Prunk und Prestige eines italienischen Renaissancefürsten lagen diesen Herren am Herzen, nicht die Seelennöte ihrer Schäfchen, dafür hatte man Personal. Die Päpste agierten als Politiker, auch als Mäzene, nicht als Seelsorger. Wir erfreuen uns heute zwar, wenn wir als Touristen in Italien weilen, der schönen Kunstwerke und Baudenkmäler, die jene Päpste gebaut oder gesponsert haben; aber der gläubige Zeitgenosse konnte es anders sehen. Weil der Papst beim Bauen wie in der Politik so munter mitmischte, benötigte er immer neue Einnahmen. Alle Leistungen der Kurie bekamen Geldwert: die Verleihung von Pfründen (lateinisch "beneficia", also kirchliche Stellen, die damit zusammenhängenden Einkünfte), die Entscheidung von Rechtsfragen; Dispense und Gnadenakte wurden käuflich, und bekanntlich auch die Jahre im Fegefeuer (der Ablass). Der Quantifizierung des Glaubens, der Berechnung von Gnade und Buße korrespondierte die "Fiskalisierung und Kommerzialisierung der kirchlichen Verwaltung" (Heinrich Lutz); es entstand ein umfassendes fiskalisches System, das sich kirchenrechtlich begründen ließ, aber außerhalb Italiens vielfach starke antirömische Affekte aufrührte. Standardthema aller großen Ständeversammlungen im Reich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts waren die "Gravamina deutscher Nation", die anprangerten, dass zu viel deutsches Geld nach Rom fließe und die manchmal fast schon so etwas wie nationalistische Beiklänge aufwiesen. ("Gravamina" heißt auf Deutsch "Beschwerden"; vgl. zum Alten Reich und seinen Organen Kapitel 3).

Stattliche Gebühren für klerikalen Service, nach fiskalischen Gesichtspunkten ausgegebene kirchliche Ämter (deren Erträge also erst einmal nach Rom zu fließen hatten), keinesfalls nur für Kreuzzüge verwendete Kreuzzugssteuern: Man war durchaus findig. Aber man machte sich dadurch auch angreifbar. Es gab ein verbreitetes Empfinden, dass "Kirche" auch ganz anders aussehen könne, gab viele kritische Stimmen. Aber eben trotzdem keine durchgreifende Reform der Amtskirche – die sich seit 1350 verdichtenden Krisenzeichen führten nicht zu Umbruch und Aufschwung, sondern in Desintegration und Verwirrung (Schisma, Ketzerbewegungen) oder in die innere Emigration (Mystik).

Deutschlands Domherren (wie Kardinäle den Papst, wählten Domherren den Bischof) entstammten dem jeweiligen regionalen Adel. Die feineren Kreise versorgten dort ihre (nicht erbberechtigten) nachgeborenen Söhne, nach einem geflügelten Wort der Zeit waren diese Domkapitel "Spitäler des Adels". Wer geschickt war, sicherte sich gleich mehrere gemütliche Versorgungspöstchen ("Pfründen-Kumulation") – was umso mehr aufreizen musste, als Bettelmönche das Ideal der armen Kirche beschworen. Man darf ohne Übertreibung sagen, dass es am Vorabend der Reformation keinen einzigen populären Fürstbischof in Deutschland gegeben hat, keinen einzigen mit nennenswerter geistlicher Autorität. Auch die Fürstbischöfe verstanden sich ja zunächst einmal als Politiker, die ein Hochstift (also jenen Teil ihrer Diözese, in dem sie auch weltliche Obrigkeit waren) zu regieren hatten; für Spirituelles waren die nachgeordneten Weihbischöfe zuständig. "Die Reichskirche war eine Institution der Herrschaft, nicht eine der Seelsorge, ihr Reichtum kam der Welt, nicht ihrem geistlichen Auftrag zugute. Den gemeinen Mann erreichte diese Kirche der Adelssöhne nicht" (Ernst Schubert).

Wegen der zahlreichen Mess- und Altarstiftungen, mit denen sich die Wohlhabenden ihr ewiges Seelenheil zu sichern hofften (Verdinglichung, Quantifizierung!), gab es ebenso zahlreiche Pfarrkleriker, die, je nach Umfang der Stiftung, extrem unterschiedlich dotiert waren und deren Gedanken häufig vor allem um eines kreisten: Wie hole ich möglichst viel aus meinem Beneficium, also meinem Pöstchen heraus? Der Priester verkam zum Gebühreneintreiber. Wegen dieser "benefizialen Amtsauffassung" (wie das die Forschung nennt) und weil man der Überzeugung war, dass die vom Priester verwalteten Sakramente ohnehin, objektiv und gleichsam automatisch, ihre Wirkung entfalteten (Verdinglichung!), glaubte man auf eine gründliche Ausbildung der Priester verzichten zu können. Es war ihnen selbst überlassen, wo und wie sie sich ihre Kenntnisse aneigneten – und ob überhaupt, denn der Priesterweihe ging selten eine strenge, wirklich aussagekräftige Prüfung voraus. Neuere Studien legen die begründete Annahme nah, dass sich der Bildungsstand des Klerus im 15. Jahrhundert etwas gebessert habe, aber Theologie haben die wenigsten jemals studiert (um von einem abgeschlossenen Theologiestudium ganz zu schweigen). Viele Priester murmelten im Messgottesdienst eben irgendwelche auswendig gelernten Sprüchlein herunter, und wenn sie diese nicht auswendig gelernt hatten, wird das auch niemandem aufgefallen sein; es war ja alles Latein, Latein, das der Priester womöglich unvollkommen – und die allermeisten seiner Zuhörer gar nicht beherrschten.

Profilierte Kirchenkritiker (die übrigens manche Forderungen Martin Luthers vorwegnahmen) sah schon das Mittelalter: Petrus Valdes, John Wyclif, Jan Hus und andere, heute weniger bekannte. Sie einte ihr Biblizismus, bis hin zu Bibelübersetzungen in die Volkssprache; die Betonung der Laienpredigt; und dass sie in gravierende Konflikte mit der bestehenden Kirche gerieten – Jan Hus wurde 1415, wiewohl man ihm freies Geleit dorthin zugesichert hatte, in Konstanz vom Konzil als Ketzer verurteilt und anschließend verbrannt. Dennoch war Böhmen, die Heimat von Jan Hus, schon im 15. Jahrhundert, Generationen vor der Veröffentlichung von Luthers Thesen, nicht mehr "römisch-katholisch". Johann Pupper von Goch (gestorben 1475) schrieb Jahrzehnte vor Luthers "Freiheit eines Christenmenschen" eine Schrift "de libertate christiana", kämpfte gegen die Gesetzlichkeit, die Vielfalt der Vorschriften in der Kirche, wollte einzig die Bibel als Norm gelten lassen ("sola scriptura" wird das später im Luthertum heißen). Auch Johann Ruchrat von Wesel (gestorben 1481) war ein radikaler Biblizist, der Konzilien wie Kirchenväter gegenüber der Bibel offen abwertete, die amtliche Ablasslehre verwarf, gegen Feste und Fasten polemisierte: "Ich verachte den Papst, die Kirche und die Konzilien. Ich liebe Christus".

Neuansätze sind aber nicht nur bei wenigen prominenten "Vorreformatoren" (wie man sie früher griffig nannte) zu verorten. Es gab unter dem Dach der spätmittelalterlichen Römischen Kirche Reformbewegungen mit einer gewissen (noch nicht massenhaften) Resonanz; so suchten die Anhänger der "Devotio moderna" fromme Alltagsgestaltung, nicht zuletzt in tätiger Nächstenliebe, auch häufige Bibellektüre war ihnen wichtig – sie wollten "das christliche Leben nicht in der Erfüllung äußerlicher Riten erschöpft sehen" (Volker Leppin).

Um beispielhaft einen scheinbar noch weniger spektakulären, aber wegen der damit einhergehenden Verinnerlichung des Glaubens interessanten Neuansatz zu streifen: Es gewann der Gedanke (etwas) an Boden, dass begrüßenswert sei, wenn man den Inhalt eines gerade gesprochenen Gebets erfasst habe. "Das Verstehen des Textes sollte die Andacht anspornen und die Erhörung der Gebete absichern" (Thomas Lentes). Volkssprachliche Gebetbücher sollten lesekundigen Laien den inneren Nachvollzug des weiterhin auf Latein gehaltenen Messritus ermöglichen. Die Überzeugung von der gleichsam automatischen Wirkung des in den äußeren Formen korrekt vollzogenen Ritus war also schon vor Luther etwas ins Wanken geraten. Viele Städte stellten "Prediger" oder "Leutpriester" an, die gebildet sein mussten, weil sie ja vor allem predigen sollten, also für Erbauung und Unterweisung, nicht sakramentale Versorgung zuständig waren. Mancherorts trat neben die 'normale' Messe der Predigtgottesdienst. In der Breite aber blieb es dabei: Die Messe war Ritus, war im Grunde, weil fast niemand den Inhalt der dabei geäußerten Worte verstand, pantomimische Darbietung – ein vielleicht eindrucksvolles, aber stummes Spiel, keine Wortverkündigung. Man hat erst gar nicht versucht, die Lesungen zu übersetzen. Luther wird darauf pochen, dass der Gottesdienst in der jeweiligen Volkssprache abzuhalten sei.

8. Schlaglicht 1517: der sogenannte Thesenanschlag

Mit dem 31. Oktober 1517 beginnt die Reformationsgeschichte: Martin Luther schlägt seine 95 Thesen mit kritischen Fragen an die Ablasspraxis an die Wittenberger Schlosskirche. Auch wenn diese Szene so wohl nie stattgefunden hat, ihre Symbolkraft wirkt bis heute fort.

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Der sogenannte Thesenanschlag, Bild von Ferdinand Pauwels. (© picture-alliance/akg)

Wir meinen, den Beginn der Reformationsgeschichte punktgenau verorten zu können: Denn am 31. Oktober 1517 habe Martin Luther 95 Thesen mit kritischen Anfragen an die Ablasspraxis seiner Zeit an der Tür der Wittenberger Schlosskirche befestigt. Die Szene hat Symbolkraft, schreit geradezu nach Bild und Verfilmung: Der grimmig entschlossene Schädel Luthers vor dräuendem Gewitterhimmel, laute Schläge hämmern das Neue als Menetekel an die Wand – Schläge gegen eine Wittenberger Immobilie, die hier gewissermaßen stellvertretend für die ganze alte Kirche ihre Stöße abbekommt. Generation auf Generation gläubiger Protestanten hat es sich so oder so ähnlich vorgestellt – aber es hat so wahrscheinlich nie stattgefunden.

Erstmals problematisiert hat das vermeintlich ehern Feststehende der katholische Kirchenhistoriker Erwin Iserloh. Er wies 1962 in einem Aufsatz darauf hin, dass es keine zeitgenössischen Zeugnisse gebe. Der Thesenanschlag werde zum ersten Mal einige Monate nach Luthers Tod behauptet – in einer Vorrede, die Philipp Melanchthon zu Band 2 der ersten Gesamtausgabe von Luthers lateinischen Schriften verfasste. Nun könnte man Melanchthon, gewissermaßen die "Nummer zwei" der deutschen Reformatoren, ja schon als prominenten Gewährsmann einstufen. Nur, der Mann weilte erst seit August 1518 in Wittenberg, und er war über die Frühzeit der Reformation nachweislich bisweilen schlecht unterrichtet. Am meisten überzeugte die Fachkollegen Iserlohs Nachweis, dass Luther selbst, auf sein früheres Leben zurückblickend, nie einen Thesenanschlag erwähnt, auch nicht in Zusammenhängen, wo wir das zwingend erwarten würden. Eine andere Überlegung dürfte noch schwerer wiegen: Luther wandte sich am besagten 31. Oktober an seine kirchlichen Vorgesetzten, um sie auf gewisse Missstände bei der zeitgenössischen Ablasswerbung hinzuweisen – wohl an seinen Bischof, sicher (denn das Schreiben ist erhalten) an den für diesen Kirchensprengel zuständigen Erzbischof. Sollte er tatsächlich so kühn gewesen sein, am selben Tag und ohne die Antworten abzuwarten an die Öffentlichkeit zu treten? Die Historiker, auch fast alle damals maßgeblichen Kirchenhistoriker, waren sich alsbald einig: Die berühmten Hammerschläge vom 31. Oktober haben nicht stattgefunden – ein Fall früher Legendenbildung.

Hat der Thesenanschlag doch stattgefunden? Überwogen im späteren 20., im anhebenden 21. Jahrhundert in Fachkreisen die Bedenken, ohne dass man noch viel Aufhebens darum gemacht hätte, gab es im Februar 2007 Neues zu berichten. Da wurde nämlich der Kirchenhistoriker Martin Treu in Jena, in der Thüringischen Universitäts- und Landesbibliothek, auf die Notiz eines gewissen Georg Rörer aufmerksam. Der hielt in einem Druck von Luthers Übersetzung des Neuen Testaments etwas auf Latein fest, das man so deutsch wiedergeben kann: "Im Jahr 1517, am Tag vor dem Allerheiligenfest, sind in Wittenberg an den Türen der Kirchen die Thesen über den Ablass von Doktor Martin Luther vorgestellt worden." Die Bibel befand sich seit 1540 oder 1541 in Rörers Besitz, er könnte die Notiz also Jahre vor Melanchthons Behauptung niedergeschrieben haben. Um zu verstehen, warum das, jedenfalls in überregionalen Tageszeitungen und ihren Leserbriefspalten, einigen Wirbel ausgelöst hat, muss man wissen, wer Georg Rörer war. Salopp (und für Germanisten) formuliert, war er Luthers Eckermann – enger Vertrauter, Mitbewohner seines Hauses, Privatsekretär (wie wir heute sagen würden). Er wird sein ganzes Leben der Edition der Werke Luthers widmen.

Aber er war kein Augenzeuge, auch er nicht. Rörer studierte 1517 noch in Leipzig, kam erst 1522 nach Wittenberg. Wahrscheinlich zitiert seine Notiz die Wittenberger Universitätsstatuten. Die schrieben vor, dass Thesen, die zu einer akademischen Disputation anregen wollten, vom Pedellen (sozusagen dem Universitätshausmeister) "in valvis ecclesiarum" auszuhängen seien: an den Türen (das mit einem altertümlichen, seltenen, aber von Rörer wie von den Statuten verwendeten Wort hierfür gesagt) der Kirchen der Stadt. Rörers Notiz beruht nicht auf individueller Erinnerung, das sowieso nicht, sondern vermutlich auf seiner Kenntnis der Statuten – er bearbeitete die Thesen für Luthers Nachlass, identifizierte sie als Disputationsthesen und ging deshalb davon aus, dass sie, wie das eben für solche Thesen üblich und vorgeschrieben war, an den Türen der Wittenberger Kirchen bekannt gemacht worden seien. Dass Luther selbst (anstatt eines Hausmeisters) mit den Schriftrollen unter dem Arm Wittenbergs Straßen durcheilt habe, behauptet seine Notiz nicht zwingend, sie kann, muss aber keinesfalls so übersetzt werden.

Bei Melanchthon finden wir, übrigens deutlich wortreicher, eine griffige Geschichte, er spitzte zu, konkretisierte: indem er die Tür der einen, besonders wichtigen, eben der Schlosskirche fokussierte; der Kirchenhistoriker Volker Leppin charakterisiert als "anekdotische Verdichtung". Und weil nun die große Autorität der Wittenberger nach Luthers Tod so zugespitzt hatte, sprach auch Rörer später nur noch von dieser einen Türe, von der Schlosskirche. Vermutlich ist die Notiz Rörers älter als die Behauptung von Melanchthon, aber das ändert die Beweislage nicht.

Es bleibt dabei: sehr wahrscheinlich Legendenbildung – nur von einer posthumen Legendenbildung darf man wohl nicht mehr sprechen, wahrscheinlich stammt Rörers Notiz ja, ohne dass wir sie genau datieren könnten, aus Luthers letzten Lebensjahren (Luther wird 1546 sterben). Ist überhaupt so wichtig, ob dem ungemein wirkkräftigen Mythos historische Faktizität innewohnt? Vielleicht nicht gar so sehr. Lieux de mémoire ("Erinnerungsorte"), also gemeinsam erinnerte vermeintliche Schlüsselereignisse können einer Großgruppe Zusammenhalt spenden, sind ohne Rücksicht auf ihre Authentizität wirksam. Freilich, wenn der laute Pauken- bzw. Hammerschlag gar nicht stattgefunden, sich Luther zunächst lediglich an die zuständigen kirchlichen Oberen gewandt hat, dann zeigt das, was uns Untersuchungen der letzten Jahrzehnte ohnehin immer deutlicher vor Augen geführt haben: dass Luther, um es mit Stefan Skalweit zu sagen, "der alten Kirche entwachsen ist, ohne es zu wissen und zu wollen".

Plausibel ist diese Ereignisfolge: Luther wendet sich an Bischof und Erzbischof, als beide nicht reagieren und einige Wochen danach, macht er seine Thesen brieflich bekannt, er legt sie Schreiben an Fachkollegen bei. Sie machen auch ohne Hammerschläge rasch Furore, werden in der Humanisten-Szene berühmt. Die humanistischen "sodalitates", in regem Briefverkehr untereinander stehend, haben die Thesen überall in der gelehrten Welt bekannt gemacht, sie wurden auch, ohne Wissen Luthers, an mehreren Orten des Reiches in die Druckerei getragen. Die Humanisten sahen vermeintliche Gemeinsamkeiten: Kirchenkritik, Abneigung gegen die Scholastik wie gegen exaltierte Züge der Volksfrömmigkeit. Es war ein Missverständnis – "bei Erasmus haben die menschlichen Dinge mehr Geltung als die göttlichen", so einfach, aber auch schlagend wird sich Luther einmal vom Humanismus abgrenzen. Ein Missverständnis im Grunde – aber ein folgenreiches: denn seinetwegen werden Luthers Thesen rasch bekannt.

9. Schlaglicht 1521: Luther und Karl V. in Worms 

Flugschriften, der Zuspruch der Studenten, die nach Wittenberg strömen, und die anfängliche Begeisterung der Humanisten für Luthers Sache: sie machen seine Anliegen zum Politikum. Die Kurie ist der Ansicht, dass das Reich einschreiten müsse, und wird auch selbst aktiv. Sie eröffnet in Rom ein Verfahren, im Januar 1521 wird Luther durch eine päpstliche Bulle exkommuniziert. Im März 1521 wird er zum Reichstag nach Worms geladen.

Seine Ablasskritik hat Martin Luther zu einem bekannten Mann gemacht; im Zentrum dessen, was heutige Gläubige für "typisch lutherisch" halten, steht sie indes nicht. Aber dass da in Wittenberg Grundlagen für eine neue Theologie gelegt werden, spricht sich erst in den Folgejahren herum; einige der wichtigsten Schriften Luthers, darunter die heute wohl bekannteste "von der Freiheit eines Christenmenschen", erscheinen 1520.

Luther und seine Mitstreiter multiplizierten ihre Ansichten nicht nur in gelehrten, zumeist lateinischen Traktaten, sondern auch in massenhaft verlegten "Flugschriften". Damit begann sich der Buchdruck geistesgeschichtlich und politisch auszuwirken. Der technologische Durchbruch war schon in den 1450-er Jahren erfolgt, als Johannes Gutenberg, der in seiner Zeit überhaupt nicht prominente "Erfinder des Buchdrucks", ein neues Textverarbeitungssystem entwickelt hatte, dessen Produktionsgeschwindigkeit der Handschrift weit überlegen war; seit Generationen standen in vielen großen Städten des Reiches Druckpressen. Aber die neue Technik war sich lang selbst genug gewesen. Man stellte mit ihrer Hilfe, gewiss rascher, Bücher her, die man eben bis dahin mühsam handschriftlich verfertigt hatte, Prachtbibeln beispielsweise, und bediente weiterhin ziemlich kleine Zielgruppen: Es war eine "Spitzentechnologie mit beschränktem Bedarf" (Johannes Burkhardt). Sie war überhaupt nicht massenwirksam. Das wird erst ein echtes Medienereignis ändern: die deutsche Reformation, mit ihrem medial zum Helden stilisierten Erfolgsautor Martin Luther. In ihrer Zeit entpuppte sich die Innovation des Johannes Gutenberg nicht als epochal, aber die Fernwirkungen waren beachtlich.

Um die Blickrichtung zu ändern: Der Erfolg der Reformation wäre ohne den Buchdruck schwerlich denkbar – zu den vielen Voraussetzungen für die beispiellose Resonanz Luthers (wie der überbordenden Frömmigkeit der Zeit; oder dem Führungsvakuum im Reich, weil der Kaiser, Karl V., der Herr eines "Weltreichs, in dem die Sonne nie unterging", selten dort weilte) gehört auch das: Die Sache eines Wyclif, eines Hus war eben nicht durch bewegliche Lettern multipliziert worden. Die Zahl deutschsprachiger Druckwerke vermehrfachte sich binnen weniger Jahre, und fast alle nahmen sie zu Luther Stellung, Contra oder vor allem Pro. Mehrere Millionen Bücher und Broschüren brachten Luthers Lehren unter das Volk. Das gedruckte Buch wurde darüber vom Luxus- zum Massenartikel. Die Forschung nennt solche populären Formate, wie gesagt, "Flugschriften": Heftchen oder Büchlein, oft nur eine Handvoll Seiten, einfach gedruckt, spottbillig, trotzdem gewinnbringend. Man will populär sein, die Massen erreichen, bei den feiner gestrickten Exemplaren würden wir heute von journalistischer Schreibe sprechen, die gröber gestrickten waren einfach nur Pamphlete. Sie befriedigten den Massenbedarf an einfachen Informationen über die Reformation, suchten rasch auf gerade aktuelle Streitfragen, den momentanen Bedarf des Publikums zu reagieren, erschienen meist anonym. Der Stil ist nicht zimperlich.

Der erfolgreichste Verfasser reformatorischer Flugschriften war Luther selbst; und übrigens war auch Luther keinesfalls zimperlich. Der Papst war ihm mildestenfalls der "Antichrist" (eine negative, das nahe Weltende bezeugende Figur der Johannes-Apokalypse), aber auch, beispielsweise, "des Teufels Sau". Um nur noch zu zitieren, was Luther zum Humanistenfürsten Erasmus von Rotterdam und zum eidgenössischen Reformator Zwingli zu sagen wusste: "Ich hab ser vil nuss aufgebissen, die lochert warden ... Zinglius, Erasmus sind eitel locherte nuß, die eim ins maul scheissen." Es ließen sich Hunderte vergleichbare (sich gern der Fäkalsprache bedienende) Grobianismen anführen, in Luthers Flugschriften und anderen seiner Verlautbarungen. Der Breitenwirkung hat es nicht geschadet.

Flugschrift Wider das Bapstum zu Rom vom Teuffel gestifft, Luthers radikale Kampfschrift gegen den Papst, mit Holzschnitten v. L. Cranach d.Ä.

Flugschrift "Wider das Bapstum zu Rom vom Teuffel gestifft", Luthers radikale Kampfschrift gegen den Papst, mit Holzschnitten v. L. Cranach d.Ä. (© picture-alliance/akg)

Also, um 1520 beginnt schon die Flugschriftenflut anzuschwellen. Ferner machen der Zuspruch der Studenten, die nach Wittenberg strömen, und die anfängliche Begeisterung der Humanisten für Luthers Sache seine Anliegen zum Politikum. Die Kurie ist der Ansicht, dass das Reich einschreiten müsse, und wird auch selbst aktiv. Sie eröffnet in Rom ein Verfahren, im Januar 1521 wird Luther durch eine päpstliche Bulle exkommuniziert. Es gab mittelalterliche Präzedenzfälle, wonach dem Kirchenbann die Reichsacht auf dem Fuße zu folgen habe. Was bedeutete das: geächtet zu sein? Wer der Acht verfiel, schied damit aus der Rechtsgemeinschaft des Reiches aus, er war nicht mehr geschäftsfähig, jeder konnte sich an ihm und seinem (seitherigen) Besitz straflos vergreifen. Es war eine so gravierende Strafe, dass die Wahlkapitulation, die Karl V. unterzeichnen musste, um Kaiser werden zu können, eine eigene Bestimmung zum Achtverfahren enthielt: Niemand dürfe "unverhort", also ohne rechtliches Gehör, geächtet werden. Luther ist also anzuhören.

Deshalb wird er 1521 zum Reichstag geladen, nach Worms – hierfür sind nicht so sehr (wie immer wieder behauptet wird) diffuse Ängste vor der "Volksstimmung" maßgeblich. Die Anhörung Luthers ist reichsrechtlich geboten. Sie findet am Rande des Reichstags statt, in der Unterkunft des Kaisers. Dort also treffen, im April 1521, Luther und Karl V. zum ersten und einzigen Mal persönlich aufeinander. Es wird, modern gesagt, ein kommunikatives Desaster.

Eigentlich lediglich gefragt, ob er bei dem bleibe, was er in seinen (vor ihm aufgestapelten) Büchern behaupte, oder ob er etwas davon widerrufen wolle, hält Luther eine lange Rede. Am Schluss seines Vortrags spricht er jene Worte, die auch Worms zum "Erinnerungsort" aller Lutheraner bis heute machen werden. Um es in modernem Deutsch zu sagen: "Wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse", also Bibelstellen (Schriftprinzip!), "oder offenkundige rationale Gründe widerlegt werde – denn allein dem Papst oder den Konzilien glaube ich nicht, da feststeht, dass sie häufig geirrt und sich auch selbst widersprochen haben –, so bin ich durch die von mir angeführten Schriftworte gebunden. Und solang mein Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will ich nicht widerrufen, weil gegen das Gewissen zu handeln beschwerlich, 'unheilsam' [also fürs Seelenheil bedrohlich] und gefährlich ist. Gott helfe mir! Amen." Mit der doppelten Berufung auf das "Gewissen" des gläubigen Individuums nimmt diese Schlusspassage von Luthers Vortrag geradezu prototypisch den spezifisch lutherischen Diskurs der Reformationszeit und des Konfessionellen Zeitalters vorweg. "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" (um auch das modern zu sagen und in der Version, die in die Memoria aller Lutheraner eingegangen ist) – diese noch berühmtere Fortsetzung ist nicht authentisch. Die Lektoren einer Druckerei schmückten den ihnen zugespielten Mitschrieb der Rede am Schluss wie folgt aus: "Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir, Amen". Luther hat von dieser Ergänzung sehr wahrscheinlich nichts gewusst. "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" – damit verhält es sich wie mit dem Thesenanschlag: frühe Legendenbildung. Aber der Satz ist gut erfunden, fasst Luthers Ausführungen trefflich zusammen.

Für Karl war die Sache mit Luthers Verweigerung entschieden. Die Antwort, die er am 19. April verlesen ließ, beschwört die Tradition der kirchenfrommen Dynastie und die kaiserlichen Amtspflichten, auch von "Ehre" und "Schande" ist die Rede. Karl interpretiert sein Kaisertum – hier und ein Leben lang – noch ganz mittelalterlich, er ist der oberste Schirmherr des christlichen Abendlandes, gegen Ketzerei vorzugehen, gehört für ihn zu seinen vornehmsten Amtspflichten. Daneben immer wieder: das Erbe, die Vorfahren. "Aus diesem Grund bin ich fest entschlossen, alles aufrechtzuerhalten, was ... meine genannten Vorgänger verordnet haben sowohl auf dem Konstanzer Konzil" (eine maliziöse Anspielung!) "als auf anderen: denn es ist sicher, dass ein einzelner Bruder irrt, wenn er gegen die Meinung der ganzen Christenheit steht, da sonst die ganze Christenheit tausend Jahre und mehr geirrt haben müsste." Wahrheit als Rechenexempel: Welche Ansicht hat eine altehrwürdige Tradition und wie viele Anhänger? Regungen eines individuellen "Gewissens" sind da nicht vorgesehen.

Das Wormser Edikt spricht tatsächlich die Reichsacht über Luther aus, ordnet die Verbrennung seiner Bücher an. Damit hängt nun, und zwar bis zum Religionsfrieden, bis 1555, ein Damoklesschwert über der neuen Bewegung. Zwei Generationen evangelischer Christen können sich nie wirklich beruhigt zurücklehnen, müssen sich vor repressiven Maßnahmen des Reiches ängstigen.

Trotzdem breiten sich die neuen theologischen Anschauungen, die neuen Frömmigkeitsformen rasch im Reich aus. Zunächst schreiten die großen Städte voran, dort lebt das alphabetisierte Bürgertum. Die ersten Magistrate erklären die neuen Lehren in aller Form, per Stadtratsbeschluss, für innerhalb der Stadtmauern verbindlich. Die frühesten lutherischen Landeskirchen sind eigentlich Stadtkirchen. Doch ziehen dann auch erste Flächenterritorien nach: Fürsten und Grafen, die sich Luther zuwenden und dann sukzessive ihre Länder der neuen Lehre zuführen. Die Reformation wird in Mitteleuropa von Anfang an territorienweise eingeführt. In kleinparzellierten Teilen des Reiches war also fortan auch die Konfessionslandkarte kleinteilig.

10. Schlaglicht 1526: Impuls fürs landesherrliche Kirchenregiment

Schon im Reichsabschied von 1526 zeichnet sich ab, was sich als Grundprinzip der deutschen Reformation im Religionsfrieden von 1555 durchsetzen wird: Die Landesherren entscheiden über den Glauben auch ihrer Untertanen.

Im Jahr 1997 berichtete eine fränkische Tageszeitung über das bei Wolframs-Eschenbach liegende 60-Seelen-Dörfchen Adelmannsdorf, das ein Bach durchschneidet: "Die Häuser davor sind ausnahmslos katholisch, die dahinter evangelisch ... Ein Kind springt leicht über diesen Bach – für Hochzeiter ist er nach Jahrhunderten noch zu breit." Noch nie habe "jemand aus der einen Hälfte des Dorfes in die andere geheiratet".

Martin Luther als Augustinermönch, Gemälde um 1522/24 von Lucas Cranach d.Ä. (1472-1553).

Martin Luther als Augustinermönch, Gemälde um 1522/24 von Lucas Cranach d.Ä. (1472-1553). (© picture-alliance/akg)

Der Zeitungsartikel illustriert nicht nur, dass Glaube und Konfession in der vermeintlich säkularisierten Moderne durchaus noch eine gewisse Rolle spielen können. Hier ist für uns etwas anderes wichtiger: Warum leben denn auf der einen Seite des Dorfbachs Protestanten, auf der anderen Katholiken? Es liegt nicht an magischen Wirkkräften des dahinrinnenden Wassers, sind vielmehr Spätfolgen der vormodernen Herrschaftstopographie: Der einen Dorfhälfte prägte einst der Deutsche Orden den Glauben auf, für die andere war die (evangelische) Markgrafschaft Brandenburg-Ansbach maßgeblich.

Wie aber kam nun die Entscheidung über die Konfession eines Territoriums in die Hände der regionalen Obrigkeiten? Definitiv mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555. Der segnete freilich nur eine ältere Entwicklung ab. Sie beginnt so recht mit dem Speyerer Reichsabschied von 1526. Oder, genau besehen, schon 1523 mit Luthers Schrift "Von welltlicher Uberkeytt [Obrigkeit], wie weyt man yhr gehorsam schuldig sey".

Was erzwang denn in Luthers Augen eine Stellungnahme zum Kompetenzbereich der weltlichen Obrigkeit? Zunächst, bevor sich die Aufständischen des Bauernkriegs auf den Reformator berufen werden, die Situation andersgläubiger Minderheiten. In den frühen Zwanzigerjahren waren Luthers Anhänger ja vielfach noch Minoritäten, vor allem aber: Die Landesherren waren altgläubig, also, für einen Lutheraner, irrgläubig, keine wahren Christen. Musste, durfte man so jemandem überhaupt gehorchen, und bis zu welchen Grenzen? Luther argumentierte, natürlich, streng biblisch, zum Beispiel mit dem Diktum: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist". Was aber ist des Kaisers, also: steht der weltlichen Obrigkeit zu? Luther ruft seinen Anhängern zu: fast alles – ihr müsst immer und in jedem Fall gehorchen. Außer in einem einzigen: wenn ihr zum Irrglauben gezwungen werden sollt. Auch dann freilich sei keine aktive Widersetzlichkeit erlaubt.

Der wahre Christ lebt für Luther in zwei Reichen oder, wie er öfters formulierte, unter zwei Regimenten. Das eine ist geistlich, das andere weltlich; letzteres ist dafür zuständig, das zu gewährleisten, was wir heute Ruhe und Ordnung nennen würden. Wären alle Menschen wahre Christen, die nur und immer nach der Richtschnur des Evangeliums lebten, bräuchte man das weltliche Schwert nicht. Aber in diesem Sinne wahre Christen waren für Luther doch nur wenige. Also musste das weltliche Schwert schalten und walten können. Walten über alle: der wahre Christ durfte sich nicht dispensieren, er lebte nicht nur und stattdessen in seiner geistlichen Welt, sondern zusätzlich. Den Glauben ließ er sich von der weltlichen Obrigkeit nicht vorschreiben. Alle anderen Dinge aber schon.

Für uns Heutige ist zweierlei an Luthers Auffassung bemerkenswert: wie viel er dem weltlichen Regiment zubilligte – nämlich alles außer dem einen, einzigen, was für ihn wirklich zählte; und wie strikt er zwischen den beiden Reichen schied. Die Maßgaben des geistlichen Regiments, geschaffen für die wahrhaft Gläubigen, taugen nicht für das weltliche, wo man immer mit allerlei Bösewichten zu tun hat. Das aber heißt auch: Luther verneint, dass die Bibel konkrete Handreichungen, gewissermaßen Rezepte für die Gestaltung der sozialen, ökonomischen, politischen Wirklichkeit biete. Luther hielt diese (mit unterschiedlichen Konsequenzen von Calvin wie insbesondere von Müntzer vertretene) Annahme für kurzschlüssig. Der irdische Bereich ist nicht völlig autonom, eigengesetzlich, aber er kennt doch ihm eigene – ja, heute würden wir wohl sagen: "Sachzwänge". Diese sind für den Christen klaglos zu akzeptieren. Systemtheoretiker unter den Soziologen würden urteilen, bei Luther seien Theologie und Politik bereits als verschiedene, ihrer spezifischen Eigengesetzlichkeit folgende Lebensbereiche "ausdifferenziert". Neben dem Reich Gottes existiert das der Welt, und die Welt kann nicht mit dem Evangelium regiert werden, in ihr schaltet und waltet die weltliche Obrigkeit, sie gewährleistet Ordnung und Ruhe und hat deshalb Anspruch auf Gehorsam. Der Christ ist verpflichtet, seiner weltlichen Obrigkeit zu folgen – denn jene ist von Gott eingesetzt, und weil sie das ist, ist Aufruhr unchristlich.

Die "Zwei-Reiche-Lehre" wurde für Vieles strapaziert, so zog die alliierte "Reeducation" nach 1945 eine Linie "von Luther über Bismarck bis Hitler". Begünstigten Luthers Auffassungen "von weltlicher Obrigkeit" Untertanengeist, etwa im evangelisch dominierten Kaiserreich seit 1871, erschwerten sie evangelischen Widerstand in der Zeit des Nationalsozialismus? Solche Großthesen lassen sich schwerlich beweisen und nicht widerlegen. (Übrigens wurden von theologischer Seite auch schon andere Linien ausgezogen: "Nachdem die Protestanten die kirchliche Institution theologisch abgewertet hatten, neigten sie zu einer religiös-moralischen Überlegitimierung des Politischen. Entklerikalisierung setzte Energien zur religiösen Aufladung des Politischen frei." Das erkläre, so Friedrich Wilhelm Graf, die "Offenheit vieler Protestanten gegenüber dem modernen Nationalismus ... sowie den totalitären Vergemeinschaftungsutopien des 20. Jh.") Es liegt näher, beim Nachdenken über etwaige Auswirkungen von Luthers Obrigkeitskonzept zeitlich weniger weit auszugreifen: Europas Konfessionskriege werden vor allem Auseinandersetzungen zwischen katholischen Obrigkeiten und Calvinisten sein, die "Aktivisten" des Widerstands im Konfessionellen Zeitalter sind in den seltensten Fällen Lutheraner.

Wir kehren in die 1520er Jahre zurück! Im sog. "Bauernkrieg" von 1524/25, Deutschlands einzigem überregionalem Revolutionsversuch bis 1848 (und Europas größter sozialer Bewegung bis zur Französischen Revolution), meinten die Aufständischen, sich auf Luther, die von ihm proklamierte "Freiheit eines Christenmenschen" berufen zu können. Bald waren weite Teile Süddeutschlands (außer Bayern), Thüringens, dann auch Tirols in Aufruhr. In der wichtigsten Programmschrift der Bauern, den Zwölf Artikeln, finden wir viel anscheinend Lutherisches: das "allein aus dem Glauben", das "allein durch Gottes Gnade", die Aufforderung, man möge die Aufständischen aus der Bibel (Schriftprinzip!) widerlegen. Luther fand das schockierend, es hat ihn geradezu traumatisiert, und wir wissen ja schon, warum dem so sein musste: Seines Erachtens hatte man der Obrigkeit, auch einer schlechten Obrigkeit, immer und überall zu gehorchen. Luther stellte sich ganz entschieden gegen das bäuerliche Aufbegehren: "Steche, schlahe, würge hie, wer da kann, bleybstu drüber tot, wol dyr, seliglichern tod kanstu nymer mehr uberkomen". Die Obrigkeit schlug denn auch (nicht zuvörderst Luthers wegen) mit großer Härte zurück, über zwanzigtausend Bauern sind gestorben: Trauma gewiss auch, und das für Generationen, auf dem Land!

In den einzelnen Gemeinden lokalisierte Luther seit dem Bauernkrieg nur noch Unruhe und potenziellen Aufruhr. Die Reformation musste unter strikter obrigkeitlicher Kontrolle eingeführt werden. Luther setzte seit dem Bauernkrieg ganz entschieden auf die Obrigkeit.

Reformation von oben herab: das hätte auch in den Händen der Bischöfe funktionieren können. Weil die Bischöfe indes nahezu alle katholisch blieben, erklärten sich die evangelisch werdenden weltlichen Fürsten mit Billigung Luthers zu "Notbischöfen", sie waren nun die Chefs ihrer jeweiligen Landeskirche: Das "landesherrliche Kirchenregiment" etablierte sich. Es bleibt Mitteleuropa im evangelischen Bereich bis 1918 erhalten – erst seit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Ausrufung der Weimarer Republik wird der Terminus unbrauchbar, weil dem landesherrlichen Kirchenregiment die Landesherren abhanden kommen.

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Bauernkrieg und Reformation. (© Cornelsen)

Fürs landesherrliche Kirchenregiment sind Luthers Erfahrungen im Bauernkrieg wichtig. Und wichtig ist eine reichsrechtliche Weichenstellung von 1526, am Reichstag zu Speyer. Die altgläubigen Stände sind nur spärlich erschienen, der Vertreter des Kaisers, sein Bruder Ferdinand, ist eigentlich mit dem expansiven Osmanischen Reich beschäftigt und kann keine zweite Front im Rücken brauchen. Deshalb erklärt der Reichsabschied von 1526, jede Obrigkeit habe vorerst mit ihren "underthanen ... in sachen, so das edict" von Worms "belangen mochten, ... also zu leben, zu regiren und zu halten, wie ein yeder sol[c]hs gegen Got und ksl. Mt.", also den Kaiser, "hofft und vertrauet zu verantwurten". Wir haben embryonal vor uns, was der Augsburger Religionsfrieden 1555 als Grundprinzip der deutschen Reformation besiegeln wird: Die Landesherren entscheiden über den Glauben auch ihrer Untertanen. Die Reformation wird in Mitteleuropa territorienweise eingeführt (oder bekämpft).

Eine so grundsätzliche Weichenstellung hatte man 1526 gar nicht treffen wollen. Die zitierte Passage zielte ja 'lediglich' auf den Umgang mit jenem Wormser Edikt, das 1521 Martin Luther in die Reichsacht erklärt, die Lektüre und Verbreitung seiner Schriften untersagt, ihre Verbrennung angeordnet hatte, und war als Provisorium bis zu einem in Kürze erwarteten Konzil gedacht. Zu ihm kam es dann aber nicht rasch, damit gewann die reformatorische Bewegung drei wichtige Jahre. Danach war der Geist nicht mehr in die Flasche zurückzubannen. Der Reichsabschied von 1526 hat zum ersten Mal, wenn auch vorübergehend, die reichsrechtliche Grundlage für eine den Anliegen Luthers gewogene Politik in den Reichsterritorien gelegt.

11. Schlaglicht 1529: die ''Protestation''

Protestiert wurde an Reichstagen häufig und gegen alles Mögliche. Die Reichstagsarbeit stand in einem Spannungsverhältnis zwischen dem Majoritätsprinzip und der Auffassung, Angelegenheiten, die alle Reichsstände beträfen, seien tunlichst auch von allen zu billigen. Die "protestacion" vom 20. April 1529 war dennoch etwas ganz besonderes.

Waren die guten Jahre der Reformation 1529 schon wieder vorbei? Am Reichstag dieses Jahres, erneut in Speyer, gaben sich die Katholiken kämpferisch. Den mehrheitlich, gegen die Anhänger Luthers, beschlossenen Reichsabschied kann man so zusammenfassen: Expansionsstop für die neue Bewegung und ihre innere Aushöhlung – wer sich bislang ans Wormser Edikt gehalten habe, müsse es weiterhin tun; bei den "andern Ständen" sei "alle weitere Neuerung biß zu künftigem Concilio" zu "verhüten"; auch in bereits evangelischen Gebieten müsse es möglich sein, die katholische Messe zu besuchen. Hiergegen verwahrten sich mit der Sache Luthers sympathisierende Reichsstände durch eine ausführliche "protestacion", die am 20. April dem Vertreter des Kaisers am Reichstag, Karls Bruder Ferdinand, überreicht wurde.

Einer der Protestanten von 1529: Johann der Beständige, Kurfürst von Sachsen (1525-32); Porträt mit Lobgedicht.

Einer der "Protestanten" von 1529: Johann der Beständige, Kurfürst von Sachsen (1525-32); Porträt mit Lobgedicht. (© picture-alliance/akg)

Protestiert wurde an Reichstagen häufig und gegen alles Mögliche. Die Reichstagsarbeit stand in einem Spannungsverhältnis zwischen dem Majoritätsprinzip und der Auffassung, Angelegenheiten, die alle Reichsstände beträfen, seien tunlichst auch von allen zu billigen. Mit seiner "protestatio" (verdeutscht hat man das lateinische Wort meistens als "Protestation") dokumentierte ein Reichsstand, dass er einen Mehrheitsbeschluss nicht mitgetragen habe und dessen Verbindlichkeit für sich selbst bestreite. Manchmal beharrte beispielsweise dieser Reichsgraf oder jene Reichsstadt darauf, eine mehrheitlich bewilligte Reichssteuer eben trotz des Abstimmungsergebnisses nicht voll aufbringen zu können; der Reichsfiskal versuchte in solchen Fällen anschließend auf dem Verhandlungsweg doch noch zum Ziel zu kommen, der Reichsabschied war in solchen Fällen insofern nicht automatisch bindende Gesetzeslage, sondern Verhandlungsbasis.

Was war dann 1529 'so besonders'? Die "protestacion" vom 20. April 1529 wurde von einer stattlichen Gruppe von Reichsständen getragen: einem Kurfürsten nämlich und vier Fürsten (Kursachsen, Hessen, Brandenburg-Ansbach, Braunschweig-Lüneburg, Anhalt); in den nächsten Tagen schlossen sich noch 14 Reichsstädte an. Und sie argumentierte anders als sonst bei "protestationes" üblich, viel grundsätzlicher. Die "Protestanten" von 1529 warfen das bis heute immer wieder virulente Problem des Verhältnisses von Mehrheit und Wahrheit auf. Sie erklärten, in "sachen", die "gottes ere und unser jedes selen haile und seligkeit angeen", nicht "dem merern", also der Majorität der Stimmen, "gehorchen" zu wollen. Denn es müsse "in den sachen gottes ere und unser selen haile und seligkeit belangend ain jeglicher fur sich selbs vor gott steen und rechenschaft geben ..., also das sich des orts keiner auf ander minders oder merers machen oder beschließen entschuldigen" könne. Das zuletzt angeführte Zitat kann man nicht konkret genug nehmen. Die meisten damaligen Menschen hatten keine spirituell sublimierten, hatten ganz handfeste Vorstellungen davon, wie es nach dem Tod weitergehe. Ehe man in den Himmel käme, würde man, um es mit unserem Text zu sagen, "vor gott steen und rechenschaft geben" müssen. Wahrscheinlich sahen sich die damaligen Menschen im Geiste vor einer Schranke stehen, dahinter saß Petrus mit gestrenger Miene unter seinem Rauschebart. Da konnte man sich dann, um unseren Text in saloppes modernes Deutsch zu übertragen, nicht wie folgt hinausreden: "Ja, dieser Reichsabschied war eine Riesensauerei – aber ich wurde eben leider überstimmt, da kann man nichts machen."

In für den Glauben relevanten Dingen muss sich die Minderheit nicht der Mehrheit beugen: Diese 1529 artikulierte Ansicht wird aus zwei Gründen folgenreich sein. Zum einen trägt sie den Anhängern der von Wittenberg ausgehenden Reformation den heute geläufigen Namen "Protestanten" ein. Was zunächst als polemisch gemeinte Fremdbezeichnung von altgläubiger Seite vorkam, werden die Evangelischen viel später, seit dem 18. Jahrhundert, zur Selbstdefinition (im Sinne einer Emanzipation von "Gewissenszwang") aufgreifen.

Sodann ist 1529 ein dauerhaft schwelender Brandsatz in die Reichstagsgeschichte geworfen worden. Der Reichstag war damals ja ein noch recht junges Reichsorgan, ohne schriftlich fixierte Geschäftsordnung. Das Prozedere verfestigte sich gerade, konsolidierte sich; dass Reichstagsbeschlüsse in jedem einzelnen Fall alle banden, stand noch keinesfalls unverbrüchlich fest, als es die "Protestation" von 1529 ganz grundsätzlich in Frage stellte. Warum ganz grundsätzlich? Haben die Protestanten ihren Einspruch nicht auf Glaubensdinge beschränkt? Ja, schon – aber was war damals nicht alles Glaubensangelegenheit! Glaubensfragen waren in der Reformationsepoche nicht irgendetwas Akzidentielles, auch nichts Privates, sondern höchst politisch und ganz und gar öffentlich. Welche brisante reichspolitische Frage hatte damals nicht mit dem Glauben zu tun? Das gilt natürlich erst recht fürs Konfessionelle Zeitalter! Die Reichstagsarbeit wird im Zeichen der grassierenden konfessionellen Konfrontation seit dem späten 16. Jahrhundert immer mühseliger werden, auch wegen des notorischen Problems der Bindekraft der katholischen "Maiora". So wird die "protestacion" von 1529 am Ende sogar dazu beitragen, dass der Reichsverbund unregierbar wird, nicht mehr steuerbar ist und eben deshalb in seinen dreißigjährigen Konfessionskrieg seit 1618 trudelt.

Der Westfälische Frieden wird 1648 daraus die Konsequenz ziehen, Reichstagsmaterien für nicht majorisierbar zu erklären, wenn sie eine Konfession als Glaubensfrage einschätze; in solchen Fällen mussten sich Katholische und Evangelische fortan gleichsam 'eins zu eins' einigen. Das sind bedeutende Fernwirkungen, die 1529 kein Mensch auch nur vorausahnen konnte.

12. Schlaglicht 1530: die ''Confessio Augustana''

Mit der "Confessio Augustana" (wegen des Reichstagsorts Augsburg so genannt) überreichten die Lutheraner dem Kaiser ein Papier, das ihre Bekenntnisgrundlage darlegte. Schon ein Jahr später gründeten die Anhänger Luthers den Schmalkaldischen Bund.

Auch das Jahr 1530 sah einen folgenreichen Reichstag. Karl V. war persönlich vor Ort, und er hatte im Vorfeld Gesprächsbereitschaft signalisiert. Die Lutheraner glaubten, dem Reichsoberhaupt sozusagen die Essentials ihrer Glaubensüberzeugungen darlegen zu müssen. Sie überreichten ein Papier, das, in konzilianten Formulierungen, ihre Bekenntnisgrundlagen darlegte: die (wegen des Reichstagsorts Augsburg so genannte) "Confessio Augustana". Die wir heute meistens "Evangelische" nennen oder aber "Lutheraner", haben sich selbst in der Reformationszeit nie so genannt, und seit 1530 wurde rasch die Selbstdefinition als "Anhänger der Confessio Augustana" üblich. Akten dieser Jahrzehnte und das ganze Konfessionelle Zeitalter hindurch pflegen als "AC-Verwandte" zu rubrizieren.

Die Confessio Augustana ist nicht nur wegen dieser Selbstdefinition – die der Religionsfrieden aufgreifen wird – wichtig. Wir nennen seit geraumer Zeit ein ganzes Jahrhundert (ungefähr 1550-1650) "Konfessionelles Zeitalter", weil es so sehr im Bann der Konfessionen stand, in ihm auch viele Confessiones formuliert wurden. Lateinisch "confessio" meint Bekenntnis, in diesem Fall dürfen wir mit "Glaubensbekenntnis" übersetzen. Der berühmte Prototyp wurde 1530 verfasst und überreicht. Das ist das welthistorisch Bedeutsame am Augsburger Reichstag.

Für die deutsche Geschichte war außerdem folgenreich, dass dieser Reichstag in schärfster Konfrontation endete, während der Beratungen waren schon Kriegsdrohungen laut geworden. Die Anhänger Luthers schlossen sich deshalb im Folgejahr zum (nach seinem Gründungsort so genannten) Schmalkaldischen Bund zusammen. Wir haben schon wieder einen Prototyp vor uns: das erste Konfessionsbündnis (also Bündnis zur Wahrung konfessioneller Besitzstände) der deutschen Geschichte.

13. Schlaglicht 1546: der erste deutsche Konfessionskrieg

Im Sommer 1546 schlug Karl V. mit Waffengewalt gegen die Schmalkaldener los. Dem militärischen Sieg folgte der "Geharnischte Reichstag" von 1547/48. Karl versuchte dort, seinen militärischen Triumph in Politik umzusetzen.

Ob Karl V. schon 1530 zeitweise darüber nachdachte, einer weiteren Ausbreitung lutherischer Anschauungen mit Waffengewalt entgegenzutreten, und seit wann er diesen Plan konsequent verfolgte, lässt sich den Akten nicht zweifelsfrei entnehmen. Im Sommer 1546 jedenfalls schlug er wohlvorbereitet, doch für die Schmalkaldener überraschend los.

Legitimiert hat Karl seinen Coup damit, dass er "ungehorsamb" ahnden müsse: Die Häupter des Schmalkaldischen Bundes, der Kurfürst von Sachsen und der Landgraf von Hessen, hätten sich gegen ihn "aufgelaint" und auch andere gegen ihn "aufgewigelt" (um aus der Achterklärung über die beiden zu zitieren). Es war für Karl nur vorteilhaft, wenn da nicht, gleichsam auf Augenhöhe, zwei Versionen von Wahrheit miteinander rangen, wenn er stattdessen als Reichsoberhaupt und ideelles Oberhaupt des christlichen Abendlandes gegen Landfriedensstörer zu Felde zog; sodann ermöglichte es nur diese Kriegslegitimation dem lutherischen Herzog Moritz von Sachsen, sich auf Karls Seite zu stellen. Die Hofburg wird auch den großen dreißigjährigen deutschen Konfessionskrieg seit 1618 nach außen hin stets gegen "Ungehorsame" und "Rebellen" führen, während der meisten Kriegsjahre erneut mit sächsischer Unterstützung. Soviel zur kaiserlichen Propaganda, der geschickt gewählten Kriegslegitimation! Die Motivation war, wie nach 1618, so schon 1546 eine andere. Intern bekundete Karl V., dass "disser handel allermeynst die christlichen religion ... belangen thedte", man gehe mit Waffengewalt gegen diejenigen vor, die die "althe religion dempfen wolten". Es handelt sich also um einen Konfessionskrieg: um einen Krieg, der im Sinnhorizont der Zeitgenossen zwischen verschiedenen Versionen von Christsein geführt wurde.

Von einem "Glaubenskrieg" (wie üblich) oder einem "Konfessionskrieg" (was präziser ist) zu sprechen, ist angemessen, wenn eine Auseinandersetzung nicht nur von den namenlosen Opfern als Ringen um Wahrheit empfunden wurde, wenn es ferner auch die maßgeblichen politischen Eliten, die Entscheidungsträger, als Ringen um das Seelenheil möglichst vieler "Schäfelein" und die materiellen Grundlagen hierfür ansahen, wenn es für sie um konfessionelle Besitzstände ging. Für eine ganze Reihe militärischer Auseinandersetzungen Alteuropas im 16. und 17. Jahrhundert treffen beide Voraussetzungen zu, sie wurden von den prominenten Entscheidungsträgern wie von den zahllosen Miterlebenden und Erleidenden als Kriege um die allein seligmachende Version von Christsein erfahren. Und der deutsche Prototyp hierfür war der Schmalkaldische Krieg.

Augsburger Interim von 1548 (Reichsgesetz zur Religionsfrage).

Augsburger Interim von 1548 (Reichsgesetz zur Religionsfrage). (© picture-alliance/akg)

Gewonnen hat ihn ohne Wenn und Aber Karl. Am "Geharnischten Reichstag" von 1547/48 versuchte er seinen militärischen Triumph in Politik umzusetzen. Er gedachte, den Frontverlauf auf den beiden zentralen Themenfeldern der frühneuzeitlichen Reichsgeschichte zu verändern: beim Widerstreit der Konfessionen nämlich und beim Widerstreit zwischen einem mehr zentralistischen und einem forciert föderalistischen Reichskonzept. Dem verfassungspolitischen Ziel sollte das Projekt eines "Kaiserlichen Bundes" (Volker Press) bzw. "Reichsbundes" (Horst Rabe) dienen; die bestehende Reichsverfassung sollte nicht abgeschafft, aber ausgehebelt werden, indem man dem Reich einen straff kaiserlich gelenkten Bund überstülpte. Der Plan zerschlug sich am hinhaltenden Widerstand der Reichsstände, der Karl schließlich zermürbte. Auch katholische Fürsten wollten keinen allzu starken katholischen Kaiser! Und auch katholische Fürsten erzürnte, wie Karl V. mit dem hessischen Landgrafen Philipp umging: Der hatte sich beim siegreichen Feldherrn im naiven Zutrauen auf vage Verheißungen zum reumütigen Fußfall eingefunden; kaum hatte er sich wieder von den kaiserlichen Zehen erhoben, ließ ihn Karl V. gefangen abführen. Deutschlands Fürsten sahen sich in ihrer "Ehre" gekränkt. Allenthalben drehte sich die Stimmung zu Ungunsten Karls.

Erreichte er wenigstens sein konfessionspolitisches Ziel? Der Kaiser ließ wortreich festhalten, welche Glaubensüberzeugungen und welche Gottesdienstformen bis auf Weiteres jedermann im Reich vorgeschrieben seien. Vorgeblich verbindend, war der Text doch in Lehre wie Liturgie sehr einseitig altgläubigen Vorstellungen verpflichtet (salopp gesagt: 'Katholizismus light'). Weil diese 'Lösung' als eine vorläufige gedacht war, bis das Konzil eine endgültige Bereinigung des religiösen Dissenses erwirke, sprachen schon die Zeitgenossen vom "Interim" (lat. interim = einstweilen). Ein Erfolg war es nicht. Die katholischen Reichsstände erklärten, sie gehörten sowieso der einzig wahren Kirche an und hätten den Krieg ja nicht verloren, das Interim betreffe sie nicht, binde nur die Protestanten, was Karl schließlich akzeptieren musste. Die Anhänger Luthers suchten sich dem Augsburger Interim zu entziehen, wo es ging; nur, wo es die Präsenz von Karls nicht sogleich abgedankten Truppen regelrecht erzwang, griff das Interim eine Zeitlang.

Kurz, der Versuch Karls, das Reich faktisch zu rekatholisieren, ist gescheitert. Es gibt wenige Exempel in der Geschichte, die von einer so misslungenen Ausnutzung militärischer Erfolge künden. Es war Karl nicht gegeben, seinen Schmalkaldischen Sieg in Politik umzugießen, und so verpuffte jener Triumph denn auch rasch. 1547 war die Peripetie, Höhe- und Wendepunkt; danach hat sich das Reich diesem Kaiser gleichsam entwunden. Und das war eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass es schließlich seinen Religionsfrieden fand.

Mitteleuropa 1547

Mitteleuropa 1547. (© Cornelsen)


14. Martin Luthers 95 Thesen 1517 (Quelle)

Kurzbeschreibung

Ob Martin Luther seine Thesen tatsächlich an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg, an dessen Universität er Theologieprofessor war, nagelte, ist nach wie vor umstritten. Fest steht jedoch, dass er einer gängigen akademischen Praxis folgte, indem er sich einer öffentlichen Debatte auf der Grundlage einer Reihe von Aussagen stellte. In jedem Fall wird dieser Moment gemeinhin als Geburtsstunde der protestantischen Reformation betrachtet. Luther verurteilte die Praktik des Verkaufs von Ablassbriefen, d.h. den Straferlass für sündhafte Handlungen gegen eine Gebühr. Seine Thesen stellen eine brilliante Kombination von theologischer Argumentation und polemischem Tonfall dar—eine Kombination, die sowohl seine Feder als auch die Druckerpresse weit verbreiten sollte und ihm damit ein beispielloses Maß an öffentlichem Einfluss verschaffte.

Quelle

Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Verlangen, sie ans Licht zu bringen, soll in Wittenberg über die folgenden Sätze disputiert werden, unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Paters Martinus Luther, dort Magister der freien Künste sowie der heiligen Theologie, dazu deren ordentlicher Professor. Daher bittet er die, die nicht anwesend sein und sich mündlich mit uns unterreden können, dies in Abwesenheit schriftlich zu tun. Im Namen unsers Herrn Jesus Christus, Amen.

1. Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: „Tut Buße“ usw. (Matth.4,17), hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.

2. Dies Wort kann nicht im Sinne der sakramentalen Buße verstanden werden (d. h. im Sinne der Beichte und Genugtuung, die durch das Amt der Priester vollzogen wird).

3. Dennoch meint es nicht allein die innere Buße; vielmehr ist die innere Buße nichts, wenn sie nicht nach außen vielerlei Abtötung des Fleisches bewirkt.

4. Deshalb bleibt die Strafe, so lange die Feindschaft gegen sich selbst bleibt (das ist die wahre innere Buße), d. h. bis zum Eintritt in das Himmelreich.

5. Der Papst will und kann keine anderen Strafen erlassen als die, die er nach seiner eigenen Entscheidung oder nach der des kanonischen Rechts auferlegt hat.

6. Der Papst kann Schuld nicht anders vergeben, als indem er verkündet und bestätigt, sie sei von Gott vergeben; vergeben kann er allerdings in ihm selbst vorbehaltenen Fällen, verachtete man ihn da, so bliebe die Schuld gewiß bestehen.

7. Überhaupt keinem vergibt Gott die Schuld, den er nicht zugleich dem Priester als seinem Stellvertreter ganz und gar gedemütigt unterwirft.

8. Die kanonischen Bußbestimmungen sind allein den Lebenden auferlegt; Sterbenden darf nichts von ihnen auferlegt werden.

9. Gutes erweist uns daher der heilige Geist durch den Papst, wenn dieser in seinen Dekreten jedesmal den Fall des Todes und äußerster Not ausnimmt.

10. Unwissend und schlecht handeln die Priester, die den Sterbenden kanonische Bußstrafen noch für das Fegefeuer aufsparen.

11. Das Unkraut von der Verwandlung kanonischer Bußstrafen in Bußstrafen des Fegefeuers ist offensichtlich gesät worden, als die Bischöfe schliefen (Matth.13, 25).

12. Einst wurden die kanonischen Bußen nicht nach, sondern vor der Absolution auferlegt, um die Aufrichtigkeit der Reue zu prüfen.

13. Die Sterbenden werden durch den Tod von allem frei; auch für die kanonischen Bestimmungen sind sie bereits tot und rechtsgültig von ihnen entbunden.

14. Die unvollkommene Frömmigkeit oder Liebe eines Sterbenden bringt notwendig große Furcht mit sich, und zwar um so größere, je geringer jene ist.

15. Diese Furcht und dieses Entsetzen genügen allein (um von anderem zu schweigen), um die Pein des Fegefeuers hervorzurufen, denn sie reichen dicht an die Schrecken der Verzweiflung.

16. Hölle, Fegefeuer und Himmel scheinen sich voneinander zu unterscheiden wie Verzweiflung, annähernde Verzweiflung und Sicherheit.

17. Es scheint notwendig, daß bei den Seelen im Fegefeuer gleicherweise das Entsetzen abnimmt und die Liebe wächst.

18. Und es scheint weder durch Vernunftgründe noch durch die Schrift bewiesen, daß sie sich außerhalb des Standes befinden, in dem sie Verdienste erwerben können oder in dem die Liebe wachsen kann.

19. Auch scheint es nicht oder wenigstens nicht für alle erwiesen, daß sie ihrer Seligkeit gewiß und sicher sind, wenn auch wir dessen völlig gewiß sind.

20. Mit dem „vollkommenen Nachlaß aller Strafen“ meint der Papst nicht einfach alle, sondern nur die, die er selbst auferlegt hat.

21. Deshalb irren alle Ablaßprediger, die sagen, durch den Ablaß des Papstes werde der Mensch frei von aller Strafe und selig.

22. Vielmehr erläßt er den Seelen im Fegefeuer keine einzige Strafe, die sie nach den kanonischen Bestimmungen in diesem Leben hätten abbüßen müssen.

23. Wenn irgendeinem der Nachlaß aller Strafen gewährt werden kann, dann kann er sicherlich nur den Vollkommensten, d. h. den allerwenigsten, gewährt werden.

24. Unvermeidlich wird deshalb der größte Teil des Volkes betrogen durch jenes in Bausch und Bogen gegebene, prahlerische Versprechen des Strafnachlasses.

25. Die gleiche Gewalt, die der Papst in bezug auf das Fegefeuer generell besitzt, besitzt jeder Bischof und jeder Seelsorger in seiner Diözese oder seiner Parochie im besonderen.

26. Sehr richtig handelt der Papst, wenn er den Seelen die Vergebung nicht aufgrund der Schlüsselgewalt (die ihm dafür gar nicht zusteht), sondern auf dem Wege der Fürbitte zukommen läßt.

27. Menschenlehre predigen die, die sagen: Wenn die Münze im Kasten klingt, fliegt die Seele sogleich aus dem Fegefeuer empor.

28. Sicher ist, daß, wenn die Münze im Kasten klingt, Gewinn und Habgier zunehmen können; die Fürbitte der Kirche aber steht allein im Ermessen Gottes.

29. Wer weiß überhaupt, ob alle Seelen aus dem Fegefeuer losgekauft werden wollen; bei St.Severin und Paschalis soll dies ja nicht der Fall gewesen sein.

30. Keiner kann der Aufrichtigkeit seiner Reue sicher sein, viel weniger dessen, daß er vollkommenen Nachlaß erlangt.

31. So selten wie ein aufrichtig Büßender ist einer, der in rechter Weise Ablaß kauft, d. h. äußerst selten.

32. Auf ewig verdammt wird sein samt seinen Lehrmeistern, wer seiner Seligkeit durch Ablaßbriefe sicher zu sein glaubt.

33. Außerordentlich hüten muß man sich vor denen, die sagen, der Ablaß des Papstes sei die jede Berechnung übersteigende Gabe Gottes, durch die der Mensch mit Gott versöhnt werde.

34. Denn die Ablaßgnaden betreffen lediglich die Strafen der sakramentalen Genugtuung, die von Menschen festgesetzt sind.

35. Unchristliches predigen die, die lehren, zum Loskauf von Seelen oder zum Erwerb von Beichtprivilegien sei überhaupt keine Reue nötig.

36. Jeder Christ, der wahre Reue empfindet, hat vollkommenen Nachlaß von Strafe und Schuld, auch ohne Ablaßbriefe.

37. Jeder wahre Christ, ob lebend oder tot, hat Anteil an allen Gütern Christi und der Kirche; Gott gewährt ihm dies auch ohne Ablaßbriefe.

38. Dennoch soll man den Nachlaß und die Anteilgabe durch den Papst keineswegs geringschätzen, weil sie (wie ich gesagt habe) die Verkündung der göttlichen Vergebung ist.

39. Äußerst schwierig ist es selbst für die gelehrtesten Theologen, zugleich die reiche Fülle der Ablässe wie die Aufrichtigkeit der Reue vor dem Volk zu preisen.

40. Aufrichtige Reue sucht und liebt die Strafen; die Fülle der Ablässe hingegen erläßt sie und verursacht Widerwillen gegen sie, zumindest bietet sie Anlaß dazu.

41. Mit Vorsicht ist der apostolische Ablaß zu predigen, damit das Volk nicht fälschlich meint, sie seien anderen Werken, nämlich guten Werken der Liebe, vorzuziehen.

42. Man muß die Christen lehren: Es ist nicht die Meinung des Papstes, daß der Kauf von Ablaß in irgendeiner Hinsicht den Werken der Barmherzigkeit gleichzustellen sei.

43. Man muß die Christen lehren: Dem Armen zu geben oder dem Bedürftigen zu leihen ist besser, als Ablaß zu kaufen.

44. Denn durch ein Werk der Liebe wächst die Liebe, und der Mensch wird besser; durch Ablaß hingegen wird er nicht besser, sondern nur freier von Strafe.

45. Man muß die Christen lehren: Wer einen Bedürftigen sieht und sich seiner nicht annimmt, sondern Ablaß kauft, erwirbt sich nicht den Ablaß des Papstes, sondern den Zorn Gottes.

46. Man muß die Christen lehren: Wenn sie nicht Geld im Überfluß haben, sind sie verpflichtet, das für ihr Hauswesen Notwendige zu behalten und keinesfalls für Ablaß zu vergeuden.

47. Man muß die Christen lehren: Der Kauf von Ablaß ist freigestellt, nicht geboten.

48. Man muß die Christen lehren: Der Papst braucht und wünscht bei der Gewährung von Ablaß in höherem Maße das andächtig für ihn gesprochene Gebet als die bequemen Einkünfte.

49. Man muß die Christen lehren: Der Ablaß des Papstes ist nützlich, wenn man nicht sein Vertrauen in ihn setzt; aber er ist äußerst schädlich, wenn man seinetwegen die Furcht Gottes fahren läßt.

50. Man muß die Christen lehren: Wenn der Papst wüßte, wie die Ablaßprediger das Geld eintreiben, ließe er lieber die Peterskirche zu Asche verfallen, als sie mit Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe aufzubauen.

51. Man muß die Christen lehren: Der Papst sei, wie es seine Pflicht ist, willens – und wenn er (notfalls) die Peterskirche verkaufen müßte –, von seinen Reichtümern denen abzugeben, denen jetzt in großer Zahl von den Ablaßpredigern das Geld abgelockt wird.

52. Vergeblich ist das Vertrauen, durch Ablaßbriefe selig zu werden, selbst wenn der Ablaßkommissar, ja der Papst selbst seine Seele dafür zum Pfand setzte.

53. Feinde Christi und des Papstes sind die, die anordnen, wegen der Ablaßpredigt habe das Wort Gottes in den übrigen Kirchen völlig zu verstummen.

54. Beleidigung widerfährt dem Wort Gottes, wenn in ein und derselben Predigt dem Ablaß die gleiche oder mehr Zeit eingeräumt wird als ihm selbst.

55. Die Meinung des Papstes muß unausweichlich die sein: Wenn man den Ablaß (der das Geringste ist) mit einer Glocke, einer Prozession und einem Gottesdienst feiert, so muß das Evangelium (das das Höchste ist) mit hundert Glocken, hundert Prozessionen, hundert Gottesdiensten gepredigt werden.

56. Die Schätze der Kirche, aus denen der Papst den Ablaß erteilt, sind dem Volke Christi weder genau genug bezeichnet noch bekannt.

57. Zeitliche Schätze sind es offensichtlich nicht, denn diese teilen viele Prediger nicht so freigebig aus, sondern häufen sie nur an.

58. Auch die Verdienste Christi und der Heiligen sind es nicht, denn diese bewirken jederzeit ohne den Papst Gnade für den inneren Menschen sowie Kreuz, Tod und Hölle für den äußeren Menschen.

59. Als Schätze der Kirche bezeichnete St. Laurentius die Armen der Kirche, aber er redete nach dem Sprachgebrauch seiner Zeit.

60. Mit voller Überlegung bezeichnen wir die Schlüssel der Kirche (die ihr durch das Verdienst Christi geschenkt sind) als jenen Schatz.

61. Klar ist allerdings, daß für den Nachlaß von Strafen und in ihm vorbehaltenen Fällen der Lossprechung die Gewalt des Papstes allein genügt.

62. Der wahre Schatz der Kirche ist das hochheilige Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.

63. Dieser ist aus gutem Grund äußerst verhaßt, weil er aus den Ersten Letzte macht (Matth.20,16).

64. Der Schatz des Ablasses hingegen ist aus gutem Grund äußerst beliebt, weil er aus den Letzten Erste macht.

65. Demnach sind die Schätze des Evangeliums die Netze, mit denen man einst reiche Menschen fischte.

66. Die Schätze des Ablasses hingegen sind die Netze, mit denen man heute die Reichtümer der Menschen fischt.

67. Der Ablaß, den die Prediger als höchste Gnaden ausschreien, kann in der Tat so angesehen werden, insofern er den Gewinn fördert.

68. Doch in Wahrheit ist er der allergeringste, gemessen an der Gnade Gottes und der Barmherzigkeit des Kreuzes.

69. Verpflichtet sind die Bischöfe und Seelsorger, die Kommissare des apostolischen Ablasses mit aller Ehrerbietung zuzulassen.

70. Aber noch mehr verpflichtet sind sie, alle Augen darauf hinzurichten und alle Ohren darauf hinzulenken, daß jene nicht statt des Auftrages des Papstes ihre eigenen Hirngespinste predigen.

71. Wer gegen die Wahrheit des apostolischen Ablasses spricht, der sei verdammt und verflucht.

72. Wer aber gegen die Willkür und Zügellosigkeit der Reden der Ablaßprediger einschreitet, der sei gesegnet.

73. Wie der Papst zu Recht den Bannstrahl gegen die schleudert, die allerlei Künste zur Schädigung des Ablaßhandels betreiben,

74. so will er noch viel mehr die mit dem Bannstrahl treffen, die unter dem Vorwand des Ablasses die Schädigung der heiligen Liebe und Wahrheit betreiben.

75. Zu meinen, der päpstliche Ablaß sei so wirksam, daß er einen Menschen auch dann absolvieren könnte, wenn der – um Unmögliches zu sagen – die Mutter Gottes vergewaltigt hätte, ist Irrsinn.

76. Wir setzen dagegen: Der päpstliche Ablaß kann nicht einmal die geringste der läßlichen Sünden tilgen, was die Schuld anbetrifft.

77. Daß man sagt, auch St. Petrus könnte, wenn er jetzt Papst wäre, keine größeren Gnaden austeilen, ist eine Lästerung gegen den heiligen Petrus und den Papst.

78. Wir setzen dagegen: Dieser und jeder Papst hat größere Gnaden, nämlich das Evangelium, charismatische Kräfte, die Gabe der Heilung usw., wie es 1.Kor. 12,28 heißt.

79. Die Behauptung, das hoch aufgerichtete Ablaßkreuz, versehen mit dem Wappen des Papstes, besitze die gleiche Kraft wie das Kreuz Christi, ist Gotteslästerung.

80. Rechenschaft werden die Bischöfe, Seelsorger und Theologen einst ablegen müssen, die es zulassen, daß dem Volk solche Reden feilgeboten werden.

81. Solch freche Ablaßpredigt macht es selbst gelehrten Männern nicht leicht, die dem Papst geschuldete Ehrerbietung gegen falsche Anklagen oder wenigstens gegen spitze Fragen der Laien zu verteidigen.

82. Zum Beispiel: Warum räumt der Papst das Fegefeuer nicht aus heiligster Liebe und um der höchsten Not der Seelen willen leer, also aus dem allertriftigsten Grunde, wenn er doch unzählige Seelen erlöst um des unseligen Geldes willen, das für den Bau der Peterskirche gegeben wird, also aus dem allerunwichtigsten Grunde?

83. Weiter: Warum werden die Totenmessen und die Jahrestage für die Verstorbenen beibehalten, und warum gibt er die dafür bestimmten Stiftungen nicht zurück bzw. erlaubt ihre Rücknahme, wenn es doch Unrecht ist, für bereits aus dem Fegefeuer Erlöste noch weiter zu beten?

84. Weiter: Was ist das für eine neue Barmherzigkeit Gottes und des Papstes, daß sie es dem Gottlosen und feindlich Gesinnten gestatten, für Geld eine fromme und von Gott geliebte Seele zu erlösen; daß sie diese fromme und geliebte Seele aber nicht um deren eigener Not willen aus frei geschenkter Liebe erlösen?

85. Weiter: Warum werden die kanonischen Bußbestimmungen, die der Sache nach und durch unterbliebenen Gebrauch schon längst an sich abgeschafft und tot sind, dennoch durch die Gewährung des Ablasses mit Geld abgelöst, als ob sie in lebendigster Geltung stünden?

86. Weiter: Warum baut der Papst, dessen Reichtum heute größer ist als der des reichsten Crassus, nicht wenigstens die eine Peterskirche lieber von seinem eigenen Geld als von dem der armen Gläubigen?

87. Weiter: Was erläßt der Papst denen oder woran gibt er denen Anteil, die durch vollkommene Reue Anrecht haben auf volle Vergebung und volle Teilhabe?

88. Weiter: Wäre es nicht das beste für die Kirche, wenn der Papst, wie er es einmal tut, hundertmal am Tage jedem Gläubigen Nachlaß und Anteilhabe gewährte?

89. Wenn es doch dem Papst beim Ablaß mehr um das Heil der Seelen als um das Geld zu tun ist, warum setzt er früher bewilligte Briefe und Ablässe außer Kraft, obwohl sie doch ebenso wirksam sind?

90. Diese höchst peinlichen Einwände der Laien nur mit Gewalt zu unterdrücken, aber nicht durch vernünftige Auskunft aus der Welt zu schaffen, heißt, die Kirche und den Papst dem Gelächter der Feinde preiszugeben und die Christen unglücklich zu machen.

91. Wenn daher der Ablaß im Geiste und im Sinne des Papstes gepredigt würde, so ließen sich diese Einwände alle leicht entkräften, ja, sie kämen gar nicht erst auf.

92. Fort deshalb mit all den Propheten, die dem Volk Christi sagen: „Friede, Friede“, und ist kein Friede (Jer. 6,14).

93. Heil all den Propheten, die dem Volk Christi sagen: „Kreuz, Kreuz“, auch wenn vom Kreuz nichts zu spüren ist.

94. Man muß die Christen ermahnen, daß sie Christus, ihrem Haupt, durch Leiden, Tode und Höllen nachzufolgen trachten

95. und so mehr darauf vertrauen, durch viel Trübsal in den Himmel einzugehen, als durch die Sicherheit eines Scheinfriedens.

Quelle der deutschen Übersetzung aus dem Lateinischen: Martin Luther, Ausgewählte Schriften, Band 1 © Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 1995, S. 28–37.





Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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-> Kaufmann, Thomas: Von den 95 Thesen zum Augsburger Religionsfrieden. Meilensteine der Reformation, in: bpb.de, online verfügbar seit 23.12.2016 unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/239241/von-den-95-thesen-zum-augsburger-religionsfrieden/, zuletzt geprüft am 02.02.2026.

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-> Gotthard, Axel: Kirche im ausgehenden Mittelalter, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 18.01.2017 unter: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/reformation/235044/kirche-im-ausgehenden-mittelalter/, zuletzt geprüft am 31.08.2026.

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-> Gotthard, Axel: Schlaglicht 1529. Die ''Protestation'', in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 18.01.2017 unter: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/reformation/235571/schlaglicht-1529-die-protestation/, zuletzt geprüft am 01.09.2026.

-> Gotthard, Axel: Schlaglicht 1530. Die ''Confessio Augustana'', in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 18.01.2017 unter: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/reformation/235572/schlaglicht-1530-die-confessio-augustana/, zuletzt geprüft am 01.09.2026

-> Gotthard, Axel: Schlaglicht 1546. Der erste deutsche Konfessionskrieg, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 18.01.2017 unter: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/reformation/235574/schlaglicht-1546-der-erste-deutsche-konfessionskrieg/, zuletzt geprüft am 01.09.2026.

-> Martin Luthers 95 Thesen (31. Oktober 1517), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-4208> [24.09.2026].

Sekundärliteratur

-> Otto, Frank: Das Wunder von Augsburg, in: GEO Epoche (Jg. 2023, Heft Nr. 124), Hamburg 2023. 

-> Strempel, Johannes: Thomas Müntzer. Gottes Speerspitze, in: Bauernkrieg 1524-1526 (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 131), Hamburg 2025, S. 84-97.

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Religion

Die Gegenreformation

Inhaltsverzeichnis

  1. Jesuitenorden. Die Krieger des Herrn. 
  2. Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte
  3. Die Tage neu zählen
  4. Der Kampf um die Seelen. Habsburg und die Gegenreformation

1. Jesuitenorden. Die Krieger des Herrn. 

1539 gründet der Baske Ignatius von Loyola die »Gesellschaft Jesu«: einen Orden, der auf revolutionäre Weise für den wahren Glauben kämpft. Straff organisiert, intellektuell gebildet, Körper und Geist durch Exerzitien gedrillt, ziehen die Jesuiten in die Welt hinaus – und werden zur wirkungsvollsten Waffe Roms im Kampf gegen die Reformation

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Ein Kreuz überragt die Buchstabenkombination IHS, ursprünglich für den Namen Jesu, darunter finden sich drei stilisierte Nägel, alles umfasst ein Strahlenkranz: So wie hier oder so ähnlich sah das Siegel aus, das Ignatius von Loyola (ganz oben) als erster General des Jesuitenordens benutzt hat – und das noch heute als »Wappen« des Ordens gilt    (Foto: picture alliance / akg-images | akg-images)

Iñigo López de Loyola, Draufgänger und Frauenheld, Raufbold, Ritter und Tunichtgut, kämpft mit seinem Körper. Das ist ein Feind, der nicht mit Lanzen sticht und nicht mit Kanonen schießt. Doch er ist so nah, dass er nicht niederzuringen ist. Eine französische Kugel hat dem baskischen Ritter den rechten Unterschenkel zertrümmert. Das Bein wächst nicht glatt zusammen; man bricht es erneut. Hinterher steht ein Knochen hässlich hervor: Iñigo muss fürchten, nie mehr seine geliebten engen Stiefel tragen zu können. Unter grausamen Qualen lässt er den Auswuchs absägen, doch das Bein bleibt kürzer als das andere. Auch die Streckinstrumente, mit denen er versucht, die Extremität auf die alte Länge zu dehnen, helfen nichts.

Man schreibt das Jahr 1521. Iñigo ist 30. Seine Nase ist noch immer markant, sein Schnurrbärtchen elegant. Doch sein Leib ist nichts mehr wert. Auf dem Krankenbett fällt er eine Entscheidung: Jetzt setzt er auf seinen Geist. Bücher wie das „Leben Christi“ des Kartäusers Ludolf von Sachsen weisen ihm den Weg: Hier findet er den Heldenmut seiner geliebten Ritterromane wieder. Er hat eine Madonnenerscheinung, die ein für alle Mal seinen Geschmack an „Dingen des Fleisches“ abtötet, und eine Erleuchtung am katalonischen Fluss Cardener, die ihm „die Augen seines Verstandes“ öffnet. Fortan unterwirft er die Welt nicht mehr mit Waffen, sondern mit dem Hirn.

„Die Zentralidee, von der sein ganzes Leben beherrscht war“, wird der Kulturhistoriker Egon Friedell später analysieren, war die „Überzeugung, dass der Geist souverän sei und unsere Physis ein bloßes Instrument“. Kurz: „dass die Seele stärker sei als die Materie“. Loyola ersinnt ein spirituelles Trainingsprogramm, das er „Geistliche Übungen“ nennt: mit dem Ziel, „sich selbst zu überwinden und sein Leben zu ordnen“, wie es im Untertitel heißt. „Den Hass ausüben“ will er, „den er gegen sich gefasst“ hat. Und vielleicht ist es tatsächlich nicht zuletzt die Wut auf seinen Körper, die ihm den Willen zur Herrschaft über sich selbst eingibt. Und über die Welt.

Erst einmal aber meißelt er sein Selbst, unerbittlich. Mit 33 kehrt er auf die Schulbank zurück, um Latein zu pauken. Er sitzt neben Kindern, die halb so alt sind wie er. Zwar sind seine Geisteskräfte begrenzt – selbst seine Freunde reden nachsichtig über seine „geringe Bildung und Eloquenz“. Doch seine Pflicht ist es, das Letzte aus sich herauszuholen: Nicht auf Gottes Gnade dürfe sich der Mensch verlassen, sagt Iñigo, sondern er müsse alle „menschlichen Mittel“ ausschöpfen. An der Pariser Sorbonne, wo er schließlich Theologie studiert, findet er Gefährten, denen er seine „Geistlichen Übungen“ verschreibt und mit denen er schließlich in der Marienkirche auf dem Montmartre ein Gelübde ablegt: Sie wollen in Jerusalem für das Gottesreich kämpfen. Doch der Kreuzzug scheitert an der türkischen Flotte, die in der Adria Krieg führt.

Da beschließen die Pilger, sich dem Papst zu schenken – er soll mit ihnen machen, was er will. Am 15. April 1539 zelebriert die „Gesellschaft Jesu“ feierlich ihre Gründungsmesse. Der Pontifex, dem sie fortan als mobile Einsatztruppe dienen, nimmt die neue Bruderschaft im folgenden Jahr offiziell in den Kreis der Orden auf. Und schon bald werden deren Mitglieder von Freund und Feind „Jesuiten“ genannt. Iñigo López de Loyola, der sich jetzt Ignatius nennt, wird ihr erster General. Denn die Jesuiten sind Soldaten. Sie sind eine Elitetruppe, die siegen will – ohne zunächst genau zu wissen, über was. „Unter dem Banner des Kreuzes Gott dem Herrn Heeresdienst leisten“, so lautet ihr vager Marschbefehl.

Und wer siegen will, braucht straffe Disziplin. Das Weltbild des 16. Jahrhunderts mit seinem von oben nach unten gegliederten Universum wird zur Blaupause dieser päpstlichen Armee. Anders als die kollektiv geführten Mönchs- und Bettelorden sind die Jesuiten, wie sie stolz sagen, „monarchisch“ regiert: Alle Gewalt liegt in der Hand des Generals. Die „Satzungen“ der Jesuiten, schärfer als alle Regeln älterer Orden, sind von allerhöchster Stelle beglaubigt: Während der Niederschrift hat ihr Verfasser Ignatius sie regelmäßig, unter Gebet und Tränen, Gottvater persönlich oder Jesus Christus, dem Heiligen Geist oder der Jungfrau Maria zur Absegnung vorgelegt. Und bereitwillig erteilten die Angeflehten per Vision ihre Zustimmung.

Das eigentliche Manifest des Ordens aber sind die Geistlichen Übungen, die Loyola in der Einsamkeit einer Höhle während monatelangen Fastens, Betens und Büßens ersonnen hat. Sie werden zum Hohelied der Selbstoptimierung, des Ich-Managements und des Zugriffs auf die eigenen Ressourcen – ein Vorgriff auf die Coaching-Philosophie des 21. Jahrhunderts. Denn die Gnade Gottes ist eine Anstrengung – kein Geschenk wie für die Protestanten, die mit ihrem Vertrauen auf himmlische Großzügigkeit „die guten Werke ausschließen“ und „den freien Willen zerstören“, wie die Jesuiten ihnen vorwerfen.

Es ist ein moderner, fast tayloristischer Arbeits- und Zeitbegriff, der Loyolas Exerzitien beherrscht. In dem Jahrhundert, in dem die Taschenuhr ihren Siegeszug antritt und Kirchenglocken auch die Viertel zu schlagen beginnen, ersinnt er Soll-Zeiten für die Betrachtung der Sünden wie für die Gewärtigung der Strafen – ähnlich dem Arbeitswissenschaftler Frederick Winslow Taylor, der dreieinhalb Jahrhunderte später Taktvorgaben für die Arbeit in den Fabriken ersinnen wird.

Jeder Moment dient bei den Jesuiten der Planung des nächsten – und bei Bedarf gibt es Gleitzeit: In Zeiten der Anfechtung etwa soll „der sich Übende“, so Loyola, immer „ein wenig mehr als die volle Stunde ausharren, damit er sich daran gewöhne, dem Feind nicht nur zu widerstehen, sondern ihn auch niederzuschlagen“. In einer Epoche, in welcher der Buchdruck den Geist industrialisiert, macht Loyola den Glauben zur Methode. Er mechanisiert ihn mit Wiederholungen, Gedankenkontrolle, Atemtechnik und Lichtregie. Autosuggestion hilft dem Exerzierenden, „mit der Schau der Einbildung die Länge, Weite und Tiefe der Hölle“ zu sehen. Rückfälle ins alte Tun soll er per Punktsystem aufrechnen und mit seriellen Bewegungen im Leib verankern: Für jeden Punkt „schlage er sich mit der Hand auf die Brust, aus Schmerz, gefallen zu sein“.

Dieses Mentaltraining ist keine Willkür, sondern Ergebnis ausgiebiger Versuchsreihen. Wie ein Buchhalter hat Ignatius die Regungen des eigenen Leibes überwacht. Er hat seine Rührungen kategorisiert, hat protokolliert, wie oft und wie er weinte. Hat Tränenergüsse von Tränenströmen und die von Tränenströmen mit Schluchzen unterschieden. Auch seine Visionen und Heimsuchungen haben ihn nie überwältigt, sondern sind unter seiner Kontrolle geblieben; je nach Wunsch kann er sie nun herbeirufen oder abstellen. Denn nicht die Zerstörung des Körpers ist sein Ziel, sondern dessen Ausbeutung – die Nutzbarmachung für das Höhere.

Die brutalen Kasteiungen, die ruinösen Quälereien, denen er seinen Leib in der Einsiedelei aussetzte – die Geißelungen durch strenges Fasten und allerlei Bußübungen –, hat er nun durch effektivere Kontrolle ersetzt: Der Büßer solle darauf achten, empfiehlt er, „dass der Schmerz im Fleisch fühlbar sei und nicht innen in das Gebein eindringe“; und dass beim Fasten „das Subjekt nicht verdorben wird, noch merkliche Schwäche sich zeigt“. Denn schließlich ist das Ziel der Übung die Tat: fit for God.

Noch bevor der Papst der Gemeinschaft seinen Segen gibt, werben Ignatius und seine Mitstreiter neue Rekruten für den Kampf gegen den Unglauben. Und bald schon schickt der General sie auf Plätze und Märkte, in Häfen, Hospitäler und Gasthäuser. Nicht predigen sollen sie dort, sondern die Menschen in Gespräche verwickeln – über die Brotpreise etwa oder die Gefahr durch die Türken – und so ihr Vertrauen gewinnen. Erst dann sollen sie Krämer, Schiffer und Zecher zu einem christlichen Leben ermahnen und sie schließlich zur Beichte schicken. „Fischengehen“ nennen die Jesuiten das.

Denn Ignatius will keine Mönchsgemeinschaft, die in der Abgeschiedenheit eines Klosters den Heilsweg sucht. Seine Jünger sollen sich in der sündigen Welt bewähren. Und sich zugleich in Bescheidenheit üben. So schafft er – genau wie der verhasste Luther – eine Gegenbewegung zum korrupten Klerus, der sich den Laien überlegen und von Gott privilegiert wähnt. Vor allem wegen dieser Kampfansage an die geistliche Arroganz sind beide – Luther und Loyola – erfolgreich.

Martin Luther gilt ihnen als »brünstige Sau«

Die Jesuiten konzentrieren ihr Werben auf die Universitätsstädte. Dort finden sie Mitstreiter, die wie sie selbst sind: Angehörige der akademischen Elite, Bürgersöhne zumeist, denen ihre Väter den Wert der Bildung beigebracht haben und die fasziniert sind von Männern um Ignatius, Absolventen der prestigeträchtigen Pariser Sorbonne. Disziplin, Exerzitien, intellektuelles Flair – schnell verbreitet sich der Ruf des neuen Ordens. Mächtige Förderer unterstützen ihn, darunter Kardinal Gasparo Contarini, der den Papst davon überzeugt, die Statuten der Gesellschaft Jesu zu akzeptieren; und Francisco de Borja, Urenkel des spanischen Königs, der dem Orden sogar beitritt.

Der ritterliche Asket Loyola zieht aber auch Bewunderinnen an. Eine von ihnen, Ehefrau des Vizekönigs von Sizilien, bittet 1547 den Orden, in Messina eine Hochschule zu gründen, die zweite jesuitische Ausbildungsstätte nach einer Universität in Spanien. Was für eine Chance! Sofort entsendet Ignatius zehn seiner talentiertesten Mitbrüder, um Theologie, Grammatik und Rhetorik zu unterrichten. Binnen Kurzem bemühen sich viele Städte in Europa um solche Kollegs. Sie werden neben Ordensrekruten die nächste Generation gebildeter Kaufleute und Adeliger hervorbringen: geschult, indoktriniert und im Glauben gefestigt von Jesuiten. Es ist eine stolze Demut, die die Jesuiten auszeichnet. Und ihre Flexibilität macht sie überall einsatzfähig – auch auf Mission in fernen Ländern. Um jeden nach dessen Geschmack umwerben zu können, verzichtet Loyola unter anderem auf Kleidervorschriften: In Indien ziehen sich jesuitische Missionare, je nach Zielgruppe, wie Parias oder Brahmahnen an, legen rote Gewänder, Stirnzeichen und Ohrringe an, reichen den Unberührbaren die Hostie mit Hilfe von Stäbchen. In Ägypten predigen sie mit Turban, in China mit Mandarin-Robe, Spitzhut und Zopf. Für die Japaner ernähren sie sich vegetarisch, rasieren sich nach Art buddhistischer Mönche die Schädel. Den Indianern lassen sie ihre Verehrung der Mutter Erde – bestehen nur darauf, dass ihr Idol jetzt Maria heißt.

In China verschweigen sie zunächst sogar die Kreuzigung Jesu, die bei zarten Gemütern auf Befremden stoßen könnte; dafür tolerieren sie Ahnen- und Konfuziuskult. Das allerdings geht der päpstlichen Propagandakongregation irgendwann zu weit, und sie verurteilt die Mimikry der wendigen Hirten. Natürlich gehorchen die Jesuiten. Denn Gehorsam ist ihre Kardinaltugend. Dafür, so Ignatius, sei es unerlässlich, „dass ich glaube, das Weiße, das ich sehe, sei schwarz, wenn die hierarchische Kirche es so definiert“. In „blindem Gehorsam“ müsse sich der Jesuit führen und leiten lassen – „als sei er ein toter Körper, der sich wohin auch immer bringen und auf welche Weise auch immer behandeln lässt, oder wie der Stab eines alten Mannes, der dient, wo und wozu auch immer ihn dieser benutzen will“. Ein „toter Körper“ kann nicht mehr sterben – und so ist auch der Tod keine Abschreckung, sondern Gratifikation: Lockmittel für den eifrig zuströmenden Nachwuchs der Gesellschaft Jesu.

„Märtyrertafeln“ führen den Novizen in drastischen Bildern süße Massaker vor. Sie zeigen Missionare, „mit langsamem Feuer verzehret“ oder „von Brasilianern grausam erwürgt“; einen bleichen Jesuitenkopf, von Heiden auf einer Speerspitze aufgespießt, einen Verschwörer in päpstlichen Diensten, „in England wegen des christlichen Glaubens aufgehängt und gevierteilt“. Ein Inspektor stellt nach dem Besuch eines Jesuitenkollegs fest, dass schon die jüngsten Brüder auf den heiligen Kampf brennen: „So begierig sind sie, ihr Blut für Christus zu vergießen, dass dies das ständige Thema ihrer Konversationen ist.“

In ihrem römischen Hauptquartier, nahe der Kirche Santa Maria della Strada, sitzt der General wie eine Spinne im Netz seines spirituellen Weltreichs. Einsam lenkt Ignatius die Geschicke der Gesellschaft. Er sendet unzählige Briefe an seine Trabanten, schickt seine Missionare um die Erde – doch er selbst bleibt ortsfest, zieht sich am liebsten in seine Privatkapelle zurück. Liest Messen nur für sich allein, tränenüberströmt. Hinkt dann und wann durch die Straßen der Ewigen Stadt, keine 1,60 Meter groß, in seinem Talar, dem Umhang und dem breitkrempigen Hut. Am rechten Bein trägt er zwei Socken, um die vermaledeiten Gliedmaßen vor Erschütterungen zu schützen.

Seine Männer aber warten stets „mit einem angehobenen Fuß“, so wie es Ignatius bestimmt hat: „bereit, von einem Ort zum nächsten zu eilen“. Selbst Bischofswürden lehnen sie in der Regel ab, um jederzeit abrufbar zu sein. Denn der Feind steht überall. Und der größte Feind ist die Reformation. So fragen sich die Oberen des Ordens schon bald, ob es denn ein Zufall war, dass der Herr den Ignatius gerade in jenem Jahr 1521 bekehrt hat, in dem Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms den Glauben zerstörte. Sind die Protestanten nicht an Auflösung und Leid, ja sogar an Pestausbrüchen schuld?

Jedenfalls erkennen die Jesuiten immer deutlicher ihren Widersacher – und sich selbst als einzige Kraft, die es mit ihm aufnehmen kann. Doch die Lage bleibt prekär. Ganz Skandinavien steht schon bald unter protestantischer Herrschaft. In Polen, Ungarn und Siebenbürgen dringt die neue Lehre ebenfalls vor. Und auch in der Schweiz, in Frankreich, den Niederlanden fallen Gläubige von der katholischen Kirche ab.

Das wichtigste Schlachtfeld liegt in Deutschland: Dort stehen sich Katholiken und Protestanten etwa gleich stark gegenüber – und selbst Romtreue rechnen mit der Machtübernahme der Ketzer binnen weniger Jahrzehnte. Deshalb schickt der General seine besten Leute in den Norden. Petrus Canisius etwa, 1521 als Peter Kanis in Nimwegen geboren, einen eisernen Arbeiter im Weinberg des Herrn und so kompromisslos, dass man ihn „Hammer der Häretiker“ nennt. Porträts stellen Canisius als bitteren Kämpfer mit asketischem, hohlem Gesicht, eingefallenen Wangen und schweren Tränensäcken dar. Schon mit 17 Jahren hat er sein Schulheft mit lateinischen Durchhalteparolen bemalt („persevera“, hat er sich angespornt, „bleibe standhaft!“) und mit 20 seine Schwester ermahnt: „Lerne, dir in allen unvollkommenen Begierden und Gedanken abzusterben“. Alles Unvollkommene ist ihm verhasst: Canisius ist Perfektionist.

Lange hat ihn das Gefühl des eigenen Ungenügens geplagt – so sehr, dass er bisweilen einen Vorgesetzten anflehte, ihm „eine nicht zu leichte Buße für die vielen Fehler und Nachlässigkeiten“ aufzuerlegen, deren er sich schuldig fühlt. Schon während des Studiums in Köln hat er begonnen, „allmählich mir selbst zu missfallen“. Und so ist er 1543 nach Mainz gereist, um unter Anleitung des Jesuiten Peter Faber die Geistlichen Übungen zu nehmen. Am 8. Mai 1543 tritt Canisius dem Orden bei. Es ist sein Geburtstag – im doppelten Wortsinn: Petrus ist nunmehr zum zweiten Mal auf die Welt gekommen. Wochen härtester Geistesfron liegen hinter ihm, unerbittliche „Arbeit an sich selbst“. Doch „ausdauernde Geduld und geduldige Ausdauer“, schreibt er an einen Mitbruder, „eröffnen uns den Himmel“.

Canisius ist ein Mann, der keine Gefangenen macht. Von den Anhängern Luthers, dieser „brünstigen Sau“, erwartet er keine Kompromisse, sondern Unterwerfung. Als 1557 das Wormser Religionsgespräch scheitert, das eine Verständigung mit „diesen jammervollen Menschen“ versuchen sollte, frohlockt er: „Wir sagen Christus Dank.“ Er reist von Front zu Front, predigt in Niederdeutschland und in Wien, verhandelt in Köln und in München. Es ist, als versuche er, ein zerrissenes Land zusammenzunähen.

Am 24. September 1549 schickt Ignatius seinen treuen Krieger nach Ingolstadt, um die Eroberung der dortigen Universität in Angriff zu nehmen. Aus Sizilien, wo Canisius das Jesuitenkolleg in Messina mitgründet hat, reist der Agent Gottes umgehend nach Empfang des Befehls in den Norden. Unterwegs macht er an der Universität Bologna halt, um dort den Doktorgrad zu erwerben. Im November trifft

Die Hohe Schule, die Universität der Donaustadt, hat sich lange als Bollwerk gegen die Reformation bewährt: Hier hat der brillante Johannes Eck gelehrt, Luthers schärfster Widersacher in Prozessen und Disputationen. Wie eine Festung ragt die Universität zwischen den Häusern der Altstadt empor. Die Nordseite krönt ein Glockenturm. Doch 1543 ist Johannes Eck gestorben – und die Bedeutung der Universität seither zusehends geschwunden. Trotz emsiger Werbung kommen nur wenige Studenten in die Vorlesungen der jesuitischen Professoren. Vielleicht sind die Deutschen, so erklärt es sich Canisius, einfach ein schwer erziehbares Volk. Ihre „Unbeholfenheit im Denken und Urteilen“, ihre „mangelnde Bildung“ ließen alle Mühen versickern.

Vor allem seien sie „in geistlichen Dingen kühl und zurückhaltend; nur wenige scheinen eine natürliche Veranlagung zum betrachtenden Gebet zu haben“ – was man schon daran erkenne, dass sie die Gottesdienste der Jesuiten mieden. „Auch wenn wir Geld gäben“, klagt Canisius nach Rom, „wir würden nicht einmal zwei Menschen in unsere Kapelle bekommen.“ Und so bittet er seine Vorgesetzten, „uns zu schreiben und zu sagen, wie wir Steine in Menschen verwandeln können oder mit anderen Worten Deutsche in Leute, die für das Leben in unserer Gesellschaft geeignet sind“.

Eine einzige Hoffnung hat Canisius noch: die Gründung einer eigenen Lehranstalt. Herzog Wilhelm hat den Jesuiten das Institut auch schon versprochen – doch 1550 stirbt der Fürst und mit ihm vorerst auch das Projekt. Denn sein Nachfolger Albrecht V. zögert, aus den leeren Kassen Bayerns in eine Eliteschule zu investieren. Ignatius lässt sich nicht länger hinhalten: Er zieht seine Streiter aus Ingolstadt ab und schickt sie nach Wien, wo König Ferdinand 1551 das erste deutsche Jesuitenkolleg eröffnet hat. Dort übernimmt Canisius die Leitung. Später gründet er gleich noch ein Institut – in Prag, Ferdinands zweiter Hauptstadt.

Da wird Albrecht V., der „Schrecken der Ketzer“, wie man ihn nennt, eifersüchtig. Er schickt Gesandte nach Wien und Rom, um die Rückkehr der Jesuiten nach Ingolstadt zu erwirken – und ihnen dafür ihren Wunsch zu erfüllen. Tatsächlich nimmt 1556 das neue Jesuitenkolleg in Ingolstadt den Lehrbetrieb auf, nur wenige Meter von der Hohen Schule entfernt. Bald gründet die Gesellschaft noch ein Gymnasium und ein geistliches Konvikt. Binnen Kurzem ist Ingolstadt Loyolas machtvollste Festung im süddeutschen Raum.

Nun sprießen überall, getrieben von Canisius’ rastlosem Eifer, jesuitische Kaderschmieden aus deutschem Boden – in Dillingen, Würzburg und Speyer, in Regensburg und Altötting, in Köln und Innsbruck. Die Jesuiten haben ihre Waffe gefunden – und ihre Bestimmung: Nie zuvor gab es einen Orden, der sich so innig um Bildung bemüht hat. Ganze Provinzen stehen bald unter jesuitischem Lehrmonopol. Der Geist, der die Materie zwingt, kennt viele Disziplinen. Jesuiten brillieren nicht nur in der Theologie, sondern auch in weltlichen Wissenschaften wie Mathematik, Astronomie und Geographie. Die Soldaten Jesu, bestimmt Ignatius, sollen nicht nur den rechten Glauben, sondern auch Wissbegier bei Schülern und Studenten wecken. Auch deshalb ist die Bruderschaft erfolgreich.

Die Jesuiten erobern als Entdecker und Erfinder die Welt

Jesuiten entdecken die Quellen des Blauen Nil, beschreiben das Amazonasgebiet, erforschen die Landroute von Russland nach China. Sie bringen Kamelien und Ginseng nach Europa und das Chinin, das man hier „Jesuitenpulver“ nennt. Der Bamberger Pater Christoph Clavius wirkt federführend bei der Entwicklung des gregorianischen Kalenders mit, der thüringische Bruder Anasthasius Kirchner konstruiert eine der frühesten Rechenmaschinen und untersucht als Erster das menschliche Blut mit einem Mikroskop. Sein Ingolstädter Kollege Christoph Scheiner erspäht vom Turm der Jesuitenkirche zum Heiligen Kreuz aus die Sonnenflecken. Und die Zeit wird kommen, da 35 Mondkrater nach jesuitischen Wissenschaftlern benannt sein werden.

Die kostenlose Ausbildung, ermöglicht durch den Lohnverzicht der Patres und Fratres sowie die Subventionen der Fürsten, lockt sogar Protestanten in die Kollegien. Mitten in die Städte schlägt der Orden seine Brückenköpfe – denn nicht mönchische Kontemplation, sondern tätige Eroberung ist seine Aufgabe. Schon bald werden die Brüder auch Kirchen, Kapellen und Ordensgebäude errichten und so zum größten Bauherrn Deutschlands werden. Um 1750 betreiben sie 800 Gymnasien, Seminare und Universitäten auf der ganzen Welt.

In Augsburg, wo es Canisius gelungen ist, mehrere Damen der Bankierssippe Fugger zum alten Glauben zurückzuführen und sich so langfristig die Unterstützung der Mäzene zu sichern, vermacht der Familienspross Christoph dem Orden das Geld für ein Kolleg mit Gymnasium und Internat. Und in München spendiert Herzog Wilhelm V. dem Orden eine wahrhaftige Stadt in der Stadt: Noch im 21. Jahrhundert wird das Jesuitenkolleg, gleich nach der Residenz, den größten Gebäudekomplex der gesamten Altstadt bilden.

Wer vom westlichen Stadttor auf die Frauenkirche zugeht, durch die Zick-zacklinien der schmalen Giebel, steht überwältigt vor dem Monolithen des Kollegs, der ihn nach wenigen Schritten empfängt. Vierstöckige Fensterreihen laufen die Mauern entlang, gekrönt von hohen roten Dächern. Der Eckpfeiler dieser Burg ist die Kirche, die dem Luzifer-Bezwinger St. Michael geweiht ist. Und so herrlich ist dieser Pfeiler, dass man das Bauwerk schon wenige Jahre nach seiner Errichtung als achtes Weltwunder feiert.

Die Fassade des Gotteshauses ist ein Reigen der Macht, eine Feier der Hierarchie. Ein bronzener Erzengel, etwa drei Meter hoch, rammt dem Satan die Lanze in den Hals: Die Kämpfenden vergegenwärtigen dem Betrachter dessen eigenen unablässigen Widerstreit zwischen Gut und Böse – und zwingen ihn so zur Demut. In zwei Reihen stehen die Fürsten, Hüter des Glaubens mit Schwertern. Und an der Spitze der Fassade, unter dem golden gleißenden Kreuz, regiert der Heiland mit segnend gestreckter Hand.

Hinter den Torbögen öffnet sich ein Innenraum, dessen Weite alles übertrifft, was Deutsche gewohnt sind. Ein mächtiges Tonnengewölbe überspannt einen Kanal aus Sonnenschein – eine lichte Fläche von über 1500 Quadratmetern, größer als die des Kölner Doms. Dieser Raum ist nicht mehr zerklüftet oder mit Säulen bewaldet wie die gotischen Kirchen; er verliert sich auch nicht in deren filigrane, unerreichbare Höhen. Sein Gewölbe, geometrisch gegliedert mit gipsernen Ornamenten, Bändern und Rosetten, lässt keine Abschweifung mehr zu. Dieser Kirchenraum ist ein Förderband der Frömmigkeit, eine Fertigungslinie des neuen Menschen, eine Waschstraße für den Geist. Eine Gussform, welche die Seele des Gläubigen modelliert.

Und die Priester von St. Michael nehmen ihnen regelmäßig die Beichte ab. Denn der Weg zum Licht führt ja ausschließlich über die Durchleuchtung der eigenen Seele. War die Beichte im Mittelalter nur ein Mittel gewesen zum Loskauf von Sünden und – vor allem in der Osterzeit – zum Empfang der Sakramente, mahnen die Jesuiten jetzt zu unablässiger Selbstkontrolle: Nicht mehr nur Todsünden soll der Gläubige bekennen, sondern dem Priester seinen gesamten Seelenzustand offenbaren.

In der Lehre sind sie konservativ – in ihren Mitteln hochmodern

Durchsichtig soll der Beichtende sein: wie die Jesuiten selbst, die im Ordensalltag schon längst an gegenseitige Überwachung gewöhnt sind. Von nun an wird der Beichtstuhl in den Kirchen zum allgegenwärtigen Instrument – so wichtig wie der Altar.

Der Hochaltar von St. Michael in München ist ein dreistöckiges Monument dieser wahren Lehre, 18 Meter hoch und sieben Meter breit. Er ist ein Gesamtkunstwerk aus getürmten Triumphbögen, das die Barockaltäre der folgenden Jahrhunderte vorwegnimmt: im Zentrum wieder der Erzengel Michael, jetzt in Öl, den Feind in den Abgrund stoßend, befehligt von Gott. Und an der Spitze, fast schon unter der Kuppel, das griechische Christus-Monogramm, das Ignatius zum Signet der Jesuiten erwählt hat.

Anders als die manchmal kahlen, weiß gekalkten Renaissancekirchen Italiens ist St. Michael voller Bilder. Denn wenn für das Mittelalter der oberste Sinn das Gehör war, kümmern sich die Jesuiten jetzt vor allem um die Optik. Die Macht des Bildes, von den Protestanten beargwöhnt, wenden sie triumphierend gegen den Feind wie das Weihwasser gegen den Gottseibeiuns – nicht zur Feier der Sinne, sondern zu deren Kontrolle.

Denn die jesuitische Bildwelt will den Blick nicht reizen, sondern zähmen. Ihre Pracht ist kein Götzendienst, sondern Propaganda. Auch Ignatius gibt ja in seinen „Übungen“ Anweisungen an die Fantasie. Der Exerzierende soll sich die Heilige Jungfrau im neunten Monat vor das geistige Auge führen, Christus auf den Wogen des Meeres oder Luzifer auf seinem „großmächtigen Thron aus Feuer und Rauch“. Nun füttern die Jesuiten auch die leibhaftigen Blicke der Gläubigen.

Sie reanimieren vielfach vergessene Traditionen wie Prozessionen, Wallfahrten und Reliquiendienste. Sie möblieren Kirchen mit Krippen und Nachbildungen des Heiligen Grabes, reich geschmückt mit Wasserkugeln und Spiegelgläsern. Die Protestanten missachten die geweihte Hostie? Also präsentieren die Jesuiten das heilige Brot mit verdoppeltem Eifer dem Volk, bisweilen in 40-stündigen Ritual-Spektakeln, erleuchtet von 2300 Lampen und 500 Kerzen. Sie inszenieren nächtliche Bußumzüge mit Darstellern, die als Geißler, Kreuzschlepper und Gekreuzigte agieren. In vorderster Front marschieren dabei die „Fronleichnamsbrüder“ mit einem Porträt des Blut schwitzenden Heilands, beglänzt von Feuerpfannen, umjauchzt von einem Knabenchor. Dann folgt die Statue Christi an der Geißelsäule, begleitet von Trauermusik.

Gemälde vom dornengekrönten Erlöser schwanken durch die Straßen, von der Jungfrau mit dem toten Heiland, schließlich vom heiligen Grab. Ein Jesusdarsteller schleppt das Kreuz, Jünglinge in Engelskostümen spreizen die Flügel. Und immer wieder lassen die Geißler die Peitschen fliegen. Peinigen sich bisweilen „so unmenschlich“, wie ein Augenzeuge berichtet, dass „ehe noch die Hälfte des Weges zurückgelegt war, ihre blutenden Rücken zugedeckt werden mussten“.

Die prächtigste Kanzel jesuitischer Augenpredigt aber ist die Bühne. Das Theater, das die Jesuiten in ihren Schulen und auf öffentlichen Plätzen zelebrieren, nimmt die Blicke der Gläubigen mit allen Mitteln der Technik gefangen: mit künstlichen Stürmen und Gewittern, mit Flugmaschinen und Wolken voller Engel, mit Löwenmenschen und Elefanten – allesamt Effekt-Orgien, die das Auge überrumpeln sollen.

Die Moral der Stücke ist einfach, aber deutlich. Sünder werden durch Bußübungen geläutert, auf Fürsprache Marias gerettet – oder müssen am Himmelstor feststellen, dass, anders als nach der protestantischen Lehre, gute Werke doch zum Einlass verhelfen. In einem der Passionspiele schmoren Luther, Calvin und deren Anhänger gar in einer lebensnah vorgeführten Hölle. Gut 7650 Dramen verfassen jesuitische Dichter zwischen 1555 und 1779 allein im deutschsprachigen Raum. Und so eng sind in der Volksseele Jesuitenmission und Bühnenkunst verknüpft, dass die Kinder auf der Straße schon den Patres entgegenrufen: „Hier kommen die Komödiantenpfaffen.“

Diese Spektakel sind Massenaufmärsche zur Feier des rechten Glaubens. Gleich vier Tage nach der Einweihung von St. Michael stellen 900 Jesuitenschüler auf den Plätzen und Straßen vor dem Gotteshaus acht Stunden lang den Triumph des Erzengels und der „Streitbaren Kirchen“ über Teufel und Ketzer, äußere und innere Feinde nach. Fünf Orchester musizieren, römische Kaiser rollen auf sechsspännigen Wagen durch die Straßen, flankiert von Offizieren und Wachen mit Standarten und Legionsadlern. Ein Drache speit Feuer, Rauch und Funken gegen die apokalyptische Frau, die an einem verborgenen Lastenzug durch die Luft schwebt.

Engel stürzen vom Himmel, künstliche Blitze flammen auf, Feuerströme regnen, und Donnerschläge krachen. Im Schlussakt öffnet sich die Hölle, um Luzifer mit seinem 300-köpfigen Gefolge zu verschlingen – und schließlich sticht Michael, gepanzert im glänzenden Harnisch, seine Lanze in die künst lichen Wolken: Ein Chor jubilierender Heiliger quillt heraus. Immer aufwendiger werden die Inszenierungen: Für die Aufführung von „Constantinus magnus“ treten rund 1000 Darsteller an, darunter 400 Reiter in römischer Rüstung, außerdem Könige, Fürsten, Herolde und Schildknappen in Kostümen voller „Goldund Silberstücken, Samt und Seide“ aus den herzoglichen Kleiderkammern in Landshut.

Bei dem Drama „Hester“ stehen 1577 fast 2000 Akteure auf der Bühne – ein Zehntel der Münchner Bevölkerung. Sie prozessieren vom Jesuitenkolleg aus durch die Innenstadt, geschmückt mit Tapisserien, Gewändern, Geräten und Geschirr aus der Residenz. Das fromme Spektakel dauert drei Tage – eine Schwerstarbeit zum Ruhm des Herrn. Und so verschmilzt das Theater mit seiner Umgebung, mit der Stadt und dem Land, ist von ihr kaum noch zu unterscheiden.

Denn der Gottesstaat, für Kirchenlehrer wie Augustinus noch rein theologisches Idealbild, ist für die Jesuiten jetzt handfeste Agenda. Zwar warnt Ignatius vor allzu direkter Einflussnahme auf die Fürsten – doch zugleich fordert er seine Emissäre auf, bevorzugt zu den Mächtigen, „die mehr Bedeutung für das gemeinsame Wohl besitzen“ als das geistliche Fußvolk, „Bande des Wohlwollens“ zu knüpfen.  Viele europäische Fürsten brennen darauf, Jesuiten an ihre Höfe zu holen. Denn mit der ungewöhnlichen Kombination aus akademischer Bildung und adeliger Abstammung mancher Brüder sowie deren offenkundigem Desinteresse an persönlicher Karriere und Komfort scheinen die Gottesstreiter ideale Seelsorger und Berater zu sein. 

Bald versprühen die Jesuiten ihr Wohlwollen an vielen Residenzen, sanft begleitend oder fordernd, mild oder streng nach Bedarf. Bis ins 18. Jahrhundert hinein dienen sie sich Monarchen als Erzieher an, nehmen ihnen die Beichte ab, raten ihnen zur Heirat oder zum Krieg. Gewinnen mächtige Könige wie Johann III. von Portugal oder Ferdinand von Habsburg für ihre Sache.  Nirgendwo aber finden die Jesuiten so viel Entgegenkommen wie beim bayerischen Herrscherhaus Wittelsbach. Herzog Albrecht V. nimmt seinen gesamten Hofstaat zu ihren Predigten mit, legt ihnen die in der Residenz gelesenen Bücher zur Prüfung vor, konferiert mit ihnen freimütig über Angelegenheiten des Staates. 

Auch sein Nachfolger Wilhelm V. hätschelt den Orden, gönnt ihm Zuwendungen, die seinen Haushalt fast sprengen. Die Prinzen machen keinen Schritt ohne jesuitische Begleitung. Der Einfachheit halber, auf besonderen Wunsch seiner Gattin, lässt der Herzog schließlich sogar einen unterirdischen Geheimgang bauen, der die Münchner Residenz direkt mit dem Jesuitenkolleg verbindet.  So fürsorglich, mit Exerzitien und Predigt, umhegen die Jesuiten die Macht – und treiben sie dabei umso unerbittlicher zum Kampf gegen die Ketzer. 

Im August 1554, aus der Hitze des römischen Sommers, schickt Ignatius einen Brandbrief gen Norden, um seinem treuen Canisius neue Verhaltensregeln für die Mächtigen mitzugeben: Das Reich solle der „Seelenpest“ endlich den offenen Krieg erklären Die Fürsten sollen verdächtige Professoren aus den Universitäten verbannen, protestantische Bücher verbrennen und ihre Händler bestrafen, Irrgläubige aus Beraterstäben und Regierungen entfernen, gegebenenfalls auch durch Hinrichtungen, Enteignungen oder Ausweisungen Exempel statuieren. Schon in den 1540er Jahren hat Petrus Canisius bei Kaiser Karl V. die Absetzung des Kölner Erzbischofs Hermann von Wied betrieben, der sich der Reformation angeschlossen hatte.  Und als in den 1580er Jahren die katholischen Fürsten wieder umkämpftes Gelände zurückerobern, als sie die Protestanten aus den Gebieten von Köln und Augsburg vertreiben, aus Trier, Mainz, Paderborn oder Hildesheim – da haben sie all diese Erfolge nicht zuletzt dem Orden zu verdanken.

„Es gibt zur Zeit nicht ein einziges Instrumentarium, welches Gott zur Bekämpfung der Ketzer geschaffen, das größer wäre als Euer heiliger Orden“, lobt denn auch Papst Gregor XIII. im Jahr 1581 die mobile Einsatztruppe. Und so ist es kein Wunder, dass sich zur politischen Macht bald auch die Macht der Zahlen gesellt. Gab es 1544 erst 40 Jesuiten und 1556 an die 1000, wächst der Orden bis 1570 auf rund 3000, bis 1590 auf 6000 und 1640 auf mehr als 15 000 Mitglieder. 

So unheimlich wird der Welt dieser Siegeszug werden, dass er nicht nur den Hass der Protestanten auf sich ziehen wird, sondern auch den der Aufklärer. Sie werden Loyolas Armee als habgierig, hinterlistig und intrigant diffamieren, als Verein von Kinderschändern und Erbschleichern, von Verschwörern, Giftmischern und Opportunisten. Selbst katholische Herrscher beginnen im 18. Jahrhundert den Kampf gegen die Soldaten des Papstes. Denn sie wollen die Macht Roms brechen, die Kirche unter ihre Kontrolle bringen.  Sie sind es, die schließlich den schwachen Papst Clemens XIV. drängen, die Gesellschaft Jesu 1773 aufzulösen und deren General Laurentius Ricci in der Engelsburg einzukerkern. 

Das angebliche Ziel dieser Notbremse, so das Breve des Pontifex: „den wahren und dauernden Frieden der Kirche wiederherzustellen“.  Aber so unverwüstlich ist die jesuitische Guerillatruppe, dass sie 41 Jahre später, 1814, von Neuem anerkannt wird. Zwar haben ihre ursprünglichen Aufgaben, die katholische Indoktrination in Schulen etwa, inzwischen andere Orden übernommen. Die Jesuiten sind jetzt eine Bruderschaft neben vielen anderen. 

Doch zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden sie wieder in 125 Staaten der globalisierten Welt vertreten sein. Gut die Hälfte der Ordensmänner lebt in den Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und in der Karibik, wo die Jesuiten missionieren und Entwicklungshilfe leisten.  Am Morgen des 31. Juli 1556 verliert Ignatius von Loyola endgültig den Kampf gegen seinen rebellischen Körper. Er ist 65 Jahre alt; der Tod kommt gegen Morgen. 

Der Beichtvater, der die Letzte Ölung erteilen soll, ist nicht aufzufinden; der Sekretär, der für den Sterbenden Segen und Ablass vom Papst eingeholt hat, kommt zu spät. Der Chirurg, der die Autopsie vornimmt, findet zahlreiche Steine in den Nieren, der Lunge, der Leber und der Pfortader. Loyolas Körper ist ein Wrack. Sein geschundener Leichnam aber wird selbst zum Heilmittel: Seine Reliquien werden, so sagt man, Geburten erleichtern, das Wasser, das sie berührt haben, Raupenplagen beenden. Und bald wird schon der Ausruf seines Namens genügen, um Fieberkranke heilen. Und so wird der Geist noch einmal zum Sieger über die Materie.

2. Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte

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Wie sehr die Gegenreformation mit politischen Interessen verbunden war, zeigt sich besonders deutlich an der Figur von Melchior Khlesl, dem Hintermann im habsburgischen Bruderzwist.

Im Bruderzwist zwischen Rudolf II. und Matthias nahm der spätere Kardinal Melchior Khlesl eine wichtige Position ein. Als Geheimer Rat fungierte der vom Protestantismus zum Katholizismus Konvertierte ab 1590 am Prager Hof Rudolfs II. und trat etwa 10 Jahre später in den Dienst von dessen Bruder Matthias, der zu diesem Zeitpunkt noch kaiserlicher Statthalter von Ober- und Niederösterreich war. In dieser Funktion versuchte Khlesl, den politischen Einfluss der Protestanten auszuschalten: Er entließ sämtliche evangelische Hofbeamte und ersetzte sie durch katholische. Khlesl selbst zog von Stadt zu Stadt und verordnete der Bevölkerung den Kirchengang, wenn nötig mit Gewaltanwendung: Seine "Reformkommissionen" wurden von Soldaten begleitet. Khlesl forderte die Bevölkerung auf, sich protokollarisch zum Katholizismus zu bekennen oder auszuwandern. Viele Protestanten emigrierten daher nach Franken, Nürnberg oder Regensburg. Oder sie konvertierten, um den Familienbesitz zu erhalten. Für die Habsburger bedeutete dies eine Stärkung ihrer politischen Macht, die Zugehörigkeit zur katholischen Konfession stellte eine Voraussetzung für den Eintritt in die höfische Gesellschaft dar.

Gleichzeitig riet Khlesl Matthias allerdings auch, sich mit den evangelischen Ständen zu verbünden und in Prag bei seinem Bruder Rudolf II. einzufallen. Obwohl Rudolf II. im Gegenzug den böhmischen Protestanten im so genannten "Majestätsbrief" Religionsfreiheit zusagte, um sie auf seine Seite zu ziehen, gelang es Matthias, zweimal Prag anzugreifen.

Khlesl hatte sich bei Freund und Feind gleichermaßen unbeliebt gemacht, bis zum Prager Fenstersturz 1618 hielt er jedoch an seiner 'Ausgleichspolitik' fest. Während der Papst seine Politik im Bruderzwist honorierte − er wurde 1614 zum Wiener Bischof ernannt −, verlor er allmählich die Gunst der katholischen Habsburger. Schließlich wurde er auf Befehl des Kaiserbruders Erzherzog Maximilian III. von Tirol und Erzherzog Ferdinand 1618 in der Wiener Hofburg verhaftet und nach Tirol überstellt; 1627 konnte er dann wieder das Bischofsamt in Wien antreten.

3. Die Tage neu zählen

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Julianischer oder Gregorianischer Kalender? Wie soll das Jahr berechnet werden?

Pabst was hast du angericht

Mit deinem heillosen Gedicht,

Daß du verkehret hast die Zeit,

Dadurch irr gemacht uns arme Leut,

Daß wir nunmehr kein Wissen haben,

Wann man soll pflanzen, seyen, graben

In: Münch, Paul: Lebensformen in der frühen Neuzeit (Frankfurt/Main 1992), 177

1582 verordnete Papst Gregor XIII. mit der Bulle "Inter gravissimas" eine Kalenderreform. Astronomischen Beobachtungen zufolge erkannten Tycho Brahe und Johannes Kepler einen Berechnungsfehler im bisherigen Kalenderjahr. Das Jahr war bis dahin mit 365 Tagen und 6 Stunden angenommen worden, wobei es nach dieser julianischen Zählung (geführt unter Julius Cäsar) zu jahreszeitlichen Verschiebungen kam. Ab nun war das Jahr in 365 Tagen, 5 Stunden 48 Minuten und 46 Sekunden gefasst und der Frühlingsbeginn mit dem 21. März sowie das Osterdatum wieder mit dem ersten Frühlingsvollmond − im Unterschied zum julianischen Kalender − fixiert. Um den aus dem Rechenfehler entstandenen Zeitverzug zu beheben, ordnete Papst Gregor im Jahr 1582 an, auf den 4. Oktober sogleich den 15. folgen zu lassen und künftig eine Schaltjahreszählung vorzunehmen. Obwohl diese Reform auch von Martin Luther befürwortet wurde, entspann sich um den neuen "Gregorianischen Kalender" ein Streit. ProtestantInnen wandten sich gegen die nach dem Papst benannte Reform und sahen dahinter kirchenpolitische Ambitionen der Gegenreformation. Die Kalenderreform wurde 1582 nur in Italien, Spanien, Portugal, Frankreich und Polen umgesetzt, 1583 folgten die österreichischen Erblande der Habsburger und die katholischen Territorien des Reiches. Die protestantischen Länder lehnten die päpstliche Reform vorerst noch ab.

Auch die bäuerliche Bevölkerung stand der neuen Zeitrechnung ablehnend gegenüber, da sie sich ohnedies nicht an der Zeitmessung durch Uhren orientierte, sondern am Lauf der Sonne festhielt. Umso verwirrender mutete es für sie an, einfach 10 Tage im Jahreslauf zu streichen und damit den gewohnten Rhythmus zu stören.

Es dauerte bis ins 18. Jahrhundert, bis das gesamte protestantische Europa, mit erheblicher Verspätung auch Russland (1918), den Gregorianischen Kalender übernahm. Aufgrund der zunehmenden Vernetzung war der internationale Handel und Verkehr ohne einheitliche Zeitrechnung nicht mehr reibungslos durchführbar.

 

4. Der Kampf um die Seelen. Habsburg und die Gegenreformation

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Die Reformation war im Reich der Habsburger auf fruchtbaren Boden gefallen. Nur durch massive habsburgische Unterstützung gelang der katholischen Kirche eine Erneuerung. Die alte Kirche zeigte neues Selbstbewusstsein. Die Jesuiten waren die Speerspitze der katholischen Gegenreformation. Man setzte auf Konfrontationskurs.

Mit Kaiser Rudolf II. übernahm eine offensivere, sich am gefestigten Katholizismus Spaniens und Italiens orientierende Richtung der Gegenreformation die Führungsrolle und löste die gemäßigte, auf Ausgleich abzielende humanistische Richtung, für die sein Vater Maximilian II. gestanden war, ab.

Rudolf II. wurde mit seinen Brüdern in Spanien erzogen, da die spanische Hauptlinie der Dynastie sicherstellen wollte, dass die jungen Prinzen im Sinne der katholischen Orthodoxie erzogen wurden. Von dort brachten sie ein stark von romanischen Kulturmustern geprägtes Selbstbewusstsein der katholischen Kirche mit zurück nach Mitteleuropa.

Immens wichtig für diesen Ideologietransfer waren die Jesuiten. Diese "Soldaten Gottes" waren dem Papst zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet, zeigten sich unerbittlich gegenüber Abweichungen von der katholischen Doktrin und agierten mobil und kosmopolitisch. Als Erzieher und Beichtväter vieler Habsburger der Barockzeit verfügten sie über großen politischen Einfluss bei Hof.

Bereits 1551 gründete Ferdinand I. in Wien die erste Niederlassung der Jesuiten im Reich, es folgten Gründungen in allen größeren Städten. In den habsburgischen Ländern waren sie vor allem im Bildungsbereich tätig. Es gelang dem Orden, eine Monopolstellung für höhere Bildung zu erreichen.

Die Jesuiten waren jedoch nur einer der "Neuen Orden" der Gegenreformation, die neue Impulse in Seelsorge und Spiritualität setzten. Ergänzend seien hier die Kapuziner, Piaristen oder Barmherzigen Brüder genannt. Daneben agierten erneuerte mittelalterliche Orden wie die Karmeliter, Franziskaner oder Serviten. Je nach Ausrichtung lag der Schwerpunkt auf Mission und Predigt, Bildung oder karitativen Einrichtungen.

Die Habsburger starteten nach 1600 eine regelrechte Klosteroffensive in Wien und den landesfürstlichen Städten. Da loyale katholische Adelsfamilien dem Beispiel der Dynastie folgten, kam es zu einer Gründungswelle von Klöstern im ganzen Reich. Ein nahezu flächendeckendes Netzwerk von Klöstern, Wallfahrtsorten und Denkmälern katholischer Frömmigkeit entstand.

Das Ziel, die Rückkehr der Masse der Bevölkerung zur katholischen Kirche, wurde aber nicht nur durch verstärkte Seelsorge und fromme Werke erreicht, sondern auch mit Terror und Gewalt: die habsburgische Staatsmacht zerstörte konsequent protestantische kirchliche Strukturen und verfolgte Nichtkatholiken unerbittlich.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Winkler, Anita: Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte, in: Die Welt der Habsburger Portal, online verfügbar unter: https://www.habsburger.net/de/kapitel/wenn-sich-zwei-streiten-freut-sich-der-dritte, zuletzt geprüft am 31.08.2026.

-> Winkler, Anita: Die Tage neu zählen, in: Die Welt der Habsburger Portal, online verfügbar unter: https://www.habsburger.net/de/kapitel/die-tage-neu-zaehlen, zuletzt geprüft am 31.08.2026.

-> Mutschlechner, Martin: Der Kampf um die Seelen. Habsburg und die Gegenreformation, in: Die Welt der Habsburger Portal, online verfügbar unter: https://www.habsburger.net/de/kapitel/der-kampf-um-die-seelen-habsburg-und-die-gegenreformation, zuletzt geprüft am 31.08.2026.

Sekundärliteratur

-> Albig, Jörg-Uwe: Jesuitenorden. Die Krieger des Herrn, in: Martin Luther und die Reformation. Europa im Zeitalter der Glaubensspaltung (GEO Epoche Jg. 2009, Heft Nr. 39), Hamburg 2009.

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Religion

Die Täuferbewegung

Inhaltsverzeichnis

1. Münsteraner Täufer: Das neue Jerusalem

1. Münsteraner Täufer: Das neue Jerusalem

Anhänger der radikalen Täuferbewegung bringen 1534 die westfälische Stadt Münster in ihre Gewalt. Sie gründen dort ein Königreich und erwarten das nahe Ende der Welt. Hunderte gehen für ihren Glauben in den Tod

ie Menschen im belagerten und ausgehungerten Münster feiern ausgelassen. Ihr König sitzt an einem reichlich gedeckten Tisch. Er ist eine prunkvolle Erscheinung: in Samt gehüllt, geschmückt mit einer goldenen Krone und einer Goldmünzenkette. Seine 16 Ehefrauen umschwärmen ihn. Die Stadtbewohner dagegen, allesamt Angehörige der radikal-religiösen Täufergemeinschaft, müssen sich mit einem kargen Mahl aus Brot und Bier begnügen. Sie tragen schmucklose Kleider, wie es ihr Herrscher befohlen hat. Nach dem Mahl lässt der König Trommeln und Lauten spielen und eröffnet mit seiner Hauptfrau den Tanz. Es sei Gottes Wille, lässt er ausrichten, nun fröhlich zu sein. Und wieder einmal glauben die Menschen ihrem charismatischen Führer. Sie singen und tanzen, als drohe keine Gefahr.

Es ist ein Totentanz. Denn in diesen Apriltagen des Jahres 1535 rüstet eine Übermacht von Feinden zum Angriff. Die Lage der Eingekesselten ist aussichtslos. Doch sie glauben noch immer, dass Gott ihnen, seinem auserwählten Volk, beistehen wird. Dass Christus vom Himmel herabsteigen wird, um über die Gottlosen zu richten – die Gerechten in diesem Neuen Jerusalem aber verschont. Und sie glauben an ihren König, Jan van Leiden, einen 26-jährigen früheren Schneider, der ihnen Gottes Gnade versprochen hat und innerhalb weniger Monate zu ihrem unumschränkten Herrscher wurde. Der Glaube der Täufer von Münster ist schwärmerisch und bedingungslos. Hunderte werden ihn mit dem Tod bezahlen.

SEIT ETWA 1525 spalten sich von der Reformationsbewegung immer mehr radikale Gemeinschaften ab, denen die Neuerungen Martin Luthers und des Zürichers Ulrich Zwingli nicht weit genug gehen. Sie streben nach einer Gesellschaft ohne kirchliche und weltliche Obrigkeit, nach einer Wiederherstellung des biblischen Urchristentums. Und sie sind davon überzeugt, dass nur die Taufe eines erwachsenen Gläubigen dem Willen Gottes entspricht; dagegen halten sie die Taufe von Säuglingen für nicht durch die Bibel belegt und somit für ungültig. Die anderen Gläubigen, auch Protestanten, nennen sie daher verächtlich „Wiedertäufer“.

Die verschiedenen Täufergruppen haben sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Erneuerung der Welt. In der Schweiz entstehen Gemeinschaften, die der Obrigkeit immer dann den Gehorsam verweigern, wenn sie sonst die Gebote ihres Glaubens brechen würden, etwa durch Kriegsdienst. In Mähren leben die nach ihrem Anführer benannten Hutterer auf Brüderhöfen in Gütergemeinschaft. In Süddeutschland bilden sich Gemeinden, die alle Ehen auflösen und ihre Mitglieder mit neuen Partnern verheiraten. Überall dort, wo die Täufergruppen auftreten, stehen sie schnell in dem Verdacht, Aufruhr gegen die Obrigkeit zu schüren. Obwohl die meisten ihrer Gemeinden strikt gewaltlos sind, werden sie verfolgt. Und 1529 verfügen Katholiken und Lutheraner auf dem Reichstag in Speyer die Todesstrafe gegen die Täufer. Auch in den Niederlanden werden die Täufer verfolgt. Ihr Anführer ist Jan Matthijs, ein Bäcker aus Haarlem und besonders radikaler religiöser Prophet, der das unmittelbar bevorstehende Ende der Welt und die Wiederkehr Christi voraussagt. Nur die Gerechten, die die Erwachsenentaufe empfangen haben, würden errettet. Im November 1533 gewinnt er den Leidener Jan Bockelson (den die Deutschen später Jan van Leiden nennen werden) für die apokalyptische Lehre.

Jan van Leiden, 1509 geboren, hat als wandernder Schneidergeselle in Flandern und England gearbeitet, später ist er als Kaufmann bis nach Lübeck und Lissabon gereist. Er ist weltoffen, redegewandt und schlagfertig, weiß die Menschen zu beeindrucken. Nach seiner Taufe gehört er zu den engsten Vertrauten von Jan Matthijs, der ihn zu einem seiner Apostel ernennt. Predigend und taufend reisen der Prophet und seine Apostel durch die Niederlande und finden rasch Anhänger. In dieser Notzeit voller Kriege, Seuchen und Hunger, die viele Menschen als Vorboten der Apokalypse deuten, versprechen Matthijs und seine Anhänger den Christen, sie könnten auf Gnade hoffen beim bevorstehenden göttlichen Strafgericht – wenn sie sich von ihnen taufen ließen. Matthijs sagt den Weltuntergang für Ostern 1534 voraus. Nun suchen er und van Leiden nach der rettenden Stadt, dem Neuen Jerusalem, in dem Gott alle Rechtschaffenen sammeln werde: Denn nur in der sicheren Stadt der Auserwählten könne man das Jüngste Gericht überstehen.

Anfang Januar 1534 schickt er zwei Missionare ins westfälische Münster. Dort bekennen sich die meisten Bürger zum Protestantismus. Nur in den Klosterkirchen und im Dom des Landesherrn Bischof Franz von Waldeck lesen katholische Priester die heilige Messe; die Pfarrstellen der sechs Gemeindekirchen hat der Rat hingegen mit Lutheranern besetzt. Die aber sind gespalten – manche Gläubige lehnen die Kindertaufe ab und wollen die Pastoren nicht durch den Rat einsetzen, sondern durch die Gemeinden wählen lassen. Doch bislang hat der Rat die Rebellen unterdrücken können. Nun aber wenden sich viele Gläubige der neuen Heilslehre aus den Niederlanden zu.

ALS JAN VAN LEIDEN einige Tage später von seinem Propheten nach Münster befohlen wird, ist die Stadt zu einer Hochburg der Täufer geworden: 1400 Anhänger zählt die Gemeinschaft bei der Ankunft des Apostels, etwa ein Fünftel der Stadtbevölkerung. Sollte Münster das Neue Jerusalem sein? Van Leiden organisiert die Gemeinde, lässt Andachten in Privathäusern abhalten und verbietet seinen Getreuen den Kirchgang – für ihn sind Lutheraner wie Katholiken gottlos. Doch als das Gerücht kursiert, der Rat wolle die Täufer den Soldaten des Fürstbischofs übergeben, geraten auch Lutheraner in Aufruhr. Eilig versichert die Stadtregierung daraufhin, sie werde die Täufer als dritte Konfession dulden. Wenige Tage später ist der letzte Zweifel ausgeräumt: Münster wird die neue Heimstatt des Gottessohns – denn mehrere Gläubige behaupten, sie hätten in den Wolken einen Reiter auf einem weißen Pferd mit einem Schwert in der Hand gesehen.

Nun bereitet der Bischof die Belagerung der Stadt vor. Aus Angst fliehen immer mehr Katholiken und Lutheraner. Wohl auch deshalb verlieren die gemäßigten Protestanten bei der Ratswahl vom 23. Februar 1534 die Mehrheit an die Radikalen. Jan Matthijs, inzwischen auch in Münster, errichtet gemeinsam mit van Leiden ein Täuferregiment. Ihre aufgehetzten Anhänger stürmen in die Kirchen, zerschlagen Altäre, durchlöchern Heiligenbilder, um sie als Aborte zu verwenden, werfen Reliquien auf die Straße, zertrümmern Taufsteine und schänden die Grabmäler der Bischöfe – für sie allesamt gotteslästerliche Götzenbilder. Doch der Bildersturm allein reicht ihnen nicht. Am frühen Morgen des 27. Februar laufen Männer mit Spießen und Hellebarden durch die Straßen der Stadt, stoßen Türen auf, drohen, Gott werde alle Ungetauften strafen. Mehr als 2000 Münsteraner fügen sich und empfangen auf dem Marktplatz von Predigern die Taufe. Andere verlassen die Stadt. Sie müssen ihren Besitz zurücklassen, selbst der Proviant für die Reise wird ihnen genommen.

Die verbliebenen Münsteraner tragen Kupferplaketten als Erkennungszeichen um den Hals, in die sind die Buchstaben „DWWF“ eingraviert. Sie verweisen auf ein Bibelzitat aus dem Johannes-Evangelium, „Das Wort ward Fleisch“. Es ist der programmatische Satz der Täuferherrschaft: Das Wort Gottes soll in Münster Wirklichkeit werden, indem Christus abermals auf der Erde erscheint. Das neue Stadtregiment verbietet, die Haustüren zu verriegeln, weil im Neuen Jerusalem, von dem die Johannes-Offenbarung berichtet, die Tore Tag und Nacht offen stehen sollen. Geld ist abgeschafft, ein jeder soll nach Vorgabe der biblischen Apostelgeschichte so viel besitzen wie der andere. Münzen, Silber und Gold werden eingesammelt und für die Gemeinschaft ausgegeben, um Lebensmittel und Waffen aus dem Umland zu kaufen.

Die Täufer verbrennen auf dem Markt Schuldscheine, Rechnungsbücher, Gerichtsakten und Besitzurkunden. Viele schreiben Briefe an Verwandte im Umland und fordern sie auf, schnell nach Münster zu kommen. Hier fänden sie ihr Seelenheil, hier würden sie vor Gottes Gericht gerettet. Mehr als 2000 Menschen suchen Zuflucht in der Stadt. Doch ihr Reich Gottes ist bedroht: Bischof Franz von Waldeck verstärkt den Belagerungsring, der aber immer noch äußerst lückenhaft ist, errichtet Reiterlager vor den Toren der Stadt und organisiert ein Söldnerheer. Geschütze werden aufgefahren. Der Bischof ist fest entschlossen, den Ort zu stürmen – und die Täufer, ihn zu verteidigen.

Die Bürgermeister regeln einen lückenlosen Wachdienst. Mit den zerschlagenen Statuen und Grabplatten aus den Kirchen verstärken Männer und Frauen die Befestigungsanlagen. Sie brechen die Spitzen der Kirchtürme ab, stellen Geschütze auf die so entstehenden Plattformen. Zugleich wird Jan Matthijs immer radikaler; Kritik duldet er nicht. Einen Mann, der es wagt, zu sagen, der Täuferführer habe wohl den Teufel im Leib, schießt er nieder. Viele aber folgen dem Propheten mit Begeisterung. Je näher Ostern rückt, desto ausgelassener wird die Stimmung. Am Karfreitag zieht die Gemeinde mit Glockengeläut und Fackeln durch die Straßen, um die nahende Wiederkunft Christi zu feiern.

Am Ostersonntag predigt Matthijs auf dem Marktplatz: Er sei der neue Gideon, einer der Richter aus dem Alten Testament, die einst als Heerführer Israel vom Joch der Knechtschaft befreiten. Anschließend zieht er, begleitet von einer kleinen Schar Getreuer, laut betend und singend vor die Stadt – mitten in die Reihen der feindlichen Söldner. Glaubt Matthijs, dass er als Prophet und Richter unbesiegbar ist? Oder zweifelt er an seiner eigenen Weissagung von der Wiederkunft des Heilands? Die Söldner jedenfalls haben leichtes Spiel mit den kaum bewaffneten Gottesmännern: Unter den Augen der Täufergemeinde machen sie fast alle nieder. Ein Landsknecht durchbohrt Matthijs mit dem Speer, schneidet ihm den Kopf ab und spießt diesen vor der Stadt auf.

NOCH AM ABEND tritt Jan van Leiden vor die verstörte Gemeinde und erklärt: Ihm sei bereits eine Woche zuvor in einer Vision Matthjis’ Tod offenbart worden; dessen Aufgabe sei erfüllt, nun sei es Gottes Wille, dass er selbst sein Nachfolger werde. Ein neues Datum für die Wiederkehr des Herrn nennt er nicht. Doch beauftragt seine Gemeinde ihn mit der Errettung möglichst vieler Menschen: Die Münsteraner sollen ihren Glauben über die ganze Welt verbreiten. Am Ende der Predigt sind die Täufer überzeugt: Gott hat Jan van Leiden zum neuen Propheten erkoren. Sie geraten in Ekstase, einige rufen „Oh Vater, gib die Liebe“ und tanzen auf den Straßen. Männer laufen mit gezücktem Schwert umher und rufen, der Herr habe ihnen die Waffe in die Hand gegeben, um Ungerechtigkeit zu strafen.

Bald darauf ernennt van Leiden zwölf Männer, die er „Älteste der Stämme Israels“ nennt. Sie treten an die Stelle des Rates, der sich freiwillig auflöst. Die Ältesten schaffen ein neues Recht, das sich nach biblischen Gesetzen richtet und nun auch Gotteslästerung, Geiz sowie Neid in schweren Fällen unter Todesstrafe stellt. Bescheidenheit ist Pflicht, die Ältesten regeln, wie viele Kleidungsstücke ein jeder besitzen darf. Gewänder der Reichen werden von Diakonen eingesammelt und an die Armen verteilt. Mitte Mai befiehlt der Bischof den ersten Angriff. Vier Tage lang versuchen die Belagerer, die Stadt mit Geschützen sturmreif zu schießen. Doch der Widerstandswille der Täufer ist ungebrochen, nachts bessern die Frauen Schäden an den Wällen aus. Ein Sturmversuch scheitert, die Belagerer verlieren mehr als 100 Soldaten.

DER ERFOLG BESTÄRKT JAN VAN LEIDEN. Er drängt zu immer radikaleren Reformen, um die vollkommene Christengemeinschaft zu erreichen. Im Alten Testament, predigt er, hätten Männer mehrere Gattinnen gehabt. Und so führt auch er die Vielehe ein, heiratet die Witwe des toten Propheten sowie im Verlauf weniger Monate 15 weitere Frauen. Auf einem Holzbrett sind die Namen seiner Frauen verzeichnet, daneben sind Löcher gebohrt. Mit einem Stab markiert er, welche Frau jeweils das Lager mit ihm teilen soll. Die Vielehe hat vor allem pragmatische Gründe: In der Täuferstadt herrscht Männermangel. Hier leben weit mehr als 5000 Frauen, aber nur 2000 Männer. Denn etliche der Geflüchteten haben ihre Ehefrauen in der Stadt zurückgelassen, in der Hoffnung, dass sie Haus und Hof bewahren können.

Doch die Polygamie sorgt für Unruhe in der Stadt. Selbst elfjährige Mädchen werden verheiratet, Frauen flüchten vor Zwangsehen, Streit unter den Gattinnen bricht aus. Der Unmut gegen das radikal-religiöse Regime und gegen die Vielehe wächst. In der Nacht des 29. Juli 1534 schlägt eine Gruppe von mehr als 150 Verschwörern zu. Sie nehmen van Leiden gefangen und plündern das Rathaus. Doch die loyalen Täufer sind in der Überzahl, drängen in harten Kämpfen die Aufständischen ins Rathaus, wo sie sich geschlagen geben müssen. 47 Verschwörer werden auf dem Domplatz erschossen oder enthauptet. Weit größere Gefahr als aus den eigenen Reihen droht dem Täuferreich von den Truppen vor der Stadt. Der Bischof hat ein Heer von 8000 Söldnern angeheuert, und am 31. August beginnt der nächste Angriff. Gegen sechs Tore gleichzeitig rücken die Soldaten diesmal vor, doch erneut gelingt es den Münsteranern, die Attacke abzuwehren.

Kurz darauf erhebt ein Goldschmied bei einer Versammlung das Wort. Gott habe ihm offenbart, dass Jan van Leiden ihr König sein solle. Eigentlich wolle er lieber Schweinehirte sein, verkündet der Prophet seiner Gemeinde, aber er müsse nun wohl Monarch werden, weil Gott ihn dazu auserkoren habe. Und so lässt sich der einstige Schneider zum König erheben. Der frisch gekürte König der Täufer erschafft sich eine prunkvolle Gegenwelt. Er residiert in einem Herrenhof auf dem Domplatz, der nun „Berg Zion“ heißt. Die Königin und die Nebenfrauen leben im Nachbarhaus. Seine Kleider sind aus reich verzierten Stoffen genäht, er lässt sich Krone und Zepter schmieden. 148 Bedienstete umfasst sein Hofstaat.

Meist erscheint er vor seinen Untertanen hoch zu Ross, Sattelbeschläge und Sporen vergoldet, umgeben von seinem Gefolge in prächtiger Uniform. Bei Gottesdiensten thront er auf einem imposanten erhöhten Sessel, zu seinen Seiten zwei Jungen, die eine Bibel und ein Schwert halten. Er habe nun den Stuhl Davids eingenommen, verkündet van Leiden, und sei ein König der Gerechten. Längst ist die Täuferstadt im ganzen Reich bekannt. Begierig werden die Flugschriften gelesen, die Gerüchte von Vielehe und Unkeuschheit verbreiten. Martin Luther verfasst eine wütende Polemik gegen die „elenden Leute zu Münster“ und schreibt: „Muss man’s doch an der Wand greifen, dass der Teufel daselbst leibhaftig Haus hält, ein Teufel auf dem anderen, wie die Kröten sitzen.“

Im Frühjahr des Jahres 1535 wird die Niederwerfung der Täuferherrschaft zu einer Angelegenheit des Reiches: Fürsten und Städte – Katholiken wie Lutheraner – beschließen auf einer Versammlung, einen Teil der Belagerungskosten zu übernehmen. Das ist eine Kriegserklärung an die Täufer. Schon zuvor hat Bischof Franz von Waldeck mit dem Bau von neuen befestigten Lagern und Palisaden begonnen. Im April ist Münster völlig von der Außenwelt abgeschlossen. Keine Lebensmittellieferung erreicht mehr die Stadt, in der nun eine Hungersnot ausbricht. Die Menschen essen Pferde, Hunde und Katzen. Jan van Leiden ist in diesen Tagen oft melancholisch, wirkt auf öffentlichen Veranstaltungen teilnahmslos. Doch Anfang Mai organisiert er die Verteidigung der Stadt neu, verteilt die Befehlsgewalt auf mehrere Kommandeure, lässt einen Oberbefehlshaber durch das Los bestimmen. Und er versucht die Gemeinschaft zu festigen, indem er bislang verpönte Vergnügungen mit Musik und Tanz organisiert. Gegen Abweichler aber lässt er harte Strafen aussprechen, enthauptet mit eigener Hand eine seiner Frauen, als die ihn kritisiert. Weil jedoch der Brotvorrat zur Neige geht, muss er zulassen, dass Hunderte Menschen, darunter viele wehrfähige Männer, aus der Stadt fliehen.

DER ENTSCHEIDENDE ANGRIFF auf Münster beginnt in der Nacht auf den 25. Juni 1535. Verräter haben den Belagerern die Schwachstellen der Verteidigung gezeigt. Landsknechte stürmen nun die Stadt, zerren die Täufer aus den Häusern und töten sie auf den Straßen. Erst am dritten Tag der Eroberung endet das Morden, bei dem 650 Menschen sterben. Der Bischof Franz von Waldeck zieht in die Stadt ein, Münster wird wieder katholisch. Ein halbes Jahr später werden Jan van Leiden und zwei weitere Täuferführer auf dem Markt an Pfähle gebunden. Vier Stunden lang reißen die Henker ihnen mit glühenden Zangen das Fleisch von den Knochen. Ihre toten Körper binden sie in Eisenkörbe und hängen sie zur ewigen Abschreckung an den Turm der Lambertikirche. Das Täufertum in Münster ist damit vernichtet. Das Scheitern bestärkt den friesischen Prediger Menno Simons, dessen Bruder einer der zwölf Ältesten in Münster war, eine neue Täufergemeinschaft zu gründen, die zum Grundsatz der Gewaltlosigkeit zurückkehrt. Heute gehören die Mennoniten zu den größten freikirchlichen Gemeinden der Welt. Vom Ende der radikalen Täufer aber künden noch immer die eisernen Käfige am Münsteraner Lambertiturm.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Büchse, Nicolas: Münsteraner Täufer. Das neue Jerusalem, in: Martin Luther und die Reformation (GEO Epoche Jg. 2009, Heft Nr. 39), Hamburg 2009. 

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Reichsmünzordnung

Kommunikation und Vernetzung

Kommunikation und Vernetzung

Die Post

Inhaltsverzeichnis

1. Kommunikationsgeschichte1505: Die Gründung der Post im Heiligen Römischen Reich

1. Kommunikationsgeschichte1505: Die Gründung der Post im Heiligen Römischen Reich

Die Gründung der Post im Jahr 1505 markierte einen Wendepunkt in der Kommunikation. Mit festen Routen und strikten Regeln revolutionierte Franz von Taxis den Nachrichtentransport – eine Entwicklung, die eng mit Buchdruck, Handel und politischem Wandel verknüpft war.

Es ist die Zeit der großen Umbrüche: Die Erfindung des Buchdrucks in Europa, der vermehrte Einsatz von Kanonen auf den Schlachtfeldern und das Aufkommen des Transportwesens für Menschen und Waren signalisieren das Ende des Mittelalters und den Beginn einer neuen Ära: der Moderne.

Mit diesen Entwicklungen breiten sich Renaissance, Humanismus und die Reformation über den europäischen Kontinent aus. Am Beginn des 16. Jahrhunderts regieren sowohl im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation als auch im Königreich Kastilien und Leon die Habsburger.

Franz von Taxis und die erste organisierte Post

Philipp I. von Habsburg (1478–1506), genannt der Schöne, der seit 1504 durch Heirat König von Kastilien und Leon ist, schließt 1505 einen Vertrag mit Franz von Taxis über den Transport seiner Post – vor allem zwischen Kastilien, im heutigen Zentralspanien, und dem Habsburgerreich.

Philipp I. von Habsburg (1478–1506), genannt der Schöne, war von 1482 bis 1506 Herzog von Burgund und der erste Habsburger als König von Kastilien unter dem Namen Philipp I.
© IMAGO / H. Tschanz-Hofmann
Philipp der Schöne (1482-1506 Herzog von Burgund, 1504-1506 König von Kastilien und Leon)

Das Unternehmen von Franz von Taxis richtet feste Routen und Reisezeiten ein und legt so den Grundstein für ein Unternehmen, das nach 1530 stark expandieren sollte. In den ersten beiden Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts hatte sich das Postaufkommen unter anderem wegen des Buchdrucks stark erhöht, sodass eine Ausweitung des Angebots notwendig wurde.

Buchdruck erhöht Postaufkommen

Seit 1530 ist vertraglich geregelt, welche Postsendungen innerhalb welcher Zeit und auf welchen Routen transportiert werden müssen. Es gibt seitdem "normale" Briefe und Eil- oder Sonderpost, die häufiger und schneller von einem Ort zum anderen gebracht werden muss. Zehn Jahre später wird es Kaufleuten per Erlass sogar verboten, ihre Post auf eigenen Wegen zu transportieren. Sie müssen nun ihre Geschäftspost immer und ausschließlich durch das Transportunternehmen des Franz von Taxis befördern lassen.


Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Kommunikationsgeschichte1505: Die Gründung der Post im Heiligen Römischen Reich, in: Deutschlandfunk Nova, online verfügbar seit 28.03.2025 unter: https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/kommunikationsgeschichte-1505-die-gruendung-der-post-im-heiligen-roemischen-reich, zuletzt geprüft am 19.01.2026.

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Sekundärliteratur

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Kommunikation und Vernetzung

Zeitungswesen

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1. Zeitungswesen. Eine Revolution zum Lesen

1. Zeitungswesen. Eine Revolution zum Lesen

Eine epochale Entwicklung geht mit dem Ausbau des Postnetzes in den deutschen Landen einher: Immer schneller gelangen Nachrichten nun von Ort zu Ort. Der Straßburger Drucker Johann Carolus weiß dies zu nutzen – und begründet 1605 die erste Zeitung der Welt

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Wohlhabend und günstig an Verkehrsrouten gelegen ist Straßburg um 1600: ideal für Produktion und Vertrieb eines Nachrichtenblattes

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Ein Krieg zwischen Gänsen und Enten hat diese 1588 in Nürnberg veröffentliche ,,Zeyttung'' zum Thema. Einblattdrucke wie dieser gelten als Vorläufer der mehrseitigen und vor allem regelmäßig erscheinenen Zeitung.

 

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DIE IDEE von Johann Carolus: Nachrichten sammeln, drucken und zu einem festen Termin in der Woche an die Leserschaft verkaufen (Titelblatt der »Relation«, Januar 1609)

 

Er, Johann Carolus, nicht älter als 30, Sohn eines protestantischen Pfarrers, hat schon viel erreicht, als das Jahr 1605 anbricht. Seine Heirat mit der Straßburgerin Anna Frölich, sechs Jahre zuvor, hat ihm die Bürgerrechte in der 25 000-Einwohner-Stadt eingebracht. Damit gehört er zur etwa 4000-köpfigen Elite, die unter anderem über das aktive und passive Wahlrecht für den Rat verfügt. Und seit dem 21. Juli 1604 ist der gelernte Buchbinder Besitzer einer Druckerei. Drei Druckerpressen gehören ihm nun, ein Schriftenvorrat an beweglichen Lettern im Gesamtgewicht von 34 Zentnern, dazu 60 Ballen Papier mit je 5000 Bogen sowie bereits gedruckte Bücher im Umfang von ganzen 130 Ballen Papier.

Allerdings hat Carolus dafür einen Kredit aufnehmen müssen. Zehn Jahre Laufzeit bei fünfprozentiger Verzinsung. Und er ist nicht der einzige Druckereibesitzer in der elsässischen Metropole, die ihrer Nähe zum Rhein die Prosperität und Liberalität einer Handelsstadt verdankt. Carolus muss sich anstrengen, die Produktivität des Ehepaars – Anna Frölich wird ihm zehn Kinder gebären – auch beruflich zu erhöhen.

Neben dem Verlegen von Büchern, darunter religiöse und historische Werke, Dichtung und satirische Schriften, auch Bände zur Astronomie, zur Zoologie oder Büchsenmacherei, versucht er sich noch in einer zweiten Profession: Er lässt von auswärts eintreffende Nachrichten handschriftlich vervielfältigen, um sie gegen eine „Ergötzlichkeit“, eine Vergütung, an „ettliche Herren“ der Straßburger Gesellschaft zu verteilen, vielleicht ein Dutzend Größen der Stadtpolitik, gelehrte Köpfe, reiche Kaufleute.

Nur: Es ist die Profession der „Novellanten“, auch „Avisenschreiber“ oder „Zeitunger“ genannt, die es in ihren allerersten Ursprüngen so bereits seit einem Jahrhundert gibt. Und sie ist mühsam, zeitaufwendig. „Dieweil es mit dem Abschreiben langsam zugangen“ ist, wie Carolus beklagt, kommt ihm eine Idee, die für ihn womöglich nur einen kleinen Schritt bedeutet. Aber aus Sicht der Nachwelt nicht weniger ist als eine Revolution: Am Platz bei der Sankt-Thomas Kirche zu Straßburg erscheint wohl im September des Jahres die erste gedruckte Zeitung der Welt.

„Relation“ nennt sie ihr Schöpfer Carolus, aus dem lateinischen Wort referre, „wiedergeben, berichten“, abgeleitet. Und wenn sie 1605 bereits erfüllt, was 1609 in ihr zu lesen sein wird (dem Jahr, aus dem erste Exemplare von ihr erhalten sind), so widmet sie sich „aller fürnemmen und gedenckwürdigen Historien“, die sich aus „Hoch unnd Nieder Teutschland“ berichten lassen, aber auch aus „Franckreich / Italien / Schott und Engelland“, aus „Hispannien“ bis hin zur „Türckey“. Die „Relation“ erscheint wöchentlich mit einem ferttigt“, seinem „großgünstigen Leser“ offerieren kann: Neuigkeiten aus Prag und Wien etwa, Köln und Antwerpen, Venedig und Rom. Und damit viel mehr, als rund anderthalb Jahrhunderte zuvor die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg ermöglicht hat. Bücher haben das gesammelte Wissen der Vergangenheit zum Inhalt, die vermeintlich feststehenden Lehren der Religion und der Philosophie. Zeitungen aber die Gegenwart; aus ihr abgeleitet womöglich auch die Zukunft. Auf dem Rücken der Pferde nimmt diese Veränderung Geschwindigkeit auf. Genauer: mit der Post – Umfang von vier, manchmal sechs Seiten. Etwa 1750 Wörter umfasst eine Ausgabe, die nun mithilfe von Setzkasten und Druckerpresse beliebig oft vervielfältigt werden können.

Es ist ein stiller Übergang in eine neue Epoche – aber er markiert die Geburtsstunde des ältesten Massenmediums der Neuzeit. Markiert jenen Wendepunkt, an dem sich in der Zeitung vier Eigenschaften vereinen, die zu Bausteinen einer modernen politischen Öffentlichkeit werden: Periodizität, also verlässlicher, dauerhafter Nachschub an Informationen. Publizität, also generelle Verfügbarkeit für das gesamte lese- (und zahlungs-)fähige Publikum. Aktualität, was die Zeitung vom Buch unterscheidet. Und Universalität, also prinzipiell unbegrenzte inhaltliche Vielfalt. Voraussetzung für all das ist ein entwickeltes Nachrichtennetz.

Besonders sie, die immer engmaschigeren Wege des Informationstransfers, sind der Motor für das, was Johann Carolus, „bey der Nacht eylendt geund mit dem Datum 1490. In diesem Jahr wird eine kaiserlich-habsburgische Stafettenpost durch Angehörige des lombardischen Geschlechts de Tassis (eingedeutscht Taxis, später die Fürsten von Thurn und Taxis) in Diensten von Kaiser Maximilian I. eingerichtet, zwischen Mechelen bei Brüssel und Antwerpen im Norden und Innsbruck im Süden, von wo Verbindungen nach Venedig und Rom bestehen.

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SETZER UND DRUCKER arbeiten in einer Werkstatt zusammen (Stich, um 1600). Ähnlich entsteht auch Carolus’ stilbildende Zeitung, die selbst in Fragen der Konfession streng neutral bleibt

 

Die Route führt über Augsburg und auch über das von Straßburg knapp 100 Kilometer entfernte Rheinhausen, was später zum Vorteil von Johann Carolus werden soll. Wichtig aber ist vor allem, was auf ihr und den immer enger vernetzten Zulieferstrecken geschieht: Rationalisierung durch die Portionierung des Raumes. So wie sich die Nachrichtenschreiber an den Ausgangsorten professionalisieren werden, Neuigkeiten nicht mehr nur im elitären Herrendienst für einzelne Auftraggeber verfassen, sondern sie systematisch sammeln, so wird den Postreitern ein strenges Reglement vorgegeben. Sie haben Stundenzettel zu führen, sie haben ein vorgegebenes Tempo zu halten, ungefähr eine deutsche Meile pro Stunde zu absolvieren, mithin rund 7,5 Kilometer. Sie haben sich ihre Fracht am nächsten Posten – italienisch mit dem Wort posta bezeichnet, dem Namensgeber der Post – quittieren zu lassen. Ein Galgensymbol auf den Stundenzetteln droht ihnen andernfalls Strafe an.

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EIN POSTREITER bläst in sein Horn. Die Männer, die seit 1490 im Dienst des Kaisers unterwegs sind, müssen ein Mindesttempo erreichen und sogar Stundenzettel darüber führen

 

„Cito Cito Cito Cito volande di et nocte senza perdere tempo“ ist auf einem Poststundenzettel des Mailänder Kuriermeisters Tomaso Brascha vom 6. Februar 1495 zu lesen, um ein Uhr nachts für einen Reiter nach Innsbruck ausgegeben. „Schnell schnell schnell schnell fliegend bei Tag und Nacht, ohne Zeit zu verlieren.“ Und bei Tag und Nacht reiten sie, auch wenn es noch kaum gute Straßen gibt.

Bei den in regelmäßigen Abständen eingerichteten Stationen wechseln die Boten ihr Pferd oder übergeben die beförderten Briefe und Dokumente an ausgeschlafene Kuriere. Ohne Rastzeiten reist die Fracht so immer weiter, 180 Kilometer in 24 Stunden oftmals, zumindest im Sommer. Durch den Ausbau eines Postensystems verkürzt sich die Transportdauer etwa auf der Strecke Hamburg–Augsburg von rund 30 Tagen um 1500 herum auf elf im Jahr 1615.

Dabei ist das Tempodiktat keine Marotte ehrgeiziger Postmeister. Sondern trifft auf die Begehrlichkeit eines wachsenden Publikums. Die Höfe im Reich, die Diplomaten, die gelehrte Elite in den Klöstern haben sich auch zuvor schon mit Korrespondenzen versorgen lassen. Nun aber ist es zunehmend auch der Stadt- und Landadel, sind es Beamte, Domherren und Professoren, sind es die Handelsherren und Großkaufleute, die etwa über Wechselkurse informiert sein wollen, mehr noch über Kriege, Erbstreitereien, einen Staatsbankrott in Spanien oder auch Naturereignisse, die Auswirkungen auf ihre Belange haben könnten. Sie wollen nicht nur wissen, sie wollen Entscheidungshilfen.

Von den im 16. Jahrhundert blühenden „Neuen Zeitungen“, die etwa von Botengängern zu Fuß verbreitet werden, von Bänkelsängern vorgetragen, von Bauchladenverkäufern auf Märkten angeboten, hat diese Klientel wenig. Es sind Einblattdrucke oder wenige Seiten umfassende Heftchen, gefüllt mit Geschichten über wilde Tiere, schreckliche Morde, Missgeburten und Wunder, über Kometen, die „Pestilenz Seuch und großen Neid, Erdbeben und eines Fürsten End“ mit sich bringen; eine Art Boulevardmedium, abgestellt auf die Gier nach Sensationen. „Warhafftige Newe Zeitung“ nennen sie sich. Oder auch „Erbärmliche“ oder „Erschröckliche“ Zeitung, wobei der Begriff noch nicht eine regelmäßig erscheinende Publikation meint, sondern die einzelne „Nachricht“ oder „Neuigkeit“.

Hingegen mangelt es den seriösen Medien des ausgehenden 16. Jahrhunderts an der erwünschten Aktualität. Ein Schritt, diesem Manko entgegenzutreten, sind da jene „Messrelationen“, deren erste anlässlich der Frankfurter Herbstmesse von dem gelehrten Schriftsteller Michael von Aitzing 1583 unter dem Namen „Relatio Historica“ herausgegeben wird: eine bald darauf halbjährlich erscheinende Dokumentensammlung zu reichspolitischen Konflikten. Die Publikationsform hat großen Erfolg, wird von etlichen Autoren und Verlegern aufgegriffen. Zwar kommt sie dem aktuellen Geschehen schon recht nah, ist aber noch eher Buch als Zeitung. Und mitunter, wie ein Verfasser solcher Messrelationen die Werke der Konkurrenten beschimpft, doch „auf den Gassen mit dem Besen zusammengeraspelt und -gekehrt“.

Vor allem aber: Auch die Halbjahreskompendien erfüllen nicht, was dann erst den Reiz der Zeitungen ausmachen wird. Die erst werden die Neugier eines Publikums in schneller Taktung befriedigen können. Zumal in einer Zeit rasch wechselnder Konflikte; vom Hin und Her im Krieg osmanischer und habsburgischer Truppen in Ungarn und auf dem Balkan bis zum glimmenden Feuer zwischen protestantischen und katholischen Reichsständen im territorial parzellierten Zentraleuropa, das 1618 zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges führen wird. Augsburg ist gemischtkonfessionell, Frankfurt vorwiegend protestantisch, Köln katholisch. Per Post aber gelangen Neuigkeiten aus allen Regionen in sämtliche große Städte. Von Konstanz bis Königsberg, von Salzburg bis Riga. Post überwindet Glaubenseifer und Grenzen aller Art, macht die Welt kleiner. Mithilfe besserer Karten. Mit Tempo. Mit immer mehr Verteilerstationen. Es ist ein steter Prozess, der völlig unabhängig von allen sonstigen Geschehnissen verläuft, unabhängig von Krieg, Pest, Hungerkrisen, unabhängig vom Umfang des Handelsvolumens oder Schwankungen in der Bevölkerungszahl. Das Wachstum im Handel mit der Ware Nachricht ist nicht mehr aufzuhalten. Was Rinnsal war, wird Flut. So unumkehrbar wie später die Industrielle Revolution.

Der Druckereibesitzer Johann Carolus ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. An der zentralen mitteleuropäischen Postroute begegnen sich jeden Freitag in Rheinhausen die Reiter jener Stafetten, die zwei Tage zuvor gleichzeitig in Brüssel und Augsburg ihren Kurs aufgenommen haben. Zugleich kann Carolus auf eine Verbindung nach Frankfurt am Main setzen, um noch schneller an Nachrichten aus Köln und damit auch aus den Niederlanden, Norddeutschland, England und Frankreich zu kommen.

Am späten Mittwoch treffen sie bei ihm in Straßburg ein, bald darauf stehen sie in seiner „Relation“. Es ist eine schmucklose Zeitung mit raumsparender Schrifttype, einer durchschnittlichen Zeilenlänge von 90 Zeichen, ohne typografische Kunstgriffe, ohne Schlagzeilen, zumeist ohne Absätze in den einzelnen Berichten gedruckt. Nur einmal im Jahr, jeweils zu Jahresbeginn, stellt ihr Carolus ein Schmucktitelblatt sowie eine persönliche Ansprache und Glückwünsche an seine Leserschaft voran.

Aber nicht die Gestaltung ist die Sensation, sondern das, wovon die maßgeblichen Personen des Straßburger Stadtlebens (und zunehmend auch Kunden in anderen Orten) erfahren können, seit ihnen die „Relation“, wie Jahrhunderte später einmal über die Segnungen der Presse geschrieben werden wird, „die Goldbarren des Wissens in gangbare Scheidemünzen“ umprägt. Nur, und das ist für das beginnende 17. Jahrhundert tatsächlich aufregend zu nennen, 26 Tage sind die meisten Nachrichten alt, die im Jahrgang 1609 der „Relation“ aus Rom zu lesen sind. 20 Tage jene aus Venedig, jene aus Wien manchmal nur 15 und zwölf jene aus Prag, sieben die Neuigkeiten aus Köln. Jede mit Herkunft und Datum versehen. Selbst von Begebenheiten in Persien und Usbekistan wird berichtet, insgesamt 352 Meldungen aus 17 Herkunftsorten.

Carolus veröffentlicht die Nachrichten „anderst nicht, das wie sie geschriben“; nur Schreibfehler korrigiert der gebildete Verleger, der sich in der Antike auskennt und wohl des Griechischen mächtig ist. Fremdwörter und ausländische Eigennamen lässt er kursiv drucken, übersetzt sie mitunter.

 

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IN HOLSTEIN soll dieser »abscheuliche« Fisch angeblich gefangen worden sein. Den Erfolg der Zeitung indes machen vor allem politische Neuigkeiten aus (Einblattdruck, 1599)

Von Galileos Fernrohr-Innovation erfahren seine Leser, gelegentlich von „Banditten“, auch einmal von einem Hauseinsturz in Erfurt, bei dem 20 Gäste einer Hochzeitsgesellschaft sterben. Aber Nachrichten von militärischen und politischen Verschiebungen dominieren die „Relation“; etwa von Waffenstillstandsverhandlungen in den Niederlanden, deren nördliche Provinzen seit Jahren Krieg um ihre Unabhängigkeit gegen die spanischen Habsburger führen, oder von Konflikten zwischen Herrschern und Ständen in Wien und Prag.

Dass sie frei von Kommentaren ist, eher puristisches Faktenreferat, dass sich der überzeugte Protestant Carolus selbst in konfessionellen Fragen jeglicher Wertung enthält, ist stilbildend für viele Zeitungen, die nach der „Relation“ kommen werden, zumindest für die ersten Jahrzehnte nach 1605. Als wichtig für seinen Verkaufserfolg schätzt Carolus wohl ein, dass seine Zeitung als objektive Informationsquelle gilt. Und mit der Zensur nicht über Kreuz gerät. Denn die gibt es natürlich in seiner Zeit, auch in der Reichsstadt Straßburg.

Eine Rüge trifft ihn trotzdem. Anlass ist der Hinweis auf eine offenbare Finanzkalamität der kaiserlichen Administration 1609 in einer Nachricht aus Prag. Die osmanische Gesandtschaft, die „tag und nacht nichts anders als Fressen und Sauffen“ im Sinne habe und die man daher gern loswerden wolle, habe der Kaiser mit 5000 Talern auf die Heimreise zu schicken befohlen, das Geld sei aber nicht aufzutreiben (woraufhin die „Türckische Bottschafft“ in Prag bleibt). Das ist selbst dem protestantischen Straßburger Rat zu respektlos, da zu „schimpff und verkleinerung“ der kaiserlichen Majestät einladend. Carolus leistet, „daruber bekümmert“, eilig Abbitte.

Einen größeren Schlag hat er bereits im Gründungsjahr der „Relation“ hinnehmen müssen: Sein Begehr, die Stadt möge ihn mit einem Monopol für den Zeitungsdruck vor etwaigen Nachahmern bewahren, wird „runde“ abgelehnt. Schlecht für Carolus, gut aber für die unternehmerische Freiheit in den Medien, die im Folgenden auch die Konkurrenz in anderen Städten anstachelt. Ab 1609 erscheint in Wolfenbüttel die wohl weltweit zweite Zeitung: der „Aviso“.

Noch ist auch dieses Blatt, wie ein Jahr darauf eine Zeitung in Basel, 1615 eine in Frankfurt, 1617 in Berlin, 1618 in Hamburg, 1619 in Danzig, Freiburg, Halberstadt, Hildesheim, Stuttgart, 1620 in Köln (und noch eine in Frankfurt), 1621 in Güstrow, 1622 in Wien, Königsberg und gleich zwei in Zürich, nur einmal wöchentlich zu bekommen. Aber das Medium Zeitung ist nicht mehr aufzuhalten, besonders der Dreißigjährige Krieg hilft dabei. Die Menschen wollen wissen, was anderen und vor allem ihnen selber blühen (oder drohen) könnte.

 

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MEILENSCHEIBEN geben die Entfernung von der Stadt im Zentrum, hier Nürnberg, zu Orten in allen Himmelsrichtungen an. Sie helfen, das Post- und Nachrichtenwesen zu organisieren (1612)

Und so erscheinen viele Blätter bald zwei-, dreimal die Woche oder noch öfter, die erste Tageszeitung der Welt schließlich, täglich außer sonntags, kommt ab dem 1. Juli des Jahres 1650 in Leipzig unter dem Titel „Einkommende Zeitungen“ heraus (kurzfristig allerdings nur).

Nun, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, setzt auch eine verstärkte Reflexion über die Zeitungen ein, die zur beliebtesten weltlichen Lektüre im deutschen Sprachraum werden, zum Leitmedium ihrer Epoche. Sie reicht von Hymnen und einem Gefühl des Befreitseins bis zur Verachtung der Zeitgenossen. Den einen sind die wöchentlichen „Avisen“ Erwachsenenbildung und wichtigstes Organ der Erkenntnis und eines eigenständigen Denkens. „Ein Zeitungsleser / hat oft Gedanken / die ihme kein Kayser wehren kann / wenn er ihn gleich todt schlüge“, schreibt einer. Zeitungen, schwärmt ein anderer, nähmen junge Leute „gleichsam bey der hand in das Reichs und VölkerRecht“, wobei die in einer Viertelstunde mitunter mehr lernen als „vom besten Doctor in einem Monat und länger“. Zeitungen, heißt es, könnten „insgemein jedermänniglich“ nützen und jene Erfahrenheit mit sich bringen, die „gute Politicos“ auszeichne.

Das Postwesen, Grundlage der Zeitungen, wird jemand rund 100 Jahre später schreiben, habe den „Adlerflug, welchen unsere neuere Literatur genommen hat“, ermöglicht und sei unter den Ursachen, „durch deren Zusammenfluß unser kleines Europa zum herrschenden Welttheil und zum ausschließenden Size aller Cultur und Politik geworden ist“, eine der wichtigsten.

Andere, wie 1614 bereits ein Schreiber, geißeln Zeitungen hingegen als „mehr lügentlich als gleublich“. Oder die „Zeitungssucht“, wie sich jemand 1676 mokiert, als „Torheit der Gegenwart“. Es sind Verliererstimmen.

Hat die „Relation“ des Straßburger Verlegers Carolus wohl selbst im Dreißigjährigen Krieg nicht mehr als 150 Abonnenten erreicht, so schaffen es andere Blätter in jener Zeit auf 450, einzelne wohl gar auf 1500 Bezieher. Neben den „Neuen Zeitungen“ mit ihrer Sensationsberichterstattung, von denen im 17. Jahrhundert Schätzungen zufolge noch rund 8000 gedruckt werden, etablieren sich zeitgleich etwa 200 ernstzunehmende, periodisch erscheinende Blätter an rund 80 Druckorten im deutschsprachigen Raum. Zwar gehen viele im Lauf des Jahrhunderts auch wieder ein, doch an dessen Ende existieren immerhin um die 60. 14 der 32 Zeitungsstädte im Europa des Jahres 1669 liegen auf dem Gebiet des heutigen Deutschland, dazu kommen Zürich, Bern, Wien, Stettin und Danzig. Die heutigen Niederlande und Belgien sind mit sechs Standorten vertreten, während der Balkan, Osteuropa, Süditalien, die Iberische Halbinsel da noch ganz ohne Zeitung sind und in Staaten wie Frankreich, England, Schweden, Dänemark nur in den Hauptstädten welche erscheinen. Bis zu 250 000 Leser erreichen womöglich die deutschen Blätter, und damit immerhin ein Viertel der lesefähigen Million, die für das 17. Jahrhundert in ihrem Verbreitungsgebiet angenommen wird; mit weitaus höheren Quoten in den Städten. Sind Handwerksgesellen darunter, müssten sie (im günstigsten Fall) etwa einen Wochenlohn für das Jahresabonnement einer Wochenzeitung berappen. Zudem werden die Zeitungsexemplare auch weitergereicht: Höfe und Regierungsbeamte verlieren ihr Monopol auf Wissen.

Und die Zeitungen wandeln sich. Werden zunehmend von Berufsjournalisten erstellt. Beginnen, Nachrichten zu gewichten und zu kommentieren. Konkurrieren miteinander. Fangen an, zu egalisieren. Und verstoßen gegen das Wesen der hergebrachten Gesellschaften, deren Kern die Unveränderlichkeit der Verhältnisse sein sollte. Nun aber herrscht die Neuigkeit.

Was Johann Carolus 1605 in Straßburg angestoßen hat, kulminiert knapp 100 Jahre später in der kosmopolitisch ausgerichteten Hafenstadt Hamburg – in der Existenz von acht Zeitungen zugleich in der Handelsmetropole und in Altona nebenan. Der „Nordische Mercurius“, zeitweise zwei-, dann viermal die Woche am Markt, gilt als qualitätsvollstes Presseprodukt seiner Zeit. Er operiert mit schlagzeilenträchtigen Zwischentiteln und, bedeutender noch für die Pressegeschichte, auch mit Lokalnachrichten. Um 1700 schreibt ein Zeitungskundler, die „Hamburger Gazetten“ seien „wohl die vollkommensten“.

Die Straßburger „Relation“ gibt es da längst nicht mehr. Johann Carolus ist 1634 gestorben. Was der größte Ertrag jenes Mediums ist, an dessen Wiege er stand, fasst noch im Geburtsjahrhundert der Zeitung das allgemeinwissenschaftliche Blatt „Relationes Curiosae“ zusammen: „Glückselig ist der Mensch von jedermann zu nennen / Der auch den Ursprung kann der Dinge recht erkennen.“

 
 
 
 
 
Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Gaede, Peter-Matthias: Zeitungswesen. Eine Revolution zum Lesen, in: Deutschland um 1600. Katholiken gegen Protestanten (GEO Epoche Jg. 2023, Heft Nr. 124), Hamburg 2023, S. 62-70.

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Wissenschaft um 1500


Wissenschaft um 1500

Erforschung der Welt

Inhaltsverzeichnis

  1. Sebastian Münster. Cosmographia. Das Wissen der Welt.
  2. Kartografie. Auf exaktem Kurs

1. Sebastian Münster. Cosmographia. Das Wissen der Welt.

Sebastian Münster liebt das Abenteuer – solange er sich nicht selbst in Gefahr begeben muss. Stattdessen erschafft er aus Berichten von Entdeckern eine allumfassende Weltbeschreibung, die 1544 gedruckt und sogleich zum Bestseller wird: ein Kompendium des Wissens, das beredt Kunde ablegt von der Neugier, aber auch von den Ängsten der Menschen am Beginn der Neuzeit

Wie sonderbar sind doch die Menschen, die diese Erde bevölkern! Die Trogodyten zum Beispiel „kriechen in Höhlen und nähren sich von Schlangen“; kein Wunder, dass sie nicht sprechen: Sie zischen eher. In Indien gibt es Wesen ohne Mund, die von Gerüchen leben, und Zyklopen, die ihr einziges Auge auf der Stirn tragen. Andere haben nur einen Fuß, doch der fällt dafür umso größer aus: „Wenn sie die Sonne mit großer Hitze quält, legen sie sich auf den Rücken und beschatten sich selbst mit ihrem Fuß.“ Den armen „Blemyern“ in Afrika hingegen „fehlen die Köpfe“, doch das macht nichts: „Ihr Gesicht ist auf der Brust.“ Furchterregendes gibt es aus der Tierwelt zu erzählen. Etwa vom Einhorn, das in Mekka gehalten wird. Oder von Drachen, die in Höhlen hausen: „Manche saugen Blut!“ Selbst in den Ozeanen leben Ungeheuer; Wale, die so groß werden, dass manch ein Kapitän sie für Inseln hält und vor ihnen Anker wirft – mit fatalen Folgen für Schiff und Mannschaft.

All das ist bis in geringste Details erfunden. Doch den Autor trifft keine Schuld. Denn Sebastian Münster, Professor in Basel, muss sich für seine Beschreibungen auf zweifelhafte Quellen stützen. Er selbst gelangt nie aus Europa hinaus – er verirrt sich ja schon auf einer Exkursion in den Schwarzwald. Ohnehin hat der Geograph kaum Zeit, seine Studierstube zu verlassen. Ein halbes Menschenleben lang sammelt er dort Reiseberichte von Seeleuten und Abenteurern, Konquistadoren und Kartographen, studiert dazu Bibeltexte, griechische und lateinische Klassiker, um das Unmögliche zu versuchen: alles Wissen der Erde in einem Hausbuch zu versammeln.

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Der Kontinent EUROPA erscheint in der Cosmographia als Königin. Krone und Haupt bilden die Weltmacht Spanien, der Arm mit dem Reichsapfel Italien mit Sizilien

Im Herbst 1544 wagt Sebastian Münster den großen Wurf. In Basel erscheint die „Cosmographia“, sein Lebenswerk – eine 660 Seiten starke „Beschreibung aller Länder, Völker, Herrschaften, Sitten und Bräuche“, kurz: „der ganzen Welt“. Der Foliant wird sofort zum Bestseller; im 16. Jahrhundert ist die Cosmographia das nach der Bibel meistgelesene Buch Deutschlands. Immer neue, immer aufwendiger produzierte Ausgaben erscheinen, die trotz des hohen Preises stets schnell ausverkauft sind. Münster schreibt für den „gemeinen Mann“ und daher auf Deutsch, und nicht, wie in wissenschaftlichen Kreisen damals üblich, auf Lateinisch. Er schreibt volksnah und verständlich, spannend und unterhaltsam: für ein Publikum, das eben erst lernt, sich die Welt aus Büchern zu erschließen.

Wie kein anderes Werk dokumentiert die Cosmographia daher die Weltsicht der beginnenden Neuzeit. Die Menschen durchleben unruhige Zeiten – eine Epoche geprägt von Krieg und Hungersnot, Pest und Tod. Jahrhundertealte Gewissheiten, auf denen Glaube und Weltverständnis ruhen, zerfallen unter dem Druck der Reformation und jener Nachrichten, die aus anderen Kontinenten in Europa eintreffen. Die Renaissance, die sich für die Nachfahren in lichten Gemälden italienischer Meister manifestiert, erfahren die Menschen damals als Zeitenbruch, der apokalyptische Fantasien provoziert.

Vor allem aber leben sie in einer sich täglich vergrößernden Welt, denn Sebastian Münster wird in das Zeitalter der Entdeckungen hineingeboren. Er ist vier Jahre alt, als Christoph Kolumbus die Inseln vor Amerika erreicht, und elf, als der Florentiner Amerigo Vespucci an der südamerikanischen Küste entlangsegelt. Jedes Schiff, das in Europas Häfen einläuft, bringt Neuigkeiten; Seeleute erzählen von Unerhörtem und nie Gesehenem. Und sie überbieten sich in ihren Schilderungen: Selbst Kolumbus schmückt seine Bordbücher mit erdichteten Wundern aus, schreibt von Sirenen und von Menschenfressern mit Hundegesichtern.

Dabei scheint die Welt umso aufregender und gefährlicher zu sein, je weiter man sich von Mitteleuropa entfernt. Auf den fernen Andamanen zum Beispiel „lebt ein Volk mit wunderlicher Natur: Der Vater isst seinen Sohn und der Sohn den Vater, die Frau ihren Mann und der Mann seine Frau“. Auch die Kariben in Guyana, so klärt die Cosmographia auf, füttern ihre Kinder mit Menschenfleisch, „um sie fetter und zarter zu machen“.

Die ERSTAUSGABE der WELTBESCHREIBUNG hat 660 Seiten

Wer sich das nicht recht vorstellen kann oder mag, dem führen liebevoll ausgearbeitete Holzschnitte das Grauen vor Augen: Ein Kannibale im Sonntags-Gehrock dreht lächelnd sein kopfloses Opfer auf dem Bratspieß über dem Feuer; ein Paar in Asien hackt auf dem Tranchierbrett fröhlich einen Leib in Stücke. Von einem Baum in Sachsen baumeln „Ungläubige“, und die Burgunder spießen ihre Feinde in blutigen Schlachten auf Lanzen.

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Friedlicher geht es bei den Augilern zu: Dort ist es Sitte, dass die Frauen „in der Brautnacht all denen zum Beischlaf zur Verfügung stehen, die mit einem Geschenk ankommen“. Und natürlich darf in den Berichten auch der Traum aller weit gereisten Entdecker nicht fehlen: „Die Vornehmen haben viele Weiber, und wenn ein Fremder bei ihnen einkehrt, muss die Schönste seine Bettgesellin sein.“ Münsters Wissen über die Fremde speist sich aus den Reiseerzählungen mehr oder weniger glaubwürdiger Autoren. Zum Beispiel aus den Berichten des Marco Polo, der auf dem Landweg nach China reiste und dort angeblich am Hofe des Kublai Khan empfangen wurde. Bereits unmittelbar nach ihrem Erscheinen sind die Schilderungen angezweifelt worden, doch Sebastian Münster bleibt nichts anderes übrig, als auf die mehr als 200 Jahre alten Erzählungen zurückzugreifen: Es hat seither kaum Informationen aus dem Fernen Osten gegeben.

Zu seinen Quellen zählt wohl auch der Bericht über „Die Reisen des Ritters Jean de Mandeville durch das gelobte Land, Indien und China“, der 1356 in Lüttich erschienen ist. Der Ritter beschreibt Geschöpfe mit Hundeköpfen, die Ochsen anbeten, und berichtet von einer Insel, „auf der schlimme und schmutzige Menschen leben, die bösartig sind. Sie besitzen keinen Kopf, sondern ihre Augen stehen in der Achselhöhle“. Keines dieser Wesen ist zu wunderlich, als dass es nicht in der Cosmographia abgebildet werden könnte – doch auch Sebastian Münster will nicht einfach alles glauben. Die Grenze zieht er bei den Erzählungen Mandevilles aus Amazonien, dem Land, in dem keine Männer wohnen, weil die Frauen sie nicht hineinlassen. „Solche Dinge finden bei mir keinen rechten Glauben“, erbost sich der Autor. „Ich kann es nicht in meinem Herzen fassen, dass ein ganzer Heerzug oder ein Staat von eitlen Weibern aufgerichtet wurde.“

Auf der anderen Seite stutzt der Autor der Cosmographia ausgerechnet das erhabenste Weltwunder auf Gottes Erdboden auf Mittelmaß zurück: Zu unglaublich erscheinen ihm wohl die Berichte über Größe und Schönheit der ägyptischen Pyramiden. Im Holzschnitt der Cosmographia ragen die Königsgräber kaum höher in den Himmel als die Kirchtürme einer deutschen Kleinstadt.

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Nichts von alledem hat Münster mit eigenen Augen gesehen; keine Amazonen, keine Pyramiden, nicht einmal Frankreich oder Italien. Für einen Geographen bleibt sein Gesichtskreis eng begrenzt: Er kennt sich nur am Oberrhein aus, am Main, in Schwaben, in der Schweiz. Seine Aufzeichnungen über eine Expedition in den Schwarzwald lesen sich freilich, als hätte er den Dschungel am Amzonas durchquert. „Oft geriet ich in Sümpfe, dann unter verschlungene Bäume, die auf dem Boden lagen, und sobald ich mich aus diesen herausgefunden hatte, geriet ich zwischen viele Felsen, die das Pferd nicht übersteigen konnte“, schreibt er atemlos, „du lieber Himmel!“ Am Ende findet der Gelehrte nur mit Hilfe eines Schweinehirten, „über den ich mich nicht weniger freute als über eine Engelserscheinung“, zurück.

Münster ist wahrlich kein Abenteurer. Als die Cosmographia erscheint, ist er 56 Jahre alt. Ein Porträt aus dieser Zeit zeigt einen schmallippigen, älteren Herrn mit Bartstoppeln, Pelzkragen und dem ausladenden Barett der Humanisten. Wer aber war dieser Mann? Als Sohn eines Weinbauern wird Sebastian Münster am 20. Januar 1488 in Nieder-Ingelheim am Rhein geboren. Die Eltern legen Wert auf Bildung; während seine Altersgenossen auf dem Feld helfen, lernt der Sohn beim Pfarrer Latein, die Sprache der Kirche und der gebildeten Stände. Das öffnet ihm den Zugang zur weiten Welt der Bücher. Zur klassischen Lektüre zählt auch die „Chorographia“ des Pomponius Mela aus dem 1. Jahrhundert n. Chr.: eine Beschreibung der damals bekannten Welt.

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EUROPA verlässt der AUTOR der Cosmographia nie

Sie zeichnet ein furchterregendes Bild der barbarischen Germanen. „Nackt bleiben sie, bis sie mannbar sind; die Männer bekleiden sich nur mit kurzen Umhängen oder Baumrinde, mag der Winter noch so hart sein“, schreibt Mela mit Abscheu. Sebastian Münster wird wohl ein neugieriges Kind gewesen sein. Mit 13 Jahren sieht er in Mainz siamesische Zwillinge, sechsjährige Mädchen. Der Anblick beeindruckt ihn so sehr, dass er sich ein halbes Jahrhundert später in der Cosmographia daran erinnert: Es waren „zwei Kinder, deren Köpfe an der Stirn zusammengewachsen waren, und wenn eines ging, musste das andere hinterhergehen, lag eines auf der rechten Seite, so musste das andere auf der linken Seite liegen“.

1505, als 17-Jähriger, tritt er dem Franziskanerorden bei. Mehr als 20 Jahre lang wird er dessen Kutte tragen. Die Franziskaner verlangen zwar fromme Disziplin, doch dafür muss sich Münster nicht um Unterkunft und Lebensunterhalt sorgen – er hat den Kopf frei, sich seiner Leidenschaft zu widmen: der Welt der Wissenschaften.

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Männer arbeiten in einer Schmelzhütte. BLASEBALG, SCHMIEDEFEUER, WASSERRAD, es gibt nichts, das den Wissenssammler nicht interessiert

Zunächst studiert er in Heidelberg Grammatik, Rhetorik und Dialektik, Arithmetik und Geometrie, Musik und Astronomie, ehe er sich der Theologie zuwendet. In Rouffach im Elsass lässt er sich in Geographie und Hebräisch unterrichten. Münster erweist sich als Sprachtalent: In einem Studienbuch erklärt er kurze Zeit später 5000 hebräische Wörter in bestem Latein. In nur sechs Monaten hat er die Sprache erlernt. Mit 24 Jahren wird Münster zum Priester geweiht; doch bringt er nur wenig Begeisterung für die Kunst der Predigt auf. Er studiert lieber weiter, lässt sich in Tübingen in Kosmographie unterrichten, in der Lehre von der Beschreibung der Welt. Er macht sich mit der Kartographie vertraut, fertigt Kalendarien und Sonnenuhren.

Zugleich widmet er sich weiter intensiv dem Sprachstudium. Hebraistik und Geographie sind für Münster die Schlüssel, die ihm Zugang verschaffen zum Wissen über die Entstehung und Ausdehnung der Welt. Die ihm das Alte Testament erschließen, ihm helfen, sich ein Bild von der Erde zu machen. Die Hebraistik wird Münsters Broterwerb, Geographie aber ist seine Passion. 1523 erscheint sein erstes hebräischlateinisches Wörterbuch, danach eine Grammatik, in deren Anhang sich, zu Übungszwecken, das Buch des Propheten Jona in vier Sprachen findet: Lateinisch, Griechisch, Hebräisch und Aramäisch – die Sprache, die Jesus Christus gesprochen hat. Ein Wörterbuch und eine Grammatik in Aramäisch folgen. 1524, er ist inzwischen 36, wird Sebastian Münster Professor für Hebräisch an der Heidelberger Universität.

Doch offenbar füllt ihn seine Lehrtätigkeit nicht aus. Noch im selben Jahr beginnt er mit den Arbeiten an jenem Projekt, das sich in den folgenden 20 Jahren zu einem der aufwendigsten – und finanziell erfolgreichsten – wissenschaftlichen Werke seiner Zeit auswachsen und Münster für den Rest seines Lebens beschäftigen wird. In ihren Anfängen ist die Cosmographia freilich nicht mehr als ein Heimatbrevier. Ein Freund schlägt ihm vor, ein landeskundliches Kompendium über den Oberrhein von Basel bis Mainz zu verfassen – im Wesentlichen eine Landkarte mit freundlichen Anmerkungen zur Schönheit des deutschen Stroms. Münster sammelt Karten, Informationen, liest Chroniken, Abhandlungen, textet – und scheitert: Die Rheinkarte wird nie fertig. Die Idee des landeskundlichen Kompendiums aber geht ihm nicht mehr aus dem Kopf: Wieso sich allein auf den Rhein beschränken? Wieso nicht eine Karte Deutschlands? Warum nicht gleich eine der ganzen Welt? Er schreibt an Gelehrte und Kollegen mit der Bitte, ihm Material zu liefern. Er versucht, Historie und Legende voneinander zu scheiden. Er macht sich ein Bild der Welt. Und diese Welt ist in Aufruhr.

Denn tiefe Unruhe hat das christliche Abendland erfasst, der Glaube ist erschüttert, der moralische Verfall der Kirche offenkundig. Der Papst forciert den Ablasshandel, um den Neubau des Petersdoms zu finanzieren. Es gärt unter den Gläubigen, im Oktober 1517 hat Martin Luther seine 95 Thesen verfasst, seine Kriegserklärung an die falsche, feiste Heiligkeit der Amtskirche. Schon bald übersetzt auch Sebastian Münster einen Text Luthers ins Deutsche, „der zehen gebot eine nützliche erklerung“. Kaiser Karl V. setzt Luther in Acht und Bann. Der Mönch taucht unter, lebt und arbeitet als „Junker Jörg“ unerkannt auf der Wartburg. Die Reformation erfasst Deutschland, die Schweiz, die Niederlande. Aufstände und Unruhen erschüttern die Mitte Europas, die Reichsritter rebellieren, das Landvolk wehrt sich gegen Frondienste. Der Bauernkrieg verwüstet das Land. „Ich kam dreimal in Lebensgefahr“, schreibt Sebastian Münster später in der Cosmographia, „als ich auf der Reise von Heidelberg nach Basel die Rotten der rasenden Menschen passieren musste.“ Die Schlacht von Zabern, in der „etliche Tausend aufrührerischer Bauern erschlagen“ wurden, wird in dem Buch später als Holzschnitt wiedergegeben.

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Von theologischen Debatten hält Münster sich fern, auch wenn es Anzeichen gibt, dass er den Reformatoren nahesteht. In seiner Cosmographia tadelt er die Standesgesellschaft: Der Adel „esse gar lustbarlich“ und „kleyde sich köstlich“, ziere sich mit Gold, Silber und Seide, habe Gesinde im Überfluss, geniere sich, zu Fuß zu gehen, scheue sich aber nicht zu rauben, wenn er Not leidet. Dagegen führten die Bauern „ein gar schlechtes und niederträchtiges Leben. Ihre Häuser sind schlechte Häuser, erbaut aus Kot und Holz, einfach auf die Erde gesetzt und mit Stroh bedeckt, ihre Speise ist schwarzes Roggenbrot, Haferbrei oder gekochte Erbsen und Linsen. Wasser und Milch sind ihr einziger Trank. Eine Zwillichjacke, zwei Bundschuh und ein Filzhut ist ihre Kleidung.“ Alles in allem sieht Sebastian Münster die Bewohner Deutschlands aber auf einem guten Weg.

„Germania ist gewesen ein raues, unbebautes, fruchtloses Land mit grobem Volk bewohnt, welches sich einfältig von Vieh nährte und weder Gold, Kunst noch Silber brauchte“, schreibt er unverblümt: „Nun aber ist es eingerichtet mit festen Städten, Schlössern und einem starken streitbaren Volk, das in allerlei Sprachen und Künsten so sinnreich und vortrefflich geworden ist, dass es weder den Franzosen, Welschen oder Hispaniern weichen muss.“ In der Cosmographia zeigt Münsters „Beschreibung Teutscher Nation“ eine merkwürdige Karte: Deutschland steht Kopf, der Süden ist oben, die Küstenlinie ungenau, und die Mittelgebirge fallen flach. Nur hinter Basel gibt es einige Berge. Donau, Oder und Elbe sind eingezeichnet, Rhein, Main und Mosel bleiben ohne Namen. Wälder erscheinen nur rund um Böhmen. Köln ist am großen Baukran zu erkennen, der ewigen Dombaustelle. Solche Fehler, Auslassungen, Ungenauigkeiten unterlaufen Münster schon bei der Beschreibung der Heimat – wie viel schwerer muss es ihm da fallen, ein Bild der übrigen Welt zu zeichnen.

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Je ferner der KONTINENT, desto monströser seine BEWOHNER

Wie sieht diese Welt aus? Der Gelehrte steht vor einem Konflikt: Sein Wissen ist fest in den Lehren des ausgehenden Mittelalters verankert, doch die Erkenntnisse der anbrechenden Neuzeit lassen sich nicht mehr länger ignorieren. Noch ragen die Dogmen der klassischen Antike unverrückbar in Münsters Zeit – jenes Bild der Welt, welches Claudius Ptolemäus 1400 Jahre zuvor entworfen hat und das die Kirche als das allein gültige betrachtet: mit der Erde als Mittelpunkt des Universums.

Der weise Ptolemäus hatte allerdings auch behauptet, „dass zwischen den Wendekreisen alles Leben von der senkrecht stehenden Sonne versengt“ werde. Selbst die kühnsten Portugiesen haben sich daher lange Zeit nicht weiter als bis zum Kap Bojador an der Westküste Afrikas gewagt, etwa auf der Höhe des 26. Breitengrades gelegen. Dahinter kocht das Meer, glaubte man, brennt die Sonne alle Menschen schwarz, und magnetische Berge ziehen die Nägel aus den Schiffen. All diese Warnungen sind jedoch längst Makulatur, als Münster sein Weltbild formt. Vasco da Gama hat 1498 die Südspitze Afrikas umrundet und den Seeweg nach Indien entdeckt.

Der portugiesische König Emanuel I. ist durch die Eroberungen seiner Seeleute zum Herrscher eines Weltreiches geworden, nennt sich König von Portugal und der Algarve diesseits und jenseits des Meeres, Herr von Guinea, Äthiopien, Arabien, Persien und Indien. Seine Karavellen sind im Westen bis nach Brasilien gelangt.

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Vertreter der drei Schweizer Urkantone beim Beistandseid. Der RÜTLISCHWUR, traditionell angesiedelt um das Jahr 1300, ist für Münster in Basel Lokalgeschichte

Vor dem südamerikanischen Kontinent segeln auch die Schiffe der spanischen Krone. Karl V. aus dem Hause Habsburg, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, Herrscher Österreichs und der Niederlande, Herzog von Burgund und als Karl I. auch König von Spanien, hat ein Imperium geerbt, in dem die Sonne nicht untergeht. Neuland, so weit das Auge reicht!

Ein Name für den neuen Erdteil findet sich auch. Amerigo Vespucci, der für die spanische Krone den Verlauf der Küste erforscht und die Mündung des Amazonas entdeckt hat, kommt zu Ehren. Obwohl er ziemlich übertrieben hat und wohl nur zwei seiner vier Reisen wirklich stattgefunden haben, nennt der deutsche Kartograph Martin Waldseemüller den von Kolumbus entdeckten Kontinent „America“. Sebastian Münster lehnt den Namen bis zuletzt ab: Seiner Ansicht nach hätte der Erdteil nach Kolumbus benannt werden müssen. Am 6. September 1522 legt ein Dreimaster im spanischen Hafen Sanlucár de Barrameda an; 18 halb verhungerte Seeleute wanken von Bord. Ihre Geschichte verändert die Vorstellungen von der Gestalt der Erde stärker als alle Entdeckungsreisen zuvor. Sie sind die letzten Überlebenden einer Expedition, die drei Jahre zuvor in Sanlucár begonnen hat.

Damals ist der Entdecker Ferdinand Magellan mit fünf Schiffen aufgebrochen, um die Molukken auf dem Westwege zu erreichen. Seine Flotte umschifft in einer Höllenfahrt die Südspitze des amerikanischen Kontinents, zwei Schiffe erreichen tatsächlich die Gewürzinseln. Magellan stirbt auf den Philippinen im Kampf mit Einheimischen. Die „Victoria“, das letzte noch funktionsfähige Schiff seiner Flotte, segelt weiter durch die Weiten des Indischen Ozeans, umschifft Afrika und landet schließlich wieder in Spanien. Zum ersten Mal ist die Welt umrundet worden. Die unermessliche Weite der Ozeane wird offenbar. Und der Erdumfang erweist sich als viel größer, als bis dahin vermutet. Auch andere alte Wahrheiten geraten ins Wanken: Könnte es sein, dass sich die Denker der Antike geirrt haben, sogar Ptolemäus? Hat etwa Nikolaus Kopernikus Recht, der 1543 – ein Jahr bevor die Cosmographia erscheint – ein Werk veröffentlicht, in dem er behauptet, dass sich nicht die Sonne um die Erde, sondern die Erde um die Sonne dreht?

Die Sonne als Mittelpunkt des Kosmos? Münster will davon nichts wissen: „Das Erdreich ist gerade gesetzt mitten in den Himmel“, schreibt er unbeirrt. 1532, zehn Jahre nach der Erdumsegelung, zeichnet er eine Weltkarte, die weit von der Realität entfernt bleibt. Der neue Kontinent wird, 40 Jahre nach seiner Entdeckung, nur am Rande angedeutet.

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Personen der Antike sind dem Geographen dabei ebenso vertraut: KÖNIGIN KLEOPATRA, die letzte der Pharaonen, kurz vor ihrem Tod durch den Biss einer Giftschlange

Der Erdteil endet im Norden mit der breit hingelagerten Insel Terra de Cuba; Nordamerika existiert nicht. Auch Europa gerät Münster ziemlich breit, Afrika ist formlos, Asien mit Arabien verwachsen. Die Welt ist entdeckt, zum Teil auch schon von Europäern erobert – aber noch keineswegs vermessen. Dessen ungeachtet nimmt eine nach der anderen Karte für die Cosmographia Formen an. 1529 ist Sebastian Münster aus dem Franziskanerorden ausgetreten und von Heidelberg nach Basel umgezogen. Dort unterrichtet er an der Universität angehende Theologen in Hebräisch, acht Stunden in der Woche, für 60 Gulden im Jahr. Das ist zwar sehr viel mehr, als er in Heidelberg bekommen hat, doch nun muss er sich auch selbst versorgen.

Er heiratet Anna Selber, die Witwe des Buchdruckers Adam Petri, bei dem Münster die meisten seiner Werke bisher verlegt hat; 1532 kommt seine Tochter zur Welt, er lässt sie auf den hebräischen Namen Aretia taufen. Die Verbindung mit dem Druckhaus Petri wird entscheidend für den Erfolg der Cosmographia. Heinrich Petri, ein Sohn Annas aus erster Ehe, führt die Druckerei des Vaters weiter. Der Hochschullehrer Münster wird Mitglied der Druckerzunft. Er hält die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Metall-Lettern für eine „große Gnade Gottes“: „Wenn unsere Vorfahren vor 1000 Jahren diese Kunst gekannt hätten, was für gewaltige Historien und Erzählungen wären dann im Gedächtnis der Menschheit geblieben, die so nun leider vergessen worden sind!“

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Während eine Klosterbibliothek, bis dahin in weitem Umkreis meist der einzige Lese-Ort, oft über nicht mehr als ein paar Dutzend handgeschriebener Bücher verfügte, wird das gedruckte Buch binnen weniger Jahrzehnte zur Massenware. Alte Texte werden neu aufgelegt; bis zum Ende des Jahrhunderts erscheinen rund 200000 Druckwerke mit einer geschätzten Auflage von 100 Millionen Exemplaren. Sebastian Münster glaubt dem geschriebenen Wort mehr als den Erzählungen der Augenzeugen: „Du magst aus Büchern mehr lernen von diesem oder jenem Land als ein anderer, der in ihnen Jahr und Tage gewesen ist.“

Längst lesen nicht mehr nur Professoren und Mönche. Der „Kolumbusbrief“, Rechenschaftsbericht des Entdeckers für den spanischen König und enthusiastische Schilderung der neu entdeckten Territorien, wird noch im Jahr seines Erscheinens 1493 in vielen Ländern nachgedruckt. Menschen, die noch nie die Mauern ihrer Stadt hinter sich gelassen haben, begeben sich mithilfe der Bücher auf Entdeckungsreisen. Dem Basler Verleger Petri, einem der erfolgreichsten seiner Zeit, bleibt es nicht verborgen: Nicht nur mit frommen Schriften, auch mit Abenteuerberichten lässt sich Geld verdienen.

In den Basler Jahren arbeitet Sebastian Münster ohne Pause; oft bleibt keine Zeit fürs Frühstück oder das Abendessen. Er steht mit Gelehrten, Bürgermeistern, Fürsten in ganz Europa im Kontakt, bittet um möglichst druckfertige Stadtpläne und Beschreibungen – und um Spenden für den Druck. Das Elsässer Städtchen Rouffach, wo Münster Hebräisch studiert hat, steuert sechs Gulden bei und wird dafür mit einem doppelseitigen Holzschnitt belohnt.

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Der Geograph und Astronom CLAUDIUS PTOLEMÄUS entwirft um 150 n. Chr. ein Weltbild, das jahrhundertelang gültig bleibt. Auch Münster zweifelt es nicht an

Seine nähere Umgebung will Münster aus eigener Anschauung beschreiben; er unternimmt Forschungsreisen nach Schwaben, sammelt Material in Städten wie Kempten, Augsburg, Mindelheim. Im elsässischen Leberthal besucht er ein Bergwerk, steigt „zweiundvierzig Klafter tief“ – knapp 80 Meter – unter die Erde. Sein Fleiß ist legendär. „Er forschte nach den verborgensten Dingen und grub im Innern der Erde“, schreibt ein Schüler, der Astronom Erasmus Oswald Schreckenfuchs, „auch rastete er nicht, bis er zu den äußersten Tiefen des Denkens und Handelns vordrang.“ Nach und nach treffen Briefe mit Nachrichten aus aller Welt ein, mehr als 100 Autoren liefern Münster zu. Manch einer bringt sich dadurch in Schwierigkeiten. Der Theologe Sigismondo Arquer bezahlt seine Mitarbeit an der Cosmographia gar mit dem Leben: In seiner Beschreibung Sardiniens greift er den Klerus wegen dessen Gier und Ignoranz scharf an. Als das Werk ins Italienische übersetzt wird, muss sich Arquer vor der Inquisition verantworten. Er wird auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.

Die erste Ausgabe der Cosmographia erscheint im Herbst 1544, doch ist nicht anzunehmen, dass Sebastian Münster mit ihr zufrieden ist. Noch steckt er mitten in der Arbeit, zu viele Informationen fehlen, Dutzende seiner Anfragen sind unbeantwortet, das Buch muss noch mit wenigen Holzschnitten auskommen. Es werde Zeit, das Werk abzuschließen, bevor ihn der Tod ereile, schreibt Münster. Doch auch wenn diese Gefahr tatsächlich besteht – immer wieder bricht in Basel die Pest aus –, dürften es andere Gründe sein, die ihn zur Eile mahnen: Münster hat erfahren, dass der Zürcher Johannes Stumpf an einem Schweizer Nachschlagewerk, der „Eydgenossenschafft“, arbeitet.

Münster schlägt Stumpf um vier Jahre; das Buch verkauft sich gut. Von der ersten Auflage sind Mitte 1545 nur noch 30 übrig. Heinrich Petri investiert in eine prachtvolle Neuausgabe, die 1550 erscheint, sowohl auf Deutsch als auch erstmals auf Latein, 1200 Seiten stark. Das Werk ist jetzt mit 14 doppelseitigen Karten, etwa 40 mehrseitigen Stadtansichten und über 900 Holzschnitten ausgestattet. Allein für die Abbildungen bringt der Verleger 600 Gulden auf – das Zehnfache dessen, was Professor Münster in einem Jahr verdient. Obwohl das Buch mit zwei Gulden sehr teuer ist, muss es bald neu aufgelegt werden. Der Autor hat weiterhin gut zu tun, jede der folgenden deutschen Neuauflagen enthält weitere Informationen, neue Bilder, Ergänzungen und kaum Korrekturen. Ärger gibt es nur mit den Bewohnern des Engadin, die in der Cosmographia lesen müssen, sie seien „größere Diebe als die Zigeuner“.

Die Passage wird entschärft. Ohnehin hatte Münster fast entschuldigend im Vorwort geschrieben: „Es ist nicht möglich, dass ein Mensch jetzt möge beschauen das ganze Erdreich: denn das Leben ist zu kurz.“ Viel zu kurz ist Sebastian Münsters Leben, als dass er seinen Erfolg auskosten könnte; viel zu kurz auch für all die Erweiterungen, die er sich vorgenommen hat. Im Mai 1552 erleidet er in der Druckerei einen Schwächeanfall. Seiner Frau erzählt er davon nichts, um sie nicht zu beunruhigen. Aber nach ein paar Tagen ist die Krankheit unübersehbar: Es ist die Pest. Sebastian Münster stirbt am 26. Mai 1552. Er wird 64 Jahre alt. Die Cosmographia überdauert Jahrzehnte. Immer wieder lässt der Verleger das Werk ergänzen und erweitern, bis es am Ende fast 1800 Seiten umfasst.

Der Verlag liegt geographisch günstig; Basel ist zu einem europäischen Zentrum der Buchdruckerkunst aufgestiegen, beherbergt mehr als 50 Druckereien und etliche Papiermacher. Von der Stadt am Rheinknie können wichtige Universitätsstädte per Schiff beliefert werden, ein entscheidender Standortvorteil in einer Zeit, als der Transport auf dem Landweg mühsam, teuer und gefährlich ist. Die Mythen verblassen, die Fabeltiere und Menschenfresser verschwinden. Der Blick wird schärfer. Münsters Bestseller ist überholt. 1628 erscheint die letzte Auflage – 84 Jahre nach der ersten; dazwischen hat es Ausgaben in französischer, italienischer, englischer und tschechischer Sprache gegeben. Nach 70000 verkauften Exemplaren wird der grandiose Versuch, das Wesen der Welt zu erklären, von der Fülle neuer Nachrichten überrollt.

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1628 erscheint die letzte Auflage. An Münsters EINHORN in Mekka glaubt bald kaum noch jemand

Heute wird die Cosmographia teurer gehandelt als je zuvor. In Bibliotheken ruht das jeweilige Exemplar im Tresor und wird nur auf Bestellung im Handschriftenlesesaal aufgelegt. Wer den Ledereinband aufklappt und Seite um Seite studiert, die vor Dutzenden Generationen erdacht, geschrieben, gesetzt, gedruckt, gebunden wurden; wer über Münsters Monsterwale staunt und über seine Einfüßer lacht – der erfüllt, fast ein halbes Jahrtausend nach dessen Tod, den größten Wunsch des Geographen. Denn die Cosmographia, hatte Münster nach der Veröffentlichung einem Freund mitgeteilt, sei eigentlich für die Nachwelt geschrieben: „Dass die Menschen in 300 oder 400 Jahren sich ein Bild machen können von der Welt, wie wir sie heute sehen.“

2. Kartografie. Auf exaktem Kurs

Schon zu Lebzeiten wird der in Duisburg wirkende Flame Gerhard Mercator als Genie gefeiert. Dank seiner Weltkarte, die er mithilfe einer neuen Methode erschafft, kommen Seeleute verlässlicher ans Ziel als je zuvor

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AUS FURCHT VOR RELIGIÖSER VERFOLGUNG zieht der vielseitig interessierte Geograf Gerhard Mercator (1512–1594) mit seiner Familie und seiner Werkstatt aus dem katholischen Flandern in das in konfessioneller Hinsicht liberalere Duisburg – und macht die Stadt zu einem wegweisenden Zentrum der Kartografie in Europa

AS NEUE BILD DER WELT entsteht in einem Städtchen am Niederrhein: In Duisburg revolutioniert Gerhard Mercator die Kartografie. Mit seiner Weltkarte, die er 1569 präsentiert, löst der gebürtige Flame ein kniffliges Problem: Er überträgt die dreidimensionale Erdoberfläche so auf eine Karte, dass der konstante Kurs eines Schiffes als gerade Linie abbildbar ist – und leistet damit der Seefahrt einen entscheidenden Dienst.

Mercator selbst ist nie weit gereist. Am 5. März 1512 kommt er als Gerhard Kremer in Rupelmonde nahe Antwerpen zur Welt. Trotz einfacher Herkunft erhält er eine solide Schulbildung, beginnt 1530 ein Theologiestudium in Löwen, wählt den Namen Mercator. Doch als Freigeist hat er es zunehmend schwer in seiner katholischen Heimat: Anhänger Luthers werden hier harsch verfolgt; wer die antiken Autoritäten und die Bibel anzweifelt, kommt rasch in Konflikt mit der Inquisition.

So gibt Mercator, der sich auch für Geografie begeistert, die Priesterlaufbahn auf. Und geht für kurze Zeit in die Handelsmetropole Antwerpen, wo er die Berichte spanischer und portugiesischer Seefahrer geradezu aufsaugt: Sie belegen, dass die Erde anders aussieht als bislang angenommen. Der Florentiner Amerigo Vespucci hat 1502 erstmals die Ansicht vertreten, dass es sich bei dem von Christoph Kolumbus im westlichen Atlantik gesichteten Land um einen neuen Kontinent handle. Der deutsche Kartograf Martin Waldseemüller gibt diesem Gebiet auf seiner Weltkarte 1507 den Namen Amerika.

Zurück in Löwen, wendet sich Mercator der Kartografie und dem Bau von Globen und Navigationsinstrumenten zu: Er braucht Geld für seine wachsende Familie. Das nötige Wissen eignet er sich bei einem Goldschmied und einem Mathematiker an. Instrumente zur Orientierung auf See sind im Zeitalter der Entdeckungen gefragt. Globen gelten gar als Prestigeobjekte, seit Martin Behaim 1492 in Nürnberg seinen viel bewunderten „Erdapfel“ vorgestellt hat.

Im Jahr 1541 präsentiert Mercator sein eigenes Modell: Mit 41 Zentimeter Durchmesser ist es das bislang größte und genaueste seiner Art. Weil der Flame seinen Globus in Serie produziert und auch verkauft, ist er bald ein wohlhabender Mann. Doch dann nimmt ihn 1544 die Inquisition fest, hält ihn monatelang gefangen. Der Vorwurf: „Lutherey“. Mercator kommt zwar wieder frei, aber nun reift in ihm der Entschluss, mit seiner Familie auszuwandern.

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Er flüchtet 1552 unter den Schutz Herzog Wilhelms V. von Jülich-Kleve-Berg, der in religiösen Fragen als tolerant gilt. In Duisburg erwirbt Mercator ein Haus, richtet eine Werkstatt ein, wertet akribisch Reiseberichte, Lotsenbücher, Vermessungsdaten aus.

1569 dann legt er eine auf 18 Kupferplatten gestochene, 212 mal 134 Zentimeter große Weltkarte vor. Für sie nutzt er erstmals ein neues Verfahren: Um die gewölbte Gestalt der Erde in eine flache Karte zu verwandeln, stülpt er einem Globus einen papierenen Zylinder über, der die Kugel nur am Äquator berührt. Ausgehend vom Mittelpunkt des Globus, projiziert er nun dessen Punkte auf den Zylinder. Rollt man diesen ab, erhält man eine zweidimensionale Karte. Auf ihr zeichnet Mercator die Längengrade als parallele, senkrecht verlaufende Geraden ein, die Breitengrade stellt er mit wachsenden Abständen vom Äquator zu den Polkappen hin dar.

Die Flächenverzerrung, die bei seiner Methode in Richtung der Pole wächst, nimmt er in Kauf. Denn seine Erfindung erfüllt ihren Zweck: Seeleute können seine Karte mithilfe eines Kompasses zur Bestimmung des exakten Kurses auf den Ozeanen verwenden. Trotz der Erdkrümmung schneidet der konstante Kurs eines Schiffes auf ihr die Längengrade immer im gleichen Winkel. Ein Seefahrer muss nur einmal auf der Karte den Kurswinkel zum gewünschten Zielort ablesen und kann dann immer entlang dieses – als gerade Linie in die Karte eingetragenen – Kurses segeln.

Mercator, bis ins hohe Alter rastlos tätig, stirbt mit 82 Jahren in Duisburg. Sein Sohn bringt posthum sein weit über 100 Karten umfassendes Werk heraus, für das der Meister selbst noch den Titel ausgesucht hat: Atlas, nach dem sagenhaften Entdecker der Himmelskugel. Die nach Mercator benannte Projektionsmethode ist bis heute Grundlage des Karten- und Vermessungswesens.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Eckardt, Emanuel: Sebastian Münster. Cosmographia. Das Wissen der Welt, in: Denker, Forscher, Pioniere 1500-1950 (GEO Epoche, Jg. 2020, Heft Nr. 105), Hamburg 2020, S. 6-22.

-> Schneider-Ferber, Karin: Kartografie. Auf exaktem Kurs, in: Deutschland um 1600. Katholiken gegen Protestanten (GEO Epoche Jg. 2023, Heft Nr. 124), Hamburg 2023, S. 38f. 

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Kunst und Kultur der Reformationszeit

Kunst und Kultur der Reformationszeit

Humanismus, Reformationsliteratur und Volksliteratur

Inhaltsverzeichnis

1. Wer war Till Eulenspiegel?

1. Wer war Till Eulenspiegel?

Seit Jahrhunderten versuchen Forscher, die Existenz des großen Schalks zu beweisen, der die Fantasie bis heute beflügelt. 

Der heute fast vergessene Wolfdietrich Schnurre erhielt 1970 den Eulenspiegelpreis. In seiner Dankesrede wetterte der Schriftsteller gegen die immer weiter um sich greifende Entstellung des berühmten Schalks zu einer harmlosen Witzgestalt. Till Eulenspiegel, Freund aller Kinder. Ihm setzte er die Schwankfigur des erstmals um 1510/11 in Straßburg vom Verleger Johann Grüninger gedruckten Volksbuchs Ein kurtzweilig lesen von Dil Ulenspiegel entgegen. Dieser »Dil« oder »Dyl« sei ein Außenseiter mit »Kodderschnauze« gewe-sen, »derbgehobelt« und »krass asozial«.

Sieht man einmal von der Riesenzahl kindgerechter Ausgaben ab, zeigt schon ein kurzer Blick ins Internet, dass die Figur derweil gänzlich politisch korrekt entschärft ist. Statt als gerissener Wortverdreher, fauler Herumtreiber und rachsüchtiger Betrüger mit starkem Hang zu Fäkalien (und auch zur Tierquälerei) erscheint er nur noch als liebenswürdig-seil-tanzender Possenreißer. In einem der bekanntesten Streiche schwätzt er erst einem Haufen junger Leute ihre Schuhe ab; spannt sie sodann an eine Leine, um sie schlieflich wild durcheinanderzuwirbeln, worüber sich alle in die Haare kriegen. Das lustig-freche Bild hat mit dem Ur-»Dil« des Volksbuchs nichts gemein. Schon die Narrenkappe, mit der man ihn sofort assoziiert, ist spätere Zutat. Auf den Holzschnitten der frühen Ausgaben des rasch in Europa wegen schonungs-haupt eine historisch verbürgte Person gleichen Namens, oder ist er lediglich literarisches Hirngespinst? Die Frage beschäftigt die Eulenspiegel-Forschung wie sonst nur noch die nach dem Verfasser des Volksbuchs - Till, so er denn existierte, hätte an den mitunter vehementen Debatten seine diebische Freude. Auch über den Autor herrscht derzeit wieder Uneinigkeit, nachdem man in den Siebzigern glaubte, in dem Zollschreiber Hermann Bote endlich den wahren Urheber entdeckt zu haben. Aber das ist eine andere verzwickte Geschichte.

Obwohl es keine eindeutigen Belege für die tatsächliche Existenz Till Eulenspiegels gibt, ging bereits der Hamburger Archivar und Eulenspiegel-Exeget Johann Martin Lappenberg Mitte des 19. Jahrhunderts davon aus, dass der Schalk einst im Braunschweigischen gelebt haben muss, ehe er auszog, um von Kopenhagen bis Wien, von Prag bis Straßburg sein Unwesen zu treiben. Er sei 1300 als Sohn eines Bauern in Kneitlingen am Elm zur Welt gekommen und 1350 in Mölln gestorben. Als wichtigstes Indiz dafür, das seither gerne weitergegeben wird, gilt, neben einem Eintrag zum Tod eines »Ulenspeygels to Möllen« in der Braunschweiger Weltchronik, ein Grabstein in Mölln. Die stark verwitterte Inschrift lautete zu Lappenbergs Zeiten: »Anno 1350 is dusse steen up gehauen tyle ulenspegel lent hir under begraven.«

Besitzt man mit dem heute noch zu besichtigenden Grab in der Causa Eulenspiegel den Stein der Weisen? Die Verlockung, das zu glauben, ist groß. Schließlich berichtet die letzte Historie des Volksbuchs von Tills kuriosem Möllner Begräbnis im Jahre 1350 - er fand aufrecht stehend anstatt liegend seine letzte Ruhe. Doch Vorsicht ist geboten. Zum einen macht stutzig, dass ausgerechnet während der großen Pestepidemie einem umherstreunenden Gesellen ein Grabstein errichtet worden wäre. Zum anderen hatten diese damals nur lateinische Inschriften. Dann wird das Grab quellenkundlich erstmals 1536 vom Wismarer Stadtsekretär Jordan Höppener erwähnt - 186 Jahre nach dem angeblichen Tod Tills. Somit hat es ganz den Anschein, als wäre der Stein erst gut drei Jahrzehnte nach Erscheinen des Volksbuchs aufgestellt worden. Als eine Art Gedenkstein für die bei der breiten Bevölkerung durch die Buchveröffentlichung beliebte Schwankfigur.

Heißt das, Till Eulenspiegel ist nur dem Kopf eines fantasiebegabten Dichters entsprungen, wer immer es auch gewesen sein mag? So eindeutig lässt sich auch das nicht sagen. Es gibt Spuren, die nahelegen, dass im 14. Jahrhundert durchaus eine, wenn nicht mehrere reale Personen lebten, die als Vorbilder für den literarischen »Dil« getaugt haben könnten. Im Laufe der Jahrzehnte verschmolzen sie in den Köpfen zu einem sagenumwobenen Helden Till, dessen mündlich überlieferte Taten schließlich 1510/11 schriftlich fixiert wurden. So verwies der Germanist Dieter Arendt vor vierzig Jahren auf einen Briefwechsel zwischen dem Historiker Dietrich von Niem und dem Abbreviator Johannes Stalberg von 1411. Dort werde, so Arendt, durch eine Anspielung auf den Schalk und seinen Namen unmissverständlich dessen Existenz im Bewusstsein der Briefschreiber bewiesen. Auf einen anderen urkundlichen Fund verweist der Historiker Bernd Ulrich Hucker. In dem »stadtbraunschweigi-schen Verfestungsbuch« fand er eine Notiz über einen gewissen Thile van Cletlinge oder Till von Kneitlingen. Dieser habe dort nicht nur von 1339 bis 1351 einen Ackerhof besessen, sondern war außerdem ein gefürchteter Straßenräuber. Heute lässt sich daher sagen, dass das Buch Dil Ulenspiegel nicht die Biografie einer historisch exakt bestimmbaren Person liefert, sondern dass der literarische »Dil« eine sogenannte Kristal-lisationsgestalt für eine Vielzahl kursierender Geschichten und Motive ist, wobei sich Fakt und Fiktion bunt mischen. Denn »sicher ist«, schreibt Dieter Arendt, »dass sein Schelmenname mindestens hundert Jahre vor seiner Buchwer-dung herumspukte im Volk. Anders ausgedrückt: Eulenspiegel, wann immer er gelebt haben mag, tritt in seine relevante Existenz um 1500, zur Zeit seiner literarischen Geburt.«


Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

->Welle, Florian: Wer war Till Eulenspiegel? in: Süddeutsche Zeitung u. Harald Eggebrecht (Hrsg.): Geheimnisse aus der Geschichte. Erstaunlich, vergessen, sagenhaft: Auf der Spur von Mythen, Rätseln und Skandalen, 2. Auflage, München 2025, S. 76-80.

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Kunst und Kultur der Reformationszeit

Kunst, Architektur und Musik während der Reformationszeit

Inhaltsverzeichnis

  1. Malerei von Dürer. Bilder für den Glauben
  2. 1471-1528. Albrecht Dürer
  3. Hans Holbein der Jüngere. Das Antlitz der Anderen.
  4. Lucas Cranach der Ältere. Eine Fabrik für die Kunst.

1. Malerei von Dürer. Bilder für den Glauben

Um 1400 folgen die meisten deutschen Maler dem »Schönen Stil«, der in ganz Europa dominiert: Sie schaffen idealisierte Heilige mit anmutigen, schablonenhaften Körpern und immer ähnlichen Gesichtern. Doch als Wissenschaft und Philosophie im 15. Jahrhundert das christliche Weltbild umwälzen, entdecken sie die Kraft des Wahrhaftigen – und begründen so eine spezifisch deutsche Kunst

DIE BÜHNE, DIE CONRAD VON SOEST dem Heiland bereitet, ist monumental: ein Flügelaltar, mehr als sechs Meter breit und fast zwei Meter hoch, in dessen Zentrum der Gottessohn am Kreuz hängt, alle anderen Figuren der Szene überragend, leichenblass und feingliedrig. Wie nach einer Schablone gefertigt wirkt sein Torso, seltsam verlängert sind die dünnen Arme und Beine, unproportional klein ist der Kopf. Umso stärker fällt der goldene Heiligenschein auf, der das Haupt umgibt. Auch der Himmel ist in Gold gehalten, das im Mittelalter für das Göttliche steht. Abgesetzt von diesem flächigen Hintergrund leuchten die langen grünen, roten und blauen Brokat-Gewänder, die einige Figuren um den Gekreuzigten herum tragen.

Dass es Conrad von Soest ist, der diesen Altar im Jahr 1403 malt, verrät eine Inschrift auf dem Rahmen: Als einer der ersten Künstler nördlich der Alpen hinterlässt er selbstbewusst seinen Namen – als hätte er damals schon geahnt, dass er ein Bild geschaffen hat, das dereinst für eine ganze Kunstepoche stehen wird. Denn der Flügelaltar ist ein Hauptwerk des „Schönen Stils“, der letzten einheitlichen Kunstrichtung des Mittelalters, die von etwa 1380 bis 1420 fast ganz Europa erfasst. Überall auf dem Kontinent schaffen Künstler in dieser Zeit Gemälde in einem ausgesprochen dekorativen Stil, mit fließenden Linien, grazilen Figuren und leuchtenden Farben.

Stärker noch als die Maler zuvor verzichten sie auf Tiefenräumlichkeit und modellieren ihre Bilder auch kaum noch durch Licht und Schatten, nehmen also bewusst künstlerische Vereinfachungen in Kauf, um dem Stil ihrer Zeit zu entsprechen. Gefällig wirkt diese Bildsprache, tröstlich in ihrer anmutigen Harmonie.

Dabei ist sie ein Kind des Grauens. Denn in den Jahrzehnten vor 1380 suchen apokalyptische Katastrophen das Abendland heim. So bringen ungewöhnlich kalte und regnerische Sommer zu Beginn des 14. Jahrhunderts zahlreiche Missernten, die schlimmste der nun folgenden Hungersnöte dauert zwei Jahre an. 1337 beginnt der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England, der weite Regionen verheert. Wenig später zieht eine gewaltige Heuschreckenplage über Mitteleuropa.

Im Jahr 1347 schließlich erreicht der Schwarze Tod den Kontinent. Von Italien aus breitet sich die Pest unaufhaltsam aus. Bald sind die Friedhöfe überfüllt. Den Christen im Abendland muss es scheinen, als sei das Ende aller Tage gekommen.

Und inmitten dieser Kaskade des Verderbens spaltet sich auch noch jene Institution, die das Leben der Menschen bestimmt wie keine andere: die römische Kirche. 1378 wählen die zerstrittenen Kardinäle zwei Päpste, der eine residiert in Rom, der andere in Avignon. Das Amt des Stellvertreters Gottes auf Erden ist ins Zentrum eines profanen Machtkampfes gerückt.

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»DER WUNDERBARE FISCHFANG« von Konrad Witz (um 1444) gilt als das erste Landschaftsporträt Nordeuropas: Den in der Bibel bezeugten Gang Jesu über das Wasser verlegt der Maler an den Genfer See – und zeigt detailliert, wie sich die Wasseroberfläche neben dem Fischerboot kräuselt, wie Gebäude und Figuren sich im See spiegeln und Hügel an dessen Ufer emporragen

So ist es kein Zufall, dass die Gläubigen in dieser Zeit nach einer neuen religiösen Gewissheit suchen, sich nach Frieden und Eintracht sehnen. Und sie finden all das in einer Kunst, die nicht aufrütteln oder schockieren will, sondern danach strebt, die Frömmigkeit der Betrachter durch immer gleiche, idealisierte Motive zu stärken. Die Maler des Schönen Stils verstehen Figuren und Gegenstände vor allem als dekorative Elemente, die es zu einem harmonischen Ganzen zusammenzusetzen gilt: stets mit dem Ziel, die christliche Heilsgeschichte, das dominierende Thema der mittelalterlichen Kunst, zu verbreiten.

Dabei vermitteln sie eine Deutung der Passion, die intimer und tröstender ist als in früheren Jahren. Denn Jesus wird nun nicht mehr als triumphierender Gottessohn gesehen, sondern vor allem als Mensch, der für die Erlösung der Gläubigen körperliche und seelische Pein auf sich geladen hat – und daher eher Anteilnahme und Mitleid verdient als distanzierte Ehrfurcht.

Dieses neue, gefühlsbetonte Glaubensverständnis erfasst im 14. Jahrhundert ganz Europa. Zwar ist der Schöne Stil nicht überall gleich, gibt es Unterschiede im Detail, doch die zentralen Merkmale bleiben stets einheitlich: die in die Länge gezogenen, feingliedrigen Figuren, die auffallenden, kostbaren Gewänder, der goldene Grund, das Fehlen von Tiefenräumlichkeit und Zentralperspektive.

Bis 1420 dominiert diese Manier die europäische Malerei. Doch dann enden allmählich die Erinnerungen an das so schreckenserfüllte 14. Jahrhundert, und es beginnt eine Ära des Aufbruchs, der Entdeckungen und des Wandels.

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Grünlichbraun spannt sich die Haut über den mageren, geschundenen Körper des Heilands: Matthias Grünewald lässt in seinem »ISENHEIMER ALTAR« (um 1512) keinen Zweifel – der gekreuzigte Jesus beginnt zu verwesen. Schon in den Jahrzehnten zuvor hat sich die Darstellung Christi verändert, ist Jesus immer häufiger als leidendes Opfer und nicht mehr als strahlender Gottessohn gezeigt worden. Doch so radikal wie Grünewald hat noch kein deutscher Maler den Erlöser vermenschlicht

Wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfindungen revolutionieren das Weltbild wie auch den Alltag. Der von Johannes Gutenberg um 1454 entwickelte Buchdruck ermöglicht die massenhafte Verbreitung von Flugblättern, Pamphleten und Schriften. Zur gleichen Zeit ordnet der Astronom Nikolaus Kopernikus das Universum neu, stellt die Sonne in sein Zentrum und gibt ihr damit jenen Platz, den seit jeher die Erde innehatte. In vielen Regionen prosperiert die zuvor stagnierende Wirtschaft, der Handel nimmt zu, die von der Pest entvölkerten Städte wachsen wieder. 1453 endet endlich auch der Hundertjährige Krieg. Und so wie die epochalen Katastrophen langsam in Vergessenheit geraten, verschwindet auch die Kunst der Krisenzeit, bringt das Jahrhundert des Aufbruchs eine neue, raffiniertere Malerei hervor.

In Italien entdecken die Künstler die Antike wieder. In ihren Werken feiern sie fortan den Glanz des alten Rom, bannen griechische Götter auf die Leinwand, schaffen individuelle Figuren und vollkommene, perspektivisch korrekte Kompositionen. „Renaissance“, Wiedergeburt, werden Kunsthistoriker diese Ära später nennen. Stärker noch als die Italiener konzentrieren sich die niederländischen Meister auf die wahrhaftige Wiedergabe von Menschen und Natur. Sie fertigen präzise Skizzen von Händen und Gesichtern, von Insekten und Blättern, um der Realität möglichst nahe zu kommen.

Beide Richtungen, die virtuose räumliche Malerei der Italiener und die unbestechliche Präzision der Niederländer, beeinflussen bald auch die deutschen Künstler. Wie ihre Vorbilder wollen sie ihre Umwelt zunehmend realistisch abbilden, statt sie der Heilslehre unterzuordnen, sie streben nach Naturalismus und räumlicher Tiefe. Als Conrad von Soest um 1422 stirbt, beginnen einige seiner Kollegen gerade, den von ihm mitgeprägten Schönen Stil zu überwinden. Einer der wichtigsten Künstler dieser Übergangsphase ist Stefan Lochner, der in Köln arbeitet, der größten deutschen Stadt jener Zeit. Um 1440 schafft er dort einen Altar, der Maria und das Christuskind inmitten der Schutzheiligen Kölns darstellt. Es ist ein Werk, das die alte und die neue deutsche Kunst in sich vereint.

SO WEIST DER ALTAR noch Merkmale des Schönen Stils auf, zeigt ein christliches Bildthema auf goldenem Grund und idealisiert die Gesichtszüge der Frauen und der Engel. Doch viel stärker als Conrad von Soest wagt es Lochner, seine männlichen Figuren als Individuen darzustellen. Bei ihm erscheint der nackte Körper des Christuskindes proportional stimmig, wirken die Gesichter der Patrone wie lebensnahe Porträts – einer ist glatzköpfig und hakennasig, ein anderer trägt langes, lockiges Haar. Auch die Brokatgewänder arbeitet Lochner plastisch aus, verziert sie mit kleinen, glatten Perlen und besetzt sie mit weichem Pelz, der nahezu greifbar wirkt. Auf der schrundigen Rasenfläche, auf der die Figuren stehen, wachsen 40 verschiedene Nutz- und Heilpflanzen, darunter Walderdbeeren und Spitzwegerich.

Wie bei Lochner vermischen sich in vielen deutschen Werken des 15. Jahrhunderts die Merkmale alter und neuer Malerei – auch weil der Geschmack der Auftraggeber vielfältiger geworden ist. Denn mittlerweile verlangt auch das aufkommende, kaufkräftige Stadtbürgertum nach Gemälden. Und die neuen Kunstkäufer schätzen durchaus jene innovative Bildsprache, die manche von ihnen auf Handelsreisen im Ausland kennengelernt haben. Für diese Klientel arbeiten Künstler wie der Bamberger Hans Pleydenwurff und der Elsässer Martin Schongauer, die sich vollständig vom Schönen Stil lösen. Die Gemälde dieser neuen Generation, die ab etwa 1440 entstehen, haben zwar immer noch vornehmlich biblische Themen, sind aber viel deutlicher als frühere Werke von den Fähigkeiten und Interessen der Maler geprägt.

Und sie sind erstmals spezifisch deutsch. Anders als etwa die Meister Italiens, die in ihren Gemälden die makellose Schönheit feiern, versuchen die deutschen Maler nun, den Betrachter durch ungewöhnliche, dynamische Kompositionen und eine drastische Erzählweise zu berühren. Die Natur sowie Menschen aller Stände malen sie so, wie sie sie sehen: als kultiviert und schöngeistig – oder als roh und ungeschliffen. Sie erlauben ihren Figuren derbe Gesten, schrecken vor Hässlichkeit nicht zurück und geben die Realität daher unverblümter wieder als ihre Kollegen. Erst Albrecht Dürer wird es an der Wende zum 16. Jahrhundert gelingen, die Stile von Nord und Süd zu vereinen. 1505 reist er nach Italien, lässt sich dort von der Arbeit seiner Kollegen inspirieren und verbreitet nach der Rückkehr die Lehren der Renaissance in seiner Heimat. Und wird, indem er die technische Vollkommenheit der Italiener mit Darstellungen der Natur und typisch deutschen Motiven wie etwa ungeschönten Figuren kombiniert, zum Vorbild zahlreicher Maler nördlich wie südlich der Alpen.

Seine Herkunft prägt ihn dennoch ein Leben lang. Schon früh in seiner Karriere studiert Dürer beispielsweise die bahnbrechenden Werke Stefan Lochners. So reist er während seiner Wanderjahre wohl auch nach Köln und besichtigt Lochners Altarbild. Und malt später in einem seiner Aquarelle einen Hirschkäfer – ganz ähnlich jenem, den Lochner mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor als Vorboten einer neuen deutschen Kunstepoche in seinem Gemälde untergebracht hatte.

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Die Hände vor Schreck zum Mund geführt, verfolgen einige Juden nahe Bethehem, wie »LAZARUS« sich aus seinem Grab erhebt (1481). Jesus, der den verschiedenen Freund gerade zum Leben erweckt hat, steht ihnen mit den Aposteln gegenüber. Indem er die gestaffelt aufgereihten Figuren nach hinten immer kleiner malt, verleiht Michael Pacher seinem Werk die Illusion räumlicher Tiefe – ebenso dadurch, dass er Geraden, die in Wirklichkeit parallel laufen, aufeinander zustreben lässt, etwa die Kanten der Grabstätte und des darüberliegenden Daches

2. 1471-1528. Albrecht Dürer

Holzschnitt, Kupferstich, Ölmalerei – es gibt keine Technik, die er nicht beherrscht. 1505 verlässt Albrecht Dürer das mittelalterlich geprägte Nürnberg, um sich ein noch größeres Wissen anzueignen. Er reist nach Italien, wo die Renaissance ihren Höhepunkt erreicht hat. Von dort bringt er Licht, Farbe, antike Schönheit und üppige Bilderwelten mit nach Deutschland – und formt daraus seinen eigenen Stil.

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Ein Brief aus Venedig! Post von Dürer! Was er schreibt? Offenbar kosten ihn die gewünschten Einkäufe viel Zeit. „Die Glassachen“ – vielleicht meint er Perlen und Smaragde – hat er einem Boten mitgegeben, die zwei Orientteppiche muss er erst besorgen. Auch schöne Kranichfedern konnte er noch nirgends finden. Er rät dem Brieffreund, er solle sich in der Zwischenzeit vielleicht einfach Schwanenfedern zum Schreiben an den Hut stecken. Und schließlich war die Suche nach passenden Ringen schwieriger als erwartet. „Gefallen sie Euch nicht, so brecht ihnen den Kopf ab und werft sie ins Scheißhaus“, schreibt er. Ach Dürer! Selbstbewusster, treuer, lustiger Dürer!

Als hätte sich jemand zur unbeschwerten Einkaufsfahrt nach Italien begeben, so lesen sich die zehn Briefe mitunter, die der Nürnberger Willibald Pirckheimer 1506 von seinem Freund Albrecht erhält. Zeilen, die von Mantelkäufen handeln, Tanzstunden sowie Fiedlern, die so herzerweichend spielen, „dass sie selbst weinen“. Nichts lässt von solchen Passagen darauf schließen, dass ihr Verfasser keineswegs ein nur an Spaß und exotischen Waren interessierter Lebemann ist. Doch tatsächlich ist Dürer ein von ewigem Wissensdrang Getriebener, der eine Revolution aus Italien über die Alpen nach Deutschland gebracht hat: die neuen Bilderwelten der Renaissance.

Etwa 35 Jahre alt ist er nun, bei seinem zweiten Aufenthalt in Venedig, und international bereits eine Berühmtheit. Ein Meister des Kupferstichs, des Holzschnitts, des Porträts. Ein Genie, das die Menschen noch Jahrhunderte nach seinem Tod nicht nur als Künstler, sondern auch als Theoretiker verehren werden. Ja sogar als Namensgeber einer ganzen Epoche – der Dürerzeit. Ein von sich überzeugter Mann ist aus dem einstigen Knaben geworden, der bereits mit 13 Jahren einen ersten Hinweis auf seine außergewöhnliche Begabung gegeben hat, mit einem Selbstporträt, ausgeführt in einer anspruchsvollen Technik. Dürer zeichnet sich mit dem Silberstift, und die präzisen bräunlichen Linien seiner Umrisse entstehen dank einer Art chemischer Reaktion zwischen der silbernen Spitze des Stiftes und speziell grundiertem Papier. Korrigieren lässt sich ein Fehler dabei nicht mehr.

Einen langhaarigen Jungen mit Kappe und ernstem Blick zeigt das vor einem Spiegel entstandene Selbstbildnis. Einige Jahre Schule liegen da bereits hinter Albrecht. Lesen und Schreiben hat er gelernt und offenbar auch etwas Latein. Dann hat ihn der Vater in die Lehre genommen, er soll Goldschmied werden. So wie bereits der Großvater, der Goldschmied im ungarischen Gyula war. In jenem Ort, in dem dann auch der Vater das Handwerk lernte, bevor es ihn nach Deutschland zog, nach Nürnberg.

Zu jener Zeit ist die Handelsstadt eine aufstrebende Metropole. So sauber sind die Straßen, so elegant die Häuser, dass der spätere Papst Pius II. 1444 während eines Hoftags ins Schwärmen gerät: „Was für einen herrlichen Anblick bietet diese Stadt! Welcher Glanz, was für wunderbare Ansichten, welche Schönheiten, welche Kultur, was für eine bewundernswerte Regierung!“ Das Metallhandwerk, vor allem aber der Fernhandel haben dem von einer alteingesessenen Patrizierkaste regierten Nürnberg den Aufschwung beschert. Denn am Fuß einer imposanten Burg kreuzen sich die Wege der Händler, die ihr Geld mit Bernstein und Fisch aus der Ostsee verdienen, Gold und Silber aus Ungarn und Böhmen, Seide und Gewürzen aus Venedig sowie wollenen Tuchen aus den Niederlanden.

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1484 skizziert sich Dürer wohl das erste Mal selbst - da hat er seine Malerlehre noch nicht begonnen. Allerdings erhält der Junge schon eine künstlerische Ausbildung: Sein Vater bringt ihm das Goldschmiedehandwerk bei. (Selbstbildnis als 13-Jähriger)

Im Laufe des 15. Jahrhunderts nimmt die Einwohnerzahl von 20000 auf etwa 30000 zu. Das Bild bestimmen neben Kaufleuten, Handwerkern und Tagelöhnern auch viele Maler und Goldschmiede, die sich in der Stadt niederlassen. Denn mit der Wirtschaft erblüht die Kunst – unter anderem weil seit einem fehlgeschlagenen Aufstand im 14. Jahrhundert die Zünfte abgeschafft sind: Ein angehender Maler kann hier, ohne wie üblich den strengen Zunftregeln unterworfen zu sein, eine Werkstatt führen. Zudem ist es wohl in keiner anderen deutschen Stadt so verbreitet, dass Fürsten und Könige während ihrer Aufenthalte die Werkstätten aufsuchen, begutachten – und Aufträge vergeben.

Albrecht Dürer der Ältere, der Vater, ist ein schwer arbeitender Mann mit großem Talent. Nach zwölf Jahren als Geselle bei einem angesehenen Goldschmied heiratet er im Alter von 40 Jahren dessen 15-jährige Tochter Barbara, wird Goldschmiedemeister und kauft sich ein Haus in bester Wohngegend. Die Nachbarschaft ist vornehm. Kaufleute, Verleger, Humanisten. In dieser Umgebung wächst auch das dritte von insgesamt 18 Kindern auf, die Barbara Dürer nach und nach zur Welt bringen wird. Der im Mai 1471 Geborene heißt wie der Vater: Albrecht.

Der Sohn lernt in der väterlichen Werkstatt zu gravieren, zu treiben und zu vergolden. Aber die Arbeit gefällt ihm nicht. „Meine Lust trug mich mehr zur Malerei“, wird er sich später nüchtern in seiner Familienchronik an die wohl bedeutendste Entscheidung seines Lebens erinnern. Der Vater hat Verständnis und erlaubt ihm, die Lehre abzubrechen. 1486 bringt er den Sohn bei Michael Wolgemut unter. Der gilt als bester Maler Nürnbergs und besitzt das größte Maler-, Zeichner- und Holzschneideratelier der Stadt. Dort werden vorwiegend Werke in einem schlichten Realismus gefertigt. Porträts, Altarbilder, Holzschnitzereien.

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Fürsten, Könige und der deutsche Kaiser bestellen bei Dürer große Werke. Doch der schärft seine Kunst oft auch an eigenen Studien wie diesem ,,Feldhasen'' (1502)

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Auch seine Mutter verewigt der Künstler. Das um 1490 erschaffene ,,Bildnis der Barbara Dürer'' zeugt jedoch, trotz individueller Züge, noch von jener alten Kunst, die Dürer nach und nach überwindet: In ihr wirkten Menschen zumeist schematisch und seltsam entrückt. 

Drei Jahre dauert Dürers zweite Lehre. Er lernt, Farben und Zeichentuschen zu mischen, Tafeln zu grundieren, Vorlagen zu kopieren und die Maßstäbe für Altar- und Glasarbeiten richtig zu berechnen. Zudem beschäftigt er sich wohl zum ersten Mal mit einer Technik, die er später wie kein anderer beherrschen wird: dem Holzschnitt. Mit Messer, Hohl- und Flacheisen wird dabei ein Holzstock so lange bearbeitet, bis schließlich nur noch jene Grate stehen, die später gefärbt werden sollen. Für die Umsetzung seiner Entwürfe setzt Wolgemut eigene Formschneider ein. So technisch exzellent wie die, und auch im Detail präzise, arbeitet kaum jemand in Europa.

Vor allem ihre Schnitte für gedruckte Bücher werden gerühmt. Dabei liefern sie nicht nur Qualität, sondern produzieren zugleich eine hohe Anzahl von Werken. So stammen die rund 1800 Illustrationen für das am opulentesten ausgestattete Buch jener Zeit, die 1493 erscheinende „Schedelsche Weltchronik“, aus den Räumen in der Nürnberger Burgstraße. Als das Werk auf den Markt kommt, hat Dürer den Betrieb schon verlassen. Seit April 1490 ist er auf Wanderschaft. Vier Jahre wird sie dauern und den ehrgeizigen Gesellen nach Köln, Mainz und Basel führen. Vor allem aber will Dürer Martin Schongauer kennenlernen, einen Meister des Kupferstichs im elsässischen Colmar.

Tafelmalerei und Holzschnitt beherrscht Dürer nach seiner Lehre bereits. Nun will er die Technik des Kupferstichs erlernen, die ihm als ideale Verbindung von Zeichen- und Stichelarbeit erscheint. Denn anders als beim Hochdruck, wo das Motiv als Oberfläche stehen bleibt, wird die Zeichnung bei der Tiefdrucktechnik des Kupferstichs mit einem scharfen Grabstichel in eine Metallplatte eingeritzt. So lässt sich mit feineren Linien arbeiten, wobei weitaus filigranere Werke entstehen.

Doch Dürer kommt zu spät nach Colmar – Schongauer ist tot, vermutlich an der Pest gestorben. Dessen Brüder erlauben dem Nürnberger jedoch, dass er die hinterlassenen Stiche studiert, die so meisterhaft gearbeitet sind, dass selbst Michelangelo sie kopiert. Deutlich wie wohl noch niemand zuvor erkennt Dürer in ihnen die Möglichkeiten, die der Kupferstich bietet. Denn die Technik erfüllt geradezu perfekt seinen Wunsch, die differenzierte Ausgestaltung der Fläche in der Malerei mit der plastischen Wirkung von Zeichnungen zu vereinen. Zeitlebens werden ihm die Arbeiten Schongauers als Inspiration dienen.

Wieder zurück in der Heimat, heiratet der 23-Jährige im Juli 1494 eine von seinem Vater ausgewählte Handwerkertochter. 200 Gulden bringt Agnes Frey als Mitgift, den Gegenwert eines kleinen Hauses. Den Charakter des geschäftsmäßigen Arrangements wird die Ehe immer behalten, Liebe wird aus der kinderlos bleibenden Beziehung nie. Schon drei Monate später verlässt Albrecht Dürer die Stadt erneut.

DAS ZIEL DIESMAL: Italien. Möglicherweise ist ein weiterer Ausbruch der Pest der Grund für die rasche Abreise, vielleicht will er aber auch aus Neugier so schnell wie möglich in das Land reisen, in dem ein paar Jahrzehnte zuvor der Aufbruch aus dem Mittelalter begonnen hat. Längst verleihen dortige Maler dank der Erfindung der Zentralperspektive ihren Werken räumliche Tiefe und entwerfen ein neues Menschenbild.

Was Dürer plant, hat wohl noch kaum ein Deutscher getan: nach Italien zu reisen, nicht als Händler oder Pilger, sondern als Künstler, der die Werke italienischer Meister studieren will. Die Reise – die erste von zweien nach Venedig – wird zum Urbild aller deutschen Künstlerfahrten in den Süden. Venedig, was für eine Stadt! Leuchtende Mosaiken und mit Blattgold überzogene Paläste! In den Straßen osmanische Diplomaten, Matrosen, Pilger auf dem Weg ins Heilige Land, Araber, Griechen, schwarze Sklaven. Und wie die Frauen aussehen: Sie tragen schweres Make-up und Kleider, die ihre nackten Schultern zeigen und einen Teil ihrer Brüste!

Als hätte er Sorge, ihm könnte etwas entfallen, bannt Dürer diesen fremden Kosmos auf Papier. Er skizziert einen Orientalen mit Turban, eine römische Rüstung, tanzende Knaben, aufwendig gekleidete Frauen – sowie auf ihn vermutlich nicht minder exotisch wirkende Taschenkrebse und Hummer. Aufmerksam widmet er sich acht Monate lang den Werken der frühen Renaissancemalerei und zeichnet Arbeiten bedeutender Künstler nach, so zwei Stiche des von ihm verehrten Andrea Mantegna, dessen Technik er dabei aber verfeinert.

So ersetzt Dürer die parallelen Linien des Malers durch geschwungene und sich kreuzende Schraffuren. Durch diese Art der Hell-dunkel-Abstufung wirken seine Arbeiten weitaus plastischer. Im Sommer 1495 kehrt Dürer nach Nürnberg zurück und wird fortan die Ideen der Renaissancekünstler in den nördlichen Ländern verbreiten. Er eröffnet eine Werkstatt, produziert vor allem Holz- und Kupferstiche. Von Beginn an versteht er sich als Künstler, der die Themen selbst bestimmt und erst später Käufer für seine Arbeiten sucht. Meist sind es religiöse Motive und mythologische Themen, die seine italienisch-antike Prägung besonders deutlich machen.

Seine Drucke, von denen bald Tausende Exemplare auf den Markt gelangen, fallen nicht nur durch Lebendigkeit und Präzision auf, sondern auch durch sein Monogramm, zwei grafisch gekonnt ineinandergestellte Buchstaben. AD: Albrecht Dürer ist der erste Künstler, der seine Holzschnitte signiert. Wahrlich revolutionär ist aber eine weitere Neuheit, die Dürer eine einzigartige Wirkung ermöglicht: das Format. Waren bis dahin Holzdrucke in Büchern selten mehr als ergänzende Illustrationen, erhebt Dürer sie nun zu eigenständigen Kunstwerken. 40 mal 30 Zentimeter messen seine Blätter und sind damit weitaus größer als das bis dahin Übliche.

Die Nachfrage nach seinen Drucken nimmt so stark zu, dass Dürer einen Agenten für den Verkauf engagiert. Auch legt er einen Vorrat an Holzschnitten und Kupferstichen an, der es ihm ermöglicht, den Markt kontinuierlich mit seinen Werken zu versorgen. Denn im Gegensatz zu einem Gemälde, einem Unikat, wechselt die Druckform ja nie den Besitzer, und limitiert sind Dürers Arbeiten nur durch die Vergänglichkeit des Werkstoffs: Von einer gestochenen Kupferplatte kann er bis zu 200 gute und insgesamt etwa 1000 akzeptable Drucke herstellen, von den unempfindlicheren Holzformen noch weitaus mehr. So ist ihm ein halbwegs regelmäßiges und wohl auch gutes Einkommen sicher.

Dann der endgültige Durchbruch. 1498 bringt Dürer ein Holzschnittbuch auf den Markt, das er selbst verlegt. Inhalt ist die biblische „Apokalypse des Johannes“, ein zweifellos gut gewähltes Thema am Ende eines Jahrhunderts, an dem die Menschen in Furcht vor Seuchen und türkischen Invasoren besorgt in die Zukunft blicken. Zudem ist es in nie da gewesener Form illustriert. Spektakulär und in enormer Detailfülle inszeniert Dürer den Weltuntergang als ein Ereignis der Gegenwart, in einer von seiner fränkischen Heimat inspirierten Landschaft. Solche Visionen haben Dürers Zeitgenossen noch nicht gesehen: eindringlich, dramatisch – und durch die Nähe zu ihrer Lebenswelt umso bedrohlicher.

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Dürers Vater stammt aus Ungarn, der Ehrgeiz trieb den Goldschmied nach reiche Nürnberg. Das Bild von ,,Albrecht Dürer D. Ä.'', das der Sohn 1497 von dem 70-Jährigen fertigt, gilt in seiner anrührenden Realitätsnähe als erstes Renaissance-Porträt der deutschen Kunst. 

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Um das Besondere im Gewöhnlichen zu zeigen, nimmt der Nürnberger beim ,,Großen Rasenstück'' (1503) eine Perspektive fast auf Bodenhöhe ein . 

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Obwohl sie nur aus grauen und weißen Strichen bestehen, scheinen sich die ,,Betenden Hände'' (1508) vom Papier zu lösen und von echtem Blut durchflossen

Unkonventionell ist auch seine Technik. So ignoriert er beim Übertragen seiner Entwürfe auf die Hartholzblöcke mitunter deren Maserung und differenziert nicht mehr zwischen Umriss- und Schattierungslinien. Auf diese Weise kann er seine Bildideen mit größtmöglicher Freiheit umsetzen. Am Ende stehen Werke von technischer Virtuosität und visionärer Ausdruckskraft, die Dürers Arbeiten von denen aller anderen Künstler vor und nach ihm unterscheiden. Mit der „Apokalypse“ hebt er den Holzschnitt endgültig auf das künstlerische Niveau der Malerei. Er ist nicht einmal 30 Jahre alt – und schon international anerkannt, ja berühmt. Ein eleganter Vertreter der Künstlerschaft, der seine Stellung erkennbar genießt.

1498 malt sich Dürer selbst als einen jungen Mann in erlesener Kleidung, mit Wams, braunem Mantel und exklusiven, grauen Rehlederhandschuhen. Selbstbewusst trägt er lange, gelockte Haare und einen Vollbart, für den er nicht selten verspottet wird – dem herrschenden Schönheitsideal entsprechen Glattrasur und gestutzte Haare. Aber Bart und Haartracht, mit denen er wohl antiken Vorbildern nacheifert, werden zeitlebens Dürers Markenzeichen bleiben.

Inzwischen zählt er fest zu den intellektuellen Zirkeln der Stadt, ist gern gesehener Gast bei den geselligen Treffen einheimischer Humanisten, zu denen ihn ein Freund und Förderer regelmäßig einlädt: Willibald Pirckheimer. Der etwas ältere Nürnberger, Spross wohlhabender Patrizier, bringt Dürer die Antike näher. Denn der hochgebildete Altphilologe und Übersetzer aus dem Lateinischen und Griechischen, dem die bestausgestattete Privatbibliothek Deutschlands gehört, erschließt dem Maler theoretische Schriften antiker Autoren, vor allem aber mythologische Quellen, die Dürer vermutlich zu Arbeiten wie „Der große Herkules“ oder „Tod des Orpheus“ inspirieren. An Aufträgen mangelt es Dürer nicht. Während er weiterhin Drucke verkauft, gelangt er – oft durch Hilfe Pirckheimers – an Altar- und Porträtarbeiten für wohlhabende Patrizierfamilien.

Meisterhaft versteht es Dürer dabei, Gesichtern etwas Einzigartiges zu verleihen. Wie nur wenigen Malern seiner Zeit gelingt es ihm, in seinen Porträts Gemütslage und Charaktereigenschaften des Dargestellten sichtbar zu machen. Den mächtigen sächsischen Kurfürsten Friedrich den Weisen etwa, der zu einem wichtigen Gönner wird, stellt er als Mann mit durchdringendem Blick und eindrucksvoll autoritärer Aura dar. Und Jakob Fugger, den wohl reichsten Mann der damaligen Zeit, malt Dürer mit ebenso strengem wie nüchternem Ausdruck und selbstsicherer Haltung.

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Reiche Freunde führen Dürer in die bessere Gesellschaft Nürnbergs ein und verschaffen ihm Aufträge. So malt er 1526 kurz vor seinem Tod »HIERONYMUS HOLZSCHUHER«, den Bürgermeister der Stadt

DIE KUNDSCHAFT ist exklusiv und wird es auch überwiegend bleiben. Dürer bannt die Elite auf Leinwand: Diplomaten, den Nürnberger Bürgermeister, den kaiserlichen Reichsherold, sogar Kaiser Maximilian, dem er ebenso harte wie weiche Züge verleiht, ihn als Herrscher und Menschen gleichermaßen zeigt.

1515 entwirft er für den Monarchen den wohl gewaltigsten Holzschnitt aller Zeiten: eine mit 192 Holzstöcken gedruckte Papiertapete, die eine Art Triumphbogen für den Kaiser darstellt; über fast zehn Quadratmeter erstreckt sich diese „Ehrenpforte“, die in Rathäusern und Fürstenpalästen überall im Reich vom Ruhm des Habsburgers künden soll. Solche Arbeiten bringen Renommee, wenn auch zunächst kein Geld, denn der unter chronischer Geldnot leidende Monarch zahlt nur schleppend. Immerhin bewilligt Maximilian dem Maler als Bezahlung für die Ehrenpforte und andere Werke eine jährliche Leibrente von 100 Gulden – die den Kaiser freilich nichts kostet: Er verpflichtet die Stadt Nürnberg dazu, Dürers Rente aus Steuergeldern zu zahlen.

Anfangs ist die Werkstatt von solch prestigeträchtigen Großaufträgen wie der Ehrenpforte noch weit entfernt. Doch sie wächst rasch zum Unternehmen heran, braucht mehr Personal, um Nachfrage und Arbeiten bewältigen zu können. Schon bald unterstützen Dürer mindestens fünf weitere Männer: sein Bruder Hans, drei Gesellen sowie ein Stipendiat, dessen zweijährige Ausbildung Friedrich der Weise finanziert. Ihnen gegenüber gibt sich Dürer keineswegs als distanzierter Meister. In seiner Werkstatt wird die Arbeit offenbar gerecht verteilt. Er selbst achtet vor allem auf die Einhaltung von Terminen und Qualität. Obendrein unterstützt er seine Gesellen auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit, erlaubt ihnen, dass sie mitunter ihre eigenen Werke signieren, und verkauft auf späteren Reisen sogar die Drucke seines früheren Angestellten Hans Baldung.

Der Erfolg nimmt Dürer nicht die Lust am Experimentieren. Er bleibt außergewöhnlich vielseitig – technisch und inhaltlich. Mal schafft er großformatige Porträts in Kohle, mal setzt er Landschaften und Natur mit Aquarell- und Deckfarben in Szene, mal fertigt er Studien von realistischer Brillanz: betende Hände, einen Feldhasen. So lebendig malt er das Tier in kauernder Haltung, dass noch Jahrhunderte später spekuliert wird, ob als Vorlage wirklich, wie üblich, ein totes Tier gedient hat. Sein wichtigstes Zeichengerät ist lange Zeit die Feder, die er in verschiedenen Stärken besitzt, von spitz bis breit. Später benutzt er auch häufiger einen Pinsel, der aber so fein ist, dass sich sein Strich kaum von dem einer Feder unterscheiden lässt. So kunstvoll versteht Dürer den einzusetzen, dass der von ihm verehrte Maler Giovanni Bellini ihn bei seiner Rückkehr nach Italien um einen jener Pinsel bitten wird, „mit denen Sie das Haar malen“ – um festzustellen, dass es sich um solche handelt, die er selbst benutzt.

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Silbern schimmert der nackte Leib des Künstlers, nur die Locken sind in einem Haarnetz verborgen. Nie zuvor hat ein Maler es gewagt, den eigenen Körper so zu zeigen wie Dürer in dieser zwischen 1500 und 1512 entstandenen »FEDERZEICHNUNG« – sie ist das intimste seiner Selbstporträts

IM JAHR 1505 BEGINNT diese zweite Reise nach Italien. Inzwischen werden Dürers Werke nördlich und südlich der Alpen von so vielen Malern, Kupferstechern und Holzschneidern kopiert, dass er in einem Fall sogar eine Klage anstrengt: Nicht nur hat der Plagiator die Kopien der Holzschnitte perfekt gearbeitet, es fehlt nicht einmal das Monogramm. Für den Künstler ein klarer Verstoß gegen die immer höchste Qualität garantierende Marke Dürer. Noch intensiver als bei seiner ersten Reise spürt der Nürnberger in Venedig und Bologna der Neuentdeckung der Antike nach. In Kirchen und Palästen, auf Plätzen und in Ateliers. Er besichtigt und entdeckt, untersucht und experimentiert.

Erneut beeindruckt ihn, dass die italienischen Künstler offenbar die zeitlosen Gesetze der Schönheit wiederentdeckt haben, die einst in der Antike geprägt wurden. Zudem will er in der Theorie dazulernen, in den Methoden. So lässt er sich in der Perspektivlehre unterrichten, stillt sein Interesse für Mathematik und Proportion und trifft sich mit Malergrößen zum Gespräch. Die sehen den Deutschen längst als ebenbürtig an. Er bleibt fast anderthalb Jahre und arbeitet wie im Fieber. Für die Kirche der Deutschen in Venedig fertigt er im Auftrag von Kaufleuten für 110 Gulden das großformatige Altargemälde „Das Rosenkranzfest“ an, das enormen Beifall findet. Die Auftraggeber sind begeistert.

Jeder sage, schönere Farben habe er noch nie gesehen, schreibt Dürer seinem Freund Pirckheimer. Und prahlt selbstbewusst: „Ich teile Ihnen mit, dass es kein besseres Marienbild im ganzen Land gibt als das meine.“ Aufträge für rund 2000 Dukaten, ein kleines Vermögen, gehen danach bei Dürer ein, doch er lehnt ab. Er will zurück nach Nürnberg. Selbst eine von Venedigs Stadtrat angebotene Anstellung mit festem Jahresgehalt vermag ihn nicht umzustimmen. 1507 reist er ab, sein Ansehen in Italien kann er nun kaum noch steigern. Diese Anerkennung wünscht Dürer sich auch in der Heimat: „Hier bin ich ein Herr, daheim bin ich ein Schmarotzer“, schreibt er, etwas kokettierend, in seinem letzten Brief an Pirckheimer.

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Als er 1525 im Schlaf eine »ENDZEITVISION« hat, skizziert und schildert Dürer am Morgen danach die im Traum durchlebte Sintflut

Zwei Jahre später zieht er mit seiner Werkstatt in das heutige Dürerhaus, einen imposanten Fachwerkbau mit Holzgalerie und Krüppelwalmdach. Vor allem durch das gefeierte „Rosenkranzfest“ erhält die Werkstatt in Deutschland viele Aufträge für Gemälde und Altararbeiten. Weiterhin stellt der Betrieb aber auch Drucke her. In den Jahren 1513 und 1514 erreicht Dürers Stecherkunst bei drei sogenannten „Meisterstichen“ ihre Vollendung: Mit nie zuvor da gewesener Präzision schiebt der Künstler seinen Stichel durch das Metall, lässt die Linien durch sanften Druck auf- und abschwellen, spielt meisterhaft mit Licht und Stimmungen.

Als wären sie aus Tausenden Silberfäden gewoben, so schimmern schließlich die besten dieser Drucke. Ist der von Tod und Teufel begleitete Ritter in „Der Reiter“ ein Beispiel für moralische Tugend, die den rechten Weg nie verlässt? Oder ist der Stich nur eine Warnung vor dem grassierenden Raubrittertum? Und drückt die düstere, rätselhafte „Melancholie“ mit der engelhaft geflügelten Gestalt im Vordergrund die demütige Erkenntnis aus, dass der forschende Mensch stets an die Grenzen seiner Möglichkeiten stößt?

Die Arbeiten festigen Dürers Ruf als einer der bedeutendsten Künstler seiner Zeit. So wie er versteht es niemand, in Stichen Ornamente und Figuren, Ernst und Spiel, Lust und Frömmigkeit zu verbinden. Immer mehr interessiert den Meister in seiner zweiten Lebenshälfte aber die Theorie. Geradezu besessen ist er von der Suche nach messbaren Größen, auf denen die Schönheit der menschlichen Natur beruht. Schon seit Langem macht er sich Notizen zur wichtigsten Frage, die ihn beschäftigt: Gibt es die ideale Figur?

So beginnt er zu forschen, liest das zehnbändige Werk des antiken Architekturtheoretikers Vitruv, saugt auf, was der über die Symmetrie und Proportion von Tempeln schreibt, die darauf beruhe, dass alle Teile ein gemeinsames Grundmaß besäßen. Diese Regel gelte auch für die Darstellung des Menschen, für den der Römer sogar genaue Verhältniszahlen angibt: Im Vergleich zum Körper macht der Kopf ein Zehntel aus, der Fuß ein Sechstel, die Brust ein Viertel. Zeitlebens treibt Dürer seine Proportionsstudien weiter voran und fasst sein Wissen schließlich in „Vier Büchern von menschlicher Proportion“ zusammen. Zudem veröffentlicht er eine Schrift über den Bau von Verteidigungsanlagen. Angesichts der Bedrohung durch die türkischen Heere wird das Werk zum Bestseller.

1525 erscheint „Die Unterweisung der Messung“, eine Art Lehrbuch der Geometrie für bildende Künstler und Kunsthandwerker. Darin geht es um gekrümmte Linien wie Schnecken und Spiralen, um Kurven im Raum, Säulen, Sonnenuhren. Es ist die erste wissenschaftliche Veröffentlichung zur Kunsttheorie in deutscher Sprache. Als das Werk auf den Markt kommt, ist Dürer schon seit Jahren krank. Immer wieder suchen ihn Fieberschübe heim. Vermutlich hat er sich Anfang der 1520er Jahre in den Niederlanden mit Malaria angesteckt. Dennoch arbeitet er unermüdlich weiter. Seit 1524 schreibt er an der ersten Familienchronik der Kunstgeschichte.

Mehr und mehr schirmt ihn seine Frau von der Öffentlichkeit ab. Dürers Freund Pirckheimer glaubt jedoch, dass es die Gier der Gattin ist, die Dürer zum Schaffen drängt – und schließlich in den Tod treibt. Der scheint ihn dennoch überraschend zu treffen, denn ein Testament hinterlässt er nicht. Am 6. April 1528 stirbt das Genie Albrecht Dürer im Alter von 56 Jahren, im Ruhm unter den Künstlern seiner Zeit allenfalls überstrahlt von Raffael, Leonardo und Michelangelo. Seiner Frau hinterlässt er 6874 Gulden, der Nachwelt einen weitaus umfangreicheren Schatz: 1113 Zeichnungen, 108 Kupferstiche und Radierungen, 246 Holzschnitte und 188 Gemälde.

3. Hans Holbein der Jüngere. Das Antlitz der Anderen.

Menschengesichter machen ihn zum gefeierten Meister: Hans Holbein der Jüngere ist der herausragende Porträtmaler der deutschen Kunst im 16. Jahrhundert. Über Jahrzehnte fertigt er virtuose Bildnisse jener Männer und Frauen, die die politischen und religiösen Verwerfungen seiner Zeit verkörpern. Unerreicht genau und psychologisch klug zeigt er Gelehrte, Politiker, Herrscher – und das Leid seiner eigenen, zerrissenen Familie

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Fast fotografisch exakt mutet Holbeins »PORTRÄT DES CHARLES DE SOLIER« an, eines französischen Gesandten (um 1534). Nie jedoch erschöpft sich die Kunst des Deutschen bloß in technisch perfekten Einzelheiten: Ihm gelingen vor allem beeindruckend lebensnahe Charakterstudien (Ausschnitt)

Gegen Mittag kommt Bewegung in die Menschenmenge, die sich, ausgerüstet mit Kanonen und Büchsen, vor dem Basler Rathaus versammelt hat. Niemand kann später sagen, ob jemand ein Signal zum Aufbruch gegeben hat, doch wie auf Befehl eilen nun 200 Männer und Frauen durch die engen Gassen vom Marktplatz den Hügel zum Münster hinauf, jener mittelalterlichen Kathedrale, die als Hochburg der Katholiken direkt über dem Rhein thront. Kurz darauf rütteln die Ersten an dem schweren, verriegelten Portal. Holz splittert. Die Tür öffnet sich. Die Menschen drängen in die reich dekorierte Kirche, reißen Altarflügel und Heiligenbilder zu Boden, zerschmettern Kerzenständer und Statuen. Ihr Zorn richtet sich gegen kirchlichen Prunk und falsche Götzen, die vom wahren Glauben ablenken und von den Ablasszahlungen der Kirchgänger erworben werden.

Halbwüchsige Knaben schleppen ein riesiges, hölzernes Kruzifix mit dem gemarterten Jesus zum Marktplatz und grölen: „Bist du Gott, dann wehr dich! Bist du Mensch, dann blute!“ Vor dem Münster lodern erste Feuer auf, in denen hölzerne Bildtafeln und Schnitzwerk verbrennen. „Es gab niemanden, der angesichts des bewaffneten Volkes nicht um sein Leben fürchtete“, so beschreibt der berühmte katholische Gelehrte Erasmus von Rotterdam die Ereignisse vom 9. Februar 1529 später in einem Brief an einen Freund: „Weder Kostbarkeit noch künstlerischer Wert setzten der Zerstörungswut irgendwie eine Grenze.“ Seit acht Jahren lebt der Humanist in der als liberal geltenden Stadt, in der seine Bücher ebenso gedruckt werden wie die Werke von Martin Luther.

Anders als im nahen Zürich, wo seit Jahren nur noch evangelische Gottesdienste in der Öffentlichkeit geduldet werden, hat der Basler Stadtrat im Streit zwischen Papsttreuen und Reformanhängern lange Toleranz walten lassen. Noch am 6. Januar hatte er beschlossen, dass in katholischen Kirchen immerhin noch dreimal täglich die Messe gefeiert werden dürfe, während schon längst reformierte Prediger gegen die römische Kirche wetterten, deren Götzendienst an Heiligenbildern sowie den Ablasshandel. Doch mit dieser meist gewaltlosen Koexistenz ist es jetzt vorbei. Denn den Straßenkämpfern geht es nicht nur um religiöse Fragen, sondern auch um politische Macht: Immer noch, so klagen sie, dienten sich viele Ratsvertreter der altgläubigen adeligen Großbürgerschaft an; zudem paktiere der Bischofsklerus mit dem deutschen Kaiser. Sie fordern ein Wahlrecht für alle Zunftmitglieder und zugleich den Entzug des Stimmrechts des Bischofs – kurz: eine protestantische Demokratie.

Vom Münster aus zieht der Mob an diesem Februartag weiter zu den Kirchen St. Peter und St. Ulrich, setzt auch dort Altarschmuck und Gemälde in Flammen. Als die Aufrührer nach vier Stunden zum Marktplatz zurückkehren, versprechen die Basler Ratsherren eilends, noch am selben Tag eine Entscheidung zu treffen. Wenig später verkünden sie: Die zwölf katholischen unter den mehr als 200 Ratsherren treten sofort zurück. Bald darauf wird es verboten, religiöse Bildwerke für Kirchen herzustellen und die römische Messe zu feiern. Basel ist fortan eine Stadt der Reformation. Randalierer und Vandalen gehen straffrei aus. In den Freudenfeuern, die daraufhin in Basel brennen, verglüht sakrale Kunst aus vielen Jahrhunderten. Für einen Maler aber, der nur ein paar Hundert Meter von den Schauplätzen der Krawalle entfernt wohnt, wird das kulturelle Inferno zum Startpunkt seines Aufstiegs: Ausgerechnet der reformatorische Hass gegen die kirchliche Kunst wird ihn letztlich dazu treiben, seine einzigartigen Fähigkeiten auf ein bestimmtes Genre zu konzentrieren – und ihn so zum besten und einflussreichsten deutschen Porträtisten des 16. Jahrhunderts formen.

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Erst spät verewigt Holbein auch die eigene Person: Im ,,Selbstbildnis mit 45 Jahren'' (1543) wird in Kreide ein Mann sichtbar, der weniger wirkt wie ein empfindsamer Künstler, mehr wie ein bodenständiger Handwerker. Und doch: Nicht seine Hände zeigt der Maler, sondern lässt den Kopf dominieren - das passende Vermächtnis des gefeierten Portraitisten. 

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In Basel, wo er wohl auch seine Lehre beendete, lernt Holbein den berühmten Humanisten Erasmus von Rotterdam kennen. Eine Ausgabe von dessen Schrift ,,Lob der Torheit'' versieht der erst 18-Jährige mit kleinen humorigen Randzeichnungen: Ein gelehrter etwa tritt in den Eierkorb einer Marktfrau, weil er sich - zu sehr in der Welt von Geist und Theorie gefangen - von der personifizierten Weisheit (im Bild links) ablenken lässt. Randzeichnung zu ,,Lob der Torheit'' (1515). 

Doch erst einmal trifft auch Hans Holbein den Jüngeren der Bildersturm, denn einige seiner Werke verbrennen. Wie viele, weiß niemand genau. Nur wenige seiner frühen Arbeiten haben den Bildersturm überlebt, weil ihre Stifter sie vorsorglich aus den Kirchen in Sicherheit gebracht und versteckt haben. Denn einige seiner Zeitgenossen haben längst erkannt, dass Holbein mehr ist als ein tüchtiger und vielseitiger Handwerker: Schon jetzt, mit 31 Jahren, gehört er zu den Meistern der deutschen Renaissance, wird neben Malern wie Albrecht Dürer und Lucas Cranach d. Ä. genannt.

Noch ist er vor allem für seine religiösen Bilder bekannt, doch später werden es seine Porträts sein, in denen er unübertroffen bleibt. Denn Holbein gelingt es wie keinem vor ihm, einen Menschen auf einem Gemälde so lebensnah abzubilden, dass es scheint, als könnte man den Charakter des Dargestellten erkennen. Er wird das Bild von berühmten Männern wie Erasmus von Rotterdam oder Thomas More für die Nachwelt prägen. Erst einige Monate vor diesem Februartag ist er aus London, wo er für den königlichen Hof gearbeitet und einige der engsten Vertrauten Heinrichs VIII. porträtiert hat, nach Basel zu seiner Familie zurückgekehrt.

Was empfindet der Künstler jetzt angesichts der schwarzen Rauchwolken über der Stadt? Was sagt er zu der Vernichtung von Altarbildern – auch seiner eigenen Gemälde –, die doch dazu vorgesehen waren, ihre Stifter lange zu überleben? Leidet Holbein unter dieser Zerstörung von Kunstwerken, oder kann er den Verlust der Bilder verschmerzen, weil er längst über neue Aufgaben nachdenkt? So oder so wird er ahnen, dass er als Maler in Basel kaum noch eine Zukunft hat. Ohne kirchliche Aufträge kann die Stadt mit ihren 10 000 Einwohnern einen Künstler seines Ranges kaum beschäftigen.

HOLBEIN SELBST hat keinen Kommentar, keine einzige Zeile zu dieser Situation hinterlassen: Er ist kein Mann des Wortes. Texte oder gar kunsttheoretische Traktate hat er nicht verfasst. Im Winter 1497/98 in Augsburg geboren, wächst er mit seinem etwas älteren Bruder Ambrosius in der Kunstwerkstatt seines Vaters Hans Holbein d. Ä. auf. Die beiden Jungen müssen mit anpacken, sobald sie dazu in der Lage sind. Täglich mischen sie Farbpigmente, bereiten Holztafeln als Maluntergrund vor, erledigen Besorgungen und Botengänge. Es ist viel zu tun.

HOLBEIN PRÄGT, WIE MAN SICH SPÄTER AN BERÜHMTE ZEITGENOSSEN ERINNERN WIRD

Vater Holbein verkauft seine Bilder bis nach Frankfurt am Main. 1511 porträtiert er seine halbwüchsigen Söhne: Hans, der Junge mit dem kräftigen Rundschädel, schaut da schon so ernst und klar in die Welt, wie er es mehr als 30 Jahre später auf einem Selbstbildnis immer noch tun wird. Bei ihrem Vater beginnen die beiden wohl auch ihre Ausbildung; jeweils vier Jahre lang erlernen sie von ihm das Malerhandwerk. Hans übernimmt von ihm wahrscheinlich auch die Vorliebe für das Zeichnen mit dem Silberstift. Im Winter 1515 folgt er seinem Bruder nach Basel, um dort vermutlich bei dem Maler Hans Herbst als Geselle zu arbeiten.

In der Stadt am Rhein angekommen, wo der Buchdruck prosperiert, hält Hans wohl bald erstmals ein Buch des Erasmus von Rotterdam in seinen Händen. Das „Lob der Torheit“, seit 1511 schon in mehreren Verlagen erschienen, wird gerade in Basel neu aufgelegt, in lateinischer Sprache. Im Verlauf weniger Jahre werden mehrere Tausend Exemplare verkauft – ein erster Bestseller des Buchdrucks. Ein Verehrer des Erasmus, der den Holbein-Brüdern Lateinunterricht erteilt, bittet die beiden, sein persönliches Exemplar mit Randzeichnungen zu versehen, und übersetzt ihnen die wichtigsten Passagen. Die entscheidende These des Buchs lautet: Die menschliche Erfahrung ist eine wertvollere Quelle der Erkenntnis als jede theoretische Studie; zudem lässt die Torheit den Einzelnen seine Existenz leichter ertragen.

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Obwohl er sich schon bald auf Porträts spezialisiert, fertigt Holbein auch Gemälde mit religiösen Themen. In der »DARMSTÄDTER MADONNA« von 1526 verbinden sich Heiligendarstellung und profanes Bildnis: Zu Füßen Marias gruppiert sich die Familie von Jacob Meyer zum Hasen, einem ehemaligen Bürgermeister Basels, der sich zehn Jahre zuvor gemeinsam mit seiner Gattin von Holbein hat malen lassen

Innerhalb von zehn Tagen liefert Hans 79 Illustrationen, sein Bruder Ambrosius schafft in der gleichen Zeit drei Zeichnungen. Die Bebilderung durch den 18-jährigen Hans verblüfft durch Fantasie, Witz und ein tiefes Verständnis des ironischen Textes. Mit jedem seiner Bilder erzählt er eine kleine Geschichte. Etwa diese: Ein Gelehrter tritt in den Eierkorb einer Marktfrau, weil er nicht auf die Welt vor seinen Füßen achtet. Oder: Ein Esel singt zu einer Harfe – um, wie so mancher Prediger, den banalen Inhalt durch seinen feierlichen Vortrag aufzuwerten. Oder: Ein starker Mann scheitert daran, einem Pferd den Schweif auszureißen, dem Schwachen aber gelingt es, weil er jedes Haar einzeln entfernt. Das Talent des jungen Hans Holbein fällt den Reichen und Mächtigen in Basel bald auf. Bereits 1516, noch als Geselle, porträtiert er den neuen Bürgermeister der Stadt Jakob Meyer zum Hasen und dessen Frau.

Meyer ist ein Emporkömmling: ein Immobilienspekulant und Geldwechsler, der sich in die bessere Basler Gesellschaft eingekauft hat. Und so wirkt auch sein Bildnis: Ehrgeizig richtet Meyer den Blick über den Bildrand hinaus nach oben, während seine Ehefrau ihn stolz und gleichzeitig skeptisch fixiert, als wolle sie ihren Mann unter Kontrolle halten. Holbein erfüllt seinen Auftrag mit größter Sorgfalt, skizziert die Gesichter des Paares zunächst mit Silber- und Rötelstiften, bevor er ihre Porträts auf zwei Lindenholztafeln malt. Meyers Nase fällt dabei zwar etwas gefälliger aus als im ersten Entwurf. Doch ansonsten schönt Holbein das Paar nicht, sondern charakterisiert seine spannungsvolle Beziehung, das unentwegte Streben des Mannes nach Macht und die latente Unzufriedenheit seiner Frau.

Schon mit seinem ersten Porträtauftrag zeigt Holbein, was stets seine unnachahmliche Stärke ausmachen wird: die Lebensnähe, mit der er die Züge und Charaktere der Abgebildeten zu erfassen scheint. Ab 1519 etabliert er sich immer mehr in Basel, wird als Meister in die Zunft der Maler aufgenommen und gründet eine Familie. Er heiratet Elisabeth Binzenstock, die Witwe eines Gerbers, ein paar Jahre älter als er, die einen Sohn mit in die Ehe bringt. Wenig später erhält er das Bürgerrecht der Stadt. Und Holbein hat viel zu tun: Er übernimmt Buchillustrationen, Aushängeschilder, etwa für einen Messerschmied, zeichnet Entwürfe für Grafiken und Glasfenster.

Bald beschäftigt er in seiner Werkstatt wohl auch einige Angestellte. Die Basis seines zunehmenden geschäftlichen Erfolges ist die künstlerische Experimentierfreude, Holbein sucht in jedem Genre seinen eigenen und neuen Stil. So entwirft er für das Haus eines Goldschmieds, das spitzwinklig an der Ecke einer Altstadtgasse liegt, mithilfe perspektivischer Tricks eine fantastische Architektur aus Säulen, Rundbögen und Laubengängen und erzeugt damit – entgegen allen Regeln der traditionellen Fassadenbemalung, die ein Gebäude schmücken und sich dabei seiner Beschaffenheit anpassen soll – die Illusion eines verschachtelten Prachtbaus. Spielende Kinder, Hunde, Pferde und tanzende Bauern wimmeln über die Wand.

Wenig später entsteht für ein Gedenkmal der Familie Amerbach in der Basler Kartause sein tieftrauriger, erschreckend realistischer „Leichnam Christi“ auf einer zwei Meter breiten, nur 30 Zentimeter hohen Lindenholztafel. Das extreme Querformat zeigt einen einsamen Toten in seinem kalten Grab: Der Körper ist abgemagert und von schwärenden Wunden gezeichnet, die halb offenen, nach oben gedrehten Augen starren ins Leere, Hände und Füße sind durch die beginnende Verwesung schwarzgrün angelaufen. Um den Verfall naturgetreu zu veranschaulichen, hat Holbein zuvor Leichen studiert. Er gehört zu den ersten Künstlern, die Christus als einen Toten darstellen, dessen Körper der Verwesung unterliegt. Und mehr noch: Kein anderer Maler hat je den vom Kreuz abgenommenen Jesus derart beengt und scheinbar greifbar in seiner düsteren Grabkammer dargestellt – nicht nur für Holbeins Zeitgenossen ein erschütternder Anblick.

So erleidet der russische Dichter Fjodor Dostojewski 1867 bei der Betrachtung des Bildes beinahe einen epileptischen Anfall und bemerkt später, es habe die Macht, den christlichen Glauben zu zerstören. Die Basler Stadtoberen schätzen Holbein wohl gerade wegen seines Wagemuts: Schon 1521 beauftragen sie ihn mit der Ausmalung des Rathaussaales für den Großen Rat. Doch der junge Familienvater – inzwischen ist sein erstes Kind geboren – gerät mit den Ratsherren in Streit über die Höhe seines Honorars und bricht die Arbeit ab, obwohl sie nach Auffassung des Rates bereits voll bezahlt ist.

DIE REALITÄTSNÄHE IST DIE STÄRKE DES KÜNSTLERS. ABER MANCHMAL AUCH DIE BEWUSSTE ILLUSION

Holbein scheint ein Hitzkopf zu sein. Schon in Luzern, wo er 1517 eine Hausfassade bemalte, wurde er wegen einer Messerstecherei zu einer Geldstrafe verurteilt. Um 1523 trifft er Erasmus von Rotterdam. Der Gelehrte hat ein paar Jahre zuvor ein Porträt von sich bei Albrecht Dürer bestellt, doch offenbar hat der Meister aus Nürnberg Wichtigeres zu tun, jedenfalls wartet Erasmus noch immer darauf. Wahrscheinlich gewährt der Denker nun Holbein mehrere Porträtsitzungen. Und so gelingt dem Maler ein intimes, lebendiges und entspannt wirkendes Bildnis; fast hat es den Anschein, als schaue man dem Humanisten bei der Arbeit über die Schulter.

Den Händen des Erasmus widmet sich der Maler dabei mit besonderer Sorgfalt: Er fertigt für sie, einzig in diesem Fall, vorbereitende Skizzen an. Auf die Hände – von denen eine die Schreibfeder, die andere den Papierbogen hält – richtet der Gelehrte im Gemälde dann auch seinen Blick: Er arbeitet an einem Kommentar zum Markus-Evangelium. Nicht sein Gesicht, das nur im Profil zu sehen ist, sondern seine Tätigkeit als Schriftsteller rückt das Bildnis damit ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Erasmus selbst wirkt zerbrechlich, seine Stärke zieht er aus seiner geistigen Arbeit, in die er völlig versunken ist. In mehreren Ausführungen und zahllosen Kopien werden Holbeins Erasmus-Bildnisse in ganz Europa verbreitet, entwickeln sich zum Markenzeichen des Humanisten – und steigern damit nicht nur dessen Ruhm, sondern auch den seines Porträtisten.

Für Holbein kommt der prestigeträchtige Auftrag keinen Tag zu früh: Er braucht dringend neue Klienten, da seine Lage in Basel zunehmend prekär wird. Denn aus den ersten Basler Kirchen werden im Zuge der Reformation Bilder entfernt – die Gläubigen sollen sich in weiß gekalkten Räumen allein auf das Wort Gottes konzentrieren. Religiöse Werke sind in der Stadt kaum noch gefragt. Und so entschließt sich Holbein 1526, es in England zu versuchen. Denn die führenden Künstler am dortigen Hofe kommen traditionell aus dem Ausland. Zudem, so hofft er, kann ihm seine Verbindung zu Erasmus dort behilflich sein. Der Humanist hat lange in London gelebt, pflegt eine enge Freundschaft mit dem Gelehrten Thomas More, der wiederum zum engsten Beraterkreis des englischen Königs gehört.

Erasmus gibt dem jungen Maler ein Empfehlungsschreiben mit, in dem er ihn rühmt und auf dessen schwierige Lage hinweist: In Basel, so Erasmus in dem Brief, „frieren die Künste“. Deshalb hoffe Holbein, in England „einige Goldmünzen zusammenkratzen“ zu können, wie der Gelehrte sarkastisch hinzufügt. Elisabeth Holbein bleibt mit den Kindern zurück – sie ist erneut schwanger. Reisen ist strapaziös und teuer. Zudem ist das Leben in London gefährlich: Immer wieder grassieren dort Seuchen, die Kindersterblichkeit ist hoch.

IM DEZEMBER 1526 erreicht Holbein die englische Metropole. Was für ein Gedränge und Gewimmel in den Gassen! Wie dreckig es hier ist und wie laut! In London leben mehr als 50 000 Menschen, gut fünfmal so viele wie in Basel, und Jahr für Jahr strömen Tausende mehr auf der Suche nach Arbeit und Brot hierher. Wie soll sich ein Mann, der die Sprache der Einheimischen nicht beherrscht, in diesem Moloch zurechtfinden? Doch Thomas More nimmt sich des Künstlers an, quartiert ihn in seinem Haus in Chelsea ein und lässt sich von Holbein porträtieren. Der Maler skizziert seinen Entwurf mit weichen Kreiden, versieht ihn mit winzigen Nadelstichen und paust die Umrisse dann auf eine Eichentafel durch. Schon mit dem ersten Londoner Auftrag demonstriert Holbein selbstbewusst seine technische Perfektion: Stoffe, Pelzkragen und Brokat wirken so prachtvoll und realistisch, wie man es sonst nur von den niederländischen Meistern kennt.

Mit starken Farbkontrasten – leuchtend rote Ärmel, ein knallgrüner Vorhang – erzeugt Holbein höchste Aufmerksamkeit für den Mann, dessen prunkvolle Amtskette auf seine politische Macht hinweist. Der Gesichtsausdruck des katholischen Rechtsgelehrten ist ernst, gesammelt und introvertiert. More gilt als bescheidener Mann, und das sieht man seinem Porträt an. Der Auftraggeber ist begeistert von seinem Bildnis. Er bestellt bei Holbein ein Porträt seiner gesamten Familie – und verhilft ihm Anfang 1527 sogar zu einem Auftrag am königlichen Hof: Zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages zwischen England und Frankreich werden eigens Festgebäude errichtet, und Holbein soll sie mit zwei möglichst spektakulären Gemälden schmücken – einer Weltkarte an der Decke eines Theaters und einem Schlachtengemälde auf einem Triumphbogen.

Nach kaum zwei Monaten in England steht er bereits im Dienste des Königs! Das ist mehr, als sich der frisch eingetroffene Künstler erträumen durfte. Die Arbeit bringt ihm nicht nur ein gutes Honorar, sondern beste Verbindungen zu den höchsten Angestellten des Hofes. Viele von ihnen lassen sich und ihre Ehefrauen nun von Holbein porträtieren. Im August 1528 kehrt er nach Basel zurück. Er kauft von seinen Londoner Honoraren ein schmales Wohnhaus nördlich der Altstadt direkt am Rhein. Seine kleine Tochter Katharina sieht er jetzt zum ersten Mal, dabei ist sie schon anderthalb. Das Familienporträt, das in jenen Monaten entsteht, zeigt keine Wiedersehensfreude, sondern eine traurige Frau mit rot geränderten Augen. Elisabeth ist inzwischen Mitte dreißig, der gemeinsame Sohn Philipp etwa sechs. Sie wirkt tief erschöpft und zermürbt. Auch die beiden Kinder sehen bedrückt aus. Ernst blickt seine Tochter Katharina zu einem unsichtbaren Gegenüber – möglicherweise Holbein selbst.

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Wagemut in Format und Inhalt: Schon das extreme Querformat von »DER TOTE CHRISTUS IM GRAB« (1521) ist kühn. Radikaler noch aber scheint das Dargestellte: Erstmals zeigt ein Künstler den Leichnam des Gottessohns mit offenen, erloschenen Augen und derart eingepfercht in eine kalte Gruft. Das drastische Werk erschüttert die zeitgenössischen Betrachter

Das Bild ist auf mehrere zusammenmontierte Papierbögen gemalt und auf Holz geklebt. Die Komposition war ursprünglich größer, wahrscheinlich hat sich auch der Maler auf der rechten, heute fehlenden Bildhälfte selbst porträtiert. Wer das Gemälde verkleinerte und Teile davon entfernte, ist unbekannt; in jedem Fall ist es, neben Holbeins Gruppenbildnis der Familie von Thomas More, das erste private Familienporträt in der Geschichte der Malerei.

Holbein richtet seinen schonungslosen Blick auch auf seine engsten Verwandten – er malt sie, wie er sie sieht. Und spiegelt damit die unglückliche Situation, in der sich die Familie nach seiner Rückkehr befindet. Denn im Februar 1529 entladen sich die religiösen Konflikte in Basel im Bildersturm, stürmt der Mob die Kirchen und zwingt den Stadtrat zum Einlenken. Zum 1. April 1529 wird Basel offiziell „reformiert“: Wer ein öffentliches Amt ausübt, muss ein Bekenntnis zur evangelischen Religion ablegen. Überzeugte Katholiken wie Erasmus und manche ehemaligen Ratsherren ziehen nun in das katholische Freiburg.

Der Basler Rat versucht, Holbein trotz allem in der Stadt zu halten, zahlt ihm ein gutes Honorar für die – eigentlich ja bereits abgegoltene – Fertigstellung der Wandmalerei im Rathaus und beauftragt ihn mit ein paar Restaurierungsarbeiten. Doch viel mehr ist für den Künstler in der Stadt nicht zu tun: Die Protestanten haben keinen Bedarf an prunkvollen Altargemälden, und zahlreiche reiche Bürger, die ihm Aufträge erteilen könnten, haben die Stadt nach dem Bildersturm verlassen. Dennoch bleibt er vorerst. Elisabeth bringt zwei weitere Kinder zur Welt, und 1531 vergrößert er seinen Grundbesitz um ein kleines Nachbarhaus. Anfang 1532 aber scheint es endgültig nicht mehr weiterzugehen: Holbein fährt nach Freiburg zu Erasmus, lässt sich ein neues Empfehlungsschreiben für London ausstellen und macht sich abermals auf die Reise in die englische Metropole.

DAS SCHOCKIERENDE CHRISTUSBILD BRINGT HOLBEIN RUHM – ABER ER BRAUCHT NEUE AUFTRÄGE

Doch als er im Sommer 1532 dort ankommt, haben sich auch in England die Verhältnisse gründlich geändert. Noch wenige Jahre zuvor hat König Heinrich VIII., ein überzeugter Katholik, Übersetzungen des Neuen Testaments ins Englische öffentlich verbrennen, Anhänger Luthers verhaften lassen. Doch jetzt wendet der Herrscher sich von der päpstlichen Oberhoheit in Rom ab. Seine Motive sind dabei weder religiös noch sozial: Vielmehr will sich Heinrich von seiner aus Spanien stammenden, katholischen Gattin Katharina trennen und die englische Adelige Anne Boleyn heiraten. Leidenschaftlich ist er in die 16 Jahre Jüngere verliebt. Und er erhofft sich von ihr endlich einen männlichen Thronfolger, denn seine drei Söhne mit Katharina sind alle kurz nach der Geburt gestorben. ´Jahrelang haben seine Diplomaten mit der Kurie in Rom über eine Aufhebung von Heinrichs erster Ehe verhandelt, doch der Papst weigert sich, die Verbindung zu annullieren. Daraufhin beschließt der König, sich selbst zum Oberhaupt einer neuen – englischen – Kirche zu ernennen, die sich zunächst aber noch an den katholischen Riten orientieren wird. Im Mai 1532 unterwirft sich der Klerus im Land seinem Willen. Thomas More aber bleibt dem Papst treu und tritt von seinem Amt als Kanzler des Königs zurück.

Und Hans Holbein? Viele seiner alten Verbindungen zum Hof sind plötzlich nichts mehr wert. Wenn er in London nicht gleich ins Abseits geraten will, muss er fortan den Kontakt zu Thomas More meiden. Er braucht andere Auftraggeber, einen neuen Zugang zum königlichen Hof. Beides wird er schon bald inmitten der Stadt finden.

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1522 geht Holbein nach London. In der englischen Kapitale sucht er die Nähe der deutschen Hanse-Kaufleute. Einige bestellen bei ihm repräsentative Gemälde, so dieser Händler, in dessen Bildnis der Maler 1532 nicht nur Antlitz und Gewand mit großem Realismus festhält, sondern auch zahlreiche Gegenstände, die Erfolg, Weltgewandtheit und Bildung suggerieren (»DER KAUFMANN GEORG GISZE«)

Im Stalhof, einem Gebäudekomplex direkt an der Themse, leben und arbeiten seit Jahrhunderten die Kaufleute der Hanse. Die Mitglieder dieses mächtigen, überseeischen Handelsverbandes importieren unter anderem Salz, Wein oder Holz vom europäischen Festland. Es ist eine deutsche Enklave, deren Tore jeden Abend um neun fest verschlossen werden. Bis vor Kurzem standen die wohlhabenden Händler – zu Recht – in dem Verdacht, Schriften der Reformatoren in Stoffballen und Fässern ins Land zu schmuggeln, kam es in ihren Kontoren wiederholt zu Razzien.

Doch jetzt, da sich der König vom Papst losgesagt hat, wird der Stalhof zum Umschlagplatz für geheime Botschaften und Geschenke für verbündete europäische Herrschaftshäuser; die deutschen Händler arbeiten aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und Verbindungen auch als Übersetzer und Diplomaten für den englischen König. Holbein mietet sich ganz in der Nähe ein, findet schnell Zugang zu seinen Landsleuten. Erste Porträts werden bei ihm bestellt: als Schmuck für die Wände der Gildehalle, dem Versammlungsort der wohlhabenden deutschen Kaufmänner im Stalhof.

Wie befreit arbeitet der Künstler nun, jedes scheinbar beiläufig platzierte Detail gibt er mit größter Perfektion wieder. Das Bildnis des Hanse-Kaufmanns Georg Gisze etwa stattet er verschwenderisch mit Symbolen von Macht und Besitz aus: einer Waage, Münzen, einem Handstempel und vielen Briefen, die wie zufällig auf dem Tisch liegen oder an der Wand festgesteckt sind. Ungewöhnlich oft, nämlich sieben Mal, ist der Name des Händlers in verschiedenen Sprachen auf Briefumschlägen und Schriftstücken verzeichnet, was ihn als gefragten und gebildeten Mann charakterisieren soll.

Ebenso andeutungsvoll setzt Holbein die Symbolkraft von Objekten beim Doppelporträt der französischen Diplomaten Jean de Dinteville und Georges de Selve ein, einem seiner Meisterwerke. Die beiden Männer stehen auf einem ornamentierten Fußboden, den es in ähnlicher Musterung nur im Altarraum der Westminster Abbey gibt. Entspannt lehnen sie links und rechts an einer Etagere, auf der Gegenstände lagern, die Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie symbolisieren.

Eine Laute liegt auf diesem kleinen Regaltisch neben einem aufgeschlagenen lutherischen Gesangbuch, ein Erdglobus weist das Schloss Polisy – den Herrschaftssitz eines der beiden Gesandten – als bedeutende Hauptstadt aus. Auf der oberen Fläche ist neben Winkelmessgeräten ein zylinderförmiger Himmelskalender zu sehen, der auf den 11. April 1533 datiert.

Diese Huldigung an den wissenschaftlichen Fortschritt, den die jungen französischen Diplomaten lässig präsentieren, wird freilich gebrochen durch ein Bildnis des Todes, das man erst auf den zweiten Blick wahrnimmt. Schräg zwischen den Füßen der Männer erscheint merkwürdig verzerrt die Darstellung eines übergroßen Totenschädels, der nur dann richtig zu erkennen ist, wenn der Betrachter seinen Blickwinkel ändert. Die ungewöhnliche Idee stammt wohl von Holbein: Je nachdem, aus welcher Perspektive man das Bild betrachtet, triumphieren die menschliche Schaffenskraft, die Forschung und Kunst – oder der Tod. Als Nächstes bestellen die Hanse-Kaufleute zwei riesige Wandgemälde für ihre Gildehalle, auf denen der Triumphzug des Reichtums gezeigt wird: Die glücklichen Wohlhabenden werden in ihrem Erfolg bedroht von der Rachegöttin Nemesis, während der Karren der Mittellosen am Baum der Hoffnung und des Fleißes einfach vorbeifährt.

SPÄTESTENS DAMIT fällt Holbein einem Mann auf, der als Diplomat im Stalhof ein- und ausgeht und gerade dabei ist, zum engsten Berater des Königs aufzusteigen: Thomas Cromwell ist ein raffinierter Stratege, der um die Bedeutung künstlerischer Propaganda weiß. Der kühle Exsöldner und erfolgreiche Tuchhändler hat vor Heinrichs Abfall von Rom rechtzeitig die Seiten gewechselt, ist aus seinem Dienst bei einem Kardinal zum König übergelaufen und lässt bald ohne Skrupel Klöster zerschlagen und Katholiken dem Schafott zuführen.

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Ein englischer Adliger hält um die Hand einer Dame an - mit diesem Bild von Holbein. Das Ansinnen des ,,Simon George of Cornwall'' (um 1537) wird dabei durch die rote Nelke in seiner Hand symbolisiert. Die Virtuosität Holbeins sowie einflussreiche Fürsprecher verschaffen ihm schnell Zugang zu höchsten Kreisen. 

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Forscher und Mächtige schätzen Holbeins Talent, so ,,Erasmus von Rotterdam'' (r.) oder der lothringische ,,Herzog Anton der gute''. Englands König Heinrich VIII. hilft der Maler sogar bei der Brautschau, indem er Bilder von Kandidatinnen anfertigt. Von der leibhaftigen ,,Anna von Kleve'' ist der Monarch aber enttäuscht - so viel schöner fand er ihr Bildnis. 

Zunächst lässt sich Cromwell selbst von Holbein porträtieren. Gut möglich, dass er den Künstler auch mit der Zeichnung „Salomon und die Königin von Saba“ beauftragt, die kaum verhohlen eine politische Botschaft in sich trägt. Das kleine Blatt zeigt König Salomon, der die Huldigungen der Königin und ihrer Gefolgschaft empfängt – und das Besondere: Der legendäre Monarch, laut der Bibel einst der Herrscher Israels, sieht Heinrich VIII. ungemein ähnlich. „Gepriesen sei der Herr, dein Gott, der gewollt hat, dich auf seinen Thron zu setzen“, steht auf der Zeichnung über dem König. Ende 1534 hat das Parlament den Act of Supremacy verabschiedet, der Heinrich VIII. endgültig alle Machtbefugnisse über die Kirche von England einräumt. Vermutlich macht Cromwell diese Miniatur, die Heinrichs politischen Sieg zum epochalen Triumph überhöht, dem Herrscher ein paar Wochen später zum Geschenk.

Während sein einstiger Förderer Thomas More inzwischen in den Tower gesperrt worden ist, weil er sich weigert, einen Eid auf die Oberhoheit von Heinrich VIII. über die englische Kirche abzulegen – ein Gelöbnis, das jeder Bürger Englands leisten muss –, rückt Holbein durch Cromwell immer näher an den Hof. Häufig liefert er den königlichen Goldschmieden fortan Entwürfe für Broschen und Geschirr. Doch den lang ersehnten Aufstieg verdankt er wohl weniger dem Kunstverstand des Königs als dem politischen Kalkül seines Förderers Cromwell, der den Maler als Propagandisten braucht. Und spätestens 1536, keine zehn Jahre nach Holbeins erstem Auftrag am Hofe Heinrichs VIII., schafft Cromwell es tatsächlich, den Deutschen als einen offiziellen Hofmaler des englischen Herrschers einzusetzen.

Von nun an wird Holbein auf der königlichen Gehaltsliste geführt, verdient 30 Pfund pro Jahr, etwa so viel wie ein mittelständischer Kaufmann. Und noch im selben Jahr steht der Maler dem Monarchen, einem der mächtigsten Männer seiner Zeit, persönlich gegenüber: Eine einzige Sitzung muss ihm wahrscheinlich genügen, um dessen Konterfei zu erschaffen, das er danach für verschiedene Werke verwenden wird.

EINES DER GEMÄLDE ist noch im Original erhalten. Es ist nur 24 Zentimeter hoch und 14 Zentimeter breit und zeigt den massigen Oberkörper des Herrschers, der die winzige Bildfläche zu sprengen scheint; Heinrich kneift die Lippen zusammen, und aus dem harten Gesicht mit den flachen Wangen blicken seine Augen herrisch und kühl.

Das Porträt schmeichelt dem König nicht, dennoch muss es ihm gefallen haben – vielleicht, weil er durch die kantigen Farbflächen wie auf ewig in seiner Machtposition festgezurrt wirkt und der mit dem besonders teuren Ultramarinblau ausgemalte Hintergrund das Bild zu einer Kostbarkeit macht. Vermutlich lässt Heinrich schon bald andere Künstler Holbeins Werk nachmalen, um die Kopien als Geschenke an europäische Fürstenhäuser zu verschicken. Es ist der stolze Gruß eines Monarchen, der sich als unangefochtener Herrscher präsentiert.

EIN EINFLUSSREICHER RATGEBER DES MONARCHEN ENGAGIERT DEN DEUTSCHEN ALS PROPAGANDISTEN

Und der doch um das Fortbestehen seiner Dynastie bangen muss. Denn seine Gattin Anne Boleyn hat im Januar 1536 eine Fehlgeburt erlitten und der König wieder einmal den sehnlichst erwarteten männlichen Thronfolger verloren. Nun will er die Frau, für die er vor ein paar Jahren den Bruch mit Rom vollzogen hat, ebenso loswerden wie zuvor seine erste Gattin. Am 19. Mai 1536 lässt er Anne Boleyn wegen angeblicher ehelicher Untreue enthaupten, im selben Monat heiratet der König erneut: Seine Braut Jane Seymour ist fast 20 Jahre jünger als er. Dass aus der strahlenden Königin Anne Boleyn eine vermeintliche Verbrecherin wurde, ist das Ergebnis einer Intrige, die Thomas Cromwell eingefädelt hat (die Vorwürfe sind aller Wahrscheinlichkeit nach erfunden).

Mit seiner dritten Frau will Heinrich sich nun auch in seiner repräsentativen Residenz in London verewigen lassen. Dem königlichen Angestellten Holbein fällt dabei eine wichtige Aufgabe zu: Er entwirft ein Wandgemälde für einen privaten Empfangsraum des Monarchen. Es zeigt den König, seine neue Gattin und seine Eltern.

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Auch »CHRISTINA VON DÄNEMARK, HERZOGIN VON MAILAND«, mit 16 Jahren bereits verwitwet, zählt zu jenen europäischen Adelsfrauen, die Heinrich VIII. als neue Gattin an seiner Seite erwägt. Holbein soll sie 1538 zur optischen Prüfung malen. Der König ist begeistert von ihrem Abbild, doch Christina lehnt seine Avancen ab: Es hat sich herumgesprochen, dass das Leben mit dem Monarchen, der seine zweite Frau Anna Boleyn hat hinrichten lassen, gefährlich ist

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Bei dem Bild »DIE GESANDTEN«, einem Doppelporträt der beiden französischen Adeligen Jean de Dinteville und Georges de Selve, nutzt Holbein 1533 erneut Gegenstände zur Charakterisierung: Himmelsglobus und Sonnenuhr repräsentieren das Interesse an der Astronomie, die Laute den Sinn für Musik. Aus dem realistischen Tableau fällt jedoch ein übergroßer, verzerrter Schädel heraus – Symbol für die Allgegenwart des Todes

Doch das Familienglück, welches das Bild postuliert, hält im wirklichen Leben nicht lange. Zwar schenkt Jane Seymour ihrem Mann im Oktober 1537 endlich einen Sohn. Zwölf Tage nach der Geburt aber stirbt sie im Kindbett. Sofort beginnt Cromwell, nach einer neuen Frau für Heinrich zu suchen. Eine schnelle Wiederverheiratung ist nicht nur aufgrund des Alters des Königs wichtig; sie bietet auch Gelegenheit zur machtpolitischen Verbindung mit einem europäischen Herrscherhaus. Mit großer Sorgfalt lässt Cromwell mehrere Kandidatinnen sichten. Die erste Wahl fällt auf Christina von Dänemark, 16 Jahre alt, aber bereits verwitwete Herzogin von Mailand, die als ebenso kluge wie schöne junge Frau gilt. Der König will möglichst schnell ein realistisches Porträt von ihr sehen und schickt seinen Hofmaler Holbein im März 1538 nach Brüssel, wo Christina sich im Palast ihrer Tante aufhält. Nach einer dreistündigen Sitzung reist der Künstler sofort zurück und präsentiert sechs Tage später dem König eine Porträtskizze. Heinrich VIII. reagiert euphorisch auf den Anblick seiner potenziellen Braut. Zum ersten Mal seit dem Tod Jane Seymours zeigt er sich gut gelaunt, lässt seine Musiker aufspielen und richtet ein Festessen aus.

Das 1,20 Meter hohe Bildnis, das Holbein anschließend auf eine Eichentafel malt, zeigt die junge Witwe ganz in Schwarz gekleidet vor einem schlichten Hintergrund. Ihr Blick wirkt offen und jugendlich, ein leichtes, etwas geheimnisvolles Lächeln umspielt ihre Lippen. Von der Begeisterung des Königs lässt sich Christina allerdings nicht anstecken, sie lehnt seinen Antrag nach einiger Bedenkzeit ab. Denn in ganz Europa hat sich herumgesprochen, dass das Leben an der Seite Heinrichs VIII. gefährlich ist. Nur wenn sie zwei Köpfe hätte, würde sie einen für den englischen Monarchen aufs Spiel setzen, lässt sie Heinrich ausrichten.

VIELE VERTRAUTE DES KÖNIGS MÜSSEN STERBEN. DER SCHONUNGSLOSE MALER ABER ÜBERLEBT

Und so wird Holbein erneut ausgeschickt, um weitere Eheanwärterinnen in Augenschein zu nehmen, diesmal in Frankreich. Der Maler verbindet die Reise mit einem Besuch in Basel. Sechs Jahre war er nicht mehr dort, doch noch immer genießt er die Bürgerrechte der Stadt. Seine Zunft hat einfach so getan, als wäre Holbein nicht fortgereist, hat ihn zweimal zum Waffendienst einberufen und geflissentlich übersehen, dass er nicht angetreten ist. Vertreter der Stadt empfangen den nunmehr so erfolgreichen Maler mit einem Bankett. Holbein gefällt sein Auftritt; in edlen Kleidern aus Samt und Seide geht er durch die Stadt und schwärmt davon, wie effizient der englische König sein Inselreich regiere.

Und Holbeins Familie? Elisabeth und die Kinder hat er vor sechs Jahren zuletzt gesehen. Die Jüngsten, Jakob und Küngold, kennen ihren Vater kaum. Ihre Mutter ist inzwischen Mitte vierzig, hat fünf Kinder geboren und weitgehend allein großgezogen. Nun hilft auch nicht, dass ihr Gatte sie mit teuren englischen Schmuckbechern und Silberlöffeln beschenkt – Elisabeth hat vermutlich schon jeden Glauben verloren, dass die Familie noch einmal zusammenfinden könnte. In einem der folgenden Jahre wird sie das Familienbild der Holbeins verkaufen, das später zerschnitten wird. Eines der ersten privaten Familienporträts in der Geschichte der Malerei zeugt davon, wie eine Familie zerbricht.

IM HERBST 1538 reist Holbein wieder ab, mit einem großzügigen Angebot von Basels Stadtrat als Sicherheit: Sollte er innerhalb von zwei Jahren aus England zurückkehren und fortan in Basel arbeiten, würde er eine Pension von 50 Gulden erhalten – auf Lebenszeit. Es wäre eine Existenzgrundlage für die vielköpfige Familie, doch der Maler wird die Offerte nie in Anspruch nehmen. In London ist die Situation bei Holbeins Rückkehr immer noch prekär: Nach wie vor ist keine Braut für Heinrich VIII. gefunden. Und außenpolitisch gerät England zunehmend in die Isolation, da der französische König Franz und der deutsche Kaiser Karl V. – die sich über Jahre erbittert bekriegt hatten – einen Waffenstillstand geschlossen haben und der Papst nun darauf drängt, den englischen Ketzerkönig aus dem Amt zu jagen.

Für England wäre es daher taktisch klug, Heinrich VIII. mit einem papstkritischen deutschen Fürsten zu verbinden – und so mit einem Teil des Reiches von Karl V. Thomas Cromwell, weiterhin mit der Suche beauftragt, wählt Herzog Wilhelm V. aus, der seit Kurzem das Herzogtum Jülich-Kleve am Niederrhein regiert und zwei Schwestern im heiratsfähigen Alter hat. Zunächst reisen Botschafter nach Frankfurt am Main, wo sie mit den Deutschen über die Heiratspläne ihres Herrn verhandeln und Erkundigungen über die zukünftige Braut einholen. Heinrich aber will sich nicht allein auf deren Berichte verlassen, sondern ein Bild der Auserwählten sehen. Und ausdrücklich nicht das schmeichelhafte Porträt eines deutschen Hofmalers: Der König besteht auf den unbestechlichen Blick des geschätzten Holbein. Im Sommer 1539 macht der sich auf den Weg.

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In London malt Holbein auch jenen Mann, dem er das Entree bei Hofe vor allem verdankt: den königlichen Berater Thomas More. Für ein Gruppenbild der Familie Mores fertig der Künslter Einzelstudien und diese in Tinte und Kreide gehaltene ,,Vorzeichnung''

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Im fertigen ,,Familienbild des Thomas More'' (1526/1527) sitzt die Hauptfigur mit ernstem Ausdruck im Zentrum, neben ihm sein Vater im roten Gewand. Weil More rebelliert, als sich Heinrich VIII. 1533 von der römischen Kirche lossagt, wird er eingekerkert und später hingerichtet. 

Anna von Kleve spricht zwar Latein, aber weder Englisch noch eine andere Fremdsprache. Sie kann nicht singen, nicht tanzen, ist allenfalls tüchtig in Handarbeit und gilt als wenig gewandt. Auf all das werden die Botschafter den jähzornigen König aber nur sehr vorsichtig hinweisen. Holbein ist wahrscheinlich der Einzige, der sich mit Anna in ihrer Muttersprache unterhalten kann – und einer der wenigen Abgesandten des Königs, die die junge Frau überhaupt zu Gesicht bekommen. Was er über die künftige Braut erfährt, kann er seinem König aber nicht direkt sagen, sondern nur durch sein Gemälde zeigen. Und offenbar glaubt er ganz und gar nicht, dass die schüchterne junge Deutsche zu dem alternden englischen König passt.

Diesmal führt er sein Porträt rasch an Ort und Stelle aus, farbig auf Pergament. Was für ein Gegensatz zum Bildnis der Christina von Dänemark! Holbein malt Anna von Kleve in einer ungewöhnlichen, symmetrisch aufgebauten Frontalansicht, vielleicht um ihre unebenen Gesichtszüge zu kaschieren. Die junge Frau wirkt wie erstarrt, das überreiche Dekor lässt ihr Gesicht und die gesamte Persönlichkeit umso zurückhaltender erscheinen.

Doch wenn dieses Bild eine Warnung sein soll, so versteht ihr Adressat die Botschaft nicht. Im Gegenteil: Heinrich ist angetan vom Bildnis der 24-Jährigen, die seiner verstorbenen Gattin Jane etwas ähnelt. Er lässt dem Herzog von Kleve ausrichten, er wolle Anna heiraten. Der Ehevertrag ist bereits ausgehandelt, als sich die Brautleute endlich begegnen: Heinrich VIII. reitet seiner, mit großer Gefolgschaft von Calais herbeisegelnden Braut entgegen und empfängt sie am Neujahrstag 1540 in Dover. Doch das Treffen verläuft vom ersten Moment an katastrophal. Heinrich kann seine Verlobte nicht leiden, nicht mit ihr sprechen, findet sie schlecht angezogen und nennt sie eine „flämische Mähre“. Rechtlich und politisch aber ist er an sein Eheversprechen gebunden.

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Erschöpfung und tiefe Traurigkeit zeigt um 1529 das »BILDNIS DER FAMILIE HOLBEINS«. Seine Frau Elisabeth und die beiden Kinder Philipp und Katharina hat der Maler bei seinem Umzug nach London in Basel zurückgelassen. Er schaut auf sie mit dem gleichen unbestechlichen Blick wie auf all seine Modelle – und spiegelt so, mit dem ersten erhaltenen privaten Familienporträt der Geschichte, ergreifend das Unglück einer Trennung

Am Hof wird längst über die Potenzprobleme des Königs getuschelt. Jetzt dient ihm seine Antipathie gegen Anna als Vorwand dafür, die Ehe mit ihr niemals zu vollziehen. Kein halbes Jahr nach der Hochzeit trennt sich Heinrich von ihr. Anna bekommt den Status einer „Schwester des Königs“ zugesprochen, muss versprechen, in England zu bleiben, und erhält Ländereien als Pension. Der König aber ist wütend über das kurze, höchst peinliche Ehe-Experiment. Sein Zorn richtet sich vor allem gegen Thomas Cromwell, der ihm diese Ehefrau doch angedient hatte, um die Macht seines Herrschers durch eine geschickte Heiratspolitik zu sichern. Kurz nach der Annullierung der Ehe wird Cromwell verhaftet und als vermeintlicher Verschwörer in den Tower gesperrt. Fast genau fünf Jahre nach der Hinrichtung Thomas Mores stirbt im Juli 1540 auch er auf dem Schafott.

Der Maler selbst bleibt verschont. Vielleicht ist er einfach nicht wichtig genug, um beim König in Ungnade zu fallen. Vielleicht hat ihn auch seine Wahrhaftigkeit gerettet: Das Porträt zeigt Anna von Kleve ungeschönt. Wenn es für Holbein einen richtigen Zeitpunkt gäbe, nach Basel zurückzugehen, wäre er nun vermutlich gekommen. Die Zweijahresfrist, die ihm von den Basler Stadtherren eingeräumt wurde, läuft im Herbst 1540 ab. Ein auskömmliches Dasein als hochgeehrter Künstler in seinem eigenen Haus erwartet ihn dort. In England ist die Stimmung am Hof dagegen gereizt.

Doch Holbein hat seine persönlichen Gründe, trotz allem zu bleiben. So hat er mittlerweile offenbar uneheliche Kinder in London. Schon lange wird gemunkelt, dass er eine Geliebte hat. Vielleicht führt er ja ein harmonisches Leben mit einer zweiten Familie? Das würde eine Federzeichnung erklären, mit der Holbein 1540 ein intimes Familienporträt skizziert: Eine Frau, die Gesichtszüge nur angedeutet, sitzt auf einer Holzbank; vier kleine Jungen und Mädchen drängen sich um sie herum. In den Jahren danach wird es um den Künstler stiller. Keiner der Männer, die für seinen Werdegang wichtig waren, ist noch am Leben. Und Heinrich VIII. ist hinfällig.

IN LONDON HAT DER FAMILIENVATER HOLBEIN WOHL EINE GELIEBTE. UND WEITERE KINDER

In knapp drei Jahrzehnten hat Holbein sein künstlerisches Schaffen zur Vollendung gebracht. Doch nun hat seine Kunst ihre großen Protagonisten verloren: jene Männer, deren Gesichter für die religiösen und politischen Umwälzungen der vergangenen Jahrzehnte standen. Hans Holbein hat sie gemalt, er hat ihren Aufstieg miterlebt und ihr Ende, und er hat sie in seinen Bildern genauer charakterisiert als jeder andere Maler. Nun, so scheint es, bleibt ihm nur noch ein Motiv, das seiner Meisterschaft würdig ist. Eine letzte Aufgabe, bevor sein Werk vollendet ist. Wahrscheinlich 1543, im Alter von 45 Jahren, porträtiert Holbein erstmals sich selbst. Die farbige, schlichte Kreidezeichnung zeigt einen kräftigen Mann, der dem Betrachter mit wachen, ernsten Augen direkt ins Gesicht schaut – eher ein tüchtiger Handwerker als ein feinsinniger Künstler.

Mit ein paar hastig gekritzelten Zeilen regelt Holbein bald darauf seinen Nachlass, weist auch ein monatliches Salär für eine Kinderfrau an, die sich um seinen unehelichen Londoner Nachwuchs kümmert. Dann stirbt er, ganz plötzlich, im Spätherbst 1543 in London. Sein Selbstbildnis bleibt wie ein Vermächtnis: Nichts weiter soll die Nachwelt über ihn erfahren, keine persönlichen Gedanken, nichts über seine Kinder, die er zum Teil kaum kennengelernt hat, nichts über die Frauen, die er geliebt hat. Der Mann, dessen einzigartige Karriere mit einer Katastrophe für die Kunst begann und der mit seinem Stil viele Porträtisten prägen wird, hinterlässt keine Erklärungen. Er muss nichts schreiben, um die Größe und die Tragik seines Lebens darzulegen. Dafür reicht ihm ein Bild.

4. Lucas Cranach d. Ältere. Eine Fabrik für die Kunst.

Er wird bekannt mit Gemälden, in denen er Innovationen aus den Niederlanden und Italien verarbeitet, und so steigt Lucas Cranach 1505 zum Hofmaler des Kurfürsten von Sachsen auf. Seine Werkstatt bringt schon bald in beispiellosem Tempo Bilder hervor: Kein Maler arbeitet effizienter und keiner ist geschäftstüchtiger als Cranach, der im Zeitalter der Glaubensspaltung der Sache Luthers ebenso dient wie der römischen Kirche

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In seinem typischen Werkstattstil mit klaren Konturen und kräftigen, deutlich voneinander abgesetzten Farbfeldern malt Cranach 1530 das »PARADIES«, in dem er die biblische Schöpfungsgeschichte erzählt: von der Erschaffung Adams (hinten rechts) und Evas (hinten Mitte) bis zu deren Vertreibung aus dem Garten Eden durch den Erzengel Gabriel (hinten links)

EIN AUFTRAG vom neuen Kurfürsten! 120 Bilder soll Cranach für ihn malen: 60 Porträts von jedem seiner beiden verstorbenen Vorgänger. Die Gemälde will Johann Friedrich I. von Sachsen paarweise als Geschenk an andere Herrscherhöfe schicken – und zwar möglichst bald. Ein Morgen im Herbst 1532. Lucas Cranach, ein Mann von etwa 60 Jahren mit mächtigem Patriarchenbart, eilt über den Innenhof seines Anwesens in Wittenberg. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert ist er bereits Hofmaler der Kurfürsten von Sachsen und von seinen Auftraggebern schon einiges gewohnt, aber dieser Auftrag ist selbst für ihn eine Herausforderung: Kein Künstler in den deutschen Landen könnte in ein paar Wochen oder Monaten in höchster Qualität 120 Bilder malen.

Bis auf einen: Cranach selbst. Denn ist er nicht weit über Sachsen hinaus für sein beispielloses Arbeitstempo bekannt? Hat nicht ein Gelehrter an ihn geschrieben: „Jedermann lobt Dich wegen der wunderbaren Schnelligkeit, mit der Du malst.“? Zudem hat er inzwischen ein gutes Dutzend Angestellte, die ihm beim Verfertigen der Gemälde helfen. Nach einigen Schritten erreicht Cranach die beiden Gebäude am Ende des Hofes, in denen seine Werkstatt untergebracht ist. Zehn Gesellen sind bei der Arbeit, einige sitzen vor den Fenstern an Staffeleien, malen vielleicht an einer Darstellung der Liebesgöttin Venus oder an einem Bildnis des Reformators Martin Luther.

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Seine Werkstatt, in der er etliche Gesellen beschäftigt, bringt Cranach ein Vermögen: Er fertigt Gemälde für fürstliche Gemächer und Kirchen, liefert Karnevalskostüme und Wandbehänge. Um 1550 lässt er sich von seinem Sohn als Ratsherr darstellen – ein Amt, das er in Wittenberg viele Jahre lang bekleidet (»LUCAS CRANACH D. ÄLTERE«)

Weiter hinten stehen an einem Tisch weitere Männer, schlagen über einer Steinplatte Eier auf, rühren Farbpulver in die glibberige Masse, formen so eine Paste, die sich leicht mit dem Pinsel auftragen lässt. Mehr als 25 verschiedene Pigmente nutzt der Meister – und legt großen Wert darauf, dass jederzeit frisch gemischte Farben zur Verfügung stehen. Damit die Arbeit nicht unterbrochen werden muss, nur weil der passende Farbton fehlt! Zudem lagert Cranach in seinen Räumen stets große Vorräte an Tafeln aus Holz, meist Buche; darauf malt er am liebsten. Ein Tischler liefert ihm die Bretter zumeist in sechs verschiedenen Formaten, die größten messen etwa anderthalb Meter, die kleinsten rund 20 Zentimeter. Und so kann er immer sofort mit der Arbeit beginnen – gleichgültig, ob er einen Auftrag für ein monumentales Altarbild erhält oder, wie jetzt, für kleinformatige Porträts.

Als Erstes lässt sich Cranach an diesem Morgen Musterbilder der beiden verstorbenen Fürsten bringen, von Friedrich III. und Johann I. Wie viele Maler seiner Zeit hat sich Cranach im Laufe der Jahre eine große Sammlung solcher Vorlagen zugelegt, darunter Porträts von Adeligen und Bauern, Kopfstudien von Aposteln und jungen Frauen, außerdem Bilder von abgeschlagenen Köpfen (für Märtyrerdarstellungen) sowie Skizzen von Hirschen und Ziegen: eine Fülle von Motiven, die er in immer neuen Varianten in seine Gemälde einbaut. In den folgenden Tagen kopieren die Gesellen die Vorlagen auf die Holztafeln. Dafür nutzen sie Lochpausen, das sind Blätter aus eingefettetem Papier oder Pergament, die sie über die Musterbilder legen. Mit Nadeln stechen sie die Umrisslinien der kurfürstlichen Oberkörper nach. Dann spannen sie die perforierten Blätter auf die Tafeln, streuen Kohlenstaub darüber. Das Pulver rieselt durch die Löcher – und die Konturen der Kurfürsten erscheinen als Muster aus schwarzen Punkten auf dem Holz; die Gesellen verbinden die Kohletupfer dann mit Pinsel oder Metallstift zu Linien.

Meist tragen nun Cranach und seine Gehilfen im Wechsel die Farben auf. Wer dabei welchen Teil des Bildes übernimmt, ist heute kaum noch festzustellen. Wahrscheinlich malen die Gesellen die Kleidung der Regenten, die schwarzen Barette auf ihren Häuptern, die Pelzkragen ihrer Gewänder. Die Köpfe dagegen übernimmt wohl Cranach selbst, manchmal vielleicht auch ein langjähriger Mitarbeiter – es braucht Können und Erfahrung, um die Gesichter zu malen. Der Meister drängt auf Eile: Während in einem Teil des Gemäldes die Farben noch trocknen, lässt er schon die nächste Partie ausmalen.

Auf Wunsch des neuen Kurfürsten sollen auf jedem Porträt Inschriften stehen, die die Taten der Vorgänger feiern. Solche Texte tragen Maler üblicherweise mit dem Pinsel auf. Viel zu langsam für Cranach: Er lässt die Lobreden größtenteils auf Papierstreifen drucken, klebt sie auf das untere Drittel der Gemälde, kombiniert so das traditionelle gemalte Tafelbild mit der deutlich jüngeren Druckkunst – und beschleunigt die Arbeit ein weiteres Mal. So steht die produktivste und schnellste Malerwerkstatt Europas jener Zeit nicht in Rom, Venedig oder Brüssel, sondern im kleinen Wittenberg: Wohl mehr als 5000 Gemälde fertigt Cranach mithilfe seiner Gesellen in seinem Leben, dazu unzählige Kupferstiche, Holzschnitte und Zeichnungen. All dies meist signiert mit einer geflügelten Schlange, die einen Ring im Maul trägt: Cranachs Wappentier, das Emblem seiner hocheffizienten Bilderfabrik.

WIE MAN EINE Künstlerwerkstatt erfolgreich leitet, lernt Cranach schon früh. Auch sein Vater ist Maler, führt einen gut gehenden Betrieb in Kronach, einer kleinen Stadt in Franken mit rund 2000 Einwohnern. Hier wird Lucas 1472 geboren, heißt zunächst mit Nachnamen noch Moller oder Maler. Erst mit Anfang dreißig wird er sich nach seinem Geburtsort nennen – Familiennamen bilden sich in dieser Zeit erst langsam heraus, und es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Männer nach ihren Heimatstädten bezeichnen. Er lernt vermutlich gut zwei Jahre lang das Malerhandwerk bei seinem Vater, geht als Geselle auf die Wanderschaft, kehrt danach wohl in die Heimat zurück. Nur wenig ist bekannt über die ersten 28 Jahre seines Lebens, es gibt kein einziges Bild aus dieser Zeit, das man ihm zuordnen könnte.

Doch Cranach hat Ehrgeiz, will nicht wie sein Vater sein Leben lang hauptsächlich fränkische Kirchen ausstatten. Er beschäftigt sich mit den Ideen anderer junger Künstler, studiert etwa die Druckgrafiken Albrecht Dürers, der in Nürnberg arbeitet. Und er lernt Latein, die Sprache der Intellektuellen – ungewöhnlich für einen Maler. Kurz nach 1500 beschließt er, nach Wien zu ziehen, an den Sitz der Habsburger-Herrscher. Eine unternehmerisch kluge Entscheidung. Denn in der Residenzstadt ist die Nachfrage nach Kunst groß: Die Angehörigen des Kaiserhofes und die Gelehrten der Universität sind gern bereit, für ungewöhnliche Bildkompositionen Geld auszugeben. Maler mit neuen Ideen aber gibt es kaum in der Stadt – gute Chancen also für einen erfolgshungrigen Novizen aus der Provinz.

Cranach nimmt in der Metropole Kontakt zu Professoren, Lyrikern und Rhetorikern auf, die wie er aus Franken stammen. Seine Landsleute machen ihn im Kreis ihrer Kollegen bekannt. Und genau wie der Neuankömmling gehofft hat, bestellen sie Bilder bei ihm, etwa der Arzt Johannes Cuspinian, Rektor der Wiener Universität und Dekan der medizinischen Fakultät.

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Mit ,,Martin Luther'' verbindet Cranach wohl eine enge Freundschaft. Der künstler illustrierte Pamphlete des Predigers und macht dessen Gesicht durch zahlreiche Porträts bekannt: Der Kupferstich von 1521 zeigt ihn als jungen Augustinermönch. 

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In nie gesehen Farbigkeit taucht der junge Cranach 1503 ,,Die Klage unter dem Kreuz'': In schwarz und grau dräuen die Gewitterwolken, Jesu Leib, grausam deformiert durch den Nagel, der seine Füße durchstoßen hat, schimmert wie Bronze. Und indem der Künstler das Kruzifix schräg stellt schafft er eine radikale neue Perspektive auf diese tausendfach gemalte Szene. 

Leicht überrascht schaut er auf Cranachs Porträt in die Ferne, hebt den Kopf, als habe er gerade etwas Neues, Einzigartiges erfahren – wohl eine Anspielung darauf, dass Cuspinian auch ein begabter Dichter ist. Der forschende Blick, die individuellen und lebensnahen Gesichtszüge mit den sanft geröteten Wangen: Cranach zeigt hier, zu welcher Präzision und psychologischen Tiefe er fähig ist (siehe Seite 106).

Zudem fasziniert die Wiener, dass Cuspinian auf Cranachs Gemälde zwischen Gras und Baum frei in der Natur sitzt – sonst zeigen Künstler die Porträtierten vor Fenstern oder in Loggien, durch Mauern und Säulen getrennt von der Landschaft. Als erster deutscher Maler bricht Cranach mit dieser Tradition, profiliert sich damit als moderner Künstler, der die neuen Strömungen aus den Niederlanden und Italien kennt. Gänzlich innovativ dann ist ein Bild der Kreuzigung Jesu, das er 1503 malt. Den geschundenen Körper des Heilands hüllt er in ein dramatisch wehendes Lendentuch, taucht die Szene in expressive, in ihrer Kombination ungesehene Farben: nachtschwarz und blaugrau die Gewitterwolken, die über Golgatha aufziehen, während das verschwindende Sonnenlicht den Leib des Herrn wie Bronze schimmern lässt.

Und dann der Standort des Kreuzes! Nicht im Mittelpunkt des Bildes steht es und frontal zum Betrachter, wie seit Jahrhunderten üblich: Cranach hat es an die Seite gerückt und schräg gestellt. Der leidende Erlöser, das Zentrum des christlichen Glaubens, wird an den Rand geschoben – und zieht durch diesen Bruch mit der Konvention erst recht die Aufmerksamkeit auf sich. So mutig wie Cranach sind nur wenige Künstler in dieser Zeit. Man spricht über ihn, in den Kreisen der Gelehrten, an den Höfen kunstsinniger Fürsten.

Friedrich III. von Sachsen wird auf ihn aufmerksam. Seit Jahren arbeitet er daran, seine kleine Residenzstadt Wittenberg in einen glanzvollen Ort zu verwandeln, in dem die Künste blühen und die Gelehrten disputieren. Der Kurfürst gründet eine Universität, beruft den venezianischen Meister Jacopo de’ Barbari zum Hofmaler – und als der ihn nach einiger Zeit wieder verlässt, bietet er Cranach das Amt an. Der zögert zunächst ein wenig, von der Kaiserstadt Wien an einen Flecken zu ziehen, der nicht größer ist als sein Heimatort. Doch Friedrich lockt mit Geld: 40 Gulden will ihm der Fürst als Ausgleich für die Umzugskosten zahlen. So viel erhält sein Kämmerer als Jahresgehalt. Wohl im Frühjahr 1505 siedelt Cranach nach Wittenberg über und wohnt zunächst in einer der Kammern des Schlosses; auch seine Werkstatt ist in dem Gebäude untergebracht.

Wenige Maler sind so MUTIG wie CRANACH

Wie viele andere Künstler wird er bei seiner Arbeit nun von mehreren Mitarbeitern unterstützt – gut ausgebildeten Handwerkern, die sich auf das Grundieren der Tafeln mit Kreide (um eine glatte Oberfläche zu schaffen und die Maserung des Holzes zu überdecken) genauso verstehen wie auf das Auftragen der Farben in mehreren Schichten oder das Aufbringen von Blattgold.

ZUDEM BESCHÄFTIGT Cranach zwei, drei Lehrlinge, die bei ihm mehrere Jahre lang den Beruf des Malers erlernen, der übliche Ausbildungsweg in dieser Zeit. Anschließend dürfen sie als Gesellen in einer Werkstatt arbeiten. Wer besonders begabt und tüchtig ist, legt später die Meisterprüfung ab, kann einen eigenen Betrieb eröffnen und selbst Mitarbeiter einstellen. Viel gibt es zu tun für den neuen Hofmaler: Neben den Gemälden für die fürstlichen Gemächer oder die Schlosskirche muss Cranach auch Entwürfe für Karnevalskostüme liefern, für Masken, Hofgewänder und die Renndecken der Turnierpferde. Selbst für das Anstreichen von Kutschen und Zäunen ist er verantwortlich.

Häufig reist er mit seinen Gehilfen nach Torgau, Coburg und Lochau, wo weitere Schlösser des Fürsten liegen. Mal malen sie einen riesigen heiligen Christophorus an den Schlossturm, mal dekorieren sie Festsäle mit großen Leinwänden, die Cranach und seine Gesellen mit Szenen einer Hirschjagd oder eines Ritterturniers bemalt haben und die Friedrich III. als Ersatz für Wandteppiche aufhängen lässt. Für jede Arbeit zahlt der Fürst Cranach ein Honorar; wegen der Menge der Aufträge fasst der Maler meist mehrere in einer Sammelrechnung zusammen und reicht sie bei den Hofbeamten ein.

Trotz all seiner Pflichten beobachtet Cranach die aktuellen Entwicklungen der Malerei sehr genau. Darauf legt auch der Kurfürst großen Wert, der – selbst ein herausragender Kunstkenner – regelmäßig in der Werkstatt des Malers vorbeischaut und sich dessen jüngste Werke zeigen lässt. Besonders aufmerksam verfolgt Cranach die Arbeit Albrecht Dürers, der in dieser Zeit ein Vorbild für fast alle deutschen Maler ist, zugleich aber auch ein Konkurrent, den es zu übertrumpfen gilt.

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In Wien malt Cranach das »BILDNIS DES DR. JOHANNES CUSPINIAN«. Als erster deutscher Künstler verbindet er ein Porträt mit einer Landschaftsdarstellung, die die christlichhumanistische Gesinnung des Arztes und Dichters zeigt: Der Stern über seinem Kopf steht für Christus, den Lichtbringer, unter den Figuren im Hintergrund sind der griechische Gott Apoll und die Musen

So fertigt Cranach 1509 einen Zyklus mit 14 Holzschnitten zur Passion Christi an: ein selbstbewusstes Signal an den Kollegen in Nürnberg, der Jahre zuvor eine große Bildstrecke zum gleichen Thema begonnen, aber immer noch nicht vollendet hat. Ich bin schneller, so lautet Cranachs Botschaft.

Auch bei der Aktmalerei herrscht Konkurrenz zwischen den beiden. Seit Langem schon beschäftigt sich Dürer mit der Darstellung des nackten Körpers, sucht nach den richtigen Proportionen, um den menschlichen Körper in vollkommener Schönheit zu malen. Allerdings halten Theologen es für anstößig, auf Bildern unbekleidete Menschen zu zeigen, es sei denn, es handelt sich um Heilige oder Gestalten der Bibel. Dürer fügt sich dieser Konvention, als er 1507 auf zwei Tafeln in Lebensgröße nackt einen Mann und eine Frau malt: Er zeigt sie in der vertrauten Pose von Adam und Eva.

NUN INTERESSIERT sich auch Cranach für Aktdarstellungen. Er hat von Dürers neuem Werk gehört, es vielleicht sogar bei einem Nürnbergbesuch gesehen und malt jetzt selbst mehrere Darstellungen des ersten Menschenpaars. Doch er will kühner sein als Dürer – und präsentiert 1509 ein Bild, das noch kein Künstler nördlich der Alpen zu malen gewagt hat: ein lebensgroßes Gemälde der römischen Liebesgöttin Venus, bekleidet mit nichts als einem durchsichtigen Schleier.

Erst etwa 25 Jahre ist es her, dass in Florenz Sandro Botticelli eine nackte Venus geschaffen hat, als erster Künstler seit der Antike. Botticellis Göttin balanciert auf einer Muschel im Meer. Überirdisch schön ist sie mit ihrem goldenen Haar und der porzellanfarbenen Haut – und versucht die Wirkung ihrer Reize noch zu dämpfen, indem sie mit der Hand eine Brust bedeckt. Cranachs Venus dagegen kennt keine Scham. Ihre Brüste sind rund, prall und unverhüllt; die Augenlider schläfrig gesenkt, die Haut gebräunt: eher eine laszive Frau denn ein himmlisches Wesen. Statt auf einer Muschel steht sie auf karger Erde. Neben ihr ein kleiner Amor, der lauernd zum Betrachter schaut und seinen Bogen spannt.

Wie die Wittenberger auf das Gemälde reagieren, ist nicht überliefert. Doch die Gelehrten der Universität, die wie die meisten Wissenschaftler dieser Zeit dem Humanismus folgen, der das Individuum feiert, und sich für die Antike begeistern, drängen mit Sicherheit in Cranachs Betrieb, um das Werk zu betrachten. Intellektuelle in ganz Europa sind fasziniert von der Gestalt der freizügigen Liebesgöttin, Berichte über die Ausgrabung einer antiken Venusstatue in Rom zirkulieren auf dem Kontinent – und ausgerechnet der Hofkünstler in ihrer kleinen Stadt hat es gewagt, diese Frau so überaus verlockend zu malen! In den folgenden Jahren fertigt Cranach weitere Akte. Er wird zu einem gefragten Spezialisten, malt etwa jene drei nackten Göttinnen, die im „Urteil des Paris“ um die Gunst des trojanischen Königssohns wetteifern (der auf Cranachs Bildern reichlich überfordert scheint angesichts von so viel unverhüllter Schönheit). Einige dieser Bilder wohl bestellen reiche Kaufleute oder Gelehrte, denn Cranach darf auch für private Auftraggeber arbeiten, neben seiner Tätigkeit für den Kurfürsten. Er verdient ausgezeichnet mit seiner Kunst.

1512 kauft er sich ein großes Haus in bester Lage, direkt am Marktplatz von Wittenberg. Auch seine Werkstatt verlegt er wahrscheinlich schon jetzt in die Stadt, spätestens aber, als er einige Jahre später in ein großes Anwesen direkt in der Nachbarschaft umzieht; dort wird er gut drei Jahrzehnte leben und arbeiten. Er beschäftigt mittlerweile fast ein Dutzend Gesellen, doch auch die reichen kaum aus, um alle Aufträge zu bewältigen. Immer wieder sucht er daher nach Ideen, die Arbeit weiter zu beschleunigen.

Bei Porträts etwa trägt er lange Zeit die Fellhaare auf den Pelzgewändern reicher Herren mit dem Spitzpinsel auf, muss so jedes Härchen einzeln gestalten. Zu umständlich, findet er nun und wechselt zu einem größeren Pinsel mit einer sich spleißenden Spitze: So kann er mit einem Strich ganze Haarbüschel malen. Sich wochenlang auf ein Bild zu konzentrieren, es von Anfang bis Ende selbst zu schaffen: Dafür hat Cranach immer seltener Zeit. Häufig fertigt er nur noch die Entwurfsskizze an, trägt anschließend die Unterzeichnung auf, also sämtliche Umrisslinien der Darstellung. Das Ausmalen mit Farben überlässt er den Mitarbeitern, greift vielleicht noch bei besonders schwierigen Partien wie Gesichtern ein oder arbeitet feine Details wie Haare oder Brokatfäden aus.

Wie sehr sich Cranach um ein Bild kümmert, hängt auch vom Rang des Auftraggebers ab. Bei Arbeiten für den Kurfürsten überprüft er aufmerksam jeden Zwischenschritt. Andere Gemälde lässt er sich oft nur noch zur Endkontrolle vorlegen. Wichtig ist ihm, dass die Bilder einheitlich wirken. Denn gleichgültig, wie viele Gesellen an einem Werk mitgearbeitet haben – es soll aussehen wie von einer einzigen Hand gemalt. Und auch zwischen den einzelnen Gemälden aus seinem Betrieb sollen die Betrachter keinen Unterschied ausmachen können, was Stil und Qualität betrifft.

ALLERDINGS IST nicht jeder Mitarbeiter ein Virtuose, kann nicht jeder mit der ausgefeilten Malweise des Meisters mithalten. Und so entwickelt Cranach im Laufe der Jahre einen eigenen Werkstattstil, den auch ein durchschnittlich begabter Geselle erlernen kann. Aufgeräumter ist dieser Stil und unterscheidet sich stark von dem seiner frühen Werke. Die Konturen sind nun präzise gezeichnet, sodass die Farbfelder deutlich voneinander abgegrenzt sind; die Farben selbst klar und kräftig.

Auf komplizierte perspektivische Konstruktionen verzichtet Cranach fortan meist. Bei Porträts etwa findet sich nur noch selten eine Landschaft im Hintergrund, oft setzt er die Porträtierten vor monochrome, dunkle Flächen. Die Menschen in seinen Bildern beginnen sich zu ähneln, vor allem die Frauen: hohe Stirn, schmales Kinn, mädchenhafte Figur – nach diesem Standardtyp lässt er Nymphen und Madonnen malen, die Urmutter Eva und die drei Grazien.

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Mit Ritterturnieren zeigen Fürstenhöfe ihre Pracht, einem Hofmaler bringen sie einträgliche Zusatzverdienste. Denn er darf die Wappen der Teilnehmer malen, Lanzen schmücken und in seinen Bildern die Veranstaltung verewigen. 1506 fertigt Cranach für den Kurfürsten den Holzschnitt »DAS TURNIER AUF DEM MARKTPLATZ«

Auch manche Gebäude, Tiere, Kleidungs- oder Schmuckstücke kehren auf seinen Werken immer wieder, angefertigt wohl meist nach Musterbildern. Die Veste Coburg etwa taucht über Jahrzehnte fast unverändert im Hintergrund von Gemälden auf. Und mehr als ein Vierteljahrhundert lang hängt er Frauenfiguren die immer gleiche, wenig filigrane Kette um den Hals. Diesen standardisierten Stil können die Gesellen leicht nachahmen – und müssen es auch, denn anders als Dürer erlaubt Cranach seinen Mitarbeitern nicht, eine eigene Handschrift zu entwickeln.

Auch der Meister selbst ordnet sich dem neuen Einheitsstil unter, nimmt sich zurück. Und hält doch immer jenes Niveau, für das seine Bilder weithin bekannt sind. Cranach will auch dem Geschmack seiner anspruchsvolleren Kunden genügen, er möchte etwa keine klobig wirkenden Frauenfiguren in seinen Werken, sondern grazile Gestalten, die ihre feinen Gliedmaßen in anmutigen Gesten zur Schau stellen und so dem Schönheitsideal der Zeit entsprechen. Denn nur wenn er Qualität liefert, wird die Nachfrage für seine Bilder stark bleiben, kann er seine Gemäldefabrik auf Dauer gewinnbringend betreiben. Eine Fabrik, die sich bald in den Dienst einer neuen Idee stellt.

Am 31. Oktober 1517 veröffentlicht einer von Cranachs Mitbürgern in Wittenberg ein Papier, das ihn rasch zum bekanntesten Mann Europas macht: Der Theologieprofessor Martin Luther attackiert in 95 Thesen den Ablasshandel und den Machtmissbrauch der Kirche. Cranach kennt Luther sicher bereits vom Sehen. Das Kloster, in dem der Augustinermönch lebt, liegt zu Fuß nur gut fünf Minuten von der Malerwerkstatt entfernt.

Was der Künstler über Luthers Thesen denkt, ist nicht überliefert, auch nicht, wie sich die zwei Männer näher kennenlernen. Doch offenbar wird Cranach bald zu einem engen Vertrauten des Reformators: Luther ist 1520 Pate bei der Taufe seiner Tochter, einige Jahre später übernimmt Cranach das gleiche Amt für Luthers Sohn. Luthers Kampf für eine Erneuerung des Glaubens unterstützt der Maler. So entwirft er Illustrationen für das Büchlein „Passional Christi und Antichristi“, eine Abrechnung mit Rom in 26 Holzschnitten. Auf den linken Seiten sind stets Szenen aus dem bescheidenen Leben Jesu zu sehen, die rechten zeigen Bilder aus dem Alltag des den Luxus liebenden Papstes.

Jesus wäscht und küsst den Jüngern die Füße – der Papst lässt sich die Füße küssen. Jesus bricht unter der Last des Kreuzes zusammen – der Papst wird in einer Sänfte getragen. Jesus betet in einer recht kargen Landschaft, umgeben von seinen Jüngern bei Kranken und Armen – der Papst schaut von einer Loge aus einem Ritterturnier zu. An vielen Orten Deutschlands bieten Händler die kleine Schrift an, die Menschen sehen die Bilder und werden in ihrer Überzeugung bestärkt, dass sich die Kirche weit von den Idealen Christi entfernt hat.

CRANACH FERTIGT dazu Porträts von Luther an, malt dessen Gesicht mit Pinsel und Farbe, lässt es in Kupfertafeln ritzen und in Holzplatten schneiden. Schließlich wollen die Gläubigen wissen, wie dieser überaus mutige Mann aus Wittenberg aussieht. Die meisten Menschen dieser Zeit (wie auch spätere Generationen) lernen Luthers Gesicht nur durch Cranachs Bilder kennen.

Und der Reformator hat viele Gesichter. Welches die Öffentlichkeit zu sehen bekommt, hängt nicht nur von Cranach und Luther ab, sondern auch vom Kurfürsten. Friedrich III. duldet zwar den Kampf für eine Reform der Kirche, ist dabei aber stets auf Ausgleich bedacht. 1520 legt Cranach einen ersten Kupferstich vor: Luthers Gesicht ist knochig und umschattet, sein Blick entschlossen geradeaus gerichtet. Er scheint unbeirrbar, unruhig springen die Falten seines Mönchsgewandes hin und her.

Zu kompromisslos, finden offenbar Friedrichs Ratgeber. Gerade jetzt, kurz bevor der Reichstag mit Kaiser Karl V. in Worms zu Beratungen über die neue Lehre zusammentritt, will der Hof ein versöhnliches Signal an Luthers Gegner senden. Cranach muss einen zweiten Stich liefern. Diesmal zeigt er Luther vor einer Nische mit Rundbogen – so stellen Künstler sonst Heilige dar. Das Gesicht des Reformators ist glatter und voller, er hält die Bibel in der rechten Hand, legt die linke demütig auf die Brust, ist nun frommer Mönch und kein Aufrührer mehr.

Woran CRANACH glaubt, bleibt RÄTSELHAFT

Allerdings nur auf diesem Bild. Auf dem Reichstag weigert sich Luther, seine Schriften zu widerrufen; die vom Kurfürsten gewünschte Versöhnung scheitert. Der Kaiser erklärt ihn für vogelfrei. Luther verbirgt sich nun mehrere Monate lang auf der Wartburg, verkleidet als Junker und unter falschem Namen. Wohl zur Tarnung lässt er sich einen Bart stehen. Währenddessen stacheln in Wittenberg radikale Anhänger der Reformation die Gläubigen auf, stürmen Klöster, zerschlagen Altarbilder – eine Zeit lang sieht es so aus, als würde die Reformation zum Volksaufstand eskalieren. Im März 1522 verlässt Luther sein Versteck, eilt nach Wittenberg, beendet mit mehreren beschwichtigenden Predigten den Aufruhr.

Wieder liefert Cranach das passende Bild: Ein Holzschnitt zeigt Luther noch im Wams des Junkers, mit Vollbart und entschlossenem, souveränem Blick. Die Botschaft an die durch die Unruhen verunsicherten Gläubigen ist deutlich (und sicherlich wieder mit dem Hof abgestimmt): Luther ist ein Mann, der durchgreift, ein Verteidiger der öffentlichen Ordnung. Kein Künstler unterstützt die Bewegung des Reformators so sehr wie Cranach. Auch für den Freund steigt er ins Verlagsgeschäft ein; gemeinsam mit einem Leipziger Buchdrucker stellt er in seinem Haus die ersten Auflagen von Luthers Übersetzung des Neuen Testaments her.

DOCH DAS HINDERT den geschäftstüchtigen Cranach nicht daran, auch für einen mächtigen Gegner Luthers zu arbeiten: Kardinal Albrecht von Brandenburg, einen der dreistesten und erfolgreichsten Pfründesammler der Papstkirche, häuft er doch Kirchenämter an wie kein Zweiter. Schon mit etwa 23 wird er Erzbischof von Magdeburg, ein Jahr später zusätzlich auch von Mainz, steigt damit zum ranghöchsten Kleriker Deutschlands auf. Albrecht war es, der den Ablasshandel skandalös ausgeweitet hatte – und Luthers 95 Thesen eine Reaktion auf die von ihm betriebene Praxis.

Albrecht steht also für alles, was die Reformer verabscheuen. Ausgerechnet für diesen Mann malt Cranach seit etwa 1519 Bilder für die neue Stiftskirche, die der Kardinal gerade in Halle errichten lässt. Insgesamt ordert Albrecht annähernd 150 Bildtafeln bei ihm, Szenen der Passion Christi und Heiligenbilder, mit denen er vor allem die Altäre des Neubaus schmücken will.

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Jagddarstellungen wie die »HOFJAGD VOR SCHLOSS HARTENFELS« von 1545 sind eine Spezialität der Cranach-Werkstatt: Der Meister fügt individuelle Porträts in die standardisierten Gemälde ein, hier etwa die von König Ferdinand I. sowie dem sächsischen Kurfürsten (3. u. 7. v. l.). Das Bild zeigt allerdings keine reale Hatz: Niemals waren die hohen Herren gemeinsam in Sachsen

Es ist der wohl größte Auftrag, den eine europäische Künstlerwerkstatt in dieser Zeit zu bewältigen hat. Cranach zeichnet sehr präzise die Entwürfe, bildet auf den Skizzen sogar mit angeklebten Papierstücken die Klappflügel der Altäre nach; das Ausmalen delegiert er anschließend wie gewohnt an seine Gesellen. Gut vier Jahre ist sein Betrieb mit dem Projekt beschäftigt: In jener Zeit, in der Cranach die bissige Polemik gegen das Luxusleben des Papstes entwirft, stehen in seiner Werkstatt also mehr als 100 halb fertige Bilder, die für einen prunkvollen Kirchenbau bestimmt sind, in dem der alte Glaube mit liturgischem Pomp und wundertätigen Reliquien gefeiert werden soll.

Und die Zusammenarbeit mit Albrecht geht weiter. 1525 malt Cranach sein Porträt. Auf Wunsch des Kardinals zeigt er ihn dabei in der Rolle des heiligen Hieronymus, jenes Kirchenlehrers der Antike, der für seine Bibelübersetzung berühmt ist. Denn mit dem Gemälde will Albrecht für eine Übersetzung der Heiligen Schrift werben, die er gerade in Auftrag gegeben hat. Sie soll die Antwort sein auf die aus katholischer Sicht fehlerhafte Übertragung Luthers – genau jener Version, die Cranach in seinem Haus hatte drucken lassen und für die er außerdem Illustrationen entwarf.

Cranach und seine Mitarbeiter machen sich viel Arbeit mit dem Porträt, das sie nach Vorbild eines Kupferstichs von Dürer gestalten. Außerordentlich detailliert malen sie etwa die Maserung des Schreibtischs, an dem Albrecht als Hieronymus sitzt. Der Kardinal ist hochzufrieden, bestellt schon ein Jahr später eine Variante des Bildes. Diesmal hockt auf Albrechts Wunsch ein Graupapagei auf dem Schreibtisch von Hieronymus, ein Symbol der Keuschheit und wohl eine ironische Antwort an Luther: Der hat den Kardinal kurz zuvor aufgefordert, endlich seine Mätresse zu heiraten.

Es ist geradezu tollkühn, wie Cranach zwischen seinen Auftraggebern verschiedener Konfessionen hin und her wechselt: Als Luther 1525 eine ehemalige Nonne heiratet, malt der Wittenberger die beiden Neuvermählten und präsentiert sie als ehrbares, bürgerliches Paar – ein Gegenentwurf zu den wilden Ehen, in denen viele Kleriker mit ihren Konkubinen leben. Doch kurz darauf feiert er in Bildern genau so eine Beziehung. Cranach stellt Kardinal Albrecht und dessen Geliebte auf zwei Tafeln als Heilige dar: Albrecht als den heiligen Erasmus und seine Konkubine als die heilige Jungfrau und Märtyrerin Ursula.

Ursula trägt auf dem Bild eine Halskette, auf der abgekürzt ein Zitat des römischen Dichters Vergil zu lesen ist: Omnia vincit amor, „Alles besiegt die Liebe“. Und jeder humanistisch gebildete Betrachter weiß genau, wie die folgende Zeile des Zitates lautet: Et nos cedamus amori, „Und wir wollen der Liebe Raum geben“. Eine sinnenfrohe Botschaft an sämtliche Kritiker Albrechts.

Dass der Hofkünstler sowohl dem alten Glauben als auch der neuen Lehre zuarbeitet, scheint niemanden zu stören. Zwar nennt Luther seinen Widersacher Albrecht einen „Scheißbischof“ und dessen neue Kirche ein „Freudenhaus“, seinen Gevatter Cranach aber kritisiert er offenbar nicht. Auch der Kurfürst und der Kardinal sehen in dem Doppel-Engagement Cranachs wohl nichts Anstößiges. Zu jener Zeit erwartet niemand, dass ein Maler mit Farbe und Pinsel seine eigenen Überzeugungen ausdrückt. Erst zwei Jahrhunderte später werden Philosophen und Literaten die Auffassung zu verbreiten beginnen, dass die Werke eines Künstlers offenbaren sollen, woran er glaubt, und zwar unabhängig von Auftraggebern und Geschäftsinteressen.

Noch aber ist ein Künstler vor allem ein Dienstleister, der versucht, mit Ideen, Geschick und Schnelligkeit seine Kunden zufriedenzustellen – und dabei stets seine Einkünfte im Blick behält. So sympathisiert Cranach sicherlich mit Luthers neuer Lehre, verdient aber auch gut daran. Besonders mit dem Druck des Neuen Testaments macht er reichlich Gewinn, auch weil der Reformator selbst kein Honorar nimmt.

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Immer wieder malt Cranach drastische, beim Publikum höchst beliebte Karikaturen. Er zeigt lüsterne Greise, die Mädchen betatschen, zahnlos grinsende Alte oder hier »HERKULES UND OMPHALE«: Der Held verfällt der mäonischen Königin und verliert an deren Weiberhof seine Männlichkeit, bis er sich schließlich sogar wie eine Frau kleidet

 

Wie Cranach persönlich über den von Luther gehassten Albrecht von Brandenburg denkt, ist nicht bekannt. Doch die Arbeit für den Kardinal ist für ihn vermutlich vor allem eine kaufmännische Entscheidung.

Er ist nun auf Aufträge angewiesen. Seit sich immer mehr Gemeinden zur neuen Lehre bekennen, bestellt kaum noch jemand Altarbilder bei ihm. Denn wichtige Prediger der Reformation lehnen Gemälde in heiligen Räumen grundsätzlich ab. Die Verehrung der Bilder, wie sie bislang in Kirchen üblich war, ist für sie ein Verstoß gegen das erste Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Anders als viele seiner Künstlerkollegen aber kommt Cranach gut durch die Krise. 1528 ist er gemäß seiner Steuererklärung der zweitreichste Mann in Wittenberg; nur der Kanzler des Kurfürsten verfügt über mehr Geld. Die Gewinne, die er mit seinen Bildern macht, investiert er zum Teil in Immobilien und ist schon bald der größte private Grundbesitzer der Stadt. Fünf Häuser gehören ihm, dazu mehrere Gärten, die er teilweise für die Landwirtschaft nutzt.

Geschickt hat er zudem eine Reihe von Geschäften gegründet, die sich sehr vorteilhaft mit der Künstlerwerkstatt verbinden lassen. So betreibt er etwa in einem seiner Häuser die einzige Apotheke Wittenbergs; das Recht dazu hatte er mit dem Kauf eines Grundstücks erworben. Neben Medikamenten darf er dort auch Spezialitäten wie Gewürze und Wein vertreiben sowie Farbpulver und Öle. Auf diese Weise kann er die Materialien, die er für seine Werkstatt braucht, auf Messen ohne Zwischenhändler günstig erwerben. Außerdem besitzt er einen Buchladen, in dem er neben Schriften von Wittenberger Professoren auch seine Druckgrafiken zum Verkauf auslegt.

Für die Herrscher des Kurfürstentums ist der umtriebige Künstler inzwischen offenbar unverzichtbar: Als Friedrich III. im Jahr 1525 stirbt, belässt sein Bruder und Nachfolger Johann I. Cranach nicht nur im Amt des Hofmalers, sondern zahlt ihm fortan auch ein Grundgehalt von 100 Gulden – genau so viel, wie der Kanzler verdient. Sieben Jahre später, im Sommer 1532, wechselt ein weiteres Mal die Regierung. Neuer Herrscher wird Johann Friedrich I., der Sohn des Toten. Auch er belässt Cranach im Amt und wendet sich schon bald mit einem außergewöhnlich umfangreichen Auftrag an ihn: den 120 Bildnissen der beiden verblichenen Kurfürsten.

DEZEMBER 1532: Kurz vor Neujahr ist ein großer Teil der von Johann Friedrich I. bestellten Bilder vollendet. Cranachs Mitarbeiter verbinden nun mit Scharnieren jeweils zwei Fürstenporträts. Die Gemälde lassen sich so wie ein Buch zusammenklappen und gut geschützt transportieren. Dann bringen die Angestellten die ersten Gemälde zum nur etwa 350 Meter entfernten Schloss. Wenige Monate später sind alle 120 Bilder fertiggestellt. Lucas Cranach hat seinen Ruf verteidigt. Kein anderer Maler ist so schnell wie er (unterstützt von seinen Gesellen). Und mehr noch: Er steigert sein Tempo in diesen Jahren weiter. Noch während er mit den Bildnissen der Kurfürsten beschäftigt ist, arbeitet er an einer großen Serie mit Porträts von Luther und Philipp Melanchthon, einem weiteren Reformator. Zudem malt er jetzt in großer Zahl Bilder aus der Welt der griechisch-römischen Sagen.

In den Jahren zuvor hat Cranach genau registriert, wie sehr sich der Kunstmarkt verändert hat: Abgesehen von dem Großauftrag Kardinal Albrechts sind bei ihm kaum noch Bestellungen für Altarbilder eingegangen – zu groß ist nach wie vor das Misstrauen vieler Anhänger der Reformation gegen die „gemalten Ölgötzen“. Cranach reagiert und richtet im Laufe der Zeit sein Geschäft neu aus. Mit Motiven aus der Mythologie versucht er, neue Kunden für sich zu begeistern. Mit einigen dieser Sujets hat er sich früher schon beschäftigt, wie dem Paris-Urteil. Andere bringt er erstmals auf den Markt, etwa Szenen aus dem Leben des Herkules.

Weiterhin legt er größten Wert auf Effizienz. Von den neuen Motiven lässt er die Gesellen außergewöhnlich viele Varianten malen. Auf diese Weise produziert er eine Fülle an Bildern, die sich so sehr ähneln, dass die Werkstatt sie ohne viel Aufwand rasch anfertigen kann – die sich aber zugleich in zahlreichen Details so stark unterscheiden, dass der Käufer sich als Besitzer eines Unikats betrachten kann. Beim „Urteil des Paris“ etwa lässt Cranach die drei nackten Göttinnen von Bild zu Bild immer neue Körperhaltungen einnehmen. Mal greift eine der Schönen sich mit der Hand über die Schulter auf den Rücken, mal reckt eine den Arm und greift nach einem Zweig, eine dritte winkelt keck das Bein an und zieht den Fuß bis zum Po. Mindestens zehn Fassungen malt Cranachs Fließband-Werkstatt vom „Urteil des Paris“.

Etwa genauso oft fertigt sie Bilder der „Quellnymphe“ an, einer jungen Frau, die unbekleidet an einem Brunnen oder Wasserlauf ruht – mal flankiert von einem Hirsch, mal von Rebhühnern, die nach ihrem Zeh zu picken scheinen. Wahrscheinlich mehr als 15 Exemplare stellt Cranach von Herkules her. Und wohl fast 70 Mal zeigt er, wie die geschändete Lucretia aus der römischen Sage den Dolch gegen ihre nackte Brust richtet. Diese große Zahl an Werken produziert Cranach vermutlich vor allem für Kaufleute und andere wohlhabende Bürger.

Denn immer mehr Menschen nördlich der Alpen wollen nun Bilder besitzen. Sie kaufen sie auf Messen etwa in Frankfurt am Main oder Leipzig, wo Künstler an Ständen unter freiem Himmel ihre Gemälde anbieten. Viele Maler eröffnen neben ihren Werkstätten auch Läden, die Kunden von der Straße aus betreten können, um sich drinnen nach einem passenden Bild umzusehen (so wie Cranach in seinem Wittenberger Buchgeschäft auch Holzschnitte und Kupferstiche verkauft). Auf diese Art von Kunden stellt sich Cranach offenbar sehr präzise ein. Anders als die humanistischen Gelehrten legen die neuen Kunstfreunde keinen Wert darauf, dass sich der Maler bei der Darstellung der antiken Sagengestalten an Traditionen hält. Beim Urteil des Paris etwa lässt Cranach den kleinen Amor nicht wie üblich mit seinem Pfeil auf Paris zielen, sondern auf eine der drei Göttinnen – möglicherweise auf diejenige, die dem Auftraggeber am besten gefällt.

Bildmotive, die bis dahin einer Elite zur gelehrten Unterhaltung dienten, werden nun zum Amüsement für die Masse. Und natürlich steigert es die Verkaufszahlen, dass auf diesen Bildern nackte Frauen zu sehen sind. Rastlos arbeitet der Maler weiter, übernimmt auch noch das Amt des Wittenberger Bürgermeisters. Selbst als sein ältester Sohn Hans – ebenfalls Maler – mit wohl nur 24 Jahren auf einer Italienreise stirbt, hält er kaum inne. „Ich hätt’ euch viel zu schreiben, hab’ aber viel zu schaffen“, teilt er einem Bekannten knapp in der Antwort auf dessen Beileidsschreiben mit.

MEHR ALS 40 JAHRE LANG lebt Cranach in Wittenberg. Er gehört zu den angesehensten Bürgern der Stadt, ist viele Jahre lang Ratsherr. Doch dann verliert Kurfürst Johann Friedrich I., der einen Bund protestantischer Herrscher anführt, eine Schlacht gegen den katholischen Kaiser. Er muss einen Teil seines Landes abtreten, darunter die Residenzstadt Wittenberg. Der Kaiser führt ihn als Gefangenen mit sich, bringt ihn zunächst in die Niederlande, dann nach Augsburg. Schon bald vermisst der Fürst die Gesellschaft seines Hofmalers – immerhin ist Cranach ihm seit seiner Kindheit vertraut, hat schon seinem Vater und Onkel gedient. Er bittet ihn, nach Augsburg zu kommen. Doch der Künstler wiegelt ab: Er habe „den Schwindel im Haupt“, teilt er Johann Friedrich mit, und könne nicht reisen. Der Fürst streicht ihm daraufhin die 100 Gulden Jahresgehalt, drängt aber weiter. Schließlich gibt Cranach nach.

Der Maler ahnt, dass er Wittenberg nicht wiedersehen wird, übergibt die Werkstatt seinem zweitältesten Sohn Lucas (der später unter dem Beinamen „der Jüngere“ bekannt wird) und fährt nach Augsburg. Etwa 80 ist er nun, kann aber „keine Stunde ledig oder müßig sitzen“, wie sein Schwiegersohn festhält. Auch in der Fremde, ohne Werkstatt und Gesellen, arbeitet der alte Mann weiter, fertigt über 30 Gemälde. In einer Liste führt er sie auf: „eine Venus, ein Ölberg, eine Auferstehung …“ Dazu malt er Tizian, den hochberühmten Künstler aus Venedig, der selbst gerade an einem Porträt des Kaisers arbeitet und sich daher ebenfalls in Augsburg aufhält.

1552 erlaubt der Kaiser dem sächsischen Fürsten, in seine Heimat zurückzukehren. Dort begrüßen ihn die Untertanen jubelnd. In einem Triumphzug zieht die Reisegruppe in Jena ein. Cranach, der Handwerkersohn aus der fränkischen Provinz, sitzt mit dem Herrscher im ersten Wagen. Noch rund ein Jahr lebt er in Weimar, das anstelle Wittenbergs nun Residenzstadt ist. Dort stirbt Lucas Cranach am 16. Oktober 1553 mit 81 Jahren.

Manche Kritiker werden später Vielfalt und Vielzahl seiner Werke bemängeln. Viele sehen in ihm nichts als einen Propagandisten der Reformation, der sich mit seinen Bildern in den Dienst von Luthers Lehre gestellt hat. Andere tadeln sein Arbeitstempo, halten es für ein Zeichen von Oberflächlichkeit. Wieder andere stören sich an seiner Fokussierung auf das Merkantile, die dem wahren Künstlertum widerspreche – und übersehen dabei, dass die jahrzehntelang gleichbleibende künstlerische Qualität seiner Bilder die Voraussetzung seines wirtschaftlichen Erfolgs war.

Cranach jedenfalls hätten diese Einwände vermutlich nicht sehr beeindruckt. Auf seinem Grabstein in Weimar hat die herzogliche Familie deutlich gemacht, wie sich die Nachwelt an ihn erinnern soll. Dort stehen hinter dem Todesdatum und seinem Namen die Worte „pictor celerrimus“. Sie bedeuten: schnellster Maler.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Dittmayer, Daria; Teschner, Johannes: Malerei von Dürer. Bilder für den Glauben, in: Dürer und seine Zeit. Kunstrevolution und Reformation. Deutschland um 1500 (GEO Epoche Jg. 2020, Heft Nr. 103), Hamburg 2020, S. 6-11.

-> Wolff, Markus: 1471-1528. Albrecht Dürer, in: Dürer und seine Zeit. Kunstrevolution und Reformation. Deutschland um 1500 (GEO Epoche Jg. 2020, Heft Nr. 103), Hamburg 2020, S. 26-38.

-> Stratenwerth, Irene: Hans Holbein der Jüngere. Das Antlitz der Anderen, in: Dürer und seine Zeit. Kunstrevolution und Reformation. Deutschland um 1500 (GEO Epoche Jg. 2020, Heft Nr. 103), Hamburg 2020, S. 130-145.

-> Fischer, Oliver: Lucas Cranach d. Ältere. Eine Fabrik für die Kunst, in: Dürer und seine Zeit. Kunstrevolution und Reformation. Deutschland um 1500 (GEO Epoche Jg. 2020, Heft Nr. 103), Hamburg 2020, S. 100-115.

Persönlichkeiten

Persönlichkeiten

Martin Luther

Inhaltsverzeichnis

  1. Der Reformator erinnert sich. Luther und sein Vater (Quelle)
  2. Der Reformator als Sohn. Luther und seine Mutter. (Quelle)
  3. Der Reformator als Ehemann. Luther und seine Frau (Quelle)

1. Der Reformator erinnert sich. Luther und sein Vater 

Kurzbeschreibung

Gegen 1482 brachte Hans Luder (Luther) († 1530) seine Frau, Margarethe, aus Eisenach (ihrem Geburtsort) nach Eisleben, wo 1483 ihr Sohn, Martin, geboren wurde. 1484 zog Hans mit seiner Frau und dem einjährigen Sohn in die Umgebung der Stadt Mansfeld, stieg ins Bergbaugeschäft ein und begann schließlich damit, Kupfer aus den umliegenden Minen zu schmelzen. Luders Geschäfte gingen gut genug, um den jungen Martin an die Universität nach Erfurt zu schicken. Der junge Luther studierte dort von 1501 bis 1505, brach aber schließlich sein Studium ab und widmete sich von da an dem klösterlichen Leben—eine Entscheidung, die seinen Vater erzürnte. Am 5. Juni 1530, nach dem Tod seines Vaters, schrieb Luther an seinen Kollegen und Mitarbeiter Philipp Melanchthon (1497–1560). In diesem Brief (nachfolgend wiedergegeben) bittet Luther Melanchthon um weitere Nachrichten vom Reichstag in Augsburg. Schließlich sinnt er über die Rolle seines Vaters in seinem Leben nach sowie über seine neue Stellung als Ältester der Familie Luther.

Quelle

Martin Luther an Philipp Melanchthon.

[Veste Coburg,] 5. Juni 1530.

Gnade und Frieden in Christo! Ich habe Dir im letzten Brief geschrieben, mein lieber Philippus, daß wir uns darüber ärgern, daß Ihr den Boten ohne Briefe habt zu uns zurückkehren lassen, da Ihr doch so viele Leute seid und fast alle des Schreibens kundig. Nun habt Ihr erneut einen Boten ohne Briefe weggehen lassen, zuerst Apels Boten und jetzt den Coburger Fuhrmann, der das Wildbret gebracht hat. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, ob Ihr so nachlässig oder indigniert seid, da Ihr doch wißt, daß wir hier in der Wüste sitzen wie auf dürrem Land und nach Euren Briefen lechzen, aus denen wir alles über Eure Sache erfahren wollen. Wir haben freilich gehört, der Kaiser habe den Augsburgern befohlen, ihr Kriegsvolk zu entlassen und die Absperrungsketten auf den Straßen abzureißen.

Vorgestern war Argula von Staufen hier, die von dem unvorstellbaren Pomp erzählt hat, mit dem der Herzog von Bayern den Kaiser in München mit Schauspielen und anderen neuen Ehrungen empfangen hat. Außerdem fangen sie von Nürnberg aus an, uns zu überzeugen, der Kaiser werde nicht zum Reichstag kommen und der Reichstag werde weiterhin nutzlos sein, nämlich durch den Eifer und die List der Bischöfe. Wenn das geschieht, ist es ein Zeichen für Gottes unversöhnlichen Zorn auf die Bischöfe, wie wenn er unsere Bitten für sie nicht erhören wolle.

Wenn die Urteile über mein Buch [Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu Augsburg] auseinandergehen, so laß Dich davon nicht rühren. Mein Gott ist der Gott der Toren und spottet der Weisen. Darum kümmere ich mich auch nicht um sie.

Heute hat mir Hans Reinicke geschrieben, daß mein liebster Vater, der alte Hans Luther, am Sonntag Exaudi [29. Mai 1530] nachts um ein Uhr aus diesem Leben geschieden ist. Dieser Tod hat mich in tiefe Trauer gestürzt, da ich zurückdachte nicht allein an seine Natur, sondern auch an die herzliche Liebe; denn mein Schöpfer hat mir durch ihn gegeben, was ich bin und habe. Und obwohl es mich tröstet, daß er schreibt, er sei stark im Glauben an Christus sanft entschlafen, so hat mich doch das Leid und die Erinnerung an den so freundlichen Umgang mit ihm innerlich erschüttert, daß ich den Tod kaum jemals so sehr verachtet habe. Aber „der Gerechte wird vor dem Unglück weggerafft und geht ein zu seiner Ruhe“ (Jes. 57, 1 f.): so oft sterben wir, ehe wir einmal wirklich sterben.

Ich folge jetzt in der Erbschaft des Namens, so daß ich der älteste Luther in meiner Familie bin. So muß ich jetzt nicht allein zufällig, sondern rechtmäßig ihm durch den Tod in das Reich Christi folgen, das uns allen gnädig gewähren möge der, um dessentwillen wir elender als alle Menschen und ein Ärgernis für die ganze Welt sind.

Nun bin ich freilich zu traurig, um noch weiter zu schreiben, denn es ist würdig und recht, daß ich als Sohn um einen solchen Vater trauere, von dem mich der Vater der Barmherzigkeit (2.Kor. 1, 3) genommen hat und durch dessen Schweiß er mich ernährt und gebildet hat, wie ich bin. Ich freue mich wirklich sehr, daß er bis auf diese Zeit gelebt hat, damit er das Licht der Wahrheit sehen konnte. Gelobt sei Gott in allen seinen Taten und Plänen in Ewigkeit, Amen. Anderes ein andermal. Grüße alle die Unsern. Am Pfingsttag 1530.

Martinus Luther D.

Quelle der deutschen Übersetzung: „An Melanchthon. [Veste Coburg,] 5. Juni 1530“. In Martin Luther, Ausgewählte Schriften, Band 6, S. 117–19. © Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 1995.

Quelle des lateinischen Originals: „Luther an Melanchthon. [Veste Coburg,] 5. Juni 1530“.
In D. Martin Luthers Werke. Weimarer Ausgabe (Sonderedition). Abteilung 3: Briefwechsel. Band 5, S. 350–51.


2. Der Reformator als Sohn. Luther und seine Mutter

Kurzbeschreibung

Margarethe Luther (geborene Lindemann, 1460–1531) stammte aus einer Eisenacher Familie der Mittelschicht. Sie heiratete Hans Luder, einen Bergmann und Kupferschmelzer, und zog 1482 mit ihm nach Eisleben. Dort gebar sie 1483 einen Sohn, Martin, der später seine inzwischen berühmten 95 Thesen verfassen sollte. Am 20. Mai 1531 schrieb Luther einen Brief an seine Mutter, nachdem er erfahren hatte, dass sie ernsthaft erkrankt war. Es handelt sich weniger um den Brief eines Sohnes als den eines Pastors, gleichsam eine knappe theologische Abhandlung, in welcher er seine Mutter drängt, Gott für ihre Errettung vom falschen (römischen) Glauben zu danken und dafür, ihr das wahre Wort Gottes und die Hoffnung auf Erlösung gebracht zu haben.

Quelle

Martin Luther an seine Mutter Margarethe verw. Luther.

[Wittenberg,] 20. Mai 1531.

Gnad und Friede in Christo Jesu, unserm Herrn und Heiland, Amen.

Mein herzliebe Mutter! Ich hab die Schrift meines Bruders Jacobs von Euer Krankheit empfangen, und ist mir ja herzlich leid, sonderlich daß ich nicht kann leiblich bei Euch sein, wie ich wohl gerne wäre; aber doch erscheine ich hie mit dieser Schrift leiblich, und will ja nicht von Euch sein geistlich, sampt allen den Unsern.

Wiewohl ich aber hoffe, daß Euer Herz ohn das längest und reichlich gnug unterricht, und (Gott Lob) sein tröstlich Wort wohl innen habt, dazu mit Predigern und Tröstern allenthalben versorget seid, so will ich doch das Meine auch tun und meiner Pflicht nach mich Euer Kind und Euch für meine Mutter erkennen, wie unser beider Gott und Schöpfer uns gemacht und gegen einander verpflicht hat, damit ich zugleich den Haufen Euer Tröster vermehre.

Erstlich, liebe Mutter, wisset Ihr von Gottes Gnaden nu wohl, daß Euer Krankheit seine väterliche gnädige Rute ist, und gar ein geringe Rute gegen die, so er uber die Gottlosen, ja auch oft uber seine eigene liebe Kinder schickt, da einer geköpft, der ander verbrannt, der dritte ertränkt wird, und so fortan, daß wir allesampt müssen singen: Wir werden um deinen willen täglich getötet und sind gleich wie die Schlachtschafe. Darumb Euch solche Krankheit nicht soll betrüben noch bekümmern, sondern sollet sie mit Dank annehmen, als von seiner Gnaden zugeschickt, angesehen, wie gar ein geringes Leiden es ist, wenn es gleich zum Tode oder Sterben sollt, gegen das Leiden seines eigen lieben Sohns, unsers Herrn Jesu Christi, welches er nicht für sich selbs, wie wir, leiden müssen, sondern für uns und unser Sünde erlitten hat.

Zum andern wisset Ihr, liebe Mutter, auch das rechte Häuptstück und Grund Euer Seligkeit, worauf Ihr Euren Trost setzen sollt in dieser und allen Nöten, nämlich den Eckstein, Jesum Christum, der uns nicht wanken noch feilen wird, auch uns nicht sinken noch untergehen lassen kann. Denn er ist der Heiland und heißt der Heiland aller armen Sünder und aller, die in Not und Tod stecken, so auf ihn sich verlassen und seinen Namen anrufen.

Er spricht: Seid getrost, ich hab die Welt uberwunden. Hat er die Welt uberwunden, so hat er auch gewißlich den Fürsten der Welt mit aller seiner Macht uberwunden. Was ist aber seine Macht anders denn der Tod, damit er uns unter sich geworfen, umb unser Sünde willen gefangen hatte? Aber nu der Tod und Sünde uberwunden ist, mügen wir fröhlich und tröstlich das süße Wort hören: Seid getrost, ich hab die Welt uberwunden. Und sollen ja nicht zweifeln, es sei gewißlich wahr, und nicht allein das, sondern uns wird auch geboten, daß wir sollen mit Freuden uns solches Trosts annehmen und mit aller Danksagung. Und wer sich solche Wort nicht wollt trösten lassen, der tät dem lieben Tröster Unrecht und die größte Unehre, gleich als wäre es nicht wahr, daß er uns heißt getrost sein, oder als wäre es nicht wahr, daß er die Welt hätte uberwunden, damit wir den uberwunden Teufel, Sünde und Tod uns selbs wieder zum Tyrannen stärken wider den lieben Heiland, da uns Gott fur behüte.

Derhalben mügen wir nu mit aller Sicherheit und Freudigkeit uns freuen, und wo uns will etwa ein Gedanken von der Sünde oder Tod erschrecken, wir dagegen unser Herz erheben und sagen: Siehe, liebe Seele, wie tust du? Lieber Tod, liebe Sünde, wie lebest du und schreckest mich? Weißt du nicht, daß du uberwunden, und du, Tod, gar tot bist? Kennest du nicht einen, der von dir sagt: Ich hab die Welt uberwunden? Mir gebührt nicht dein Schrecken zu hören, noch anzunehmen, sondern die Trostwort meines Heilands: Seid getrost, seid getrost, ich hab die Welt uberwunden.

Das ist der Siegmann, der rechte Held, der mir hiemit seinen Sieg gibt und zueigent: Seid getrost! Bei dem bleib ich, des Worts und Trosts halte ich mich, darauf bleibe ich hie, oder fahre dorthin, er leuget mir nicht. Dein falsches Schrecken wollt mich gerne betriegen und mit Lügengedanken von solchem Siegmann und Heiland reißen, und ist doch erlogen, so wahr es ist, daß er dich uberwunden, und uns getrost zu sein geboten hat.

Also rühmet St. Paulus auch, und trotzet wider des Todes Schrecken: Der Tod ist verschlungen im Sieg: Tod, wo ist dein Sieg? Hölle, wo ist dein Stachel? Schrecken und reizen kannst du, wie ein hülzern Todesbilde, aber Gewalt hast du nicht zu würgen. Denn dein Sieg, Stachel und Kraft ist im Sieg Christi verschlungen; die Zähne magst du blecken, aber fressen kannst du nicht. Denn Gott hat uns den Sieg wider dich gegeben, durch Jesum Christum, unsern Herrn, dem sei Lob und Dank gesagt, Amen.

Mit solchen Worten und Gedanken, liebe Mutter, lasset sich Euer Herz bekümmern, und sonst mit nichte, und seid ja dankbar, daß Euch Gott zu solchem Erkenntnis bracht hat und nicht lassen stecken in dem päpstischen Irrtum, da man uns gelehrt hat, auf unser Werk und der Mönchen Heiligkeit bauen und diesen einigen Trost, unsern Heiland, nicht für einen Tröster, sondern für einen grausamen Richter und Tyrannen halten, daß wir von ihm zu Maria und den Heiligen haben müssen fliehen und uns keiner Gnaden noch Trost zu ihm haben versehen können.

Aber nu wissen wir’s anders von der grundlosen Güte und Barmherzigkeit unsers himmlischen Vaters, daß Jesus Christus unser Mittler und Gnadenstuhl ist und unser Bischof im Himmel fur Gott, der uns täglich vertritt und versühnet, alle, die nur an ihn gläuben und ihn anrufen, und nicht ein Richter ist noch grausam, ohn allein uber die, so ihm nicht gläuben noch seinen Trost und Gnad annehmen wollen. Es ist nicht der Mann, der uns verklagt noch dräuet, sondern der uns versühnet und vertritt durch seinen eigenen Tod und Blut, für uns vergossen, daß wir uns nicht fur ihm fürchten, sondern mit aller Sicherheit zu ihm treten und ihn nennen sollen: Lieber Heiland, du süßer Tröster, du treuer Bischof unser Seelen etc.

Zu solchem Erkenntnis (sage ich) hat Euch Gott gnädiglich berufen, des habt Ihr sein Siegel und Briefe, nämlich das Evangelium, die Taufe und das Sacrament, so Ihr höret predigen, also, daß kein Fahr noch Not mit Euch haben soll. Seid nur getrost und danket mit Freuden solcher großer Gnaden! Denn der es in Euch angefangen hat, wird es auch gnädiglich vollenden. Denn wir können uns selbs in solchen Sachen nicht helfen, wir mügen der Sünden, Tod und Teufel nichts abgewinnen mit unsern Werken, darumb ist da an unser Statt und für uns ein ander, der es baß kann und uns seinen Sieg gibt und befiehlet, daß wir’s annehmen, und nicht dran zweifeln sollen, und spricht: Seid getrost, ich hab die Welt uberwunden; und abermal: Ich lebe, und ihr sollet auch leben, und euer Freude soll niemand von euch nehmen.

Der Vater und Gott alles Trostes verleihe Euch durch sein heiliges Wort und Geist einen festen, fröhlichen und dankbaren Glauben, damit Ihr diese und alle Not müget seliglich uberwinden, und endlich schmecken und erfahren, daß es die Wahrheit sei, da er selbs spricht: Seid getrost, ich hab die Welt uberwunden. Und befehle hiemit Euer Leib und Seele in seine Barmherzigkeit, Amen.

Es bitten für Euch alle Eure Kinder und meine Käte. Etliche weinen, etliche essen und sagen: Die Großmutter ist sehr krank. Gottes Gnade sei mit uns allen, Amen.

Am Sonnabend nach Ascensionis Domini, MDXXXI.

Euer lieber Sohn

Mart. Luther.

Quelle: „Luther an seine Mutter Margarethe verw. Luther. [Wittenberg,] 20. Mai 1531“. In D. Martin Luthers Werke. Weimarer Ausgabe (Sonderedition). Abteilung 3: Briefwechsel. Band 6, S. 103–06. © 2002 Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger Weimar GmbH & Co in Stuttgart/Weimar. Online verfügbar unter: Carl Alfred Hase (Hrsg.), 275 Luther-Briefe: in Auswahl und Übersetzung (Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1878), 244–247,https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nnc1.1002649683.

3. Der Reformator als Ehemann. Luther und seine Frau

Kurzbeschreibung

Martin Luther heiratete 1525 Katharina von Bora (1499–1552), zwei Jahre nachdem sie ihr Leben als geweihte Zisterziensernonne aufgegeben hatte. Während seiner häufigen Reisen korrespondierte Luther mit seiner Frau anhand von Briefen. Die drei nachfolgend wiedergegebenen Briefe sind typisch für seine Korrespondenz. Luther mischt Berichte seiner Tätigkeiten und Erfahrungen mit Äußerungen von Kurzweil und Zuneigung, indem er den beiden Kindern Küsse sendet und Katharina humorvolle Titel wie „Heilige“, „Doktorin“, „Professorin“ und „Predigerin“ verleiht. Luther schrieb den ersten Brief am 4. Oktober 1529 aus Marburg in Hessen, wo er um der protestantischen Einigkeit willen mit Ulrich Zwingli aus Zürich ihre unterschiedlichen Auslegungen der Abendmahlsdoktrin debattierte.

Quelle

1. Martin Luther an seine Frau.

[Marburg,] 4. Oktober 1529

Meinem freundlichen lieben Herrn Katharina Lutherin, Doctorin, Predigerin zu Wittenberg.

Gnad und Friede in Christo. Lieber Herr Käth! Wisset, daß unser freundlich Gespräch zu Marburg ein Ende hat, und seind fast in allen Stücken eins, ohne daß die Widerteil wollten eitel Brot im Abendmahl behalten und Christum geistlich darinnen gegenwärtig bekennen. Heute handelt der Landgraf, ob wir könnten eins werden, oder doch gleichwohl, so wir uneins blieben, dennoch Brüder und Christus’ Glieder unter einander uns halten. Da arbeit der Landgraf heftig. Aber wir wollen des Brüdern und Glieders nicht, friedlich und guts wollen wir wohl. Ich achte, morgen oder übermorgen wollen wir aufbrechen und zu E. Gn. Herrn gen Schl. in Voigtland ziehen, dahin uns S. K. F. G. berufen hat.

Sage dem Herrn Pommer, daß die besten Argument seind gewesen des Zwinglii, daß corpus non potest esse sine loco, ergo Christi corpus non est in pane, des Oecolampadii: dies Sacramentum est signum corporis Christi. Ich achte, Gott habe sie verblendet, daß sie nichts haben müssen fürbringen. Ich habe viel zu tun, und der Bott eilet. Sage allen gute Nacht und bittet für uns! Wir seind noch alle frisch und gesund und leben wie die Fürsten. Küßt mir Lensgen und Hänsgen! Am Tage Francisci, 1529.

E. williger Diener

Martinus Luther.

Johann Brenz, Andreas Osiander, Doctor Stephan von Augsspurg seind auch hier kommen.

Sie seind hier toll worden mit Schweißschrecken, gestern haben sich bei funfzig geleget, deren seind eins oder zwei gestorben.

Quelle: „Luther an seine Frau. [Marburg,] 4. Oktober 1529“.

In D. Martin Luthers Werke. Weimarer Ausgabe (Sonderedition). Abteilung 3: Briefwechsel. Band 5, S. 153–54.

© 2002 Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger Weimar GmbH & Co in Stuttgart/Weimar.

Online verfügbar unter: Carl Alfred Hase (Hrsg.), 275 Luther-Briefe: in Auswahl und Übersetzung (Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1878), 204–05,https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nnc1.1002649683.

2. Martin Luther an seine Frau.

[Dessau,] 29. Juli 1534.

Meinem freundlichen, lieben herrn, Fraw Katherin von Bora, D. Lutherinn zu Wittemberg.

G. v. fried ynn Christo! Lieber herr kethe! Ich weis dir nichts zu schreiben, Weil M. philipps sampt den andern selbs heym komen. Ich mus lenger hie bleiben vmb des fromen fursten willen. Du magst dencken, wie lange ich hie bleiben werde, oder wie du mich los machest. Ich halt, Magister Franciscus wird mich wider los machen, wie ich yhn los gemacht habe, Doch nicht so balde. Gestern hatte ich ein bosen trunck gefasset, Da müst ich singen: Trinck ich nicht wol, das ist mir leid, vnd thetts so rechte gerne. Vnd gedacht, wie gut wein vnd bier hab ich daheyme, da zu eine schone frawen oder (solt ich sagen) herren. Vnd du thettest wol, das du mir heruber schicktest den gantzen keller vol meyns weyns, vnd eine pflosschen deines biers, so erst du kanst, Sonst kome ich fur dem newen bier nicht wider. Hie mit Gott befolhen sampt vnser iungeren vnd allem gesinde, Amen.

Mittwochens nach Jacobi 1534.

Dein liebchen

Mart. Luthe R D.

Quelle: „Luther an seine Frau. [Dessau,] 29. Juli 1534“. In D. Martin Luthers Werke. Weimarer Ausgabe (Sonderedition). Abteilung 3: Briefwechsel. Band 7, S. 91–92.

© 2002 Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger Weimar GmbH & Co in Stuttgart/Weimar.

Online verfügbar unter: Carl Alfred Hase (Hrsg.), 275 Luther-Briefe: in Auswahl und Übersetzung (Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1878), 283,https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nnc1.1002649683.

3. Martin Luther an seine Frau.

[Eisleben,] 10. Februar 1546.

Der H[eiligen] sorgfeltigen Fr[awen] Kat[herin] Luth[erin], Doctorin, Zulsd[orferin] zu Wil[tenberg], meiner g[nedigen] lieben Hausfrawen.

G vnd f in Christo! Allerheiligeste Fraw Doctorin! Wir dancken euch gantz freundlich fur ewer grosse sorge, dafur ir nicht schlaffen kund, Denn seit der Zeit ihr fur vns gesorget habt, wolt vns das feur verzeret haben in vnser Herberge, hart fur meiner stubenthur, Vnd gestern, on Zweifel aus krafft ewer sorge, hette vns schier ein stein auff den kopff gefallen vnd zuquetzscht, wie in einer Mausfalle, Denn es in vnserm heimlichen gemache wol zwen tage vber vnserm kopff riselt kalck vnd leymen, bis wir Leute dazu namen, die den Stein anrureten mit zweien fingern, da fiel er erab, so gros als ein lang küssen vnd einer grossen hand breit, der hatte im sinne ewer heiligen sorge zu dancken, Wo die lieben Engel nicht gehuttet hetten. Ich sorge, wo du nicht auffhörest zu sorgen, es mocht vns zuletzt die erden verschlingen vnd alle Element verfolgen. Lerestu also den Catechismum vnd glauben? Bete du vnd lasse Gott sorgen, dir ist nichts befolhen, fur mich oder dich zu sorgen. Es heisst: Wirff dein anligen auff den HErrn, Der sorget fur dich, ps. 55, vnd viel mehr orten.

Wir sind, Gott lob, frissch vnd gesund, On das vns die Sachen vnlust machen, Vnd das Jonas wolt gern ein bosen Schenckel haben, das er sich an einen laden on gefahr gestossen hat, so gar gros ist der neid in Leuten, Das er mir nicht wil gonnen, allein ein bose Schenckel zu haben Hiemit Gott befolhen. Wir wolten nu fort gern los sein vnd heim faren, wens Gott wolt, Amen. Am tag Scholasticae 1546.

Ewer heiligkeit williger diener

M. L.

Quelle: „Luther an seine Frau. [Eisleben,] 10. Februar 1546“. In D. Martin Luthers Werke. Weimarer Ausgabe (Sonderedition). Abteilung 3: Briefwechsel. Band 11, S. 290–92. © 2002 Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger Weimar GmbH & Co in Stuttgart/Weimar. Online verfügbar unter: Carl Alfred Hase (Hrsg.), 275 Luther-Briefe: in Auswahl und Übersetzung (Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1878), 418–19, https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nnc1.1002649683.


Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Der Reformator erinnert sich—Luther und sein Vater (5. Juni 1530), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-3714> [24.09.2026].

-> Der Reformator als Sohn—Luther und seine Mutter (20. Mai 1531), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-3713> [24.09.2026].

-> Der Reformator als Ehemann—Luther und seine Frau (1529, 1534 und 1546), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-3715> [24.09.2026].

Sekundärliteratur

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Persönlichkeiten

Biografien

Inhaltsverzeichnis

  1. Nikolaus von Amsdorf
  2. Julius Pflug
  3. Lucas Cranach der Ältere
  4. Martin Luther
  5. Albrecht Dürer
  6. Jakob Fugger 
  7. Thomas Müntzer
  8. Katharina von Bora
  9. Margarete Renner
  10. Philipp Melanchthon
  11. Johannes Bugenhagen
  12. Karl V. (HRR)
  13. Georg III. von Waldburg

  14. Sebastian Lotzer
  15. Christoph Schappeler
  16. Ulrich von Württemberg 
  17. Ferdinand I. 
  18. Johannes Eck
  19. Ulrich von Hutten
  20. Maximilian I. (HRR)
  21. Franz von Sickingen
  22. Sebastian Münster
  23. Stefan Lochner
  24. Hans Holbein der Jüngere
  25. Nikolaus Kopernikus

1. Nikolaus von Amsdorf

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A. zählt zu den frühesten und engsten Parteigängern Martin Luthers. Als streitbarer Theologe, kirchenpolitischer Berater und produktiver Schriftsteller trug er maßgeblich zur Ausbreitung der Reformation bei und wurde 1542 zum ersten evangelischen Bischof in Deutschland geweiht. Sein Kampf um die Reinerhaltung des theologischen Erbes von Martin Luther machte ihn zu einem Wegbereiter der lutherischen Orthodoxie. – A. entstammte einer Adelsfamilie, die ursprünglich in der Nähe von Eisleben begütert war und seit dem 13. Jahrhundert nachweisbar ist. Offenbar frühzeitig für den geistlichen Stand bestimmt, besuchte er um 1497 die Thomasschule und ab dem Sommersemester 1500 die Universität in Leipzig. Als Baccalaureus wechselte er 1502 nach Wittenberg, wo er einer der ersten Studenten der neugegründeten Universität war. In Wittenberg durchlief der scharfsinnige Denker eine mustergültige akademische Karriere, die seit 1508 mit der Wahl A.s zum Stiftsherrn des Wittenberger Allerheiligenstifts finanziell gut abgesichert war. Auf den Magistergrad am 25.7.1504 folgte am 4.11.1511 das Lizentiat der Theologie. 1510 und 1511 fungierte A. als Dekan der Philosophischen Fakultät, 1513 und 1522 war er Rektor. – Anfangs lehrte A. im traditionellen Rahmen der scholastischen Theologie. Seit 1516 neigte er jedoch immer stärker der Rechtfertigungslehre Luthers zu und schloss sich dem reformatorischen Kreis um Philipp Melanchthon, Johannes Bugenhagen, Andreas Bodenstein (Karlstadt) und Wenzeslaus Linck an. 1519 begleitete er Luther zur Leipziger Disputation und 1521 zum Reichstag nach Worms. Die in jener Zeit bereits sehr freundschaftliche Verbindung zu Luther wird u.a. daran sichtbar, dass der Reformator seine wichtige Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ (1520) A. widmete. Außerdem gehörte A. zu den wenigen Augenzeugen und Mitwissern der fingierten Gefangennahme Luthers und seines Wartburgaufenthalts. – Während der Abwesenheit Luthers von Wittenberg trieb A. die Reformation in der Universitätsstadt weiter voran und gehörte zu den Gutachtern, die dem Kurfürsten Friedrich (dem Weisen) die Abschaffung der Messfeier empfahlen. Er predigte auch in Wittenberg und wirkte an Luthers Bibelübersetzung mit. Zugleich trat er 1522 mit der Herausgabe von Lazarus Spenglers Schrift „Die haubt artickel durch welche gemeyne Christenheyt bysshere verfuret worden ist“ publizistisch in Erscheinung. – Am 24.9.1524 sandte Luther A. auf Bitten des dortigen Rats nach Magdeburg, um die Reformation einzuführen. In seiner Funktion als Pfarrer von St. Ulrich und Superintendent unterzog A. die Stadt einer umfassenden Kirchen- und Schulreform, die zwar starke Widerstände der altgläubigen Domherren erfuhr und von Sektierern um Melchior Hoffmann torpediert zu werden drohte, sich letztlich aber durchsetzte. Als reformatorischer Theologe mittlerweile hinreichend profiliert, blieb A. bis 1542 in Magdeburg und wurde parallel dazu als Berater für die Neuordnung des Kirchenwesens u.a. in Goslar (1528), Hannover (1534) und im albertinischen Herzogtum Sachsen (1539) herangezogen. – Während seines ersten Magdeburger Aufenthalts begann A. mit der Veröffentlichung kirchengeschichtlicher Schriften, die er in den Dienst einer kontroverstheologischen Auseinandersetzung mit der Papstkirche stellte. Mit dem Ziel, den Verfall der römischen Kirche zu zeigen, wertete er chronikalische Werke aus, die einen propäpstlichen Standpunkt vertraten, und wies Widersprüche in diesen nach. Dabei griff er anders als sein Gesinnungsgenosse Matthias Flacius allerdings nicht auf Primärquellen zurück. Das besondere Interesse A.s fand die Gestalt des Jan Hus, dessen Schicksal er 1525 und 1533 in zwei Flugschriften erörterte. In einer weiteren Schrift mit dem Titel „Ein kurtzer auszog aus der Cronica Naucleri wie vntreulich vnd verreterlich die Bebste zu Rom mit den Römischen Keysern gehandelt haben“ (1534) bestritt er die Autorität des Papsttums und betonte antithetisch den unversöhnlichen Gegensatz zwischen der wahren Kirche Jesu Christi und der antichristlichen Papstkirche. – In dem Bestreben, ein treuer Sachwalter Luthers zu sein, trug der stets kompromisslos agierende A. freilich auch zu Spannungen innerhalb des protestantischen Lagers bei. Politisch sorgte er durch seine harsch vorgetragene Kritik an der Doppelehe des Landgrafen Philipp von Hessen für Aufsehen. Zunehmend entfernte er sich von Melanchthon, der ihm einst seine „Nubes“ gewidmet hatte, und lehnte dessen Vermittlungstheologie sowie jegliche Konsensfindung zwischen den Wittenberger Theologen und den oberdeutschen Reformatoren schroff ab. A.s unduldsames Wesen erschwerte die von ihm besuchten Religionsgespräche in Schmalkalden (1537), Hagenau (frz. Haguenau) (1540) und Worms (1541). Außerdem trug A. eine nicht unerhebliche Verantwortung für das Scheitern des Regensburger Religionsgesprächs 1541, da er sich den versöhnlichen Positionen Melanchthons offen entgegenstellte und diesen gegenüber dem sächsischen Kurfürsten Johann Friedrichexplizit als Zauderer brandmarkte. In dieser Situation konnte sich A. der Unterstützung Johann Friedrichs gewiss sein, der ihn als den idealen Kandidaten für das Bischofsamt im Bistum Naumburg- Zeitz ansah. Obwohl dort gerade der altgläubige Julius von Pflugk gewählt worden war, setzte der Kurfürst die Berufung A.s durch. Die von Luther am 20.1.1542 vorgenommene Weihe A.s war die erste evangelische Bischofsordination überhaupt. Diese kirchengeschichtliche Zäsur darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass A. in seinem Bistum nie wirklich Fuß fasste und in permanenter Opposition zu dem mit Pflugk sympathisierenden Stiftsadel stand. Außerdem sah sich A. mit einer ungenügenden materiellen Versorgung und der starken Begrenzung seiner Kompetenzen konfrontiert, die ihn in weltlichen Angelegenheiten von einem kurfürstlich gelenkten Stiftshauptmann abhängig machten und ihn in geistlichen Dingen mit Verwaltungsaufgaben überhäuften. Tatsächlich ist für die Naumburger Zeit keine einzige Schrift A.s nachweisbar. Der mit seinen Verhältnissen zutiefst unzufriedene A. bat den Kurfürsten bereits am 16.3.1543 um Dienstentlassung, die jedoch abgelehnt wurde, da Johann Friedrich das kirchenpolitisch und strategisch wichtige Bischofsamt mit einem Vertrauensmann besetzt wissen wollte. – Es waren letztlich die Ereignisse des Schmalkaldischen Kriegs, die A. gewaltsam aus seinem Bistum vertrieben. Vor den Truppen des albertinischen Herzogs Moritz, der Pflugk wieder als Bischof einsetzte, floh A. 1546 nach Weimar. Von dort aus führte er einen scharfen publizistischen Kampf gegen Moritz und prägte die von späteren Geschichtsschreibern übernommene Bezeichnung des Herzogs und späteren Kurfürsten als „Judas von Meißen“. Bis 1553 entstanden vier Streitschriften, u.a. „Ein trost, warnung und vermanung wider den Gottlosen Hertzog Moritz“ (1546). – Nach dem Tod Luthers und mit dem Beginn des Interims avancierte A. zum wichtigsten theologischen Berater Johann Friedrichs, den er in der Gefangenschaft als Seelsorger zu stärken versuchte. Als einer der heftigsten Gegner des Augsburger Interims trat er wiederum v.a. schriftstellerisch in Erscheinung. Unmittelbar nach der Stellungnahme Melanchthons und der Wittenberger Theologen am 16.6.1548 zum Interim verfasste A. seine „Gegenbedenken“, die seiner bereits im Regensburger Religionsgespräch vertretenen Position folgten und von einem unverantwortlichen Nachgeben bei seinen Gegnern um Melanchthon sprachen. Da auch die Weimarer Theologen um Justus Menius und Kaspar Aquila A.s Sichtweise teilten, lehnten daraufhin der gefangene Johann Friedrich und seine Söhne das Augsburger Interim ab. – A. brach nun vollends mit Melanchthon und den Wittenberger Theologen und unterstützte die Bemühungen, eine Universität in Jena als einen Gegenpol zu Wittenberg und als Bewahrerin des reinen Luthertums zu etablieren. Allerdings wurde A.s Kampf gegen das Augsburger und später auch das Leipziger Interim von einem unsteten Leben umrahmt, das ihn Ende 1548 erneut nach Magdeburg und von 1552 bis zu seinem Tod nach Eisenach führte. Ob A. in Weimar als politische Belastung empfunden oder zum eigenen Schutz nach Magdeburg geschickt wurde, ist kaum zu entscheiden. Jedenfalls fand er in Magdeburg deutlich günstigere Bedingungen, um die Auseinandersetzung mit dem Interim fortzusetzen. Zusammen mit Flacius und weiteren Gesinnungsgenossen ließ er aus der Magdeburger „Herrgotts Kanzlei“ unzählige Einzel- und Kollektivschriften gegen das Interim ausgehen. Kennzeichnend für seine Werke wurde eine apokalyptische Deutung des Interims, das einen Angriff auf die Seelen und Gewissen der Menschen darstelle und dem man nur im kämpferischen Festhalten am Erbe Luthers mit der möglichen Konsequenz des Martyriums begegnen könne. Bereits in seiner Schrift „Antwort, Glaub und Bekennnis auff das schöne vnd liebliche Interim“ (1548) bezeichnete sich A. selbst als „verjagten Bischof“ und stilisierte Vertreibung und Exil zum Wahrheitsindikator für die eigenen theologischen Positionen. Allein zwischen 1550 und 1553 deutete er in zehn Publikationen sein eigenes Schicksal in dieser Weise und propagierte das Leiden als Kriterium der wahren Kirche. – Nach der Reichsexekution gegen Magdeburg zog A. im Mai 1552 in das Haus von Menius in Eisenach und trieb von dort aus in den letzten Lebensjahren die Konfessionalisierung im ernestinischen Territorium weiter voran. Aufgrund seiner Fürsprache wurde Flacius an die Universität Jena berufen. Außerdem organisierte er von 1555 bis 1558 die Jenaer Ausgabe der Werke Luthers. Seine erbitterten Streitschriften nicht nur gegen das Papsttum und das Interim, sondern auch gegen Andreas Osiander, Georg Major, Menius, Johann Pfeffinger und andere führende Theologen heizten die großen protestantischen Debatten der Zeit, wie den adiaphoristischen und den synergistischen Streit, stark auf und führten zur zunehmenden Isolierung A.s. – Angesichts der neuerlichen politischen Annäherung zwischen Ernestinern und Albertinern fürchtete A. falsche theologische Zugeständnisse und verfasste 1554 die Neujahrsbotschaft „Ein gut new Jar den grossen Herrn in dieser Welt geschanckt“, in der er die ernestinische Dynastie eindringlich zum Festhalten an der Ablehnung des Interims ermahnte. Diese Absicht verfolgte auch die Schrift auf den Tod Johann Friedrichs von Sachsen, dessen Sterbebegleiter A. 1554 gewesen war. Am 10.1.1558 verfasste A. sein eigenes theologisches Testament, das jedoch erst 1591 von Christoph Irenäus veröffentlicht wurde. Auch die Polemiken des unverheiratet gebliebenen A. entfalteten Wirkung über seinen Tod hinaus und bereiteten gedanklich das orthodoxe Konkordienluthertum der 1570er-Jahre vor. – Insgesamt sind von A. über 110 Druckschriften bekannt. Seine Grabplatte ist im Altarraum der Eisenacher Georgenkirche erhalten.

2. Julius Pflug

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Im Jahre 1499 in Eythra geboren, begann Pflug, Sohn des sächsischen Kanzlers und Oberhofrichters Caesar von Pflug, im Jahre 1510 ein Studium an der Universität Leipzig. 1517 geht er zum Studium nach Bologna. Nach einem kürzerem Studienaufenthalt in Padua beendete er sein Studium an der Universität von Bologna.

Im Jahre 1521 kehrt Pflug nach Leipzig zurück und wird 1522 Rat Herzog Georgs in Dresden, mit einträglichen Pfründen in Meißen, Merseburg und Zeitz versorgt. 1528/29 bereist er große Teile von Italien. 1530 erlangt er ein Kanonikat in Mainz, 1531 die Propstei des Kollegiatstifts Zeitz. Bereits in dieser Zeit steht er mit bedeutenden und einflussreichen Humanisten im Briefwechsel. Auf Vorschlag des sächsischen Herzogs wird er 1537 zum Domdekan von Meißen gewählt.

Den Höhepunkt seiner Laufbahn erreichte Pflug 1541 mit der Wahl zum Bischof von Naumburg. Doch Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen setzte als protestantischer Landesherr seinen eigenen Kandidaten, Nikolaus von Amsdorf (1483–1565), einen protestantischen Theologen aus dem Freundeskreis Luthers, als Bischof ein. Erst 1546 kann Julius Pflug im Verlauf des Schmalkaldischen Krieges unter dem Schutz des Herzogs Moritz sein Bischofsamt antreten. Seine Hauptanstrengungen galten der Reform des Klerus sowie der Reorganisation der kirchlichen Verwaltung. Aufgrund der kirchenpolitischen Kraftverhältnisse konnte er allerdings in seinem Bistum keine großen Veränderungen bewirken. Reichspolitisch unternimmt er beharrliche Anstrengungen, um einen theologischen Ausgleich mit den Protestanten zu erreichen. Eine bleibende Leistung gelingt ihm mit der Errichtung seiner großen Bibliothek in Zeitz.

3. Lucas Cranach der Ältere

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Biographie

Der Vater war erster Lehrer seines Sohnes, Jugendwerke sind unbekannt. C. ging vor 1500 auf Wanderschaft durch Süddeutschland donauaufwärts nach Wien, wo er 1503 im Humanistenkreis der Universität nachweisbar ist. Nach seiner Heirat wurde er von Kurfürst Friedrich dem Weisen nach Wittenberg berufen und im April 1505 in Dienst genommen. Unter diesem (bis 1525), unter dessen Bruder und Nachfolger Johann dem Beständigen und seit 1532 unter Johann Friedrich dem Großmütigen wurde C. vor allem zum Maler der sächsischen und norddeutschen Fürstenhäuser und der Reformation. Am 6.1.1508 verlieh ihm Friedrich der Weise einen Wappenbrief (gekrönte Schlange mit Fledermausflügeln und Ring als Meister- und Werkstattzeichen erwählt). Dr. Scheurls Lobrede und Widmungsbrief an C. ist charakteristisch für die Wertschätzung in dieser Zeit. Die Fülle der Aufträge, der wachsende Werkstattbetrieb, die besondere Geschäftstüchtigkeit machten ihn zum reichsten Bürger der Stadt (Apotheke, Schenke, Buchhandlung und Druckerei sind in seinem Besitz). 1519 war er Mitglied des Wittenberger Rates, oftmals zum Ratsherrn erwählt, verwaltete er 1537, 1540 und bis 1544 das Amt des Bürgermeisters. Er wurde zum engen Vertrauten Luthers, der ihm 1521 aus Frankfurt mitteilte, daß er sich „eintun und verbergen“ ließe und C. heimlich im Dezember des Jahres als Junker Jörg in Wittenberg besuchte. 1525 trat C. als Brautwerber und Trauzeuge des Reformators auf, 1526 als Taufpate seines ersten Sohnes. Auch zum Kreis der Humanisten der Wittenberger Universität, vor allem zu Melanchthon, trat C. in nähere Beziehung. - Von Wittenberg aus unternahm er mehrere größere Reisen: die wichtigste führte ihn um die Wende 1508/09 nach den Niederlanden, 1524 begleitete er Friedrich den Weisen nach Nürnberg und traf mit Dürer zusammen. - Nach der Schlacht bei Mühlberg 1547 und der Gefangennahme Johann Friedrichs folgte C. 3 Jahre später seinem Herrn nach Augsburg (Zusammentreffen mit Tizian) und 1551 nach Innsbruck. 1552 kehrte er mit seinem Herrn, der Weimar zur neuen Residenz erhob, heim. Dort wohnte C. bis zu seinem Tode im Haus am Markt mit seiner Tochter Barbara Brück.

Sein Schaffen begann mit dem stürmischen Aufbruch der Jahre 1500-04, da die Donaulandschaft und der geistige Raum um Wien in ihm elementare Schöpferkräfte wachriefen, erkennbar zu werden. Wichtige Anregungen empfing er von Dürer (Holzschnittfolgen von 1498) und von den in Bayern und Österreich tätigen Malern (Mair, Pollak, Reichlich, Kölderer, Breu). Doch stand hinter der Reihe von Gemälden, Holzschnitten und Handzeichnungen eine Künstlerpersönlichkeit von außergewöhnlicher Aktivität, die ihn als einen der wichtigsten Bahnbrecher der deutschen Kunst des beginnenden 16. Jahrhunderts auszeichnen. Zur Entwicklung der Donauschule, die in den Werken Altdorfers und Hubers ihren Höhepunkt erreichte, legten seine Schöpfungen entscheidende Grundlagen. - Das erste bekannte Werk, die Kreuzigung (Wien, um 1500), zeigt neben der flackernden Farbenglut eine leidenschaftliche Ausdruckskraft, welche sich in den beiden Kreuzigungsholzschnitten (einer 1502 datiert) zu unerhörtem Realismus steigert. Dasselbe Thema erfuhr 1503 eine völlig neuartige Komposition in dem Gemälde: Christus am Kreuz (München), dem Hauptwerk seiner donauländischen Tätigkeit. Die Einbeziehung religiös und geistig erregter Menschen in eine phantasievolle Landschaft ist das besondere Anliegen seiner Kunst, die sich in den Gemälden (Heiliger Valentin, Franziskus, Hieronymus in Wien) überraschend schnell geformt hatte. Es entstanden Bildnisse der Wiener Universitätsprofessoren J. Cuspinian und Dr. Reuss mit ihren Frauen (1503). Treffende Charakteristik der Menschendarstellung verbindet sich mit freier, glücklicher Komposition und einem minutiösen, saftigen Farbvortrag. Seine Handzeichnungen überraschen durch neuartige Technik (Hell-Dunkelblätter). Den idyllischen Abschluß der donauländischen Tätigkeit bildet das Gemälde: Ruhe auf der Flucht (Berlin, 1504).

Mit der Übersiedlung nach Wittenberg 1505 begann eine neue Epoche. Die veränderte Umwelt, die großen fürstlichen Aufträge, brachten einen tiefgreifenden Wandel des künstlerischen Ausdrucks mit sich. Die ursprüngliche Formensprache wurde dem höfisch-humanistischen Zeitgeist angepaßt. Umfangreiche Altarwerke für sächsische Kirchen standen am Beginn. Bei dem Verlust des nach 1505 entstandenen Hauptaltares der Wittenberger Schloßkirche (Dreifaltigkeitsaltar, 1760 verbrannt) kommt dem Flügelaltar mit der Hinrichtung der Heiligen Katharina (1506, Dresden) besondere Bedeutung zu. Das Mittelbild zeigt, trotz hervorragender Einzelheiten, die inneren Widersprüche der Darstellung durch Unruhe und Überlastung der Komposition mit zu vielen bildnismäßigen Köpfen. Erst der Torgauer- oder Sippenaltar (1509, Frankfurt) zeigt den Maler in der gewonnenen Klarheit der Komposition (Renaissancearchitektur), in der strahlenden Farbigkeit auf einem Höhepunkt seiner Kunst, welche durch den niederländischen Aufenthalt starke Impulse erfahren hatte. Der 1948 wiederentdeckte Altar von Mölbis (Austreibung der Wechsler) ist ein charakteristisches Beispiel der Verwertung niederländischer Anregungen (Bosch, Massys).

Aus den Jahren 1505/09 datieren die besten graphischen Blätter, die seinen Namen an die Seite Dürers stellen. Zuerst entstanden großformatige Holzschnitte mit religiösen Darstellungen (Erzengel Michael, Erasmus, Antonius) und weltlich höfischen Themen (Hirschjagd, Turniere, Reiter). Er gelangte zu Sonderleistungen, wie diesen „Kürisser von Gold und Silber“ (Hell-Dunkeldrucke von 1508, die ersten ihrer Art). Das folgende Jahr brachte mit den Holzschnitten (darunter Ruhe auf der Flucht, heilige Sippe, Hieronymus, Christophorus, 14 Passionsholzschnitte) die größte und fruchtbarste Arbeitsleistung. Neben den 117 Holzschnittillustrationen (Werkstatt) des Wittenberger Heiligtumsbuches entstanden Kupferstiche (Chrysostomus, Friedrich der Weise). Im Holzschnitt wurden weltliche Themen erstmals aufgegriffen, die bald in das malerische Werk übergehen sollten. Die Blätter, Urteil des Paris (1508) sowie Venus und Amor (1509), zeigen C.s Bemühen um die Darstellung des weiblichen Aktes und führen zu dem großen Gemälde der Venus mit Cupido von 1509 (Leningrad). Aus demselben Jahr stammt das Bildnis des Dr. Scheurl, das bei dem Verzicht auf landschaftliche Hintergründe die Konzentration auf das Wesentliche der Persönlichkeit zeigt. - Nach den Jahren der niederländischen Reise wurden die Arbeiten an vielen Altarwerken fortgesetzt (1510, Fürstenaltar Halle). Der urkundlich erwähnte Altar für die Johanniskirche in Neustadt/Orla von 1511 beweist den schon beträchtlichen Anteil der Werkstatt, der sich auch in den Altären für Zwickau 1518, Grimma 1519, Halle 1529 kenntlich macht. Die ganze Frische der Naturbeobachtung ist in dem Halbfigurenbild der Madonna mit Kind (Breslau, Dom, 1510) eingefangen, der frühesten Fassung des Marienbildes, das jahrzehntelang in immer neuen Abwandlungen aus C.s Atelier und Werkstatt hervorgehen sollte. Einzelgestalten von Heiligen treten neben vielfigurigen Kompositionen auf, unter denen die Tafel der heiligen Sippe (Wien) durch die ungewöhnliche Einbeziehung C.s und seiner Familie innerhalb des Andachtsbildes herausragt. Um 1510/15 entstanden viele kleinformatige Tafeln mit religiösen und weltlichen Themen, die sichtlich zur Ausschmückung fürstlicher und bürgerlicher Kunstkammern bestimmt waren. Die Darstellung von Adam und Eva geht auf niederländische und Dürersche Anregungen zurück, in der kapriziösen Art der Wiedergabe des Aktes jedoch ohne dessen tiefere Problematik. Bei dem sichtlichen Nachlassen der graphischen Tätigkeit wurden früher geschaffene Themen von dort in das malerische Werk übernommen. Das Parisurteil (München, Sammlung Lenbach, um 1513/14) war|die erste der langen Reihe von Darstellungen, welche die antike Sage in das Gewand mittelalterlicher Ritterromantik kleidet. Das spätgotische Element tritt erneut in Erscheinung. Seltsam kontrastiert das Getümmel von Rittern und Landsknechten des Bethlehemitischen Kindermordes (Dresden) mit der prunkvollen Renaissancearchitektur im Hintergrund. Ohne unmittelbare Kenntnis Italiens und seiner Kunst wandelte C. die zeitgenössischen Renaissanceformen in eine sehr persönliche deutsche Sprache um.

Von einem weitverzweigten Aufgabengebiet ist uns durch Verlust und Zerstörung nichts erhalten: Wandmalereien und dekorative Arbeiten für die kurfürstlichen Schlösser in Wittenberg, Torgau, Lochum und Coburg. Nur wenige Entwürfe (Zeichnungen) weisen neben den erhaltenen Urkunden (mit langen Bildbeschreibungen) auf diese besonderen (teils handwerksmäßigen) Arbeiten hin. Wie weit C.s illustrative Möglichkeiten gingen, zeigen die im Anschluß an Dürers Vorbild geschaffenen 8 Randzeichnungen zum Gebetbuch des Kaisers Maximilian (1515, München). C. entwarf vor allem sehr lebendige Tierdarstellungen, denen zeitlebens seine besondere Vorliebe galt. Vor 1515 wandte sich C. umfangreichen Porträtaufgaben zu. Schon die frühe Wittenberger Zeit hatte in den Altarwerken eine Fülle von Bildnissen aufzuweisen. Unter den fürstlichen Repräsentationsbildern der deutschen Renaissance ragen die beiden lebensgroßen Porträts des Herzogs Heinrich des Frommen und der Herzogin Katharina (1514, Dresden) als frühe selbständige Beispiele hervor. In der feierlich gezierten Haltung der Figuren, in dem betonten Übergewicht von Mode und Beiwerk spiegeln sich die Forderungen der höfischen Welt. Unmittelbarer sprechen die bürgerlichen Bildnisse an (Männliches Bildnis von 1514, Bremen; Bürgermeister von Weißenfels, 1515, Berlin; Moritz und Anna Buchner, 1518). In seiner das Typische treffenden sachlich-zusammenfassenden Kraft des Porträts erreichte C. eine einfache, gemeinverständliche Form von volkstümlicher Wirksamkeit. Die Dargestellten erscheinen als Halbfiguren in Dreiviertelansicht vor einheitlichen Farbgründen. Die ganze Energie des Ausdrucks sammelt sich in den - durch gezeichnete Porträtstudien und Naturaufnahmen vorbereiteten - Köpfen. Mit dem Beginn der Reformation erwuchs für C. als Schöpfer der Lutherbildnisse eine neue Aufgabe. Die frühsten Darstellungen (1520, Kupferstich, Luther als Mönch; 1521, Holzschnitt, als Junker Jörg und davon abhängige Gemälde) stehen unter der zwingenden Kraft der Ereignisse und der Persönlichkeit des Reformators. Sie überragen an Qualität die späteren Bildnisse, welche in Serien (zum Teil als Doppelbildnisse mit Katharina von Bora oder mit Ph. Melanchthon) aus der Werkstatt hervorgegangen sind. In dem Tafelgemälde „Die 10 Gebote“ (1516, Wittenberg) findet sich zum ersten Mal die aneinandergereihte Szenenfolge mit erklärenden Unterschriften, welche zum protestantischen Kirchenbild hinführen sollte und schließlich im „Sündenfall und Erlösung“ (1529, Gotha) in einer frühen Fassung erhalten ist. Unter der Lehrhaftigkeit dieser Gegenüberstellungen von Szenen aus Altem und Neuem Testament muß die künstlerische Einheit des Bildganzen leiden. Mit dem Aufschwung der Reformation breitete sich der von C. und seiner Werkstatt geschaffene Bildtypus in Mittel- und Norddeutschland aus. - Die Aufträge des Kardinals Albrecht von Brandenburg zwischen 1520 und 1530 waren so umfangreich, daß C. sie zum Teil sehr selbständigen Schulkräften übergeben mußte. Die von ihm selbst geschaffenen Gemälde (Der Kardinal vor dem Gekreuzigten kniend, München; als Hieronymus in der Landschaft und im Gehäus, Berlin und Darmstadt) überraschen durch die lebhafte Detailschilderung von Natur und Innenraum, doch treten erneute Anregungen aus dem Werk Dürers, den C.1524 traf, deutlich hervor. Unter den fürstlichen Aufträgen von außerhalb sind Arbeiten (vor allem Porträts) für Herzog Heinrich den Frommen, Georg den Bärtigen, Joachim I. von Brandenburg, König Christian von Dänemark die wichtigsten. Die Bildniskunst C.s erreichte in dieser mittleren Zeit seiner Tätigkeit eine zweite Blüte. Die Bildnispaare Johann Friedrichs des Großmütigen und der Sybille von Cleve (1526, Weimar), von Luthers Eltern (1527, Wartburg), gehören mit dem Porträt des Dr. Schöner (1529, Brüssel) zusammen zu den stärksten künstlerischen Zeugnissen der Zeit. - Der sinnenfrohe Renaissancegeist lebt sich in der Vielzahl von Aktdarstellungen aus, die C.s eigenwillige Schöpfungen sind: schlanke knochenlose Figürchen, mit kokett gezierten und verschränkten Bewegungen. Aus der Bibel, der Legende und Mythologie sind die Darstellungen von Adam und Eva, Lucretia, Venus, Quellnymphe, Apollo und Diana, Herkules und Antäus sowie das Parisurteil, aus der Historie das Goldene und Silberne Zeitalter entnommen. Die Zeitströmung des Manierismus läßt sich in diesen Serien zuerst beobachten, da gleiche Motive in ständiger Abwandlung (unter Vermeidung von genauen Kopien) wiederkehren.

Neben dem Meister war eine wachsende Zahl von Schulkräften beteiligt, doch blieb|die Einheitlichkeit des Stils, trotz starker Qualitätsunterschiede, in erstaunlichem Maße gewahrt. Als Schilderer eigener Naturbeobachtung erwies sich C. unverändert frisch und originell. Die „Hirschjagd“ (1529, Wien) eröffnete die Reihe von gemalten Jagdbildern, welche die Erinnerung an die waidfreudige Atmosphäre des sächsischen Kurfürstenhofes festhalten. So wurde C. zum Schöpfer dieser für die Zukunft wichtigen Bildgattung, deren Tradition sein Sohn fortsetzte. - Der Altersstil C.s, der in Einzelheiten vor 1530 erkennbar wird, gibt sich in der zunehmenden Typisierung seiner Menschen- und Naturdarstellungen zu erkennen. Das Gesamtbild ist kleinteiliger geworden und wird stärker in der Fläche entwickelt. Die Farben haben nicht mehr den früheren emailleartigen Schmelz. Kompositionelle Mängel und Übertreibungen verbinden sich mit einer etwas bieder-trockenen Formensprache. Neue Bildprobleme tauchen kaum mehr auf. Das Werk wird erweitert, aber nicht vertieft. Innerhalb der religiösen Darstellungen mit sehr protestantisch ausgewählten Themen: Christus segnet die Kinder, Christus und die Ehebrecherin, Ecce Homo sowie in vielen Passionsdarstellungen, treten mittelalterlich-spätgotische Bildelemente stark hervor. Renaissanceformen werden dagegen weitgehend aufgegeben. Die vielen Madonnenbilder sind Ausformungen ein und desselben Typus, ebenso die lange Reihe der Venus-Herkules-Caritasbilder. Auf niederländische Anregungen (besonders Massys) gehen die beliebten Sittenbilder zurück (Der verliebte Alte, Die Bezahlung), welche dem Geschmack der Zeit entgegenkamen. Charakteristisch für den Spätstil ist es, daß C.s eigene Leistungen immer schwerer von den Werken der sich angleichenden Werkstattgemeinschaft zu trennen sind. So ist die Autorschaft des in seiner Thematik so reizvollen Gemäldes „Der Jungbrunnen“ (1546, Berlin) zwischen dem Vater und dem Sohn strittig. Vor allem als Porträtist hat sich C. bis an sein Lebensende eine künstlerische Ausdrucksfähigkeit erhalten, die erstaunlich wirkt. Mit ungebrochener Schaffenskraft war er, auf sich selbst gestellt, in Augsburg an der Arbeit, um die zahlreichen Aufträge seines Herrn auszuführen. Diese Energie spricht auch aus dem Bildnis (1550, Florenz), das der Sohn vom Vater kurz vor seiner Abreise aus Wittenberg geschaffen hat. Das kunstarme Mitteldeutschland besaß in C. eine Künstlerpersönlichkeit von raumbeherrschender, stilbildender Kraft, die über seinen Tod hinaus im Schaffen des Sohnes weiterwirkt.

4. Martin Luther

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Bereits 1484 zog die Familie nach Mansfeld, wo es der Vater als Bergmann zu einigem Besitz brachte, so daß er einer der Repräsentanten der Bürgerschaft wurde. Wohl seit 1491 besuchte L. die Mansfelder Trivialschule, seit 1496 oder 1497 die Schule der Brüder vom gemeinsamen Leben in Magdeburg. Schon nach einem Jahr schickten ihn die Eltern zur Schule nach Eisenach, vielleicht wegen dort wohnender Verwandter. Der Vater wollte seinem Ältesten eine gute Ausbildung vermitteln lassen, die ihm einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichen konnte. Die Erziehung war streng. In Magdeburg und Eisenach verstärkten sich die religiösen Einflüsse auf L. (in Eisenach wohl vor allem durch Kontakte zu franziskanischer Spiritualität).

1501 begann L. sein Studium in Erfurt in der Artistenfakultät. Ende Sept. 1502 erwarb er den Grad des Baccalaureus artium, im Dez. 1504 den des Magister artium. L. hat in Erfurt den Nominalismus kennengelernt und ihn dem philosophischen Realismus zeit seines Lebens vorgezogen, aber er ist auch dem Humanismus begegnet, der sich nicht mit mittelalterlichen Quellen und Fragestellungen begnügte, sondern der zu den älteren Texten – antiken wie christlich-patristischen – Zugang suchte. Mit der Beendigung des Studiums an der Artistenfakultät standen L. viele Wege offen. Der Vater, der ihm die glänzendsten Aufstiegsmöglichkeiten verschaffen wollte, erlaubte ihm (oder veranlagte ihn?), im Sommersemester 1505 das Studium der Jurisprudenz aufzunehmen: Als gelehrtem Rat wäre dem Sohn damit manches erschlossen gewesen, was früher dem Adel vorbehalten war. Aber L. hat nur wenige Wochen an dieser Fakultät studiert. Während des Semesters reiste er – damals ungewöhnlich – nach Hause. Sicher ist er von der neuen Wissenschaft nicht fasziniert gewesen. Von einem Studienabbruch war aber vermutlich zu Hause nicht die Rede, sonst wäre der Vater von der nächsten Entwicklung nicht überrascht worden. Auf der Rückreise von Mansfeld nach Erfurt geriet L. am 2.7. bei Stotternheim in ein Gewitter, in dem er das Gelübde ablegte, ein Mönch zu werden, wenn die Blitze ihn verschonten. Er hat sich gut zwei Wochen lang überlegt, ob er dem Gelübde folgen und in ein Kloster eintreten oder ob er sich von diesem Versprechen dispensieren lassen sollte. Aber am 17.7.1505 bat er dann doch um Einlaß in das Kloster der Augustinereremiten in Erfurt. Die Eltern informierte er erst nach diesem Schritt. Der Vater war dagegen, vermochte den Sohn aber nicht umzustimmen. Der Eintritt in ein Kloster kam wohl Neigungen L.s entgegen, den schon die Erfahrung einer gefährlichen Verletzung (1503 oder 1504) und die Pest 1505 mit dem Tod und damit mit der Frage nach dem Heil konfrontiert hatten. Nach allgemeiner Überzeugung gab es aber keinen frömmeren und damit sichereren Weg zum Heil als den der Mönche und Nonnen. Im Kloster wurde L.s Gelübde während des Gewitters als eine himmlische Berufung interpretiert, während der Vater hier den Teufel am Werk sah und es lieber gesehen hätte, wenn der Sohn das Studium der Jurisprudenz fortgesetzt hätte.

L. absolvierte sein einjähriges Noviziat, studierte die Ordensregel und las in der Bibel. Ein Hang zu perfekter Frömmigkeit zeichnete ihn aus: Er wollte so fromm wie möglich leben, fühlte er sich doch im Kloster der Welt abgestorben. 1506 legte er die Gelübde ab und war damit auf Lebenszeit seinem Orden und dessen Vorschriften verpflichtet. Er hatte zu gehorchen und ließ sich am 3.4.1507 zum Priester weihen. Dafür hatte er nicht Theologie studieren, sondern sich lediglich mit der zentralen Aufgabe des Priesters, der Meßfeier, befassen müssen, vor allem mit deren Zentrum, dem Meßkanon. Seine erste Messe feierte er mit Verwandten und Freunden am 2.5.1507. Sein Vater kam dazu mit zwanzig Personen nach Erfurt, machte auch dem Kloster ein respektables Geschenk von 20 Gulden, hielt aber dem Sohn nach wie vor seinen Ungehorsam vor.

L., in der Messe unmittelbar Gott konfrontiert, dem er ein Opfer darbrachte, meinte, vor Gott vergehen zu müssen – wie viele andere Mönche nahm er seine Aufgabe auch an dieser Stelle ganz ernst. Er mußte aber feststellen, daß trotz aller religiösen Leistungen der Zweifel blieb, ob er Gottes Anforderungen wirklich gerecht werde. Zwar erlernte er die geistliche Meditation, aber trotzdem blieb die Anfechtung, ob ihn Gott nicht wegen seiner Sünden verstoßen werde. Daß in diesem Lebensabschnitt bei einem jungen Mann unter anderem sexuelle Probleme eine Rolle spielten, ist nur natürlich. Aber für L. war dies kein grundsätzliches Problem. Schwieriger war vielmehr für ihn der Gedanke an den richtenden Gott, vor dem sich jeder Mensch würde verantworten müssen.

L. wurde im Kloster geachtet – einigen Mitmönchen machte er wohl sogar zu schnell „Karriere“. Im Sommersemester 1507 wurde er angewiesen, in Erfurt Theologie zu studieren. Im Herbst 1508 wurde er an die Wittenberger Universität abgeordnet, um dort nicht nur sein Studium fortzusetzen, sondern zugleich einen Lehrauftrag in der Artistenfakultät zu übernehmen, der den Augustinereremiten anvertraut worden war; er hatte über die Nikomachische Ethik des →Aristoteles zu lesen. Am 9.3.1509 konnte L. in Wittenberg den Grad eines Baccalaureus biblicus erwerben, was ihm ermöglichte, kürzere biblische Abschnitte mit Studenten kursorisch zu lesen und knapp auszulegen. Im Herbst 1509 wurde L. Baccalaureus sententiarius, er durfte jetzt das wichtigste scholastische theologische Lehrbuch, den Sentenzenkommentar des →Petrus Lombardus, kursorisch erklären. Bevor er aber damit beginnen konnte, wurde er nach Erfurt zurückbeordert, wo er eine solche Vorlesung begann. Er konnte sie jedoch nicht abschließen, da er etwa im Nov. 1510 zusammen mit einem Ordensbruder nach Rom reisen mußte, wo er an der Kurie gegen ein dort ergangenes Urteil zu appellieren hatte. Das Erfurter Kloster gehörte nämlich zu einem Kreis strenger Augustinereremitenklöster, die sich gegen die Unionspolitik des Generalvikars →Johannes v. Staupitz wehrten, der unter röm. Druck (er war selbst 1506 und 1510 in Rom gewesen) alle Klöster seines Ordens in Deutschland zu vereinigen suchte. L. blieb etwa vier Wochen in Rom, wo die Appellation zwar abgewiesen wurde, aber für ihn die Möglichkeit gegeben war, an dem reichen geistlichen Leben teilzunehmen, was er ohne Vorbehalt tat, wenn ihm auch damals schon eine gewisse Oberflächlichkeit auffiel, z. B. ein sehr rasches Messelesen italienischer Priester. Aber zu einem Kirchenreformer oder gar zu einem Gegner Roms wurde er durch diese Reise nicht. In Rom hatte L. den Eindruck gewonnen, daß die Unionspolitik des Generalvikars →Staupitz unterstützt werden müsse. Als er Ende Januar oder Anfang Februar 1511 in sein Kloster zurückkehrte, brachte ihn dies aber in große Schwierigkeiten, denn die Majorität seines Konventes blieb renitent. →Staupitz, der eine theologische Professur an der Universität Wittenberg innehatte, dürfte veranlaßt haben, daß L. im Sept. 1511 dorthin versetzt wurde, weil er ihn aus seiner schwierigen Lage befreien wollte. Das kleine Städtchen an der Elbe mit etwa 2 000 Einwohnern und der erst 1502 gegründeten Universität sollte nun L.s Heimat werden.

Im Wittenberger Kloster wurde er bereits 1512 zum Subprior gewählt, als Prediger eingesetzt und mit der Ausbildung der jungen Mönche beauftragt. Er hatte sich bis zu dieser Zeit nicht nur mit →Aristoteles und →Petrus Lombardus befaßt, sondern vor allem auch mit Werken Augustins, die in seinem Orden einen hohen Rang einnahmen. Aber auch Schriften von Mystikern dürfte er während dieser Zeit zum ersten Mal begegnet sein. Am 18./19.10.1512 wurde er zum Dr. theol. promoviert und in den Senat der theologischen Fakultät aufgenommen. Er sollte die Professur für biblische Exegese übernehmen, die Staupitz bis dahin innegehabt hatte. Aber erst ein Jahr später, nämlich zum Wintersemester 1513/14 scheint er seine Vorlesungstätigkeit aufgenommen zu haben, möglicherweise weil die Zustimmung seines Ordensgenerals erst im Okt. 1513 eintraf.

In seiner ersten Vorlesung behandelte L. den Psalter, und zwar drei oder vier Semester lang. Im Wintersemester 1515/16 und dem folgenden Semester legte er den Römerbrief aus, im Wintersemester 1516/17 dann den Galaterbrief. Nicht ganz sicher ist, ob sich daran direkt eine zweisemestrige Vorlesung über den Hebräerbrief anschloß oder ob L. im Sommersemester 1517 über den Titusbrief gelesen hat. Davon hängt ab, ob L. seine zweite Vorlesung über die Psalmen im Sommer 1518 oder erst ein Semester später begann. Sicher ist, daß er diese Vorlesung dann im Wintersemester 1520/21 abbrechen mußte. L. hielt sich also strikt an seinen Lehrauftrag, biblische Schriften zu erläutern. Für seine Studenten ließ er die lateinischen Texte der Psalmen und der Briefe an die Römer, Galater und Hebräer mit großem Zeilenabstand und breitem Rand drucken. Dadurch konnten|diese seine Interlinear- und Randglossen direkt in ihren Handexemplaren notieren. Zu diesen Kurzerläuterungen traten längere Erklärungen („Scholien“) hinzu, die ebenfalls diktiert worden sind. Einige studentische Nachschriften sind erhalten.

L. bediente sich damit der üblichen Auslegungsform. Auch inhaltlich legte er die Bibel wie gewohnt aus, nämlich mit Hilfe des vierfachen Schriftsinns, so daß zur wörtlichen Exegese die topologische, die allegorische und die anagogische hinzutraten. Aber im Vordergrund standen schon früh der Wortsinn und die Frage, was die Aussagen der Bibel für den Menschen bedeuten. L. scheute auch nicht vor Kritik an der Kirche zurück, wobei er sich auf →Bernhard von Clairvaux berief, der ihm neben →Augustin wichtig war. Auch Exegeten wie →Nikolaus von Lyra zog er heran. Seit dem Frühjahr 1516 benutzte er die griech. Ausgabe des Neuen Testaments des →Erasmus von Rotterdam: Dafür mußte er das Griechische erlernen, wie er sich auch das Hebräische aneignen mußte, um das Alte Testament von seinem Urtext her interpretieren zu können. Er konnte sich dabei auf die Leistungen des Humanismus stützen: Für das Hebräische hatte →Johannes Reuchlin Entscheidendes geleistet, auf dessen Seite er im Kampf gegen die Kölner Dominikaner stand.

Recht konservativ deutete L. die Psalmen als Gebete Christi, verstand es aber zugleich, sie gerade dadurch zu wichtigen Texten für seine Hörer zu machen. Der Römerbrief veranlaßte ihn, den Menschen als Sünder und dadurch als fern von Gott zu verstehen. Schon jetzt wird der Gekreuzigte als die Kraft Gottes verstanden, denn Gott offenbart sich hier „sub contrario“, unter der Gestalt des Gegenteils: Der ohnmächtige, gekreuzigte Christus ist in Wahrheit der allmächtige Gott, der den Sünder gerechtspricht. „Der Glaube kommt aus dem Hören, das Hören aber durch das Wort Christi“ (Römer 10, 17) – dies gilt es, in Demut zu erfassen.

1516/17 begegnete L. erneut der Mystik. Er beschäftigte sich mit →Johann Tauler, lernte aber auch die „Deutsche Theologie“ kennen, die er für so wichtig hielt, daß er sie zusammen mit einer eigenen Vorrede im Dez. 1516 herausgab. Es handelt sich hier um seine erste Publikation. Bisher war L. nur in seinem Orden und in Wittenberg bekannt gewesen, wo er seit 1514 einen Predigtauftrag an der Stadtkirche übernommen hatte. Im Orden war er 1515 zum Distriktsvikar für die Konvente in Meißen und Thüringen gewählt worden, was Visitationsreisen und viel Arbeit mit sich brachte. Im Frühjahr 1517 veröffentlichte er sein erstes eigenes Werk, eine Auslegung der sieben Bußpsalmen. Vor allem aber ließ er eine Thesenreihe gegen die scholastische Theologie für eine Disputation am 4.9.1517 drucken. In ihr wehrte er sich gegen den Einfluß des Aristoteles auf die Theologie und formulierte gegen die scholastische These: „Ohne Aristoteles wird man kein Theologe“, die Antithese: „Man wird nur Theologe ohne →Aristoteles.“ In Wittenberg fand er damit viel Zustimmung, auch seine Kollegen – vor allem →Andreas Bodenstein von Karlstadt – pflichteten ihm nach anfänglicher Skepsis bei. Aber das übrige spärliche Echo auf diese weitreichenden Thesen mußte ihn doch enttäuschen.

Das war anders bei seinen 95 Thesen über den Ablaß, die er am 31.10.1517 an die für ihn zuständigen Bischöfe, EB →Albrecht von Mainz und Magdeburg und Bischof →Hieronymus Schulze von Brandenburg, verschickte. In dem Brief an →Albrecht, der überliefert ist, zeigt L. sich besorgt über den Ablaß, der zugunsten des Neubaus von St. Peter in Rom verkündet wurde. Er forderte, die Veräußerlichung aufzugeben, die der Ablaß hervorgerufen hatte, und die Bedeutung der Buße neu zu erkennen, die Jesus Christus verkündigt hatte: „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: ‚Tut Buße', wollte er, daß das ganze Leben der Gläubigen eine Buße sei“ (These 1). L. verweist auf die Diskussionswürdigkeit des Ablasses, indem er seine Thesen beifügt, die zu einer Disputation unter Gelehrten Anlaß geben sollten. Daß diese Thesen am 31.10. an die Schloßkirche angeschlagen wurden, wohin zum Allerheiligenfest wegen der dort gesammelten Reliquien viele Menschen kamen, wird bezweifelt, da →Melanchthon dies erst nach L.s Tod berichtet. Möglicherweise wurden sie erst Mitte November durch Anschlag publiziert. Keinesfalls wäre ein solcher Anschlag eine Provokation gewesen, da die Universitätslehrer auf diese Weise Thesen zu veröffentlichen pflegten. Auch hatte L. damit nicht im Sinn, die Kirche anzugreifen, sondern er wollte einen Mißstand abgestellt und einen Sachverhalt geklärt sehen – dazu dienten seine Briefe an die kirchlichen Oberen und seine Thesen. Diese wurden rasch verbreitet, auch ins Deutsche übersetzt und an verschiedenen Orten gedruckt. L. hatte sie an einige Freunde verschickt, die für Verbreitung sorgten, wobei sie nicht wissen konnten, daß →Erzbischof Albrecht an einem guten Ertrag des Ablasses interessiert sein mußte: denn er hoffte, damit die Schulden zu|begleichen, die er hatte aufnehmen müssen, als er sich gegen Gebühr die gleichzeitige Inbesitznahme der Erzbistümer Mainz und Magdeburg und die Verwaltung des Bistums Halberstadt von der röm. Kurie hatte genehmigen lassen.

→Albrecht informierte Rom durch Übersendung der Thesen, wo L.s Ordensobere gebeten wurden, auf den Mönch mäßigend einzuwirken. Der Dominikaner →Johann Tetzel, der den Ablaß in Norddeutschland vertrieb und dessen Arbeitsweise L. kannte, fühlte sich zu Recht angegriffen und verteidigte aufgrund von Thesen des →Konrad Wimpina an der Univ. Frankfurt/Oder am 20.1.1518 den Ablaß. L. publizierte im März 1518 den „Sermon von Ablaß und Gnade“, in dem er allgemein verständlich seine Auffassung vortrug. Diese kleine Schrift wurde sein erster literarischer Erfolg, dem sich viele weitere anschließen sollten, weil L. sich nicht scheute, die Volkssprache zu benutzen, in der er sich hervorragend auszudrücken verstand. Der sich ausbreitende Buchdruck beflügelte den Erfolg, weil er Öffentlichkeit herstellte.

Viele von denen, die bemerkten, daß sich hier ein fundamentaler Konflikt um das Verständnis von Kirche anbahnte, widersprachen L. offen; andere hielten sich zurück, z. B. →Erasmus, den L. seit 1517 nicht mehr besonders schätzte, weil er seine Theologie für schwach hielt. Zu den Gegnern L.s gesellte sich im Frühjahr 1518 der Ingolstädter Professor →Johann Eck, auf dessen Publikation L. noch im Mai 1518 antwortete. Inzwischen war er zum Kapitel seines Ordens nach Heidelberg gereist, wo er als Distriktsvikar durch seinen Erfurter Freund →Johann Lang abgelöst wurde. Am 26.4. konnte er dort über von ihm verfaßte Thesen diskutieren, in denen er eine Theologie des Kreuzes formuliert hatte, die christozentrisch und antischolastisch ausgerichtet war. Diese Disputation wurde aber nicht nur wichtig, weil sie L.s Gedanken nun einem breiteren Kreis vermittelte, sondern weil durch sie viele derjenigen Männer für ihn gewonnen wurden, die für die Reformation in Süddeutschland wichtig werden sollten: →Martin Bucer, →Martin Frecht, →Johannes Brenz, →Erhard Schnepf und →Theobald Billican. Es wurde klar, daß es hier nicht um Mönchsgezänk eines Augustinereremiten gegen Dominikaner ging, sondern daß gewichtige theologische Fragen zur Debatte standen. L. unterschrieb in dieser Zeit manche seiner Briefe mit „Eleutherius“, der Freie; er hatte sich zu theologischen Lösungen durchgerungen, die nach seiner Auffassung vorhandene Unklarheiten oder Fehler vermieden.

Am 15.5.1518 kehrte L. nach Wittenberg zurück. Inzwischen war er in Rom auch vom Dominikanerorden der Häresie verdächtigt worden, so daß dort im Sommer 1518 ein Prozeß gegen ihn begonnen wurde. Am 7.8 erhielt er eine Vorladung nach Rom, die unter Androhung des Banns sein Erscheinen innerhalb von 60 Tagen verlangte. Die Anklage fußte auf einem Gutachten des Dominikaners →Silvestro Mazzolini gen. Prierias, der als Magister Sacri Palatii an der röm. Kurie über die Reinheit der kirchlichen Lehre zu wachen hatte. L. gab dessen Gutachten zusammen mit seiner Erwiderung heraus, in der sich antiröm. Animositäten finden, wie sie damals in Deutschland weit verbreitet waren. Einen gewissen Schutz gewährte ihm allein der Umstand, daß er der berühmteste Professor der jungen Wittenberger Universität geworden war, der viele Studenten nach dort zog; so war sein Landesherr, Kf. →Friedrich der Weise, der seine Gründung nicht gefährden wollte, geneigt, ihn zu behalten. →Papst Leo X. aber verlangte von seinem nach Deutschland entsandten Kardinallegaten →Thomas de Vio gen. Cajetan, einem Dominikaner, am 28.8.1518, L. festnehmen zu lassen und ihn zu bannen, wenn er nicht widerrufe. →Leo X. bat auch →Kf. Friedrich, L. in päpstliche Gewalt zu geben; ein gerechtes Verfahren sagte er ihm zu. Rom gestand →Cajetan am 11.9.1518 zu, L.zu verhören; der Legat, der mit →Friedrich auf einem Reichstag in Augsburg zusammentraf, hat vermutlich dem Kurfürsten versprochen, L. bei dieser Gelegenheit nicht festnehmen zu lassen. Dieser reiste Ende September nach Augsburg, wo er am 7.10. ankam. Er war ohne kaiserliches Geleit gekommen, das ihm wohl nachträglich in Augsburg zugesagt wurde.

Das Verhör durch →Cajetan fand vom 12. bis 14.10.1518 statt. Der Legat war freundlich, aber bestimmt. Als Normen für die Entscheidung benannte er Bibel und Kirchenrecht und forderte L. auf, sich der kirchlichen Lehre wieder in allen Punkten anzuschließen. L. dagegen wollte über seine Auffassungen diskutieren. Cajetan hielt ihm die päpstliche Autorität entgegen, was L. veranlaßte, an die kürzlich erfolgte Appellation der Universität Paris an ein Konzil zu erinnern. Der Legat konnte in ihm deswegen nur einen Konziliaristen sehen, der sich dem päpstlichen Entscheidungsanspruch nicht beugte. Das Gespräch verlief daher ergebnislos. L. appellierte zwar an den Papst, der besser zu|informieren sei, aber dies vermochte seine schwierige Lage nicht zu verbessern; auch seine Briefe waren dazu nicht geeignet, die er am 17. und 18.10. an Cajetan richtete, weil er in ihnen nur anbot, sich über den Ablaß nicht zu äußern, solange auch seine Gegner schwiegen. Am 20.10. verließ er heimlich Augsburg und traf am 31.10. wieder in Wittenberg ein. Um sich zu rechtfertigen, publizierte er die „Acta Augustana“, was der Kurfürst nur widerwillig hinnahm. L. trieb den Streit sogar auf die Spitze, als er nicht mehr die päpstliche Entscheidung abwartete, sondern am 28.11.1518 an das Konzil als eine übergeordnete Instanz appellierte. Zwar wußte er dabei einen großen Teil der Öffentlichkeit hinter sich, aber in Rom konnte man jetzt nur konsequent gegen ihn vorgehen, weil er mit dem Appell an ein Konzil den Papst mißachtet hatte.

L. war so selbstbewußt aufgetreten, daß zu fragen ist, worauf er sich dabei stützte. Offenbar hatte er als Exeget so viel an der herrschenden Theologie zu kritisieren, daß er auch einem so fähigen Theologen wie Cajetan zu widersprechen wagte. In der Tat hatte er im Laufe der Jahre aufgrund der Bibel, mit Hilfe Augustins, aber auch unter Rückgriff auf die Mystik und unter dem Einfluß des Humanismus eine Theologie erarbeitet, die er nicht als Neuerung, sondern als Wiederentdeckung der rechten Lehre verstand. Ihm selbst hatte vor allem der Begriff der Gerechtigkeit Gottes Schwierigkeiten bereitet, weil er ihn als die fordernde Gerechtigkeit des richtenden Gottes interpretiert hatte. Die Erkenntnis, daß es in Wahrheit um die schenkende Gerechtigkeit des barmherzigen Vaters Jesu Christi, des Gekreuzigten, gehe, war sein „Turmerlebnis“, das er in seinem Arbeitszimmer im Turm, der an das Kloster angebaut worden war, gehabt hatte. Der Zeitpunkt dieses Erlebnisses ist umstritten. L. selbst legt in einem Rückblick von 1545 nahe, an 1518 zu denken. Tatsächlich war in diesem Jahr seine Entwicklung so weit fortgeschritten, daß er nun in rascher Folge zu den verschiedensten theologischen Themen Stellung nehmen konnte. Andererseits deutet sich auch in früheren Vorlesungen schon mancherlei von seinen späteren Erkenntnissen an, so daß es richtiger sein dürfte, seine theologische Entwicklung zu analysieren, als nach einem speziellen Datum zu suchen.

Seine Theologie war im Hinblick auf die Lehre vom Ablaß frei gewesen, weil es noch keine kirchliche Festlegung gegeben hatte. Auf Veranlassung Cajetans wurde aber am 9.11.1518 ein päpstliches Dekret über den Ablaß publiziert, das L.s Auffassung widersprach. L. überlegte Anfang Dezember, ob er Wittenberg verlassen müsse, um seinem Landesherrn nicht zur Last zu fallen, aber dieser ließ es zu, daß er blieb. Eine Entspannung deutete sich sogar an, als Rom Kontakt zu Kurfürst Friedrich aus politischen Gründen suchte: Es war das baldige Ableben Kaiser →Maximilians I. zu erwarten, der die Wahl seines Enkels →Karl wünschte. Das mußte Rom bedenklich sein, weil dann Ober- und Unteritalien in dieselbe Hand und der dazwischen liegende Kirchenstaat in Schwierigkeiten gekommen wären. Es wurde zwar weiterhin von Rom an Friedrich die Erwartung ausgesprochen, er möge L. ausliefern, aber ohne Dringlichkeit. Zugleich konnte der päpstliche Gesandte →Karl v. Miltitz aus Kursachsen Beruhigendes melden. L. sprach mit ihm am 5./6.1.1519 in Altenburg, bot an zu schweigen, wenn das auch seine Gegner täten, und verpflichtete sich, in einer Publikation zum Gehorsam gegen die Kirche zu mahnen. Diese erschien Ende Feb. 1519. Am 12.1.1519 war Maximilian gestorben und Friedrich als Reichsvikar eine wichtige Aufgabe zugefallen. Es wurde jetzt ein Verhör L.s in Deutschland erwogen, aber Friedrich sprach sich wegen der Kaiserwahl dagegen aus. Faktisch wurde deswegen L.s Prozeß weder in Rom noch in Deutschland weitergeführt. Als am 28.6.1519 doch Karl von Spanien zum röm. König gewählt wurde, war für Rom die befürchtete politische Lage eingetreten. Karls Abgesandte hatten zudem in einer Wahlkapitulation beschworen, daß der neue Kaiser keinen Häretiker unverhört verurteilen werde, was von erheblicher Bedeutung werden sollte.

Vor allem aber erschienen Werke L.s, die seinen Namen noch bekannter werden ließen: 1518 seine „Resolutiones“ über den Ablaß und im Sept. 1519 seine Erklärung des Galaterbriefes, wobei →Philipp Melanchthon ihn unterstützte, der seit 1518 als Professor für Griechisch in Wittenberg lehrte, aber auch theologische Vorlesungen hielt. Wie er, so schlossen sich auch zahlreiche andere jüngere Humanisten der Bewegung an, die von L. ausgegangen war. Dessen deutschsprachige Schriften wurden weit verbreitet und sprachen Bevölkerungsgruppen an, die nicht akademisch gebildet waren. In ihnen hat L.Katechismusstücke ausgelegt (etwa das Vaterunser) oder sich über die Buße, die Ehe, das Leiden Christi oder den Wucher geäußert. Aber auch einen „Sermon von der Bereitung|zum Sterben“ hat er verfaßt. Die Wirkung und die Ausstrahlung dieser frühen deutschsprachigen Werke L.s sind früher unterschätzt worden.

Von großer theologischer und politischer Bedeutung sollte die Leipziger Disputation werden, die vom 27.6. bis zum 16.7.1519 gegen den Widerstand des Bischofs von Merseburg, aber mit der Zustimmung Hzg. →Georgs von Sachsen, Kf. Friedrichs und Hzg. →Ludwigs von Bayern durchgeführt wurde. Unmittelbarer Anlaß war eine Disputation zwischen →Johann Eck und →Karlstadt, aber auch L. war von Eck angegriffen worden, so daß er darum bat, zur Diskussion zugelassen zu werden, was Hzg. Georg erst erlaubte, als Eck sein Einverständnis gegeben hatte. Während die Disputation zwischen Eck und Karlstadt wenig Öffentlichkeit mobilisierte, war das bei derjenigen Ecks mit L. vom 4. bis zum 13.7. anders. Eck versuchte, L. als Hussiten zu entlarven, weil er den päpstlichen Primat in Frage gestellt hatte. Dies konnte L. in Leipzig nur diskreditieren, weil das Land unter den Hussitenkriegen erheblich gelitten hatte. L. – jeder Diplomatie abhold – gab Berührungspunkte zu, was ihm die erbitterte Feindschaft Hzg. Georgs einbrachte. Die Leipziger Disputation wurde zu einem Kampf um die Deutung der Kirchengeschichte, weil L. die Behauptung vortrug, der Papst habe erst seit 400 Jahren seine jetzige Bedeutung. Da →Huß von einem Konzil verurteilt worden war, konnte Eck von L. die Äußerung erreichen, daß auch Konzile irren können – damit war auch das Konzil als unfehlbare Instanz geschwunden, und L. konnte sich jetzt nur noch auf die Bibel als verpflichtende Norm der Kirche stützen. Insofern trug diese Diskussion erheblich zur weiteren Klärung seiner Position bei, aber manche, die mit ihm bisher sympathisiert hatten, wurden nun wegen solcher Konsequenzen bedenklich gestimmt oder ihm feindlich gesinnt. Die Universitäten Paris und Erfurt sollten über die Disputation zwischen Eck und L. urteilen. Aber man wartete vergeblich auf Äußerungen von dort. Statt dessen verurteilten die Kölner und die Löwener Theologen L. Dem Urteil Hzg. Georgs schlossen sich Kf.→Joachim I. von Brandenburg und die Landesherren Ecks, die bayer. Herzöge, an. Auch Kardinal →Adrian von Utrecht, der Erzieher des neugewählten Kaisers und spätere →Papst Hadrian VI., kam zu einem negativen Urteil über die Theologie L.s. Kf. Friedrich ließ sich dagegen auch durch eine Denunziation Ecks nicht zu einem Vorgehen gegen L. veranlassen, während Eck den ersten Streit um dessen Theologie, der in einer Gemeinde (Jüterbog) entbrannt war, zu einem Angriff auf den Wittenberger und dessen Parteigänger nutzte, die hier von ihm zum ersten Mal „Lutheraner“ genannt wurden, während sie selber sich als „Martinianer“ bezeichneten.

Auch während dieser Zeit bemühte Miltitz sich weiterhin um Vermittlung zwischen Rom und Kursachsen. Aber am päpstlichen Hof drängte man Ende 1519 zur Eile, nicht zuletzt aufgrund eines Berichtes von Eck über die Leipziger Disputation und L.s „hussitische Häresie“. Eck selbst reiste im Frühjahr 1520 nach Rom und trug dazu bei, daß der dortige Prozeß gegen L. weitergeführt und beendet wurde. Die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ trägt das Datum des 15.6.1520. Sie wurde in Rom am 24.7.1520 durch Anschlag an der Peterskirche und auf dem Campo de' Fiori publiziert. Mit ihrer Verbreitung in Ober- und Niederdeutschland wurde Eck, in Westdeutschland und den Niederlanden der päpstliche Bibliothekar →Hieronymus Aleander beauftragt. L.wurde eine Widerrufsfrist von 60 Tagen nach Zustellung eingeräumt. Eck publizierte die Bulle im September in Meißen, Merseburg und Brandenburg und versandte sie Anfang Oktober von Leipzig aus an die Univ. Wittenberg, wo sie am 10.10. eintraf. L. sah sich durch die schlecht formulierte Bulle nicht veranlaßt zu widerrufen, ging aber auf den Vorschlag von Miltitz ein, einen Brief direkt an Leo X. zu richten, den jener nach Rom bringen wollte. Er verfaßte die Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, die zusammen mit einem Brief an den Papst Ende November deutsch und lateinisch gedruckt vorlag. Aber L. räumte dem Vermittlungsversuch von Miltitz offenbar keine große Bedeutung ein, denn er machte sich an eine Widerlegung der Bulle, die Anfang 1521 in lateinischer und am 1.3.1521 in deutscher Fassung erschien. Schon im Dez. 1520 hatte er außerdem seine Appellation an ein Konzil wiederholt. Schließlich lud Melanchthon zum 10.12.1520 zum Schindanger vor dem Elstertor von Wittenberg ein, wo eine Bücherverbrennung durchgeführt werden sollte. Tatsächlich ist dort das Corpus Iuris Canonici verbrannt worden, das gültige Recht der abendländischen Kirche. Weitere Schriften kamen hinzu, vor allem übergab L. selbst einen Druck der Bannandrohungsbulle dem Feuer. Nicht zuletzt durch die Bestreitung der Geltung des Kirchenrechtes war der Graben nun im Grunde unüberbrückbar geworden. Es war die Frage, wie sich der neue Kaiser verhalten würde, dem aufgrund eben dieses Rechtes|die Vollstreckung des kirchlichen Urteils oblag.

Nuntius →Aleander erreichte es, daß bereits am 28.9.1520 Karl V. die Verbrennung von Büchern L.s in den Niederlanden anordnete. Weitere Verbrennungen fanden dann auch in Westdeutschland statt. Jedoch forderte der Kaiser am 28.11. den Kurfürsten auf, L. mit zum Reichstag nach Worms zu bringen, wo er verhört werden, ihm aber kein Unrecht geschehen solle – der Kaiserhof wollte offenbar die in der Wahlkapitulation gemachte Zusage einhalten. Am 14.12.1520 wurde diese Aufforderung jedoch zurückgenommen, weil L. inzwischen gebannt sei und allen Orten das Interdikt drohe, an denen er sich aufhalte. Während der nächsten Wochen ging das Tauziehen um die Frage, ob ein bereits Gebannter nochmals verhört werden solle, weiter. Auf dem am 27.1.1521 eröffneten Reichstage versuchte Nuntius Aleander, die Stände dahin zu bringen, auf ein solches Vorhaben zu verzichten, weil es dem geltenden Recht widerspreche. Der Papst hatte am 18.1.1521 den Kaiser gebeten, diejenigen Schritte zu unternehmen, die seinem Amt entsprächen. Zwar hatte Rom in einer weiteren Bulle „Decet Romanum Pontificem“ vom 3.1.1521 den Bann über L. bestätigt, aber dies war wohl nur ein vorsorglicher Schritt, denn die Bannandrohung war ohnehin 60 Tage nach dem Datum, an dem L. sie erhalten und nicht widerrufen hatte, gültig geworden. Die röm. Kurie hat dann auch vorwiegend ihre Aufgabe darin gesehen, den Kaiser zu bitten, das Urteil zu vollstrecken. Das Ihre hatte sie nach ihrer Meinung getan.

Daß Karl V. unter dem 6.3.1521 L. doch nach Worms zu einem Verhör vorlud und ihm auch freies Geleit zubilligte, muß als Abkehr vom bisherigen Ketzerrecht verstanden werden. Dem Kaiser blieb aber unter dem Druck der Stände kaum etwas anderes übrig – über seine persönliche Einstellung zu L.besagte diese Vorladung deswegen nichts. L. trat wohl am 2.4. die Reise an. In verschiedenen Städten predigte er; viele Menschen nahmen Anteil, da er es gewagt hatte, den ungeliebten Römern zu widerstehen. In Oppenheim traf →Bucer den Vorgeladenen und überbrachte ihm eine Einladung zu →Sickingen auf die Ebernburg: Der kaiserliche Beichtvater Glapion hatte vorgeschlagen, dort Geheimverhandlungen zu führen und eine Verständigung mit dem Kaiserhof herzustellen. L. ging aber darauf nicht ein, sondern reiste nach Worms weiter, wo er am 16.4. eintraf. 2 000 Menschen sollen auf den Straßen gewesen sein – auch hier glich sein Erscheinen eher einem Triumph als dem Einzug eines Gebannten. Am 17.4. trat er vor Kaiser und Reich: Er sollte nur auf die vorgelegten Fragen antworten dürfen. Es wurden ihm einige Titel von Schriften genannt, die unter seinem Namen erschienen waren, und er wurde gefragt, ob er diese verfaßt habe und sich zu ihnen bekenne oder etwas widerrufen wolle. L. antwortete zunächst deutsch, dann lateinisch; er bekannte sich zu seinen Büchern und bat wegen eines eventuellen Widerrufs um Bedenkzeit. Da in der Vorladung nur von einer Erkundigung über seine Bücher die Rede gewesen war, mag L. tatsächlich überrascht gewesen sein. Vielleicht ist er auch vom kursächs. Hof in diesem Sinne beraten worden, jedenfalls wurde die Bedenkzeit gewährt. Im Verhör am 18.4. unterteilte er seine Bücher in drei Gruppen: solche, in denen er über die Frömmigkeit spreche, die nicht getadelt würden; andere, in denen er gegen die Tyrannei des Papsttums kämpfe, wovon er nichts zurücknehmen könne; schließlich solche, in denen er vielleicht gegen einzelne Personen zu heftig gekämpft habe. Inhaltlich aber müsse alles von der Bibel her beurteilt werden. Der Befragende, der Trierer Offizial →Johann v. der Eck, entgegnete, er möge eindeutig erklären, ob er die von ihm verbreiteten Irrtümer widerrufe. L. faßte daraufhin zusammen, daß er durch Zeugnisse der Bibel oder klare Vernunftgründe widerlegt werden müsse; solange dies nicht geschehe, sei er in seinem Gewissen in Gottes Wort gefangen und könne um seiner Seligkeit willen nicht widerrufen. Daraufhin konnte er in seine Herberge zurückkehren, wo er erleichtert in den Ruf ausbrach: „Ich bin hindurch!“

Am folgenden Tag ließ Karl V. den Ständen sein eigenes Bekenntnis vortragen: Er bejahte die Tradition seiner Familie und lehnte es ab, diese von einem einzelnen Mönch in Frage stellen zu lassen. Er bekannte sich zu seinem kaiserlichen Amt im Sinne des überkommenen Kirchenrechts und erklärte, gegen L.s Sache seine Reiche und sein Leben einsetzen zu wollen. Die Stände würdigten zwar am 20.4. diese Erklärung des Kaisers, wollten aber dennoch einen weiteren Vermittlungsversuch unternehmen. Der Kaiser bewilligte dafür am 22.4. drei Tage Zeit. Würde auch dann L. nicht widerrufen haben, müsse die Reichsacht ausgehen, die dem Ketzerrecht zufolge auf den Bann zu folgen hatte. Auch die neuen Gespräche, die am 24. und 25.4. mit L. geführt wurden, konnten ihn nicht zu einer grundlegenden Änderung seiner Ansichten bewegen, so daß ihm eröffnet wurde, er möge nach Hause zurückkehren. Das Geleit blieb ihm für eine begrenzte Zeit zugesagt; er solle aber im Gegensatz zur Hinreise weder predigen noch schreiben oder das Volk aufwiegeln. Bereits am 26.4. brach L. auf – am Vorabend war ihm vom kursächs. Hof eröffnet worden, daß er in Sicherheit gebracht werden solle, ein Gedanke, der schon nach dem Verhör durch Cajetan erwogen worden war. Am 29.4. entließ L. in Friedberg (Hessen) den Reichsherold – sein Verschwinden sollte nicht durch diesen Zeugen beobachtet werden. Karl V. ließ ein Mandat ausarbeiten, durch das die Acht über L. und seine Anhänger ausgesprochen wurde: L. sollte an den Kaiser ausgeliefert werden; der Besitz seiner Anhänger durfte konfisziert werden; die Lektüre und die Verbreitung seiner Schriften wurden verboten. Das Mandat, das Wormser Edikt, trägt das Datum des 8.5.1521. Den Ständen wurde es am 25.5. nach der Beendigung des Reichstages verlesen; es war ein kaiserliches Edikt (gemäß der bisherigen Ordnung) und wurde deswegen auch nicht im Abschied des Reichstages erwähnt. Wer es mißachtete, mußte mit dem Kaiser als dem weltlichen Arm der Kirche rechnen. Auch die röm. Kurie war der Meinung, daß Karl V. nun für die Vernichtung der neuen Lehre zu sorgen habe.

Diese war durch wichtige Werke, die 1520 erschienen waren, einem noch größeren Kreis von Menschen bekannt geworden. In der Arbeit „Von den guten Werken“ stellte L. eine Ethik dar, die vom Glauben begründet wurde. In seinem Appell „An den christlichen Adel deutscher Nation“ bat er, daß die Adligen ihre Verantwortung wahrnehmen und gemäß der mittelalterlichen Tradition zu „des christlichen Standes Besserung“ beitragen sollten, nachdem die Kleriker und vor allem Papst und Bischöfe nicht das Notwendige täten; diese Schrift wurde zu einem großen buchhändlerischen Erfolg, allerdings nur für kurze Zeit, während L.s Erbauungsschriften immer wieder nachgedruckt wurden. Von dem für L.s literarische Produktion so wichtigen Jahr 1520 sei nur noch „De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium“ genannt, weil L. in diesem Werk die traditionelle Sakramentenlehre kritisch behandelt. Nach seiner Meinung sind nur Taufe und Abendmahl von Christus eingesetzte, mit Zeichen versehene Handlungen, denen er Gnadenzusagen gemacht hat; der Buße fehlt das sichtbare Zeichen, während Firmung, Ehe, Priesterweihe und letzte Ölung nicht als Sakramente anerkannt werden. Diese Schrift mußte die Frömmigkeit erheblich beeinflussen und konnte deswegen nicht nur im Elfenbeinturm der Wissenschaft diskutiert werden; sie sollte zur Klärung der Fronten zwischen Freunden und Feinden L.s erheblich beitragen.

L. aber war inzwischen verschwunden. Am 4.5. war sein Wagen in der Nähe der Burg Altenstein „überfallen“ worden. Auf Umwegen gelangte er in der Nacht zur Wartburg bei Eisenach, wo er seine Mönchskutte ablegen und sich in einen „Junker Jörg“ verwandeln mußte; nur der Burghauptmann wußte, wen er aufgenommen hatte. Viele (z. B. →Albrecht Dürer) meinten, L. sei erschlagen worden. Aber Aleander vermutete sofort, daß Kf. Friedrich seine Hand im Spiel gehabt habe. Dieser hatte vor seiner Abreise vom Reichstag noch erreicht, daß ihm kein Exemplar des Wormser Ediktes offiziell vom Kaiserhof zugeschickt wurde, so daß er die Entscheidung Karls nicht zur Kenntnis nehmen mußte.

Auf der Wartburg nutzte L. die Zeit zur Arbeit. Er hielt auch Kontakt mit Wittenberg, vor allem mit Melanchthon und mit →Spalatin. Unter seinen Werken sind weiterhin lateinisch und deutsch geschriebene zu finden: L. führte also sowohl die wissenschaftliche Auseinandersetzung wie die Unterrichtung der breiten Öffentlichkeit fort. Diese wurde in einem bis dahin ungewohnten und ungeahnten Ausmaß mobilisiert: Es wurden von zahlreichen Autoren viele „Flugschriften“ verfaßt, kurze Traktate oder Einblattdrucke, häufig mit bildlichen Darstellungen versehen, die den Streit popularisierten und die sich zum allergrößten Teil auf L.s Seite stellten. Von den auf der Wartburg geschriebenen oder fertiggestellten Werken seien seine Auslegung des „Magnifikat“, des Lobgesanges der Maria aus Lukas 1, seine Auseinandersetzung mit den Mönchsgelübden („De votis monasticis iudicium“) und seine Postille genannt, die den Predigern helfen sollte, das Evangelium Jesu Christi richtig auszulegen. Vor allem aber übersetzte L. auf der Wartburg das Neue Testament ins Deutsche. In der fast unglaublich kurzen Zeit von etwa elf Wochen legte er ein Werk von solcher Geschlossenheit vor, daß dieses seit seinem ersten Erscheinen im Sept. 1522 immer wieder neu aufgelegt wurde. L. legte der Übersetzung den griech. Text zugrunde, den Erasmus 1519 in 2. Auflage ediert hatte, verstand es aber, sich nicht sklavisch daran zu binden, sondern verständlich und einprägsam zu übersetzen, was in diesem Maße bei älteren Verdeutschungen nicht der Fall gewesen war. L. hat in den folgenden Jahren auch das Alte Testament übersetzt, einschließlich der alttestamentlichen Apokryphen. Dabei haben ihm Wittenberger Kollegen, vor allem Melanchthon, geholfen. 1534 lag die gesamte Bibel in seiner Übersetzung vor, aber bis zu seinem Tod hat er zusammen mit seinen Mitarbeitern daran gefeilt. Wie wichtig ihm „das Dolmetschen“ war und wie ernst er es nahm, das beweist nicht nur diese Tatsache, sondern auch sein „Sendbrief“ über dieses Thema von 1530. Niemals hat L. Honorare für seine Bücher genommen.

Besorgt mußte L. auf der Wartburg feststellen, daß es in Wittenberg zu Unruhen kam, derer Melanchthon nicht Herr zu werden vermochte. Es wurden dort praktische Veränderungen vorgenommen – vor allem unter dem Einfluß Karlstadts -, die L. wegen des Vorbildcharakters von Wittenberg veranlaßten, sich im Dezember 1521 incognito dorthin zu begeben. Er wohnte drei Tage lang bei Melanchthon, mußte dann aber die Stadt wieder verlassen, weil Gerüchte über seine Rückkehr zu kursieren begannen. L. hatte nur seine Freunde beraten können; zu einem wirklichen Eingreifen fehlten ihm die Möglichkeiten. Immerhin verdanken wir diesem Besuch das Porträt des Junkers Jörg durch →Cranach. Als die Unruhen andauerten, entschloß er sich, am 1.3.1522 zurückzukehren. Der Kurfürst hatte gewünscht, daß L. wenigstens bis zum Ende des bevorstehenden Reichstages auf der Wartburg bliebe, denn wenn man dort von seiner Existenz erfahren würde und seine Auslieferung verlangte, mußte Friedrich in Schwierigkeiten geraten. L. verließ trotzdem die Wartburg und nahm die Verantwortung dafür in einem Brief an seinen Landesherren vom 5.3.1522 auf sich. Um den Kurfürsten zu entlasten, verfaßte er ein weiteres Schreiben, das vom kursächs. Hof politisch verwendet werden konnte.

Am 6.3.1522 in Wittenberg eingetroffen, legte L. wieder sein Mönchsgewand an und kehrte in sein Kloster zurück. Vom Sonntag Invokavit an (9.3.1522) predigte er täglich in der Stadtkirche. Es gelang ihm, mit diesen Predigten die Unruhen zu beenden und die Reformation auf den Weg der Reform zurückzuführen, der durch Überzeugung und nicht durch Emotionen oder Gewalt beschritten wird. Bereits Ende 1521 hatte er „eine treue Vermahnung“ an „alle Christen“ gerichtet, „sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung“: Wer den Weg der Gewalt beschreite, schade dem Evangelium und behindere das Wirken Gottes (gedruckt 1522). Karlstadt und seine Anhänger, die die Kindertaufe ablehnten, ließen sich jedoch nicht von ihren Ideen abbringen, so daß es zu zahlreichen Neugruppierungen kam, in denen L. abgelehnt wurde. L. widmete sich nun Fragen der Reform des Gottesdienstes, der kirchlichen Finanzen, aber auch Grundsatzproblemen theologischer und politischer Art („Daß eine christliche Gemeine Recht und Macht habe, alle Lehre zu erteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen“ bzw. „Von weltlicher Oberkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“, beide von 1523). Zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung zwang ihn Erasmus, der 1524 eine Schrift über den freien Willen publizierte, worauf L. 1525 mit der Gegenthese „vom geknechteten Willen“ des Menschen antwortete. L. behauptete, daß der Mensch zwar frei sei in allem, was unter ihm stehe, daß er aber in bezug auf das Heil ganz von Gott abhängig sei.

Diese Entgegnung hatte auch deswegen so lange auf sich warten lassen, weil es 1525 zum Bauernkrieg gekommen war. Es erhoben sich dieses Mal mehr Bauern als bei früheren Aufständen, und es schlossen sich ihnen auch Bewohner von Städten und sogar einzelne Adlige an. L. beantwortete die wichtigste der Bauernschriften, die „12 Artikel der Bauernschaft in Schwaben“, mit einer „Ermahnung zum Frieden“. Er forderte die Adligen auf, Mißstände zu beenden und begründete Forderungen zu akzeptieren, mahnte aber die Bauern, sich nicht selbst ihr Recht zu suchen, denn „niemand soll sein eigener Richter sein“. Die Zeit des Fehdewesens war durch den ewigen Landfrieden von 1495 abgelöst worden. L. versuchte während einer Reise in die thüringischen Gebiete mäßigend auf die aufständischen Bauern einzuwirken, mußte aber feststellen, daß hier die Kraft seines Wortes versagte. Unter dem Eindruck, daß der kursächs. Hof nichts gegen den Aufstand unternahm (Kf. Friedrich lag im Sterben), forderte er die Obrigkeiten auf, „wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ mit Gewalt vorzugehen, während auf der Gegenseite →Thomas Müntzer die Aufständischen zum Kampf aufrief. L.s Schrift hat zur Niederschlagung des Aufstandes weder in Süddeutschland noch in Thüringen beigetragen. Als die am 4.5. verfaßte Schrift bekannt wurde, hatte dort inzwischen der Schwäb. Bund die entscheidenden Schlachten geschlagen, und hier waren es Landgf. →Philipp von Hessen und sein|Schwiegervater Georg von Sachsen, die ohne Kursachsen gegen die Revolutionäre vorgingen. Aber L.s Worte erregten doch Kritik, die auch nicht verstummte, als er Anfang Juni in einem „Sendbrief von dem harten Büchlein wider die Bauern“ deutlich gemacht hatte, daß seine Stellungnahme gegen die Bauern nicht in einer Unterordnung unter die Fürsten ihren Grund hatte, sondern in einer Parteinahme für die göttliche Gerechtigkeit und Ordnung, deren Sachwalter die Fürsten sein sollten. Der Aufstand wurde von L. als ein Zeichen der Endzeit gedeutet. Um, wie er meinte, dem Teufel ein Schnippchen zu schlagen, heiratete L. am 13.6.1525 die ehemalige Nonne →Katharina v. Bora. Sie brachen damit beide das von ihnen abgelegte Gelübde der Keuschheit, was nicht nur L.s Feinde, sondern auch einige Freunde schockierte, unter ihnen Melanchthon. L. aber wurde es nun möglich, ein großes Haus zu führen, in dem viele Freunde einkehrten, zumal seine Frau sehr tatkräftig war und die wirtschaftlichen Probleme trotz der Sorglosigkeit ihres Mannes meisterte. Im Mai 1524 hatte L. seine Vorlesungstätigkeit wieder aufgenommen, und neue literarische Verpflichtungen kamen auf ihn zu, als Karlstadt und Ulrich Zwingli theologische Ansichten äußerten, die er nicht zu billigen vermochte. Der Streit über das Verständnis des Abendmahls zog sich jahrelang hin. Gleichzeitig aber galt es, Fürsten und Städte zu beraten, die das neue Kirchenwesen einführen wollten. Das erste Land, in dem dies offiziell geschah, war das Ordensland Preußen, das der Hochmeister →Albrecht 1523/25 in ein Herzogtum umwandelte, indem er das neue Bekenntnis einführte. 1526 legte L.ein Meßformular in deutscher Sprache vor; zwar sollte nichts vorgeschrieben werden, aber die Gemeinden sollten auch nicht hilflos an Pfarrer ausgeliefert sein, die die christliche Freiheit „zu eigner Lust oder Nutzen und nicht zu Gottes Ehre und des Nächsten Besserung“ gebrauchten. Den hess. Landgrafen beriet L. Anfang 1527 dahin, nicht die Reformation vom grünen Tisch aus einzuführen, sondern die Entwicklung abzuwarten und das Ergebnis dann in Gesetze zu fassen. In Kursachsen wurden seit 1527 die Pfarrer visitiert: Es wurden ihre theologischen Fähigkeiten und ihre Verwaltungspraxis geprüft. Da sich die Bischöfe diesen Visitationen entzogen, wurde der Landesfürst gebeten, als Notbischof einzuspringen. L. hat nur gelegentlich an solchen Visitationen teilgenommen. Was er hörte, war aber zum Teil so erschütternd, daß er sich entschloß, den Pfarrern zusätzlich zur Postille weitere Hilfsmittel in die Hand zu geben. So entstanden sein Großer und sein Kleiner Katechismus, letzterer für den Unterricht und als Hausbuch gedacht, damit der Familienvater auf Fragen antworten konnte, ersterer zur Lektüre für die Pfarrer, aber auch für Eltern und Erwachsene bestimmt. Seine Katechismen – besonders der Kleine – waren denen anderer Theologen so überlegen, daß sie sich im luth. Bereich durchsetzten und jahrhundertelang – teilweise bis heute – in Gebrauch blieben.

Die politische Lage verschärfte sich, als vom Speyer Reichstag 1529 beschlossen wurde, das Wormser Edikt sei durchzuführen. Die Protestation der Minorität, die der Reformation anhing, war ein Rechtsakt, dessen Bedeutung vom politischen Gewicht der Protestierer abhing. Landgf. Philipp bemühte sich um eine große antihabsburg. Koalition mit der Schweiz, Venedig und Frankreich, um dieses politische Gewicht zu verstärken. Dafür mußte als Voraussetzung eine theologische Verständigung zwischen den deutschen und den Schweizer Reformatoren, vor allem zwischen L. und Zwingli erreicht werden. Er setzte es durch, daß in Marburg vom 1. bis 3.10.1529 ein Theologengespräch durchgeführt wurde, zu dem L. nur unter dem Druck des kursächs. Hofes anreiste. In 15 Artikeln wurden am 4.10. fundamentale Übereinstimmungen in der Trinitätslehre, der Christologie, der Erlösungs- oder Rechtfertigungslehre bekundet; in der Abendmahlslehre wurde konstatiert: daß Brot und Wein allen Kommunikanten zu reichen seien und daß es „ein Sakrament des wahren Leibes und Blutes Jesu Christi“ sei. Jedoch blieb der Streitpunkt, „ob der wahre Leib und Blut Christi leiblich im Brot und Wein sei“. Man versprach, sich gegenseitig christliche Liebe zu erzeigen, soweit man dazu gewissensmäßig imstande sei, aber es sollte sich bald zeigen, daß das Gewissen beiden Seiten hier keine Toleranz ermöglichte.

Als Karl V. am 21.1.1530 zu einem Reichstag nach Augsburg einlud, wo er zum Zweck einer friedlichen Einigung in der Glaubensfrage „eines jeden Gutdünken, Meinung und Opinion“ hören und darüber entscheiden wollte, bereitete man sich in Kursachsen gut vor. Zunächst war wohl nur an eine Verteidigung der Beendigung von „Mißbräuchen“ gedacht (z. B. Entzug des „Laienkelches“), aber dann wurde deutlich, daß auch Glaubensfragen behandelt werden mußten. Kurfürst Johann nahm L. bis zur Coburg mit, der südlichsten Spitze seines Landes, um möglichst gut mit ihm in Kontakt bleiben zu|können; die Nürnberger hatten es abgelehnt, L. während dieser Zeit in ihrer Stadt aufzunehmen, weil sie den Kaiser nicht provozieren wollten. L.s Briefe während seines Coburger Aufenthaltes vom April bis zum Okt. 1530 zeigen seine Fürsorge für Frau und Kinder und seinen Einfluß auf Entscheidungen seines Kurfürsten in Augsburg. L. lobte das sächs. Bekenntnis, lehnte es aber ab, durch eine Vereinbarung in wenigen kirchlich-theologischen Fragen eine Unterordnung unter Rom zu akzeptieren. Da →Papst Clemens VII. einer solchen Vereinbarung aus grundsätzlichen Erwägungen nicht zustimmte, forderte Karl V. die Rückkehr der ev. Stände zur alten Kirche innerhalb von 6 Monaten. Damit stellte sich die Frage, ob sich die Evangelischen gegen den Kaiser, ihren Herrn, wehren dürften, wenn dieser wegen ihres Glaubens mit Gewalt gegen sie vorgehen sollte. L. verneinte dies zunächst, beugte sich aber dann dem Argument, es handele sich um ein Wahlkaisertum, das die „fürstliche Libertät“ nicht aufhebe. So kam es zur Gründung des Schmalkaldischen Bundes, in dem sich Kursachsen, Hessen und andere ev. Stände zur Verteidigung ihres Glaubens zusammenschlossen.

L. führte während dieser Jahre seine literarischen Arbeiten fort. Er mahnte z. B. 1530, „daß man Kinder zur Schule halten solle“ – die Bildungsangebote waren nicht umfassend genug und wurden vor allem auch nicht angemessen wahrgenommen. In seiner „Warnung an seine lieben Deutschen“ vom folgenden Jahr verteidigte er die Politik der ev. Stände während des Augsburger Reichstages und machte die Gegenseite verantwortlich, wenn es zu einer Beendigung des Landfriedens kommen sollte. Auch seine Auslegungen biblischer Texte, die Publikation von Predigten und von erbaulichen Schriften wurden fortgesetzt, 1535 etwa mit der Anleitung: „Eine einfältige Weise zu beten für einen guten Freund.“ Neben seiner Tätigkeit als Hochschullehrer nahmen ihn mehr und mehr praktische Aufgaben in Anspruch: Einführung und Festigung der Reformation warfen in vielen Städten und Ländern – auch über Deutschland hinaus – Probleme auf. Hinzu kamen politische Fragen; so äußerte er sich in verschiedenen Schriften, wie man sich gegenüber den Türken verhalten solle, deren Bedrohung Mitteleuropas die Menschen bewegte. Innerhalb des Reiches setzte er sich für eine Politik der Verständigung ein und riet, die Evangelischen sollten dem Kaiser möglichst weitgehend entgegenkommen, wenn dieser nur die evangelische Verkündigung dulde. Deswegen unterstützte er die Bemühungen, die 1532 zur Nürnberger Übereinkunft führten, in einem Maße, die ihm erhebliche Kritik im eigenen Lager einbrachte; Karl hatte hier den Evangelischen die Gewährung des Landfriedens bis zum Konzil oder dem nächsten Reichstag zugesichert. Größere Werke L.s wurden jetzt seltener. Doch konnte er 1535 eine neue Exegese des Galaterbriefes vorlegen, die eine wichtige Quelle seiner Theologie bildet.

Immer häufiger belasteten ihn Krankheiten. Hatten ihn während der 20er Jahre eher psychische Beschwerden bedrückt, so waren es jetzt vor allem körperliche Gebrechen, die ihn bis an den Rand des Grabes brachten. Während er schon 1528 seiner Schrift über das Abendmahl ein „Bekenntnis“ hinzugefügt hatte, um festzuhalten, was er wirklich glaubte, verfaßte er 1537 in den „Schmalkaldischen Artikeln“ sein theologisches Testament, das zugleich auch für die Vertretung des evangelischen Glaubens auf einem Konzil dienen konnte, zu dem →Papst Paul III. 1536 eingeladen hatte. Kf. Johann Friedrich hegte aber große Bedenken gegen die Beschickung dieses Konzils – er folgte L.s Ratschlägen nicht in dem Maße, in dem dies sein Vater Kf. Johann getan hatte. Aber auch Fragen, die allein für die theologische Auseinandersetzung wichtig waren, mußte L. sich widmen, z. B. der Bedeutung des göttlichen Gesetzes für den Glaubenden oder der guten Werke bei der Rechtfertigung. In akademischen Disputationen ging L. zentralen Glaubensfragen nach, um möglichst viele Unklarheiten zu beseitigen. Aber auch für weitere Kreise behandelte er grundsätzliche Fragen, so in dem Werk „Von den Konzilien und Kirchen“ (1539), in dem sich wichtige ekklesiologische Aussagen finden.

Schwierigkeiten bereitete L. der Wunsch Landgraf Philipps, eine Doppelehe zu schließen. Dieser berief sich dafür auf alttestamentliche Vorbilder, obwohl in Deutschland auf Bigamie die Todesstrafe stand. L. riet ab, meinte aber, wenn Gewissensnot vorliege, könne eine zweite heimliche Ehe geschlossen werden, die dann nur vor Gott und nicht vor der Welt gelte. Der Reformator verstand dies als einen Beichtrat, aber Philipp konnte die Nebenehe nicht geheimhalten und zog L. und andere Theologen, die ihn beraten hatten, in das Verfahren hinein, das durch einen Vertrag mit dem Kaiser sein Ende fand, der Philipp Amnestie zusagte, aber dafür den führenden Politiker der Evangelischen jetzt fest an sich gebunden hatte. L. hat die politische Tragweite seiner Beratung nicht erkannt und stand sicher auch zu sehr unter dem Einfluß der Tradition, die dem hohen Adel erhebliche Abweichungen von der Norm einräumte. Bei anderer Gelegenheit hat er dagegen Widerspruch auch gegen hohe Adlige nicht gescheut und sich dabei zum Teil so polemisch geäußert, daß er diese zutiefst verletzte, zumal sie einen solchen Ton nicht gewohnt waren. So hatte er z. B. schon 1523 „Contra Henricum regem Angliae“ geschrieben, der die spätmittelalterliche Sakramentenlehre gegen L.s Angriff verteidigt hatte. Ein anderes Exempel schärfster Polemik ist L.s Buch „Wider Hans Worst“ (1541), das gegen Hzg. Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel gerichtet war. Mit zunehmender Schärfe äußerte er sich auch gegen das Papsttum. Hatte er noch 1535 gemeint, dem Bischof von Rom könne nach menschlichem Recht ein gewisser Vorrang eingeräumt werden, so bezeichnete er 1545 in der Schrift „Wider das Papsttum zu Rom“ das Papsttum als „vom Teufel gestiftet“. L. wollte in diesem Werk den Kaiser, der von →Papst Paul III. kritisiert worden war, in Schutz nehmen. Der Stil ist aber so polemisch, und auch die beigegebenen Illustrationen entbehren teilweise so sehr des guten Geschmacks, daß das Buch auch von Anhängern der Reformation nach seinem Erscheinen kritisiert wurde.

Auch gegen die Juden hat L. sich während seiner letzten Lebensjahre sehr aggressiv geäußert. Zwar war er nie ein heimlicher Anhänger des mosaischen Glaubens, wie manche Juden meinten (weil L. jene Kirche kritisierte, die sie so lange und so hart verfolgt hatte), aber 1523 hatte er in einer Schrift darauf hingewiesen, „daß Jesus Christus ein geborener Jude sei“, und die Christen aufgefordert, den Juden das Evangelium zu verkündigen und sie nicht zu verfolgen. Die erhoffte Bekehrung der Juden, die L. auch deswegen erwartete, weil er das Ende der Zeit für nahe bevorstehend ansah, zu dem der Apostel Paulus dies angekündigt hatte, blieb jedoch aus. Im Gegenteil: Manche Christen übernahmen die Sabbatfeier, so daß L. 1538 „Wider die Sabbather“ schrieb. Am schärfsten wandte er sich 1543 gegen die Juden mit der Schrift: „Von den Juden und ihren Lügen“. Sie war als eine Warnung für Christen gedacht, die sie vom Abfall von ihrem Glauben abhalten sollte. Mit ihrer übertriebenen Polemik ist sie aber doch weit von dem entfernt, was L. 20 Jahre zuvor geschrieben hatte. Zwar sind seine „Ratschläge“ seinerzeit unbeachtet geblieben – weder wurden die Synagogen verbrannt, noch wurden in Deutschland aufgrund dieser Schrift die Juden aus dem Land gewiesen. Aber fast 400 Jahre danach erinnerte man sich an diese Polemik, als man nicht nur Synagogen verbrannte, sondern auch Menschen – was L. nie gewollt hat. Mit dem Vorschlag der Vertreibung der Juden wollte er „Gefahren“ für Christen abgewendet sehen, wie er sich überhaupt – gut mittelalterlich – nur denken konnte, daß in einer Gemeinschaft von Menschen derselbe Glaube von allen vertreten werden müsse.

L. hat bis zum 17.11.1545 Vorlesungen gehalten, zuletzt etwa ein Jahrzehnt lang über die Genesis, unterbrochen nur 1543 und 1544 von zwei kleinen Kollegs über Jesaja 9 und 53. Seine letzte Vorlesung schloß er mit den Worten: „Unser Herr Gott geb, das andere nach mir besser machen. Ich kan nit mehr, ich bin schwach, orate Deum pro me, das er mir ein gutes, seliges stündlin verleihe.“ Aber gepredigt hat er auch noch nach diesem Datum. Er unternahm sogar noch mehrere Reisen ins Mansfeldische, um Streitigkeiten zwischen den dortigen Grafen zu beenden – L. war ja dort geboren und fühlte sich deswegen diesem Haus besonders verbunden. Die letzte Reise begann er am 23.1.1546. Sie führte ihn – begleitet unter anderen von seinen drei Söhnen – zunächst nach Halle, wo er am 26.1. predigte. Am 29.1. traf er in Eisleben ein, wo er zwischen dem 31.1. und dem 15.2. viermal predigte. An den Verhandlungen, die ihn nach dort geführt hatten, konnte er täglich nur ein bis eineinhalb Stunden teilnehmen. Aber er erlebte noch, daß sie am 16.2. erfolgreich abgeschlossen wurden. Am 17. konnte er noch zu einem weiteren Vertrag seine Unterschrift geben, aber er klagte über Schmerzen und fühlte den Tod nahen. Mehrfach wiederholte er im Gebet Psalm 31, 6. Gefragt, ob er bei Christus und der Lehre bleiben wolle, die er gepredigt hatte, antwortete er mit Ja – seinem letzten Wort. In der dritten Stunde des 18.2.1546 starb er. Die Leiche wurde nach Wittenberg überführt, wo sie am 22.2. eintraf. Sie wurde in die Schloßkirche gebracht, wo L. begraben wurde. Karl V. ließ das Grab nach der Niederlage des Schmalkaldischen Bundes unberührt – mit dem von ihm Geächteten hatte ihn das Wissen um die Notwendigkeit einer Reform der Kirche verbunden.

5. Albrecht Dürer

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D. ist, wie er selbst in seiner 1524 zusammengestellten und in Abschriften erhaltenen Familienchronik angibt, nach seiner Schulzeit beim Vater im Goldschmiedehandwerk ausgebildet worden, das schon seine beiden Großväter ausübten. Aber bereits am Ende seiner Lehrlingszeit, 1486, trieb es den Jungen zur Malerei. Der Vater war damit nicht recht zufrieden, gab aber nach und ließ den Sohn drei Jahre lang in der großen Werkstatt von →Michael Wolgemut arbeiten, wo er nicht nur mit der Malerei, sondern auch mit der Buchillustration wie mit dem Druck- und Verlagswesen vertraut wurde. Aber er mußte von den Gesellen der Werkstatt, wie er selbst bemerkt, „viel leiden“. Nach Beendigung der Lehrzeit ließ der Vater den jungen D. nach Ostern 1490 für 4 Jahre auf die Wanderschaft gehen. D. gibt in seiner Familienchronik leider nicht an, wo er sich aufgehalten hat, doch können wir mit Sicherheit erschließen, daß er in den Jahren 1492-94 am Oberrhein in Basel, Kolmar und Straßburg bei verschiedenen Druckern und Verlegern als Graphiker für die Buchillustration tätig gewesen ist. In Basel hat sich der Holzstock für den Holzschnitt eines Heiligen Hieronymus (als Titelblatt für eine in Basel 1492 gedruckte Ausgabe der Briefe des Heiligen Hieronymus) erhalten, auf dessen Rückseite geschrieben steht: „Albrecht dürer von normergk“. D.s Wunsch, in Kolmar bei dem bedeutendsten Graphiker seiner Zeit, →Martin|Schongauer, arbeiten zu dürfen, erfüllte sich nicht mehr, da Schongauer Anfang 1491 starb. 1494 nach Pfingsten kehrte D. auf Wunsch des Vaters nach Nürnberg zurück. Am 7. Juli des gleichen Jahres fand die Hochzeit mit Agnes Frey statt, der Tochter eines angesehenen Bürgers, der mit dem Vater Dürer diese Verbindung ausgemacht hatte. Schon im Herbst darauf trat D. eine Reise über Innsbruck nach Venedig an, wo er bis Anfang 1495 blieb. Diese erste italienische Reise ist zwar in den Quellen nicht ausdrücklich als solche erwähnt, läßt sich aber mit Sicherheit erschließen. Ob der Anlaß rein künstlerischer Natur war aus dem Wunsche D.s heraus, italienische Kunst im Lande selbst kennen zu lernen, oder ob andere Gründe mitsprachen, wissen wir nicht.

Als er im Frühjahr 1495 über den Brenner zurückkehrte, machte er sich in Nürnberg als Meister mit eigener Werkstatt seßhaft, arbeitete hauptsächlich als Graphiker für den Holzschnitt und Kupferstich, übernahm aber auch Aufträge für die kirchliche Kunst in der Herstellung von Altären. 1498 gab er im eigenen Verlag die Holzschnittfolge der „Heimlichen Offenbarung Johannis“ in 15 großen Blättern (Apokalypse) heraus, und zwar in Buchform, je eine Ausgabe mit deutschem und eine mit lateinischem Text. Die darin zu Tage tretende gewaltige Gestaltungskraft stellte ihn in die erste Reihe der deutschen Künstler. D.s Ansehen in seiner Vaterstadt wuchs, je mehr neben seinem Künstlertum seine Persönlichkeit nach ihrer geistigen Bedeutung hervortrat. Seine ein Leben lang währende Freundschaft mit dem knapp ein halbes Jahr älteren Humanisten →Willibald Pirckheimer aus dem angesehenen Patriziat der Reichsstadt Nürnberg brachte ihn in engere Berührung mit der Gedankenwelt der gelehrten humanistischen Kreise wie auch mit den Sammlungen und der Bibliothek Pirckheimers, die ihm eine Fülle von Kenntnissen vermittelten. 1505, zehn Jahre nach seiner ersten italienischen Reise, finden wir D. zum zweiten Male in Venedig als einen hauptsächlich durch seine Graphik bereits berühmt gewordenen Künstler. In Venedig übernahm er den Auftrag, für die Kirche der deutschen Kaufleute dort ein großes Altargemälde mit dem Thema des „Rosenkranzfestes“ zu malen. Es wurde das Hauptwerk seiner künstlerischen Tätigkeit in Venedig (heute im Museum zu Prag). Den besten Aufschluß über seinen Aufenthalt in Venedig, zugleich über seine freundschaftliche Beziehung zu Pirckheimer, vermitteln die noch erhaltenen 10 Briefe, die er dem Freunde aus Venedig schrieb. Gegen den 13.10.1506 teilte er ihm mit, daß er für 8 oder 10 Tage Bologna besuchen wolle, „um Kunst willen in heimlicher Perspectiva, die mich einer lehren will“. Von →Christoph Scheurl, der in Bologna studiert hatte und dort 1506 zum Doktor der Rechte promovierte, wissen wir, daß D. in Bologna von den italienischen Künstlern mit hohen Ehren empfangen wurde. Anfang 1507, nach mehr als einjährigem Aufenthalt in Venedig, kehrte er nach Nürnberg zurück, wo wir ihn in seiner umfangreichen künstlerischen Tätigkeit sowohl als Maler wie als Graphiker weiterhin verfolgen können. In das Jahr 1509 fällt der Ankauf des Hauses am Tiergärtner Tor, das als „Dürer-Haus“ bekannt ist. 1511 brachte D. in eigenem Verlag eine ganze Reihe von Holzschnittfolgen in Buchform heraus, an denen er in den vorangehenden Jahren gearbeitet hatte. Alle diese Holzschnittfolgen, die dem religiösen Bedürfnis eine ganz neue und reiche Bildwelt boten, fanden immer wieder Absatz.

1512 traten neue Aufgaben an D. heran. Kaiser →Maximilian I. hielt sich in diesem Jahr vom 4.-15. Februar in Nürnberg auf. In der Folge wurde D. für die künstlerischen Arbeiten zur Verherrlichung des Kaisers herangezogen und arbeitete vor allem an der Herstellung der umfangreichen „Ehrenpforte“, eines bildlichen Triumphbogens auf 92 Holzschnitten, für die D. die Zeichnungen zu liefern hatte, „ein schwerverdaulicher Brocken für die Bewunderer Dürers“ (→H. Wölfflin). 1515 erhielt D. auf sein Ansuchen vom Kaiser ein lebenslänglich zu zahlendes Jahresgeld von 100 Gulden rheinisch. Zu einem persönlichen Verkehr zwischen dem Kaiser und D. kam es 1518 auf dem Reichstage zu Augsburg, wohin D. zusammen mit zwei Vertretern der Stadt Nürnberg geschickt wurde. Am 28. Juni ließ Maximilian sich von D. porträtieren in einer Kohlezeichnung, die D. dem Gemälde (Wien) und dem Bildnisholzschnitt des Kaisers 1519 zu Grunde legte. Die künstlerisch reizvollsten Arbeiten für den Kaiser besitzen wir in den „Randzeichnungen zum Gebetbuch Kaiser Maximilians“, 1515 vollendet (München, Staatsbibliothek). Unabhängig von den Aufträgen für den Kaiser schuf D. in diesen Jahren als Kupferstecher Meisterwerke wie „Ritter, Tod und Teufel“ (1513), die „Melancholie“ (1514) und „Hieronymus im Gehäus“ (1514). 1519 begleitete er W. Pirckheimer auf einer Gesandtschaftsreise in die Schweiz. Den wichtigsten Einschnitt in das Leben D.s in der Folgezeit brachte seine Reise in die Niederlande, die er mit Frau und Magd am 12.7.1520 antrat und die ihn über Bamberg, Frankfurt, Mainz, Köln nach Antwerpen führte, wo|er für ein ganzes Jahr sein Standquartier nahm. Den Anlaß zu dieser Reise gab der Tod des Kaisers 1519. Um sich sein von Maximilian verliehenes Jahresgeld zu sichern, mußte D. die amtliche Bestätigung von dem neugewählten Kaiser →Karl V. erlangen, der zur Kaiserkrönung nach Aachen fuhr. In der Tat wohnte D. der Feierlichkeit am 23. Oktober des Jahres in Aachen bei, erhielt die Bestätigungsurkunde über sein Jahresgehalt indessen erst in Köln am 12. November. D. benutzte dann die Reise, um die Niederlande von Antwerpen aus nach allen Seiten kennen zu lernen. Sein alle Einzelheiten verzeichnendes Tagebuch über diese Reise hat sich in Abschriften erhalten und läßt etwas von den reichen Erlebnissen, Ehrungen durch die Zunftgenossen, von zahlreichen neuen Bekanntschaften und Begegnungen erkennen. D. war jetzt als ein Künstler von europäischem Rang geachtet. Als er 1521 schon mit dem Aufbruch zur Heimreise beschäftigt war, lud ihn der in die Niederlande geflüchtete König →Christian II. von Dänemark ein und ließ sich von ihm porträtieren. Auch an dem Bankett, das der König von Dänemark zu Ehren des Kaisers und der Statthalterin →Margarete von Österreich gab, nahm D. teil, - ein Zeichen nicht nur für die Schätzung seiner Kunst, sondern auch für die neue, sozial gehobene Stellung, die der Künstler einnahm.

Als 50jähriger kehrte D. in seine Vaterstadt zurück. Neben seinen weiterlaufenden künstlerischen Arbeiten traten jetzt die für den Druck bestimmten theoretischen Überlegungen stärker hervor, die ihn seit früher Zeit beschäftigten. 1525 erschien zunächst die „Unterweisung der Messung mit dem Zirkel und Richtscheid“, 1527 die „Befestigungslehre“ unter dem Titel: „Etliche underricht zu befestigung der Stett Schloß und flecken“ (mit 21 Holzschnitten), worin D. sich als Theoretiker der Kriegsbaukunst erweist (vergleiche →W. Waetzoldt, D.s Befestigungslehre, 1916). 1528 begann der Druck der „Vier Bücher von menschlicher Proportion“, doch erlebte D. das Erscheinen des Buches nicht mehr. Die Freunde, vor allem Pirckheimer, überwachten den Druckabschluß.

In der Zeit nach der niederländischen Reise D.s waren auch für Nürnberg die Jahre gekommen, in denen D. und seine Freunde mehr und mehr von den religiösen Kämpfen der Reformationszeit in Anspruch genommen wurden, die besonders seit 1524 in Nürnberg die Geister erregten. D. stand auf der Seite der lutherisch Gesinnten, lehnte aber in seiner festen und klaren Haltung die Auswüchse der neuen Lehre, die in den Reihen der Wiedertäufer, Schwarmgeister und Bilderstürmer sich äußerten, ab. In der Folge bekannte er sich als Künstler anschaulich im Bildwerk zu dem, was er für rechtens hielt. Nicht ein äußerer Auftrag, sondern sein innerer eigener Auftrag veranlaßte ihn, jene monumentalen Gestalten der „Apostel“ zu schaffen, die er 1526 dem Rate der Stadt schenkte und die zusammen mit den Unterschriften als ein öffentliches politisch-religiöses Bekenntnis zu werten sind (München, Pinakothek). Zwei Jahre nach Vollendung dieser Apostelbilder starb D. Der Tod kam so rasch, daß nicht einmal sein nächster Freund Pirckheimer von ihm als einem Lebenden Abschied nehmen konnte.

D.s Name besitzt für unsere Vorstellung von der deutschen Kunst um 1500 symbolhaften Klang, obschon sein Schaffen keineswegs die einzige Seite deutscher Kunst darstellt. Doch erscheint die schöpferische und ringende Kraft jener Epoche deutscher Kunst in keinem anderen Künstler so zusammengefaßt wie bei D. In seinem Künstlertum verfügt er über eine Spannweite seines Schaffens, eine Beweglichkeit des Geistes, die ihn über andere Meister hervorhebt. In jener fruchtbaren, problemreichen, in Glaubensfragen aufgewühlten Blütezeit des Bürgertums, die wir nach den herrschenden geistigen Mächten als Zeit der Reformation und des Humanismus kennen und die so viele bedeutende Persönlichkeiten auf allen Gebieten hervorbrachte, ist D. der problemreichste unter den deutschen Künstlern. Im Geistigen gehört er selbst mit zu den formenden Kräften der Epoche.

D.s Schaffen quillt aus einer tief religiösen Natur. Sie spiegelt sich deutlich in weiten Bereichen seines Werks. Wie stark D. im religiösen Leben seiner Zeit steht, zeigt sich gleich darin, daß der erste graphische Zyklus, den der 27jährige im eigenen Verlag herausbringt, die „Offenbarung Johannis“ in 15 großen Blättern behandelt (Apokalypse), ein eschatologisches Thema, das im Zusammenhang mit der in Glaubensdingen erregten Volksfrömmigkeit verstanden werden will. Auch besitzen wir schriftliche Äußerungen D.s, zumal jenes leidenschaftlich hervorbrechende Bekenntnis im Tagebuch der niederländischen Reise bei der Nachricht über das ungewisse Schicksal Luthers, die bezeugen, daß D. vom religiösen Geschehen der Zeit im Innersten betroffen wurde. Das „Leiden Christi“ in unablässigem Ringen um die Veranschaulichung der einzelnen Szenen darzustellen, bleibt ein Hauptthema seiner Graphik. Zwar spielt ohnehin in der deutschen kirchlichen Kunst der Zeit|vor D., im 15. Jahrhundert, das Passionsthema eine im Vergleich mit benachbarten Ländern stark hervortretende Rolle. Aber bei D. erfahren wir noch eine sowohl nach seinem Umfang wie nach seinem Gehalt besondere Steigerung in der Behandlung dieses Stoffes. In seiner Druckgraphik finden wir eine „Große Holzschnittpassion“ (12 Blatt), eine „Kleine Holzschnittpassion“ (37 Blatt) und eine Kupferstichpassion (15 Blatt), in den Handzeichnungen weitere Folgen wie die „Grüne Passion“ (Wien, Albertina) und die nach der niederländischen Reise entstandenen Entwürfe zu einer im späten Stil des Meisters aufgefaßten Holzschnittpassion in Breitformat, von der nur das „Abendmahl“ 1523 im Druck erschien. Im Stoffbereich der D.-schen Kunst nimmt sodann die Marienverehrung einen breiten Platz ein. Nicht nur, daß D. mit glücklicher Hand der Volksfrömmigkeit eine Veranschaulichung des Marienlebens als Holzschnittfolge bietet, sondern auch in einzelnen Darstellungen als Holzschnitt, Kupferstich, in Zeichnungen oder Gemälden begleitet das Marienthema sein gesamtes Schaffen, wobei D. in seiner Auffassung der Muttergottes gern die menschliche und mütterliche Seite betont. Diese Themen wurzeln im gotischen Mittelalter. Aber die Art, wie D. seine Bildgedanken durch die Druckgraphik gestaltet, zeigt umwälzende Züge schon darin, daß sie als graphische Kunstwerke sich an den einzelnen wandten und die religiösen Bildvorstellungen ins Haus brachten. Das gab es im Mittelalter nicht. Das Gleiche gilt für die Einzelblätter mit verschiedensten, auch profanen Themen. Während D. die volkstümlichen biblischen Stoffe hauptsächlich, wenn auch keineswegs ausschließlich, dem Holzschnitt und seiner in die Breite gehenden Wirkung anvertraute, so traten im Kupferstich andere Gedankenbereiche hervor, Kuriositäten (Mißgeburt eines Schweins), Zeitgenössisches und Sittenbildliches, Bauern, Soldaten, Reiter, Spaziergang, das „große Pferd“ und das „kleine Pferd“, auch Wappen, ferner Vorstellungen gelehrter Bildung und Allegorisches (der „Traum des Doktors“, die „Nemesis“, die „Gerechtigkeit“, die „Melancholie“), Fabulierendes („das Meerwunder“), Antikisches („Herkules“, „Apollo und Diana“, „Satyrfamilie“), Bildgedanken freier schöpferischer Phantasie wie in den wenigen Eisenradierungen D.s um 1516 („Entführung auf dem Einhorn“, „Der Verzweifelnde“). Die breite Wirkung D.scher Graphik, auch auf das Ausland, wo Figurenwelt und Technik D.s im ganzen und im einzelnen bald aufgenommen und nachgeahmt wurden, wäre nicht möglich gewesen ohne die Kraft D.s, die Graphik zu einem völlig neuen Ausdrucksmittel zu formen. Dazu gehörten zwei Voraussetzungen: 1) Eine unbegrenzte figürliche Phantasie. Daß D. über sie verfügte, erwies sich bereits in den Jugendarbeiten seiner Wanderjahre, als er am Oberrhein für die Buchillustration zeichnete. Die Illustrationen zu den Komödien des Terenz (davon 126 ungeschnittene Stöcke mit Zeichnungen in Basel erhalten), die 45 Holzschnitte zum „Ritter vom Turn“, („Von den Exempeln der Gottesfurcht und Ehrbarkeit“), wie Dreiviertel der etwas über 100 Holzschnitte zu →Sebastian Brants „Narrenschiff“ (vergleiche zuletzt F. Winkler, D. und die Illustrationen zum Narrenschiff, 1951) zeigen, mit welcher Mühelosigkeit der junge D. in Bildern dachte. Sein gesamtes Schaffen im Anschaulichen, und zumal die Graphik, gewinnt ihr Leben durch diese figürliche Fantasie. D. ist sich ihrer Bedeutung bewußt. Von der Kunst hegt er die höchste Vorstellung. Die Kunst kommt von Gott. Gott ist es, „der alle Kunst beschaffen hat“. „Dann ein guter Maler ist inwendig voller Figur, und obs müglich wär, daß er ewiglich lebte, so hätt er aus den inneren Ideen, dovan Plato schreibt, allweg etwas Neus durch die Werk auszugießen“ (K. Lange und F. Fuhse, S. 295). Das tat D. von Anbeginn an und nicht nur in den Visionen der „Apokalypse“, in den immer wieder neu durchdachten Szenen der Passion und in zahlreichen Einzelblättern. Auf der Höhe seines Schaffens bewundern wir sein Ingenium, wie er in den (nicht für den Druck bestimmten) Randzeichnungen zum Gebetbuch Kaiser Maximilians den ganzen Reichtum seiner Figurenwelt im freien Spiel der Formen entfaltet. Th. Hetzer hat das Rätselhafte und Wunderbare dieser D.schen Welt der Fabeltiere, Naturtiere, Gesichter, Fratzen, Schnörkel, Ornamente, Säulen, Geräte zutreffend beschrieben, wenn er sagt, daß bei D. „das Phantasievolle zugleich die ganze Kraft des Gegenwärtigen, wirklich Existierenden hat. D.s Phantasie spinnt sozusagen den Faden der Schöpfung weiter“ (in Zeitschrift für deutsche Geisteswissenschaft, 1941, S. 178 folgende). Die zweite Voraussetzung für die breite Wirkung D.s liegt in seiner von aller Welt bewunderten Beherrschung des Technischen und Handwerklichen seiner Kunst, sowohl in dem Sinne, daß ihm von früh auf die Arbeit mit dem Grabstichel vertraut war wie auch, daß er als „Reißer“ für den Holzschnitt in seinen Entwürfen die Forderungen des Materials in Rechnung stellte, sie entweder selbst ausführte, wie|etwa in der „Apokalypse“, oder die Formschineider erzog, seinem zeichnerischen Genie zu folgen. Das Neue seiner Stilbildung im Graphischen lag darin, daß er statt der bisherigen, im wesentlichen vom Umriß aus denkenden Zeichnung seine Szenen – über Schongauer hinaus – als Bildräume mit körperhaft empfundenen Figuren und Dingen behandelte, Licht und Schatten als Bildmittel verwendete und die Möglichkeiten des Kolorismus in die Schwarz-Weiß-Wirkung hineinnahm.

Was D. als Maler für die kirchliche Kunst an Altären und Andachtsbildern schuf, gehört in der Hauptsache der Marienverehrung an. Dahin zählen der für die Wittenberger Schloßkirche um 1496 bestellte „Dresdener Altar“, der um 1503 entstandene Paumgärtner Altar mit der Geburt Christi als Mittelstück (München), die „Anbetung der Könige“ 1504 (Florenz), das Rosenkranzbild von 1506, das später von Kaiser →Rudolf II., der die Kunst D.s bewunderte, aus Venedig für die Prager Kunstsammlungen angekauft, in den Gefahren des 30jährigen Krieges beschädigt und als vielfach restauriertes und übermaltes Bild im Prager Museum hängt. Ferner der 1729 in der Münchner Residenz verbrannte, aber in Kopie erhaltene Heller-Altar 1509, mit der Himmelfahrt Mariä als Mittelstück (Frankfurt/Main) und viele Marienbilder in Einzeldarstellungen. 1507 sind die lebensgroßen Figuren von Adam und Eva (Madrid, Prado-Museum) entstanden, die zu den eindrucksvollsten Malereien D.s gehören. Andere Gemälde dieser Jahre behandeln die im Auftrag des sächsischen Kurfürsten gemalte „Marter der zehntausend Christen“, 1508 (Wien) und die „Anbetung der Heiligen Dreifaltigkeit“, 1511 (Wien), bestellt von dem Nürnberger Rotschmied →Matthäus Landauer für die Kapelle eines Altmännerhauses. D. gehört zu den größten Bildnismalern der Neuzeit. Nach Art der physiognomischen Erfassung der Dargestellten, der Schilderung des Charakters, der Größe der Formgesinnung durchläuft seine Bildnismalerei eine lange Entwicklung, die zu immer reiferen Schöpfungen der Spätzeit seines Schaffens führt. Diese Entwicklung ist nicht nur in den Gemälden, sondern auch in den Zeichnungen zu verfolgen, von denen die auf der niederländischen Reise entstandenen Kohlezeichnungen durch Größe und Mächtigkeit der Anschauung einen Höhepunkt bilden. Im Holzschnitt findet sich aus dem Freundeskreise D.s nur Ulrich Varnbüler, 1522. Im Kupferstich bewahrt D. das Gedächtnis führender Köpfe der Zeit: Kardinal →Albrecht von Brandenburg, EB von Mainz (1519 und 1524), →Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen (1524), Wilibald Pirckheimer (1524), Melanchthon (1526) und →Erasmus (1526). Sein Wunsch, Luthers Aussehen im Kupferstichbildnis zu bewahren „zu einer langen Gedächtnus des christlichen Manns, der mir aus großen Ängsten geholfen hat“, ging nicht in Erfüllung.

Mehr als tausend Handzeichnungen sind uns von D. erhalten. Sie bereichern noch einmal unser Wissen um die unerschöpflich erscheinende Stoffwelt D.s wie um die Einsicht in die Fähigkeiten seiner zeichnerischen Gaben. Vertieft man sich in diese Zeichnungen, so blickt man in das aufgeschlagene Buch der Natur, wie sie Einzigkeiten schafft. Es kann ein Grasbüschel sein, eine einzelne Blume, eine Linde, eine Fichte, ein Steinbruch, ein Käfer, die phantastischen Gebilde eines Hummers oder einer Krabbe, das Maul eines Rindes, Storch oder Reiher, Hase, Hund oder Löwe, Wiesel oder Walroß, für alle Merkwürdigkeiten der Natur hat D. ein offenes Auge, das alles nach seinem besonderen Dasein erfaßt. Dabei handelt es sich nicht etwa nur um die Ergebnisse eines sehr genauen Hinsehens, nicht etwa bloß um „Naturstudien“. D. sieht alle Einzelwesen aus einer besonderen „Nähe“, er sieht sie als Geschöpfe Gottes. Aus der Frühzeit hebt sich hier ein besonderer Bereich in den Landschaftsaquarellen heraus. D. entdeckt in seiner Jugend die Landschaft als eine für sich bestehende Bildwelt. Sie erwächst ihm aus den Studien seiner Wanderjahre und besitzt den Charakter des anschaulich unmittelbar Erlebten und topographisch Benennbaren. Seit D. gibt es eine deutsche Landschaftsmalerei, und niemals ist D., der in diesen Aquarellen über zarteste Farbwirkungen verfügt, mehr Maler gewesen als gerade auf diesem Gebiet.

Eine einzigartige Stellung sodann nimmt D. zu seiner Zeit nördlich der Alpen als Kunsttheoretiker ein. Er hat schon früh, etwa seit 1500, sich um die Frage nach der Gesetzlichkeit der Kunst bemüht. Das bloß praktische Können, die „Gwalt“, wie er es nennt, schien ihm nicht hinreichend. Der Künstler müsse über ein theoretisches Wissen von der „rechten Maß“ verfügen, ohne das er nicht im Stande sei, etwas wahrhaft Gutes zu schaffen. Das unablässige Ringen um solches Wissen, getragen von einem tief gegründeten sittlichen Ernst und von pädagogisch bestimmten Forderungen und Zielen, ist in den gedruckten theoretischen Werken und in handschriftlichen Entwürfen niedergelegt. Zwei Probleme im Sinne der|Kunstanschauungen der Renaissancezeit stehen hier, wie →E. Panofsky in seiner Untersuchung über „Dürers Kunsttheorie“ (1915) dargetan hat, im Vordergrund: das Problem der Richtigkeit und das Problem der Schönheit. Welche Bedeutung die Nachwelt den theoretischen Büchern D.s beimaß, geht aus der Verbreitung der D.-Schriften hervor. Nach →H. Rupprich war D. „bis um die Mitte des 17. Jahrhunderts als Schriftsteller fast ebenso berühmt wie als Maler. Seine gedruckten theoretischen Werke hatten eine hohe Anzahl von Auflagen erlebt: die Unterweisung der Messung bis 1606 fünf deutsche und fünf lateinische, die Befestigung der Städte bis 1603 sieben deutsche und zwei lateinische, die Proportionslehre bis 1662 zwei deutsche, sechs lateinische, drei französische, zwei italienische, eine portugiesische, zwei holländische; 1604 folgende veranstaltete der Arnheimer Drucker Johann Janssen eine Gesamtausgabe der drei Werke sowie zahlreiche Einzelausgaben“ (Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg, 1954, S. 11). →J. von Schlosser nennt D. neben Leonardo den „bedeutendsten und originellsten Kunsttheoretiker, den die Geschichte kennt“ (Wiener Akademie der Wissenschaften, SB 184, 1917, S. 48 folgende). Zum Einfluß D.s auf die Nachwelt vergleiche man besonders →H. Kauffmann, D. in der Kunst und im Kunsturteil um 1600 (Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, 1954, S. 18 folgende). In seiner Gesamtpersönlichkeit stellt D. einen neuen Künstlertypus dar, der, verwurzelt im späten Mittelalter, doch das Mittelalter hinter sich gelassen hat. Neben seiner nie sich beruhigenden Wißbegierde und seinem unermüdlichen Bestreben, den Geist zu bereichern, bricht bei ihm ein ganz neues Ichbewußtsein durch. Ein besonders ausgeprägtes autobiographisches Anliegen zeigt sich bei ihm nicht nur in gezeichneten und gemalten Selbstdarstellungen, sondern auch in der Art, wie er die Chronik seiner Familie schreibt oder wie er gelegentlich Tagebuch führt. Das erste gesicherte Werk seines Schaffens stellt ein Selbstbildnis des 13jährigen Knaben dar, der sich vor dem Spiegel porträtiert (Silberstiftzeichnung 1484, Wien, Albertina). Es folgen die Selbstdarstellungen aus den Wanderjahren, eine Federzeichnung in Erlangen, die zum Bedeutendsten gehört, was wir vom jungen D. kennen. Ferner eine Federzeichnung 1493 (Lemberg), und aus dem gleichen Jahre das erste gemalte Selbstbildnis D.s (Paris, Louvre), zugleich das erste autonome Selbstbildnis eines Künstlers in der abendländischen Malerei. 1498 ist das in festlicher Kleidung und selbstbewußter Haltung gegebene Selbstbildnis des Prado-Museums, Madrid, entstanden. Die Reihe schließt mit dem Selbstbildnis von 1500, einer feierlichen Überhöhung der Ich-Darstellung des Meisters, in der er der Nachwelt am vertrautesten geblieben ist (München, Pinakothek). Wirkung und Bedeutung seiner Persönlichkeit, wie die Zeitgenossen es sahen, das Universale seiner Geistesrichtung ist von Melanchthon angedeutet, als er nach dem Tode D.s schrieb: „Albertus Durer pictor, vir sapiens, in quo pictoria ars. quae fuit excellentissima, minima fuit“: D. der Maler, ein weiser Mann, an dem die künstlerische Begabung, so hervorragend sie war, noch das mindeste wäre.

6. Jakob Fugger

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F. ward als jüngster Sohn für den geistlichen Stand bestimmt und frühzeitig mit einer Pfründe im mittelfränkischen Stift Herrieden ausgestattet. Noch nicht der Heimgang des Vaters (1469) brachte die entscheidende Veränderung. Erst der Tod des Bruders Peter in Nürnberg (1473) bestimmte den ältesten Bruder, Ulrich, wahrscheinlich einem Wunsche F.s folgend, diesen als Nachwuchskraft für den personalen Bedarf des Familiengeschäftes in die Lehre zu geben. F.s Ausbildung erfolgte ohne humanistische Zutat aus der kaufmännischen Praxis des bei In- und Exportgeschäften jeder Art bewanderten gemeinsamen Unternehmens der Mutter und ihrer älteren Söhne Ulrich und Georg. Aufenthalte F.s werden 1478 in Venedig und Rom erkennbar. Sie bleiben für die Ausbildung seines künftigen Wirtschaftsstiles wegweisend, berührten jedoch das menschliche Dasein kaum und bewirkten nirgends echte Vertrautheit mit den ästhetischen Anliegen der Renaissance oder den literarischen Problemen des abendländischen Humanismus. Auch die Zeitnöte von Kirchenreform und Laienfrömmigkeit wurden erst später erfaßt. Zunächst obwaltete der Drang nach eigener wirtschaftlicher Betätigung, zu der ihm seit 1485 als Leiter der Innsbrucker Niederlassung volle Gelegenheit geboten war. Der Tiroler Metallhandel der schwäbischen Kaufmannschaft erfuhr durch den jungen F. eine wichtige Wandlung. An die Stelle der bislang typischen Silber- und Kupfergeschäfte zahlreicher Firmen trat F.s neuartiger Versuch zu deren monopolähnlicher Konzentration in der Hand seiner Firma. Dazu dienten umfangreiche Darlehen an den Landesherrn Sigmund den Münzreichen und die Übernahme der Besoldung seiner obersten Behörden, die ihren Geldgeber mit mäßigem Zins, dafür aber Vorzugspreisen bei Berechnung der Metallieferungen sowie Exportvergünstigungen und anderen Privilegien belohnten. Die Faktorei beherrschte in Kürze den Innsbrucker Hof und dessen Regierung, die Münze von Hall sowie den Schwazer Bergbau. Im Gegensatz zu vielen Kaufleuten der Zeit begnügte sich F. keineswegs mit der Organisation vorteilhafter Darlehens- und Montangeschäfte. Er entwickelte daraus ein kombiniertes System von Politik und Kapital, das für ihn typisch wurde. Seine geballte Kreditkraft überließ F. nicht willkürlich wechselnden Parteien, sondern stellte sie planvoll dem künftigen Oberhaupt des Erzhauses Österreich, dem ihm gleichaltrigen König Maximilian, zur Verfügung. Der hintergründige Kontakt wurde 1490 sichtbar, als das wirtschaftliche Eingreifen F.s zum Rücktritt des Landesherrn und zur Übergabe Tirols an den künftigen Großkunden der Fugger, Maximilian, führte. Dieser behielt die Fühlung bei, als er seine Ehe mit →Bianca Maria Sforza schloß und 1493 seinem Vater Kaiser Friedrich III. folgte. Den damit erwachsenden wirtschaftlichen Möglichkeiten gaben die Fugger den Vorzug gegenüber chinesischen Handelsprojekten. Mit königlichem Schutz und dank der Hilfe schlesisch-polnisch-ungarischen Geschäftsfreunde, vornehmlich des Krakauer Kaufmanns und Ingenieurs Johann der Ältere Thurzo, erfolgte der zunächst unsichtbare, seit 1494 aber offenkundige Eintritt F.s in das ungarische Bergwesen und den Metallhandel mit seinem Schwerpunkt zu Neusohl. Dieser blieb von der 1494 als Gesellschaft „Ulrich Fugger und Gebrüder|von Augsburg“ rechtlich konstituierten Stammfirma geschieden. Die Errichtung von Zweigbetrieben zur Verarbeitung ungarisch Erze in Fuggerau bei Villach in Kärnten und zu Hohenkirchen bei Kloster Georgental in Thüringen belegten 1495 den erstaunlichen Umschwung und die technische Verfeinerung des Unternehmens.

Die wirtschaftliche Expansion geschah nicht aus eigener Kraft der Fugger. Auch die unablässige Protektion Maximilians, dessen Politik in Krieg und Frieden die Firma in Österreich, Italien, Frankreich und den Niederlanden stützte, genügte keineswegs. Seit 1496 wurde Melchior von Meckau, Fürstbischof von Brixen und nachmals Kurienkardinal, zum wichtigsten, heimlichen Geldgeber für die Fuggerbrüder. Seine Einlagen überstiegen deren eigenes Vermögen. Die Tatsache solcher Querverbindungen und ihre Auswirkung auf die römischen Fuggergeschäfte im Sektor der Pfründen-, Ablaß- und Gebührenüberweisung, der Lieferungen an die Kurie oder päpstlicher Münze blieben lange unbekannt. Deshalb glaubte Maximilian I. zu seinem finanzpolitischen Vorteil die konkurrierenden Häuser Fugger, Gossembrot und Paumgartner 1498 als erstes deutsches Kupfersyndikat zwangsweise vereinigen zu können. Dessen 1jähriger Bestand zeigte nur, daß die „frühkapitalistischen“ Tendenzen zwar ähnliche, jedoch die personellen und konkurrenzmäßigen Spannungen so unversöhnliche waren, daß man F. nicht vom Alleingang zum oberdeutschen Wirtschaftsdominat abhalten konnte.

Die dauernde Finanznot der Krone führte nach zeitweiser Verstimmung zur Aussöhnung mit Maximilian. Ebenso blieben die kirchlichen Bemühungen um die Organisation des Jubeljahres von 1500 und die Verbreitung seines Ablasses durch Raymund Kardinal Peraudi zur Verwirklichung auf die europäische Organisation der Fugger angewiesen. In ihr erwarb sich F. mit dem Firmenvertrag von 1502 formale Gleichberechtigung, tatsächlich aber deren Führung. Zeitgenossen galt er als „der rechte Schaffierer“. Seit 1503 wurde die Geltung der Fugger nicht bloß durch die wirtschaftliche Einwirkung auf Papstwahlen, zum Beispiel bei Pius III., oder durch ihren Eintritt in das portugiesische Gewürzgeschäft und als spanische Konkurrenten der Welser wahrnehmbar. Ihren symbolischen Ausdruck erreichte sie 1504 durch den getarnten Ankauf der Juwelen des verstorbenen Herzogs Karl des Kühnen von Burgund aus Baseler Beutebesitz. Die starke Berücksichtigung der Fugger beim Wiederaufbau des 1505 verbrannten Deutschen Hauses zu Venedig und die Anwerbung der 1. Schweizergarde sowie deren Überführung 1505/06 durch die Firma an den römischen Hof Julius' II. verkündeten neben dem Versuch zur Einrichtung eines Post- und Botendienstes die Weitläufigkeit der italienischen Kontakte der Gesellschaft. Für Maximilian blieb F. als Geldgeber wie als Rohstofflieferant seiner Geschützgießerei, ferner als Textil- und Waffenhändler unentbehrlich. Nicht nur am ungarischen Landtag von 1505, auch am Konstanzer Reichstag von 1507 sollte F. die dynastischen Vorhaben des Erzhauses fördern. Als die Stände die königliche Sehnsucht nach Romzug und Kaiserkrönung nicht erfüllten, verkaufte Maximilian seine Grafschaft Kirchberg an der Iller, die benachbarte Stadt Weißenhorn und fernere Herrschaften 1507 an F., um hierdurch seine Heerfahrt zu finanzieren. Eine Zwangsanleihe bei der Großfirma in Gestalt einer Körperschaftsbesteuerung sollte die fehlenden Mittel aufbringen. Unverständiger Geldverbrauch nötigte Maximilian I., sich mit einer formalen Kaiserproklamation zu Trient 1508 zu begnügen. Denn der Handelsherr, mit seiner Beteiligung an der ersten deutschen Gewürzflotte zu den Molukken und Geheimverhandlungen mit dem Kardinallegaten Bernardino Caravajal befaßt, ließ sich zu keiner Nachbewilligung überreden. Höchstens für eine Stärkung der militärischen Front gegen Venedig war F. 1508 zu gewinnen, vorausgesetzt, daß er seine Geschäfte zwischen den feindlichen Linien fortsetzen konnte.

Der plötzliche Tod des Kardinals Melchior von Meggau im Frühjahr 1509 stellte die Wirtschaftskraft F.s in Frage, weil Julius II. Anspruch auf den Nachlaß erhob. Zeitweise geriet die Firma nahe an den Konkurs, dessen Gefahr neue Herrschaftsankäufe und die Stiftung der prunkhaften Augsburger Grabkapelle bei Sankt Anna geschickt verbargen. Da die französische Offensive in Oberitalien seit dem Siege von Agnadello 1509 die Restaurierung der Gesellschaft im Interesse kaiserlicher Kreditbedürfnisse erforderte, half Maximilian als diplomatischer Mittler über die römischen Schwierigkeiten hinweg, so daß die mißlichste Situation 1510 überwunden war.

Die schlechten Erfahrungen dienten zur Warnung. Weder die Beziehung zum Mantuaner Kongreß von 1511 noch die Werbung für die Liga von Blois, nicht einmal die am 8.5.1511 erfolgte Aufnahme F.s in den Reichsadel minderten dessen Abneigung gegen übermäßige Engagements. Die Erwerbung der Fuggerhäuser am Augsburger Weinmarkt unterstrich vielmehr F.s bürgerlichen Sinn und seine Immunität bei sozialen Versuchungen|im Gefolge der Nobilitierung. F.s nüchterne Reaktionsweise gegenüber kaiserlichen Projekten bewährte sich, als Maximilian 1511 in Erwartung des baldigen Todes Papst Julius' II. von den Fuggern finanziellen Beistand erwartete, um durch Vermittlung Pauls von Liechtenstein die Tiara als Altersversorgung für sich zu gewinnen. F. bewahrte volle Loyalität gegenüber dem Roverepapst und versagte Kardinal Caravajal, der mit einem eigenen Konzil selbstische Absichten verfolgte, die erwünschte Unterstützung. Trotzdem blieben 1511/12 die Beziehungen F.s zum Kaiser ungetrübt, da dessen Beistand für die Firma zur Abweisung der Vorwürfe wegen Monopolvergehens unentbehrlich war.

In der Fuggerschen Rechnung von 1512 taucht erstmals ein Sonderkonto „Sankt Ulrich“ auf, aus dem nach dem Beispiel toskanischer und deutscher Großfirmen die kulturelle, religiöse und caritative Spendentätigkeit der Familie und Gesellschaft gespeist wurde. Aus diesen Mitteln entstand neben der Fuggersepultur bei Sankt Anna, der ersten Renaissancekirche auf deutschem Boden, die weltberühmte „Fuggerei“, das Leitbild der gesamten Wohnsiedlungen für Bedürftige, überwiegend aus metaphysischem Antrieb.

Jene Enttäuschung, die Maximilian I. vom Fuggerhaus anläßlich seines romantischen Papstplanes erlebt hatte, scheint fortgewirkt zu haben. Zur Abschirmung der handelsstrategischen Expansion seiner Firma über das Baltikum nach Innerrußland hätte F. eines Beistandes der Krone gegen die Hanse bedurft. Aber die Ächtung Lübecks, das Fugger-Waren kaperte, unterblieb. Die Firma mußte zufrieden sein, wenn publizistische und politische Freunde der Niederdeutschen nicht noch Monopolprozesse gegen die Schwaben beim Reichsfiskal entfesselten. Als Resultat ergab sich, daß F. wohl keine Strafaktion gegen die Hanse bewirkte, diese aber seine Ausbreitung mit dänisch-russischer beziehungsweise polnisch-preußischer Hilfe 1513 im Baltikum hinnehmen mußte. Die Thronbesteigung Leos X. führte in Südeuropa zu keiner Machtsteigerung der römischen Fuggerfiliale, da der Medicipapst seine Landsleute bevorzugte. Dafür mehrte die Spannung zwischen Venedig und dem Kaiser, dessen Kreditbitten an F. nicht nachließen, das soziale Ansehen der Fugger. Am 17.7.1514 wurde F. als erstem deutschen Kaufmann die Reichsgrafenwürde zuteil.

Im Bewußtsein solchen Ansehens wich die Gesellschaft der vatikanischen Anleihenachfrage des Mainzer Kurerzbischofs Albrecht von Brandenburg nicht aus. Sie geriet damit infolge einer Vorfinanzierung der Pfründebemühungen in Mainz, Magdeburg und Halberstadt sowie durch ihre Beteiligung an der deutschen Einhebung des Ablasses für Sankt Peter in die Vorgeschichte der deutschen Reformation hinein. Nach zeitüblicher Denkungsart scheinen kaum grundsätzliche Bedenken gegen derartige Transaktionen bestanden zu haben. Ernster waren F.s Widerstände gegen Überschreitungen des herkömmlichen Zinsverbotes, die jedoch für die Firma unvermeidbar wurden. Ohne Beseitigung dieser kanonistischen Regeln wäre jede Fortsetzung ihrer Geschäfte ausgeschlossen geblieben. Der Ingolstädter Gelehrte und schwäbische Landsmann Dr. Johannes Eck wagte, nach früheren Universitäts-Vorlesungen über die Zulässigkeit eines 5%igen Zinssatzes, im Sommer 1515 an der Hohen Schule von Bologna ein Streitgespräch in diesem Sinne, das jedoch trotz F.s Unterstützung zu keinem durchschlagenden Erfolg gedieh. Die bevorstehenden Heiratsverhandlungen zwischen den ungarisch-böhmisch-polnischen Jagellonen und den Habsburgern hielten das Interesse F.s überwiegend gefangen. Für grundsätzliche Disputationen blieb wenig Zeit. Unter persönlicher Beteiligung F.s kam auf einer Wiener Tagung 1515 die Regelung der dynastischen Ehepläne, die einer Nachfolge des Erzhauses auf den Thronen von Böhmen und Ungarn den Weg ebneten, bei gleichzeitiger Festigung der Position F.s im slovakischen Montanwesen zustande.

Noch bevor diese Vereinbarungen sich auswirken konnten, steigerte der Fehlschlag Maximilians gegen Venedig die Zusammenarbeit der österreichischen Dynastie mit der Firma, der man kartellähnliche oder monopolistische Regelungen nahelegte. F. scheint diese Intensivierung nicht gesucht zu haben. Er trug sich 1515 aus Arbeitsüberlastung, wegen seiner Kinderlosigkeit und infolge der durch Krankheit geschwächten Gesundheit mit der Absicht zum Rückzug aus den Geschäften. Die internationale Verflechtung seines Unternehmens verbot jedoch derartige private Entscheidungen. Folglich verlagerte sich nach der Überbeanspruchung F.s von Seiten der habsburgischen Kundschaft ihr Schwerpunkt bei diversen Engagements. Die Kreditgespräche mit Heinrich VIII. von England, der F. zum Einsatz gegen Frankreich brauchte, erlebten seit 1516 einen überraschenden Anstieg. Erst die Gefährdung der Südfront der Firma infolge des Venezianer Druckes auf Verona, dem der Einbruch in den Tiroler Silberbergbau folgen konnte, nötigte F. 1516 zur Wiederannäherung an das Erzhaus, das seiner für die erbländische Verteidigung wie zur Sicherung einer römisch-deutschen Hoheitskontinuität durch Finanzierung der Königswahl Karls von Spanien bedurfte.

Der Ausbruch der Reformation und seine eigene Befehdung im Rahmen des Ablaßstreites dürfte den Kaufherrn wenig beunruhigt haben. Da er in seiner Heimat die Grundgedanken religiöser Laienreform mitvertrat, widmete er den reformatorischen wie humanistischen Attacken aus der Feder Huttens und Luthers nur halbe Aufmerksamkeit. Bedenklicher schien die Abneigung Karls von Spanien, der auf seine deutsche Kandidatur wenig ausgeben wollte und als Bankiers neben iberischen und genuesischen Geschäftshäusern vorzüglich an die in Spanien bekannteren Welser dachte.

Die erbländischen Mittel genügten unter keinen Umständen zur Durchführung der Wahl. Dazu waren die wirtschaftlichen Anforderungen der Kurfürsten zu hoch. Deshalb trachteten Maximilians Ratgeber nach einer Unterstützung durch F. anläßlich des Augsburger Reichstags von 1518. Hier erfolgte dank der persönlichen Bürgschaft des Kaufherrn die Verpflichtung der Majorität des Kurkollegs auf die spanische Kandidatur. Im Schatten dieses beherrschenden Geschehens erfolgte nach Reichstagsende die Aussprache Luthers mit dem Legaten Cajetan im Fuggerhaus, Diskussionen, von denen sich der Kaufherr aus Sachfremdheit oder Vorsicht fernhielt. Maximilians überraschender Tod entband die Kurfürsten ihrer Zusage. Da sich Karl in der Folge trotz der Hilferufe verschiedener Räte seines Großvaters und der Intervention seiner Tante, der Erzherzogin Margarethe, zu keiner genügenden Aufnahme von Krediten der Fuggerbank entschloß, bestand 1519 die Möglichkeit eines Übertritts der Firma zu den Franzosen, die sie mit Geldgaben zu betören suchten. Die innere Logik des Geschehens sowie die Verzahnung des Fuggergeschäfts mit der habsburgischen Politik bewirkten freilich zum Schlusse die längst fällige Verständigung Karls V. mit F.. Dieser konzentrierte über 850 000 Dukaten, hauptsächlich aus eigener Kasse, in Frankfurt am Main und feierte den Wahlakt des 28.6.1519 als seinen persönlichen Triumph.

Ungewiß blieb, ob Karl für die Zukunft eine Dankespflicht anerkannte oder ob er sich der Tatsache solcher Verschuldung bei einem einzigen Geldhaus dazu bediente, um kraft der taktisch vorteilhaften Position eines hervorragenden Debitors fernere Kredite zu erlangen. F.s Vertretung bei der Aachener Königskrönung Karls 1520 und am folgenden Wormser Reichstag 1521 ersparte dem Kaufherrn eine persönliche Stellungnahme an der Diskussion um das reformatorische Geschehen. F.s sprödes Verhalten gegenüber Nuntius Aleander verriet seine Neigung, sich ohne Bruch mit Rom vorderhand von diesen Ereignissen zu distanzieren. Einstweilen war die verzögerte Regelung der Schulden Karls V., die am 4.5.1521 erfolgte, wichtiger. Mit ihr steigerte sich die Einschaltung der Firma in das spanische Finanzwesen, und Karls Bruder Ferdinand rückte in die vorderste Reihe der geschäftlichen Vertragspartner. Diesen Vorgang erweiterte seit 1522 das Brüsseler Abkommen zwischen den beiden Habsburgern.

Ihre deutsche Linie nahm F.s Beistand zur Ausbreitung ihrer vorderösterreichischen Machtstellung gegenüber Württemberg in Anspruch. Jedoch Nachlässigkeiten in der Tilgung älterer Verbindlichkeiten der Krone zwangen F. zur Frage nach besseren Sicherheiten. Seit dem Sommer 1521 glaubte er sein Ende nahe. Davon zeugen der Stiftungsbrief, mit dem er unter anderem die soziale Meisterleistung seines Lebens, die Fuggerei, ordnete, ebenso sein erstes Testament. In beiden Urkunden bekannte sich F., gegen den sich die Kritik Luthers und Huttens verschärfte, eindeutig zur römisch-katholischen Kirche. Aus dem Selbstgefühl eines „Reichtums von Gottes Gnaden“ wies er sämtliche Angriffe zurück. Sie wurden allerdings bedenklicher, sobald im Zusammenhang mit den Nürnberger Reichstagen die Diskussion zwischen 1522/23 die wirtschaftsrechtliche Offensive gegen F. verschärfte. In Beantwortung einer Klage des Reichsfiskals und infolge des Kesseltreibens der Nürnberger Ausschüsse suchte die Gesellschaft nun Rückhalt in Spanien. Dieser wurde ihr vom Kaiser, der F.s Beistand zur Türkenabwehr und bei Entfaltung seiner Kolonialschiffahrt brauchte, zuteil. Karl V. befahl die Einstellung der umstrittenen Prozesse und die Vorlage des Aktenmaterials, das hernach in Spanien verschwand. Als F. sich zur Mitfinanzierung der Reichskammergerichtsreform geneigt erklärte, wurde der Monopolstreit 1524 vom Reichstag ausgesetzt.

Kaum schienen diese Sorgen zerstreut, erfolgten neue Angriffe auf die Firma, wobei ihr nationalmagyarische Kreise 1524 planmäßige Münzverschlechterung vorwarfen. Da König Ludwig II. von Ungarn anfangs F.s Partei nahm, verzögerte sich die Krise. Mittlerweile verstärkte sich das Zusammenwirken der Firma mit der spanischen Krone, die ihr vom 1.1.1525 die Liegenschaftspacht der 3 spanischen Ritterorden, die „Maestrazgos“, übertrug. Die daraus resultierende Einschaltung F.s in das iberische Quecksilbergeschäft erklärt die kaiserliche Neigung zu weiterer privater Verständigung|mit F. über Probleme des Metallhandels sowie der Monopolgebräuche. Die Gesellschaft zeigte ihre Dankbarkeit durch Bereitstellung von Bargeld am italienischen Kriegsschauplatz, wo F.s Zahlungen den kaiserlichen Entscheidungssieg bei Pavia über Franz I. von Frankreich 1525 ermöglichten. Karls Gegengabe konzentrierte sich auf Madrider und Toledaner Edikte vom März und Mai 1525, in denen er die umstrittene Monopol- und Montanpraxis ausdrücklich guthieß.

Die Gnade des Reichsoberhauptes konnte F. nicht vor seinen sonstigen Gegnern schützen. Lokale Unruhen zwangen ihn 1524 vorübergehend zum Rückzug aus Augsburg, wo er nur zeitweilig kommunale Ämter bekleidete. Der Schutzbrief von 1525, der F. von einigen Drohungen des Wormser Edikts befreite, ließ ihn den sozialen und konfessionellen Gegenspielern desto verdächtiger erscheinen. Die Führer des schwäbischen Bauernkrieges erhoben leidenschaftliche Klage gegen die Gesellschaft. Dennoch erstaunt, daß F.s Gebiete nicht allein wegen ihrer klugen Verteidigung sich gegen den Aufstand erfolgreich behaupteten. Die Treue der Weberstadt Weißenhorn dürfte in der verständnisvollen Förderung ihrer Textilinteressen durch F. gewurzelt haben. Außerdem zeigte dieser sich in der Freilassung leibeigener Bauern weit großzügiger als der benachbarte Landadel. Auch anläßlich von Knappenunruhen in Tirol und beim mitteldeutschen sowie Tiroler Bergbau, wo der Aufstand von venezianischen Konkurrenten angeeifert wurde, erfuhr die Gesellschaft eher rücksichtsvolle Behandlung. Bauern wie Knappen wagten nicht ernsthaft, F. anzutasten, während die Firma kaum zögerte, die Gegenaktionen des Schwäbischen Bundes und bedrohter Landesfürsten, wie des Kardinals Matthäus Lang von Salzburg, materiell zu fördern.

F.s schwerste Sorge galt 1525 der Erhaltung seines ungarischen Handels, vornehmlich zu Neusohl und in Budapest. Ein Kompromiß mit den unruhig gewordenen Bergarbeitern glückte ohne Schwierigkeit. Bald schlugen sich aber aristokratische Gegner, schließlich das Königspaar selbst, auf die Seite der antideutschen Opposition. Der Sturm auf das Fuggerhaus am Burgberg zu Ofen diente Ludwig II. zur Erpressung eines Unterwerfungsvertrages, den F.verwarf, und zur Beschlagnahme von Geld und Gut. Nach einer prinzipiellen Verteidigung organisierte F. im Sommer und Herbst 1525 taktisch großzügig eine Blockade gegen das ihm entzogene ungarische Kupfer sowie solidarische Interventionsbemühungen Karls V., Ferdinands, des Papstes Clemens VII., des Polenkönigs nebst vieler Reichsfürsten, die der Gesellschaft bedurften. Bis in die letzten Lebenstage F.s dauerte seine einfallreiche, aktive Gegenwehr, wobei der Kaufherr stärker für seine Firmenehre als materielle Interessen stritt. Aber das ungarische Königspaar, das sich eine mühelose Entschuldigung erhoffte, wies die kompromissarische Verständigung zurück.

So erreichte der Tod F., noch bevor in Budapest eine Aussöhnung gelang. Am 28.12.1525 regelte ein 2. Testament die offenen Fragen über das Schicksal der Gesellschaft. Ihr Vermögen wurde einige Zeit später vorsichtig auf 2 Millionen Gulden veranschlagt, von denen 1,8 Millionen durch F. in den letzten 17 Jahren verdient worden waren. Kinderlos verstarb er im Augsburger Fuggerhaus am 30.12.1525. Auf seinen Wunsch folgte ihm am nächsten Morgen sein Neffe Anton Fugger mit nahezu monarchischen Vollmachten als Oberhaupt der im politischen Finanzgeschäft Gesamteuropas maßgeblichen Gesellschaft nach.

7. Thomas Müntzer

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M. stammt vermutlich aus stadtbürgerlichen Kreisen. Erste gesicherte Daten sind die Immatrikulationen in Leipzig 1506 und in Frankfurt/Oder 1512. Offen bleibt, wo er seine akademischen Grade erwarb (baccalaureus artium, magister artium, baccalaureus biblicus). Das Studium wurde wohl durch berufliche Tätigkeit – vielleicht als Hilfslehrer in Aschersleben – unterbrochen. Die Aussage in dem Verhör von 1525, „in der Jugend“ habe er ein Verbündnis gestiftet, konnte bisher nicht entschlüsselt werden. In der Diözese Halberstadt wurde M. zum Priester geweiht, was ihm 1514 ermöglichte, eine niedrig dotierte Altarpfründe an der Michaeliskirche in Braunschweig anzunehmen, die er bis 1522 – davon mehrere Jahre in absentia – innehatte. Hier verkehrte er in einem Kreis angesehener Bürgerfamilien, die sich frühreformatorischen Anschauungen öffneten, die|M. teilte und vielleicht auch beeinflußte. Da er von der Braunschweiger Pfründe allein seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten konnte, übernahm er 1515/16 das Amt eines Präfekten im Kanonissenstift Frose bei Aschersleben und unterhielt hier eine Privatschule, in der er u. a. Söhne aus seinem Braunschweiger Bekanntenkreis unterrichtete. Als M. sich zwischen 1517 und 1519 länger oder mehrmals für kürzere Zeit in Wittenberg aufhielt, war er bemüht, eine Wirkungsstätte zu finden, besuchte aber auch eine humanistische Vorlesung. Ostern 1519 vertrat er in Jüterbog den Prediger Franz Günther, als dieser mit den Franziskanern in Konflikt geriet. M.s dortige Predigten zeugen von frühreformatorisch geprägter Kirchenkritik, die er aber schärfer als die Wittenberger artikulierte. Im Verlauf des Jahres 1519 wurde er Beichtvater im Zisterzienserinnenkloster Beuditz bei Weißenfels, wo er sich intensiv mit antiken, patristischen, mystischen, humanistischen und reformatorischen Schriften befaßte. M. drängte es, seine Erfahrungen anderen zu vermitteln. Gelegenheit dazu bot sich, als er im Mai 1520 für ein halbes Jahr die Vertretung für den Prediger Johannes Egranus an der Marienkirche in Zwickau übernahm und nach dessen Rückkehr an die Katharinenkirche wechselte. Erstmals standen ihm jetzt Kanzeln in einer großen Stadtgemeinde zur Verfügung. Als er mit den Franziskanern in Auseinandersetzungen geriet, deckte ihn der Rat, doch als nach der Rückkehr Egrans auch mit diesem ein heftiger Streit entbrannte und M. gar der Aufruhrstiftung verdächtigt wurde, entließ der Rat den Predigeram 16.4.1521. Die Quittung für sein letztes Gehalt unterschrieb er selbstbewußt als „Thomas Müntzer, qui pro veritate militat in mundo“. In Briefunterschriften bezeichnete er sich von nun an wiederholt als „Knecht der Auserwählten Gottes“, ein Zeichen dafür, daß er seine eigene Rolle in einer apokalyptischen Perspektive sah.

Von Zwickau ging M. nach Böhmen. Der in Prag verfaßte, aber nicht publizierte Sendbrief („Prager Manifest“) gibt erstmals genauer über seinen Standort Auskunft. Der von ihm wahrgenommene Verfall der Kirche seit dem Tod der Apostel sollte durch eine „neue apostolische Kirche“ zuerst in Böhmen, dann überall in der Welt überwunden werden. Die apokalyptische Erwartungshaltung und die Befürwortung einer umfassenden Reformation zielten auf die Sammlung der Auserwählten in der Zeit des Gerichts. M. fand in Prag jedoch nicht die erhoffte Resonanz und angesichts einsetzender Repressionen verließ er im November 1521 die Stadt. Stationen seiner anschließenden Wanderschaft waren wahrscheinlich Jena, Erfurt, Stolberg, Nordhausen, Weimar und ein Ort nahe Wittenberg. Ende 1522 wurde M. für kurze Zeit Kaplan des Nonnenklosters St. Georgen in Glaucha bei Halle. Er sah sich spätestens von jetzt an als „eyn williger botenleuffer Gots“.

Kurz vor Ostern 1523 wurde M. in der kursächs. Amtsstadt Allstedt Prediger an der Johanniskirche. Die von ihm eingeleitete Liturgiereform beabsichtigte, den Hörern das Evangelium in deutscher Sprache zu vermitteln und die Gemeinde in den Gottesdienst einzubeziehen (Deutsches Kirchenamt, 1523; Deutsch-ev. Messe, 1524). Seine liturgischen Schriften fanden über Allstedt hinaus Verbreitung. Sie dienten teilweise als Vorlage für die Einrichtung deutscher Messen in Erfurt und Nürnberg, im Hzgt. Braunschweig-Calenberg, in der Gfsch. Lippe und im Hzgt. Pommern. Da M.s Predigten viele Besucher anzogen, suchte der altgläubige Gf. Ernst von Mansfeld unter Berufung auf ein Mandat des Reichsregiments den Zulauf zu unterbinden, vermochte aber weder ein Eingreifen des Allstedter Rats noch des sächs. Kurfürsten zu bewirken. M. war dadurch erstmals herausgefordert, sein Verhältnis zu den fürstlichen Obrigkeiten zu bedenken. Auch erbot er sich, seine Lehre öffentlich prüfen zu lassen. In diesem Zusammenhang dürften seine Schriften „Protestation oder Erbietung … von dem rechten Glauben und der Taufe“ und „Von dem gedichteten Glauben“ (1524) verfaßt worden sein. Kritisch beleuchtete er den nach seiner Überzeugung von altgläubigen Geistlichen und auch von Reformatoren verbreiteten falschen Glauben, womit die zunächst nur schwer faßbare Distanz zu Luther, der M.s Wirken aufmerksam verfolgte, deutlichere Konturen gewann. Am Morgen des 13.7.1524 bot sich M. die Gelegenheit, Hzg. Johann und seinem Gefolge auf dem Allstedter Schloß seinen Standpunkt vorzutragen. In einer Predigt über Daniel 2 entfaltete er seine Reformationsauffassung und forderte die sächs. Fürsten auf, als sich zu Christus bekennende Regenten dieses Werk zu befördern, da ihnen sonst das Schwert genommen werde (Auslegung des andern Unterschieds Daniels des Propheten, 1524).

Nachdem im März 1524 die Mallerbacher Kapelle nahe Allstedt zerstört und die Tat Anhängern M.s angelastet worden war, eskalierten die Ereignisse, zumal sich verfolgte ev. Untertanen aus benachbarten Gebieten nach Allstedt flüchteten. Der vielleicht schon während des Konflikts mit Gf. Ernst entstandene Bund zur Verteidigung des Evangeliums gewann in dieser Situation eine neue Gestalt. Da nach M.s Meinung der Landfrieden gebrochen wurde und die sächs. Fürsten sich seinen Appellen versagten, sah M. nunmehr ein Widerstandsrecht gegen gottlose Obrigkeiten als gegeben an. Nach einem Verhör in Weimar am 1.8.1524 wurde ihm auferlegt, seinen Bund aufzulösen und den von ihm beschäftigten Drucker zu entlassen. Der Rat sollte zudem endlich die Beteiligten von Mallerbach bestrafen. Nachdem M.s Wirkungsmöglichkeiten dadurch erheblich eingeengt wurden, verließ er in der Nacht vom 7. zum 8. August heimlich Allstedt.

In der Freien Reichsstadt Mühlhausen ist M. seit Mitte August 1524 nachweisbar. Er wurde freundlich aufgenommen und begann seine Tätigkeit ebenfalls mit einer Gottesdienstreform. Im Gefolge von am 19.9. durch einen Streit zwischen einem Kirchner und einem der Bürgermeister ausgelösten Unruhen wurden 11 Artikel verbreitet, an deren Erarbeitung er beteiligt gewesen sein dürfte. Sie verlangten die Einsetzung eines neuen Rates, der „zu Gots ehr und der stadt nutz“ handeln sollte. Während dieser Ereignisse entstand vermutlich ein militärisch organisierter Bund („Ewiger Bund Gottes“). Doch die Bewegung scheiterte, und Anfang Oktober wurden M. und Heinrich Pfeiffer, der schon zuvor in Mühlhausen gewirkt hatte, vom Rat aus der Stadt gewiesen.

Im Südwesten des Reiches begann zu dieser Zeit der Bauernkrieg. Obwohl Reaktionen M.s auf die Ereignisse nicht bekannt sind, ist es auffällig, daß er sich nach der Ausweisung aus Mühlhausen nach Nürnberg begab, ohne öffentlich aufzutreten. Dort wurden vor bzw. nach seinem Aufenthalt seine Schriften „Ausgedrückte Entblößung des falschen Glaubens der ungetreuen Welt“ und „Hochverursachte Schutzrede und Antwort wider das geistlose und sanftlebende Fleisch zu Wittenberg“ im Oktober bzw. Dezember 1524 gedruckt. Letztere war M.s Antwort auf Vorwürfe Luthers, dessen Theologie er kritisch durchleuchtete. Den Fürsten drohte er an, angesichts ihres Versagens werde die Schwertgewalt der Gemeinde übertragen werden. Von Nürnberg führte M.s Weg über Basel nach Grießen im Klettgau, wo er erstmals mit der bäuerlichen Aufstandsbewegung konfrontiert war, ohne daß über seine Aktivitäten Genaueres ausgesagt werden kann. Im Februar 1525 kehrte er nach Mühlhausen zurück und wurde von der Gemeinde als Prediger der Marienkirche angenommen. Unter seinem Einfluß wurde am 17.3. gemäß den elf Artikeln des Vorjahres ein neuer Rat gewählt.

Orientiert an der Bibel und in Auseinandersetzung mit der kirchlichen Tradition, zudem beeinflußt von mystischen und apokalyptischen Überlieferungen, formte M. eine von Luther abweichende reformatorische Theologie, die stark von der spiritualistischen Unterscheidung zwischen dem „lebendigen Reden Gottes“ und dem „toten Buchstaben der Schrift“ geprägt war. Da nach M. die Ordnung, die Gott seiner Schöpfung gegeben hatte, durch den Sündenfall „verkehrt“ wurde, sah er in der Gewinnung des rechten Glaubens durch die Nachfolge Christi in seinen Leiden und das „Gleichförmigwerden“ mit ihm, in der Abkehr von der kreatürlichen Welt mit ihren Lüsten, ihrer Gier nach Gütern und Herrschaft die Voraussetzung für die Wiederherstellung dieser Ordnung. M.wollte die Menschen auf diese „Veränderung der Welt“ vorbereiten. Hinter seinem ständigen Drängen und Ermahnen stand die Überzeugung, in der apokalyptischen „Zeit der Ernte“ zu leben, in der die Scheidung der Auserwählten von den Gottlosen erfolge, um das Gericht und das Reich Christi, eine Welt ohne Herrschaft und Ausbeutung, vorzubereiten. Da die Fürsten sich versagt hatten, dieses Werk zu befördern, meinte M., Gott benutze nunmehr die aufständischen Bauern als sein Werkzeug. Deshalb verband er seine Sache mit der Aufstandsbewegung in Thüringen.

Seit Mitte April 1525 unterstützte M. die Aktionen der thür. Aufständischen. Als aus dem in Frankenhausen sich formierenden Bauernlager ein Hilfeersuchen an Mühlhausen erging, brach nach Verzögerungen ein Mühlhauser Aufgebot unter Führung M.s dorthin auf. In der Wagenburg, die auf einer Anhöhe bei Frankenhausen errichtet wurde, suchte er dann die Aufständischen im Zeichen des Bundes mit Gott – Symbol war der Regenbogen – für den endzeitlichen Kampf zu motivieren. Doch dem plötzlichen Angriff der fürstlichen Truppen am 15.5., die möglicherweise einen zuvor geschlossenen Waffenstillstand brachen, vermochten die Aufständischen nicht standzuhalten. Die meisten wurden erschlagen, nur einer kleinen Zahl gelang es, sich in die Stadt Frankenhausen zu retten. Dort wurde M. entdeckt und an Ernst v. Mansfeld übergeben, der ihn am 16.5. auf Schloß Heldrungen verhören ließ. Seinen letzten Willen bekundete M. in einem Brief an die Mühlhauser Gemeinde vom 17.5.: Das Volk habe ihn nicht recht verstanden, es habe nur den Eigennutz gesucht und sei deshalb|von Gott gestraft worden. Die Bauern und Städtebürger, die eine Neuordnung des sozialen und politischen Lebens erkämpfen wollten, und M., der darin nur einen vorbereitenden Schritt auf dem Weg zur Wiederherstellung der Ordnung Gottes sah, hatten kurzzeitig zusammengefunden, verfolgten aber unterschiedliche Ziele. M. und Pfeiffer wurden im Feldlager der Fürsten bei Mühlhausen die Köpfe abgeschlagen und allen zur Mahnung aufgespießt.

Für M., der sich als von Gott gesandten Propheten verstand, waren Reformation und apokalyptische Erfüllung eins. In seiner Auseinandersetzung mit dem städtischen Milieu, mit den fürstlichen Obrigkeiten und den Aufständischen während des Bauernkrieges, entstand seine Lehre nicht als direkte Antwort auf die jeweils spezifischen Konfrontationen, aber er formte sie in deren Kenntnis. Sein seelsorgerisches Bemühen richtete sich auf die Verwirklichung seiner Reformationsvorstellung, die letztlich die Rückführung der Menschen in die Ordnung Gottes anstrebte. Dies war aber nicht ohne radikale Umgestaltung der Gesellschaft möglich, so daß der Prediger und Seelsorger zum Revolutionär wurde. Nach M.s Tod wurden Person und Werk verteufelt, aber auf lange Sicht lieferte er kirchenkritischen Strömungen und seit der Franz. Revolution auch revolutionären Bewegungen Argumente für ihre oppositionelle Haltung.

8. Katharina von Bora

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Katharina von Bora wurde am 29. Januar 1499 als Tochter eines verarmten sächsischen Adligen in Lippendorf geboren. Bereits mit sechs Jahren kam sie an die Klosterschule der Benediktinerinnen in Brehna. Dort lernte Katharina Lesen, Schreiben, Rechnen und Latein. Seit 1509 lebte sie im Zisterzienserinnenkloster Marienthron in Nimbschen, wo sie 1515 ihr Gelübde ablegte. 

Angespornt von den Schriften der Reformatoren verließ sie als eine von zwölf Nonnen am Karfreitag 1523 das Kloster. Der Überlieferung nach soll der Torgauer Händler Leonard Koppe die Zisterzienserinnen in Fischfässern versteckt aus dem Kloster geschmuggelt haben. Von Torgau führte die Reise der Frauen nach Wittenberg, wo sie bei guten Bürgerfamilien untergebracht und später verheiratet wurden.

Geschäftstüchtige Ehefrau und Mutter

Katharina von Bora lebte und arbeitete in dieser Zeit im Hause des Malers Lucas Cranach. Nachdem sie den Antrag des Wittenberger Professors Caspar Glatz selbstbewusst abgelehnt hatte, heiratete Katharina am 13. Juni 1525 Martin Luther.

Das Ehepaar bezog nach der Hochzeit das ehemalige Schwarze Kloster in Wittenberg. Sie lebten dort mit ihren Kindern, Verwandten, Studenten, Gästen und Angestellten. Katharina war eine geschäftstüchtige Frau und trug wesentlich zum Wohlstand der Familie bei. Sie verwaltete neben dem großen Haushalt ein Bauerngut, betrieb ein Brauhaus und pachtete einen Elbarm für die Fischzucht. 

Im Laufe der 20-jährigen Ehe gebar sie sechs Kinder: Johannes, Elisabeth, Magdalena, Martin, Paul und Margarete. Als starke Persönlichkeit war Katharina für Luther nicht nur Ehefrau, sondern auch einer seiner wichtigsten Partner. Er nannte sie nicht nur „mein Liebchen“ oder „mein Morgenstern zu Wittenberg“, sondern auch „mein Herr Käthe“.

Nach Luthers Tod – Flucht aus Wittenberg

Luther setzte Katharina in seinem Testament als Alleinerbin und Vormund für die gemeinsamen Kinder ein. Dieser außergewöhnliche letzte Wille widersprach damaligem Recht, nach welchem ein Vormund für die überlebende Ehefrau bestellt werden musste. Das Testament wurde angefochten und wichtige Einnahmequellen gingen der Familie verloren.

Im Sommer 1552 floh Katharina von Bora mit ihrer Tochter Margarete vor der Pest und verließ Wittenberg. Auf dem Weg nach Torgau wurde Katharina bei einem Unfall verletzt. Sie starb am 20. Dezember an den Folgen des Unfalles und wurde in der Torgauer Marienkirche begraben.

9. Margarete Renner

Margarete Renner, auch genannt die „Schwarze Hofmännin“, war eine der wenigen Frauen, die in Verbindung mit dem Bauernkrieg namentlich bekannt ist.

Geboren wurde sie um das Jahr 1475 in Böckingen nahe Heilbronn. Sie war Leibeigene der Brüder Georg, Philipp und Eberhard von Hirschhorn, ihre Eltern bewirtschafteten dort den Hof Rosenberger. Bis 1520 ist nur wenig über sie bekannt. Sie heiratete den Hofmann Peter Albrecht und bewirtschaftete mit ihm einen Hof des Deutschordens. Gemeinsam hatten sie einen Sohn, den sie auf den Namen Thomas taufen ließen.

Im Jahr 1520 wurde Peter Albrecht inhaftiert, da er sich weigerte, die Schatzung zu zahlen. Margarete Renner wandte sich an ihren Leibherrn, um ihn um Unterstützung für die Freilassung Albrechts zu bitten. Trotz dieser Bemühungen kam Albrecht nicht frei und verstarb drei Jahre später in Haft. Fortan weigerte sich Margarete Renner ebenfalls, die Schatzung zu zahlen. Darüber hinaus weigerte sie sich, Frondienste zu leisten.

Als sich Anfang April 1525 die Bauern im Raum Heilbronn unter der Führung des Jakob, genannt „Jäcklin“, Rohrbach aus Böckingen zusammentaten, hatte sich ihnen Margarete Renner noch nicht angeschlossen. Erst als der Neckartaler Haufen unter der Führung Rohrbachs in Sontheim angekommen war, soll Margarete Renner sich ihnen angeschlossen haben. Ihre Funktion innerhalb des Haufens war eher eine moralisierende. Sie wird oft als Ratgeberin und Vertraute Jakob Rohrbachs beschrieben, predigte dem Bauernhaufen unterwegs und soll vor Stürmungen zu Gewalttaten aufgerufen haben. Bei der Stürmung des Klosters Lichtenstern, nachdem sich der Neckartaler mit dem Odenwälder Haufen zusammengeschlossen hatte, war Renner ebenfalls mit dabei.

Eine besondere Rolle wird Margarete Renner in Verbindung mit der Weinsberger Bluttat am 17. April 1525 zugeschrieben. Nachdem der Graf Ludwig von Helfenstein mit weiteren Adligen von den Aufständischen durch die Spieße getrieben worden war, soll Margarete Renner ihm mit einem Messer den Bauch aufgeschlitzt und sich mit seinem Bauchfett die Schuhe eingerieben haben. Anderen Erzählungen zur Folge habe sie lediglich die anderen dazu aufgerufen, dies zu tun.

Nach der Weinsberger Bluttat und dem Auseinanderbrechen des Neckartaler Haufens ist nicht viel über den Verbleib Margarete Renners bekannt. Ob sie mit den Bauernhaufen weiterzog oder direkt nach Heilbronn heimkehrte, lässt sich anhand der Quellen nicht mehr konstruieren.

Greifbar wird sie erst wieder einige Monate später. Für ihre Beteiligung an den Aufständen wurde Margarete Renner im Gefängnis in Heilbronn inhaftiert. Von dort aus kontaktierte sie im August 1525 ihren Leibherrn Georg von Hirschhorn, um ihn abermals um Unterstützung, diesmal für ihre eigene Freilassung zu bitten. Georg von Hirschhorn kam dieser Bitte nach und bat den Heilbronner Rat um die Freilassung Margarete Renners. Als Begründung brachte er an, sie habe zwar ein „onverhutten mont“[1], also ein loses Mundwerk, aber im Aufstand außer bösen Worten nichts weiter angerichtet.

Margarete Renner wurde frühzeitig freigelassen, kehrte auf ihren Hof zurück und starb im Jahr 1535 eines natürlichen Todes.

10. Florian Geyer

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Nach dem frühen Tod seiner beiden älteren Brüder wurde G. Inhaber des Unteren Schlosses zu Giebelstadt und eines Anteils am Schloß Ingolstadt, beide bei Würzburg, und eines nicht unbeträchtlichen Besitzes in der Umgebung, der meist würzburgischen und brandenburgischen, auch Wertheimer und Rienecker Lehen war. G. reiste 1512-13 aus unbekannten Gründen zum König von England. 1517 wurde er in einem Zinsstreit mit dem Stift Neumünster in Würzburg vom Geistlichen Gericht exkommuniziert und blieb bis zu seinem Tode im Bann. 1519 nahm er als Hauptmann im brandenburgischen Dienst an dem Kriegszug des Schwäbischen Bundes gegen Herzog|Ulrich von Württemberg und der Belagerung des von Götz von Berlichingen verteidigten Schlosses Möckmühl teil. Anschließend trat er auf Empfehlung von Markgraf Casimir von Brandenburg-Kulmbach in den Dienst des Hochmeisters Albrecht von Preußen. Er nahm an dem Krieg gegen Polen teil und führte 1520 die Waffenstillstandsverhandlungen; im Auftrag des Hochmeisters reiste er an den Kaiserhof in die Niederlande und anschließend nach Dänemark. Er begleitete den Hochmeister 1522 zum Reichsregiment nach Nürnberg und nahm, ohne hervorzutreten, 1523 an den Verhandlungen des Schweinfurter Rittertages teil. Im Herbst 1523 begegnet G. als (Hof-)Marschall des Hochmeisters. Er wird ihn auch zur Unterredung mit Luther in Wittenberg 1523 begleitet haben. Auf jeden Fall scheint sich G. früh der neuen Lehre angeschlossen zu haben. Nach Ausbruch des Bauernkrieges schloß er sich Mitte April 1525 als Hauptmann oder Bauernrat den Tauberbauern an, die in der fränkischen Bauernschaft aufgingen. Er machte sich ihr Programm einer Reichsreform und die Forderung, daß sich Adel und Kirche künftig nach gemeinen Bürger- und Bauernrechten halten sollten, zu eigen, ohne daß sich erkennen läßt, wie weit er es selbst beeinflußt hat. Die Bauern verwandten ihn vorwiegend zu Verhandlungen. Er brachte die 9 mainzischen Städte im Odenwald ebenso wie die markgräfliche Stadt Kitzingen und die Reichsstadt Rothenburg zum Anschluß an die Bauern. Am 1. Juni nahm er an dem Bauernlandtag in Schweinfurt teil. Sein Einfluß in der Bauernschaft scheint begrenzt gewesen zu sein. Während der Entscheidungsschlachten von Königshofen und Ingolstadt (2. und 4.6.1525) weilte G. erneut in Rothenburg, um auf Verhandlungen mit Markgraf Casimir zu warten. Aus der Stadt ausgewiesen, wandte er sich nordwärts und wurde im Wald Gramschatz nördlich Würzburg von 2 Knechten seines Schwagers Wilhelm von Grumbach auf Rimpar erstochen. – Durch das Schauspiel Gerhart Hauptmanns (1895) wurde das Bild G.s für weite Kreise geprägt.

10. Philipp Melanchthon

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M. wuchs als ältester Sohn in einer wohlhabenden bürgerlichen Familie in Bretten auf. Sein Vater soll 1504 im bayer.-pfälz. Kriege aus einem vergifteten Brunnen in Monheim getrunken haben; nach langem Siechtum starb er am 27.10.1508. M., der den Vater nur als kranken Mann erlebt hatte und von dessen frommer Haltung beeindruckt war, gedachte sein Leben lang dieses Tages. Kurz vor dem Vater war auch der Großvater Reuter gestorben, in dessen Hause M. seine Kindheit verbracht hatte. Als die Großmutter Reuter in ihre Heimatstadt Pforzheim zog, folgten ihr drei Enkel, die dort die bekannte Lateinschule besuchen sollten. Johann Reuchlin, Richter des Schwäb. Bundes in Stuttgart, kümmerte sich um die Ausbildung M.s, beriet ihn und schenkte ihm Bücher. Als M. mit seinen Freunden vor dem berühmten Gelehrten eins von dessen neulat. Schauspielen aufführte, setzte ihm Reuchlin seinen Doktorhut auf und gab seinem Namen die gräzisierte Form, mit der M. in die Geschichte eingegangen ist.

Am 13.10.1509 wurde M. in Heidelberg immatrikuliert. Er wohnte bei Professor →Pallas Spangel, der noch Rudolph Agricola erlebt hatte und seine Eindrücke an M. weitergeben konnte. M. erlangte den Grad des Bakkalaureus. Als Spangel gestorben war, ging er 1512 nach Tübingen, um Reuchlin näher zu sein. Von seinen Lehrern nennt er außer →Stöffler und →Stadian gelegentlich die Theologen Lemp und Steinbach. Er beschäftigte sich nun mit den Schriften des Erasmus von Rotterdam, die ihm die humanistische Bildungswelt weiter erschlossen. 1514 wurde er Magister und lehrte seitdem in der Realisten-Burse Rhetorik und Dialektik. Im Verlag Anshelm bearbeitete er daneben die Chronik des Tübinger Rektors Nauclerus und einige Lehrbücher. Zuletzt übernahm er den Lehrauftrag für Eloquenz, den vor ihm Heinrich Bebel gehabt hatte. Hier zeigte sich auch sein historisches Interesse. Wichtig wurde für ihn der Freundeskreis, der sich damals um ihn sammelte und zu dem auch →Johannes Ökolampad gehörte. Von diesem erhielt er Agricolas „Dialectica“, ein für seine wissenschaftliche Entwicklung wichtiges Buch, das ihn über Cicero und Quintilian hinausführte. Im Streit um Reuchlin stand er auf Seiten seines Großonkels, äußerte sich aber in der Streitliteratur nur zurückhaltend. Auch wenn er mit seinen Freunden verbunden blieb, beklagte er sich in der Vorrede seiner Griechischen Grammatik (1518) über die Tübinger Verhältnisse.

Reuchlin erhielt damals von Kf. Friedrich dem Weisen von Sachsen die Anfrage, ob er ihm für seine Universität einen Lehrer des Griechischen empfehlen könne. Dieser wies auf M. hin, der nach seiner Überzeugung gleich nach Erasmus komme. Der Kurfürst folgte diesem Rat. Über Augsburg, wo er sich dem Kurfürsten vorstellte, Nürnberg und Leipzig ritt M. nach Wittenberg, das ihm für 42 Jahre Heimat werden sollte. In der Schloßkirche hielt er am 29.8.1518 seine vielbeachtete Antrittsvorlesung „De corrigendis adolescentiae studiis“. Das von ihm entwickelte Programm erinnerte an Erasmus und zeigte ein hohes Niveau. Luther war beeindruckt und erblickte in dem „kleinen Griechen“ den David, der gegen den scholastischen Goliath anging. Ihm erschien es als Fügung, daß er einen so tüchtigen Kollegen erhalten sollte. Als er sich im Oktober 1518 vor Kardinal Cajetan verantworten mußte, setzte er M. zu seinem Stellvertreter ein. der sein Werk fortsetzen sollte, falls er nicht wiederkehrte. Dadurch ergab es sich, daß M. von Anfang an außer Vorlesungen über klassische Autoren auch solche über biblische Schriften hielt. Von Luthers Theologie erfaßt, hat auch M. diesen in mancher Hinsicht anregen und weiterführen können. Diese ersten Jahre brachten es mit sich, daß aus dem Humanisten M. zusehends der Theologe und Kirchenmann wurde. Schon im September 1519 wurde er baccalaureus biblicus. In den Thesen zu seiner Disputation vertrat er den Grundsatz der sola scriptura und der sola fides, ging aber schon über Luther hinaus mit der Ablehnung der Transsubstantiationslehre. Kurz zuvor begleitete er Luther zur Leipziger Disputation, nahm schriftlich den Kampf mit Johann Eck auf, schrieb eine Apologie für Luther gegen die Sorbonne und die „Oratio pro Luthero“ gegen den Vatikanischen Theologen Tomaso Radini. Dies tat er neben seinen Vorlesungen in zwei Fakultäten In den fahren des Durchbruchs und der reformatorischen Entscheidungen begann M. auf der Grundlage seiner Römerbrief-Vorlesung eine Zusammenfassung der reformatorischen Lehre zu schreiben, die er „Loci communes“ (Hauptbegriffe) nannte. Diese erste ev. Dogmatik, die im Wesentlichen die Soteriologie behandelte, erschien im Dezember 1521. Luther nannte später in seiner Antwort an Erasmus diese Loci ein unbezwingbares Buch, das wert sei, in den Kanon aufgenommen zu werden. M. war in den ersten Auflagen im Wesentlichen der Auffassung Luthers gefolgt und hatte die humanistischen Gedanken kaum anklingen lassen. Das sollte später anders werden, als er eigene Wege beschritt.

Die Loci bestimmten M.s theologisches Schicksal. Dreimal hat er sie bearbeitet: 1535, 1543 und 1559. Die verschiedenen Bearbeitungen zeigen seine theologische Entwicklung. Die Loci wurden das bestimmende theologische Lehrbuch, nach dem Generationen sich gerichtet haben. Als sich der Gegensatz zwischen Erasmus und Luther zuspitzte, konnte M. seine humanistische Herkunft nicht vergessen. Er bat Erasmus, den Streit nicht zu beginnen. Doch Erasmus konnte nicht mehr zurück, da er sich dazu verpflichtet hatte. Zudem ahnte er nicht, daß dieser Streit so weitgehende Folgen haben würde. M. hielt in dieser Zeit die Verbindung zu ihm aufrecht. 1524 besuchte er zum ersten Mal seine Heimat, während seine Begleiter weiter nach Basel zu Erasmus ritten. Der Wirkung des Streits um die Willensfreiheit konnte er sich freilich auch nicht entziehen. Auf der Rückreise von Bretten traf er im Odenwald Landgf.Philipp von Hessen, für den er einen „Grundriß der ev. Lehre“ schreiben sollte. In dieser kleinen Schrift bestimmte er die Schwerpunkte und gab Erläuterungen zu besserem Verständnis der reformatorischen Verkündigung. Seit dieser Zeit unterhielt er Beziehungen zum Landgrafen.

Seit Anfang der 20er Jahre wurde M. immer häufiger in die kirchliche Praxis gerufen. Als ihm der Rat von Wittenberg ein Predigtamt antrug, lehnte er es wegen seiner „schnarrenden Sprache“ ab. Die Auseinandersetzung mit den Zwickauer Propheten Ende 1521 hatte ihm deutlich gemacht, daß die Praxis nicht sein Feld war. Dabei besaß M. den Blick für kirchliche Notwendigkeiten. Er war es, der Luther nahelegte, das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen, und der Luther von der Wartburg nach Wittenberg zurückrief. Entschied er manche Frage früher als Luther, z. B. die Notwendigkeit, das Abendmahl unter beiderlei Gestalt in der Gemeinde zu feiern, so war er nicht stark genug, mit den Enthusiasten fertig zu werden oder seine Abendmahlsauffassung durchzusetzen. Außer den theologischen Problemen bedrängten ihn in der schlimmen Zeit um 1524/25 die Nöte des Bauernkrieges. Sein alter Landesherr, der Kurfürst von der Pfalz, rief ihn zu Hilfe; bei den Bauern stand er in so hohem Ansehen, daß sie ihn als Schiedsrichter vorschlugen. M. willigte nicht ein, er schrieb eine beschwichtigende Schrift, die seine Obrigkeitstreue und konservative Art hervortreten ließ. Entsprechend seiner Herkunft aus wohlhabendem Hause hatte er kein Verständnis für das Elend der Bauern. Wie Erasmus so war auch ihm jeder Tumult zuwider. Für ihn war dabei das Obrigkeitsverhältnis nach Römer 13 maßgebend.

Als die Ruhe im Lande hergestellt war und die schon lange fällige Visitation in Kursachsen durchgeführt wurde, gehörte M. zur Visitationskommission. Aufgrund der ersten praktischen Erfahrungen entwarf er die Grundsätze für diese Arbeit in seinem „Unterricht der Visitatoren“, in dem die Lehre kurz zusammengefaßt und die kirchliche und schulische Ordnung behandelt wurde. Die von Luther überprüfte und mit einer Vorrede versehene Schrift wurde 1528 veröffentlicht. M. sah die Belehrung des Volkes als dringende Aufgabe an. Daher befaßte er sich in dieser Zeit erneut mit Fragen des Unterrichts und der Bearbeitung des Katechismus. Als weitere Aufgabe kam auf ihn die lehrmäßige Zusammenfassung evangelischer Bekenntnisse zunächst für innerkirchliche Zwecke, dann auch für die Verständigung mit Glaubensverwandten zu. Über Jahrzehnte hin blieb er damit beschäftigt. Daneben galt er als der gegebene Mann, wenn es sich um Schulfragen handelte. Er besaß dafür auch praktische Erfahrungen, denn 10 Jahre lang unterhielt er eine Privatschule, in der er junge Studenten vorbereitete und begabte Schüler förderte. Nürnberg forderte ihn auf, eine städtische Lateinschule dort einzurichten; die Organisation traf er, die Leitung überließ er Joachim Camerarius. Ihm fiel auch die Reform der Universitäten zu, in Wittenberg ebenso wie in Tübingen und Leipzig. Überall betonte er die Würde der Schule und ihre Bedeutung für den Staat.

M. behielt zeitlebens seine Stellung in der artistischen Fakultät, seit 1535 war er auch Mitglied der theologischen. In Vorlesungen behandelte er die aristotelische Philosophie. Auch gab er Kommentare zu Schriften des|→Aristoteles heraus, dessen Klarheit und Bestimmtheit er bewunderte. Er beschäftigte sich vor allem mit dessen Physik, Ethik und Politik. Unter Physik verstand M. die gesamte Kenntnis der Natur unter Einbeziehung des Menschen. Später gab er seine Anthropologie unter dem Titel „De anima“ gesondert heraus. M. sah den Menschen darauf angelegt, den Willen Gottes in der Schöpfung zu erkennen und das zum Leben Nützliche auszuwählen. Die Erkenntnis führe ihn zu weiterer Entwicklung. Daher solle sich der Mensch nicht mit der Beschreibung äußerer Erscheinungen begnügen, sondern ihre Ursachen zu erfahren suchen. Als einer der ersten neueren Denker bezog M.auch die Psychologie in seine Anthropologie ein. Statt wie →Aristoteles von den Elementen, ging M. von Gott als dem Urheber alles Geschehens aus. In Anknüpfung an die Antike trug er seine Argumente für die Gottesbeweise zusammen: da der Gedanke an den Schöpfer natürlich ist. muß er nach M. auch wahr sein. Auch die Zweckmäßigkeit der Schöpfung führe auf den Schöpfer. Am wirksamsten war für ihn der moralische Beweis.

Nicht weniger anregend als „De anima“ waren M.s ethischen Fragen gewidmete Schriften. Insbesondere beschäftigte ihn der Unterschied zwischen philosophischer und theologischer Ethik. Die auf das öffentliche Leben bezogene Moral nannte M. Politik. Auch hier konnte er nicht blindlings antiken Philosophen folgen, sondern bemühte sich, Anschauungen klassischer Autoren mit biblischen Gedanken zu verbinden. Schafft die Obrigkeit ihrer Pflicht entsprechend „vernünftige Gesetze“, die dem natürlichen Recht entsprechen, dann wird ihnen jeder gehorchen. Mehrfach überarbeitete M. auch seine Dialektik, die die Logik zum Gegenstand hat. Er schätzte die Kunst, methodisch richtig über einen Gegenstand zu denken und zu lehren. Für ihren Initiator hielt er Rudolph Agricola, dessen „Dialectica“ ihm Ökolampad in Tübingen geschenkt hatte; auf sein Denken und auf die Gestaltung seiner Werke übte sie starken Einfluß aus.

Mit 32 Jahren betrat M. die politische Bühne. Er begleitete Kf. Johann den Beständigen nach Speyer zum „Protestationsreichstag“, nahm an den Besprechungen teil und verständigte sich mit Philipp von Hessen über die Einigung der ev. Stände. Beim Marburger Religionsgespräch am 1.10.1529 war M. neben Luther der Wortführer der Wittenberger und disputierte mit Zwingli. Seitdem fehlte er bei fast keinem Religionsgespräch.

Als Karl V. im Januar 1530 den Reichstag nach Augsburg ausschrieb, zog der sächs. Kurfürst M. zu den vorbereitenden Arbeiten heran. War er schon bei den Torgauer Artikeln beteiligt, so erhielt er unterwegs nach Augsburg den Auftrag, die ev. Auffassung seines Landesherrn ausführlich darzulegen und zugleich eine Antwort auf Ecks 404 Artikel zu geben. An dieser Grundschrift, der „Confessio Augustana“ (CA), arbeitete er unentwegt drei Monate lang. Sie bestand aus 28 Artikeln: 21 Glaubensartikeln und 7 Artikeln über die Mißbräuche, die den Torgauer Artikeln entsprachen. Ständig stand er mit Luther in Verbindung, der auf der Coburg bleiben mußte und über dieses „gute Bekenntnis“ sehr erfreut war. Trotz ihrer Kürze brachte diese Schrift Luthers Glauben voll zum Ausdruck und hob gleichzeitig die Übereinstimmung mit der alten Kirche hervor. Am 25.6.1530 wurde sie in deutscher Übersetzung vor Kaiser und Reich verlesen und am 3.8.1530 von den kath. Vertretern in der Confutatio widerlegt. Die Ausgleichsverhandlungen, an denen M. teilnahm, blieben ergebnislos. Nun begann M. gegen die Confutatio der Altgläubigen seine „Apologia Confessionis Augustanae“ (AC) zu schreiben, bei der er keine Rücksichten mehr zu nehmen brauchte und manche Klarstellungen bringen konnte. CA und AC wurden die Grundschriften des Protestantismus, die über Jahrhunderte in Geltung blieben. Obwohl es politische Schriften geworden waren, sah M. sie immer noch als seine Arbeit an und änderte ständig an ihnen, am stärksten 1540 in der sog. „Variata“.

Für M. war der Glaube immer mit Problemen verbunden. In der Zeit der Visitationen brachte er gegen Johann Agricola das Verhältnis von Buße und Glaube in seiner Weise zum Ausdruck, in der Abendmahlsfrage verständigte er sich 1534 mit Bucer und schuf die Voraussetzungen zur Wittenberger Konkordie (1536) mit den Oberdeutschen, in der Rechtfertigungslehre bestimmte er Luther, seine Position zu verdeutlichen, ohne seine Linie aufzugeben. Andererseits trat er als Vermittler hervor: gegenüber Erasmus 1533, gegenüber Albrecht von Mainz in seinem Römerbrief-Kommentar 1532, beim Religionsgespräch in Leipzig im Januar 1534. Im Rufe des Vermittlers stehend, wurde M. nach Paris und nach London eingeladen, um dort die Gegensätze konfessioneller Art zu überwinden. Diese Reisen verwehrte ihm sein Landesherr. Indessen war die Religionsvergleichung ein Mittel der kaiserlichen Politik geworden. Jedesmal war M. einer der Colloquenten In Worms (Jan. 1541) disputierte er mit Johann Eck, in Regensburg (Mai 1541) mußte er dieselbe Stellung einnehmen. Trotz der Verständigung mit dem Legaten Gasparo Contarini in der Rechtfertigungsfrage war M. mit den auf der Grundlage des „Regensburger Buches“ geführten Verhandlungen unzufrieden. Diese Art von Verständigung lehnte er ab. Seine Auffassung hatte er schon bei den Tagungen in Schmalkalden verdeutlicht, als er 1537 den „Tractatus de potestate et primatu papae“ verfaßte, um die Stellung der Protestierenden zum päpstl. Konzil zu verdeutlichen. 1539 hatte er in seiner Schrift „De ecclesia et autoritate verbi Dei“ seine Position deutlich markiert, konnte sie aber angesichts der politischen Ereignisse in dieser Unbedingtheit nicht aufrechterhalten. Als die Gegensätze sich schon erheblich verschärft hatten, schrieb M., der auf Einladung des Erzbischofs Hermann von Wied nach Bonn und Köln gereist war, fünf Kapitel der für die Kölner Reformation bestimmten Grundordnung „Das einfältige Bedencken“ (1543). Über die in diesem Buch von M. vertretene Abendmahlslehre war Luther verstimmt, doch vermied er es, zu einem Zeitpunkt, an dem die Evangelischen Stände sich im Verteidigungszustand befanden, einen inneren Gegensatz aufbrechen zu lassen. Als die Wittenberger 1544 aufgefordert wurden, ihr äußerstes Angebot für den Kaiser zu formulieren, war es wieder M., der die Reformatio Wittenbergica in fünf Punkten formulierte.

Als Luther bald darauf starb und M. ihm die lat. Gedächtnisrede bei der Beerdigung gehalten hatte, mußte er auch dessen Aufgaben weitgehend übernehmen. Ihm fehlte freilich die Autorität Luthers. Da er in den nun einsetzenden theologischen Streitigkeiten häufig selbst Partei war, konnte er nicht über den Parteien stehen und schlichten. Das Urteil fällten häufig solche, die nicht dazu berufen waren. Dazu kam, daß für den Protestantismus nunmehr schwere Zeiten anbrachen: das Eindringen der Jesuiten, das Tridentinische Konzil und der Schmalkaldische Krieg.

Tief betroffen davon, daß die Evangelischen weder politisch noch theologisch zusammenhalten konnten, schrieb sich M., den der Krieg zeitweilig aus Wittenberg vertrieb, den Kummer in den „Loci consolationis“ vom Herzen. Trotz der neuen Verhältnisse kehrte er nach Wittenberg zurück, was ihm sein alter Landesherr verübelte. M. meinte, den Ort, an dem die Reformation entstanden war, nicht verlassen zu dürfen. Karl V. verlangte zuerst seine Auslieferung, verzichtete aber bald darauf. In Augsburg versammelte Karl den „geharnischten“ Reichstag 1547, um die kirchliche Lage aus eigener Vollmacht zu bereinigen, und ließ dort ein Reichsgesetz schaffen, das den Evangelischen gleiches Recht versagte. M. sollte das im März 1548 verkündete „Interim“ für Sachsen prüfen. In Leipzig und Grimma mußte es geändert werden, bis die Stände bereit waren, es anzunehmen. M. schrieb, von diesem Vorgang deprimiert, an den Kanzler des Kf. Moritz, Christoph v. Carlowitz, einen (scheinbar) kompromißbereiten Brief, der ihm in der Öffentlichkeit schwer geschadet hat. Von den streng luth. Kreisen wurde er nun bekämpft, weil er das Einhalten äußerer Ordnungen für ethisch indifferent erklärte (adiaphoristischer Streit). Als sein Schüler Georg Maior die alte Frage der Mitwirkung des Menschen an seinem Heil aufnahm (synkretistischer Streit), machte Flacius Illyricus M. dafür verantwortlich. M. hatte aber auch andere theologische Gegner: Osiander, mit dem er sich Ende 1551 auseinandersetzte, oder die Renegaten Staphylus, Thamer u. a. Auf Verlangen des Kf. Moritz sollte M. 1552 zur Zweiten Periode des Konzils nach Trient reisen. Dafür arbeitete M. die „Confessio Saxonica“, auch „Repetitio confessionis Augustanae“ genannt, aus, die insgesamt von fast 3000 Theologen unterschrieben wurde. Die Unterbrechung des Konzils infolge der Erhebung des Kurfürsten gegen den Kaiser machte seine Weiterreise über Nürnberg hinaus unnötig.

Nach dem Passauer Vertrag und dem Augsburger Religionsfrieden konnte M. daran gehen, für die innere Sicherung der ev. Kirche einzutreten. Er schrieb das „Examen ordinandorum“. trat für die bekenntnismäßige Verpflichtung der Prediger ein und sorgte für die Abgrenzung von den Methoden der Inquisition. Sein Leben war ausgefüllt von Ereignissen, die die ev. Gemeinden schwer trafen, wie die Deportation der Bevölkerung von Dorpat und Narva ins Innere Rußlands und die Verwüstung ganz Livlands. Aber auch die Auseinandersetzungen des Hamburgers Joachim Westphal mit Calvin wegen der Behandlung calvinistischer Flüchtlinge sowie der Abendmahlsstreit in Heidelberg und Bremen erregten ihn sehr. Obwohl es viele Mißverständnisse zu beheben galt, lehnte er es ab, für alle ein Einigungsbekenntnis aufzusetzen. Am Federkrieg hatte er keine Lust, denn „das Disputieren muß ein Maß haben“. Als Kaiser Ferdinand bestimmte, daß in Worms ein letztes Religionsgespräch abzuhalten sei, mußte M. dort die ev.|Seite vertreten. Angriffe der anwesenden Flacianer machten das Gespräch zunichte. Müde kam M. im Herbst 1557 nach Heidelberg, wo ihn die Universität feierte. Dort erfuhr er, daß inzwischen seine Frau in Wittenberg gestorben war. Er reagierte, wie Camerarius berichtet, mit den Worten: „Fahr wohl, bald folge ich dir nach“. Die wenigen Jahre, die ihm noch blieben, benutzte er zum Abschluß seines wissenschaftlichen Werkes. Nun grenzte er seine Auffassung gegen Michael Servet, den Spiritualismus und die in Bayern einsetzende scharfe Gegenreformation ab. Seine entscheidenden größeren Schriften faßte er in einem Corpus doctrinae (Philippicum) zusammen, zu dem er noch selbst die Vorrede schrieb. Dieser Band wurde zum Muster für viele Werke dieser Art, die bis in die folgenden Jahrhunderte ihre Bedeutung behielten. Die Nachricht vom Tode Hzg. Philipps von Pommern nahm er als ein Omen. Wie Luther notierte er kurz vor seinem Tod auf einem Blatt, was ihm der Tod bedeutete: „Du wirst von der Sünde erlöst, von den Sorgen und von der Wut der Theologen. Du kommst zum Licht, du wirst Gott schauen und seinen Sohn. Du wirst die wunderbaren Geheimnisse erkennen, die du in diesem Leben nicht begreifen konntest: Warum wir so geschaffen sind und nicht anders und worin die Vereinigung der beiden Naturen in Christo besteht.“

M.s Einfluß ist zu seinen Lebzeiten wie auch später groß gewesen. Er hat die Bildungswelt für die Reformation gewonnen und galt als wissenschaftliche, vor allem als pädagogische Autorität. Die Confessio Augustana ist die verfassungsmäßige Grundlage der meisten reformatorischen Kirchen geworden.

11. Johannes Bugenhagen

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B. studierte in Greifswald 1502/04, zum Teil humanistisch beeinflußt, und wurde 1504 durch den Abt des Prämonstratenserstifts Belbuck, Heinrich Beggerow, zum Rektor der Stadtschule in Treptow/Rega berufen, 1505 auch kirchlicher Notar, 1509 ohne theologisches Studium vom Bischof von Cammin zum Priester geweiht und Vikar im Kanonikerkolleg Sankt Marien in Treptow. Durch Erasmus bestimmtes Bibelstudium wirkte sich aus, als B. nach privaten Vorlesungen 1517 auch Lektor der Bibel und der Väter an der Klosterschule Belbuck wurde. Im Auftrag Herzog Bogislaws X. sammelte er 1517 auf Reisen durch ganz Pommern für die historisch-genealogischen Arbeiten Spalatins Material zu einer Geschichte des Landes, das, verbunden mit freimütiger Schilderung der vorgefundenen Verhältnisse, Ende Mai 1518 in den „Pomerania“ (Greifswald 1728, Neuausgabe von O. Heinemann, in: Quellen zur Pommerschen Geschichte IV, 1900) zusammengefaßt wurde.

Im Zusammenhang mit seiner humanistischen Theologie tauchten bei B. erste kirchenreformerische Bestrebungen auf. Sie wurden durch Lektüre von Schriften Luthers vertieft und führten an Hand von Luthers „De captivitate Babylonica ecclesiae“ 1520/21 zum Bruch auch mit der humanistischen Theologie und zu vollem Anschluß an Luther. 1521 ging B. nach Wittenberg (Immatrikulation 29.4.), wo er seine biblischen Vorlesungen privat und später öffentlich bei geringer Besoldung fortsetzte und bald Melanchthons und Luthers Freundschaft gewann. 1523 wurde er nach dem Tod Simon Heins vom Rat und der Gemeinde Wittenberg gegen die Verschleppungstaktik des besetzungsberechtigten, zum Teil noch katholischen Kapitels der Schloßkirche zum Stadtpfarrer gewählt und begann mit konservativer Reorganisation von Gottesdienst, Seelsorge, Schulwesen und Armenpflege sowie mit der Veröffentlichung seiner Bibelkommentare (Psalter, Deuteronomium, Samuelis, paulinische Briefe). 1532 wurde B. Obersuperattendent, 1533 (mit C. Cruciger und J. Aepinus) D. theol. und 1535 ordentliches Mitglied der theologischen Fakultät. Kraft seines Amts war er Luthers Seelsorger und Beichtiger, der diesen auch 1525 traute und ihm 1546 die Grabrede hielt. Die reformatorische Lehre vertrat B. in engem Anschluß an Luther in einer größeren Anzahl volkstümlicher Schriften besonders zum religiösen Leben, in der Polemik gegen Zwingli und Wiedertäufer, als Vertreter Luthers auf Kanzel und Katheder, als Mitarbeiter an der Bibelübersetzung (und niederdeutschen Ausgaben), dem Katechismuswerk und liturgischen Neuerungen.

Seine besondere Begabung entfaltete B. als Organisator des reformatorischen Kirchen- und Schulwesens in Norddeutschland, wofür er immer wieder aus Wittenberg beurlaubt wurde. Niederschlag dieser Arbeit sind zahlreiche Kirchenordnungen, an denen neben dem praktischen und konservativen Zug, dem Streben nach Einfachheit und Uniformität im Liturgischen die Sorge um Schul- und Armenwesen auffallen (Kirchenordnungen: Stadt Braunschweig, September 1528; Hamburg, Mai 1529; Lübeck, Mai 1531; Pommern, Ende 1534; Dänemark [Revision der Hans Tausenschen Kirchenordnung], 1537; Schleswig-Holstein [Übertragung der dänischen Kirchenordnung], 1542; Braunschweig-Wolfenbüttel, Herbst 1543; Hildesheim, 1544). Die Reformation in Pommern führte er auf Wunsch der Herzöge Barnim und Philipp als Visitator im Anschluß an den grundlegenden Treptower Landtag von November 1534 bis Sommer 1535 durch, ohne die Reorganisation der Universität Greifswald durchsetzen zu können. In Dänemark wirkte er in ähnlicher Weise auf Bitten Christians III. vom Juli 1535 bis April 1539 (Krönung des Königspaars, Einsetzung von 7 Superattendenten auf die durch Staatsstreich erledigten Bischofssitze, Reorganisation der Universität Kopenhagen). Berufungen auf die Bistümer Cammin und Schleswig lehnte B. ebenso ab wie an die Universität Kopenhagen, die er nur 1538 als Rektor verwaltete. Er blieb in Wittenberg, auch in den Pestjahren, nach Luthers Tod und nach dem Ausgang des Schmalkaldischen Krieges („Wie es uns in Wittenberg ergangen in diesem vergangenen Kriege“, Wittenberg 1547), wo die seinem liturgischen Konservatismus entsprechende Stellungnahme in der Interimspolitik des Herzogs Moritz ihn das Vertrauen des Kurfürsten Johann Friedrich, des Herzogs Albrecht von Preußen und alter Freunde kostete und ihn zu einer|Rechtfertigung durch Darlegung seiner unverändert antirömischen Haltung im Kommentar zum Propheten Jonas (Wittenberg 1550) nötigte.

12. Karl V. (HRR)

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Erforschung und Interpretation der Biographie K. sind durch eine Fülle von unterschiedlichen Fragestellungen bestimmt. Eine klare nationalstaatliche Zuordnung ist unmöglich. K. hat eine ganze Epoche der frühen neuzeitlichen Geschichte Europas nachhaltig geprägt. Vor allem in dieser Tatsache ist der Grund dafür zu sehen, daß trotz der großen Kontinuität der Historiographie K. heute zahlreiche Probleme unaufgearbeitet anstehen: verschiedene Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung K., seines Regierungs-, Behörden- und Propagandaapparates, der Religionspolitik, der Reichspolitik und der Familienpolitik, insbesondere das Verhältnis zu →Ferdinand, um nur die wichtigsten zu nennen. Unbefriedigend geblieben ist die Durcharbeitung der finanz- und wirtschaftsgeschichtlichen Aspekte seiner Herrschaft. Das Verdienst der umfangreichen Forschungen von →Brandi und →Rassow lag vor allem in der Überwindung der konfessionellen Polemik des 19. Jahrhunderts. Die Aufarbeitung anderer Probleme wurde aber durch diese Interpretationen weniger gefördert. Brandis Darstellung bewirkte, daß die volle Härte des Konflikts zwischen K. und Frankreich, die zentrale Problematik der europäischen Politik des Kaisers, die für die mittleren Regierungsjahre schon →Cardauns einsichtig gemacht hatte, im Sinne einer harmonisierenden dynastisch-europäischen Sichtweise überdeckt wurde. Erst →Lutz hat versucht, die Irreversibilität des Hegemoniekampfes Habsburg und Valois seit dem Scheitern der Ausgleichsversuche von 1516 aufzuzeigen. Entgegen der Auffassung Rassows, der einen zentralistisch organisierten französischen Nationalstaat einem mittelalterlich strukturierten Imperium K. gegenüberstellte, betonte →Lutz die Vergleichbarkeit der strukturellen Voraussetzungen und die Ähnlichkeit der hegemonialen Zielsetzungen. Für Frankreich konnte die Erringung der Kaiserwürde die rechtliche Sicherung der italienischen Ansprüche (mit den Mitteln der „iura imperialia“), die Bereinigung der burgundischen Frage und die europäische Hegemonie bedeuten. Die Entscheidung zugunsten Habsburgs in der Kaiserwahl von 1519 zog einen Dauerkonflikt mit Frankreich nach sich. Nun war „Frankreich langfristig in die Rolle des Verteidigers der ‚Unterdrückten' und der von K. Monarchie bedrohten Freiheit der Christenheit gedrängt“ (→Lutz).

Bis heute umstritten ist die Beurteilung der Staatsauffassung und Reichsidee K. Brandi sah in ihm hauptsächlich den Vertreter einer dynastisch gebundenen und insofern statischen Konzeption. Der Grundgedanke seines Lebens sei „die Einheit eines rechtgläubigen|kaiserlichen Weltreiches in den Händen der burgundischen Dynastie“ gewesen. Aufbauend auf dem Familienrecht, der „denkbar friedlichsten Grundlage“, seien die konstitutiven Elemente die dynastische Idee und die Glaubenseinheit. Brandis starke Betonung der burgundischen Tradition („altburgundische Grundhaltung“ K.) bedingte unter anderem eine Überschätzung der dynastischen Idee als Mittel europäisch-universalistischer Politik, insbesondere zur Lösung des Konflikts mit Frankreich. Die Friedensschlüsse von Madrid bis Crépy hingegen zeigen deutlich deren Versagen.

Im Gegensatz zu Brandi betonte Rassow stärker die Kaiser- und Reichsidee und stellte die Frage nach der Sinngebung der dynastischen Macht durch die Kaiseridee. Die ideelle Klammerfunktion des Kaisertums für die Einheit von K. heterogenem Herrschaftsgebiet ist auch vor und nach Rassow öfter betont worden. Ein starkes, aber durchaus variables Spannungsverhältnis zwischen dynastischer Idee und Kaiseridee läßt sich zweifellos konstatieren. Dabei beachtet die Forschung neuerdings, daß auf starke Interdependenzen zwischen Kaiserwürde und dynastischer Politik in den 1520er Jahren Phasen der Auflockerung folgen.

Die Interpretationen der Kaiseridee K. sind stets mit der Frage nach ihren mittelalterlichen Grundlagen verbunden. Dabei hat sich die Forschung der letzten Jahrzehnte in besonderer Weise mit der Tatsache auseinandergesetzt, daß im entscheidenden ersten Jahrzehnt des Kaisertums K. ein außerordentlich starker Einfluß von seiten des Großkanzlers →Mercurino Gattinara festzustellen ist. Das Programm →Gattinaras, aufgrund seiner Autobiographie gut faßbar, ist verschieden beurteilt worden. Zuletzt hat Lutz die Konzeption des Piemonteser Juristen, die auf römisches Rechtsdenken, ghibellinischer Tradition und den Erfahrungen der labilen politischen Kleinwelt Italiens basiert, als ein rationales Einheitsprogramm von neuartiger Tragweite, das dem spätmittelalterlichen Pluralismus entgegengesetzt war, charakterisiert. Die Prämisse →Gattinaras, Italien zu befrieden und dort das Zentrum der kaiserlichen Herrschaft zu errichten – „l'Italie est le principal fondement de tout le fruict que pourrez cueillir de cest Empire“ – mußte Krieg gegen Frankreich bedeuten. Die französische Monarchie wurde zum größten Hindernis auf dem Weg zum Dominium mundi; dies wollte →Gattinaras antifeudaler Rationalismus mit der Zerstörung der staatlichen Existenz Frankreichs radikal beseitigen. Diesem hegemonialen Einheitsprogramm standen ebenso die bereits entwickelte Staatlichkeit in anderen Teilen Europas wie die innere ständische Verfassung der einzelnen Länder des kaiserlichen Machtbereiches entgegen. Andererseits wies auch →Gattinaras Empfehlung, die kaiserliche Herrschaft in Italien lediglich auf indirekte Weise auszuüben, erhebliche Schwächen auf: die zentrale Frage kaiserlicher Machtentfaltung war dadurch kompliziert, daß die Vielfalt der politisch-dynastischen Faktoren überaus schwer kalkulierbar war.

Die Frage nach der Bedeutung von Gattinaras Konzeption hängt aufs engste zusammen mit der Einschätzung der strukturellen Voraussetzungen und Möglichkeiten sowie der Spannungsverhältnisse, die in K. Umgebung zwischen dynastischer Tradition und neuem Einheitsprogramm bestanden. Die Forschung stellte mit Recht fest, daß der junge Monarch nicht bedingungslos folgte, sondern sich im Sinne der monarchischen Solidarität gegen die Errichtung eines französischen Satellitenstaates unter Bourbon entschied. Dies kommt zum Ausdruck in einer projektierten dynastischen Lösung, nämlich in der Ehe der →älteren Schwester K. mit →Franz I. Der Weg des Kompromisses zwischen Dominium mundi und christlicher Solidarität der Monarchen war eingeschlagen; er führte in den 1530er Jahren zum System der freien Partnerschaft mit Frankreich. K. ist an diesem System gescheitert; es konnte den irreversiblen Hegemoniekampf zwischen Habsburg und Valois nicht beenden.

Seit Rassow und Brandi hat sich die Forschung bemüht, die eigenen politischen Überzeugungen des Kaisers im allgemeinen und die Ziele seiner Kaiserpolitik im besonderen herauszuarbeiten. Die dominierende Stellung eines Chièvres oder Gattinara in der politischen Willensbildung K. – Brandi spricht sogar von „politischer Erziehung“ des Kaisers durch Gattinara – hat die spezifische Frage nach dem Emanzipationsprozeß des Monarchen von seinem Kanzler und seinen Ratgebern aufgeworfen. Gewiß zeigen die von Brandi hervorgehobenen eigenhändigen Aufzeichnungen K. vom Winter 1524/25 eine große Affinität zu Denkschriften Gattinaras. Doch ist die Entwicklung nach dem Tode Gattinaras (1530) von der Forschung noch zu wenig untersucht, als daß in der Frage der Eigenständigkeit und der Rolle der Berater eine abschließende Beurteilung möglich ist.

Die spanische Forschung hat seit Menéndez-Pidal immer wieder die Wichtigkeit der spanischen Komponente im Rahmen der Kaiseridee und der Biographie K. betont. Zweifellos hat der Kaiser Traditionen kastilischer und aragonesischer Politik (Italien- und Mittelmeerpolitik, Kreuzzugsmentalität) fortgesetzt. Aber in der Umgebung des Kaisers übten Männer wie Pedro Ruiz de la Mota, Alfonso de Valdés und Antonio de Guevara wohl einen eher geringen ideellen Einfluß aus. Auch für K. Persönlichkeit hat die Einwurzelung in die spanische Wertwelt seit den 20er Jahren, auch im Zusammenhang mit seiner Heirat mit einer portugiesischen Prinzessin (1526), viel bedeutet. Die Wirtschafts- und Finanzkraft der spanischen Königreiche gab dem Kaiser den erforderlichen Rückhalt für seine europäische Politik. Für die Spätzeit dürfte eher ein Zurücktreten einer spanisch gefärbten „Idea imperial“ gegenüber den mitteleuropäischen Aspekten in Rechnung zu setzen sein.

Alle Fragen zur Persönlichkeit K. sind durch das methodische Problem gekennzeichnet, über die Selbstdarstellung der „Institution“ zur Person vordringen zu müssen. So ist die Religiosität des Kaisers kaum anders faßbar als über dessen Einstellung zu Kirchenreform, Papsttum und Protestantismus. Aber ist etwa die Einstellung zur Kirchenreform aus dem Bewußtsein höherer Berufung (Brandi), oder kraft kaiserlichen Amtes als Vogt der Kirche (Ludolphy), oder aus einer außerinstitutionellen Grundeinstellung, von der religiösen Erziehung des Adrian von Utrecht her ableitbar? Bis heute sind die Nachwirkungen der älteren Literatur zu spüren, die im Banne eines Persönlichkeitsideals des 19. Jahrhunderts die konkreten Bedingungen des frühneuzeitlichen Fürstentums zu wenig berücksichtigte. Demgegenüber sollte die Persönlichkeitsentwicklung nicht nur unter dem Aspekt der politischen Erziehung, sondern im weiteren Rahmen politischer und soziokultureller Konstellationen gesehen werden.

Kindheit und Jugend verliefen in den Bahnen der burgundischen Kultur. K. wuchs elternlos mit seinen Schwestern Eleonore und Isabella am Hofe seiner Tante Margarete in Mecheln auf. Seinen Vater hat er kaum gekannt, seine geisteskranke Mutter hat er erst später in Spanien gesehen. Genauer bestimmen zu wollen, welche Bedeutung der seit 1504 verwitweten Erzherzogin Margarete in der Erziehung K. zukommt, ist schwierig. Besser faßbar ist die religiöse Erziehung durch Adrian von Utrecht im Geiste des praktischen Frömmigkeitsideals der „Devotio moderna“. Die Einführung in das höfische Leben und in die Politik erfolgte durch Wilhelm von Croy, Herrn von Chièvres, den ersten Kämmerer K. Er war ein Exponent des vorwiegend profranzösisch eingestellten burgundischen Hochadels, dem eine proenglische Richtung um die Erzherzogin gegenüberstand. Chièvres hat den jugendlichen K. am nachhaltigsten geprägt.

Sehr früh spielte die Person K. in den Kombinationen der dynastischen Erbfälle eine große Rolle. Der Tod von Isabella, Juanas älterer Schwester, und deren Sohn, vor allem aber der frühe Tod seines Vaters (1506) eröffneten K. neben seiner Mutter die Erbberechtigung in Kastilien, seit 1516 auch in Aragon und im weiteren in den von Kaiser Maximilian regierten Erblanden. 1515 wurde K. auf Drängen des burgundischen Hochadels für großjährig und regierungsfähig erklärt. Als Herzog von Burgund unterstand ihm fortan ein Territorialkomplex, der keine staatliche Einheit darstellte; der größere Teil gehörte zum Reich, Flandern und Artois standen unter französischer Lehensherrschaft. Mit dem Tod Ferdinands des Katholischen (1516) wurde die Nachfolge K. in Kastilien und Aragon aktuell. Die Regierungsunfähigkeit seiner Mutter erforderte seine persönliche Anwesenheit in Spanien, damit er von den Cortes als König anerkannt werden konnte. Die Verhandlungen mit den Cortes seit seiner Ankunft in Spanien (Herbst 1517) zogen sich in die Länge. Die Stände von Kastilien huldigten ihm am 5.2.1518 in Valladolid, die Stände von Aragon am 16.4.1519 in Barcelona.

Als K. 1518 in den Wahlkampf um die Kaiserwürde gegen Franz I. eintrat, gelang der habsburgischen Propaganda das Eingehen auf die Erwartungen der Reichsstände und der deutschen Öffentlichkeit besser als Franz I. Die Linie, K. zwar als „deutschen“ Kandidaten, aber in geschickter Distanz zur Politik des Hauses Habsburg, verkörpert durch Maximilian I., zu profilieren, wurde gefunden. Entscheidend war aber die Tatsache, daß die Fuggersche Großbank bereit war, im Falle der Wahl K. die Finanzierung der kurfürstlichen Wahlforderungen sicherzustellen.

Die verfassungsgeschichtliche Bedeutung der Wahlkapitulation von 1519 kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die verfassungspolitischen Vorstellungen K. und seiner Berater weit entfernt waren von den darin gemachten Zusagen. Die Annahme, daß er „die Auflagen seiner Wahlverschreibung getreu zu erfüllen dachte“ (Engel), läßt sich nicht halten. Die 1519 in Frankfurt zwischen den Kurfürsten und habsburgischen Räten ausgehandelten Bestimmungen faßte er vielmehr als notwendige Etappe auf dem Weg zur Wahl auf. Die Entscheidungen über die ständischen Ziele in der Kompetenzverteilung|(betreffend Reichsregierung und Außenpolitik) waren auf eine persönliche Konfrontation verschoben. Spätestens auf dem Wormser Reichstag 1521 muß den Reichsständen klar geworden sein, daß K. eine monarchische, antiständische Konzeption vertrat, die mit dem reichsständischen Föderalismus kaum in Einklang zu bringen war. So verwundert es auch nicht, daß K. in der politischen Praxis sehr oft Einzelbestimmungen der Wahlkapitulation verletzt hat.

Natürlich waren die politisch-sozialen Strukturen der spanischen Königreiche nicht vergleichbar mit denen des Reiches, doch die Konfliktsituation, die sich 1519/20 in Spanien ankündigte und während der Abwesenheit K. zum Ausbruch kam, ist in mancher Hinsicht ähnlich, in manchen Einzelzügen verschieden. Die Aufstandsbewegung der Comuneros, die vom Bürgertum der kastilischen Städte – voran Toledo – getragen und von Teilen der Geistlichkeit und des Adels unterstützt wurde, verweigerte der Regentschaft Adrians von Utrecht den Gehorsam. Sie verfolgte eine Neuordnung von Regierung und Verwaltung, die auf eine weitgehende Beschränkung der monarchischen Gewalt durch die Cortes hinauslief. Die Bewegung der Comuneros fand jedoch außerhalb Kastiliens kaum Unterstützung. Mit der sozialrevolutionären Bewegung der Germanía in den Städten des Königreiches Valencia gelang keine zielführende Koordinierung. Die antifeudalen Tendenzen der Comuneros führten den Großteil des Adels an die Seite K. Dadurch gelang der entscheidende Sieg gegen die Aufständischen unter Juan de Padilla bei Villalar (23.4.1521). Mit dem Zusammenbruch der Aufstandsbewegungen fiel die Vorentscheidung für die politisch-militärische Verfassung Spaniens und dessen künftige Rolle als wichtigste Machtbasis der kaiserlichen Politik.

Im Mai/Juni 1520 kehrte K. in die Niederlande zurück, am 23.10.1520 erfolgte seine Krönung in Aachen. Er stand fortan vor dem Problem der zentralen Regierung und Verwaltung seines heterogenen und weitläufigen Herrschaftskomplexes. Eine familienrechtliche Verklammerung hat K. stets betrieben. Er nahm seine Position als Chef des Hauses Habsburg voll in Anspruch und setzte seine Geschwister, Tante, Gattin, seinen Sohn und seine illegitime Tochter Margarete für Regierungs- und Verwaltungsaufgaben im Reich, in den Niederlanden und den spanischen Königreichen ein. Im Reich behielt er sich eine Art von familienrechtlichem „Obereigentum“ an den Ferdinand 1521 und 1522 übergebenen deutschen Erblanden vor. Zur Errichtung „eigentlicher institutioneller Gesamtreichsbehörden kam es nicht“ (Walser-Wohlfeil). Statt dessen förderte K. den Ausbau der bestehenden Landesverfassungen in den spanischen Königreichen und in den Niederlanden. Der Aufbau eines gesamtheitlichen Staatsrats blieb in den Anfängen stecken. Die Machtfülle eines Chièvres und Gattinara haben die späteren leitenden „Minister“ Granvella der Ältere und Granvella der Jüngere (Arras) nicht mehr erreicht. Seit 1530 löste ein Dualismus der Regierungs- und Verwaltungsspitzen den anfangs intendierten Unitarismus ab. Einerseits nahm das spanische Staatssekretariat, an dessen Spitze Francisco de los Cobos stand, die spanischen Angelegenheiten (mit Italien und Übersee) wahr, andererseits existierte das „burgundische“ Staatssekretariat, dem Granvella vorstand, und das dem Reichsvizekanzler faktisch übergeordnet war. In der Spätzeit versuchte K. das Problem der Zentralregierung immer mehr in einer Kabinettspolitik zu lösen, die jedoch eine Verschleppung der Entscheidungen bewirkte. Die unter Philipp II. durchgeführte Organisation getrennter oberster Verwaltungsbehörden (Indienrat, Rat für Italien) ist bei K. erst vorbereitet und nicht systematisch durchgeführt worden.

Fragen der Reichsverfassung und Luthers Reformation standen im Mittelpunkt des Wormser Reichstages (27.1.-26.5.1521), mit dessen Vorbereitung die kaiserliche Regierung im November 1520 in Köln begonnen hatte. Der Kaiser hat in Worms die politisch-rechtlichen Prärogativen seines Amtes voll in Anspruch genommen und für seine politischen Ziele eingesetzt. In der Frühzeit seines Kaisertums, zumal in Worms, ist der Anteil K. an den Entscheidungen schwer faßbar. Im Gegensatz zu den mittleren und späten Regierungsjahren ist die Rolle seiner Ratgeber – Chièvres, Glapion, Gattinara – hoch einzuschätzen. Dennoch sind bestimmte Züge seines Verhaltens gegenüber der Verfassungsfrage und der Reformation schon hier festzustellen.

Die Verfassungsfrage umfaßte die Materien des Reichsregiments, des Reichskammergerichts und des Landfriedens. Das Ringen um die Regierungsgewalt zwischen Reichsoberhaupt und Reichsständen war unter der Regierung Maximilians nicht klar entschieden worden. Die Reichsstände verfolgten nun aufs neue eine Lösung in ihrem Sinn, das heißt eine permanente, institutionell abgesicherte Mitregierung. Die Einsetzung eines Reichsregiments, eine Forderung der Wahlkapitulation, war auch dem Monarchen willkommen, weil von Anfang an seine bevorstehende Abwesenheit vom Reich einkalkuliert worden war. Aber für K. reduzierte sich die Frage eines Regiments auf die Reichsregierung „absente imperatore“. Der Standpunkt des Reichsoberhaupts, daß es nur einen Herrn im Reich geben sollte, war klar und wurde in der Regimentsordnung (26.5.1521) weitgehend durchgesetzt. Mit der Einsetzung Erzherzog Ferdinands als kaiserlicher Statthalter, der das Reichsregiment leiten sollte, schienen die Ingerenzmöglichkeiten K. weitgehend gesichert. Für die verfassungspolitische Zukunft des Reiches blieb jedoch das Faktum bestehen, daß 1521 nur ein unfester Kompromiß erzielt wurde, der eine Lösung zugunsten der monarchischen oder der ständisch-föderativen Ordnung nur vertagte.

In der Behandlung der Lutherfrage hatte sich der Kaiserhof schon in den Vorverhandlungen mit Kursachsen nicht eindeutig festgelegt. Zeitweilig erwog man, im erasmianischen Sinne die Lutherfrage durch ein Schiedsgerichtsverfahren beizulegen. Auch nach dem kurialen Verlangen eines scharfen Vorgehens gegen Luther (seit 20.12.1520) legte sich die kaiserliche Regierung nicht eindeutig auf ein Widerrufsverhör fest, sondern ließ Alternativen im Zusammenwirken mit Kursachsen offen. Nicht zuletzt ist die Lutherfrage vom Kaiserhof als Druckmittel in der Annäherung an Leo X. eingesetzt worden.

Die Haltung der Reichsstände in der Lutherfrage war unklar. Der mangelnde Konsens in Fragen eines Schiedsgerichts oder Widerrufverhörs führte in der Konfrontation mit der kaiserlichen Regierung zu widersprüchlichen Formulierungen. Man weiß sehr wenig darüber, wie K. vor dem Wormser Reichstag zu Luther und der Reformationsbewegung gestanden ist. Äußerungen Glapions weisen auf eine differenzierte Einstellung K. zu Luthers Schriften hin. Dem steht das obrigkeitliche Vorgehen K. gegen alle Schriften des Reformators in außerdeutschen Herrschaftsgebieten (Niederlande, Kastilien) entgegen. Das Verhältnis zum Papsttum erscheint hier wie später vielschichtig und ist keineswegs im Sinne einer nachtridentinischen Loyaltät zur erneuerten Papstkirche interpretierbar. Sehr stark war dabei die politische Komponente. Darüber hinaus sind im Zuge der späteren Erfahrungen Symptome einer prinzipiellen Kritik am Verhalten der Päpste wie überhaupt im kirchlichen Bereich faßbar.

Die offizielle Stellungnahme K. vor den Reichsständen gegen Luther (19.4.1521) als „gleichwertige“ Antwort auf Luthers Erklärung vom Vortag einordnen zu wollen, trifft nicht den Kern des Problems. Wohl deshalb nicht, weil sich die Frage nach dem persönlichen Glaubensbekenntnis bei K. ungleich komplizierter stellt als bei Luther. Auch der Umstand, daß diese Erklärung als eigenhändiges Aktenstück überliefert ist, ändert daran nichts. Vielmehr ist beachtenswert, daß der Kaiser als „Institution“ spricht und seiner kirchlichen Stellungnahme ein fixer Punkt in seinem politischen Gesamtsystem einzuräumen ist. Die Rücksichtnahme auf die politische Annäherung an Leo X. und auf den englischen und französischen Hof in der Situation der beginnenden Auseinandersetzung mit Frankreich ist evident. Bedenkt man darüber hinaus die verbale Selbstverpflichtung K. – Einsatz aller zur Verfügung stehender Machtmittel gegen Luther und seine Anhänger – ferner den Inhalt des Wormser Edikts (8./26.5.), so ergibt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen den kaiserlichen Erklärungen und deren praktischer Durchsetzung. In den folgenden Jahren setzte K. seine Machtmittel gegen Frankreich ein, das Wormser Edikt blieb weitgehend unausgeführt; gegenüber Kursachsen hat er es durch geheime Schutzerklärungen selbst durchlöchert.

K. hat 1521 keinen wirklichen Zugang zum Reich gefunden. Er schied wieder, ohne die verfassungsrechtlichen Probleme und die Causa Lutheri auf die Bahn einer Lösung gebracht zu haben. Vielleicht konnte man die theologischen Aspekte der Lutherfrage richtig einschätzen; aber die institutionellen und politischen Folgerungen konnten noch nicht abgesehen werden. K. hat damals und später, infolge seiner fehlenden Erfahrungen mit der politisch-kirchlichen Kleinwelt im Reich, das Schwergewicht der durch die Reformation in Gang gekommenen institutionellen und politischen Veränderungen unterschätzt. So neigte er fortgesetzt dazu, auf der Ebene der politisch-militärischen Macht eine Revision schon irreversibler Entwicklungen für möglich zu halten.

Der Ausgang des Wormser Reichstages stand im Zeichen des ausbrechenden Krieges zwischen K. und Frankreich. Als seine Nachfolge in Spanien und Neapel-Sizilien feststand, hatte das Verhältnis zu Frankreich im Vertrag zu Noyon (1516) friedlich geregelt werden können. Durch den Wahlkampf von 1518 verschlechterten sich die Beziehungen rasch und unaufhaltsam und nahmen zeitweilig die Züge einer persönlichen Rivalität an. Im Frühjahr 1521 leiteten lokale, von französischen Parteigängern eröffnete Grenzkriege in Navarra und an der niederländisch-französischen Grenze den jahrzehntelangen Konflikt zwischen Habsburg und Valois ein.

Von großer Bedeutung für eine endgültige Weichenstellung zugunsten des Krieges gegen Frankreich war das Einschwenken Leos X. auf die kaiserliche Seite durch den Abschluß eines Offensivbündnisses (8./28.5.1521), das K. die Kaiserkrönung und vor allem die Investitur in Neapel sicherte. Damit waren zur Inanspruchnahme der „iura imperialia“ in Ober- und Mittelitalien die strategisch-militärischen Voraussetzungen gegeben. Ferner war durch den Tod Chièvres' (28.5.) Gattinara zur treibenden Kraft in der kaiserlichen Regierung geworden. Er riet K. im Sommer 1521 zum Krieg in Italien; ein Einfall in Frankreich sollte nach der Absprache mit England, die den Endpunkt der vordergründigen Vermittlungspolitik Kardinal Wolseys in Calais (Aug./Nov. 1521) bildete, erst im Mai 1523 mit Unterstützung Heinrichs VIII. erfolgen. In finanzieller Hinsicht war K. für den bevorstehenden Krieg schlecht gerüstet; an der Jahreswende 1524/25 waren die finanziellen Reserven erschöpft.

Die Eroberung Mailands (November 1521) eröffnet eine Reihe kaiserlicher Erfolge, die bis zum Sieg bei La Bicocca (24.7.1522) anhielten, Mailand sicherten und den Gewinn von Genua – ausgenommen die Flotte Andrea Dorias – einbrachten. K. befolgte Gattinaras Programm der indirekten Herrschaft in Italien, als er Mailand der dort angestammten Dynastie der Sforza zurückgab. Erst der fehlgeschlagene Feldzug in Nordfrankreich ermöglichte den französischen Truppen die Rückgewinnung Mailands (Herbst 1523). Auch der kaiserlich-venezianische Vertrag (29.7.1523), ergänzt durch die Defensivliga mit dem entgegen K. Erwartungen sehr zurückhaltenden Hadrian VI. (3.8.1523), hatte daran nichts ändern können. Im Hinblick auf Frankreich beschränkte sich der Plan K. nicht auf den Angriff von außen; er gewann auch den Connétable de Bourbon, den ersten Würdenträger Frankreichs, der mit Franz I. in eine privatrechtliche Auseinandersetzung verwickelt war, für seine Sache. Doch mißlang die zwischen K. und Bourbon verabredete Aufstandsbewegung. Bourbon, der nach Italien hatte fliehen können, sollte im folgenden Jahr an der Spitze eines kaiserlichen Heeres in die Provence einmarschieren und in Aix sich zum Grafen der Provence ausrufen lassen. Die Zusage einer dynastischen Verbindung – die Verheiratung Bourbons mit Eleonore, der Schwester K. – in dem Vertrag zwischen dem Kaiser und dem Connétable (4.8.1523) verfolgt die Absicht, „in Südfrankreich aus den Trümmern der französischen Monarchie ein Satellitenkönigtum“ zu errichten, „das die Landverbindung zwischen Italien und Spanien hergestellt hätte“ (Lutz). Aber der Feldzug in der Provence scheiterte vor Marseille; Ende September mußten sich die kaiserlichen Truppen unter Rückzugsgefechten nach Oberitalien durchschlagen. Nach einem raschen Vorstoß in die Lombardei zog Franz Ende Oktober in Mailand ein. Die erschöpften kaiserlichen Truppen unter General Leyva zogen sich in die Festung Pavia zurück und hielten hier den französischen Angriffen im folgenden Winter stand.

Die politisch-militärische Lage wurde weiter erschwert durch die offene Schwenkung des neuen Papstes Clemens VII. auf die Seite von Franz I. und Venedig (Dezember 1524). Die Bindung der italienischen Mittel- und Kleinstaaten an den Kaiser war ernsthaft in Frage gestellt. Mit dem Aufkommen eines „antihabsburgischen Patriotismus“ gegen die Ausübung kaiserlicher Herrschaft in Italien ging eine „zentrale Voraussetzung der von Gattinara konzipierten Weltherrschaftspläne des Kaisers unwiederbringlich verloren“ (Lutz) – die Befriedung Italiens im Sinne der ghibellinischen Konzeption Gattinaras war mißlungen. Die prekäre politisch-militärische und finanzielle Situation, in der sich die kaiserliche Politik im Winter 1524/25 befand, schlug sich auch in den „Reflexionen vor Pavia“ nieder. Brandi hat allerdings die Aussagekraft dieser Aufzeichnungen für K. Persönlichkeitsentwicklung weit überschätzt.

Der Sieg der kaiserlichen Truppen vor Pavia (am 24.2.1525, also an K. 25. Geburtstag) hat im politischen und religiösen Selbstbewußtsein K. einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Dieser bisher bedeutendste Sieg eines kaiserlichen Heeres, der auf der Heranführung einer Entsatzarmee aus Tirol sowie auf strategischen Fehlern Franz' I. beruhte, brachte den französischen König in Gefangenschaft. Die Franzosen räumten hierauf Mailand. Die Voraussetzungen für die Entscheidung des Hegemoniekampfes zugunsten K. schienen gegeben. In den Staatsratsdebatten hielt Gattinara an seinem radikalen Programm (Restitution aller altburgund. Gebiete und Errichtung eines provençalischen Königreiches einschließlich der Dauphiné), das auf die Vernichtung der französischen Monarchie abzielte, fest. Er konnte sich gegen den burgundischen und kastilischen Adel, der an der geburtsständischen Solidarität festhielt, jedoch nicht durchsetzen. Diesen Auffassungen neigte auch K. zu. Lannoy, seit 1522 Vizekönig in Neapel, ebenfalls aus altburgundischem Adel stammend, sicherte sich nachträglich K. Zustimmung zu seinem eigenmächtigen Vorgehen, Franz I. nicht nach Neapel, sondern nach Spanien zu bringen. Nun trat jene Situation ein, vor der Gattinara gewarnt hatte: die Chancen für eine radikale Ausnützung des Sieges von Pavia waren vorbei. Im Zeichen der monarchischen Solidarität, zu der K. sich bekannte, kam ein Kompromißfriede zustande, dessen Vollziehung problematisch erscheinen mußte.

Der Friede von Madrid (14.1.1526) verpflichtete Franz I. zur Restitution des Herzogtums Burgund und zum Verzicht auf Mailand, Genua, Neapel und die Lehenshoheit über Flandern und Artois. Die Schwester des Kaisers, ursprünglich Bourbon zugedacht, sollte nun mit Franz I. vermählt werden. K.verstand diesen Frieden als Etappe im gemeinsamen Kampf gegen die Ungläubigen und Häretiker. Der französischen Seite mußte Madrid jedoch als überaus harter Unterwerfungsfriede erscheinen. Franz I. ratifizierte den Madrider Frieden nicht; in Frankreich angelangt, fühlte er sich an den Vertrag nicht mehr gebunden. Es trat das ein, was Gattinara vorausgesagt hatte, nämlich die Unvollziehbarkeit des Friedens. Objektiv gesehen kommt dem Frieden von Madrid daher nur die Bedeutung eines Waffenstillstandes zu. Am 22.5.1526 schloß Franz I. mit Clemens VII., dem Herzog von Mailand, Venedig und Florenz zu Cognac eine Liga. Erstmals seit dem Regierungsantritt K. formierte sich eine antihabsburgische Opposition der europäischen Mächte, die bis in die Reihen der Reichsstände (Bayern) hineinreichte. Als eine französische Gesandtschaft vor K. Mitte August auf die neue Mächtekonstellation anspielte, forderte er den französischen König zum ritterlichen Zweikampf heraus. So begann noch im Jahre des Friedens von Madrid der Krieg zwischen K. und Franz I. aufs neue.

Der Konflikt mit Frankreich war für K. europäische Politik von zentraler Bedeutung. Die dauernde Fixierung darauf hatte eine Ablenkung von den deutschen Problemen zur Folge. Vor allem stellte sich hier die Frage nach einem praktikablen Modell europäischer Hegemoniepolitik. Das Verhalten des Kaisers zeigt, daß er im Hinblick auf Frankreich von festen Grundvorstellungen ausging, diese aber flexibel handhabte. Die Rolle, die er Frankreich in seinem europäischen Hegemonialsystem einräumte, war unvereinbar mit der selbständigen Stellung der französischen Monarchie seit dem Hochmittelalter. Die staatliche Inktegrität, die der Kaiser für seinen eigenen Herrschaftsbereich beanspruchte, konzedierte er Frankreich nicht. Er erneuerte vielmehr die alten Ansprüche auf das Herzogtum Burgund, die Pikardie, die Somme-Städte, ganz Navarra, das Languedoc und die Provence. Hierbei hatte er keinen Erfolg. Ungleich wichtiger hingegen wurde die italienische Frage. Im Zusammenwirken der spanischen Königreiche mit den Machtpositionen in Ober- und Unteritalien (einschließlich Nordafrika) schien dem Kaiser zeitweilig die Möglichkeit nahegerückt, Frankreich als Mittelmeermacht auszuschalten. Für das Papsttum resultierte aus dem Konflikt zwischen K. und Frankreich eine prekäre Lage, die bewirkte, daß es keine kirchenpolitische Entscheidung ohne Abwägung der politischen Konsequenzen für den Kirchenstaat und der kirchlichen und politischen Konsequenzen hinsichtlich Frankreichs treffen konnte.

Die kriegerischen Ereignisse von 1526-29 hatten ihren Mittelpunkt in Italien, sie brachten K. den definitiven Sieg in Italien, woran sich der Versuch einer neuerlichen Friedenslösung schloß. Gegenüber der Liga von Cognac drängte Gattinara bei K. auf die Durchführung der seit langem geplanten Italienfahrt. Denn nach Meinung des Kanzlers trug die Nichtausnützung der Chancen von 1525 die Schuld am neuerlichen italienischen Krieg. K. schwankte noch. Um ihm den Rücken freizuhalten, trat Gattinara für religionspolitische Konzessionen an die evangelischen Reichsstände ein, die bis zu einem Konzil befristet sein sollten. Der Speyrer Reichstag 1526, auf dem mit Zustimmung des Kaisers solche Konzessionen zustande kamen, läßt bereits eine Grundlinie der Religions- und Konzilspolitik K. und dessen Verhalten gegenüber dem Papsttum erkennen. Den evangelischen Reichsständen brachte der Reichstagsabschied vom 27.8.1526 die reichsrechtliche Voraussetzung für die weitere Entfaltung der Reformation, mit deren Ergebnissen K.Ende der 20er Jahre in voller Breite konfrontiert werden sollte.

Gleichzeitig mit den italienischen Kriegsereignissen, die sich zumeist sehr ungünstig für die kaiserliche Seite entwickelten, erfolgten die folgenschwere Niederlage und der Tod König Ludwigs II. bei Mohács (29.8.). Für Erzherzog Ferdinand begann damit das zähe Ringen mit Johann Zápolya um die Stephanskrone. Die neue, dem habsburgischen Besitz Ferdinands nähergerückte türkische Front nimmt K. nur zögernd und ungern zur Kenntnis. Von nun an besteht für die Politik des Kaisers eine unlösbare Verbindung zwischen dem Problem der Reformation, der Türkendrohung und der Auseinandersetzung mit Frankreich.

Die Situation der kaiserlichen Truppen in Italien besserte sich Anfang 1527, als Jörg Frundsberg von den Alpen nach Mailand vorstieß und sich mit den Truppen unter Leyva und Bourbon vereinigte. Das unbesoldete meuternde Heer stieß hierauf in den Kirchenstaat vor und stürmte am 6.5. Rom. Der Papst geriet in die Gefangenschaft der kaiserlichen Truppen. Für K. erhob sich die Frage, entweder das eigenmächtige Vorgehen der kaiserlichen Soldateska und den Sacco di Roma zu decken oder sich davon zu distanzieren. Ähnlich wie 1525 im Falle Franz I. bot sich die Möglichkeit, die Gefangenschaft des Papstes auszunützen. Während Ferdinand in Erwägung der religionspolitischen Entwicklung im Reich dazu riet, Clemens VII. zur Abhaltung eines Konzils zu zwingen, traten K. und Gattinara für eine schonende politische Zusammenarbeit mit dem Papst ein. Diese Entscheidung war von dem Gedanken geleitet, daß die italienischen Probleme nur im Bündnis mit dem Papsttum einer dauerhaften Lösung im habsburgischen Sinne zugeführt werden könnten. Vor der europäischen Öffentlichkeit hat K. sich dann auch deutlich von den Vorgängen in Rom distanziert.

Unterdessen entfalteten die Gegner K., Frankreich und das mit diesem seit April 1527 verbündete England, weitere militärische Aktivitäten. Sie führten zur Einnahme Genuas durch Lautrec und Andrea Doria, wodurch die spanischen Truppen unter Leyva in Oberitalien in Bedrängnis gerieten. Mitte August schickte K. daher Pierre de Veyre zu Friedensverhandlungen nach Rom. Eine Einigung mit Clemens VII. kam zustande: Gegen seine Freilassung und die Wiederherstellung des Kirchenstaates versprach er Neutralität und die Zahlung von 400 000 Dukaten, was für die prekäre Finanzlage des Kaisers von großer Bedeutung war.

1528/29 konnte der Kaiser den Kampf um Mailand und Neapel für sich entscheiden. Ein Umschwung der militärischen Situation trat ein durch den Übertritt der Flotte von Andrea Doria ins Lager des Kaisers (Konvention von Madrid, 10.8.1528). So wie Genua Verkehrs- und finanzpolitisch eine große Rolle für die Verbindung des habsburgischen Machtpotentials in Italien und Spanien spielte, so brachte der Gewinn der genuesischen Flotte die Sicherung der maritimen Überlegenheit und damit des ungestörten Nachschubs von Spanien nach Italien für die kaiserliche Seite. Die Verfügbarkeit über Dorias Flotte löste auf beiden Kriegsschauplätzen die Probleme rasch zugunsten K.: die Blockade Neapels konnte von den Franzosen allein nicht mehr durchgehalten werden, und die Rückgewinnung Genuas und anderer Plätze am Ligurischen Meer durch Doria verbesserten die militärische Lage der kaiserlichen Truppen in der Lombardei. Als Leyva im Juni 1529 bei Landriano die Truppen der Liga schlug, war der Weg zu Friedensverhandlungen frei.

Zunächst schloß K. mit Clemens VII. den Frieden von Barcelona (29.6.1529), der durch eine Defensivallianz ergänzt wurde. Dem Papst wurde die Restitution von Ravenna, Modena und Reggio an den Kirchenstaat sowie die Restauration der Medici in Florenz zugesichert (die illegitime Tochter K., Margarete, sollte Alessandro de' Medici heiraten). Clemens VII. erneuerte die Investitur K. mit Neapel und sicherte ihm eine weitgehende Verfügung über kirchliche Finanzquellen zu. Gegen die Sicherung der mediceischen Dynastie war der Papst also bereit, die habsburgische Hegemonie in Italien und Europa anzuerkennen. Der Kaiser sagte zu, gegen Häretiker und Türken vorzugehen – ohne klare Bezugnahme auf die Förderung des Konzils durch den Papst. Sein Nahziel war die Kaiserkrönung, und es mußte erst die Zukunft erweisen, ob die Aussöhnung mit dem Papst den politischen Belastungen standhielt.

Der Friede von Cambrai (3.8.1529) mit Franz I. reduzierte das kaiserliche Forderungsprogramm von 1526 auf eine realistische Linie, indem K. auf die gewaltsame Durchsetzung der Restitution des Herzogtums Burgund verzichtete. Jedoch ist zu beachten, daß der Vorbehalt des Rechtsweges die Möglichkeit implizierte, jederzeit die „querelle de Bourgogne“ wieder aufzugreifen. Dieses altburgundische Problem trat nun aber gegenüber denjenigen Artikeln in den Hintergrund, die den Verzicht Frankreichs auf alle italienischen Gebietsansprüche (Mailand, Genua, Neapel) und Souveränitätsrechte in Artois, Flandern betrafen. Die dynastische Verbindung mit dem Hause Habsburg sollte durch die Verehelichung von Franz I. mit Eleonore, der älteren Schwester K. enger geknüpft werden. Mit dem Frieden von Cambrai war zwischen Frankreich und Habsburg das italienische Problem entschieden, und der Weg für eine Kooperation zur Lösung der anderen vordringlichen europäischen Probleme – Glaubens- und Türkenfrage – schien frei. K. konnte endlich seine lange geplante Italienfahrt antreten. Sein Aufenthalt in Bologna zur Kaiserkrönung dauerte von Dezember 1529 bis März 1530. Ferdinand drängte auf sein Erscheinen im Reich im Hinblick auf die Türken und Glaubensfrage. K. hingegen erschien nach dem türkischen Abzug vor Wien (Herbst 1529) die Osmanengefahr vorläufig gebannt, und er erwog zeitweise sogar seine Krönung in Rom und den Besuch seiner neapolitanischen Besitzungen. Schließlich erfolgte die Krönung zum Kaiser durch den Papst, mit Rücksicht auf die Erinnerungen an den Sacco di Roma, in Bologna (24.2.1530). Es war die letzte Kaiserkrönung durch einen Papst. Im Hinblick auf die kirchlichen Probleme in Deutschland suchte K. sich der ausdrücklichen päpstlichen Konzilszusage zu versichern. Doch Clemens VII. war nur zur Unterstützung einer kaiserlichen Ausgleichspolitik bereit, die ohne Konzil auskam.

Die Konzilsfrage bildete das zentrale Problem in den Beziehungen K. zum Papsttum. Der Kaiser nahm die jahrhundertealten Rechte des „Vicarius ecclesiae“ in Anspruch und verlangte vom Papsttum den vollen Anschluß an seine Kirchenpolitik. Der innerstaatliche Aspekt seiner Kirchenpolitik war, wie fast überall im damaligen Europa, gekennzeichnet durch den immer stärkeren Ausbau der staatlichen Verfügungsrechte (auch in finanzieller Hinsicht) im kirchlichen Bereich. So wie hier zeigt sich K. auch in der Hochschätzung des Konzils als Mittel der kirchlichen Wiedervereinigung von der spätmittelalterlichen Tradition beeinflußt. Aber die Skepsis gegenüber einem Konzil, die auf den Erinnerungen an den Konziliarismus des 15. Jahrhunderts basierte, die Gefährdung der päpstlichen Primatialrechte durch den Kaiser und die politische Rücksichtnahme auf Frankreich beeinträchtigten das Engagement des Papsttums für die vom Kaiser verfolgte Konzilspolitik. Wo das Papsttum zu einer Kooperation nicht bereit war, versuchte K. eine Politik der religions- und kirchenpolitischen Aushilfen, die eine künftige Zusammenarbeit mit dem Papsttum durchaus offenhielt. Seine Kritik an den meisten Päpsten seiner Zeit bezog sich auf ihre dynastische Politik in Italien und ihre Verbindungen zu Frankreich. Auch die Neutralitätspolitik Pauls III., die seine Einbeziehung in das politische Spannungsfeld Kaiser-Frankreich zu verhindern trachtete, hat K. als Begünstigung seines Gegners aufgefaßt.

Die kirchlichen und politischen Verhältnisse im Reich hatten sich seit den Reichstagen in Worms 1521 und Speyer 1526 erheblich gewandelt. Seit dem Speyrer Reichstagsabschied (1529) stand den Altgläubigen ein reichsständisch organisierter Protestantismus gegenüber. K. und seine Berater knüpften nun nicht an das Wormser Edikt an, sondern versuchten einen neuen kirchenpolitischen Kurs. Der Kaiser konnte sich dabei auf die weitverbreiteten Ideen eines kirchlichen Ausgleichs stützen (Erasmus), andererseits konnte gegenüber den radikalen Richtungen der Reformation (Zwingli) mit der gemäßigten Richtung Kursachsens – und hier besonders mit dem Flügel um Melanchthon – gerechnet werden. Der Kaiser nahm dabei als „Vicarius ecclesiae“ ein Entscheidungsrecht in Anspruch, das tief in theologische Fragen hineinreichte. Nach der Überreichung der Confessio Augustana (25.6.1530) wurde es für den Kaiser zunehmend schwieriger, die Position eines unparteiischen Schiedsrichters weiter aufrecht zu erhalten. Im kaiserlichen Staatsrat wurden folgende alternative Etappen des Vorgehens gegenüber den Protestanten festgelegt: Schiedsgericht, Konzil, Gewalt. Es zeigte sich rasch, daß dieses Programm problematisch und in der Durchführung außerordentlich schwierig war, besonders im Hinblick auf die Haltung des Papstes und der katholischen Reichsstände.

K. und seine Räte konnten den provokanten Ton, den die altgläubigen Theologen Eck und Cochläus in die vom Kaiser in Auftrag gegebene Confutatio des Augsburger Bekenntnisses brachten, mäßigen. Gleichzeitig aber führte der Versuch, von Clemens VII. eine bindende Zusage in der Konzilsfrage zu erhalten, nicht zum Erfolg. August 1530 wurden die Reunionsverhandlungen in den Reichstagsausschüssen ergebnislos abgebrochen. Eine Wendung zum harten Kurs von 1521 wurde von K. vollzogen, die so weit ging, daß er Anfang September die Bereitschaft der katholischen Reichsstände zu einem gewaltsamen Vorgehen gegen die Protestanten sondierte. Die Katholiken zeigten sich vorsichtig und mißtrauisch, und auch K. war augenblicklich zur militärischen Zerschlagung des Protestantismus weder in der Lage noch willens. Schon hier zeichnet sich die später vorherrschende Problematik der Überlagerung verfassungspolitischer und konfessionspolitischer Fronten ab; der Kaiser hat auch und gerade bei den katholischen Ständen zunehmend mit politischer Opposition gegen alles zu rechnen, was dem Ausbau seiner monarchischen Stellung auf Kosten der Stände dienen konnte. Deshalb rückte der Konzilsgedanke wieder in den Vordergrund: im Reichstagsabschied wird binnen Jahresfrist ein allgemeines Konzil in Aussicht gestellt. Aber es ist nicht zu übersehen, daß unter Androhung reichsrechtlicher Sanktionen auch die Restitution säkularisierten Kirchengutes gefordert wird. Die Frage der kirchlichen Wiedervereinigung Deutschlands hatte sowohl|für den Kaiser als für seine Gegner eine starke politische Komponente. Es wäre eine falsche Idealisierung der kaiserlichen Politik, davon abzusehen, daß eine Reunion Deutschlands eine politische Stärkung des Kaisers bedeutete. Aus dieser Erkenntnis resultiert die französische Gegnerschaft gegen diese Politik.

Auf dem Augsburger Reichstag wurde zwischen K., den Kurfürsten und Ferdinand über dessen Wahl zum römischen König verhandelt. Am 5.1.1531 wurde Ferdinand in Köln von den katholischen Kurfürsten zum römischen König gewählt und am 11.1. in Aachen gekrönt. Der sächsische Kurfürst hatte an dem Akt nicht teilgenommen. Sein prinzipieller Ausschluß von der Wahl, den K. gewünscht hatte, war am Widerstand der anderen Kurfürsten gescheitert. Der Kaiser konnte nicht verhindern, daß Kursachsen einen förmlichen Protest gegen Ferdinands Wahl erhob. Ferdinand schloß ein Defensivbündnis mit seinen Wählern. In beidem zeigt sich die Verhärtung der konfessionellen Fronten. Für das Reich bedeutete die Durchsetzung der Königswahl Ferdinands einen „weiteren Schritt zu einer habsburgischen Erbmonarchie“ (Lutz). Als dessen Folge ist der Zusammenschluß evangelischer Fürsten und finanzstarker Reichsstädte zu Schmalkalden (27.2.1531) zu sehen. Der Kaiser hatte von nun an im Reich mit einer fest organisierten Opposition zu rechnen. Zu ihr stießen zeitweilig auch die Herzoge von Bayern, weil in der Nichtanerkennung der Königswahl Ferdinands und in der Abwehr der kaiserlichen Präpunderanz eine Interessengleichheit bestand. K. hatte sich in einem Geheimvertrag mit seinem Bruder („Moderación del poder“) alle entscheidenden politischen Prärogativen weiterhin gesichert.

Unter diesen Umständen und vor dem außenpolitischen Hintergrund der nicht gebannten Türkengefahr war an die Durchführung der Augsburger Beschlüsse nicht zu denken. Nimmt man die Unmöglichkeit, das Konzil in Gang zu bringen, ferner die Zurückhaltung Frankreichs und die Verstimmung Englands hinzu, so begreift man K. Intention, mit den Protestanten einen vorläufigen Frieden abzuschließen. Auf dem Regensburger Reichstag (April/Juli 1532) verhandelte er mit den Altgläubigen, parallel dazu mit den Evangelischen in Schweinfurt und Nürnberg, unter Vermittlung von Mainz und Pfalz. Diese Verhandlungen führten zum Nürnberger „Anstand“ (23.7.1532), einem bis zu einem Konzil befristeten Religionsfrieden. Seinem Rechtscharakter nach stellt er einen Vertrag K. mit evangelischen Reichsständen außerhalb des Regensburger Reichsabschiedes dar. Gegen die Beteiligung an der Türkenhilfe wurden die Religionsprozesse am Reichskammergericht eingestellt. Das Reich geriet dadurch „verfassungsrechtlich in den Zustand eines permanenten Provisoriums“ (Zeeden). Die Kehrtwendung K. von der harten Linie (November 1530) zur Kompromißbereitschaft verdeutlicht, wie unterschiedlich – weil eben abgestimmt auf die außenpolitische Situation – der Stellenwert der deutschen Glaubensfrage im Kontext seiner Gesamtpolitik war. Für den deutschen Protestantismus resultierte aus K. Entscheidung von 1532 die Möglichkeit, sich weiter auszubreiten und zu konsolidieren.

K. konnte sich nun dem Türkenproblem zuwenden. Aber nur mit Mühe war er durch Ferdinand zu bewegen, mit seinem Heer bis Wien zu ziehen. Die Umkehr Suleimans nach der vergeblichen Belagerung von Güns (August 1532) kam K. Plänen, so rasch wie möglich über Italien nach Spanien zurückzukehren, sehr entgegen. Von dort aus wollte er seinen „Kreuzzugsplan“ gegen die Türken realisieren. Der Einsatz an der kontinentalen Türkenfront hingegen sollte Sache seines Bruders bleiben. Im Rahmen des habsburgisch-französischen Hegemoniekampfes bewirkte die Türkenfrage eine Ausweitung der Konfliktstoffe im Reich und in Europa. Diese Entwicklung erreichte in den 30er und 40er Jahren des 16. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Aufgrund ihrer Einkreisungsmentalität tendierte die französische Politik zur Verbindung mit Johann Zápolya und dem Sultan. Die europäische Solidarität in der Abwehrhaltung zum Osmanenreich löste sich im Gefolge des habsburgisch-französischen Hegemoniekampfes auf. Dabei ist zu beachten, daß nicht nur Frankreich der treibende Teil war. Auch K. hat zeitweilig, wenn auch ohne Erfolg, die Barbareskenstaaten in sein politisches Konzept zu integrieren versucht (Verhandlungen mit Chaireddin Barbarossa 1534, 1537 f.). Bei den Reichsständen bewirkte die Türkenfrage eine überkonfessionelle, reichspatriotische Solidarität. Deswegen waren die Beziehungen Frankreichs zu den Reichsständen andauernd Belastungsproben ausgesetzt.

In Bologna traf K. wieder mit Clemens VII. zusammen (Dezember 1532-Februar 1533). Das Klima hatte sich seit dem Nürnberger Religionsfrieden verschlechtert; K. gelang weder die Durchsetzung der Konzilsforderung – geschickt schob der Papst das Problem auf die Sondierung einer französischen Teilnahme ab – noch die Revision der Annäherung Clemens VII. an Franz I. Der Beitritt des Papstes zu einer Allianz mit Mailand, Mantua, Ferrara,|Genua, Siena, Lucca und dem Kaiser zur Sicherung des Status quo in Italien war nur ein Augenblickserfolg für K. Franz I. hatte bei Clemens VII. schon 1531 die von K. im Frieden von Barcelona zugesagte, später je doch verweigerte Restitution von Reggio und Modena an die Kurie für den Vorschlag eines Eheprojekts (Orléans–Katharina von Medici, Nichte des Papstes) nützen können. Die von Clemens VII. versprochene Mitgift – Parma, Piacenza, Reggio, Modena etc. – hätte die Begründung einer französischen Sekundogenitur in Italien bedeutet. Obwohl letzteres nicht verwirklicht werden konnte, blieb die politische Grundlinie des Papstes nun bis zu seinem Tod (25.9.1534) die Unterstützung Frankreichs. Als Gegenleistung für die Blockierung des Konzils erreichte Franz I. vom Papst die Unterstützung seiner Zusammenarbeit mit Hessen zur Rückführung Herzog Ulrichs nach Württemberg. Aus dieser politischen Konstellation resultierten zu einem beträchtlichen Teil die Isolierung des Hauses Habsburg und die Rückschläge von 1534 im Reich. Hinzu kam das Einschwenken Heinrichs VIII. auf einen antihabsburgischen Kurs (1533).

Am Verhältnis des Kaisers zum Reich in den 30er Jahren zeigt sich, wie schon früher, daß K. im Rahmen seiner erop. Politik den deutschen Problemen nur eine sekundäre Bedeutung beimaß. Da der habsburgische Territorialbesitz im Reich (abgesehen von den Niederlanden und der Freigrafschaft Burgund, die eine Sonderstellung einnahmen) seit Anfang der 20er Jahre Ferdinand unterstand, war K. nirgendwo direkt mit den reichsrechtlichen Problemen der um sich greifenden Reformation konfrontiert.

Seit dem Scheitern der Verlängerung des Schwäbischen Bundes (Ende 1533) und den darauffolgenden französisch-hessischen Bündnisverhandlungen drohte eine militärische Auseinandersetzung um das seit 1520/21 in habsburgischer Hand befindliche Württemberg. Das württembergische Engagement paßte damals weder in K. noch in Ferdinands Konzept. „Wenn man an die Schlüsselstellung Württembergs für die habsburgische Macht im alten Deutschland denkt, … so bleibt es schwer begreiflich, weshalb die kaiserliche Politik, die um Mailand ein Menschenalter lang kämpfte, den Verlust so leicht hinnahm“ (Brandi). Seit dem Beginn seines Kaisertums waren für K. Mailand und Württemberg inkommensurable Größen. Zudem nahm den seit 1533 in Spanien weilenden K. die ureigenste aragonesische Expansionspolitik in Anspruch, hinter die auch ein Angriff auf Frankreich, mit dem Franz I. damals gerechnet hat, zurücktrat: das Flottenunternehmen gegen Tunis. Diese geglückte Expedition, die auf dem Zusammenwirken von Landheer und Flotte im Juli 1535 gegen den seit 1534 mit Frankreich verbündeten Korsaren Chaireddin Barbarossa beruhte, hatte eine starke Wirkung auf K.Selbstbewußtsein, auch steigerte sie sein Ansehen in der europäischen Öffentlichkeit. Der anschließende Besuch seines neapolitanischen Königreiches und sein Einzug in Rom (Herbst 1535) glichen einem Triumphzug. Die politische Bedeutung des Tunisunternehmens hingegen darf nicht überschätzt werden (wie von Rassow), denn die Macht der Barbaresken war keineswegs vernichtet oder auch nur für längere Zeit geschwächt.

In den 30er Jahren stiegen die Kosten für Militärorganisation und Kriegführung stark an. Die Ausrüstung des Heeres und der Flotte und die Anwerbung von Söldnern erforderten die kurzfristige Aufbringung von Geldmitteln, insbesondere im Frühjahr, wenn die Kriegführung begann. Die Kriegskosten belasteten den kaiserlichen Finanzhaushalt mit über 50%. Die relativ hohen Einnahmen K. in den spanischen Königreichen allein schufen keine Abhilfe. Erst der steigende Zustrom von Edelmetallen aus der Neuen Welt gab vor allem die Basis für eine Anleihepolitik ab, deren Rahmen sich bis in die 50er Jahre mehr als verdoppelte. Doch haben diese Kreditoperationen die Staatsverschuldung nur beschleunigt.

Mit dem Pontifikat Pauls III., der die Mittelmeerpolitik K. von 1535 unterstützt hatte, ergaben sich neue Voraussetzungen zur Lösung der europäischen Probleme. Der neue Papst stufte die Wiederherstellung der Glaubenseinheit hoch ein und stand der Konzilsfrage positiv gegenüber. Vorbedingung dazu schien ihm aber die Erneuerung des europäischen Friedens, die er zunächst durch einen kompromißlos neutralen Kurs bei K. und Franz I. zu erlangen versuchte.

Der Tod des Herzogs von Mailand, Francesco Sforza (1.11.1535), veränderte die Situation in Italien schlagartig – die Mailänder Frage wurde wieder akut. Franz I., der von seiner Verwandtschaft mit den Visconti Ansprüche auf Mailand ableitete, schlug K. vor, das französische Königshaus mit dem Herzogtum zu belehnen. K. ließ im Winter 1535/36 verhandeln, stellte aber hohe Bedingungen, voran den weiteren Besitz der lombardischen Festungen, und die Belehnung Angoulêmes (3. Sohn Franz' I.) statt Orléans'. K. war es damals jedoch mit dem Gedanken der Abtretung Mailands an einen französischen Prinzen nicht ernst. Dies hat Brandi mit Recht betont, wogegen Rassow K. Bereitschaft behauptete, für das Ziel der Erhaltung des Friedens und einer in Gang zu bringenden Konzilspolitik den hohen Preis von Mailand als Apanage für einen französischen Prinzen zu zahlen. Doch war nicht zu erwarten, „daß der Sieger von 1529 auf den Preis langjähriger Kämpfe verzichten werde“ (Lutz). Entgegen Rassow läßt sich in der Mailandpolitik K. eine gerade Linie bis zur geheimen Investitur Philipps (1540) ziehen.

Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann der Krieg gegen Frankreich wieder ausbrechen würde. Als K. auf Einladung Pauls III. Fragen des Konzils in Rom besprach, traf ihn die Nachricht vom französischen Einmarsch in Piemont und der Einnahme von Turin (3.4.1536). Franz I. sicherte sich mit diesem Überraschungserfolg ein Tauschobjekt für das erstrebte Mailand, für dessen Eroberung seine Kräfte zu schwach gewesen wären (Rassow).

K. benützte diese Nachricht zu einer großangelegten politischen Demonstration. Am Ostermontag (11.4.) hielt er im Vatikan vor dem Papst, den Kardinälen und den Diplomaten eine eineinhalbstündige Rede in spanischer Sprache. Er klagte Franz I. an, den Frieden von Cambrai verletzt und den Krieg begonnen zu haben. An den Papst appellierte er, seines Schiedsrichteramtes gegen den Friedensbrecher zu walten. Dieser Schritt K. ist keineswegs als spontaner Ausdruck persönlicher Entrüstung über Franz I., sondern als überlegter, propagandistisch motivierter Auftritt zu werten: hier in Rom sollte der französische König vor der europäischen Öffentlichkeit, insbesondere vor der italienischen, als notorischer Friedensstörer denunziert werden. Die beabsichtigte Wirkung auf den Papst blieb aus. Er ließ sich nicht auf die Seite K. ziehen, sondern blieb neutral und lediglich zur Friedensvermittlung bereit. Denn in politischen Fragen war ihm eine Schwächung K. in Italien wünschenswert. Zu einer Unterstützung in der Konzilspolitik hingegen war er bereit: für Mai 1537 wurde nach Mantua ein allgemeines Konzil anberaumt.

Auf Seiten K. war man für den militärischen Gegenschlag mit Land- und Seestreitkräften gleichermaßen gut gerüstet. Zwei strategische Konzepte standen zur Debatte: Leyva trat für eine Rückeroberung Piemonts ein. Dorias Konzept bestand darin, mit den Seestreitkräften Marseille zu erobern. K. entschied sich für Doria; ex post gesehen war dies eine Fehlentscheidung. Ausgehend von den Erfahrungen im Falle von Tunis, die allerdings auf Marseille nicht paßten, gab K. dem Offensivprojekt den Vorrang. Von noch größerer Bedeutung für den Mißerfolg des Kriegsplanes war die Taktik von Montmorency – Wegschaffen der Vorräte, starke Befestigung von Marseille. Vor allem deshalb konnte Marseille durch einen kombinierten Angriff von Land- und Seestreitkräften nicht eingenommen werden. Anfang September mußte die kaiserliche Armee in die Lombardei zurückkehren. Indessen beschleunigte das französisch-türkische Bündnis, das in Italien als bedrohlich empfunden wurde, die Zusammenarbeit zwischen Papst und Kaiser. Die zwischen Paul III., K., Ferdinand und Venedig am 8.2.1538 abgeschlossene Türkenliga war ein wichtiger Schritt auf diesem Weg. Die Verhandlungen Pauls III. mit Franz I. und K.seit dem 19.5. in Nizza endeten am 17./18.6. mit einem zehnjährigen Waffenstillstand, der den Status quo in Italien sanktionierte. Danach ging K. auch auf die Territorialinteressen des Hauses Farnese ein und vereinbarte mit Paul III. in Genua die Eheschließung seiner natürlichen Tochter Margarete mit Ottavio Farnese, dem Enkel des Papstes – sie erfolgte am 4.11.1538 – gegen die hohe Bewilligung auf die Einkünfte der spanischen Kirche. Auf dem familiären Treffen K. mit Franz I. in Aigues-mortes (14.-16.7.) kam es zu Absprachen, die das Programm einer künftigen Zusammenarbeit in der Türken- und Glaubensfrage – bei letzterer im Sinne einer Reunionspolitik – entwarfen. Auf der persönlichen Ebene schien die Freundschaft der „princes chrétiens“ eingekehrt. Aber das Faktum, daß kein Friede zustande gekommen war und somit alle Streitfragen ungelöst blieben, wog ungleich schwerer.

Der Gedanke einer kirchlichen Reunionspolitik trat nun immer stärker in den Mittelpunkt der Beziehungen zwischen Kaiser und Reich. Die Mission des Reichsvizekanzlers Matthias Held bei den Schmalkaldenern (1537) scheiterte. Ein Konzil, das in Mantua stattfinden sollte, schien den Protestanten unannehmbar. Hierauf folgte die Gründung eines katholischen Gegenbundes in Nürnberg (10.6.1538). In zeitlicher Parallele zu seinen Verhandlungen in Nizza ließ K. einen „weichen“ Kurs zur „pacification de l'Allemagne“ einschlagen. Der Gruppe der intransigenten Mitglieder des katholischen Bundes stand eine fürstliche Mittelgruppe, voran Kurfürst Joachim II. von Brandenburg, gegenüber. Dieser bot nun K. seine Vermittlerdienste für Religionsverhandlungen an. Auf diese Initiative war K. bereit einzugehen. Auch die|Kurie schien zur Duldung oder Unterstützung dieser Politik bereit. Johann von Weeze, Erzbischof von Lund, wurde noch 1538 ins Reich abgefertigt, um in Kooperation mit Ferdinand den Frankfurter „Anstand“ (19.4.1539) auszuhandeln, der den Protestanten ähnliche Zusicherungen gab wie 1532. So wie damals erhoffte sich Ferdinand Unterstützung zur Türkenhilfe; nun aber berief K. ein Religionsgespräch zum Zwecke der theologischen Verständigung und der kirchlichen Reunion ein. Das in Hagenau geplante, in Worms Ende 1540 unter Beteiligung führender Theologen auf altgläubiger wie evangelischer Seite und unter Leitung Granvellas begonnene Colloquium erwies sich als schwierig. Der Kaiser ließ es auf den für den 6.1.1541 nach Regensburg ausgeschriebenen Reichstag verlegen. Dort waren die Voraussetzungen für ein kaiserliches Eingreifen in die Verhandlungen gegeben. Gerade durch die Kombination eines theologischen und politischen Ausgleichs versprach sich K.eine religiöse Wiedervereinigung Deutschlands. Doch war für deren Gelingen auch die europäische Situation entscheidend.

Am Vorabend des Reichstags waren die Beziehungen K. zu Frankreich weit entfernt von jener, gewiß künstlichen Atmosphäre des Entgegenkommens der Jahre 1538/39. Denn Franz I. hatte die Erwerbung Mailands im Auge zu behalten; er versuchte sie mit den Mitteln der dynastischen Politik. Verschiedene Eheprojekte für Orléans– nach dem Tode des Dauphins Franz (1536) rückte Karl, der dritte Sohn Franz I., nach – trug er an K. heran, worauf dieser sich auf die gewohnte Verschleppungstaktik verlegte und Alternativen wie die Betrauung mit der Regentschaft in den Niederlanden vorbrachte, um der Begründung einer französischen Sekundogenitur in Mailand vorzubeugen. Solche Mittel waren nicht geeignet, die Probleme zwischen K. und Frankreich zu lösen. Im Oktober 1540 beschloß K., den unsicheren dynastischen Wechselfällen durch die geheime Investitur seines Sohnes Philipp mit Mailand zuvorzukommen.

Im Hintergrund arbeitete die französische Diplomatie seit dem Frühjahr 1540 auf einen neuen Krieg hin. Ihre Kooperation mit den Türken beeinflußte den Friedensschluß Venedigs mit dem Sultan (2.10.1540), und für 1541 waren weitreichende französisch-türkische Operationen in Italien geplant. An die weitgespannten Ziele der kaiserlich-päpstlichen Türkenliga von 1538 war nun schon wegen Venedigs Neutralitätspolitik nicht mehr zu denken. Doch begann sich auch K. außenpolitisch abzusichern. 1540 vollzog er eine vorsichtige Annäherung an Heinrich VIII., um im Falle des Bruchs mit Frankreich einen Bündnispartner zu haben. In Deutschland ließ der Kaiser auf Anraten seines Bruders den „Fall des Landgrafen von Hessen“ (Bigamie) sondieren. Die Auseinandersetzungen mit Kursachsen wegen der erbrechtlichen Folgen aus der Doppelehe sowie die Angst vor reichsrechtlichen Konsequenzen ließen Philipp schließlich auf die Linie K. einschwenken.

Das Scheitern der Reunionspolitik des Kaisers auf dem Regensburger Reichstag 1541 hat verschiedene Gründe: es gab theologischen und politischen Widerstand auf katholischer Seite (eine intransigente Gruppe um Bayern, Mainz; die Kurie), Zögern und theologischen Widerstand auf protestantischer Seite (Luther). Als die Konkordienverhandlungen der Theologen Gropper, Pflugk, Eck, Bucer und Pistorius in der Kernfrage der Sakramentenlehre zu keiner Einigung führten, war man auf keiner Seite bereit, den in anderen theologischen Fragen erreichten Konsens als „Teilkonkordie“ zu akzeptieren. Seitens der Kurie und der katholischen Fürsten wurde nun wieder die Lösung der Kirchenfrage durch ein Konzil in den Vordergrund gerückt. Die Fronten hatten sich neuerdings verhärtet. K. war auf die Linie der Politik einzelner befristeter Konzessionen den Protestanten gegenüber zurückgeworfen. Der Reichsabschied verlängerte den Nürnberger Religionsfrieden von 1532; darüber hinaus sicherte eine Geheimabsprache ohne reichsrechtliche Verbindlichkeit den Protestanten weiterreichende kirchenpolitische Zugeständnisse (unter anderem die Reformation landsässiger Stifte und Klöster) zu. Ebenfalls auf dem Wege einer geheimen Deklaration versuchten die Altgläubigen eine kirchenpolitische Absicherung: die Bestätigung des katholischen Bundes. Dieses Vorgehen K. hat den verworrenen Rechtszustand noch weiter belastet. In machtpolitischer Hinsicht verfolgte es das Ziel, ein gewisses Gleichgewicht unter den Religionsparteien zu erhalten; die Ergebnisse der Heldschen Mission zur Bildung eines katholischen Gegengewichtes waren ihm nun willkommen. Aber er hat auf die Vertreibung Herzog Heinrichs von Braunschweig-Wolfenbüttel (1542) durch die Schmalkaldener, die dies Gleichgewicht zum Nachteil des katholisch Bundes verschob, nicht reagiert. Die Vereinbarungen K. mit einzelnen nichtkatholischen Reichsfürsten am Rande des Reichstags in Regensburg sind als die „Grundlegung der späteren Triumphe des Kaisers“ zu werten (Cardauns). Die Verträge mit Hessen (13.6.1541) und Joachim II. von|Brandenburg (24.7.) liefen auf die Schwächung der äußeren Politik des Schmalkaldischen Bundes hinaus. Gegen die Tolerierung der Doppelehe beziehungsweise die Anerkennung der brandenburgischen Kirchenordnung wurde beiden Fürsten ein Bündnis mit Frankreich und eine Aufnahme von dessen Verbündetem, dem Herzog von Kleve, in den Schmalkaldischen Bund untersagt. Für die Politik K.fiel die vom Landgrafen ausgehandelte Conditio, daß der Vertrag im Falle eines Krieges gegen alle Schmalkaldener null und nichtig sein sollte, einstweilen nicht ins Gewicht.

Diese Vertragspolitik K.s verhinderte bis zum Schmalkaldischen Krieg einen Erfolg der französischen Bündniswerbungen bei den deutschen Protestanten. Aber auch die französisch-türkische Allianz trug zur reservierten Haltung der deutschen Fürsten gegenüber Frankreich bei. Denn die ursprünglich im Mittelmeerraum vorgesehene Kooperation der Türken mit Frankreich erhielt nach dem Tode Zápolyas (21.7.1540) wieder einen kontinentalen Aspekt: Suleiman wollte eine Festsetzung Ferdinands in ganz Ungarn verhindern.

Von der Mittelmeerpolitik zum „großen Plan“ K.s führt eine deutlich sichtbare Linie. Zunächst hatte die Intensivierung der französisch-türkischen Beziehungen eine Verschärfung der europäischen Spannungen zur Folge. Sie finden ihren Ausdruck in der Ermordung des französischen Gesandten Rincone und seines Begleiters Fregoso – beide befanden sich auf der Rückreise nach Konstantinopel – am 3.7.1541 durch spanische Soldaten auf dem Po bei Pavia. K. hat zwar jegliche Verantwortung zurückgewiesen, aber eine gewisse Mitwisserschaft läßt sich nachweisen (Cardauns). K. beeilte sich, nach dem Regensburger Reichsabschied (Ende Juli) nach Italien zu reisen, um von dort aus mit den seit 1538 zur Verfügung stehenden spanisch-genuesisch-neapolitanischen Flottenverbänden einen Schlag gegen die neuerdings mit den Türken verbündeten Barbaresken zu führen. Die Eroberung von Algier entsprach der offensiven Afrikapolitik, wie sie seit langem von Spanien aus projektiert wurde. K. wollte den Erfolg Dorias an der italienischen und afrikanischen Küste von 1540 mit einer Expedition nach Algier krönen und die habsburgische Herrschaft im westlichen Mittelmeer sichern. Zunächst galt es jedoch, Italien vor einem französischen Angriff zu sichern, und Doria ist auch noch im Sommer 1541 in erster Linie für den Schutz Genuas eingetreten. Dazu kamen nautische Bedenken gegen das Algierprojekt angesichts der fortgeschrittenen Jahreszeit. Dennoch setzte K. den Algierplan durch. Auch die bedrängte Lage seines Bruders in Ungarn – vor Ofen – konnte daran nichts ändern. Die Entscheidungssituation war analog zu 1532: K. hatte sich zwischen dem mediterranen Kriegsschauplatz und dem ungarischen zu entscheiden. „Und genau wie damals ist die Entscheidung zugunsten der Mittelmeer-Länder gefallen“ (Cardauns). Nicht Ungarn, sondern Algier eröffnete die Aussicht auf Waffenruhm und auf eine maritime Konsolidierung des spanisch-italienischen Herrschaftsbereiches – beides wurde durch den Verlust der Flotte am 24./25.10.1541 in den Herbststürmen vor der Küste von Algier begraben.

Frankreich hat dies Scheitern K. nicht sofort auszunützen vermocht. Erst im folgenden Jahr setzte der Krieg ein. In einer Zwangslage seinem türkischen Verbündeten gegenüber erklärte Franz I. am 10.7.1542 dem in Spanien weilenden Kaiser den Krieg – in einer Situation, in der eine Hilfe durch türkische Flottenverbände nicht erwartet werden konnte. Der gut gerüstete K. hingegen hatte mit einem Defensivkonzept – kein Einfall in Piemont, statt dessen Konzentration auf die Verteidigung der niederländischen und spanischen Grenze – Erfolg. Van Rossem scheiterte im Juli an der Maas, der Dauphin vor Perpignan. Die Bündnisse Franz I. mit Dänemark-Norwegen und Schweden (seit 1541) erwiesen sich als wenig ergiebig. K. hingegen konnte nach langen, schwierigen Verhandlungen am 11.2.1543 einen Bündnisvertrag mit England abschließen. Es war von großer Wichtigkeit für den weiteren Waffengang, daß darin eine gemeinsame Operation in Nordfrankreich geplant war.

Mit dem Verlassen seiner spanischen Königreiche im Frühjahr 1543 – der 16jährige Philipp wurde mit der Regentschaft betraut – trat K. in eine neue Phase der militärischen Auseinandersetzung mit Franz I. ein, die Brandi mit Recht als wesentliches Teilstück der Realisierung des „großen Plans“ bezeichnet hat. Auch wenn die Kohärenz der kaiserlichen Politik 1543-47 vielleicht durch Brandi überschätzt worden ist, kann man sich doch dem Eindruck nicht entziehen, daß K. nunmehr nach den mangelhaften Erfolgen in Südeuropa und im Mittelmeer konsequent in Mitteleuropa Entscheidungen und Erfolge sucht. Programmatik und Faktizität der kaiserlichen Politik kamen deshalb weitgehend zur Deckung, weil die Folgerichtigkeit der gesuchten Entscheidungen gegeben war: nacheinander Vorgehen gegen Kleve, Frankreich, die deutschen Protestanten und Lösung der Kirchenfrage auf einem allgemeinen Konzil. Sein erster Weg führte K. nach Italien zu Paul III. In|der Zusammenkunft von Busseto bei Parma (Juni 1543) versuchte er den Papst gegen Frankreich zu gewinnen. Paul III. gab sich neutral und friedensvermittelnd, verlangte aber einen hohen Preis für die Bundesgenossenschaft, nämlich das Herzogtum Mailand für seinen Enkel Ottavio. Der Kaiser war empört, das Klima der Zusammenarbeit auch weiterhin empfindlich getrübt.

Während auf dem italienischen Kriegsschauplatz Nizza von der gemeinsam operierenden französisch-türkischen Flotte eingenommen wurde, führte K. den Feldzug gegen Herzog Wilhelm von Kleve fort, der von Frankreich im Stich gelassen worden war. Dieser kapitulierte nach der Zerstörung Dürens. Der Vertrag von Venlo (7.9.1543) legte ihm die Rückkehr zur „Religion des Kaisers“ und den Verzicht auf das französische Bündnis auf. Zur Arrondierung der niederländischen Besitzungen K. mußte er Geldern und Zütphen abtreten. Die Unterwerfung Kleves war von großer Bedeutung für K. militärisch-politische Position, sie festigte seine Autorität im Reich erheblich. Zudem schob er den niederrheinischen Reformationsbestrebungen (in Kleve, Köln, Westfalen) einen Riegel vor. Franz I. ging der letzte Kontakt zu den Reichsständen verloren.

Auf dem am 20.2.1544 eröffneten Reichstag von Speyer stand an erster Stelle das Hilfegesuch K. gegen Frankreich zur Debatte. Propagandistisch wurde es untermauert durch die Verurteilung des französisch-türkischen Bündnisses: der Kaiser müsse den „Erbfeind der Christenheit“ nun indirekt bekämpfen; erst nach der Niederwerfung Frankreichs könne auch der Türke bezwungen werden. Tendenzen gegen einen Frankreichfeldzug und für die Annahme der päpstlichen Friedensvermittlung bestanden unter den süddeutschen Fürsten (Bayern, Württemberg, Salzburg); doch die Mehrheit der Reichsstände reagierte auf K. Initiative positiv: eine Truppe von 28 000 Mann, als Türkenhilfe deklariert, wollte man für 6 Monate aufbieten. Die habsburgische Politik errang damit gegenüber den Reichsständen ihren größten Erfolg seit 1532. Nun erst wurde über die ständischen Gegenforderungen verhandelt. Seitens der Protestanten wurden die alten Forderungen nach Sicherheitsgarantien auf der Basis der 1542/43 verlängerten Regensburger Deklaration (1541) erhoben und erweitert durch das Verlangen nach reichsrechtlicher Gleichstellung der Augsburger Konfession. Ihre Erfüllung glaubte K.unter dem Zwang des Handelns nicht verweigern zu können. Jedoch befristete er diese Zusagen bis zu einem Nationalkonzil – hierbei reicht der Bogen bis 1524 zurück – oder Reichstag. Die Vertagung einer Lösung der kirchenpolitischen Fragen, ein von K. oft praktizierter Ausweg, läßt nicht die Zusagen, sondern das Verfahren als solches problematisch erscheinen. K. Gewissensvorbehalt scheitert schließlich an strukturellen Entwicklungen, die im Schutze der kaiserlichen befristeten Zusagen zu kaum oder überhaupt nicht widerrufbaren Ergebnissen in Kirchenorganisation, Säkularisierung und religiösem Bewußtsein der Ober- und Bildungsschichten führten. Deshalb ist der taktische, nicht der sachliche Stellenwert der Zusagen im Rahmen der politischen Konzeption des Monarchen hoch einzuschätzen. Die Zusage einer „christlichen Reformation“ läßt wohl keinen Zweifel an absichtlicher Zweideutigkeit; denn die dehnbare Formel konnte protestantische Reformation, katholische papsttreue Reform oder ein antipapales, cäsaropapistisches Reformwerk des „mittleren Weges“ bedeuten.

1544 ist K. die Integrierung der reichsständischen Kräfte im Konflikt mit Frankreich gelungen. Die Auswirkungen dieser einmaligen Identität zwischen „Kaiser und Reich“ erhellen, daß sich dieser Konflikt bei einer dauerhaften Unterstützung seitens der Reichsstände wohl anders entwickelt hätte. Dagegen zeigt das propagandistische Schlagwort der „spanischen Servitut“, das in den 40er Jahren aufkommt, wie stark die Stände im allgemeinen den Kontrast zwischen ihren Zielsetzungen und jenen des Kaisers und letztlich zwischen Kaiser und Reich empfanden. Entscheidend für K. Beziehungen zum Reich in den späteren Jahren seines Kaisertums war die Erfahrung, daß er sich nicht einmal auf dem Höhepunkt seiner Macht in den anstehenden religions- und verfassungspolitischen Fragen gegen die Stände durchsetzen konnte.

Die Konzessionen an die Protestanten, die ohne Konsultation der Kurie erfolgt waren, führten in Rom zu einer scharfen Reaktion, die sich in einem päpstlichen Dokument entlud, das in ganz Europa verbreitet wurde („Tadelsbreve“ vom 24.8.1544) und unter anderem die katholischen Reichsstände gegen die Kompromißpolitik des Reichsoberhauptes mobilisieren sollte. Die nicht minder heftigen publizistischen Gegenaktionen der Protestanten zeigen, wie stark deren Vertrauen in K. zu diesem Zeitpunkt war, als er den Krieg an Maas und Marne nach Frankreich hineingetragen hatte. Trotz erheblicher militärischer Erfolge K. ging die Taktik des Gegners, keine Entscheidungsschlacht anzunehmen,|sondern die kaiserlichen Truppen an den Festungen aufzuhalten und die Rückzugslinien abzuschneiden, im großen und ganzen auf. Schon vor der Festung Sankt Dizier begann die allmähliche Zersetzung des kaiserlichen Heeres, die durch den ausbleibenden Sold beschleunigt wurde. Da Heinrich VIII. seine Kräfte auf die Belagerung von Boulogne konzentrierte, mußte K. auf den Vorstoß nach Paris verzichten. „Der Vormarsch war weiter nichts als ein strategisches Manöver zur Beendigung des Krieges“ (Cardauns).

Durch den raschen Friedensschluß hoffte der Kaiser freie Hand für seine Pläne im Reich zu gewinnen. Im ostensiblen Friedensinstrument von Crépy (20./22.9.1544) gewann Franz I. rechtlich begründete Ansprüche auf Mailand: der Herzog von Orléans sollte binnen Jahresfrist mit der Infantin Maria oder mit Erzherzogin Anna von Österreich verheiratet werden. Allerdings war auch eine Alternative vorgesehen, die sich auf die Niederlande bezog. K. verzichtete somit auf eine völlige Niederwerfung seines Rivalen. Erst aus der Zusammenschau mit dem geheimen Vertragsannex ergibt sich dafür eine Erklärung: Franz I. wurde zur Beschickung des Konzils (nach Trient, Cambrai oder Metz) und zur Unterstützung der Rückführung der Protestanten verpflichtet. „Frankreich sollte in der Rolle eines Trabanten, dem eigene politische Entscheidungen weitgehend genommen waren, die kirchenpolitischen Ziele des Kaisers unterstützen. Diese Ziele waren universal in einem doppelten Sinne. Bei der Wiederherstellung der kirchlichen Einheit – durch den Einsatz diplomatischer Mittel oder auch kriegerischer Macht – ging es nicht nur um Deutschland, sondern um die religiöse Zukunft der ganzen Christenheit“ (Lutz).

Die Erwartungen K. erfüllten sich nicht. Der Kooperationswille Frankreichs hing davon ab, ob die dynastische Lösung für Mailand zustande kam. K.verzögerte die Einlösung dieser Verpflichtung, und als am 9.9.1545 der für diese dynastische Lösung vorgesehene 2. Sohn Franz I. starb, war K. nicht willens, eine Alternativlösung zu erörtern. Damit war die zentrale Voraussetzung einer dauerhaften Aussöhnung mit Frankreich nicht mehr gegeben. Im Augenblick hatte jedoch K. auch ohne französische Unterstützung die Hände frei zur weiteren Verfolgung seines „großen Planes“.

Die nächsten Jahre führten den Kaiser mit dem Sieg über die Schmalkaldener auf den Höhepunkt seiner Machtentfaltung im Reich und in Europa. Paul III. hatte das Konzil für den 15.3.1545 nach Trient ausgeschrieben. Dies stand in einem gewissen Widerspruch zu der Zusage K.s (Speyrer Reichstag 1544), daß auf dem Reichstag in Worms 1545 über eine „christliche Reformation“ verhandelt werden sollte. Das rasche Umschwenken K. zu dem Entschluß eines Protestantenkrieges war durch zwei Faktoren beeinflußt: zum einen die Weigerung der Protestanten, das Konzil zu besuchen, zum andern die Bereitschaft des nach Worms entsandten Kardinallegaten Farnese, die Mitwirkung des Papstes bei einem Protestantenkrieg zuzusagen. K. sah das militärische Vorgehen gegen die Häupter des Schmalkaldischen Bundes als Mittel, die Protestanten zum Besuch des Konzils zu zwingen. Aber er war weder gerüstet noch im Reich bündnispolitisch abgesichert. Die Rüstungen wurden nun systematisch vorbereitet, in außenpolitischer Hinsicht konnte er eine Annäherung Englands an Frankreich verhindern; Ferdinand konnte einen Waffenstillstand mit dem Sultan abschließen. Im Reich triumphierte einstweilen die Hinhaltepolitik. K. dürfte allerdings auch innerlich geschwankt haben und von der Vorstellung ausgegangen sein, vor der Entscheidung für den Krieg alle Versuche zur friedlichen Beilegung der Streitfragen ausschöpfen zu sollen.

Auf dem am 5.6.1546 in Regensburg eröffneten Reichstag herrschte kein gutes Verhandlungsklima. Beide Konfessionsparteien schoben einander die Schuld am bisherigen Scheitern der Religionsverhandlungen zu. Der Reichstagsabschied vom 24.6., nach der Abreise der meisten protestantischen Reichsstände verkündet, war der kürzeste seit langem. Die kaiserliche Diplomatie brachte ein Bündnis mit Bayern und Dienstverträge mit Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach und Herzog Erich von Braunschweig-Calenberg unter Dach und Fach. Angesichts der Schwäche der katholischen Reichsstände mußte K. auch protestantische Verbündete gewinnen. Er knüpfte an das System religionspolitischer Aushilfen von 1541/44 an und verpflichtete die protestantischen Bündnispartner auf ein Konzil („ein gemein, frei, christlich Konzil in deutschen Landen“), dessen Form absichtlich unklar gehalten war. Die Ambivalenz dieser Aussagen sollte sich nach dem Sieg über die Schmalkaldener gegen K. wenden. Herzog Moritz von Sachsen wurde der wichtigste Bündnispartner. Seine Länder besaßen eine strategische Schlüsselstellung. Der Vertrag mit K. (19.6.) stellte ihm die sächsische Kurwürde in Aussicht. Gegen die Anerkennung des|Konzils erhielt er die Schutzherrschaft über Magdeburg und Halberstadt – im übrigen sollte sich Moritz zunächst neutral verhalten. Die benötigte Aufmarschbasis sollte das nach außen neutrale Bayern sichern. Der Regensburger Vertrag (7.6.1546) stellte den bayerischen Herzögen – allerdings unter der Voraussetzung, daß sich die Pfalz der Politik K. gewaltsam widersetzen sollte – die Pfälzer Kurwürde und Pfalz-Neuburg in Aussicht. Eine engere Bindung sollte jenes dynastische Projekt bringen, das 1534 schon ausgehandelt, dann aber nicht zustandegekommen war: die Verheiratung Herzog Albrechts mit Anna von Österreich.

Mit der Achterklärung an Kursachsen und Hessen wegen ihres um Jahre zurückliegenden Überfalls auf Braunschweig eröffnete K. den Krieg. Er beabsichtigte damit die Trennung der schmalkaldischen Städte von den tonangebenden Fürsten (Sachsen und Hessen). In der Sprache der habsburgischen Propaganda hieß dies: Bestrafung der Widder, nicht der Schafe. Allerdings trat die erhoffte Spaltung nicht ein. In der ersten Phase des Schmalkaldischen Kriegs, dem Donaufeldzug, der sich im Sommer und Herbst in Oberdeutschland abspielte, mußte K. zwecks Heranführung von Truppen aus den Niederlanden und Italien auf Zeitgewinn hinarbeiten. Er ging deshalb jeder Schlacht aus dem Weg. Die „Neutralität“ Bayerns trug entscheidend dazu bei, daß schmalkaldische Truppen die Donau nicht überschritten. Sie nützten ihre zahlenmäßige Überlegenheit nicht aus. Die Wendung im Donaufeldzug ergab sich durch den Einfall von Herzog Moritz in Kursachsen (Anfang November 1546). Der nun erfolgende Rückzug der Schmalkaldener, der ohnehin durch Mangel an Geld und Proviant notwendig geworden war, machte K. den Weg frei zur Niederwerfung der süddeutschen Städte und Herzog Ulrichs von Württemberg. Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen konnte die raschen Erfolge von Herzog Moritz rückgängig machen. Erst der Aufmarsch K. in Kursachsen verschob die Kräfteverhältnisse wieder eindeutig zuungunsten der Schmalkaldener. Die strategische Nachlässigkeit Johann Friedrichs ermöglichte K. den raschen und durchschlagenden Erfolg bei Mühlberg an der Elbe (24.4.1547). Der in der Schlacht gefangene sächsische Kurfürst war hierauf gezwungen, in der Wittenberger Kapitulation (19.5.) auf die Kurfürstenwürde zu verzichten und die Kurlande an Moritz abzutreten. Einen Teil der ernestinischen Lande mußte dieser allerdings an die Söhne des abgesetzten Kurfürsten wieder abtreten.

Die kaiserliche Politik hat bewußt darauf hingearbeitet, daß dem „Judas von Meißen“ durch die jungen Ernestiner „ein Pfahl ins Fleisch gesetzt wurde“ (Hartung). Diese Voraussetzungen, die sein Taktieren zwischen dem Kaiser und den protestantischen Nachbarn im Zeichen der Erhaltung seiner erworbenen Position so schwierig machten, erklären seine spätere Politik. Die sächsische Frage hat K. also rasch lösen können. Aber mit der Gefangensetzung des zu Verhandlungen erschienenen Landgrafen Philipp überspannte er den Bogen. Von übersteigertem Stolz war das persönliche Verhalten K. in diesen Monaten geprägt. Aber von einer völligen militärischen Niederlage der Schmalkaldener konnte keine Rede sein. Der Widerstand Magdeburgs und Bremens sowie die Vertreibung Herzog Erichs von Braunschweig-Calenburg symbolisieren die Machtlosigkeit K. in Norddeutschland.

Seit der letzten Phase des Schmalkaldischen Krieges hatte sich das Verhältnis K. zu Paul III. rasch verschlechtert. Auf der militärischen Ebene vollzog sich der Abzug der päpstlichen Hilfstruppen während des sächsischen Feldzuges (Frühjahr 1547). Als der Papst das Konzil aus Trient nach Bologna verlegte, fühlte sich der Kaiser in dem Augenblick vom Papsttum im Stich gelassen, als er die militärische Niederwerfung der Protestanten und die kirchliche Reunion in die Hand nahm.

In der Verfassungsfrage sah der Kaiser den Zeitpunkt gekommen, den seit dem Wormser Reichstag 1521 bestehenden verfassungsrechtlichen Kompromiß durch eine monarchische Lösung zu ersetzen. Sein Reformprogramm verfolgte den Plan eines (allgemeinen) Reichsbundes unter äußerlicher Schonung der Reichsverfassung. In diesen Bund sollten auch die Niederlande, vielleicht auch Mailand und Neapel einbezogen werden. Die Verfassungsreformpläne K. waren schon vor dem Augsburger Reichstag gescheitert: auf den Bundestagen zu Ulm und Augsburg (Juni/Juli 1547), die unter dem unmittelbaren Eindruck des kaiserlichen Sieges von vielen süddeutschen Reichsständen besucht worden waren, hatte dieser Bund nur bei den Reichsstädten und kleineren Reichsständen Zustimmung gefunden. Das Scheitern dieser „großen Lösung“, die dem Territorialfürstentum ein starkes Machtinstrument übergeordnet und somit dessen zentrifugale Kräfte integriert hätte, an der Opposition der Kurfürsten und Fürsten (zum Beispiel Bayern) bereitete den raschen Verfall der kaiserlichen Machtpositionen im Reich seit 1552 vor. Auch die verfassungsrechtlichen Teilregelungen auf dem „geharnischten Reichstag“ in Augsburg 1547/48, in denen der Kaiser sich durchsetzte, änderten an dem Gesamtergebnis nichts. – Der Burgundische Vertrag (26.6.1548), vereinbart zwischen dem Kaiser – in seiner Doppelfunktion als Reichsoberhaupt und Landesherr der niederländisch-burgundischen Erblande – und den Reichsständen, arrondierte den Burgundischen Reichskreis mit Geldern, Zütphen, Artois, Flandern und der Freigrafschaft Burgund. Gegen die Verpflichtung zu einem höheren Aufgebot im Falle von Reichsanschlägen oder Türkenhilfen war er von der Jurisdiktion des Reichskammergerichts eximiert, sollte aber den militärischen Schutz des Reiches genießen. Diese Regelung verlieh den Niederlanden nun auch de jure eine starke Sonderstellung innerhalb des Reiches. Ihre Bedeutung für die spätere Entwicklung dieser Gebiete, die vom Reich wegführte, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Schaffung eines „Vorrates“ zur raschen Aufbringung von Truppen durch den Kaiser sicherte diesem eine kurzfristige, jedoch einmalige und in der Höhe beschränkte Finanzhilfe.

Die anstehenden religionspolitischen Maßnahmen erforderten die Kooperation der Reichsstände und des Papstes. Beides kam nur in eingeschränktem Maße zustande. Damit trugen die auf dem Reichstag getroffenen reichsgesetzlichen Regelungen den Keim des Scheiterns in sich. Da infolge des päpstlichen Vorgehens das Konzil nicht arbeitsfähig war, und da die Reichsstände die Mitarbeit an einem religionspolitischen Provisorium ablehnten, mußte K. aus eigener Machtvollkommenheit das sogenannte Interim erlassen: eine Rahmenordnung für die deutschen Protestanten bis zur Konzilsentscheidung, die im Zeichen einer reformfreundlichen katholischen Gesinnung lehramtliche und kirchenrechtliche Fragen regeln sollte. – Der Tatbestand säkularisierten Kirchengutes wurde stillschweigend anerkannt. In der praktischen Durchführung dieses Gesetzes, die K. den Ständen anheimstellte, zeigte sich der größte Mangel. Nur ein geringer Teil der protestantischen Prediger fand sich dazu bereit; das Interim führte zu einer tiefgreifenden Spaltung im deutschen Protestantismus. Für die Katholiken hingegen trat eine andere Reformordnung in Kraft, die sogenannte Formula reformationis (9.7.1548), die im Gegensatz zum Interim nicht im Reichsabschied Aufnahme fand. Sie verpflichtete die geistlichen Reichsstände zur Abhaltung von Diözesan- und Provinzialsynoden. In vielen Fällen zeigte sie eine positive Wirkung.

Die Jahre von 1548 bis 1556 sind geprägt vom wachsenden Widerstand im Reich und in Europa gegen die Machtentfaltung des Kaisers und vom Niedergang der Herrschaft K. Gegen K. formierte sich ein organisierter Widerstand europäischen Ausmaßes, der von den deutschen Protestanten über Heinrich II. bis nach Italien reichte. Im Reich wurde Magdeburg zum Symbol des wachsenden protestantischen Widerstandes. Ferner läßt sich am Beispiel der Achtexekution gegen diese Stadt erkennen, daß K. die Initiative in der Person Kurfürst Moritz an das Territorialfürstentum abtrat. Das im Februar 1550 zwischen Markgraf Johann von Brandenburg-Küstrin, Herzog Albrecht von Preußen und Herzog Albrecht von Mecklenburg abgeschlossene Defensivbündnis bildete den ersten Ansatzpunkt der protestantischen Fürstenopposition. Ein Jahr später wurde diese durch den Beitritt von Kurfürst Moritz und durch die Kontakte zu Heinrich II. von Frankreich zu einer Gefahr für K. Auf dem Augsburger Reichstag 1550/51 schlug dem Reichsoberhaupt die Kritik an den kaiserlichen Errungenschaften von 1548 entgegen. Nur unter dem beharrenden Einsatz seiner Autorität erreichte er ein dringliches Nahziel, nämlich die Organisation des Reichskrieges gegen Magdeburg – aber die Bestreitung der Kriegskosten aus dem „Vorrat“ bedeutete praktisch dessen Erschöpfung. Diese Politik, für die eine Zurückstellung grundsätzlicher Fragen der Reichs- und Kirchenpolitik charakteristisch ist, wird nur auf dem Hintergrund der fortdauernden Konzilskrise und der damaligen innerhabsburgischen Erbfolgeprobleme verständlich.

Nach dem Scheitern der Verfassungsreformpläne auf dem Augsburger Reichstag rückte die Nachfolgeregelung im Hause Habsburg in den Vordergrund. Aufgrund der Tatsache, daß Ferdinands Nachfolge in der Kaiserwürde seit seiner Wahl zum römischen König feststand, versuchte K. durch eine Lösung, die ein Alternieren der Kaiserwürde zwischen seiner Linie und jener seines Bruders vorsah, die transpersonale Einheit des habsburgischen Machtbereiches zu sichern. Auf Ferdinand sollte zunächst Philipp, dann erst Ferdinands Sohn Maximilian folgen. Dieser Plan rief den Widerstand Ferdinands und Maximilians hervor. Aus dynastischer Solidarität erklärte sich schließlich die Wiener Linie mit der „spanischen Sukzession“ Philipps im Reich einverstanden (Familienverträge März 1551). Maximilian gab die Opposition nicht auf. Abgesehen von den mannigfachen politischen und verfassungsrechtlichen Schwierigkeiten, die der dauerhaften Sicherung des habsburgischen Universalsystems entgegenstanden, war das rasche Scheitern|des kaiserlichen Sukzessionsplans in den folgenden Jahren auch durch diese innerhabsburgischen Gegensätze bedingt.

Seit dem Beginn des Pontifikates von Julius III. (Februar 1550) hatte K. auf die Rückverlegung des Konzils von Bologna nach Trient gedrängt. Am 1.5.1551 erfolgte die Wiedereröffnung des Konzils in Trient. Frankreich boykottierte die Kirchenversammlung. Von großer Bedeutung für die kaiserliche Konzilspolitik war die Präsenz des deutschen Episkopats (die rheinischen Erzbischöfe und einige Bischöfe) und der protestantischen Delegation (Württemberg, Kursachsen und Straßburg). Aber rasch zeigten sich die gegensätzlichen Auffassungen der Protestanten über das Konzil – vor allem in der Nichtanerkennung der bisherigen Beschlüsse –, die K. bisher bewußt überspielt hatte. Bereits Ende 1551 geriet das Konzil in eine Krise, am 24.4.1552 erfolgte die Suspension durch den Papst.

König Heinrich II. von Frankreich, ein entschlossener Gegner K. aus der jüngeren Fürstengeneration, arbeitete seit 1550 auf ein Offensivbündnis mit der Türkei gegen Habsburg hin. Ihm ging es um die Beseitigung des Waffenstillstandes zwischen Ferdinand und dem Sultan von 1547, der eine Konsequenz des Friedens von Crépy gewesen war. Das Beharren K. auf den Erfolgen gegen den Korsaren Dragut in Nordafrika (1550) – dieser war türkischer Vasall geworden – ließ Ferdinands Verhandlungen mit dem Sultan zur Regelung der nach dem Tod Zápolyas in Siebenbürgen und im Banat aufgeworfenen Herrschaftsprobleme scheitern und die Gefahr eines kombinierten französisch-türkischen Angriffs in Ungarn und in Italien stark anwachsen.

Durch den Abschluß des Vertrages von Chambord zwischen Heinrich II. und der protestantischen Fürstenopposition (15.1.1552) waren die Voraussetzungen gegeben für ein Losschlagen gegen den Kaiser im Reich. Bis Februar 1552 schenkte K. den Warnungen seiner Schwester und Ferdinands über die Absichten dieser „Kriegsfürsten“ keinen Glauben. Er unterschätzte die Persönlichkeit Moritz' von Sachsen und vertraute zu sehr auf das Druckmittel der Freilassung des abgesetzten sächsischen Kurfürsten. Im Frühjahr 1552 erfolgte der rasche Vorstoß der Kriegsfürsten unter Kurfürst Moritz nach Süddeutschland. Die meisten Reichsstände verhielten sich neutral, es kam nicht zu der von den Kriegsfürsten erwarteten allgemeinen Parteinahme gegen K. Dieser Umstand ließ Kurfürst Moritz auf Verhandlungen mit Ferdinand in Linz (April 1552) eingehen. Die Forderungen der Kriegsfürsten nach einem Religionsfrieden liefen praktisch auf die Beseitigung des Interims hinaus. Hier war K. zu keiner Konzession bereit. Der sächsische Kurfürst nützte schließlich die Wochen bis zu den für Juni vereinbarten Passauer Verhandlungen zu einem raschen Vorstoß gegen Innsbruck, um K. zum Frieden zu zwingen. Dieser konnte im letzten Moment einer Gefangennahme entgehen (19.5.) und nach Villach flüchten. Eine Besserung der Position der Kriegsfürsten trat nicht ein – im Gegenteil. Das Bündnis mit Frankreich zerbrach, vor allem wegen der kompromittierenden Wirkung der französisch-türkischen Allianz; K. gewann seine Entschlußkraft zurück, begann systematisch zu rüsten und erwartete von den Verhandlungen vor allem Zeitgewinn.

In den Linzer und Passauer Verhandlungen ist Ferdinand stark in den Vordergrund getreten. In Passau konnte er sich an die Spitze einer ständischen Mittelpartei stellen und als Vermittler („superarbitre“) zwischen den Kriegsfürsten und K. wesentliche Positionen seines Bruders retten. Über diese Tatsache kann auch das Zögern K. vor dem Abschluß und der Ratifikation des Passauer Vertrages nicht hinwegtäuschen. In zwei Materien des Vertragswerkes setzte sich das Beharrungsvermögen K. durch: in der Reduktion der religionspolitischen Forderungen auf ein Provisorium bis zum nächsten Reichstag und in der Zurückweisung jeglicher Kritik an seiner Rechtsstellung und Regierungsweise.

Obwohl der Kaiser im Reich isoliert blieb, ging es ihm weiterhin um eine Neukonsolidierung seiner Stellung in Deutschland. In der zweiten Jahreshälfte 1552 lassen sich Neuansätze seiner Deutschlandpolitik verfolgen: Reorganisation des kaiserlichen Hofrates – die Verstärkung des deutschen Elements –, Religions- und Bündnispolitik, Aufgreifen der „spanischen Sukzession“ – wenn auch nur zur Beruhigung Philipps. Sie sollten der Gewinnung einer günstigen Ausgangsposition für das „remedio de lo Alemaña“ auf einem künftigen Reichstag dienen. Erst im September 1552, nach dem Übertritt des Markgrafen Albrecht Alcibiades auf die Seite K., fiel die Entscheidung für die Offensive gegen Frankreich, das heißt für den Marsch gegen Metz – die militärisch-politische Abrechnung mit den deutschen Kriegsfürsten wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Das Vorgehen im Falle des Markgrafen, das das Reichsrecht korrumpierte, zeigt K. Fixierung auf das französische Problem. Im Winter scheitert er vor|der gut verteidigten Festung Metz. Die Frage, ob er nach dieser Katastrophe nach Oberdeutschland zwecks Abhaltung des Reichstages zurückkehren oder sich in die Niederlande begeben sollte, wurde durch die massive Argumentation Arras' (als Exponent der burgundischen Führungsschicht in der Umgebung K.) für letzteres entschieden. Mit dieser Wendung nach Brüssel beginnt die schrittweise „Lösung“ K. vom Reich.

Nochmals aktivierte K. 1553 die Bundesbestrebungen. Der Plan, in einem ständisch gemischten Bund, der regional auf Süddeutschland beschränkt sein sollte, ein Instrument kaiserlicher Revisionspolitik zu errichten, scheiterte an der Ablehnung der Fürsten (Bayern, Württemberg) und an den divergierenden Absichten Ferdinands. Dieser versuchte K. vergeblich für eine koordinierte habsburgische Reichspolitik zu gewinnen, die einen Kompromiß zwischen gesamthabsburgischen Interessen und der Anerkennung des Passauer Status quo, das heißt die Befriedung des Reiches durch religionspolitische Zugeständnisse verfolgte. Das Eingreifen K. in die englische Frage nach dem Tode Eduards VI. (Juli 1553) wirkte stark auf die europäische Gesamtsituation, insbesondere auf das Reich und das Verhältnis zu Frankreich zurück. Die Verehelichung Philipps mit Maria von England, die der Diplomatie K. schließlich gelang, eröffnete die Möglichkeit, die Einkreisung Frankreichs zu vollenden durch die Errichtung eines habsburgischen Nordreiches, das neben der älteren Linie – sie sollte von Philipps Sohn Don Carlos fortgeführt werden – und der ferdinandeischen einen dritten Schwerpunkt bilden würde. Im Reich und bei Ferdinand stieg die Furcht vor der „spanischen Sukzession“ nochmals an, auch wenn die Konzeption, die K.jetzt verfolgte, zunächst wie ein Verzicht auf Philipps Kandidatur für die römische Königswahl aussehen konnte.

Ende 1553 nahm K. Ferdinands Initiative für den in Passau zugesagten Reichstag positiv auf. Auf dem Reichstag sollte ein religionspolitisches Provisorium verfügt werden, dem in enger Koordination mit der erfolgreichen Beendigung des Krieges gegen Frankreich ein theologisches Colloquium folgen sollte. Bedenklich war der Schritt zur „vollkommenen Anheimstellung“ kaiserlicher Autorität und Verantwortung für die Reichstagsleitung an Ferdinand (8./10.1554), den K. mit seinen „scrupules de la religion“ motivierte. Es war dies eine „staatsrechtliche Fiktion“ (Lutz), denn ein römischer König konnte vivente imperatore nicht anders als namens des Kaisers einen Reichstag abhalten. Was K. damit beabsichtigte, die Verantwortung für den kommenden Reichstag abzulehnen, ohne die Übertragung des Kaisertums an Ferdinand vorzunehmen, schloß sich gegenseitig aus. In der harten, bis Anfang 1555 mit Ferdinand geführten Auseinandersetzung ist K. schließlich unterlegen.

Bald nach dem Beginn des im Februar 1555 eröffneten Augsburger Reichstages trat in der Religionsfrage die Wendung zu einer reichsrechtlichen Dauerlösung („immerwährender Religionsfriede“) ein, bei Zurückstellung der theologischen Probleme. Nach der Übersendung des Religionsfriedensentwurfs des Fürstenrates nach Brüssel (26.3.) war dem Kaiser klar, daß er angesichts der unnachgiebigen Position, die Ferdinand in der Kompetenzfrage einnahm, in die Verantwortung einbezogen werden würde. Ihm blieb nur der Ausweg der Abdankung und des Verzichts auf die Kaiserkrone. Das Scheitern der Friedenskonferenz in Marcq (Mai/Juni 1555), der Fehlschlag der Hoffnungen auf einen Thronerben in England sowie die bedrohliche Lage, die durch das Einschwenken des neugewählten Papstes Paul IV. auf die Seite Frankreichs entstanden war, bestärkten K. in den folgenden Monaten in diesem Entschluß.

Philipp hatte inzwischen auf die Nachfolge im Kaisertum verzichtet, nicht jedoch auf das Reichsvikariat in Italien, das ihm K. in einer reichsrechtlich diskutablen Weise im Januar 1556 übertrug. In den Monaten nach dem Reichstag in Augsburg vollzog der Kaiser zunächst seine Abdankung vor den niederländischen Ständen (25.10.1555) in Brüssel. Die Übertragung der spanischen Königreiche und Siziliens an Philipp, ebenfalls in Brüssel, verzögerte sich bis zum 16.1.1556. Die Ansprachen K. anläßlich der beiden Abdankungsakte gehören zu den wichtigsten Selbstzeugnissen des Monarchen. Die Niederlegung der Kaiserwürde und ihre Übertragung an Ferdinand hatte K. schon vor Ende des Augsburger Reichstages, im September 1555, beabsichtigt. Unmittelbar vor der Abreise nach Spanien übertrug er seinem Bruder die „Administratio imperii“ (5./7.9.1556). Die formale Übertragung des Kaisertitels an Ferdinand erfolgte erst durch den Wahlakt der Kurfürsten in Frankfurt am Main (Februar 1558).

Die letzten eineinhalb Jahre seines Lebens verbrachte K. in jenem Landhaus, das er an das Kloster San Jeronimo de Yuste hatte anbauen lassen. Keineswegs zurückgezogen in die klösterliche Einsamkeit verfolgte er bis zu seinem Tode vorwiegend beobachtend|die politischen Ereignisse, voran den andauernden Krieg, den Philipp in Flandern gegen Frankreich führte.

13. Georg III. von Waldburg

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W. wurde bei Verwandten, u. a. Bf. →Friedrich zu Augsburg (* 1451, reg. 1486–1505), teilweise in Dillingen erzogen. Möglicherweise studierte er kurze Zeit in Freiburg (Br.). Seine Bildung war, gerade im Vergleich mit Standesgenossen seiner Zeit, niveauvoll und breit gefächert. Sein Herrschaftsantritt in der Herrschaft Waldsee, der Herrschaft Wolfegg und in Zeil 1511 wurde durch Proteste der Stadt Waldsee wegen Streitigkeiten um die Abgrenzung adeliger und gemeindlicher Rechte überschattet. Auf dem Land sorgte die adelige und klösterliche Politik, freie Bauern der Leibeigenschaft zu unterwerfen und die herrschaftliche Eigenwirtschaft auszuweiten, spätestens 1523 für Zündstoff.

Politisch riskanten Rückhalt fand W. durch Dienste bei süddt. Landesfürsten. Ab 1510 agierte er als Diener von Haus aus für den gewalttätigen Hzg.→Ulrich I. von Württemberg (1487–1550) und besuchte den Landtag von 1514, auf dem am 8. Juli mit dem Tübinger Vertrag die erste einigermaßen freiheitliche Verfassung eines dt. Herzogtums formuliert wurde. Allerdings wurde der Vertrag auch genutzt, um die ländliche Widerstandsbewegung des „Armen Konrad“, die den Vertrag mit erzwungen hatte, niederzuwerfen. Hieran wirkte W. als Truppenführer im Raum Urach mit. 1515 wechselte er als Diplomat und Verwalter an den Hof Hzg. →Wilhelms IV. von Bayern (1493–1550), wo er hartnäckig dessen Interessen gegen die bayer. Landstände vertrat. Nachdem Hzg. Ulrich 1519 die Reichsstadt Reutlingen überfallen und damit Landfriedensbruch begangen hatte, vertrieb W. auf Wilhelms Befehl als Söldnerführer des Schwäb. Bundes von März bis Mai Ulrich aus seinem Herzogtum. Am 24. 6. 1520 wurde er Rat und Diener Ehzg.→Ferdinands von Österreich.

Aufgrund eines tödlichen Überfalls des →Hans Thomas v. Absberg auf W.s Schwiegervater,→ Joachim Gf. von Oettingen, wurde W. ab Ende Juni 1520 in die damaligen fränk. Ritterfehden hineingezogen. Als oberster Feldhauptmann des Schwäb. Bundes und des Ehzg. →Ferdinand von Habsburg (Tiroler Linie) ließ er von Mitte Juni bis Mitte Juli 1523 zahlreiche Adelssitze niederbrennen und unterwarf somit die opponierenden fränk. Ritter. Unter denselben Auftraggebern bekämpfte er im Febr. und März 1525 die aufständischen Bauern am Hochrhein und im Hegau und vereitelte die Rückkehr des vertriebenen Hzg. Ulrich nach Stuttgart. V. a. mit Hilfe seiner vom Adel dominierten Reiterei gelangen ihm vernichtende Siege gegen die bäuerlichen (zu geringen Teilen kleinbürgerlichen) Rebellen des Baltringer Haufens bei Leipheim (4. 4. 1525). Durch den Weingartener Vertrag vom 26. 4. 1525 erreichte er in einer militärisch unentschiedenen Situation das Stillhalten der oberschwäb. Bauern. Danach zog er über Tuttlingen, Herrenberg und Esslingen an den Neckar. Grausam rächte er das tödliche bäuerliche Spießgericht gegen Gf. →Ludwig v. Helfenstein, indem er das Städtchen Weinsberg am 21. 5. 1525 komplett zerstören ließ. Danach zog er über den Odenwald und das Taubertal bis tief nach Franken (Bamberg). Im Juli 1525 warf W. die Allgäuer Bauern nieder.

Der Bauernkrieg wurde von W. extrem grausam geführt. Gefangene wurden kaum gemacht; angebliche „Rädelsführer“ reihenweise gefoltert und hingerichtet. Durch das Niederbrennen von Dörfern – auch gegen Kritik v. a. aus den Städten im Schwäb. Bund – wurde der ländliche Widerstand rasch zermürbt. Nach Ende des Bauernkrieges schloß W. mit den Insassen seiner eigenen Herrschaften Verträge, die u. a. auch den Loskauf aus der Leibeigenschaft ermöglichten. Sein geschicktes rechtliches Vorgehen führte jedoch letztlich zu einem homogenen, leibeigenen Untertanenverband. Im Nov. 1525 wurde W. von Ks. →Karl V. belobigt und erhielt zusammen mit seinem Vetter →Wilhelm I. v. Waldburg für sein Haus 1525 die Erbtruchsessenwürde, womit diese durch den Pfalzgrafen bei Rhein als Reichserztruchsessen zu belehnen seien.

Seinem Vetter →Wilhelm folgte W. 1525 auch in ksl. Auftrag als Verwalter des Hzgt. Württemberg. Obwohl infolge einer Syphilis zunehmend körperlich geschwächt, verhandelte er geschickt und kompromißorientiert auf den Reichstagen 1526, 1529 und 1530 v. a. mit Vertretern der jungen reformatorischen Bewegung. Die gravierenden reichspolitischen Folgen der Glaubensspaltung konnte er jedoch auch nicht verhindern.

W.s Persönlichkeit ist hoch umstritten. Der Adelsfraktion unter den Zeitgenossen galt er als Beschützer des Reiches; aus bäuerlichen Redewendungen kann man andererseits die traumatisierende Wirkung seiner brutalen Kriegführung erschließen. Als hoch gebildeter und begabter Adeliger erreichte W. mit großem taktischem Geschick und hohem persönlichen Einsatz das maximal Mögliche für seine Herren und Auftraggeber, aber auch für sich und sein Haus. Als einer von wenigen süddt. Adeligen betrieb er nicht nur die Unterwerfung seiner Bauern, sondern beschritt auch im Geist des Weingartener Vertrags den Weg der Verrechtlichung der zeittypischen Agrarkonflikte. Seine Bemühungen, die eigene Hausgeschichte aufarbeiten und publizieren zu lassen, gelten als beispielgebend für seine Standesgenossen.

14. Sebastian Lotzer

Lotzer: Sebastian L., reformatorischer Schriftsteller, geboren 1490. Die Familie, aus der Seb. L. stammt, hieß ursprünglich Laitzer nach dem Dorfe Laiz bei Sigmaringen. Ein Walter L. von Ebingen studirte 1520 in Freiburg (Württb. Vierteljahrshefte 3, 187). Die Form Loytzer braucht Seb. L. selbst im Titel seiner Schrift „Ain christlicher Sendbrief“. In Horb aber, wohin die Familie erst im 15. Jahrhundert gezogen sein dürfte, da sie sich früher dort nicht findet (Schmid, Geschichte der Grafen von Zollern-Hohenberg, S. 461) sprach man den Namen Lotzer. Zu den Verwandten gehörte der Tübinger Professor und Kanzler Jak. Beurlin aus dem ca. 12 Kilometer entfernten Städtchen Dornstetten, der auch in Horb die Schule besuchte. Der Vater Sebastian's hieß ebenfalls so. Er ist wahrscheinlich jener Sebastianus Lotzer de Horw, der am 13. Januar 1485 für einige Zeit die Universität|Tübingen bezog (Roth, Urkunden der Universität Tübingen 497, Nr. 45), ahne seine Studien weiter zu verfolgen; denn er begnügte sich mit einem bürgerlichen Berufe, wurde aber von seinen Mitbürgern wahrscheinlich zum Amt eines Pflegers der Kirche zu Horb gewählt. Daß er Arzt gewesen sei, wie Götze (Seb. Lotzer's Schriften S. 1, Anm.) vermuthet, ist unwahrscheinlich, da ihn sein Sohn in dem Sendbrief nur einen Bürger zu Horb nennt. Vielleicht wollte der Vater seinen Sohn Sebastian eine gelehrte Laufbahn einschlagen lassen und schickte ihn darum schon frühe, ehe er nur ordentlich Latein gelernt hatte, zur Hochschule. Gerade bei einem Knaben ließe es sich verstehen, daß er bei der Immatrikulation nur seinen Vornamen nannte. Es ist deshalb möglich, daß er jener Sebastianus ex Horb wäre, der am 12. December 1505 in Tübingen immatrikulirt wurde (Roth, a. a. O. 562, 27); aber es müßte dies eine ganz kurze Episode aus dem Leben des jungen L. gewesen sein. Götze schließt aus einer Stelle des Beschirmbüchleins, daß der Vater seinen Sohn zum Studium der Theologie habe nöthigen wollen. Das setzt eine Entfremdung von Vater und Sohn voraus, was nicht der Fall war, wie der Sendbrief an den Vater klar beweist. Man wird vielmehr annehmen dürfen, daß die Lehrer bei der mangelnden Vorbildung des Sohnes dem Vater riethen, ihn zu einem Handwerk anzuhalten. Er wählte das angesehene Kürschnerhandwerk, das auch Melch. Hofmann von Hall und Jacob Groß von Waldshut, zwei hervorragende Häupter der Täufer, gelernt hatten. Dagegen ließ der Vater im J. 1508 (25. October) seinen zweiten Sohn Johannes die Hochschule in Tübingen beziehen (Roth, Urkunden der Univ. Tüb. 573, 52), um Medicin zu studiren. Er bekam bald als Arzt einen Namen, war 1519 Leibarzt des Bischofs Wilhelm von Straßburg und widmete damals seinem Vater seine Schrift „Nützlich Regimen vnd vnderweysung, welcher massen den menschen mit dem gifft der Pestilentz beladen, mit hailsamer Arzney zu helffen sey“. Er war mit Erasmus befreundet (Erasmi opera ed. Cleric. 3, 1162. Horawitz in den Wiener Sitzungsberichten 108, 2, 774). Dieser entlehnte von ihm am 8. März 1529 eine Handschrift des Quintilian, während L., der inzwischen Leibarzt des Kurfürsten Ludwig von der Pfalz geworden war, am 4. April 1530 seinen Sohn von Heidelberg nach Freiburg zu Erasmus schickte, daß er dort studire (Bl. f. w. K.-G. 1886, 59). Auch Melanchthon kannte den trefflichen und in Heidelberg einflußreichen Mann, durch dessen Vermittlung er hoffte, für Micyllus 1532 eine Professur in Heidelberg zu erlangen (Corp. Ref. 2, 596). Seine ärztliche Kunst preist in eleganten Distichen 1530 der Humanist Menrad Molther, der spätere Heilbronner Prediger, in seiner Ausgabe von Christiani Druthmari Matthaeus (Bl. f. K.-G. 1887, 60). Ein dritter Bruder dürfte Jacob L. sein, der am 26. October 1518 die Universität Tübingen bezog, später längere Zeit Pfarrer in der Pfalz war, sich nach Württemberg wandte und 1542 Diakonus in Markgröningen wurde (Roth 614, 5. Acten des Finanzarchivs Ludwigsburg).

Nach Handwerksbrauch mußte Seb. L. auf die Wanderschaft gehen und wandte sich dem Osten zu. Aeußerungen Lotzer's machen wahrscheinlich, daß er Augsburg und die dortigen Zustände kannte (Götze a. a. O. 7, 2). Er ließ sich aber in Memmingen nieder, wo ihm ein Mitglied der angesehenen Kramerzunft, Weigelin, seine Tochter zur Frau gab. Natürlich wäre das nicht möglich gewesen, wenn L. es nicht zum selbständigen Meister in der Kürschnerzunft gebracht hätte, wie Götze annimmt, da nach Bericht Joh. Keßler's in seinem Sabbata (s. u.) L. von sich gesagt habe: So bin ich ain ainfaltiger, gemainer handtwerksgesell. Aber diese Aeußerung ist nicht im Sinne des mittelalterlichen Zunftrechts zu verstehen, das einem Gesellen kaum möglich|gemacht hätte, die Tochter eines Krämers zu ehelichen, sondern will nur seine bescheidene Bildung und sociale Stellung kennzeichnen. Fortan hieß er in Memmingen beim Volk der Weigelin Kramer (Vogt, Correspondenz des Ulrich Arzt Nr. 242). Innig befreundet war L. mit dem gelehrten Prediger Dr. Christoph Schappeler, dem Pathen seiner Kinder. Durch ihn wurde L. früh mit der neuen Bewegung, die von Wittenberg ausging, bekannt. Eifrig las er nun Luther's deutsche Schriften, vor allem aber das Neue Testament, wahrscheinlich in einem Augsburger Nachdruck (vgl. Josenhans, Württb. Vierteljahrshefte für Landesgeschichte 1894, S. 391); aber auch das Alte Testament in der vorlutherischen Uebersetzung, wahrscheinlich in dem Druck von 1490 (vgl. a. a. O. 392). Am meisten beeinflußten ihn Eberlin's fünfzehn Bundesgenossen. Aber er kannte auch Vadian's Flugschrift „vom alten und neuen Gott“, den „Neue Karsthans“, die Schrift Hartmut's von Kronberg an die Einwohner zu Kronberg, wie Götze nachgewiesen hat.

L. stand in naher Verbindung mit seiner Vaterstadt Horb, wo der Schulmeister Aegid. Krautwasser schon 1521 evangelisch gesinnt war, ebenso ein Stiftsherr der dortigen Collegiatkirche zum h. Kreuz, der drei noch unbekannte Flugschriften in diesem Sinne schrieb (vgl. Enders, Eberlin's ausgewählte Schriften 1, 4, und sein Sendschreiben an die Städte Horb und Rottenburg und alle Bürger im Lande Hochburg, vgl. Radlkofer, Eberlin S. 112. Blätter für württb. Kirchengeschichte 1887, S. 89). Denn jene ganze Gegend kam in nahe Verbindung mit Joh. Eberlin und war in den ersten Monaten des Jahres 1523 durch Karsthans und seine volksthümlichen Predigten kräftig angeregt worden, bis er am 4. März 1523 als Gefangener von Balingen nach Tübingen und endlich auf die Bergfeste Reichenberg gebracht wurde, wo ihn die Bauern 1525 vergebens zu befreien gedachten. Die Nachrichten von Karsthans' Wirken und seiner Verhaftung bewog L., „Ain hailsame Ermanunge an die ynwoner zu horw, das sy bestendig beleyben an dem hailigen wort Gottes mit anzaigung der göttlichen hailigen geschrifft, durch Sebastian lotzer von Horw. Im Jar M. D. XX i i j“ an seine Landsleute ergehen zu lassen, indem er sie ermahnt, am Wort Gottes festzuhalten, sich ein Neues Testament zu kaufen und die Schriftwidrigkeit der bisherigen Festfeier, des Ablasses, des Heiligendienstes, der Wallfahrten und Bruderschaften darlegt. Diese Flugschrift muß sehr bald, nachdem L. von Karsthans' Gefangenschaft gehört hatte, entstanden sein, wohl noch in der Fastenzeit. Das beweist die ausführliche Besprechung des Fastens. Die Annahme von W. Vogt, daß die Zuschrift an die Horber nur eine Deckadresse für Memmingen sei, fällt dahin, sobald man die Lage der Dinge in Horb berücksichtigt. Der Schluß der Schrift beweist, daß L.sich als einflußreicher Bürger einer großen Stadt fühlt, der mitten in der großen Bewegung steht und darum der kleinen Vaterstadt etwas bieten zu können glaubt. Seine Schrift fand Widerspruch bei „etlichen großen Hansen“, wie ihm sein Vater mittheilte, deswegen schrieb er jetzt „Ain christlicher Sendbrief, darinn angetzaigt wird, dz die layen macht vnd recht haben, von dem hailigen wort gots reden, lern vnd schreiben, auch von der speiß vnd dergleichen ander artickel grund auß der götlichen hailigen schrifft vast haylsam vnd fruchtbar (1523) lych, Auch den armen gewissen trostlich gethon, durch Sebastian Loytzer, burger zu Memmingen, an seinen lieben vatter, burger zu Horb. Wir lernen hier all die Einwürfe kennen, die von der Ehrbarkeit und Geistlichkeit in Horb gegen die neue Bewegung erhoben wurden, daß sie einen neuen Glauben bringe, die Sittlichkeit und die Autorität der Kirche untergrabe. Aber L. weiß die Herrlichkeit des Glaubensprincips, die Selbständigkeit der christlichen Ueberzeugung, die Selbstverantwortlichkeit|der Christen, gegenüber der trägen Bequemlichkeit des bloßen Kirchenglaubens, die Klarheit und Gewißheit der christlichen Anschauung und den Ernst des Christenlebens schön zu schildern. Vogt hat Recht, der Sendbrief beweist den inneren Fortschritt Lotzer's. Die Schrift kann nicht erst, wie Vogt annimmt, im August entstanden sein, denn L.wäre dann das Sendschreiben, das Eberlin am 13. Juli 1523 an Rottenburg und Horb und die Landschaft Hohenburg ausgehen ließ, wol bekannt gewesen. Der Widerspruch, den L. noch fand, stimmt auch nicht mehr zu der Lage der Dinge in der zweiten Hälfte des Sommers in Horb. Denn der Hofrath in Innsbruck berichtet an Ferdinand, die evangelische Bewegung in Horb sei in starkem Aufschwung. Auch in Memmingen stand L. in der vordersten Reihe der Kämpfer gegen die alte Kirche. Bischof Christoph von Augsburg hatte Grund genug, in seinem Hirtenbriefe an die Memminger vom 19. Juli 1523 über etliche wenige ungelehrte Laien zu klagen, die sich zu Luther's Lehre bekennen und andere dazu verleiten. L. mit elf Genossen überreichte dem altgläubigen Pfarrer, der am 1. Juli die Lutheraner Ketzer gescholten hatte, eine saftige Adzesse. Unter dem Namen Besti Weiglin (so ist statt Wergelin zu lesen bei Dobel, Schappeler 34), erscheint L. am 31. August vor dem Rath, um bestraft zu werden, weil er den altgläubigen Hans Tiefenthaler nach einer Predigt zur Rede gestellt hatte. Aber schon am 2. September mußte Seb. L. wie seinem Freunde Ambros. Bäsch wieder das Disputiren in Glaubenssachen verboten werden.

Die Waffenrüstung, mit der L. kämpfte, lernen wir in seiner nächsten Schrift kennen. Es ist dies das „Beschirmbüchlein“, welches zunächst durch das 1523 herausgegebene unüberwindliche Beschirmbüchlein des späteren Reutlinger Stadtschreibers Benedikt Gretzinger (Augsburg, Steiner), aber wol auch schon früher durch Urban Rhegius' 12 Artikel unseres christlichen Glaubens und „Ain kurze Erklärung etlicher läufiger Punkten ainen jeden Christen nutz und not zu rechtem Verstand der heiligen geschrift“ angeregt war. L. bietet hier dem einfachen Laien eine ganz wohlgeordnete Rüstkammer von Bibelsprüchen gegen die wichtigsten Lehren der alten Kirche in selbständiger An ordnung. Eine weitere kleine Schrift Lotzer's, die Schappeler gewidmet ist, erschien Ende des Jahres 1524. Sie hat den Titel „Ayn außlegung vber dy Euangelium So man lyßt vnd singt, nach brauch der kyrchen am zwayntzigisten Sontag nach der hayligen Triualtigkait, Wöllichs beschreibt Math. am xx i j Capit. von ainem Künig, So seinem Sun hochtzeyt zuberayt hett u. s. w. Sebastian Lotzer in Memmingen M. D. X. X. iii j.“ Die Schrift, eine schlichte Laienpredigt, will nur der großen Freude Ausdruck geben, welche L. das Wort Gottes gewährt, das Schappeler und seinesgleichen verkünden, und das Frauen wie Argula v. Stauff zu Zeugen gewinnt.

Inzwischen war die Bewegung in Memmingen immer stärker angewachsen, die Gegensätze verschärften sich, je weniger der altgläubige Pfarrer Megerich und seine Genossen den Führern der Evangelischen gewachsen war und durch strenges Festhalten am Alten den Widerspruch reizte. Es kam am Weihnachtsfeste 5 Uhr Nachmittags, als Megerich nach altem Brauch die Altäre beräucherte und bis in den späten Abend die vom Volk ersehnte Predigt verhinderte, zu wüsten Auftritten in der Pfarrkirche, die bis zu Thätlichkeiten gegen den Pfarrer fortgingen. Er und seine Genossen mußten sich jetzt zu einer mehrtägigen Disputation stellen. Der Siegesmuth, mit dem Megerich am Christfest im Vollbewußtsein seiner Würde mit dem Rauchfaß von einem Ort zum andern gezogen war, brach hier jäh zusammen. Schwachmüthig stellte er alles Gott und dem Rath anheim. Aber nun kam Memmingen in üblen Ruf. Selbst Urban Rhegius äußerte in einem Briefe: „Ich hab ungern gehört, daß|die Gemaind so uffrierig ist und so ungehorsam ihrer Oberkheit, daran doch das Evangelium kain schuld hatt.“ Man beschuldigte die Stadt der Revolution, ja der Anarchie und des Communismus. Nicht nur Altgläubige, sondern auch Anhänger der evangelischen Partei unter den Wohlhabenden, die im J. 1519 sehr stark gegen die Geistlichkeit aufgebracht waren, wurden irre und riefen, man müsse etliche Lutherische köpfen. Ganz besonders wurde Schappeler für die Auftritte am Weihnachtsfest verantwortlich gemacht. Dies veranlaßte L.Anfang 1525 zu der kleinen Schrift „Entschuldigung ainer Frummen Christlichen Gemain zu Memmingen mit sampt jrem Bischoff und trewen Botten des Herren Christoph schappeler Prediger alda. Von wegen der empörungen so sich bey vns begeben u. s. w. Im jar 1525. Sebastian Lotzer der jünger von Horb jetz in Memmingen.“ L. weist nach, daß Schappeler für die Ereignisse am 25. December 1525 nicht verantwortlich gemacht werden könne, da er nichts davon gewußt und stets gemahnt habe, „stiftig", still und freundlich zu sein. Er sage aber jedermann, reich oder arm, die Wahrheit. Auch die Bürgerschaft könne man nicht des Aufruhrs beschuldigen, denn sie verlange nur das Wort Gottes, die Schuld tragen die, welche die Predigt des Evangeliums wehren. Treffend zeichnet er auch die feige, genußsüchtige Art, die zwar für Aufklärung schwärmt und die „Pfaffen“ haßt, aber von der „evangelischen Ordnung“ Störung ihres behaglichen Daseins fürchtet und feige den weltlichen Arm anruft, weil ihr Wahrheitssinn und sittlicher Ernst fehlen.

Aber nur zu bald galt es, nicht nur die Memminger, sondern die oberschwäbische Bauernschaft zu entschuldigen, deren Lasten durch die Herrschaften immer mehr gesteigert worden waren, und die jetzt sich zusammenschaarten, um ihre Beschwerden gegen ihre Herren geltend zu machen. Das, „was in Oberschwaben als allgemeines Gut landauf landab von Mund zu Mund flog“, fand „einen geschickten Redactor, der dies und jenes aus Eigenem dazu gab, auch wol das Ganze durch seine Auffassung färbte und die äußere Form normirte“ (Götze). Das so entstandene Werk sind die 12 Artikel der Bauern, die, seit sie Mitte März in die Oeffentlichkeit drangen (19. März Verkauf in Ulm auf dem Markt), das Programm der gesammten Bauernschaft wurden, indem sie die Forderungen der Bauern auf „das göttliche Recht“ gründeten und die sociale Revolution mit der religiösen Frage verquickten. Seitdem Götze nachgewiesen hat, daß der Urdruck der 12 Artikel von demselben Drucker, wie die meisten Schriften Lotzer's, von Melchior Ramminger, gedruckt ist, und ebenso die Verwandtschaft der 12 Artikel nicht nur mit der Memminger Eingabe vom 24. Februar, sondern auch mit den Schriften Lotzer's klar gestellt ist, hat die Annahme L. Baumann's, daß die 12 Artikel das Werk Lotzer's sind, den höchsten Grad der Wahrscheinlichkeit erlangt. Es ist nur noch die Frage, ob sie nur Privatarbeit Lotzer's sind (Götze) oder ein mit den Bauern verabredetes officielles Programm (Baumann). Daß Schappeler einen größeren Antheil daran gehabt hätte, als den der geistigen Beeinflussung seiner Zuhörer und besonders Lotzer's, daß er gar die Einleitung zu den Artikeln geschrieben hätte, ist angesichts seiner bestimmten Aussagen durchaus unwahrscheinlich und auch philologisch nicht zu beweisen. Vgl. Blätter für württembergische Kirchengeschichte 1887, S. 75 ff. Sicher ist jedenfalls, daß L. von den Baltringer Bauern zu ihrem Kanzler erwählt wurde. Aus seiner Feder sind wol die schönen ehrerbietigen, durchaus friedlich gehaltenen Schreiben des Bauern-Ausschusses vom 7., 9., 22. März (Vogt, Corresp. des Ulr. Arzt Nr. 108, 115/37) an den Schwäbischen Bund geschrieben. Die friedlichen, aller Gewaltthat abholden Gesinnungen des Bauernführers Ulrich Schmid und Lotzer's waren den wilden Wassern nicht gewachsen. Es kam zu Gewaltthätigkeiten gegen Klöster|und Burgen. Gegen Schmid erhob sich ein Aufstand im eigenen Lager (zwischen 12. und 17. April). Die Schlacht bei Wurzach warf die Bauern völlig darnieder. Schmid und L. flüchteten in die Heimath Schappeler's, nach St. Gallen, wo Keßler sie kennen lernte, so daß er in seinem Sabbata einen sehr werthvollen Bericht über sie geben konnte. Der Schwäbische Bund kam zu spät, als er am 21. April dem Memminger Rath den Befehl zur Verhaftung Lotzer's gab. Dieser war geborgen, aber auch fortan verschollen. Doch ist anzunehmen, daß ihm sein Bruder in Heidelberg als einflußreicher Mann weiter half.

15. Christoph Schappeler

S., der aus einer angesehenen Handwerkerfamilie St. Gallens stammte, studierte in Leipzig 1502/03 und 1505-10 vornehmlich Theologie und bewegte sich im Kreis der oberdt. Humanisten. Er unterrichtete teils an der heimatlichen Lateinschule (1503–05), teils an der Univ. Leipzig (vor 1510) und wird von Zeitgenossen unterschiedlich als Lic. und Dr. theol. bezeichnet. 1513 auf eine hochdotierte Prädikatur nach Memmingen berufen, zog er durch sozial- und kirchenkritische Predigten und charismatische Ausstrahlung die Gemeinde und die Bauern aus dem städt. Hinterland auf seine Seite. Der Bischof von Augsburg verhängte über ihn im Febr. 1524 den Bann, doch die Gemeinde zwang den Rat im Jan. 1525, nach dem Vorbild der Zürcher Disputation 1523, einem Glaubensgespräch zuzustimmen. Aufgrund der Entscheidung des Rates und einer Vertretung der aus den Zünften gewählten Gemeinde wechselte Memmingen als eine der ersten süddt. Reichsstädte in das Lager der Reformation und wurde im März 1525 zum Tagungsort der aufständischen Bauern. Die Programme des Bauernkriegs, die „Zwölf Artikel“ (28 Drucke) und die „Bundesordnung“ der oberschwäb. Bauern, erhielten hier ihre endgültige Form, wobei S.s Beteiligung nicht gänzlich geklärt ist. Zur selben Zeit dürfte er den politiktheoretischen Traktat „An die Versammlung gemeiner Bauernschaft“ verfaßt haben, der anonym Anfang Mai in Nürnberg erschien, vom dortigen Rat aber sogleich konfisziert wurde. S. vertritt darin ein Widerstandsrecht, das durch die herrschende Tyrannei legitimiert ist. Als historische Vorbilder dienen die röm. Republik und die Eidgenossenschaft aufgrund ihrer Erhebung gegen die habsburg. Herrschaft; theologisch wird Zwinglis Auffassung, die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ließen sich mit Hilfe des Alten und Neuen Testaments verbessern, weiter radikalisiert. Anstelle des durch adelige und geistliche Herrschaften geprägten Reichs sprach sich S. für eine den Reichsstädten ähnliche kommunal-republikanische Verfassung aus. Entschieden gegen Luthers Zwei-Reiche-Lehre gerichtet, elaborierte S. vornehmlich aus dem Neuen Testament jene Belegstellen, mit denen er (persönliche) Freiheit (gegen die bestehende Leibeigenschaft) und politische Partizipation (als Grundrecht von Menschen) begründen konnte. Unter dem Begriff der „göttlichen Juristerey“ teilte er die Auffassung der Aufständischen von 1525 vom „Göttlichen Recht“, das als Umsetzung des „reinen Evangeliums“ in positives Recht verstanden wurde. Als Theorie der „Revolution des gemeinen Mannes“ kann man den Text insofern verstehen, als in ihm nachweislich die Grundauffassungen der „Zwölf Artikel“ und der „Bundesordnung“ eingearbeitet sind.

Als im Juni 1525 der Schwäb. Bund in Memmingen einrückte, konnte sich S. der drohenden Hinrichtung durch Flucht nach St. Gallen entziehen. Dort wirkte er als Prediger und Pfarrer an verschiedenen Kirchen der Stadt (St. Katherina, Münster, St. Mang) und des Hinterlands. Als Vertreter der Stadt nahm er 1528 an der Berner Disputation teil und trat 1529 mit einer allerdings wenig wirksamen Darstellung der reformatorischen Theologie hervor. S. gehört zu den einflußreichsten Persönlichkeiten der Reformation in Oberdeutschland und zu den bedeutenderen politischen Theoretikern des frühen 16. Jh.

16. Ulrich von Württemberg 

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U. wurde in einer Zeit dynamischer gesellschaftlicher, religiöser und politischer Umbrüche geboren. Sogleich nach seiner Geburt in der elsäß. Gfsch.Mömpelgard wurde er als Sohn einer Nebenlinie der Grafen von Württemberg an den Hof des kinderlosen Vetters seines Vaters, Gf. →Eberhard im Bart (1445–96), verbracht. Im erbitterten Ringen um die Regierungsnachfolge in dem seit 1488 wieder vereinigten und 1495 zum unteilbaren Herzogtum erhobenen Württemberg wurden die Geschicke U.s schon vor seiner Volljährigkeitserklärung 1503 von den beiden Kräften maßgeblich geprägt, die auch für seine Regierungszeit entscheidend werden sollten: zum einen von der sich als Landschaft formierenden bürgerlichen Führungsschicht des Landes, zum anderen vom ksl. Reichsoberhaupt. Ks. →Maximilian I. war bestrebt, seinen im Südwesten des Reichs seit der Gründung des Schwäb. Bundes (1488) erheblich gewachsenen Einfluß weiter zu festigen. 1498 vermittelte er eine Eheabrede zwischen dem 11jährigen U. und der 6jährigen Hzgn. Sabina von Bayern, einer Enkelin Ks. Friedrichs III. Nachdem U. im kaiserlichen Fahrwasser sein Land infolge des Landshuter Erbfolgekrieges im Hause Bayern (1503/04) erheblich vergrößern konnte, wurde 1511 in Stuttgart prachtvoll Hochzeit gefeiert und damit die Konsolidierung der 1495 neu errungenen württ.Machtposition veranschaulicht.

Am Ende von U.s erstem Regierungsjahrzehnt setzte jedoch eine Entwicklung ein, die 1519 in seiner Vertreibung aus dem Herzogtum kulminierte. Seine Weigerung, 1512 dem Schwäb. Bund erneut beizutreten, zeigt U.s Bestrebungen, sich von seinem bisherigen kaiserlichen Gönner zu emanzipieren, und der Aufstand des „Armen Konrad“ (1514) deutet auf eine Krise als Vorzeichen eines beschleunigten gesellschaftlich-politischen Wandels. Im Tübinger Vertrag (1514) gelang es, dank kaiserlich-fürstlicher Vermittlung den sozialen Konflikt in einem herzoglich-landschaftlichen Kompromiß auszugleichen. Hatte U. die Krise des Jahres 1514 nur bedingt selbst zu verantworten, so trugen die Ereignisse der Jahre 1515–19 seine Handschrift: Mit seiner adelsfeindlichen Politik, gipfelnd in der eigenhändigen Ermordung Hans v. Huttens (1515), zog er sich die publizistisch breit untermauerte Feindschaft des im Schwäb. Bund organisierten mindermächtigen Adels zu. Als am Jahresende 1515 seine Frau Sabina aus ihrer unglücklichen Ehe zu ihren Brüdern nach Bayern floh, ihre beiden Kinder, die noch nicht einmal 2jährige Tochter Anna und den im Mai geborenen Sohn Christoph zurücklassend, wurde dieser in Schrift und Gegenschrift öffentlich verhandelte Ehekonflikt zum Politikum. Der bayer.-württ. Dissens grundierte bis zu Beginn der 1540er Jahre die hzgl. Politik. Als U.1517 überdies Angehörige der „Ehrbarkeit“, der bürgerlichen Führungsschicht des Landes, wegen Hochverrats hinrichten ließ, war auch der fragile Ausgleich des Jahres 1514 mit der Landschaft aufgekündigt. Rasch brach daher U.s Herrschaft im Lande zusammen, als der Schwäb. Bund gegen ihn als Landfriedensbrecher (Eroberung der Reichsstadt Reutlingen) ins Feld zog. 1520 wurde das Herzogtum vom Schwäb. Bund an das Haus Österreich verkauft. Erst 1534 gelang U., militärisch unterstützt durch Lgf. Philipp von Hessen, die Rückeroberung seines Landes.|

Behutsamer und umsichtiger, aber weiterhin unerbittlich bekämpfte U. die Autonomiespielräume der Reichsstadt Esslingen und ging gegen Parteigänger des Hauses Österreich im Innern wie auch im Adel der Nachbarschaft vor. Vor allem aber gestalteten U., seine Räte und die von ihm berufenen Theologen, →Erhard Schnepf (1495–1558), →Ambrosius Blarer (1492–1564) und schließlich →Johannes Brenz (1499–1570) das Kirchenwesen nach reformatorischen Grundsätzen um. Am 16. 5. 1534 wurde in Stuttgart der erste ev. Gottesdienst gefeiert. Eine intensive Gesetzgebung legte rasch und konsequent die ordnungspolitischen Grundlagen für das neue landesherrliche Kirchenregiment, so mit der Gottesdienstordnung und der Landesordnung 1536 sowie dem Beginn der Visitationen, die gleichermaßen der religiösen und der finanziellen Bestandsaufnahme dienten. All diese Maßnahmen gingen einher mit der administrativen Eingliederung von kirchlichem Besitz und Klöstern. Die daraus resultierenden größeren finanziellen Handlungsspielräume nutzte U., um Schulden zu tilgen, die Landesfestungen auszubauen und seit den ausgehenden 1530er Jahren auch das Bildungswesen umzugestalten.

U.s Reformationspolitik drohte am Ende seines Lebens erneut, alles Erreichte zunichte zu machen. 1536 trat er, auch als Absicherung gegen Machtprätentionen seines bis Ende der 1530er Jahre altgläubigen Sohnes Christoph, dem Schmalkald. Bund bei. Dieses Bündnis prot. Fürsten und Städte hatte das Ziel, als ultima ratio auch mit militärischen Mitteln den neuen Glauben und die daraus resultierende neue innerweltliche Ordnung gegen deren Widersacher, allen voran den Kaiser, zu behaupten. Als die Bündner im Schmalkald. Krieg (1546/47) unterlagen, strengte Ks. Karl V. gegen U., der seit 1534 nicht mehr Lehensmann des Reiches, sondern des Hauses Österreich war (Kaadener Vertrag), einen Prozeß an. Als U. starb, drohte zum zweiten Mal der Verlust seiner Lande. Erst die seit dem sog. „Fürstenaufstand“ von 1552 geschwächte Position Karls V. bannte diese Gefahr.

U.s Wirken wurde von Zeitgenossen wie Nachgeborenen kontrovers beurteilt. Der zielstrebigen Anpassung des württ. Gemeinwesens an die sich rasch wandelnden Erfordernisse der Zeit steht U.s Grausamkeit bei der Verfolgung vermeintlicher und tatsächlicher Widersacher gegenüber. Letztlich hinterließ U.seinem Sohn ein wesentlich vergrößertes, reicheres und besser organisiertes Gemeinwesen, als er es selbst vorgefunden hatte.

17. Ferdinand I. 

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Der zweite Sohn (4. Kind) aus der habsburg.-spanischen Verbindung wurde, zum Unterschied von seinem älteren, in den Niederlanden geborenen und erzogenen Bruder Karl (V.) in Spanien unter der Aufsicht seines Großvaters Ferdinand erzogen. Die in der strengen Tradition der spanischen Scholastik von Pedro Nuñez de Guzman, dem Dominikaner Alvaro Osorio de Moscoso und anderen geleitete Erziehung mag den späteren stärkeren politischen Realismus F.s mitbestimmt haben. Pläne des Großvaters Ferdinand, diesem seinem Lieblingsenkel das spanische Erbe zu verschaffen, scheiterten ebenso wie ein späteres Projekt der Tante Margarethe, F. statt seines Bruders für die Kaiserwahl von 1519 zu kandidieren. Nach einer ersten Begegnung mit Karl bei dessen Ankunft in Spanien (1517) ging F. 1518 in die Niederlande, wo unter der Aufsicht der Tante Margarethe seine Erziehung vollendet wurde und er in die für seine politische und religiöse Haltung bestimmende Berührung mit der Ideenwelt des Erasmus von Rotterdam kam. Auf Grund des Teilungsvertrages von Worms (21.4.1521) erhielt er Ober- und Niederösterreich, Steiermark, Kärnten und Krain, im (zunächst geheimgehaltenen) Teilungsvertrag von Brüssel (7.2.1522) außerdem Tirol, die österreichischen Vorlande und Württemberg. Im gleichen Jahr befestigte er seine Herrschaft in Österreich gegenüber den während des Interregnums nach Maximilians Tod erstarkten ständischen Bestrebungen durch hartes energisches Vorgehen (Wiener-Neustädter Blutgericht). Anfangs als Ausländer und wegen seiner Umgebung (Prototyp der spanischen Glücksritter Gabriel Salamanca) unbeliebt, wußte er sich durch seine persönliche Liebenswürdigkeit sowie durch eine kluge Verbindung von Energie und Kompromißbereitschaft in den österreichischen Erblanden ebenso erstaunlich rasch durchzusetzen wie in der Reichspolitik, wo er zunächst vor allem als Vertreter seines oft abwesenden Bruders auftrat. Der Tod seines jagiellonischen Schwagers Ludwig in der Schlacht bei Mohács (29.8.1526) bot ihm Gelegenheit, sich um die Kronen Böhmens und Ungarns zu bewerben. Wahl (22.10.1526) und Krönung (24.2.1527) in Prag erfolgten ohne wesentliche Schwierigkeiten, dagegen hatte F.sich in Ungarn gegenüber dem national-ungarischen Prätendenten Johann Zapolya durchzusetzen, während der größte Teil Ungarns nach Mohács von den 1529 bis vor Wien vorstoßenden Türken besetzt wurde. Königswahl (Preßburg, 16.12.1526) und Krönung (Stuhlweißenburg, 3.11. 1527) begründeten gleichwohl auch in Ungarn den habsburg. Herrschaftsanspruch, so daß später das Jahr 1526 mit Recht als das Datum der Vereinigung der österreichischen Ländergruppe mit den Ländern der Wenzels- und Stephanskrone und damit als Geburtsdatum des habsburg. Herrschaftskomplexes im Donauraum, der späteren Donaumonarchie, angesehen wurde. In der Verwaltung der Erbländer setzte F. die Tendenz seines Großvaters Maximilian der Zentralisierung und Vereinheitlichung fort durch Schaffung eines zentralen Hofrats (1522) und Kriegsrats (1556), wirkte dieser Tendenz allerdings schließlich durch die Erbteilung unter seinen Söhnen wieder entgegen. Nach der ersten Türkenbelagerung von 1529 wurde Wien als Bollwerk gegen die Türken stark befestigt. Dem Eindringen des Protestantismus in die Erbländer vermochte der der alten Lehre treu bleibende, aber in religiösen Fragen einer kompromißbereiten, erasmianischen Richtung zuneigende F. nicht Einhalt zu gebieten, doch schuf er durch Berufung der Jesuiten nach Österreich eine wichtige Voraussetzung für die spätere Gegenreformation.

Nach der Kaiserkrönung Karls V. in Bologna wurde F. zum Röm. König gewählt (Köln, 5.1.1531) und trat in der Folgezeit, trotz des Verlusts von Württemberg (1534), in der deutschen Politik immer stärker hervor. Bis nach dem Schmalkaldischen Krieg weiterhin der getreue Helfer seines Bruders, geriet er dann wegen des Bemühens Karls, seinem Sohn Philipp die Nachfolge im Reich zu verschaffen (sogenannter „spanischer Sukzessionsplan“), mit Karl und Philipp in Konflikt, wobei er sich erfolgreich auf die starken Sympathien stützen konnte, die er sich bei den deutschen Fürsten erworben hatte. Auch seine Haltung während und nach der deutschen Fürstenverschwörung gegen Karl 1552, in der er als Vermittler zwischen dem Kaiser und den Fürsten auftrat, war durch die Entfremdung zwischen den Brüdern mitbestimmt. Durch die Begegnung mit Moritz von Sachsen in Linz (April 1552), den „Passauer Stillstand“ (Juni/Juli 1552) sowie schließlich durch den Augsburger Reichstagsabschied von 1555 mit seinem wichtigsten Teil, dem Religionsfrieden, bestimmte F. entscheidend die weitere Gestaltung der politischen und religiösen Verhältnisse im Reich. Die Kaiserkrönung (24.3.1558) nach der Abdankung Karls war nur mehr die formelle Bestätigung der von F. bereits praktisch seit einem Jahrfünft eingenommenen Stellung als Reichsoberhaupt. In den letzten Lebensjahren strebte F. im Sinne seiner versöhnlichen Religionspolitik weiterhin vergeblich die Überwindung der Kirchenspaltung durch Religionsgespräche und ein allgemeines Konzil an, wobei er sogar für das Zugeständnis von Priesterehe und Laienkelch eintrat. Die ständige Bedrohung der österreichischen Erblande durch die Türken sowie das mangelnde Einvernehmen mit seinem ältesten, dem Luthertum zuneigenden Sohn Maximilian und die weiteren Fortschritte der neuen Lehre im Reich wie in den österreichischen Erbländern beschränkten F.s politische Bewegungsfreiheit in dieser letzten Phase seiner Regierung.

Gemessen an seinem älteren Bruder Karl V. fehlt F. wohl dessen welthistorische Bedeutung, doch übertraf er Karl an politischem Realismus und war dementsprechend schließlich auch erfolgreicher. Durch den Augsburger Religionsfrieden und die Schaffung eines politischen und religiösen Gleichgewichts im Reich sowie durch das Zustandebringen der österreichisch-böhmisch-ungarischen Verbindung ist F.s Wirken für die folgenden Jahrhunderte bedeutungsvoll geworden, durch seine zahlreiche Nachkommenschaft (7 Töchter waren mit Prinzen von Polen, Bayern, Kleve, Mantua, Ferrara und Toskana vermählt) wurde er zum Ahnherrn fast aller späteren europäischen Herrschaftsgeschlechter. Sein Fürstenbild war wesentlich durch die „Institutio Principis Christiani“ des Erasmus von Rotterdam bestimmt, deren 2. Auflage ihm gewidmet war und die er in seinen Briefen wiederholt lobend erwähnte und als Handbuch zur Erziehung künftiger Herrscher empfahl.

18. Johannes Eck

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Der Grund zu E.s Erziehung und Bildung wurde gelegt durch den Onkel M. Maier in Rottenburg. Aber schon 1498 ging E. an die Universität Heidelberg und 1499 nach Tübingen. Hier wurde er am 1. Oktober Baccalaureus und am 13.1.1501 Magister artium. Das Studium der Theologie setzte er wegen der ausgebrochenen Pest in Köln fort (Oktober 1501). Juni 1502 siedelte er nach Freiburg (Breisgau) über. In der Artistenfakultät hielt er 1502-10 Vorlesungen über →Aristoteles und wurde 1505 Leiter der der via moderna zugehörigen „Pfauenburse“. Neben den theologischen hörte er juristische, mathematische und geographische Vorlesungen. 1506 Sententiar der Theologie, wurde er am 13.12.1508 in Straßburg zum Priester geweiht und am 22.10.1510 in Freiburg zum Dr. theol. promoviert. Noch im selben Monat folgte er einem Ruf nach Ingolstadt. 1514 erschien sein erstes selbständiges theologisches Werk über Gnade und Prädestination, der „Chrysopassus“. Hierin schließt er sich wieder mehr der älteren, besonders der Franziskanischen Schule an. Neben Augustinus sind Bonaventura und Scotus seine liebsten Autoren. Ähnlich versucht er in den auf Befehl der bayerischen Herzöge 1516-20 herausgegebenen Kommentaren zu den Hauptwerken des →Aristoteles und der Logik des Petrus Hispanus, die den Unterricht in Ingolstadt auf eine neue Grundlage stellen sollten, einen Mittelweg zwischen der via antiqua und der via moderna einzuhalten. Sein dialektisches Geschick und seine Freude an Streitgesprächen bewies er schon in den Disputationen von Bologna (12.7.1515), wo er für die Erlaubtheit eines Zinses von 5% eintrat, und von Wien (18./19.8.1516).

Mit Luther und Karlstadt unterhielt E. dank der Vermittlung des Nürnbergers →Christoph Scheurl gute Beziehungen, bis jene mit seinen nicht für die Öffentlichkeit bestimmten „Obelisci“, Anmerkungen zu Luthers Ablaßthesen, bekannt wurden. Das führte zur Leipziger Disputation, wo E. seine theologische Gelehrsamkeit, sein gutes Gedächtnis und seine Schlagfertigkeit sehr zustatten kamen. In der dogmatischen Unklarheit seiner Zeit ist es sein Verdienst, unerbittlich klar aufgewiesen zu haben, daß Luther nicht Reform, sondern Angriff auf die Grundlagen des katholischen Glaubens bedeutete. Die Frage ist nur, ob er es immer mit der nötigen Verantwortung für die Einheit der Christenheit und das Seelenheil seiner Gegner getan hat, oder ob er|diese in seiner kalten Schärfe erst zu ihren häretischen Konsequenzen getrieben und auf Anschauungen, die von der Lehre der Kirche abwichen, festgelegt hat. In Leipzig hatte E. herausgestellt, daß bei Luther ein Angriff auf das Wesen der Kirche vorlag. Sein erstes systematisches Werk gegen Luther war daher „De primatu Petri adversus Ludderum“ (Ingolstadt 1520, Paris 1521). Es folgten unter anderem „De poenitentia et confessione secreta“ (Tübingen 1522), „De purgatorio“ (Rom 1523), „De satisfactione et aliis penitentie annexis“ (ebda. 1523), „De sacrificio missae“ (Köln 1526). In dem „Enchiridion locorum communium adversus Ludderanos“ (Landshut 1525) schuf er ein Gegenstück zu Melanchthons „Loci communes“ (Wittenberg 1521) und eine wichtige Waffe im Kampf gegen die Neuerung, was schon an den mindestens 91 Auflagen beziehungsweise Übersetzungen dieses Werkes deutlich wird.

In seiner Methode zeigt sich E. nicht als der Erzscholastiker, als der er gewöhnlich hingestellt wird, sondern ernsthaft bemüht, durch ausgiebige Zitierung der Heiligen Schrift, der alten Konzilien und der Kirchenväter der Forderung seiner Zeit „ad fontes“ gerecht zu werden. Er kann daher als der bedeutendste Bahnbrecher einer positiven katholischen Theologie angesehen werden. Allerdings ist das mehr die Frucht seiner großen Belesenheit und seines staunenswerten Gedächtnisses als einer schöpferischen Begegnung mit den Texten. So häuft er in bloß formaler Gewandtheit die Belegstellen, ohne ihr Gewicht zu prüfen und ohne sie für das Ringen um die Wahrheit religiös und theologisch fruchtbar zu machen.

Als Pfarrer von Sankt Moritz (1519–25) und von „Unserer Lieben Frau“ (1525-32 und 1538-40) zu Ingolstadt ein überaus eifriger Prediger – er hat bis zu 15mal im Monat gepredigt –, ließ er 5 Bände deutscher Predigten zum Kirchenjahr, zu den Festen der Heiligen, über die Sakramente und über die 10 Gebote erscheinen (Ingolstadt 1530-39; lateinische Übersetzung von I-IV Augsburg 1533-35). Auf Anregung des Herzog Wilhelm IV. von Bayern gab er 1537 eine deutsche Bibel heraus. Dabei legte er für das Neue Testament Emsers Übersetzung zu Grunde, im Alten Testament war er selbständiger.

Doch nicht so sehr seine Schriften als sein unermüdlicher direkter Einsatz für die alte Lehre in Disputationen, Religionsgesprächen und in der Kirchenpolitik haben ihn zu dem bekanntesten, hervorragendsten und am meisten gehaßten Gegner der Reformation gemacht. März bis Juli 1520 hielt er sich 17 Wochen in Rom auf, um die Kurie auf die tödliche Gefahr aufmerksam zu machen und zu einer entschiedenen Bekämpfung Luthers zu veranlassen. Er und Aleander wurden mit der Publikation der Bulle „Exsurge Domine“ in Deutschland beauftragt und dazu mit der Würde eines Protonotars und Nuntius ausgezeichnet. Sein zweiter Romaufenthalt (Oktober-Dezember 1521) führte wegen des Todes Leos X. (1. Dezember) nicht zum Ziel. März-Dezember 1523 weilte er zum drittenmal in Rom, dieses Mal im Auftrage der bayerischen Herzöge, deren landeskirchliche Interessen er geschickt mit dem Anliegen der Kirchenreform zu verbinden wußte. In seinen Denkschriften zur deutschen Kirchenreform für die Päpste Hadrian VI. und Clemens VII. geißelte er freimütig die Mißstände an der Kurie, besonders im Ablaß- und Benefizienwesen, forderte er energische Bekämpfung der Neuerer, Reform der deutschen Kirche durch Abhaltung von Provinzial- und Diözesansynoden, Förderung der theologischen Wissenschaft und Hebung der Volksseelsorge.

In die Schweizer Religionskämpfe griff E. vor allem 1526 ein durch die Verteidigung der katholischen Abendmahlslehre bei der Badener Disputation. Zum Augsburger Reichstag 1530 legte er in den „404 Artikeln“ eine wenig systematische Sammlung der lutherischen Irrtümer vor. An der Confutatio der Confessio Augustana war er maßgebend beteiligt. Auch bei den Hagenauer (1540) und Wormser (1540/41) Religionsgesprächen war er unter den katholischen Wortführern. Sein Verhalten bei der Fortsetzung dieser Unionsversuche in Regensburg (1541) ist umstritten. Er war durch den päpstlichen Legaten Contarini zu den Beratungen über das „Regensburger Buch“ herangezogen worden, bevor dieses durch Granvella der Versammlung vorgelegt wurde. Während der Verhandlungen über das Altarsakrament, bei denen die Aussichtslosigkeit einer Einigung deutlich wurde, erkrankte E. und schrieb während seines Fernbleibens auf Wunsch des am Scheitern des Gesprächs interessierten Herzog Wilhelm von Bayern die „Annotationes“, in denen er das „Regensburger Buch“ wegen vieler Irrtümer und seiner verschwommenen Haltung restlos ablehnte. Durch dieses isolierte Vorgehen fühlten sich die übrigen katholischen Gesprächspartner, besonders Johann Gropper und Julius Pflug, mit Recht diffamiert. Auch dieses letzte bedeutende Eingreifen E.s in die Religionskämpfe zeigt, wie er in unbestechlicher Klarheit und unerbittlicher Schärfe den Irrtum entlarvt und jedem Kompromiß auf Kosten der Wahrheit abhold ist, wie er dabei aber die zu fordernde religiöse und theologische Tiefe|vermissen läßt, die Wahrheit zu intellektualistisch besitzt, ohne „im Innersten davon in Anspruch genommen“ (Lortz) zu sein, und deshalb an seinem Schicksal, einen falschen Frieden stören zu müssen, auch nicht sonderlich schwer getragen hat.

19. Ulrich von Hutten

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Der von seinem Vater als schmächtiger Erstgeborener für den Fuldaer Prälatenstand bestimmte H. besuchte seit 1498 die Stiftsschule in Fulda, erhielt ohne Profeß vom Benediktinerabt das Biennium studii für Erfurt, wo er bis 1504/05 unter Crotus Rubeanus als Mentor verblieb. Im Sommer|1505 studierte H. zu Mainz, löste seine Bindung an Fulda friedlich und ging an die Univ. Köln, von der er sich im Frühjahr 1506, seinem Mainzer Lehrer Aesticampian folgend, an die Univ. Frankfurt/Oder begab. Dort erwarb er 1506 den artistischen Bakkalar und zählte zum literarischen Kreis des Bischofs Dietrich v. Bülow. Seit März 1508 mit Aesticampian in Leipzig, las er über Humaniora, verließ jedoch in Verfolg einer schweren Infektion (Morbus Gallicus) Ostern 1509 die Stadt, um anschließend eine Odyssee an Abenteuern und Elend – Schiffbruch im Nordmeer, Streit mit dem Geifswalder Lötz, Poet in Rostock – zu erleben, aus der er sich mit seinen „Querelen gegen die Lötze“ (Herbst 1510) als lat. Dichter durchsetzte. 1511 weilte H. nach Wanderung durch die böhm. Wälder (Olmütz) in Wien bei J. Vadian. 1512/13 oblag er Rechtsstudien in Pavia und Bologna, trat aus Not in kaiserl. Kriegsdienst, währenddem seine aus ghibellinischen Vorstellungen von Kaiser und Reich erwachsenen Epigramme an Maximilian J. entstanden. Anfang 1514 wieder in Deutschland, fand er durch Hofmeister→Eitelwolf vom Stein Unterschlupf bei seinem inzwischen zum Erzbischof von Magdeburg erhobenen Frankfurter Mitstudierenden Mgf. Albrecht von Brandenburg, kurz darauf auch Kurfürst-Erzbischof von Mainz, mit dessen Hilfe (sein Panegyr auf ihn) er 1516- Juli 1517 sein Rechtsstudium in Rom (Hummelberg, Corycius), Bologna (Domherr Jakob v. Fuchs, Joh. Cochlaeus) und Ferrara fortsetzte. Schon 1514 hatte H. zu Mainz engeren Anschluß an den ober- und mittelrhein. Humanismus gefunden und Reuchlin und den H.s lat. Stil preisenden Erasmus persönlich kennengelernt. Er verzehrte sich jahrelang im Einsatz für beide. Die zersetzende erasmische Skepsis seines wirksamen „Nemo II“ hinderte H. nicht daran, sich mehr Gegenwartsthemen zuzuwenden, wie er überhaupt mehr der „vita activa“ und trotz der ganzen Breite seiner antiken Bildung Ereignissen seiner Zeit zugewandt war. In Crotus' Nachfolge schrieb er in Bologna 1516 den Zweitband der „Epistulae obscurorum virorum“, der sich nicht gegen Glauben und Kirche, sondern gegen ein überreifes, veraltetes Bildungssystem richtete. In der mimischen Satire schwächer als Crotus, wirkten H.s Briefe rhetorischer, jedoch auch sittlich ernster. Danach entstand gleichfalls in Bologna der in der Form an Lukian anlehnende Dialog „Phalarismus“, eine aktuelle Unterweltsszene, die Hzg. Ulrich von Württemberg wegen seines Mordes an Hans v. Hutten ins Kreuzfeuer nahm. H.s fünf forensische Reden gegen den württ. Herzog förderten allgemein den Widerstand gegen das Territorialfürstentum. Maximilian I., der auf einen Ausgleich mit dem Huttengeschlecht wegen der Mordtat des württ. Herzogs bedacht und für die ital. Feldzugsepigramme dankbar war, krönte H. am 12.7.1517 in Augsburg zum poeta laureatus, verlieh ihm die Würden eines Dr. legum und „Eques auratus“ und ernannte ihn zum kaiserl. Orator. Schon im September trat H. in den Dienst von Kurmainz, ging als Sondergesandter EBAlbrechts an den franz. Königshof (Okt. 1517 - Jan. 1518) und wurde ebenso wie in Italien vom ital. Humanismus, dessen Fortuna ihn zeitlebens begleitete, vom Wesen des franz. Humanismus stark erfaßt. 1518/19 nahm er neben seiner Tätigkeit als ständiger Hofrat in Halle und Mainz, das unter Albrecht zu einem „Main-Florenz der Wissenschaften“ ausgebaut werden sollte, am Augsburger Reichstag 1518 (die „Türkenrede“ als ein reichspolitisches Reformprogramm?), an der Vertreibung des württ. Herzogs, wobei er Sickingen kennenlernte (Orationes V), und an der Kaiserwahl zu Frankfurt 1519 teil.

Durch Herkunft mit der fränk. Ritterschaft verbunden und von Haus aus auf politischen Einfluß bedacht, drängte H. nach einer eigenen politischen Rolle für seine mit einem Schuß Reformkatholizismus versehenen Reichsreformpläne. Mit ihrer ausgesprochen nationalstaatlichen Tendenz, der Stärkung der kaiserl. Zentralgewalt und Eindämmung des Territorialfürstentums konnten sie bei der Kurie keinen Anklang finden. Im Aug. 1519 schied H. aus dem aktiven Dienst in Mainz aus und begann systematisch eine nationale Opposition aufzubauen. Seine Übernahme in den Dienst bei des Kaisers Bruder, Erzhzrg.Ferdinand in Brüssel, von dem er eine Förderung seiner Reformpläne erhoffte, wurde Sommer 1520 durchkreuzt. Die kirchliche Inquisition verfolgte H.wegen antiröm. Schriften (Inspicientes, Trias Romana). Obwohl er kein Ketzer war, verfiel er dem Kirchenbann. Im Sept. 1520 fand er auf der Ebernburg bei dem aufsteigenden Franz v. Sickingen Zuflucht. Mit einer Flut von Veröffentlichungen, nunmehr in deutscher Sprache (geschichtliche Belege, Reimgedichte, Sendschreiben, Mahnungen, Klagen, Invektiven), wandte er sich gegen Papst, Kurie, die Kurtisanen und „ungeistlichen Geistlichen“ und gegen die ihnen beistehenden Landesfürsten an das breite Volk, um ihm zu zeigen, „welches die braut sei, warum man ihm tanzen zugemut“. Seine lebendigen, in einnehmendem hoffränk. Deutsch abgefaßten Aufrufe|an die Nation, um deren Verwirklichung es ihm ging, fanden schnell und weithin Gehör und Widerhall, so daß er schon bei Beginn des Wormser Reichstages 1521 als ein meinungsbestimmender, politisch mitentscheidender Faktor im Reich galt. Dabei blieb stets sein etwas nativistisch-konservativer Nationalbegriff mit dem humanistischen Bildungsgedanken, dem geistigen Fluidum von Freiheit und Gesittung, verbunden. Der betont nationaldeutsche Zug in H.s Humanismus, früh gefördert durch Konr. Celtis, Heinr. Bebel und Jak. Wimpfeling, wurde entscheidend jedoch von dem ausgesprochen nationalen Humanismus Italiens (Petrarca) mit- und ausgestaltet.

Sein zeitbedingter Kampf gegen Rom, verschärft durch seine spartanische Grundhaltung gegen den Luxus der Renaissancepäpste, war nichts anderes als eine Massierung und Intensivierung alter Klagen deutscher Nation gegen das politische italische Papsttum. Gerade im Zusammenspiel der Kurie mit dem Landesfürstentum sah er die Gefährdung von Reich und Nation. Der religiös kühle H. war kein Lutheraner, er wollte lediglich die luth. Bewegung für eigene politische Zielsetzung nutzen. Zu Beginn des Wormser Reichstags 1521 sprachen alle Anzeichen für H., den weder Bann noch Acht schreckten. Vergeblich versuchten die kaiserl. Diplomatie unmittelbar und der päpstl. Legat Aleander mittelbar gegen Angebot hoher Stellen H.s politisches Wirken zu unterbinden. Der Kaiser sah sich schließlich genötigt, April 1521 eine Gesandtschaft auf die Ebernburg zu entsenden, die H.s und Sickingens Reformforderungen annahm. Legat Aleander sistierte alle kirchlichen Maßnahmen gegen H., da dieser in kaiserl. Dienst trat. Als die Abmachung durch das H. isolierende Wormser Edikt gebrochen wurde, kündigte H. sofort beim Kaiser den Dienst auf, trennte sich von Sickingen und dessen eigensüchtiger Doppelpolitik und versuchte im Untergrund den wirkungslosen „Pfaffenkrieg“. Bis Nov. 1521 hielt sich H. auf Burg Diemstein, dann auf Burg Wartenberg verborgen, bis er sich Anfang Mai 1522 wieder an den aus des Kaisers Dienst entlassenen Sickingen anschloß. Die „Trierer Fehde“ sollte gewaltsam eine Änderung der Zustände im Reich herbeiführen. Sie schlug fehl, was neben dem Versagen der Reichsritterschaft das endgültige Scheitern der großangelegten und an sich zukunftsträchtigen politischen Reformkonzeption, die H. gewagt hatte, mit sich brachte. In den sich ankündenden Untergang des Condottiere Sickingen hineingezogen, ging H. im Spätherbst 1522 von Burg Landstuhl über Schlettstadt, Basel – dort den für ihn bitteren Bruch mit Erasmus erlebend –, Mülhausen, Pfäffers und Zürich nach der ihm von Zwingli bereiteten Zuflucht Ufenau, wo der „eques Germanus“, bis zum Ende in seiner Haltung ungebrochen, seiner Jugenderkrankung erlag. Die letzte literarische Tat des ungestümen Mahners war erneut vorgetragener Angriff auf deutsches Territorialfürstentum.

H.s literarische Bedeutung als zu seiner Zeit meist gedruckter und gelesener deutscher Humanist lag weit mehr auf seinen lange nachwirkenden, die literarische, kulturelle und politische Entwicklung der Nation beeinflussenden lat. Schriften, die europ. Rang hatten, als auf den deutschen. Seine rein politischen, seine kulturkritischen, polemischen und satirischen Werke, seine forensische Rhetorik und seine dramatischen Dialoge, aktuell und intuitiv, brachten frei und offen das Verlangen zum Individualismus zum Ausdruck und suchten erstmals in Deutschland Humanismus und Nationalismus als tragende Elemente in einer lebendigen Synthese zu vereinigen. Das Recht galt H., der nicht den machtpolitischen oder sozialutopischen Vorstellungen seiner Zeit huldigte, als unabdingbares oberstes Postulat. Eine gerechte Lebens- und Staatsordnung der Nation in allen ihren Gliedern war sein Ziel. H.ahnte den Bauernkrieg voraus und suchte zu vermitteln.

Herrschte das national-liberale Huttenbild, wie es D. F. Strauß meisterhaft, doch ohne historischen Hintergrund 1858 zeichnete, bis um 1930 weithin vor, so haben in zeitgemäßer Reaktion darauf die oft irrlichternden Einzeluntersuchungen P. Kalkoffs zwar die einschlägige Forschung wiederbelebt und vertieft, gelangten jedoch zu keiner Synthese und wurden vielfach widerlegt. Neuere Arbeiten mühen sich wiederum, dem „geschichtlichen H.“ in seiner Ganzheit und Größe gerecht zu werden. Der dabei aufgetretene Versuch, das Persönlichkeitsbild H.s in das eines weniger beachtlichen Humanisten und das eines Politikers von geschichtlich unübersehbarem Rang und Format im letzten Jahrfünft seines Lebens aufzuspalten, verkennt die innere Einheit und Geschlossenheit des Humanismus und der Politik H.s, mit der dieser überaus willensstarke, sich in Selbsthingabe für seine fortschrittlichen kulturellen und politischen Ideale opfernde Ritterbürtige nicht zuletzt durch seinen heroischen Lebenslauf an menschlicher Bedeutung und literarischem Einfluß|gewann, was ihn über sein Jahrhundert hinaushebt.

20. Maximilian I. (HRR)

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M., der Begründer der habsburg. Universalherrschaft und der Donaumonarchie, der eine weltgeschichtliche Wende von jahrhundertelanger Nachwirkung einleitete, geriet seit dem 19. Jh. in das Zwielicht der Beurteilung. Ursprünglich etwas zu großartig gesehen, wurde sein Bild infolge der kleindeutsch-österr.Auseinandersetzungen stark verdunkelt. Der älteren Forschung (Ranke) standen fast nur reichsständische Quellen zur Verfügung, die naturgemäß ein einseitiges Bild boten. „M., das ungerechtest behandelte Opfer der Rankeschule“, klagte Friedjung. Ulmann schuf das Bild vom sprunghaften, unsteten Phantasten ohne großen Gesamtplan, der nur vom Erbglück emporgetragen wurde, vom Verderber der Reichsreform, vom „undeutschen“ Kaiser, dem bedenkenlosen Vertreter der österr. Hauspolitik, der das Reich nur „als Anhängsel des zur Weltmacht strebenden Hauses Österreich ausgebeutet“ habe. In Zeiten des übersteigerten Nationalismus erregte der habsburg. Universalismus allgemeinen Anstoß. Im übrigen galt M. als „interessanter Charakter“, als Mann von ungewöhnlichen Gaben, als sprühende Persönlichkeit, wobei insbesondere seine Liebe zu Kunst und Wissenschaft und sein Mäzenatentum Anerkennung fanden. Diese Seite seines Schaffens ist sehr eingehend erforscht. Die Tatsachen der M.schen Reichsbildung, sein Regierungs- und Verwaltungssystem, Reichsreform, Reichs- und Fürstenpolitik, Kirchenpolitik, Kriegführung und Finanzpolitik, worüber es lange Zeit nur Gemeinplätze gab, wurden erst jüngst eingehender wissenschaftlicher Analyse unterzogen. Die Schule der Regesta Imperii hat zur Aufklärung dieser Fragen nicht unwesentlich beigetragen. Das Reichstagsakten-Unternehmen hat das Verdienst, die Reichsreform noch weiter zu klären. Die österr. Verwaltungsreform ist seit langem recht gründlich erforscht.

M.s Kindheit und Jugend standen unter dem Eindruck des türk. Vorstoßes gegen das Abendland. Der Name „Maximilian“ wurde gewählt nach dem legendären Apostel des Südostens; man hatte im Hinblick auf den Fall Konstantinopels (1453) auch an den Namen „Konstantin“ gedacht. Österreich blickte damals sorgenvoll nach Osten. Böhmen und Ungarn, seit 1437 mit Österreich verbunden, fielen bald in die Hände nationaler Könige (1458/59), die ihre Waffen gegen Österreich richteten anstatt gegen die Türken. Der Bruderzwist zwischen Kaiser Friedrich III. und Albrecht VI. um das Erbe Kg. Ladislaus' Postumus erschütterte die Dynastie (1457–63). Die kaiserl. Familie wurde in der Wiener Hofburg belagert (Okt.-Dez. 1462). Söldnerbanden durchstreiften die Länder, Adelsfehden und Münzverfall vermehrten die Not. Der Cillier Erbfolgekrieg (1456–60) sicherte immerhin die Stellung Österreichs in der Untersteiermark und in Kärnten. Die geringe Hausmacht erlaubte dem Kaiser keine Herrschaft im Reich; es war sogar von Absetzung die Rede. Die Schwäche des Vaters schien dem Sohn verächtlich; die früh verstorbene Mutter dagegen versetzte er unter die Heiligen des Himmels. Gleichwohl hatte er vom Vater den unerschütterlichen Erwählungsglauben seines Hauses (AEIOU = Alles Erdreich Ist Oesterreich Untertan), von der Mutter den Sinn für das Große. M. nennt sich selber „Theuerdank = Magnanimus“.

Die strenge, nicht immer glückliche väterliche Erziehung war gleichermaßen auf die geistige, religiöse und körperliche Ertüchtigung des begabten, aber spätentwickelten Knaben bedacht: er wurde auch in die „Schwarze Kunst“, Astrologie und Alchimie, eingeführt. Seine kostbar gestalteten Lehrbücher (Fichtenau), die Wenzelsbibel – ein Wunderwerk der Buchkunst, deutsche und antike Geschichten- und Sagenbücher vermittelten ihm erste literarische Eindrücke. Lehrer der alten Schule, Nicht-Humanisten, brachten ihm ein schlechtes „Reiterlatein“ bei, das er aber geläufig schrieb und sprach. Vom Hofgesinde lernte M. Slovenisch, in den Niederlanden Flämisch und Französisch, von seinen Sekretären Italienisch und von seinen Landsknechten Englisch und Spanisch. Der Vater führte ihn in die „Sekretarikunst“ ein. In den Hofwerkstätten übte M. die praktischen Handfertigkeiten, die ihn später besonders auszeichneten. Größtes Interesse zeigte er gegenüber dem Waffenhandwerk, dem Turnier (der „letzte Ritter“) und der Jagd, worin er es zu besonderer Meisterschaft brachte. Die autobiographischen Schriften (Weißkunig, Commentaria und Gesta) bieten nach den älteren Fürstenspiegeln die erste ausführliche Erziehungsgeschichte.

Die Zusammenkunft zwischen Friedrich III. und Karl d. Kühnen in Trier (1473) bereitete die dynastische und politische Vereinigung der Häuser Österreich-Burgund vor. M. bewunderte Karl d. Kühnen zeitlebens als sein Vorbild. Nach dessen Tod in der Schlacht bei Nancy (5.1.1477) heiratete er Maria von Burgund, wodurch die Habsburger zu führender Stellung im Reich und in Europa aufstiegen. M. konnte die Einheit der burgund. Länder in einem 15jährigen Erbfolgekrieg gegen Frankreich verteidigen (erster entscheidender Sieg bei Guinegate [= The-rouanne] am 7.8.1479). Allerdings stieß M., der das zentralisierende Gewaltsystem Karls d. Kühnen fortsetzte, auf den harten Widerstand der burgund. Länderstaaten. Die Kinder Philipp und Margarethe sicherten die Erbfolge der habsburg. Dynastie in den Niederlanden. Als Hzgn. Maria auf der Falkenjagd verunglückte (27.3.1482), geriet der burgund. Staat in eine schwere Krise. Adel und große Handelsstädte wollten den M.schen Zentralismus zerschlagen, verbanden sich mit Frankreich, rissen die Vormundschaft für Erzhzg. Philipp an sich und verlobten Erzhzgn. Margarethe mit Karl (VIII.) von Frankreich. Das Herzogtum und die Freigfsch. Burgund, Picardie und Artois und viele andere Herrschaften wurden im Frieden von Arras (23.12.1482) als Mitgift Margarethes an Frankreich abgetreten und nach Auflösung des Verlöbnisses nicht zurückgegeben, womit eine langwierige Streitfrage zwischen Habsburg und Valois in die Welt gesetzt wurde. Erst nach schweren Kämpfen vermochte M. die Generalstaaten zur Herausgabe seines Sohnes und zur Anerkennung seiner Vormundschaft zu zwingen.

Im Reich drängte man auf die Wahl M.s zum Röm. König, in der Hoffnung, daß er ohne Unterstützung des Reiches seine österr. Länder gegen Ungarn verteidigen werde, nachdem Matthias Corvinus Wien (1485) und große Teile Österreichs erobert hatte. Am 16.2.1486 wurde M. mit Unterstützung des Vaters in Frankfurt einstimmig gewählt und am 9. April in Aachen gekrönt – der erste Schritt zur habsburg. Erbmonarchie.

M. war stets überzeugt, daß die großen Entscheidungen im Westen fielen, und kehrte daher in die Niederlande zurück, um den Erbfolgekrieg zu beenden. Die Bürger von Brügge setzten ihn durch List gefangen und hielten ihn 16 Wochen (Februar-Mai 1488) in ihren Gefängnissen fest; sie bedrohten ihn mit der Auslieferung an Frankreich, ja mit der Hinrichtung. Der Kaiser mußte mit einem Reichsheer anrücken, um den Sohn zu befreien. M. blieb zeitlebens ein Feind stadtbürglicher Selbstherrlichkeiten. Der Frankfurter Friede (22.7.1489) schloß die erste Phase des Erbfolgekrieges ab. M. kehrte nach Österreich zurück, während Hzg. Albrecht v. Sachsen für ihn den niederländ. Krieg zu Ende führte.|Größtes Aufsehen erregte der sogenannte „Brautraub von Britannien“. Um Frankreich einzukreisen, heiratete M. in verhängnisvoller Überschätzung seiner Möglichkeiten – zunächst nur durch Stellvertretung – die Tochter seines alten Verbündeten, Hzgn. Anna von Bretagne (16.12.1490), was Frankreich als Bedrohung seiner Existenz auffassen mußte. Durch den Ungarnkrieg verhindert, vom eigenen Vater, der diesem Abenteuer mißtraute, und vom Reich völlig im Stich gelassen, konnte er seine „Gemahlin“ gegen den König von Frankreich nicht in Schutz nehmen. Nach Eroberung ihres Landes folgte Hzgn. Anna dem Sieger freiwillig in die Ehe (6.12.1491), nachdem ihre in fragwürdigen Formen abgeschlossene, nicht vollzogene „Ehe“ mit M. annulliert worden war. Kg. Karl VIII. schickte seine Verlobte, Erzhzgn.Margarethe, dem Vater zurück, ohne deren große Mitgift, das Hzgt. Burgund u. a., herauszugeben. M. war als Gatte und als Vater gleich hart getroffen. Vergebens forderte er den König von Frankreich deswegen zum ritterlichen Zweikampf heraus. Ein tief sitzender, nie ganz überwundener Haß gegen Frankreich war die Folge. M. eröffnete den Rachekrieg, wofür die königl. Propaganda den „Brautraub“ erfand. Der Friede von Senlis (23.5.1493) beendete den langen Krieg und gab M. die Freigfsch. Burgund, ein wertvolles Grenzland des Reiches, wieder zurück. Die Aufteilung der burgund. Länder war verhindert worden, deren Besitz die habsburg. Großmacht endgültig sicherte. Das burgund. Bündnissystem und der „Große Plan“ zur Zerstückelung Frankreichs mit Hilfe Englands, Spaniens und des Reiches beherrschten durch Jahrhunderte das habsburg. Staatsdenken. Der Kampf um die Vorherrschaft zwischen Habsburg und Valois schien unvermeidlich.

M. kehrte als vollendeter Burgunder ins Reich zurück. Wie Karl d. Kühne wollte er die große Politik durch den Krieg gestalten. Einrichtungen des burgund.Staates dienten den österr. Ländern als Vorbild: Hofkultur, straffe Verwaltung und Finanzordnung, Kriegswesen mit Artillerie und Landsknechten, die während des Erbfolgekrieges erstmals aufgestellt worden waren. Aus Burgund kam der übersteigerte Kult des Herrschers und seiner Dynastie, den M. bei aller persönlichen Anspruchslosigkeit doch mitmachte, das Zeremoniell, das die gottähnliche Stellung des Herrschers sichtbar machen sollte, das Goldene Vließ, in dem sich die burgund.-habsburg. Erwählungsidee sinnfällig ausdrückte, und neue Formen der Propaganda als Mittel der öffentlichen Meinungsbildung. M.s Hofakademie, Bibliothek, Literatur- und Kunstpflege, seine eigenen literarischen Werke wären ohne das burgund. Vorbild kaum denkbar.

Aus den Niederlanden zurückgekehrt, bewog M. seinen Vetter Erzhzg. Sigmund gegen eine ansehnliche Rente zur sofortigen Abtretung Tirols und der Vorlande (16.3.1490), die eben noch an Bayern verpfändet werden sollten. Die Wiedervereinigung aller habsburg. Länder war damit vorbereitet. Innsbruck wurde Hauptstadt der Regierung und Verwaltung, Standplatz der Rüstungswerkstätten und eines großen Zeughauses. Die reichen Silber- und Kupferbergwerke von Schwaz in Tirol bildeten, nach Abtretung der Niederlande an seinen Sohn Philipp (1494), die Grundlage regelmäßiger hoher Kredite, welche die große Politik erst ermöglichten.

In Tirol begann M. mit seinen großen österr. Verwaltungsreformen nach burgund. Vorbild: Einrichtung des oberösterr. Regiments (für politische Verwaltung und Gerichtswesen) und der Raitkammer (für Finanzverwaltung) in Innsbruck und nach Friedrichs III. Tod die Einrichtung ähnlicher Behörden in den niederösterr. Ländern, die aber dauernd der Innsbrucker Kontrolle unterstellt blieben. Die Verwaltungsstellen waren untereinander und mit dem Hof durch eine regelmäßige Post verbunden. Die historischen Länder wurden diesen neuen Ländergruppenbehörden in Innsbruck und Wien untergeordnet. Vor allem die Finanzverwaltung der österr. und burgund. Länder sowie des Reiches sollte zwecks Steigerung der Einnahmen zusammengefaßt werden. Ein Fiskal oder Kammerprokurator hatte die Rechtsansprüche des Kaisers und des Reiches gegen jedermann vor Gericht zu verfechten. Strenge Abrechnung und Verwaltungskontrollen wurden eingeführt, bürgerliche Juristen und Finanzfachleute für den Verwaltungsdienst herangezogen. Frühformen des Beamtenstaates werden sichtbar. Die österr. Verwaltungsreform sollte durch Schaffung eines zentralen Hofrates und einer Hofkammer (1497/98) auf das Reich übertragen werden, was aber am Widerstand der Reichsstände und an der neuen Augsburger Ordnung scheiterte (1500). M. führte ein sehr persönliches Regiment: selbst der spätere Kardinalminister Matthäus Lang und der Hofkanzler Zyprian v. Serntein waren streng an seine Weisungen gebunden.

Als Kg. Matthias Corvinus gestorben war (6.4.1490), eroberte M. (auf besonderen|Wunsch des Vaters) das von den Ungarn besetzte Wien und die österr.Erbländer zurück und bewarb sich um die Stephanskrone. Mit den neuen „Landsknechten“, die er nach dem Vorbild der Schweizer während der niederländ.Kriege ausgebildet hatte, stieß er in einem kühnen Feldzug nach Ungarn vor (Okt.-Dez. 1490), stürmte Stuhlweißenburg und erreichte die Hauptstadt Ofen, wo ihn die meuternden Söldner und ein überaus harter Winter zur Umkehr zwangen. M. mußte zunächst vor Kg. Wladislaw zurückweichen; aber im Preßburger Frieden (7.11.1491) konnte er sich neuerdings (wie 1463) das habsburg. Erbrecht auf die Stephanskrone für den Fall des kinderlosen Todes Kg.Wladislaws und schon jetzt den Titel eines Königs von Ungarn sichern. Als nächste große Aufgabe plante M. den Türkenkrieg und die Wiedereroberung Konstantinopels, ein Ziel, das er von früher Jugend bis zum Tode beharrlich verfolgte. Wegen des Überfalls Kg. Karls VIII. von Frankreich auf Italien (1494) mußte er den Kreuzzug zunächst fallen lassen. Zum Schutz der südöstl. Erbländer gegen die Türken begann M. eine „Militärgrenze“ aufzubauen.

Am 19.8.1493 folgte M. seinem Vater im Reich. Er sah in der Kaiserkrone das Symbol des universalen Reiches der röm. und deutschen Kaiser, das er als Stellvertreter Gottes auf Erden wiederherstellen wollte. M. versuchte, dem Kaisertum seinen alten Vorrang zurückzugeben. Die Rückgewinnung Reichsitaliens, Kaiserkrönung, Kreuzzug und Wiederherstellung des christlichen Weltreiches („dominium mundi“) wurden die ferneren Ziele seines Lebens. Dazu schien ihm eine tiefgreifende Reichsreform nötig, die der Vater zeitlebens nicht gewagt hatte. M. wollte eigene Regierungs- und Verwaltungsorgane des Reiches einrichten, das oberste Gerichtswesen neu ordnen, den Landfrieden sichern, eine regelmäßige Reichssteuer einführen und ein stehendes Heer aufstellen, um das Reich für äußere Unternehmungen stärker zu machen und den fortschreitenden Verfall aufzuhalten. Fürsten und Stände, welche die Reichsgewalt aus ihren Gebieten fast ganz verdrängt hatten, sollten dem König eine Verstärkung seiner Regierungsgewalt zugestehen, damit das Reich wieder regierbar werde. Für M. sollten die Reformen vor allem der Kaiserpolitik und der äußeren Wiederherstellung des Reiches dienen, für die Stände hingegen stand die Sicherung ihrer überlieferten Machtstellung im Innern (Libertät) im Vordergrund: Sie wollten die Reichsregierung einem ständischen Reichsrat übertragen und dem König nur eine Art Ehrenvorsitz zugestehen. Hier lag die Ursache des Verfassungskampfes, dessen Sturmphase bis 1503 dauerte. Wortführer der Ständepartei war Erzkanzler Berthold von Mainz, der zunächst eine Mittlerstellung einnahm, aber nicht ohne Schuld M.s in immer schärfere Opposition gedrängt wurde.

Auf dem Wormser Reichstag (März-Aug. 1495) drängten diese Gegensätze zur ersten Entscheidung. M. erschien das sofortige Eingreifen des Reiches gegen die Eroberung Italiens durch die Franzosen am dringendsten. Die Stände dagegen wünschten Sicherung einer starken reichsständischen Mitregierung oder Alleinregierung. Sie versuchten, Reichsregiment und Kammergericht möglichst an sich zu bringen und eine reichsfürstl. Oligarchie aufzurichten. M. erreichte nach zähen Verhandlungen einen Vergleich: Der Ewige Landfriede und das Kammergericht brachten relative Fortschritte, wenn auch Fürsten- und Städtefehden, Bauernunruhen und Straßenraub noch lange fortdauerten. Der Gemeine Pfennig, auf vier Jahre beschlossen, konnte schon im ersten Jahr nur zum geringeren Teil eingehoben werden und blieb dann völlig aus. Ohne Steuer aber kann kein Staat leben. Die Verweigerung der Reichssteuer wurde dazu benützt, um den König zu erpressen.

Auf dem Lindauer Tag (Aug. 1496-Febr. 1497) ließen die Reichsstände den König, der nach Italien gezogen war, ohne die in Worms ausdrücklich beschlossene Reichshilfe, so daß er unverrichteter Dinge umkehren mußte. Das Reichskammergericht löste sich auf, weil es mangels Steuerleistung nicht unterhalten werden konnte. M.s „Scheltbriefe“ und Drohungen nützten nichts. Die Gegensätze verschärften sich. Die Stände schlossen sich zu einer antikönigl. „Einung“ zusammen. M. forderte die Einhebung der Reichssteuer, die Stände dagegen die Erfüllung der Wormser Ordnung und meinten damit die Unterwerfung M.s unter die Forderungen der Fürsten. Der König ging zum Gegenangriff über und versuchte unter Bruch der Wormser Vereinbarungen eine Verfassungsreform auf eigene Faust: Er richtete seinen eigenen Hofrat und seine Hofkammer als oberste Regierungsorgane des Reiches ein (Dez.1497-Febr. 1498), wofür er zunächst auch Kf. Friedrich von Sachsen, Hzg. Georg von Bayern u. a. gewinnen konnte, andererseits Erzkanzler Berthold schwer verstimmte.

Auf dem Freiburger Tag (Okt. 1497-Sept. 1498) erhielt M. nach gereizten Auseinandersetzungen eine spärliche Restzahlung aus dem Gemeinen Pfennig. Alle Ergebnisse dieses Tages wurden in Frage gestellt, weil die Stände den Reichsabschied nur gelten lassen wollten, wenn M. alle abwesenden Stände darauf verpflichten konnte, was kaum möglich war. Die Kurfürsten sammelten sich unter Bertholds Führung zum Gegenschlag; Kf. Friedrich von Sachsen trat auf ihre Seite über.

Anschließend kam es wegen Grenzstreitigkeiten in Tirol und Schwaben, nicht zuletzt wegen der Unnachgiebigkeit Bertholds und des Kammergerichts zum Schweizer Krieg (1499). Die Serie von Niederlagen des Königs und des Reiches im Schweizer Krieg und der Verlust Mailands an Frankreich (April 1500), hauptsächlich durch die vorsätzliche Hilfsverweigerung des Reiches verschuldet, ermöglichten den Reichsständen die vollständige Entmachtung M.s auf dem Augsburger Reichstag (März-Sept. 1500). Vergebens versuchte M. durch äußerste Zugeständnisse, von den Ständen die Aufstellung eines Reichsheeres zur Rettung Mailands und Italiens zu erreichen. Dafür überließ er den Kurfürsten und Fürsten Regierungsgewalt und Kriegshoheit und begnügte sich mit einer Art Ehrenvorsitz im Reichsrat; er drohte den Ständen in dunklen Worten für den Fall, daß sie ihr Versprechen nicht einhielten. Es kam zur völligen Entmachtung des Königs durch die Augsburger Regimentsordnung (2.7.1500). Aber auch das „Nürnberger Regiment“ versagte, denn Kurfürsten und Fürsten gehorchten ihrer eigenen Regierung noch weniger als dem König. Weder die beschlossene Steuer wurde eingehoben, noch ein Reichsheer aufgestellt; statt dessen versuchten die Stände, die Gelder aus dem Kreuzzugsablaß an sich zu bringen, was M. verhinderte. Nach zwei Jahren völliger Ohnmacht löste M. durch einen Gewaltstreich das Nürnberger Regiment auf (21.3.1502) und machte aus seinem Hofrat wieder eine Art Reichsregierung, die allerdings von den Ständen niemals anerkannt wurde; auch das Kammergericht wurde wieder eröffnet.

Der Gelnhäuser Kurverein (Juni-Juli 1502), der sogar mit dem Gedanken einer Absetzung M.s gespielt haben soll, konnte ihm nicht mehr gefährlich werden. Was ihm die Stände an Reichssteuern verweigerten, brachte er durch den Kreuzzugsablaß in seine Kassen, wobei er sich nicht scheute, die Ablaßtruhen in den Kirchen aufbrechen zu lassen. M. vermochte zunächst seinen Hauptfeind, Kf. Berthold von Mainz, auszuschalten und schließlich die fürstl. Opposition durch den Pfälzer Krieg (1504/05) aus dem Feld zu schlagen. Hatte sich M. bis 1500 auffällig um eine kurfürstl.-fürstl. Mitregierung bemüht, so übertrug er nun die Verwaltung durchaus an die neuen Beamten nichtfürstl. oder bürgerlichen Standes, überwiegend an Wirtschaftsfachleute und Humanisten. Aufsteiger aus ritterlichen, aber auch aus bürgerlichen und bäuerlichen Kreisen kamen in höchste Stellen; Kleriker traten dagegen stark zurück. Nur für den Kriegsdienst des Reiches konnte er einige jüngere Fürsten und Fürstensöhne durch günstige Soldverträge weiter verpflichten.

Die geistlichen Fürsten hielten nach dem Ausscheiden Bertholds meist zum König. Unter den weltlichen Fürsten konnte M. allmählich eine Mächtegruppe aufbauen (Bayern, Württemberg, Baden, Kleve, Jülich, Hessen, Ansbach-Bayreuth, Anhalt, Mecklenburg, Pommern, Braunschweig u. a.), die ihm zwar nicht durchaus folgten, aber öfters gute Dienste leisteten. Die Grafen und Freiherren suchten ihren Aufstieg eher an der Seite des Königs, nur wenige hielten zur Opposition. Die Reichsritter vermochten die Möglichkeiten, die ihnen eine „ritterliche“ Reichsreform (Rittergerichte und Rittermilizen zur Sicherung des Landfriedens) bot, wie sie M. plante, nicht wahrzunehmen; teils nahmen sie Sold als Landsknechtführer oder im Hof- und Verwaltungsdienst, teils widmeten sie sich weiterhin der „rechten“ Fehde. Die gefährlichsten Störer des Landfriedens, deren sich auch der Kaiser manchmal bediente, kamen aus diesen Kreisen.

Auf dem Kölner Tag (Mai-Juli 1505) wurde von den Reichsständen M.s Hofregiment zwar nicht rechtlich anerkannt, aber doch hingenommen, indem man ihm versicherte, daß er „stets gut regiert“ habe. Die gemischt ständisch-monarchische Reichsverfassung lebte wieder auf, aber die Stände hielten an der Politik des Widerstandes fest, so daß monarchische Regierung und reichsständischer Widerstand eine gewisse Lähmung des Reichskörpers bewirkten. M.führte die Reformpolitik seit dem Kölner Tag auch gegen den Willen der Stände entschieden weiter. Nach dem Tode Kf. Bertholds von Mainz 21.12.1504 wurde Kf. Friedrich von Sachsen der Führer des reichsfürstl. Widerstandes. Die Reichsstände vertraten gegen M. zeit seiner Regierung eine beharrliche Politik der Ablehnung aller außenpolitischen Unternehmungen, was dem Reich nicht durchaus zum Vorteil gereichte. Auch in der inneren Reformpolitik ist M. seit 1506 führend vorangegangen: so durch den Vorschlag reichsritterlicher Schutztruppen zur Sicherung des Landfriedens, Verbesserung des Kammergerichts, Einrichtung der Reichskreise, Wiederherstellung eines Reichsregiments, Aufstellung einer Reichskriegsordnung und eines Reichsheeres, während die Fürsten fast alles als Eingriff in ihre Länderrechte ablehnten. Daher gelang es M. niemals, Verwaltungsbehörden für das ganze Reich einzurichten. Auch auf dem Höhepunkt der Macht konnte er den Verfassungskampf nicht zu seinen Gunsten entscheiden. Obwohl beide Teile zur Reform beitrugen, war das königl. Programm in manchem fortschrittlicher als jenes der Stände. Die Reichsreform hatte unter M. zwar Fortschritte gemacht, gelöst wurde sie allerdings nicht, woran die Reichsstände nicht geringere Schuld trugen als der König.

M. lag vor allem die äußere Erhaltung des Reiches am Herzen. Als Karl VIII. in Italien einfiel und Neapel eroberte (1494/95), trat für M. die ital. Politik in den Vordergrund. Der Türkenkreuzzug wurde zurückgestellt; er schien erst nach der Sicherung Italiens möglich. Durch seine zweite Heirat mit Bianca Maria von Mailand (1493/94) wollte M. außer dem Mailänder Geld die Sforza-Dynastie als „Statthalter“ in Italien gewinnen. Italien erschien M. nächst der Deutschen Nation als Hauptstütze des Imperiums; er schloß daher zum Schutz Italiens und zur Vertreibung der Franzosen durch Vermittlung Spaniens die Hl. Liga von Venedig (31.3.1495); es war die erste Reaktion der Großmächte (M., Papst, Spanien, Venedig, England u. a.) auf eine Störung des europ. Gleichgewichts. M. ergänzte die Hl. Liga durch eine österr.-span. Doppelheirat zwischen dem Erzhzg. Philipp und der Infantin Johanna einerseits (20.10.1496) und dem span. Erbprinzen Juan und Erzhzgn. Margarethe andererseits (3.4.1497), die den Habsburgern unerwartet die Erbfolge in Spanien und in der Neuen Welt eröffnen sollte.

Die Hl. Liga und die habsburg.-span. Doppelheirat leiteten jenen Kampf um Italien ein, der vor allem Frankreich auf der einen Seite, Spanien und Österreich auf der anderen Seite durch Jahrhunderte entzweien sollte. M. und Karl V. wurden als Erben der traditionellen Reichsrechte in Italien, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen in diese Auseinandersetzung zwangsläufig hineingezogen. Der Kampf gegen Frankreich um Italien wird zum Axiom der gesamten M.schen Außenpolitik. Sofort gegen Frankreich einzugreifen, hinderte ihn der Wormser Reichstag (1495). M. konnte zwar durch eine wirksame Propaganda Literaten und Humanisten für seine Politik gewinnen, nicht aber die Reichsstände überzeugen; sie wollten die kaiserl. Machtstellung im Reich nicht durch äußere Erfolge in Italien verstärken.

Im Vertrauen auf die Hilfe der Hl. Liga unternahm M. im Sommer 1496 mit geringen eigenen Geldmitteln und Truppen den Italienzug (Juli-Dez. 1496) – und zwar als Anführer der verbündeten Heere und nicht als „Condottiere“ der Venezianer. Er empfing die Lehenshuldigung der meisten oberital. Fürsten, bestieg in Genua das Schiff, nahm Pisa für das Reich in Besitz, fuhr durch die Herbststürme vor das feindliche Livorno, konnte aber die Stadt nicht erobern, weil ihn die Bundesgenossen im Stich ließen. Ein noch weitergehender „großer Plan“, in der Provence zu landen und gemeinsam mit Spaniern und Niederländern gegen Paris zu marschieren und die franz. Monarchie zu vernichten, erwies sich als ebenso maßlos wie undurchführbar. Einen Romzug hatte der Papst von Anfang an nicht gewünscht. Die Reichsstände verweigerten jede Steuerhilfe; auch die Liga entzog ihm Hilfsgelder, Truppen und Schiffe, so daß M. mittellos nach Tirol zurückkehren mußte (Dez. 1496) –ein schwerer Schlag für sein Ansehen.

Diese Niederlage führte zur allmählichen Auflösung der Hl. Liga. Der König von Frankreich entzündete wieder den Krieg in Geldern, der die Niederlande schwer heimsuchte. Von den Reichsständen verlassen, mußte M. nach verlorenem Schweizer Krieg im Baseler Frieden (22.9.1499) die Eidgenossen aus der Reichsgemeinschaft praktisch entlassen. Während M. gegen die Schweizer kämpfte, besetzten die Franzosen Mailand (1499/1500) und führten Hzg.Lodovico, M.s verläßlichsten und zahlungskräftigsten Bundesgenossen, gefangen nach Frankreich. Auch die Venezianer traten auf die Seite Frankreichs über. Die Franzosen vereinbarten mit den Spaniern die Aufteilung Italiens und besetzten Neapel. Auch die Jagellonen in Ungarn, Böhmen und Polen verbündeten sich mit Frankreich, wodurch die Einkreisung des Reiches auch von Osten her eingeleitet war. König und Reich hatten jedes Ansehen eingebüßt. Papst Alexander VI. äußerte öffentlich, die Kaiserkrone gebühre eigentlich dem König von Frankreich. Die Türken führten einen wuchtigen Angriffsstoß zu Lande und zur See gegen die Adria, Friaul und Venedig (1500/03). Ein Kreuzzug, den M. mit einem Großeinsatz von Propaganda (Wunderzeichen und Gottesstrafen vorbereitete, kam wegen des Verfassungskampfes nicht zustande. M. erlebte den Tiefpunkt seiner Politik.

In dieser Lage eröffnete sich ganz unerwartet die Aussicht auf das span. Weltreich, das durch den überraschenden Tod der nächsten Erben freizuwerden schien. Aber die sehr eigenwillige Sonderpolitik Kg. Ferdinands machte die span. Erbschaft lange Zeit sehr ungewiß. Dagegen konnte die Gfsch. Görz an der Drau und am Isonzo sofort nach dem Aussterben der Görzer Grafen in Besitz genommen werden (April 1500).

Nach der völligen Entmachtung im Reich und in Europa bedurfte M. einer längeren Ruhepause (1500–04), die er zur Fortführung von Reformen in der Verwaltung, im Kriegswesen und in den Finanzen benützte, wodurch seine Länder zu einem leistungsfähigen Gesamtstaat zusammengefaßt und zu einem „Königreich Österreich“ erhoben werden sollten. Mit der Steuerkraft und der Truppenhilfe seiner Länder mußte er die politischen Aufgaben meistern, da er vom Reich keine wirksame Hilfe erwarten durfte. M. verpachtete die österr. Finanzverwaltung dem Augsburger Unternehmer Jörg Gossembrot (1501/02), von dessen Geschäftstüchtigkeit er sich eine Sanierung des Staatshaushaltes erwartete (Gossembrot-Verträge). Der Versuch mißlang wegen Gossembrots vorzeitigem Tod. Die Kreditgeschäfte mit den süddeutschen Geschäftshäusern (Fugger) wurden immer schwungvoller. M. trieb Weltpolitik auf Vorschuß. Die Aufstellung eines stehenden Reiterheeres (Ordonnanzen) und einer Landsknechtstruppe nach burgund. Vorbild wurden vorbereitet, daneben die österr.Landesaufgebote erneuert. Durch das Tiroler Landlibell (23.6.1511) und das österr. Rüstungslibell (24.5.1518) erhielten seine Länder eine gemeinsame Verteidigungsordnung. Die Übertragung dieser Kriegsordnung auf das Reich wurde von den Kurfürsten und Fürsten abgelehnt.

Eine ganz neue Finanzpolitik mit großen Anleihen der Handelsgesellschaften auf Silber und Kupfer, Verpfändungen, Vertragsgeldern, hohen außerordentlichen Steuern, maßlosen Judensteuern, Ausbeutung der Regale und Monopole, österr. Münzreform und Nutzung des Schlagschatzes führte einerseits zu einem engeren wirtschaftlichen Zusammenschluß der österr. Länder, andererseits zu deren heilloser Überlastung, während die Reichssteuern nur einen geringen Bruchteil einbrachten. Dazu kamen teilweise hohe Subventionen, die M. seinen Bundesgenossen laufend abbettelte oder abpreßte; er mußte durch Koalitionen ersetzen, was ihm das Reich versagte. Während des Venezianer Krieges zog M. aus seinen Ländern zwischen 500000 und einer Million Gulden jährlich heraus, was fallweise bis zu 70 % vom Krieg verschlungen wurde. „Die Pappelblätter ganz Italiens, in Gold verwandelt, hätten für M.nicht ausgereicht“, meinte Machiavelli. Finanzmänner wie G. Gossembrot, P. v. Lichtenstein und Jak. Villinger, welche die Kammer nach kaufmännischen Grundsätzen zu verwalten suchten, vermochten das Chaos nicht zu verhindern. Zu groß war das Mißverhältnis zwischen der Leistungsfähigkeit der österr.Länder und den Anforderungen der M.schen Großmachtpolitik.

Seine weitausholenden Pläne, die auch Moskau, Konstantinopel, Persien und Ägypten einbezogen und vorzüglich von Koalitionen lebten, erforderten einen fortwährenden Ausbau des Gesandtschaftswesens, wofür, je nach Wichtigkeit der Mission, Reichsfürsten, höchste Beamte (wie Matthäus Lang), aber auch Ritter und Humanisten eingesetzt wurden; außerdem stand das ganze burgund. Gesandtenkorps zur Verfügung, darunter der nachmals berühmte Gattinara, der schon M.s Italien- und Spanienpolitik zu beeinflussen suchte. Behielt der Kaiser auch alle Fäden in der Hand, wird man das Verdienst der Diplomaten doch nicht unterschätzen dürfen, die unter größten finanziellen Schwierigkeiten für die Vorbereitung des Weltreiches arbeiteten.

Durch einen völligen außenpolitischen Systemwechsel, durch eine Annäherung an Frankreich, versuchte M. auf Drängen Erzhzg. Philipps aus seiner Isolierung herauszukommen. Der Krieg zwischen Frankreich und Spanien um die Aufteilung Unteritaliens (1500–03) gab ihm die Möglichkeit, sich als Friedensvermittler einzuschalten. In langwierigen Verhandlungen wurden die Gegensätze so weit abgebaut, daß in Hagenau ein aufsehenerregender Friede mit Ludwig XII. abgeschlossen werden konnte (4.-7.4.1505). Eine dynastische Heirat zwischen Karl (V.) und Claudia von Frankreich sollte das habsburg.-span. Heiratsbündnis ergänzen und die Eintracht aller christlichen Mächte gegen die Türken vorbereiten, vielleicht auch Eroberungen auf Kosten Venedigs ermöglichen. Aber der tiefsitzende Gegensatz zwischen Habsburg und Valois ließ sich niemals ganz überbrücken. Als Ludwig XII. sein Hauptziel, die Belehnung mit Mailand, erreicht hatte, kündigte er diesen|Friedensvertrag schon nach zwei Monaten wieder auf (31.5.1505).

Doch sicherte die kurze Freundschaft die Neutralität Frankreichs während des Bayer.-Pfälz. Erbfolgekrieges (1504–05), der zwischen Oberbayern und Pfalz nach dem Tod Hzg. Georgs des Reichen von Bayern-Landshut (1503) ausgebrochen war. Nachdem die Pfälzer Erben das Königsgericht abgelehnt hatten, ergriff M. persönlich für Hzg. Albrecht IV. von Bayern-München die Waffen. Am Wenzenberg bei Regensburg schlug er, in vorderster Reihe kämpfend, den jungen Pfälzer (12.9.1504) und eroberte bald darauf mit seiner berühmten Artillerie die Festung Kufstein (17.10.1504). Im Kölner Spruch (30.7.1505) diktierte er dem Pfalzgf. Philipp, der kniefällig um Gnade bitten mußte, den Frieden. Das Landshuter Erbe erhielten zum größeren Teil die oberbayer. Wittelsbacher; Teile nördlich der Donau wurden als „junge Pfalz“ gnadenweise den „Pfälzer Kindern“ überlassen; für sich selber behielt M. sein „Interesse“: das bayer. Unterinntal (Rattenberg, Kitzbühel, Kufstein), außerdem Gebiete in Oberösterreich (Mondsee, St. Wolfgang. Neuhaus und Rannariedl). Bayern-München sollte nicht zu stark und die Pfälzer nicht ganz enterbt werden. M. befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er benützte die Gelegenheit, das ewig aufsässige Geldern endgültig, wie er hoffte, zu unterwerfen. Die Pfälzer Kurwürde dem Land Tirol und seinem Sohn Erzhzg. Philipp zu übertragen, wagte er aber nicht.

Die Neutralität Frankreichs und die versprochene Steuerhilfe des Kölner Tages ermöglichten M. einen raschen Feldzug gegen Ungarn (Mai-Juli 1506), wo eine nationale Partei die habsburg. Erbrechte bestritt. M. rückte mit drei Heeresgruppen in das Königreich ein und erzwang neue Heirats- und Erbverträge (1506/07), die zur weltgeschichtlichen Doppelheirat von 1515 führten.

M. war aus tiefster Erniedrigung wieder zu europ. Machtstellung aufgestiegen. Erzhzg. Philipp nahm nach dem Tod Isabellas der Katholischen gegen den Willen Kg. Ferdinands das Kgr. Kastilien in Besitz (1504–06). In einem deutsch-kastil. Flottenunternehmen wollte M. Rom erreichen, für sich die Kaiserkrone und für Kg. Philipp die deutsche Königswahl sichern. Die universalkaiserl. Aufgabe sollte mit Hilfe der österr.-burgund.-span. Hausmacht gelöst werden.

Der überraschende Tod Philipps in Burgos (25.9.1506) stellte alles in Frage. M. hielt die Kaiserstellung seines Hauses für verloren. Karl von Geldern brach wieder gegen die Niederlande los. Ferdinand der Katholische schloß eine „schändliche“ franz. Heirat, um dem erhofften Erben alle span. Länder zuzuwenden. Das span. Erbe und die Universalmonarchie gegen den Widerstand Frankreichs und die zeitweilige Sonderpolitik Kg. Ferdinands seinem Haus gesichert zu haben, gehörte zu den schwierigsten und zugleich größten Erfolgen M.s. Er war der eigentliche Begründer des österr.-span.Universaldominats, des „Jahrhunderts des Hauses Österreich“ (Lhotsky).

Um seinem Haus das Kaisertum doch noch zu sichern, hielt M. beharrlich am Plan eines Romzuges fest. Aber der Papst. Frankreich und Venedig gestatteten nicht, daß er mit einem Reichsheer Italien betrete. Der Konstanzer Reichstag (April-Juli 1507) versprach ihm zwar eine größere Truppen- und Steuerhilfe, was aber wie stets nicht eingehalten wurde. Da M. die Grenzsperren der Venezianer und Franzosen entlang der Alpen nicht durchbrechen konnte, ließ er sich am 4.2.1508 im Trienter Dom zum „Erwählten Röm. Kaiser“ ausrufen. Der Papst bestätigte die Proklamation binnen weniger Tage. M.dachte nur an eine vorläufige Sicherung seines Kaisertitels gegen einen möglichen Übergriff Frankreichs, keineswegs an einen dauernden Verzicht auf die Kaiserkrönung durch den Papst in Rom.

Mit dem Aufmarsch des schwachen kaiserl. Heeres an den Grenzen begann der große Venezianer Krieg (1508–16), einer der verwirrendsten, die je geführt wurden. Die Bündnisse wechselten wie Laufbilder, und keine Macht durfte der anderen trauen. Für M. begann es mit Landverlusten und Rückzügen. Um seine militärische Schwäche auszugleichen, verband er sich in rascher Wendung mit Frankreich und schloß mit dem Papst, Frankreich, Spanien und England die Liga von Cambrai (10.12.1508), die sich angeblich gegen die Türken, tatsächlich aber gegen Venedig richtete: Man wollte „die Fische in das Meer zurückwerfen“. Den Venezianern sollten ihre unrechtmäßigen Eroberungen wieder abgenommen werden. M. wollte das Reichs- und Hausgut in Istrien und Friaul sowie Verona, Vicenza und Padua zurückgewinnen. Obwohl vom Reich völlig im Stich gelassen – der Reichstag von Worms (April-Juni 1509) bewilligte nicht einen einzigen Landsknecht –, konnte er dank der franz. Waffenhilfe Verona, Triest, Görz und vorübergehend sogar Padua besetzen. Für M.war das wichtigste die allmähliche Aussöhnung mit Kg. Ferdinand, wodurch|das Erbrecht Karls (V.) endgültig gesichert war, und eine enge Freundschaft mit Spanien und England („Dreieinigkeit“) begründet wurde. Noch mehr als bisher rückte Italien als Bindeglied zwischen den österr. und span. Ländern in den Mittelpunkt ihrer gemeinsamen Interessen. Inzwischen war Papst Julius II. von der Liga abgefallen, hatte in jäher Wendung mit Venedig Frieden geschlossen und zur „Vertreibung der Barbaren“ aufgerufen, worin der Kaiser einen Hochverrat an der gemeinsamen Sache erblickte.

Die Herrschaft über Kurie und Kirche hatte für M. zeitlebens etwas Bestechendes. In den Traditionen des österr. und burgund. Landeskirchenregiments aufgewachsen, stellte er sich als Schützer der Kirche mindestens neben den Papst, den er gelegentlich mit unaussprechlichen Grobheiten bedachte. Pfaffengut galt auch ihm, wie seinem Vater, als sein Kammergut. Während er seine österr. Landeskirche völlig beherrschte und finanziell ausbeutete, konnte er sich in der Reichskirche kaum durchsetzen; immerhin erreichte er eine stärkere Vertretung des Reiches im Kardinals-Kollegium. Eine „Legation für Germanien“ zu schaffen, ist ihm aber nicht gelungen. Von seinen geistlichen Beratern gewarnt, zögerte er, dem antipäpstl. „Konzil“ von Pisa beizutreten.

Als Julius II. schwer erkrankte, faßte M. den überraschenden Plan, sich selbst der päpstl. Würde zu bemächtigen (Sept. 1511), sei es auch nur als Gegenpapst, wozu ihn das schismatische „Konzil“ von Pisa und der König von Frankreich aufforderten. Kaum rechnete der Kaiser damit, die päpstl. Gewalt über die ganze Kirche an sich zu bringen, aber als Gegenpapst hätte er sich in der deutschen Kirche wahrscheinlich durchsetzen können. Die Verwaltung der deutschen Kirchengelder, welche ihm die fehlende Reichssteuer ersetzen sollten, hatte er bereits den Fuggern zugedacht. M. wollte auch ein „priesterlicher“ Kaiser sein, dem die Reformatio Sigismundi die Herrschaft über die Welt prophezeit hatte. Aber der „Katholische König“ vermochte ihn von diesem verhängnisvollen Plan abzubringen, der ein neues Schisma, aber gewiß keine Kirchenreform gebracht hätte.

Kg. Ferdinand, der nun ganz auf Habsburg setzte, plante eine span.-österr. Lösung der ital. Frage unter Ausschluß Frankreichs und vereinigte den Papst, Spanien, Venedig und die Schweizer in einer neuen Hl. Liga (4.10.1511), welche die Franzosen aus Italien vertrieb (1512). Der Gegensatz zwischen Habsburg und Valois trat immer wieder hervor. M. schloß Waffenstillstand mit Venedig, versöhnte sich mit dem Papst und dessen Lateran-Konzil und trat der Hl. Liga bei (19.11.1512), die sich unter dem neuen Papst Leo X. bald wieder auflöste. Die Franzosen, die nach Italien zurückgekehrt waren und sich wiederum mit den Venezianern verbündeten, wurden von Eidgenossen und Spaniern abermals vertrieben. M. verließ nun Italien und hoffte auf eine Kriegsentscheidung im Westen; er schlug die Franzosen mit Hilfe der Engländer bei Guinegate (= Therouanne) in Flandern (16.8.1513). Der öfter beschworene „große Plan“ eines gemeinsamen Vormarsches aller Bundesgenossen gegen Paris scheiterte an deren Uneinigkeit.

Aber Italien schien gesichert. In einer grausamen Brand- und Plünderoffensive ließ der Kaiser das venezian. Festland verwüsten. Jörg v. Frundsberg bereitete den Venezianern eine schwere Niederlage bei Vicenza (7.10.1513). Venedig schien am Ende seiner Kräfte. Der König von Frankreich jedoch, völlig isoliert, konnte durch ein trügerisches Heiratsangebot den Einkreisungsring der „Dreieinigkeit“ durchbrechen. Er bot eine Heirat seiner Tochter Renate mit dem Infanten Ferdinand an und als Ausstattung ein habsburg.-span. Kgr. Lombardei-Italien, das die span.-österr. Länder territorial verbinden sollte. Ludwig XII. dachte aber nicht daran, dieses Angebot einzulösen. M. gab auf Drängen Spaniens das wiederholt feierlich bestätigte Verlöbnis Karls (V.) mit Maria von England preis, weil er einen Enkel dringend für die ungar. Heirat brauchte. Dieser aufreizende Vertragsbruch des Kaisers, der England tief verletzte, führte zur Auflösung der „Dreieinigkeit“. England schloß ein Bündnis mit Frankreich gegen den Kaiser.

Während M. im Osten gebunden war, überstieg der kriegerische Kg. Franz I. von Frankreich die Alpen, schlug die Eidgenossen bei Marignano (13.9.1515) und stellte die franz. Herrschaft über Mailand wieder her. Würden die Franzosen von Mailand aus ganz Italien, Rom und die Kaiserkrone gewinnen? Dagegen schlossen Kg. Ferdinand, die Engländer und die Eidgenossen mit dem Kaiser eine neue Liga. Als M., alt und kränklich, das Heer der Bundesgenossen in die Lombardei führte (März-April 1516), mußte er vor der Festung Mailand den Feldzug abbrechen, weil sich die Armee wegen Soldmangels und Aussichtslosigkeit einer Belagerung auflöste. Der Papst, die Engländer und die Eidgenossen näherten sich wieder Frankreich an.|Auch von seinem Enkel Karl (V.), der inzwischen Herr der Niederlande und König von Spanien geworden war und sich den Franzosen als Friedensvermittler empfahl, hatte M. keine Unterstützung zu erwarten.

Der Waffenstillstand von Noyon (13.8.1516) und der Friede von Brüssel (3.12.1516) sicherten dem Kaiser eine Kriegsentschädigung von 550000 Sonnenkronen zu, einen Bruchteil dessen, was ihn der Krieg gekostet hatte. Tirol erhielt als Entschädigung einige bescheidene Grenzgebiete (Riva, Rovereto, Ala und Cortina). Dieses armselige Ergebnis eines langen Krieges trug dem Kaiser harten Tadel ein; aber er hätte Italien kaum ganz kampflos an Frankreich preisgeben dürfen, zu einer Zeit, da sich das europ. Gleichgewicht vorzüglich in Italien zu entscheiden begann und der Wohlstand des süddeutschen und rheinischen Handels auf der Verbindung mit Italien beruhte. Zwar konnte M. die Reichsrechte in Italien nicht wiederherstellen, aber er vermochte den Anspruch an Karl V. weiterzugeben.

Der mißglückte Mailänder Feldzug hat M.s Ruf als Feldherr stark verdunkelt. Aber einige unverdächtige Zeitzeugen wie Kg. Heinrich VIII. von England, Machiavelli, Guicciardini und der franz. Feldherr Bayard lobten den Kaiser als großen Kriegsmeister. Die Anlage seiner Feldzüge, getrennter Aufmarsch, umfassende Zange. Vereinigung und Entscheidung kennzeichnen seinen Führungsstil. Sein öfter wiederkehrender „großer Plan“ gegen Frankreich oder die Kreuzzugsplanungen von 1490 und 1518, die den ganzen Mittelmeerraum einbezogen, ließen es wohl am nötigen Maß fehlen. Seine Einzelunternehmungen bevorzugten das Zusammenspiel aller Waffen, Schnelligkeit, Überraschung und wuchtigen Entscheidungsschlag, wobei er nicht selten als Vorkämpfer voranritt. Unübertreffliches leistete er in der Aufstellung der Landsknechte, im Aufbau einer leistungsfähigen Rüstungsindustrie, besonders in der Entwicklung der Artillerie. Angeblich liebte er den Frieden, glaubte aber, ihn nur durch den Krieg erhalten zu können. Am Ende bedauerte er, durch allzu viele Kriege „nur dem Teufel gedient zu haben“.

Auch die Ostpolitik, die M. zeitlebens geringer einschätzte, brachte ihm weltgeschichtliche Erfolge. Hier ging es um drei große Fragen: um die Abwehr der Türken, die Erwerbung Böhmen-Ungarns und um den Schutz des Deutschen Ordens gegen Polen. Die Hansestädte vermochten ihren Ostseehandel selber zu schützen; gleichwohl ließ M. ihre Interessen in Moskau beharrlich vertreten.

Im Vordergrund stand stets das Interesse an Ungarn, der Vormauer gegen die Türken. Seit den Doppelheiratsverträgen von 1506/07 erblickte Kg.Wladislaw in einem Schutz- und Trutzbündnis mit den Habsburgern die einzige Rettung Ungarns vor den Türken, während sein Bruder, Kg. Sigismund von Polen, auf die jagellon. Vorherrschaft im Donauraum nicht verzichten wollte. Um Polen gefügiger zu machen und den Deutschen Orden, der ihm aus vielen Gründen besonders am Herzen lag, zu schützen, versuchte M. eine antipoln. Koalition aufzubauen (1514), welche den Großfürsten von Moskau, Dänemark, Brandenburg. Sachsen, den Deutschen Orden in Preußen und Livland sowie die Moldau, die Walachei und die Krimtataren einschließen sollte.

Durch wiederholte Gesandtschaften und Bündnisse konnte M. auch den Großfürsten von Moskau, den er als erster mit dem Titel eines „Zaren“ auszeichnete (4.8.1514), in das habsburg. System einbeziehen und Polen für die Annahme der Wiener Verträge gewinnen. Der Wiener Kongreß schloß mit der weltgeschichtlichen Doppelhochzeit vom 22.7.1515 zwischen den ungar. Königskindern und den Enkeln M.s (Ferdinand wurde, von M. vertreten, mit Anna, Ludwig mit Erzhzgn. Maria verheiratet). Der Heiratsvertrag wurde durch einen habsburg.-jagellon. Erb- und Adoptionsvertrag, durch die Verleihung des Reichsvikariats an den Prinzen Ludwig (wozu der Kaiser nicht berechtigt war) und ein Bündnis gegen die Türken ergänzt. Bereits 1526 trat unerwartet der Erbfall ein, wodurch die Donaumonarchie begründet war.

Für ein „Linsengericht“ (so der poln. Historiker Baczkowski), ohne echtes Zugeständnis M.s in der Frage des Deutschen Ordens, hatte auch der König von Polen zugestimmt und den Donauraum den Habsburgern überlassen. Die kleindeutsche Geschichtsschreibung erhob den Vorwurf, M. habe bei den Wiener Verhandlungen den Deutschen Orden zugunsten habsburg. Hausinteressen an Polen ausgeliefert (Ulmann). Tatsache ist, daß M. in dieser Frage nur für seine Person Neutralität versprach, um die Sache hinauszuschieben, was auch gelang; er hörte aber nie auf, den Orden zu unterstützen. Auch dem Reichstag, dem Kurverein und dem Kammergericht blieb es weiterhin staatsrechtlich unbenommen, sich für den Orden|einzusetzen. Aber die Reichsstände rührten dafür keinen Finger. Erst die Säkularisierung und die Lehenshuldigung Hzg. Albrechts (1525), weswegen ihn viele Mitbrüder als Verräter bezeichneten, hat das Ordensland endgültig dem König von Polen unterstellt. Im übrigen durfte M. das Kgr. Böhmen als altes Kurfürstentum des Reiches und Ungarn als Vormauer der Christenheit gegen die Türken nicht geringer einschätzen als das Ordensland Preußen.

Bei den Heiratsverhandlungen mit Ungarn plante M., die österr. Länder zu einem Königreich zu erheben, und ließ bereits die dafür nötige Urkunde entwerfen; der Plan scheiterte am Widerstand Karls (V.).

Gewiß hat M. sein eigenes Haus bei jeder sich bietenden Gelegenheit gefördert; aber seine Erbländer waren für ihn nur Ausgangspunkt seiner großen Pläne, die Hausinteressen nicht einziges und letztes Ziel. Immer wieder hat er politische Heiraten zielbewußt dafür eingesetzt. Österreich, das Reich und das Imperium erschienen ihm als eine kaum trennbare Gesamtaufgabe, wofür er seinen Ländern die Hauptlast auferlegte.

Der Kaiser pflegte zeitlich und räumlich auf weiteste Sicht zu planen, Erreichbares und Unerreichbares einzubeziehen. Seit Karl (V.) die span. Länder und die Neue Welt geerbt hatte (1516), begann sich die Universalmonarchie abzuzeichnen. Zwei portugies. Heiraten sollten die Vereinigung des span. mit dem portugies. Weltreich vorbereiten. Diesen universalen Plänen entsprach der Eifer M.s für die Wahl Karls (V.) zum künftigen Kaiser, der mit den vereinigten Mitteln Österreichs. Burgunds, Spaniens und des Reiches die politischen Gründungen M.s vollenden sollte; auch sollte das habsburg. Erbreich gesichert werden. Zwar konnte er auf dem Augsburger Reichstag (Juli-Okt. 1518) mit dem Einsatz großer Geldmittel die meisten Kurfürsten für die Wahl Karls gewinnen und die franz. Konkurrenz schlagen; aber der Papst versagte ihm eine Kaiserkrönung im Reich oder an der Grenze Italiens, so daß vorderhand auch kein Röm. König gewählt werden konnte.

M. hatte als einziger die Kreuzzugspläne des Papstes und des Lateran-Konzils aufgegriffen: Drei christliche Heere sollten innerhalb von drei Jahren Konstantinopel erobern, die Mittelmeerküsten, Nordafrika und Ägypten besetzen und Jerusalem erreichen. Nochmals flammte der Wunsch auf, ähnlich dem Kaiser Barbarossa, seinem verehrten Vorbild, an der Spitze der christlichen Fürsten und Könige gegen die Türken zu ziehen. Bald mußte der Kaiser erkennen, daß der Kreuzzug nicht nur auf den Widerstand des Augsburger Reichstages stieß. Dieses Unternehmen wurde zwar von den Mächten als Antwort auf die Eroberung Konstantinopels (1453) allgemein befürwortet, scheiterte aber am gegenseitigen Mißtrauen.

M. reiste von Augsburg über Innsbruck nach Wels in Oberösterreich, wo er nach kurzer Krankheit starb. Das ganz unpolitische Testament bezeichnete Karl und Ferdinand als Erben und ließ ihnen sonst völlig freie Hand; außerdem traf es Verfügungen über die Aufstellung des Grabmals, den Bau von acht Spitälern, die Versorgung von Armen und die Abzahlung der „ungeheuren“ Schulden. Der neue Hofrat und die alten Regimente sollten bis zur Ankunft der Erben im Amt bleiben, ein Befehl, der in fast allen österr. Ländern Rebellionen gegen die straffe Beamtenherrschaft und die finanzielle Mißwirtschaft auslöste. Die Liquidierung der Schulden durch den Generalschatzmeister Gabriel Salamanca glich einem Staatsbankrott, da vieles einfach nicht zurückbezahlt wurde.

Die Entwicklung der Kaiser- und Reichsidee M.s wurde bereits angedeutet. Stark war die „mittelalterlich“ gefärbte Kaiseridee, die er von seinem Vater übernahm; ihm verdankte er auch den mystischen Erwählungsglauben des A E I O U, außerdem die zähe Beharrlichkeit, mit der er seine Ideen verfolgte. Burgundischen Traditionen entlehnte er den gottähnlichen Herrscher, der sich mit Christus, dem Welterlöser, verglich. Der Humanismus und Italien vermittelten ihm den verweltlichten Herrschaftsgedanken der Antike, der den absoluten Kaiser betonte, und Italien neben der Deutschen Nation als Hauptstütze des Reiches hervorhob. Die Idee des Weltreiches, das Gott den Deutschen übertragen habe („Translatio Imperii“) erfüllte ihn ganz und gar. Er wollte der „größte Kaiser nach Karl d. Großen“ sein, wie seine Gegner spotteten. Die Einheit der christlichen Welt unter dem Kaiser, Wiederherstellung der Deutschen Nation, die Größe des kaiserl. Hauses, die Erhaltung Reichsitaliens als eines wesentlichen Teiles des Imperiums, wozu ihn Gattinara mahnte, die Kaiserkrönung in Rom. Schutz der Kirche und des Papstes, der Kreuzzug gegen die Türken, später auch die Sicherung des span. Erbes als eines wichtigen Teiles der Christenheit und als Krönung der ewige Friede der Christenheit – das waren die politischen Leitlinien, die M. von Anfang bis ans Ende mit gleicher Beharrlichkeit verfolgte. Die österr.-span. Weltmonarchie, die er an Karl V. vererben konnte, wäre ohne die Kaiserkrone und ohne die ideologische Anlehnung an das Heilige Reich kaum zustande gekommen. Umgekehrt hat die habsburg. Großmacht dem verfallenden Reich das Selbstbewußtsein einer großen Nation und den Anschein eines gesamtchristlichen Imperiums zurückgegeben.

M.s Persönlichkeit ist auf Grund reicher Quellen gut erkennbar. M. war gewiß alles eher als „eine unkomplizierte Natur von beträchtlicher Trägheit des Denkens“ (Bader). Bei aller Volkstümlichkeit war ihm ein hohes Majestätsgefühl zu eigen. Über allem stand ihm die Ehre: Er wollte „der Größte“ sein. Dabei verfolgte ihn eine düstere Furcht vor der Ungunst der Gestirne, vor Teufeln und Hexen, die zum Verderben der Seelen in der Welt umhergingen. Der Kaiser war sehr fromm, er pflegte den täglichen Gottesdienst und religiöse Übungen. In Trier trug er im härenen Gewand das Kreuz durch die Straßen und ließ den „Hl. Rock“ zur allgemeinen Verehrung ausstellen. Mit gläubiger Zuversicht auf die Gnade Gottes überwand er die Anwandlungen seiner Melancholie, die als geistige Anlage des Genies angesehen wurde (Pirckheimer). Über vieles half ihm sein sprichwörtlicher Humor hinweg, den er nicht selten spöttisch gegen sich selber kehrte. Andererseits suchte er „das Leben zu stürmen“ und liebte das Wagnis mehr als die berechnende Vernunft, nicht nur als Turnierkämpfer und Jäger, sondern auch in der Politik und im Krieg, was öfter zu schweren Rückschlägen führte. Als „Soldatenkaiser“ schätzte er Befehl und Gehorsam nicht nur im Feldlager, sondern auch bei seinen Beamten. Widerstand konnte ihn maßlos erzürnen. In einem Anflug von Grausamkeit sah er sogar dem Blutgericht von Kufstein zu. Seinen Dienern war er aber ein gnädiger Herr und hielt treu an ihnen fest: weniger Ehre machte er sich mit der beschämenden Behandlung seiner Gemahlin Bianca Maria. Ausgeprägt war sein Mißtrauen. Als Meister der Simulation verstand er es, die Umgebung durch die verschiedensten Aussagen über seine eigentlichen Pläne zu täuschen, was ihm zu Unrecht den Ruf eines wankelmütigen Menschen eintrug, der nie wisse, was er wolle. Auf sein Wort konnte man sich eher verlassen als auf das der meisten Fürsten seiner Zeit; aber die „clausola francese“ war ihm nicht fremd.

M. verband Naturkraft und Bildung auf seltene Weise. Unter den Kaisern gibt es keinen, der als Freund der Künste und Wissenschaften so hervorgetreten wäre wie er. Geistes- und Naturwissenschaften, Geschichte und Geographie (Anfertigung von Erd- und Himmelskarten), Medizin und Geheimwissenschaften interessierten ihn gleichermaßen. Er begann den Aufbau einer Hofbibliothek, ähnlich der burgundischen. Seine „Kantorei“ und ihr großer Orgelmeister P. Hofhaimer erregten allgemeine Bewunderung. Dem Humanismus bereitete er die Wege, obwohl er selber mehr der spätmittelalterlichen Bildung zuneigte (Reform der Univ. Wien, Gründung der Sodalitas Danubiana und des Collegium poetarum et mathematicorum). M.s Hofakademie versammelte bedeutende Humanisten (S. Brant, U. v. Hutten, K. Celtis, J. Cuspinian, J. Grünpeck, K. Peutinger, W. Pirckheimer, H. Bebel, Geiler v. Kaisersberg, J. Wimpfeling, J. Trithemius, J. Spiegel u. a.), welche die eigentlichen Herolde der Reichs- und Kaiseridee wurden. Er begriff die Wichtigkeit der Geschichtsschreibung für Kaiser und Reich. Seine Hofmaler und Graphiker (A. Dürer, A. Altdorfer, B. Strigel, J. Kölderer, H. Burgkmair u. a.) verbreiteten seinen Ruhm durch große Holzschnittfolgen (Ehrenpforte, Triumph) und zahlreiche Porträts (besonders berühmt die Kohlezeichnung und das Porträtgemälde von A. Dürer). Die Hofkanzlei und ihr literarischpublizistischer Dienst besorgten eine so wirksame Werbung für Kaiser, Reich und Haus, daß daneben gegnerische Stimmen kaum aufkamen.

Im Mittelpunkt stand die Pflege des „Gedächtnisses“: M. wollte nicht „mit dem Glockenton vergessen werden“; er entwarf eine deutsche und eine lat.Autobiographie, die mit origineller Verkleidung und Symbolik in sein Leben und in die Welt seiner Ideen einführen. Als „letzter höfischer Epiker“ (Joachimsen) ließ er nicht nur die mittelalterlichen Heldensagen sammeln (Ambraser Heldenbuch), sondern schuf auch eigene Werke in diesem Stil: das Geheime Jagdbuch, Freydal, Theuerdank und den Weißkunig, die Geschichte seines Lebens nach Art burgund. Bilderchroniken. Der Kaiser diktierte die Entwürfe, denen seine Sekretäre die letzte literarische Form zu geben hatten. Von der Hofkanzlei gingen auch Anstöße zur Bildung der neuhochdeutschen Schriftsprache aus. Selbst Handbücher der Verwaltung, die Jagd- und Fischereibücher oder die Zeugbücher, besonders aber die Gebetbücher, wurden zu graphischen Kunstwerken. Seine besondere Vorliebe galt der „Stammchronik“ seines Hauses und den „Heiligen der (habsburg.) Sipp- und Magschaft“, die von Suntheim, Manlius und Stabius verfaßt wurden. Von diesem genealogischen Werk nahmen andere künstlerische Unternehmungen ihren Ausgang: die Ehrenpforte, der Triumphzug und das Grab, das „großartigste Kaisergrab des Abendlandes“ (Egg), die in Erz gegossene Idee des habsburg. Stammes und seiner kaiserl. Berufung.

Das Reich, dem er sich tief verbunden fühlte, nach seinen Vorstellungen zu erneuern, scheiterte am Widerstand der Fürstenstaaten; aber M. vermochte doch in breiten Kreisen ein neues Reichsbewußtsein zu wecken. Obwohl manche Seiten, insbesondere seine finanzielle Mißwirtschaft, Anlaß zu Verwunderung und Tadel boten, war er einer der volkstümlichsten Kaiser: originell als geistig schöpferische Persönlichkeit und als Kunstmäzen, hervorragend als Feldherr und Feldzeugmeister, erfolgreich als Verwaltungsreformer in den österr. Ländern, weltgeschichtlich von langer Nachwirkung als Gründer des habsburg. Universalreichs und der Donaumonarchie. „In M. lebte ein höchst lebendiges Vorgefühl der kommenden Dinge“ (Ranke).

21. Franz von Sickingen

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Über S.s Kindheit und Jugend ist nur wenig bekannt. 1494/95 begleitete er seinen Vater zum Reichstag nach Worms. S. stieg als Nachfolger seines Vaters zum kurpfälz. Amtmann in Kreuznach auf und setzte die frühkapitalistischen Tätigkeiten seines Vaters fort. Durch sein Erbe, seine Aktivitäten im Bergbau und seine Lehnsbindungen zu den Kurfürsten von der Pfalz, Trier und Mainz und zum Bischof von Straßburg wuchs er zu einem überregionalen Machtfaktor heran. Seine politischen Möglichkeiten waren dagegen sehr bescheiden. 1514 griff S. in einen Streit zwischen Bürgern von Worms und dem dortigen Bischof ein und erklärte der Reichsstadt die Fehde, obwohl diese seit 1495 verboten war. Nach einem Überfall auf ein Wormser Kaufmannsschiff wurde über den „Raubritter“ die Reichsacht verhängt, was zunächst wirkungslos blieb. So zog S. gegen Hzg. Anton von Lothringen und seine Söldner verwüsteten das Land. Während des Feldzugs suchte S. die Nähe Kg. Franz' I. von Frankreich und schloß mit diesem einen Solddienstvertrag. Im Frühjahr 1517 überfiel S. einen Kaufmannszug aus Oberdeutschland im Geleit des Kurfürsten von Mainz, von dem mehrere Städte Schadensersatz forderten. Überraschend entließ Ks. Maximilian S. aus der Reichsacht. Der „Raubunternehmer“ nutzte die Verständigung mit dem Reichsoberhaupt zu mehreren Raubzügen, v. a. gegen Metz und die Landgrafen von Hessen. Bei einem Feldzug gegen Ulrich von Württemberg lernte S. →Ulrich v. Hutten (1488–1523) kennen. Zum Schutz der Kaiserwahl 1519 in Frankfurt stellte er 2000 Reiter zur Verfügung, durfte die Stadt aber nicht betreten. Auf Befehl Ks. Karls V. führte S. 1521 einen erfolglosen Feldzug gegen den König von Frankreich, der ihn finanziell ruinierte. Wahrscheinlich um Kurtrier zu säkularisieren, zog S.gegen Kf. Richard v. Greiffenclau († 1531), mußte aber wegen der zu starken Befestigung von Trier am 14.9.1522 mit seinem Heer abziehen. Im selben Jahr schlossen die Kurfürsten von Trier und der Pfalz sowie der Landgraf von Hessen ein Bündnis gegen den „Raubritter“. Ende April 1523 begann der Feldzug. Beim Sturm auf seine Burg Landstuhl wurde S. schwer verletzt und verstarb wenige Tage später. Alle seine Burgen wurden zerstört und die Besitzungen aufgeteilt. Im 19. Jh. wurde S. „romantisch“ verklärt, Kg. Ludwig v. Bayern ließ eine Büste in der Walhalla aufstellen.

22. Sebastian Münster

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M. wurde durch Privatunterricht auf das Studium vorbereitet. Zu unbestimmter Zeit verließ er seine Heimat und trat in die Heidelberger Ordensschule der Franziskaner ein. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß er seit 1505 in Heidelberg studierte und 1507 dem Orden beitrat. Möglicherweise verbrachte er einen kurzen Studienaufenthalt in Löwen und in Freiburg (Breisgau), um Vorlesungen bei Gregor Reisch (1467–1525) zu hören. Sicher ist, daß M. seit 1509 im elsäss. Minoritenkloster Ruffach studierte. Hier wurde →Konrad Pellikan (1478–1556) sein erster bedeutender Lehrer, der M. mit der hebräischen und griech. Sprache vertraut machte, ihm aber auch Kenntnisse in der Mathematik und der „Kosmographie“ genannten Weltbeschreibung vermittelte. 1511 begleitete er Pellikan zu einer Ordensversammlung nach Basel und anschließend nach Pforzheim, wohin dieser als Klosterguardian gesandt worden war. M. erteilte dort auch selbst Unterricht. 1512 erhielt er die Priesterweihe, 1514 befand er sich an der Univ. Tübingen, wo er Melanchthon und Johannes Reuchlin kennenlernte und Vorlesungen bei Johann Stöffler hörte, der ihn in Mathematik und Astronomie sowie dem kartographischen Vermessungswesen und dem Bau von Sonnenuhren, Globen und Astrolabien unterwies. Ein Aufenthalt in Wien um 1517/18 läßt sich nicht nachweisen.

M.s erste Publikationen behandeln sämtlich das Gebiet der Hebraistik. Die erste nachweisbare Veröffentlichung, eine hebräische Grammatik, erschien 1520 bei Joh. Froben in Basel. Von den folgenden Schriften seien die „Grammatica hebraica Eliae Levitae“ und das „Dictionarium hebraicum“ genannt, die beide 1523 erschienen und zahlreiche Auflagen erlebten. M. weilte zu dieser Zeit häufig in Basel und traf dort seinen Lehrer →Pellikan wieder, der dem Gedankengut der Reformation nahestand und auch M. entsprechend beeinflußte. 1524 wurde M. von Kf. Ludwig dem Friedfertigen von der Pfalz an die Univ. Heidelberg berufen und lehrte dort neben der hebräischen Sprache auch Mathematik und Geographie. Die Annahme dieses Rufes geschah wahrscheinlich auf Wunsch des Ordens; M. selbst wäre vermutlich lieber in Basel geblieben. Das Klima an der konservativen Univ. Heidelberg sagte ihm nicht zu; häufig unternahm er Reisen nach Basel. Aus diesem Grund (nicht wegen finanzieller Forderungen) kam es wiederholt zu Unstimmigkeiten. 1526 schrieb er ein Entlassungsgesuch, das er indes wieder zurücknahm. Allem Anschein nach weilte M. danach wie zuvor öfter in Basel, schließlich wurde er um die Mitte des Jahres 1529 als Nachfolger Pellikans auf den dortigen Lehrstuhl für Hebraistik berufen.

In den religiösen Auseinandersetzungen jener Zeit zurückhaltend, teilte M. jedoch aufgrund seiner Kenntnis des Hebräischen die luth. Ansicht von der Fehlerhaftigkeit der Vulgata, auf deren Text sich die kath. Lehre stützte. Diese Haltung, der Einfluß Pellikans und Oekolampads sowie der Wunsch, seine Professur zu behalten und praktisch ausüben zu können, dürften M. bewogen haben, im Jahr der Berufung nach Basel den Orden zu verlassen und zum Protestantismus überzutreten. Die Universität befand sich in einem beklagenswerten Zustand, da viele Lehrer und Studenten die Stadt verlassen hatten; 1529-32 war sie geschlossen. Ist der Aufschwung, den die Hochschule in den folgenden Jahren nahm, großenteils den Bestrebungen Oekolampads zu danken, so gebührt M. das Verdienst, Basel zu einem anerkannten Zentrum der Hebraistik gemacht zu haben. 1542-44 vertrat er auch den Lehrstuhl für Theologie, 1547/48 wurde er Rektor der Universität. Auch während seiner letzten Lebensjahre führte er ein zurückgezogenes, ganz auf seine Studien ausgerichtetes Gelehrtendasein. Sein Jahresgehalt – mit 60 Gulden eher bescheiden – wurde nie erhöht. Mit seinem Stiefsohn Heinrich Petri, der die meisten seiner Werke verlegte, stand er in enger geschäftlicher Beziehung, ohne jedoch Teilhaber an dessen Druckerei zu sein. M.s philologisch-theologisches Hauptwerk ist die 1534/35 erschienene hebräische Fassung des Alten Testaments mit einer lat. Übersetzung, bei der er sich vorwiegend auf seine umfangreiche Sammlung rabbinischer Kommentare stützte und ferner die Übersetzungen von Santes Pagnino (1527) und Augustin Steuchus (1529) heranzog. Er strebte eine möglichst wortgetreue Übersetzung unter Erhaltung des hebräischen Sprachduktus an. Für M. bestand eine direkte Verbindung zwischen seinen hebraistischen Arbeiten und der Weltbeschreibung: Erstere wiesen den Weg zum Alten Testament und damit zur Wurzel des Christentums und zur theol.-philosophischen Erkenntnis der göttlichen Schöpfung, die letztere war der Schlüssel zur räumlichen wie zeitlichen Erfassung der Welt als Ergebnis dieser Schöpfung. In seiner kleinen Schrift „Erklärung des neuen Instruments der Sunnen“ (1528) forderte er alle „Liebhaber der lustigen Kunst Geographia“ auf, ihm Datenmaterial zu einer Beschreibung Deutschlands zu übermitteln. Um zu einigermaßen verläßlichen Angaben zu kommen, gab M.eine Anleitung, wie man von einem bestimmten Punkt aus die Umgebung kartographisch erfassen solle. Offenkundig plante er bereits damals eine umfassende Beschreibung der Gebiete des Deutschen Reiches; die erhoffte Reaktion blieb allerdings aus, und M. begnügte sich vorerst mit einer kleinen Schrift „Germaniae descriptio“ (1530), der die Überarbeitung einer Karte von Mitteleuropa des Nikolaus Cusanus zugrunde lag. 1536 publizierte M. in deutscher Sprache die „Mappa Europae“ und in der Folge vor allem Ausgaben der antiken Geographen Gaius Julius Solinus, Pomponius Mela und Claudius Ptolemäus. Insbesondere das erstmals 1540 veröffentlichte Werk des Ptolemäus war für die Entwicklung der neuzeitlichen Geographie wichtig. Studienreisen durch Süd- und Westdeutschland und die Schweiz (kartographische Vermessung des Wallis 1546) dienten der Vorbereitung bzw.Verbesserung seiner geographischen wie ethnographischen Beschreibung der damals bekannten Welt in seiner „Cosmographia“.

1544 erschien die „Cosmographia“, die M. einen hervorragenden Platz unter den Geographen des 16. Jh. verschaffen sollte, in sechs Büchern. Ihr methodisches Konzept verbindet die Kompilation von durch zeitgenössische Mitarbeiter vor Ort gesammelten aktuellen Daten mit der Auswertung schriftlicher Quellen von der Antike bis in M.s Gegenwart. Das erste Buch enthält eine physische Geographie, im zweiten und dritten werden eine Übersicht über Lage und Grenzen Europas und eingehende Beschreibungen der einzelnen Länder gegeben. Das vierte, fünfte und sechste Buch behandeln in knapper und insgesamt dem zeitgenössischen Wissen nicht entsprechender Weise Nord- und Osteuropa, Asien, Afrika und die Neue Welt. M. verwendete den bereits bekannten Ausdruck „Amerika“ nicht, hielt auch zeitlebens am ptolemäischen Weltbild fest. Als zur Kosmographie gehörig betrachtete er aber auch ausführliche Darstellungen zur Erd- und Menschheitsgeschichte, zu Lebensweisen, Sitten, Bräuchen und charakteristischen Besonderheiten der Länder und ihrer Bewohner. Dazu lieferten die 1550 erschienenen Ausgaben in deutscher und lat. Sprache hervorragende Illustrationen, teilweise die ältesten bekannten Ansichten einzelner Orte überhaupt. Zu den Künstlern gehörten Hans Rudolf Manuel (gen. Deutsch), David Kandel und Jakob Clauser, in Holz geschnitten wurden deren Zeichnungen von Christoph Stimmer und Heinrich Holzmüller. Alle geographischen Schriften M.s enthalten auch Landkarten; insgesamt zeichnete er 142 Kartenblätter, mehr als alle deutschen Kartographen vor ihm. Die Qualität der Karten schwankt erheblich, da sich M. bei ihrer Erstellung nicht auf eigene Vermessungen, sondern auf die Angaben der Literatur oder seiner Mitarbeiter stützte. Die Erstausgabe der Kosmographie enthielt 26 Blätter, in der Ausgabe von 1550 wurden 14 davon wiederverwendet, 53 neue Karten kamen hinzu. Ein ganz neuer Kartensatz wurde in die postum erschienene Auflage von 1588 übernommen. Bewußt in deutscher Sprache verfaßt, entfaltete die „Cosmographia“ eine enorme Breitenwirkung. Keine andere Erdbeschreibung des 16. Jh. ist in dieser Hinsicht mit M.s Werk vergleichbar.

23. Stefan Lochner

Unter den Kölner Malern des 15. Jh. ist L. der einzige, den man namentlich mit seinen|Werken in Verbindung bringen kann. Seine Identifizierung beruht auf einer Reisenotiz von Dürer, der den Altar des „Meisters Stephan“ in der Ratskapelle in Köln besichtigt hat. 1823 wurde diese Nachricht von J. F. Böhmer bekannt gemacht, 1851 stellte dann J. J. Merlo die Verbindung zu dem aus Kölner Urkunden bekannten L. her. In Köln ist L. seit 1442 urkundlich nachweisbar, als er eine Zahlung der Stadt für Festschmuck anläßlich des Besuchs Kaiser Friedrichs III. erhielt; er hatte Wappenschilde und Tragestangen bemalt. Wo L. sich vorher aufgehalten hatte, läßt sich nur aufgrund seiner Werke und seines Malstils vermuten. Seine Ausbildung erhielt er wahrscheinlich in den Malerschulen der Bodenseegegend und des Oberrheins, anschließend hielt er sich wohl in den Niederlanden auf. Die stilistisch engste Beziehung ergibt sich dort zu dem „Meister von Flémalle“, der selbst Aufträge aus Köln erhielt. Gegen Ende der 30er Jahre kam L. dann nach Köln, seine frühen Werke werden in diese Zeit datiert. 1442 erwarb er das Haus Roggendorp, 1444 kaufte er zwei andere Häuser und nahm zum ersten Mal Schulden auf. 1447 wurde er in die Bürgerschaft aufgenommen und zum Ratsherrn gewählt, ein weiteres Mal 1450. 1448 erfolgte eine zweite Schuldenaufnahme. Bis 1447 hatten Ansehen und Wohlstand L.s offensichtlich zugenommen, von da an scheint er jedoch immer mehr in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten zu sein, weshalb seine größeren Werke bereits vor 1447 entstanden sein müssen.

Das einzige L. sicher zugewiesene Werk ist der Dreikönigsaltar im Kölner Dom, der sich früher in der Ratskapelle befunden hatte und erst durch S. Boisseré seine Aufstellung im Dom fand. Der dreiflügelige Altar ist als Zentralkomposition aufgefaßt, die die beiden Seitentafeln mit einbezieht. Der Altar war ein Heiligtum der Kommune, vor dem die Räte vor den Sitzungen ihre Andacht verrichteten. Der Altar war der bedeutendste Auftrag, der im Köln des 15. Jh. an einen Maler vergeben wurde. Er erscheint als Denkmal für das Selbstbewußtsein des Rats gegenüber den Domherm. L. entwickelte mit diesem Werk die feierliche Form der Anbetung der Könige vor der Muttergottes als Herrscherin. Dieser Bildtypus weicht von den sonst üblichen Krippendarstellungen entschieden ab und stellt sich in die Tradition byzantin. Darstellungen. Auf den Seitentafeln treten vor dem durchgehenden goldenen Hintergrund links die Stadtheilige St. Ursula mit ihren Gefährten zum Thron heran, von rechts kommt St. Gereon mit seinen Begleitern. Der geschlossene Altar zeigt auf den Außenflügeln die Verkündigung Mariae.

Alle anderen Werke sind dem Maler aus stilistischen Gründen im Anschluß an den Altar zugeordnet worden. Zwei dieser Bilder tragen eine Jahreszahl: es sind die beiden Darbringungen im Tempel in Lissabon (1445) und in Darmstadt (1447). Die wenigen L. zugeschriebenen Buchmalereien sind 1440-50 entstanden. Die Datierung des Dreikönigsaltars erfolgt aufgrund des lebendigen Stils der Figuren und auch wegen der wirtschaftlichen Lage L.s in die Zeit 1442–44. Aus den niederländ. Einflüssen ergibt sich, daß die Bilder, die dem dort gebräuchlichen räumlichen Realismus am nächsten kommen, in der frühen Zeit L.s entstanden, und die solchen Vorstellungen ferneren später datiert werden. Eine frühe Entstehung wird demnach für den „Hieronymus in der Zelle“ angenommen, für den Kölner „Weltgerichtsaltar“ und den „Dreikönigsaltar“ sowie für die „Veilchenmadonna“ in Köln. Als spätes Werk nach 1447 ist seine „Madonna in der Rosenlaube“ anzusehen. Außer den datierten Darbringungen im Tempel lassen sich alle übrigen Bilder zeitlich nicht genauer bestimmen.

Daß L. der bedeutendste Kölner Maler des 15. Jh. war, erweist sich an der großen Meisterschaft seiner Bilder im Vergleich zu den Zeitgenossen. Sie zeigt sich außer im Dreikönigsaltar vor allem bei seiner „Madonna in der Rosenlaube“ (Köln, Wallraf-Richartz-Museum). Hier wird abgesehen von der Verlebendigung der Pflanzen und der Gegenstände ein so hohes Maß an inniger Zartheit in Gestaltung und Ausdruck der Figuren erreicht, wie es in der Malerei fast ohne Beispiel ist. Die Meisterschaft L.s zeigt sich aber ebenso in der Pracht seiner ungewöhnlich reichen Gewanddarstellungen wie in den ausdrucksvollen, edlen Köpfen seiner Gestalten, obgleich diese keine individuellen Porträts sein sollen.

Auch bei L. zeigt sich das Streben seiner Zeit nach Körperlichkeit. Seine Figuren haben an Plastizität und Wirklichkeitsnähe gewonnen, was besonders in den drastischen Szenen beim „Weltgericht“ zum Ausdruck kommt. Durch die L. eigentümlichen, strahlenden Farben, die die Fläche gegenüber dem Raum betonen, gewinnen seine Bilder jedoch einen Charakter, der jenseits des vordergründigen Realismus steht. Für L. ist der fortschreitende Realismus seines Jahrhunderts nicht das Hauptziel, er versucht vielmehr, das Wesen der Frömmigkeit zu erfassen. Solche Elemente, die L. für seine Zeit am eindrucksvollsten getroffen hat, haben sein Werk nicht zuletzt zu dem mit am weitesten in modernen Reproduktionen verbreiteten der deutschen Malerei gemacht, wobei seine Madonna in der Rosenlaube an erster Stelle steht.

L.s Malerei, die trotz ihrer fortschrittlichen Elemente in der mittelalterlichen Tradition der Kölner Malerschule bewußt verhaftet bleibt, hat als Produkt einer Spätzeit keine bedeutende Nachfolge gefunden. Eine Schule hat L. nicht ausgebildet; lediglich der Meister des Heisterbacher Altars ist zu nennen, der in seinem Sinne arbeitete.

24. Hans Holbein der Jüngere

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H. hat wohl bei seinem Vater gelernt; er dürfte diesem auch bei einigen Arbeiten mitgeholfen haben, sein Anteil läßt sich aber kaum ermitteln. Die einstige Inschrift des „ersten Schritts“ vom Katharinenaltar von|1512 in Augsburg, wonach H. das Bild mit 17 Jahren gemalt habe, hat sich als Fälschung erwiesen, und die Meinung, die lieblichen weiblichen Heiligen auf den Flügeln des Sebastiansaltars von 1515 (München) hätten nur unter Beteiligung des jungen H.vollendet werden können, ist schon längst aufgegeben worden. Die Annahme aber, daß H. schon im Sommer 1515 in Basel tätig gewesen sei, ist neulich ihrerseits erschüttert worden: Die nur noch als Ruine in Zürich (Schweizerisches Landesmuseum) erhaltene Tischplatte, die für den Ratsherrn Hans Baer bemalt wurde, ist nicht von der Hand H.s, wie man seit dem 17. Jahrhundert (Patin) bis vor kurzem glaubte, sondern ein Werk Hans Herbsts (siehe NDBVIII). Von diesem stammt auch die mit HH bezeichnete und 1515 datierte Kreuztragung Christi in Karlsruhe. Herbst muß aber einen starken Einfluß auf den jungen H. ausgeübt haben: Er entsprach seinem robusteren Temperament fast mehr als die zartere Art des Vaters und des Bruders. – Die erste mit HH (und nicht AH – Ambrosius H.) signierte Arbeit H.s ist das schöne, energische Jünglingsbildnis von 1515 in Darmstadt; es ist ungewiß, ob es schon in Basel entstand. Mit Sicherheit ist aber H. am Ende des Jahres in Basel nachzuweisen. Ende Dezember nahm er zusammen mit seinem Bruder Ambrosius und einem Dritten, den man wohl mit Meister Herbst identifizieren darf, an der Lektüre des „Lobes der Torheit“ von Erasmus bei dem damals als Lehrer tätigen Oswald Myconius teil und versah dessen Exemplar abwechselnd mit den beiden andern mit Randzeichnungen (Basel); Myconius zeigte den Band dem Erasmus, der seinen Spaß daran hatte.

Man hat sich oft gefragt, weshalb H. von Augsburg gerade nach Basel ging. Daß er dort Erasmus antreffen und daß dieser für ihn von großer Bedeutung werden würde, konnte er nicht ahnen. Erasmus weilte damals auch nur zu einem kurzen Besuch in der Stadt und kehrte erst 6 Jahre später zurück. Vielleicht dachte H., bei den angesehenen Buchdruckern Arbeit zu finden, seine Tätigkeit auf diesem Gebiete setzt aber erst im Herbst 1516 ein. Es darf indessen daran erinnert werden, daß auch Dürer 1492 nach Basel kam und dort Illustrationen für den Buchdruck schuf. Vermutlich besaß der Vater H.s Beziehungen zu Basel: zum Goldschmied Jörg Schweiger aus Augsburg, der seit 1507 in Basel ansäßig war, möglicherweise auch zu Hans Herbst.

Für Myconius haben wahrscheinlich die Brüder H. 1516 das Schulmeisterschild gemalt und zwar H. die Seite mit der Unterrichtung zweier Kriegsknechte in einer Stube mit erstaunlicher Wiedergabe der Raumtiefe und des Gegenlichts (Basel). Myconius dürfte den jungen Maler an den Drucker Johann Frobenempfohlen haben. Meister Herbst, in dessen Werkstatt H. offenbar dem Zunftbrauch gemäß eingetreten war und bei dem auch Ambrosius verkehrte, hat seinerseits das Genie des frühreifen Künstlers gleich erkannt und ihm weite Freiheit eingeräumt. Nur so erklärt es sich, daß H., der doch erst ein 18jähriger Geselle war, im gleichen Jahre den Auftrag übernehmen durfte, den Bürgermeister Jacob Meyer, den Schwager des Hans Baer, zusammen mit seiner 2. Gattin Dorothea Kannengießer zu malen (Basel).

Inzwischen war auch der Vater an den Oberrhein gekommen. Der Sohn hat ihn in Isenheim besucht und bei dieser Gelegenheit den Altar Grünewalds gesehen. Eindrücke davon finden sich in den damaligen Werken und auch noch später. Der Kopf eines jugendlichen Heiligen (Basel), von Amerbach als „H. H. erste Arbeit“ bezeichnet, ist vom heilig Sebastian in Isenheim inspiriert, und am Tisch des von Amerbach ebenfalls H. zugeschriebenen, aber eher als ein gemeinsames Werk der Herbstwerkstatt zu betrachtenden Abendmahls auf Leinwand (Basel) erkennt man unter den Aposteln den Präzeptor Guido Guersi. 1517 folgte H. dem Vater nach Luzern, wo er die Bemalung der Fassade am Hause des Schultheißen Jacob Hertenstein übernahm und den Sohn Benedict Hertenstein (New York, Metropolitan Museum) porträtierte. „Meister Holbein“, der in den Luzerner Akten erwähnt wird, kann nur der Vater sein, der 19jährige war damals erst Geselle; dagegen ist mit „dem Holbein“, der mit dem Raufbold „Caspar goldschmid“ das Messer „zuckte“, offenbar der Letztere gemeint.

Von Luzern aus soll H. Italien besucht haben. Diese Meinung ist jedoch erst im 19. Jahrhundert aufgekommen; der älteste Bericht des Carel van Mander vermerkt im Gegenteil: „Hy is in Italien niet gheweest“. Die Nachforschung nach Reiseeindrücken blieb tatsächlich unergiebig, und es wäre schwer verständlich, daß ein so eifriger und genauer Betrachter keine Aufnahmen von bestehenden Denkmälern, wie später von der Frankreichfahrt, mitgebracht hätte. Was ihm an Renaissance-Motiven bekannt war, erklärt sich hinlänglich aus seiner Augsburger Herkunft und aus dem Studium von italienischen Stichen und Plaketten. Die Figuren sind so unitalienisch wie möglich und verraten, wie auch die Technik|der grau oder braun getönten, mit Weiß gehöhten Blätter (8 Apostel 1518, Lille; Christus in der Rast 1519, Berlin; Maria 1519, Leipzig; Maria und die heilige Familie, Basel), den überragenden Einfluß Baldungs, wie auch schon vor Luzern das „Doppelbildnis“ von Adam und Eva (1517, Basel). Zu keiner Zeit seines Lebens steht H. der romantischen Strömung in der deutschen Kunst so nahe wie damals.

1519 kehrte H. nach Basel zurück und trat der Malerzunft „zum Himmel“ bei. Am 14.10. vollendete er das feine Bildnis des 24jährigen Bonifacius Amerbach(Basel). 1520 empfing er das Basler Bürgerrecht. Im Gegensatz zu Ambrosius zahlte er keine Aufnahmegebühr, weil er es durch Heirat erwarb. Er nahm die Arbeit für den Buchdruck wieder auf. Aus diesen Jahren stammt außerdem eine große Reihe von Glasgemälderissen. Das Datum 1520 steht auf der Basler Kopie des Entwurfs zur Bemalung des Hauses „zum Tanz“, die der aus Thann zugewanderte Goldschmied Balthasar Angelrot ausführen ließ. Dieses zweifellos frühe Werk, ein fast überkühner, jugendlicher Geniestreich, war vielleicht die Ursache, daß der Rat der Stadt unter dem Bürgermeister Jakob Meyer die Ausmalung des Saals im Rathause dem erst seit einem Jahr eingebürgerten, 23jährigen Künstler übertrug. Zwei Wände waren 1522 vollendet; der Rat war mit der Leistung H.s so zufrieden, daß er ihm die volle Summe ausbezahlte, die eigentlich für den ganzen Saal bestimmt war. In den ersten 1520er Jahren hat H. eine Reihe von bedeutenden kirchlichen Werken geschaffen, mit denen er gegen die besten deutschen Künstler seiner Zeit in die Schranken trat: 1521 wahrscheinlich die Altarflügel mit den wundervollen Darstellungen der Weihnacht und der Anbetung der Könige, die aus dem Bildersturm der Basler Reformation nach Freiburg im Breisgau gerettet worden sind, eine Bestellung des Hans Oberriet, des Zahlmeisters anläßlich der Ausführung der Rathausbilder; 1522 die Solothurner Madonna für den Basler Stadtschreiber Jacob Gerster; ebenfalls 1522 (nicht 1521) den erschütternden toten Christus (Basel). Daneben sind seine graphischen Arbeiten nicht zu übersehen: Die Illustrationen zu einem „Hortulus Animae“ (1522) mit einer Folge großartiger Heiligengestalten, der unter dem Kreuze zusammengebrochene Christus, die Ausschmückung der Basler Nachdrucke von Luthers Übersetzung des Neuen Testaments (Ende 1522) und der Bücher Mosis (seit Ende 1523), nicht zu vergessen die 8 eindrucksvollen Bilder zur Erklärung des Gebets des Herrn durch Erasmus vom November 1523. Für die Ausgaben humanistischer Bücher schuf er auch zahlreiche Titelumrahmungen mit historischen und mythologischen Szenen. 1523 malte er Erasmus in zwei Fassungen: in ¾ Ansicht (Longford Castle) und schreibend im Profil (Basel, Paris). Im Juni 1524 meldet Erasmus seinem Freunde Pirkheimer in Nürnberg, neulich habe er „zwei Bildnisse von der Hand eines sehr geschickten Künstlers nach England geschickt; derselbe hat mich auch gemalt nach Frankreich entführt“. H. ist also in Frankreich gewesen. Sein Weg ging nicht nach Lyon zum Verleger Trechsel und nach Avignon zu Amerbach, wie man seit Salomon Vögelin annahm. Die Stationen seiner Reise lassen sich aus seinem Werk ablesen: Bourges, wo er die Statuen des 1416 verstorbenen Herzog Jean de Berri und seiner Gemahlin Jeanne de Boulogne abzeichnete (Basel), xml:id="d1e106145"Blois, dessen Schloß, von der Stadtseite her gesehen, auf dem Holzschnitt der Kaiserin in der Folge der „Todesbilder“ erscheint. Offenbar wollte er sich dem kunstliebenden König Franz I. empfehlen; doch der Plan, wenn er bestand, zerschlug sich, und H. kehrte nach Basel zurück.

In Blois und in Amboise dürfte nun H. italienische Kunst aus dem Besitz des Königs gesehen haben. Er ändert die Technik: Sein Kolorit wird emailartig, für die Zeichnung verwendet er die farbigen Kreiden der Franzosen. Es entstehen die Passion auf 4 schmalen Flügeln (Basel), die Laïs mit dem Datum 1526, eine Umredaktion im neuen Stil nach der früheren Venus (Basel), und die 1. Fassung seines letzten Altarbildes, der Madonna des altgläubigen ehemaligen Bürgermeisters Meyer (Darmstadt). Aber die reformatorische Bewegung in Basel brachte die bisherigen Zustände mehr und mehr ins Wanken. H. arbeitete auch für die Neugläubigen; so schuf er den Holzschnitt „Christus das wahre Licht“, vermutlich 1524 für die Disputation Farels, und den „Ablaßhandel“. 1525/26 sind die „Bilder des Todes“ (fälschlich Totentanz genannt) entstanden, die Trechsel in Lyon nicht bei H., sondern beim Holzschneider Lützelburger bestellt hatte und deren Vollendung durch Lützelburgers Tod vor Johanni (23.6.) 1526 zunächst unterblieb; sie erschienen erst 1538. H. hatte noch das Baselwappen an die Tore des Städtleins Waldenburg am Juraübergang nach Solothurn zu malen. Dann verließ er Basel, um anderswo sein Glück zu suchen.

Im Herbst 1526 fuhr er nach England. Ein Empfehlungsschreiben des Erasmus an Petrus Aegidius erlaubte ihm, in Antwerpen Halt zu machen: „Der Überbringer dieses Briefes ist der, der mich gemalt hat; indem ich ihn an Dich weise, möchte ich Dich nicht stören, obschon es sich um einen bemerkenswerten Künstler handelt. Er möchte Quinten (Massys) besuchen. Hier frieren die Künste: Er geht nach England um dort einige Angeloten zu verdienen.“ Am 18. Dezember meldet Thomas Morus H.s Anwesenheit in England: „Dein Maler, Erasmus, ist ein wunderbarer Künstler; ich fürchte nur, er wird England nicht so gewinnbringend finden, wie er es erhofft, ich werde aber mein Möglichstes tun, damit er es nicht völlig unfruchtbar antrifft.“ In der Tat bekam er den ganzen Freundeskreis des Morus zu malen, hohe Würdenträger, aber auch den Hofastronomen Niklaus Kratzer aus München (Paris). Für Thomas Morus, der 1527 fünfzig Jahre alt geworden war, schuf er eines der ersten Gruppenbildnisse der Kunstgeschichte, das leider nur noch aus einer Kopie (Nostell Priory) bekannt ist; die vorbereitende Zeichnung, die er Morus vorgelegt hatte (Basel), brachte er Erasmus zu dessen großer Freude mit, als er 1528 nach Basel heim kehrte. Seine Ersparnisse aus England erlaubten ihm, 1528 ein Haus in der Sankt Johannsvorstadt auf der Rheinseite zu kaufen und seiner Familie ein eigenes Heim zu bieten. Damals ist auch das berühmte Bild seiner Frau mit den beiden Kindern Philipp und Katharina (Basel) entstanden. Aber die Ereignisse überstürzten sich. Schon an Ostern 1528 war der Rat genötigt, aus einigen Kirchen die Bilder wegzunehmen. Am 9. Februar 1529 brauste der Bildersturm durch die Stadt, und H. mußte zusehen, wie eine große Anzahl seiner eigenen Werke zerstört wurde. Im April dieses Jahres war er es jedoch, der den Titel der neuen Reformationsordnung entwarf. Für den altgläubigen ehemaligen Bürgermeister Meyer überarbeitete er aber auch das für ihn 1526 gemalte Madonnenbild (Darmstadt). Bei der Einführung des Zwinglischen Abendmahls gehörte er mit Bonifacius Amerbach zu denen, die bessere Belehrung wünschten. Der Rat aber suchte ihn zu schonen und erteilte ihm den Auftrag, vom Sommer 1530 bis zum Sommer 1531, die letzte Wand im Ratssaal, die 1522 nicht mehr zur Ausführung gekommen war, auszumalen. Einzig die Entwürfe und einige Fragmente haben sich erhalten (Basel). Zum Glück besitzt man aus dieser Zeit eine weitere Folge von Bildkompositionen, die aus dem gleichen monumentalen Geiste geboren sind und sich trotz ihrem kleinen Format wie Gedanken zu mächtigen Wandgemälden ausnehmen: die Bilder zum Alten Testament, die erst 1538 in einer Vulgataausgabe bei Trechsel in Lyon erschienen, aber schon 1531 dem Drucker Christoph Froschauer in Zürich bekannt waren. Für eine Reihe von wissenschaftlichen Publikationen schuf H. 1531-32 nicht minder großartige Illustrationen: das Instrument beider Lichter, Sonnenuhren, Bilder der Tierkreiszeichen für Sebastian Münster und eine Erdkarte für Simon Grynaeus. In Freiburg im Breisgau, wohin sich Erasmus nach dem Bildersturm in Basel zurückgezogen hatte, malte H. das kleine Rundbild des Gelehrten (Basel); für den Drucker Hieronymus Froben, bei dem sich Erasmus, 1535 nach Basel zurückgekehrt, 1536 zum Sterben niederlegte, zeichnete er 2 Holzschnitte im Rund mit dem feinen Profilbildnis des Erasmus und einem Lutherbild nach einem noch heute in Basel befindlichen Gemälde des Lucas Cranach als Gegenstück. 1531 hatte H. sogar noch ein kleineres Haus hinzuerwerben können. Aber die größeren Aufgaben fehlten. Er erbat sich deshalb von Erasmus neue Empfehlungsschreiben nach England. Der Gelehrte beklagte sich später bei Amerbach über den Maler, man weiß nicht aus welchem Grunde, aber man erfährt dadurch, daß H. wiederum einen Aufenthalt von einigen Wochen in Antwerpen eingeschaltet hatte. Ist das Bildnis eines Kaufmanns mit dem Datum des 26.7.1532 (Windsor) dort oder schon in England entstanden? Jedenfalls wußte ihn der Rat von Basel in England, als er ihm am 2. September einen Brief nachsandte, in dem er ihn unter Anbietung eines Jahresgelds ersuchte, „das du dich zu dem fürderlichistenn wider anheimsch verfügest“.

In England hatten sich die Verhältnisse ebenfalls gründlich geändert. Die Freunde des Erasmus waren zum Teil gestorben, Morus hatte sich zurückgezogen. So fand H. zunächst Anschluß an die deutschen Handelsleute des Londoner Stahlhofs. Eine Reihe von Bildnissen dieser Kaufherren ist 1532 und 1533 entstanden. Für den Stahlhof malte er als Wanddekoration die allegorischen Triumphzüge der Armut und des Reichtums (verschollen) und 1535 zum Einzug der Königin Anna Boleyn den Entwurf für die Ehrenpforte mit der Darstellung des Parnaß (Berlin). 1533 porträtierte er den Falkner König Heinrichs VIII., Robert Cheseman (Haag), namentlich aber begegnete er dem französischen Gesandten Jean de Dinteville, den er zusammen mit dessen Freund Georges de Selve in|einem prächtigen Gemälde darstellte (London), 1534 dessen Nachfolger Charles de Solier, Sieur de Morette (Dresden). Diese Verbindungen scheinen ihm den Weg zum Kanzler Thomas Cromwell (New York, Frick Coll.) und zum Hofe geöffnet zu haben. 1536 malte er den König (Lugano-Castagnola) und die Königin Jane Seymour (Wien) und trat in den Dienst Heinrichs VIII. 1537 schuf er die Kamindekoration in Whitehall mit den königlichen Bildnissen (Karton in Chatsworth). Nach dem Tode der Königin reiste er im Mai 1538 mit einer Gesandtschaft nach Brüssel, um dort die 16jährige Witwe des Herzog Franz Maria Sforza, Christine von Dänemark, nach bloß dreistündiger Sitzung zu malen (London); da sich das Projekt der Heirat Heinrichs VIII. mit ihr zerschlug, fuhr er am 3. Juni nach Le Havre, nach Joinville und Nancy zur Werbung einer der lothringischen Prinzessinnen. Auch nach „High Burgundy“ sandte ihn der König, man weiß nicht zu welchem Zwecke. Jedenfalls benutzte H. die Gelegenheit, um in Basel anzukehren. Zum Erstaunen seiner Mitbürger war er, wie Ludwig Iselin berichtet, „in seiden und sammet bekleidt, so er vormals must wein am zapfen kauffen; er wollt, so in gott das leben hett gelengeret, fil gmeld aber und besser gemolet haben in sim kosten, als der sal uff dem richthus; das haus zum tantz saget er, wär ein wenig gutt“. Damals hat er wohl die Federzeichnung des Hauses „zum Tanz“ (Basel), die man bisher für einen Entwurf hielt, als Beispiel vorgelegt, wie er nun eine solche Aufgabe auffassen würde. Am 10. September feierte man ihn mit einem Essen auf dem Hause „zur Megd“ der Vorstadtgesellschaft von Sankt Johann. Nochmals versuchte der Rat ihn zurückzuhalten: Indem er sich Rechenschaft gab, daß H. „wyt berümpt ist“ und seine Kunst und Arbeit „me wert, denn als sy an alte muren und hüser vergüttet (vergeudet) werden sölle“, machte er ihm hochherzige Propositionen mit großer Freiheit und einer Pension für seine Familie. Aber H. hatte sich vorgenommen, nur einige Wochen zu bleiben. Am 16. Oktober reiste er ab und nahm seinen Sohn Philipp mit, um ihn nach Paris zu dem dort tätigen Basler Goldschmied Jacob David zu bringen.

Als Neujahrsgeschenk für 1539 überreichte H. dem König das Bildnis des kleinen Prinzen Eduard (Philadelphia). Im Sommer dieses Jahres wurde er nach Düren entsandt, um dort das Bildnis der Prinzessin Anna von Cleve zu malen (Paris). Wenn auch Anna kurz nach der Hochzeit vom König verstoßen und der Minister Cromwell, den H. ebenfalls gemalt hat (New York), gestürzt wurde, so blieb der Künstler doch bei Hofe unverändert in Gnade. Er porträtierte den Nachfolger Cromwells, den Herzog von Norfolk (Windsor), und dessen Nichte, die neue Königin Catherine Howard (Toledo, USA). Für den König selbst entwarf er, wie zuvor, prunkvolle Gefäße, Schmuckstücke und Waffen, um 1540 aber auch einen Kamin für den Palast von Whitehall. Schmid vermutete jedoch, vielleicht mit Recht, daß die finanzielle Lage des Hofes nicht mehr die beste war: An die Stelle königlicher Bildnisse treten wieder solche anderer Leute oder auch der Auftrag der Barbiergilde für ein Gruppenbild in ihrem Zunfthause (Barbershall London), das, wie es scheint, unvollendet blieb, jedenfalls stark übermalt wurde. Nach Schmid hätte sich H. mit dem Gedanken getragen, nach Basel zurückzukehren: Zum Abschied an seine Freunde, nicht weil er seinen plötzlichen Tod erwartete, hätte er sein Bildnis in Miniaturen vervielfältigen lassen (Wallace Collection, Antwerpen und anderswo). Gewiß ist, daß man in Basel nach der Notiz des Bonifacius Amerbach noch 1542 der festen Meinung war, daß er nur „yetz in England ettlich jor abwesend“ sei. Doch da raffte ihn im Oktober 1543 in London die Pest („der englische schweis“, wie Iselin vermerkt) hinweg. Am 7. Oktober hatte er vor Zeugen, unter denen sich der Goldschmied Hans von Antwerpen und der Maler Harry Meinert befanden, sein Testament gemacht, in dem er über seine Sachen verfügte und auch für die Pflege zweier offenbar unehelicher Kinder sorgte. Am 29. November wird er als in der Pfarrei Saint Andrew verstorben erwähnt.

Man hat H. oft mit Dürer verglichen, ja sogar Analogieschlüsse von diesem auf H. gezogen. Das geht nicht an; denn sie sind völlig verschieden. H. gehört einer anderen Generation an. Das Grübeln liegt ihm nicht. Er hat sich auch nicht immer wieder selbst gemalt: Es gibt nur ein einziges authentisches Selbstbildnis (Florenz), und er hat keine geschriebene Zeile hinterlassen. Seine Persönlichkeit verbirgt sich hinter seinem Werk. Er beobachtet aus der Distanz mit eindringlicher Schärfe und größter Objektivität. Charakteristisch ist auch der Strich seiner Zeichnung. Im Gegensatz zu Dürers fast kalligraphischer Linienstruktur, die für die damaligen deutschen Künstler verbindlich wurde, ist die Zeichnung H.s knapp, oft fast spröde. Auch er schloß sich zwar eine Zeitlang der romantisch-pathetischen Strömung der deutschen Kunst an, strebte aber sogleich nach größerer Klarheit. Doch darf man H.seiner|Sachlichkeit wegen nicht indifferent nennen, wie es oft geschieht. Ein herzloser Künstler hätte keine so einfühlenden Werke schaffen können wie das Gemälde seiner Familie (Basel) oder die Zeichnung eines aussätzigen, dem Leben verlorenen jungen Mannes (Cambridge, Mass.). Seine Todesbilder sind bei aller Unerbittlichkeit zurückhaltend im Urteil und oft ergreifend. Seine kirchlichen Arbeiten und seine Gebetbuch- und Bibelillustrationen gehören zum Schönsten, was die deutsche Kunst hervorgebracht hat; mit seinem Holzschnitt des unter dem Kreuze zusammengebrochenen Christus (Unikum in Basel) tritt er Dürer an die Seite und steht nicht hinter ihm zurück. Sein Gemälde des toten Christus (Basel) ist fern vom Pathos eines Dürer, Baldung oder gar Grünewald, aber gibt es nicht umso mehr zum Nachdenken Anlaß? H. ist der deutschen Kunst schon in den späteren Basler Jahren entwachsen und in der weiten Welt zu uneingeschränktem Ruhm gelangt. Es ist immer wieder erstaunlich, in welchem Maße er seine Mittel beherrscht; seine Phantasie umfaßt alles mit gleicher Intensität im größten wie im kleinsten Maßstab, von den Wandgemälden und Altarbildern zu den Buchillustrationen und den Geräten des Kunsthandwerks. Er weiß das Feinste zu beobachten und zur Wirkung zu bringen, es aber auch dem Gesamten unterzuordnen. Im Bildnis war es ihm gegeben, was nur wenigen – auch seinem Vater nicht – gelang, bei der Ausführung noch über die Studie hinauszugehen, die Frische der Anschauung zu bewahren, ja sogar dem Dargestellten einen erhöhten Grad von Lebendigkeit zu verleihen, ohne den Ausdruck zu übersteigern. H. ist ein faszinierender Deuter des Menschlichen und wird darum auch in Zukunft den Betrachter immer wieder aufs Neue fesseln.

25. Nikolaus Kopernikus 

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In Thorn/Weichsel (gegründet 1231 vom Deutschen Ritterorden, lange Zeit Mitglied der Deutschen Hanse) von deutschen Eltern geboren - an seiner deutschen Muttersprache ist auch nach dem Urteil polnischer Historiker kein Zweifel -, besuchte C. die Schule der altstädtischen Pfarrkirche zu Sankt Johann, wo er auch getauft war. Den entscheidenden Einfluß auf seinen weiteren Werdegang übte nach dem frühen Tode des Vaters († 1483) der Oheim Lukas Watzenrode aus, der zunächst als Hofjurist und unzertrennlicher Ratgeber des Gnesener Erzbischofs Sbigneus Olesnicki wirkte (ihm verdankte er vier Kanonikate an polnischen Dom- und Kollegiatstiften, dazu war er Domherr von Kulm und Ermland) und 1489-1512 Bischof von Ermland war. Er schickte den jungen C. mit hoher Wahrscheinlichkeit für mehrere Jahre auf das Partikular in Kulm, das die Brüder des Gemeinsamen Lebens aus Zwolle (Holland) dort 1472 eingerichtet hatten. Im Herbst 1491 bezog C. zusammen mit seinem älteren Bruder Andreas die Universität Krakau, deren Studenten damals zu mehr als der Hälfte deutschsprachig waren. Vermutlich blieb er hier bis 1494, ohne sich indessen einen akademischen Grad erworben zu haben. Sicher aber hat er sich bereits damals besonders dem Studium der Mathematik und Astronomie gewidmet, wobei der hochangesehene Professor Albert Blarer aus Brudzewo sein Lehrer gewesen sein soll.

Nach der Rückkehr in die Heimat fiel im Spätherbst 1495 die Entscheidung für sein ganzes ferneres Leben: von Bischof Watzenrode vorgeschlagen, wurde er vom Frauenburger Kapitel zum ermländischen Domherrn gewählt. Doch konnte er erst nach Überwindung gewisser Schwierigkeiten (sie sind nicht näher bekannt) im Oktober 1497 seine Vertreter zur Besitzergreifung dieser Pfründe bestellen, die er fortan bis zum Tode innehatte und die ihm eine sichere wirtschaftliche Grundlage bot. Indessen ist C. höchstens Subdiakon gewesen; jedenfalls fehlt jeder Beweis dafür, daß er die Priesterweihe erhalten hat. Inzwischen hatte er bereits im Herbst 1496 die Universität Bologna zum Studium der Rechtswissenschaft bezogen. Wie einst sein Oheim trat auch er der Juristenfakultät und der deutschen Landsmannschaft bei, der sich satzungsgemäß alle Rechtsstudenten mit deutscher Muttersprache ohne Rücksicht auf das Herkunftsland anzuschließen hatten, und nahm auch im deutschen Studentenviertel der Stadt seine Wohnung. Neben dem juristischen Studium fand er hier reichlich Zeit zur Beschäftigung mit der Himmelskunde, schon bald wirkte er bei den Himmelsbeobachtungen des gefeierten Astronomen Dominicus Maria Novara als dessen Mitarbeiter mit - er selbst berichtet über eine solche Beobachtung am 9.3.1497 (Bedeckung des Aldebaran durch den Mond). Novara machte aus seinen Einwendungen gegen das herrschende Himmelssystem des Ptolemäus, gestützt auf die deutschen Astronomen Georg Peuerbach († 1461) und Johann Regiomontanus († 1476), kein Hehl; zweifellos sind daher auch dem C. schon hier berechtigte Zweifel an jenem astronomischen Weltbild gekommen.

Das Jubeljahr 1500 lockte auch ihn nach Rom, wo er nach seinen eigenen Angaben neben Himmelsbeobachtungen auch Vorträge als „Professor mathematum“ vor zahlreichen Studenten sowie angesehenen Männern und Fachgelehrten gehalten hat. Im Sommer 1501 kehrte er in die Heimat zurück. Auf seine Bitte erhielt er am 27. Juli vom Frauenburger Domkapitel erneut Urlaub für 2 Jahre, und zwar ausdrücklich zum Studium der Medizin. Schon im Herbst 1501 bezog er die Universität Padua, deren medizinische Fakultät damals hervorragende Professoren (zum Beispiel den Anatomen Marco Antonio della Tore, den Freund des Leonardo da Vinci) aufwies. Volle 2 Jahre hat er hier Medizin studiert, jedoch kein Abschlußexamen gemacht. Daneben blieb ihm noch Zeit zu anderen Studien. Ob er freilich erst hier oder schon in Bologna (bei Professor Antonio Urceo) das Griechische erlernt hat, ist schwer zu entscheiden. Auch brachte er damals sein juristisches Studium zum Abschluß, indem er sich am 31.5.1503 den Grad eines doctor decretorum erwarb, und zwar (wohl wegen der geringeren Kosten) an der benachbarten Universität Ferrara, wo noch heute der Auszug seines Doktordiploms aufbewahrt wird. Inzwischen hatte C. noch eine zweite kirchliche Pfründe erhalten: um die Jahreswende 1502/03 wurde ihm (zweifellos unter dem Einfluß seines bischöflichen Oheims) die Würde eines Scholastikus am|Breslauer Kollegiatkapitel zum Heiligen Kreuz verliehen - 1538 resignierte er darauf.

Nach Ablauf des Studienurlaubs verließ C. mindestens im Spätherbst 1503 Padua. Bereits für den 1. Januar 1504 ist er als Teilnehmer des Landtages zu Marienburg im Gefolge seines Oheims urkundlich beglaubigt. In dessen Umgebung verbrachte er die nächsten Jahre als Leibarzt und Hausgenosse auf dem Schloß zu Heilsberg. Hier erhielt er einen ausgezeichneten Einblick in die Praxis der staatlichen Verwaltung und Rechtspflege sowie in die schwierigen politischen Verhältnisse seines Heimatlandes, in dem sein Oheim damals als Landesherr des Fürstbistums Ermland und als Präsident des sogenannten königlichen Preußen eine hervorragende Rolle spielte. Wiederholt begleitete er ihn zu den Landtagen und wohl auch zu polnischen Reichstagen. In Heilsberg fand er außerdem noch Zeit zu wissenschaftlichen Arbeiten: 1509 ließ er eine lateinische Übersetzung von griechischen Briefen des Theophylaktos Symokattes in Krakau drucken - seine erste Veröffentlichung, an sich ohne größere Bedeutung, aber immerhin das erste Buch über die griechische Literatur im alten Preußenland. Vor allem aber begann er hier, seinen neuen Anschauungen über das astronomische Weltbild, für die er bereits in Italien den Grund gelegt hatte, ihre erste schriftliche Form zu geben. Entgegen der bisher üblichen Meinung ist C. aber nicht bis zum Lebensende seines Oheims (29.3.1512) in dessen Umgebung geblieben, sondern muß spätestens im Oktober 1510 seinen Wohnsitz bei der Frauenburger Kathedrale genommen haben; denn seit dieser Zeit bekleidete er nachweislich Ämter, mit denen nur residierende Domherrn betraut wurden. Ob das nicht mit einer andern, für jene Zeiten sehr sonderbaren Tatsache in Verbindung zu bringen ist, daß C. nämlich von einem päpstlichen Gnadenerweis, der ihm im November 1508 zuteil wurde und die Annahme weiterer kirchlicher Pfründen erlaubte, niemals Gebrauch gemacht hat? Entgegen den Wünschen des Oheims scheint er sich damals endgültig dafür entschieden zu haben, unter Verzicht auf die kirchliche Karriere sein Leben fortan in den Dienst der Wissenschaft, also der Astronomie zu stellen. Seit 1510 hat er jedenfalls mit wenigen Unterbrechungen seinen ständigen Wohnsitz bei der Kathedrale zu Frauenburg gehabt, wo ihm der Nordwestturm der mauerumwehrten Domburg als Wohn- und Arbeitsstätte diente. Als residierendem Domherrn oblagen ihm allerdings gewisse Verpflichtungen; neben der Teilnahme am täglichen Chorgebet und an gelegentlichen Kapitelsitzungen nahm ihn auch die Verwaltung der Ämter in Anspruch, die das Kapitel ihm übertragen hatte. So war er 1510/11 einer der beiden Visitatoren, die das weltliche Herrschaftsgebiet des Kapitels zu bereisen hatten. 1510-13 und in der Folgezeit noch 4mal für je ein Jahr war er Kanzler des Kapitels, hatte also dessen gesamten Schriftverkehr einschließlich der Ausstellung der Urkunden zu betreuen. 1513 und 1530 unterstanden ihm als magister pistoriae die für den Eigenbedarf des Kapitels geschaffenen Einrichtungen (Kornmühle, Back-, Malz- und Brauhaus). 1538 hatte er als mortuarius die Verwaltung der zahlreichen Stiftungen für Totengedächtnisse inne, und noch 1541 war er als magister fabricae Vorsteher der Dombauverwaltung. Vor allem lag vom November 1516 bis dahin 1519 in seinen Händen die Verwaltung des weltlichen Herrschaftsgebietes, das dem ermländischen Domkapitel unterstand. Als Kapitels-Administrator oder Landpropst residierte er dazumal in der stark befestigten Kapitelsburg zu Allenstein. Von hier aus gebot er sozusagen als Landesherr über die Kammerämter Mehlsack und Allenstein mit den beiden gleichnamigen Städten, rund 120 Bauerndörfern und zahlreichen Gütern, mit ihren Domänen, Seen und Wäldern samt dem dafür erforderlichen Personal. Und das in einer Zeit politischer Hochspannung, die schließlich im Januar 1520 den sogenannten Reiterkrieg zwischen Polen und dem damaligen Hochmeister des Deutschordens (Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach) auslöste. Zwischen den kriegführenden Parteien gelegen, wurde das Ermland, das seit dem 2. Thorner Frieden (1466) unter der Schirmvogtei des Polenkönigs stand, entgegen seinen Neutralitätswünschen in den Strudel mit hineingerissen. Zu den wenigen Domherrn, die im Lande blieben, gehörte C., der ins feste Allenstein eilte und dort im November 1520 erneut das Amt des Landpropstes übernahm. Der ihm nun auch noch obliegenden Sorge für die militärische Sicherheit dieses Platzes ist er so gut nachgekommen, daß der Hochmeister den geplanten Angriff auf Allenstein gar nicht erst versuchte. Als C. schon bald nach dem Abschluß des Waffenstillstands (April 1521) sein Amt niederlegte, übertrug ihm das Kapitel sofort im Juni die nicht minder schwierige Aufgabe, im Kammeramt Frauenburg die durch den Krieg völlig in Unordnung geratene Verwaltung neu einzurichten, was ihm tatsächlich in kurzer Zeit gelang. Und als das Domkapitel nach dem Tode des Bischofs Fabian (30.1.1523) für die Zeit der Sedisvakanz auch über den bischöflichen Anteil des Ermlandes die Regierung zu übernehmen hatte, bestellte man C., der sich bisher als leitender Verwaltungsbeamter|glänzend bewährt hatte, zum Bistumsverweser (Generaladministrator). Bis Ende Oktober nahm er nun noch einmal seine Wohnung in Heilsberg. So bilden diese Jahre von 1516-23 geradezu den Höhepunkt in C. praktisch-politischem Wirken.

Noch eine andere mehr wirtschaftspolitische Frage beschäftigte ihn bereits in dieser Zeit, die Verschlechterung der im Preußenland umlaufenden Münzen. Mit wissenschaftlicher Gründlichkeit hatte er zu diesem Problem schon im August 1517 in einem ersten Entwurf Stellung genommen; irgendwie muß diese Privatarbeit (in lateinischer Sprache) bekannt geworden sein. Denn schon 1519 und erneut nach dem Thorner Waffenstillstand auf dem Graudenzer Landtag im März 1522 baten ihn die Landstände um ein Gutachten über das preußische Münzwesen, das er ihnen bereitwillig in vorzüglichem Deutsch vortrug. Doch erst nach dem Krakauer Frieden (1525) wurde die nötige Reform etwa 1528 tatsächlich durchgeführt, wieder unter seiner tätigen Mitwirkung. Von seiner Hand ist uns aus dieser Zeit eine sehr umfangreiche lateinische Denkschrift erhalten geblieben, die von seiner staatsmännischen Klugheit wie auch von seinem wirtschafts- und handelspolitischen Weitblick beredtes Zeugnis ablegt und zugleich den ersten Versuch einer Münzgeschichte des Preußenlandes darstellt.

Schon während seines Frauenburger Aufenthaltes ist C. auch als Geograph mit beachtlichen Leistungen hervorgetreten. Er war ein guter Zeichner, wie die mathematischen Figuren in der eigenhändigen Niederschrift seines astronomischen Hauptwerkes beweisen. Dies technische Können kam ihm bei seinen kartographischen Arbeiten sehr zustatten, von denen leider nichts erhalten geblieben ist. Wir wissen aber, daß er bereits ums Jahr 1510 eine selbstgeschaffene Karte des Preußenlandes besaß, daß seine Karte vom südwestlichen Teil des Frischen Haffs (um das Städtchen Tolkemit) in einem Prozeß des Jahres 1519 den Gerichtsherrn vorgelegt worden ist, daß er um 1529 erneut an einer preußischen Landkarte arbeitete und daß er auch eine erdkundliche Beschreibung seines Heimatlandes verfaßt hat, die Ende des 16. Jahrhunderts von anderen Geographen benutzt worden ist.

Auch seine ärztliche Tätigkeit verdient vollauf Beachtung. Wenn er auch auf diesem Gebiet nicht bahnbrechend gewirkt hat, so muß er doch ein sehr geschätzter praktischer Arzt gewesen sein, dessen gute Ratschläge und milde Art einer seiner Patienten (Bischof Johannes Dantiscus) ausdrücklich gerühmt hat. Aber nicht nur hochgestellten Personen wie den Bischöfen und Domherrn seiner Zeit oder dem engsten Mitarbeiter des Herzogs Albrecht von Preußen stellte er sich bereitwillig als Arzt zur Verfügung, sondern ebenso dem einfachen Volke, das ihn wie einen zweiten Aesculap verehrt habe, wie sein bester Freund, der Domherr Tiedemann Giese (später Bischof von Kulm und Ermland) uns überliefert hat.

Etwa seit 1530 hat sich C. völlig vom öffentlichen Leben zurückgezogen. Einen Lichtblick in dieses einsame Dasein brachte der Besuch des jungen Wittenberger Mathematikprofessors Georg Joachim Rheticus, der, durch den in der damaligen Gelehrtenwelt bereits weit verbreiteten Ruf des C.angezogen, im Frühjahr 1539 nach Frauenburg kam und dort mehr als zwei Jahre blieb. Er war Lutheraner (C. lehnte gleich Giese zeit seines Lebens Luthers Lehre ab, beide gehörten aber zu der milden erasmianischen Richtung der Theologen), fand aber gleichwohl freundlichste Aufnahme bei C., der ihn mit seinen neuen astronomischen Anschauungen aufs innigste vertraut machte. Schon bald gab Rheticus der Öffentlichkeit in einem ersten, also vorläufigen Bericht über das Hauptwerk seines Meisters Kunde (Narratio prima, Danzig 1540, Basel 1541). Seine Bemühungen und das unablässige Drängen des Bischofs Giese erwirkten endlich bei C. die Zustimmung zur Drucklegung des Hauptwerkes. Einen kleinen Abschnitt daraus aber, die sogenannte Trigonometrie, veröffentlichte Rheticus mit C. Erlaubnis schon 1542 in Wittenberg. Dieser Separatdruck mit dem Titel „De lateribus et angulis triangulorum“ stimmt mit den beiden letzten Kapiteln aus dem ersten Buch des Hauptwerkes wörtlich überein, während die an beiden Stellen beigegebenen Sinustafeln sich erheblich voneinander unterscheiden. Bei dem Hauptwerk „De revolutionibus orbium coelestium libri VI“ (über die Kreisbewegungen der Himmelsbahnen) hatte Rheticus die Überwachung der Druckes bei Petrejus in Nürnberg übernommen, mußte sie aber infolge seiner Berufung an die Universität Leipzig schon bald dem lutherischen Prediger Andreas Osiander in Nürnberg überlassen. Dieser gab nun dem 1543 erschienenen Werk eine von ihm selbst verfaßte Vorrede, ohne das zu kennzeichnen, bei, in der die neuen Lehrsätze lediglich als Annahmen (Hypothesen), die bequem zur Berechnung der Bewegungen der Himmelskörper seien, ganz gegen den Willen des C. hingestellt waren.

C. hat das erste vollständige Exemplar seines Hauptwerkes noch unmittelbar vor seinem Tod erhalten, doch ist ihm das wohl nicht mehr zum Bewußtsein gekommen, denn gegen|Ende 1542 ernstlich erkrankt, erlitt er bald darauf einen Blutsturz und Schlaganfall mit rechtsseitiger Lähmung, was dann seinen Tod zur Folge hatte.

Seit der Rückkehr aus Italien, wo ihm die Unhaltbarkeit des bisher gültigen geozentrischen Systems des Ptolemäus eindeutig klar geworden war, hat C.immer und immer mit sich um ein neues Weltbild gerungen, das die Sonne in den Mittelpunkt des Weltalls stellt und die Erde als einfachen Wandelstern in die Reihe der übrigen Planeten einordnet. Daran haben ihn auch die zahlreichen Abhaltungen nicht hindern können, die seine oft umfangreiche Tätigkeit im Dienste des Domkapitels, vor allem als leitender Verwaltungsbeamter und auch sein Wirken als Geograph, Arzt und Münzreformer mit sich brachten - schon das hebt ihn weit über den Durchschnitt hinaus. Stets hat er, selbst während seines Allensteiner Aufenthalts und sogar in den Kriegswirren der Jahre 1520 und 1521, Zeit zu Himmelsbeobachtungen gefunden und in umfangreichen Berechnungen bis in sein letztes Lebensjahr hinein die Beweise für seine neuen Lehrsätze zusammengestellt und nachgeprüft. Bei seinen Beobachtungen war er in der Hauptsache aufs eigene Auge angewiesen, Fernrohr und Meridianinstrument kannte man damals noch nicht. Nur drei oder vier einfache Geräte standen ihm, wie er selbst berichtet, zur Verfügung, vor allem der zum Messen der Polhöhe dienende Dreistab (instrumentum parallacticum), den er sich übrigens selbst aus ein paar hölzernen Latten angefertigt hat. Und trotzdem sind seine Angaben über die einzelnen Sternbeobachtungen bis auf eine Differenz von höchstens 10 Minuten durchaus zutreffend.

Das Ptolemäische Weltsystem hatte ihn durch die Ungleichmäßigkeit des doch „von dem besten und gesetzmäßigsten aller Baumeister“ geschaffenen Weltalls in arge Unruhe versetzt. Solche Zweifel hatten freilich schon vor ihm andere Gelehrte geäußert, wie oben gezeigt. C. allein aber kam zu einem klaren Nein und brachte auch den Mut und die Entschlußkraft auf, an die Stelle des alten astronomischen Glaubens eine neue wissenschaftliche Wahrheit zu setzen. Sein Ziel geht dahin, das wahre Bild von der allgemeinen Anordnung des Weltalls zu schaffen; so sagt er es selbst in der meisterhaften Vorrede seines Hauptwerks, die er in die Form einer Widmung an den Papst Paul III. (1534–49) gekleidet hat. Hier hat er auch darauf hingewiesen, daß sich gelegentlich im Schrifttum des klassischen Altertums heliozentrische Anschauungen finden. Ob das aber wirklich den äußeren Anstoß zum Aufbau eines neuen Weltbildes bei C. gegeben hat, kann dahingestellt bleiben. Jedenfalls hat er als erster den heliozentrischen Gedanken nicht nur seinen Überlegungen, sondern auch seinen Berechnungen und Beobachtungen zugrundegelegt und ist durch diese selbständige Arbeit der Schöpfer unseres heutigen heliozentrischen Weltbildes geworden.

C. hat sein System nicht aus einem Guß geschaffen, sondern mehreremal umgestaltet. Sein erster Entwurf ist in dem sogenannten Commentariolus (entstanden um 1510, jedoch sicher vor 1515) schriftlich niedergelegt, einer kurzen Abhandlung „über die Grundsätze, die von ihm zur Erklärung der Bewegungen der Himmelskörper angenommen worden sind“. Danach wird die Sonne als das Zentrum des Weltalls von den Planeten mit Einschluß der Erde umkreist, jedoch so, daß für jeden Planeten noch zwei Aufkreise oder Epizykeln angesetzt werden. Jeder Planet bewegt sich daher auf der Peripherie eines Epizykels, dessen Mittelpunkt auf der Peripherie des zweiten Epizykels umläuft. Der Mittelpunkt dieses zweiten Aufkreises beschreibt wiederum bei seiner Bewegung die Peripherie des dritten größten Kreises, des sogenannten „Deferenten“, dessen unbeweglicher Mittelpunkt im Zentrum der Sonne liegt. Das Ganze ist noch reichlich kompliziert, auf geometrisch-kinematischen Erwägungen beruhend, eine konzentrisch-zweiepizyklische Konstruktion, die indessen gegenüber dem Ptolemäischen System schon eine wesentliche Vereinfachung, eine starke Verminderung der Kreisbahnen (von 77 auf nur 34) bedeutet. Diese erste Skizze eines umfangreicheren Werkes hat C. nur in wenigen handschriftlichen Stücken seinen Freunden zugänglich gemacht, erst 1873 ist ein solches Exemplar in der Wiener Nationalbibliothek und 1881 ein zweites in Stockholm aufgefunden worden.

Doch muß schon diese Schrift die Aufmerksamkeit der Fachgelehrten auf C. gelenkt haben. Als nämlich auf dem Laterankonzil 1515 die Verbesserung des bisherigen Julianischen Kalenders, der nach allgemeiner Ansicht mit der Wirklichkeit längst nicht mehr übereinstimmte, in Angriff genommen werden sollte, wandte sich der aus den Niederlanden stammende Bischof Paul von Middelburg, selbst ein gelehrter Mathematiker, auch an C. mit der Bitte, ihm einen Verbesserungsvorschlag und vor allem seine Arbeiten über die Jahreslänge einzusenden. Doch lehnte C. das ab, da er noch keine sicheren Angaben darüber machen könne. (Bei der Kalenderreform, die bekanntlich durch Papst Gregor XIII. 1582 durchgeführt wurde, legte man die „Preußischen Tafeln“ des Wittenberger Mathematikers Erasmus Reinhold von 1549 zugrunde, der seinerseits auf den Copernicanischen Berechnungen der Jahreslänge fußte.)

Nach dem Erscheinen des Commentariolus hat C. seine eifrige Beobachtungstätigkeit unentwegt fortgesetzt. Dabei kam er 1515 zu einer unerwarteten Entdeckung, daß nämlich die Planetenbahn der Erde eine veränderliche Exzentrik besitze. Das führte zu einer gründlichen Revision seines bisherigen Himmelssystems, die sich in vielen wichtigen Einzelheiten auswirkte. Etwa 1523 wurde er sich nach weiteren Beobachtungen und deren Vergleich mit den im Almagest des Ptolemäus gegebenen Daten darüber klar, daß die Apsiden sämtlicher Planetenbahnen sich, wenn auch sehr langsam, veränderten. Das veranlaßte ihn, seine bisherige Auffassung ganz fallen zu lassen und an deren Stelle eine exzentrisch-einepizyklische Konstruktion zu setzen, an der er fortan festgehalten hat. Nicht mehr die Sonne steht nunmehr im geometrischen Mittelpunkt der Umdrehungen der Planeten, sondern C. setzt nun als deren Mittelpunkt eine außerhalb der Sonne gedachte Stelle im Weltenraum an. Jetzt vermag er auch mit je einem Epizykel bei den Planeten auszukommen. Nur der Mond, der indessen nicht mehr zu den Wandelsternen gezählt, sondern als Begleiter der Erde gesehen wird, hat zwei derartige Aufkreise. Unsere Erde im besonderen hat die Gestalt einer Kugel, sie bewegt sich einmal im Ablauf eines Jahres um die Sonne, sie dreht sich ferner im Verlauf eines Tages um ihre eigene Achse, und sie ändert schließlich ihre Lage in gewissen Zeiträumen, die die Verschiebung des Frühlingspunktes vom Himmelsäquator begleiten. Wenn damit auch die neue Konzeption seines Weltbildes im Prinzip feststand, so empfand er doch zeit seines Lebens eine schöpferische Unruhe und Unzufriedenheit, die ihn ständig zum weiteren Nachdenken und zu neuen Beobachtungen und Verbesserungen seines Systems in immer weiteren Einzelheiten anspornte. Das uns erhalten gebliebene eigenhändige Original des Hauptwerks zeigt das mit aller Deutlichkeit, bis ins Jahr 1542 hinein reichen da seine handschriftlichen Textänderungen.

Das war auch der Hauptgrund, warum er immer wieder mit der Veröffentlichung seines Werkes zögerte. Doch wissen wir von einem Versuch, seinen Fachgenossen durch einen astronomischen Almanach Kunde von seinem neuen Weltbild zukommen zu lassen. Als ihn nämlich 1535 ein Jugendfreund aus der Krakauer Studentenzeit, der dortige Domkantor Bernhard Wapowski, besuchte, übergab C. ihm sogenannte astronomische Tafeln für das Jahr 1536 mit der Bitte, sie der Öffentlichkeit durch den Druck bekannt zu machen; die Gelehrten sollten sich von den Vorzügen des neuen Jahrbuchs, vor allem von der Genauigkeit seiner Berechnungen überzeugen können. Der unerwartete Tod Wapowskis hat diesen Plan leider nicht Wirklichkeit werden lassen.

Gleichwohl aber war die damalige Gelehrtenwelt nicht ohne gewisse Nachrichten über die neuen Theorien des Frauenburger Astronomen. Schon 1533 hat in Rom der deutsche Orientalist Johann Albrecht Widmannstadt dem Papst Clemens VII. über C. Lehre von der Bewegung der Erde Vortrag gehalten, und 1536 wandte sich der deutsche Kardinal Nikolaus von Schönberg in einem sehr höflichen Brief unmittelbar an C. mit der Bitte um Veröffentlichung seines Werkes oder wenigstens um die Übersendung einer Abschrift. Im Sommer 1541 erkundigte sich der gelehrte Gemma Frisius in Löwen über des C. Arbeiten bei Bischof Dantiscus. Es ist auch kein Zweifel, daß Papst Paul III. die ihm von C. im Juni 1542 angetragene Widmung des Hauptwerkes angenommen hat. Im Gegensatz dazu haben die Wittenberger Reformatoren sowohl Luther wie auch Melanchthon, schon 1541 die Ideen des C. mit den heftigsten Worten abgelehnt. Erst im Zusammenhang mit den durch Galileo Galilei hervorgerufenen Streitigkeiten hat die römische Kirche das Hauptwerk des C. 1616 bedingungsweise auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, von wo es erst 1835 verschwand.

C. war von der Wahrheit eines neuen Weltbildes innerlich zutiefst überzeugt; daher wandte er sich mit aller Schärfe gegen den Versuch, seine Lehre lediglich als Hypothese hinzustellen, wie Osiander, der die Drucklegung des Hauptwerkes in Nürnberg betreute, es dann doch in einer anonymen, von ihm (nicht von C.) verfaßten Vorrede getan hat. Aber C. mußte sich bei den mangelhaften Hilfsmitteln seiner Zeit mit einem allerdings meisterlichen Wahrscheinlichmachen seiner Anschauung vom Weltall begnügen.

Erst seine Nachfolger haben die schlüssigen, unwiderlegbaren Beweise nebst manchen Verbesserungen des Copernicanischen Systems erbringen können. So hat der Schwabe Johannes Kepler, dem die sehr genauen Himmelsbeobachtungen des dänischen Astronomen Tycho Brahe zur Verfügung standen, den Nachweis geführt, daß nicht der Kreis, in dem noch C. analog der Vorstellung des Altertums die einzig adaequate Bewegungsart der Himmelskörper gesehen hatte, sondern die Ellipse als die wahre Form der Planetenbahnen zu gelten hat, deren Gesetzmäßigkeiten er durch seine berühmten drei Gesetze festzulegen vermochte. Etwa gleichzeitig entdeckte der Italiener Galileo Galilei mit Hilfe des eben erfundenen Fernrohrs die vier Jupitermonde (ein Beispiel für einen mondbegleitenden Wandelstern) und die Lichtphasen der Venus, die die Drehung dieses Planeten um die Sonne bewiesen. 1683 fand der Engländer Newton das Gesetz der sogenannten Gravitation, das ist die allgemeine Massenanziehung, eine für alle Massen im Weltraum geltende Eigenschaft, auf die sich seither die gesamte Himmelsmechanik aufbaut. Den endgültigen Beweis aber für das Hauptstück der Lehre des C., den Umlauf der Erde um die Sonne, erbrachte erst 1839 der Königsberger Astronom Friedrich Wilhelm Bessel durch die erste Bestimmung einer Fixsternentfernung, durch die Messung einer Verschiebung dieser Fixsterne im Blickpunkt des die Sonne umlaufenden Erdbewohners.

Im Übereifer hat man früher dem C. mancherlei Dinge zugeschrieben, die nachweislich nicht von ihm stammen. Das gilt zum Beispiel von einigen als technische Leistungen bemerkenswerten Bauwerken wie dem Baudekanal und der zur Domburg führenden Wasserleitung in Frauenburg oder von der Sonnenuhr am Dom zu Leslau. Das gilt auch von gewissen literarischen Erzeugnissen, zum Beispiel der Gedichtsammlung der Septem Sidera, als deren Verfasser sich ein Jesuit aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts herausgestellt hat. Selbst Gelehrte sowohl auf deutscher wie auf polnischer Seite haben ihm gelegentlich Schriftstücke zugewiesen, die nicht aus seiner Feder stammen, wie ein sorgfältiger Schriftvergleich erwiesen hat; zum Beispiel ein Brief des ermländischen Domkapitels an den Polenkönig vom 22.7.1516 und eine dem Graudenzer Landtag im Juli 1521 eingereichte Beschwerdeschrift des Kapitels gegen den Deutschen Orden.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

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