# Erforschung der Welt

#### Inhaltsverzeichnis

1. Sebastian Münster. Cosmographia. Das Wissen der Welt.
2. Kartografie. Auf exaktem Kurs

##### 1. Sebastian Münster. Cosmographia. Das Wissen der Welt.

**Sebastian Münster liebt das Abenteuer – solange er sich nicht selbst in Gefahr begeben muss. Stattdessen erschafft er aus Berichten von Entdeckern eine allumfassende Weltbeschreibung, die 1544 gedruckt und sogleich zum Bestseller wird: ein Kompendium des Wissens, das beredt Kunde ablegt von der Neugier, aber auch von den Ängsten der Menschen am Beginn der Neuzeit**

<div class="no-tts no-tts wp-block-blockgallery-stacked alignfull" id="bkmrk-diese-weltkarte-und-">- <figure class="no-tts no-tts blockgallery--figure has-margin-bottom-5 has-margin-bottom-mobile-5" style="text-align: justify;">[![6154169f-adbf-4746-9334-11ff3dbed7f6.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/6154169f-adbf-4746-9334-11ff3dbed7f6.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/6154169f-adbf-4746-9334-11ff3dbed7f6.jpg)
    
      
    <figcaption class="no-tts no-tts blockgallery--caption">Diese Weltkarte und alle weiteren Holzschnitte entstammen verschiedenen Cosmographia-Ausgaben</figcaption>  
    <figcaption class="no-tts no-tts blockgallery--caption">[![87ef746f-4121-456f-b12b-4ab637c622c2.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/JnD87ef746f-4121-456f-b12b-4ab637c622c2.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/JnD87ef746f-4121-456f-b12b-4ab637c622c2.jpg)
    
    Menschenfressende Hummer, MEERESUNGEHEUER, die Schiffe versenken. Und mittendrin mutige Entdecker, so stellt sich Sebastian Münster die Seefahrt vor  
      
    </figcaption>  
    <figcaption class="no-tts no-tts blockgallery--caption">[![2c92b4fc-5406-49ff-92ad-ac0fd0f46e5e.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/2c92b4fc-5406-49ff-92ad-ac0fd0f46e5e.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/2c92b4fc-5406-49ff-92ad-ac0fd0f46e5e.jpg)
    
      
    Diese Karte aus einer späteren Ausgabe zeigt die Umrisse der NEUEN WELT bereits erstaunlich korrekt. Den Namen Amerika lehnt Münster jedoch zeit seines Lebens ab</figcaption></figure>

</div>Wie sonderbar sind doch die Menschen, die diese Erde bevölkern! Die Trogodyten zum Beispiel „kriechen in Höhlen und nähren sich von Schlangen“; kein Wunder, dass sie nicht sprechen: Sie zischen eher. In Indien gibt es Wesen ohne Mund, die von Gerüchen leben, und Zyklopen, die ihr einziges Auge auf der Stirn tragen. Andere haben nur einen Fuß, doch der fällt dafür umso größer aus: „Wenn sie die Sonne mit großer Hitze quält, legen sie sich auf den Rücken und beschatten sich selbst mit ihrem Fuß.“ Den armen „Blemyern“ in Afrika hingegen „fehlen die Köpfe“, doch das macht nichts: „Ihr Gesicht ist auf der Brust.“ Furchterregendes gibt es aus der Tierwelt zu erzählen. Etwa vom Einhorn, das in Mekka gehalten wird. Oder von Drachen, die in Höhlen hausen: „Manche saugen Blut!“ Selbst in den Ozeanen leben Ungeheuer; Wale, die so groß werden, dass manch ein Kapitän sie für Inseln hält und vor ihnen Anker wirft – mit fatalen Folgen für Schiff und Mannschaft.

All das ist bis in geringste Details erfunden. Doch den Autor trifft keine Schuld. Denn Sebastian Münster, Professor in Basel, muss sich für seine Beschreibungen auf zweifelhafte Quellen stützen. Er selbst gelangt nie aus Europa hinaus – er verirrt sich ja schon auf einer Exkursion in den Schwarzwald. Ohnehin hat der Geograph kaum Zeit, seine Studierstube zu verlassen. Ein halbes Menschenleben lang sammelt er dort Reiseberichte von Seeleuten und Abenteurern, Konquistadoren und Kartographen, studiert dazu Bibeltexte, griechische und lateinische Klassiker, um das Unmögliche zu versuchen: alles Wissen der Erde in einem Hausbuch zu versammeln.

[![1161581a-c887-4942-9e52-742311d1c060.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/1161581a-c887-4942-9e52-742311d1c060.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/1161581a-c887-4942-9e52-742311d1c060.jpg)

Der Kontinent EUROPA erscheint in der Cosmographia als Königin. Krone und Haupt bilden die Weltmacht Spanien, der Arm mit dem Reichsapfel Italien mit Sizilien

Im Herbst 1544 wagt Sebastian Münster den großen Wurf. In Basel erscheint die „Cosmographia“, sein Lebenswerk – eine 660 Seiten starke „Beschreibung aller Länder, Völker, Herrschaften, Sitten und Bräuche“, kurz: „der ganzen Welt“. Der Foliant wird sofort zum Bestseller; im 16. Jahrhundert ist die Cosmographia das nach der Bibel meistgelesene Buch Deutschlands. Immer neue, immer aufwendiger produzierte Ausgaben erscheinen, die trotz des hohen Preises stets schnell ausverkauft sind. Münster schreibt für den „gemeinen Mann“ und daher auf Deutsch, und nicht, wie in wissenschaftlichen Kreisen damals üblich, auf Lateinisch. Er schreibt volksnah und verständlich, spannend und unterhaltsam: für ein Publikum, das eben erst lernt, sich die Welt aus Büchern zu erschließen.

Wie kein anderes Werk dokumentiert die Cosmographia daher die Weltsicht der beginnenden Neuzeit. Die Menschen durchleben unruhige Zeiten – eine Epoche geprägt von Krieg und Hungersnot, Pest und Tod. Jahrhundertealte Gewissheiten, auf denen Glaube und Weltverständnis ruhen, zerfallen unter dem Druck der Reformation und jener Nachrichten, die aus anderen Kontinenten in Europa eintreffen. Die Renaissance, die sich für die Nachfahren in lichten Gemälden italienischer Meister manifestiert, erfahren die Menschen damals als Zeitenbruch, der apokalyptische Fantasien provoziert.

Vor allem aber leben sie in einer sich täglich vergrößernden Welt, denn Sebastian Münster wird in das Zeitalter der Entdeckungen hineingeboren. Er ist vier Jahre alt, als Christoph Kolumbus die Inseln vor Amerika erreicht, und elf, als der Florentiner Amerigo Vespucci an der südamerikanischen Küste entlangsegelt. Jedes Schiff, das in Europas Häfen einläuft, bringt Neuigkeiten; Seeleute erzählen von Unerhörtem und nie Gesehenem. Und sie überbieten sich in ihren Schilderungen: Selbst Kolumbus schmückt seine Bordbücher mit erdichteten Wundern aus, schreibt von Sirenen und von Menschenfressern mit Hundegesichtern.

Dabei scheint die Welt umso aufregender und gefährlicher zu sein, je weiter man sich von Mitteleuropa entfernt. Auf den fernen Andamanen zum Beispiel „lebt ein Volk mit wunderlicher Natur: Der Vater isst seinen Sohn und der Sohn den Vater, die Frau ihren Mann und der Mann seine Frau“. Auch die Kariben in Guyana, so klärt die Cosmographia auf, füttern ihre Kinder mit Menschenfleisch, „um sie fetter und zarter zu machen“.

> Die ERSTAUSGABE der WELTBESCHREIBUNG hat 660 Seiten

Wer sich das nicht recht vorstellen kann oder mag, dem führen liebevoll ausgearbeitete Holzschnitte das Grauen vor Augen: Ein Kannibale im Sonntags-Gehrock dreht lächelnd sein kopfloses Opfer auf dem Bratspieß über dem Feuer; ein Paar in Asien hackt auf dem Tranchierbrett fröhlich einen Leib in Stücke. Von einem Baum in Sachsen baumeln „Ungläubige“, und die Burgunder spießen ihre Feinde in blutigen Schlachten auf Lanzen.

[![79d958b9-9e1c-480b-9702-73ddec6c208e.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/79d958b9-9e1c-480b-9702-73ddec6c208e.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/79d958b9-9e1c-480b-9702-73ddec6c208e.jpg)

[![3cb04622-e7d4-4cdd-beb4-5242bb7b9819.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/3cb04622-e7d4-4cdd-beb4-5242bb7b9819.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/3cb04622-e7d4-4cdd-beb4-5242bb7b9819.jpg)

Friedlicher geht es bei den Augilern zu: Dort ist es Sitte, dass die Frauen „in der Brautnacht all denen zum Beischlaf zur Verfügung stehen, die mit einem Geschenk ankommen“. Und natürlich darf in den Berichten auch der Traum aller weit gereisten Entdecker nicht fehlen: „Die Vornehmen haben viele Weiber, und wenn ein Fremder bei ihnen einkehrt, muss die Schönste seine Bettgesellin sein.“ Münsters Wissen über die Fremde speist sich aus den Reiseerzählungen mehr oder weniger glaubwürdiger Autoren. Zum Beispiel aus den Berichten des Marco Polo, der auf dem Landweg nach China reiste und dort angeblich am Hofe des Kublai Khan empfangen wurde. Bereits unmittelbar nach ihrem Erscheinen sind die Schilderungen angezweifelt worden, doch Sebastian Münster bleibt nichts anderes übrig, als auf die mehr als 200 Jahre alten Erzählungen zurückzugreifen: Es hat seither kaum Informationen aus dem Fernen Osten gegeben.

Zu seinen Quellen zählt wohl auch der Bericht über „Die Reisen des Ritters Jean de Mandeville durch das gelobte Land, Indien und China“, der 1356 in Lüttich erschienen ist. Der Ritter beschreibt Geschöpfe mit Hundeköpfen, die Ochsen anbeten, und berichtet von einer Insel, „auf der schlimme und schmutzige Menschen leben, die bösartig sind. Sie besitzen keinen Kopf, sondern ihre Augen stehen in der Achselhöhle“. Keines dieser Wesen ist zu wunderlich, als dass es nicht in der Cosmographia abgebildet werden könnte – doch auch Sebastian Münster will nicht einfach alles glauben. Die Grenze zieht er bei den Erzählungen Mandevilles aus Amazonien, dem Land, in dem keine Männer wohnen, weil die Frauen sie nicht hineinlassen. „Solche Dinge finden bei mir keinen rechten Glauben“, erbost sich der Autor. „Ich kann es nicht in meinem Herzen fassen, dass ein ganzer Heerzug oder ein Staat von eitlen Weibern aufgerichtet wurde.“

Auf der anderen Seite stutzt der Autor der Cosmographia ausgerechnet das erhabenste Weltwunder auf Gottes Erdboden auf Mittelmaß zurück: Zu unglaublich erscheinen ihm wohl die Berichte über Größe und Schönheit der ägyptischen Pyramiden. Im Holzschnitt der Cosmographia ragen die Königsgräber kaum höher in den Himmel als die Kirchtürme einer deutschen Kleinstadt.

[![Bookstack2.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/bookstack2.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/bookstack2.jpg)

[![Bookstack10.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/bookstack10.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/bookstack10.jpg)

Nichts von alledem hat Münster mit eigenen Augen gesehen; keine Amazonen, keine Pyramiden, nicht einmal Frankreich oder Italien. Für einen Geographen bleibt sein Gesichtskreis eng begrenzt: Er kennt sich nur am Oberrhein aus, am Main, in Schwaben, in der Schweiz. Seine Aufzeichnungen über eine Expedition in den Schwarzwald lesen sich freilich, als hätte er den Dschungel am Amzonas durchquert. „Oft geriet ich in Sümpfe, dann unter verschlungene Bäume, die auf dem Boden lagen, und sobald ich mich aus diesen herausgefunden hatte, geriet ich zwischen viele Felsen, die das Pferd nicht übersteigen konnte“, schreibt er atemlos, „du lieber Himmel!“ Am Ende findet der Gelehrte nur mit Hilfe eines Schweinehirten, „über den ich mich nicht weniger freute als über eine Engelserscheinung“, zurück.

Münster ist wahrlich kein Abenteurer. Als die Cosmographia erscheint, ist er 56 Jahre alt. Ein Porträt aus dieser Zeit zeigt einen schmallippigen, älteren Herrn mit Bartstoppeln, Pelzkragen und dem ausladenden Barett der Humanisten. Wer aber war dieser Mann? Als Sohn eines Weinbauern wird Sebastian Münster am 20. Januar 1488 in Nieder-Ingelheim am Rhein geboren. Die Eltern legen Wert auf Bildung; während seine Altersgenossen auf dem Feld helfen, lernt der Sohn beim Pfarrer Latein, die Sprache der Kirche und der gebildeten Stände. Das öffnet ihm den Zugang zur weiten Welt der Bücher. Zur klassischen Lektüre zählt auch die „Chorographia“ des Pomponius Mela aus dem 1. Jahrhundert n. Chr.: eine Beschreibung der damals bekannten Welt.

[![Bookstack11.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/bookstack11.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/bookstack11.jpg)

[![Bookstack4.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/bookstack4.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/bookstack4.jpg)

> EUROPA verlässt der AUTOR der Cosmographia nie

Sie zeichnet ein furchterregendes Bild der barbarischen Germanen. „Nackt bleiben sie, bis sie mannbar sind; die Männer bekleiden sich nur mit kurzen Umhängen oder Baumrinde, mag der Winter noch so hart sein“, schreibt Mela mit Abscheu. Sebastian Münster wird wohl ein neugieriges Kind gewesen sein. Mit 13 Jahren sieht er in Mainz siamesische Zwillinge, sechsjährige Mädchen. Der Anblick beeindruckt ihn so sehr, dass er sich ein halbes Jahrhundert später in der Cosmographia daran erinnert: Es waren „zwei Kinder, deren Köpfe an der Stirn zusammengewachsen waren, und wenn eines ging, musste das andere hinterhergehen, lag eines auf der rechten Seite, so musste das andere auf der linken Seite liegen“.

1505, als 17-Jähriger, tritt er dem Franziskanerorden bei. Mehr als 20 Jahre lang wird er dessen Kutte tragen. Die Franziskaner verlangen zwar fromme Disziplin, doch dafür muss sich Münster nicht um Unterkunft und Lebensunterhalt sorgen – er hat den Kopf frei, sich seiner Leidenschaft zu widmen: der Welt der Wissenschaften.

[![Bookstack12.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/bookstack12.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/bookstack12.jpg)

Männer arbeiten in einer Schmelzhütte. BLASEBALG, SCHMIEDEFEUER, WASSERRAD, es gibt nichts, das den Wissenssammler nicht interessiert

Zunächst studiert er in Heidelberg Grammatik, Rhetorik und Dialektik, Arithmetik und Geometrie, Musik und Astronomie, ehe er sich der Theologie zuwendet. In Rouffach im Elsass lässt er sich in Geographie und Hebräisch unterrichten. Münster erweist sich als Sprachtalent: In einem Studienbuch erklärt er kurze Zeit später 5000 hebräische Wörter in bestem Latein. In nur sechs Monaten hat er die Sprache erlernt. Mit 24 Jahren wird Münster zum Priester geweiht; doch bringt er nur wenig Begeisterung für die Kunst der Predigt auf. Er studiert lieber weiter, lässt sich in Tübingen in Kosmographie unterrichten, in der Lehre von der Beschreibung der Welt. Er macht sich mit der Kartographie vertraut, fertigt Kalendarien und Sonnenuhren.

Zugleich widmet er sich weiter intensiv dem Sprachstudium. Hebraistik und Geographie sind für Münster die Schlüssel, die ihm Zugang verschaffen zum Wissen über die Entstehung und Ausdehnung der Welt. Die ihm das Alte Testament erschließen, ihm helfen, sich ein Bild von der Erde zu machen. Die Hebraistik wird Münsters Broterwerb, Geographie aber ist seine Passion. 1523 erscheint sein erstes hebräischlateinisches Wörterbuch, danach eine Grammatik, in deren Anhang sich, zu Übungszwecken, das Buch des Propheten Jona in vier Sprachen findet: Lateinisch, Griechisch, Hebräisch und Aramäisch – die Sprache, die Jesus Christus gesprochen hat. Ein Wörterbuch und eine Grammatik in Aramäisch folgen. 1524, er ist inzwischen 36, wird Sebastian Münster Professor für Hebräisch an der Heidelberger Universität.

Doch offenbar füllt ihn seine Lehrtätigkeit nicht aus. Noch im selben Jahr beginnt er mit den Arbeiten an jenem Projekt, das sich in den folgenden 20 Jahren zu einem der aufwendigsten – und finanziell erfolgreichsten – wissenschaftlichen Werke seiner Zeit auswachsen und Münster für den Rest seines Lebens beschäftigen wird. In ihren Anfängen ist die Cosmographia freilich nicht mehr als ein Heimatbrevier. Ein Freund schlägt ihm vor, ein landeskundliches Kompendium über den Oberrhein von Basel bis Mainz zu verfassen – im Wesentlichen eine Landkarte mit freundlichen Anmerkungen zur Schönheit des deutschen Stroms. Münster sammelt Karten, Informationen, liest Chroniken, Abhandlungen, textet – und scheitert: Die Rheinkarte wird nie fertig. Die Idee des landeskundlichen Kompendiums aber geht ihm nicht mehr aus dem Kopf: Wieso sich allein auf den Rhein beschränken? Wieso nicht eine Karte Deutschlands? Warum nicht gleich eine der ganzen Welt? Er schreibt an Gelehrte und Kollegen mit der Bitte, ihm Material zu liefern. Er versucht, Historie und Legende voneinander zu scheiden. Er macht sich ein Bild der Welt. Und diese Welt ist in Aufruhr.

Denn tiefe Unruhe hat das christliche Abendland erfasst, der Glaube ist erschüttert, der moralische Verfall der Kirche offenkundig. Der Papst forciert den Ablasshandel, um den Neubau des Petersdoms zu finanzieren. Es gärt unter den Gläubigen, im Oktober 1517 hat Martin Luther seine 95 Thesen verfasst, seine Kriegserklärung an die falsche, feiste Heiligkeit der Amtskirche. Schon bald übersetzt auch Sebastian Münster einen Text Luthers ins Deutsche, „der zehen gebot eine nützliche erklerung“. Kaiser Karl V. setzt Luther in Acht und Bann. Der Mönch taucht unter, lebt und arbeitet als „Junker Jörg“ unerkannt auf der Wartburg. Die Reformation erfasst Deutschland, die Schweiz, die Niederlande. Aufstände und Unruhen erschüttern die Mitte Europas, die Reichsritter rebellieren, das Landvolk wehrt sich gegen Frondienste. Der Bauernkrieg verwüstet das Land. „Ich kam dreimal in Lebensgefahr“, schreibt Sebastian Münster später in der Cosmographia, „als ich auf der Reise von Heidelberg nach Basel die Rotten der rasenden Menschen passieren musste.“ Die Schlacht von Zabern, in der „etliche Tausend aufrührerischer Bauern erschlagen“ wurden, wird in dem Buch später als Holzschnitt wiedergegeben.

[![Bookstack7.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/bookstack7.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/bookstack7.jpg)

[![Bookstack3.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/bookstack3.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/bookstack3.jpg)

Von theologischen Debatten hält Münster sich fern, auch wenn es Anzeichen gibt, dass er den Reformatoren nahesteht. In seiner Cosmographia tadelt er die Standesgesellschaft: Der Adel „esse gar lustbarlich“ und „kleyde sich köstlich“, ziere sich mit Gold, Silber und Seide, habe Gesinde im Überfluss, geniere sich, zu Fuß zu gehen, scheue sich aber nicht zu rauben, wenn er Not leidet. Dagegen führten die Bauern „ein gar schlechtes und niederträchtiges Leben. Ihre Häuser sind schlechte Häuser, erbaut aus Kot und Holz, einfach auf die Erde gesetzt und mit Stroh bedeckt, ihre Speise ist schwarzes Roggenbrot, Haferbrei oder gekochte Erbsen und Linsen. Wasser und Milch sind ihr einziger Trank. Eine Zwillichjacke, zwei Bundschuh und ein Filzhut ist ihre Kleidung.“ Alles in allem sieht Sebastian Münster die Bewohner Deutschlands aber auf einem guten Weg.

„Germania ist gewesen ein raues, unbebautes, fruchtloses Land mit grobem Volk bewohnt, welches sich einfältig von Vieh nährte und weder Gold, Kunst noch Silber brauchte“, schreibt er unverblümt: „Nun aber ist es eingerichtet mit festen Städten, Schlössern und einem starken streitbaren Volk, das in allerlei Sprachen und Künsten so sinnreich und vortrefflich geworden ist, dass es weder den Franzosen, Welschen oder Hispaniern weichen muss.“ In der Cosmographia zeigt Münsters „Beschreibung Teutscher Nation“ eine merkwürdige Karte: Deutschland steht Kopf, der Süden ist oben, die Küstenlinie ungenau, und die Mittelgebirge fallen flach. Nur hinter Basel gibt es einige Berge. Donau, Oder und Elbe sind eingezeichnet, Rhein, Main und Mosel bleiben ohne Namen. Wälder erscheinen nur rund um Böhmen. Köln ist am großen Baukran zu erkennen, der ewigen Dombaustelle. Solche Fehler, Auslassungen, Ungenauigkeiten unterlaufen Münster schon bei der Beschreibung der Heimat – wie viel schwerer muss es ihm da fallen, ein Bild der übrigen Welt zu zeichnen.

[![Bookstack1.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/bookstack1.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/bookstack1.jpg)

> Je ferner der KONTINENT, desto monströser seine BEWOHNER

Wie sieht diese Welt aus? Der Gelehrte steht vor einem Konflikt: Sein Wissen ist fest in den Lehren des ausgehenden Mittelalters verankert, doch die Erkenntnisse der anbrechenden Neuzeit lassen sich nicht mehr länger ignorieren. Noch ragen die Dogmen der klassischen Antike unverrückbar in Münsters Zeit – jenes Bild der Welt, welches Claudius Ptolemäus 1400 Jahre zuvor entworfen hat und das die Kirche als das allein gültige betrachtet: mit der Erde als Mittelpunkt des Universums.

Der weise Ptolemäus hatte allerdings auch behauptet, „dass zwischen den Wendekreisen alles Leben von der senkrecht stehenden Sonne versengt“ werde. Selbst die kühnsten Portugiesen haben sich daher lange Zeit nicht weiter als bis zum Kap Bojador an der Westküste Afrikas gewagt, etwa auf der Höhe des 26. Breitengrades gelegen. Dahinter kocht das Meer, glaubte man, brennt die Sonne alle Menschen schwarz, und magnetische Berge ziehen die Nägel aus den Schiffen. All diese Warnungen sind jedoch längst Makulatur, als Münster sein Weltbild formt. Vasco da Gama hat 1498 die Südspitze Afrikas umrundet und den Seeweg nach Indien entdeckt.

Der portugiesische König Emanuel I. ist durch die Eroberungen seiner Seeleute zum Herrscher eines Weltreiches geworden, nennt sich König von Portugal und der Algarve diesseits und jenseits des Meeres, Herr von Guinea, Äthiopien, Arabien, Persien und Indien. Seine Karavellen sind im Westen bis nach Brasilien gelangt.

[![Bookstack13.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/bookstack13.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/bookstack13.jpg)

Vertreter der drei Schweizer Urkantone beim Beistandseid. Der RÜTLISCHWUR, traditionell angesiedelt um das Jahr 1300, ist für Münster in Basel Lokalgeschichte

Vor dem südamerikanischen Kontinent segeln auch die Schiffe der spanischen Krone. Karl V. aus dem Hause Habsburg, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, Herrscher Österreichs und der Niederlande, Herzog von Burgund und als Karl I. auch König von Spanien, hat ein Imperium geerbt, in dem die Sonne nicht untergeht. Neuland, so weit das Auge reicht!

Ein Name für den neuen Erdteil findet sich auch. Amerigo Vespucci, der für die spanische Krone den Verlauf der Küste erforscht und die Mündung des Amazonas entdeckt hat, kommt zu Ehren. Obwohl er ziemlich übertrieben hat und wohl nur zwei seiner vier Reisen wirklich stattgefunden haben, nennt der deutsche Kartograph Martin Waldseemüller den von Kolumbus entdeckten Kontinent „America“. Sebastian Münster lehnt den Namen bis zuletzt ab: Seiner Ansicht nach hätte der Erdteil nach Kolumbus benannt werden müssen. Am 6. September 1522 legt ein Dreimaster im spanischen Hafen Sanlucár de Barrameda an; 18 halb verhungerte Seeleute wanken von Bord. Ihre Geschichte verändert die Vorstellungen von der Gestalt der Erde stärker als alle Entdeckungsreisen zuvor. Sie sind die letzten Überlebenden einer Expedition, die drei Jahre zuvor in Sanlucár begonnen hat.

Damals ist der Entdecker Ferdinand Magellan mit fünf Schiffen aufgebrochen, um die Molukken auf dem Westwege zu erreichen. Seine Flotte umschifft in einer Höllenfahrt die Südspitze des amerikanischen Kontinents, zwei Schiffe erreichen tatsächlich die Gewürzinseln. Magellan stirbt auf den Philippinen im Kampf mit Einheimischen. Die „Victoria“, das letzte noch funktionsfähige Schiff seiner Flotte, segelt weiter durch die Weiten des Indischen Ozeans, umschifft Afrika und landet schließlich wieder in Spanien. Zum ersten Mal ist die Welt umrundet worden. Die unermessliche Weite der Ozeane wird offenbar. Und der Erdumfang erweist sich als viel größer, als bis dahin vermutet. Auch andere alte Wahrheiten geraten ins Wanken: Könnte es sein, dass sich die Denker der Antike geirrt haben, sogar Ptolemäus? Hat etwa Nikolaus Kopernikus Recht, der 1543 – ein Jahr bevor die Cosmographia erscheint – ein Werk veröffentlicht, in dem er behauptet, dass sich nicht die Sonne um die Erde, sondern die Erde um die Sonne dreht?

Die Sonne als Mittelpunkt des Kosmos? Münster will davon nichts wissen: „Das Erdreich ist gerade gesetzt mitten in den Himmel“, schreibt er unbeirrt. 1532, zehn Jahre nach der Erdumsegelung, zeichnet er eine Weltkarte, die weit von der Realität entfernt bleibt. Der neue Kontinent wird, 40 Jahre nach seiner Entdeckung, nur am Rande angedeutet.

[![Bookstack8.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/bookstack8.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/bookstack8.jpg)

Personen der Antike sind dem Geographen dabei ebenso vertraut: KÖNIGIN KLEOPATRA, die letzte der Pharaonen, kurz vor ihrem Tod durch den Biss einer Giftschlange

Der Erdteil endet im Norden mit der breit hingelagerten Insel Terra de Cuba; Nordamerika existiert nicht. Auch Europa gerät Münster ziemlich breit, Afrika ist formlos, Asien mit Arabien verwachsen. Die Welt ist entdeckt, zum Teil auch schon von Europäern erobert – aber noch keineswegs vermessen. Dessen ungeachtet nimmt eine nach der anderen Karte für die Cosmographia Formen an. 1529 ist Sebastian Münster aus dem Franziskanerorden ausgetreten und von Heidelberg nach Basel umgezogen. Dort unterrichtet er an der Universität angehende Theologen in Hebräisch, acht Stunden in der Woche, für 60 Gulden im Jahr. Das ist zwar sehr viel mehr, als er in Heidelberg bekommen hat, doch nun muss er sich auch selbst versorgen.

Er heiratet Anna Selber, die Witwe des Buchdruckers Adam Petri, bei dem Münster die meisten seiner Werke bisher verlegt hat; 1532 kommt seine Tochter zur Welt, er lässt sie auf den hebräischen Namen Aretia taufen. Die Verbindung mit dem Druckhaus Petri wird entscheidend für den Erfolg der Cosmographia. Heinrich Petri, ein Sohn Annas aus erster Ehe, führt die Druckerei des Vaters weiter. Der Hochschullehrer Münster wird Mitglied der Druckerzunft. Er hält die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Metall-Lettern für eine „große Gnade Gottes“: „Wenn unsere Vorfahren vor 1000 Jahren diese Kunst gekannt hätten, was für gewaltige Historien und Erzählungen wären dann im Gedächtnis der Menschheit geblieben, die so nun leider vergessen worden sind!“

[![Bookstack5.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/bookstack5.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/bookstack5.jpg)

[![Bookstack9.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/bookstack9.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/bookstack9.jpg)

Während eine Klosterbibliothek, bis dahin in weitem Umkreis meist der einzige Lese-Ort, oft über nicht mehr als ein paar Dutzend handgeschriebener Bücher verfügte, wird das gedruckte Buch binnen weniger Jahrzehnte zur Massenware. Alte Texte werden neu aufgelegt; bis zum Ende des Jahrhunderts erscheinen rund 200000 Druckwerke mit einer geschätzten Auflage von 100 Millionen Exemplaren. Sebastian Münster glaubt dem geschriebenen Wort mehr als den Erzählungen der Augenzeugen: „Du magst aus Büchern mehr lernen von diesem oder jenem Land als ein anderer, der in ihnen Jahr und Tage gewesen ist.“

Längst lesen nicht mehr nur Professoren und Mönche. Der „Kolumbusbrief“, Rechenschaftsbericht des Entdeckers für den spanischen König und enthusiastische Schilderung der neu entdeckten Territorien, wird noch im Jahr seines Erscheinens 1493 in vielen Ländern nachgedruckt. Menschen, die noch nie die Mauern ihrer Stadt hinter sich gelassen haben, begeben sich mithilfe der Bücher auf Entdeckungsreisen. Dem Basler Verleger Petri, einem der erfolgreichsten seiner Zeit, bleibt es nicht verborgen: Nicht nur mit frommen Schriften, auch mit Abenteuerberichten lässt sich Geld verdienen.

In den Basler Jahren arbeitet Sebastian Münster ohne Pause; oft bleibt keine Zeit fürs Frühstück oder das Abendessen. Er steht mit Gelehrten, Bürgermeistern, Fürsten in ganz Europa im Kontakt, bittet um möglichst druckfertige Stadtpläne und Beschreibungen – und um Spenden für den Druck. Das Elsässer Städtchen Rouffach, wo Münster Hebräisch studiert hat, steuert sechs Gulden bei und wird dafür mit einem doppelseitigen Holzschnitt belohnt.

[![04d3176f-275a-42a2-91c0-7c6e85900574.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/04d3176f-275a-42a2-91c0-7c6e85900574.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/04d3176f-275a-42a2-91c0-7c6e85900574.jpg)

Der Geograph und Astronom CLAUDIUS PTOLEMÄUS entwirft um 150 n. Chr. ein Weltbild, das jahrhundertelang gültig bleibt. Auch Münster zweifelt es nicht an

Seine nähere Umgebung will Münster aus eigener Anschauung beschreiben; er unternimmt Forschungsreisen nach Schwaben, sammelt Material in Städten wie Kempten, Augsburg, Mindelheim. Im elsässischen Leberthal besucht er ein Bergwerk, steigt „zweiundvierzig Klafter tief“ – knapp 80 Meter – unter die Erde. Sein Fleiß ist legendär. „Er forschte nach den verborgensten Dingen und grub im Innern der Erde“, schreibt ein Schüler, der Astronom Erasmus Oswald Schreckenfuchs, „auch rastete er nicht, bis er zu den äußersten Tiefen des Denkens und Handelns vordrang.“ Nach und nach treffen Briefe mit Nachrichten aus aller Welt ein, mehr als 100 Autoren liefern Münster zu. Manch einer bringt sich dadurch in Schwierigkeiten. Der Theologe Sigismondo Arquer bezahlt seine Mitarbeit an der Cosmographia gar mit dem Leben: In seiner Beschreibung Sardiniens greift er den Klerus wegen dessen Gier und Ignoranz scharf an. Als das Werk ins Italienische übersetzt wird, muss sich Arquer vor der Inquisition verantworten. Er wird auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.

Die erste Ausgabe der Cosmographia erscheint im Herbst 1544, doch ist nicht anzunehmen, dass Sebastian Münster mit ihr zufrieden ist. Noch steckt er mitten in der Arbeit, zu viele Informationen fehlen, Dutzende seiner Anfragen sind unbeantwortet, das Buch muss noch mit wenigen Holzschnitten auskommen. Es werde Zeit, das Werk abzuschließen, bevor ihn der Tod ereile, schreibt Münster. Doch auch wenn diese Gefahr tatsächlich besteht – immer wieder bricht in Basel die Pest aus –, dürften es andere Gründe sein, die ihn zur Eile mahnen: Münster hat erfahren, dass der Zürcher Johannes Stumpf an einem Schweizer Nachschlagewerk, der „Eydgenossenschafft“, arbeitet.

Münster schlägt Stumpf um vier Jahre; das Buch verkauft sich gut. Von der ersten Auflage sind Mitte 1545 nur noch 30 übrig. Heinrich Petri investiert in eine prachtvolle Neuausgabe, die 1550 erscheint, sowohl auf Deutsch als auch erstmals auf Latein, 1200 Seiten stark. Das Werk ist jetzt mit 14 doppelseitigen Karten, etwa 40 mehrseitigen Stadtansichten und über 900 Holzschnitten ausgestattet. Allein für die Abbildungen bringt der Verleger 600 Gulden auf – das Zehnfache dessen, was Professor Münster in einem Jahr verdient. Obwohl das Buch mit zwei Gulden sehr teuer ist, muss es bald neu aufgelegt werden. Der Autor hat weiterhin gut zu tun, jede der folgenden deutschen Neuauflagen enthält weitere Informationen, neue Bilder, Ergänzungen und kaum Korrekturen. Ärger gibt es nur mit den Bewohnern des Engadin, die in der Cosmographia lesen müssen, sie seien „größere Diebe als die Zigeuner“.

Die Passage wird entschärft. Ohnehin hatte Münster fast entschuldigend im Vorwort geschrieben: „Es ist nicht möglich, dass ein Mensch jetzt möge beschauen das ganze Erdreich: denn das Leben ist zu kurz.“ Viel zu kurz ist Sebastian Münsters Leben, als dass er seinen Erfolg auskosten könnte; viel zu kurz auch für all die Erweiterungen, die er sich vorgenommen hat. Im Mai 1552 erleidet er in der Druckerei einen Schwächeanfall. Seiner Frau erzählt er davon nichts, um sie nicht zu beunruhigen. Aber nach ein paar Tagen ist die Krankheit unübersehbar: Es ist die Pest. Sebastian Münster stirbt am 26. Mai 1552. Er wird 64 Jahre alt. Die Cosmographia überdauert Jahrzehnte. Immer wieder lässt der Verleger das Werk ergänzen und erweitern, bis es am Ende fast 1800 Seiten umfasst.

Der Verlag liegt geographisch günstig; Basel ist zu einem europäischen Zentrum der Buchdruckerkunst aufgestiegen, beherbergt mehr als 50 Druckereien und etliche Papiermacher. Von der Stadt am Rheinknie können wichtige Universitätsstädte per Schiff beliefert werden, ein entscheidender Standortvorteil in einer Zeit, als der Transport auf dem Landweg mühsam, teuer und gefährlich ist. Die Mythen verblassen, die Fabeltiere und Menschenfresser verschwinden. Der Blick wird schärfer. Münsters Bestseller ist überholt. 1628 erscheint die letzte Auflage – 84 Jahre nach der ersten; dazwischen hat es Ausgaben in französischer, italienischer, englischer und tschechischer Sprache gegeben. Nach 70000 verkauften Exemplaren wird der grandiose Versuch, das Wesen der Welt zu erklären, von der Fülle neuer Nachrichten überrollt.

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1628 erscheint die letzte Auflage. An Münsters EINHORN in Mekka glaubt bald kaum noch jemand

Heute wird die Cosmographia teurer gehandelt als je zuvor. In Bibliotheken ruht das jeweilige Exemplar im Tresor und wird nur auf Bestellung im Handschriftenlesesaal aufgelegt. Wer den Ledereinband aufklappt und Seite um Seite studiert, die vor Dutzenden Generationen erdacht, geschrieben, gesetzt, gedruckt, gebunden wurden; wer über Münsters Monsterwale staunt und über seine Einfüßer lacht – der erfüllt, fast ein halbes Jahrtausend nach dessen Tod, den größten Wunsch des Geographen. Denn die Cosmographia, hatte Münster nach der Veröffentlichung einem Freund mitgeteilt, sei eigentlich für die Nachwelt geschrieben: „Dass die Menschen in 300 oder 400 Jahren sich ein Bild machen können von der Welt, wie wir sie heute sehen.“

##### 2. Kartografie. Auf exaktem Kurs

Schon zu Lebzeiten wird der in Duisburg wirkende Flame Gerhard Mercator als Genie gefeiert. Dank seiner Weltkarte, die er mithilfe einer neuen Methode erschafft, kommen Seeleute verlässlicher ans Ziel als je zuvor

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<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-aus-furcht-vor-relig"><figcaption>AUS FURCHT VOR RELIGIÖSER VERFOLGUNG zieht der vielseitig interessierte Geograf Gerhard Mercator (1512–1594) mit seiner Familie und seiner Werkstatt aus dem katholischen Flandern in das in konfessioneller Hinsicht liberalere Duisburg – und macht die Stadt zu einem wegweisenden Zentrum der Kartografie in Europa</figcaption></figure>AS NEUE BILD DER WELT entsteht in einem Städtchen am Niederrhein: In Duisburg revolutioniert Gerhard Mercator die Kartografie. Mit seiner Weltkarte, die er 1569 präsentiert, löst der gebürtige Flame ein kniffliges Problem: Er überträgt die dreidimensionale Erdoberfläche so auf eine Karte, dass der konstante Kurs eines Schiffes als gerade Linie abbildbar ist – und leistet damit der Seefahrt einen entscheidenden Dienst.

Mercator selbst ist nie weit gereist. Am 5. März 1512 kommt er als Gerhard Kremer in Rupelmonde nahe Antwerpen zur Welt. Trotz einfacher Herkunft erhält er eine solide Schulbildung, beginnt 1530 ein Theologiestudium in Löwen, wählt den Namen Mercator. Doch als Freigeist hat er es zunehmend schwer in seiner katholischen Heimat: Anhänger Luthers werden hier harsch verfolgt; wer die antiken Autoritäten und die Bibel anzweifelt, kommt rasch in Konflikt mit der Inquisition.

So gibt Mercator, der sich auch für Geografie begeistert, die Priesterlaufbahn auf. Und geht für kurze Zeit in die Handelsmetropole Antwerpen, wo er die Berichte spanischer und portugiesischer Seefahrer geradezu aufsaugt: Sie belegen, dass die Erde anders aussieht als bislang angenommen. Der Florentiner Amerigo Vespucci hat 1502 erstmals die Ansicht vertreten, dass es sich bei dem von Christoph Kolumbus im westlichen Atlantik gesichteten Land um einen neuen Kontinent handle. Der deutsche Kartograf Martin Waldseemüller gibt diesem Gebiet auf seiner Weltkarte 1507 den Namen Amerika.

Zurück in Löwen, wendet sich Mercator der Kartografie und dem Bau von Globen und Navigationsinstrumenten zu: Er braucht Geld für seine wachsende Familie. Das nötige Wissen eignet er sich bei einem Goldschmied und einem Mathematiker an. Instrumente zur Orientierung auf See sind im Zeitalter der Entdeckungen gefragt. Globen gelten gar als Prestigeobjekte, seit Martin Behaim 1492 in Nürnberg seinen viel bewunderten „Erdapfel“ vorgestellt hat.

Im Jahr 1541 präsentiert Mercator sein eigenes Modell: Mit 41 Zentimeter Durchmesser ist es das bislang größte und genaueste seiner Art. Weil der Flame seinen Globus in Serie produziert und auch verkauft, ist er bald ein wohlhabender Mann. Doch dann nimmt ihn 1544 die Inquisition fest, hält ihn monatelang gefangen. Der Vorwurf: „Lutherey“. Mercator kommt zwar wieder frei, aber nun reift in ihm der Entschluss, mit seiner Familie auszuwandern.

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Er flüchtet 1552 unter den Schutz Herzog Wilhelms V. von Jülich-Kleve-Berg, der in religiösen Fragen als tolerant gilt. In Duisburg erwirbt Mercator ein Haus, richtet eine Werkstatt ein, wertet akribisch Reiseberichte, Lotsenbücher, Vermessungsdaten aus.

1569 dann legt er eine auf 18 Kupferplatten gestochene, 212 mal 134 Zentimeter große Weltkarte vor. Für sie nutzt er erstmals ein neues Verfahren: Um die gewölbte Gestalt der Erde in eine flache Karte zu verwandeln, stülpt er einem Globus einen papierenen Zylinder über, der die Kugel nur am Äquator berührt. Ausgehend vom Mittelpunkt des Globus, projiziert er nun dessen Punkte auf den Zylinder. Rollt man diesen ab, erhält man eine zweidimensionale Karte. Auf ihr zeichnet Mercator die Längengrade als parallele, senkrecht verlaufende Geraden ein, die Breitengrade stellt er mit wachsenden Abständen vom Äquator zu den Polkappen hin dar.

Die Flächenverzerrung, die bei seiner Methode in Richtung der Pole wächst, nimmt er in Kauf. Denn seine Erfindung erfüllt ihren Zweck: Seeleute können seine Karte mithilfe eines Kompasses zur Bestimmung des exakten Kurses auf den Ozeanen verwenden. Trotz der Erdkrümmung schneidet der konstante Kurs eines Schiffes auf ihr die Längengrade immer im gleichen Winkel. Ein Seefahrer muss nur einmal auf der Karte den Kurswinkel zum gewünschten Zielort ablesen und kann dann immer entlang dieses – als gerade Linie in die Karte eingetragenen – Kurses segeln.

Mercator, bis ins hohe Alter rastlos tätig, stirbt mit 82 Jahren in Duisburg. Sein Sohn bringt posthum sein weit über 100 Karten umfassendes Werk heraus, für das der Meister selbst noch den Titel ausgesucht hat: Atlas, nach dem sagenhaften Entdecker der Himmelskugel. Die nach Mercator benannte Projektionsmethode ist bis heute Grundlage des Karten- und Vermessungswesens.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

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**Sekundärliteratur**

-&gt; Eckardt, Emanuel: Sebastian Münster. Cosmographia. Das Wissen der Welt, in: Denker, Forscher, Pioniere 1500-1950 (GEO Epoche, Jg. 2020, Heft Nr. 105), Hamburg 2020, S. 6-22.

-&gt; Schneider-Ferber, Karin: Kartografie. Auf exaktem Kurs, in: Deutschland um 1600. Katholiken gegen Protestanten (GEO Epoche Jg. 2023, Heft Nr. 124), Hamburg 2023, S. 38f.

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