Persönlichkeiten

Biografien

Inhaltsverzeichnis

  1. Clemens August von Bayern
  2. Gotthold Ephraim Lessing 
  3. Louise Henriette von Oranien-Nassau
  4. Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich
  5. Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel

  6. Johann Sebastian Bach
  7. Friedrich August I. (August der Starke)
  8. Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg
  9. Karl Albrecht von Bayern
  10. Friedrich II. der Große
  11. Friedrich Wilhelm I. (Preußen)
  12. Gottfried Wilhelm Leibniz
  13. Balthasar Neumann
  14. George Bähr
  15. Joseph Süß Oppenheimer

1. Clemens August von Bayern

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Cle­mens Au­gust von Bay­ern (aus dem Hau­se Wit­tels­bach) wur­de von sei­nen Zeit­ge­nos­sen als ‚Mon­sieur des cinq ég­li­ses’ (Herr der fünf Kir­chen) be­zeich­net, denn er war nicht nur Kur­fürst und Erz­bi­schof von Köln, son­dern auch Fürst­bi­schof von Pa­der­born, Müns­ter, Hil­des­heim und Os­na­brück und da­mit ei­ner der wich­tigs­ten geist­li­chen Fürs­ten sei­ner Zeit.

Er wur­de am 18.8.1700 in Brüs­sel ge­bo­ren. Sein Va­ter, Ma­xi­mi­li­an II. Ema­nu­el (1662-1714, Re­gie­rungs­zeit 1679-1706 und 1714-1726), war baye­ri­scher Kur­fürst, sei­ne Mut­ter, The­re­sia Ku­ni­gun­de (1676-1730), ei­ne Toch­ter des pol­ni­schen Kö­nigs Jo­hann III. So­bie­ski (1624-1696, Re­gie­rungs­zeit 1674-1696). Gro­ße Tei­le sei­ner Kind­heit und Ju­gend ver­brach­te Cle­mens Au­gust mit sei­nen Ge­schwis­tern un­ter kai­ser­li­cher Auf­sicht in Kla­gen­furt und Graz (1706-1715), wo die jun­gen Wit­tels­ba­cher ei­ne stan­des­ge­mä­ße Aus­bil­dung ge­nos­sen. Die El­tern leb­ten in die­ser Zeit auf­grund des Schei­terns Ma­xi­mi­li­an Ema­nu­els im Spa­ni­schen Erb­fol­ge­krieg (1701-1714) und der da­mit im Zu­sam­men­hang ste­hen­den Ver­hän­gung der Reichs­acht im Exil.

 

Nach Rück­kehr der Fa­mi­lie nach Mün­chen wur­de Cle­mens Au­gust wie sei­ne Brü­der Phil­ipp Mo­ritz (1698-1719) und Jo­hann Theo­dor (1703-1763) für den geist­li­chen Stand be­stimmt. Ne­ben dem Ver­sor­gungs­as­pekt war hier­für aus­schlag­ge­bend, dass Cle­mens Au­gust als Fürst ei­nes geist­li­chen Ter­ri­to­ri­ums die wit­tels­ba­chi­sche Haus­macht stär­ken soll­te. Noch 1715 er­hielt er die ers­te Ton­sur (sym­bo­li­sche Ra­sur des Hin­ter­kop­fes) und wur­de Ko­ad­ju­tor sei­nes On­kels Jo­seph Cle­mens (1671-1723) in Re­gens­burg. Nach des­sen Re­si­gna­ti­on(Amts­ver­zicht) wur­de er 1716 Fürst­bi­schof von Re­gens­burg (bis 1719). Mit sei­nem Bru­der Phil­ipp Mo­ritz reis­te Cle­mens Au­gust En­de 1716 nach Rom, um dort zu stu­die­ren. Er ver­ließ Rom 1719, nach­dem er an­stel­le sei­nes plötz­lich ver­stor­be­nen Bru­ders Phil­ipp Mo­ritz zum Fürst­bi­schof von Müns­ter und Pa­der­born ge­wählt wor­den war. Schon 1718 hat­te er die Prob­s­tei von Alt­öt­ting (bis 1721) er­hal­ten, 1719 ka­men Dom­ka­no­ni­ka­te in Köln (bis 1723) und Lüt­tich (bis 1757) hin­zu. In Köln wur­de er 1722 Ko­ad­ju­tor und im No­vem­ber 1723 Nach­fol­ger sei­nes On­kels Jo­seph Cle­mens im Amt des Kur­fürs­ten und Erz­bi­schofs. Zum fünf­ten Mal in Fol­ge wur­de da­mit ein Wit­tels­ba­cher mit die­ser wich­ti­gen geist­li­chen Kur be­traut.

In den fol­gen­den Jah­ren bau­te Cle­mens Au­gust sei­ne Po­si­ti­on im Nord­wes­ten des Rei­ches noch wei­ter aus: 1724 wur­de er Bi­schof von Hil­des­heim und 1728 Bi­schof von Os­na­brück; le­dig­lich in Lüt­tich konn­te er sich nicht durch­set­zen. 1732 fiel ihm schlie­ß­lich noch das Amt des Hoch- und Deutsch­meis­ters des Deut­schen Or­dens zu, ei­ne tra­di­tio­nell von den Habs­bur­gern und de­ren Par­tei­gän­gern be­setz­te Po­si­ti­on. Bis zur Pries­ter­wei­he 1725 stan­den Cle­mens Au­gust zur Ver­wal­tung der Spi­ri­tua­li­en (geist­li­che Auf­ga­ben) Koad­mi­nis­tra­to­ren zur Sei­te; die Bi­schofs­wei­he er­folg­te 1727.

Cle­mens Au­gusts Po­si­ti­on in der Reichs­kir­che so­wie die La­ge und Grö­ße des von ihm be­herrsch­ten Ter­ri­to­ri­en­kom­ple­xes mach­ten ihn für die eu­ro­päi­schen Gro­ß­mäch­te der da­ma­li­gen Zeit – Frank­reich, Eng­land, Ös­ter­reich und das auf­stre­ben­de Preu­ßen – zu ei­nem um­wor­be­nen Bünd­nis­part­ner. Er ging mit die­sen Mäch­ten wech­seln­de Ko­ali­tio­nen ein, stets la­vie­rend zwi­schen Pa­ris und Wien: Mal ar­bei­te­te er mit Frank­reich zu­sam­men und folg­te da­mit der ge­gen Ös­ter­reich ge­rich­te­ten wit­tels­ba­chi­schen Tra­di­ti­on und sei­nem Bru­der Kur­fürst  Karl Al­brecht von Bay­ern (1697-1745; Re­gie­rungs­zeit als baye­ri­scher Kur­fürst Karl I. 1726-1745, als Kai­ser Karl VII. 1742-1745).

Dann nä­her­te er sich wie­der dem habs­bur­gi­schen Kai­ser, dem Ga­ran­ten des Rei­ches und sei­ner ei­ge­nen geist­li­chen Herr­schaft an – ei­ne Po­li­tik, die ins­be­son­de­re von sei­nem Ers­ten Mi­nis­ter Fer­di­nand von Plet­ten­berg und Wit­tem (1690-1737) fa­vo­ri­siert wur­de. Ne­ben po­li­ti­schen Er­wä­gun­gen spiel­ten da­bei nicht zu­letzt Sub­si­di­en­zah­lun­gen (‚Hilfs­gel­der’) ei­ne ent­schei­den­de Rol­le, die Kur­k­öln zwi­schen­zeit­lich auch zum Part­ner der mit Ös­ter­reich ver­bün­de­ten See­mäch­te Eng­land und Hol­land mach­ten. Nach dem „ren­ver­se­ment des al­li­an­ces" (Um­keh­rung der Al­li­an­zen durch Be­en­di­gung des habs­bur­gisch-fran­zö­si­schen Ge­gen­sat­zes) stand Cle­mens Au­gust im Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg (1756-1763) wie an­de­re geist­li­che Fürs­ten auf der Sei­te der ka­tho­li­schen Mäch­te Frank­reich und Ös­ter­reich ge­gen Preu­ßen und Eng­land-Han­no­ver.

Die For­schung ist mit Cle­mens Au­gust auf­grund sei­ner wech­sel­haf­ten Au­ßen­po­li­tik hart ins Ge­richt ge­gan­gen. Er ha­be ei­ne „cha­rak­ter­lo­se Po­li­tik" be­trie­ben (Leo­nard En­nen), sei „ein schwa­cher Mensch" und „po­li­tisch oh­ne fes­ten Wil­len" (Max Brau­bach), „la­bil und schwan­kend" (Er­win Gatz), „oh­ne kla­res Kon­zept" (Alois Schrö­er) ge­we­sen. Auch wenn Cle­mens Au­gust viel­fach un­si­cher in sei­nen po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen ge­we­sen sein mag und sich stark von sei­nen Be­ra­tern und den ihn um­ge­ben­den Per­so­nen be­ein­flus­sen ließ, ist die­se Kri­tik zu re­la­ti­vie­ren. Sei­ne Po­li­tik zeigt nur zu deut­lich die Zwän­ge ei­nes geist­li­chen Fürs­ten des 18. Jahr­hun­derts: Zwar ver­sam­mel­te Cle­mens Au­gust fünf Fürst­bis­tü­mer in sei­ner Hand. Die­se bil­de­ten aber kei­nen ein­heit­li­chen, zen­tral re­gier­ten Ter­ri­to­ri­al­kom­plex, son­dern be­wahr­ten je­weils ih­re Ei­gen­stän­dig­keit.

Der Ein­fluss der Land­stän­de, ins­be­son­de­re der Dom­ka­pi­tel, war hoch. Cle­mens Au­gust hat­te da­her trotz sei­ner zahl­rei­chen Äm­ter und Herr­schafts­ti­tel kei­ne um­fang­rei­che Macht­ba­sis. Schlie­ß­lich fehl­te ihm ei­nes der wich­tigs­ten Macht­mit­tel des ab­so­lu­tis­ti­schen Staa­tes – ein schlag­kräf­ti­ges Heer. Sei­ne Trup­pen reich­ten nicht ein­mal zur Ver­tei­di­gung. Cle­mens Au­gust war dem­entspre­chend in Kriegs­zei­ten ge­zwun­gen, Ver­bün­de­te zu su­chen, um den Fort­be­stand sei­ner geist­li­chen Herr­schaft zu si­chern und sei­ne Län­der so weit wie mög­lich aus Kriegs­hand­lun­gen her­aus­zu­hal­ten.

Ein häu­fi­ger Wech­sel der Ko­ali­tio­nen, wie von Cle­mens Au­gust prak­ti­ziert, war nicht blo­ßer Aus­druck von Cha­rak­ter­schwä­che, son­dern kann auch als Ver­such in­ter­pre­tiert wer­den, sich den wan­deln­den Macht­ver­hält­nis­sen auf dem eu­ro­päi­schen Kon­ti­nent an­zu­pas­sen und für die ei­ge­nen Ter­ri­to­ri­en die po­li­tisch und mit Blick auf die reich­li­chen Sub­si­di­en­zah­lun­gen auch fi­nan­zi­ell je­weils güns­tigs­te Ver­bin­dung ein­zu­ge­hen. Die viel ge­schol­te­ne „Wet­ter­fah­ne des Rei­ches" – so Ma­ria The­re­si­as Gat­te Franz Ste­phan von Loth­rin­gen (1708-1765, Re­gie­rungs­zeit als Kai­ser Franz I. 1745-1765) – han­del­te po­li­tisch durch­aus ra­tio­nal und im Rah­men sei­ner Mög­lich­kei­ten er­folg­reich. Dass für Cle­mens Au­gust nicht nur Reichs­fürs­ten, son­dern auch aus­wär­ti­ge Mäch­te als Part­ner in Fra­ge ka­men, war zu­min­dest für die na­tio­nal den­ken­den His­to­ri­ker des 19. und der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts nicht ak­zep­ta­bel. Im au­ßen­po­li­ti­schen Kal­kül der Reichs­fürs­ten des 18. Jahr­hun­derts spiel­te das Reich frei­lich kaum ei­ne Rol­le. Ko­ali­tio­nen wur­den mit Blick auf die ei­ge­nen Vor­tei­le ge­schlos­sen und nicht mit Rück­sicht auf das Reich – und schon gar nicht die Na­ti­on. Cle­mens Au­gust bil­det hier kei­ne Aus­nah­me.

In schein­ba­rem Ge­gen­satz zu sei­ner Min­der­mäch­tig­keit steht die hö­fi­sche Pracht, die Cle­mens Au­gust in sei­nen ver­schie­de­nen Schlös­sern und Re­si­den­zen in­sze­nier­te. Den bau­li­chen Rah­men schu­fen nam­haf­te Ar­chi­tek­ten und Künst­ler, un­ter an­de­rem Jo­hann Bal­tha­sar Neu­mann, François de Cu­vil­liés der Äl­te­re (1695-1768), Jo­hann Con­rad Schlaun  und Ge­org Des­ma­rées (1697-1776). Der von sei­nem Vor­gän­ger be­gon­ne­ne Neu­bau der Bon­ner Re­si­denz wur­de eben­so fort­ge­setzt wie die Ar­bei­ten am Schloss Cle­mens­ru­he in Pop­pels­dorf. Da­ne­ben er­rich­te­te der Kur­fürst das Jagd­schloss Her­zogs­freu­de im Kot­ten­forst.

Sei­ne be­son­de­re Auf­merk­sam­keit galt aber dem Bau von Schloss Au­gus­tus­burg in Brühl mit dem be­rühm­ten Trep­pen­haus Neu­manns so­wie der Er­rich­tung des na­he ge­le­ge­nen Jagd­schlos­ses Fal­ken­lust. Auch in sei­nen Ne­ben­län­dern ent­fal­te­te Cle­mens Au­gust ei­ne viel­fäl­ti­ge Bau­tä­tig­keit (un­ter an­de­rem Re­si­denz­schlös­ser in Pa­der­born und Arns­berg, Jagd­schloss Cle­mens­werth in Sö­gel/Hümm­ling).

An die­sen Or­ten und ins­be­son­de­re an den Hö­fen in Bonn und Brühl in­sze­nier­te der Kur­fürst Be­zeich­nung ei­nes zur  Wahl des deut­schen Kö­nigs be­rech­tig­ten geist­li­chen oder welt­li­chen Reichs­fürs­ten. -Erz­bi­schof ein ba­ro­ckes Hof­le­ben, das zu den pracht­volls­ten im Reich zähl­te. Bäl­le und Fes­te der un­ter­schied­lichs­ten Art mit Mu­sik, Tanz, Thea­ter und Feu­er­werk so­wie auf­wän­di­ge Jag­den (ins­be­son­de­re Par­force- und Fal­ken­jagd) wur­den in gro­ßem Stil be­gan­gen. Teil­neh­mer die­ser Fes­ti­vi­tä­ten war we­ni­ger der land­säs­si­ge als viel­mehr der land­frem­de Adel – aus Bay­ern und Süd­deutsch­land, dem Rhein­land und West­fa­len, dem üb­ri­gen Reich so­wie aus Ita­li­en, Frank­reich und den Nie­der­lan­den. Die Pracht­ent­fal­tung ziel­te al­so nicht auf die­je­ni­gen Krei­se, die im Rah­men der Stän­de­ord­nung an der po­li­ti­schen Macht im Lan­de teil­hat­ten. Es ging nicht dar­um, die­se Kon­kur­renz durch Bin­dung an den Hof po­li­tisch zu ‚zäh­men’, wie dies der So­zio­lo­ge Nor­bert Eli­as (1897-1990) in sei­ner klas­si­schen Stu­die zur hö­fi­schen Ge­sell­schaft (1969) für den fran­zö­si­schen Hof Lud­wigs XIV. (1638-1715, Re­gie­rungs­zeit  1643/1661-1715) fest­ge­stellt hat.

Statt­des­sen re­prä­sen­tier­te der Kur­fürst auf der über­re­gio­na­len und ge­le­gent­lich in­ter­na­tio­na­len Büh­ne. Hier ver­such­te Cle­mens Au­gust sei­ne Be­deu­tung als wich­ti­ger Reichs­fürst sym­bo­lisch zur Gel­tung zu brin­gen be­zie­hungs­wei­se noch zu er­hö­hen und mit Fürs­ten zu kon­kur­rie­ren, de­nen er hin­sicht­lich sei­ner rea­len po­li­ti­schen Macht­mit­tel weit un­ter­le­gen war.

Das auf­wän­di­ge und kost­spie­li­ge Hof­le­ben in Bonn, Brühl und an­ders­wo stand al­so nicht im Ge­gen­satz zur Min­der­mäch­tig­keit Cle­mens Au­gusts, son­dern dien­te dem in sei­nen Macht­mit­teln be­schränk­ten Kur­fürs­ten als In­stru­ment der Po­li­tik. In die­sen Zu­sam­men­hang ge­hört auch die Krö­nung sei­nes Bru­ders Karl Al­brecht zum Kai­ser (Karl VII.) im Jah­re 1742, die Cle­mens Au­gust mit gro­ßem Pomp und un­ter enor­men Kos­ten in Frank­furt in­sze­nier­te. Er selbst zog mit ei­nem Ge­fol­ge von 1.600 Per­so­nen in die Reichs­stadt ein und über­traf da­bei nicht nur zah­len­mä­ßig, son­dern auch in der Pracht al­le an­de­ren Kur­fürs­ten. Jo­hann Mi­cha­el von Lo­en (1694-1776), ein mit den Hö­fen in Ber­lin und Dres­den ver­trau­ter Schrift­stel­ler, stell­te da­her fest: „Die­ser Ein­zug dün­ket mich das non plus ul­tra in der Art die­ser Ce­re­mo­ni­en zu seyn." (Zi­tat nach Win­ter­ling 1986, S. 145)

Cle­mens Au­gust lieb­te das hö­fi­sche Le­ben und ins­be­son­de­re die Jagd. Zu­gleich war er aber ein zu­tiefst re­li­giö­ser, von der ba­ro­cken Volks­fröm­mig­keit ge­präg­ter Mensch. Dies zeigt sich ins­be­son­de­re an der von ihm prak­ti­zier­ten Ma­ri­en­ver­eh­rung und dem in­ten­si­ven Kon­takt mit der Kauf­beu­rener Fran­zis­ka­ne­rin Cre­scen­tia Höß (1682-1744). Dar­über hin­aus trat er als Stif­ter und Wohl­tä­ter zahl­rei­cher Klös­ter auf, wie­der­er­rich­te­te das Köl­ner Pries­ter­se­mi­nar (Se­mi­na­ri­um Cle­men­ti­num, 1736) und mach­te des­sen Be­such für die Pries­ter­amtskan­di­da­ten sei­ner Diö­ze­se ver­pflich­tend (1749), in­iti­ier­te den Bau der Hl. Stie­ge und des Hl. Gra­bes auf dem Kreuz­berg in Bonn und stif­te­te in Müns­ter ein Kran­ken­haus (St. Cle­mens-Hos­pi­tal, 1735).

Den Ver­such ei­ner stär­ke­ren In­te­gra­ti­on sei­ner ver­schie­de­nen Ter­ri­to­ri­en un­ter­nahm Cle­mens Au­gust nicht. Der Schwer­punkt sei­ner Po­li­tik lag im Kur­staat, wäh­rend die west­fä­li­schen Stif­te weit­ge­hend der Ver­wal­tung der dor­ti­gen Stän­de über­las­sen wur­den. Die nach Plet­ten­bergs Sturz (1733) ein­ge­rich­te­te Ge­hei­me Kon­fe­renz zur Un­ter­stüt­zung sei­ner Re­gie­rung konn­te sich nicht dau­er­haft eta­blie­ren. In­nen­po­li­tisch wich­tig, wenn­gleich eben­falls nur be­dingt er­folg­reich, wa­ren Cle­mens Au­gusts Be­mü­hun­gen, die Ver­kehrs­we­ge sei­ner Lan­de zwecks wirt­schaft­li­cher Be­le­bung aus­zu­bau­en (un­ter an­de­rem Max-Cle­mens-Ka­nal, seit 1724). Rich­tungs­wei­send hin­ge­gen war die In­ten­si­vie­rung der Straf­ver­fol­gung, un­ter an­de­rem durch die Grün­dung von Zucht­häu­sern in Kai­sers­werth (1736) und Müns­ter (1732/1738) und die Ein­set­zung ei­ner Po­li­zei­trup­pe (1751).

Cle­mens Au­gust starb am 6.2.1761 auf der Fes­te Eh­ren­breit­stein bei Ko­blenz an Herz­ver­sa­gen. Sein Leich­nam wur­de am 31. März vor der Drei­kö­ni­gen­ka­pel­le im Köl­ner Dom bei­ge­setzt. Nach sei­nem Tod zer­fiel der wit­tels­ba­chi­sche Ter­ri­to­ri­al­kom­plex im Nord­wes­ten. Re­gio­na­le Kräf­te setz­ten sich durch und lei­te­ten ei­ne Po­li­tik der in­ne­ren Kon­so­li­die­rung jen­seits dy­nas­ti­scher Am­bi­tio­nen und eu­ro­päi­scher Al­li­an­zen ein.

2. Gotthold Ephraim Lessing

image.pngL. besuchte 1653-61 die Nikolai-Schule in Leipzig. Mit 8 Jahren bekam der frühreife Knabe, der die →Livius-Lektüre dem Spielen vorzog, Zugang zur Bibliothek seines verstorbenen Vaters, mit 13 verfaßte er an einem Morgen 300 elisionsfreie Hexameter, mit 14 begann er seine logischen Studien und „lebte“ seitdem, nach eigener Aussage, im →Suarez und →Fonseca, im →Rubius und →Zabarella. Nachdem er einige Schriften von →Kepler, →Galilei und →Descartes gelesen hatte, entschied er sich noch vor Beginn seines Studiums in Leipzig 1661 für die mechanistische Naturphilosophie, ohne die Bedeutung der aristotelischen Tradition zu verkennen. So wurde →J. Thomasius, sieht man ab von →E. Weigel, bei dem er im Sommer 1663 in Jena studierte, sein bedeutendster Lehrer, unter dessen Vorsitz er auch im Mai 1663 „De principio individui“ disputierte. Anschließend begann er das Studium der Jurisprudenz, wurde 1664 zum magister artium und nach Vortrag eines „Specimen quaestionum philosophicarum ex jure collectarum“ und zweier gehaltvoller juristischer Disputationen „De conditionibus“ 1665 zum baccalaureus juris promoviert. Mit der „Disp. arithmetica de complexionibus“, die er noch im selben Jahr zur „Diss. de arte combinatoria“ ausbaute und publizierte, disputierte er 1666 „pro loco“ an der philosophischen Fakultät. Im Winter 1666/67 wechselte er nach Altdorf über, disputierte dort „De casibus perplexis in jure“ und wurde im Febr. 1667 glanzvoll zum Doktor beider Rechte promoviert. Er schlug eine Professur aus und ging nach Nürnberg, um dort bis zum Antritt einer Bildungsreise in die Niederlande im Herbst alchimistische Studien zu treiben. Eine Pestepidemie veranlaßte ihn zum Abbruch der Reise. Er kam nur bis Mainz, nutzte den Verzug, um „ohne Bücher“ seine Gedanken zur Reform der Jurisprudenz niederzuschreiben und mit dieser eilig in Druck gegebenen, Kf. →Joh. Philipp v. Schönborn gewidmeten Schrift (Nova methodus discendae docendaeque iurisprudentiae, 1667) dessen Gunst zu gewinnen. Durch Vermittlung →Joh. Christian v. Boineburgs wurde er sogleich zur Mitarbeit an der von H. A. Lasser begonnenen Neukodifikation des Corpus Juris aufgefordert. 1670 wurde er von →Schönborn, ungeachtet seiner Jugend und luth. Konfession, zum Revisionsrat am Oberappellationsgericht in Mainz bestellt und im März 1672 in diplomatischer Mission nach Paris gesandt. L.sollte →Ludwig XIV. seinen „Ägyptischen Plan“ vortragen, →Boineburgs private Pensionsansprüche und zusammen mit →Melchior Friedrich v. Schönborn das Mainzer Interesse an allgemeinen Friedensverhandlungen in Köln vertreten. Als dieser Auftrag in Paris scheiterte, reiste →Schönborn mit ihm von Januar bis März 1673 in gleicher Mission nach London. Inzwischen war →Boineburg verstorben, und L. hatte die Erziehung des →jungen Boineburg in Paris übertragen bekommen. Kurz darauf starb auch Kf. →Johann Philipp. Dessen Nachfolger erlaubte L., „für eine Weile“ in Paris zu bleiben. Dort lernte er die bedeutendsten Gelehrten kennen, vor allem →Antoine Arnauld und dessen Freund →Pierre Nicole, die Verfasser der Logik von Port Royal, dann die Mathematiker und Physiker →Christiaan Huygens und →Edme Mariotte, ferner →Buot, →Deschales, →Gallois, →Ozanam, Mathion, →Pardies, →Prestet, →Roberval und den Duc de Rohan, die Astronomen →Cassini und →Römer, die Philosophen →Huet, →Cordemoy, →Foucher und →Malebranche, nicht zu vergessen den jungen →Ehrenfried Walther v. Tschirnhaus, mit dem er sich befreundete. Bei seinen Besuchen in London traf er auf →Heinrich Oldenburg, →Robert Boyle, →Robert Hooke, →John Collins und andere Mitglieder der Royal Society, deren Mitglied er 1673 wurde.Als sich die Hoffnung, Nachfolger des Mathematikers →Roberval in der Académie des Sciences zu werden, zerschlagen hatte, folgte L. einem Ruf des Hzg.→Johann Friedrich als Bibliothekar nach Hannover, wohin er über London (im September und Oktober), Amsterdam, Haarlem, Delft und Den Haag reiste, um im Dez. 1676 seinen Dienst aufzunehmen. 1677 wurde er auch als juristischer Hofrat eingeführt. Hzg. →Ernst August bestätigte ihn 1685 als Hofrat auf Lebenszeit, entlastete ihn von Kanzleiarbeiten und den Aufgaben im Harzbergbau und verpflichtete ihn, die Geschichte des Welfenhauses zu erforschen und darzustellen. Dieses Vorhabens wegen reiste er 1687-90 durch Süddeutschland über Wien, wo er fast 10 Monate verweilte, nach Italien. Er blieb dort von März 1689 bis März 1690, mehr als die Hälfte dieser Zeit in Rom, und besuchte auf dem Rückweg nochmals Wien. 1691 willigte Hzg. →Ernst August auch in L.s zusätzliche Bestallung als Historiograph durch die Herzöge →Anton Ulrich und →Rudolf August von Wolfenbüttel ein und ernannte ihn, nachdem er mit L.s diplomatischer Unterstützung 1692 für Braunschweig-Lüneburg die Kurwürde erworben hatte, 1696 zum Geheimen Justizrat. Diesen Titel verliehen L. auch Kf. →Friedrich von Brandenburg (1700) und Zar →Peter der Große (1712), der viele seiner gründlich ausgearbeiteten Pläne, insbesondere noch 1723 den einer Akademie in Petersburg, realisierte. Er wurde ferner zum Präsidenten bzw. Direktor der von ihm geplanten und organisierten Akademien (Sozietäten) der Wissenschaften zu Berlin (1700) sowie zu Dresden (1704) und Wien (1713) ernannt, wo er sich nach zwei weiteren Besuchen (1700 und 1708) nochmals von Dez. 1712 bis Sept. 1714 aufhielt. Kaiser| →Karl VI. berief ihn 1713 (rückwirkend ab Anfang 1712) in den Reichshofrat. – Nach einem ersten Aufenthalt in Berlin 1698 zog es L. zwischen 1700 und 1707 immer wieder an den Ort seiner Sozietät, später, nach dem Tod der Kgn. →Sophie Charlotte (1705), nur noch zweimal (1709 und 1711). – Abgelehnt hat L. Angebote, Bibliothekar des Vatikans (1689), →Ludwigs XIV. (1692) und des Kaisers (1701) zu werden. Ohne Erfolg bemühte sich L., 1704 Nachfolger des Vizekanzlers Hugo in Hannover und 1713 Kanzler von Siebenbürgen zu werden, wie auch später darum, mit dem Hof nach England zu gehen.L.s selbstverfaßte akademische Schriften bestätigen seine wiederholten Hinweise auf seine frühe autodidaktische Bildung. Sie lassen nicht nur eine ungewöhnliche Belesenheit, sondern auch ein sicheres Urteil und ein außerordentliches logisches Genie erkennen, so, wenn er scholastische Lösungen kritisch klassifiziert (De principio individui, 1663), wenn er den philosophischen Kern juristischer Fragen herausarbeitet (Specimen quaestionum philosophicarum, 1664) oder aus dem röm. Recht und aus unentscheidbaren juristischen Fällen Ansätze zu einer formalisierten, seinen Zeitgenossen unverständlich gebliebenen Rechtslogik konstruiert (De conditionibus, 1665; De casibus perplexis, 1666) sowie endlich, wenn er bekannte und neue verschiedenartige Anwendungen der Kombinatorik systematisch auf eine logisch-mathematische Grundlage stellt und daraus weitreichende, seine späteren Arbeiten determinierende Perspektiven entwickelt (Dissertatio de arte combinatoria, 1666). Von der Neukodifikation des Corpus Juris kam lediglich der Plan, die „Ratio Corporis Juris reconcinnandi“, 1668 zum Druck. Beabsichtigt war zunächst die Reduktion des röm. Rechts auf einige wenige elementare, an einer Wandtafel verzeichenbare Rechtssätze, aus denen in der Praxis alle Fragen entschieden werden könnten; ein „Antinomicus minor“ sollte zudem die Lösungen sich widersprechender Gesetze sowie die unlösbaren Antinomien zusammenfassen. Von größter Bedeutung war der Einfluß, den →Joh.Christian v. Boineburg, der ehemalige Minister des Kurfürsten, auf L. gewann. Dieser schärfte dem jungen Gelehrten den Blick für die großen Themen der säkularen und der konfessionellen Politik zur Sicherung des Friedens in Europa und gab ihm diplomatische und publizistische Aufgaben, so zur Unterstützung seines Kandidaten für die poln. Königswahl von 1669 – eine Aufgabe, die L. originellerweise mit einer die Rechtsgelehrten damals verblüffenden Beweisführung more geometrico löste (acht Jahre vor Spinozas „Ethica more geometrico demonstrata“) – oder zur Formulierung seiner Friedensdiplomatie gegenüber Ludwig XIV. Genannt seien das „Bedencken welchergestalt securitas publica interna et externa und Status praesens im Reich iezigen Umständen nach auf festen Fuß zu stellen“ (1670) und die Schrift, die er persönlich in Paris Ludwig XIV. vortragen wollte, der „Ägyptische Plan“ (1672), der den Expansionsdrang Frankreichs vom Rhein an den Nil lenken sollte, dessen Vorlage aber durch den inzwischen begonnenen Krieg gegen Holland überholt wurde, gleichwohl später noch →Napoleon beeindruckte. Darüber hinaus regte der Konvertit Boineburg ihn insbesondere an, eine rationale Basis für das Gespräch zwischen den Konfessionen und gegen den aufkommenden Atheismus und die sozinianischen Häresien auszuarbeiten, daneben aber auch seinen juristischen Ambitionen zu folgen und die Elemente des Natur- wie des Zivilrechts darzustellen. L. katalogisierte auch mit neuen Erschließungsmethoden die umfangreiche Boineburgische Bibliothek (heute in Erfurt). Bis auf die, ohne L.s Wissen 1669 anonym publizierte, „Confessio naturae contra atheistas“ und das ebenfalls 1669 erschienene „Specimen demonstrationum politicarum pro eligendo rege Polonorum“ sowie noch 1672 eine vielbeachtete Auslegung des Paragraphen „Et ut eo sincerior“ aus dem Vertrag zum Westfäl. Frieden blieben diese Schriften Konzept oder nur wenigen zugänglich. Anders die ebenfalls von Boineburg angeregte Neuausgabe des humanistischen Nominalisten Marius Nizolius („De veris principiis et vera ratione philosophandi“), die L. 1671 mit kritischen Anmerkungen, einer bedeutenden Vorrede über den philosophischen Stil und einem Brief an seinen Leipziger Lehrer →Jakob Thomasius über das Verhältnis der neueren Philosophie zu →Aristoteles herausbrachte. L.s eigenen Intentionen dürften mehr die Projekte zu einer „Societas Conferentium conciliatrix“ und zu einer konfessionsübergreifenden „Societas philadelphica“ entsprochen haben, sowie das „Bedenken von Aufrichtung einer Akademie oder Societät in Teutschland zu Auffnehmen der Künste und Wissenschafften“ (wohl 1671), ferner auch die von ihm geplanten Maßnahmen zur Organisation des Bücherwesens, u. a. ein von ihm zu verfassendes Rezensionsorgan („Nucleus librarius semestralis“), für das er beim Kaiser vergeblich ein Privileg beantragte.Seine philosophischen Interessen richteten sich damals, von einigen fragmentarischen Ansätzen zu seinen „Elements de mente et corpore“ als Teil seiner geplanten, groß angelegten „Demonstrationes catholicae“ und von einigen methodologischen Entwürfen abgesehen, auf die Theorie der Bewegung. Daraus resultierten 1671 zunächst zwei Druckschriften, die „Theoria motus abstracti“ und die „Hypothesis physica nova“ (oder „Theoria motus concreti“), die L. den Akademien in Paris und London widmete. Er baute seine Theorie in einer Reihe weiterer Konzepte aus, bis er 1672 in Paris durch →Chr. Huygens davon abgebracht und der modernen Mathematik zugeführt wurde, von der er bis dahin nach eigener Aussage so viel wie nichts verstand – ein Mangel, den er schnell und gründlich beheben sollte. Erst Ende 1676 nahm er in einem fertiggestellten, gleichwohl zurückgehaltenen Dialog „Pacidius Philalethi“ das Thema „de motu“ wieder auf. Wie in der Logik der Satz vom Widerspruch, so bildet in den realen Wissenschaften der Satz vom Grunde „Nihil est sine ratione“ nach L. das fundamentale Prinzip unserer Erkenntnis. Das bewegende Prinzip ist einzig der Geist, und der Körper ist nichts als eine „mens momentanea“, ein Geist, dem das Gedächtnis, die Bedingung dauernder substantieller Identität, fehlt. Ruhe ist Nichtsein. Bewegung selbst ist obensowenig wie Raum und Zeit etwas Absolutes und nur zu verstehen als eine fortwährende Neuschöpfung. An den Brechungsgesetzen erkennt L., daß Optimierungsprinzipien nicht kausal, sondern nur final zu erklären sind und daß deshalb die Physik eine metaphysische Begründung braucht.Im Dialog „Confessio philosophi“ stellte er 1673 das Problem der Theodizee dar, mit dem er sich ansatzweise bereits in Mainz beschäftigt hatte. Der Jansenist →A. Arnauld in Paris und der Konvertit →N. Stensen in Hannover, dessen Randbemerkungen mit L.s Erwiderung dazu erhalten sind, waren wohl die einzigen, die ihn zu lesen bekamen. Seine damaligen metaphysischen Aufzeichnungen („De summa rerum“) sind tagebuchähnliche Notizen. In Paris gewann er die Anerkennung der bedeutendsten Gelehrten, bekam Zugang zu den Nachlässen von →Pascal und →Descartes, weckte →Tschirnhaus erneut sein Interesse für →Spinoza, den er in Den Haag ein Vierteljahr vor dessen Tod noch besuchen sollte. Vieles, was er aus den heute verschollenen Papieren Descartes' exzerpierte, stellt für uns die einzige Quelle dafür dar. Einiges davon ist wiederum verlorengegangen. →Platons „Phaedon“ und „Theäthet“ hat er in lateinische Kurzfassungen gebracht und „ad usum Delphini“ eine Ausgabe des →Martianus Capella vorbereitet, nichts davon jedoch veröffentlicht.Ein wenig später als →Newton, gleichwohl, wie aus dem Nachlaß zu belegen, eindeutig unabhängig von ihm, hat L. 1675 die Infinitesimalrechnung erfunden und seitdem erfolgreich zur Lösung verschiedenartigster Probleme herangezogen; insbesondere geht die heute allgemein übliche, transparente Symbolik für die Differentiation und das Integral auf L. zurück. Die erste Veröffentlichung „De nova methodo de maximis et minimis“ erfolgte erst 1684 in den „Acta Eruditorum“. Der in den 90er Jahren von Newton-Anhängern angezettelte Prioritätsstreit, der schließlich von der Royal Society, nicht ohne politische Motivationen und die Mitwirkung von →Newton selbst, zu L.s Ungunsten entschieden wurde, verzerrte sein Bild bis in unsere Tage. Daran änderte auch nichts die erst 1846 edierte „Historie et Origo calculi differentialis“, die L. noch 1714 verfaßte. Unzählige algebraische und zahlentheoretische Studien, die arithmetische Quadratur des Kreises (erstmals publiziert in Acta Erud. 1682), die Berechnung von Potenzreihen und die Anfänge der dyadischen Arithmetik, die er um 1679 ausbaute, gehören bereits in die Pariser Zeit. Von späteren Errungenschaften seien hervorgehoben: seine ebenfalls 1679 ersonnene „Analysis situs“, eine neuartige Topologie als Gegenstück zur analytischen Geometrie von Descartes, die weitere Entwicklung seiner Kombinatorik, die Technik, Indizes als Koeffizienten zu behandeln, die Theorie der Determinanten und die Ableitung der Exponential-Funktion. Den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend, stellte und löste er mathematische Probleme in einem regen, halb öffentlichen Briefwechsel, so in den 90er Jahren das der catenaria, der isochrona paracentrica und der brachystochrona. Insgesamt übertrifft der weitgehend noch zu erschließende mathematische Teil des Nachlasses dem Umfang nach um ein Vielfaches das, was zur Philosophie, Theologie und Jurisprudenz gehört.L. erfand wohl um 1670 die erste Vierspezies-Rechenmaschine. Sie funktionierte nach dem Prinzip der Staffelwalze. Bereits 1673 konnte er sie in Paris und London an einem hölzernen Modell vorführen. Ein Prototyp in Messing wurde später in Paris von dem Mechaniker Olivier hergestellt und|sollte 1694 in die Serienanfertigung gehen. Um 1700 in Helmstedt und zwischen 1711 und 1716 in Zeitz beschäftigte L., unter Einsatz bedeutender eigener Geldmittel, weitere Feinmechaniker zur Herstellung vollkommenerer Modelle, ohne dadurch die technischen Probleme der Zehnerübertragung endgültig zu meistern, was erst 1774 →P. M. Hahn gelang. Das funktionierende, heute in der Niedersächsischen Landesbibliothek aufbewahrte Exemplar blieb ohne praktische Verwendung. Wenig bekannt ist daneben L.s früher, genialer Entwurf einer dyadischen Rechenmaschine (1679), den er technisch gar nicht erst auszuführen versuchte.Die Philosophie begriff L. im Vertrauen auf die Macht der durch eine geschulte, aufgeklärte Vernunft erkannten Wahrheit als ein Instrument des Friedens und der Versöhnung. Es lag ihm daran, die rationalen Grundlagen zu schaffen, um die sich bekämpfenden Sekten der Philosophen wieder auf die eine philosophia perennis zu verweisen, die auseinandergetretenen Konfessionen in einer katholisch-ökumenischen Kirche zu vereinen, die verfeindeten Staaten unter das römische Reich und dieses unter ein christlich geeintes Europa zu bringen, um schließlich die Christianisierung über die Kontinente nach Asien, Afrika und Amerika zu verbreiten. Ein solches Instrument des Friedens sollte seine „demonstrative Enzyklopädie“ werden, zunächst in Mainz noch unter dem Titel „Demonstrationes catholicae“, dann in Hannover als „Scientia generalis“ und in seinen letzten Lebensjahren als „Éléments de la philosophie générale et de la théologie naturelle“ konzipiert. Es war ein Werk, das mit Hilfe einer zu erstellenden universellen Charakteristik, einer „ars inveniendi et judicandi“, und eines dazu zu konstruierenden logischen Kalküls die Philosophie sicher und alle Probleme berechenbar machen sollte. L. erachtete zu seiner Erarbeitung von vornherein die Hilfe einer Gruppe fähiger Mitarbeiter für nötig. Diese und einen fördernden Mäzen glaubte er jedoch erst nach Vorlage einiger Probestücke gewinnen zu können. Eine Fülle von zurückgehaltenen Konzepten dazu liegt vor, keines davon schien ihm angemessen und überzeugend genug. Das gleiche gilt für seine zahlreichen Arbeiten zur Logik, die letztlich auch auf die formale Begründung der „Scientia generalis“ ausgerichtet waren. Als großen Schritt voran wertete L. seine „Generales inquisitiones de analysi notionum et veritatum“ von 1686 (Erstdruck v. →L. Couturat, in: Opuscules et fragments inédits, 1903). Wenn auch das Programm nicht vollendet wurde, so sind doch die dazu geleisteten Vorarbeiten von so ungewöhnlicher Qualität, daß die moderne mathematische Logik in L. ihren Vater sehen kann. Die Leitidee seiner „Characteristica universalis“ setzt voraus, daß es gelingt – worum L. sich intensiv bemüht hat –, die primitiven Begriffe zu finden, aus denen alle übrigen zusammengesetzt werden können. Man braucht ihnen dann nur noch geeignete Charaktere so zuzuordnen, daß dem Charakter eines jeden Begriffs, wie heute einer chemischen Formel, anzusehen ist, welche primitiven Begriffe in ihm enthalten sind. Versuchsweise wählte L. Primzahlen als Charaktere der primitiven Begriffe, wodurch beliebige Begriffe eindeutig als Primzahlprodukte darstellbar und die Prüfung der Wahrheit von Sätzen sowie der Richtigkeit von Schlüssen arithmetische Teilbarkeitsprobleme werden, eine Vorwegnahme der Gödelschen Arithmetisierung. L. erfand noch weitere logische Kalküle, um dem angestrebten „Alphabetum cogitationum humanarum“ und der aufzubauenden „lingua philosophica“ angemessene Methoden der Algorithmisierung des wissenschaftlichen Denkens an die Seite zu stellen. Statt über Meinungen zu streiten, sollte es künftig heißen: „Calculemus!“.Einer der bekanntesten philosophischen Aufsätze, die besonders im 18. Jh. in der Erkenntnistheorie und der neuen Ästhetik einflußreichen „Meditationes de cognitione, veritate et ideis“, erschien 1684 in den seit 1682 von O. Mencke herausgegebenen „Acta Eruditorum“, für die L. noch über 60 weitere Aufsätze zumeist mathematischen Inhalts und ebensoviele Rezensionen verfaßte. Weitere 50 kleine Abhandlungen publizierte er im „Journal des Savants“ und anderen Gelehrtenzeitschriften. Im Jan. 1686 faßte L. seine Gedanken in einer von ihrem ersten Herausgeber 1846 „Discours de métaphysique“ betitelten Schrift zusammen, in der Absicht, ihre Verträglichkeit mit den kath. Dogmen von dem inzwischen nach Holland geflohenen →A. Arnauld bestätigen zu lassen. Der vorsichtige L. legte diesem jedoch nur einen „Sommaire“, 37 zusammenfassende Kapitelüberschriften, vor und löste in der sich daran anschließenden Korrespondenz den scheinbaren Widerspruch zwischen vollständiger Bestimmtheit des Begriffs jeder individuellen Substanz und der Freiheit des Menschen. Da, wie der scholastische Lehrsatz besagt, in jeder wahren Aussage das Prädikat im Subjekt enthalten ist, begreift L. die individuelle Substanz als durch ihre notio completa vollständig bestimmt. Ihre Handlungen sind frei, wenn auch gewiß ist, daß sie der göttlichen Voraussicht entsprechen. Wir erkennen notwendige Vemunftwahrheiten vollkommen dadurch, daß wir sie in endlich vielen Schritten auf primitive Begriffe oder wenigstens auf Identitäten reduzieren können, während wir für die Analyse kontingenter Tatsachenwahrheiten unendlich viele Schritte benötigen würden, also höchstens approximative Erkenntnis von ihnen erlangen können und daher auch nicht Gottes Motive für die Erschaffung dieser und keiner anderen Welt begreifen.In Rom konzipierte L. 1689 den ersten Teil seiner „Dynamik“ im Gegenzug zur Mechanik Newtons, dessen „Principia“ (1687) er gerade kennengelernt hatte. (Den zweiten Teil schrieb er erst nach 1698 nieder.) Sie erwuchs aus seiner 1686 veröffentlichten Polemik gegen den „außerordentlichen Irrtum“ des Cartesischen Prinzips der Erhaltung der Bewegungsgröße, definiert als Produkt aus Masse und Geschwindigkeit (mv), dem L. sein Prinzip von der Erhaltung der Energie als der vis viva, die er als Produkt aus Masse und Beschleunigung, d. h. dem Quadrat der Geschwindigkeit, bestimmte (mv²), gegenüberstellte. Dieses Prinzip hatte er aus seinem „Grundaxiom“ der Äquipollenz von Ursache und Wirkung hergeleitet und bereits 1678 in „De concursu corporum“ (noch nicht ediert) formuliert. Die später ergänzte und revidierte, jedoch nicht gänzlich abgeschlossene Fassung seiner „Dynamica de potentia et legibus naturae corporeae“ wurde erst 1860 ediert. Eine von verschiedenen kürzeren Fassungen überließ er Pellisson zum Vortrag in der Pariser Akademie; nur den ersten Teil einer anderen hat er 1695 in den „Acta Eruditorum“ veröffentlicht, wo er 1698 auch eine Anwendung seiner Dynamik gab (De ipsa natura). Er verfaßte Schriften über die Bewegung der Himmelskörper (1689 „Acta Eruditorum“) und über die Kopernikanische Hypothese, um ihre Anerkennung bei der röm. Kurie zu bewirken. Die prinzipielle Auseinandersetzung mit den metaphysischen Grundlagen der Physik Newtons führte er in seinem letzten Lebensjahr in einem Briefwechsel mit →S. Clarke, der zur Publikation bestimmt war und 1717 auch erschienen ist. Gegen das Leere und die physikalischen Atome Newtons setzte L. seine ausdehnungslosen und einfachen Substanzen, die Monaden. Raum, Zeit und Bewegung ließ er nicht als Absolutes, nicht als Attribute der Gottheit gelten, sie sind für ihn nichts als Relationen, in denen Monaden körperliche Phänomene neben-, nach- und auseinander vorstellen. Auch weigerte sich L., Newtons Gravitationskraft anzuerkennen.Die aufbrechende Kluft zwischen Glaube und Vernunft, Theologie und Naturwissenschaften überbrückte L. mit einer doppelten Erklärung des Geschehens: Im Reiche der Natur oder der Wirkursachen, im Bereich des Phänomenalen, stellt seine physikalische „Dynamik“ die Theorie bereit; im Reiche der Gnade oder der Zwecke, im Bereich des eigentlich Wirklichen dagegen, die Metaphysik, genauer, die Lehre von den Monaden. Wie die Natur niemals anders wirkt als durch eine unendliche Vielheit konkurrierender Ursachen – ein Gedanke, den schon der junge L. aus dem Hippokratischen σύμπνοια πάντα entwickelt –, so repräsentiert jede Monade in sich selbsttätig das ganze Universum, jede von ihrem Standpunkt aus unterschiedlich, jedoch in einer von Gott prästabilierten Harmonie. Damit wird die für ihn unannehmbare Forderung eines physischen Einflusses von Substanzen aufeinander zur Erklärung der Kausalität überflüssig – Monaden sind gleichsam fensterlos –, und das löst vor allem das Descartes’sche Dilemma der Einwirkung der Seele auf den Körper. Körper sind keine einfachen Substanzen, sie sind Phänomene in Monaden, wenn auch gut fundierte. Nicht einmal die höheren Geister sind ohne solche Körper, die aus dem prästabilierten Zusammenwirken der einfachen Substanzen und ihrer Subordination unter jeweils herrschende Monaden resultieren. Nur Einheiten haben wahre Existenz, nur Monaden sind einfache, unzerstörbare Substanzen. Zusammengesetzte Substanzen, Körper, sind nichts als Phänomene. L.s Phänomenalismus ist jedoch weder ein objektiver Idealismus: Monaden erscheinen nicht als Körper, sind auch selbst keine Erscheinungen; noch ein subjektiver Idealismus: den einfacheren Monaden fehlt das Selbstbewußtsein, sie sind keine Subjekte; und auch kein Spiritualismus: nicht alle Monaden sind Geister; schließlich auch kein Solipsismus: es gibt Gott und andere von Gott geschaffene Monaden, wenn auch der Gedanke der Theresa von Avila „nur Gott und ich“ L. faszinierte. Körper und überhaupt die ganze Welt mit ihrer Geschichte sind Phänomene nicht von, sondern in den sie in prästabilierter Harmonie wie in einem „lebenden Spiegel“ produzierenden Monaden. Ihre Perzeptionen sind nichts als Darstellungen des Vielen in der Einheit, ihre Appetitionen nichts als das Streben nach neuen Perzeptionen. Eine kontinuierliche, in jedem Augenblick unendliche Folge größtenteils unmerklicher „petites perceptions“, verknüpft das Individuum mit dem ganzen Universum und zugleich mit seiner eigenen Vergangenheit und Zukunft, Keine mit Selbstbewußtsein begabte Substanz (mens) verliert jemals die ihr auferlegte Person, deren unzerstörbare Identität durch Erinnerung gegeben ist und sie für Belohnung und Strafe zurechnungsfähig macht. Mit seiner Theorie der „petites perceptions“ wurde er der Entdecker des Unbewußten. Überraschend modern gegenüber den mechanistischen Erklärungen seiner Zeit muten auch L.s Vorstellungen von der Organisation des Lebendigen an: Organismen sind natürliche Maschinen, solche, die selbst in ihren kleinsten Teilen noch Maschinen sind. Zwischen den natürlichen Gattungen gibt es nur kontinuierliche Übergänge, die Natur macht keine Sprünge, duldet kein vacuum formarum (principium continuitatis). Auch gibt es keine zwei vollkommen gleiche, nur numerisch unterscheidbare Individuen (principium identitatis indiscernibilium). Im strengen metaphysischen Sinn gibt es weder Geburt noch Tod, sondern nur Transformationen der unzerstörbaren Substanz. Die Zustände der Monaden folgen nicht ohne göttliche Mitwirkung aufeinander, ihre Erhaltung ist als eine fortwährende Schöpfung zu begreifen.Wie mit einem Brennglas brachte L. in seiner Metaphysik verschiedenste Traditionen in ein kohärentes System: einen konfessionsübergreifenden christlichen Glauben, gerich tet auf einen allmächtigen, aber guten, frei von Willkür handelnden Gott, den er nicht als Weltseele, sondern als eine extramundane Intelligenz begriffen wissen wollte; die aristotelische Substanzenlehre und den auf sie gegründeten metaphysischen Individualismus der deutschen Schulphilosophen, verbunden mit der rabbinischen Lehre vom unzerstörbaren Kern der Substanz; die Präformation aller Individuen in ihren Protoplasten, den ersten Exemplaren jeder Spezies; das hippokratische Zusammenwirken aller Dinge und den neuplatonischen Harmoniebegriff, expliziert durch die cusanische Vollkommenheit als maximale Mannigfaltigkeit in der Einheit; die platonische Selbstbewegtheit und wahre, unteilbare Einheit des Geistes und damit die Irrealität des rein Körperlichen; die augustinisch-cartesische Selbstgewißheit des denkenden Ich und den platonisch-stoischen Glauben an eingeborene Ideen und Prinzipien, an ewige Wahrheiten, die unsere Vernunft konstituieren.Die erste Publikation seiner Metaphysik, das „Système nouveau de la nature“, erschien 1695 im „Journal des Savants“. Ihr folgten Erklärungen zu den kritischen Einwänden von →S. Foucher, →P. Bayle und →Fr. Lamy. 1695 prägt L. im Briefwechsel mit →F. G. de L'Hôpital die Begriffe Monade und prästabilierte Harmonie. Seine gewichtige Auseinandersetzung mit →John Lockes berühmtem „Essay“ (1690), die L. seit 1695 in kürzeren Schriften vorbereitet hatte, kleidete er 1703-05 in die Form eines Dialogs „Nouveaux essais sur l'entendement humain“, den er aber aus Pietät gegen den 1704 verstorbenen Gegner druckreif zurückhielt. Die Wirkung dieser erst 1765 durch →R. E. Raspe veröffentlichten Widerlegung des engl. Empirismus war und blieb trotz ihrer Verspätung doch bedeutend.Die Grundkonzeption seines berühmtesten Werkes, der aus Gesprächen mit der Kgn. →Sophie Charlotte am preuß. Hof hervorgegangenen „Essais de théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l'homme et l'origine du mal“ (1710), beruht auf der schon in der „Confessio philosophi“ (1673) ausgesprochenen Idee einer Vielheit von möglichen Welten, unter denen Gott, der diese Vielheit in seinem Geist erschaffen hat, eine, und zwar aufgrund seiner Allwissenheit und seiner Güte die beste, zur Existenz bringt, die beste alles in allem besehen. Eine mögliche Welt besteht aus der Gesamtheit miteinander verträglicher individueller Substanzen, von denen jede durch ihren vollständigen Begriff festgelegt ist, mit allem, was ihr je zugestoßen ist und zustoßen wird. Der vollständige Begriff einer möglichen Einzelsubstanz bestimmt, mit welchen anderen Substanzen sie kompatibel ist, und dann wiederum, welchen Grad an Vollkommenheit die miteinander kompatiblen Substanzen zu realisieren imstande sind. Daß Gott, der nicht willkürlich handelt, sondern den zureichenden Grund seiner Wahl im Prinzip des Besten sieht, dieser und keiner anderen Welt zur Existenz verholfen hat, bedeutet für L., daß keine bessere Welt möglich ist. Dies ist eine Konzeption, die eher Resignation als den von Voltaire im „Candide“ verhöhnten Optimismus ausdrückt. Die neben der „Theodizee“ bekannteste Schrift L.s, die sog. „Monadologie“, ist ebensowenig wie die im selben Jahr 1714 in Wien für den Prinzen →Eugen von Savoyen verfaßten „Principes de la nature et de la grâce“ eine Vermächtnisschrift. Beide verschweigen den Phänomenalismus, geben aber gleichwohl die dichteste Darstellung dessen, was L. damals einer elitären Öffentlichkeit handschriftlich zugänglich zu machen bereit war. So hatte er schon|früher einigen Vertrauten brieflich Zusammenfassungen seines Systems mitgeteilt, insbesondere der Kfn. →Sophie in Hannover und ihrer Tochter →Sophie Charlotte, der ersten Königin in Preußen, die beide beständig und verständig seine vielfältigen Vorhaben förderten. L. hat sich aber auch ihnen gegenüber gescheut, die letzte Konsequenz seiner Metaphysik, die bloße Phänomenalität unserer raum-zeitlichen Erfahrungswelt, in einer Zeit, die er noch nicht gereift sah für seine Gedanken, öffentlich zu vertreten. Die Stücke, selbst die zur Absendung fertigen Briefe, in denen er seine Ansicht zu deutlich formulierte, hat er zurückgehalten – wohl aus Furcht, seine zur Verwirklichung seiner großen Projekte nötige Reputation bei den dafür maßgebenden Persönlichkeiten an den Höfen Europas zu verlieren.Nach dem Mißlingen der Versuche, die Entwässerung der Gruben im Harzbergbau mit seiner neuartigen Windkunst zu leisten, verpflichtete sich L. im Sommer 1685 gegenüber Hzg. →Ernst August, die Geschichte des Welfenhauses aus authentischen Quellen darzustellen: eine Aufgabe, die noch schwer auf ihm lasten sollte, besonders als Kf. →Georg Ludwig nach 1698 mit Nachdruck auf ihrer Erfüllung bestand. Für seine Annahme eines gemeinsamen Ursprunges der Welfen und der Este fand L. 1688 in Augsburg den ersten urkundlichen Beleg. 1690 stellte er in Modena und der Abtei Vangadizza das Ergebnis sicher. Gleichsam als Parerga dieser Sammel- und Sichtungsarbeit besorgte L. zunächst eine Reihe umfänglicher Quellenveröffentlichungen, so den „Codex juris gentium diplomaticus“ (1693) mit ergänzender „Mantissa“ (1700), die „Accessiones historicae“ (1698-1700) und in drei Bänden die „Scriptores rerum Brunsvicensium“ (1707-11), alles Quellen, die zum Teil bis heute in keiner anderen Ausgabe vorliegen. Diesen Ausgaben stellte er einleitend bemerkenswerte Äußerungen zur Theorie und Methode der Geschichtsschreibung und Quelleneditorik sowie zur Systematik des Natur- und Völkerrechtes voran. Seine genealogischen Forschungen („Origines Guelficae“) brachten erst →Scheidt 1751-54 in vier Bänden und Jung 1780 in einem fünften heraus. Die Welfengeschichte selbst, die L. für die Zeit von 768 bis 1005 dargestellt hatte, wurde, da nach L.s Tod seine Auftraggeber jegliches Interesse an ihr verloren, erst von →G. H. Pertz aus dem hinterlassenen Manuskript herausgegeben (Annales Imperii occidentis Brunsvicenses, 3 Bde., 1843–46). Sollten diese Annalen vorrangig dem Ansehen des Hauses Braunschweig dienen, so begründete L. mit weiteren historischen Arbeiten die politischen Ansprüche der Welfen; so bereits 1677 mit dem wiederholt gedruckten „Caesarini Fürstenerii de jure suprematus ac legationis principum Germaniae“, der den Hannoveranern eine den Kurfürsten gleichrangige Souveränität und die Beteiligung an der europ. Politik und den Friedensverhandlungen sichern sollte, sowie mit Schriften, die wesentlich zur Erlangung der 9. Kurwürde beigetragen haben. Weiterreichende historische Interessen und methodische Innovationen verband L. mit Arbeiten zur Frühgeschichte der Erde anhand von im Harz gefundenen Fossilien, der „Protogaea“ (im Auszug 1693 in den „Acta Eruditorum“, vollständig erst 1749 erschienen), die er zusammen mit Schriften über den Ursprung der Germanen (1697) und der Franken (1715) seinen „Annales“ voranstellen wollte, sowie in der „Brevis designatio meditationum de originibus gentium ductis potissimum ex indicio linguarum“ (1710), in denen er vergleichende Sprachgeschichte und Etymologie als historische Hilfswissenschaften einsetzte. Überhaupt widmete L. den Sprachen als „Spiegel des Verstandes“ auch neben seinen erwähnten Intentionen zur Schaffung einer berechnenden und berechenbaren „lingua philosophica“ großes Interesse. Seine Studien zur Sprachenvergleichung gipfelten in Hypothesen über Ursprung und Verwandtschaft der Sprachen, die heutigen Auffassungen über die indogerman. Sprachfamilien nahekommen. Besonderes Gewicht legte er auf die Wortbildung und die Namenforschung, sah er doch in den Eigennamen, besonders in den geographischen, die ältesten Zeugnisse einer ursprünglichen Namengebung. Nach franz. Vorbild empfahl er die Anlage dreier Wörterbücher, eines für die Hochsprache, in doppelter (alphabetischer und sachlicher) Anordnung, eines für die Fachterminologien und schließlich eines für die Etymologie, entweder nach den heutigen Wortgestalten oder nach ihren Wurzeln angeordnet. Vier Bände Material für ein solches „Glossarium etymologicum“ liegen noch im Nachlaß. Obgleich sein Interesse auf die Pflege der deutschen Hochsprache gerichtet war und darauf, ihren Wortschatz ohne puristische Ambitionen zu reinigen und durch Wiedereinsetzung versunkener Wörter zu erweitern, legte er großen Wert auf die Erforschung der Mundarten. Hervorgehoben seien die heute noch unveröffentlichte „Epistolaris de historia etymologica dissertatio“ (um 1712) und die von J. G. Eckhart 1717 herausgegebenen „Collectanea|Elymologica“, die auch L.s „Unvorgreifliche Gedanken betreffend die Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache“ enthalten, mit denen er um die Jahrhundertwende den alten Plan zur Einrichtung einer „teutschgesinnten Gesellschaft“ wiederaufgriff.L. teilte früh das Interesse seiner Zeit für China. Als er 1689 in Rom →C. F. Grimaldi begegnete, einem Angehörigen der Jesuiten-Mission in China, faßte er in 30 Fragen zusammen, was er von der chines. Sprache, Kultur, Wissenschaft und Technik zu erfahren hoffte, angefangen bei der Schrift, über die Seidenraupen und den Ginseng bis zur Chirurgie, zur Kriegskunst und zum Bergbau. Mit weiteren Mitgliedern dieser Mission blieb er in regem Briefwechsel. Ungeduldig erwartete er die „Clavis Sinica“, die ihr Autor →A. Müller jedoch unvollendet vernichtete. 1697 und erweitert 1699 gab er als „Novissima Sinica“ eine informative Sammlung aktueller Briefe und Berichte heraus. Noch 1713 äußert er sich brieflich ausführlich über die natürliche Theologie der Chinesen.Im Auftrage des Hzg. →Ernst August hat L. zusammen mit Gerhard Molanus, dem Abt von Loccum, seit 1683 an Verhandlungen zur Reunion der christlichen Konfessionen teilgenommen. Auf kath. und kaiserl. Seite waren daran der Bischof von Wiener-Neustadt →Christóbal Rojas y Spinola und später dessen Nachfolger Franz Anton Gf. v. Buchhaim beteiligt. L. empfahl, die Disputationen zu beenden und sich der Autorität eines einzuberufenden, wirklich ökumenischen Weltkonzils zu unterwerfen. Unermüdlich verfaßte er Denkschriften und wechselte Briefe, so mit dem konvertierten Landgf. →Ernst von Hessen-Rheinfels, mit dem einflußreichen Bischof von Meaux, →J.-B. Bossuet, und mit →P. Pellisson-Fontanier. Letzterer ließ seinen Briefwechsel mit L. unter dem Titel „De la tolérance de la religion“ 1691 erscheinen und wiederholt auflegen. Insgesamt blieben diese Bemühungen ohne Ergebnis, sie paßten letztlich nicht in das Konzept der großen Politik. Resignierend hielt L. sein wohl 1686 vom Standpunkt eines Katholiken verfaßtes „Examen religionis christianae“, das seit 1820 in deutscher Übersetzung als „System der Theologie“ bekannt wurde, zurück. Erfolgreicher waren, wenn auch nicht mehr zu seinen Lebzeiten, die mit dem Berliner Prediger →D. E. Jablonski seit 1698 geführten Gespräche zur Union der luth. und ref. Kirchen in Preußen.L.s politisches und diplomatisches Wirken blieb überhaupt durch Stand und Stellung beschränkt auf Beratung und Publizistik. Trotz großem Einsatz und selbstlosen Ambitionen blieb es weit hinter seinen wissenschaftlichen Leistungen zurück, bedingt nicht zuletzt durch die politischen Kräfteverhältnisse und divergierenden Partikularinteressen. L. stellte immer wieder die Situation des Reiches dar und erwog, wie die Politik Ludwigs XIV. durch Allianzen zu schwächen sei, wie aber auch durch Frieden mit Frankreich die Kräfte gegen die anstürmenden Türken freigesetzt werden könnten. Der 1684 anonym erschienene „Mars Christianissimus“ ist eine leidenschaftliche Satire gegen die Aggressionspolitik des Sonnenkönigs. Weitere Denkschriften galten dem span. Erbfolgestreit und der Anwartschaft seiner Gönnerin, der Kfn. →Sophie auf die engl. Thronfolge, die ihr Sohn →Georg Ludwig 1714 auch antrat. L.s Gedanken zur Prinzenerziehung, die er direkt am preuß. und sächs. Hof geltend zu machen versuchte, blieben ohne Wirkung. In zahllosen Entwürfen ließ er im Sinne seiner Definition des Staates als einer „großen Vergesellschaftung mit dem Zwecke der allgemeinen Sicherheit“ kaum etwas unberücksichtigt, was sein erfinderischer Geist als dem „allgemeinen Besten“ dienlich ansehen mußte, angefangen bei der Staatsverwaltung, dem Münz-, Währungs-, und Besoldungswesen, der Einrichtung einer Medizinalbehörde und eines statistischen Amtes, insbesondere auch der Einführung von öffentlichen Lebensversicherungen. Hinterbliebenenrenten und Armenkassen, sowie der Besteuerung oder Verstaatlichung bestimmter Handelszweige und Manufakturen und der Förderung gemeinnütziger Institutionen durch Lotterien bis hin zur Erörterung von Arbeitsplatzproblemen, die bereits damals die fortschreitende Ersetzung der Handarbeit durch Maschinen aufwarf. Er machte Vorschläge zur Einrichtung eines zentralen Reichsarchivs, und zum Abschluß eines Reichskonkordates zur Wahl der Bischöfe, aber auch solche praktischer Art, etwa zur Beleuchtung der Stadt Wien mit Rübsamenöl und zur Seidenraupenzucht als Finanzquelle für die Berliner Akademie In Italien stellte er 1689 unterwegs aus dem Gedächtnis eine umfassende Liste der zur Einrichtung einer Universalbibliothek benötigten Bücher zusammen. Er entwarf Fragebögen für die Missionare in China und später für Peter den Großen zur Erkundung fremder Sprachen und Kulturen, begriff als erster 1690 den Zusammenhang von Luftdruck und Wetter, entwarf auch 1702 das erste Aneroid-Barometer und sammelte Daten für ein magnetisches Modell der Erdkugel mit Eintragung der Abweichungen der Magnetnadel zur Bestimmung der Breitengrade auf See. Hier kann nur einiges genannt werden. Der Tag war ihm, wie er klagte, oft nicht lang genug, das, was ihm beim Aufwachen einfiel, auch nur aufzuschreiben.L. verstand sich als Autodidakt, als ein Vielleser mit Vorliebe für Lektüre, die den eigenen Gedanken genügend Raum läßt, stets mehr darauf bedacht, zu verwerten als zu verwerfen. Er war wohl die vielseitigste Gestalt der deutschen Geistesgeschichte im 17. Jh.; ein Gelehrter, dem nichts Wissenswertes fremd blieb, der aber nicht als Polyhistor das Wissen um des Wissens willen ansammelte, sondern es stets mit der Praxis verbinden wollte. Der Preis dieser Vielseitigkeit war Unruhe, wenn nicht Verzettelung, die ihren Grund in seinem Streben nach Positionen hatte, die ihm angemessene Möglichkeiten zur Verwirklichung seiner großen Pläne einräumten; denn trotz seines Ansehens in der Gelehrtenwelt blieb er stets in Abhängigkeiten, die ihn zur Rücksichtnahme, wenn nicht gar zur Untätigkeit zwangen, aus Angst, etwas zur Unzeit angegangen zu haben.Dennoch hat L. entscheidend in die Neuzeit hineingewirkt und hätte, wäre er nicht so sehr seiner Zeit voraus gewesen, das noch stärker tun können. Die wesentlichen Grundlagen der Computertechnik beispielsweise, so die Rechenmaschine – sogar die dyadische –, die Dyadik selbst, der infinitesimale und der logische Kalkül (Schaltalgebra), die Kombinatorik und die Wahrscheinlichkeitsrechnung, der Umgang mit Näherungswerten und nicht zuletzt die Charakteristik und Begriffsanalyse sind von ihm entdeckt oder entscheidend weiterentwickelt worden. Was L. zur Analyse der Sätze erfand, braucht man heute, um sie zu verschlüsseln (Gödelisierung). Bei aller Modernität vertrat L. noch – derartig umfassend wohl als Letzter – die Ideale der Scholastik, wenn er den Versuch machte, den Glauben, die Theologie in den Mittelpunkt zu stellen –, selbst die Mathematik will er nur um ihretwegen betrieben haben – einen Versuch, alles Wissen, alle Betätigung letztlich auf das Ziel der ewigen Glückseligkeit auszurichten. Wenn er auch das irdische Wohl darüber nicht geringschätzte, so sah er den Menschen doch stets als homo viator (Hochstetter), und er hat unermüdlich versucht, dieses Bewußtsein in seiner Zeit wach zu halten.L. verbreitete seine Gedanken mehr durch eine umfangreiche Korrespondenz – sie umfaßt über 15 000 Briefe an und von mehr als 1 000 über ganz Europa bis hin nach China verteilten Adressaten – als durch die gut 300 Schriften, die er oder seine Zeitgenossen größtenteils in Form von Aufsätzen und Rezensionen herausgaben. Diese vergleichsweise wenigen Publikationen machen nur einen Bruchteil dessen aus, was L., zumeist als Fragment, in die Schubladen verbannte. So wurde sein Werk zum größten Teil erst postum in einem immer wieder abgebrochenen und bis heute nicht abgeschlossenen Prozeß im Druck zugänglich gemacht, obgleich sein Nachlaß, der heute in der Niedersächs. Landesbibliothek in Hannover liegt, vorzügliche Aufschlüsse geben kann über die Werkstattarbeit eines großen Geistes. „Wenn es nach mir ginge“, hat →Lessing gesagt, „müßte L. nicht eine Zeile vergebens geschrieben haben“. Dennoch liegt eine Gesamtausgabe seiner Schriften und Briefe bis heute nicht vor. Ansätze dazu unternahmen →G. H. Pertz zusammen mit →C. L. Grotefend u. →C. I. Gerhardt (12 Bde., 1843–63, davon 4 Geschichte, 1 Philosophie u. 7 Mathematik), →O. Klopp (11 Bde., 1864–84, Hist.-polit. u. staatswiss. Schriften) und →A. Foucher de Careil (7 Bde., 1859–75). →L. Dutens faßte in seiner Ausgabe (Opera omnia, 6 Bde., 1768) das damals bereits Gedruckte, wenn auch nicht vollständig, so doch angereichert durch einige Briefwechsel aus den Originalen systematisch geordnet zusammen. Auch →J. E. Erdmann (Opera philosophica omnia, 1 Bd., 1840) erfüllte, trotz der Aufnahme von Inedita, diesen Anspruch bei weitem nicht. Erheblich darüber hinaus ging erst →C. I. Gerhardt (Die phil. Schriften, 7 Bde., 1875–90). Hinzu kamen vor allem →L. Couturat (Opusc. et fragm. inédits, 1903) und G. Grua (Textes inédits, 2 Bde., 1948), deren Schwerpunkte in der Logik bzw. in der Theologie und Jurisprudenz liegen. Die erste vollständige historisch-kritische Ausgabe ist die der Preuß. Akademie der Wissenschaften, heute Akademie der Wissenschaften der DDR, die von ihrer Arbeitsstelle in Berlin (Ost) zusammen mit dem Leibniz-Archiv der Niedersächs. Landesbibliothek Hannover und der Leibniz-Forschungsstelle der Univ. Münster, beide neuerdings unter Aufsicht der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, bearbeitet wird („Sämtliche Schriften und Briefe“, 1923 ff., bisher erschienen 19 Bde. in 7 Reihen, etwa ein Viertel des Gesamtumfangs). Die Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gesellschaft e. V. fördert mit internationalen Kongressen und Symposien und mit den „Studia Leibnitiana nebst „Supplementa“ die Erforschung seines Werks und seiner Wirkung.

3. Louise Henriette von Oranien-Nassau

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Loui­se Hen­ri­et­te von Ora­ni­en-Nas­sau war die ers­te Frau des Kur­fürs­ten Fried­rich Wil­helm von Bran­den­burg (1620-1688, Re­gie­rungs­zeit 1640-1688). Sie zeich­ne­te sich durch Fröm­mig­keit und Wohl­tä­tig­keit aus. Auch wirk­te sie als Kul­tur­mitt­le­rin zwi­schen den Nie­der­lan­den und Bran­den­burg-Preu­ßen. In ih­rem von Rei­sen ge­präg­ten Le­ben mach­te sie auch für ei­ni­ge Jah­re im Her­zog­tum Kle­ve Sta­ti­on, das zu Bran­den­burg-Preu­ßen ge­hör­te.

Ge­bo­ren wur­de sie am 7.12.1627 in Den Haag als Toch­ter des nie­der­län­di­schen Ge­ne­ral­statt­hal­ters Fried­rich Hein­rich von Ora­ni­en-Nas­sau (1584-1647) und sei­ner Gat­tin Ama­lia zu Solms-Braun­fels (1602-1675). Loui­se Hen­ri­et­te war nach ih­rem Bru­der Wil­helm II. (1626-1650) das zwei­te Kind der Statt­halt­er­fa­mi­lie. Ih­re Schwes­tern Al­ber­ti­ne Agnes (1634-1696), Hen­ri­et­te Ka­tha­ri­na (1637-1708) und Ma­ria (1642-1688) er­reich­ten als ein­zi­ge der sie­ben wei­te­ren Ge­schwis­ter das Er­wach­se­nen­al­ter. Loui­se Hen­ri­et­te wur­de in ei­ner Pha­se ge­bo­ren, in der die Ora­ni­er-Dy­nas­tie auf ei­ne en­ge Ver­flech­tung mit deut­schen Fürs­ten­tü­mern setz­te. So wur­den al­le vier Töch­ter mit deut­schen Fürs­ten ver­hei­ra­tet. Das Haus Ora­ni­en-Nas­sau, wel­ches seit dem spä­te­ren 16. Jahr­hun­dert ei­nen Be­deu­tungs- und Macht­zu­wachs er­lebt hat­te, woll­te sei­nen Ein­fluss wei­ter stei­gern und be­trieb da­her ei­ne of­fen­si­ve Hei­rats­po­li­tik. Da­bei er­wies sich Ama­lia zu Solms-Braun­fels in den Hei­rats­ver­hand­lun­gen ih­rer Kin­der als ge­schick­te Di­plo­ma­tin.

Auch bei der Ver­hei­ra­tung von Loui­se Hen­ri­et­te ver­folg­te Ama­lia am­bi­tio­nier­te Zie­le. Zu­nächst war kei­ne Ver­bin­dung mit den Ho­hen­zol­lern an­ge­strebt wor­den, son­dern der Hei­rat Loui­se Hen­ri­et­tes mit dem jun­gen Kur­fürs­ten Fried­rich Wil­helm gin­gen ge­schei­ter­te Ver­su­che vor­aus, sie hoch­ran­gig zu ver­hei­ra­ten. Ih­re ers­te Ver­lo­bung mit Hein­rich Ca­si­mir I. von Nas­sau-Diez (1612-1640) wur­de ge­schlos­sen, als Loui­se Hen­ri­et­te 13 Jah­re alt war. Hein­rich fiel je­doch 1640 in der Schlacht bei Hulst, und Loui­se Hen­ri­et­te mach­te sich Hoff­nun­gen, den fran­zö­si­schen Prin­zen Hen­ri Charles de La Tré­moil­le (1620-1672) zu ehe­li­chen, in den sie sich ver­liebt hat­te. Das wur­de ihr je­doch von ih­rer Mut­ter deut­lich un­ter­sagt. Auch Ver­hand­lun­gen, Loui­se Hen­ri­et­te mit dem eng­li­schen Thron­fol­ger Charles II. (1630-1685) zu ver­hei­ra­ten, schlu­gen fehl, da ei­ne sol­che Ver­bin­dung ei­ne dau­er­haf­te Ver­pflich­tung der Ora­ni­er ge­gen­über Eng­land be­deu­tet hät­te, wo­vor die­se je­doch zu­rück­schreck­ten. Die lan­gen Ver­hand­lun­gen mit Eng­land ver­lie­fen schlie­ß­lich im San­de, wo­hin­ge­gen sich die ver­han­deln­den Par­tei­en schnell ei­ni­gen konn­ten, als es um die Ehe­schlie­ßung zwi­schen dem bran­den­bur­gi­schen Kur­fürs­ten Fried­rich Wil­helm und der jun­gen Ora­nie­rin ging. Be­reits im Sep­tem­ber 1646 – man ver­han­del­te erst seit rund zwei Mo­na­ten − wur­de die an­ste­hen­de Hoch­zeit be­kannt ge­ge­ben. Nicht nur die eng­li­schen Ver­hand­lungs­teil­neh­mer wa­ren über die­se Wen­dung we­nig er­freut, auch Loui­se Hen­ri­et­te soll der Ver­bin­dung we­nig glück­lich ent­ge­gen­ge­se­hen ha­ben.

Die Hoch­zeit zwi­schen Loui­se Hen­ri­et­te und dem Kur­fürs­ten fand am 7.12.1646 statt, vor­ge­zo­gen we­gen der ernst­haf­ten Er­kran­kung des Va­ters der Braut. Loui­se Hen­ri­et­te blieb bis zum Ab­le­ben des Va­ters am 14.3.1647 in Den Haag. An­schlie­ßend zog das jun­ge Paar nicht di­rekt nach Ber­lin, son­dern nach Kle­ve und re­si­dier­te dort bis 1650.

 

Der Auf­ent­halt in Kle­ve hat­te po­li­ti­sche Grün­de, die die Prä­senz des Kur­fürs­ten­paa­res in ih­rem rhei­ni­schen Ter­ri­to­ri­um er­for­der­ten. Zum ei­nen lie­fen Bünd­nis­ver­hand­lun­gen mit der Re­pu­blik der Ver­ei­nig­ten Nie­der­lan­de. Der Kur­fürst er­hoff­te sich durch ein Bünd­nis mit den Ge­ne­ral­staa­ten ei­ne bes­se­re Ver­hand­lungs­po­si­ti­on beim West­fä­li­schen Frie­dens­kon­gress, um sei­ne An­sprü­che auf Pom­mern gel­ten zu ma­chen. Zum an­de­ren muss­te auch das Ver­hält­nis zwi­schen den kle­visch-mär­ki­schen Stän­den und dem bran­den­bur­gi­schen Lan­des­herrn aus­ge­lo­tet wer­den. Nach des­sen Klä­rung durch ei­nen Land­tags­ab­schied vom 9.10.1648 brach der Kur­fürst nach Ber­lin auf. Loui­se Hen­ri­et­te folg­te ihm kur­ze Zeit spä­ter mit dem im Mai des Jah­res ge­bo­re­nen Thron­fol­ger Wil­helm Hein­rich. Auf dem Weg nach Ber­lin er­fuhr Loui­se Hen­ri­et­te je­doch ei­nen schwe­ren Schick­sals­schlag: Der ein­jäh­ri­ge Wil­helm Hein­rich starb am 24.10.1648 in We­sel nach ei­ner kur­zen Krank­heit. Loui­se Hen­ri­et­te reis­te zu­rück nach Den Haag, um bei ih­rer Mut­ter Trost zu fin­den. Erst 1650 zog die Kur­fürs­tin in das re­no­vier­te Schloss in Cölln an der Spree.

Loui­se Hen­ri­et­tes Le­ben war von Um­brü­chen und vie­len Rei­sen ge­prägt. Die Ehe­schlie­ßung mit Fried­rich Wil­helm ent­wi­ckel­te sich für die Ora­nie­rin zu ei­ner glück­li­chen Part­ner­schaft. Die Kur­fürs­tin war Zeit ih­res Le­bens ei­ne wich­ti­ge Be­ra­te­rin und Stüt­ze ih­res Man­nes und ver­brach­te viel Zeit da­mit, ihn auf sei­nen Rei­sen zu be­glei­ten. Sie folg­te Fried­rich Wil­helm so­gar bis zu den Kriegs­schau­plät­zen des Nor­di­schen Krie­ges (1655-1660).

In der For­schung wur­de lan­ge die po­li­ti­sche Rol­le und be­ra­ten­de Funk­ti­on Loui­se Hen­ri­et­tes un­ter­schätzt. So ist ih­re Lei­tungs­funk­ti­on am kur­fürst­li­chen Hof in der herrscher­li­chen Re­prä­sen­ta­ti­on und hö­fi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on als be­son­ders er­folg­reich her­vor­zu­he­ben. Ot­to von Schwe­rin (1616-1679), spä­ter Ober­prä­si­dent der kur­fürst­li­chen Re­gie­rung, war bei­spiels­wei­se zu­erst als Hof­meis­ter für Loui­se tä­tig. Der Brief­wech­sel mit Schwe­rin bie­tet den wich­tigs­ten Quel­len­be­stand über den kur­bran­den­bur­gi­schen Hof in die­ser Zeit und die An­sich­ten der Kur­fürs­tin. In ih­ren Brie­fen be­rich­tet sie über ih­re Bau­vor­ha­ben für das Amt Büt­zow und die Ge­stal­tung des Schlos­ses Ora­ni­en­burg, wel­ches ihr der Kur­fürst 1650 ge­schenkt hat­te, aber auch über die Lie­be zum Kur­fürs­ten und zu ih­ren Kin­dern so­wie ih­ren gro­ßen Wunsch, mög­lichst viel Zeit mit der Fa­mi­lie ver­brin­gen zu dür­fen und ih­re Kin­der auf­wach­sen zu se­hen.

Loui­se Hen­ri­et­te ge­bar Fried­rich Wil­helm sechs Kin­der, von de­nen drei das Kin­des­al­ter über­leb­ten. Nach dem Tod des ers­ten Soh­nes und ei­ner fol­gen­den Fehl­ge­burt blieb die Thron­fol­ge für kur­ze Zeit, bis zur Ge­burt Karl Emils (1655-1674) und end­gül­ti­gen Ab­si­che­rung der Nach­fol­ge mit der Ge­burt Fried­richs (1657-1713, Re­gie­rungs­zeit 1688-1713), of­fen. Die Kur­fürs­tin tat sich als lie­ben­de Mut­ter her­vor, und be­son­ders der spä­te­re ers­te preu­ßi­sche Kö­nig, Fried­rich I., schätz­te sei­ne Mut­ter sehr. So be­rich­tet be­reits der Er­zie­her der Prin­zen, Ot­to von Schwe­rin, von der en­gen Bin­dung zwi­schen Mut­ter und Sohn. Fried­rich un­ter­strich die­se be­son­de­re Be­zie­hung lan­ge nach dem Tod sei­ner Mut­ter nach­hal­tig da­durch, dass er das Schloss Ora­ni­en­burg zum Ge­den­ken an die Mut­ter neu her­rich­ten ließ.

 

Loui­se Hen­ri­et­tes Ver­bin­dung zu ih­rer nie­der­län­di­schen Hei­mat und zum Nie­der­rhein war ei­ne Kon­stan­te in ih­rem Le­ben. So trieb sie den Kul­tur­trans­fer zwi­schen Bran­den­burg-Preu­ßen und den Nie­der­lan­den ma­ß­geb­lich vor­an. Sie ließ ab 1651 das Schloss Ora­ni­en­burg in Na­men und Stil zum An­denken an ih­re ora­ni­sche Her­kunft er­rich­ten. So er­hielt das Schloss 1663 das für die Nie­der­lan­de zeit­ge­nös­sisch ty­pi­sche Por­zel­lan­ka­bi­nett, wel­ches das ers­te sei­ner Art in Bran­den­burg war. Auch in den Be­rei­chen Gar­ten­bau, Land­wirt­schaft, Ar­chi­tek­tur und Kunst­po­li­tik nutz­te Loui­se Hen­ri­et­te die Ver­flech­tun­gen ih­rer Dy­nas­tie und be­rei­cher­te die Hei­mat ih­res Ehe­man­nes ent­schei­dend. Der von ihr an­ge­reg­te Aus­tausch war so­wohl nach­hal­tig als auch hoch­wer­tig, wie sich an den Ver­än­de­run­gen und In­no­va­tio­nen bei­spiels­wei­se des Am­tes Böt­zow und den von Loui­se Hen­ri­et­te nach nie­der­län­di­schem Vor­bild in­iti­ier­ten land­wirt­schaft­li­chen Neue­run­gen zeigt.

Über ih­re Ver­mitt­ler­tä­tig­keit hin­aus kon­zen­trier­te Loui­se Hen­ri­et­te sich vor al­len Din­gen auf ihr re­li­giö­ses Le­ben. Sie war ei­ne from­me re­for­mier­te Chris­tin. Wie auch in den Nie­der­lan­den und an­de­ren re­for­mier­ten Ge­bie­ten üb­lich, stif­te­te Loui­se Hen­ri­et­te ein Wai­sen­haus in Ora­ni­en­burg, das 1665 im We­sent­li­chen fer­tig­ge­stellt war. Sie setz­te sich auch für die Rech­te der Re­for­mier­ten in den bran­den­bur­gi­schen Ter­ri­to­ri­en ein. Dies hängt un­ter an­de­rem mit der Prä­des­ti­na­ti­ons­leh­re des re­for­mier­ten Glau­bens und den dar­aus re­sul­tie­ren­den An­sprü­chen an das ir­di­sche Le­ben der Gläu­bi­gen zu­sam­men. Nicht zu be­stä­tig­ten ist je­doch die lan­ge ge­heg­te Ver­mu­tung, Loui­se Hen­ri­et­te sei die Au­to­rin ei­ni­ger cal­vi­nis­ti­scher Kir­chen­lie­der ge­we­sen.


Loui­se Hen­ri­et­te folg­te ih­rem Mann 1665 ein wei­te­res Mal in das Rhein­land, aber­mals hat­te der Auf­ent­halt des Kur­fürs­ten­paa­res po­li­ti­sche Grün­de. Die geo­gra­phi­sche La­ge der Be­sit­zun­gen und die mi­li­tä­ri­schen Ka­pa­zi­tä­ten des Kur­fürs­ten wa­ren für den Nie­der­län­disch-Eng­li­schen See­krieg (1665-1667) mit Be­tei­li­gung des Fürst­bis­tums Müns­ter auf der Sei­te Eng­lands von Be­deu­tung. Die je­wei­li­gen Kon­flikt­par­tei­en ver­such­ten in Kle­ve, den Kur­fürs­ten für ih­re Sei­te zu ge­win­nen. Doch die­ser führ­te durch sein ver­mit­teln­des Ein­grei­fen den Frie­den her­bei, der am 18.4.1666 in Kle­ve ge­schlos­sen wur­de. Wäh­rend der Ver­hand­lungs­zeit in der nie­der­rhei­ni­schen Re­si­denz­stadt war Loui­se Hen­ri­et­te vor al­lem in das re­prä­sen­ta­ti­ve und kom­mu­ni­ka­ti­ve Ge­sche­hen mit aus­län­di­schen Ge­sandt­schaf­ten ein­ge­bun­den, wel­che zu den Bünd­nis- und Frie­dens­ver­hand­lun­gen aus ganz Eu­ro­pa in das Rhein­land ge­kom­men wa­ren. 

Loui­se Hen­ri­et­tes Wunsch, ih­re Kin­der wei­ter auf­wach­sen zu se­hen, ging nicht in Er­fül­lung. Tief be­trau­ert von ih­rem Gat­ten, ih­ren Kin­dern und dem Hof­staat, starb sie am 18.6.1667 in (Ber­lin-)Cölln im Al­ter von nur 39 Jah­ren an Schwind­sucht (Tu­ber­ku­lo­se). Ihr Grab be­fin­det sich in der Ho­hen­zol­lern-Gruft im Ber­li­ner Dom. 

Die Ora­nie­rin blieb weit über ih­ren Tod hin­aus nicht nur als Mut­ter des ers­ten preu­ßi­schen Kö­nigs im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis le­ben­dig. Be­son­ders in Stadt und Schloss Ora­ni­en­burg, wo auf dem Schloss­vor­platz seit 1858 ihr le­bens­gro­ßes Stand­bild, ge­schaf­fen von Wil­helm Wolff (1816-1887), steht, wird die Er­in­ne­rung an ih­re Grün­de­rin und „Na­mens­pa­tro­nin“ in­ten­siv ge­pflegt. Im nie­der­rhei­ni­schen Mo­ers, das 1701/1702 aus ih­rem Er­be an Preu­ßen fiel, ist Loui­se Hen­ri­et­te seit 1904 durch ih­re mar­kant vor dem Schloss er­rich­te­te Sta­tue – ein Werk des Bild­hau­ers Hein­rich Bau­cke (1875-1915) – prä­sent. Loui­se Hen­ri­et­te ist al­ler­dings nie in Stadt und Graf­schaft Mo­ers ge­we­sen.

Seit der Jahr­tau­send­wen­de rück­te die Kur­fürs­tin auch als ei­gen­stän­di­ge Per­son in das Blick­feld der in­ter­es­sier­ten Öf­fent­lich­keit und ge­wann im Rah­men der Gen­der- und Frau­en­for­schung wis­sen­schaft­li­che Auf­merk­sam­keit. Die Ora­nie­rin blieb zeit ih­res Le­bens stets mit ih­ren nie­der­län­di­schen Wur­zeln ver­knüpft; es ge­lang ihr durch eben die­se Ver­bin­dung, die sich nicht zu­letzt auch auf den nie­der­rhei­ni­schen Raum er­streck­te, nach­hal­tig emo­tio­na­len und po­li­ti­schen Ein­fluss auf ih­ren Ehe­mann zu neh­men. 

4. Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich

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Als M. 1717 geboren wurde, war noch nicht vorauszusehen, daß sie einmal Erbin der Monarchie des Hauses Österreich werden würde. Daher ist sie keineswegs zur künftigen Herrscherin erzogen worden. Bemerkenswert ist, daß sie und ihre Schwester →Maria Anna – der Unterricht erfolgte wegen des geringen Altersunterschieds gemeinsam – in Mathematik von dem bedeutenden Geometer und Astronomen →Joh. Jakob Marinoni, in Geschichte und Latein von dem gelehrten Reichs- und Hofhistoriographen →Gottfried Wilhelm Spannagl unterrichtet wurden. Es ist daher nicht verwunderlich, daß die erhaltenen Unterrichtshefte eine stark „ghibellinische“, antikuriale Tendenz zeigen. Außer Latein und Deutsch – das M. zeitlebens mit starker wienerischer Färbung sprach und schrieb – lernten die Prinzessinen Spanisch, Italienisch und Französisch. Großer Wert wurde am Wiener Hof auf die Musik gelegt. Die Texte der Opern und Arien, aber auch der von den Erzherzoginnen wie dann von den Kindern M.s bei Festen, Namens- und Geburtstagen der Eltern vorzutragenden Gedichte lieferte der „Poeta Cesareo“ →Pietro Metastasio, der angesehenste ital. Dichter seiner Zeit, der insgesamt 52 Jahre, darunter die gesamte Regierungszeit M.s, in Wien lebte. Im Sommer 1735 wurde sein Werk „Le grazie vendicate“ von M., →Maria Anna und der Erzieherin der Erzherzoginnen, der von M. „Mami“ oder „Fuchsin“ genannten Karoline Gfn. Fuchs (die M. als einzige nicht zur kaiserl. Familie gehörende Person in der Kaisergruft beisetzen ließ), aufgeführt. Bei ihrer eigenen großen Kinderschar hat M. dann diese Tradition fortgeführt und darauf bestanden, daß die Söhne alle mindestens Violine und Klavier, die Töchter Klavier und Gesang lernten. Für das Spiel entwickelte M. als junge Frau eine starke Leidenschaft, verbrachte viele Abend- und Nachtstunden am Spieltisch und verspielte gelegentlich auch höhere Geldsummen.

Am 19.4.1713, schon vier Jahre vor M.s Geburt, hatte →Karl VI. das Hausgesetz der „Pragmatischen Sanktion“ erlassen, durch das für immer „indivisibiliter ac inseparabiliter“ die Vereinigung aller Länder und Herrschaften des Hauses Österreich konstituiert wurde. Die Töchter →Karls VI. gingen demnach in der Erbfolge denen des Bruders Kaiser →Joseph I. vor. Dadurch erhielt die Frage der Vermählung der künftigen Erbin der österr. Monarchie eine entscheidende Bedeutung für die europ. Politik. Während einer Annäherung der Höfe Wien und Madrid wurde zunächst die Eheschließung mit dem zweiten Sohn →Philipps V. von Spanien, dem späteren Kg. →Karl III. von Spanien, in Erwägung gezogen. Gegen eine Verbindung mit dem dadurch übermächtig werdenden Haus Bourbon wandten sich die „Seemächte“ Großbritannien und die niederländ. Generalstaaten, denen gegenüber sich →Karl VI. gegen die Anerkennung der „Pragmatischen Sanktion“ 1730 verpflichtete, die Hand seiner erstgeborenen Tochter nur einem Prinzen von geringerer Macht zu geben. Damit stiegen die Aussichten eines anderen Prätendenten, der zudem bereits das Herz M.s und als Jagdgefährte die Sympathie ihres Vaters errungen hatte: →Franz Stephan, Sohn und Erbe des Herzogs →Leopold von Lothringen. Allerdings mußte nach dem für Österreich unglücklichen Ausgang des „Poln. Thronfolgekriegs“ (1733-35) und gemäß den Bestimmungen des diesen Krieg beendigenden Wiener Präliminarfriedens der junge Herzog von Lothringen, gleichsam als Gegenleistung für die Hand der Erbin der österr. Monarchie, auf sein eigenes Stammland verzichten und sich mit dem Versprechen der Großmächte begnügen, daß er als Ersatz nach dem Tod des letzten Medici (→Gian Gastone) das Großherzogtum Toskana erhalten würde. Am 7.7.1737 starb →Gian Gastone. →Franz Stephan weilte nur ein einziges Mal und nur für etwas mehr als drei Monate – vom 19.1. bis zum 28.4.1739 – mit M. in der Toskana.

Der unerwartete Tod →Karls VI. am 20.10.1740 machte seine erst 23jährige älteste Tochter zur Erbin der Monarchie und stürzte sie in einen Kampf auf Leben und Tod um die Erhaltung ihres Erbes gegen eine übermächtig erscheinende Koalition ihrer Gegner Preußen, Bayern, Sachsen, Frankreich und Spanien. In diesem acht Jahre – mit zwei Sonderfriedensschlüssen mit Preußen – währenden Österr. Erbfolgekrieg hat die junge „Königin von Ungarn“ eine ganz Europa in Staunen versetzende Energie und Standhaftigkeit bewiesen und ihr väterliches Erbe bewahrt – mit Ausnahme von Schlesien, das sie an ihren großen Gegenspieler Kg. →Friedrich II. von Preußen abtreten mußte. Außerdem erreichte sie das ihr so wichtige Ziel, daß ihr Gemahl nach dem Tod des wittelsbach. Schattenkaisers →Karl VII. mit den Stimmen der Mehrheit der Kurfürsten gewählt und am 4.10.1745 als →Franz I. zum Kaiser des Hl.Röm. Reiches gekrönt wurde. Man hat diese Erfolge in der österr. Geschichtsschreibung zu einer Art Gegenstück zum „friderizianischen Mythos“ aufgebaut und dabei vielfach übersehen, daß auch für die junge M. die Politik schon die Kunst des Möglichen war: Dreimal war sie während des Österr. Erbfolgekriegs – gewiß gedrängt von ihren brit. Verbündeten – zu einem Sonder-Arrangement mit ihrem gefährlichsten Gegner, dem Preußenkönig, bereit – in der Konvention von Klein-Schnellendorf (9.10.1741), im Frieden von Breslau (11.6.1742) und Berlin (28.7.1742), der den „Ersten Schles. Krieg“ beendete, und schließlich – nun endgültig für diesen Krieg – im Dresdener Frieden vom 25.12.1745, während der Erbfolgekrieg gegen Frankreich und dessen Verbündete noch fast drei Jahre in Italien und den Niederlanden fortdauerte (bis zum Frieden von Aachen vom 18.10.1748).

Schon nach dem Dresdener Frieden, bis zu dem M., wie sie selbst im Rückblick schrieb, „herzhaft agieret, alles hazardieret und alle Kräfte angespannt“ hatte, wandte sie ihre „Gedenkensart … allein auf das Innerliche deren Länder“. Damit begann, nach einigen schon vorher unter dem Druck der zwingenden Not durchgeführten, vor allem das Heerwesen betreffenden Reformen, das große Werk der „Theresianischen Staatsreform“. Ihr entscheidender Helfer war dabei →Friedrich Wilhelm Gf. Haugwitz, eine Entdeckung ihres Gemahls, der überhaupt in der Auswahl ihrer und seiner Mitarbeiter – vielleicht, weil er selbst wenig Ehrgeiz und Arbeitseifer besaß – eine besonders glückliche Hand hatte. Der Anteil, den →Franz Stephan selbst an dem Zustandekommen und der Durchsetzung der großen Staatsreform hatte, ist bei dem innigen Einvernehmen der Ehegatten und dem bewußten Zurücktreten des Kaisers gegenüber seiner Gemahlin in allen ihre Erbländer betreffenden Angelegenheiten sehr schwer abzuschätzen, dürfte aber vermutlich größer gewesen sein, als man gemeinhin annimmt. Die Staatskanzlei wurde verselbständigt, der Reichshofrat gestrafft, eine umfassende Neuordnung der allgemeinen Besteuerung angebahnt. Durch die Reform des Staatsapparats wurde in den Erblanden das landständische Element zurückgedrängt; Mittel- und Kreisinstanzen wurden geschaffen, das Justizwesen wurde reformiert, die Erstellung eines allgemeinen Katasters diente einer effektiveren Wirtschafts- und Finanzpolitik. Um die Heeresreform machten sich besonders →Leopold v. Daun, →Karl v. Lothringen und →Joseph Wenzel v.Liechtenstein verdient.

M.s religiöse Überzeugungen und ihre Kirchenpolitik waren hauptsächlich bestimmt von einem starken Gottvertrauen, wurzelnd in Tradition und Praxis des österr. „Barockkatholizismus“ in der durch die Gegenreformation erfolgten Prägung. Daneben wirkten bei der Tochter einer ev. Konvertitin die seit dem Span. Erbfolgekrieg am Wiener Hof verstärkten antikurialen Tendenzen, „reformkatholische“ Strömungen im Sinne →Muratoris und der kath. Aufklärung (die ihr durch ihren Gemahl, durch ihren Leibarzt, den „christlichen Philosophen“ →Gerard van Swieten, und durch →Kaunitz vermittelt wurden), merkantilistische und utilitaristische Überlegungen (Einschränkung der Zahl der Feiertage, der Wallfahrten und des kirchlichen Prunks, Pläne der Heranziehung des reichen Klostervermögens zur Einrichtung neuer Pfarren usw.), schließlich, besonders nach dem Tod ihres Gemahls, der Einfluß ihres geistlichen Gewissensrates Propst →Ignaz Müller, des „jansenistischen Sauertopfs“ (→J. B. Alxinger). Der mit den Jahren zunehmende jansenistische Rigorismus kam etwa in der Forderung an ihre Kinder zum Ausdruck, in ihren Residenzen keine Darstellungen von „Nuditäten“ zu dulden, in der Schaffung einer „Keuschheitskommission“ und der unerbittlichen Strenge gegenüber wirklicher oder angeblicher „Unsittlichkeit“. Ihre schweren Herzens aus Rücksicht auf die Familienbande mit den bourbon. Höfen gegebene Zustimmung zur Aufhebung des Jesuitenordens offenbart ihre Gewissensqualen in einer sich ändernden Welt ebenso wie dann am Ende ihres Lebens ihre beharrliche Weigerung, in den böhm.-österr. Erblanden den Nicht-Katholiken bürgerliche Toleranz zu gewähren, was den letzten schweren Konflikt mit ihrem Sohn und Mitregenten →Joseph verursachte.

Standhaftigkeit und Zähigkeit hat M. auch in ihrem Festhalten an dem von ihrem Staatskanzler →Wenzel Anton Graf (später Fürst) Kaunitz-Rietberg aufgebauten neuen System des Wechsels der Allianzen, der „diplomatischen Revolution“ des Jahrhunderts, des gegen Preußen gerichteten Bündnisses mit Frankreich und Rußland (1757), bewiesen. Allerdings brachte diese Politik im Siebenjährigen Krieg (1756–63) trotz aller Opfer und Anstrengungen dann doch nicht die ersehnte Rückgewinnung Schlesiens und eine Zurückdrängung des verhaßten Preußenkönigs auf den Rang eines „Markgrafen von Brandenburg“. Doch hat die im Sinne des Rationalismus des Aufklärungszeitalters von →Kaunitz meisterhaft gehandhabte Außenpolitik das seit dem letzten unglücklichen Regierungsjahrzehnt →Karls VI. tief gesunkene Ansehen Österreichs im europ. Staatensystem wieder auf jene Höhe gehoben, die es nach den glänzenden militärischen und staatsmännischen Erfolgen des Prinzen Eugen von Savoyen eingenommen hatte, wie M. überhaupt als die konsequente Fortsetzerin jener Politik der staatlichen Festigung und inneren Konsolidierung gelten kann, die Prinzen →Eugen eingeleitet und deren Weiterführung er empfohlen hatte.

Ein Vergleich der staatlichen Entwicklung in Österreich und in Preußen läßt die Unterschiede wie die Parallelen erkennen, wobei die Parallelen in den geschichtlichen und sozialen Voraussetzungen in beiden Staatswesen immer deutlicher erkennbar werden. Sie legt aber auch den Blick frei für die anderen Elemente und Einflüsse, die das theresianische Österreich und seine Kultur geformt haben, so vor allem jene aus Lothringen. Frankreich und Italien, die man früher im Zeichen der einseitigen Fixierung auf den preuß.-österr. Gegensatz wohl zu gering bewertet hat. Unstrittig ist, welche Rolle das preuß.Beispiel bei der großen theresianischen Behörden- und Staatsreform gespielt hat, zumal →Friedrich aus dem vom Krieg heimgesuchten eroberten Schlesien mit dem von seinem Vater ererbten Verwaltungssystem weit mehr an Steuern herausholte, als bisher die schwerfällige ständische Verwaltung. Diese Feststellung schmälert weder das Verdienst des Grafen →Haugwitz, der das preuß. Vorbild durchaus schöpferisch und eigenständig auf die viel komplizierteren österr. Verhältnisse übertrug, noch die Bedeutung der großen theresianischen Staatsreform. Zuerst erprobte →Haugwitz das neue Verwaltungs- und Steuersystem in dem österr. gebliebenen Teil Schlesiens und führte es dann 1747 in Krain und Kärnten ein. Unter Verwendung der dabei gemachten Erfahrungen wurde das neue System dann im Laufe des Jahres 1748|ausgearbeitet, von Haugwitz in Verhandlungen mit den Ständen der einzelnen Länder durchgesetzt und im folgenden Jahr mit dem Handschreiben vom 2.5.1749 in den deutschen Erbländern, also in dem zum Hl. Röm. Reich gehörigen Teil der österr. Monarchie eingeführt.

Die Bedeutung dieser theresianischen Staatsreform von 1749 ist auch dadurch nicht geschmälert worden, daß in der großen Krise des Siebenjährigen Krieges das zu einer Art „Superministerium“ übermäßig angeschwollene „Directorium in publicis et cameralibus“ (das Gegenstück zum preuß.„Generaldirektorium“), das mit Ausnahme von Justiz, Außenpolitik und Heerwesen für alle Gebiete des öffentlichen Lebens zuständig war, also die Funktionen eines Innen-, Finanz-, Wirtschafts-, Unterrichts-, Bauten- und Gesundheitsministeriums erfüllte, wieder in die Böhm.-Österr. Hofkanzlei als oberste Verwaltungsbehörde und die Hofkammer als oberste Finanzbehörde geteilt wurde und im „Staatsrat“ eine neue, zur Beratung und Entlastung des Herrschers bestimmte Ratsbehörde entstand. Die beiden entscheidenden Neuerungen der großen Staatsreform, die Verschmelzung der böhm.-österr.Ländergruppe zu einem zentralistisch-bürokratischen Einheitsstaat und die Ausschaltung der Landstände aus der politischen wie aus der Finanzverwaltung, blieben erhalten. Auf diesem für das Staatsleben zentralen Gebiet ebenso wie auf vielen anderen sind unter M. Grundlagen geschaffen worden, die für Österreich bis zum Zerfall der Monarchie – ja in mancher Hinsicht noch darüber hinaus in allen „Nachfolgestaaten“ bis zur Gegenwart – maßgeblich geblieben sind. Denn mit welchem Lebensgebiet auch immer man sich in der neueren Geschichte Österreichs beschäftigt – mit der Verwaltung, der Finanz- und der Wirtschaftspolitik, dem Schul- und dem Heerwesen, der Rechtspflege und dem Gesundheitswesen –, immer kommt man zu dem Ergebnis, daß die entscheidenden Reformen und Einrichtungen auf die Regierungszeit der großen Herrscherin zurückgehen.

Um so bemerkenswerter ist es, daß M. neben dieser gewaltigen, gegen die Beharrungskraft und Widerstände jahrhundertealter Traditionen und geheiligter Privilegien durchgeführten Reformarbeit, neben dem Kampf um die Erhaltung ihres Erbes und den Sorgen um den Lauf der europ. Politik noch Zeit fand, ihrem Gatten eine vorbildliche liebende Gemahlin zu sein, sechzehn Kinder zur Welt zu bringen und sich auch noch um deren Erziehung zu kümmern. Drei von ihnen – →Joseph II., →Leopold II. und →Maximilian Franz, der letzte Kurfürst von Köln – wurden hervorragende, vielfach ihrer Zeit vorauseilende Herrscher. Aber auch von ihren Töchtern haben sich zumindest zwei – die energische Königin von Neapel-Sizilien, →Maria Karolina, sowie ihre Lieblingstochter →Marie Christine als Generalstatthalterin der Österr. Niederlande – durchaus bewährt, und selbst die unglückliche →Marie Antoinette hat vor ihrem Tod unter der Guillotine gezeigt, daß sie in Haltung und Tapferkeit eine würdige Tochter der großen Kaiserin war. Gewiß war die schon in so jungen Jahren zum Tragen schwerer Verantwortung berufene M. gewohnt, zu herrschen und zu befehlen. Mit zunehmendem Alter und nach dem Tod ihres Gemahls wurde sie bis zu einem gewissen Grad auch herrschsüchtig. Den gewinnenden Eindruck, den sie 1745 bei der Kaiserkrönung ihres Gemahls gemacht hat, schildert →Goethe nach Augenzeugenberichten der älteren Generation in „Dichtung und Wahrheit“, und neben den zahlreichen Anekdoten enthüllen M.s Briefe, voran jene an ihre an fremde Höfe verheirateten Töchter, eine solche Unmittelbarkeit, Herzlichkeit und Klarheit und einen so natürlichen, praktischen Hausverstand, daß man eine Ahnung bekommt von dem Zauber, der zeitlebens von dieser Frau ausging. Allerdings darf man sich von den vielen Zeugnissen für das glückliche, fast bürgerliche Familienleben des Kaiserpaares, von den reizenden Brautbriefen der jungen Erzherzogin an den mit Koseworten überhäuften Bräutigam nicht den Blick verstellen lassen für M.s starkes, religiös verankertes Pflichtbewußtsein. Sie hat nicht nur während des Frühstücks Akten erledigt, sondern sie ist auch, besonders in den letzten Lebensjahren, oft mitten in der Nacht aufgestanden und hat sich an ihren Schreibtisch zur Arbeit gesetzt, als genügte der randvoll ausgefüllte Arbeitstag nicht, um ihr Gewissen, ihr Pflichtgefühl und Verantwortungsbewußtsein gegenüber Gott und ihren Untertanen zu beruhigen, und in ihren Briefen und Schriften findet sich manche überraschende Klage über die eigene Unzulänglichkeit, über Fehler und Versäumnisse und ganz allgemein über „die unglückliche Zeit meiner Herrschaft“. Sie hat sich das Leben und das Herrschen nicht leicht gemacht und schwer unter der Last ihrer Verantwortung getragen; in ihrem stark ausgeprägten Pflichtbewußtsein war sie ihren Söhnen Vorbild.

Pflichtbewußtsein und Verantwortungsgefühl waren wesentliche Antriebe für ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik, für die Reformen auf dem Gebiet des Justiz-, Sanitäts- und Schulwesens, besonders auch für ihre vielfach zu Unrecht kritisierte Kirchenpolitik, aber etwa auch für den – wenn auch schließlich vergeblichen – Widerstand, mit dem sich ihr Rechtsgefühl und ihre politische Weitsicht dem Drängen ihres Sohnes →Joseph und ihres Staatskanzlers →Kaunitz zur Ersten Teilung Polens 1772 widersetzten. In seelischer Not und Gewissensqual ließ sich die alt und schwach gewordene Frau von ihrem Sohn und ihrem Staatskanzler auch die Zustimmung zu einem vierten Waffengang mit dem Preußenkönig, zum Kampf um das bayer. Erbe 1778/79, abringen und bemühte sich dann, den ohne große Schlachtentscheidung sich hinschleppenden, im Volksmund „Kartoffelkrieg“ oder „Zwetschgenrummel“ genannten Bayer. Erbfolgekrieg sogar dadurch abzukürzen, daß sie hinter dem Rücken ihres bei der Armee in Böhmen weilenden Sohnes mit dem preuß.Gegner in Verbindung trat. Die ständigen Konflikte mit →Joseph, die Selbstvorwürfe und Gewissenszweifel haben – zusammen mit den zunehmenden Altersbeschwerden – im letzten Lebensabschnitt auch die in ihrer Jugend so bewundernswerte Energie und Entschlußfreudigkeit beeinträchtigt, obwohl die herrschgewohnte „Kaiserin-Wittib“ ihre oftmals geäußerte Absicht, →Joseph die Alleinherrschaft zu überlassen und sich nach Tirol zurückzuziehen, bis zuletzt nicht verwirklicht hat.

5. Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel

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Biografie:

Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel wirkt als Regentin, Mäzenin und Komponistin. Die kunstliebende Musikerin wird durch ihre Heirat mit Ernst August II. Konstantin Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach zur Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach.

Anna Amalia wird am 24. Oktober 1739 in Wolfenbüttel geboren. In ihrer Kindheit bekommt Anna Amalia schon früh Instrumentalunterricht und lernt Cembalo, Klavier, Flöte, Gitarre und Harfe. Ihre Biographie ist in drei große Abschnitte zu unterteilen, in denen sie Einfluss auf das intellektuelle Leben ihres Landes nimmt: als Regentin (1759-1775), als Begründerin des Weimarer »Musenhofes« (bis zur italienischen Reise 1788) und später als Erhalterin ihres Lebenswerkes.

Während ihrer Regentschaft finden neben den repräsentativen öffentlichen Konzerten am Hof auch private Musikabende im kleinen Kreis statt. Zwar gibt es Einschränkungen durch finanzielle Sparmaßnahmen, beispielsweise die Verkleinerung der Hofkapelle, jedoch ist Musik immer Bestandteil am Hof in Weimar. Nach dem ihr Sohn Carl August 1775 die Regentschaft des Herzogtums übernimmt, kann sich Anna Amalia ihren privaten Interessen widmen. So versammelt sie in dieser Zeit einen Kreis aus Künstlern, Schriftstellern und Gelehrten verschiedener Bereiche der Kunst und Wissenschaft um sich, mit denen sie sich regelmäßig zum Austausch trifft. Obwohl sie zwar nicht beteiligt ist an der Berufung von Schiller, Goethe und Herder nach Weimar, ist die kulturelle und musikalische Blütezeit Weimars im späten 18. Jahrhundert auf Anna Amalia zurückzuführen.

Neben der Komposition von verschiedenen Instrumental- und Vokalwerken, wobei hier die Vertonung von Goethes »Erwin und Elmire« aus dem Jahr 1776 sowie »Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern« (1778) hervorzuheben sind, widmet sie sich auch theoretischen Schriften über Musik. So sind zwei Abhandlungen Anna Amalias überliefert, zum einen die musiktheoretische Schrift und zum anderen eine musikästhetische Überlegung mit dem Titel »Gedanken über Musik«. Auch ist die Verbreitung der Gitarre im deutschen Raum teilweise auf Anna Amalia zurückzuführen, da diese eine Gitarre aus Italien mitbringt, Kopien vom Gitarrenbauer Johann Jacob Otto anfertigen liest, um sie wiederum anderen Adligen zu überlassen, welche die Gitarre in Dresden, Berlin und Leipzig einführen. Nach 1790 verzichtet Anna Amalia auf öffentliche Auftritte am Hof und tritt lediglich im privaten Kreis auf.

6. Johann Sebastian Bach

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B. besuchte die Lateinschule seiner Vaterstadt unter dem Kantor A. Ch. Dedekind. Hier erhielt er traditionsgemäß in der Kantorei und Kurrende - wie an derselben Schule einst →Martin Luther - die erste Unterweisung im Kirchengesang und in den Elementen der Musik. In der väterlichen Stadtpfeiferei erlernte er, wiederum traditionsgemäß, die ersten Griffe der Bläser- und Geigerkunst. Vom →Oheim Johann Christoph B. (s. 2), der Organist an der Georgenkirche und ein namhafter Komponist war, empfing er nachhaltige Eindrücke von Orgel- und Kirchenmusik.

Nach dem frühen Tod der Eltern kam B. nach Ohrdruf zu seinem Bruder Johann Christoph (1671–1721), der eine dreijährige Lehre bei dem hervorragenden fränkischen Meister der Orgel J. Pachelbel (1653–1706) in Erfurt durchgemacht hatte, bevor er 1689 Organist in Erfurt, Arnstadt und Ohrdruf wurde. In der Ohrdrufer Lateinschule wurde B. in der Reihe der älteren „Novitii“ als Primus aufgenommen und trug in der Kantorei und Kurrende, wie schon in Eisenach, zu seinem Lebensunterhalt bei. Der Bruder vermittelte ihm die bedeutende Kunst Pachelbels im Orgel- und Klavierspiel und in der Komposition. Wegen der Enge des Raumes im Hause des Bruders wurde B. durch den Ohrdrufer Kantor E. Herda, einen ehemaligen Schüler der St. Michaelisschule in Lüneburg, an den dortigen Kantor empfohlen. So kam er, zusammen mit seinem Ohrdrufer Mitschüler G. Erdmann aus Leina, 1700 nach Lüneburg als Alumnus des Michaelisklosters. In Lüneburg wirkten die beiden Thüringer Meister G. Böhm und J. J. Löwe als Organisten. Eine Reise nach Hamburg brachte B. die hanseatische Orgelmusik und Orgelbaukunst nahe. Der greise Hamburger Orgelmeister J. A. Reinken, dem er vorspielte, bezeugte ihm die Beherrschung der alten niederländischen Orgelkünste. An der Lüneburger Ritterakademie lag der Musikunterricht des jungen Adels in den Händen eines französischen Tanzmeisters, der zugleich Geiger an der Hofkapelle im nahen Celle war. Durch ihn lernte B. die zeitgenössische Instrumental-, Ballett- und Opernkunst Frankreichs kennen. 1703 wurde er an die Privatkapelle Herzog Johann Ernsts von Weimar, im gleichen Jahr als Organist nach Arnstadt verpflichtet. Von hier aus unternahm der Lernbegierige eine Fußreise nach Lübeck zu D. Buxtehude, dem Meister der Orgel von St. Marien. Von Arnstadt kam B. als Organist nach Mühlhausen, von wo er 1708 nach Weimar zurückkehrte, um die Stelle eines Hoforganisten und Kammermusikers zu bekleiden. Es waren die Jahre seiner ersten Meisterschaft mit dem Schwerpunkt des Schaffens in der Orgelmusik neben geistlichen Konzerten (Kirchenkantaten) und einer ausgebreiteten Lehrtätigkeit im Orgelspiel und in der Komposition. Besonders fruchtbar wirkte sich die Zusammenarbeit mit dem Weimarer Stadtorganisten und Komponisten →J. G. Walther (1684–1748) aus, B.s Vetter zweiten Grades - Walthers und B.s Mütter waren Cousinen -, seinem Freund und Altersgenossen, Verfasser des ersten deutschen Musiklexikons (1732) und einer Kompositionslehre. Am Weimarer Hof wurde B., nachdem er eine Berufung zum Organisten der Marktkirche St. Marien in Halle abgelehnt hatte, zum Konzertmeister bestellt.

Im Jahr 1717 ging er als Hofkapellmeister nach Cöthen. Hier fühlte B. sich auf dem Gipfel seines Lebens und Wirkens. Sein Schaffen wendete sich vor allem zur Orchester-, Kammer- und Klaviermusik. Nach höfischem Brauch, Bedürfnis und Auftrag entstanden Ouvertüren, Konzerte und Triosonaten, die das Glück und die Daseinsfreude des jungen Hofkapellmeisters atmen. Die für den Cöthener Hof geschriebenen sechs „Brandenburgische Konzerte“, die zu den verhältnismäßig wenigen erhaltenen Instrumentalkonzerten gehören, widmete B. in einer sorgfältigen|Reinschrift der Partitur 1721 dem Markgrafen Ludwig von Brandenburg-Ansbach. Im gleichen Jahr verheiratete er sich, nachdem seine erste Frau im Jahr zuvor gestorben war, in zweiter Ehe mit Anna Magdalena Wilcken. Drei Notenbücher, eines für den ältesten Sohn Friedemann (1720), zwei für Anna Magdalena (1722, 1725) zeugen vom Geist der Musikpflege im Hause B.s. In Cöthen entstanden weiterhin Schöpfungen, die er als „Anleitungen“ (zum Nachformen von Werkvorlagen) schrieb, durch die der Lernbegierige „einen starken Vorgeschmack von der Komposition überkommen soll“, indem er angeleitet wird, „anbei auch zugleich gute Inventiones nicht alleine zu bekommen, sondern auch selbige wohl durchzuführen“. Zu diesen Lehrwerken zählen ebenso das „Orgelbüchlein“, die zweistimmigen Inventionen und die dreistimmigen Sinfonien, wie der 1. Teil des „Wohltemperierten Klaviers“ und die Englischen und Französischen Suiten.

Als durch J. Kuhnaus Tod (1722) das Amt des Kantors an der Schule St. Thomae und des Director musices der Stadt Leipzig frei geworden war und vier der in ihrer Zeit angesehensten Hofkapellmeister und Komponisten, G. Ph. Telemann, J. F. Fasch, K. H. Graun, Ch. Graupner, nicht zu gewinnen waren, fiel die Wahl 1723 auf B.. Angesichts des Aufstiegs des höfischen Musikwesens mit seinen freien Entfaltungsmöglichkeiten für den Musiker mußte B. den Wechsel vom Hofkapellmeisteramt zum bürgerlichen Schulkantor als einen sozialen Abstieg empfinden. Und doch sollte im Blick auf den allgemeinen Niedergang des Kantoren- und Organistentums dieser Wechsel zu einer existenziellen Entscheidung für B. und sein Lebenswerk werden, die alle Zeichen einer folgenschweren Wendung der europäischen Musikkultur an sich trägt. Als gar ein Schulmann vom Rang eines J. M. Gesner, dem B. von Weimar her befreundet war, das Rektoramt der Thomasschule übernahm (1730-34) und an eine Erneuerung des alten lutherischen Lateinschulgedankens mit der Kirchenmusik im Mittelpunkt von Erziehung und Bildung dachte, lockte B. ein letzter Versuch, Musik und Musizieren unter religiös-kirchlichen Gesichtspunkt zu fassen. Aber schon Gesners Nachfolger, J. A. Ernesti, verkörperte das humanistische Bildungsziel einer neuen Zeit mit ihren musikfeindlichen, rationalistisch-aufgeklärten Schulzwecken und ihrer musikfremden Erziehung zur Vernunft und Moral. Die aus der kirchlichen Form entwachsende Bildungsidee des deutschen Klassizismus, seiner Dichter und Denker, bot keinen Raum mehr für die Musik in der Schule. Seit dem kursächsisch-brandenburgischen Gegensatz nach dem Tod Augusts des Starken (1733) und der sich anbahnenden politischen Überflügelung Kursachsens, des alten patriarchalischen Kirchenstaates des Luthertums, durch den werdenden weltlichen Machtstaat Brandenburg erlahmten B.s künstlerische Beziehungen zum kursächsischen Hofadel in Dresden. Zwar brachten sie ihm, nachdem er für die Erbhuldigung des neuen Kurfürsten seine h-moll Messe geschrieben hatte, noch den erstrebten Titel eines „Hof-Compositeurs“ und vermittelten ihm seinen berühmten Besuch bei Friedrich dem Großen in Potsdam.

Indessen zog B. sich mehr und mehr auf sein Kantoramt und seine „Komponierstube“ in der Thomaskirche zurück. Wie er als Hofkapellmeister einst in seinen Schöpfungen eine weite Zukunft vorausgenommen hat, so schloß er als Thomaskantor das Vermächtnis einer langen Vergangenheit ab. Sein Schaffen wandte sich zur Choralkantate mit ihrem Choraltext durch alle Strophen, einer weiträumigen Choralphantasie als Eingangschor, Rezitativen und Arien und einem vierstimmigen Schlußchoral. Dazu treten die großen Zyklen kontrapunktischer Variationsformen. Musik als gültige Lehre, als ars musica, d. h. Musiklehre im weitesten und ursprünglichsten Sinn der spätmittelalterlichen Gestalt ihrer Überlieferung, war das Hochziel der letzten Schöpfungen B.s: „Dem höchsten Gott allein zu Ehren, dem Nächsten, draus sich zu belehren“, wie es schon im Titel des „Orgelbüchleins“ hieß. Für B., der im musikalischen Kunstwerk zugleich die gültige Form des Lehrgutes erblickte, stand die handwerklich-künstlerische Lehr- und Lernbarkeit der Musik über allem Zweifel. Das „Musikalische Opfer“ ist von ihm selbst als ars canonica, d. h. „Lehre vom Kanon“, bezeichnet worden. So darf auch die sog. „Kunst der Fuge“, deren Titel nicht von B. stammt, eine ars fugandi, eine Fugenlehre, heißen. Die kontrapunktischen Formen des Kanons, der Fuge und der Variation waren längst dem Untergang verfallen. Indem man der „Kunst“ die „Natur“ gegenüberstellte, eiferte man gegen die „künstlichen Fugen und ausgeklaubten Partiten“ (J. Mattheson 1740), um die menschlich „sprechende“, herzbewegende Melodie um so mehr zu loben. Der neuen künstlerischen und pädagogischen Richtung, die dem „Natürlichen“ einer gefühlsbetonten Empfindsamkeit in Musik und Musizieren huldigte, stellte B. sein spekulatives Musikdenken und kontrapunktisches Musikschaffen entgegen. Deshalb ließ er sich in die „Sozietät der musikalischen Wissenschaften“ aufnehmen, die sein Schüler L. Ch. Mizler 1738 ins Leben gerufen hatte. Zur Aufnahme in diese gelehrte Gesellschaft in der Art der Akademien ihrer Zeit schrieb B. seinen kunstreichen Variationszyklus über den Choral „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ (1746/47) und überreichte den Mitgliedern der Sozietät einen Rätselkanon in der Form eines sechsstimmigen Canon triplex, der auf dem Bildnis B.s wiedergegeben ist, das der Hofmaler E. G. Hausmann für die Sozietät gemalt hat.

B. wurde am 31.7.1750 an der Südmauer der Johanniskirche in Leipzig beigesetzt. Die Grabstätte war bald vergessen. Am 28.7.1949 wurde der Sarg mit B.s Gebeinen in den Chorraum der Thomaskirche überführt. Anna Magdalena überlebte B. zehn Jahre und starb in dürftigen Verhältnissen als „Almosenfrau“ in Leipzig. Ein Nachruf-Sonett von Telemann hebt die für seine Zeit entscheidenden Züge im Bild des Thomaskantors hervor: den Meister des Kontrapunkts und der Orgelkunst, den Improvisator, den Lehrer bedeutender Söhne und Schüler, weniger den Schöpfer unsterblicher Meisterwerke.

Ein Überblick über die Hauptwerke B.s gliedert sich in fünf Perioden, die den beruflichen Stationen seines Lebensweges entsprechen: 1695-1708. Der junge Organist erprobt sich an dem überkommenen Formenschatz der Instrumental- und Vokalmusik: Choralbearbeitung (Orgelchoral), Präludium und Fuge, Toccata, Canzone, Fantasie, Ouvertüre, Suite, Partita (Choralpartita), Capriccio, Kirchen- und Kammersonate, Geistliches Konzert (Kirchenkantate), Rezitativ, Arioso und Arie. Auf dem Weg von der Motette zur Kantate begegnet B. der Textsammlung des lutherischen Hofgeistlichen E. Neumeister, wonach „eine Kantate nicht anders aussieht als ein Stück aus einer Opera, vom Stilo recitativo und Arien zusammengesetzt“ (1704). - 1708 bis 1717. Der junge Meister findet den eigenen Stil seines Schaffens zunächst auf dem Gebiet der Orgelmusik in der gegenseitigen Durchdringung der drei Grundprinzipien ihrer Kompositionsweise: des Cantus firmus-Prinzips, des fugierenden und des konzertierenden Prinzips. Die Orgelkompositionen, z. B.Passacaglia und Fuge (1716/17), die 46 Choralbearbeitungen des „Orgelbüchleins“ (begonnen 1708), gehören ebenso wie die Kirchenkantaten dieser Periode zu den zukunftsträchtigsten Schöpfungen B.s. - 1717 bis 1723. Neben die Orgel- und die Kantatenkomposition treten Sonate und Suite sowie Concerto (ohne strenge Trennung zwischen orchestraler und kammermusikalischer Besetzung): Inventionen und Sinfonien für Klavier (1720–23), Sonaten für Violine, für Querflöte, für Gambe mit obligatem Cembalo (1720), Sonaten und Partiten für Violine allein, Suiten für Cello allein (1720), Klavier- und Violinkonzerte, die sechs (Brandenburgischen) Concerti grossi (1721), Englische und Französische Suiten für Klavier (1720–22), Wohltemperiertes Klavier I (1722). - 1723-45. Entstehungszeit der großen Chorwerke, der zyklischen Orgel- und Klavierkompositionen und der letzten Kirchenkantaten (Choralkantaten): Klavier-Übung I (1723), II (1735), III (1739), IV (1742, „Goldberg-Variationen“), Magnificat (1723), Motette „Jesu, meine Freude“ (1723), Johannes-Passion (1723), Matthäus-Passion (1729), h-moll Messe (1733), Italienisches Konzert (1734), Geistliche Lieder (1736), Wohltemperiertes Klavier II (abgeschlossen 1744). 1745 bis 1750. Das Stilbild der letzten Schöpfungen B.s durchwaltet ein Äußerstes an kontrapunktischer Kunst und tiefsinniger Kombination von Cantus firmus-, Kanon-, Fugen- und Variations-Prinzip: Einige kanonische Veränderungen über „Vom Himmel hoch“ für Orgel (1746/47), Musikalisches Opfer (1747), die letzten Kanons und Orgelchoräle „von verschiedener Art“, die Kunst der Fuge (1749/50). - Von B.s Gesamtschaffen ist nicht viel mehr als die Hälfte der ehemals vorhandenen Werke auf uns gekommen. So besitzen wir von den fünf Jahrgängen Kirchenkantaten noch etwa 190 kirchliche Kantaten, von den fünf Passionen zwei, die Johannes- und die Matthäus-Passion. Der Verlust an nichtkirchlichen Vokal- und Instrumentalwerken B.s muß als noch sehr viel größer angenommen werden. Das noch Vorhandene des Gesamtwerks hat die alte B.-Gesellschaft (1850–1900) in einer „Vollständigen kritischen Ausgabe aller Werke B.s“ in 46 umfangreichen Foliobänden herausgegeben. Eine neue Gesamtausgabe der Werke B.s wird durch das 1951 gegründete „→Johann Sebastian B.-Institut“ in Göttingen vorbereitet. In Leipzig (Gohliser Schlößchen) besteht ein B.-Archiv, das sich die Sammlung aller B. betreffenden Handschriften und Dokumente zur Aufgabe gemacht hat.

7. Friedrich August I. (August der Starke)

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F. war, namentlich in jüngeren Jahren, von eindrucksvoller Gesamterscheinung, wenn auch nur von mittlerer Körpergröße; aber er besaß erhebliche Körperkräfte. Diesem Umstand verdankt er schon bald den vieldeutigen Zunahmen „der Starke“ in der europäischen Öffentlichkeit. Seine Laufbahn als Kurfürst und bald als Bewerber um den polnischen Thron begann mit stürmischen militärischen Unternehmungen, die sich zunächst nicht ungünstig anließen. Die polnische Krone war allerdings mehr erheblichen Bestechungsgeldern und den Auswirkungen eines verwirrenden Ringens der großen europäischen Mächte zu verdanken als militärischen Erfolgen. Der Tod seines Bruders, des Kurfürsten Johann Georg IV., 1694 brachte den erst 24jährigen F. unerwartet rasch auf den Thron. Er war auf die Aufgaben eines Landesherrn, Reichsfürsten und, wie seine Neigungen bald ergeben sollten, europäischen Politikers nur sehr flüchtig vorbereitet. Die Angleichung der Staatsgebilde Sachsen und Polen, die in so wesentlichen Punkten völlig verschieden waren, stellte eine äußerst schwierige Aufgabe für ihn dar. Dabei zeigten sich seine außenpolitischen Neigungen als erheblich von der Phantasie und romanhaft-romantischen Vorstellungen beeinflußt. Die politische Welt Europas, in die er nun mit Nachdruck und Leidenschaft eintrat, war von Spannungen erfüllt. Der machtpolitische Aufstieg Rußlands unter Peter I., mit dem er rasch in Beziehungen trat, und der militärisch politische Genius Karls XII. von Schweden, dessen Kräfteentfaltung noch gar nicht abzusehen war, bestimmten Osteuropa so sehr, daß sich F. bei seinen vergleichsweise geringeren Kräften und Mitteln nur mit großer Anstrengung zu behaupten bestrebt sein konnte. Im Hintergrunde spielte sich das ganz Mitteleuropa erschütternde Ringen der Dynastien Bourbon und Habsburg um die Vormacht ab. Langsam wichen die Türken aus Mitteleuropa zurück, während im Ostseeraum der diesen dann so lange beherrschende englisch-russische Gegensatz heraufdämmerte. Ruhmsucht und Kraftbewußtsein des jungen Wettiners suchten sich stürmisch auszuleben, wie er als Kurfürst seit 1694 und als polnischer König seit 1697 auch auf persönlichem Gebiete Idealen zustrebte, die seinen Ruf an den Fürstenhöfen und durch die Lande verbreiteten. Livland war das erste Ziel seines Expansionsstrebens, aber seine leichtfertigen kriegerischen Unternehmungen zogen ihm bald die ersten Niederlagen im Felde durch die schwedischen Waffen zu. An der unteren Düna, bei Riga, blieben die erhofften Erfolge aus, und nur zu rasch folgte die schwedische Armee seinen nach Sachsen zurückweichenden Truppen. Karl XII. besetzte Sachsen, und es kam schließlich zu den lange sich hinziehenden Friedensverhandlungen von Altranstädt, die mit dem schimpflichen Verzicht F.s auf die polnische Krone 1706 endeten. In der Folgezeit wurden F.s diplomatische Planungen zwar im ganzen vorsichtiger, aber in der Praxis und den Zielen nicht gehemmt. Der Altranstädter Verzicht wurde aufgekündigt, und der Sachse behauptete sich in Polen, insbesondere nach der entscheidenden Niederlage Karls XII. durch Peter I. bei Pultawa 1709. Die Bedeutung des russischen Einflusses auf die Entwicklung in Polen wurde auch bei dem Sachsen nicht verkannt, aber er erreichte doch in den folgenden Jahren eine gewisse Stabilität für sein Königtum im Lande. Gleichzeitig festigten sich die weniger von Rivalität als von gleichlaufenden Interessen bestimmten nachbarlichen Beziehungen zwischen Kursachsen und Brandenburg-Preußen. Im Stile der Zeit wechselten oft die Kombinationen der Staaten und der Staatengruppen, aber von der Politik F.s in seiner Spätzeit läßt sich sagen, daß in den Wandlungen eine gewisse Ernüchterung, aber auch Beruhigung eingetreten ist. Sein Übertritt zum Katholizismus und noch mehr die von ihm veranlaßte Konversion seines Sohnes waren natürlich Sensation für die Öffentlichkeit, beeinträchtigten aber den protestantischen Charakter seines Stammlandes kaum. Ebenso sind seine Anläufe zur Zentralisierung der staatlichen Verwaltung in Kursachsen und sein Bemühen um eine Ausschaltung der entscheidenden Macht der Landstände nicht zu nennenswerten Erfolgen gediehen. Aber es spricht doch für den Erfolg seiner Politik, daß ihm durch die Verheiratung seines Sohnes mit der Tochter Kaiser Josephs I. der Zugang zur höchsten Aristokratie Europas eröffnet wurde, daß ihm ferner die Vererbung der polnischen Krone auf seinen Sohn gelang und daß endlich eine für Sachsen wohl erträgliche Liquidation des Nordischen Krieges eintrat. Wenn unterdessen über das weite polnische Land der Schatten Rußlands immer drohender heraufstieg und wenn sein Verhältnis zur Rivalität Frankreichs und Österreichs immer mehr die habsburgische Komponente auch in der sächsischen Politik überwiegen sah, so zeigte sich beim Eintritt seines verhältnismäßig frühen Todes 1733 die Situation Sachsens als keineswegs hoffnungslos und so ungünstig, wie das die spätere historische Kritik des Liberalismus im 19. Jahrhundert zu beobachten vermeinte.

Aber wesentlich bedeutsamer ist die Regierungszeit F.s durch das Ausmaß der künstlerischen und kulturellen Erfolge. Im Dienste seiner Feste und Stimmungen hat die Kunst in Sachsen, zumal in Dresden und der Umgebung, Werke geschaffen, die unvergänglich sind. Diese haben den Charakter der Hauptstadt bleibend bestimmt und sie für immer in die Reihe der großen Kunststädte eingereiht. Andere Plätze des Landes stehen naturgemäß hinter Dresden zurück, aber die Rückwirkung der landesherrlichen Anregungen auf die öffentliche und private Bautätigkeit und auf die allgemeine Geschmackskultur sind doch nirgends zu verkennen. Bauwerke, allen voran der Dresdener Zwinger, das Japanische Palais, die Neumarkt-Anlage, die Anlagen in Pillnitz und Moritzburg künden den Ruhm der Pöppelmann, de Bodt, Longuelune nicht weniger als den der Bildhauer, unter denen Permoser einen besonderen Platz einnimmt. Gleichzeitig schmückte F. aber auch seine polnische Hauptstadt Warschau mit dem Sächsischen Palais und großartigen Park- und Straßenanlagen. Nicht auf gleicher Höhe stand die Malerei. Sie hielt sich in den Bahnen des konventionellen Geschmacks und Könnens. Aus den Bildnissen der beiden Mengs spricht lebensvoll das sächsische Volk der augusteischen Zeit. Die Feste und exotischen Aufzüge schuf Dinglingers Kunst in der Kleinplastik nach. Die berühmten Dresdener Sammlungen (vor allem das Grüne Gewölbe) gehen wesentlich, wenn auch nicht in ihren Anfängen so doch in ihrem weiteren Ausbau, auf F. zurück. Des Orgelbauers Silbermann ist ebenso zu gedenken wie der die ruhmvolle Überlieferung des 17. Jahrhunderts bewahrenden, wenn auch kaum mehr führenden Dresdener Oper. Ferner wurden von großer Bedeutung die Erfindung des Porzellans durch Böttger und die Errichtung der Meißner Manufaktur. Das repräsentative Bauwesen und die einer verständnisvollen eigenen Initiative nicht entbehrende Förderung der Künste sind biographisch gesehen zwar nur Parallelen seines Bemühens um die Gunst schöner Frauen, ohne daß diese jedoch je einen bestimmenden Einfluß in politischer Hinsicht auf F. zu gewinnen vermocht hätten. Aber es trägt doch zur Abrundung des Bildes dieses Mannes, seines Wollens und seiner Leistung in vielbewegter Zeit ohne Zweifel bei. – Die maßvolle Toleranzpolitik auf konfessionellem Gebiete hat Beachtung und Resonanz in Deutschland gefunden.

8. Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg

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Da die Vermögensverhältnisse der Familie noch immer zerrüttet waren, erlangte der Vater 1727 zur besseren Versorgung für K. die Anwartschaft auf ein Kanonikat in Münster, ohne die Absicht zu haben, ihn dem geistlichen Stand zu weihen. Nach einer ungewöhnlich sorgfältigen Ausbildung, die nach dem Studium des Reichsrechts in Leipzig bei J. J. Maskov 1731 mit einer glänzend bestandenen Disputation endete, begab sich K. auf eine Studienreise, die ihn über Berlin und die Niederlande nach Rom, Neapel und zurück über die norditalienischen Höfe nach Paris führte. Im Februar 1734 war er wieder in Wien. Seit 1730 besaß er die Anwartschaft auf eine Reichshofratsstelle. 1734 niederösterreichischer Regimentsrat, 1735 Reichshofrat, wurde er in seiner Laufbahn jedoch durch die beengten finanziellen Verhältnisse behindert, so daß er nach dem Tode Karls VI. die Mission nach Kopenhagen und die wichtige Stelle eines Botschafters in London ausschlagen mußte. Lediglich die wenig befriedigende Mission, den italienischen Höfen die Geburt des ältesten Sohnes Maria Theresias mitzuteilen, konnte er übernehmen. Er geriet bereits in den Verdacht, sich nicht für die von allen Seiten bedrängte Königin von Ungarn engagieren zu wollen, als er gegen den Rat des Vaters, der ihn viel lieber am Reichstag in Regensburg gesehen hätte, im Juni 1742 als Gesandter nach Turin ging. Es gelang ihm, das schwankende Bündnis mit Sardinien zu festigen. 1744 wurde K. österreichischer Minister am Hofe des Generalgouverneurs der österreichischen Niederlande in Brüssel und 1745 dort wirklicher bevollmächtigter Minister. Nach dem Tode der Schwester Maria Theresias und in Abwesenheit ihres Gemahls Karl von Lothringen führte er dort allein die Geschäfte und erkannte die Unhaltbarkeit dieser österreichischen Außenposition gegen Frankreich. 1746 mußte er vor den Franzosen kapitulieren, ging nach Antwerpen, von wo ihn Maria Theresia wegen seiner geschwächten Gesundheit zurückberief. 1748 legte K. als österreichischer Unterhändler im Frieden von Aachen den Grundstein zu seinem Ruf als Staatsmann und Diplomat. Trotz großer diplomatischer Geschicklichkeit mußte er sich aber dem geheimen Einverständnis Frankreichs und der Seemächte beugen, die nicht gewillt waren, auf Österreichs Wünsche Rücksicht zu nehmen. K. war von da an überzeugt, daß die Seemächte für die Rückeroberung Schlesiens nicht zu interessieren waren. In den Niederlanden aber sah er das eigentliche Hindernis für eine Verständigung mit Frankreich. Ihm schien dieses Land daher als ideales Tauschobjekt. Nach seiner Überzeugung würde Österreich mit einem Abstoßen dieses exponierten Landes sowohl gegen Frankreich wie gegen die Seemächte an Unabhängigkeit gewinnen.

In der geheimen Konferenz vom 5.5.1749 legte K. zum erstenmal seine innen- und außenpolitischen Vorstellungen dar. Kompromißlos erklärte er die Rückgewinnung Schlesiens als das eigentliche Ziel jeder österreichischen Außenpolitik. Da nach seiner Überzeugung die Seemächte nicht zu gewinnen waren, mußte ein Bündnis mit Frankreich angestrebt werden. Die Konferenz folgte K. nur zögernd, doch gelang es ihm, die Rückeroberung Schlesiens als außenpolitisches Ziel durchzusetzen. Auch wurde eine allgemeine Reform der inneren Verwaltung nach K.s Vorstellungen beschlossen, er selbst zum bevollmächtigten Minister in Paris ernannt. Es war keine leichte Aufgabe, die dort vorhandenen Vorurteile abzubauen und Österreich als eine eigenständige Großmacht darzustellen, die mit dem schwerfälligen Apparat des Reiches nur noch lose verbunden war. Es gelang ihm, Vertrauen zu finden. Seinem eigentlichen Ziel, einem Bündnis, kam er aber nicht näher, so daß er nach einem Jahr geneigt war, den Plan aufzugeben. K. gewann engen Kontakt mit den aufgeklärten Geistern Frankreichs. Er hielt selbst einen offenen Salon und verkehrte in vielen aufgeklärten Zirkeln. Allerdings scheint er Voltaire nicht und von den Enzyklopädisten nur wenige kennengelernt zu haben. Auch war Rousseau in Paris nicht sein Sekretär. Der schon damals sehr selbstsicher auftretende und auf Repräsentation bedachte K. beobachtete sorgfältig die Situation, ließ sich aber keineswegs von der Begeisterung für aufklärerische Ideen forttragen. Ihm wurde bewußt, wie weit Österreich in seiner äußeren|und inneren Verwaltung von einem modernen Staat enfernt war, und wie kompliziert und wenig zweckmäßig in Wien die Entscheidungsprozesse abliefen.

Bereits im Dezember 1751 bot ihm →Maria Theresia über Mittelsmänner das 1740 geschaffene und von dem unbedeutenden A. Graf Ulfeld geleitete Amt des Staatskanzlers an. In einem Brief vom Dezember 1751 erklärte er sich aus gesundheitlichen Gründen für unfähig, dieses schwere Amt auf lange Zeit zu übernehmen, hielt es aber für möglich, es in kurzer Zeit, wenn man ihm freie Hand ließ, so zu organisieren, daß es wie ein Uhrwerk funktionieren und es auch ein anderer, weniger tüchtiger, übernehmen könne. Der Staat als eine kunstvolle, sich selbst tragende Maschine war von da an eine Lieblingsvorstellung in seinem Denken. In langen und zähen Verhandlungen erreichte er, daß ihm am 13.5.1753 das Amt, das er dann 41 Jahre innehatte, in einer solchen Machtfülle übergeben wurde, wie es vor ihm kein österreichischer Minister je besessen hatte. →Maria Theresia hatte sich gegen den Rat ihres Gemahls und eines Teils ihrer Mitarbeiter für ihn und seine Politik entschieden, wobei sie sein wunderliches, ebenso hypochondrisches wie selbstherrliches Wesen keinesfalls ohne Bedenken sah. Sie sollte es nie bereuen, K. ist neben dem Prinzen Eugen und Metternich der eigentliche Schöpfer der Großmacht Österreich geworden.

K. reorganisierte die österreichische Staatskanzlei und schuf eine modern aufgebaute Behörde. In seiner Absicht, ein Bündnis mit Frankreich herbeizuführen, kam er jedoch nicht weiter. Erst der Ausbruch des englisch-französischen Kolonialkrieges 1754 und die damit im Zusammenhang stehende Annäherung Englands an Preußen schuf neue Voraussetzungen. Am 29.8.1755 erließ K. zum erstenmal an Starhemberg in Paris die Weisung, die englisch-preußische Annäherung zum Angebot eines österreichisch-französischen Bündnisses zu nutzen, doch brachte erst der Abschluß der preußisch-englischen Konvention am 16.1.1756 die Entscheidung. Der als Westminsterkonvention in die Geschichte eingegangene Vertrag leitete eine grundlegende Änderung des Allianzsystems ein. Über Friedrich verärgert, willigte Ludwig XV. in das ihm von Wien gemachte Angebot ein und schloß am 1.5.1756 mit Österreich ein Verteidigungsbündnis. Da auch Rußland von England nicht gewonnen werden konnte, zeichnete sich das von K. erstrebte österreichisch-russisch-französische Bündnis ab. Um Frankreich für ein Offensivbündnis zu gewinnen, war K. bereit, die Niederlande gegen Schlesien an Frankreich abzutreten, als Friedrich den Krieg eröffnete und K. an das Ziel seiner Wünsche brachte. Es gelang ihm, im Mai 1757 ein Offensivbündnis mit Frankreich, Rußland und Schweden mit dem Ziel zustande zu bringen, Schlesien für Österreich zurückzugewinnen. Das „reversement des alliances“, wie es genannt wurde, brachte mit der Verbindung der Häuser Bourbon und Habsburg eine grundlegende Veränderung der politischen Situation, die sich auf ganz Europa, insbesondere auf Italien, auswirkte. Die 1757 beschlossenen Ehen dreier Töchter Maria Theresias mit den Erben von Frankreich, Neapel und Parma sollten eine Ära enger Zusammenarbeit der beiden Häuser heraufführen. Es war einer der Wendepunkte der europäischen Politik.

K. war sich bewußt, daß die Koalition in erster Linie den österreichischen Interessen diente, und daß die Voraussetzung für den Erfolg seines diplomatischen Meisterstücks ein schneller militärischer Sieg war. Vier Tage nach Abschluß der Offensivallianz mit Frankreich begab er sich daher ins Feld. Gleichzeitig mit ihm traf im Hauptquartier Dauns die Nachricht von der schweren Niederlage der österreichischen Hauptarmee bei Prag am 6.5. ein. K.stimmte Dauns Entschluß zu, sich nach Kolin zurückzuziehen, ging selber aber nach Wien zurück, um die dortige Stimmung zu heben. Der Sieg von Kolin (18.6.1757) stellte die Ausgangslage wieder her. In den folgenden Jahren war K. die Seele der militärischen Operationen. Die Weisungen an die Armee gingen von der Staatskanzlei aus, doch mußte K. erleben, daß sich die meisten seiner Weisungen als undurchführbar erwiesen. Insbesondere ist es nicht gelungen, die militärischen Operationen der Verbündeten, an denen sich Frankreich nach der Niederlage bei Roßbach (5.11.1757) nur noch zögernd beteiligte, aufeinander abzustimmen. K. erkannte, daß der vorsichtig zögernde Daun nicht geeignet war, dem militärischen Genie Friedrichs eine entscheidende Niederlage beizubringen und protegierte daher den draufgängerischen Laudon, dem er auch nach der Niederlage von Liegnitz (15.8.1760) weiter die Stange hielt. K.s Hoffnungen auf den finanziellen Zusammenbruch Preußens erfüllten sich nicht. Als sich 1760 die Erschöpfung Österreichs abzeichnete, versuchte K., durch eine Finanzreform die Krise zu meistern. In überscharfer und in dieser Form auch ungerechtfertigter Kritik der Haugwitzschen Verwaltungsreform von 1749 strebte er durch die Schaffung eines Staatsrats und in Durchsetzung der modernen Ressorteinteilung eine|Reorganisation und eine Anspannung aller Kräfte an. Die Hoffnungen erfüllten sich nicht. Die von K. erstrebten Reformen ließen sich im Krieg nicht durchführen. Nach dem Ausscheiden Rußlands aus dem Krieg war er sich klar, daß das Ziel, Preußen durch eine übermächtige Koalition zu besiegen, nicht verwirklicht werden konnte. Er wurde nun zum Befürworter des Friedens, der am 15.2.1763 in Hubertusburg geschlossen wurde und den endgültigen Verzicht Österreichs auf Schlesien brachte.

Nach dem Frieden nahm K. seine 1760 zum erstenmal vorgetragenen Pläne einer grundsätzlichen Reform, eines „neuen Systems“, wie er es nannte, wieder auf. Dieses neue System, das später unter dem Namen Josephinismus in erster Linie als eine Neuregelung des Verhältnisses von Staat und Kirche angesehen wurde, sollte „ein auch die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen und die Mentalität der gesamten Bevölkerung verändernder Prozeß“ (G. Klingenstein) sein. Erste Vorschläge erprobte K. in den der Staatskanzlei direkt unterstehenden norditalienischen Besitzungen der Monarchie, wo seit 1759 sein enger Vertrauter Karl Graf Firmian als österreichischer Minister amtierte. K. ging davon aus, daß die Effektivität eines katholischen Staates bei der Steuerfreiheit des Klerus und der Größe des Besitzes der toten Hand (über 50 % des anbaufähigen Bodens) derjenigen eines protestantischen unterlegen sein mußte, wo während der Reformation der Kirchenbesitz säkularisiert worden war. Er entwarf daher eine allgemeine Reform des Staates, deren Kernstück eine grundlegende Veränderung des Verhältnisses von Staat und Kirche als wichtigstes Problem eines katholischen Landes auf dem Weg zum modernen Staat war. Er bediente sich dabei jansenistischer Ideen von der Oberhoheit des Staates über die Kirche, wie sie in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts auch in anderen vom aufgeklärten Absolutismus erfaßten katholischen Staaten bestimmend wurden. Seine Gedanken über die Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse legte er in einer großen Denkschrift vom 23.6.1768 nieder, in der er die Säkularisation des Kirchenbesitzes und die Steuerfreiheit des Klerus als Voraussetzung für eine Erneuerung des Staates forderte. De facto wurde 1768 in ganz Österreich die Steuerfreiheit des Klerus abgeschafft. In langwierigen Auseinandersetzungen, die praktisch schon mit der Berufung K.s zum Staatskanzler 1753 einsetzten, ist es K. gelungen, die Bedenken Maria Theresias zu überwinden und sie auf seine „staatskirchlichen Prinzipien“ (F. Maaß) festzulegen. Wie er in einer weiteren Denkschrift vom 12.4.1770 aus führte, sah er die ökonomische Überlegenheit protestantischer Länder in dem „Nichtvorhandensein eines organisierten Klerus“ und der dadurch möglichen „Ausbeutung aller existierenden materiellen Quellen“ begründet. Die Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche war für ihn nur die Voraussetzung für weitergreifende Reformen. Im Frühjosephinismus war K.s innenpolitisches Konzept voll ausgebildet, das später unter Joseph II. verändert und erweitert wurde. Die an K. häufig geübte Kritik, er habe 1760 die eigentlichen Ursachen des österreichischen Zusammenbruchs, die durch die Steuerprivilegien des Klerus und des Adels bedingte geringe wirtschaftliche Leistungskraft des Staates, nicht erkannt, ist daher unhaltbar.

Der Friede von Hubertusburg und das Scheitern der Hoffnungen, Schlesien zurückerobern zu können, hat das Vertrauen Maria Theresias in K. nicht erschüttert. 1765, nach dem Tode von Franz I., der K. mit Reserve gegenübergestanden war, erlangte er bei ihr einen kaum noch zu überbietenden Einfluß. Gleichzeitig aber begannen die Konflikte mit Joseph II., die bis zu dessen Tod anhielten und schon 1766 zum ersten Rücktrittsgesuch K.s führten. So sehr beide in der Überzeugung von der Notwendigkeit der Ausdehnung der Staatsgewalt und des Staatsgebietes, der Beschränkung des Einflusses des Adels und der Geistlichkeit und der Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche sowie der Wichtigkeit geordneter Staatsfinanzen übereinstimmten, so waren Konflikte doch in ihrer grundverschiedenen Anschauung von der Wahl der Mittel und der Wege dazu angelegt. Während K. bei seinen Plänen die historischen Gegebenheiten in sein Kalkül einbezog und seine Entscheidungen nach Abwägen aller Gegebenheiten traf, war Josephs II. hervorstechendste Eigenschaft seine Ungeduld. Mit seinen langatmigen Vorträgen und Denkschriften langweilte K. den Kaiser und reizte ihn. So gab es zwar immer wieder Berührungspunkte, doch mußte K. es erleben, daß der Kaiser über ihn hinwegging und die meisten der von ihm sorgfältig eingeleiteten Projekte verdarb.

1766 regte K. trotz seiner gegen Preußen gerichteten Politik ein Treffen zwischen Friedrich und Joseph an, das Ende August 1769 in Neiße zustande kam. Beim Gegenbesuch Friedrichs Anfang September des nächsten Jahres in Neustadt in Mähren begleitete er den Kaiser. In langen Gesprächen, die K. mit dem König führte, begegneten sich beide mit größter Achtung, ohne jedoch ihre Standpunkte zu ändern. Die erste Frucht der von →Maria Theresia argwöhnisch betrachteten preußisch-österreichischen Zusammenarbeit war die Erste polnische Teilung 1772. K. vertrat dabei des Kaisers Pläne gegenüber der Kaiserin mit allem Nachdruck.

Das nächste ausgreifende Projekt war der Plan, Bayern beim Aussterben der bayerischen Wittelsbacher auf irgendeine Art Österreich einzuverleiben. K.befand sich mit dem Pfälzer Erben in aussichtsreichen Verhandlungen, als der Kurfürst von Bayern überraschend am 30.12.1777 starb. K. zwang darauf den pfälzischen Vertreter zu einem Vertrag, in dem der neue Kurfürst →Karl Theodor in der Hoffnung, die österreichischen Niederlande gegen Bayern eintauschen zu können, das Herzogtum Straubing abtrat. Der von Joseph II. inszenierte militärische Einmarsch in dieses Gebiet erregte ungeheures Aufsehen. In letzter Minute versuchte K., den von →Karl Theodor angestrebten Tausch ganz Bayerns gegen die österreichischen Niederlande durchzusetzen, doch versagte sich der Kaiser diesen Plänen. Joseph II wollte das bayerische Erbe möglichst verkleinern, um den Kurfürsten mit einem Tausch gegen Luxemburg und die habsburgischen Besitzungen in Vorderösterreich abzufinden. Angesichts des vollständigen politischen und militärischen Versagens des Kaisers leitete K. über dessen Kopf hinweg Friedensverhandlungen ein, die in Teschen 1779 mit der Abtretung des Innviertels an Österreich noch glimpflich für Bayern abliefen.

Es war in erster Linie das Vertrauen in die Redlichkeit der Kaiserin, das K. eingesetzt hatte, um den, wie er dem Kaiser im Juni in brutaler Offenheit geschrieben hatte, „vollkommen überflüssigen Krieg“ zu beenden. Mit Sorge sah er, daß Josephs unüberlegte Politik im Reich allgemein Mißtrauen erregte. K., der es für einen schweren Fehler hielt, das Reich dem preußischen Einfluß zu überlassen, leitete eine behutsame Reichspolitik ein, die in der Wahl des Erzherzog Max Franz zum Koadjutor in Köln und Münster 1780 noch zu Lebzeiten Maria Theresias einen ersten sichtbaren Erfolg davontrug. Auch am Reichstag in Regensburg gelang es K., eine starke kaiserliche Partei aufzubauen.

Nach dem Tode Maria Theresias (26.11.1780) mußte K. erleben, daß alle Ansätze einer behutsam auf Ausgleich bedachten Politik über den Haufen geworfen wurden. 1784 erregte der Kaiser durch zwei unüberlegte außenpolitische Schritte erneut das Mißtrauen der Öffentlichkeit: durch den diplomatisch nicht vorbereiteten, vergeblichen Versuch, die Scheide für den österreichischen Handel zu öffnen und den Plan, die Niederlande gegen Bayern zu vertauschen. Mit der Absicht, Salzburg in den Tausch einzubeziehen, die nur dank K.s energischer Vorstellungen geheim blieb, eröffnete der Kaiser im Mai 1784 ohne diplomatische Absicherung die Diskussion um das Tauschobjekt. K., der an sich den Tausch bejahte, gelang es, Katharina für das Projekt zu gewinnen. Trotz der diplomatischen Hilfestellung der russischen Kaiserin scheiterte es überraschend am Widerstand des Herzogs von Zweibrücken. Diese beiden Fehlschläge genügten, um in wenigen Monaten Österreich vollständig zu isolieren. Der 1785 von Preußen gegründete Fürstenbund, der durch Josephs II. willkürliche Diözesanveränderungen herbeigeführte Abfall der geistlichen Fürsten vom Kaiser und eine wachsende Entfremdung Frankreichs waren die Folgen dieser von K. mit vielen Denkschriften bekämpften Politik. Das von Joseph II. geknüpfte Bündnis mit Rußland, von K. anfangs mit Skepsis betrachtet, war in diesen Jahren der einzige Aktivposten der österreichischen Außenpolitik. Um ihn nicht zu gefährden, gab K. 1787 dem Kaiser den verhängnisvollen Rat, an der Seite Rußlands in den Krieg gegen das Osmanische Reich einzutreten. Auch war es sein Rat, der Joseph II. abhielt, sich Preußen und England zu nähern. In den letzten Jahren der Regierung Josephs II. versuchte K. vergeblich, in den Niederlanden, der Lombardei und Ungarn die Reformen des Kaisers durch größere Schonung der nationalen Besonderheiten erträglicher zu gestalten. K. resignierte in der Erkenntnis, daß Widerspruch den Kaiser nur zu noch unüberlegteren Maßnahmen reizte. Als Joseph II. am 20.2.1790 starb, befanden sich Ungarn und die Niederlande im Aufstand, war der Krieg gegen die Türkei verloren und schien ein Krieg mit Preußen unvermeidbar. Beim Eintreffen der Todesnachricht gestand K., der den Kaiser zwei Jahre nicht gesehen hatte, einem Vertrauten seine große Erleichterung. Für Leopold II. hinterlegte er eine vernichtende Kritik an dem Regierungsstil Josephs II., den er darin „sonst einen großen Mann“ nennt.

K. wollte damit den neuen Herrscher vor ähnlich unüberlegten Schritten warnen. Leopold war jedoch nicht bereit, K. von einer Mitschuld an den Regierungsmaßnahmen seines Bruders freizusprechen. Er beließ ihn im Amt, beschränkte aber seinen Einfluß auf die Außenpolitik auf ein Minimum. Die von Leopold in Angriff genommene Annäherung an Preußen lehnte K. nach wie vor ab. Vergeblich stellte er dem Kaiser vor, daß die, wie er sich ausdrückte, „überzogene preußische Kriegsmaschinerie“ nur unter der eisernen Sparsamkeit Friedrichs erhalten werden konnte. Unter seinem verschwenderischen Nachfolger werde Preußen von selbst unfähig werden, seine Großmachtstellung zu behaupten. Jedes Bündnis mit diesem Land werde daher im entscheidenden Augenblick zur Gefährdung seiner Verbündeten. Diese Ansicht erwies sich 1795 als richtig, als Österreich im Bündnis mit Preußen im Krieg gegen das revolutionäre Frankreich stand und Preußen den Sonderfrieden von Basel schließen mußte. Trotzdem blieb K., der nach der preußisch-österreichischen Konvention von Reichenbach (1790) um seine Entlassung gebeten hatte, im Amt. In der Französischen Revolution, deren Berechtigung er durchaus anerkannte, sah er eine von Österreich wohl zu nutzende Schwächung Frankreichs. K. warnte dringend vor einem Eingreifen, da dies die Nation gegen ihre Gegner einigen und die Krise Frankreichs beendigen werde. Auch hier wurden seine Mahnungen nicht gehört. Sein Einfluß auf die Außenpolitik Kaiser Franz’ II. war gering. Insbesondere das erneute Einverständnis mit Preußen wurde hinter seinem Rücken geknüpft, wobei Preußen sich für sein Eingreifen in Frankreich große Teile Polens versprechen und Rußland sich die Ukraine überschreiben ließ, während Österreich mit dem unverbindlichen Versprechen abgespeist wurde, Preußen werde den Tausch Bayerns gegen die Niederlande dulden. Als K. davon Kenntnis erhielt, erbat er am 19.8.1792 seinen Abschied. Über die Politik des jungen Kaisers urteilte er mit schonungsloser Schärfe. „Ich ersehe daher bei diesem Betragen nichts als Habsucht und politische Grundsätze, welche für die künftigen Zeiten sehr wenig Vertrauen einflößen und damit wenig Gutes versprechen.“ Er blieb bis zu seinem Tode ein galliger Kritiker der Politik seiner Nachfolger.

Ein abschließendes Urteil über K. ist schwer zu fällen. Unter →Maria Theresia hat er Österreich 1757 in eine mächtige Koalition geführt. Der Erfolg, die Rückeroberung Schlesiens, blieb ihm aber versagt. Das aus den Gründen dieses Versagens hergeleitete neue innenpolitische System, aus dem der Josephinismus hervorging, zielte weit über eine vordergründige Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche hinaus und schuf in Österreich die Voraussetzungen für einen modernen Staat. K., der bei allem Reformeifer seine Innen- und Außenpolitik darauf abgestellt hatte, das Vertrauen in die Rechtlichkeit der österreichischen Politik zu erhalten, mußte unter Joseph II. erleben, daß seine Pläne in teilweise maßloser Übersteigerung in ihr Gegenteil verkehrt wurden, so daß der Kaiser, wie K. in seiner rückblickenden Beurteilung 1792 schrieb, „das Unglück des allgemeinen Hasses und Mißtrauens nicht nur seiner Untertanen, sondern auch aller Mächte von ganz Europa sich zugezogen hat“. Trotzdem kann K. von einer Mitschuld an den Fehlentscheidungen des Kaisers nicht ganz freigesprochen werden. In der Außenpolitik ließ er sich zeitweise von den Erfolgen des Kaisers blenden. Manche Fehlentscheidung, wie der Kriegseintritt 1777, ging auf ihn zurück und manche Mahnung erfolgte zu spät. In der Ausbildung des Josephinismus schlug auch er zunehmend einen verletzend kirchenfeindlichen Ton an.

So, wie K. im Verhältnis von Staat und Kirche eine grundlegende Veränderung einleitete, hat er in Österreich auch der Aufklärung den Weg bereitet. Es gibt in den Jahren 1753-90 kaum eine Maßnahme auf kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet, die nicht direkt oder indirekt auf K., einen Grandseigneur mit wachen künstlerischen Interessen, zurückgeht. Sowohl an der Gründung der Akademie der Wissenschaften in Brüssel 1772 als auch an der wenig später nach seinen Vorstellungen vorgenommenen Zusammenfassung der Akademie für Malerei, Bildhauerei, Baukunst und Kupferstechen zu einer Akademie der Bildenden Künste in Wien hat K. entscheidenden Anteil genommen. Sein Bestreben war es, den künstlerischen wie den wissenschaftlichen Einrichtungen ein möglichst großes Maß an Freiheit zu gewähren. Gegenüber den verschiedenen Geistesströmungen seiner Zeit bewies er größte Toleranz. Trotz seiner Bevorzugung der Aufklärung und seiner kirchenfeindlichen Grundhaltung war er bereit, ehemalige Jesuiten wie die Patres Franz, Nekrep und Höck zu fördern, die unter ihm nacheinander Direktoren der orientalischen Akademie waren. Die Universitätsreform wurde zwar von G. van Swieten durchgeführt, jedoch bemühte sich auch K., berühmte Gelehrte wie J. von Sonnenfels nach Wien zu ziehen. Seine Idee, in einer Akademie der Wissenschaften die hervorragendsten Geister seiner Zeit zu versammeln, konnte er jedoch nicht verwirklichen. So sehr er auch die französische Kultur bevorzugte – er förderte insbesondere das französische Theater in Wien –, befleißigte er sich doch in seinen Denkschriften, die sprachlich von ausgefeilter Brillanz waren, bevorzugt|der deutschen Sprache. Als Joseph II. ihn 1783 aufforderte, auch in deutschen Angelegenheiten französisch zu schreiben, lehnte er dies mit allem Nachdruck ab. Im persönlichen Umgang war K. voller Wunderlichkeiten. Kein Luftzug durfte ihn berühren und vom Tod durfte in seiner Umgebung nicht gesprochen werden. Von seiner ganz auf seine Person abgestellten Tageseinteilung ließ er sich durch nichts, auch nicht durch die Monarchen, denen er diente, abbringen. Mit Maria Theresia und ihren Nachfolgern verkehrte er wie mit seinesgleichen und konnte in seinen Äußerungen direkt bis zur Grobheit sein. In seinen Denkschriften nahm er prinzipiell kein Blatt vor den Mund. – K. gehört wie Pombal, Tanucci oder Ormea zu den großen Staatsmännern des aufgeklärten Absolutismus katholischer Länder, die einerseits noch ganz dem Ancien régime angehörten, andererseits sich aber neuen Ideen öffneten und in einem großangelegten Modernisierungsprozeß die Voraussetzungen für den Staat des 19. Jahrhunderts schufen.

9. Karl Albrecht von Bayern 

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Wie sein Vater kannte K. nur ein großes Ziel: Bayern zur Großmacht zu erheben. Außenpolitik und luxuriöser höfischer Lebensstil bestimmten daher seine Tätigkeit, während innere Reformen, wirtschaftliche Gesichtspunkte und soziale Verantwortung völlig zurücktraten. Er gilt, im Unterschied zur barocken Willensnatur seines Vaters, als typischer Rokokofürst: eleganter, liebenswürdiger Kavalier, leicht bestimmbar, früh in Liebesaffären verstrickt, Mäzen der bildenden Künste und der Musik, der Jagdleidenschaft verfallen.

Die Jugendjahre sind vom Spanischen Erbfolgekrieg geprägt; mit der Niederlage von Höchstädt (1704) ging Bayern an Österreich verloren, der Kurprinz wuchs in österreichische Gefangenschaft heran und kehrte erst nach dem Friedensschluß 1715 in die Heimat zurück. Dem Jesuitenunterricht in Österreich folgten nun Kavaliersreisen nach Italien und Frankreich, 1717 die Teilnahme an der Rückeroberung Belgrads durch Prinz →Eugen. Die Heirat (1722) mit der Erzherzogin →Maria Amalia, jüngeren Tochter Kaiser →Josephs I., bezeichnet trotz der damit verbundenen Anerkennung der österreichischen Erbfolgeordnung (Pragmatische Sanktion 1713) das Wiederaufleben bayerischer, seit 1546 genährter Erbansprüche auf österreichische Länder. Mit dem Regierungsantritt (1726) wurde neben der Anlehnung an Österreich die andere machtpolitische Tradition aufgeboten: 1727 Erneuerung des Bündnisses von 1714 mit Frankreich, in dem auch der Erwerb der Kaiserkrone vorgesehen war. Die Schaukelpolitik Bayerns zwischen West und Ost führte einerseits zur franzosenfreundlichen Neutralität während des Polnischen Thronfolgekrieges (1732–35), andererseits zur Waffenhilfe im Türkenkrieg des Kaisers (1738/39). Die Erbfolgefrage blieb offen, mit Kurpfalz und Kursachsen protestierte K. 1732/33 gegen die Bestätigung der Pragmatischen Sanktion durch das Reich und ließ gleichzeitig durch seinen Kanzler →Joseph Unertl eine „Deductio jurium“ ausarbeiten, in der nunmehr das gesamte österreichische Erbe beansprucht wurde. Finanziell und militärisch traf man jedoch keinerlei Vorbereitungen für den Erbfall; die hohen vom Vorgänger hinterlassenen Schulden wurden nicht abgetragen. Frankreich, seit 1739 in einen kolonialen Seekrieg mit England verwickelt, zögerte, auch als der österreichische Mannesstamm mit Kaiser →Karls VI. Tod am 20.10.1740 erlosch.

Erst nach dem Einmarsch →Friedrichs II. von Preußen in Schlesien (Dezember 1740) gewann eine Kriegspartei am französischen Hof die Oberhand; im Mai/Juni 1741 schloß K. mit Spanien und Preußen, dann auch mit Frankreich das Kriegsbündnis, dem im Herbst Sachsen beitrat. Der Verlauf des Österreichischen Erbfolgekrieges hing von dem Zusammenwirken französisch/bayerischer und preußischer Armeen ab; es kam nie zu wirklicher Übereinstimmung. Im September unterstellte sich die französische Rheinarmee dem bis Linz vorgedrungenen →Kurfürsten; statt des Vormarsches auf Wien, den →Friedrich erwartete, erzwang Frankreich, dem es auf eine Aufteilung des österreichischen Erbes ankam, das Abschwenken gegen Prag. Dort wurde dem Kurfürsten am 19.12.1741 als böhmischem König gehuldigt. Am 24.1.1742 folgte in Frankfurt/Main die einstimmige Wahl zum Kaiser, nachdem →Georg II., der englische König, zur Abschirmung seines Stammlandes Hannover seine Kurstimme eingebracht hatte. Am 14.2. jedoch besetzte eine inzwischen aufgestellte zweite österreichische Armee München: K. war und blieb ein Kaiser ohne Land. Aus der Abhängigkeit von Frankreich konnte und wollte er sich um so weniger lösen, als →Friedrich II. angesichts der Untätigkeit der französischen Armee in Böhmen den Sonderfrieden von Breslau abschloß, der ihm Schlesien eintrug (11.6.1742). Einen Frontwechsel auf die Seite Englands und Österreichs im Kampf gegen Frankreich lehnte K.wiederholt ab. Säkularisationsvorschläge auf Reichsboden, die von Preußen und England ausgingen, um ihn mit einer bescheidenen Hausmacht auszustatten, blieben utopisch. Er stellte unentwegt die Mindestforderung einer Erhebung Bayerns zum Königreich mit Abrundungen und angemessener Vermehrung seines Einkommens. Immerhin gelang die Rückeroberung Bayerns für einige Monate, so daß er im April 1743 wieder in München einzog, während die Franzosen Prag aufgaben und sich nach der Niederlage bei Dettingen a. Main (27.6.1743) gegen die „Pragmatische Armee“ unter →Georgs II. Oberbefehl auf die Rheinfront zurückzogen. Wie nach der Niederlage bei Höchstädt ging auch diesmal Bayern verloren. Erst die Bedrohung, der sich Preußen durch das wachsende Übergewicht Österreichs ausgesetzt sah, brachte für den wieder nach Frankfurt geflohenen Kaiser, dem man keine neutrale Position im Reich schaffen konnte, neue Aussichten mit sich. Das preußisch-französische Bündnis vom 5.6.1744 eröffnete den 2. Schlesischen Krieg. Wegen des preußischen Vorstoßes nach Böhmen mußte die ins Elsaß eingedrungene österreichische Armee zurückgeholt werden. So konnte K. im Oktober 1744 nochmals in München einziehen. Die französischen Truppen blieben jedoch am Oberrhein, →Friedrich II. mußte noch im Winter Böhmen räumen. Wiederum stand K. vor der Flucht, vor der ihn ein rascher Tod bewahrte. Im Frieden von Füssen (22.4.1745) erhielt sein Sohn Bayern zurück, wofür er seine Kurstimme an den Gemahl →Maria Theresias verpfändete; nachträglich wurde im Friedensinstrument das Kaisertum K. anerkannt.

Das Versagen K. beruht wesentlich auf der Überheblichkeit seiner Vorstellungen und Forderungen, obwohl das Schicksal seines Vaters ihm ein warnendes Beispiel hätte sein können. Glücklicher hat sich seine künstlerische Vorliebe ausgewirkt: die Amalienburg im Nymphenburger Park, die „Reichen Zimmer“ in der Münchener Residenz und andere Schöpfungen →Cuvilliés' und →Effners sind Höhepunkte des bayerischen Rokoko von internationalem Rang.

Sarkophag in der Münchener Theatinerkirche, das Herz wurde 1745 in einem großen von →Johann Baptist Straub gestalteten Epitaph mit Bleiguß-Urne in Altötting beigesetzt.

10. Friedrich II. der Große

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F.s Jugend war vom Gegensatz zum Vater überschattet. →Friedrich Wilhelm I., der im Grunde seine Familie liebte, ging mit der äußersten Strenge gegen seinen ältesten Sohn vor, als er zu sehen glaubte, daß sich dieser seinen künftigen Pflichten entzog. Nach dem eigenen Vorbild wollte er den Thronfolger zu einem guten Soldaten und Christen erziehen. F. setzte den Bemühungen, der freien Entwicklung seiner Individualität Fesseln anzulegen, Widerstand entgegen. Er hatte kaum Veranlassung, im Vater schon den bedeutenden Verwalter des Staates zu bewundern. Die Familie hatte unter dessen unberechenbaren Launen zu leiden. Am verhängnisvollsten war es wohl, daß er den Vater, dessen Lebensart er ablehnte, nicht einmal genügend achtete und daß dieser das fühlte. →Friedrich Wilhelm hat sich daher nicht selten von seinem Jähzorn hinreißen lassen; es haben sich unwürdige Szenen abgespielt, die das Ehrgefühl des sensiblen Knaben tief verletzten. Die Mutter war zur Vermittlung ungeeignet. Ähnlich wie später die →Kaiserin Friedrich empfand die stolze Welfin den preußischen Hof als untergeordnet. Sie verfolgte ehrgeizige Pläne für ihre Kinder; mit allen Mitteln betrieb sie die Doppelheirat ihrer ältesten Kinder mit Mitgliedern des englischen Königshauses. Die offiziellen und geheimen Verhandlungen führten zu keinem Ergebnis. F., der 1728 ein weit reicheres Hofleben in Dresden kennengelernt hatte, entschloß sich zur Flucht nach England, um sich dem von ihm als unerträglich empfundenen Druck durch den Vater zu entziehen. Der Plan war durchaus unüberlegt und unreif; er scheiterte im August 1730 während einer Reise an den Oberrhein schon an der Wachsamkeit der kronprinzlichen Begleitung. Die Beichte eines Pagen enthüllte dem König alles. Als sich Vater und Sohn zum erstenmal wieder in Wesel gegenüberstanden, scheint F.s Leben einen Augenblick bedroht gewesen zu sein. Der Kommandant von Wesel, General von der Mosel, mußte sich schützend vor den Kronprinzen stellen. F. wurde auf der Festung Küstrin unter strengste Bewachung gestellt. →Friedrich Wilhelm nahm als König und als Vater den Fluchtversuch außerordentlich schwer. Er sah darin nicht nur die Desertion eines Offiziers, sondern Hoch- und Landesverrat, nicht ohne Grund, da sich unabsehbare Konsequenzen für das schon an und für sich gespannte Verhältnis Preußens zu England-Hannover hätten ergeben können. Als Vater fühlte er sich vor ganz Europa bloßgestellt. Er wollte nicht den Tod des Kronprinzen, wie es die Legende behauptet, sondern dessen Thronverzicht, da er ihn des Königsamtes nicht mehr für würdig hielt. F. war aber nicht der „effeminierte Kerl“, für den ihn sein Vater gehalten hatte. Von der Außenwelt abgeschnitten, bewies er in langen zermürbenden Verhören eine erstaunliche Geistesgegenwart. Er nahm die Verantwortung für den Fluchtversuch auf sich; auf alle Fragen jedoch, ob er sich noch für würdig halte, König zu werden, antwortete er ausweichend: er übergebe sich der Gnade des Königs. F. mußte die Hinrichtung seines Freundes, des Leutnant →von Katte, der in den Fluchtplan eingeweiht war, vom Gefängnis aus mitansehen. Vergeblich bot er sein eigenes Leben an; vor dem Anblick des zum Tode Geführten brach er ohnmächtig zusammen (6.11.). Als ihn der Feldprediger Johann Ernst Müller in der Zelle aufsuchte, glaubte der Kronprinz sogar, daß er auf den eigenen Tod vorbereitet werden sollte. Doch hatte dieser nur den Auftrag, F. seinen Glauben an Vorausbestimmung auszureden.

Die Katastrophe bedeutete einen Wendepunkt in F.s Leben. Fortan wird er auf offenen Widerstand gegen den König verzichten, allerdings auch darauf bedacht sein, sich soweit wie möglich von ihm fernzuhalten. Verstellung, Berechnung und Taktik bestimmen künftig das Verhältnis vom Sohn zum Vater, wenn es auch an gelegentlichen sentimentalen Regungen nicht fehlt. Es ist oft behauptet worden, F. sei erst durch die bitteren Erfahrungen seiner Jugend zur notwendigen Härte erzogen worden, er habe auch viel für seine spätere Politik lernen können. Mit größerem Recht kann man sagen, daß die ständige Notwendigkeit, das Recht der eigenen Persönlichkeit gegen einen mächtigen Willen zu behaupten, zu einer Verkümmerung seelischer Kräfte führen und die bei F. schon angeborene Neigung zum Zynismus verstärken mußte. Seit Dezember 1730 durfte F. als jüngster Kriegsrat bei der Kriegs- und Domänenkammer in Küstrin arbeiten. 1731 kam es zu weiteren Erleichterungen, im November anläßlich der Hochzeit der Schwester →Wilhelmine zu einer äußerlichen Aussöhnung. Die praktische Tätigkeit, vor allem der Anschauungsunterricht auf gemeinsam mit dem König unternommenen Besichtigungsreisen, haben dann F. deutlich die großartige organisatorische Tätigkeit des Königs vor Augen geführt, Verdienste, die er später uneingeschränkt anerkannt hat und die ihm selbst zum Vorbild dienten. In diese Zeit fällt auch die harmlose Schwärmerei für die Schloßherrin von Tamsel, →Frau von Wreech. 1732 durfte F. als Chef das Infanterieregiment in Ruppin übernehmen; er hat seine militärischen Pflichten zur vollen Zufriedenheit des Königs erfüllt. Aber im gleichen Jahre lehnte sich sein Unabhängigkeitsgefühl in leidenschaftlichen Briefen an den →General von Grumbkow auf, als ihm der Vater eine Gemahlin bestimmte, für die vor allem die Verwandtschaft mit dem österreichischen Kaiserhaus sprach. Offenen Widerstand wagte F. jedoch nicht mehr. Die Ehe gab ihm eine gewisse Unabhängigkeit, er konnte in Ruppin einen eigenen Haushalt begründen, Freunde um sich sammeln und seinen musikalischen Neigungen nachgehen. 1734 nahm er in der Umgebung des →Prinzen Eugen am Polnischen Thronfolgekrieg teil, vermochte aber von dem alternden Feldherrn nicht mehr viel zu lernen. Im Herbst erkrankte der König so schwer, daß F. mit Bestimmtheit auf die Regierungsübernahme rechnete; er gab seiner Enttäuschung einen recht drastischen Ausdruck, als der Vater wider Erwarten im Frühjahr 1735 gesundete. Der Zeitgewinn war jedoch für seine innere Entwicklung sehr wichtig. Im Herbst 1736 siedelte F. nach Rheinsberg über; er ließ das Schloß nach eigenem Geschmack durch seinen Freund →G. W. von Knobelsdorff ausbauen und einrichten. Rheinsberg war wohl die glücklichste und menschlich entspannteste Periode seines Lebens. In einem Kreise von gleichgesinnten Freunden und von jungen Frauen wurde viel musiziert und Theater gespielt. Auch in seiner Ehe fühlte sich F. noch leidlich zufrieden. →Elisabeth Christine fehlte es nicht an Gemüt und Klugheit, ihr Geist besaß aber nicht genügend Tiefe und Anmut, um den Gatten dauernd zu fesseln. Nach den schlesischen Kriegen vollzog F. die Trennung, legte jedoch Wert darauf, daß sie als Königin respektiert wurde. →Elisabeth hat unter dem Bruch sehr gelitten, ihre Liebe blieb bis an ihr Lebensende unerschüttert. Sie war als Übersetzerin tätig und schrieb|ein kleines Buch „Gedanken und Betrachtungen zum Neuen Jahr“ (1777). Von einer grundsätzlichen Frauenfeindlichkeit darf man bei F. nicht sprechen. Im Briefwechsel mit geistig hochstehenden Frauen, wie mit der Kurfürstin →Maria Antonia von Sachsen oder der →Landgräfin Karoline von Hessen-Darmstadt, zeigte F. sich durchaus fähig, die galante und graziöse Sprache des Rokoko zu führen.

Während der Rheinsberger Zeit hat sich F. mit einer beispiellosen Intensität darum bemüht, ein umfassendes Wissen zu erwerben. Es fehlten ihm manche Grundlagen für das Selbststudium. F. beherrschte keine Sprache außer der französischen, selbst in dieser war seine Orthographie mehr als dürftig. Er sprach nach seinem eigenen Ausdruck Deutsch wie ein Kutscher, er verstand kein Latein, so daß er die Klassiker des Altertums häufig nur in schlechten Übersetzungen lesen konnte. Da ihm planmäßige Anleitung in seiner Jugend gefehlt hatte, war seine Lektüre, die sich vornehmlich auf philosophische, literarische und historische Werke bezog, etwas wahllos. Das Autodidaktische blieb immer spürbar. Aber F. studierte doch gründlich, „lesen heißt denken“ wird er später einmal sagen. F. hat sich gerne als Philosophen von Sanssouci bezeichnet. Er war jedoch kein origineller Denker. Er wurde zum überzeugten Anhänger der Aufklärungsphilosophie. Das Gedankengut übernahm er von anderen, vor allem von →Voltaire. Er hat sich nie einem bestimmten System verschrieben, es ist charakteristisch für ihn, daß er dasjenige in sich verarbeitete, was seiner eigenen Veranlagung und Denkrichtung entsprach. Schon als Kronprinz, vollends aber als König ist er sich stets bewußt gewesen, daß ihm vom Schicksal eine bestimmte Aufgabe zugewiesen sei und daß er sich über deren Sinn und Zweck Klarheit verschaffen müsse. Er fühlte sich zunächst stark von →Ch. Wolff angezogen, der das System von →Leibniz weiter entwickelt hatte, vor allem die Lehre vom einfachen Wesen, das heißt von der unzerstörbaren Substanz, so daß ihm damals der Glaube an eine unsterbliche Seele gerechtfertigt zu sein schien. Sehr bald geriet er jedoch unter den Einfluß von →Voltaire; fortan wird er dem englisch-französischen Skeptizismus, im besonderen Locke zuneigen. Die Verbindung mit →Voltaire ist für F. von größter Bedeutung geworden. Er entschied sich damit für die Welt des französischen Geistes, ohne daß diese Orientierung jemals einen Einfluß auf die Unabhängigkeit seiner Politik ausgeübt hätte. F. sah den Höhepunkt der europäischen Zivilisation im Zeitalter →Ludwigs XIV. Er empfand diese Epoche als die vollkommene Einheit von Macht des Staates, Glanz und Würde des Königtums und einer auf der strengen Form des Cartesianismus beruhenden Gesellschaftskultur. →Voltaire war für F. die schönste Blüte dieser Kultur, der letzte Vertreter einer großen Tradition. Er bewunderte in Voltaire nicht nur den Philosophen, sondern den universal gerichteten Menschen, der auch gleichermaßen in der Literatur, in der Geschichte wie in den Naturwissenschaften zu Hause war. Er achtete in ihm aber auch den Weltmann, der in politischen Geschäften zu gebrauchen war, den mutigen Kämpfer gegen religiösen Fanatismus und Aberglauben, den praktischen Landwirt. Bei dem merkwürdigen Verhältnis zwischen F. und →Voltaire darf eine Art von geistiger Verwandtschaft nicht übersehen werden; sie waren trotz der Verschiedenheit der Charaktere gewissermaßen aufeinander angewiesen, aristokratische Naturen, zur Spottsucht neigend, Verächter der Masse, so daß auch der schroffe Bruch der fünfziger Jahre den Meinungsaustausch nicht beendete.

Wie →Voltaire wurde F. Deist. An dem Dasein eines Gottes hat er nie gezweifelt und damit eine gesetzmäßige Weltordnung anerkannt. Nur über das Wesen dieser Gottheit vermochte er keine Klarheit zu gewinnen, vor allem nicht über ihr Verhältnis zu den Menschen. Letzten Endes neigte aber F. zu der Annahme, daß dieser Gott sich gegenüber den menschlichen Angelegenheiten vollkommen gleichgültig verhalte. F. hat im Unterschied zu →Voltaire die Willensfreiheit zunächst schroff abgelehnt, schon aus physiologischen Gründen. Später neigte er dazu, wenigstens die Entscheidungsfreiheit zwischen Vernunft und Leidenschaften für möglich zu halten, er blieb jedoch davon überzeugt, daß die meisten Menschen zum vernünftigen Handeln unfähig seien. Dem Zufall maß er eine große Bedeutung zu, er war für ihn aber kausal begründet in einer Kette menschlicher Irrtümer und Leidenschaften. Die Unsterblichkeit der menschlichen Seele gab er preis. Trotz der Geringschätzung aller kirchlichen Dogmen scheint F. niemals ganz sein religiöses Erbe überwunden zu haben. Sein Vorleser →H. de Catt hat wohl richtig beobachtet, daß schon in der aggressiven Art, wie F. über Religion zu sprechen pflegte, der unbewußte Wunsch nach einer Widerlegung zum Ausdruck gekommen sei. Nach der Katastrophe von Hochkirch (1758) muß F. für eine kurze Zeit durch eine religiöse Krise durchgegangen sein. Es war eine der schwersten Stunden seines Lebens. Er erhielt die Nachricht vom|Tode der Lieblingsschwester →Wilhelmine und verlor gleichzeitig einen seiner letzten Freunde, den Feldmarschall →J. Keith. Die Religion vermochte ihm jedoch keinen dauernden Trost zu spenden, von der Metaphysik wandte er sich ganz ab. Er hielt sich für seine Moral an das Beispiel großer Persönlichkeiten aus dem Altertum und der Neuzeit sowie an die Morallehren der Philosophie.

In Rheinsberg haben sich auch bereits die Hauptzüge seiner Staatsanschauung gebildet. Im Sinne der Aufklärung wollte er von dem göttlichen Ursprung der Herrschergewalt nichts mehr wissen. Er setzte einen ursprünglichen Vertrag voraus, der dem Herrscher die unkündbare Gewalt übertragen hatte. Er vertrat den aufgeklärten Absolutismus, wie →Hobbes davon überzeugt, daß die Souveränität unbeschränkt sein müsse, um ihre Aufgabe erfüllen zu können. Er folgte also weder der Staatslehre →Lockes noch →Montesquieus. Von letzterem übernahm er aber die Auffassung, daß die Verschiedenheit der Volkscharaktere und der Regierungsformen sich aus Klima, Bodenbeschaffenheit und den Gewohnheiten erklären lasse. Anders wie Hobbes stellte F. den Fürsten unter das Gesetz, er sollte ebenso wie seine Untertanen zum Dienst am Staat verpflichtet sein. F. erwartete von den staatstragenden Schichten Vaterlandsliebe, die über das reine Pflichtgefühl hinausgehen sollte. Er besaß kein eigentliches dynastisches Solidaritätsgefühl; aus seinen Prosaschriften und Dichtungen können mit Leichtigkeit zahlreiche Äußerungen zusammengestellt werden, die sich mit ihrem beißenden Spott über die fürstlichen Zeitgenossen kaum von späteren antimonarchischen Pamphleten unterscheiden. Doch heißt das nicht, daß für F. die hohe Geburt gar nichts bedeutet hat. Er verachtete die Fürsten, die sich ihren Verpflichtungen entzogen, er schätzte die meisten Regenten kleiner Staaten gering ein, weil sie keine großen Aufgaben zu erfüllen hatten. Aber im Grunde besaß F. einen sehr ausgeprägten, beinahe überheblichen Stolz auf seine Königswürde. Gerade deshalb verlangte er von einem König außerordentlich viel; er wollte kein bloßer Schein- oder Bettelkönig sein. Er hielt deshalb – wenigstens in jüngeren Jahren – auch die Ruhmsucht nicht für verwerflich, soweit sie den Herrscher zu mutigen und edlen Taten für das Wohl des Staates anspornte. Der Fürst, das war seine Forderung, mußte die Verantwortung allein tragen und zu jedem persönlichen Opfer bereit sein. Er sollte alle Fähigkeiten zur Regierung besitzen, denn F. sah den Staat als eine Maschine oder als einen Organismus an. Nur einer konnte diese Maschine bedienen, nur einer der Kopf sein. Er legte daher auf die Prinzenerziehung besonderen Wert; in den politischen Testamenten wird sie ausführlich behandelt. Aber er war schon deshalb davon überzeugt, daß die Erbmonarchie die beste Regierungsform sei, weil er von der Aristokratie mehr Führungsbegabung, mehr Sinn für hohe Gedanken und Taten erwartete. „Trotzen muß ich dem Verderben, muß als König denken, leben, sterben“, rief er Voltaire 1757 zu. Gerade das Beispiel des republikanischen Roms bedeutete ihm viel; von einem König mußte erst recht die gleiche Haltung erwartet werden. F. hat der monarchischen Idee eine neue Bedeutung gegeben, aber er hat gleichzeitig auch die Erbmonarchie überfordert, es war ein gefährliches Unterfangen, ihr das metaphysische Fundament zu entziehen.

F. hat in der Rheinsberger Zeit schon mit großer Aufmerksamkeit die Politik beobachtet. Die Ansichten des aufgeklärten Philosophen und werdenden Staatsmannes durchdringen sich gegenseitig in eigentümlicher Weise. Er litt unter der gesunkenen Reputation Preußens, wie sein Vater sehr erbittert über österreichische Machenschaften. Schon in einem Brief an den Kammerjunker →von Natzmer (1731) hatte er sich offen für die Notwendigkeit einer Machterweiterung ausgesprochen. 1738 schrieb er die „Considérations sur l'état présent du corps politique de l'Europe“, die zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht worden sind. Der Blick ist noch ganz nach Westen gerichtet, wo es um das jülich-bergische Erbe ging. In versteckter Form wirbt F. um ein Bündnis mit Frankreich. Von den Großmächten verlangt er eine maßvolle von der Staatsräson bestimmte Politik. Viel wichtiger als Bekenntnis des werdenden Staatsmannes war die „Réfutation du prince de Machiavel“ (erst von Voltaire der Titel „l'Antimachiavel“ eingeführt). F. verfaßte diese Schrift 1739, angeregt durch die Henriade von Voltaire, der die Absicht des Kronprinzen lebhaft unterstützte. Dieser kannte nur den „Fürsten“, und zwar in einer schlechten französischen Übersetzung. Die Widerlegung von →Machiavelli ist F. durchaus mißglückt. Die Vertretung humanitärer Ideale im ersten Teil geht an dessen Grundkonzeption vorbei. Im zweiten Teil nähert sich F. zusehends, ihm selbst wohl kaum klar bewußt, →Machiavellis Ansichten, besonders in den Abschnitten, in denen er von den zwischenstaatlichen Beziehungen und militärischen Angelegenheiten spricht. Doch darf die von F. zum Ausdruck gebrachte Empörung nicht nur als literarische Stilübung abgetan werden; die Ablehnung der von →Machiavelli vorgeschlagenen Mittel im Kampf um die Macht war aufrichtig gemeint, F. kannte die ungünstige Wirkung auf die Fürsten kleiner Staaten. In dieser Schrift hat F. auch bereits die Grundsätze niedergelegt, nach denen er zu regieren beabsichtigte: Das Wohl und das Glück der Untertanen müßten das eigentliche Ziel sein, die Gerechtigkeitsliebe wird stark betont, schon hier wird von F. der Ausdruck gebraucht, daß der Fürst der erste Diener des Staates zu sein habe. Voltaire hat das Manuskript des Kronprinzen überarbeitet, nicht nur stilistisch, sondern auch inhaltlich, so daß sich charakteristische Unterschiede der Auffassung ergeben. F. war mit der Bearbeitung nicht zufrieden, wünschte nach dem Regierungsantritt die Veröffentlichung auch deshalb nicht mehr, weil er fremde Staatsmänner wenig schmeichelhaft gezeichnet hatte. Trotzdem erschienen noch 1740 zwei Ausgaben in Holland. Rasch folgten weitere Nachdrucke, da der anonyme Verfasser unschwer erraten wurde.

F. hat sich als König und Staatsmann in Widerspruch zu den humanitären Forderungen gesetzt, die er als Philosoph und Schriftsteller vertreten hatte. Er richtete sich ausschließlich nach dem Staatsinteresse, verschmähte auch die bedenklichsten Mittel zur Erreichung seiner Ziele nicht. Auch seine Urteile über die menschliche Natur werden immer pessimistischer. Die Menschenverachtung der späteren Jahre hatte er in seinen Jugendschriften noch durchaus abgelehnt. Der Vorteil lag darin, daß er gegen einen philosophischen Fanatismus immun war und in seiner Innenpolitik weit stärker als sein Nachahmer, →Josef II., die geschichtlich gegebenen Realitäten beachtete. F. war sich stets bewußt, daß er als Staatsmann im Widerstreit zur Privatmoral stand. Man darf jedoch den sich daraus ergebenden Konflikt nicht überschätzen. Er war überzeugt, daß er, gebunden an eine höhere, wenn auch unbegreifliche Ordnung, in erster Linie die Verpflichtung habe, für den ihm anvertrauten Staat zu sorgen und für diesen zu jedem persönlichen Opfer (auch in moralischer Hinsicht) bereit zu sein. Das Bewußtsein, diese Forderung zu erfüllen, rechtfertigte ihn einigermaßen vor seinem Gewissen. Seine Problematik lag in einer anderen Richtung. Genau wie →Bismarck hat sich F. in der Selbsttäuschung befunden, daß er in einem stillen und beschaulichen Leben viel glücklicher geworden wäre. Sein überschäumendes Temperament, sein dämonischer Machtinstinkt waren immer die stärkste Triebkraft. Aber die Welt der Kunst und des Geistes hatte für ihn ihren eigenen Wert, er konnte ohne sie nicht auskommen. Seiner Veranlagung nach war er für die Schönheit und den heiteren Lebensgenuß sehr empfänglich. Er wäre gern ein →Marc Aurel gewesen und mußte stattdessen einen Staat regieren, den er noch für barbarisch hielt. Angesichts seiner Sensibilität war er ungewöhnlichen Stimmungsschwankungen ausgesetzt; stoische Haltung war für ihn nicht selbstverständlich, er mußte sie ständig seiner Natur abringen. Erschwerend kam noch hinzu, daß F. einen hellwachen, äußerst kritischen Verstand besaß. Es war ihm deshalb nur möglich, sich wohl vorübergehend, aber nicht auf die Dauer in Illusionen und Selbsttäuschungen zu bewegen. Die Reflexion stand in einer unablässigen Auseinandersetzung mit der Aktion. Hierin lag das Einmalige: F. mußte sich gewissermaßen in einem Spiegel sehen, der ihm die Gefahren seiner Leidenschaften, seiner Fehler und Irrtümer, ja die Fragwürdigkeit des menschlichen Daseins entgegenhielt. Die Belastung, unter der F. stand, darf bei seiner Beurteilung nicht außer acht gelassen werden.

Als F. am 31.5.1740 die Regierung antrat, war sein politischer Blick noch dem Westen zugewandt. Mit einer unter der vorigen Regierung nicht üblichen Energie ging er gegen den Bischof von Lüttich vor, als ihm dieser die Herrschaft Hersdal streitig machen wollte. Am 20. Oktober 1740 starb der letzte habsburgische Kaiser →Karl VI. F. sah eine einzigartige Gelegenheit gekommen, Preußen mit einem Schlage in das Spiel der Großmächte einzuführen und das Ansehen seines Staates zu heben. Er vollzog die grundsätzliche Schwenkung von der West- zur Ostorientierung. Durch den Einfall in Schlesien zog er sich die Todfeindschaft der Donaumonarchie zu. Die Art seines Vorgehens ist weder vom Standpunkt der Staatsräson noch von dem der Moral aus zu rechtfertigen. Es hätte nahe gelegen, Gewehr bei Fuß abzuwarten, bis eine für Preußen günstige Situation entstand. Auf ganz Schlesien konnte kein Rechtsanspruch geltend gemacht werden, obwohl es nachträglich versucht wurde. Frühere Ansprüche auf einige schlesische Herzogtümer waren zum mindesten umstritten. F. stürzte sich mit der ganzen Unbesonnenheit der Jugend in ein Unternehmen, das ein großes Risiko in sich schloß und den König zum Friedens- und Vertragsbrecher stempelte. Er hat stets offen zugegeben, daß ihn das Ungestüm seiner Jugend, Ruhmsucht, ja|bloße Neugierde zu seinem Schritt veranlaßt hätten. Doch ist es zum mindesten eine Übertreibung, wenn die Eroberung Schlesiens und die spätere Teilung Polens als die „sensationellsten Verbrechen der Neuzeit“ bezeichnet worden sind (→G. P. Gooch). F. stand unter dem Zwang des geschichtlichen Auftrages. Preußen befand sich noch immer nach einem Ausdruck von F. in einer Zwitterstellung zwischen Kurfürstentum und Königtum, der Staat war nach allen Seiten hin infolge seiner unzusammenhängenden Gestalt und der ungünstigen Grenzen gefährdet. Es wäre auf jeden Fall schwierig gewesen, für Preußen die Unabhängigkeit einer Großmacht zu erreichen, ohne in einen Gegensatz zu den Interessen Österreichs oder einzelner Reichsstände zu geraten. Schon der Kronprinz hatte sich mit der schädlichen Rivalität des schlesischen Handels näher befaßt. Eine so reiche Provinz wie Schlesien verhalf Preußen zu einer erweiterten Wirtschaftbasis, ohne die es keine große Politik zu treiben vermochte. Schlesien war auch ein gegebenes Aufmarschgebiet für Operationen in Böhmen, es trennte überdies Sachsen von Polen. F. hat daher auch niemals die Entscheidung von 1740 bereut; noch im 7jährigen Krieg setzte er die Lebensfähigkeit seines Staates mit der Behauptung des schlesischen Besitzes gleich. Bestand ein grundsätzlicher Unterschied zu den Kriegen Ludwigs XIV.?

F. täuschte sich in seinen Berechnungen. Obwohl er für die Abtretung Schlesiens die Garantie des österreichischen Gesamtstaates und die Zustimmung zur Nachfolge →Maria Theresias anbot, entschloß sich die junge Königin fast allein zum äußersten Widerstand. Die Eroberung von Schlesien gelang; der protestantische Teil der Einwohnerschaft begrüßte F. als Befreier. Im übrigen aber entstand eine sehr ernste internationale Situation. →Georg II. bemühte sich um eine große Koalition gegen Preußen; Frankreich unter →Fleury versagte sich einem Bündnis. Erst die Schlacht von Mollwitz (10.4.1741) brachte den Umschwung. F. verfügte als Feldherr noch nicht über ausreichende Erfahrungen, seine Dispositionen stifteten Verwirrung an; auf Anraten des Feldmarschalls →von Schwerin verließ er das Schlachtfeld in einer wenig rühmlichen Flucht. Mollwitz wurde in seiner Abwesenheit →von Schwerin gewonnen. Der Eindruck auf Europa war groß. Am 5.6. kam es in Breslau zum preußisch-französischen Bündnis. Da jedoch die französische Kriegführung wenig energisch war und F. keine Lust hatte, für fremde Interessen zu kämpfen, schloß er mit Österreich das vielumstrittene Abkommen von Klein-Schnellendorf (9.10.). Schlesien blieb vorläufig bei Preußen. F. kam in den Ruf eines unzuverlässigen Verbündeten. Für Österreich bedeutete es die dringend benötigte Atempause, um seine Kräfte erneut zu sammeln. Nach kurzer Zeit trat daher F. wieder in den Krieg ein, diesmal im Bunde mit Bayern, dessen Kurfürst →Karl Albrecht in Frankfurt zum Kaiser (→Karl VII.) gewählt worden war (24.1.1742). F.s Sieg bei Chotusitz in Böhmen (17.5.) ermöglichte den Friedensschluß in Berlin (28.7.). Preußen erhielt Schlesien mit Einschluß der Grafschaft Glatz. Der Kampf ging in den Österreichischen Erbfolgekrieg über, Bayern wurde von den österreichischen Truppen erobert. Die sogenannte pragmatische Armee (Engländer, Holländer, Österreicher und deutsche Miettruppen) errangen den großen Sieg bei Dettingen über die Franzosen (27.6.1743). In diesem kritischen Stadium unternahm F. den Versuch, mit Hilfe des Reiches das österreichische Übergewicht zu brechen. Schon 1742 hatte er in München die Säkularisation geistlicher Gebiete angeregt. Nunmehr schlug er eine Assoziation von Reichsständen und Reichskreisen vor; eine Neutralitätsarmee sollte gebildet werden. Für sich verlangte F. die Stellung eines ständigen Generalleutnants. Von Reichspatriotismus läßt sich kaum sprechen, F. hatte nur das Interesse seines Staates im Auge. Der Plan scheiterte völlig, das Mißtrauen vieler kleinerer Reichsstände gegenüber Preußen war damals weit größer als gegenüber Österreich. Auch das vorgesehene französische Protektorat erregte Mißfallen. F. unternahm den 2. Schlesischen Krieg, nachdem ein neues Bündnis mit Frankreich zustandegekommen war (5.6.1744). Ohne genügende Sicherung der Verbindungswege fiel der König in Böhmen ein. Die Eroberung von Prag gelang ihm wohl; die österreichische Armee unter dem Prinzen →Karl von Lothringen drängte jedoch F. von seinen Magazinen in Prag und an der oberen Elbe ab. F. war genötigt, nach Schlesien zurückzugehen, die Armee war demoralisiert; vorübergehend kam es sogar zu einer Vertrauenskrise des Offizierkorps. Am 26.1.1745 starb →Karl VII., Bayern schloß eilig mit Österreich Frieden. Es war daher ein Glück, daß F. bei Hohenfriedberg ein glänzender Sieg gelang (4.6.). Hier hat er zum erstenmal sein Feldherrntalent voll unter Beweis stellen können. Österreich wurde erst durch weitere Mißerfolge friedensreif. Nach Siegen F.s bei Soor (30.9.) und des Alten Dessauers bei Kesselsdorf über die Sachsen (15.12.) kam in Dresden der Frieden zustande (25.12.). F. behielt Schlesien, Sachsen mußte eine Million Taler|Kriegsentschädigung zahlen. Seine Reichspläne waren allerdings völlig gescheitert; er erkannte den Gemahl der →Maria Theresia, →Franz I., als Kaiser an.

F. hat einen neuen Krieg für unvermeidlich gehalten. Er war sich der gefährdeten Lage Preußens sehr bewußt. Im Politischen Testament von 1752 betonte er vor allem die unregelmäßige Gestalt seines Staates, die ungeschützten Grenzen angesichts feindlicher Nachbarn. In den „Politischen Träumereien“ dieses Testaments bezeichnete er die Erwerbung von Sachsen, Westpreußen und auch Mecklenburg in hohem Grade für erwünscht. – F. hat unermüdlich an der Vervollkommnung der Armee gearbeitet; die in den Schlesischen Kriegen gewonnenen Erfahrungen wurden nutzbar gemacht. Er stellte allgemeine Richtlinien und Instruktionen auf, vor allem in den Generalprinzipien des Krieges (1748) und in einem Lehrgedicht über die Kriegskunst. Bei der Ausbildung legte er großen Wert auf kühnen Angriffsgeist, vornehmlich bei der Kavallerie, die überdies stark vermehrt wurde. Die Offiziersstellen waren so gut wie ausschließlich dem Adel vorbehalten. F. war der Meinung, daß der Adel als Stand mehr Ehrgefühl und mehr Führungstalent besitzen müsse als das Bürgertum. Er hielt den Adel für den ersten Stand, infolgedessen wurde dieser auch in seiner wirtschaftlichen Stellung begünstigt. Nur der Adlige durfte ein Rittergut erwerben, da damit Privilegien verbunden waren. Trotzdem kann man kaum sagen, daß F. die ständische Ordnung in ihrer ursprünglichen hierarchischen Bedeutung erhalten hat. Der erste Stand wurde so weitgehend in den Staat integriert, sein Ansehen so ausschließlich auf Leistung und Verdienst begründet, daß geradezu von einer gesellschaftlichen Umbildung gesprochen werden darf.

F. steuerte nicht bewußt auf einen Offensivkrieg hin, den er nur unter bestimmten Voraussetzungen für möglich hielt. Der Krieg wurde erst durch die großen Verschiebungen ausgelöst, die sich im europäischen Staatensystem vollzogen. Das „renversement des alliances“ hat sich schon seit langem vorbereitet. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts war aus der Rivalität zwischen Frankreich und England ein säkularer Gegensatz entstanden. Auch die anderen Gruppierungen waren in Fluß geraten. Mit allem Nachdruck betrieb Österreich unter →Kaunitz die Annäherung an Frankreich. Der Hauptfeind war Preußen geworden. In Frankreich waren die Meinungen gespalten. Während noch viele an der antihabsburgischen Tradition festhielten, gab es eine einflußreiche Partei, die Österreich schon deshalb Preußen vorzog, weil die Donaumonarchie als ein wertvollerer Bundesgenosse angesehen wurde. Nicht nur die →Marquise de Pompadour, sondern auch →Ludwig XV. und andere Politiker waren von der Notwendigkeit des Frontwechsels überzeugt; das Erstarken Preußens wurde mit Argwohn beobachtet. Auch die Haltung Rußlands, schon seit 1740 mit Österreich verbündet, ist nicht hauptsächlich aus dem persönlichen Haß zu erklären, den die →Kaiserin Elisabeth gegenüber F. empfand. Die zunehmende Handelsrivalität zwischen England und Rußland, der russische Ausdehnungsdrang nach dem Westen seit →Peter dem Großen, vor allem die polnische Frage, für deren rein russische Lösung Preußen im Wege stand, gaben den Ausschlag. Die Beziehungen zwischen England und Österreich waren mehr und mehr erkaltet. Die Gefahr einer sich herausbildenden antipreußischen Koalition wurde F. erst seit 1755 bewußt. Am 16.1.1756 schloß er die Westminster-Konvention mit England, in der sich England und Preußen zur gemeinsamen Abwehr jeden Angriffes einer fremden Macht verpflichteten. F. befürchtete eine Bedrohung Hannovers durch die Russen, er hoffte auf diese Weise diese an England zu binden und Österreich zu isolieren. Umgekehrt erwartete London von der Konvention, daß die große Auseinandersetzung mit Frankreich, die in Nordamerika bereits 1754 begonnen hatte, sich nicht zu einem europäischen Krieg erweitern würde. Die Erwartungen erfüllten sich nicht. Die französische Regierung betrachtete die Konvention als Verrat des preußischen Verbündeten. Sie entschloß sich zu einem Neutralitäts- und Verteidigungsbündnis mit Österreich (1.5.1756). Auch in Petersburg bestand Bereitschaft zum Kriege. Auf das äußerste beunruhigt über russische und österreichische Rüstungen und angebliche Truppenbewegungen entschloß sich F. zum Präventivkrieg, in der Überzeugung, daß es ihm noch durch rasche Siege gelingen werde, die sich bildende Koalition zu sprengen. Im August 1756 fiel er in Kursachsen ein; der Versuch, aus Dresdener Archiven Sachsens preußenfeindliche Haltung und die Kriegsabsichten seiner Gegner zu beweisen, verfehlte seine Wirkung. Bei den meisten Reichsständen herrschte helle Empörung über F.s Vorgehen. Die brutalen Maßnahmen, die er militärisch und wirtschaftlich in dem eroberten Lande traf, gaben diesen Gefühlen ständig neue Nahrung. Auch in Frankreich schlug die Stimmung zu F.s Ungunsten um. Aus dem Defensivvertrag wurde der Offensivvertrag vom 1.5.1757. Rußland und Schweden traten in den Krieg ein. Der Sieg von Prag (6.5.) über →Karl von Lothringen war durch große Opfer und den Tod von Schwerin teuer bezahlt. Die Niederlage von Kolin (18.6.) wirkte sich militärisch, politisch und psychologisch gleich verhängnisvoll aus. Sie zerschlug alle Friedenshoffnungen, nahm F. den Nimbus der Unbesiegbarkeit und brachte den Reichskrieg in Gang. Böhmen mußte sofort geräumt werden. Prinz →August Wilhelm ließ sich bis Bautzen zurückdrängen, so daß Schlesien bedroht war. F. behandelte seinen Bruder mit unnachsichtiger Härte, er enthob ihn des Kommandos. In der nächsten Zeit häuften sich die Unglücksbotschaften. Die Österreicher drangen bis Berlin, die Russen in Ostpreußen, die Schweden in Pommern vor. Durch die Konvention von Kloster Zeven (8.9.) zog sich England-Hannover zeitweilig aus dem kontinentalen Krieg zurück. F., der noch mit einer gewissen Unbekümmertheit und Überheblichkeit in den Krieg eingetreten war und seinen Minister →von Podewils, der ihn gewarnt hatte, spöttisch „Monsieur de la politique timide“ nannte, kämpfte fortan um den Bestand seines Staates. Er sollte merkwürdigerweise seinen Ruhm auf schweren diplomatischen und militärischen Fehlern begründen. Denn erst jetzt konnte er unter Beweis stellen, daß er ein Feldherr von hohem Range war. Im Unglück entwickelte er jene erstaunliche moralische Energie, die allein die Selbstbehauptung gegenüber der feindlichen Übermacht ermöglicht hat.

F. kann als Feldherr nur dann zutreffend gewürdigt werden, wenn davon ausgegangen wird, daß Politik und Strategie bei ihm eine vollkommene Einheit bildeten. Seine strategischen Pläne waren weitgehend von politischen Erwägungen abhängig. Da er häufig vor der Notwendigkeit stand, sich gegenüber zahlenmäßig überlegenen Gegnern zu behaupten, mußte er darauf bedacht sein, das Zusammenwirken mehrerer feindlicher Armeen zu vereiteln beziehungsweise mit durchschlagenden Erfolgen Friedenschancen zu eröffnen. Der Mut zum Wagnis, aber auch die nüchterne Erfassung aller sich ergebenden Möglichkeiten bestimmten die Art seiner Kriegführung. F. darf nicht auf ein starres System festgelegt werden, da er sich durch Erfahrungen belehren ließ. Der Streit, ob F.s Kriegführung mehr der Ermattungsstrategie oder der Vernichtungsstrategie zuzurechnen ist, darf daher als erledigt gelten. Angesichts der beschränkten Mittel, der ungünstigen Verkehrsverhältnisse, mit einer Armee, die sich zum Teil aus Ausländern und unzuverlässigen Elementen zusammensetzte, konnte F. nicht daran denken, den Feind in offenen Feldschlachten vernichtend zu schlagen. Aber er war auch nicht mehr ein Anhänger der bisherigen Manövriertaktik, er nahm das Risiko der Schlacht auch unter ungünstigen Bedingungen auf sich. Fehlschläge waren unvermeidlich. Durch diese offensive Kriegführung hat F. jedoch die Gegner demoralisiert, die lähmende Wirkung, die von seinen manchmal gänzlich unerwarteten Erfolgen ausging, läßt sich kaum überschätzen. – Im November 1757 faßte F. einen überaus kühnen Entschluß. Ohne Rücksicht auf die akute Gefährdung Schlesiens wandte er sich gegen die von Westen vordringenden Franzosen und Reichstruppen und schlug sie bei Roßbach (5.11.). Die Wirkung war außerordentlich. In London verwarf →W. Pitt die Konvention von Kloster Zeven; Preußen erhielt Subsidien, ein Hilfskorps unter der ausgezeichneten Führung →Ferdinands von Braunschweig operierte seitdem im nordwestlichen Raum erfolgreich gegen die Franzosen. Roßbach wurde aber auch in Deutschland als nationales Ereignis gefeiert. In Eilmärschen wandte sich F. nach Schlesien zurück, das inzwischen fast ganz verlorengegangen war. Bei Parchwitz vereinigte er sich mit der schlesischen Armee. Hier hat F. seine berühmte Ansprache an seine Offiziere gehalten. Sie war ein psychologisches Meisterstück. Er verheimlicht den verzweifelten Ernst der Lage nicht, appelliert an das Ehrgefühl, droht aber auch zugleich schwere Strafen für etwa versagende Regimenter an. Unter Anwendung der schiefen Schlachtordnung, das heißt bei anfänglicher Zurückhaltung des linken Flügels, errang er bei Leuthen einen großen Sieg über die an Zahl weit überlegenen Österreicher (5.12). Ganz Schlesien fiel wieder in seine Hand. Niemals war F. seiner Armee, die an diesem Tage überwiegend aus Landeskindern bestand, die für den König und ihren Glauben kämpften, so nahe, wie am Abend von Leuthen, als der Choral „Nun danket alle Gott“ über das Lager hinweg erklang. Hoffnungen auf den Frieden zerrannen jedoch bald, das österreichisch-französische Bündnis wurde Anfang 1758 erneuert. F. schlug zwar die Russen bei Zorndorf (25.8.); aber die Verluste waren außerordentlich schwer. Er lernte die Tapferkeit und Disziplin der russischen Soldaten fürchten. Bei dem nächtlichen Überfall von Hochkirch (14.10.) durch die Österreicher büßte F.einen großen Teil seiner Artillerie ein. Seit 1759 befand sich F. bereits in der strategischen Defensive. Er wagte den Angriff auf die vereinigten Russen und Österreicher, die sich rechts der Oder bei Kunersdorf in|günstigen Stellungen befanden, er erlitt eine vernichtende Niederlage (12.8.). F. hat in der Schlacht den Tod gesucht, er gab hinterher alles verloren, es kam vorübergehend zu einer schweren physischen und psychischen Krise. Er übergab den Befehl über die Trümmer der Armee dem General →F. A. von Finck und trug sich ernstlich mit Selbstmordgedanken. Als der Gegner infolge von Meinungsverschiedenheiten und aus Furcht vor dem Genie des Königs den Sieg nicht ausnutzte (das Mirakel des Hauses Brandenburg!), fing sich F. nach wenigen Tagen wieder. Er konnte jedoch die Kapitulation von →Finck bei Maxen (20.11.) nicht verhindern. Er hatte diesem eine undurchführbare Aufgabe übertragen. Die Siege bei Liegnitz (15.8.1760) und bei Torgau (3.11.) konnten nur eine zeitweilige Entlastung bringen; Schlappen von Unterführern hielten die Waage; trotz vielfacher Bemühungen gelang es F. nicht, mit einer der feindlichen Mächte einen Sonderfrieden zu schließen. Die Russen wurden durch die Aussicht auf Ostpreußen festgehalten. Allerdings war F. keinen Augenblick zur Preisgabe auch nur eines Teils von Schlesien bereit.

Seine Kräfte waren erschöpft. Fortan mußte er sich auf die reine Defensive beschränken. Das Ersatzproblem wurde immer ernster. In zunehmendem Maße wurde auf Landeskinder zurückgegriffen. Freibataillone wurden aufgestellt, blutjunge Kadetten und auch Bürgerliche rückten in die Offiziersstellungen ein. Die Wirtschaft lag schwer danieder, selbst vor einer Münzverschlechterung schreckte der König nicht zurück. Gewiß darf bei F. die Neigung zur Schauspielerei, die Vorliebe für eine antike Pose nicht übersehen werden. Er ließ sich manchmal mehr gehen, als notwendig war. Auch klammerte er sich immer wieder an die Hoffnung auf eine Hilfe von den Türken und Tataren. Aber letzten Endes hat der König doch ganz illusionslos sich die furchtbare Lage seines Staates klargemacht. Die Last der Verantwortung drückte ihn schwer, gegen die Schrecken des Krieges war er durchaus nicht unempfindlich. Zum erstenmal bezogen Österreicher und Russen 1761 auf preußischem Boden Winterquartiere. In England wurde →Pitt gestürzt, der das preußische Bündnis sehr hoch eingeschätzt hatte; ein englisch-französischer Sonderfriede stand vor der Tür. Nur der Tod der Kaiserin Elisabeth am 5.1.1762 hat F. vor dem Schlimmsten bewahrt. Ihr Nachfolger, der Holsteiner →Peter III., ein infantiler Narr, aber ein glühender Bewunderer des preußischen Königs, schloß mit diesem sofort ein Bündnis. Nach →Peters baldigem Sturz kündigte →Katharina II. wohl das Bündnis, trat aber nicht wieder in den Krieg ein. Nachdem F. bei Burkersdorf (21.7.), →Prinz Heinrich bei Freiberg (29.10.) Erfolge davongetragen hatten, konnte angesichts der allgemeinen Kriegsmüdigkeit der Friede von Hubertusburg zustandekommen (15.2.1763). Der territoriale Besitzstand blieb unverändert, F. gab die Zusage, einer künftigen Wahl des Erzherzogs →Josef zum Kaiser zuzustimmen. Der 7jährige Krieg war ein Weltkrieg gewesen, den Hauptgewinn trug England davon, zu dessen Gunsten war die Entscheidung in Amerika und Indien gefallen.

Europa und Nordamerika blickten bewundernd auf F., der Nimbus der preußischen Armee wirkte lange nach. In den Augen vieler Engländer und Amerikaner hat F. bis in das 19. Jahrhundert hinein als Vorkämpfer der protestantischen Freiheit gegolten. Er kehrte jedoch enttäuscht zurück. Er hatte auf territorialen Gewinn, besonders auf Sachsen gehofft. Im politischen Testament von 1768 sprach F. Preußen noch immer den Charakter einer Großmacht ab, er wußte, daß die Außenposten Ostpreußen und die westlichen Besitzungen im Kriege nicht zu halten waren. F. war weiterhin bemüht, die Schlagkraft der Armee zu erhalten beziehungsweise zu mehren – zu den damals schon notwendigen umfassenden Reformen kam es allerdings nicht –, einen neuen Krieg wünschte er nicht. Er fürchtete die russische Macht und war deshalb bereit, mit →Katharina ein Verteidigungsbündnis zu schließen (11.4.1764). F. hat es beklagt, daß der preußisch-österreichische Dualismus ein Zusammengehen mit dem Kaiserstaat zur Abwehr des russischen Druckes unmöglich machte. Seine Zusammenkünfte mit →Josef II. in Neiße (25.8.1769) und Mährisch-Neustadt (3.-7.9.1770) führten nur zu einer vorübergehenden Entspannung. F.hatte die Erwerbung Westpreußens stets als erstrebenswertes Ziel angesehen. Die Verhandlungen mit →Katharina II. über Polen kamen unter Vermittlung des Prinzen →Heinrich in Gang. →Katharina hat Preußen zunächst nur Ermland zugedacht. Infolge der drohenden Haltung Österreichs, das über die russischen Erfolge im Kriege gegen die Türkei sehr beunruhigt war und die Festsetzung der Russen in den Donaufürstentümern um keinen Preis zulassen wollte, gab sie nach. So kam am 5.8.1772 der endgültige Vertrag über die sogenannte 1. Teilung Polens zustande, die Preußen den Gewinn von Ermland und Westpreußen ohne Danzig und Thorn eintrug, also nur polnische Eroberungen nach dem Zusammenbruch des Ordensstaates. Gegen schwere Gewissensbedenken →Maria Theresias setzte →Josef Österreichs Beteiligung durch, es erhielt Galizien. Der Unwille über die Teilung war im übrigen Europa schon damals groß. Frankreich sah sich außerstande, Polen zu helfen. In England waren die Meinungen geteilt. Es gab sehr scharfe Kritik, man sorgte sich auch um den Handel mit Danzig; es fehlte jedoch nicht an Stimmen, die schon aus konfessionellen Gründen und aus Verachtung der polnischen Zustände der Regierung strikte Neutralität anempfahlen. F. beobachtete nach wie vor die österreichische Politik voller Mißtrauen. Als →Josef II. den Übergang Bayerns an die kurpfälzische Linie mit österreichischen Erbansprüchen auf Niederbayern beantwortete, kam es 1778 zum Bayerischen Erbfolgekrieg, da F. unter keinen Umständen eine derartige Verstärkung der österreichischen Machtstellung im Reich zulassen wollte. Sachsen stand ihm zur Seite. Es kam jedoch zu keinen größeren Kriegshandlungen (Kartoffelkrieg), F. und auch →Maria Theresia wollten den Frieden; die Haltung der Großmächte war Österreich wenig günstig. So begnügte sich dieses im Teschener Frieden mit dem Innviertel (13.5.1779). Aber →Josef II. gab nach dem Tode seiner Mutter (1780) seine Pläne nicht auf. Im Kurfürstentum Köln und im Fürstbistum Münster war durch die Wahl eines Sohnes →Maria Theresias zum Koadjutor der österreichische Einfluß sehr verstärkt worden. Es war →Josef gelungen, Rußland auf seine Seite zu ziehen. Da er auf französische Unterstützung rechnete, wollte er den bayerischen Kurfürsten zu einem Tausch gegen die Niederlande bewegen. F. fand sich in Europa isoliert, so übernahm er dieses Mal die Rolle des Protektors der ständischen Freiheiten. Es gelang ihm, eine Anzahl der über die österreichischen Pläne beunruhigten deutschen Fürsten 1785 im Fürstenbund zu einigen. Den Kern bildeten zunächst Preußen, Hannover und Sachsen, andere Reichsstände, sowohl protestantisch wie katholisch, schlossen sich an. Wieder waren für F. reichspatriotische Erwägungen nicht bestimmend. Das Ziel wurde erreicht, Österreich wich zurück, Bayern blieb selbständig. Immerhin wies der Fürstenbund schon deutlich in die Zukunft. Das Reich war keine machtpolitische Realität mehr. Die deutschen Staaten waren daher genötigt, sich je nach der Konstellation um die beiden Kraftfelder Österreich und Preußen zu gruppieren.

Seit dem Ende der ersten Schlesischen Kriege war F. in rastloser Fürsorge für seine Länder tätig. Die Selbstregierung aus dem Kabinett wurde von ihm auf die Spitze getrieben. Bis ins kleinste hinein wünschte er alles selbst zu regeln. Es lag hierin eine Überspannung des Systems, zumindest gilt dies für die späteren Jahre. Notwendig ergaben sich Schwierigkeiten mit den Provinzen, da deren Bedürfnisse sehr verschieden gelagert waren. Als Organisator war F.seinem Vater nicht ebenbürtig. Im allgemeinen ließ er die von diesem eingerichtete Verwaltungsordnung bestehen. Im Generaldirektorium wurden zwei neue Departements eingeführt, für Kommerzien- und Manufakturwesen sowie für die Militär- und Proviantverwaltung. Sie waren für den ganzen Staat zuständig. Für Schlesien wurde ein Provinzialminister ernannt, der dem König direkt verantwortlich war. Das Landratsamt, eine ständische Einrichtung, wurde auf alle Provinzen ausgedehnt, auf dem Lande konnte sich daher eine kräftige Selbstverwaltung entfalten, während in den Städten hiervon noch nicht die Rede sein konnte. 1744 kam Ostfriesland durch Erbfall an Preußen. Die alte ständische Verfassung wurde zunächst beibehalten, Widerstand gegen die Staatsgewalt freilich rasch gebrochen. Die Stände verzichteten freiwillig auf wesentliche Rechte. Sehr bedeutsam waren die Reformen im Zivilrecht. Sie verfolgten zwei Hauptziele: Die Verbesserung beziehungsweise Vereinfachung der Gerichtsverfassung und Prozeßordnung sowie die Schaffung eines allgemeinen Landrechtes. F. fand in den beiden Großkanzlern →S. von Cocceji und →C. von Carmer für das große Werk vorzüglich geeignete Helfer. Die Reformen in der Gerichtsverfassung gewährleisteten größere Sicherheit für jeden einzelnen; die Voraussetzungen für einen unabhängigen und tüchtigen Richter- und Anwaltsstand wurden geschaffen. Die Kodifizierung des allgemeinen Landrechts begann →Carmer mit Unterstützung von →G. Svarez nach dem 7jährigen Krieg. Es ist erst 1794 in Kraft getreten, und es war eine wichtige Etappe auf dem Wege zum Rechtsstaat. F. wollte im Prinzip die Unabhängigkeit der Zivilgerichte. Im Prozeß des Müllers Arnold (1779) hob er jedoch das Urteil willkürlich auf und bestrafte die Mitglieder des Kammergerichts hart. Er war des irrigen Glaubens, daß das Recht zu Ungunsten der schwächeren Prozeßpartei gebeugt worden war. Gerade dieser Mißgriff erwarb F. im In- und Auslande den Ruf unbestechlicher Gerechtigkeit und eines Beschützers der Schwachen. Gleich nach dem Regierungsantritt beseitigte er die Tortur und sorgte für Milderung der Strafen im zivilen Bereich. In der Armee behielt er die barbarischen Strafen ohne Einschränkung bei, von der|Überzeugung ausgehend, daß ohne Furcht des gemeinen Mannes vor den Offizieren die Disziplin nicht aufrechterhalten werden könne. – In seiner Toleranz gegenüber den Kirchen ging F. sehr weit. Auch die katholische Kirche wurde von ihm geschützt. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens hat er diesem eine Freistatt in seinen Landen angeboten. Konflikte mit dem fürstbischöflichen Stuhl in Breslau waren allerdings trotzdem nicht zu vermeiden. Die – ohnehin beschränkte – Pressefreiheit wurde bald wieder aufgehoben, aber „raisonnieren“ war durchaus gestattet, da F.das für ungefährlich hielt. Den Ausländern fiel die freimütige Kritik in preußischen Landen besonders auf. – Obwohl sich F. in der Spätzeit für pädagogische Probleme besonders interessierte – auch die Schrift über die deutsche Literatur verfolgte einen pädagogischen Zweck –, blieben die Reformen im Erziehungswesen nur Stückwerk. F. begünstigte das humanistische Gymnasium, er wünschte auch eine Verbesserung des Deutschunterrichts in den höheren Schulen, für die breiten Volksschichten hielt er nur elementarste Kenntnisse für erforderlich.

Seine Wirtschaftspolitik wurde von den merkantilistischen beziehungsweise kameralistischen Zeitanschauungen bestimmt. In der Landwirtschaft richtete sich das Hauptstreben auf Melioration und „Peuplierung“, da F. in der menschlichen Arbeit die Quelle des Reichtums eines Landes erblickte. Zahlreiche Kolonistenfamilien wurden angesiedelt, vorwiegend im Oder- und Warthebruch, später auch im Netzebruch. Auf den königlichen Domänen wurde die Erbuntertänigkeit der Bauern aufgehoben. Der König scheute jedoch davor zurück, seinem Landadel ähnliche Reformen aufzuzwingen, da er ihm für den Dienst in der Armee und in der Zivilverwaltung unentbehrlich war. Man fürchtete auch, daß die Bauern nach der Aufhebung der Gutsuntertänigkeit in die Städte abwandern würden. Wie bereits seine Vorgänger verbot jedoch F. im fiskalischen Interesse das Bauernlegen.

Handel und Gewerbe wurden von ihm mit allen Mitteln gefördert. Sie standen gänzlich unter der Kontrolle des Staates; von Freizügigkeit und Privatinitiative konnte noch nicht die Rede sein. Die Folgen des 30jährigen Krieges waren durchaus noch nicht völlig überwunden; ein von Vorurteilen freier und selbstbewußter Bürgerstand mußte sich erst bilden. Es war allerdings schon ein gewisser Anachronismus, wenn F. auch nach dem 7jährigen Krieg noch an den starren merkantilistischen Methoden mit Zollsperren festhielt. Den zukunftsweisenden Gedanken der Physiokratie, die Freiheit des Handels, übernahm er nicht. Besondere Aufmerksamkeit wandte F. der Textil- und Seidenindustrie zu. Später begann der große Aufschwung der schlesischen Montanindustrie, die Berliner Porzellanmanufaktur wurde berühmt. Sehr viel ist für die Verbesserung der Verkehrswege, insbesondere der Wasserstraßen geschehen. Westpreußen hat von der Verwaltung, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht, bedeutenden Nutzen gezogen. Nach dem 7jährigen Krieg mußte F. auf das „Rétablissement“, auf den Wiederaufbau, mit dem verwaltungsmäßige Maßnahmen verbunden waren, bedacht sein. Die Heilung der Kriegsschäden ging verhältnismäßig rasch vonstatten, obwohl zahlreiche Dörfer zerstört worden waren. F. scheute in dieser Periode nicht vor Experimenten zurück. Das Tabak- und Kaffeemonopol machten in weiten Kreisen böses Blut. Sehr umstritten war auch die sogenannte Regie, die einheitliche Verwaltung der Akzise, das heißt der indirekten Steuern. Für die leitenden Kontrollstellen zog er Franzosen heran, da er sie für besser vorgebildet hielt. Die staatliche Planwirtschaft wirkte sich günstig auf die Getreidehandelspolitik aus, da vermittels Anlage von Getreidemagazinen und der Regelung von Ein- und Verkauf der Preis in einer für Produzenten und Konsumenten annehmbaren Höhe erhalten wurde. Nur durch eine solche Vorratssammlung konnte die furchtbare Hungersnot der Jahre 1771/72 aufgefangen werden. Im großen und ganzen läßt sich doch von F.s Wirtschaftspolitik sagen, daß sie beträchtliche Erfolge erzielte. Seine Regierung schloß mit einer aktiven Handelsbilanz ab.

Der Kunst, der Literatur und den Wissenschaften wandte F. vor allem vor dem 7jährigen Krieg das lebhafteste Interesse zu Schloß Sanssouci ließ er sich fast ganz nach eigenen Entwürfen erbauen (1745-47). Der Ausbau des Potsdamer Stadtschlosses und das Berliner Opernhaus waren unter anderem Schöpfungen von →Knobelsdorff. Das Rokoko erhielt durch diesen ein eigentümlich preußisches Gepräge. Als Bildersammler begünstigte F. zunächst die Franzosen (→Watteau), später Niederländer und Italiener. Die in Verfall geratene Akademie empfing einen ganz neuen Geist; sie wurde repräsentativ für alle Zweige der Wissenschaft und schönen Künste. F. zog die Franzosen auffällig vor, nicht nur weil er von deutschen Gelehrten nicht allzuviel hielt, sondern weil er bei ihnen das weltgewandte Auftreten der Franzosen vermißte. Erster Präsident wurde der berühmte Mathematiker →Maupertuis. Bedeutend waren zum Teil die der Akademie angehörenden Naturforscher. Zu den exakten Wissenschaften gewann F. nie das rechte innere Verhältnis. F.gab aber schon dadurch der Akademie ein ungewöhnliches Ansehen, daß er sich selbst als Mitglied betrachtete und seine Arbeiten in diesem Kreise verlesen ließ. Er war, soweit es ihm die Zeit erlaubte, literarisch tätig. Er schrieb Schriften politischen, militärischen, philosophischen Inhalts, zahllose Oden, Episteln, Satiren. Von seinen Gedichten haben nur sehr wenige einen künstlerischen Wert, aber gerade sie verraten viel vom Denken des Menschen und Königs. 1746-51 entstanden die „Memoires pour servir à l'histoire de la maison de Brandebourg“ und die „Histoire de mon temps“, die F. dann nach dem 7jährigen Krieg fortsetzte. F. konnte selbstverständlich kein objektiver Geschichtsschreiber sein. Die Handlungen einzelner Persönlichkeiten stehen im Vordergrund. Aber das Bemühen um Distanz von der eigenen Person ist auffallend, eigene Fehler und Irrtümer werden nicht verschwiegen. Diese Geschichtsschreibung sollte nicht nur Rechtfertigung seiner Politik, sondern auch Kontrolle der von ihm gewonnenen Erfahrungen durch die Geschichte sein.

In Sanssouci sammelte F. eine Tafelrunde um sich, zu der 1750-53 auch →Voltaire gehörte. Dieser schied dann unter unerfreulichen Umständen im Zorn und verfaßte ein überaus gehässiges Pamphlet über den Berliner Hof. Der Briefwechsel wurde jedoch im 7jährigen Krieg wieder aufgenommen. In den späteren Jahren wurde es immer schwieriger, einen festen Kreis zusammenzuhalten. F. verdarb sich durch verletzende Spottsucht vieles; manche Ausländer fühlten sich auf die Dauer in der Berliner und Potsdamer Atmosphäre nicht wohl. Einen überragenden Platz nahm in F.s Leben die Musik ein. 1742 wurde das neue Opernhaus eröffnet, zusätzlich hat der König das sogenannte „Intermezzo“ im Potsdamer Stadtschloß errichtet. Sein musikalischer Geschmack war einseitig, er neigte vornehmlich der älteren Neapolitanischen Schule zu. 1747 kam es zu einer Begegnung mit →Bach. F. bewunderte sein Spiel auf Silbermannschen Hammerklavieren, wahrscheinlich hat er jedoch für die Widmung des „Musikalischen Opfers“, dessen Thema er selbst angegeben hatte, nicht einmal gedankt. →Bachs geistliche Musik stand ihm fern. Bachs Sohn →Philipp Emanuel war seit 1740 erster Cembalist in Berlin, ging aber 1767 nach Hamburg, weil er sich wie auch andere vernachlässigt fühlte. Während und nach den ersten beiden Schlesischen Kriegen hat F. viel komponiert. Es werden ihm unter anderem etwa 121 Sonaten für Flöte und Cembalo und 4 Konzerte für Flöte und Streichorchester zugeschrieben. F. hat auch einzelne Stücke zu Opern von →C. H. Graun und →J. A. Hasse in Musik gesetzt und Opernlibretti geschrieben. Der Hohenfriedberger Marsch stammt vermutlich nicht von ihm. Musikkenner rühmen den Schwung und die Eleganz der melodischen Erfindung und beanstanden eine gewisse Unsicherheit in der Ausführung. Das Flötenspiel (Ausbildung hauptsächlich von →J. Quantz) war für F. gleichzeitig Anregung und Erholung; er griff zeitweilig tagsüber vier- bis fünfmal zur Flöte. Er spielte, soweit bekannt ist, ausschließlich eigene Kompositionen und diejenigen von →Quantz. Die Zeitgenossen fanden sein Adagio bemerkenswert. Nach dem 7jährigen Krieg ließ F.s Interesse an der Musik merklich nach. Die Oper geriet allmählich in Verfall. Nach dem Bayerischen Erbfolgekrieg hat der König die Flöte nicht mehr in die Hand genommen. F. war in seinem Alter für Neues nicht mehr aufnahmefähig. Selbst von der jüngeren italienischen Musik wollte er nichts wissen.

Der geistigen Bewegung der späteren Jahre stand F. mit geringerem Verständnis gegenüber. Das galt auch für die jüngere französische Generation, deren Gesellschaftskritik er überheblich fand, deren formloser Subjektivismus seinen Spott herausforderte. Nur für Einen aus dem Umkreis der Enzyklopädisten, für →d'Alembert, brachte er Zuneigung auf. →Rousseau hielt er im Grunde für einen Narren, wenn er ihm auch vorübergehend in Neuchâtel Asyl gewährt hat. F. hat die große Revolution nicht vorausgeahnt. Aber sein aristokratischer Instinkt verriet ihm, daß durch die neuere Literatur und Philosophie die Ordnung, wie er sie verstand, gefährdet wurde. Den Aufflug des deutschen Geistes hat er nicht mehr zu erkennen vermocht. →Lessing, →Herder, →Winckelmann hätte er nach Berlin ziehen können. 1780 verfaßte er seine Schrift „De la littérature allemande“. Die Beispiele, die er für die deutsche Rückständigkeit anführte, waren willkürlich und wenig überzeugend, sie verrieten geringe Sachkenntnis. In seiner Ablehnung des „Götz“ und →Shakespeares stand er allerdings nicht allein. Als Voraussetzung für Ebenbürtigkeit mit französischer Kultur forderte F. die Erziehung zum Geschmack, die Reinigung und Veredelung der deutschen Sprache. Er kündete jedoch bereits die Morgenröte einer besseren Zeit an. Die Schrift rief in der deutschen Bildungswelt Entrüstung und Ablehnung hervor. →Justus Möser schrieb eine Gegenschrift (1781). Trotzdem wird F.s indirekter Einfluß auf die deutsche geistige Bewegung nicht zu unterschätzen sein. →Goethes bekannte Bemerkung in „Dichtung und Wahrheit“, daß erst durch F. und die Taten des 7jährigen Krieges der erste und höhere eigentliche Lebensgehalt in die deutsche Poesie gekommen sei, mag vielleicht etwas übertrieben sein. Aber schon sein Dasein wirkte anregend und aufreizend, gleichgültig wie man zu ihm stand. Die deutsche Aufklärung konnte ihn vollends nicht übersehen. In Berlin begann sich ein reges geistiges Leben zu entwickeln, das allerdings erst nach seinem Tode zur vollen Entfaltung kam.

F. galt in den Augen des Volkes nach dem 7jährigen Krieg als der „Alte Fritz“. Die seelischen Belastungen des Krieges hatten ihm hart zugesetzt, die Schroffheit seines Wesens hatte merklich zugenommen, er hatte keine Freunde mehr; seine Menschenverachtung stand in einem eigentümlichen Widerspruch zu der unablässigen Fürsorge für sein Volk. Fehlte es ihm, wie oft behauptet worden ist, durchaus an Güte und Gemüt? F. konnte sehr hart, ja ungerecht gegen alle diejenigen sein, denen er irgendein Amt aufgetragen hatte. Er glaubte von den anderen Menschen das gleiche wie von sich selbst verlangen zu müssen. Aber für den kleinen Mann empfand er zum mindesten Mitleid. Solchen Menschen konnte er freundlich, ja warmherzig begegnen, die Briefe an seinen Kammerdiener →Fredersdorff bezeugen das eindrucksvoll. Seine Maßnahmen waren durchaus nicht ausschließlich dem Staatszweck unterworfen; der König war auch dann hilfsbereit, wenn es echte Not zu lindern galt. Man könnte meinen, daß er geradezu darauf ausging, zwischen sich und den Mitmenschen eine Schranke zu errichten und sich mehr zu isolieren, als nötig war. F. hätte geliebt werden können. Wenn er wollte, konnte seine Persönlichkeit einen unwiderstehlichen Zauber ausstrahlen. Wieviele haben auf ein einziges freundliches Wort von ihm gewartet. Hat er sich bewußt gegen die weicheren Seiten seines Wesens abzuschätzen gesucht? Popularitätshascherei fand er eines Königs unwürdig. Die größte Wirkung ist von dem Vorbild ausgegangen, das F. seinem Lande gab. Er war allgegenwärtig. Auf zahlreichen Reisen überzeugte er sich durch Augenschein von der Durchführung seiner Befehle. Mit seinen Beamten stellte er förmliche Examen an, er verlangte genaueste Kenntnisse. Es war schwer, ihn zufriedenzustellen. Bei militärischen Besichtigungen war es das Gleiche, sie waren fast mehr gefürchtet als der Krieg; Kinder von Kommandeuren haben vorher darum gebetet, daß der Vater seine Stellung behalten möge. Aber des Königs ungeheure Arbeitsleistung war ein ständiger Ansporn. Das gemeine Volk hatte unbegrenztes Vertrauen in die Gerechtigkeitsliebe des Königs, wie es in den zahlreichen Anekdoten zum Ausdruck kommt, die noch anderthalb Jahrhunderte später selbst in den untersten Volksschichten von Mund zu Mund gingen. Wenn auch der Druck des Despotismus von vielen als unerträglich empfunden worden ist, hat sich doch bei Beamten und Offizieren das Staatsethos weiter verstärkt, der Sinn für den Vorrang des Gemeinwohls. Wie schon sein Vater, gab F.durch sein Beispiel dem Wort „dienen“ eine Würde, die es im üblichen Sprachgebrauch nicht besitzt.

F. ist von der Mit- und Nachwelt sehr verschieden beurteilt worden. Die Meinungen schwanken bis zum heutigen Tage zwischen Bewunderung, kühler Achtung, Ablehnung und sogar Abscheu. Das Urteil über F. ist gewissermaßen ein Spiegelbild der geistesgeschichtlichen Wandlungen. Er stand zwischen 2 Epochen. Er durchlebte den Widerstreit zwischen Macht und Recht, zwischen Gewalt und Humanität, zwischen Freiheit und Notwendigkeit in ungewöhnlicher Stärke. Es wird immer notwendig sein, sich mit dem Menschen und Staatsmann kritisch auseinanderzusetzen. Eine so außerordentliche Erscheinung wie F. muß aber im Zusammenhang mit der abendländischen Geschichte gesehen werden. Die geistige Ruhelosigkeit und die moralische Aktivität, die Europas Ehre und Gefahr ausgemacht haben, konnten sich von Zeit zu Zeit in einer einzigen Persönlichkeit in solchem Übermaß verdichten, daß sie das Gefäß manchmal sprengten. Angesichts starker Gegengewichte konnte es bei F. dazu nicht kommen. Aber vielleicht stand er nicht an dem seinem Genie angemessenen Platz? F.s Entwicklung wurde nicht nur durch seine unglückliche Jugend gehemmt. Es läßt sich vielleicht sagen, daß F. die räumliche Enge und die ständige Gefährdung seines Staates die volle Entfaltung aller seiner Anlagen und Talente nicht erlaubt haben. Die Wirkung ging von der Gesamterscheinung aus; der schöpferische Impuls war in den inneren Spannungen seines Wesens begründet. Keinesfalls darf er nur als der Funktionär einer seelenlosen Maschinerie gesehen werden. In seinem Staat wirkte eine geistige und sittliche Energie fort, wie sie in der großen Reformzeit so eindrucksvoll zutage trat. Preußen war durch F. noch nicht in einer|bestimmten Richtung für alle Zukunft festgelegt. Es blieben noch andere Entscheidungsmöglichkeiten offen. Gegenüber einer rein negativen Kritik behält noch immer das Wort seine Gültigkeit, das im Angesicht von F.s Totenmaske einem Kritiker zugerufen worden sein soll: „Sehen sie erst so aus – dann mögen Sie ihn verurteilen.“

11. Friedrich Wilhelm I. (Preußen)

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Es liegt etwas auffallend Vitales, heftig Vorwärtsdrängendes und ruhelos Vorantreibendes in der sehr komplexen Gestalt F.s, eine tief im Religiösen verwurzelte, vom Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott gepeinigte Persönlichkeit, die im Kampf lag mit einer vulkanischen Naturanlage, die ihr im persönlichen Leben wie im politischen Handeln zu schaffen machte. F.s starker, eigenwilliger und nüchtern empfindender Charakter entwickelte sich in ausgesprochenem Gegensatz zu den höfisch-repräsentativen Auffassungen seines Vaters wie auch der philosophisch-künstlerischen Lebensweise seiner Mutter. Bei beiden sah sein frühzeitig allein dem echten Wirklichen und dem Natürlich-Praktischen zugewandtes Empfinden und Denken jeweils nur eine unwahre, falsche Form, die er haßte. Durch seinen Gouverneur, Alexander Graf zu Dohna, und seinen eigentlichen Lehrer Jean Philippe Rebeur erhielt er eine streng calvinistische Erziehung, deren Prädestinationslehre den nach außen rauhen, im Innern sehr empfindlichen Knaben tief ängstigte. Der lutherische Gnadenuniversalismus gab dem 20jährigen persönliche Glaubensgewißheit, die entscheidend blieb für die christliche Auffassung des Herrscheramtes. Der nachwirkende Einfluß Rebeurs läßt sich noch in den weltanschaulich-politischen Teilen des persönlichen Hauptzeugnisses F.s aufweisen, im Politischen Testament von 1722. In der Herrschaft Wusterhausen, die der 10jährige zur eigenen Bewirtschaftung als Gutsherr erhielt, hat der Prinz zunächst im engeren Kreise die intensiven ökonomischen Fähigkeiten entwickelt, die ihn zum größten Staatswirt Preußens werden ließen. Das düstere Jagdschloß blieb ein Refugium des Kronprinzen wie des späteren Königs. Hier ging er in der selbst aufgestellten Kompanie seinen militärerzieherischen Interessen nach, hier entwickelte sich seine große Leidenschaft für die Jagd, und hier bildete er die Formen eines persönlichen Regimentes aus, in denen er schließlich den gesamten Staat lenken sollte. Später immer wieder in Erscheinung tretende Eigenschaften des zeitweilig Unbeherrschten, die Schroffheiten und wilden Ausbrüche von Jähzorn zeigten sich bereits ebenso in der Knabenzeit wie eine übertriebene Abneigung gegen alles Nur-Gelehrte, hinter dem er stets das natürliche Verhältnis zur Wirklichkeit vermißte. Hieran konnten auch die beiden holländischen Bildungsreisen 1700 und 1704/05 nichts ändern, die in ihm nur die puritanisch-bürgerlichen Züge verstärkten. Mit 14 Jahren wurde er Mitglied des Geheimen Rates, ein Jahr darauf auch des Geheimen Kriegsrates. In dem folgenden Jahrzehnt bis zu seinem Regierungsantritt hat er fast jeden zweiten Tag den Sitzungen dieser beiden höchsten Regierungsgremien beigewohnt und sich sein so überragendes Detailwissen in allen Fragen der inneren Politik und des Heerwesens erworben, um später selbständig die letzten Entscheidungen auch in kleinsten Dingen treffen zu können.

In die katastrophale Lage der inneren Politik und die Abhängigkeit der Militär- und Außenpolitik von den Bündnispartnern während der Günstlingsherrschaft Kolbe von Wartenbergs gewann er genauen Einblick; dennoch ging er im Anfang mit Wartenberg zusammen, der ihm die Möglichkeit zur Teilnahme an den Feldzügen des Spanischen Erbfolgekrieges 1706 und 1709 verschaffte. Die miterlebte Schlacht von Malplaquet bedeutete für F. den größten Tag seines Lebens. Dem preußischen Kontingent der alliierten Armee widmete der Kronprinz sogleich seine ganze Liebe, der kleine Dienst, das Exerzieren, das beschleunigte Laden und das gleichmäßige Abfeuern wurden zur Leidenschaft, die Verbindung zum Offizierkorps war geknüpft. Aus jenem Feldzug stammt auch die lebenslange Freundschaft mit dem Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau; die Überzeugung von der Notwendigkeit einer möglichst großen Armee und eines harten militärischen Drills|verband beide. 1710 wurde durch Pest und Hungersnot die immer wieder vor dem König verdeckte Mißwirtschaft im Staate so groß, daß F. eingriff und seinen Vater bestimmte, sich ohne Vermittlung des allmächtigen Günstlings Berichte aus den Provinzen zukommen zu lassen. Der allgemeine Ruin des ganzen Landes wurde offenbar, der an der Spitze der Domänenverwaltung und des Hofstaates stehende A. Graf Wittgenstein verhaftet, das Regiment des Grafen Wartenberg gestürzt. Ein Jahr nach seinem ersten Hervortreten in der hohen Politik, 1711, erlebte der Kronprinz als Statthalter des Königs die militärische Hilflosigkeit Preußens im Nordischen Kriege: Die Neutralität des von Truppen entblößten Landes wurde schwer verletzt, ohne daß er irgendwelche Gegenmaßnahmen treffen konnte. Diese Notlage, die den Kronprinzen tief traf, ist ein wesentlicher Antrieb zur gesamten Reform des preußischen Staates geworden, zum Streben nach von fremden Subsidien unabhängiger eigener Stärke.

Im selben Jahr kam es auch zur ersten entscheidenden Begegnung mit dem halleschen Pietismus, der schließlich zu einer festen religiösen Basis für das Lebenswerk F.s wurde. Die kirchlich-soziale Reformbewegung A. H. Franckes fand in den Generälen D. G. von Natzmer und K. H. von Loeben zwei bedeutsame Vermittler beim Kronprinzen. Nach anfänglichen Vorbehalten wurde dieser besonders angezogen durch das tätige Christentum Franckes; den Ausschlag gab dann zu Beginn der Regierung am 12.4.1713 ein Besuch des Halleschen Waisenhauses und ein langes Gespräch mit dessen Schöpfer. Die christlichen Zucht- und Wohlfahrtsbestrebungen, die bürgerliche Arbeits- und Wirtschaftsauffassung haben in F. ihren großen Förderer gefunden, der sie nun auf den Staat und die preußische Gesellschaft übertrug. So dürfte das Lagerhaus, die große staatliche Manufaktur, auf Anregungen Franckes zurückgehen; bestimmt folgte das Potsdamer Militär-Waisenhaus dem Vorbild der Halleschen Anstalten. Aus diesen ging ein großer Teil führender Offiziere hervor wie aus der dortigen Universität die Beamten, so daß der tätige Pietismus zum vorherrschenden Geist des durch Verwaltung und Heer bestimmten preußischen Staatswesens unter F. wurde, und auch die lutherische Kirche hat den neuen Geist durch Predigt und Schule zum Allgemeingut der preußischen Bevölkerung werden lassen.

In seiner Entwicklung abgeschlossen und in seinen Anschauungen fertig, so trat der 24jährige die Regierung 1713 an. Sie setzte mit einem großen Umsturz am Hofe ein. Der König arbeitete persönlich in der Stille von Wusterhausen die Gehaltslisten durch, strich den aufgeblähten Hofetat bis auf ganz wenige tausend Taler zusammen und reduzierte alle Gehälter weitgehend. Das neue Rangreglement gab den militärischen Chargen den Vorrang, die Vergrößerung der Armee wurde ins Werk gesetzt, die eingeschmolzenen Silberschätze des Vaters bildeten die Grundlage des neuen Staatsschatzes. Adel und Bürgertum waren in gleicher Weise betroffen durch die Sparsamkeit des neuen Herrschers. Allgemein erwartete man eine Wirtschaftskrise. Aber die plötzliche Umstellung vom falschen Glanz und höfischen Luxus auf Solidität und Rüstung war nur der Beginn weitergehender grundlegender staatlicher, wirtschaftlicher und militärischer Reformen. Auf allen diesen Gebieten wirkte sich die persönliche Initiative des Monarchen ständig unmittelbar aus. Das autokratische Regiment kündete die Mitteilung an seinen Freund Anhalt-Dessau an, daß er selbst „Financier et Feldmarchall du Roy de Prusse“ sein werde.

Zunächst schuf er ein geordnetes Etatwesen, feste jährliche Voranschläge aller in Aussicht genommenen Einnahmen und Ausgaben, ohne die künftig keine Ausgabe geleistet werden durfte; zur strengsten Kontrolle hierüber wie über die Rechnungen und die materielle Finanzgebarung richtete er 1714 die General-Rechenkammer ein, aus der die Oberrechenkammer hervorging. Das Schuldenmachen hörte ganz auf, die Ausgaben durften die Einnahmen nicht übersteigen. Die Staatseinnahmen steigerte der König von 1713 bis 1740 von 3,4 auf 7 Millionen Taler. Die Schatullgüter wurden am 13.8.1713 zu Domänen gemacht und der gesamte königliche Landbesitz für unteilbar und unveräußerlich erklärt. Um feste steigende Einnahmen zu erzielen, gab F. die Domänen in Generalpacht auf Zeit an Bürgerliche aus. Der Staatsschatz, den der König sofort anlegte, belief sich am Ende seiner Regierung auf 8 Millionen Taler, die in den Kellerräumen des Berliner Schlosses lagerten. Die beiden Verwaltungszweige für die Domäneneinkünfte und die Steuern (Kontribution und städtische Akzise), das im August 1713 gegründete Generalfinanzdirektorium und das Generalkriegskommissariat, gerieten infolge der Anforderungen nach erhöhtem Ertrag in scharfe Konkurrenz, die bis zu gegenseitigen Prozessen führte. Der Kampf der industriell-gewerblichen Interessen mit den agrarischen, der Gegensatz von Stadt und Land, wurde in der staatlichen Verwaltung ausgefochten. Der|König faßte daraufhin den Entschluß, beide Ressorts in einer Zentralbehörde zu vereinigen, in dem General-Ober-Finanz-Kriegs- und Domänendirektorium, dessen Instruktion er Ausgang 1722 eigenhändig entwarf. Ausdrücklich stellte er in dieser umfassenden, seine volkswirtschaftlichen Grundsätze entwickelnden Staatsschrift fest, daß die „Experience“ seine Feder führe und er nicht aus Büchern gelernt habe. Januar 1723 trat wie „ein Donnerschlack“ die große einheitliche Staatsbehörde des Innern und der Finanzen ins Leben, die der König kollegialisch organisierte und in Departements nach Provinzen einteilte. In dieser Schöpfung bewies F.gegenständlich denkenden, ungemein systematischen Geist, eine für ihn allgemein-charakteristische „seltene Verbindung von Überblick über das Ganze mit voller Beherrschung des Kleinen und Kleinsten“ (Hartung). Die Instruktion für das Generaldirektorium verband die im Dienste des Militärstaates stehende Finanzpolitik mit einer großzügigen Wirtschaftspolitik im Sinne des Kameralismus, der auf die Konservation der Untertanen wie auf die Erhöhung einheimischer Produktion abgestellt war. Die Vereinheitlichung auf der mittleren Verwaltungsebene führte zur Schaffung der Kriegs- und Domänenkammern, dem Instrument des königlichen Willens in der Provinz.

In diesen Behörden erzog er sich ein neues Beamtentum, das nur noch aus Landeskindern bestehen durfte, das aber nicht in der Landschaft, in der es geboren war, tätig sein sollte. Der König stellte an seine Bediensteten hohe Anforderungen: Man sollte ihm „Mit Leib und Leben, mit Hab und Gut, mit Ehr und Gewissen dienen und alles daran setzen als die Seligkeit, die ist vor Gott, aber alles das ander muß mein sein“. Mahnend und drohend, kontrollierend und hart strafend, sorgte der unablässig tätige König dafür, daß seine Erlasse befolgt wurden. Pflichttreue und Sparsamkeit, Pünktlichkeit und Ordnung hat der mit Recht Mißtrauische in verhältnismäßig hohem Maße durchzusetzen verstanden, wenn auch keineswegs, wie Beispiele des höheren Beamtentums zeigen, die Einhaltung seiner Gebote, zum Beispiel der Uneigennützigkeit, sofort erzwungen werden konnte. F. brauchte „große und habile Köpfe“ mit kameralistischen Kenntnissen, um Rationalität und Rentabilität der Verwaltung aufs höchste zu steigern, ohne daß durch „gar zu schwere Lasten die Untertanen enerviret“ würden. Neben der bisher üblichen praktischen Ausbildung in den Kriegs- und Domänenkammern wurde eine theoretische Unterrichtung notwendig. Dafür errichtete er als erster 1727 an den Universitäten Halle und Frankfurt/Oder staatswirtschaftliche Lehrstühle, die bald von anderen deutschen und europäischen Ländern nachgeahmt wurden. Den neuen Professor der ganz auf das Praktische gerichteten Kameral-, Ökonomie- und Polizeiwissenschaften in Halle instruierte der König selbst in einer längeren Unterredung für sein Amt.

Die Wirtschaftspolitik F.s läßt sich am besten an dem von ihm im August 1713 gegründeten Berliner Lagerhaus studieren. Es handelt sich um die größte Textilmanufaktur nicht nur Preußens, sondern Deutschlands, die vornehmlich die Tuche für die preußische Armee, während die märkische Industrie zeitweise für die russische zu liefern hatte. Hierfür bediente sich der König des Finanzgenies und auch des Kapitals von Andreas Krautt, der als Staatsbankier unter Friedrich I. ein großes Vermögen erworben hatte. Das Lagerhaus bestand aus der Weberei, Färberei, Appretur und Spinnerei für feinere Garne, während die Spinnerei für gröbere Garne des Mannschaftstuches als Heimarbeit an die armen Soldatenfamilien der Berliner Garnison vergeben wurde. Schon 3 Jahre nach der Gründung konnte das Lagerhaus die Montierung des eigenen Heeres herstellen. Als Rohstoff diente die märkische Wolle, für die feinen Stoffe wurde spanische Wolle verarbeitet. Beschränkung und schließlich das Verbot der Wollausfuhr, wobei auch das Interesse des Adels nicht geschont wurde, sicherten den Rohstoff, während eine Einfuhrbeschränkung ausländischer Stoffe dem Lagerhaus den zivilen inländischen Markt erschloß.

Mit gewaltiger Energie und Folgerichtigkeit brachte F. nach festem Plan und mit bestimmten Zielen die Grundsätze der inneren Staatsraison, einer allgemeinen Wohlfahrtspolitik unter Anerkennung der Machtbedürfnisse des Staates, zur wirklichen Durchführung. Dabei scheute er nicht vor sehr drastischen Mitteln zurück, um zu puritanischer Arbeitsgesinnung, zu Fleiß und Wirtschaftlichkeit zu erziehen. In den bis ins einzelne gehenden Instruktionen stellte F. Muster volkswirtschaftlicher Planung in geradezu lehrbuchartiger Weise auf. Seine Verordnungen regelten nun die Fragen von Aus- und Einfuhr, Maß und Gewicht, Stoffqualität, Getreidehandel, Getreideversorgung, Magazinierung, Handwerkeransiedlung und so weiter. Diese Wirtschaftspolitik umfaßte nicht nur die Stadt, sondern auch das platte Land, die gesamte Bevölkerung, deren Zahl durch Einwanderung, Siedlung und Landesausbau vermehrt, deren Steuerkraft nicht nur erhalten, sondern erhöht werden sollte.

Da Steuererhebung und -verteilung sehr ungerecht waren, hat F. sich dieser Fragen bald angenommen. Auf Grund einer Denkschrift des Gutsbesitzers Graf von Waldburg von 1714 wurde eine grundlegende Steuerreform in Ostpreußen durchgeführt; der einheitliche Generalhufenschoß trat an die Stelle vielfältiger Steuern, wozu Besitzgrößen, Bodengüte und Ertrag neu eingeschätzt wurden. Der Adel hatte hier seine Steuern zu zahlen wie die Bauern. In Pommern, in der Neumark wurden gleichfalls Steuerregulierungen der Kontribution durch neue Kataster vorgenommen. Auch die städtische Akzise, deren Einkünfte die größere und bald immer stärker überwiegende Steuerhälfte ausmachten, wurde durch Instruktionen 1717 bis 1721 neu geregelt. Der scharfe Gegensatz von Stadt und Land blieb durch die strenge steuerliche wie auch die soziale Trennung der 3 Stände aufrecht erhalten. Der König förderte das Bürgertum, er pflegte die bürgerliche Wirtschaft, schon weil ihm an der Erhöhung der Akzise lag, aber auch, weil seine eigene Lebenshaltung mehr der bürgerlichen und militärischen als der altständisch-adligen Welt verbunden war. Diese Tendenz zeigt sich am Herkommen vieler Beamter und Minister wie Creutz, Katsch, Krautt, Boden, Viebahn, Ilgen, Cocceji, Thulemeyer. Um die Städte kümmerte sich der König sehr. Ihr Schuldenwesen untersuchte er durch Kommissionen und reglementierte die Kommunalverwaltung durch Verordnungen. Der Staat griff mit seinen Kommissaren, den Steuerräten, fest zu, die nun aus Kontrollorganen der Finanzen und Steuern zu Leitern der gesamten Wirtschaft wurden, sie verbesserten und entwickelten.

Ebenso trat die bürgerliche und absolutistische Tendenz in dem gleichbleibenden Kampf des Königs gegen den Adel hervor, wie sie auch durchgehend das Politische Testament zeigt. Besonders scharf wurde der Nachfolger vor den Magnatenfamilien Ostpreußens und dem altmärkischen Adel gewarnt. Der Autokrat F. wandte sich gegen jeden in Erscheinung tretenden Anspruch einer Mitregierung. So schrieb der König: „Ich ruiniere die Junkers ihre Autorität; ich komme zu meinem Zweck und stabiliere die souveraineté wie einen rocher von bronce.“ Ihnen wollte er nur den „Wind vom Landtage“ lassen, die zentrale Entscheidungsgewalt behielt sich der König allein vor. Die Steuerfreiheit des Adels tastete F. 1717 durch Auferlegung des Lehnskanons von 40 Talern für ein Ritterpferd an, als er gegen den Widerstand des dann am Reichshofrat prozessierenden altmärkischen und magdeburgischen Adels die nicht mehr geleisteten persönlichen Kriegsdienste in Geldzahlungen endgültig umwandelte und zugleich die Güter allodifizierte. Ferner zwang F. den einheimischen Adel in seinen Dienst als Offizier. Den Widerstand hat er auch hier mit Gewalt gebrochen, die Söhne des Adels in die neugegründeten Kadettenhäuser Berlin, Magdeburg und Stolpe gesteckt, den Adel sorgfältig überwacht und aus dem frondierenden Junkertum einen königstreuen Offiziersstand gebildet, den seit dieser Zeit ein enges Verhältnis mit der Dynastie verband.

Der zweite Stand der absolutistischen Staatsgesellschaft, das Bürgertum, sorgte für den Unterhalt der Armee durch gesteigerte Wirtschaftserträge, während auf dem dritten Stand, den Bauern, die Last nicht nur der Kontribution, sondern auch einer persönlichen Dienstpflicht lag. Die ursprüngliche Idee F.s, die Armee nur aus Landeskindern zu rekrutieren, war nicht durchführbar. Eine Annäherung brachten die Kabinettsordres von 1733 und 1735, die das üblich gewordene inländische Ergänzungsverfahren der Regimenter durch feste Zuweisung von Kantonen dauernd regelten und eine nach sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten durch Exemtionen beschränkte Wehrpflicht in Anspruch nahmen. Die frühzeitig Enrollierten unterstanden der militärischen Gewalt, die auch in die zivilen Verhältnisse auf dem Lande wie in den Garnisonstädten eingriff.

Dem Soldatischen gehörte von früher Jugend das Herz des Königs. Die offen eingestandene Liebhaberei, „weil ich doch in der Welt in nichts Plaisier finde als in einer guten Armée“, erhielt einen besonderen Ausdruck in der Leidenschaft, „lange Kerls“ zu „sammeln“, von der deutsche und nichtdeutsche Potentaten durch entsprechende Geschenke zu profitieren wußten. Die preußischen Werber scheuten – auch im Auslande – keine Mittel, in den Besitz übergroßer Soldaten zu gelangen. Die durch den König selbst exerzierte lange Garde sollte das Vorbild der ganzen Armee werden. Sie entwickelte er zu einem einmaligen, von ganz Europa bewunderten beziehungsweise verabscheuten oder auch verspotteten Perfektionismus. Neue Kriegsartikel und Reglements erhöhten die Subordination und Disziplin bei der Mannschaft und den Unteroffizieren. Für die Offiziere wurden Ehrbegriff und Korpsgeist allgemein verbindlich. Mit der 9monatigen Beurlaubung der ausgebildeten Inländer, die fast ⅔ der Armee stellten, ähnelte das Heerwesen einem guten Milizsystem. Neben der ständigen Verbesserung sorgte F. für die Vergrößerung der Armee, die nach seinen Plänen von 38 000 auf 76 000 Mann wuchs. Diese im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr starke Armee wurde von F. im Anfang seiner Regierung im Nordischen Krieg eingesetzt und brachte Schwedisch-Vorpommern mit Stettin und der Odermündung im Frieden von Stockholm 1720 ein. Auf dem Gebiet der auswärtigen Politik ist Preußens größter „innerer“ König wenig erfolgreich gewesen. Ihm fehlte das persönliche Verständnis und Geschick für diplomatische Verhandlungen, und er war nicht bereit, allein von sich aus für seine berechtigten Interessen mit dem von ihm geschaffenen Kriegsinstrument einzutreten. 1725 schloß er mit England und Frankreich das Herrenhausener Bündnis gegen die sich übermächtig abzeichnende österreichisch-spanische Koalition. Das Hauptziel seiner Außenpolitik, die Sicherung der Erbrechte auf Jülich und Berg, führte ihn jedoch in den Verträgen von Wusterhausen und Berlin 1726/28 an die Seite der ihn flankierenden Mächte Österreich und Rußland. Die Reichstreue F.s wurde dabei geschickt von dem kaiserlichen Unterhändler General F. H. Graf von Seckendorf benutzt, der die preußische Anerkennung der Pragmatischen Sanktion erhielt. Der Fluchtversuch des Kronprinzen Friedrich, der sich gegen die brutalen Erziehungsmethoden wie das rein militärisch und ökonomisch bestimmte Erziehungsideal seines Vaters auflehnte, berührte auch den außenpolitischen Bereich englischer Bemühungen um eine antiösterreichische Politik am preußischen Hofe. So wurde aus dem schweren menschlichen Zerwürfnis zwischen Sohn und Vater, der durch den ihm leichtfertig erscheinenden, so ganz anders gearteten Nachfolger nur die Zerstörung seines Lebenswerkes befürchtete, eine hochpolitische Angelegenheit; die Partei der Königin am Berliner Hofe unterlag jedoch. Der König nahm auf der österreichischen Seite am Polnischen Thronfolgekrieg am Rhein teil und blieb bis 1738 im Gefolge des Kaisers. Dieser betrog ihn in diesem Jahr durch die Vereinigung mit Frankreich, England und den Generalstaaten um alle Zusicherungen wegen der Erbschaft in Berg, als F. rüstete, um sich in den Besitz von Jülich und Berg zu setzen. So vollzog F. am Schluß seines Lebens die Schwenkung gegen Österreich, die sein Sohn zum kriegerischen Austrag brachte.

Das große Werk F.s ist aufs engste mit seiner widersprüchlichen Person verbunden. Er ist ein von christlicher Verantwortung getragener, fanatisch arbeitender und dämonisch fordernder Selbstherrscher, ein Fachmann des Militärs, der Bürokratie und der Ökonomie gewesen, der das individuelle Glück seiner Untertanen dem Aufbau staatlicher Macht und Wohlfahrt unterordnete. Sein puritanisch-praktischer Sinn verachtete nicht unmittelbar anwendbare Kunst und Wissenschaft, er vertrieb Ch. Wolff aus Halle auf Grund falscher Anschuldigungen und bemühte sich spät um eine breitere Ausbildung seiner eigenen geistigen Persönlichkeit, wie er auch Wolff zurückzugewinnen suchte. Er verspottete die Akademie der Wissenschaften, weil er sie nicht in seine praktisch-politischen Anstrengungen einordnen konnte. Er malte nur, um sich von seinen Schmerzen abzulenken, seine Geselligkeiten blieben rauh, die Umgangsformen und Späße der Genossen des Tabakkollegiums waren derb und grob, das Geistige an sich konnte bei ihm niemals als zarte Pflanze gedeihen. Todesahnungen quälten ihn ebenso früh wie die schweren Schmerzen der Gicht und trieben ihn weiter auf der Bahn fanatischer Staatsbildung und Menschenerziehung. Von ungeheurer Reizbarkeit, konnte sein Mißtrauen sich ins Krankhafte steigern bis zu Wahnideen. Wie er sein Persönliches in den von ihm geformten Staat einbrachte, forderte er von anderen die inhumane Versachlichung der Person, den äußersten Gehorsam – auch in der Familie –, übertrug er militärisches Ordnungsdenken auf das gesamte zivile Leben. Er sorgte auch für andere, konnte sie aber nur nach seinem christlichen Bilde und sittlichen Rigorismus werden und leben sehen.

12. Gottfried Wilhelm Leibniz

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L. besuchte 1653-61 die Nikolai-Schule in Leipzig. Mit 8 Jahren bekam der frühreife Knabe, der die →Livius-Lektüre dem Spielen vorzog, Zugang zur Bibliothek seines verstorbenen Vaters, mit 13 verfaßte er an einem Morgen 300 elisionsfreie Hexameter, mit 14 begann er seine logischen Studien und „lebte“ seitdem, nach eigener Aussage, im →Suarez und →Fonseca, im →Rubius und →Zabarella. Nachdem er einige Schriften von →Kepler, →Galilei und →Descartes gelesen hatte, entschied er sich noch vor Beginn seines Studiums in Leipzig 1661 für die mechanistische Naturphilosophie, ohne die Bedeutung der aristotelischen Tradition zu verkennen. So wurde →J. Thomasius, sieht man ab von →E. Weigel, bei dem er im Sommer 1663 in Jena studierte, sein bedeutendster Lehrer, unter dessen Vorsitz er auch im Mai 1663 „De principio individui“ disputierte. Anschließend begann er das Studium der Jurisprudenz, wurde 1664 zum magister artium und nach Vortrag eines „Specimen quaestionum philosophicarum ex jure collectarum“ und zweier gehaltvoller juristischer Disputationen „De conditionibus“ 1665 zum baccalaureus juris promoviert. Mit der „Disp. arithmetica de complexionibus“, die er noch im selben Jahr zur „Diss. de arte combinatoria“ ausbaute und publizierte, disputierte er 1666 „pro loco“ an der philosophischen Fakultät. Im Winter 1666/67 wechselte er nach Altdorf über, disputierte dort „De casibus perplexis in jure“ und wurde im Febr. 1667 glanzvoll zum Doktor beider Rechte promoviert. Er schlug eine Professur aus und ging nach Nürnberg, um dort bis zum Antritt einer Bildungsreise in die Niederlande im Herbst alchimistische Studien zu treiben. Eine Pestepidemie veranlaßte ihn zum Abbruch der Reise. Er kam nur bis Mainz, nutzte den Verzug, um „ohne Bücher“ seine Gedanken zur Reform der Jurisprudenz niederzuschreiben und mit dieser eilig in Druck gegebenen, Kf. →Joh. Philipp v.Schönborn gewidmeten Schrift (Nova methodus discendae docendaeque iurisprudentiae, 1667) dessen Gunst zu gewinnen. Durch Vermittlung →Joh. Christian v. Boineburgs wurde er sogleich zur Mitarbeit an der von H. A. Lasser begonnenen Neukodifikation des Corpus Juris aufgefordert. 1670 wurde er von →Schönborn, ungeachtet seiner Jugend und luth. Konfession, zum Revisionsrat am Oberappellationsgericht in Mainz bestellt und im März 1672 in diplomatischer Mission nach Paris gesandt. L. sollte →Ludwig XIV. seinen „Ägyptischen Plan“ vortragen, →Boineburgs private Pensionsansprüche und zusammen mit →Melchior Friedrich v. Schönborn das Mainzer Interesse an allgemeinen Friedensverhandlungen in Köln vertreten. Als dieser Auftrag in Paris scheiterte, reiste →Schönborn mit ihm von Januar bis März 1673 in gleicher Mission nach London. Inzwischen war →Boineburg verstorben, und L. hatte die Erziehung des →jungen Boineburg in Paris übertragen bekommen. Kurz darauf starb auch Kf. →Johann Philipp. Dessen Nachfolger erlaubte L., „für eine Weile“ in Paris zu bleiben. Dort lernte er die bedeutendsten Gelehrten kennen, vor allem →Antoine Arnauld und dessen Freund →Pierre Nicole, die Verfasser der Logik von Port Royal, dann die Mathematiker und Physiker →Christiaan Huygens und →Edme Mariotte, ferner →Buot, →Deschales, →Gallois, →Ozanam, Mathion, →Pardies, →Prestet, →Roberval und den Duc de Rohan, die Astronomen →Cassini und →Römer, die Philosophen →Huet, →Cordemoy, →Foucher und →Malebranche, nicht zu vergessen den jungen →Ehrenfried Walther v. Tschirnhaus, mit dem er sich befreundete. Bei seinen Besuchen in London traf er auf →Heinrich Oldenburg, →Robert Boyle, →Robert Hooke, →John Collins und andere Mitglieder der Royal Society, deren Mitglied er 1673 wurde.

Als sich die Hoffnung, Nachfolger des Mathematikers →Roberval in der Académie des Sciences zu werden, zerschlagen hatte, folgte L. einem Ruf des Hzg. →Johann Friedrich als Bibliothekar nach Hannover, wohin er über London (im September und Oktober), Amsterdam, Haarlem, Delft und Den Haag reiste, um im Dez. 1676 seinen Dienst aufzunehmen. 1677 wurde er auch als juristischer Hofrat eingeführt. Hzg. →Ernst August bestätigte ihn 1685 als Hofrat auf Lebenszeit, entlastete ihn von Kanzleiarbeiten und den Aufgaben im Harzbergbau und verpflichtete ihn, die Geschichte des Welfenhauses zu erforschen und darzustellen. Dieses Vorhabens wegen reiste er 1687-90 durch Süddeutschland über Wien, wo er fast 10 Monate verweilte, nach Italien. Er blieb dort von März 1689 bis März 1690, mehr als die Hälfte dieser Zeit in Rom, und besuchte auf dem Rückweg nochmals Wien. 1691 willigte Hzg. →Ernst August auch in L.s zusätzliche Bestallung als Historiograph durch die Herzöge →Anton Ulrich und →Rudolf August von Wolfenbüttel ein und ernannte ihn, nachdem er mit L.s diplomatischer Unterstützung 1692 für Braunschweig-Lüneburg die Kurwürde erworben hatte, 1696 zum Geheimen Justizrat. Diesen Titel verliehen L. auch Kf. →Friedrich von Brandenburg (1700) und Zar →Peter der Große (1712), der viele seiner gründlich ausgearbeiteten Pläne, insbesondere noch 1723 den einer Akademie in Petersburg, realisierte. Er wurde ferner zum Präsidenten bzw. Direktor der von ihm geplanten und organisierten Akademien (Sozietäten) der Wissenschaften zu Berlin (1700) sowie zu Dresden (1704) und Wien (1713) ernannt, wo er sich nach zwei weiteren Besuchen (1700 und 1708) nochmals von Dez. 1712 bis Sept. 1714 aufhielt. Kaiser| →Karl VI. berief ihn 1713 (rückwirkend ab Anfang 1712) in den Reichshofrat. – Nach einem ersten Aufenthalt in Berlin 1698 zog es L. zwischen 1700 und 1707 immer wieder an den Ort seiner Sozietät, später, nach dem Tod der Kgn. →Sophie Charlotte (1705), nur noch zweimal (1709 und 1711). – Abgelehnt hat L. Angebote, Bibliothekar des Vatikans (1689), →Ludwigs XIV. (1692) und des Kaisers (1701) zu werden. Ohne Erfolg bemühte sich L., 1704 Nachfolger des Vizekanzlers Hugo in Hannover und 1713 Kanzler von Siebenbürgen zu werden, wie auch später darum, mit dem Hof nach England zu gehen.

L.s selbstverfaßte akademische Schriften bestätigen seine wiederholten Hinweise auf seine frühe autodidaktische Bildung. Sie lassen nicht nur eine ungewöhnliche Belesenheit, sondern auch ein sicheres Urteil und ein außerordentliches logisches Genie erkennen, so, wenn er scholastische Lösungen kritisch klassifiziert (De principio individui, 1663), wenn er den philosophischen Kern juristischer Fragen herausarbeitet (Specimen quaestionum philosophicarum, 1664) oder aus dem röm. Recht und aus unentscheidbaren juristischen Fällen Ansätze zu einer formalisierten, seinen Zeitgenossen unverständlich gebliebenen Rechtslogik konstruiert (De conditionibus, 1665; De casibus perplexis, 1666) sowie endlich, wenn er bekannte und neue verschiedenartige Anwendungen der Kombinatorik systematisch auf eine logisch-mathematische Grundlage stellt und daraus weitreichende, seine späteren Arbeiten determinierende Perspektiven entwickelt (Dissertatio de arte combinatoria, 1666). Von der Neukodifikation des Corpus Juris kam lediglich der Plan, die „Ratio Corporis Juris reconcinnandi“, 1668 zum Druck. Beabsichtigt war zunächst die Reduktion des röm.Rechts auf einige wenige elementare, an einer Wandtafel verzeichenbare Rechtssätze, aus denen in der Praxis alle Fragen entschieden werden könnten; ein „Antinomicus minor“ sollte zudem die Lösungen sich widersprechender Gesetze sowie die unlösbaren Antinomien zusammenfassen. Von größter Bedeutung war der Einfluß, den →Joh. Christian v. Boineburg, der ehemalige Minister des Kurfürsten, auf L. gewann. Dieser schärfte dem jungen Gelehrten den Blick für die großen Themen der säkularen und der konfessionellen Politik zur Sicherung des Friedens in Europa und gab ihm diplomatische und publizistische Aufgaben, so zur Unterstützung seines Kandidaten für die poln. Königswahl von 1669 – eine Aufgabe, die L. originellerweise mit einer die Rechtsgelehrten damals verblüffenden Beweisführung more geometrico löste (acht Jahre vor Spinozas „Ethica more geometrico demonstrata“) – oder zur Formulierung seiner Friedensdiplomatie gegenüber Ludwig XIV. Genannt seien das „Bedencken welchergestalt securitas publica interna et externa und Status praesens im Reich iezigen Umständen nach auf festen Fuß zu stellen“ (1670) und die Schrift, die er persönlich in Paris Ludwig XIV. vortragen wollte, der „Ägyptische Plan“ (1672), der den Expansionsdrang Frankreichs vom Rhein an den Nil lenken sollte, dessen Vorlage aber durch den inzwischen begonnenen Krieg gegen Holland überholt wurde, gleichwohl später noch →Napoleon beeindruckte. Darüber hinaus regte der Konvertit Boineburg ihn insbesondere an, eine rationale Basis für das Gespräch zwischen den Konfessionen und gegen den aufkommenden Atheismus und die sozinianischen Häresien auszuarbeiten, daneben aber auch seinen juristischen Ambitionen zu folgen und die Elemente des Natur- wie des Zivilrechts darzustellen. L. katalogisierte auch mit neuen Erschließungsmethoden die umfangreiche Boineburgische Bibliothek (heute in Erfurt). Bis auf die, ohne L.s Wissen 1669 anonym publizierte, „Confessio naturae contra atheistas“ und das ebenfalls 1669 erschienene „Specimen demonstrationum politicarum pro eligendo rege Polonorum“ sowie noch 1672 eine vielbeachtete Auslegung des Paragraphen „Et ut eo sincerior“ aus dem Vertrag zum Westfäl. Frieden blieben diese Schriften Konzept oder nur wenigen zugänglich. Anders die ebenfalls von Boineburg angeregte Neuausgabe des humanistischen Nominalisten Marius Nizolius („De veris principiis et vera ratione philosophandi“), die L. 1671 mit kritischen Anmerkungen, einer bedeutenden Vorrede über den philosophischen Stil und einem Brief an seinen Leipziger Lehrer →Jakob Thomasius über das Verhältnis der neueren Philosophie zu →Aristoteles herausbrachte. L.s eigenen Intentionen dürften mehr die Projekte zu einer „Societas Conferentium conciliatrix“ und zu einer konfessionsübergreifenden „Societas philadelphica“ entsprochen haben, sowie das „Bedenken von Aufrichtung einer Akademie oder Societät in Teutschland zu Auffnehmen der Künste und Wissenschafften“ (wohl 1671), ferner auch die von ihm geplanten Maßnahmen zur Organisation des Bücherwesens, u. a. ein von ihm zu verfassendes Rezensionsorgan („Nucleus librarius semestralis“), für das er beim Kaiser vergeblich ein Privileg beantragte.

Seine philosophischen Interessen richteten sich damals, von einigen fragmentarischen Ansätzen zu seinen „Elements de mente et corpore“ als Teil seiner geplanten, groß angelegten „Demonstrationes catholicae“ und von einigen methodologischen Entwürfen abgesehen, auf die Theorie der Bewegung. Daraus resultierten 1671 zunächst zwei Druckschriften, die „Theoria motus abstracti“ und die „Hypothesis physica nova“ (oder „Theoria motus concreti“), die L. den Akademien in Paris und London widmete. Er baute seine Theorie in einer Reihe weiterer Konzepte aus, bis er 1672 in Paris durch →Chr. Huygens davon abgebracht und der modernen Mathematik zugeführt wurde, von der er bis dahin nach eigener Aussage so viel wie nichts verstand – ein Mangel, den er schnell und gründlich beheben sollte. Erst Ende 1676 nahm er in einem fertiggestellten, gleichwohl zurückgehaltenen Dialog „Pacidius Philalethi“ das Thema „de motu“ wieder auf. Wie in der Logik der Satz vom Widerspruch, so bildet in den realen Wissenschaften der Satz vom Grunde „Nihil est sine ratione“ nach L. das fundamentale Prinzip unserer Erkenntnis. Das bewegende Prinzip ist einzig der Geist, und der Körper ist nichts als eine „mens momentanea“, ein Geist, dem das Gedächtnis, die Bedingung dauernder substantieller Identität, fehlt. Ruhe ist Nichtsein. Bewegung selbst ist obensowenig wie Raum und Zeit etwas Absolutes und nur zu verstehen als eine fortwährende Neuschöpfung. An den Brechungsgesetzen erkennt L., daß Optimierungsprinzipien nicht kausal, sondern nur final zu erklären sind und daß deshalb die Physik eine metaphysische Begründung braucht.

Im Dialog „Confessio philosophi“ stellte er 1673 das Problem der Theodizee dar, mit dem er sich ansatzweise bereits in Mainz beschäftigt hatte. Der Jansenist →A. Arnauld in Paris und der Konvertit →N. Stensen in Hannover, dessen Randbemerkungen mit L.s Erwiderung dazu erhalten sind, waren wohl die einzigen, die ihn zu lesen bekamen. Seine damaligen metaphysischen Aufzeichnungen („De summa rerum“) sind tagebuchähnliche Notizen. In Paris gewann er die Anerkennung der bedeutendsten Gelehrten, bekam Zugang zu den Nachlässen von →Pascal und →Descartes, weckte →Tschirnhaus erneut sein Interesse für →Spinoza, den er in Den Haag ein Vierteljahr vor dessen Tod noch besuchen sollte. Vieles, was er aus den heute verschollenen Papieren Descartes' exzerpierte, stellt für uns die einzige Quelle dafür dar. Einiges davon ist wiederum verlorengegangen. →Platons „Phaedon“ und „Theäthet“ hat er in lateinische Kurzfassungen gebracht und „ad usum Delphini“ eine Ausgabe des →Martianus Capella vorbereitet, nichts davon jedoch veröffentlicht.

Ein wenig später als →Newton, gleichwohl, wie aus dem Nachlaß zu belegen, eindeutig unabhängig von ihm, hat L. 1675 die Infinitesimalrechnung erfunden und seitdem erfolgreich zur Lösung verschiedenartigster Probleme herangezogen; insbesondere geht die heute allgemein übliche, transparente Symbolik für die Differentiation und das Integral auf L. zurück. Die erste Veröffentlichung „De nova methodo de maximis et minimis“ erfolgte erst 1684 in den „Acta Eruditorum“. Der in den 90er Jahren von Newton-Anhängern angezettelte Prioritätsstreit, der schließlich von der Royal Society, nicht ohne politische Motivationen und die Mitwirkung von →Newton selbst, zu L.s Ungunsten entschieden wurde, verzerrte sein Bild bis in unsere Tage. Daran änderte auch nichts die erst 1846 edierte „Historie et Origo calculi differentialis“, die L. noch 1714 verfaßte. Unzählige algebraische und zahlentheoretische Studien, die arithmetische Quadratur des Kreises (erstmals publiziert in Acta Erud. 1682), die Berechnung von Potenzreihen und die Anfänge der dyadischen Arithmetik, die er um 1679 ausbaute, gehören bereits in die Pariser Zeit. Von späteren Errungenschaften seien hervorgehoben: seine ebenfalls 1679 ersonnene „Analysis situs“, eine neuartige Topologie als Gegenstück zur analytischen Geometrie von Descartes, die weitere Entwicklung seiner Kombinatorik, die Technik, Indizes als Koeffizienten zu behandeln, die Theorie der Determinanten und die Ableitung der Exponential-Funktion. Den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend, stellte und löste er mathematische Probleme in einem regen, halb öffentlichen Briefwechsel, so in den 90er Jahren das der catenaria, der isochrona paracentrica und der brachystochrona. Insgesamt übertrifft der weitgehend noch zu erschließende mathematische Teil des Nachlasses dem Umfang nach um ein Vielfaches das, was zur Philosophie, Theologie und Jurisprudenz gehört.

L. erfand wohl um 1670 die erste Vierspezies-Rechenmaschine. Sie funktionierte nach dem Prinzip der Staffelwalze. Bereits 1673 konnte er sie in Paris und London an einem hölzernen Modell vorführen. Ein Prototyp in Messing wurde später in Paris von dem Mechaniker Olivier hergestellt und|sollte 1694 in die Serienanfertigung gehen. Um 1700 in Helmstedt und zwischen 1711 und 1716 in Zeitz beschäftigte L., unter Einsatz bedeutender eigener Geldmittel, weitere Feinmechaniker zur Herstellung vollkommenerer Modelle, ohne dadurch die technischen Probleme der Zehnerübertragung endgültig zu meistern, was erst 1774 →P. M. Hahn gelang. Das funktionierende, heute in der Niedersächsischen Landesbibliothek aufbewahrte Exemplar blieb ohne praktische Verwendung. Wenig bekannt ist daneben L.s früher, genialer Entwurf einer dyadischen Rechenmaschine (1679), den er technisch gar nicht erst auszuführen versuchte.

Die Philosophie begriff L. im Vertrauen auf die Macht der durch eine geschulte, aufgeklärte Vernunft erkannten Wahrheit als ein Instrument des Friedens und der Versöhnung. Es lag ihm daran, die rationalen Grundlagen zu schaffen, um die sich bekämpfenden Sekten der Philosophen wieder auf die eine philosophia perennis zu verweisen, die auseinandergetretenen Konfessionen in einer katholisch-ökumenischen Kirche zu vereinen, die verfeindeten Staaten unter das römische Reich und dieses unter ein christlich geeintes Europa zu bringen, um schließlich die Christianisierung über die Kontinente nach Asien, Afrika und Amerika zu verbreiten. Ein solches Instrument des Friedens sollte seine „demonstrative Enzyklopädie“ werden, zunächst in Mainz noch unter dem Titel „Demonstrationes catholicae“, dann in Hannover als „Scientia generalis“ und in seinen letzten Lebensjahren als „Éléments de la philosophie générale et de la théologie naturelle“ konzipiert. Es war ein Werk, das mit Hilfe einer zu erstellenden universellen Charakteristik, einer „ars inveniendi et judicandi“, und eines dazu zu konstruierenden logischen Kalküls die Philosophie sicher und alle Probleme berechenbar machen sollte. L. erachtete zu seiner Erarbeitung von vornherein die Hilfe einer Gruppe fähiger Mitarbeiter für nötig. Diese und einen fördernden Mäzen glaubte er jedoch erst nach Vorlage einiger Probestücke gewinnen zu können. Eine Fülle von zurückgehaltenen Konzepten dazu liegt vor, keines davon schien ihm angemessen und überzeugend genug. Das gleiche gilt für seine zahlreichen Arbeiten zur Logik, die letztlich auch auf die formale Begründung der „Scientia generalis“ ausgerichtet waren. Als großen Schritt voran wertete L. seine „Generales inquisitiones de analysi notionum et veritatum“ von 1686 (Erstdruck v. →L. Couturat, in: Opuscules et fragments inédits, 1903). Wenn auch das Programm nicht vollendet wurde, so sind doch die dazu geleisteten Vorarbeiten von so ungewöhnlicher Qualität, daß die moderne mathematische Logik in L. ihren Vater sehen kann. Die Leitidee seiner „Characteristica universalis“ setzt voraus, daß es gelingt – worum L.sich intensiv bemüht hat –, die primitiven Begriffe zu finden, aus denen alle übrigen zusammengesetzt werden können. Man braucht ihnen dann nur noch geeignete Charaktere so zuzuordnen, daß dem Charakter eines jeden Begriffs, wie heute einer chemischen Formel, anzusehen ist, welche primitiven Begriffe in ihm enthalten sind. Versuchsweise wählte L. Primzahlen als Charaktere der primitiven Begriffe, wodurch beliebige Begriffe eindeutig als Primzahlprodukte darstellbar und die Prüfung der Wahrheit von Sätzen sowie der Richtigkeit von Schlüssen arithmetische Teilbarkeitsprobleme werden, eine Vorwegnahme der Gödelschen Arithmetisierung. L. erfand noch weitere logische Kalküle, um dem angestrebten „Alphabetum cogitationum humanarum“ und der aufzubauenden „lingua philosophica“ angemessene Methoden der Algorithmisierung des wissenschaftlichen Denkens an die Seite zu stellen. Statt über Meinungen zu streiten, sollte es künftig heißen: „Calculemus!“.

Einer der bekanntesten philosophischen Aufsätze, die besonders im 18. Jh. in der Erkenntnistheorie und der neuen Ästhetik einflußreichen „Meditationes de cognitione, veritate et ideis“, erschien 1684 in den seit 1682 von O. Mencke herausgegebenen „Acta Eruditorum“, für die L. noch über 60 weitere Aufsätze zumeist mathematischen Inhalts und ebensoviele Rezensionen verfaßte. Weitere 50 kleine Abhandlungen publizierte er im „Journal des Savants“ und anderen Gelehrtenzeitschriften. Im Jan. 1686 faßte L. seine Gedanken in einer von ihrem ersten Herausgeber 1846 „Discours de métaphysique“ betitelten Schrift zusammen, in der Absicht, ihre Verträglichkeit mit den kath. Dogmen von dem inzwischen nach Holland geflohenen →A. Arnauld bestätigen zu lassen. Der vorsichtige L. legte diesem jedoch nur einen „Sommaire“, 37 zusammenfassende Kapitelüberschriften, vor und löste in der sich daran anschließenden Korrespondenz den scheinbaren Widerspruch zwischen vollständiger Bestimmtheit des Begriffs jeder individuellen Substanz und der Freiheit des Menschen. Da, wie der scholastische Lehrsatz besagt, in jeder wahren Aussage das Prädikat im Subjekt enthalten ist, begreift L. die individuelle Substanz als durch ihre notio completa vollständig bestimmt. Ihre Handlungen sind frei, wenn auch gewiß ist, daß sie der göttlichen Voraussicht entsprechen. Wir erkennen notwendige Vemunftwahrheiten vollkommen dadurch, daß wir sie in endlich vielen Schritten auf primitive Begriffe oder wenigstens auf Identitäten reduzieren können, während wir für die Analyse kontingenter Tatsachenwahrheiten unendlich viele Schritte benötigen würden, also höchstens approximative Erkenntnis von ihnen erlangen können und daher auch nicht Gottes Motive für die Erschaffung dieser und keiner anderen Welt begreifen.

In Rom konzipierte L. 1689 den ersten Teil seiner „Dynamik“ im Gegenzug zur Mechanik Newtons, dessen „Principia“ (1687) er gerade kennengelernt hatte. (Den zweiten Teil schrieb er erst nach 1698 nieder.) Sie erwuchs aus seiner 1686 veröffentlichten Polemik gegen den „außerordentlichen Irrtum“ des Cartesischen Prinzips der Erhaltung der Bewegungsgröße, definiert als Produkt aus Masse und Geschwindigkeit (mv), dem L. sein Prinzip von der Erhaltung der Energie als der vis viva, die er als Produkt aus Masse und Beschleunigung, d. h. dem Quadrat der Geschwindigkeit, bestimmte (mv²), gegenüberstellte. Dieses Prinzip hatte er aus seinem „Grundaxiom“ der Äquipollenz von Ursache und Wirkung hergeleitet und bereits 1678 in „De concursu corporum“ (noch nicht ediert) formuliert. Die später ergänzte und revidierte, jedoch nicht gänzlich abgeschlossene Fassung seiner „Dynamica de potentia et legibus naturae corporeae“ wurde erst 1860 ediert. Eine von verschiedenen kürzeren Fassungen überließ er Pellisson zum Vortrag in der Pariser Akademie; nur den ersten Teil einer anderen hat er 1695 in den „Acta Eruditorum“ veröffentlicht, wo er 1698 auch eine Anwendung seiner Dynamik gab (De ipsa natura). Er verfaßte Schriften über die Bewegung der Himmelskörper (1689 „Acta Eruditorum“) und über die Kopernikanische Hypothese, um ihre Anerkennung bei der röm. Kurie zu bewirken. Die prinzipielle Auseinandersetzung mit den metaphysischen Grundlagen der Physik Newtons führte er in seinem letzten Lebensjahr in einem Briefwechsel mit →S. Clarke, der zur Publikation bestimmt war und 1717 auch erschienen ist. Gegen das Leere und die physikalischen Atome Newtons setzte L. seine ausdehnungslosen und einfachen Substanzen, die Monaden. Raum, Zeit und Bewegung ließ er nicht als Absolutes, nicht als Attribute der Gottheit gelten, sie sind für ihn nichts als Relationen, in denen Monaden körperliche Phänomene neben-, nach- und auseinander vorstellen. Auch weigerte sich L., Newtons Gravitationskraft anzuerkennen.

Die aufbrechende Kluft zwischen Glaube und Vernunft, Theologie und Naturwissenschaften überbrückte L. mit einer doppelten Erklärung des Geschehens: Im Reiche der Natur oder der Wirkursachen, im Bereich des Phänomenalen, stellt seine physikalische „Dynamik“ die Theorie bereit; im Reiche der Gnade oder der Zwecke, im Bereich des eigentlich Wirklichen dagegen, die Metaphysik, genauer, die Lehre von den Monaden. Wie die Natur niemals anders wirkt als durch eine unendliche Vielheit konkurrierender Ursachen – ein Gedanke, den schon der junge L. aus dem Hippokratischen σύμπνοια πάντα entwickelt –, so repräsentiert jede Monade in sich selbsttätig das ganze Universum, jede von ihrem Standpunkt aus unterschiedlich, jedoch in einer von Gott prästabilierten Harmonie. Damit wird die für ihn unannehmbare Forderung eines physischen Einflusses von Substanzen aufeinander zur Erklärung der Kausalität überflüssig – Monaden sind gleichsam fensterlos –, und das löst vor allem das Descartes’sche Dilemma der Einwirkung der Seele auf den Körper. Körper sind keine einfachen Substanzen, sie sind Phänomene in Monaden, wenn auch gut fundierte. Nicht einmal die höheren Geister sind ohne solche Körper, die aus dem prästabilierten Zusammenwirken der einfachen Substanzen und ihrer Subordination unter jeweils herrschende Monaden resultieren. Nur Einheiten haben wahre Existenz, nur Monaden sind einfache, unzerstörbare Substanzen. Zusammengesetzte Substanzen, Körper, sind nichts als Phänomene. L.s Phänomenalismus ist jedoch weder ein objektiver Idealismus: Monaden erscheinen nicht als Körper, sind auch selbst keine Erscheinungen; noch ein subjektiver Idealismus: den einfacheren Monaden fehlt das Selbstbewußtsein, sie sind keine Subjekte; und auch kein Spiritualismus: nicht alle Monaden sind Geister; schließlich auch kein Solipsismus: es gibt Gott und andere von Gott geschaffene Monaden, wenn auch der Gedanke der Theresa von Avila „nur Gott und ich“ L.faszinierte. Körper und überhaupt die ganze Welt mit ihrer Geschichte sind Phänomene nicht von, sondern inden sie in prästabilierter Harmonie wie in einem „lebenden Spiegel“ produzierenden Monaden. Ihre Perzeptionen sind nichts als Darstellungen des Vielen in der Einheit, ihre Appetitionen nichts als das Streben nach neuen Perzeptionen. Eine kontinuierliche, in jedem Augenblick unendliche Folge größtenteils unmerklicher „petites perceptions“, verknüpft das Individuum mit dem ganzen Universum und zugleich mit seiner eigenen Vergangenheit und Zukunft, Keine mit Selbstbewußtsein begabte Substanz (mens) verliert jemals die ihr auferlegte Person, deren unzerstörbare Identität durch Erinnerung gegeben ist und sie für Belohnung und Strafe zurechnungsfähig macht. Mit seiner Theorie der „petites perceptions“ wurde er der Entdecker des Unbewußten. Überraschend modern gegenüber den mechanistischen Erklärungen seiner Zeit muten auch L.s Vorstellungen von der Organisation des Lebendigen an: Organismen sind natürliche Maschinen, solche, die selbst in ihren kleinsten Teilen noch Maschinen sind. Zwischen den natürlichen Gattungen gibt es nur kontinuierliche Übergänge, die Natur macht keine Sprünge, duldet kein vacuum formarum (principium continuitatis). Auch gibt es keine zwei vollkommen gleiche, nur numerisch unterscheidbare Individuen (principium identitatis indiscernibilium). Im strengen metaphysischen Sinn gibt es weder Geburt noch Tod, sondern nur Transformationen der unzerstörbaren Substanz. Die Zustände der Monaden folgen nicht ohne göttliche Mitwirkung aufeinander, ihre Erhaltung ist als eine fortwährende Schöpfung zu begreifen.

Wie mit einem Brennglas brachte L. in seiner Metaphysik verschiedenste Traditionen in ein kohärentes System: einen konfessionsübergreifenden christlichen Glauben, gerich tet auf einen allmächtigen, aber guten, frei von Willkür handelnden Gott, den er nicht als Weltseele, sondern als eine extramundane Intelligenz begriffen wissen wollte; die aristotelische Substanzenlehre und den auf sie gegründeten metaphysischen Individualismus der deutschen Schulphilosophen, verbunden mit der rabbinischen Lehre vom unzerstörbaren Kern der Substanz; die Präformation aller Individuen in ihren Protoplasten, den ersten Exemplaren jeder Spezies; das hippokratische Zusammenwirken aller Dinge und den neuplatonischen Harmoniebegriff, expliziert durch die cusanische Vollkommenheit als maximale Mannigfaltigkeit in der Einheit; die platonische Selbstbewegtheit und wahre, unteilbare Einheit des Geistes und damit die Irrealität des rein Körperlichen; die augustinisch-cartesische Selbstgewißheit des denkenden Ich und den platonisch-stoischen Glauben an eingeborene Ideen und Prinzipien, an ewige Wahrheiten, die unsere Vernunft konstituieren.

Die erste Publikation seiner Metaphysik, das „Système nouveau de la nature“, erschien 1695 im „Journal des Savants“. Ihr folgten Erklärungen zu den kritischen Einwänden von →S. Foucher, →P. Bayle und →Fr. Lamy. 1695 prägt L. im Briefwechsel mit →F. G. de L'Hôpital die Begriffe Monade und prästabilierte Harmonie. Seine gewichtige Auseinandersetzung mit →John Lockes berühmtem „Essay“ (1690), die L. seit 1695 in kürzeren Schriften vorbereitet hatte, kleidete er 1703-05 in die Form eines Dialogs „Nouveaux essais sur l'entendement humain“, den er aber aus Pietät gegen den 1704 verstorbenen Gegner druckreif zurückhielt. Die Wirkung dieser erst 1765 durch →R. E. Raspe veröffentlichten Widerlegung des engl. Empirismus war und blieb trotz ihrer Verspätung doch bedeutend.

Die Grundkonzeption seines berühmtesten Werkes, der aus Gesprächen mit der Kgn. →Sophie Charlotte am preuß. Hof hervorgegangenen „Essais de théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l'homme et l'origine du mal“ (1710), beruht auf der schon in der „Confessio philosophi“ (1673) ausgesprochenen Idee einer Vielheit von möglichen Welten, unter denen Gott, der diese Vielheit in seinem Geist erschaffen hat, eine, und zwar aufgrund seiner Allwissenheit und seiner Güte die beste, zur Existenz bringt, die beste alles in allem besehen. Eine mögliche Welt besteht aus der Gesamtheit miteinander verträglicher individueller Substanzen, von denen jede durch ihren vollständigen Begriff festgelegt ist, mit allem, was ihr je zugestoßen ist und zustoßen wird. Der vollständige Begriff einer möglichen Einzelsubstanz bestimmt, mit welchen anderen Substanzen sie kompatibel ist, und dann wiederum, welchen Grad an Vollkommenheit die miteinander kompatiblen Substanzen zu realisieren imstande sind. Daß Gott, der nicht willkürlich handelt, sondern den zureichenden Grund seiner Wahl im Prinzip des Besten sieht, dieser und keiner anderen Welt zur Existenz verholfen hat, bedeutet für L., daß keine bessere Welt möglich ist. Dies ist eine Konzeption, die eher Resignation als den von Voltaire im „Candide“ verhöhnten Optimismus ausdrückt. Die neben der „Theodizee“ bekannteste Schrift L.s, die sog. „Monadologie“, ist ebensowenig wie die im selben Jahr 1714 in Wien für den Prinzen →Eugen von Savoyen verfaßten „Principes de la nature et de la grâce“ eine Vermächtnisschrift. Beide verschweigen den Phänomenalismus, geben aber gleichwohl die dichteste Darstellung dessen, was L. damals einer elitären Öffentlichkeit handschriftlich zugänglich zu machen bereit war. So hatte er schon|früher einigen Vertrauten brieflich Zusammenfassungen seines Systems mitgeteilt, insbesondere der Kfn. →Sophie in Hannover und ihrer Tochter →Sophie Charlotte, der ersten Königin in Preußen, die beide beständig und verständig seine vielfältigen Vorhaben förderten. L. hat sich aber auch ihnen gegenüber gescheut, die letzte Konsequenz seiner Metaphysik, die bloße Phänomenalität unserer raum-zeitlichen Erfahrungswelt, in einer Zeit, die er noch nicht gereift sah für seine Gedanken, öffentlich zu vertreten. Die Stücke, selbst die zur Absendung fertigen Briefe, in denen er seine Ansicht zu deutlich formulierte, hat er zurückgehalten – wohl aus Furcht, seine zur Verwirklichung seiner großen Projekte nötige Reputation bei den dafür maßgebenden Persönlichkeiten an den Höfen Europas zu verlieren.

Nach dem Mißlingen der Versuche, die Entwässerung der Gruben im Harzbergbau mit seiner neuartigen Windkunst zu leisten, verpflichtete sich L. im Sommer 1685 gegenüber Hzg. →Ernst August, die Geschichte des Welfenhauses aus authentischen Quellen darzustellen: eine Aufgabe, die noch schwer auf ihm lasten sollte, besonders als Kf. →Georg Ludwig nach 1698 mit Nachdruck auf ihrer Erfüllung bestand. Für seine Annahme eines gemeinsamen Ursprunges der Welfen und der Este fand L. 1688 in Augsburg den ersten urkundlichen Beleg. 1690 stellte er in Modena und der Abtei Vangadizza das Ergebnis sicher. Gleichsam als Parerga dieser Sammel- und Sichtungsarbeit besorgte L. zunächst eine Reihe umfänglicher Quellenveröffentlichungen, so den „Codex juris gentium diplomaticus“ (1693) mit ergänzender „Mantissa“ (1700), die „Accessiones historicae“ (1698-1700) und in drei Bänden die „Scriptores rerum Brunsvicensium“ (1707-11), alles Quellen, die zum Teil bis heute in keiner anderen Ausgabe vorliegen. Diesen Ausgaben stellte er einleitend bemerkenswerte Äußerungen zur Theorie und Methode der Geschichtsschreibung und Quelleneditorik sowie zur Systematik des Natur- und Völkerrechtes voran. Seine genealogischen Forschungen („Origines Guelficae“) brachten erst →Scheidt 1751-54 in vier Bänden und Jung 1780 in einem fünften heraus. Die Welfengeschichte selbst, die L. für die Zeit von 768 bis 1005 dargestellt hatte, wurde, da nach L.s Tod seine Auftraggeber jegliches Interesse an ihr verloren, erst von →G. H. Pertz aus dem hinterlassenen Manuskript herausgegeben (Annales Imperii occidentis Brunsvicenses, 3 Bde., 1843–46). Sollten diese Annalen vorrangig dem Ansehen des Hauses Braunschweig dienen, so begründete L. mit weiteren historischen Arbeiten die politischen Ansprüche der Welfen; so bereits 1677 mit dem wiederholt gedruckten „Caesarini Fürstenerii de jure suprematus ac legationis principum Germaniae“, der den Hannoveranern eine den Kurfürsten gleichrangige Souveränität und die Beteiligung an der europ. Politik und den Friedensverhandlungen sichern sollte, sowie mit Schriften, die wesentlich zur Erlangung der 9. Kurwürde beigetragen haben. Weiterreichende historische Interessen und methodische Innovationen verband L. mit Arbeiten zur Frühgeschichte der Erde anhand von im Harz gefundenen Fossilien, der „Protogaea“ (im Auszug 1693 in den „Acta Eruditorum“, vollständig erst 1749 erschienen), die er zusammen mit Schriften über den Ursprung der Germanen (1697) und der Franken (1715) seinen „Annales“ voranstellen wollte, sowie in der „Brevis designatio meditationum de originibus gentium ductis potissimum ex indicio linguarum“ (1710), in denen er vergleichende Sprachgeschichte und Etymologie als historische Hilfswissenschaften einsetzte. Überhaupt widmete L. den Sprachen als „Spiegel des Verstandes“ auch neben seinen erwähnten Intentionen zur Schaffung einer berechnenden und berechenbaren „lingua philosophica“ großes Interesse. Seine Studien zur Sprachenvergleichung gipfelten in Hypothesen über Ursprung und Verwandtschaft der Sprachen, die heutigen Auffassungen über die indogerman. Sprachfamilien nahekommen. Besonderes Gewicht legte er auf die Wortbildung und die Namenforschung, sah er doch in den Eigennamen, besonders in den geographischen, die ältesten Zeugnisse einer ursprünglichen Namengebung. Nach franz. Vorbild empfahl er die Anlage dreier Wörterbücher, eines für die Hochsprache, in doppelter (alphabetischer und sachlicher) Anordnung, eines für die Fachterminologien und schließlich eines für die Etymologie, entweder nach den heutigen Wortgestalten oder nach ihren Wurzeln angeordnet. Vier Bände Material für ein solches „Glossarium etymologicum“ liegen noch im Nachlaß. Obgleich sein Interesse auf die Pflege der deutschen Hochsprache gerichtet war und darauf, ihren Wortschatz ohne puristische Ambitionen zu reinigen und durch Wiedereinsetzung versunkener Wörter zu erweitern, legte er großen Wert auf die Erforschung der Mundarten. Hervorgehoben seien die heute noch unveröffentlichte „Epistolaris de historia etymologica dissertatio“ (um 1712) und die von J. G. Eckhart 1717 herausgegebenen „Collectanea|Elymologica“, die auch L.s „Unvorgreifliche Gedanken betreffend die Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache“ enthalten, mit denen er um die Jahrhundertwende den alten Plan zur Einrichtung einer „teutschgesinnten Gesellschaft“ wiederaufgriff.

L. teilte früh das Interesse seiner Zeit für China. Als er 1689 in Rom →C. F. Grimaldi begegnete, einem Angehörigen der Jesuiten-Mission in China, faßte er in 30 Fragen zusammen, was er von der chines.Sprache, Kultur, Wissenschaft und Technik zu erfahren hoffte, angefangen bei der Schrift, über die Seidenraupen und den Ginseng bis zur Chirurgie, zur Kriegskunst und zum Bergbau. Mit weiteren Mitgliedern dieser Mission blieb er in regem Briefwechsel. Ungeduldig erwartete er die „Clavis Sinica“, die ihr Autor →A. Müller jedoch unvollendet vernichtete. 1697 und erweitert 1699 gab er als „Novissima Sinica“ eine informative Sammlung aktueller Briefe und Berichte heraus. Noch 1713 äußert er sich brieflich ausführlich über die natürliche Theologie der Chinesen.

Im Auftrage des Hzg. →Ernst August hat L. zusammen mit Gerhard Molanus, dem Abt von Loccum, seit 1683 an Verhandlungen zur Reunion der christlichen Konfessionen teilgenommen. Auf kath. und kaiserl. Seite waren daran der Bischof von Wiener-Neustadt →Christóbal Rojas y Spinola und später dessen Nachfolger Franz Anton Gf. v. Buchhaim beteiligt. L. empfahl, die Disputationen zu beenden und sich der Autorität eines einzuberufenden, wirklich ökumenischen Weltkonzils zu unterwerfen. Unermüdlich verfaßte er Denkschriften und wechselte Briefe, so mit dem konvertierten Landgf. →Ernst von Hessen-Rheinfels, mit dem einflußreichen Bischof von Meaux, →J.-B. Bossuet, und mit →P. Pellisson-Fontanier. Letzterer ließ seinen Briefwechsel mit L. unter dem Titel „De la tolérance de la religion“ 1691 erscheinen und wiederholt auflegen. Insgesamt blieben diese Bemühungen ohne Ergebnis, sie paßten letztlich nicht in das Konzept der großen Politik. Resignierend hielt L. sein wohl 1686 vom Standpunkt eines Katholiken verfaßtes „Examen religionis christianae“, das seit 1820 in deutscher Übersetzung als „System der Theologie“ bekannt wurde, zurück. Erfolgreicher waren, wenn auch nicht mehr zu seinen Lebzeiten, die mit dem Berliner Prediger →D. E. Jablonski seit 1698 geführten Gespräche zur Union der luth. und ref. Kirchen in Preußen.

L.s politisches und diplomatisches Wirken blieb überhaupt durch Stand und Stellung beschränkt auf Beratung und Publizistik. Trotz großem Einsatz und selbstlosen Ambitionen blieb es weit hinter seinen wissenschaftlichen Leistungen zurück, bedingt nicht zuletzt durch die politischen Kräfteverhältnisse und divergierenden Partikularinteressen. L. stellte immer wieder die Situation des Reiches dar und erwog, wie die Politik Ludwigs XIV. durch Allianzen zu schwächen sei, wie aber auch durch Frieden mit Frankreich die Kräfte gegen die anstürmenden Türken freigesetzt werden könnten. Der 1684 anonym erschienene „Mars Christianissimus“ ist eine leidenschaftliche Satire gegen die Aggressionspolitik des Sonnenkönigs. Weitere Denkschriften galten dem span. Erbfolgestreit und der Anwartschaft seiner Gönnerin, der Kfn. →Sophie auf die engl. Thronfolge, die ihr Sohn →Georg Ludwig 1714 auch antrat. L.s Gedanken zur Prinzenerziehung, die er direkt am preuß. und sächs. Hof geltend zu machen versuchte, blieben ohne Wirkung. In zahllosen Entwürfen ließ er im Sinne seiner Definition des Staates als einer „großen Vergesellschaftung mit dem Zwecke der allgemeinen Sicherheit“ kaum etwas unberücksichtigt, was sein erfinderischer Geist als dem „allgemeinen Besten“ dienlich ansehen mußte, angefangen bei der Staatsverwaltung, dem Münz-, Währungs-, und Besoldungswesen, der Einrichtung einer Medizinalbehörde und eines statistischen Amtes, insbesondere auch der Einführung von öffentlichen Lebensversicherungen. Hinterbliebenenrenten und Armenkassen, sowie der Besteuerung oder Verstaatlichung bestimmter Handelszweige und Manufakturen und der Förderung gemeinnütziger Institutionen durch Lotterien bis hin zur Erörterung von Arbeitsplatzproblemen, die bereits damals die fortschreitende Ersetzung der Handarbeit durch Maschinen aufwarf. Er machte Vorschläge zur Einrichtung eines zentralen Reichsarchivs, und zum Abschluß eines Reichskonkordates zur Wahl der Bischöfe, aber auch solche praktischer Art, etwa zur Beleuchtung der Stadt Wien mit Rübsamenöl und zur Seidenraupenzucht als Finanzquelle für die Berliner Akademie In Italien stellte er 1689 unterwegs aus dem Gedächtnis eine umfassende Liste der zur Einrichtung einer Universalbibliothek benötigten Bücher zusammen. Er entwarf Fragebögen für die Missionare in China und später für Peter den Großen zur Erkundung fremder Sprachen und Kulturen, begriff als erster 1690 den Zusammenhang von Luftdruck und Wetter, entwarf auch 1702 das erste Aneroid-Barometer und sammelte Daten für ein magnetisches Modell der Erdkugel mit Eintragung der Abweichungen der Magnetnadel zur Bestimmung der Breitengrade auf See. Hier kann nur einiges genannt werden. Der Tag war ihm, wie er klagte, oft nicht lang genug, das, was ihm beim Aufwachen einfiel, auch nur aufzuschreiben.

L. verstand sich als Autodidakt, als ein Vielleser mit Vorliebe für Lektüre, die den eigenen Gedanken genügend Raum läßt, stets mehr darauf bedacht, zu verwerten als zu verwerfen. Er war wohl die vielseitigste Gestalt der deutschen Geistesgeschichte im 17. Jh.; ein Gelehrter, dem nichts Wissenswertes fremd blieb, der aber nicht als Polyhistor das Wissen um des Wissens willen ansammelte, sondern es stets mit der Praxis verbinden wollte. Der Preis dieser Vielseitigkeit war Unruhe, wenn nicht Verzettelung, die ihren Grund in seinem Streben nach Positionen hatte, die ihm angemessene Möglichkeiten zur Verwirklichung seiner großen Pläne einräumten; denn trotz seines Ansehens in der Gelehrtenwelt blieb er stets in Abhängigkeiten, die ihn zur Rücksichtnahme, wenn nicht gar zur Untätigkeit zwangen, aus Angst, etwas zur Unzeit angegangen zu haben.

Dennoch hat L. entscheidend in die Neuzeit hineingewirkt und hätte, wäre er nicht so sehr seiner Zeit voraus gewesen, das noch stärker tun können. Die wesentlichen Grundlagen der Computertechnik beispielsweise, so die Rechenmaschine – sogar die dyadische –, die Dyadik selbst, der infinitesimale und der logische Kalkül (Schaltalgebra), die Kombinatorik und die Wahrscheinlichkeitsrechnung, der Umgang mit Näherungswerten und nicht zuletzt die Charakteristik und Begriffsanalyse sind von ihm entdeckt oder entscheidend weiterentwickelt worden. Was L. zur Analyse der Sätze erfand, braucht man heute, um sie zu verschlüsseln (Gödelisierung). Bei aller Modernität vertrat L. noch – derartig umfassend wohl als Letzter – die Ideale der Scholastik, wenn er den Versuch machte, den Glauben, die Theologie in den Mittelpunkt zu stellen –, selbst die Mathematik will er nur um ihretwegen betrieben haben – einen Versuch, alles Wissen, alle Betätigung letztlich auf das Ziel der ewigen Glückseligkeit auszurichten. Wenn er auch das irdische Wohl darüber nicht geringschätzte, so sah er den Menschen doch stets als homo viator (Hochstetter), und er hat unermüdlich versucht, dieses Bewußtsein in seiner Zeit wach zu halten.

L. verbreitete seine Gedanken mehr durch eine umfangreiche Korrespondenz – sie umfaßt über 15 000 Briefe an und von mehr als 1 000 über ganz Europa bis hin nach China verteilten Adressaten – als durch die gut 300 Schriften, die er oder seine Zeitgenossen größtenteils in Form von Aufsätzen und Rezensionen herausgaben. Diese vergleichsweise wenigen Publikationen machen nur einen Bruchteil dessen aus, was L., zumeist als Fragment, in die Schubladen verbannte. So wurde sein Werk zum größten Teil erst postum in einem immer wieder abgebrochenen und bis heute nicht abgeschlossenen Prozeß im Druck zugänglich gemacht, obgleich sein Nachlaß, der heute in der Niedersächs. Landesbibliothek in Hannover liegt, vorzügliche Aufschlüsse geben kann über die Werkstattarbeit eines großen Geistes. „Wenn es nach mir ginge“, hat →Lessing gesagt, „müßte L. nicht eine Zeile vergebens geschrieben haben“. Dennoch liegt eine Gesamtausgabe seiner Schriften und Briefe bis heute nicht vor. Ansätze dazu unternahmen →G. H. Pertz zusammen mit →C. L. Grotefend u. →C. I. Gerhardt (12 Bde., 1843–63, davon 4 Geschichte, 1 Philosophie u. 7 Mathematik), →O. Klopp (11 Bde., 1864–84, Hist.-polit. u. staatswiss. Schriften) und →A. Foucher de Careil (7 Bde., 1859–75). →L. Dutens faßte in seiner Ausgabe (Opera omnia, 6 Bde., 1768) das damals bereits Gedruckte, wenn auch nicht vollständig, so doch angereichert durch einige Briefwechsel aus den Originalen systematisch geordnet zusammen. Auch →J. E. Erdmann (Opera philosophica omnia, 1 Bd., 1840) erfüllte, trotz der Aufnahme von Inedita, diesen Anspruch bei weitem nicht. Erheblich darüber hinaus ging erst →C. I. Gerhardt (Die phil.Schriften, 7 Bde., 1875–90). Hinzu kamen vor allem →L. Couturat (Opusc. et fragm. inédits, 1903) und G. Grua (Textes inédits, 2 Bde., 1948), deren Schwerpunkte in der Logik bzw. in der Theologie und Jurisprudenz liegen. Die erste vollständige historisch-kritische Ausgabe ist die der Preuß. Akademie der Wissenschaften, heute Akademie der Wissenschaften der DDR, die von ihrer Arbeitsstelle in Berlin (Ost) zusammen mit dem Leibniz-Archiv der Niedersächs. Landesbibliothek Hannover und der Leibniz-Forschungsstelle der Univ.Münster, beide neuerdings unter Aufsicht der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, bearbeitet wird („Sämtliche Schriften und Briefe“, 1923 ff., bisher erschienen 19 Bde. in 7 Reihen, etwa ein Viertel des Gesamtumfangs). Die Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gesellschaft e. V. fördert mit internationalen Kongressen und Symposien und mit den „Studia Leibnitiana nebst „Supplementa“ die Erforschung seines Werks und seiner Wirkung.

13. Balthasar Neumann

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N. erlernte in seiner Heimatstadt das Geschütz- und Glockengießerhandwerk. Auf seiner Wanderschaft als Geselle kam er 1711 nach Würzburg, wo er 1712 Unterricht in Geometrie, Feldmesserei und Architektur nahm. Im selben Jahr trat er in den würzburg. Militärdienst, in dem er bis zu seinem Tod, zuletzt im Range eines Obristen der Artillerie, verblieb. Frühe Zeugnisse der Ausbildung als Geometer und Architekt sind zwei Meßinstrumente (1712, München, Dt. Mus.; 1713, Würzburg, Mainfränk. Mus.), ein Stadtplan von Würzburg (1715, Kopie München, Kriegsarchiv) sowie ein Satz von Rissen für den neuen Abteibau der Zisterzienser von Ebrach (1716, verloren). 1717 nahm N. am Türkenkrieg teil und rückte dabei mit seiner Truppe über Wien bis nach Belgrad vor. 1718 bereiste er zu Studienzwecken Oberitalien und arbeitete kurze Zeit an unbekannten zivilen Bauprojekten in Mailand.

N.s Karriere als Architekt begann unter Fürstbischof Johann Philipp Franz v. Schönborn (1673–1724), der den jungen Militär 1719 mit der Planung und 1720 auch mit der Bauleitung der Würzburger Residenz (1720–44) betraute. Trotz der „kollektivistischen“ Struktur der Planung – es legten auch andere Architekten wie Johann Dientzenhofer, Maximilian v. Welsch oder Johann Lucas v. Hildebrandt Entwürfe vor, die teilweise Berücksichtigung fanden – verstand es N., dem Bauwerk von Anfang an in eigenschöpferischer Weise Gestalt zu geben. Dieses Schloß, das in jeder Beziehung, namentlich der Gliederung des Baukörpers und seiner Fassaden sowie der Gestaltung der Hauptraumfolge mit Treppenhaus und Kaisersaal zu den großartigsten Profanbauten Europas zählt, wurde zur Lebensaufgabe des Architekten. Als zweiter bischöflicher Auftrag kam der Bau der Schönbornkapelle am Würzburger Dom (1721 ff.) hinzu, bei der erstmals das für N.s Sakralräume so bedeutsame Motiv einer zentralen, von vier Doppelsäulenarkaden getragenen Kuppelrotunde auftaucht. 1723 unternahm N. eine Studienreise nach Frankreich und konferierte in Paris und Versailles mit den kgl. Architekten Robert de Cotte und Germain Boffrand über die Würzburger Bauvorhaben. Ganz unmittelbar spiegelten sich die Eindrücke dieser Reise am Bau des Würzburger Jagdschlößchens Mädelhofen (1724, unvollendet abgebrochen 1725) wider, für dessen Grundriß das Schloß von Montmorency bei Paris das unmittelbare Vorbild abgab.

Von Fürstbischof Christoph Franz v. Hutten (1673–1729) weniger beansprucht, wurden für den Architekten vor allem die Klöster als Auftraggeber wichtig. Der Neubau der großen Benediktinerabteikirche von Münsterschwarzach (1727 ff., demoliert seit 1821), die den hochbarocken Typus der kreuzförmigen Wandpfeilerkirche mit Vierungskuppel auf originelle Weise variierte, begründete N.s Renommee als Kirchenbaumeister. Ein herausragendes Werk jener Zeit ist auch die kleine, als oktogonaler Zentralbau errichtete Benediktinerpropsteikirche von Holzkirchen (1728–30), deren Inneres als überkuppelte Kolonnadenrotunde gebildet ist, eine Erfindung, bei der franz., ital. und deutsche Architekturgedanken miteinander verschmolzen werden. Zur fruchtbarsten Periode entwickelten sich für N. die Jahre unter Fürstbischof Friedrich Carl v. Schönborn (1674–1746), der außer Würzburg auch das Hochstift Bamberg regierte. Der als Reichsvizekanzler noch bis 1734 am kaiserl. Hof residierende Bischof ernannte N. sogleich zum Direktor des gesamten militärischen, zivilen und kirchlichen Bauwesens in beiden Hochstiften und beorderte ihn 1729 und 1730 zu Studien- bzw. Dienstreisen nach Wien, wo er sich vor allem mit den Werken von Schönborns Hausarchitekten Johann Lucas v. Hildebrandt auseinandersetzen sollte. Am Mittelbau der Würzburger Residenz und am Jagdschloß in Werneck (1733 ff.) ist die Einwirkung Hildebrandtscher Gedanken besonders zu spüren, doch behauptete N. auch hier seine eigene künstlerische Natur. Dem obersten Baubeamten zweier geistlicher Staaten oblag jedoch nicht nur die Planung und Bauüberwachung neuer Schlösser und Kirchen. Insbesondere hatte er das gesamte Festungs-, Verkehrs- und|Wasserbauwesen zu beaufsichtigen und vor allem in den Residenzstädten Würzburg und Bamberg das Baugeschehen so zu dirigieren, daß sich die städtebauliche Situation in praktischer und ästhetischer Hinsicht fortlaufend verbesserte. Neben allen diesen Aufgaben, die ständiges Reisen erforderlich machten, fand N. noch Zeit, zunächst privat, seit 1731 aber auch öffentlich an der Würzburger Universität, Militär- und Zivilarchitektur zu unterrichten.

Dem Beispiel ihrer älteren in Franken lebenden Brüder folgend, nahmen auch der Bischof von Speyer und Konstanz, Kardinal Damian Hugo v. Schönborn (1676–1743), sowie der Kurfürst-Erzbischof von Trier und Bischof von Worms, Franz Georg v. Schönborn (1682–1756), N. in ihre Dienste. Für den Kardinal bemühte sich dieser vor allem um das Corps de Logis der Residenz in Bruchsal, dessen Prunkstück die berühmte Treppenhausrotunde (1731 ff.) wurde. Ferner errichtete er in Bruchsal die als Grablege der Speyerer Bischöfe bestimmte Peterskirche (1740–46). Unter den Bauten für den Trierer Kurfürsten ragen jene heraus, die bei Koblenz entstanden. Erhalten ist das Dikasterialgebäude in Ehrenbreitstein (1739–48) mit seiner heiter komponierten Rheinfront. Verloren ging dagegen das Sommerschloß Schönbornslust (1748–52, demoliert 1806) in Kesselheim, das kurtrierische Gegenstück zum würzburgischen Werneck.

Die Tätigkeit N.s für die Schönborn-Bischöfe am Rhein führte dazu, daß der Architekt von weiteren Fürsten im Westen Deutschlands konsultiert wurde. Verwirklicht wurde von den vielen Projekten jedoch nur der Bau des Treppenhauses und des Neuen Appartementes der kurköln. Residenz in Brühl (1743 ff.). Die Pläne für die hzgl. Residenz in Stuttgart (1747 ff.), das kurpfälz. Schloß in Schwetzingen (1749) und die mgfl. Residenz in Karlsruhe (1750 ff.) blieben unausgeführt, doch sind sie für eine umfassende Vorstellung von N.s Schloßbaukunst unentbehrlich. Hier wie bei den Schönbornschlössern, insbesondere in Würzburg, Bruchsal und Koblenz-Kesselheim, ist die Gestaltung des zum Inbegriff fürstlicher Repräsentation gewordenen Treppenhauses und seine Einbindung in die zentrale Hauptraumfolge des Schlosses das kardinale Thema. Darüberhinaus ist es die souveräne Meisterschaft bei der Verteilung der Massen, der Gliederung und der Proportionierung von Baukörpern, Räumen und Fassaden, die N.s Kunst auszeichnet.

Als Kirchenbaumeister knüpfte N. vor allem an die auf Guarino Guarini zurückgehende kurvierte Sakralarchitektur seiner böhm. Heimat und deren Vermittlung durch Johann Dientzenhofer nach Franken an. Im Mittelpunkt seines Interesses stand dabei das Herausarbeiten des Raumzentrums als Rotunde und seine Verknüpfung mit den übrigen oft gleichfalls als Rotunden gebildeten Raumteilen. Diese Kompositionsweise führte – zusammen mit der Einbettung des beweglichen Raumgefüges in einen rektangulären äußeren Grundrißrahmen – zu höchst komplizierten Raum-, Wand- und Gewölbeformen. In der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen (1742 ff.) und der Benediktinerabteikirche Neresheim (1747 ff.) hat solche Kunst des Bauens ihre höchste Vollendung gefunden.

N.s große Werke sind für die Anschauung und den Begriff dessen, was der zentraleurop. Spätbarock auf den Gebieten der Schloß- und Kirchenarchitektur zu leisten vermochte, von nicht hoch genug einzuschätzender Bedeutung. Äußere Bedingung und Voraussetzung für die Entfaltung von N.s Baukunst war die Verfassungsstruktur des Alten Reiches, welche insbesondere im Süden und Westen Deutschlands eine Vielzahl kleinerer geistlicher und weltlicher Fürstentümer hervorgebracht hatte, die sich auch im 18. Jh. noch fest im Sacrum Imperium verankert fühlten. Nicht zufällig zog N. mit dem „Großen Projekt“ für die Hofburg in Wien (1746 f.) die Summe seiner profanen und sakralen Architektur. Dieser Plan, auf dem Treppenhaus und Hofkirche sich mit der architektonischen Majestät der Hofbibliothek Johann Bernhard Fischers von Erlach messen, hatte freilich keine Chance auf Realisierung mehr und besiegelte auch stilistisch eine abgeschlossene Epoche.

14. George Bähr

Bähr, über dessen Werdegang wenig bekannt ist, läßt sich seit 1693 in Dresden zunächst als Zimmergeselle nachweisen. 1705 wurde er zum Dresdner Ratszimmermeister ernannt, nach 1730 unterzeichnete er „Architekt und Zimmermeister“. Meist in Zusammenarbeit mit dem Ratsmaurermeister C. Fehre entwickelte B. seit der Jahrhundertwende in Dresden und dessen Umgebung eine ausgedehnte, nur z. T. urkundlich einwandfrei belegbare Bautätigkeit. Als erstes größeres Werk kann B. mit Sicherheit die Kirche in Dresden-Loschwitz zugeschrieben werden (1704-08). Es folgten der mit einer eigenwilligen Schauseitenänderung verbundene Umbau seines eigenen Dresdner Wohnhauses (seit 1711), sowie die Errichtung der Kirche in Schmiedeberg im Erzgebirge (1713–16). 1719 bis 1726 erstellte B. die Kirche in Forchheim bei Lengefeld im Erzgebirge und begann 1722 mit dem Bau der Frauenkirche in Dresden, seinem Hauptwerk, durch das er zu einem der größten Meister des deutschen Barock wurde. Der Bau der Kirche in Hohnstein bei Pirna ging 1725-29 neben dieser Arbeit her, ebenso wie Umbauten an der Dreikönigskirche in Dresden (1723–30) und den Kirchen in Kesselsdorf und Seußlitz (1724–26).

B. ist der Künstler des protestantischen Kirchenbaus, der die aus der Eigenart des protestatnischen Gottesdienstes entspringende Zeitforderung nach Zusammenfassung von Kanzel, Altar, Orgel und Taufstein im Blickpunkt der möglichst theatermäßig in Emporen übereinander untergebrachten Gemeinde als erster in großem Stil verwirklichte. B. wandte das zentralistische Prinzip mit fortschreitender Konsequenz bei allen seinen Kirchenplänen an und brachte es zur Vollendung in der Dresdner Frauenkirche, deren ursprünglich in der Form eines griechischen Kreuzes entworfenen Grundriß er in mehreren Neuplanungen zum kreisförmigen Zentralraum für die Predigt mit angefügtem Altar- und Abendmahlsraum umgestaltete. Bei der Frauenkirche entwickelte B. ferner - und hierin liegt sein Hauptverdienst um die Baukunst - eine neue und einmalige Art des Kuppelbaus. Für denselben entscheidend war sein Ausgang von der Zimmermannskonstruktion des geschweiften Mansarddaches über dem Grundriß des Zentralbaus. Hierdurch kam er fortschreitend zum kuppelförmigen Zeltdach mit geschweifter Überleitung vom Quadrat zum Kreis, das sich seit 1726 immer mehr zu turmartig geschlossenem Aufbau streckte. Das aber ermöglichte ihm 1729 den schon früher durch die Mauerkonstruktion, die Verstärkung der Fundamente und die Einlage eines eisernen Zugankersystems im geheimen vollzogenen Schritt von der Holzzur reinen Steinkuppel. Im Verfolg der statischen Gedankengänge des Holzbaus mit seiner Lastenübertragung durch das Strebewerk verteilte er durch sein „Spiramensystem“ und eine doppelte Ankersicherung der 8 Pfeiler gegen Knickung die Kuppellast von 8 auf 24 Punkte, wobei ihm die Treppentürme und Mittelrisalite der Umfassungsmauer als Widerlager gegen den Gewölbeschub dienten. Dadurch entstand eine Kuppelform, die nichts mit dem Prinzip der italienischen Renaissancekuppel gemein hat. B. wahrte zwar das durch die hierarchische Tradition geheiligte Proportionsprinzip Michelangelos. Er formte es jedoch dem bodenständigen, von der Gotik überkommenen Höhendrang deutscher Überlieferung gemäß um.

Die Tragik in B.s Leben, das in der zweiten Hälfte einen einzigen Kampf um Rettung und Durchführung seiner Bauidee darstellt, ergab sich weniger aus den von Mißgunst und Kleinmut verursachten Anfeindungen und Erschwerungen bei Durchführung seiner genialen Neuerung und an seinem Lebensende sich einstellenden Geldsorgen Sie folgte vielmehr vor allem daraus, daß die Bauidee der Frauenkirche sich erst im Lauf der Bauzeit voll entwickelt hatte und daher nicht von allem Anfang an sicher gegründet war. B. überschätzte beim Übergang zur reinen Steinkonstruktion die Tragfähigkeit des Baugrundes. Dieser war der auf die 8 Mittelpfeiler wirkenden Hauptlast nicht mehr gewachsen. Kurze Zeit vor B.s Tod wurde daher die bis zum Schlußring der Außenkuppel geführte Arbeit unterbrochen. J. de Bodt glaubte, durch einen Eisenring einer Katastrophe vorbeugen zu können, während G. Chiaveri vorschlug, die ganze Steinkuppel wieder abzubrechen und durch eine Holzkuppel zu ersetzen. Durch das Gutachten von D. Schatz (1738) wurde das verhindert und der Bau fortgesetzt. Doch wurde die Laterne der Frauenkirche nach B.s Tod von J. G. Schmidt nicht in der von B. geplanten Form ausgeführt und dadurch dem Massenaufbau der abschließende Ausklang versagt. Ebenso wurde im Innenraum die dem Bauprinzip entsprechend in der Achse des Mittelganges vorgesehene Kanzel, die den freien Blick auf den Altar beeinträchtigt hätte, aus diesem Grund sowie aus akustischen Erwägungen durch eine dem Pfeiler angehängte Predigtkanzel ersetzt, und auch die von B. vorgesehene Verglasung der Gänge hinter den drei Emporen kam nicht zur Ausführung. Sein der allgemeinen Kunstentwicklung um zwei Jahrhunderte vorgreifender Gedanke, den Lichtreflex des Glases als Gestaltungselement des Raumes zu nützen, blieb damit trotz der bereits ausgeführten Grundlage unverwirklicht. Die Dresdner Bauten B.s fielen dem Luftangriff auf die Stadt im Februar 1945 zum Opfer, nachdem die Frauenkirche 1760 die Beschießung durch die preußische Armee ausgehalten und damit die Richtigkeit des B.schen Konstruktionsprinzips erwiesen hatte.

15. Joseph Süß Oppenheimer

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Über Jugend und Bildungsweg des Sprosses einer weitverzweigten Hoffaktorenfamilie ist kaum etwas bekannt. Seine Lehr- und Wanderjahre als Handelsgehilfe führten ihn auf ausgedehnten Reisen seit 1713 nach Prag, Amsterdam und Wien. Der spätere Wirkungskreis beschränkte sich aber auf den Südwesten des Reiches. Geprägt wurde O. von der großen Frankfurter Judengemeinde, wo er wohl seit 1723 Waren-, Juwelen- und Geldhandel betrieb. Außerdem war er in der kurpfälz. Residenzstadt Mannheim sowie für die Höfe in Darmstadt (Lgfsch.) und Bonn (Kurköln) tätig. In Frankfurt zählte der deutsche Hochadel zu seinen Kunden, darunter die Familie Thurn und Taxis, aus der die Frau des 1733 in Württemberg zur Regierung gelangten Hzg. Karl Alexander stammte. Durch Patente vom November 1732 trat O. als „Hoffaktor und Schatullenverwalter“ in die Dienste des Erbprinzenpaares; ohne feste Besoldung erledigte er für beide die typischen Auftragsgeschäfte eines Hofagenten. Nach dem Regierungsantritt ernannte der hzgl. Gönner O. zum württ.Residenten in Frankfurt, wo dieser zum Verdruß des Rates außerhalb des Ghettos fürstlich residierte und mit Hilfe eines christl. Mitarbeiterstabes seinen vielfältigen Geschäften nachging.

1734 verlagerte s, ich der Schwerpunkt seiner Tätigkeit jedoch nach Stuttgart und Ludwigsburg, wo Karl Alexander ein absolutistisch-antiständisches Regiment einführte, das Schulden des Vorgängers abbauen und gleichzeitig eine kostspielige Hofhaltung sowie die Teilnahme am Poln. Thronfolgekrieg finanzieren sollte. Für diese Aufgaben, die nur mit Hilfe von Modernisierungen in Wirtschaft, Finanzen und Verwaltung zu bewältigen waren, schien der land- und glaubensfremde, aber sehr anpassungsfähige, wirtschafts- und finanzpolitisch kompetente, dabei macht- und erfolgshungrige Hoffaktor prädestiniert. Der Herzog verlieh ihm 1736 den Titel eines „Geheimen Finanzrates“ und machte ihn zu einem seiner wichtigsten Berater; zeitweilig reichte O.s Einfluß über den Finanzsektor mit der Münz- und Steuerpolitik als Kern weit hinaus bis in die innere Verwaltung und das Justizwesen. Seine zahlreichen Feinde verbreiteten das Gerücht, er strebe eine Art Premierministerwürde an. Indessen gehörte O. nicht zum engsten Kreis der Vertrauten des Herzogs, der zuletzt einen Umsturz der württ. Stände- und Religionsverfassung plante, ohne den Hoffaktor einzuweihen. Als Karl Alexander am 12.3.1737 plötzlich starb, versuchte O., der schon vorher wiederholt vergeblich um seinen Abschied gebeten hatte, zu fliehen, wurde jedoch sofort verhaftet und in die Festung Hohenneuffen gebracht. Während des Kriminalprozesses wegen Hochverrats, Münzverschlechterung, intimer Beziehungen zu christlichen Frauen und weiterer Straftatbestände wurde O. unter extremen Haftbedingungen auf dem Hohenasperg wiederholt peinlich verhört, ehe die voreingenommenen Richter ihn offenbar einstimmig zur Hinrichtung durch den Strang verurteilten. Obschon kein orthodoxer Jude, wies O. vor seiner Hinrichtung eine Bekehrung zum christl. Glauben zurück.

In einer schweren Krise des Hzgt. Württemberg geriet O. wegen seiner Lebensweise und seiner politischen Funktion in die Rolle eines Sündenbocks. Sein abenteuerliches Leben und tragisches Ende veranlaßten schon die Zeitgenossen, den Stoff in Satiren und Pamphleten zu verarbeiten; neben verschiedenen literarischen Werken (W. Hauff, L. Feuchtwanger, P. Kornfeld u. a.) entstanden daraus auch Legenden, die im 19. und 20. Jh. nachwirkten, bis die antisemitische nationalsozialistische Propaganda das Sujet für ihre Zwecke mißbrauchte (V. Harlans Film, 1940).

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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-> Ovesiek, Rahel, Louise Henriette von Oranien-Nassau, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/louise-henriette-von-oranien-nassau/DE-2086/lido/5f2001ca6f1711.51635451 (abgerufen am 19.10.2025)

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Sekundärliteratur

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Friedrich Wilhelm I.

Inhaltsverzeichnis

1. Friedrich Wilhelm I. Der Soldatenkönig.

1. Friedrich Wilhelm I. Der Soldatenkönig. 

Er ist ein Grobian und Choleriker, ein Säufer und Vielfraß, ein Militarist und unkultivierter Geizhals. Doch zugleich ist der Preuße Friedrich Wilhelm I. ein kluger Reformer, der die Wirtschaft fördert, die Staatsfinanzen saniert, die Korruption in der Verwaltung eindämmt – und so die Grundlage schafft für den Aufstieg seines Landes zur europäischen Großmacht

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FRIEDRICH WILHELM I. in Feldherrenpose: Doch tatsächlich wird er in seiner 27 Jahre währenden Herrschaft nur einmal in einen großen Krieg ziehen

Ein unerträglicher Junge. Schlägt dem Lehrer auf den Kopf, wenn der es wagt, ihn nachsitzen zu lassen. Steigt auf einen Fenstersims des Schlosses, als wolle er sich hinabstürzen – weil die Gouvernante ihm eine Strafe angekündigt hat. Einmal droht er seinen Erziehern: „Wenn ich groß bin, werde ich ihnen allen den Kopf abhauen lassen.“ Mancher am Hofe, so heißt es, würde lieber auf einer Galeere dienen als dem Kurprinzen Friedrich Wilhelm von Hohenzollern, dem Erben Brandenburg-Preußens. Ein kräftiger Junge, auch seinen Eltern gegenüber in ständiger Opposition. Er verachtet das Prunkleben seines Vaters, des Kurfürsten (und ab 1701 Königs) Friedrich, an dessen Residenzen Festmahle, Ballette und Opern in steter Folge wechseln. Ein Schlafröckchen aus Goldstoff, das ihm Zofen überstreifen wollen, wirft er ins Kaminfeuer.

Auch die Mutter Sophie Charlotte, eine belesene Frau, fasziniert von den Ideen der Aufklärung, findet kaum Zugang zu ihm. Täglich lässt sie ihn zu sich kommen, um mit ihm staatsphilosophische Literatur zu lesen, doch der Sohn interessiert sich nur für eine Frage: Wann darf ein Fürst Krieg führen? Denn nichts begeistert ihn mehr als die Welt der Soldaten, das Stampfen ihrer Stiefel im Gleichschritt. Er schmiert sein Gesicht mit Fett ein und legt sich in die Sonne – um braun zu werden wie ein Krieger nach einem langen Feldzug. Spaziert er durch den Schlosspark, überprüft er, ob die Wachsoldaten ihre Uniformen richtig geknöpft und ihre Waffen gereinigt haben.

Als er mit neun Jahren erfährt, dass Brandenburg-Preußen wegen der verschwenderischen Hofhaltung seines Vaters hoch verschuldet ist und die Armee zeitweise verkleinern muss, ist das ein Schlag für ihn: Hat er nicht selbst bereits Offiziere darüber belehrt, dass das Militär „die Basis des Staates“ sei? Mit zehn beginnt er, Buch zu führen über sein Taschengeld – als könne er so den Staatshaushalt ausgleichen. Sparsamkeit und Pedanterie gehören zu diesem seltsamen Jungen bald genauso wie seine Launen und Wutanfälle. Schon früh reist er in die Niederlande und ist beeindruckt vom Fleiß der Kaufleute dort, die im Überseehandel ein Vermögen verdienen und doch, aus Bescheidenheit und Gottesfurcht, in schlicht ausgestatteten Häusern leben.

Friedrich Wilhelm folgt, ebenso wie seine Vorfahren, dem Calvinismus – einer besonders rigorosen Form des Protestantismus, die lehrt, dass derjenige in Gottes Gnade steht, der hart und erfolgreich arbeitet. Doch anders als der Vater nimmt der Sohn den Glauben auch in Bezug auf Bescheidenheit und Pflichterfüllung ausgesprochen ernst. Der Prinz lebt diesen Glauben, wie es für ihn typisch ist: ungestüm und gewaltsam. Faulheit hält er für eine Sünde, die er bekämpfen muss. In Berlin wird er später Untertanen verprügeln, die an Straßenecken herumlungern. Zugleich formt sich in ihm die Überzeugung, dass Gott ihn persönlich auserwählt hat zum Regenten Brandenburg-Preußens – jener weit gestreuten, nicht zusammenhängenden Gebiete zwischen Memel und Niederrhein, die man bald nur noch „Preußen“ nennt.

Tatsächlich wird das schwierige, launische Kind zu einem der bedeutendsten deutschen Herrscher heranwachsen – und zu einem der eigenwilligsten. Historiker werden ihn später häufig auf die Rolle des ganz aufs Militär fixierten Soldatenkönigs reduzieren – doch Friedrich Wilhelms Persönlichkeit ist mehrdimensionaler, schillernder, und so ist auch sein Handeln oft vielfältiger, in der Politik wie im Privaten.

In vierfacher Hinsicht wird er die deutsche Geschichte des 18. Jahrhunderts zutiefst prägen:

• als König, der radikal mit Traditionen barocken Herrschertums bricht;

• als Schöpfer einer der mächtigsten Armeen der Zeit;

• als Neuerer, der Preußen zu einem der modernsten Staaten Europas macht;

• als hartherziger Vater, dessen Grausamkeit den Charakter seines Sohnes formt – und ihm zugleich die Instrumente in die Hand gibt, Preußen zur Großmacht zu schmieden: jenem Friedrich, der als einziger deutscher König der Neuzeit den Beinamen „der Große“ tragen wird.

Friedrich Wilhelm I. ist ein Mann der Widersprüche, zerrissen von Stimmungsschwankungen: ein impulsiver Wüterich, der umsichtig Reformen einleitet; ein frommer Christ, der rücksichtslos Menschen quält. Und ein Soldatenkönig, der den Krieg scheut.

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FRIEDRICH I., der Vater des Soldatenkönigs, hat sich 1701 selbst zum preußischen Monarchen gekrönt

I. DER PRUNKVERÄCHTER

Wie Friedrich Wilhelm mit der Pracht und Verschwendung des Barock bricht

Berlin, Stadtschloss, 25. Februar 1713. Der Leichnam seines Vaters ist noch nicht erkaltet, da eilt Friedrich Wilhelm schon aus dem Sterbezimmer und lässt sich eine Aufstellung über den Hofetat des prunksüchtigen Vorgängers bringen Der neue König nimmt die Liste – und durchkreuzt sie symbolisch mit einem Federstrich. Jeder im Schloss begreift: Ein Umbruch steht bevor. In den folgenden Tagen zieht sich Friedrich Wilhelm in sein Lieblingsschloss Wusterhausen südöstlich von Berlin zurück, ein düsteres Anwesen, auf dessen Hof mehrere mit Stricken angebundene Bären wachen. Dort geht der König alle Etatposten durch und kürzt sie zusammen: Fort mit dem Chocolatier! Fort mit den Kastratensängern, den Komponisten, Cellisten – und auch mit dem Oberzeremonienmeister, der den Hohenzollern seit mehr als 30 Jahren dient! Zwei Dritteln aller Hofangestellten kündigt Friedrich Wilhelm, kürzt die Gehälter der übrigen um 75 Prozent.

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FRIEDRICH WILHELMS Ehefrau Sophie Dorothea leidet unter der Grobheit und dem Jähzorn ihres Gatten. Doch immerhin ist er ihr treu: Entgegen den Sitten der Zeit hat Preußens Herrscher keine Mätressen

Von den 24 Schlössern seines Vaters verkauft oder verpachtet er 18, lässt Luxusgüter wie Goldgeschirr und seltene Weine versteigern. Selbst die beiden Löwen aus dem königlichen Tiergehege müssen gehen; er schenkt sie einem entfernten Verwandten, dem sächsischen Kurfürsten Friedrich August, der für solch exotische Preziosen mehr Sinn hat. Binnen weniger Tage reduziert er die Staatsausgaben um mehr als eine Million Taler, das ist gut ein Drittel des Etats. Doch es geht ihm um weitaus mehr als nur ums Sparen. Dies ist eine royale Revolution: ein Bruch mit dem Lebensstil seines Vaters.

Friedrich Wilhelm verzichtet damit nicht nur auf persönlichen Luxus – daran ist ihm ohnehin nicht viel gelegen –, sondern auch auf ein etabliertes System von Ritualen, um seine Macht zur Schau zu stellen. Denn die üppigen Feste, die Europas Herrscher feiern, die gewaltigen Schlösser, die sie bauen, ihre Krönungen, Hochzeiten, selbst die Begräbnisse dienen ja vor allem einem Zweck: die Größe und Überlegenheit ihrer jeweiligen Dynastien den Untertanen und Nachbarfürsten vorzuführen. Preußens neuer König lehnt all das ab – aus Abneigung, calvinistischer Demut und Knauserigkeit. Selbst die Krönungszeremonie, für die sein Vater 1701 noch mehr als den gesamten Jahresetat ausgegeben hat, schafft er ab.

In seinen Gemächern im Berliner Schloss sind die Wände nicht mit Seidendamast bespannt, sondern mit Kalk getüncht. Statt der Seidenröcke und Kniehosen, die in Paris Mode sind, zieht er gern eine blaue Militäruniform an. Er verabscheut die üblichen langen Lockenperücken, trägt stattdessen ein schlichtes Exemplar mit Zopf. Und fast nie sieht man ihn auf Empfängen oder Konzerten – der Herrscher verbringt seine Abende lieber in einer Männerrunde, die einer Versammlung von Wirtshauszechern gleicht: dem Tabakskollegium.

Jeden Wochentag trifft sich nachmittags diese Runde, zu der die wichtigsten Mitarbeiter des Königs gehören: Der Kriegsminister ist dabei – der weltgewandte Friedrich Wilhelm von Grumbkow, der die Wutanfälle des Monarchen geduldig erträgt und ihn, sobald er sich beruhigt hat, zumindest ein wenig lenken kann. Der Generalfeldmarschall Leopold von Anhalt-Dessau, ein enger Freund und Ratgeber des Monarchen, mit dem der König eine große Militärreform plant. Häufig ist auch der Botschafter des Kaisers zu Gast, Friedrich Heinrich Graf von Seckendorff, ein hochbegabter Intrigant, der geschickt die Interessen des Wiener Hofes vertritt. Und der Schriftsteller David Fassmann, ein Verfasser spöttischer Satiren. Hinzu gesellen sich weitere Diplomaten und hohe Beamte, manchmal auch durchreisende Abenteurer, von denen sich die Runde Unterhaltung verspricht. Insgesamt versammeln sich meist rund zehn Mann. Die Gäste sitzen auf Holzbänken an einem Tisch, saugen an langen, holländischen Pfeifen.

In Deckelbechern schäumt Bier, das sie sich selbst aus einer hohen Silberkanne zapfen. Diener sind nicht anwesend, denn hier soll es so unzeremoniell wie möglich zugehen. Daher ist es auch nicht üblich, sich zu erheben, wenn der König den Raum betritt. Der Ton ist derb. Die Männer ereifern sich stundenlang über die neuesten Zeitungsberichte, prahlen mit ihren Erfolgen auf der Jagd, reißen Zoten. Manchmal gehen Gäste mit Fäusten aufeinander los; in einem Streit der Betrunkenen über theologische Fragen etwa schlägt der Autor Fassmann einem Gelehrten so heftig ins Gesicht, dass der fast auf den König fällt.

Friedrich Wilhelm heizt mit seinem sadistischen Humor die Stimmung weiter an. Fast jeden Abend verhöhnt er Jacob Paul Gundling, einen Professor und Historiker und damit Angehörigen einer Gruppe, die er „Tintenkleckser und Schmierer“ nennt. Er zwingt ihn, einen aus der Mode gekommenen Hut mit weißen Straußenfedern zu tragen, der dem entlassenen Oberzeremonienmeister gehörte. Lässt ihm Abführmittel einflößen und ihn dann die Nacht über in eine Zelle sperren. In einem Winter in Wusterhausen befiehlt er, den dicken Mann als Eisbrecher so lange an Seilen in den zugefrorenen Schlossgraben hinabzulassen, bis die Schollen bersten. Gundling erträgt die Herabwürdigungen, weil der König ihm verschiedene Ämter verleiht und eine Wohnung im Potsdamer Schloss überlässt. Doch die Demütigungen machen ihn alkoholabhängig. Als er 1731 stirbt, ordnet Friedrich Wilhelm eine letzte Veralberung an und lässt ihn trotz Protesten der Pfarrer in einem Weinfass begraben.

Das sind die Vergnügungen, die der Herrscher liebt – und andere gibt es in seiner Hauptstadt kaum noch. Berlin, bis vor Kurzem Sitz eines der prachtvollsten Höfe Europas, beginnt unter dem knauserigen Monarchen zu veröden. Die Wirtshäuser schließen auf allerhöchsten Befehl um 21 Uhr; Künstler verlassen die Stadt, da der neue Regent fast nie Aufträge vergibt. Andreas Schlüter etwa, der hochbegabte Bildhauer und Architekt am Berliner Stadtschloss, siedelt nach Sankt Petersburg über Die von seinem Vater gegründete „Societät der Wissenschaften“ verspottet der König und stellt ihr Aufgaben wie: Sie möge die Ursache des Sprudelns im Champagner erforschen. Denn Geist und Kunst zählen nichts in Friedrich Wilhelms neuem Preußen. Wer von ihm respektiert werden will, der muss Degen, Stiefel und Uniform tragen.

II. DER SOLDATENKÖNIG

Auf welche Weise der Monarch die Fundamente für die preußische Militärmacht legt

Nichts macht Preußens Herrscher mehr Freude, als seinen Kriegern beim Exerzieren zuzusehen. In den Schlössern von Berlin und Potsdam lässt er seine Privatgemächer so legen, dass er von den Fenstern aus auf die Paradeplätze blicken kann. Da steht er dann und beobachtet, wie die Infanteristen aufziehen und Offiziere in kurzem Takt ihre Kommandos brüllen. Und wenn die Soldaten so präzise marschieren, dass nur ein einziger Tritt zu hören ist oder das Feuer aus Hunderten Flinten wie ein einziger Schuss klingt, ist Friedrich Wilhelm ein glücklicher Mann.

Diese perfekt eingespielte Militärmaschinerie ist sein Werk. Mit ihr erfüllt er sich seine Träume vom Soldatenleben, befriedigt seinen fanatischen Sinn für Ordnung – und schafft sich zugleich ein Instrument für sein wichtigstes politisches Ziel: den Aufstieg seines Landes zu einer souveränen Macht, die unabhängig von anderen Staaten und dem Kaiser außenpolitisch agieren kann. Bevor er die Regierung übernommen hat, betrachteten Europas Fürsten die Hohenzollern nicht gerade voller Respekt. Zwar hatte man als Verbündeter gern ihre (zahlenmäßig starke) Armee an seiner Seite. Doch es handelte sich letztlich um eine Ansammlung von Söldnern, die fremde Herrscher für ihre Feldzüge anmieten konnten. Berlin erhielt dafür Geld – aber kaum Anteil an erobertem Land und anderer Beute. Denn es galt den Partnern nicht als ein Alliierter auf Augenhöhe.

Doch Friedrich Wilhelm will nicht mehr nur als roi mercenaire gelten, als Söldnerkönig – sondern Oberbefehlshaber einer furchterregenden Streitmacht sein. Und das möglichst schnell! Schon Wochen nach der Thronbesteigung beginnt er die Truppenstärke zu vergrößern. Er schickt Offiziere durch Dörfer und Kleinstädte, die nach kräftigen Bauernburschen und Handwerksgesellen suchen – und sie oft mit Gewalt in die Armee zwingen.

Sie halten Postkutschen an, dringen selbst in Kirchen ein und führen während des Abendmahls junge Männer ab. In Panik läuten Dorfbewohner Sturm, wenn die Rekrutierungskommandos anrücken, viele Untertanen fliehen vor der Menschenjagd ins Ausland. Besonders haben es die Werber abgesehen auf Männer von mindestens sechs Fuß Länge: 1,88 Meter. Für die derart groß gewachsenen Krieger hat der Monarch eine schwer zu erklärende Vorliebe. Wie kostbare Puppen lässt er sie sich aus ganz Europa bringen, aus Irland, Ungarn, der Ukraine. Dem russischen Zaren Peter dem Großen überlässt er 1716 das „Bernsteinzimmer“, die kostbare Innenausstattung für ein Kabinett im Berliner Schloss – und erhält dafür 55 hünenhafte Krieger.

Diese Soldaten, „Lange Kerls“ genannt, fasst Friedrich Wilhelm in seinem Leibregiment zusammen. Ihnen gegenüber ist der sonst so schroffe König außerordentlich zugewandt. Sind sie krank, schickt er zuweilen seinen Leibarzt; stirbt einer, erscheint er zur Beerdigung und gibt den Befehl zum Salutschießen am offenen Grab. Um die Krieger immer vor Augen zu haben, lässt er von einigen Porträts malen und hängt sie in den Gängen seiner Schlösser auf. Schon als Kronprinz hatte Friedrich Wilhelm auf Reformen des Militärs gedrängt und ihm unterstellte Einheiten zu Mustertruppen umgeformt. Nun will er die ganze Armee radikal erneuern.

Schluss damit, dass sich Uniformen, Waffen und Kommandoworte oft von Regiment zu Regiment unterscheiden. Der König hasst solche Unordnung und legt fest: Fortan soll jeder preußische Soldat die gleichen Bajonette und Degen nutzen, Befehlen nach einheitlichem Muster folgen. So vermeidet er Verwirrung im Manöver und auf dem Schlachtfeld – und spart zugleich Geld, denn in großer Zahl lässt sich Militärausrüstung günstiger produzieren. Bei solchen Neuerungen unterstützt ihn Leopold von Anhalt-Dessau, der Dauergast im Tabakskollegium und kampferprobte Feldherr. Leopold, ein ständig fluchender Mann, ähnelt dem König im Charakter. Schon als Jugendlicher hat er Schriften über die Kriegskunst anderer europäischer Armeen gelesen – und später im Spanischen Erbfolgekrieg für Preußen an der Seite der Niederländer gekämpft und deren hervorragend organisierte Streitmacht genau studiert.

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DER ERBE: Mit der vom Vater aufgebauten Armee formt Friedrich II. Preußen zur gefürchteten Großmacht

Mit diesem Wissen hilft er nun dem königlichen Freund. Von den Niederländern übernimmt Leopold die wichtigste Neuerung: einen unerbittlichen Drill. Immer wieder üben die Offiziere mit den Soldaten mehrere Dutzend vorgeschriebene Handgriffe, die ausgeführt werden müssen, um die Gewehre synchron abzufeuern, dann nachzuladen und wieder abzufeuern. Das Marschieren im Gleichschritt lassen die Vorgesetzten so lange trainieren, bis die Männer wie Maschinen laufen Überdies führt Leopold das Pelotonfeuern ein, Jahrzehnte zuvor von schwedischen Strategen erfunden. Dabei schießen die acht Unterabteilungen eines Bataillons, die Pelotons, beim Vorrücken unablässig – und zwar zunächst das erste Peloton ganz links, dann das achte rechts außen, darauf das zweite und das siebte weiter innen, immer so weiter, bis die Mitte erreicht ist.

Ein perfekt choreografiertes Feuerwerk – und genau die Art von Ästhetik, die den König entzückt. Wenn er zweimal im Jahr seine Armee bei den großen Heerschauen vor zahlreichen Zuschauern vorführt, kommandiert er das Pelotonfeuern oft selbst. Und lässt dann die einzelnen Abteilungen in einer Geschwindigkeit schießen, „als wären sie Klaviere, auf welchen er spielte“, wie ein Beobachter notiert. Daneben hat die neue Schießtechnik aber auch praktischen Nutzen: Die Truppen können den Feind auf diese Weise trotz einer Ladepause der Flinten von mindestens einer halben Minute ununterbrochen unter Feuer nehmen. Derart komplexe Kampfarten verstehen nur Soldaten, die ständig exerzieren. Der Monarch löst daher die alten Landmilizen auf. Denn was soll er mit diesen schlecht ausgebildeten Haufen aus Handwerkern und Bauern, die nur im Kriegsfall eingezogen werden? Nach der Abschaffung dieser Laientruppen hat Preußen ein stehendes Heer, das auch in Friedenszeiten einsatzbereit ist.

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WENN ES UM DIE »LANGEN KERLS« seiner Leibgarde geht, verliert der sonst so geizige Friedrich Wilhelm jedes Maß. Für diesen russischen Hünen und 54 Kameraden überlässt er dem Zaren das »Bernsteinzimmer«

Der König will Ruhe im Land und ist selbstkritisch genug, Missstände zu beseitigen, die er selbst geschaffen hat. 1733 beendet er die Zwangswerbungen, die immer wieder Panik bei den Untertanen ausgelöst haben – und führt stattdessen ein neuartiges Verfahren ein, das einer allgemeinen Wehrpflicht ähnelt. Er legt fest, dass im Prinzip jeder erwachsene Mann Armeedienst leisten muss. Anders als zuvor dauert die Grundausbildung fortan meist nur knapp ein Jahr; anschließend dürfen die Männer die Streitkräfte verlassen, treten als Reservisten noch zwei bis drei Monate jährlich zu Auffrischungsübungen an (tatsächlich verzichtet die Armee darauf, Pfarrerssöhne, Regierungsbeamte, Bauern mit eigenem Hof sowie alle unter 1,69 Meter einzuziehen, und so muss nur rund ein Siebtel aller Männer antreten).

Im Laufe der Jahre verdoppelt sich die ohnehin große preußische Streitkraft: von anfangs knapp 40000 auf über 80000 Soldaten. Nur die Heere Frankreichs, Russlands und Österreichs sind größer. Aus dem Hohenzollernstaat ist eine respektierte Macht geworden.

Doch Friedrich Wilhelm setzt die Kämpfer fast nie ein. Denn die Armee ist sein Kunstwerk – und das liebt er viel zu sehr, um es in einer Schlacht zu opfern. Zudem erscheinen ihm Kriege viel zu teuer. Nur einmal, ganz am Anfang seiner Regierungszeit, wagt er einen Feldzug: 1715 kämpfen seine Männer gemeinsam mit Sachsen und Dänen gegen die Schweden und erbeuten von ihnen Stralsund und Rügen. Im Friedensvertrag bekommt Friedrich Wilhelm später Stettin und den Süden Vorpommerns zugesprochen. Es ist der einzige große Kriegseinsatz seiner Armee. Die Regierungszeit des Soldatenkönigs ist für Preußen weitgehend eine Ära des Friedens. Denn die Streitmacht ist so groß, dass sie andere Fürsten davon abhält, mit ihrem Heer einfach durch preußisches Territorium zu ziehen – wie es Friedrich Wilhelms Vater noch hatte hinnehmen müssen

III. DER RASTLOSE REFORMER

Mit welchen Mitteln Friedrich Wilhelm aus dem korrupten Preußen einen effizienten Staat macht

Wenn das Militär nur des Königs einzige Sorge wäre – doch er hat ja auch noch einen Zwei-Millionen-Einwohner-Staat zu regieren. Schon beim ersten Morgenlicht lässt er sich beim Ankleiden von Sekretären die Vorlagen vortragen, bekritzelt sie in einem oft wüsten Ton. Schreibt in seinem merkwürdigen Deutsch (denn am Hof wird meist Französisch gesprochen): „Ist ein Narre, soll mir im arß lequen.“ Droht trägen Beamten: „Wofern das und das nicht geschieht, so werde ich es scharf ansehen.“ Ermahnt seine Minister: „Wir sie dafür bezahlen, dass sie arbeiten sollen.“ Dutzende Schriftstücke bearbeitet er jeden Morgen. Und überall sieht er veraltete Strukturen, schwerfällige Abläufe. Kurzum: ein von Ineffizienz gelähmtes Land. Weshalb zum Beispiel stehen an der Spitze der Finanzverwaltung zwei Ämter, die auch noch ständig im Streit miteinander liegen? 1723 schafft er sie ab und gründet als neue oberste Behörde das Generaldirektorium, das sich um die Erhebung der Steuern, Post und Verkehr, die Erträge der königlichen Güter, aber auch um Kriegsproviant und die Verwaltung des Salzmonopols kümmert.

Da er den Schlendrian unter seinem Vater noch ungut in Erinnerung hat, schreibt er den Ministern des Generaldirektoriums ihre Bürostunden penibel vor: Jeden Morgen müssen sie um sieben Uhr zu Beratungen zusammentreten (im Winter um acht). Wer eine Stunde zu spät kommt, zahlt 100 Dukaten Strafe. Fehlt jemand zweimal, wird er aus dem Amt entlassen.

Und weil auch ein rastloser Mann wie Friedrich Wilhelm nicht alles selbst überwachen kann, erlässt er eine weitere Regel: Die Minister müssen ihre Beschlüsse stets gemeinsam fassen. Der Verantwortliche für den Kriegsproviant entscheidet so bei Fragen des Postwesens mit – und umgekehrt. Auf diese Weise will der Monarch sicherstellen, dass sich die Staatsbediensteten gegenseitig kontrollieren, und darüber hinaus Intrigen und Bestechlichkeit verhindern. Korrupte Amtsleute straft er hart: In Königsberg lässt er einen Kriegsrat, der Geld unterschlagen hat, vor dessen Arbeitszimmer aufhängen.

Auch durch solche Exempel zieht sich Friedrich Wilhelm eine Generation von Beamten heran, wie es sie kaum irgendwo in Europa gibt: loyal, gewissenhaft, diszipliniert. Die Posten in der Zentralverwaltung besetzt er bevorzugt mit Bürgerlichen (die er anschließend in den Adelsstand erhebt). Denn Aristokraten mit ihren seit Jahrhunderten bestehenden Sonderrechten stehen seiner Idee vom Staat entgegen: dem Absolutismus – also der Auffassung, dass ein Fürst in seinem Reich uneingeschränkt über alle Gruppen der Gesellschaft herrscht. Systematisch beginnt er, die Privilegien des Adels zu beseitigen. Besonders stört ihn der oft noch aus dem Mittelalter stammende Lehnsbesitz (die Vorfahren der Aristokraten hatten einst von Königen Land erhalten und sich dafür verpflichtet, den jeweiligen Herrscher bei einem Krieg mit Rittern und Pferden zu unterstützen); Steuern zahlt der Adel dafür nicht, was der König ändern will.

Sein Ziel ist es, die Lehen in besteuerbaren Grundbesitz umzuwandeln. Zwar würden die Güter damit zum Eigentum der Noblen, über das sie frei verfügen könnten, dennoch wehren sich die dagegen, Steuern zu zahlen. Ein jahrelanges Ringen zwischen König und Aristokraten beginnt. Einige Adelige aus dem Magdeburgischen verklagen ihren Landesfürsten gar in Wien beim Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, zu dem große Teile Brandenburg-Preußens gehören. Der Habsburger mahnt Friedrich Wilhelm daraufhin ab – was den impulsiven König sehr in Rage bringt: Er schimpft, er werde vom Kaiser behandelt, als wäre er „ein Fürst von Zipfel-Zerbst“ – und verfolgt seinen Plan erbittert weiter, lässt etwa die Steuer in einigen Gebieten mit Gewalt eintreiben.

Doch wegen des Widerstands und des komplizierten Lehnsrechts, das sich von Provinz zu Provinz unterscheidet, braucht es noch viele Jahre, bis der Großteil des Adels in Preußen auf seinen Grundbesitz Steuern zahlt. Dank der neu geordneten Finanzverwaltung, dem effizienteren Eintreiben der Abgaben und einer gleichmäßigeren Verteilung der Steuerlasten auf die Untertanen verdoppelt Friedrich Wilhelm die Einnahmen seines Staates auf rund sieben Millionen Taler jährlich. Zugleich drosselt der Sparkurs bei der Hofhaltung die Ausgaben. Damit kann er sich sein großes Heer leisten

Preußen soll zu einem Ort der Tüchtigen werden. Der König treibt daher reiche Untertanen an, Geschäfte zu gründen. Einen Berliner Bankier beauftragt er etwa, eine Textilfabrik zu eröffnen, um Uniformen für die rasant wachsende Armee herzustellen. Diese Manufaktur blüht rasch auf; schon bald arbeiten 5000 Menschen für die Firma. Überdies lässt Friedrich Wilhelm Sümpfe trockenlegen, verwandelt sie in Weiden und Äcker für Bauern. Fehlt es in einem Gebiet an Arbeitskräften, lädt der König Einwanderer nach Preußen ein. So siedelt er 20000 evangelische Bergbauern, die der Erzbischof von Salzburg aus seinem Land vertrieben hat, in den entlegenen Grenzgebieten Ostpreußens an, die seit der großen Pestkatastrophe von 1709 verödet sind (siehe Seite 74). Als am 30. April 1732 die erste Kolonne der Bergbauern Berlin erreicht, steht der Monarch persönlich am Leipziger Tor und begrüßt seine neuen Untertanen. Anschließend lädt die Königin sie ein, in ihrem Schloss zu speisen. An diesem Tag zeigt der Herrscher den Fremden ein freundliches Gesicht. Es ist ein seltener Anblick.

IV. DER GRAUSAME VATER

Wie der König mit rücksichtsloser Gewalt den Charakter seines Sohnes formt

Wer täglich mit Friedrich Wilhelm zu tun hat, der erlebt einen jähzornigen, zuweilen geradezu tollwütigen Mann. Nichtigkeiten genügen, und der König schießt aus zwei mit Salz geladenen Pistolen auf Diener. Mit dem Bambusrohr, das er häufig bei sich trägt, prügelt er selbst auf hohe Richter ein. Und nach einem heftigen Wortwechsel mit seiner Tochter Wilhelmine, dem ältesten seiner zehn überlebenden Kinder, geht er mit einem Messer auf sie los Doch niemanden quält er so perfide und ausdauernd wie seinen Sohn Friedrich, den Kronprinzen. Denn dieser Junge ist ganz anders als er: fällt zuweilen vom Pferd, fürchtet sich bei Kanonendonner, schreibt Gedichte, liest Romane, spielt Flöte – und macht Schulden, um Noten und Bücher zu kaufen.

Eine Provokation für den Vater. 1728 wütet er in einem Brief an den 16-Jährigen, „dass ich keinen effeminierten Kerl leiden kann, der keine männlichen Inklinationen hat, nicht reiten noch schießen kann, seine Haare wie ein Narr sich frisieret und in nichts meinen Willen tut“. Fast täglich brüllt ihn der Vater an, ohrfeigt ihn: Es reicht, dass der Junge lateinische Deklinationen übt, die Friedrich Wilhelm für nutzlos hält. Eine Bibliothek mit fast 4000 meist französischen Büchern, die Friedrich mit Hilfe seines Hauslehrers heimlich aufgebaut hat, lässt der König verkaufen, als er sie entdeckt. Findet er bei dem Jungen eine Flöte, wirft er sie ins Kaminfeuer.

Je mehr der Herrscher spürt, dass sein Sohn ihm entgleitet, desto brutaler werden die Misshandlungen. Er verprügelt ihn bald auch in der Öffentlichkeit mit dem Stock, vor Offizieren und Dienern – und gibt ihm zu verstehen: Er selbst hätte sich erschossen, wenn sein Vater ihn je so behandelt hätte; aber Friedrich, so höhnt er, habe ja nicht einmal dazu den Mut. Als der Kronprinz 18 Jahre alt ist, eröffnet sich ihm ein Ausweg aus der unerträglichen Gewalt: eine Hochzeit. Seine Mutter, Königin Sophie Dorothea, will ihn und seine Schwester Wilhelmine mit Verwandten aus dem britischen Königshaus vermählen. Nach der Eheschließung soll Friedrich eine Zeit lang in England leben, weit weg vom Vater.

Doch der Plan scheitert: Der Kaiser in Wien meint, dass die Doppelhochzeit England und Preußen zu eng aneinanderbinde. Und da Friedrich Wilhelm mit dem Habsburger nicht brechen will und zudem den Einfluss des englischen Hofes auf seine Herrschaft fürchtet, werden beide Vermählungen abgesagt. Der Kronprinz, der so sehr auf Freiheit gehofft hatte, ist verzweifelt und fasst einen wahnwitzigen Plan: Er will fliehen, nach England, Frankreich – egal wohin, nur fort.

Wochenlang bereitet er die Flucht vor. Dabei unterstützt ihn der Leutnant Hans Hermann von Katte, dem er in großer Zuneigung verbunden ist – die beiden gehen miteinander um, „wie ein Liebhaber mit seiner Geliebten“, wird sich ein Vertrauter des Königs erinnern. Als guter Termin für ihr Vorhaben erscheint den zwei Männern eine Reise des Herrschers nach Süddeutschland, bei der Friedrich den Vater begleiten soll. Von dort erreicht man schnell den Rhein – und damit die französische Grenze.

Doch die beiden verhalten sich so unvorsichtig, dass der König längst misstrauisch geworden ist und Friedrich ununterbrochen überwachen lässt. Zudem wird eine Reiseerlaubnis für Katte überraschend widerrufen, er muss bei seinem Regiment in Berlin bleiben. Friedrich aber will seinen Plan nicht aufgeben. In der Nacht zum 5. August 1730 logiert die königliche Reisegesellschaft nahe Mannheim in einer Scheune, so wie es den rustikalen Gewohnheiten des Monarchen entspricht.

Um drei Uhr morgens verlässt der Kronprinz das Quartier, bekleidet mit einem roten Reiserock. Er ist erst wenige Schritte gegangen, als ein preußischer Oberstleutnant, den wahrscheinlich ein Diener alarmiert hat, auf ihn zutritt und in ein Gespräch verwickelt. Kurz darauf treten weitere Offiziere hinzu. Friedrich ist umstellt Der König könnte diesen Ausbruchsversuch leicht vertuschen. Aber er fühlt sich nun wohl endgültig in seiner Einschätzung des vermeintlich nichtsnutzigen Sohns bestätigt – und wirft ihm Desertion vor: ein Verbrechen, das meist mit dem Tod bestraft wird.

Friedrich Wilhelm lässt den Sohn in einer plombierten Kutsche in die Festungsstadt Küstrin an der Oder bringen. Wächter sperren ihn in einen Kerker, der nur von einem Talglicht erhellt wird. Der Monarch setzt eine Untersuchungskommission ein, die den Thronfolger verhört. Mitte September legt sie ihm eine Liste mit 185 Fragen vor – die schärfsten und bedrohlichsten hat der Herrscher selbst formuliert: Was für eine Strafe er, Friedrich, verdiene? Ob er noch würdig sei, einmal Landesherr zu werden? Ob er sein Leben geschenkt haben wolle oder nicht? Der Kronprinz begreift wahrscheinlich erst jetzt, wie gefährlich seine Lage ist. Er antwortet ausweichend.

Auf die Frage, ob er den Thron noch verdient habe, erklärt er: Er könne nicht sein eigener Richter sein. Ob er sein Leben geschenkt wolle? Er unterwerfe sich dem Willen des Königs. Danach lässt er zu Protokoll geben, dass er erkenne, „ganz und gar und in allen Stücken Unrecht zu haben“ – er bitte um Vergebung, und der Vater könne mit ihm machen, was er wolle. Doch Friedrich Wilhelm zerreißt das Protokoll und setzt ein Kriegsgericht ein, das über Friedrich, von Katte und weitere Unterstützer der Flucht verhandeln soll. Die Richter erklären, sie könnten über den Kronprinzen nicht urteilen – das sei eine „Staats- und Familiensache“. Katte soll lebenslang in Festungshaft. Der Monarch fordert daraufhin eine Verschärfung, die die Richter aber ablehnen. Einen Tag später hebt der König daher das Urteil auf und erklärt, Katte sei zu enthaupten – vor dem Fenster von Friedrichs Zelle in Küstrin.

Am 6. November 1730 um sieben Uhr morgens führen Wachen Katte zur Richtstätte, wo ein Sandhügel aufgeschüttet ist. Der Kronprinz steht am Fenster, die zwei Männer rufen sich Abschiedsworte auf Französisch zu. „Mein lieber Katte, bitte vergeben Sie mir“, schreit Friedrich. „Der Tod ist süß, wenn man für einen solch liebenswerten Prinzen stirbt“, antwortet Katte. Dann legt er Perücke, Hemd und Halstuch ab, kniet sich in den Sand. Als der Scharfrichter mit einem Schlag den Kopf vom Körper abtrennt, sinkt der Kronprinz am Fenster in Ohnmacht. Nach diesem Vorfall lebt Friedrich Wilhelm noch knapp zehn Jahre. Doch seine langen Arbeitstage, das viele Rauchen und Trinken im Tabakskollegium schwächen seine Gesundheit mehr und mehr. Er hat Gicht und Ödeme, erleidet Schlaganfälle. Mehrmals denkt er über eine Abdankung nach.

Kronprinz Friedrich wird zwei Wochen nach der Exekution Kattes aus der Haft entlassen, nachdem er zuvor einen Eid schwören musste, künftig „blindlings den väterlichen Willen zu befolgen“ – andernfalls, so droht Friedrich Wilhelm, werde er die Thronfolge oder gar sein Leben verlieren. Friedrich muss weiter in Küstrin bleiben und dort in einer Provinzialbehörde des Generaldirektoriums mitarbeiten. Er solle dadurch, so wünscht es sich der Vater, zur Besinnung kommen und die Details der Finanzverwaltung kennenlernen.

Der Kronprinz steht unter ständiger Aufsicht von drei Hofbeamten, darf die Stadt nicht verlassen und weder Musik hören noch spielen. Der Tod seines Freundes hat ihn psychisch schwer verwundet, er wird sich für den Rest seines Lebens mit Zynismus und Härte panzern. Friedrich hält sich an den Eid und unterwirft sich dem unerbittlichen Vater. So stimmt er zu, 1733 eine vom König ausgewählte Prinzessin zu heiraten, obwohl er sie für „eine stumme Hässlichkeit“ hält. (Bald nach seiner Thronbesteigung wird er sie in ein Schloss am Rande Berlins verbannen und den Kontakt zu ihr fast völlig abbrechen.)

Da er Reue zeigt – oder zumindest überzeugend vorspielt –, nähern sich Vater und Sohn wieder an. Als der König, schon schwerkrank, im Mai 1740 von Dienern im Rollstuhl auf den Vorplatz des Potsdamer Schlosses geschoben wird, trifft dort kurz darauf auch der Kronprinz ein. Die beiden umarmen sich weinend. Dann ziehen sie sich zu einem langen Gespräch zurück, in dem der Monarch seinem Sohn unter anderem rät, „den Frieden so lange als möglich zu erhalten“.

Drei Tage später stirbt Friedrich Wilhelm I. mit nur 51 Jahren. 27 Jahre lang hat der unerträgliche Junge geherrscht und sein Land zu einer respektierten Macht unter den Fürsten Europas gemacht. Mehr als anderthalb Jahrhunderte lang wird Preußen nun die Geschicke des Kontinents mitbestimmen, mit der von Friedrich Wilhelm geschaffenen gewaltigen Armee, doch auch durch die Tugenden, die er geprägt hat und die bald als typisch preußisch gelten: Disziplin, Arbeitseifer, Effizienz, Gehorsam.

Den letzten Wunsch des Soldatenkönigs aber wird sein Nachfolger ignorieren. Nur gut sechs Monate nach seiner Regierungsübernahme führt der junge Monarch die Armee in einen großen Krieg, den Friedrich Wilhelm immer vermieden hat: Im Dezember 1740 marschiert er mit seinen Truppen in das benachbarte Schlesien, um Österreichs neuer Herrscherin Maria Theresia diese strategisch wichtige Provinz abzunehmen. Vor allem aber giert Friedrich nach Ruhm. Für sein Heldentum ist er ohne Zögern bereit, den mühsam aufgebauten Staat aufs Spiel zu setzen. Geradezu todessehnsüchtig reitet er immer wieder selbst in den Kugelhagel.

Und er herrscht, als wollte er ein Gegenbild seines Vorgängers und Peinigers sein: als selbst erklärter Philosophenkönig, der Frömmigkeit verachtet; als Künstler und Schöngeist, der dichtet und 121 Flötensonaten komponiert. Die Männer der vom Soldatenkönig so gehegten und geschonten Armee opfert er zu Zehntausenden auf den Schlachtfeldern, im Kampf gegen Österreich, Russland, Sachsen, Frankreich. Und in diesen jahrelangen Kriegen wird Friedrich, genannt „der Große“, Preußen zu einer europäischen Großmacht erheben – mit rücksichtsloser Entschlossenheit und mitunter unverschämtem Glück. Auf jenem Fundament, das ihm der verhasste Vater zuvor bereitet hat.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Fischer, Oliver: Friedrich Wilhelm I. Der Soldatenkönig, in: Deutschland um 1800 (GEO Epoche Jg. 2016, Heft Nr. 79), Hamburg 2016.

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Friedrich II. (Preußen)

Inhaltsverzeichnis

  1. Friedrich der Große: Feldherr und Philosoph
  2. Preußenkönig Friedrich der Große. Der erste Untertan
  3. Friedrich II. („der Große“) von Preußen, „General-Principia vom Kriege“, (1748/1753) (Quelle)
  4. Friedrich II. („der Große“) am Vorabend der Schlacht bei Leuthen (28. November und 3. Dezember 1757) (Quelle)

1. Friedrich der Große: Feldherr und Philosoph

Er ist der Sohn des »Soldatenkönigs«, aber dessen Drill will sich Friedrich nicht fügen. Der Kronprinz fürchtet sich vor Geschützlärm, will Künstler sein und Philosoph. Doch dann wendet eine grausame Strafe des Vaters das zarte Gemüt des Hohenzollern. Kaum hat er den Thron 1740 bestiegen, zieht Friedrich II. in den Kampf – »um zu siegen oder zu sterben«. Rücksichtslos schmiedet er Preußen in vier Angriffskriegen zur Großmacht. Er baut die Residenz Potsdam aus und Berlin zur Metropole, fördert Handel und Gewerbe. Und bleibt dennoch Schöngeist: Selbstverliebt korrespondiert er mit Frankreichs Aufklärern, schreibt Gedichte, Flötensonaten und Arien. Doch das wahre Genie Friedrichs des Großen liegt in einer anderen Begabung: in der Maskerade, der Kunst, sich zu verstellen

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Verrückt“ nennt ihn der Franzosenkönig Ludwig XV. Ein „Monstrum“, raunt die österreichische Erzherzogin Maria Theresia. „Alles zitterte bei seinem Anblicke“, schreibt ein Adjutant nach Friedrichs Tod. Ein Naturereignis – kurz: ein Genie. Das Genie, so definiert die berühmte „Enzyklopädie“, herausgegeben von den französischen Aufklärern Denis Diderot und Jean Le Rond d’Alembert, Friedrichs langjährigem Brieffreund, ist „wie Blitze in einer langen Nacht“. Es ist eigensinnig und unberechenbar, schert sich nicht um Etikette und Konventionen: „Die Regeln und Gesetze des Geschmacks würden dem Genie Fesseln anlegen; es sprengt sie, um zum Erhabenen, zum Ergreifenden, zum Großen zu fliegen.“

Auch Friedrich II. von Preußen, genannt der Große, will, so scheint es, partout solch eine schöne, freie Seele sein – ein Traumtänzer auf dem kargen Boden Brandenburgs. „Genie“ ist der letzte Schrei, das neue Tier im Bestiarium der Zeit. Erst im 18. Jahrhundert hat le génie von Frankreich her die deutsche Sprache erobert – und die deutsche Kultur. Noch zu Friedrichs Lebzeiten ersetzen die Dichter der „Empfindsamkeit“ die starren Regeln der Poetik durch heißes Gefühl. Feiert der „Sturm und Drang“ den rohen, ungehemmten Ausdruck des Künstlers. Rührt Goethes junger Werther ein Massenpublikum zu Tränen, beginnen selbst Kirchenmänner, ihre Predigten mit Weinen und Schluchzen zu würzen, um Leidenschaft zu zeigen.

„Geniezeit“ heißt die Epoche, die jetzt mit Macht heraufdämmert: „Wie schwatzen und wie schreiben sie / Nach jedem zehnten Wort, auf jedem dritten Blatt / Nur immer vom Genie!“, beschwert sich 1771 der entnervte Poet Friedrich Gottlieb Klopstock. Und es ist, als mühe sich auch Preußens König, Freund alles Französischen, sich so genialisch wie nur möglich zu benehmen. Leidenschaftlich markiert er den Künstler, und kunstvoll spielt er die Leidenschaft. Lange bevor die Romantik erfunden wird, gibt er den romantischen Helden, der sich über Vernunft und Schicklichkeit erhebt. Und mehr als 100 Jahre vor Kaiser Wilhelm II. wird er zum Urbild all jener mörderischen Schwärmer, welche die deutsche Geschichte noch heimsuchen werden.

DIE MONARCHIE als schöne Kunst: Unter tollkühnem Einsatz seines Lebens stürzt er sich in vier Angriffskriege, verbringt elf Jahre im Feld. Er verachtet die Frauen, die Menschheit, das Leben – und komponiert 121 Flötensonaten, vier Flötenkonzerte, dazu eine Hand voll Arien für die Oper. Dichtet, wie der Schriftsteller und Philosoph Voltaire nicht ganz ohne Spott staunt, an die 500 Verse in acht Tagen. Und all das „pour la gloire“, wie der Monarch in seinem geliebten Französisch bekennt, für Ruhm und Gloria. Doch ist es ein Wunder, dass dem jungen Friedrich, der am 24. Januar 1712 in den Schraubstock einer preußischcalvinistischen Familie hineingeboren wird, die Kunst als der einzige Ausweg erscheint? Sein Vater, der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm, ist ein praktischer Mann, der den Sohn statt toter Sprachen und Sagen des Altertums lieber Mathematik, Ökonomie und Geographie pauken lässt. Ein plumper Kerl, dem vier kräftige Männer den gichtsiechen Leib aufs Pferd hieven müssen. Ein Militarist, der in Friedenszeiten 80 Prozent des Staatshaushalts für die Armee ausgibt, der sich mit 2400 „Langen Kerls“ umkränzt, die er für teures Geld nach Größe einkauft: Einmal zahlt Friedrich Wilhelm 9000 Taler, das dreifache Jahresgehalt eines Ministers, für einen 2,16 Meter langen Iren. Er vergnügt sich damit, seine Lieblinge auf mannshohe Kartons zu malen, und am liebsten möchte er sie züchten.

„Das schönste Mädchen“, sagt er, „wäre mir gleichgültig. Aber Soldaten, das ist meine Schwäche.“

Friedrich Wilhelm ist ein Spartaner, der peinliche Sauberkeit hält und seinen Leib jeden Morgen mit kaltem Brunnenwasser schrubbt. Ein Wüterich, der seine Umgebung mit Fäusten, Füßen, Stöcken und Pistolen traktiert, die er mit Salz geladen hat – gleichgültig, ob es sich um Lakaien, seine Kinder oder den britischen Gesandten handelt. Ein Sadist, der seinen Hofnarren Jacob Paul von Gundling zusammen mit einem Bären einschließen, im Winter in Eiswasser tauchen und schließlich in einem Weinfass beerdigen lässt.

Ein Pedant, der seinen Beamtenapparat mit von ihm selbst in einem Zug diktierten Dienstvorschriften in 35 Kapiteln und 297 Paragrafen an der Kandare hält. Ein Patriarch, der müßige Untertanen mit dem Stock zur Arbeit treibt und, wenn sie ihn fliehen, anherrscht: „Lieben sollt ihr mich, ihr Kanaillen, lieben!“ Vierschrötig und ungeschlacht ist er – wie Preußen, jenes raue, formlose Land, das aus weiten Sandflächen besteht, aus endlosen Morästen und Wäldern. Getrennt durch Sprachbarrieren, zerrissen von Grenzen: ein „Königreich der Flicken und Fetzen“, vom Rhein bis zur Memel über die Landkarte verstreut, in dessen Teilen die Menschen Deutsch, Polnisch oder Litauisch sprechen. Es ist eine neugeborene, mittlere Macht, eingeklemmt zwischen der Großmacht Österreich und Schweden, das seine Hegemonie im Ostseeraum zu verteidigen versucht.

Preußens Hauptstadt Berlin im brandenburgischen Kernland ist schlecht gepflastert, schmutzig und von Kloaken durchzogen, geplagt von den Stechmückenschwärmen der umliegenden Seen und den Staubwolken aus der märkischen Heide. Hier herrscht, wie auch Friedrich dereinst feststellen wird, „eine etwas wilde Lebensart“. Eine Lebensart, wie sein Vater sie pflegt. Der liebt Sauhatz und Bier, Tabak und Zoten mehr als die Feinheiten der Zivilisation. Als Friedrich Wilhelm 1713 den Thron des noch jungen Königreichs bestieg, hat er umgehend Kammerjunker und Pagen entlassen, hat die Hofkapelle aufgelöst, die kostbaren Weine aus dem Schlosskeller verkauft, Tafelgeschirr, Möbel und Kronleuchter versteigert. Seinen Sohn will er nicht nur zur Vaterliebe zurichten, sondern zu seinem Ebenbild meißeln. Friedrich ist bereits der dritte Versuch: Zwei Prinzen sind schon kurz nach der Geburt gestorben.

Den zarten Kleinen, der sich vor jedem Geschützlärm fürchtet, drängt er zum Spiel mit Zinnsoldaten, Pistolen und Spielzeugkanonen. Er setzt ihm zwei Offiziere als Erzieher vor, verordnet ihm ein Kasernenregime im Jagdschloss Wusterhausen: Fürs Frühstück sind sieben Minuten vorgesehen. Friedrich aber verdrückt sich ins Schöne, in Tanz und Musik, in ein Leben als Poem. Statt mit kaltem Wasser pflegt er sich mit Puder und Parfum, und während der Vater Hirsche hetzt, flötet er auf einer Lichtung den Vögeln vor. Benommen vor Schönheit, kehrt er von einem Ausflug zum Dresdner Hof des Kurfürsten August des Starken zurück, von den Balletten, den Festen, den Bühnenstücken, den Ahnungen galanter Spiele – „Denke nicht an die Eitelkeit“, mahnt ihn Friedrich Wilhelm, „sondern halte dich an das Reelle.“ Und wirft Bücher, Flöten und Geschriebenes in den Kamin. Friedrich leidet Qualen unter dem „grausamen Hass“ des Vaters. Und der König verzweifelt an diesem „Querpfeifer und Poeten“, diesem „effeminierten Kerl“, der „sich schämt, nicht reiten noch schießen kann, seine Haare wie ein Narr sich frisieret und nicht verschneidet“.

Er prügelt und würgt ihn, schickt noch den Spott hinterher: „Wenn mein Vater mich so behandelt hätte, so hätte ich mich längst umgebracht. Aber du hast keinen Mut und bist ein bloßer Schurke.“

MIT 18 JAHREN denkt Friedrich erstmals an Flucht („Sage nun selbst“, fragt er seine Schwester, „ob mir ein anderes Mittel übrig bleibt?“) – nach Frankreich vielleicht. Oder nach Großbritannien, wo seine Mutter, immerhin eine Schwester König Georgs II., bereits eine Prinzessin als Braut für ihn ausgesucht hat. Nach ihrem Plan soll auch Friedrichs Schwester Wilhelmine die preußischbritischen Familienbande verstärken und den englischen Thronfolger heiraten. Im Sommer 1730, auf einer Reise im Gefolge des Königs an süd- und westdeutsche Höfe, scheint die Gelegenheit günstig. Friedrich weiht seinen Freund, den Leutnant Hans Hermann von Katte, in seine Pläne ein, bestellt seinen Pagen für den 5. August um drei Uhr nachts mit zwei Pferden vor sein Quartier, eine Scheune im badischen Dörfchen Steinsfurt. Doch als er in seinem neuen roten Reiserock auf die Straße tritt, umringt ihn eine Hand voll Offiziere und verhindert die Flucht. Der König hat von den Plänen erfahren; er glaubt an eine britische Verschwörung gegen sein Leben. Der Prinz steht unter Arrest und fährt einige Tage später in einer plombierten Kalesche in die schroffe Festung Küstrin.

Fast sieht es aus, als hätte der sentimentale Prinz sich sein Scheitern gewünscht. Es war von Anfang an ein Vabanquespiel, das nicht zu gewinnen war, ein Drama mit eingebauter Tragik. Hinter doppelt verschlossener Kerkertür und bei einem kleinen Talglicht, das um sieben Uhr abends gelöscht wird, wartet Friedrich monatelang auf das Verdikt: Auf Desertion, wie der König die Eskapade des Prinzen bewertet, steht der Tod. Den Mitwisser Katte verurteilt ein Kriegsgericht zu lebenslanger Festungshaft. Majestät aber reicht das Urteil nicht aus. „Das Kriechgericht“, dekretiert er in herrschaftlicher Orthographie, solle „wieder zusammenkommen und ein anderes sprechen“: Todesstrafe. Aus Rücksicht auf die Familie solle der Fluchthelfer nicht „mit glühenden Zangen zerrissen und aufgehängt“, sondern nur „mit dem Schwert vom Leben zum Tode gebracht“ werden.

Am Morgen des 6. November wird der Kronprinz um fünf Uhr morgens geweckt: In zwei Stunden soll er Kattes Tod mit ansehen, auf dass, so der König, die „Exekution ihm das Herz rühren und weich machen“ möge. Als der Freund in brauner Sträflingskutte an die Richtstätte tritt, wirft Friedrich ihm noch eine Kusshand zu: „Mon cher Katte“, ruft er, „ich bitte Sie tausendmal um Vergebung.“ Katte spricht noch ein Gebet, „welches noch nicht aus war“, wie ein anwesender Major berichtet, „so flog der Kopf weg“. Friedrich aber sinkt, noch bevor das Schwert saust, ohnmächtig zusammen.

Der Tod des Freundes macht Friedrich zum lebensmüden Kämpfer

„Nach solcher Exekution“, vermerkt ein Militärgeistlicher, „hat der Kronprinz die Augen beständig auf den Körper gerichtet, bis nach Mittags, und dessen Einlegung in den Sarg mit observiert.“

Den Prinzen selbst begnadigt der König zu verschärftem Stumpfsinn. Seine Erzieher werden angewiesen, ihn keine Minute mehr allein zu lassen, darauf zu achten, dass er außer seinem Vater „an keinen Menschen in der Welt“ Briefe scheibt, „keine andere Sprache als Deutsch“ spricht, weder unerlaubte Bücher liest noch Musik hört oder spielt. Und tatsächlich: Friedrich spielt fortan die Unterwerfung, geht mit Begeisterung zur Jagd, trinkt Bier an Stelle des geschätzten Weins, beteuert seine Liebe zur Uniform. Bei einem Besuch des Vaters fällt er dreimal vor dem König auf die Knie, küsst ihm die Stiefel. Friedrich Wilhelm bleibt überzeugt, dass „nichts Gutes“ an seinem Sohn ist – „aber seine Zunge ist gut, da fehlet nichts daran“.

Es gibt Historiker, die in den Heucheleien des Kronprinzen nur Notwehr gegen väterlichen Zwang sehen. Doch vielleicht ist hier auch schon Kunstwollen im Spiel – die Liebe zur Maskerade, die Friedrichs unterdrückte Sehnsucht nach Genie jetzt stillen soll. Später wird er sich in verräterischer Wortwahl mit einem „Dorfschauspieler“ vergleichen, der durch die Welt zieht, um seine „blutigen Tragödien aufzuführen“. Jedenfalls ist „die Kunst, seine Gedanken zu verbergen, auch Verstellung genannt“, wie er sagt, „für jeden Mann unerlässlich, der bedeutende Dinge vollbringen will“.

SO WIRD ER zum Virtuosen der Illusion. Zeit seines Lebens wird sein Rollenspiel Freund und Feind verwirren, wird er kalt Fronten und Freunde wechseln, wird er Verbündete verraten, wenn sie zu siegreich sind – gleich zweimal lässt er die Franzosen im Stich. Nicht einmal auf seine Augenfarbe kann man sich verlassen: Es gibt Biografen, die seine „dunkelblauen Strahlenaugen“ beschreiben; andere sprechen von „graublauen Augen“ oder von „Augen mehr schwarz als braun“, wieder andere von „blauen Augen, bald dunkler, bald heller“. Als der Vater ihm eine schlichte, wenig reizvolle Nichte des österreichischen Erzherzogs und deutschen Kaisers Karl VI. zur Frau aussucht und damit die preußisch-englischen Heiratspläne der Mutter zunichte macht – „nicht hässlich, auch nicht schön“, so beschreibt der König die Braut, aber „ein gottesfürchtiger Mensch“ –, schwört der Kronprinz „blinden Gehorsam“. Dem Ersten Minister des Königs schreibt er jedoch, er werde die Prinzessin „verstoßen, sobald ich der Herr bin“, droht gar mit Selbstmord. Und tritt dann doch am 12. Juni 1733 mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern vor den Altar.

Dass die Ehe jemals vollzogen wird, ist nicht sehr wahrscheinlich. Das väterliche Drängen nach einem Thronfolger weist Friedrich zurück: „Ich kann mit meiner Frau nicht aus Leidenschaft zu Bett gehen.“ Leidenschaft sei gar nicht nötig, erklärt ihm sein Mentor, der Graf Ernst von Manteuffel: Er müsse es nur machen wie die Bauern, die regelmäßig bei ihren Frauen lägen. Doch Friedrich glaubt, nicht zum Vater zu taugen: Eine Operation nach einer Geschlechtskrankheit habe ihn einst, so fürchtet er, impotent gemacht. „Königreiche finden immer Nachfolger“, sagt er jetzt – und bestimmt, um alle Erwartungen für immer auszuräumen, seinen jüngeren Bruder August Wilhelm zum „Prinzen von Preußen“. Dafür dichtet er ohne Unterlass – obwohl er weder das Deutsche noch das Französische vollkommen beherrscht. Doch seine Erlebnislyrik liegt enger am Zeitgeist, als er wohl denkt: Zwar wird er die deutschen Dichter seiner Epoche, die Klopstock, Herder, Lessing und Wieland, zeitlebens mit Missachtung strafen, wird er Shakespeares Dramen als „absonderliche Verirrungen“ tadeln und Goethes „Götz“ als „abscheuliche Nachahmung dieser schlechten englischen Stücke“.

Doch im Bestreben, „sein eigenes Empfinden, sein Sinnen und Trachten, den inneren Menschen zum Gegenstand der Poesie zu machen“, ist er den Poeten seiner Zeit, wie sein Biograf Reinhold Koser urteilt, „entschieden voraus“. Die Fiktion ist ihm längst zur zweiten Natur geworden. Während er heimlich den Tod seines Vaters ersehnt, der sich mit Gicht, Koliken, geschwollenen Beinen und Atemnot durch seine Tage quält, ergeht er sich öffentlich in zärtlichen Elogen: „Ich hätte nie geglaubt, dass ich ihn so lieb habe.“ Gleichzeitig schreibt er an einen Jugendfreund: „Ich muss ihn als meinen schlimmsten Feind betrachten.“ Seiner Schwester prophezeit er, „dass ich bei seinen Lebzeiten keine guten Tage haben werde“.

Drei Tage vor Friedrich Wilhelms Tod liegt er dann in den Armen des Vaters und nimmt tränenreichen Abschied von dem nicht einmal 52-jährigen Monarchen. Am 31. Mai 1740 stirbt Friedrich Wilhelm. Preußens neuer König heißt: Friedrich II. Und dessen Abscheu vor dem „Sterbekittel“, wie der Kronprinz die Uniform einst genannt hat, hält nicht lange vor. Es ist, als habe er nun eine Paraderolle gefunden, die sein ersehntes Genie noch besser zur Geltung bringt – den Part des wagemutigen Streiters. Schon einige Jahre vor dem Tod des Vaters hat er sich für die Staatsgeschäfte zu interessieren begonnen und sich bald „kriegerische Taten“ gewünscht, die der Soldatenkönig tunlichst vermieden hat – denn für Friedrich Wilhelm war die Armee ein kostbares Instrument, das man pflegt, nicht aber im Feld einsetzt.

Für den Sohn dagegen ist sie ein Requisit zum Heldenspiel. In einer Schrift hat der Kronprinz 1739 den Ruhm des Fürsten beschworen, „der mit Gewandtheit, Klugheit und Tapferkeit seine Staaten vor Invasionen schützt“ – auch durch einen Angriffskrieg. So rückt Friedrichs Armee schon im Jahr seiner Thronbesteigung in Schlesien ein: in jenes verlockend reiche Land, das den österreichischen Habsburgern gehört. Für den Friedrich-Biografen George P. Gooch gehört dieser Handstreich „zu den sensationellsten Verbrechen der Geschichte der Neuzeit“. Für Friedrich aber ist er das „kühnste, schnellste und größte Vorhaben“, das „jemals ein Fürst aus meinem Hause unternommen hat“, kurz: „das schönste Spiel der Welt“.

DENN GELEGENHEIT MACHT nicht nur Diebe, sondern auch Helden. Am 20. Oktober 1740 ist in Wien Kaiser Karl VI. gestorben – mit ihm endete die männliche Linie der Habsburger. Europa hadert nun über die Erbfolge im Hause Österreich: Ist die 23-jährige Prinzessin Maria Theresia die rechtmäßige Regentin – oder hat Albrecht von Bayern das Vorrecht, der Ehemann einer Tochter von Karls Vorgänger Joseph I.?

König Ludwig XV. von Frankreich unterstützt den Münchner Kurfürsten. Friedrich aber wartet nicht ab. Das finanziell und militärisch zerrüttete Wien kann den 90 000 preußischen Soldaten höchstens 80 000 Mann entgegenstellen, meist fern von Schlesien stationiert – und so eilt Friedrich ohne Skrupel zum „Rendezvous des Ruhms“, um Schlesien den Österreichern abzunehmen. Zwar ist der Krieg im 18. Jahrhundert selbstverständlicher Bestandteil der Politik. Zwar werden Thronfolgen regelmäßig auf dem Schlachtfeld geklärt, werden Länder ohne Skrupel geteilt und getauscht. Zwar hat Friedrich bei seinem Außenminister eine Rechtfertigungsschrift bestellt, die seinen Anspruch auf Schlesien mit windigen Argumenten stützen soll – „die Arbeit eines trefflichen Scharlatans“, wie der König lobt. Doch nicht Habgier oder Staatsräson sind es, die den 28-jährigen Preußenkönig zum Einmarsch drängen, sondern die Triebkräfte des Genies: „meine Jugend, die Glut der Leidenschaft, die Begierde nach Ruhm“.

Entweder, so Friedrich, Schlesien bleibt mein, oder es mag alles untergehen

Es ist der Wille zum Melodram, der ihn befeuert. Die Sehnsucht nach Ausnahmezuständen. Ununterbrochen steht er jetzt auf der Bühne, gibt den Heldentenor, kämpft, wie er selbst formuliert, um „das Vertrauen des Publikums“. Höchstpersönlich führt er die Truppen ins Gefecht. Die nüchterne Kriegswissenschaft der Ingenieure und Landvermesser lehnt Friedrich, der Militär- Romantiker, ab. Dafür bringt er immer wieder den Sieg in Gefahr, „weil er nicht kaltblütig genug“ ist, wie sein Adjutant Georg Heinrich von Berenhorst findet, und stattdessen „die Einbildungskraft eines Poeten“ ins Treffen führt.

Schon in der Schlacht gegen die Österreicher bei Mollwitz, am 10. April 1741, reitet Friedrich ohne Rücksicht auf sein Leben mitten ins Getümmel, weicht erst auf Drängen eines Feldmarschalls vom Schlachtfeld, entgeht nur knapp der Gefangennahme. Mehr als zehnmal wird ihm sein Pferd unter dem Leib weggeschossen, direkt neben ihm fallen seine Leute, dann wieder prallt eine Kugel an seiner Tabaksdose ab. Bei Torgau trifft ihn eine Musketenkugel am Brustbein – doch die dicke Winterkleidung dämpft den Aufprall. Als Friedrich aus der Ohnmacht erwacht, sagt er heldenhaft: „Es ist nichts.“ Immer wieder hält er den königlichen Leib in die Schusslinie feindlicher Kugeln: „Ich bin nicht hier, um ihnen aus dem Wege zu gehen“, belehrt er seine Offiziere.

Ein Vierteljahrtausend später wird der Psychoanalytiker Ernst Lürßen Friedrichs Kamikaze-Dramen als remakes jenes Traumas deuten, das ihm der Konflikt mit dem Vater beschert hat: Sein „provokantes Risikoverhalten“ sei der Versuch, die Bedrohung „in der Inszenierung des eigenen Schicksals immer neu zu wiederholen“. Und so ist er nicht mehr nur Schauspieler, sondern sogar Regisseur seines Lebens. Im Bündnis mit anderen beutegierigen Mächten, mit Frankreich, Bayern und Spanien, zwingt er Österreich, ihm Schlesien zu überlassen. Im Juni 1742, nach einer siegreichen Schlacht, schließt er mit Maria Theresia den Frieden von Breslau – einen Frieden, den er „heilig“ und „unverbrüchlich“ nennt.

Doch schon zwei Jahre später, als Wien gerade militärisch im Elsass beschäftigt ist, besetzt er, um Habsburgs Machtzuwachs und einer möglichen Rückeroberung Schlesiens vorzubeugen, im Handstreich das schutzlose Böhmen. In einem Leben, das ein Kunstwerk sein soll, geht es schließlich um alles oder nichts. Friedrich malt sich Götterdämmerungen aus, grandiose Zusammenbrüche. Immer wieder kündigt er an, „lieber in Ehren untergehen“ zu wollen, „als für mein ganzes Leben Ruhm und Reputation zu verlieren“. Weder sich selbst noch seine Soldaten wolle er schonen, „um zu siegen oder zu sterben“. Entweder Schlesien bleibt sein – „oder es mag alles zugrunde gehen“.

Zunächst kann Preußen seine Beute halten, trotz Nachschubproblemen, trotz feindseliger Bauern, die ihr Getreide vergraben und mit ihrem Vieh in die Wälder fliehen. Doch die österreichischen Truppen kehren in Eilmärschen vom Rhein zurück, zermürben die Aggressoren mit Ausweich- und Hinhaltestrategien, zwingen sie zum Rückzug über regendurchweichte Straßen. Rund 17 000 Soldaten – ein Viertel der meist aus ausländischen Söldnern zusammengerauften Preußenarmee – tauchen in den böhmischen Dörfern unter oder laufen zum Feind über. Es ist eine der größten Desertionen der Kriegsgeschichte. Und schon schlagen sich Großbritannien, Russland und Sachsen auf die Seite Habsburgs. „Kein General beging mehr Fehler in diesem Feldzug als der König“, wird Friedrich später selbstkritisch in der dritten Person resümieren. Doch ist nicht eben das, gemäß der „Enzyklopädie“, die Qualität des Genies? „Es erstaunt“, heißt es dort, „noch durch seine Fehler.“

Und so schlägt sich auch das Schicksal 1745 auf Friedrichs Seite. Der österreichische Feldmarschall, wird nach Italien abberufen – und dessen Nachfolger kann Friedrich in drei Schlachten bezwingen. „Ich bin in der Suppe gewest bis über die Ohren“, schreibt er hinterher seinem Kammerdiener nach Berlin: „Siehst du wohl, mir tut keine Kugel was.“ Am 25. Dezember 1745 erklärt Maria Theresia im Frieden von Dresden zum zweiten Mal den Verzicht auf Schlesien. Im Gegenzug erkennt Preußen ihren Gatten Franz I. als rechtmäßigen deutschen Kaiser an. Drei Tage später kehrt Friedrich siegreich nach Berlin zurück. Erstmals hört er die Rufe, die seinen neuen Beinamen verkünden: „Es lebe Friedrich der Große!“ Sieht die Aufschriften auf den Häusern: „Vivat Fridericus Magnus!“

DABEI IST ER NUR von mittlerer Statur, etwa 1,65 Meter groß; der Rücken ist krumm, der Kopf schief vom vielen Flötenspiel. „Er neigt ziemlich zum Starkwerden“, notiert ein französischer Diplomat, „und obwohl er sehr schlecht auf den Beinen ist, die dick und hässlich sind, ist sein Gang nicht ganz ohne Anmut.“ Doch nach den Schlesischen Kriegen ist er ein Großer. Und in seinem neuen Sommerschloss Sanssouci errichtet er sich einen „Tempel großer Männer“.

Es ist ein Olymp der Künste. Keine Architektur der Gewalt, keine einschüchternden Magistralen, keine ausladenden Innenhöfe wie in Versailles oder Schönbrunn bezwingen den Anblick – alles ist Heiterkeit, Spiel, arkadischer Hain. Der einstöckige, zierliche, kuppelgekrönte Bau ist umkränzt von Rebstöcken, Feigen- und Orangenbäumen, von marmornen Nymphen und Göttinnen. An der Südseite geht der Blick vom Terrassenhang mit seinen 132 Stufen über die Stadt Potsdam und den Lauf der Havel. Die Säle erstrahlen von den Gemälden Rubens’, van Dycks und Correggios, von galanten Rokoko-Reigen, von den luftigen Sinnestäuschungen Antoine Watteaus, des größten Illusionisten seiner Zeit. Französischer Mode folgend, spielt der Monarch diskret mit dem Aroma der Homosexualität: Gleich vor den Fenstern seiner Bibliothek lässt er die Statue des „Betenden Knaben“ aus Rhodos aufstellen, die den Lustknaben des Kaisers Hadrian darstellen soll – eine unmissverständliche Anspielung.

Denn sein Leben lang sieht sich Friedrich im Kampf gegen Frauen. Maria Theresia, Zarin Elisabeth und die Marquise de Pompadour, die mächtige Mätresse des französischen Königs: „Die drei Erzhuren Europas“ nennt er sie. Nur seine Schwester Wilhelmine nimmt er aus – sie gehört für ihn „nicht zu diesem Geschlecht“. Seinen Offizieren rät er von der Ehe ab, untersagt sie ihnen sogar bisweilen. Frauen haben in Sanssouci keinen Zutritt. Ein „Kloster“ nennt es Friedrichs Schwester Wilhelmine. Nicht einmal des Königs Gattin darf den Musenhain betreten: „Glücklich, wer einmal dort sein könnte“, seufzt sie vergebens. In Sanssouci führt Friedrich das Leben, das er erträumt. Um vier Uhr morgens steht er auf, im Winter auch um fünf; nimmt eine Tasse Kaffee mit Senf, erledigt die Staatsgeschäfte – und widmet sich nach dem Frühstück der Kunst und dem schönen Gespräch.

Hier teilt er den Alltag mit seinen Gästen, seinem Sekretär, seinen Vorlesern und nicht zuletzt seinem Kammerdiener Michael Gabriel Fredersdorf, dem er in rührendem Deutsch wahre Liebesbriefe schreibt: „Wohr [wenn] heute Mittag die Sone Scheint, so werde ich ausreiten. Kome doch am fenster, ich wolte Dihr gerne sehen!“ Die Tafelrunden parlieren im ewigen Lächeln der Kunst, unter gemalten Nymphen, Satyrn, Amouretten – und den spöttischen Augen des großen Voltaire. Schon 1736 hat sich Friedrich erstmals schriftlich und ehrerbietig an den „ingeniösen Schöpfer“ gewandt. Voltaire huldigte zurück. Mehr als 500 Briefe folgten, voll mit Versen, Schmeicheleien: „Monseigneur, der Gedanke an Sie erfüllt mich Tag und Nacht“, schreibt Voltaire. „Ich träume von meinem Prinzen, wie man von seiner Geliebten träumt.“

Es sind geistreiche Flirts, Koketterien, Werbungen, die da zwischen Preußen und Frankreich hin- und herfliegen: „Sie sind Philosoph, ich bin es auch“, schreibt Friedrich. „Was ist natürlicher und selbstverständlicher, als dass zwei Philosophen miteinander leben?“ Und wieder Täuschungen, wieder Maskerade: Einem französischen Bischof spielt der König einen kompromittierenden Brief Voltaires in die Hände – mit dem Ziel, „einen Bruch zwischen Voltaire und Frankreich herbeizuführen, so dass ihm nichts zu tun übrig bleibt, als zu uns zu kommen“. Doch der Plan scheitert. Erst nach dem Tod seiner Geliebten ist der Dichter zum Umzug bereit. Friedrich ernennt Voltaire zu seinem Kammerherrn.

Das Zusammenleben der beiden Philosophen steht unter schlechten Zeichen. Voltaire, der Literat, möchte am liebsten Politiker sein – eine Rolle, die ihm in Frankreich Hof und Kirche verwehren. Friedrich aber, der König, möchte ja als Künstler gelten: Er gedenke keineswegs, lässt er den Franzosen wissen, mit ihm über Fragen des Staates zu sprechen. „Ich meine, es wäre schicklicher, mit Ihnen über Poesie zu plaudern.“

Voltaire hat eigentlich vorgehabt, sich für immer an Friedrichs Hof niederzulassen – er bleibt keine drei Jahre. Er korrigiert des Königs Verse, erhält den Orden Pour le Mérite – und fühlt sich doch einsam, missachtet und zum Höfling degradiert. Wenn der König „mein Freund“ sage, schreibt er seiner Nichte, so meine er damit: „mein Sklave“. Die Sehnsucht des Gastes nach Einfluss führt ihn schließlich zur Intrige. Voltaire beginnt einen Kleinkrieg mit Friedrichs Protegé Pierre-Louis Maupertuis, dem Präsidenten der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Er lanciert Gerüchte über den Größenwahn seines Landsmanns, der seinerseits ein riskantes Bonmot des Literaten kolportiert: „Wird er denn nie müde, mir seine schmutzige Wäsche zum Waschen zu schicken“, soll Voltaire angesichts der königlichen Gedichte einmal ausgerufen haben.

Voltaire lässt eine Satire auf Maupertuis drucken – die einzige Schrift, die Friedrich in seiner Regierungszeit öffentlich vom Henker verbrennen lässt. Der König ist gekränkt: Voltaires Werke seien zwar Denkmäler wert – „Ihr Verhalten verdient jedoch, dass man Sie in Ketten legt“.

Die Disziplin der Preußen wird den Armeen Europas zum Vorbild

So weit kommt es nicht. Im Frühjahr 1753 verlässt Voltaire den Hof, nimmt noch Gedichte des Königs mit, die, wie Friedrich fürchtet, ihn kompromittieren könnten: Vorsichtshalber lässt er den Freund in Frankfurt verhaften und zur Herausgabe der Schriften zwingen. Doch ihr Leben lang werden die beiden Schöngeister nicht voneinander lassen können, werden einander beschimpfen und sich mit süßen Worten versöhnen: „Sie sind das verführerischste Wesen, das ich kenne“, lobhudelt der König.

„Sire, großer Mann, der Sie mich bilden, der Sie mich trösten“, psalmodiert der Literat. Eine fruchtbare Beziehung, zu der es keine Frauen braucht.

WIE FRIEDRICHS SCHLOSS ist ja auch sein Staat ein Männerreich, dominiert von einer Armee, die er mit der fanatischen Unbedingtheit des Genies modelliert. War das Heer bei seiner Thronbesteigung 76 000 Mann stark, wird es zu seinem Tod mit 190 000 Soldaten die drittgrößte Streitmacht Europas sein – hinter Österreich und Russland. Und ein Wunder an Disziplin: Stundenlang müssen die Krieger in pfeilgeraden Reihen marschieren, müssen schnelle Bewegungen aus dem Effeff ausführen und dabei die blauweiße Uniform fleckenlos sauber halten.

Selbst im Krieg marschieren sie „so nach der Schnur“, wie ein feindlicher Offizier schwärmt, „als ob es auf dem Paradeplatz wäre“. Jedes Haar, das am falschen Platz liegt, ist eine Tracht Prügel wert; und so abstrakt, so ästhetisch, so sprichwörtlich ist die Disziplin der Preußen, dass sie den Armeen Europas zum Vorbild wird: „Beinahe alle wollen so werden wie die Friedrichs“, sagt bewundernd ein österreichischer Heerführer. Auf Murren und Widerstand gegen Vorgesetzte, verfügt der König, steht die Todesstrafe – denn „die geringste Lockerung der Disziplin würde zur Verwilderung führen“. Unmissverständlich macht er klar, dass „der gemeine Soldat vor dem Offizier mehr Furcht als vor dem Feinde“ haben soll.

Desertion ist das Kapitalverbrechen Nummer eins in dieser Soldatenwelt. Um sie zu verhindern, dürfen Lager nicht in der Nähe von Wäldern aufgeschlagen werden, sind Nachtmärsche zu meiden, gehen Soldaten nur in Gruppen zum Wasserholen. Dennoch wagen immer wieder Verzweifelte die Flucht, verkleiden sich als Handwerker, Schiffer oder Frauen, verstecken sich in Tonnen und Fässern – trotz der barbarischen Strafen, die im Fall der Entdeckung drohen: Tod oder das gefürchtete Spießrutenlaufen.

„Da mussten wir zusehen“, wird der Schweizer Zwangssöldner Ulrich Bräker erzählen, „wie man sie durch zweihundert Mann achtmal die lange Gasse auf und ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken, wie sie des folgenden Tags aufs neue dran mussten, die Kleider vom zerhackten Rücken heruntergerissen, und wie frisch wieder drauflos gehauen wurde, bis die Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen.“

RIGOROS IST DER KÖNIG, ein Unbedingter in einer Welt der Kompromisse, der Diplomatie. Nach dem Schlachten in Schlesien sieht er zwar ein, „dass der Krieg ein in mancher Hinsicht sehr unnützes Blutvergießen war“, dass „Preußen durch eine Kette von Siegen nichts weiter erreicht hatte als die Bestätigung des Besitzes von Schlesien“ und dass der bittere Triumph schließlich „acht Millionen Taler“ kostete.

Doch Kriege sind ja keine Geschäfte, sondern „Träumereien“, wie Friedrich seine Annexionspläne nennt, Werke der Fantasie, L’art pour l’art. „Wer hätte gedacht“, frohlockt er, „dass die Vorsehung einen Poeten ausersehen hätte, um das politische System Europas umzustürzen und die Berechnungen seiner Könige vollständig auf den Kopf zu stellen?“ Drei Jahre nach Voltaires Abschied, im August 1756, fällt Friedrich in Sachsen ein und beginnt damit den Siebenjährigen Krieg. Die Schuldfrage wird Historiker noch lange beschäftigen. Preußens König rechtfertigt seinen Angriff als Präventivschlag gegen den drückenden Ring, den Europas Großmächte um sein kriegerisches Land zu bilden im Begriff sind. Noch vor seinem Einfall in Sachsen beteuert er, „unschuldig an diesem Krieg“ zu sein – dabei hat er vier Jahre zuvor bereits mit der „Abrundung“ seiner Staatsgrenzen durch sächsisches Territorium geliebäugelt.

Und schon 1749 hat er angesichts der Rüstungsanstrengungen der verbündeten Russen und Österreicher mit dem Säbel gerasselt: Wenn jetzt auch noch Großbritannien dem Bündnis beitrete, sei „der Krieg unvermeidlich“. Um diese „furchterregende Liga“ zu verhindern, schließt Friedrich ein Defensivabkommen mit dem englischen König – und treibt damit die bislang mit ihm verbündeten Franzosen in die Arme Habsburgs: Im Mai 1756 unterzeichnen Wien und Paris ein Neutralitätsbündnis, das im folgenden Jahr zu einem Offensivbündnis umgewandelt wird. Das nun ist tatsächlich eine Gefahr für Preußen und die Umkehr des europäischen Kräftefelds. Im Sommer 1756 glaubt Friedrich, dass „allein das Schwert diesen gordischen Knoten durchhauen kann“. Zwar bietet er nur 200 000 preußische Soldaten auf gegen mehr als 400 000 Feinde. Doch schon der erste Sieg gegen österreichische Truppen bei Lobositz ist ein strahlender Triumph für Friedrich.

„Die frische Angriffslust der preußischen Infanterie“, die „in starr ausgerichteten Linien, Mann neben Mann, im Gleichschritt und mit Trommelschlag“ vormarschierte und nach einer Reihe von Salven mit gesenkten Bajonetten vorwärts stürmte, „war und blieb das eigentliche Geheimnis ihres Erfolgs“, wie ein konservativer Friedrich-Biograf 200 Jahre später bilanzieren wird.

Für Friedrichs Männer ist das Schlachten freilich die Hölle. „Wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern Köpfen hinweg“, berichtet der Schweizer Zwangssoldat Bräker, „fuhren bald vor, bald hinter uns in die Erde – bald mitten ein und spickten uns die Leute weg, als wenn’s Strohhalme wären. Da mussten wir über Hügel von Toten und Verwundeten hinstolpern. Preußen und Panduren lagen überall durcheinander; und wo sich einer von diesen letzten noch regte, wurde er mit dem Kolbe vor den Kopf geschlagen, oder ihm ein Bajonett durch den Leib gestoßen.“ Nach nur sechs Wochen kapitulieren die Sachsen bei Pirna. Doch in den ersten Monaten des Jahres 1757 schmiedet die österreichische Diplomatie eine große Koalition gegen den Aggressor, der sogar Schweden beitritt. Jetzt ist Friedrich wirklich umstellt. Er wählt die Flucht nach vorn, wühlt sich im Mai tief ins böhmische Kernland, steht bald vor Prag.

DER 6. MAI 1757 ist ein strahlender Tag, der Himmel klar – und der König stürzt sich in die Schlacht wie in einen Ritterroman. Bald schlägt eine Kugel dicht neben ihm in die Erde, mähen die Salven der Österreicher ganze Reihen seiner Infanterie nieder, wird sein General Hans Karl von Winterfeldt am Hals getroffen, reißt ein Kartätschengeschoss dem Feldmarschall Kurt Christoph Graf von Schwerin den halben Kopf weg: „Das ist weiter nichts“, sagt der König nonchalant, „eine Folge seines Eigensinns.“ Und drängt zur Attacke: „Marsch, marsch!“ Gegen Mittag gelingt es den Preußen, die österreichische Hauptstellung von der rechten Flanke her aufzurollen. Die Luft ist dick und schwarz von Staub und Pulverdampf. Und mitten im Artilleriefeuer der König; sein Pferd tänzelt im Kugelregen zwischen aufstiebenden Erdfontänen. Friedrich hält das Fernrohr ans Auge und, so berichten Beobachter, amüsiert sich glänzend. Als die Österreicher gegen 15 Uhr geschlagen abziehen, haben sie fast 14 000 Mann verloren, die Preußen 14 287. „Es hat nie eine berühmtere und blutigere Schlacht gegeben“, wird Friedrich sich noch im Alter mit stolzem Schauder erinnern.

Doch sein Kriegsglück bleibt wechselhaft. Im Juni wird sein Heer geschlagen, zum Jahresende siegt es. Im August des folgenden Jahres trifft er bei Zorndorf auf die Russen. Noch am Vorabend schreibt er wie besessen Gedichte: „Da ich nicht trinken mag, zerstreut mich nur das Versemachen, und solange diese Ablenkung währt, spüre ich mein Unglück nicht“. Die Schlacht, ein neunstündiges Gemetzel an einem glühenden Augusttag, ist die grausamste aller Schlachten des Siebenjährigen Krieges. Preußen und Russen steigern sich in einen Blutrausch, gehen mit Flintenkolben, Säbeln und bisweilen wohl sogar mit blanken Zähnen aufeinander los.

Preußen verliert 12 800 Mann, die Russen 18 000. Friedrich sieht dem Schlachten abwesend zu, wie durch einen Nebel; er scheint das Grauen nicht zu spüren. Er verharrt nur kurz, als er den feierlichen Marsch einer vorbeiziehenden Regimentskapelle hört: „Was ist das“, fragt er einen General. Der Offizier nennt ihm den Namen des Liedes, und Friedrich wiederholt ihn, voll Rührung: „Ich bin ja, Herr, in deiner Macht!“

UND TATSÄCHLICH IST ES bisweilen so, als führe Friedrich diesen Krieg nicht gegen die Feinde Preußens, sondern gegen die eigenen düsteren Triebe, seinen lebenslangen Flirt mit dem Grab.

Der Tod der Zarin rettet Friedrichs Herrschaft – und Preußens Existenz

Faire la culbute , „Purzelbaum schlagen“, ist sein Kosename für den Selbstmord – der doch in der preußischen Armee als überaus schändliches Vergehen gilt. Mit seiner Schwester Wilhelmine tauscht er Briefe voll schwärmerischer Todessehnsucht. „Einen Schauspieler, der auf der Bühne bleibt, wenn er nichts mehr zu sagen hat“, schreibt er, den „pfeift man aus.“ In einer Schlacht, so wird berichtet, ruft er laut aus: „Gibt es denn heute keine verwünschte Kugel für mich?“ Um den Hals trägt Friedrich stets eine kleine goldene Dose mit 18 Opiumpillen – für einen Abgang in eigener Regie: „Hier, mein Freund“, sagt er seinem Vorleser Henri de Catt, „ist alles, was man braucht, um dem Trauerspiel ein Ende zu machen.“

Doch die Tragödie hat er selbst ersonnen – und fasst sie entschlossen in Reime. „Mein Freund, mit mir ist’s aus, der Würfel fiel“, dichtet er an Voltaire, „Zum Sterben müde steh’ ich schon am Ziel.“ Oder: „Ich bin einem schäumenden Eber gleich / Der sich wütend wehrt in dem wilden Bereich /Der stürmenden, fletschenden, tollkühnen Meute.“

Ohne Umschweife strebt die Handlung dem letzten Akt zu: „Ich schwöre Ihnen“, schreibt er seinem Etatminister, „dass man nicht mehr aufs Spiel setzen kann, als ich es tue.“ Am 12. August 1759 scheint das Spiel endgültig verloren. Bei Kunersdorf erleben die Preußen eine verheerende Niederlage, die Friedrich 19 000 Mann kostet. Die Sonne brennt vom Himmel, doch weder die Glut, Durst und Müdigkeit seiner Soldaten noch die Mahnungen seiner Generäle können den König vom Angriff abhalten.

Nach der Schlacht tobt ein Gewitter über den Leichenbergen, aber kein gnädiger Regen vertreibt den Staub, den Pulverdampf und die Hitze des Tages. Blitze tauchen Tote, Verwundete und Überlebende in grelles Licht. „Mein Rock ist von Schüssen durchlöchert“, schreibt der Monarch an seinen Etatminister, „zwei meiner Pferde sind getötet; mein Unglück ist, dass ich noch lebe.“ Doch die Sieger können sich nicht über das weitere Vorgehen einigen. So ziehen die Russen nach der Schlacht südwärts ab, statt in einer zweiten Bataille den Krieg endgültig für sich zu entscheiden. Friedrich gewinnt Zeit, kann seine versprengten Truppen sammeln – und schwärmt vom „Mirakel des Hauses Brandenburg“.

Fortan schleppt der Krieg sich schwerfällig dahin. Wie Landstreicher streifen die Soldaten durch Sachsen und Schlesien, schlagen Lager auf, weichen aus, warten ab, harren aus. Im Winter 1759/60 sterben Tausende am Frost im „Eislager“ bei Wilsdruff in Sachsen; andere überleben, indem sie in den Zelten übereinander liegen oder sich in der Asche der Wachtfeuer wälzen. 1761 erobern die Russen Kolberg in Hinterpommern – und eine der wichtigsten Bastionen in Oberschlesien fällt. Die mit Berlin verbündeten Briten stellen die Hilfszahlungen ein, Preußens Kräfte sind erschöpft. Das Ende scheint wieder einmal nah.

Da stirbt am 5. Januar 1762 die Zarin Elisabeth. Ihr Neffe und Thronfolger Peter III., ein glühender, wenn auch geistig labiler Verehrer Friedrichs, schließt umgehend Frieden mit Preußen – der auch dann nicht wankt, als dessen Frau Katharina den Thron besteigt und Peter ermorden lässt. Als im Jahr darauf auch Frankreich das Kriegsbündnis verlässt, sieht Österreichs Maria Theresia keine Hoffnung auf Sieg. Am 15. Februar 1763 beendet der Friede von Hubertusburg den Siebenjährigen Krieg.

PREUSSEN IST JETZT in den Kreis der Großmächte aufgestiegen. Doch der Krieg hat zwischen 300 000 und 400 000 Mann getötet, hat Städte verwüstet, Dörfer in Schutt und Asche gelegt. Und auch der König ist nicht mehr der, der er vorher war. Er ist „halb lahm vor Gicht“, leidet an Koliken, Hämorrhoiden und faulenden Zähnen.

Im Regen kehrt er in das mit Triumphbögen, Ehrenpforten und Transparenten geschmückte Berlin zurück, „grau, von Kummer zerfressen, von Krankheit heimgesucht, mit einem Wort, reif für den Schindanger“. Siegesfeiern meidet er, und seine Gattin begrüßt er nach sieben Jahren Trennung nur mit den Worten: „Madame sind korpulenter geworden.“ Mit Anfang 50 ist er schon der „Alte Fritz“, den die Legende kennt. Überall in den Häusern seiner Untertanen hängt sein Porträt: der hängende Mund, die blauen Augen, der Krückstock, die Kanonenstiefel und der dreieckige Hut.

Er lässt die Magazine mit Waffen und Proviant auffüllen, bringt die Armee allmählich wieder auf mehr als 190 000 Mann. Und am westlichen Ende des Schlossparks von Sanssouci lässt er das plump proportionierte Neue Palais bauen, das nichts Apollinisch-Verspieltes mehr hat, sondern nur noch eines ist: eine Festung der Macht. Seiner Umgebung bringt er nun nichts als Misstrauen, Spott und Sarkasmus entgegen. „Hat dieser Heros“, schreibt Maria Theresia an ihren Sohn, „einen einzigen Freund? Muss er nicht aller Welt misstrauen? Welch ein Leben ist das noch, wenn die Menschlichkeit daraus verbannt ist!“

Friedrich traktiert Diener und Beamte mit Flüchen und Stockschlägen, verzärtelt dafür seine Windhunde, die er zum Schlafen mit ins Bett nimmt, mit Kalbsbraten füttert, in sechsspännigen Kutschen spazieren fahren und schließlich in kleinen Särgen bestatten lässt. Seine Minister arbeiten, wie sein Kabinettsrat Anastasius Ludwig Mencken später verraten wird, „nie ohne Ängstlichkeit“. Wenn der König die Zeit zwischen Neujahr und seinem Geburtstag am 24. Januar im Berliner Stadtschloss verbringt, erstarrt die sonst heitere Gesellschaft in Furcht vor dem kränkelnden, reizbaren Monarchen. Seine Mittagsmahlzeiten nimmt Friedrich mit ausgewählten Gästen ein, die er mit rauen Tischmanieren und endlosen Monologen traktiert, bis sie befangen schweigen – oder sich in den Schlaf flüchten. Bei den seltenen Diners mit der Königin besteht er darauf, sich nicht mit ihr unterhalten zu müssen.

DOCH MUSS NICHT das Geniale, folgt man der „Enzyklopädie“, „manchmal nachlässig sein“? Ist nicht „ein unregelmäßiges, schroffes, wildes Aussehen“ sein Markenzeichen? Inmitten preußischer Manneszucht und preußischer Tugenden gibt der König jetzt den schlampigen Musensohn. Der österreichische Gesandte berichtet von Friedrichs „Nachlässigkeit in der Kleidung, die bis zur Unsauberkeit geht“.

Ständig trägt er seinen abgenutzten alten Rock, seine gelbe Weste, seine wirre Perücke mit dem langen Zopf. Tagein, tagaus krönt seinen Schädel ein alter Hut mit ergrauten Federn. Die Hose ist mit Flicken übersät; seine weiten, schmutzigen Stiefel, in denen er zuweilen zu Bett geht, dürfen nicht gewichst werden: „Sehe ich nicht“, fragt er seinen Vorleser Henri de Catt, „ein bisschen wie ein Schwein aus?“ Er verzichtet auf die höfische Etikette, verspottet „die unnützen, lachhaften Zeremonien“, „all die Scherereien königlicher Hoffart“. Kirchliche Feiertage ignoriert er, lehnt selbst für sein Begräbnis alle Förmlichkeiten ab, die für gekrönte Häupter in Europa üblich sind: Man solle ihn „still nach Sanssouci bringen und in meinem Garten begraben lassen“.

Die Menschheit ist in seinen Augen dumm, verächtlich, tückisch. Über seine Untertanen macht er sich keine Illusionen. Da von zehn Millionen Menschen „kaum 1000 Personen gebildet sind“, schreibt er dem Aufklärer d’Alembert, sei es „verlorene Mühe, die Menschheit aufklären zu wollen“. Also muss er sich um alles und jedes höchstselbst kümmern. Um die Lieferung von Mauersteinen und Luchsbälgen; um die Einstellung von Pfarrern und während der Schonzeit zu schießende Hirsche; um die Unart von Dienstmägden, welche „die besten Lumpen zu Zunder verbrennen, um Feuer zu machen“.

Persönlich mischt er sich in Zivilprozesse ein, lässt schon mal Richter verhaften, einen Regierungspräsidenten und einen Großkanzler entlassen, um einem vermeintlich bedrängten Wassermüller zu seinem Recht zu verhelfen. Und es ist vielleicht die Allmachtsfantasie eines Künstlers, die ihn treibt, sich auch um Dinge zu kümmern, von denen er nichts versteht. Denn der Künstler träumt seine eigene Welt, setzt sich kühn über Realitäten hinweg. Schon während des Siebenjährigen Krieges hat ein britischer Sondergesandter, der Friedrichs Feldzüge begleitete, dessen „Mangel an Bereitschaft“ bemerkt, „Nachrichten irgendwelchen Glauben zu schenken, die nicht mit seinen Einbildungen übereinstimmen“. Sein Charakter sei es, die Wirklichkeit stets seinem Willen zu unterwerfen.

Jetzt soll auch die Ökonomie den Träumen des Herrschers folgen. Schon sein Vater hat den Staat zum Unternehmer gemacht, hat mit dem „Königlichen Lagerhaus“ die größte Tuchmanufaktur Europas ins Leben gerufen. Jetzt soll die „Königliche Porzellan- Manufaktur“ das Land im Devisen verschlingenden Luxussektor autark machen – und wird vom Staat mit Kräften gefördert (siehe Seite 60). Seine Hochrüstung finanziert Friedrich zum Ende des Siebenjährigen Krieges mit gestreckten Silbermünzen – und nimmt dafür Teuerung, Bankrotte und Massenelend in Kauf. Doch seine merkantilistische Staatswirtschaft, die den Import mit Schutzzöllen drosselt und den eigenen Wohlstand vorzugsweise durch Schädigung der Nachbarn zu mehren sucht, erstickt auf lange Sicht Gewerbe und Handel: „eine verfehlte Politik von so flagranter Art“, wie ein britischer Reisender notiert, „dass man meinen möchte, seine Talente beschränkten sich allein auf die eines Kriegers“.

Friedrich selbst fehlt die Einsicht: Den Geheimen Finanzrat Erhard Ursinus, der Kritik an der königlichen Zwangsökonomie äußert, schickt er für dessen „impertinente Relation“ zur Festungshaft nach Spandau. „Die genialen Menschen“, lehrt ja die „Enzyklopädie“, sind „eher dazu geschaffen, Staaten umzustürzen oder zu gründen, als sie aufrechtzuerhalten“.

AUCH BEIM WIEDERAUFBAU des Landes legt der König selbst Hand an. Er reist durch das Land mit Fragebögen und Statistiken, vernimmt und überprüft Beamte, gibt den Bauern Ratschläge gegen Viehseuchen: „Braucht nur fein fleißig Steinsalz!“ Er verpflichtet Bauern zum Kartoffelanbau, fördert die Kleesaat, die Haltung des Merinoschafs. Streng ruft er Kammerpräsidenten zur Ordnung, wenn der Deichbau an der Oder zu „schläfrig betrieben wird“ oder die kurmärkischen Bauern die Winterabende „mit Faulenzen zubringen“, anstatt sie mit Spinnen und Weben zu nutzen. Er lässt das Oderbruch zwischen Lebus und Oderberg trockenlegen, lässt Anbauflächen in den Warthe- und Netzeniederungen urbar machen, lässt 900 Kolonistendörfer gründen.

Alles will der Monarch selbst regeln, nichts überlässt er seinen Untergebenen

Denn Preußen braucht Menschen – und selbst der „aufgeklärte“ Absolutismus sieht seine Untertanen vor allem als Nutzmasse, als „Population“. Friedrich gelingt es, zwischen 300 000 und 350 000 Einwanderer nach Preußen zu locken. Und die rund 356 000 Einwohner von Westpreußen und dem Ermland, die Friedrichs Staat bei der Ersten Polnischen Teilung 1772 hinzugewinnt, nimmt der König ebenfalls gern in Kauf – auch wenn er die Polen darunter in jeder Hinsicht verachtet.

Zwar kostet der Siebenjährige Krieg seinen Staat fast eine halbe Million Menschen, die den Kämpfen zum Opfer fallen oder das Land verlassen. Dennoch wächst Friedrichs Volk dank seiner hohen Geburtenrate schneller als jedes andere im Deutschen Reich. Zu Friedrichs Thronbesteigung hatte Preußen rund 2,24 Millionen Einwohner – am Ende seines Lebens regiert er über 5,43 Millionen. So vermehrt sich ein Mann, der im Glauben lebt, keine Kinder zeugen zu können.

Schon Friedrichs Vorfahren haben verfolgte Hugenotten und Salzburger Protestanten ins Land geholt, um Wirtschaftskraft und Steuereinnahmen zu gewinnen. In ihrer Regie ist konfessionelle Toleranz zum Standortvorteil geworden, den selbst der religiös indifferente Friedrich nicht gefährden will – zumal er auch die katholischen Untertanen, die er mit der Eroberung Schlesiens gewonnen hat, dem Staat verpflichten muss. Und so gibt er das berühmte Motto aus: „Hier muss ein jeder nach seiner Fasson selig werden.“

Doch die sprichwörtliche Toleranz, mit der er auch die „Gazetten“ versichert, sie sollten „nicht genieret werden“, endet auf den politischen Seiten der Blätter. Über Angelegenheiten des Staates, tut Friedrich kund, sollen die Untertanen sich nicht verbreiten – da es ihnen „an der vollständigen Kenntnis der Umstände und Motive fehlt“. Jedes Buch muss der Zensur vorgelegt werden. Die berühmte berlinische Meinungsfreiheit, klagt der Dichter Gotthold Ephraim Lessing, beschränke sich „auf die Freiheit, gegen die Religion so viel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will“ – ansonsten sei Preußen „bis auf den heutigen Tag das sklavischste Land von Europa“.

Zwar hat Friedrich als erster europäischer Fürst die Folter abgeschafft, hat mildere Strafen für Kindsmord und Diebstahl eingeführt. Zwar verhängt Preußen weniger Todesurteile als Frankreich oder England, enthauptet keine Hexen wie noch 1782 die Schweizer. Doch im Ganzen bleibt Preußen unter Friedrichs Herrschaft, was es war – „ein Feudalstaat“, so der Historiker George P. Gooch, „mit den alten Schranken zwischen den Ständen, mit Bauern, die Leibeigene waren, mit einem Adel, der von den Steuern befreit war“. Der Adel ist auch unter Friedrich II. unantastbar. Nach dem Siebenjährigen Krieg sondert der König fast alle bürgerlichen Offiziere aus und ersetzt sie durch „Edelleute aus fremden Landen“.

Seinen Aristokraten verbietet der Monarch die Heirat mit Nichtadeligen, um deren Heldenblut nicht zu gefährden: „Denn ihre Söhne sind es, die das Land defendieren [verteidigen]“, schreibt er, „davon die Rasse so gut ist, dass sie auf alle Weise meritieret [es wert ist], konserviert zu werden“. Eine „Rasse“, die zum Heldentod taugt – weil sie, wie der König instinktsicher erkennt, kein größeres Kapital hat als ihre „Ehre“.

1778 SETZT FRIEDRICH, obwohl geplagt von Krankheit und Alter, noch einmal seine Streitkraft in Gang. Wieder fehlt der äußere Grund. Zwar beanspruchen die Österreicher nach dem Tod des Münchner Kurfürsten das Land Bayern, doch Friedrichs Interessen sind kaum bedroht. Dennoch fällt im Juli seine 150 000 Mann starke Preußenarmee, unterstützt von 21 000 Sachsen, in Böhmen ein.

Bald jeder bei Hofe sehnt das Ende des vergrämten alten Fürsten herbei

Gegen Ende August fällt bereits Schnee. Die Soldaten winden sich unter der Ruhr, sterben zu Zehntausenden. Auch der König bleibt nicht verschont. Schwermütig tappt das Heer durch düstere, neblige Tannenwälder, über aufgeweichte Straßen, zwischen Heiligenstatuen und feindselig schweigenden Bauern hindurch.

Die Kampfhandlungen selbst fordern dagegen kaum Opfer – „man wusste nie, ob Friede oder Krieg war“, wird Friedrich sich später erinnern. Der „Kartoffelkrieg“, wie das Volk ihn nennt, endet für Preußen ergebnislos. Zu Hause erwarten Friedrich jetzt nur noch seine Windhunde und die Krankheit. Gicht und ausgefallene Vorderzähne machen ihm bald das Flötenspiel unmöglich; nach einem Schlaganfall kommen die Symptome der Wassersucht hinzu. In den letzten Wochen seines Lebens lässt der 74-Jährige keine Angehörigen mehr in seine Nähe. Er vegetiert in Schmutz und Unordnung, weigert sich, die Wäsche zu wechseln, bekommt Fieber.

Die Atemnot verbietet ihm, im Bett zu liegen. Tag und Nacht brütet er jetzt in seinem Lehnstuhl, Stiefel an den Füßen und den abgetragenen Hut mit der weißen Feder auf dem Kopf, Hände und Gesicht mager und gelb. Ein geschwollenes Bein liegt auf einem Schemel, das andere hängt herab. Er isst unmäßig und leidet unter Brechanfällen und Koliken. Am 17. August 1786 gegen zwei Uhr morgens stirbt Friedrich II., den sie den Großen nennen. „Es herrscht Totenstille, aber keine Trauer“, notiert Graf Gabriel Honoré de Mirabeau, Geheimbotschafter im Dienst des Franzosenkönigs. „Man sieht in kein Gesicht, das nicht den Ausdruck von Erleichterung, von Hoffnung trüge. Kein Bedauern wird laut, man hört keinen Seufzer, kein lobendes Wort!“ Und: „Alle Welt wünschte das Ende herbei – alle Welt beglückwünschte sich!“

Dem König wird sein Gartengrab in Sanssouci verwehrt. Nach den hergebrachten Gesetzen höfischer Repräsentation wird er in der Potsdamer Garnisonskirche beigesetzt, wo schon sein Vater liegt. Viel später, im Zweiten Weltkrieg wird sein Leichnam vor den Luftangriffen in einem Bunker und bald in einem Kalibergwerk in Sicherheit gebracht und schließlich von US-Truppen in den Westen transportiert, wo er 1952 seine Ruhestatt auf der Hohenzollern-Burg im schwäbischen Hechingen findet. Erst 1991 bekommt er seinen Willen und wird in sein „Philosophengrab“ umgebettet, auf der oberen Terrasse des fröhlichen Weinbergs von Sanssouci. Mehr als 200 Jahre nach seinem Tod setzt er sich so noch einmal über die Regeln hinweg, in die ihn der Brauch seiner Zeit gezwängt hat. Doch so ist es nun einmal: Das Genie, sagt schon die „Enzyklopädie“, „ist seinem Jahrhundert voraus“.

2. Preußenkönig Friedrich der Große. Der erste Untertan

Zeitgenossen verehrten ihn als den "Großen", in der Nachwelt ist er als Kriegsherr und absoluter Herrscher umstritten. Friedrich II. fasziniert die Deutschen auch 300 Jahre nach seiner Geburt. Kein anderer Preußenkönig war so gebildet, so widersprüchlich - und sah sich so sehr als Diener seines Volks.

Von einer schweren Jugend zu sprechen, wäre untertrieben. Was Friedrich, Prinz von Preußen, geboren 1712, mit seinem Vater erlebt, ist reiner Horror. Der Junge interessiert sich für Philosophie und Musik und ist ein leidenschaftlicher Leser. Der Vater, König Friedrich Wilhelm I., zieht ihn deswegen an den Haaren, beschimpft ihn, prügelt ihn mit einem Stock. Der "Soldatenkönig" will dem Thronfolger die Flausen austreiben. Doch das ist aussichtslos. Willensstark bleibt Friedrich seinen geistigen Interessen treu, ein Leben lang. Gute Bücher und kluge Gesprächspartner sind sein Lebenselexier. Doch als König ist der Hohenzoller kein weltabgewandter Schöngeist. Der Herrscher, klein im Wuchs und groß im Denken, will die Welt der Deutschen verändern.

Aus Preußen, einem mittleren Fürstentum, schafft er eine europäische Großmacht, aus einem Volk von Analphabeten eines, das zu Lesen beginnt. Als aufgeklärter Monarch setzt er Wissen gegen Unbildung, Disziplin gegen Schlendrian und Gesetze gegen die Willkür der Wohlhabenden. Dabei wird seine Leistung nicht unangefochten dastehen. Er führt Kriege, die furchtbare Opfer und Verwüstungen mit sich bringen. Den Schrecken des Todes erlebt er schon als 18-Jähriger im November 1730 aus nächster Nähe. Da lässt sein Vater Friedrichs Jugendfreund Hans Hermann von Katte hinrichten. Die beiden jungen Leute hatten nach England fliehen wollen, um sich der Erziehungsgewalt des Königs zu entziehen. Ein verzweifelter Friedrich schaut dem Freund auf dem Gang zur Richtstätte zu. Er ist selbst Gefangener auf der Festung Küstrin östlich der Oder. Zehn Jahre später stirbt der despotische Vater, Friedrich wird mit 28 Jahren König.

Der musische Monarch, der Flöte spielt und als Prinz Briefe schon mal launig mit "Frédéric le Philosophe" unterschreibt, erweist sich als Machtmensch. Er modernisiert die Armee und lässt sie in 20 Jahren von 80.000 auf 160.000 Mann aufstocken. Die Truppe verschlingt mehr als 70 Prozent der Staatseinnahmen Preußens. Zugleich propagiert der junge König eine Einwanderungspolitik, verbunden mit religiöser Toleranz. In Preußen soll "ein jeder nach seiner Façon selig werden", so Friedrich. Vor allem französische Migranten integrieren sich rasch und machen Karriere bei Hofe. Der zweisprachige König korrespondiert mit dem französischen Philosophen Voltaire. Der junge Friedrich ist aufgeschlossen gegenüber den Ideen der Aufklärung. EthnischerNationalismus, der später den Deutschen und ihren Nachbarn zum Verhängnis werden wird, ist ihm fremd.

Hauptgegner Habsburg

Sein Hauptfeind ist eine katholische Monarchie, die den Aufstieg des protestantischen Preußen beargwöhnt: das Haus Habsburg. Im Dezember 1740 marschiert der Preußenherrscher mit 28.000 Soldaten in Schlesien ein, ohne Kriegserklärung. Mit dem Gewaltstreich annektiert er die Provinz, deren Protestanten ihn als Befreier begrüßen. Das wirtschaftlich entwickelte Schlesien erhöht Preußens Gewicht. Mit dem Besitz dieser Provinz steht Friedrich den Habsburgern auf Augenhöhe gegenüber. Der schlesische Feldzug erweist sich als Auftakt zu zwei folgenden Kriegen. Um eine Revanche der Habsburger-Kaiserin Maria Theresia zu verhindern, besetzt Friedrich im August 1744 das neutrale Sachsen und versucht, nach Böhmen vorzudringen. Doch die Offensive bleibt bei Prag stecken. Friedrich muss sich zurückziehen. 1745 gelingt es ihm aber in der Schlacht von Hohenfriedeberg, den Österreichern eine schwere Niederlage zu bereiten, und den zweiten Schlesischen Krieg zu beenden. Der König versteht es, seine Soldaten weit stärker zu motivieren, als der Gegner es vermag.

Friedrich ist, ungewöhnlich für einen Fürsten, täglich unter seinen Soldaten, trotz seiner Gicht. Nicht Wohlleben und Wollust wie im französischen Herrscherhaus, sondern Pflicht und harte Arbeit sind das Credo dieses Königs. So entsteht der Nimbus des unbesiegbaren preußischen Heeres. Dabei weiß Friedrich, dass er viele Feinde hat, vor allem in der Wiener Hofburg. Um zu erfahren, was die Gegner vorhaben, schafft er sich einen Auslandsgeheimdienst, der an fremden Fürstenhofen spioniert. Auf diese Weise erfährt er 1755, dass die Habsburger, durchdrungen von Rachsucht, mit Hilfe Russlands und Frankreichs Preußen vernichten wollen. Daher entschließt sich Friedrich 1756 zu einem Präventivkrieg. Er lässt, wieder ohne Kriegserklärung, 60.000 Soldaten in Sachsen einrücken. So beginnt der Siebenjährige Krieg. Er bringt Preußen große Siege, etwa in der Schlacht bei Leuthen 1757, aber auch schwere Niederlagen. In der Schlacht von Kunersdorf im August 1759 werden 19.000 seiner Soldaten getötet oder verwundet.

Vom Philosophen zum Falschmünzer

Des Königs Kleidung wird "von Schüssen durchbohrt", wie er seinem Kabinettsminister schreibt. Doch Friedrich gibt auch in scheinbar aussichtsloser Lage nicht auf. Dabei sind seine riskanten Rettungsmethoden nicht immer seriös. So verringert er 1758 mit Hilfe des dubiosen Geschäftsmannes Veitel Heine Ephraim den Edelmetallanteil der Münzen. Der Philosoph wird zum Falschmünzer. Friedrich ist nicht mehr der junge Hasardeur, der 19 Jahre zuvor in Schlesien einmarschierte. "An den Staat denke ich, nicht an den Ruhm", schreibt er acht Tage nach der Schlacht bei Kunersdorf. Der Staat, das ist nicht nur die Armee, sondern auch ein kulturelles und soziales Aufbauwerk.

Erstes deutsches Wirtschaftswunder

Dem kann er sich ab 1763 nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges widmen: Da ist die Akademie der Wissenschaften, deren Sitzungsberichte er durch eigene Publikationen bereichert. Da ist das Opernhaus Unter den Linden in Berlin, 1743 fertiggestellt, das rasch zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt wird. Da sind die Siedlungen in trockengelegten Flussniederungen an Oder, Netze und Warthe, wo Familien Land zur Bewirtschaftung erhalten. Preußen fördert den Aufbau von Betrieben der Metall- und Textilindustrie. Der am Fortschritt interessierte Staatslenker schafft, so der Friedrich-Biograf Wolfgang Venohr "das erste deutsche Wirtschaftswunder". Der König, der sein Leben auch in den Kriegsjahren immer mit Büchern verbrachte, möchte, dass auch seine Landeskinder lesen. Er lässt Schulen bauen, in den ersten sechs Friedensjahren ab 1763 sind es rund 750 allein in Schlesien. Er treibt die Arbeit an einem Gesetzbuch voran. Dabei bleiben seine Entscheidungen im Rahmen des absolutistischen Systems, das er nicht verlassen will und wohl auch nicht verlassen kann. Zwar sorgt er dafür, dass die Landwirte keine Frondienste mehr leisten müssen. Doch die Grundherren bleiben privilegiert und die Bauern ihnen erbuntertänig.

Sein Reformwerk ist von Anfang an widersprüchlich. Friedrich schafft die Folter ab, gestattet sie bei Verdacht auf Hochverrat oder Massenmord jedoch zunächst weiter. Auch behält er das barbarische "Spießrutenlaufen" in der Armee bei. Er hebt die Zensur weitgehend auf für Zeitungen, deren Auflage 200 Exemplare selten übersteigt - und führt sie schon 1740 wieder ein, als er seinen ersten Krieg beginnt. Doch so sehr er auch als absoluter Monarch agiert, weisen seine späten Schriften schon über das Ancien Régime hinaus. Im Alter von 65 Jahren schreibt er 1777 über "Regierungsformen und Herrscherpflichten". In dieser Schrift fordert der Preußenkönig, der Fürst müsse "für die gesamte Gemeinschaft sehen, denken und handeln". Er wendet sich gegen die "Meinung, es genüge, Besitz zu haben, um zu Ansehen zu gelangen". Der Fürst, so Friedrich, sei "nur der erste Diener des Staates und ist verpflichtet, rechtschaffen, klug und völlig uneigennützig zu handeln, wie wenn er seinen Mitbürgern in jedem Augenblick Rechenschaft über seine Verwaltungstätigkeit abzulegen hätte."

"Alle Monarchien durch Reichtum verderbt"

Nie zuvor hat ein europäischer Herrscher derart den Anspruch erhoben, ein Treuhänder des Volkes zu sein. Auch deshalb wird er verehrt, wenn er in einer Kutsche über die Lande oder durch Berlin fährt. Die Zuneigung des Volkes gilt einem einsamen Herrscher in einer abgetragenen Uniform. Körperlich verfällt der König mehr und mehr. Wie ein Einsiedler streift er mit seinen geliebten Hunden durch den Park des für ihn erbauten Schlosses Sanssouci in Potsdam. Doch der "Philosoph auf dem Thron", wie er auch genannt wird, ist geistig noch voll auf der Höhe und zieht ein sozialkritisches Fazit seiner Zeit. Im Dezember 1781, siebeneinhalb Jahre vor der Französischen Revolution, schreibt er seinem Bruder Heinrich, "dass alle Monarchien durch den Reichtum verderbt worden sind". Die Gesetze, fordert er, seien dazu da "die Schwachen vor der Bedrückung durch die Starken zu schützen".

Er warnt vor "Selbstbetrug im Verein mit Begehrlichkeit", hält "die großen Reichtümer für sittengefährdend" und empfiehlt "die Arbeit" als "die sicherste Hüterin der Tugend" - hundert Jahre später wird der preußische Sozialist August Bebel mit ähnlichen Gedanken die Herzen von Millionen deutschen Arbeitern erobern. Friedrich hofft am Ende seines Lebens, dass Nachgeborene sein Werk fortsetzen. In einem Brief an seine Schwester Charlotte am 10. August 1786 schreibt Friedrich : "Das Alter muss der Jugend weichen, damit jede Generation ihren Platz findet." Sieben Tage später stirbt er in Sanssouci, im Alter von 74 Jahren. Unter den Hohenzollern erweist sich Friedrich II. als außergewöhnliche Persönlichkeit. Schon mit seinem Nachfolger, der zu einer Marionette seiner Minister gerät, beginnt der Niedergang. Und nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 geht Preußen in einem imperialistischen Machtstaat auf. Dieses Reich treibt schließlich durch Maßlosigkeit, Selbstüberschätzung und ein rassistisches Delirium in den Untergang - vom Geist Friedrichs II. hatte es sich dabei weit entfernt.

3. Friedrich II. („der Große“) von Preußen, „General-Principia vom Kriege“, (1748/1753)

Kurzbeschreibung

In diesem Auszug aus einem 134-seitigen, 1748 in Französisch verfassten Manuskript, das 1753 als vertraulicher Befehl an seine Generäle erlassen wurde, bringt Friedrich II. prägnant seinen Stolz auf das überwiegend im Inland aufgebaute preußische Soldatentum und deren aus dem Adel stammenden Offiziere zum Ausdruck. Der Text bezeugt ebenfalls seine Aufmerksamkeit für die Truppenversorgung, seine Präferenz für temporeiche Schlachtfeldtaktiken gegenüber defensiven Manövern, sowie seine Wachsamkeit gegenüber Brandenburg-Preußens Nachbarn, vor allem Österreich und Sachsen.

Quelle

Die von mir geführten Kriege haben mir Gelegenheit zu gründlichem Nachdenken über die Grundsätze der großen Kunst gegeben, die so viele Reiche emporgebracht oder zerstört hat. Die römische Disziplin besteht nur noch bei uns. Folgen wir auch darin dem Beispiel der Römer, daß wir den Krieg zum Gegenstand unsres Studiums und den Frieden zur steten Übung machen.

Ich habe es also für nützlich gehalten, Euch meine Betrachtungen mitzuteilen, Euch, die nach mir den größten Anteil am Befehl haben und denen schon eine Andeutung meiner Gedanken genügen muß, Euch endlich, die in meiner Abwesenheit nach meinen Prinzipien zu handeln haben.

In diesem Werke habe ich meine eigenen Betrachtungen mit denen vereint, die ich in den Schriften der größten Feldherren fand, und ein Ganzes daraus gemacht, das ich auf die Ausbildung unsrer Truppen angewandt habe.

Ich schreibe nur für meine Offiziere. Ich rede nur von dem, was auf den preußischen Dienst anwendbar ist, und fasse keine andren Feinde ins Auge als unsre Nachbaren; denn beide Worte sind leider zum Wechselbegriff geworden. Ich hoffe, meine Generale werden durch die Lektüre dieses Werkes mehr als durch alles, was ich ihnen mündlich sagen könnte, überzeugt sein und erkennen, daß die Disziplin unsres Heeres die Grundlage für den Ruhm und die Erhaltung des Staates ist. Wenn sie sie unter diesem Gesichtspunkt betrachten, werden sie eifriger denn je die Ordnung bei den Truppen in voller Kraft aufrechterhalten, damit man nicht von uns sagen kann, wir hätten die Werkzeuge unsres Ruhmes in unsren Händen stumpf werden lassen. Es ist schön, sich Ruhm erworben zu haben. Es sei aber auch fern von uns, in sträflicher Sicherheit einzuschlafen. Vielmehr müssen wir von langer Hand die Mittel vorbereiten, zu deren Gebrauch uns Zeit und Umstände Gelegenheit geben werden.

Ich setze bei allen nachfolgenden Betrachtungen meine Reglements für die Armee voraus, die gleichsam der Katechismus meiner Offiziere sind, und handle in dieser Schrift nur von dem, was den Heerführer angeht und was das Größte und Schwierigste an der Kriegskunst ist.

I. Kapitel

Vorzüge und Mängel der preußischen Truppen

Unsre Truppen erfordern von ihrem Führer unendlichen Fleiß. Bei steter Wahrung der Disziplin müssen sie mit größerer Sorgfalt unterhalten und besser ernährt werden als vielleicht alle übrigen Truppen Europas.

Unsre Regimenter bestehen zur Hälfte aus Landeskindern, zur Hälfte aus Söldnern. Die letzteren, die kein Band an den Staat fesselt, suchen bei jeder Gelegenheit wegzulaufen. Darum ist es sehr wichtig, die Desertion zu verhüten. Einige unsrer Generale meinen, ein Mann sei nur ein Mann und der Verlust eines Einzelnen sei ohne Einfluß auf das Ganze. Das mag für andre Armeen zutreffen, aber nicht für die preußische. Desertiert ein ungeschickter Kerl und wird er durch einen andern Tölpel ersetzt, so ist das einerlei. Geht aber der Truppe ein Soldat verloren, den man zwei Jahre gedrillt hat, um ihm die nötige körperliche Gewandtheit beizubringen, und wird er schlecht oder garnicht ersetzt, so hat das auf die Dauer schlimme Folgen. Hat man doch gesehen, wie durch die Nachlässigkeit der Offiziere im Kleinen ganze Regimenter zugrunde gerichtet worden sind. Ich selbst habe solche gesehen, die durch Desertion ganz erstaunlich zusammenschmolzen. Derartige Verluste schwächen die Armee; denn die Zahl macht stets viel aus. Haltet Ihr also nicht die Hand darauf, so verliert Ihr Eure besten Kräfte und seid nicht imstande, sie zu ersetzen. Es gibt zwar Menschen genug in meinem Staate, aber ich frage Euch, ob viele den Wuchs haben wie unsre Soldaten? Und wenn auch, sind sie dann gleich ausgebildet?

Es ist also eine wesentliche Pflicht jedes Generals, der eine Armee oder ein einzelnes Korps kommandiert, der Desertion vorzubeugen. Das geschieht dadurch:

1. daß man nicht zu nahe an großen Wäldern kampiert, wenn die Kriegslage nicht dazu zwingt;

2. daß man die Soldaten oft in ihren Zelten visitieren läßt;

3. daß man Husarenpatrouillen rings um das Lager streifen läßt;

4. daß man nachts Jäger ins Getreide stellt und abends die Kavallerieposten verdoppelt, damit ihre Kette um so dichter ist;

5. daß man nicht duldet, daß die Leute auseinanderlaufen, sondern die Offiziere anhält, sie in Reih und Glied zum Stroh- und Wasserholen zu führen;

6. daß das Marodieren, die Quelle der größten Ausschreitungen, streng bestraft wird;

7. daß an Marschtagen die Wachen aus den Dörfern nicht eher zurückgezogen werden, als bis die Armee unter Gewehr steht;

8. daß bei Nacht nur aus zwingenden Gründen marschiert wird;

9. daß den Leuten an Marschtagen streng verboten wird, Reih und Glied zu verlassen;

10. daß man neben der Infanterie Husarenpatrouillen herreiten läßt, wenn sie durch Wald marschiert;

11. daß man beim Marsche durch Defileen Offiziere an die Ein- und Ausgänge stellt, die die Truppen gleich wieder formieren;

12. daß, wenn man zu Rückwärtsbewegungen genötigt ist, man dies den Truppen sorgfältig verbirgt und einen Vorwand dafür erfindet, den der Soldat gerne hört;

13. daß man stets dafür sorgt, daß es den Truppen an nichts fehlt, es sei Fleisch, Brot, Stroh, Branntwein usw.;

14. daß man nach den Ursachen forscht, wenn die Desertion bei einem Regiment oder einer Kompagnie einreißt, und feststellt, ob der Soldat seine Löhnung und alle ihm zustehenden Vergünstigungen regelmäßig bekommt, oder ob der Hauptmann eines Unterschleifes schuldig ist.

Nicht weniger Sorgfalt erfordert die Erhaltung der Disziplin. Man wird vielleicht sagen: dafür werden schon die Obersten sorgen! Aber das genügt nicht. Bei einer Armee muß alles bis zur Vollkommenheit getrieben werden, und man muß erkennen, daß alles, was geschieht, das Werk eines Einzigen ist. Der größte Teil einer Armee besteht aus nachlässigen Leuten. Sitzt der Heerführer ihnen nicht beständig auf den Hacken, so gerät die ganze kunstvolle und vollkommene Maschine sehr bald in Unordnung, und er verfügt nur noch in der Idee über eine wohldisziplinierte Armee. Man muß sich also daran gewöhnen, unaufhörlich zu arbeiten. Wer das tut, den wird die Erfahrung lehren, daß dies notwendig ist und daß alle Tage Mißbräuche abzustellen sind. Sie entgehen nur denen, die sich nicht die Mühe geben, darauf zu achten.

Diese beständige, mühsame Arbeit scheint zwar hart, aber ein Heerführer, der sie leistet, sieht sich dafür reichlich belohnt. Welche Erfolge kann er doch mit so beweglichen, tapferen, gut disziplinierten Truppen über den Feind erringen! Ein Heerführer, der bei andern Völkern für verwegen gälte, tut bei uns nur, was den Regeln entspricht. Er kann alles wagen und unternehmen, was Menschen zu vollbringen vermögen.

Was läßt sich nicht mit so gut disziplinierten Truppen unternehmen! Die Ordnung ist der ganzen Armee zur Gewohnheit geworden. Die Pünktlichkeit ist bei Offizieren und Mannschaften so weit getrieben, daß jeder schon eine halbe Stunde vor der bestimmten Zeit fertig ist. Vom Offizier bis auf den letzten Gemeinen redet keiner, aber alle handeln, und der Befehl des Heerführers wird prompt befolgt. Versteht er also nur richtig zu kommandieren, so kann er der Ausführung seiner Befehle sicher sein. Unsre Truppen sind so behend und beweglich, daß sie im Handumdrehen sich in Schlachtordnung aufstellen. Bei der Schnelligkeit ihrer Bewegungen können sie fast niemals vom Feind überfallen werden. Wollt Ihr ein Feuergefecht führen: welche Truppen feuern so schnell wie die preußischen? Die Feinde sagen, man stände vor dem Rachen der Hölle, wenn man unsrer Infanterie gegenüberstände. Gilt es, nur mit dem Bajonett anzugreifen: welche Infanterie rückt besser als sie, mit festerem Schritt und ohne Schwanken dem Feinde zu Leibe? Wo findet man mehr Haltung in den größten Gefahren? Muß man schwenken, um dem Feind in die Flanke zu fallen, es ist im Augenblick geschehen und ohne die geringste Mühe zustande gebracht.

In einem Lande, wo der Militärstand der vornehmste ist, wo die Blüte des Adels in der Armee dient, wo alle Offiziere Leute von Stand und die Landeskinder, nämlich Söhne von Bürgern und Bauern, Soldaten sind, muß unter den Truppen auch Ehrgefühl herrschen. Und es herrscht in hohem Maße. Ich habe selbst gesehen, daß Offiziere lieber fallen als zurückweichen wollten. Offiziere wie Soldaten dulden unter sich keine Leute, die Schwachheit gezeigt haben, was man in andren Armeen gewiß nicht gerügt hätte. Ich habe schwer verwundete Offiziere und Soldaten gesehen, die ihren Posten nicht verlassen noch sich zurückziehen wollten, um sich verbinden zu lassen.

Mit solchen Truppen könnte man die ganze Welt bezwingen, wären die Siege ihnen nicht ebenso verderblich wie ihren Feinden. Denn man kann mit ihnen alles unternehmen, wenn man nur Lebensmittel genug hat. Marschiert Ihr, so kommt Ihr den Feinden durch Schnelligkeit zuvor. Greift Ihr einen Wald an, so werft Ihr den Gegner hinaus. Stürmt Ihr gegen einen Berg an, so verjagt Ihr die Verteidiger von den Höhen. Laßt Ihr feuern, so richtet Ihr ein Blutbad an. Laßt Ihr die Kavallerie angreifen, so gibt es ein Gemetzel, bis der Feind vernichtet ist.

Da aber die Güte der Truppen allein nicht genügt und ein ungeschickter Heerführer all diese großen Vorzüge zunichte machen könnte, so will ich im folgenden von den Eigenschaften eines Feldherrn reden und die Regeln vorschreiben, die ich teils auf eigne Kosten lernte oder die große Feldherren uns hinterließen.

2. Kapitel

Feldzugspläne

Sobald man einen Krieg vorhat, werden Feldzugspläne entworfen. Da die Nachbarn eines Fürsten gewöhnlich seine Feinde sind, so wollen wir als solche die Russen, die Sachsen und vor allem die Österreicher ansehen. Politik und Kriegskunst müssen sich beim Entwerfen der Feldzugspläne die Hand reichen. Man muß die Stärke des Herrschers kennen, mit dem man Krieg führt, dessen Bundesgenossen und das Land, das den Schauplatz Eures Ruhmes oder Eurer Schande bilden wird. Was die Truppenzahl betrifft, so muß es Euch genügen, wenn Ihr 75 000 Mann gegen 100 000 ins Feld stellen könnt. Was die Bundesgenossen des Feindes angeht, so schont man entweder die Mächte, die er um Hilfe angeht, oder man erdrückt sie, bevor sie ihre Kräfte mit den andren vereinen können. Das Land, wohin man den Krieg tragen will, muß Euch so genau bekannt sein, wie einem Schachspieler das Schachbrett.

Im allgemeinen taugen alle Kriege nichts, bei denen wir uns zu weit von unsren Grenzen entfernen. Hat man doch alle Kriege, die andre Völker in dieser Weise geführt haben, unglücklich enden sehen! Karls XII. Ruhm ging in den Einöden von Pultawa unter. Kaiser Karl VI. vermochte sich in Spanien nicht zu behaupten, ebensowenig die Franzosen in Böhmen (1742). Alle Feldzugspläne, die auf weite Vorstöße angelegt sind, müssen also als schlecht verworfen werden.

Zur Verteidigung entwirft man andre Pläne als zum Angriff.

Ein Plan, der ausschließlich auf Verteidigung hinausläuft, taugt nichts. Er zwingt Euch zum Beziehen von festen Lagern; der Feind umgeht Euch, und da Ihr nicht zu kämpfen wagt, zieht Ihr Euch zurück. Der Feind umgeht Euch wieder, und beim Schluß der Rechnung findet sich, daß Ihr durch Euren Rückzug mehr Gelände einbüßt als durch eine verlorene Schlacht. Auch schmilzt Eure Armee durch Desertion mehr zusammen als durch den blutigsten Kampf. Eine so ausschließliche Defensive, wie ich sie hier meine, ist wertlos; denn bei ihr ist alles zu verlieren und nichts zu gewinnen. Einem solchen Verhalten ziehe ich also die Kühnheit eines Heerführers vor, der lieber zur rechten Zeit eine Schlacht wagt; dann hat er alles zu hoffen, und selbst im Unglücksfall bleibt ihm immer noch das Mittel der Defensive.

Ein offensiver Feldzugsplan erfordert genaue Prüfung der feindlichen Grenzen. Nach gründlicher Erwägung, wo man den Angriff beginnen will, bestimmt man entsprechend den Versammlungsort der Armee und sorgt endlich für die Lebensmittel.

Der größeren Klarheit halber will ich meine Prinzipien an Beispielen erläutern und Angriffspläne gegen Sachsen, Böhmen und Mähren entwerfen.

[…]

Wenn ich auch einen Feldzugsplan mißbillige, der sich auf die reine Defensive beschränkt, so bin ich mir doch bewußt, daß man nicht immer einen völligen Offensivkrieg führen kann. Ich verlange nur, daß dem Heerführer in der Defensive nicht durch irgendwelche Befehle die Hände gebunden werden, sondern daß die Defensive vielmehr eine List sei, die das Selbstgefühl der Feinde reizt und sie zu Fehlern verleitet, aus denen ein geschickter Feldherr seinen Vorteil ziehen kann.

In der Defensive besteht die größte Kunst des Heerführers darin, seinen Feind auszuhungern. Das ist ein Mittel, bei dem er nichts aufs Spiel setzt, aber alles gewinnen kann. Dazu ist erforderlich, daß man durch Klugheit und gewandtes Benehmen das Spiel des Zufalls soweit als möglich ausschaltet. Der Hunger besiegt einen Menschen weit sicherer als der Mut des Gegners. Da aber die Wegnahme eines Proviantzuges oder der Verlust eines Magazins den Krieg noch nicht gleich beendigt und nur Schlachten zur Entscheidung führen, so muß man zum Erreichen seines Ziels beide Mittel anwenden.

Ich begnüge mich damit, zwei Defensivpläne nach meinen Prinzipien zu entwerfen: einen für Niederschlesien, den andren für die Kurmark.

[…]

Weit schwieriger ist die Verteidigung der Kurmark, weil sie ein offenes Land ist und die an Sachsen grenzenden Wälder für Lager und Märsche gleich ungünstig sind. Doch glaube ich, daß man sich folgendermaßen benehmen müßte.

Berlin, eine offene Stadt, erfordert als Landeshauptstadt meine größte Aufmerksamkeit. Es liegt nur 12 Meilen von Wittenberg. Ich nehme an, die feindliche Armee versammelt sich dort. Dann könnte der Feind drei Pläne ausführen. Der eine wäre, an der Elbe entlang zu marschieren; das aber würde ihm wegen Magdeburg schwer fallen, denn einen solchen Platz kann man nicht hinter sich lassen. Zweitens könnte der Feind über die Oder und den neuen Kanal kommen. Dann aber ließe er sein ganzes Land offen, und man könnte ihn durch einen Vorstoß gegen Wittenberg gleich nach Sachsen zurückwerfen. Der dritte Plan wäre der, stracks auf Berlin loszumarschieren. Die beste Defensive besteht darin, in Sachsen einzufallen, wie wir es im Winter 1745 getan haben. Sich hinter die Spree oder Havel zurückziehen, hieße das Land preisgeben. Lieber würde ich meine Armee bei Brandenburg versammeln, meine Lebensmittel nach Brandenburg und Spandau schaffen, alle Havelbrücken außer denen zu Brandenburg und Spandau zerstören und einige Eilmärsche machen, um die Sachsen in ihrem eigenen Lande anzugreifen, sie zu schlagen und sie selbst in die Defensive zu werfen. Man sage, was man will, aber es gibt keinen andren Entschluß.

Am schwierigsten sind die Feldzugspläne, bei denen man sich vieler starker und mächtiger Feinde zu erwehren hat. Dann muß man seine Zuflucht zur Politik nehmen und seine Feinde untereinander zu entzweien suchen oder den einen und andern durch Vorteile, die man ihm verschafft, von ihnen trennen. In militärischer Hinsicht muß man dann zur rechten Zeit zu verlieren wissen (wer alles verteidigen will, verteidigt nichts), muß eine Provinz dem Feinde opfern und derweil mit seiner ganzen Macht den andern zu Leibe gehen, sie zur Schlacht zwingen und alles aufbieten, um sie zu vernichten. Dann muß man Detachements gegen die übrigen senden. Solche Kriege richten die Heere durch die Strapazen und Märsche, die man ihnen zumutet, zugrunde, und dauern sie lange, so nehmen sie zuletzt doch ein schlimmes Ende.

Überhaupt müssen alle Feldzugspläne sich nach den Zeitumständen und der Art und Anzahl der Feinde richten, mit denen man zu tun hat. Man soll den Feind nie am grünen Tisch verachten, vielmehr sich an seine Stelle versetzen und sich fragen, was man in seiner Lage tun würde. Je mehr Hindernisse man in seinen Plänen voraussieht, desto weniger wird man nachher bei der Ausführung finden. Kurz, man muß alles voraussehen, alle Schwierigkeiten erkennen und sie zu beseitigen wissen.

[…]

Das sind ungefähr die Hauptpunkte der großen Kriegsoperationen. Ich habe ihre Grundsätze möglichst ausführlich entwickelt und mich vor allem bestrebt, klar und verständlich zu sein. Solltet Ihr aber über den einen oder andren Punkt Zweifel haben, so wird es mich freuen, wenn Ihr sie mir darlegt, damit ich meine Gründe ausführlicher angeben oder, wenn ich etwas Falsches gesagt haben sollte, mich zu Eurer Meinung bekehren kann. Schon meine geringe Kriegserfahrung hat mir gezeigt, daß diese Kunst nicht auszulernen ist und daß man bei ernstem Studium stets Neues entdeckt. Ich glaube, meine Zeit nicht verloren zu haben, wenn dies Werk meine Offiziere zum Nachdenken über ein Handwerk anregt, das ihnen die glänzende Laufbahn des Ruhmes eröffnet, ihre Namen dem Dunkel der Zeiten entreißt und ihnen für ihre Mühen Unsterblichkeit sichert. Dixi.

Quelle: Œuvres de Frédéric le Grand. Bd. 28. Berlin: Imprimerie Royale (R. Decker), 1856, S. 1–107. [„General-Principia von Kriege“, erscheint hier im französischen Original.]; deutsche Übersetzung aus: Die Werke Friedrichs des Großen. Band 6: Militärische Schriften. Hrsg. Gustav Berthold Volz. Deutsch von Friedrich v. Oppeln-Bronikowski. Berlin: Hobbing, 1913, S. 3–86; abgedruckt in Helmut Neuhaus, Hrsg. Zeitalter des Absolutismus 1648–1789. Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung. Hrsg. Rainer A. Müller, Band 5. Stuttgart: P. Reclam, 1997, S. 464–75.

 

4. Friedrich II. („der Große“) am Vorabend der Schlacht bei Leuthen (28. November und 3. Dezember 1757)

 

Kurzbeschreibung

Am Vorabend der Schlacht bei Leuthen schien Friedrichs Lage verzweifelt, und er sandte die folgende Nachricht an Minister Finckenstein. Es war eines von mehreren „militärischen Testamenten“ und gleichzeitig Zeugnis seiner risikoreichen Kriegführung. Die dramatische Ansprache an seine Offiziere, von der in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1802 berichtet wird, ist typisch für Friedrichs Rhetorik und Mentalität. Am 4. Dezember 1757 griff Friedrich die Österreicher und ihre Alliierten bei Leuthen an, wo seine Streitkräfte sich auf dem Schlachtfeld durchsetzten, ungeachtet der erheblichen zahlenmäßigen Überlegenheit seiner Kriegsgegner.

28. November 1757

[…]

Ich habe meinen Generalen Befehl für alles gegeben, was nach der Schlacht im Falle des glücklichen oder unglücklichen Ausganges geschehen soll. Im übrigen will ich, was meine Person betrifft, in Sanssouci beigesetzt werden, ohne Prunk, ohne Pomp und bei Nacht. Man soll meinen Körper nicht öffnen, sondern mich ohne Umstände dorthin bringen und mich bei Nacht beerdigen.

Was die Geschäfte anlangt, so muß sofort an alle Kommandeure Befehl ergehen, die Truppen auf meinen Bruder zu vereidigen. Wird die Schlacht gewonnen, muß mein Bruder nichtsdestoweniger jemand mit der Notifikation und zugleich mit der Vollmacht zu Friedensverhandlungen nach Frankreich senden.

Das Testament soll geöffnet werden. Ich entbinde meinen Bruder von der Auszahlung aller Legate in barem Gelde, weil der traurige Zustand seiner Angelegenheiten ihn an ihrer Erfüllung verhindert. Ich empfehle ihm meine Flügeladjutanten, besonders Wobersnow, Krusemarck, Oppen und Lentulus. Dies soll als Testament im Felde gelten.

Ich empfehle alle meine Bedienten seiner Fürsorge.

3. Dezember 1757

[…]

„Meine Herren! Ich habe Sie hierher kommen lassen, um Ihnen erstlich für die treuen Dienste, die Sie zeither dem Vaterlande und mir geleistet haben, zu danken. Ich erkenne sie mit dem gerührtesten Gefühl. Es ist beinahe keiner unter Ihnen, der sich nicht durch eine große und ehrebringende Handlung ausgezeichnet hätte. Mich auf Ihren Muth und Erfahrung verlassend, habe ich den Plan zur Bataille gemacht, die ich morgen liefern werde und liefern muß. Ich werde gegen alle Regeln der Kunst einen beinahe zweimal stärkern, auf Anhöhen verschanzt stehenden Feind angreifen. Ich muß es thun, oder es ist alles verloren. Wir müssen den Feind schlagen oder uns vor ihren Batterien alle begraben lassen. So denk ich, so werde ich auch handeln. Ist einer oder der andere unter Ihnen, der nicht so denkt, der fordere hier auf der Stelle seinen Abschied. Ich werde ihm selbigen ohne den geringsten Vorwurf geben.“

Hier folgte eine Pause von Seiten des Redners, und eine heilige Stille von Seiten der Zuhörer; nur durch mit Mühe zurückgehaltene, der Ehrfurcht und der heiligsten Vaterlandsliebe geweinte Thränen unterbrochen. Darauf erhob der königliche Sprecher seine Stimme wieder und fuhr mit freundlich-lächelndem Gesicht fort:

„Ich habe vermuthet, daß mich keiner von Ihnen verlassen würde; ich rechne nun also ganz auf Ihre treue Hülfe und auf den gewissen Sieg. Sollt' ich bleiben und Sie nicht für das, was Sie morgen thun werden, belohnen können, so wird es unser Vaterland thun. Gehen Sie nun ins Lager, und sagen Sie das, was ich Ihnen hier gesagt habe, Ihren Regimentern, und versichern Sie ihnen dabei, ich würde ein jedes genau bemerken. Das Cavallerie-Regiment, was nicht gleich, wenn es befohlen wird, sich à corps perdu in den Feind hineinstürzt, laß ich gleich nach der Bataille absitzen und mach' es zu einem Garnison-Regiment. Das Bataillon Infanterie, was, es treffe auch, worauf es wolle, nur zu stocken anfängt, verliert die Fahnen und die Säbels, und ich laß ihnen die Borten von der Montirung schneiden. Nun leben Sie wohl, meine Herren, morgen um diese Zeit haben wir den Feind geschlagen, oder wir sehen uns nie wieder.“

Quelle des Testaments: Gustav Berthold Volz, Hg., Der Große König, Werke, Briefe und Gespräche. Berlin: Reimar Hobbing, 1923, S.108.

Quelle der Rede: Gustav Berthold Volz, Hg., Die Werke Friedrichs des Großen, Dritter Band Geschichte des Siebenjährigen Krieges, Erster Teil. Berlin: Reimar Hobbing, 1913, S. 224-25.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Klußmann, Uwe: Preußenkönig Friedrich der Große. Der erste Untertan, in: SPIEGEL online, online verfügbar seit 07.11.2011 unter: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/preussenkoenig-friedrich-der-grosse-der-erste-untertan-a-795988.html, zuletzt geprüft am 14.09.2026.

-> Friedrich II. („der Große“) von Preußen, „General-Principia vom Kriege“, (1748/1753), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/das-heilige-roemische-reich-1648-1815/ghdi:document-3582> [04.06.2026], zuletzt geprüft am 14.09.2026.

-> Friedrich II. („der Große“) am Vorabend der Schlacht bei Leuthen (28. November und 3. Dezember 1757), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/das-heilige-roemische-reich-1648-1815/ghdi:document-3585> [05.06.2026], zuletzt geprüft am 14.09.2026.

Sekundärliteratur

-> Albig, Jörg-Uwe: Friedrich der Große. Feldherr und Philosoph, in: Preußen 1701-1871 (GEO Epoche, Jg. 2006, Heft Nr. 23), Hamburg 2006. 

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Gotthold Ephraim Lessing

Inhaltsverzeichnis

1. Gotthold Ephraim Lessing. Der Dichter der Vernunft. 

1. Gotthold Ephraim Lessing. Der Dichter der Vernunft. 

Er ist erfüllt vom Geist der Aufklärung, will hinaus in die Welt und Theaterstücke schreiben: Gotthold Ephraim Lessing steht am Anfang seines Weges als Schriftsteller, als der Siebenjährige Krieg 1756 in sein Leben einbricht. Das Toben der Armeen fesselt fortan seine Gedanken. Und inspiriert ihn zu einem Werk, das ihn unsterblich machen wird: »Minna von Barnhelm«

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ALS VERTRETER einer Philosophie der Menschlichkeit macht sich Gotthold Ephraim Lessing in Zeiten des Krieges viele Feinde. Der Dramatiker wird einer der wichtigsten Vertreter der Aufklärung in deutschen Landen (Porträt um 1767)

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IN SEINEM LUSTSPIEL »Minna von Barnhelm« feiert Lessing eine starke Frau und rechnet mit allem Militärischen ab. Der Berliner Kupferstecher Daniel Chodowiecki illustriert 1769 Szenen wie diese aus dem Bühnenstück

Es ist das Jahr 1755, als Gotthold Ephraim Lessing wohl erstmals in seinem Leben das Gefühl bekommt, er habe das große Los gezogen. Die Gedankenwelt des wissbegierigen Dichters ist längst größer als die deutschen Lande, im Kopf ist er schon reichlich herumgereist. Nun aber eröffnet sich ihm endlich die Chance, die Welt da draußen auch wirklich zu erfahren. Der Leipziger Kaufmannssohn Christian Gottfried Winckler hat den ewig klammen Poeten als bezahlten Begleiter zu einer auf drei Jahre geplanten Europareise angeheuert. Der 26-jährige Lessing soll so etwas wie der Bildungsbeauftragte für den fünf Jahre jüngeren Spross aus wohlhabendem Hause sein; auch Übersetzer. Er spricht die Sprachen der Länder, in die es gehen soll, beherrscht Englisch, Französisch, Italienisch, dazu Spanisch. Am 10. Mai 1756 starten die beiden in Leipzig.

Ein Aufbruch in die Unbeschwertheit, wie es scheint. Doch das sieht nur kurz so aus. Ende August des Jahres, Lessing und Winckler sind da erst bis in die südlichen Provinzen der Vereinigten Niederlande gelangt, marschiert die preußische Armee in Kursachsen ein – und tritt damit los, was sich zum Siebenjährigen Krieg in Europa auswachsen wird. Winckler, der um seinen Besitz in der Heimat fürchtet, beschließt die Umkehr.

Ende September 1756 ist Lessing in Leipzig zurück und beklagt nicht nur „diesen unseligen Krieg“, sondern droht der treibenden Kraft in diesem Konflikt, dem preußischen König Friedrich II., „eine gewaltige Rechnung miteinander“ an. Da „nur er, er allein, die Schuld hat, dass ich die Welt nicht gesehen habe“. Ein ganz offensichtlich hilfloser Racheschwur, der aber zugleich klarmacht: Der Krieg arbeitet in Lessing. Und lässt ihn Jahre später jenes Werk schreiben, das ihn unsterblich machen wird: „Minna von Barnhelm, oder das Soldatenglück“.

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Glück? Doch eher vom Unglück eines Soldaten handelt dieses als „Lustspiel“ ausgegebene Drama. Es ist die Geschichte von der Wiederbegegnung des unehrenhaft entlassenen Kriegsheimkehrers Major von Tellheim mit seiner Verlobten Minna von Barnhelm, die ihn aus seinen erlebten Traumata nur mühsam befreien kann, das aber schließlich schafft, indem sie seinen verletzten Stolz mit ihrer ganz natürlichen Menschlichkeit überwindet.

Lessings „Minna“ ist wie das Aufwachen aus patriotischem Rausch, der aus dem königstreuen Volk der Preußen ein Heer machen sollte, das seinem Monarchen bis ans Ende aller Tage folgt. Unterscheidet Liebe von der verlangten „Vaterlandsliebe“. Setzt auf die Wandlungsfähigkeit des Menschen, auf Toleranz statt Sturheit, auf Dialog statt Waffengeklirr: ein revolutionär neuer Ton, der nicht nur das deutsche Theater aufrüttelt. Lessing schreibt mit der „Minna“ Geschichte. Geistesgeschichte. Und wenn das 18. Jahrhundert nicht nur als Jahrhundert der Kriege in Europa in Erinnerung bleiben wird, sondern auch als Zeitalter der Aufklärung, der Vernunft, gar einer neuen Empfindsamkeit und einer „Freiheit, zu denken“, so hat es auch mit ihm zu tun.

Der Mensch, der alles sprengen wird, was sich seine frommen Eltern von ihm erwarten, wird am 22. Januar 1729 in der kleinen Stadt Kamenz geboren, etwa 35 Kilometer nordöstlich von Dresden in der Oberlausitz. Von jenem Moment, als Gotthold Ephraim, das dritte von zwölf Kindern der Pastorenfamilie Lessing, über das achteckige Taufbecken in St. Marien zu Kamenz gehalten wird, sind es nur wenige Jahre bis zu der Entdeckung, dass in dem Jungen besondere Talente schlummern. Die öffentliche Schule in Kamenz unterfordert ihn bald. Er wechselt nach einem glänzend absolvierten Aufnahmetest, der ihn gleich ein Trimester überspringen lässt, im Alter von zwölf Jahren an die kurfürstlich-sächsische Landesschule Meißen. Sie ist in einem ehemaligen Kloster untergebracht, bekannt für ihre rigiden Regeln. Das Essen dort ist derart karg, dass es zu Hungertumulten unter den Schülern kommt. Jede Konversation hat auf Latein zu erfolgen. Daneben stehen unter anderem Griechisch, Hebräisch, Französisch, Mathematik und Geografie auf dem Lehrplan, Lessing aber beginnt zugleich, sich auch privat mit Autoren der klassischen Antike zu befassen. Er übersetzt die Schriften Euklids, verfasst Gedichte.

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Leipzig. IN DER MESSESTADT (unten) debütiert Lessing 1748 als »Komödienschreiber«. Ist aber bald wieder fort: Der Sohn eines strenggläubigen Lutheraners führt ein unstetes Leben

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SPÄTER ERNEUT in Leipzig ansässig, erlebt Lessing die Besetzung durch preußische Truppen – eine von mehreren Kriegserfahrungen, die in »Minna von Barnhelm« zusammenfließen

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Berlin. KEINE 20 JAHRE ALT ist Lessing, als er sich entschließt, als freier Schriftsteller zu leben – und erstmals in Preußens Hauptstadt mit ihrer Prachtstraße »Unter den Linden« zieht

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ÜBER FÜNF AKTE lässt Lessing Minna um ihren Verlobten kämpfen, den verarmt und versehrt aus dem Krieg heimgekehrten Major von Tellheim

Der Vater? Hasst das Theater

Es ist ein erster Schritt, sich vom Wertekanon seines Vaters, eines orthodoxen Lutheraners, zu entfernen. Und dazu beigetragen haben vor allem zwei Männer: Johann Gottfried Heinitz, der freigeistige Rektor der Kamenzer Stadtschule, dem Lessings strenggläubiger Vater in inniger Feindschaft gegenübersteht – und ein Verwandter der Lessings, der Schriftsteller und Naturforscher Christlob Mylius. Heinitz will deutsche Dichtkunst im Lehrplan verankern, will Poetik unterrichten und das Drama zum Mittel der Bildung machen. 1743 aber beschließt er nach „hitzigen Zunötigungen“ von Lessings theaterfeindlichem, jedoch einflussreichem Vater den Abschied aus der Stadt. Mylius hingegen greift das in einem Spottgedicht auf und verhöhnt den Prediger, der vor „tausend frommen Mienen, und so viel Heuchlern auch“ von der Kanzel herabgeschrien habe, die Jugend werde vom Theater zum Laster verführt und dazu, nicht mehr auf Gottes Wort zu hören. Heinitz hat da im jungen Lessing längst das Interesse am Bühnenspiel erweckt. Und mit Mylius freundet sich der angehende Dramatiker später sogar an.

In seinem letzten Jahr auf der Fürstenschule, 1745, kommt der Krieg erstmals in Lessings Leben. Preußische Truppen besetzen Meißen während des Zweiten Schlesischen Krieges, die Schule wird zum Lazarett. In 26 der 52 Lebensjahre Lessings tobt irgendwo in Europa Schlachtenlärm; mal weiter entfernt, jetzt ganz nahe. Meißen wird Schauplatz von Plünderungen, 4000 Verwundete und Kranke müssen untergebracht werden. „Sie bedauern mit Recht das arme Meißen“, schreibt Lessing an seinen Vater, es sei eine „Totengrube“ voller „Gestank und Unflat“. Und „kein Ort erbärmlicher als unsere Schule“.

Zu seinem Glück erhält Lessing wegen herausragender Leistungen vorzeitig sein Abschlusszeugnis und kann sich 1746 an der Universität Leipzig einschreiben. Dass er sich dort für das Fach Theologie immatrikuliert, ist ein letzter Gefallen an den Vater, Poesie beschäftigt ihn deutlich mehr. Und das Theater.

Die Arbeit an einem ersten umfangreichen Stück, der Komödie „Der junge Gelehrte“, hat Lessing bereits in Meißen begonnen. 1748, er ist 19 Jahre alt, führt es eine angesehene Truppe in Leipzig auf. Und es ist von neuartiger Dramaturgie, macht keine Umstände mit langatmigen Entrees, kommentiert keine Szenen, sondern springt mitten in sie hinein. „Die Post ist also noch nicht da?“, lautet der erste Satz. Eine banale Alltagsfrage, kein Pomp mit Pauken und Trompeten. Eine Kunst des umstandslosen Beginns, für die Lessing noch berühmt werden wird.

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MIT DEM VERLEGER und Schriftsteller Friedrich Nicolai tauscht Lessing Gedanken über das zeitgenössische Drama aus: Tragödien etwa sollen die »Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitern«

Ab 1748, inzwischen an der Universität Wittenberg für ein Medizinstudium eingeschrieben, lebt er seine Leidenschaft für die Bühnenkunst in einer Art Studium generale aus: Vorlesungen in Poetik und Ethik belegt er dort, in Geschichte, griechischer Sprache und Literatur, und außer in Mathematik und Physik schließlich auch in Rhetorik. Der Abschluss: Magister der Freien Künste.

Ein „Komödienschreiber“ will Lessing werden, das steht nun fest. Er schreibt es als „dero gehorsamster Sohn“ an seine Eltern. Und Welterfahrung will er sammeln, direkte, nicht nur eine aus Büchern. Nur das werde ihn „zu einem Menschen machen“. Er wird zu einem unsteten Menschen. Wie er Studienfächer und Orte gewechselt hat, zu Leipzig und Wittenberg kommt Berlin, so versucht er sich, von Schulden geplagt, als Bibliothekar für einen Privatmann, hat den Plan, Assistent eines Professors in Göttingen zu werden, der sich ebenso wenig erfüllt wie der Traum von der Gründung einer Theaterzeitschrift.

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LESSINGS FREUND Ewald Christian von Kleist, selbst Dichter, fällt als preußischer Major 1759 im Krieg. Von ihm lässt sich Lessing zur Figur des Tellheim inspirieren

Zugleich entstehen weitere Komödien, Lessing übersetzt den spanischen Dichter Calderón und Werke des Franzosen Voltaire, verfasst Gedichte und Fabeln, übernimmt die Redaktion des „Gelehrten Artikels“ der „Berlinischen Privilegirten Zeitung“ und der literarischen Beilage „Das Neueste aus dem Reiche des Witzes“. Das befriedigt sein Interesse am „Disputieren“, an Satire, Spott und Dialogformen, das er bereits in mehreren eigenen Lustspielen mit Titeln wie „Die alte Jungfer“, „Die Juden“, „Der Misogyn“ oder „Der Freigeist“ ausgelebt hat.

Zu Lessings vielen Freunden und intellektuellen Austauschpartnern zählt da schon der gleichaltrige jüdische Philosoph Moses Mendelssohn. Der kosmopolitisch gesinnte Dichter macht sich längst auch für die rechtliche Gleichstellung der Juden und religiöse Toleranz stark, teilt mit Mendelssohn seine Vorfreude auf die ab 1755 bevorstehende Europareise und wird von diesem in einem Brief mit den Worten verabschiedet: „Streifen Sie umher. Lernen Sie tausend Narren kennen, um sie von noch größern Narren auslachen zu lassen. Lernen Sie tausend Elende kennen, um noch Elendere zum Mitleiden zu bewegen.“

Umso größer ist Lessings Enttäuschung, als die Reise mit Winckler wegen des Kriegsausbruchs nach nur wenigen Monaten endet. Er fühlt sich betrogen. Schlimmer noch: Der Dichter, der Dispute lieber ohne Waffen ausgetragen sehen will, muss die Auswirkungen der Kämpfe aus nächster Nähe miterleben. Im November bezieht die preußische Armee ihr Winterquartier in Leipzig; es wird zu einem Ort der Repression. Die hohen Abgaben, die der Bürgerschaft von den preußischen Besatzern Kursachsens in Silber und Gold abverlangt werden, eine Schattenwirtschaft aus Bestechungs- und Handgeldern sowie erzwungene Naturalienabgaben an die Armee ruinieren die zuvor wohlhabende 25 000-Einwohner-Stadt. 1757 kreisen Truppen der Reichsarmee Leipzig ein, um die Stadt von den Preußen zu befreien. Tore werden vermauert, Brücken zerstört. Zu einem Angriff auf Leipzig kommt es zwar nicht, aber die Bewohner der Stadt haben für Stroh, Holz, Kerzen, Suppe, Fleisch und Gemüse für die einquartierten Soldaten Friedrichs des Großen zu sorgen. Auch Lessing, der zunächst im Gasthaus „Feuerkugel“ am Neumarkt logiert, hat sich den knappen Raum mit ihnen zu teilen.

Von den Schlachten vor der Stadt berichten andere Autoren ausführlicher als Lessing; dass die Gemetzel ihn gänzlich unberührt lassen, ist aber unwahrscheinlich. Zugleich führt er eine lange Korrespondenz mit seinem Freund Moses Mendelssohn und dem Schriftsteller und Verleger Friedrich Nicolai über das zeitgenössische Drama fort. Lessing schreibt: „Die Bestimmung der Tragödie ist diese: Sie soll unsre Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitern. Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste.“

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Breslau. SCHIERE GELDNOT treibt den Dichter 1760 in die schlesische Metropole. Er dient dort dem preußischen Kommandanten als Sekretär – und erlebt, wie Teile der blühenden Stadt in Trümmer fallen

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EMANZIPIERT ist auch die zweite Frau in Lessings Lustspiel: Minnas Kammermädchen und Vertraute Franziska, die einem Mann einen Heiratsantrag macht

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Hamburg. IN DER STADT an der Elbe steht das Nationaltheater (unten) an der Stelle der ältesten bürgerlichen Bühne im deutschsprachigen Raum. 1767 wird Lessings Drama dort uraufgeführt

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ANDERE LITERATEN der Zeit begeistert »Minna von Barnhelm«. Den Zensurbehörden jedoch missfällt Lessings kriegskritischer Ton

Auf die Großmut des Christian Gottfried Winckler, der ihm zunächst trotz abgebrochener Europareise weiterhin Kost und Logis gestellt hat, kann sich Lessing am Ende seiner Leipziger Jahre allerdings nicht mehr verlassen. Es kommt zum Bruch mit dem Sachsen Winckler, als sich Lessing mit einem preußischen Besatzer anfreundet: dem Major Ewald Christian von Kleist, und als er weitere preußische Offiziere zu einer Tischgesellschaft lädt. Lessing findet sich in einer prekären Situation.

Und zwischen allen Fronten. Einerseits bezeichnet er sich als „unparteiischsten Menschen“, schreibt, „machen Sie, dass bald Friede wird“. Andererseits intensiviert er das Zwiegespräch mit dem ihm seit 1755 bekannten Friedrich-Verehrer und Kriegsenthusiasten Johann Wilhelm Ludwig Gleim, gibt dessen „Grenadierlieder“ sogar in einem Sammelband heraus; Hymnen auf den preußischen Feldherrn, nicht selten gepaart mit martialischen Visionen von brutaler Vernichtung des Feindes. Bis ihm, der doch nach eigener Empfindung „ein Weltbürger sein sollte“, die drastische Entmenschlichung von Russen, Ungarn, Franzosen in Gleims Gedichten zu viel wird. „Der Patriot überschreiet den Dichter zu sehr“, lässt er Gleim wissen. Schon 1749 hat er schließlich geschrieben: „Ich bin kein Freund allgemeiner Urteile über ganze Völker.“

Weltbürger, nicht Patriot ist Lessing

Nur: Da ist eben die Geldnot des Denkers und Dichters. Schlimm schon deshalb, weil Lessing auch eine obsessive Neigung zum Glücksspiel hat. Und auch sein Trauerspiel „Philotas“, ein kritisches Stück über Kriegsheldentum, verfasst und 1759 uraufgeführt in Berlin, wohin Lessing von Leipzig zieht, ändert nichts an seinen finanziellen Kalamitäten. Mit Geistesgrößen mag er reichlich verkehren, sich mit Shakespeare befassen und eine Sophokles-Biografie planen, gar zum Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften gewählt werden, kommt aber zu dem Schluss, „dass man nicht bloß den Kopf, sondern, nach dem dreißigsten Jahre, auch den Beutel zu füllen bedacht sein müsse“. Er will endlich einen festen Lohn.

So heuert er, der Kriegsverächter, ohne Abschied von seinen Berliner Zirkeln zu nehmen, im November 1760 als Sekretär des preußischen Generalleutnants Friedrich Bogislav von Tauentzien im schlesischen Breslau an. Geht dorthin, wo sich der Siebenjährige Krieg entscheiden wird, zumindest auf dem europäischen Kontinent. Mitte 1761 finden Kämpfe in den Vorstädten Breslaus statt. Nach starkem österreichischen Artilleriebeschuss liegen Teile der reichen und schönen Stadt, einst als „Blume Europas“ bezeichnet, in Trümmern.

Lessing ist fortan nicht nur für sämtliche Dienstkorrespondenz Tauentziens zuständig: chiffrierte und im Klartext verfasste Amtsbriefe an den preußischen König; Meldungen über Verhaftungen, Verhöre von Kriegsgefangenen, Deserteure; Gesuche zu Munitionsbeschaffung; Nachrichten zu Bewegungen gegnerischer Truppen. Er erhält auch Einblick in die Methoden preußischer Kriegsfinanzierung, zu der drastische Währungsmanipulationen gehören.

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ALS VEREHRER des preußischen Königs Friedrich II. verfasst Johann Wilhelm Ludwig Gleim martialische Kriegslyrik. Dafür erntet er von seinem Bekannten Lessing letztlich scharfe Kritik

Notgedrungen ist er auch zugegen, als Tauentzien zu einer der aufwendigsten und verlustreichsten Belagerungsaktionen des gesamten Krieges aufbricht: der Eroberung der etwa 50 Kilometer südwestlich von Breslau gelegenen Festung Schweidnitz. 15-jährige Soldaten sind dabei, Männer, deren Hunger so übermächtig ist, dass sie Pferdeäpfel nach Gerstenkörnern durchsuchen. Am 9. Oktober 1762, nach zwei Monaten des Widerstands, kapitulieren die österreichischen Verteidiger der Festung; Lessing gehört zu denen, die sehen können, was die Granaten, Vollkugeln und Bomben angerichtet haben.

Kein Jahr später ist der Krieg vorbei. Für Lessing jedoch nicht: „Minna von Barnhelm“ wird seine Abrechnung mit dem Militär, mit Autoritätshörigkeit, Kadavergehorsam. Er wird das Stück erst 1767 veröffentlichen, aber auf 1763 zurückdatieren. Es soll illustrieren, was Kriege aus Menschen machen, selbst wenn die Waffen schweigen. Vier Erfahrungen Lessings gehen in seine „Minna“ ein: Er hat Kriegskrüppel gesehen. Er weiß von dem strikten wie fatalen Helden- und Ehrbegriff der Soldaten, von den Aufrufen der Offiziere zur Todesverachtung. Er hat gelernt, mit welch brachialen Methoden ein Krieg finanziert wird. Und er betrauert den Tod seines Freundes Kleist, Dichter und Offizier, 1759 in der Schlacht von Kunersdorf schwer verwundet, einige Tage später gestorben: ein weiteres Opfer für König und Vaterland aus den Reihen des Adels, von klein auf zu Gottesfurcht und „Hass gegen die Weichheit“ erzogen, wie es ähnlich 1717 schon der Vater Friedrichs II. dekretiert hatte.

Dieser Kleist, davon gehen schon Lessings Zeitgenossen aus, ist die Vorlage für den Major von Tellheim, jenen verwundeten, seelisch und, wie er selbst glaubt, auch sozial zerstörten Kriegsheimkehrer in preußischen Diensten, den der Dichter auf die liebende Minna von Barnhelm aus Kursachsen treffen lässt. Mit ihr tritt eine gerade 21 Jahre junge mutige und selbstbewusste Frauenfigur in die Literatur, die sich frei macht von Konventionen, die fern von höfischem Pomp und alten Frontverläufen agiert, die auch neckisch sein kann und im Morgenmantel empfängt. Die über gekränkten Stolz und Männlichkeitsattitüden siegt, Trösterin ist und Erweckerin. Schlauer als die Unterwürfigen, bereit, noch in „schlechten“ Menschen die „gute Seite“ zu suchen.

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KARL WILHELM FERDINAND, Erbprinz und späterer Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel, bietet Lessing 1769 eine Stelle als Bibliothekar an

Paradierende Soldaten tauchen in der „Minna“ als „Drechslerpuppen“ auf. Und „die Großen“? „Sehr entbehrlich“, sagt Minna, „niemals waren sie es mehr als jetzt.“ Wie auch alle Männer, „die nur immer ihr stieres Auge auf das Gespenst der Ehre heften!“ Und jede Frau, „die sich nicht schämet, ihr ganzes Glück der blinden Zärtlichkeit eines Mannes zu verdanken“. Das gute Ende: Minna und ihr verwundeter Held bekommen sich und beweisen damit, was selbst in Zeiten gesellschaftlicher Verwerfungen geschehen kann, wenn Herz und Vernunft eingeschaltet werden.

Goethe, ohnehin davon überzeugt, Lessing sei „der höchste Verstand“, empfindet die „Minna von Barnhelm“ als glückliche Öffnung „in eine höhere, bedeutendere Welt“ der Dichtkunst, die Zensurbehörden tun das mitnichten. Lessing erfährt das, als die Uraufführung des Stückes 1767 in Hamburg, wo er inzwischen wohnt, auf Geheiß des preußischen Gesandten zunächst verboten wird. Offenbar sind dem Beamten die kritischen Untertöne gegen den Kriegsstaat suspekt.

Da ist Lessing aber längst in andere Kontroversen verstrickt. Anhaltend streitet er mit der lutherischen Geistlichkeit, namentlich mit dem Hamburger Hauptpastor von St. Katharinen, Johann Melchior Goeze, über die freie Meinung in Glaubensdingen, gegen das Deutungsmonopol der Kirche und kirchliche Zensur, gegen die vermeintliche Wahrheit der Offenbarung. Er setzt ihr den einfachen Anspruch einer Philosophie der Menschlichkeit entgegen. Und die Befreiung der Wissenschaften von den Vorgaben der Theologie. Er verkehrt mit Physikern, Ärzten, Anwälten, Orientalisten, mit Optikern, Architekten und Verlegern.

Theater in Frankfurt, Wien, Leipzig, Berlin spielen die „Minna“ dann doch, sie wird ins Französische, Englische, Dänische übersetzt. Es passt zu Lessing, der von sich sagt, dass er keine Liebe zum Vaterland empfinde, auch wenn er ja vor allem dort eine Erneuerung der gesamten Literatur erreichen, eine neue Moral in das Theater bringen will, einen ethischen Sinn. Und: Empathie als Grundlage kompetenten Urteilens, Theater zu einem Ort des Mitleidens machen, das will Lessing unbedingt. „Der einzige Fehler eines tragischen Dichters ist dieser, dass er uns kalt lässt“, schreibt er. Und gegen seine Zeit formuliert er: „Wenn Pomp und Etiquette aus Menschen Maschinen machen, so ist es das Werk des Dichters, aus diesen Maschinen wieder Menschen zu machen.“

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Wolfenbüttel. EUROPAWEIT BERÜHMT ist die Bibliotheca Augusta (unten, Gebäude in der Mitte) am Wolfenbütteler Schlossplatz. Elf Jahre wirkt Lessing als ihr Leiter, mehrt ihren Ruhm, bis zu seinem Tod 1781

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EIN GUTES ENDE: Nach etlichen Wirrungen finden Minna von Barnhelm und ihr seelisch verwundeter Verlobter wieder zusammen

Aber wohin mit seinem eigenen Menschsein, wenn es nicht nur Genie sein soll? Kann er lieben, während er mit „Emilia Galotti“ und „Nathan der Weise“ weitere Werke der Weltliteratur schafft und, immer wieder knapp bei Kasse, schließlich sogar seine 6000 Bücher umfassende Bibliothek verkaufen muss?

1769 bietet Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel Lessing eine Stelle als Bibliothekar in der europaweit bekannten Bibliotheca Augusta an. Der Dichter nimmt sie an. Sieben Jahre später heiratet er Eva König, die Witwe eines seiner Freunde. Am Weihnachtstag 1777 gebiert sie den Sohn Traugott, der aber bereits zwei Tage später stirbt. Am 10. Januar 1778 stirbt auch die Mutter. Lessing hat noch drei Jahre zu leben, Asthma-Anfälle plagen ihn, 1781 bricht er zusammen. Am Abend des 15. Februar verglüht seine physische Existenz nach einem Infarkt (des Herzens oder des Gehirns ist heute nicht mehr zu sagen) in Braunschweig.

In Hamburg an der Elbe, wo man bereits die Uraufführung der „Minna“ verhindern wollte, wird jede Presseveröffentlichung über die Trauerfeier für einen der größten Dichter der Epoche der Aufklärung vom Senat untersagt. Zu sehr hatte der für religiöse Toleranz eintretende Lessing in seiner kurzen Zeit in der Hansestadt die Gemüter der Autoritäten erzürnt.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Gaede, Peter-Matthias: Gotthold Ephraim Lessing. Der Dichter der Vernunft, in: Der Siebenjährige Krieg (GEO Epoche, Jg. 2024, Heft Nr. 124 ), Hamburg 2024, S. 122-134.

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