Friedrich Wilhelm I.

Inhaltsverzeichnis

1. Friedrich Wilhelm I. Der Soldatenkönig.

1. Friedrich Wilhelm I. Der Soldatenkönig. 

Er ist ein Grobian und Choleriker, ein Säufer und Vielfraß, ein Militarist und unkultivierter Geizhals. Doch zugleich ist der Preuße Friedrich Wilhelm I. ein kluger Reformer, der die Wirtschaft fördert, die Staatsfinanzen saniert, die Korruption in der Verwaltung eindämmt – und so die Grundlage schafft für den Aufstieg seines Landes zur europäischen Großmacht

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FRIEDRICH WILHELM I. in Feldherrenpose: Doch tatsächlich wird er in seiner 27 Jahre währenden Herrschaft nur einmal in einen großen Krieg ziehen

Ein unerträglicher Junge. Schlägt dem Lehrer auf den Kopf, wenn der es wagt, ihn nachsitzen zu lassen. Steigt auf einen Fenstersims des Schlosses, als wolle er sich hinabstürzen – weil die Gouvernante ihm eine Strafe angekündigt hat. Einmal droht er seinen Erziehern: „Wenn ich groß bin, werde ich ihnen allen den Kopf abhauen lassen.“ Mancher am Hofe, so heißt es, würde lieber auf einer Galeere dienen als dem Kurprinzen Friedrich Wilhelm von Hohenzollern, dem Erben Brandenburg-Preußens. Ein kräftiger Junge, auch seinen Eltern gegenüber in ständiger Opposition. Er verachtet das Prunkleben seines Vaters, des Kurfürsten (und ab 1701 Königs) Friedrich, an dessen Residenzen Festmahle, Ballette und Opern in steter Folge wechseln. Ein Schlafröckchen aus Goldstoff, das ihm Zofen überstreifen wollen, wirft er ins Kaminfeuer.

Auch die Mutter Sophie Charlotte, eine belesene Frau, fasziniert von den Ideen der Aufklärung, findet kaum Zugang zu ihm. Täglich lässt sie ihn zu sich kommen, um mit ihm staatsphilosophische Literatur zu lesen, doch der Sohn interessiert sich nur für eine Frage: Wann darf ein Fürst Krieg führen? Denn nichts begeistert ihn mehr als die Welt der Soldaten, das Stampfen ihrer Stiefel im Gleichschritt. Er schmiert sein Gesicht mit Fett ein und legt sich in die Sonne – um braun zu werden wie ein Krieger nach einem langen Feldzug. Spaziert er durch den Schlosspark, überprüft er, ob die Wachsoldaten ihre Uniformen richtig geknöpft und ihre Waffen gereinigt haben.

Als er mit neun Jahren erfährt, dass Brandenburg-Preußen wegen der verschwenderischen Hofhaltung seines Vaters hoch verschuldet ist und die Armee zeitweise verkleinern muss, ist das ein Schlag für ihn: Hat er nicht selbst bereits Offiziere darüber belehrt, dass das Militär „die Basis des Staates“ sei? Mit zehn beginnt er, Buch zu führen über sein Taschengeld – als könne er so den Staatshaushalt ausgleichen. Sparsamkeit und Pedanterie gehören zu diesem seltsamen Jungen bald genauso wie seine Launen und Wutanfälle. Schon früh reist er in die Niederlande und ist beeindruckt vom Fleiß der Kaufleute dort, die im Überseehandel ein Vermögen verdienen und doch, aus Bescheidenheit und Gottesfurcht, in schlicht ausgestatteten Häusern leben.

Friedrich Wilhelm folgt, ebenso wie seine Vorfahren, dem Calvinismus – einer besonders rigorosen Form des Protestantismus, die lehrt, dass derjenige in Gottes Gnade steht, der hart und erfolgreich arbeitet. Doch anders als der Vater nimmt der Sohn den Glauben auch in Bezug auf Bescheidenheit und Pflichterfüllung ausgesprochen ernst. Der Prinz lebt diesen Glauben, wie es für ihn typisch ist: ungestüm und gewaltsam. Faulheit hält er für eine Sünde, die er bekämpfen muss. In Berlin wird er später Untertanen verprügeln, die an Straßenecken herumlungern. Zugleich formt sich in ihm die Überzeugung, dass Gott ihn persönlich auserwählt hat zum Regenten Brandenburg-Preußens – jener weit gestreuten, nicht zusammenhängenden Gebiete zwischen Memel und Niederrhein, die man bald nur noch „Preußen“ nennt.

Tatsächlich wird das schwierige, launische Kind zu einem der bedeutendsten deutschen Herrscher heranwachsen – und zu einem der eigenwilligsten. Historiker werden ihn später häufig auf die Rolle des ganz aufs Militär fixierten Soldatenkönigs reduzieren – doch Friedrich Wilhelms Persönlichkeit ist mehrdimensionaler, schillernder, und so ist auch sein Handeln oft vielfältiger, in der Politik wie im Privaten.

In vierfacher Hinsicht wird er die deutsche Geschichte des 18. Jahrhunderts zutiefst prägen:

• als König, der radikal mit Traditionen barocken Herrschertums bricht;

• als Schöpfer einer der mächtigsten Armeen der Zeit;

• als Neuerer, der Preußen zu einem der modernsten Staaten Europas macht;

• als hartherziger Vater, dessen Grausamkeit den Charakter seines Sohnes formt – und ihm zugleich die Instrumente in die Hand gibt, Preußen zur Großmacht zu schmieden: jenem Friedrich, der als einziger deutscher König der Neuzeit den Beinamen „der Große“ tragen wird.

Friedrich Wilhelm I. ist ein Mann der Widersprüche, zerrissen von Stimmungsschwankungen: ein impulsiver Wüterich, der umsichtig Reformen einleitet; ein frommer Christ, der rücksichtslos Menschen quält. Und ein Soldatenkönig, der den Krieg scheut.

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FRIEDRICH I., der Vater des Soldatenkönigs, hat sich 1701 selbst zum preußischen Monarchen gekrönt

I. DER PRUNKVERÄCHTER

Wie Friedrich Wilhelm mit der Pracht und Verschwendung des Barock bricht

Berlin, Stadtschloss, 25. Februar 1713. Der Leichnam seines Vaters ist noch nicht erkaltet, da eilt Friedrich Wilhelm schon aus dem Sterbezimmer und lässt sich eine Aufstellung über den Hofetat des prunksüchtigen Vorgängers bringen Der neue König nimmt die Liste – und durchkreuzt sie symbolisch mit einem Federstrich. Jeder im Schloss begreift: Ein Umbruch steht bevor. In den folgenden Tagen zieht sich Friedrich Wilhelm in sein Lieblingsschloss Wusterhausen südöstlich von Berlin zurück, ein düsteres Anwesen, auf dessen Hof mehrere mit Stricken angebundene Bären wachen. Dort geht der König alle Etatposten durch und kürzt sie zusammen: Fort mit dem Chocolatier! Fort mit den Kastratensängern, den Komponisten, Cellisten – und auch mit dem Oberzeremonienmeister, der den Hohenzollern seit mehr als 30 Jahren dient! Zwei Dritteln aller Hofangestellten kündigt Friedrich Wilhelm, kürzt die Gehälter der übrigen um 75 Prozent.

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FRIEDRICH WILHELMS Ehefrau Sophie Dorothea leidet unter der Grobheit und dem Jähzorn ihres Gatten. Doch immerhin ist er ihr treu: Entgegen den Sitten der Zeit hat Preußens Herrscher keine Mätressen

Von den 24 Schlössern seines Vaters verkauft oder verpachtet er 18, lässt Luxusgüter wie Goldgeschirr und seltene Weine versteigern. Selbst die beiden Löwen aus dem königlichen Tiergehege müssen gehen; er schenkt sie einem entfernten Verwandten, dem sächsischen Kurfürsten Friedrich August, der für solch exotische Preziosen mehr Sinn hat. Binnen weniger Tage reduziert er die Staatsausgaben um mehr als eine Million Taler, das ist gut ein Drittel des Etats. Doch es geht ihm um weitaus mehr als nur ums Sparen. Dies ist eine royale Revolution: ein Bruch mit dem Lebensstil seines Vaters.

Friedrich Wilhelm verzichtet damit nicht nur auf persönlichen Luxus – daran ist ihm ohnehin nicht viel gelegen –, sondern auch auf ein etabliertes System von Ritualen, um seine Macht zur Schau zu stellen. Denn die üppigen Feste, die Europas Herrscher feiern, die gewaltigen Schlösser, die sie bauen, ihre Krönungen, Hochzeiten, selbst die Begräbnisse dienen ja vor allem einem Zweck: die Größe und Überlegenheit ihrer jeweiligen Dynastien den Untertanen und Nachbarfürsten vorzuführen. Preußens neuer König lehnt all das ab – aus Abneigung, calvinistischer Demut und Knauserigkeit. Selbst die Krönungszeremonie, für die sein Vater 1701 noch mehr als den gesamten Jahresetat ausgegeben hat, schafft er ab.

In seinen Gemächern im Berliner Schloss sind die Wände nicht mit Seidendamast bespannt, sondern mit Kalk getüncht. Statt der Seidenröcke und Kniehosen, die in Paris Mode sind, zieht er gern eine blaue Militäruniform an. Er verabscheut die üblichen langen Lockenperücken, trägt stattdessen ein schlichtes Exemplar mit Zopf. Und fast nie sieht man ihn auf Empfängen oder Konzerten – der Herrscher verbringt seine Abende lieber in einer Männerrunde, die einer Versammlung von Wirtshauszechern gleicht: dem Tabakskollegium.

Jeden Wochentag trifft sich nachmittags diese Runde, zu der die wichtigsten Mitarbeiter des Königs gehören: Der Kriegsminister ist dabei – der weltgewandte Friedrich Wilhelm von Grumbkow, der die Wutanfälle des Monarchen geduldig erträgt und ihn, sobald er sich beruhigt hat, zumindest ein wenig lenken kann. Der Generalfeldmarschall Leopold von Anhalt-Dessau, ein enger Freund und Ratgeber des Monarchen, mit dem der König eine große Militärreform plant. Häufig ist auch der Botschafter des Kaisers zu Gast, Friedrich Heinrich Graf von Seckendorff, ein hochbegabter Intrigant, der geschickt die Interessen des Wiener Hofes vertritt. Und der Schriftsteller David Fassmann, ein Verfasser spöttischer Satiren. Hinzu gesellen sich weitere Diplomaten und hohe Beamte, manchmal auch durchreisende Abenteurer, von denen sich die Runde Unterhaltung verspricht. Insgesamt versammeln sich meist rund zehn Mann. Die Gäste sitzen auf Holzbänken an einem Tisch, saugen an langen, holländischen Pfeifen.

In Deckelbechern schäumt Bier, das sie sich selbst aus einer hohen Silberkanne zapfen. Diener sind nicht anwesend, denn hier soll es so unzeremoniell wie möglich zugehen. Daher ist es auch nicht üblich, sich zu erheben, wenn der König den Raum betritt. Der Ton ist derb. Die Männer ereifern sich stundenlang über die neuesten Zeitungsberichte, prahlen mit ihren Erfolgen auf der Jagd, reißen Zoten. Manchmal gehen Gäste mit Fäusten aufeinander los; in einem Streit der Betrunkenen über theologische Fragen etwa schlägt der Autor Fassmann einem Gelehrten so heftig ins Gesicht, dass der fast auf den König fällt.

Friedrich Wilhelm heizt mit seinem sadistischen Humor die Stimmung weiter an. Fast jeden Abend verhöhnt er Jacob Paul Gundling, einen Professor und Historiker und damit Angehörigen einer Gruppe, die er „Tintenkleckser und Schmierer“ nennt. Er zwingt ihn, einen aus der Mode gekommenen Hut mit weißen Straußenfedern zu tragen, der dem entlassenen Oberzeremonienmeister gehörte. Lässt ihm Abführmittel einflößen und ihn dann die Nacht über in eine Zelle sperren. In einem Winter in Wusterhausen befiehlt er, den dicken Mann als Eisbrecher so lange an Seilen in den zugefrorenen Schlossgraben hinabzulassen, bis die Schollen bersten. Gundling erträgt die Herabwürdigungen, weil der König ihm verschiedene Ämter verleiht und eine Wohnung im Potsdamer Schloss überlässt. Doch die Demütigungen machen ihn alkoholabhängig. Als er 1731 stirbt, ordnet Friedrich Wilhelm eine letzte Veralberung an und lässt ihn trotz Protesten der Pfarrer in einem Weinfass begraben.

Das sind die Vergnügungen, die der Herrscher liebt – und andere gibt es in seiner Hauptstadt kaum noch. Berlin, bis vor Kurzem Sitz eines der prachtvollsten Höfe Europas, beginnt unter dem knauserigen Monarchen zu veröden. Die Wirtshäuser schließen auf allerhöchsten Befehl um 21 Uhr; Künstler verlassen die Stadt, da der neue Regent fast nie Aufträge vergibt. Andreas Schlüter etwa, der hochbegabte Bildhauer und Architekt am Berliner Stadtschloss, siedelt nach Sankt Petersburg über Die von seinem Vater gegründete „Societät der Wissenschaften“ verspottet der König und stellt ihr Aufgaben wie: Sie möge die Ursache des Sprudelns im Champagner erforschen. Denn Geist und Kunst zählen nichts in Friedrich Wilhelms neuem Preußen. Wer von ihm respektiert werden will, der muss Degen, Stiefel und Uniform tragen.

II. DER SOLDATENKÖNIG

Auf welche Weise der Monarch die Fundamente für die preußische Militärmacht legt

Nichts macht Preußens Herrscher mehr Freude, als seinen Kriegern beim Exerzieren zuzusehen. In den Schlössern von Berlin und Potsdam lässt er seine Privatgemächer so legen, dass er von den Fenstern aus auf die Paradeplätze blicken kann. Da steht er dann und beobachtet, wie die Infanteristen aufziehen und Offiziere in kurzem Takt ihre Kommandos brüllen. Und wenn die Soldaten so präzise marschieren, dass nur ein einziger Tritt zu hören ist oder das Feuer aus Hunderten Flinten wie ein einziger Schuss klingt, ist Friedrich Wilhelm ein glücklicher Mann.

Diese perfekt eingespielte Militärmaschinerie ist sein Werk. Mit ihr erfüllt er sich seine Träume vom Soldatenleben, befriedigt seinen fanatischen Sinn für Ordnung – und schafft sich zugleich ein Instrument für sein wichtigstes politisches Ziel: den Aufstieg seines Landes zu einer souveränen Macht, die unabhängig von anderen Staaten und dem Kaiser außenpolitisch agieren kann. Bevor er die Regierung übernommen hat, betrachteten Europas Fürsten die Hohenzollern nicht gerade voller Respekt. Zwar hatte man als Verbündeter gern ihre (zahlenmäßig starke) Armee an seiner Seite. Doch es handelte sich letztlich um eine Ansammlung von Söldnern, die fremde Herrscher für ihre Feldzüge anmieten konnten. Berlin erhielt dafür Geld – aber kaum Anteil an erobertem Land und anderer Beute. Denn es galt den Partnern nicht als ein Alliierter auf Augenhöhe.

Doch Friedrich Wilhelm will nicht mehr nur als roi mercenaire gelten, als Söldnerkönig – sondern Oberbefehlshaber einer furchterregenden Streitmacht sein. Und das möglichst schnell! Schon Wochen nach der Thronbesteigung beginnt er die Truppenstärke zu vergrößern. Er schickt Offiziere durch Dörfer und Kleinstädte, die nach kräftigen Bauernburschen und Handwerksgesellen suchen – und sie oft mit Gewalt in die Armee zwingen.

Sie halten Postkutschen an, dringen selbst in Kirchen ein und führen während des Abendmahls junge Männer ab. In Panik läuten Dorfbewohner Sturm, wenn die Rekrutierungskommandos anrücken, viele Untertanen fliehen vor der Menschenjagd ins Ausland. Besonders haben es die Werber abgesehen auf Männer von mindestens sechs Fuß Länge: 1,88 Meter. Für die derart groß gewachsenen Krieger hat der Monarch eine schwer zu erklärende Vorliebe. Wie kostbare Puppen lässt er sie sich aus ganz Europa bringen, aus Irland, Ungarn, der Ukraine. Dem russischen Zaren Peter dem Großen überlässt er 1716 das „Bernsteinzimmer“, die kostbare Innenausstattung für ein Kabinett im Berliner Schloss – und erhält dafür 55 hünenhafte Krieger.

Diese Soldaten, „Lange Kerls“ genannt, fasst Friedrich Wilhelm in seinem Leibregiment zusammen. Ihnen gegenüber ist der sonst so schroffe König außerordentlich zugewandt. Sind sie krank, schickt er zuweilen seinen Leibarzt; stirbt einer, erscheint er zur Beerdigung und gibt den Befehl zum Salutschießen am offenen Grab. Um die Krieger immer vor Augen zu haben, lässt er von einigen Porträts malen und hängt sie in den Gängen seiner Schlösser auf. Schon als Kronprinz hatte Friedrich Wilhelm auf Reformen des Militärs gedrängt und ihm unterstellte Einheiten zu Mustertruppen umgeformt. Nun will er die ganze Armee radikal erneuern.

Schluss damit, dass sich Uniformen, Waffen und Kommandoworte oft von Regiment zu Regiment unterscheiden. Der König hasst solche Unordnung und legt fest: Fortan soll jeder preußische Soldat die gleichen Bajonette und Degen nutzen, Befehlen nach einheitlichem Muster folgen. So vermeidet er Verwirrung im Manöver und auf dem Schlachtfeld – und spart zugleich Geld, denn in großer Zahl lässt sich Militärausrüstung günstiger produzieren. Bei solchen Neuerungen unterstützt ihn Leopold von Anhalt-Dessau, der Dauergast im Tabakskollegium und kampferprobte Feldherr. Leopold, ein ständig fluchender Mann, ähnelt dem König im Charakter. Schon als Jugendlicher hat er Schriften über die Kriegskunst anderer europäischer Armeen gelesen – und später im Spanischen Erbfolgekrieg für Preußen an der Seite der Niederländer gekämpft und deren hervorragend organisierte Streitmacht genau studiert.

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DER ERBE: Mit der vom Vater aufgebauten Armee formt Friedrich II. Preußen zur gefürchteten Großmacht

Mit diesem Wissen hilft er nun dem königlichen Freund. Von den Niederländern übernimmt Leopold die wichtigste Neuerung: einen unerbittlichen Drill. Immer wieder üben die Offiziere mit den Soldaten mehrere Dutzend vorgeschriebene Handgriffe, die ausgeführt werden müssen, um die Gewehre synchron abzufeuern, dann nachzuladen und wieder abzufeuern. Das Marschieren im Gleichschritt lassen die Vorgesetzten so lange trainieren, bis die Männer wie Maschinen laufen Überdies führt Leopold das Pelotonfeuern ein, Jahrzehnte zuvor von schwedischen Strategen erfunden. Dabei schießen die acht Unterabteilungen eines Bataillons, die Pelotons, beim Vorrücken unablässig – und zwar zunächst das erste Peloton ganz links, dann das achte rechts außen, darauf das zweite und das siebte weiter innen, immer so weiter, bis die Mitte erreicht ist.

Ein perfekt choreografiertes Feuerwerk – und genau die Art von Ästhetik, die den König entzückt. Wenn er zweimal im Jahr seine Armee bei den großen Heerschauen vor zahlreichen Zuschauern vorführt, kommandiert er das Pelotonfeuern oft selbst. Und lässt dann die einzelnen Abteilungen in einer Geschwindigkeit schießen, „als wären sie Klaviere, auf welchen er spielte“, wie ein Beobachter notiert. Daneben hat die neue Schießtechnik aber auch praktischen Nutzen: Die Truppen können den Feind auf diese Weise trotz einer Ladepause der Flinten von mindestens einer halben Minute ununterbrochen unter Feuer nehmen. Derart komplexe Kampfarten verstehen nur Soldaten, die ständig exerzieren. Der Monarch löst daher die alten Landmilizen auf. Denn was soll er mit diesen schlecht ausgebildeten Haufen aus Handwerkern und Bauern, die nur im Kriegsfall eingezogen werden? Nach der Abschaffung dieser Laientruppen hat Preußen ein stehendes Heer, das auch in Friedenszeiten einsatzbereit ist.

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WENN ES UM DIE »LANGEN KERLS« seiner Leibgarde geht, verliert der sonst so geizige Friedrich Wilhelm jedes Maß. Für diesen russischen Hünen und 54 Kameraden überlässt er dem Zaren das »Bernsteinzimmer«

Der König will Ruhe im Land und ist selbstkritisch genug, Missstände zu beseitigen, die er selbst geschaffen hat. 1733 beendet er die Zwangswerbungen, die immer wieder Panik bei den Untertanen ausgelöst haben – und führt stattdessen ein neuartiges Verfahren ein, das einer allgemeinen Wehrpflicht ähnelt. Er legt fest, dass im Prinzip jeder erwachsene Mann Armeedienst leisten muss. Anders als zuvor dauert die Grundausbildung fortan meist nur knapp ein Jahr; anschließend dürfen die Männer die Streitkräfte verlassen, treten als Reservisten noch zwei bis drei Monate jährlich zu Auffrischungsübungen an (tatsächlich verzichtet die Armee darauf, Pfarrerssöhne, Regierungsbeamte, Bauern mit eigenem Hof sowie alle unter 1,69 Meter einzuziehen, und so muss nur rund ein Siebtel aller Männer antreten).

Im Laufe der Jahre verdoppelt sich die ohnehin große preußische Streitkraft: von anfangs knapp 40000 auf über 80000 Soldaten. Nur die Heere Frankreichs, Russlands und Österreichs sind größer. Aus dem Hohenzollernstaat ist eine respektierte Macht geworden.

Doch Friedrich Wilhelm setzt die Kämpfer fast nie ein. Denn die Armee ist sein Kunstwerk – und das liebt er viel zu sehr, um es in einer Schlacht zu opfern. Zudem erscheinen ihm Kriege viel zu teuer. Nur einmal, ganz am Anfang seiner Regierungszeit, wagt er einen Feldzug: 1715 kämpfen seine Männer gemeinsam mit Sachsen und Dänen gegen die Schweden und erbeuten von ihnen Stralsund und Rügen. Im Friedensvertrag bekommt Friedrich Wilhelm später Stettin und den Süden Vorpommerns zugesprochen. Es ist der einzige große Kriegseinsatz seiner Armee. Die Regierungszeit des Soldatenkönigs ist für Preußen weitgehend eine Ära des Friedens. Denn die Streitmacht ist so groß, dass sie andere Fürsten davon abhält, mit ihrem Heer einfach durch preußisches Territorium zu ziehen – wie es Friedrich Wilhelms Vater noch hatte hinnehmen müssen

III. DER RASTLOSE REFORMER

Mit welchen Mitteln Friedrich Wilhelm aus dem korrupten Preußen einen effizienten Staat macht

Wenn das Militär nur des Königs einzige Sorge wäre – doch er hat ja auch noch einen Zwei-Millionen-Einwohner-Staat zu regieren. Schon beim ersten Morgenlicht lässt er sich beim Ankleiden von Sekretären die Vorlagen vortragen, bekritzelt sie in einem oft wüsten Ton. Schreibt in seinem merkwürdigen Deutsch (denn am Hof wird meist Französisch gesprochen): „Ist ein Narre, soll mir im arß lequen.“ Droht trägen Beamten: „Wofern das und das nicht geschieht, so werde ich es scharf ansehen.“ Ermahnt seine Minister: „Wir sie dafür bezahlen, dass sie arbeiten sollen.“ Dutzende Schriftstücke bearbeitet er jeden Morgen. Und überall sieht er veraltete Strukturen, schwerfällige Abläufe. Kurzum: ein von Ineffizienz gelähmtes Land. Weshalb zum Beispiel stehen an der Spitze der Finanzverwaltung zwei Ämter, die auch noch ständig im Streit miteinander liegen? 1723 schafft er sie ab und gründet als neue oberste Behörde das Generaldirektorium, das sich um die Erhebung der Steuern, Post und Verkehr, die Erträge der königlichen Güter, aber auch um Kriegsproviant und die Verwaltung des Salzmonopols kümmert.

Da er den Schlendrian unter seinem Vater noch ungut in Erinnerung hat, schreibt er den Ministern des Generaldirektoriums ihre Bürostunden penibel vor: Jeden Morgen müssen sie um sieben Uhr zu Beratungen zusammentreten (im Winter um acht). Wer eine Stunde zu spät kommt, zahlt 100 Dukaten Strafe. Fehlt jemand zweimal, wird er aus dem Amt entlassen.

Und weil auch ein rastloser Mann wie Friedrich Wilhelm nicht alles selbst überwachen kann, erlässt er eine weitere Regel: Die Minister müssen ihre Beschlüsse stets gemeinsam fassen. Der Verantwortliche für den Kriegsproviant entscheidet so bei Fragen des Postwesens mit – und umgekehrt. Auf diese Weise will der Monarch sicherstellen, dass sich die Staatsbediensteten gegenseitig kontrollieren, und darüber hinaus Intrigen und Bestechlichkeit verhindern. Korrupte Amtsleute straft er hart: In Königsberg lässt er einen Kriegsrat, der Geld unterschlagen hat, vor dessen Arbeitszimmer aufhängen.

Auch durch solche Exempel zieht sich Friedrich Wilhelm eine Generation von Beamten heran, wie es sie kaum irgendwo in Europa gibt: loyal, gewissenhaft, diszipliniert. Die Posten in der Zentralverwaltung besetzt er bevorzugt mit Bürgerlichen (die er anschließend in den Adelsstand erhebt). Denn Aristokraten mit ihren seit Jahrhunderten bestehenden Sonderrechten stehen seiner Idee vom Staat entgegen: dem Absolutismus – also der Auffassung, dass ein Fürst in seinem Reich uneingeschränkt über alle Gruppen der Gesellschaft herrscht. Systematisch beginnt er, die Privilegien des Adels zu beseitigen. Besonders stört ihn der oft noch aus dem Mittelalter stammende Lehnsbesitz (die Vorfahren der Aristokraten hatten einst von Königen Land erhalten und sich dafür verpflichtet, den jeweiligen Herrscher bei einem Krieg mit Rittern und Pferden zu unterstützen); Steuern zahlt der Adel dafür nicht, was der König ändern will.

Sein Ziel ist es, die Lehen in besteuerbaren Grundbesitz umzuwandeln. Zwar würden die Güter damit zum Eigentum der Noblen, über das sie frei verfügen könnten, dennoch wehren sich die dagegen, Steuern zu zahlen. Ein jahrelanges Ringen zwischen König und Aristokraten beginnt. Einige Adelige aus dem Magdeburgischen verklagen ihren Landesfürsten gar in Wien beim Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, zu dem große Teile Brandenburg-Preußens gehören. Der Habsburger mahnt Friedrich Wilhelm daraufhin ab – was den impulsiven König sehr in Rage bringt: Er schimpft, er werde vom Kaiser behandelt, als wäre er „ein Fürst von Zipfel-Zerbst“ – und verfolgt seinen Plan erbittert weiter, lässt etwa die Steuer in einigen Gebieten mit Gewalt eintreiben.

Doch wegen des Widerstands und des komplizierten Lehnsrechts, das sich von Provinz zu Provinz unterscheidet, braucht es noch viele Jahre, bis der Großteil des Adels in Preußen auf seinen Grundbesitz Steuern zahlt. Dank der neu geordneten Finanzverwaltung, dem effizienteren Eintreiben der Abgaben und einer gleichmäßigeren Verteilung der Steuerlasten auf die Untertanen verdoppelt Friedrich Wilhelm die Einnahmen seines Staates auf rund sieben Millionen Taler jährlich. Zugleich drosselt der Sparkurs bei der Hofhaltung die Ausgaben. Damit kann er sich sein großes Heer leisten

Preußen soll zu einem Ort der Tüchtigen werden. Der König treibt daher reiche Untertanen an, Geschäfte zu gründen. Einen Berliner Bankier beauftragt er etwa, eine Textilfabrik zu eröffnen, um Uniformen für die rasant wachsende Armee herzustellen. Diese Manufaktur blüht rasch auf; schon bald arbeiten 5000 Menschen für die Firma. Überdies lässt Friedrich Wilhelm Sümpfe trockenlegen, verwandelt sie in Weiden und Äcker für Bauern. Fehlt es in einem Gebiet an Arbeitskräften, lädt der König Einwanderer nach Preußen ein. So siedelt er 20000 evangelische Bergbauern, die der Erzbischof von Salzburg aus seinem Land vertrieben hat, in den entlegenen Grenzgebieten Ostpreußens an, die seit der großen Pestkatastrophe von 1709 verödet sind (siehe Seite 74). Als am 30. April 1732 die erste Kolonne der Bergbauern Berlin erreicht, steht der Monarch persönlich am Leipziger Tor und begrüßt seine neuen Untertanen. Anschließend lädt die Königin sie ein, in ihrem Schloss zu speisen. An diesem Tag zeigt der Herrscher den Fremden ein freundliches Gesicht. Es ist ein seltener Anblick.

IV. DER GRAUSAME VATER

Wie der König mit rücksichtsloser Gewalt den Charakter seines Sohnes formt

Wer täglich mit Friedrich Wilhelm zu tun hat, der erlebt einen jähzornigen, zuweilen geradezu tollwütigen Mann. Nichtigkeiten genügen, und der König schießt aus zwei mit Salz geladenen Pistolen auf Diener. Mit dem Bambusrohr, das er häufig bei sich trägt, prügelt er selbst auf hohe Richter ein. Und nach einem heftigen Wortwechsel mit seiner Tochter Wilhelmine, dem ältesten seiner zehn überlebenden Kinder, geht er mit einem Messer auf sie los Doch niemanden quält er so perfide und ausdauernd wie seinen Sohn Friedrich, den Kronprinzen. Denn dieser Junge ist ganz anders als er: fällt zuweilen vom Pferd, fürchtet sich bei Kanonendonner, schreibt Gedichte, liest Romane, spielt Flöte – und macht Schulden, um Noten und Bücher zu kaufen.

Eine Provokation für den Vater. 1728 wütet er in einem Brief an den 16-Jährigen, „dass ich keinen effeminierten Kerl leiden kann, der keine männlichen Inklinationen hat, nicht reiten noch schießen kann, seine Haare wie ein Narr sich frisieret und in nichts meinen Willen tut“. Fast täglich brüllt ihn der Vater an, ohrfeigt ihn: Es reicht, dass der Junge lateinische Deklinationen übt, die Friedrich Wilhelm für nutzlos hält. Eine Bibliothek mit fast 4000 meist französischen Büchern, die Friedrich mit Hilfe seines Hauslehrers heimlich aufgebaut hat, lässt der König verkaufen, als er sie entdeckt. Findet er bei dem Jungen eine Flöte, wirft er sie ins Kaminfeuer.

Je mehr der Herrscher spürt, dass sein Sohn ihm entgleitet, desto brutaler werden die Misshandlungen. Er verprügelt ihn bald auch in der Öffentlichkeit mit dem Stock, vor Offizieren und Dienern – und gibt ihm zu verstehen: Er selbst hätte sich erschossen, wenn sein Vater ihn je so behandelt hätte; aber Friedrich, so höhnt er, habe ja nicht einmal dazu den Mut. Als der Kronprinz 18 Jahre alt ist, eröffnet sich ihm ein Ausweg aus der unerträglichen Gewalt: eine Hochzeit. Seine Mutter, Königin Sophie Dorothea, will ihn und seine Schwester Wilhelmine mit Verwandten aus dem britischen Königshaus vermählen. Nach der Eheschließung soll Friedrich eine Zeit lang in England leben, weit weg vom Vater.

Doch der Plan scheitert: Der Kaiser in Wien meint, dass die Doppelhochzeit England und Preußen zu eng aneinanderbinde. Und da Friedrich Wilhelm mit dem Habsburger nicht brechen will und zudem den Einfluss des englischen Hofes auf seine Herrschaft fürchtet, werden beide Vermählungen abgesagt. Der Kronprinz, der so sehr auf Freiheit gehofft hatte, ist verzweifelt und fasst einen wahnwitzigen Plan: Er will fliehen, nach England, Frankreich – egal wohin, nur fort.

Wochenlang bereitet er die Flucht vor. Dabei unterstützt ihn der Leutnant Hans Hermann von Katte, dem er in großer Zuneigung verbunden ist – die beiden gehen miteinander um, „wie ein Liebhaber mit seiner Geliebten“, wird sich ein Vertrauter des Königs erinnern. Als guter Termin für ihr Vorhaben erscheint den zwei Männern eine Reise des Herrschers nach Süddeutschland, bei der Friedrich den Vater begleiten soll. Von dort erreicht man schnell den Rhein – und damit die französische Grenze.

Doch die beiden verhalten sich so unvorsichtig, dass der König längst misstrauisch geworden ist und Friedrich ununterbrochen überwachen lässt. Zudem wird eine Reiseerlaubnis für Katte überraschend widerrufen, er muss bei seinem Regiment in Berlin bleiben. Friedrich aber will seinen Plan nicht aufgeben. In der Nacht zum 5. August 1730 logiert die königliche Reisegesellschaft nahe Mannheim in einer Scheune, so wie es den rustikalen Gewohnheiten des Monarchen entspricht.

Um drei Uhr morgens verlässt der Kronprinz das Quartier, bekleidet mit einem roten Reiserock. Er ist erst wenige Schritte gegangen, als ein preußischer Oberstleutnant, den wahrscheinlich ein Diener alarmiert hat, auf ihn zutritt und in ein Gespräch verwickelt. Kurz darauf treten weitere Offiziere hinzu. Friedrich ist umstellt Der König könnte diesen Ausbruchsversuch leicht vertuschen. Aber er fühlt sich nun wohl endgültig in seiner Einschätzung des vermeintlich nichtsnutzigen Sohns bestätigt – und wirft ihm Desertion vor: ein Verbrechen, das meist mit dem Tod bestraft wird.

Friedrich Wilhelm lässt den Sohn in einer plombierten Kutsche in die Festungsstadt Küstrin an der Oder bringen. Wächter sperren ihn in einen Kerker, der nur von einem Talglicht erhellt wird. Der Monarch setzt eine Untersuchungskommission ein, die den Thronfolger verhört. Mitte September legt sie ihm eine Liste mit 185 Fragen vor – die schärfsten und bedrohlichsten hat der Herrscher selbst formuliert: Was für eine Strafe er, Friedrich, verdiene? Ob er noch würdig sei, einmal Landesherr zu werden? Ob er sein Leben geschenkt haben wolle oder nicht? Der Kronprinz begreift wahrscheinlich erst jetzt, wie gefährlich seine Lage ist. Er antwortet ausweichend.

Auf die Frage, ob er den Thron noch verdient habe, erklärt er: Er könne nicht sein eigener Richter sein. Ob er sein Leben geschenkt wolle? Er unterwerfe sich dem Willen des Königs. Danach lässt er zu Protokoll geben, dass er erkenne, „ganz und gar und in allen Stücken Unrecht zu haben“ – er bitte um Vergebung, und der Vater könne mit ihm machen, was er wolle. Doch Friedrich Wilhelm zerreißt das Protokoll und setzt ein Kriegsgericht ein, das über Friedrich, von Katte und weitere Unterstützer der Flucht verhandeln soll. Die Richter erklären, sie könnten über den Kronprinzen nicht urteilen – das sei eine „Staats- und Familiensache“. Katte soll lebenslang in Festungshaft. Der Monarch fordert daraufhin eine Verschärfung, die die Richter aber ablehnen. Einen Tag später hebt der König daher das Urteil auf und erklärt, Katte sei zu enthaupten – vor dem Fenster von Friedrichs Zelle in Küstrin.

Am 6. November 1730 um sieben Uhr morgens führen Wachen Katte zur Richtstätte, wo ein Sandhügel aufgeschüttet ist. Der Kronprinz steht am Fenster, die zwei Männer rufen sich Abschiedsworte auf Französisch zu. „Mein lieber Katte, bitte vergeben Sie mir“, schreit Friedrich. „Der Tod ist süß, wenn man für einen solch liebenswerten Prinzen stirbt“, antwortet Katte. Dann legt er Perücke, Hemd und Halstuch ab, kniet sich in den Sand. Als der Scharfrichter mit einem Schlag den Kopf vom Körper abtrennt, sinkt der Kronprinz am Fenster in Ohnmacht. Nach diesem Vorfall lebt Friedrich Wilhelm noch knapp zehn Jahre. Doch seine langen Arbeitstage, das viele Rauchen und Trinken im Tabakskollegium schwächen seine Gesundheit mehr und mehr. Er hat Gicht und Ödeme, erleidet Schlaganfälle. Mehrmals denkt er über eine Abdankung nach.

Kronprinz Friedrich wird zwei Wochen nach der Exekution Kattes aus der Haft entlassen, nachdem er zuvor einen Eid schwören musste, künftig „blindlings den väterlichen Willen zu befolgen“ – andernfalls, so droht Friedrich Wilhelm, werde er die Thronfolge oder gar sein Leben verlieren. Friedrich muss weiter in Küstrin bleiben und dort in einer Provinzialbehörde des Generaldirektoriums mitarbeiten. Er solle dadurch, so wünscht es sich der Vater, zur Besinnung kommen und die Details der Finanzverwaltung kennenlernen.

Der Kronprinz steht unter ständiger Aufsicht von drei Hofbeamten, darf die Stadt nicht verlassen und weder Musik hören noch spielen. Der Tod seines Freundes hat ihn psychisch schwer verwundet, er wird sich für den Rest seines Lebens mit Zynismus und Härte panzern. Friedrich hält sich an den Eid und unterwirft sich dem unerbittlichen Vater. So stimmt er zu, 1733 eine vom König ausgewählte Prinzessin zu heiraten, obwohl er sie für „eine stumme Hässlichkeit“ hält. (Bald nach seiner Thronbesteigung wird er sie in ein Schloss am Rande Berlins verbannen und den Kontakt zu ihr fast völlig abbrechen.)

Da er Reue zeigt – oder zumindest überzeugend vorspielt –, nähern sich Vater und Sohn wieder an. Als der König, schon schwerkrank, im Mai 1740 von Dienern im Rollstuhl auf den Vorplatz des Potsdamer Schlosses geschoben wird, trifft dort kurz darauf auch der Kronprinz ein. Die beiden umarmen sich weinend. Dann ziehen sie sich zu einem langen Gespräch zurück, in dem der Monarch seinem Sohn unter anderem rät, „den Frieden so lange als möglich zu erhalten“.

Drei Tage später stirbt Friedrich Wilhelm I. mit nur 51 Jahren. 27 Jahre lang hat der unerträgliche Junge geherrscht und sein Land zu einer respektierten Macht unter den Fürsten Europas gemacht. Mehr als anderthalb Jahrhunderte lang wird Preußen nun die Geschicke des Kontinents mitbestimmen, mit der von Friedrich Wilhelm geschaffenen gewaltigen Armee, doch auch durch die Tugenden, die er geprägt hat und die bald als typisch preußisch gelten: Disziplin, Arbeitseifer, Effizienz, Gehorsam.

Den letzten Wunsch des Soldatenkönigs aber wird sein Nachfolger ignorieren. Nur gut sechs Monate nach seiner Regierungsübernahme führt der junge Monarch die Armee in einen großen Krieg, den Friedrich Wilhelm immer vermieden hat: Im Dezember 1740 marschiert er mit seinen Truppen in das benachbarte Schlesien, um Österreichs neuer Herrscherin Maria Theresia diese strategisch wichtige Provinz abzunehmen. Vor allem aber giert Friedrich nach Ruhm. Für sein Heldentum ist er ohne Zögern bereit, den mühsam aufgebauten Staat aufs Spiel zu setzen. Geradezu todessehnsüchtig reitet er immer wieder selbst in den Kugelhagel.

Und er herrscht, als wollte er ein Gegenbild seines Vorgängers und Peinigers sein: als selbst erklärter Philosophenkönig, der Frömmigkeit verachtet; als Künstler und Schöngeist, der dichtet und 121 Flötensonaten komponiert. Die Männer der vom Soldatenkönig so gehegten und geschonten Armee opfert er zu Zehntausenden auf den Schlachtfeldern, im Kampf gegen Österreich, Russland, Sachsen, Frankreich. Und in diesen jahrelangen Kriegen wird Friedrich, genannt „der Große“, Preußen zu einer europäischen Großmacht erheben – mit rücksichtsloser Entschlossenheit und mitunter unverschämtem Glück. Auf jenem Fundament, das ihm der verhasste Vater zuvor bereitet hat.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Fischer, Oliver: Friedrich Wilhelm I. Der Soldatenkönig, in: Deutschland um 1800 (GEO Epoche Jg. 2016, Heft Nr. 79), Hamburg 2016.

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Revision #3
Created 14 June 2026 07:10:29 by Marlon Zimmermann
Updated 14 June 2026 07:21:14 by Marlon Zimmermann