Gotthold Ephraim Lessing

Inhaltsverzeichnis

1. Gotthold Ephraim Lessing. Der Dichter der Vernunft. 

1. Gotthold Ephraim Lessing. Der Dichter der Vernunft. 

Er ist erfüllt vom Geist der Aufklärung, will hinaus in die Welt und Theaterstücke schreiben: Gotthold Ephraim Lessing steht am Anfang seines Weges als Schriftsteller, als der Siebenjährige Krieg 1756 in sein Leben einbricht. Das Toben der Armeen fesselt fortan seine Gedanken. Und inspiriert ihn zu einem Werk, das ihn unsterblich machen wird: »Minna von Barnhelm«

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ALS VERTRETER einer Philosophie der Menschlichkeit macht sich Gotthold Ephraim Lessing in Zeiten des Krieges viele Feinde. Der Dramatiker wird einer der wichtigsten Vertreter der Aufklärung in deutschen Landen (Porträt um 1767)

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IN SEINEM LUSTSPIEL »Minna von Barnhelm« feiert Lessing eine starke Frau und rechnet mit allem Militärischen ab. Der Berliner Kupferstecher Daniel Chodowiecki illustriert 1769 Szenen wie diese aus dem Bühnenstück

Es ist das Jahr 1755, als Gotthold Ephraim Lessing wohl erstmals in seinem Leben das Gefühl bekommt, er habe das große Los gezogen. Die Gedankenwelt des wissbegierigen Dichters ist längst größer als die deutschen Lande, im Kopf ist er schon reichlich herumgereist. Nun aber eröffnet sich ihm endlich die Chance, die Welt da draußen auch wirklich zu erfahren. Der Leipziger Kaufmannssohn Christian Gottfried Winckler hat den ewig klammen Poeten als bezahlten Begleiter zu einer auf drei Jahre geplanten Europareise angeheuert. Der 26-jährige Lessing soll so etwas wie der Bildungsbeauftragte für den fünf Jahre jüngeren Spross aus wohlhabendem Hause sein; auch Übersetzer. Er spricht die Sprachen der Länder, in die es gehen soll, beherrscht Englisch, Französisch, Italienisch, dazu Spanisch. Am 10. Mai 1756 starten die beiden in Leipzig.

Ein Aufbruch in die Unbeschwertheit, wie es scheint. Doch das sieht nur kurz so aus. Ende August des Jahres, Lessing und Winckler sind da erst bis in die südlichen Provinzen der Vereinigten Niederlande gelangt, marschiert die preußische Armee in Kursachsen ein – und tritt damit los, was sich zum Siebenjährigen Krieg in Europa auswachsen wird. Winckler, der um seinen Besitz in der Heimat fürchtet, beschließt die Umkehr.

Ende September 1756 ist Lessing in Leipzig zurück und beklagt nicht nur „diesen unseligen Krieg“, sondern droht der treibenden Kraft in diesem Konflikt, dem preußischen König Friedrich II., „eine gewaltige Rechnung miteinander“ an. Da „nur er, er allein, die Schuld hat, dass ich die Welt nicht gesehen habe“. Ein ganz offensichtlich hilfloser Racheschwur, der aber zugleich klarmacht: Der Krieg arbeitet in Lessing. Und lässt ihn Jahre später jenes Werk schreiben, das ihn unsterblich machen wird: „Minna von Barnhelm, oder das Soldatenglück“.

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Glück? Doch eher vom Unglück eines Soldaten handelt dieses als „Lustspiel“ ausgegebene Drama. Es ist die Geschichte von der Wiederbegegnung des unehrenhaft entlassenen Kriegsheimkehrers Major von Tellheim mit seiner Verlobten Minna von Barnhelm, die ihn aus seinen erlebten Traumata nur mühsam befreien kann, das aber schließlich schafft, indem sie seinen verletzten Stolz mit ihrer ganz natürlichen Menschlichkeit überwindet.

Lessings „Minna“ ist wie das Aufwachen aus patriotischem Rausch, der aus dem königstreuen Volk der Preußen ein Heer machen sollte, das seinem Monarchen bis ans Ende aller Tage folgt. Unterscheidet Liebe von der verlangten „Vaterlandsliebe“. Setzt auf die Wandlungsfähigkeit des Menschen, auf Toleranz statt Sturheit, auf Dialog statt Waffengeklirr: ein revolutionär neuer Ton, der nicht nur das deutsche Theater aufrüttelt. Lessing schreibt mit der „Minna“ Geschichte. Geistesgeschichte. Und wenn das 18. Jahrhundert nicht nur als Jahrhundert der Kriege in Europa in Erinnerung bleiben wird, sondern auch als Zeitalter der Aufklärung, der Vernunft, gar einer neuen Empfindsamkeit und einer „Freiheit, zu denken“, so hat es auch mit ihm zu tun.

Der Mensch, der alles sprengen wird, was sich seine frommen Eltern von ihm erwarten, wird am 22. Januar 1729 in der kleinen Stadt Kamenz geboren, etwa 35 Kilometer nordöstlich von Dresden in der Oberlausitz. Von jenem Moment, als Gotthold Ephraim, das dritte von zwölf Kindern der Pastorenfamilie Lessing, über das achteckige Taufbecken in St. Marien zu Kamenz gehalten wird, sind es nur wenige Jahre bis zu der Entdeckung, dass in dem Jungen besondere Talente schlummern. Die öffentliche Schule in Kamenz unterfordert ihn bald. Er wechselt nach einem glänzend absolvierten Aufnahmetest, der ihn gleich ein Trimester überspringen lässt, im Alter von zwölf Jahren an die kurfürstlich-sächsische Landesschule Meißen. Sie ist in einem ehemaligen Kloster untergebracht, bekannt für ihre rigiden Regeln. Das Essen dort ist derart karg, dass es zu Hungertumulten unter den Schülern kommt. Jede Konversation hat auf Latein zu erfolgen. Daneben stehen unter anderem Griechisch, Hebräisch, Französisch, Mathematik und Geografie auf dem Lehrplan, Lessing aber beginnt zugleich, sich auch privat mit Autoren der klassischen Antike zu befassen. Er übersetzt die Schriften Euklids, verfasst Gedichte.

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Leipzig. IN DER MESSESTADT (unten) debütiert Lessing 1748 als »Komödienschreiber«. Ist aber bald wieder fort: Der Sohn eines strenggläubigen Lutheraners führt ein unstetes Leben

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SPÄTER ERNEUT in Leipzig ansässig, erlebt Lessing die Besetzung durch preußische Truppen – eine von mehreren Kriegserfahrungen, die in »Minna von Barnhelm« zusammenfließen

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Berlin. KEINE 20 JAHRE ALT ist Lessing, als er sich entschließt, als freier Schriftsteller zu leben – und erstmals in Preußens Hauptstadt mit ihrer Prachtstraße »Unter den Linden« zieht

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ÜBER FÜNF AKTE lässt Lessing Minna um ihren Verlobten kämpfen, den verarmt und versehrt aus dem Krieg heimgekehrten Major von Tellheim

Der Vater? Hasst das Theater

Es ist ein erster Schritt, sich vom Wertekanon seines Vaters, eines orthodoxen Lutheraners, zu entfernen. Und dazu beigetragen haben vor allem zwei Männer: Johann Gottfried Heinitz, der freigeistige Rektor der Kamenzer Stadtschule, dem Lessings strenggläubiger Vater in inniger Feindschaft gegenübersteht – und ein Verwandter der Lessings, der Schriftsteller und Naturforscher Christlob Mylius. Heinitz will deutsche Dichtkunst im Lehrplan verankern, will Poetik unterrichten und das Drama zum Mittel der Bildung machen. 1743 aber beschließt er nach „hitzigen Zunötigungen“ von Lessings theaterfeindlichem, jedoch einflussreichem Vater den Abschied aus der Stadt. Mylius hingegen greift das in einem Spottgedicht auf und verhöhnt den Prediger, der vor „tausend frommen Mienen, und so viel Heuchlern auch“ von der Kanzel herabgeschrien habe, die Jugend werde vom Theater zum Laster verführt und dazu, nicht mehr auf Gottes Wort zu hören. Heinitz hat da im jungen Lessing längst das Interesse am Bühnenspiel erweckt. Und mit Mylius freundet sich der angehende Dramatiker später sogar an.

In seinem letzten Jahr auf der Fürstenschule, 1745, kommt der Krieg erstmals in Lessings Leben. Preußische Truppen besetzen Meißen während des Zweiten Schlesischen Krieges, die Schule wird zum Lazarett. In 26 der 52 Lebensjahre Lessings tobt irgendwo in Europa Schlachtenlärm; mal weiter entfernt, jetzt ganz nahe. Meißen wird Schauplatz von Plünderungen, 4000 Verwundete und Kranke müssen untergebracht werden. „Sie bedauern mit Recht das arme Meißen“, schreibt Lessing an seinen Vater, es sei eine „Totengrube“ voller „Gestank und Unflat“. Und „kein Ort erbärmlicher als unsere Schule“.

Zu seinem Glück erhält Lessing wegen herausragender Leistungen vorzeitig sein Abschlusszeugnis und kann sich 1746 an der Universität Leipzig einschreiben. Dass er sich dort für das Fach Theologie immatrikuliert, ist ein letzter Gefallen an den Vater, Poesie beschäftigt ihn deutlich mehr. Und das Theater.

Die Arbeit an einem ersten umfangreichen Stück, der Komödie „Der junge Gelehrte“, hat Lessing bereits in Meißen begonnen. 1748, er ist 19 Jahre alt, führt es eine angesehene Truppe in Leipzig auf. Und es ist von neuartiger Dramaturgie, macht keine Umstände mit langatmigen Entrees, kommentiert keine Szenen, sondern springt mitten in sie hinein. „Die Post ist also noch nicht da?“, lautet der erste Satz. Eine banale Alltagsfrage, kein Pomp mit Pauken und Trompeten. Eine Kunst des umstandslosen Beginns, für die Lessing noch berühmt werden wird.

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MIT DEM VERLEGER und Schriftsteller Friedrich Nicolai tauscht Lessing Gedanken über das zeitgenössische Drama aus: Tragödien etwa sollen die »Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitern«

Ab 1748, inzwischen an der Universität Wittenberg für ein Medizinstudium eingeschrieben, lebt er seine Leidenschaft für die Bühnenkunst in einer Art Studium generale aus: Vorlesungen in Poetik und Ethik belegt er dort, in Geschichte, griechischer Sprache und Literatur, und außer in Mathematik und Physik schließlich auch in Rhetorik. Der Abschluss: Magister der Freien Künste.

Ein „Komödienschreiber“ will Lessing werden, das steht nun fest. Er schreibt es als „dero gehorsamster Sohn“ an seine Eltern. Und Welterfahrung will er sammeln, direkte, nicht nur eine aus Büchern. Nur das werde ihn „zu einem Menschen machen“. Er wird zu einem unsteten Menschen. Wie er Studienfächer und Orte gewechselt hat, zu Leipzig und Wittenberg kommt Berlin, so versucht er sich, von Schulden geplagt, als Bibliothekar für einen Privatmann, hat den Plan, Assistent eines Professors in Göttingen zu werden, der sich ebenso wenig erfüllt wie der Traum von der Gründung einer Theaterzeitschrift.

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LESSINGS FREUND Ewald Christian von Kleist, selbst Dichter, fällt als preußischer Major 1759 im Krieg. Von ihm lässt sich Lessing zur Figur des Tellheim inspirieren

Zugleich entstehen weitere Komödien, Lessing übersetzt den spanischen Dichter Calderón und Werke des Franzosen Voltaire, verfasst Gedichte und Fabeln, übernimmt die Redaktion des „Gelehrten Artikels“ der „Berlinischen Privilegirten Zeitung“ und der literarischen Beilage „Das Neueste aus dem Reiche des Witzes“. Das befriedigt sein Interesse am „Disputieren“, an Satire, Spott und Dialogformen, das er bereits in mehreren eigenen Lustspielen mit Titeln wie „Die alte Jungfer“, „Die Juden“, „Der Misogyn“ oder „Der Freigeist“ ausgelebt hat.

Zu Lessings vielen Freunden und intellektuellen Austauschpartnern zählt da schon der gleichaltrige jüdische Philosoph Moses Mendelssohn. Der kosmopolitisch gesinnte Dichter macht sich längst auch für die rechtliche Gleichstellung der Juden und religiöse Toleranz stark, teilt mit Mendelssohn seine Vorfreude auf die ab 1755 bevorstehende Europareise und wird von diesem in einem Brief mit den Worten verabschiedet: „Streifen Sie umher. Lernen Sie tausend Narren kennen, um sie von noch größern Narren auslachen zu lassen. Lernen Sie tausend Elende kennen, um noch Elendere zum Mitleiden zu bewegen.“

Umso größer ist Lessings Enttäuschung, als die Reise mit Winckler wegen des Kriegsausbruchs nach nur wenigen Monaten endet. Er fühlt sich betrogen. Schlimmer noch: Der Dichter, der Dispute lieber ohne Waffen ausgetragen sehen will, muss die Auswirkungen der Kämpfe aus nächster Nähe miterleben. Im November bezieht die preußische Armee ihr Winterquartier in Leipzig; es wird zu einem Ort der Repression. Die hohen Abgaben, die der Bürgerschaft von den preußischen Besatzern Kursachsens in Silber und Gold abverlangt werden, eine Schattenwirtschaft aus Bestechungs- und Handgeldern sowie erzwungene Naturalienabgaben an die Armee ruinieren die zuvor wohlhabende 25 000-Einwohner-Stadt. 1757 kreisen Truppen der Reichsarmee Leipzig ein, um die Stadt von den Preußen zu befreien. Tore werden vermauert, Brücken zerstört. Zu einem Angriff auf Leipzig kommt es zwar nicht, aber die Bewohner der Stadt haben für Stroh, Holz, Kerzen, Suppe, Fleisch und Gemüse für die einquartierten Soldaten Friedrichs des Großen zu sorgen. Auch Lessing, der zunächst im Gasthaus „Feuerkugel“ am Neumarkt logiert, hat sich den knappen Raum mit ihnen zu teilen.

Von den Schlachten vor der Stadt berichten andere Autoren ausführlicher als Lessing; dass die Gemetzel ihn gänzlich unberührt lassen, ist aber unwahrscheinlich. Zugleich führt er eine lange Korrespondenz mit seinem Freund Moses Mendelssohn und dem Schriftsteller und Verleger Friedrich Nicolai über das zeitgenössische Drama fort. Lessing schreibt: „Die Bestimmung der Tragödie ist diese: Sie soll unsre Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitern. Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste.“

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Breslau. SCHIERE GELDNOT treibt den Dichter 1760 in die schlesische Metropole. Er dient dort dem preußischen Kommandanten als Sekretär – und erlebt, wie Teile der blühenden Stadt in Trümmer fallen

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EMANZIPIERT ist auch die zweite Frau in Lessings Lustspiel: Minnas Kammermädchen und Vertraute Franziska, die einem Mann einen Heiratsantrag macht

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Hamburg. IN DER STADT an der Elbe steht das Nationaltheater (unten) an der Stelle der ältesten bürgerlichen Bühne im deutschsprachigen Raum. 1767 wird Lessings Drama dort uraufgeführt

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ANDERE LITERATEN der Zeit begeistert »Minna von Barnhelm«. Den Zensurbehörden jedoch missfällt Lessings kriegskritischer Ton

Auf die Großmut des Christian Gottfried Winckler, der ihm zunächst trotz abgebrochener Europareise weiterhin Kost und Logis gestellt hat, kann sich Lessing am Ende seiner Leipziger Jahre allerdings nicht mehr verlassen. Es kommt zum Bruch mit dem Sachsen Winckler, als sich Lessing mit einem preußischen Besatzer anfreundet: dem Major Ewald Christian von Kleist, und als er weitere preußische Offiziere zu einer Tischgesellschaft lädt. Lessing findet sich in einer prekären Situation.

Und zwischen allen Fronten. Einerseits bezeichnet er sich als „unparteiischsten Menschen“, schreibt, „machen Sie, dass bald Friede wird“. Andererseits intensiviert er das Zwiegespräch mit dem ihm seit 1755 bekannten Friedrich-Verehrer und Kriegsenthusiasten Johann Wilhelm Ludwig Gleim, gibt dessen „Grenadierlieder“ sogar in einem Sammelband heraus; Hymnen auf den preußischen Feldherrn, nicht selten gepaart mit martialischen Visionen von brutaler Vernichtung des Feindes. Bis ihm, der doch nach eigener Empfindung „ein Weltbürger sein sollte“, die drastische Entmenschlichung von Russen, Ungarn, Franzosen in Gleims Gedichten zu viel wird. „Der Patriot überschreiet den Dichter zu sehr“, lässt er Gleim wissen. Schon 1749 hat er schließlich geschrieben: „Ich bin kein Freund allgemeiner Urteile über ganze Völker.“

Weltbürger, nicht Patriot ist Lessing

Nur: Da ist eben die Geldnot des Denkers und Dichters. Schlimm schon deshalb, weil Lessing auch eine obsessive Neigung zum Glücksspiel hat. Und auch sein Trauerspiel „Philotas“, ein kritisches Stück über Kriegsheldentum, verfasst und 1759 uraufgeführt in Berlin, wohin Lessing von Leipzig zieht, ändert nichts an seinen finanziellen Kalamitäten. Mit Geistesgrößen mag er reichlich verkehren, sich mit Shakespeare befassen und eine Sophokles-Biografie planen, gar zum Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften gewählt werden, kommt aber zu dem Schluss, „dass man nicht bloß den Kopf, sondern, nach dem dreißigsten Jahre, auch den Beutel zu füllen bedacht sein müsse“. Er will endlich einen festen Lohn.

So heuert er, der Kriegsverächter, ohne Abschied von seinen Berliner Zirkeln zu nehmen, im November 1760 als Sekretär des preußischen Generalleutnants Friedrich Bogislav von Tauentzien im schlesischen Breslau an. Geht dorthin, wo sich der Siebenjährige Krieg entscheiden wird, zumindest auf dem europäischen Kontinent. Mitte 1761 finden Kämpfe in den Vorstädten Breslaus statt. Nach starkem österreichischen Artilleriebeschuss liegen Teile der reichen und schönen Stadt, einst als „Blume Europas“ bezeichnet, in Trümmern.

Lessing ist fortan nicht nur für sämtliche Dienstkorrespondenz Tauentziens zuständig: chiffrierte und im Klartext verfasste Amtsbriefe an den preußischen König; Meldungen über Verhaftungen, Verhöre von Kriegsgefangenen, Deserteure; Gesuche zu Munitionsbeschaffung; Nachrichten zu Bewegungen gegnerischer Truppen. Er erhält auch Einblick in die Methoden preußischer Kriegsfinanzierung, zu der drastische Währungsmanipulationen gehören.

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ALS VEREHRER des preußischen Königs Friedrich II. verfasst Johann Wilhelm Ludwig Gleim martialische Kriegslyrik. Dafür erntet er von seinem Bekannten Lessing letztlich scharfe Kritik

Notgedrungen ist er auch zugegen, als Tauentzien zu einer der aufwendigsten und verlustreichsten Belagerungsaktionen des gesamten Krieges aufbricht: der Eroberung der etwa 50 Kilometer südwestlich von Breslau gelegenen Festung Schweidnitz. 15-jährige Soldaten sind dabei, Männer, deren Hunger so übermächtig ist, dass sie Pferdeäpfel nach Gerstenkörnern durchsuchen. Am 9. Oktober 1762, nach zwei Monaten des Widerstands, kapitulieren die österreichischen Verteidiger der Festung; Lessing gehört zu denen, die sehen können, was die Granaten, Vollkugeln und Bomben angerichtet haben.

Kein Jahr später ist der Krieg vorbei. Für Lessing jedoch nicht: „Minna von Barnhelm“ wird seine Abrechnung mit dem Militär, mit Autoritätshörigkeit, Kadavergehorsam. Er wird das Stück erst 1767 veröffentlichen, aber auf 1763 zurückdatieren. Es soll illustrieren, was Kriege aus Menschen machen, selbst wenn die Waffen schweigen. Vier Erfahrungen Lessings gehen in seine „Minna“ ein: Er hat Kriegskrüppel gesehen. Er weiß von dem strikten wie fatalen Helden- und Ehrbegriff der Soldaten, von den Aufrufen der Offiziere zur Todesverachtung. Er hat gelernt, mit welch brachialen Methoden ein Krieg finanziert wird. Und er betrauert den Tod seines Freundes Kleist, Dichter und Offizier, 1759 in der Schlacht von Kunersdorf schwer verwundet, einige Tage später gestorben: ein weiteres Opfer für König und Vaterland aus den Reihen des Adels, von klein auf zu Gottesfurcht und „Hass gegen die Weichheit“ erzogen, wie es ähnlich 1717 schon der Vater Friedrichs II. dekretiert hatte.

Dieser Kleist, davon gehen schon Lessings Zeitgenossen aus, ist die Vorlage für den Major von Tellheim, jenen verwundeten, seelisch und, wie er selbst glaubt, auch sozial zerstörten Kriegsheimkehrer in preußischen Diensten, den der Dichter auf die liebende Minna von Barnhelm aus Kursachsen treffen lässt. Mit ihr tritt eine gerade 21 Jahre junge mutige und selbstbewusste Frauenfigur in die Literatur, die sich frei macht von Konventionen, die fern von höfischem Pomp und alten Frontverläufen agiert, die auch neckisch sein kann und im Morgenmantel empfängt. Die über gekränkten Stolz und Männlichkeitsattitüden siegt, Trösterin ist und Erweckerin. Schlauer als die Unterwürfigen, bereit, noch in „schlechten“ Menschen die „gute Seite“ zu suchen.

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KARL WILHELM FERDINAND, Erbprinz und späterer Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel, bietet Lessing 1769 eine Stelle als Bibliothekar an

Paradierende Soldaten tauchen in der „Minna“ als „Drechslerpuppen“ auf. Und „die Großen“? „Sehr entbehrlich“, sagt Minna, „niemals waren sie es mehr als jetzt.“ Wie auch alle Männer, „die nur immer ihr stieres Auge auf das Gespenst der Ehre heften!“ Und jede Frau, „die sich nicht schämet, ihr ganzes Glück der blinden Zärtlichkeit eines Mannes zu verdanken“. Das gute Ende: Minna und ihr verwundeter Held bekommen sich und beweisen damit, was selbst in Zeiten gesellschaftlicher Verwerfungen geschehen kann, wenn Herz und Vernunft eingeschaltet werden.

Goethe, ohnehin davon überzeugt, Lessing sei „der höchste Verstand“, empfindet die „Minna von Barnhelm“ als glückliche Öffnung „in eine höhere, bedeutendere Welt“ der Dichtkunst, die Zensurbehörden tun das mitnichten. Lessing erfährt das, als die Uraufführung des Stückes 1767 in Hamburg, wo er inzwischen wohnt, auf Geheiß des preußischen Gesandten zunächst verboten wird. Offenbar sind dem Beamten die kritischen Untertöne gegen den Kriegsstaat suspekt.

Da ist Lessing aber längst in andere Kontroversen verstrickt. Anhaltend streitet er mit der lutherischen Geistlichkeit, namentlich mit dem Hamburger Hauptpastor von St. Katharinen, Johann Melchior Goeze, über die freie Meinung in Glaubensdingen, gegen das Deutungsmonopol der Kirche und kirchliche Zensur, gegen die vermeintliche Wahrheit der Offenbarung. Er setzt ihr den einfachen Anspruch einer Philosophie der Menschlichkeit entgegen. Und die Befreiung der Wissenschaften von den Vorgaben der Theologie. Er verkehrt mit Physikern, Ärzten, Anwälten, Orientalisten, mit Optikern, Architekten und Verlegern.

Theater in Frankfurt, Wien, Leipzig, Berlin spielen die „Minna“ dann doch, sie wird ins Französische, Englische, Dänische übersetzt. Es passt zu Lessing, der von sich sagt, dass er keine Liebe zum Vaterland empfinde, auch wenn er ja vor allem dort eine Erneuerung der gesamten Literatur erreichen, eine neue Moral in das Theater bringen will, einen ethischen Sinn. Und: Empathie als Grundlage kompetenten Urteilens, Theater zu einem Ort des Mitleidens machen, das will Lessing unbedingt. „Der einzige Fehler eines tragischen Dichters ist dieser, dass er uns kalt lässt“, schreibt er. Und gegen seine Zeit formuliert er: „Wenn Pomp und Etiquette aus Menschen Maschinen machen, so ist es das Werk des Dichters, aus diesen Maschinen wieder Menschen zu machen.“

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Wolfenbüttel. EUROPAWEIT BERÜHMT ist die Bibliotheca Augusta (unten, Gebäude in der Mitte) am Wolfenbütteler Schlossplatz. Elf Jahre wirkt Lessing als ihr Leiter, mehrt ihren Ruhm, bis zu seinem Tod 1781

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EIN GUTES ENDE: Nach etlichen Wirrungen finden Minna von Barnhelm und ihr seelisch verwundeter Verlobter wieder zusammen

Aber wohin mit seinem eigenen Menschsein, wenn es nicht nur Genie sein soll? Kann er lieben, während er mit „Emilia Galotti“ und „Nathan der Weise“ weitere Werke der Weltliteratur schafft und, immer wieder knapp bei Kasse, schließlich sogar seine 6000 Bücher umfassende Bibliothek verkaufen muss?

1769 bietet Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel Lessing eine Stelle als Bibliothekar in der europaweit bekannten Bibliotheca Augusta an. Der Dichter nimmt sie an. Sieben Jahre später heiratet er Eva König, die Witwe eines seiner Freunde. Am Weihnachtstag 1777 gebiert sie den Sohn Traugott, der aber bereits zwei Tage später stirbt. Am 10. Januar 1778 stirbt auch die Mutter. Lessing hat noch drei Jahre zu leben, Asthma-Anfälle plagen ihn, 1781 bricht er zusammen. Am Abend des 15. Februar verglüht seine physische Existenz nach einem Infarkt (des Herzens oder des Gehirns ist heute nicht mehr zu sagen) in Braunschweig.

In Hamburg an der Elbe, wo man bereits die Uraufführung der „Minna“ verhindern wollte, wird jede Presseveröffentlichung über die Trauerfeier für einen der größten Dichter der Epoche der Aufklärung vom Senat untersagt. Zu sehr hatte der für religiöse Toleranz eintretende Lessing in seiner kurzen Zeit in der Hansestadt die Gemüter der Autoritäten erzürnt.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Gaede, Peter-Matthias: Gotthold Ephraim Lessing. Der Dichter der Vernunft, in: Der Siebenjährige Krieg (GEO Epoche, Jg. 2024, Heft Nr. 124 ), Hamburg 2024, S. 122-134.

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Revision #3
Created 14 September 2026 15:44:38 by Marlon Zimmermann
Updated 14 September 2026 16:13:55 by Marlon Zimmermann