Die französische Revolution
Inhaltsverzeichnis
- Französische Revolution. Ein Zitat und seine Geschichte
- Versammlung der Generalstände. Der Auftakt.
1. Französische Revolution. Ein Zitat und seine Geschichte
»DER URSPRUNG JEDER SOUVERÄNITÄT LIEGT IHREM WESEN NACH IM VOLK.«
ERKLÄRUNG DER MENSCHEN- UND BÜRGERRECHTE, 1789
Souveränität ist die höchste Macht im Staat. Eine umfassende Autorität, so definiert sie der französische Staatstheoretiker Jean Bodin 1576, die weder durch andere eingeschränkt noch zeitlich begrenzt werden kann. Wie in vielen Teilen der Welt gilt es auch in Frankreich als selbstverständlich, dass Fürsten und Monarchen – angeblich von Gott als souveräne Herrscher eingesetzt – die Geschicke der Menschen bestimmen. Doch 1789 greift das Volk nach der Macht: Die Französische Revolution bricht aus. Innerhalb eines Jahrzehnts wird das Land alle Herrschaftsformen durchleben, die die folgenden Jahrhunderte prägen werden: konstitutionelle Monarchie, Republik, Diktatur.
Am Vorabend des Umsturzes liegt das französische Königreich in Agonie. In Kriegen hat es sich hoch verschuldet, die Einnahmen des Staates sind zu gering, weil das Steuerwesen ineffizient und veraltet ist – Adelige und Geistliche etwa sind noch immer von allen Abgaben befreit. Mit Reformen wollen der Monarch und seine Minister Abhilfe schaffen. Doch der Adel stemmt sich gegen alle Neuerungen. König Ludwig XVI. beruft daher zum Mai 1789 ein Gremium ein, das seit 175 Jahren nicht zusammengetreten ist: die Generalstände. Abgeordnete des Klerus, der Aristokratie und aller übrigen Einwohner – des sogenannten Dritten Standes – sind darin vertreten. Sie sollen die Reformen absegnen und so den Adel zum Einlenken zwingen. Doch die Deputierten des Dritten Standes, der mehr als 95 Prozent der Bevölkerung ausmacht, verweigern ihre Zustimmung – sofern sie nicht mehr Mitsprache erhalten. Ludwig aber zögert und setzt so eine folgenreiche Kettenreaktion in Gang: Am 17. Juni 1789 erklären sich die Abgeordneten des Dritten Standes zur alleinigen Vertretung des französischen Volkes. Die Mehrheit der Geistlichen und etliche Deputierte des Adels treten ebenfalls dieser „Nationalversammlung“ bei, die Frankreich eine Verfassung geben will. Im Juli stürmen Bürger in Paris staatliche Einrichtungen – und bald erfasst die Revolution das gesamte Land.
Im August verabschiedet die Nationalversammlung die „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“: Alle Menschen seien frei geboren und in ihren Rechten gleich, heißt es darin, die Bewahrung ihrer Freiheit, Sicherheit und ihres Eigentums sei das Ziel jedes Staatswesens. Das von den Denkern der Aufklärung inspirierte Dokument folgert, dass daher jedem demokratische Mitbestimmung zustehe. Die Souveränität liege beim Volk – nur in dessen Auftrag könne eine Regierung oder ein König Autorität ausüben. 1791 beschließt die Nationalversammlung die geplante Verfassung: Zur Gesetzgebung berechtigt ist nun ein gewähltes Parlament, der Monarch kann dessen Beschlüsse nur noch per Veto verzögern. Aber das neue politische System steht unter Druck: durch weitere Aufstände sowie Kriege mit fremden Mächten. Ludwig XVI. wird schon im Folgejahr abgesetzt – und Anfang 1793 hingerichtet.
Frankreich ist nun eine parlamentarische Republik. Frauen sind allerdings weiterhin ausgeschlossen: Seit Beginn der Revolution haben sie sich in rund 60 politischen Klubs organisiert, fordern Teilhabe, doch das Wahlrecht bleibt auf Männer beschränkt. Im Herbst 1793 entmachten die radikalen Jakobiner um Maximilien de Robespierre die übrigen Parlamentsabgeordneten und errichten ein Terrorregime. Zehntausende angebliche Gegner der Revolution sterben unter der Guillotine. Bis gemäßigte Kräfte 1794 Robespierre stürzen.
Die Gesellschaft politisiert sich in diesen Jahren so umfassend wie nie zuvor. Franzosen aller Schichten debattieren etwa in Klubs, informieren sich über Flugschriften und Zeitungen. 1799 erlangt der Offizier Napoleon Bonaparte durch einen Staatsstreich die Macht: Ausgerechnet er, der sich 1804 zum Kaiser krönt, trägt einige der revolutionären Ideen in die Welt. Er erobert einen Großteil Europas, führt dort gleiches Recht für alle Männer und Gesetze gegen staatliche Willkür ein. Und festigt so die Vorstellung vom mündigen Bürger, der kein bloßer Untertan mehr ist. Trotzdem empfinden viele Menschen die Besatzung als demütigend. Diese Erfahrung, aber auch das Vorbild der Französischen Revolution lässt vielerorts in Europa Nationalbewegungen entstehen: Mit der Zeit werden sie ihrerseits Freiheit und politische Selbstbestimmung fordern. Im Namen der Volkssouveränität.
2. Versammlung der Generalstände. Der Auftakt.
Ludwig XVI. ist fast bankrott. Seine letzte Hoffnung sind die Generalstände, eine gewählte Versammlung von Adeligen, Geistlichen und Bürgerlichen, die seit 175 Jahren nicht mehr zusammengetreten ist. Von ihr will er sich neue Steuern genehmigen lassen. Doch die Abgeordneten des Dritten Standes wagen das Ungeheuerliche: Sie widersetzen sich dem Monarchen – und erklären sich schließlich zur Vertretung der Nation
Versailles, 4. Mai 1789, Montag. Die helle Frühlingssonne scheint auf ein pompöses Spektakel herab, die letzte große Selbstinszenierung der französischen Monarchie: Ludwig XVI., von Gottes Gnaden König von Frankreich und Navarra, hat die Generalstände einberufen. Zum ersten Mal seit 1614 sollen die Repräsentanten der drei Stände des Reichs – Klerus, Adel sowie Bürger und Bauern – zusammentreten, um einen Ausweg zu finden aus der katastrophalen Lage der Staatsfinanzen. Misswirtschaft und zahlreiche Kriege haben gewaltige Schulden aufgetürmt, das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit der Krone ist verschwunden, es droht der Staatsbankrott. Die Eröffnungssitzung ist für den folgenden Tag vorgesehen; ihr geht heute eine feierliche Prozession durch die Stadt voraus. In Versailles, der kleinen Residenzstadt südwestlich von Paris, ist noch die letzte Dachkammer für ein Vermögen an Teilnehmer und Zuschauer vermietet worden. Seit dem frühen Morgen säumen Zehntausende die Straßen, die der Festzug nehmen wird. Versailles hat sich herausgeputzt: Farbenprächtige Gobelins schmücken die Balkone; aus drapierten Fenstern grüßen die schönen Frauen der Gesellschaft.
Um 7.00 Uhr morgens haben sich die Ständevertreter in einer Kirche im nördlichen Stadtviertel Ville Neuve eingefunden: Rund 800 Abgeordnete – von knapp 1200 gewählten – sind rechtzeitig eingetroffen; die meisten, zumal des niederen Klerus und des Dritten Standes, haben nie zuvor den barocken Glanz der Residenz gesehen. Etliche Deputierte verpassen den Eröffnungstermin aufgrund der weiten Anreise und des langwierigen Wahlverfahrens: Denn während die Bezirksversammlungen des Adels und der Geistlichkeit ihre Vertreter direkt nach Versailles entsenden, bestimmt der Dritte Stand in einer mehrfach gestuften Prozedur Wahlmänner, die wiederum aus ihrer Mitte die Deputierten berufen. Sobald der König eingetroffen ist, werden sich die Abgeordneten auf den Prozessionszug durch die Stadt machen. Drei Stunden lässt der König die Versam- melten in der Kirche warten, ehe er sich auf den kurzen Weg von seinem Schloss zum Gotteshaus macht; um 10.00 Uhr verlassen die Karossen endlich den 700 Meter entfernten Palast. In der von acht Pferden gezogenen Krönungskutsche sitzt der 34-jährige König mit seinen Brüdern und Neffen. Die Zuschauer begrüßen sie mit Hochrufen und Beifall.
Die Vorbeifahrt der Königin hingegen begleitet kaltes Schweigen. Marie-Antoinette, Tochter der österreichischen Herrscherin Maria Theresia, ist im Volk wegen ihrer ausländischen Herkunft und ihres verschwenderischen und vermeintlich liederlichen Lebenswandels verhasst. Nur wenige Minuten dauert nach der Ankunft der königlichen Familie die Zeremonie in der Kirche; Chöre schmettern die feierliche Hymne „Veni creator“. Dann setzt sich die Prozession in Bewegung. Die Deputieren schreiten in Zweierreihen; jeder trägt eine große, vergoldete Kerze. Herolde auf Schimmeln, in purpurne Samtgewänder mit Lilienemblem gehüllt – der Wappenblume der französischen Könige –, geben mit Trommeln und Trompeten kund von dem Ereignis. An die Spitze des Zuges hat die höfische Regie die Vertreter des Dritten Standes beordert, so weit wie möglich vom König entfernt: Jedermann soll sehen, dass sie den beiden privilegierten Ständen der Geistlichkeit und des Adels untergeordnet sind. Auch die Kleiderordnung dient der Herabsetzung: Die Bürgerlichen müssen schwarz tragen – Rock, Strümpfe und Mantel. Zudem eine schwarze Mütze, wie sie Komödianten auf der Bühne tragen, wenn sie Bürger karikieren.
Dagegen erstrahlt die Garderobe der hohen Kleriker in kostbaren Farben: Die Bischöfe etwa sind in Brokat und Gold gewandet, mit rotem Hut, Chorhemd, Stola sowie violetten Soutanen. Auch die Adeligen tragen die Insignien ihres Ranges: Paradedegen an der Rechten, Spitzenkrawatte, gold- oder silberdurchwirkte Weste und Federhut. Dennoch gilt der Beifall der Schaulustigen – dem schlichten Aufzug zum Trotz – vor allem den Repräsentanten des Dritten Standes. Wann immer eines der wenigen bekannten Gesichter auszumachen ist, brandet Applaus auf. So beim Comte de Mirabeau, dem abtrünnigen Adeligen und Deputierten der Bürger von Aix-en-Provence, der schon aufgrund seiner imposanten Erscheinung aus dem schwarzen Zug heraussticht: Er ist ein Hüne, dessen Körper aus dem Rock zu platzen droht. Das von Pockennarben verheerte Gesicht des Grafen wird von einer Mähne überragt, die ihn noch größer erscheinen lässt.
Der begabte Redner und Schriftsteller gilt als Frauenverführer. Mehrfach saß er deshalb schon im Gefängnis; 1777 wurde er gar, wenn auch in Abwesenheit, zum Tode verurteilt – wegen Entführung einer jungen Geliebten. Im Wahlkampf zu den Generalständen hat er sich als umjubelter Volkstribun hervorgetan, in Marseille haben ihm die Massen wie einem Erlöser Palmzweige auf den Weg gestreut und ihn mit Lorbeer bekränzt; Kirchenglocken läuteten zu seinen Ehren. Jetzt recken die Zuseher in Versailles die Hälse, um den legendären Grafen zu sehen. Die meisten Abgeordneten jedoch sind unbekannte Juristen – unter ihnen Maximilien Robespierre, ein junger Rechtsanwalt aus Arras, dessen Namen noch niemand gehört hat. Dem Dritten Stand folgen der Zweite und der Erste: das Defilee der Adeligen, des niederen und des hohen Klerus. Diesmal rührt sich unter den Schaulustigen kaum eine Hand zum Beifall.
Schließlich der Hofstaat. Vorneweg marschieren die Elitehundertschaft der Schweizergarde in scharlachrot-goldenen Renaissanceröcken sowie die königlichen Falkner mit den Vögeln auf der Faust – ein treffendes Geleit für den König, einen begeisterten Jäger. Ludwig XVI. in seinem mit Gold und Diamanten bestickten Prachtgewand wird von den höchsten Offizieren des Reichs begleitet sowie von den Prinzen königlichen Geblüts und den führenden Aristokraten. Wieder schallt dem Herrscher der Ruf „Es lebe der König“ entgegen – und wieder wird die Königin zu seiner Linken ignoriert. Langsam nur kommt der Festzug durch einen Kordon aus Gardesoldaten voran. In Richtung Süden geht es über den Vorplatz des gewaltigen Schlosses, das der Sonnenkönig Ludwig XIV. vor gut 100 Jahren als Monument seiner gottgegebenen Macht hat errichten lassen. Mehr als 1300 Räume birgt der Riesenbau, in dem selbst Bedienstete, die sein Innenleben genau zu kennen glauben, manchmal Gänge und versteckte Kabinette entdecken, von deren Existenz sie nichts geahnt haben.
Am Südrand des Platzes biegt die Prozession in die Rue Satory ein, die sie zur Kathedrale Saint-Louis führt, wo eine Messe gefeiert werden soll. Dort trifft der Zug um 12.30 Uhr ein. Auch hier fühlt sich der Dritte Stand durch den königlichen Zeremonienmeister gekränkt: Für Klerus und Adel gibt es reservierte Sitze, die Bürgerlichen indes müssen sehen, wo sie Platz finden.
Nachdem sich die 800 Deputierten und knapp 300 Damen und Herren des Hofstaats schließlich niedergelassen haben, liest der Erzbischof von Paris die Messe; anschließend hält der Bischof von Nancy eine lange Predigt. Er ist bemüht, jeden der Anwesenden anzusprechen: Er geißelt den Luxus des Hofes und beklagt das Elend der Bauern; er drängt die einen, auf Privilegien zu verzichten, und die anderen, sich demütig zu unterwerfen.
Der Kirchenfürst verliert freilich nicht die Rangordnung aus den Augen, und so erklärt er dem König „die Ehrerbietung der Geistlichkeit, die Hochachtung des Adels und die untertänigste Bitte des Dritten Standes“. Höfliche Zustimmung von allen Seiten. Beifall erhält auch der König, als er nach dem Gottesdienst seine Kutsche besteigt und in den Palast zurückfährt. Genauen Beobachtern hingegen sind die Misstöne dieses langen Tages nicht entgangen. Etwa der brausende Jubel, mit dem die Menge neben dem König auch den Herzog von Orléans grüßte und der in augenfälligem Kontrast stand zum demonstrativen Schweigen gegenüber Marie-Antoinette. Der Vetter des Königs hat sich zur Empörung des Hofes als Adelsdeputierter wählen lassen. Ein Mitglied des Herrscherhauses macht sich gemein mit den Untertanen – das ist unerhört. Etliche Abgeordnete des Dritten Standes haben sich zudem über ihre Herabwürdigung durch die Kleiderordnung oder das lange Warten auf das Erscheinen des Königs beschwert. Und Graf Mirabeau urteilt höhnisch über die Predigt in der Kathedrale, sie sei konzept-, ideen-, stil- und wirkungslos gewesen.
Doch die meisten Zuschauer und Deputierten sind geblendet von dem prächtigen Schauspiel. Manche geraten gar in patriotische Verzückung, wie der Marquis de Ferrières, der an seine Frau schreibt: „O mein geliebtes Frankreich, du liebenswertes, gutes Volk, ich habe einen ewigen Bund mit euch geschlossen. Bis zum heutigen Tag besaß ich kein Vaterland; nun habe ich eins, und es soll mir immer teuer bleiben.“ Der verzückte Marquis gehört dem Zweiten Stand an; die Stimmung im Dritten Stand dagegen ist weniger euphorisch als vielmehr gespannt erwartungsvoll – in der Hoffnung, dass der morgige Tag den Anstoß geben werde für eine wirkliche Reform des Staates. Eine Illusion, wie sich sehr schnell zeigen wird.
LUDWIG XVI. HAT SICH lange dagegen gesträubt, die Generalstände einzuberufen. Doch der drohende Staatsbankrott zwingt ihn dazu. Der König braucht dringend Geld – und niemand anders als die Vertretung der Stände kann ihm noch dazu verhelfen. Frankreich treibt auf die Insolvenz zu, weil seine Herrscher schon seit langem zu viel Geld ausgeben. So auch Ludwig XVI., wenngleich er privat eher genügsam ist: Zum Entsetzen seines „Großmeisters der garde-robe “ hat er nach der Thronbesteigung 1774 für seinen Kleiderschrank nur sechs schlichte Ratinéröcke bestellen wollen. Auch hat er eine beträchtliche Zahl von Speisegängen (die ohnehin niemand isst) und mehrere Küchenämter abschaffen lassen, darunter die der Hüter des königlichen Bratens und des Weines sowie der Begleiter des Brotes, der Früchte und der Marmelade auf Reisen des Königs. Dennoch sind reichlich überflüssige Posten übrig geblieben.
Die Günstlinge der Königin kosten die Bürger Millionen
Der Monarch pflegt keine kostspieligen Leidenschaften, hat nicht einmal eine Mätresse – ganz untypisch für einen Bourbonen. In seiner Freizeit interessiert er sich allein für die Jagd und für sein Hobby, die Arbeit als Schlosser. In einer Werkstatt unter der Bibliothek verfertigt er mit geringem Talent, aber höchstem Eifer mal einen Schlüssel, mal ein Hängeschloss. Königin Marie-Antoinette hingegen liebt den Prunk, edle Kleider, kostbaren Schmuck und opulente Feierlichkeiten: Im September 1777 kostete eine einzige Festnacht in ihrem Lustschloss Petit Trianon im Park von Versailles 400 000 Livres. Diese Summe entspricht der Jahresmiete von 570 Luxuswohnungen in Paris. Wer die Gunst der Königin erlangt, kann mit generöser Belohnung rechnen. Mehr als 1,2 Millionen Livres schenkt sie der Gräfin von Polignac, damit die ihre Schulden tilgen und ihrer Tochter eine Mitgift aussetzen kann; darüber hinaus erhält der Liebhaber der Gräfin eine jährliche Rente von 30 000 Livres. Der schwedische Graf Axel Fersen, ein Vertrauter, vielleicht gar der Geliebte Marie-Antoinettes, bekommt auf ihre Veranlassung 100 000 Livres, um mit dieser Summe das Kommando über ein Regiment Soldaten zu erwerben. Auch er erhält eine üppige Rente.
Dennoch sind die größten Ausgabenposten im Land nicht die Tausende von oft überflüssigen Ämtern, auch nicht die Gnadenrenten oder die verschwenderischen Ideen der Königin – sondern: die andauernden Kriege. So kämpften im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) französische Soldaten auf vier Kontinenten gegen eine Koalition Großbritanniens mit Preußen – und erlitten eine demütigende Niederlage: Fast alle nordamerikanischen und indischen Besitzungen mussten nach dem Friedensschluss 1763 an die britischen Erzfeinde übergeben werden.
Und die Unterstützung der nordamerikanischen Kolonien im Unabhängigkeitskrieg von 1778 bis 1783 verschärfte die Finanzkrise noch. Zwar siegten die Kolonisten gegen Großbritannien, und Frankreich gewann einige überseeische Besitzungen zurück. Doch bedeutet die Subventionierung der Freiheitskämpfer immer neue Schuldenlasten für die königliche Schatulle. Am 20. August 1786 offenbart Finanzminister Charles-Alexandre de Calonne dem Monarchen das gewaltige Ausmaß der Misere: Im vorhergehenden Jahrzehnt habe die Krone Anleihen über 1,25 Milliarden Livres aufgenommen; die Hälfte der jährlichen Staatseinnahmen müsse für die Bedienung der Schulden aufgewendet werden; und die Ausgaben dieses Jahres würden die Einnahmen um mehr als 100 Millionen überschreiten. Drastische Maßnahmen seien notwendig – und sie müssten sofort beschlossen werden. Denn ab 1787 würden etliche kurzfristige Anleihen fällig. Kühn ist das Rezept, das Calonne seinem Herrn vorschlägt: Es sei unmöglich, erklärt er, neue Steuern zu erheben, verderblich, weiterhin Geld zu borgen, nicht hinreichend, die Ausgaben zu verringern. „Das einzig wirksame Mittel, der einzig offen stehende Weg, um die Finanzen am Ende wirklich in Ordnung zu bringen, muss darin bestehen, den gesamten Staat wiederzubeleben, indem alles, was schlecht ist an seiner Verfassung, umgeformt wird.“
Der Finanzminister plant, sämtliche Binnenzölle abzuschaffen und damit den Handel innerhalb Frankreichs zu beleben. Calonne empfiehlt zudem, beratende Versammlungen zu berufen, in denen die Grundeigentümer an der Verwaltung des Reiches mitwirken sollen.
Ein Minister rät zur Reform – und riskiert seine Karriere
Das Herzstück seines Programms ist eine Steuerreform: Das Durcheinander der direkten Steuern will er durch eine einheitliche Abgabe auf Grundbesitz entwirren – und zwar ausnahmslos jeden Grundbesitz. Denn bisher sind Geistlichkeit und Adel, die privilegierten Stände, von fast allen Steuern ausgenommen. Die Hauptlast der Abgaben tragen die Bauern. Zwei Drittel der französischen Bevölkerung leben von der Landarbeit; zumeist sind es kleine Pächter, die auf einen Nebenerwerb angewiesen sind, um so die kümmerlichen Erträge ihrer Parzellen aufzubessern. In guten Jahren ist ihr Einkommen gerade hoch genug, um eine kärgliche Existenz zu sichern – in schlechten reicht es dazu nicht. Zu den direkten Steuern kommen die indirekten, etwa auf Salz und Wein, und der Zehnte, den die Bauern an die Kirche entrichten müssen. Zudem haben die adeligen Grundherren zahlreiche feudale Rechte behalten. So sind die Bauern in vielen Regionen gezwungen, ihr Getreide gegen Gebühr in der herrschaftlichen Mühle mahlen und den Wein in seinem Kelter pressen zu lassen. Sie zahlen auch Wege- sowie Brückengeld und müssen dulden, dass der Grundherr auf ihren Feldern jagt.
Seinem Selbstverständnis nach unterliegt die Macht des französischen Königs keinerlei Einschränkung: Ludwig XVI. könnte Calonnes Reform einfach dekretieren. Doch die Realität sieht anders aus. Neue Gesetze müssen formal bei den obersten Gerichtshöfen des Landes eingetragen werden, um Gültigkeit zu erlangen – und diese sind, wie der Monarch und seine Berater befürchten, mit reformunwilligen Adeligen besetzt.
Um jeden möglichen Widerstand zu vermeiden, will der Minister sich die Reform von einer Versammlung auserlesener Notabeln gutheißen lassen – „bedeutenden Personen, die des öffentlichen Vertrauens würdig und dem König ergeben sind“. Die Auswahl der Mitglieder durch die Regierung soll ihre Zustimmung verbürgen, ihr achtunggebietender Rang das Vertrauen der Öffentlichkeit für die Steuerreform gewinnen – und das der Kreditgeber an den internationalen Finanzmärkten. Denn an die Zahlungsfähigkeit der Krone glaubt dort niemand mehr.
Zuletzt hat Kardinal Richelieu eine solche Versammlung 160 Jahre zuvor einberufen – und damals hat der Erste Minister Ludwigs XIII. gegenüber der französischen Elite auch alles, was er wollte, durchsetzen können. Doch die 144 Notabeln, bis auf drei Ausnahmen allesamt Aristokraten, darunter sieben Prinzen von königlichem Geblüt sowie 14 Prälaten und 36 Hochadelige, die am 22. Februar 1787 zusammenkommen, sind nicht so zahm wie erhofft – und Calonnes Fähigkeiten reichen nicht an die des ebenso genialen wie rücksichtslosen Richelieu heran. Vor allem die adeligen Kleriker lehnen den Eingriff in ihre Vergünstigungen strikt ab, viele weitere Notabeln schließen sich ihnen an. Die Ouvertüre der Französischen Revolution – sie ist eine Rebellion der Privilegierten, die Auflehnung der Aristokraten und der hohen Geistlichen gegen die Beschneidung ihrer Vorrechte.
Die Nachrichten über die Beratungen der Notabeln verbreiten sich rasch. Die Verteidiger der ständischen Ordnung finden als Opponenten Calonnes und Verhinderer von Steuererhöhungen auch den Beifall der reformorientierten Öffentlichkeit aus liberaler Aristokratie und aufstrebender Bourgeoisie – wohlsituierten Händlern und Fabrikanten, reichen Rentiers sowie Bildungsbürgern wie etwa Juristen, Ärzten und Journalisten. Deren Zahl wächst im 18. Jahrhundert stark an, und sie registrieren besonders wachen und kritischen Geistes die Entwicklungen in Staat und Gesellschaft.
Die Debatte entspinnt sich unter anderem in den fünf oder sechs großen Salons von Paris, wo sich freisinnige High Society und Literaten zu Soiréen treffen, häufig unter Obhut kultivierter Damen aus dem Hochadel. Zentren der Diskussion sind daneben die 600 oder 700 Cafés der Metropole sowie die seit Mitte des Jahrhunderts immer zahlreicher werdenden Lesezirkel und politischen Klubs nach englischem Vorbild. Dort begegnen sich Aristokraten und reiche Bürger, um zu speisen, Karten zu spielen, die neuesten Bücher zu lesen – und eifrig über die angemessene Regierung des Staates zu disputieren.
Der König ist, glauben viele, so gut wie ruiniert
DIESE GEBILDETE, aristokratisch-bürgerliche Öffentlichkeit folgt der Philosophie der Aufklärung, die allen ausschließlich auf Tradition oder Autorität beruhenden Meinungen, Normen, Institutionen zutiefst skeptisch gegenübersteht. Die menschliche Vernunft ist ihr Richtschnur der Erkenntnis und des Handelns.
Denis Diderot (1713–1784), unter anderem Philosoph, Dramatiker, Mathematiker und Nationalökonom, einer der vielseitigsten Köpfe der Aufklärung, hat deren Weg 1771 beschrieben: Die Vernunft habe während des ganzen Aufklärungszeitalters ihre Einflusssphäre beständig erweitert. Von der Kritik der Religion sei man zur Kritik der Gesellschaft fortgeschritten und habe dabei keinen Bereich von der freien und vorurteilslosen Untersuchung ausgenommen. Voltaire (eigentlich François-Marie Arouet, 1694–1778) ist der hellste Stern der französischen Aufklärung. Goethe nennt ihn den „größten Namen der Literatur der neueren Zeit und vielleicht aller Jahrhunderte“. Voltaire schreibt Dramen, Essays, historische Werke, Erzählungen und Romane, korrespondiert mit den intellektuellen und politischen Führern Europas (etwa mit der russischen Zarin Katharina II. sowie Friedrich II. von Preußen). Leidenschaftlich und rastlos ficht der Philosoph gegen Intoleranz und Aberglauben, gegen Unvernunft und Vorurteile, besonders aber gegen die Kirche und die Religion – und trifft damit das Gottesgnadentum im Kern, die zentrale Legitimation der königlichen Macht.
In den Bibliotheken der aufgeklärten Kreise stehen auch die 35 Bände der „Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers“. Die zwischen 1751 und 1780 von Diderot gemeinsam mit Jean le Rond d’Alembert (1717–1783) herausgegebene Enzyklopädie fasst das gesamte abendländische Wissen der Zeit zusammen – und damit, verpackt zwischen Artikeln über Naturwissenschaft und Technik, auch sämtliche subversiven Ideen, die im Laufe der vergangenen Jahre aufgekommen sind, etwa die Überlegungen zur Gedankenfreiheit oder Religionskritik. In Anbetracht ihrer Popularität beim liberalen Publikum sehen die Verteidiger der Privilegien in der Notabelnversammlung die Stunde gekommen, sich Calonnes und seiner Reform zu entledigen. Sie finden die Unterstützung einflussreicher Hofkreise um Marie-Antoinette, die beim Monarchen gegen den Finanzminister intrigieren. Monate hatte Calonne gebraucht, um den König von seinem Reformplan zu überzeugen.
Denn der beleibte Monarch mit der fleischigen Nase der Bourbonen ist eine schwache, linkische Herrscherpersönlichkeit, von zögernder Wesensart und einschneidenden Neuerungen gegenüber abgeneigt; intelligent zwar, dabei aber schüchtern, willensschwach, wankelmütig und zielstrebiger Beeinflussung leicht ergeben. Ludwig XVI. fügt sich den Wünschen seiner Frau: Calonne wird fallen gelassen.
Zu dessen Nachfolger bestellt Ludwig XVI. Étienne Charles Loménie de Brienne. Der Adelige ist Erzbischof von Toulouse – und Wortführer der Opposition gegen Calonnes Reformplan in der Notabelnversammlung. Doch die Finanzkrise verschwindet nicht einfach dadurch, dass jetzt ein anderer die Verantwortung für die staatlichen Kassen trägt. Und so bleibt Brienne nichts anderes übrig, als dem Gremium im wesentlichen die Vorschläge seines Vorgängers zu präsentieren. Die Notabeln lehnen Briennes Ansinnen rundheraus ab.
Der König und sein Minister begreifen, dass sie von der Versammlung nichts mehr erwarten können, und lösen sie am 25. Mai 1787 auf. Eine Verbesserung der nach wie vor drückenden Finanzprobleme jedoch ist noch immer nicht erreicht.
UND DA STELLEN SICH dem König neue Gegner in den Weg: die parlements . Dies sind keine demokratischen Versammlungen, sondern die obersten Gerichtshöfe in zwölf französischen Provinzen sowie in Paris. In ihnen geben Adelige den Ton an. Zum Gesetz wird des Königs Wille in Frankreich nur dann, wenn die Parlements es registrieren. Der Herrscher betrachtet dies als reinen Verwaltungsakt. Doch die Gerichtsherrn ergreifen die Gelegenheit, der geschwächten Krone die Grenzen ihrer Macht aufzuzeigen: Im Juli 1787 verweigert das Parlement von Paris die Registrierung der erhöhten Stempelsteuer. Diese Abgabe wird auf alle Drucksachen erhoben, die einen offiziellen Stempel brauchen: Urkunden, Rechnungen, Wechselbriefe bis hin zu Heirats- und Todesanzeigen.
Die Parlementsräte handeln auch im Interesse der örtlichen Geschäftswelt: Kaufleute, Buchhändler und Drucker fürchten die steigenden Kosten. Zwei Wochen nach seinem ersten Widerspruch lehnt das Parlement auch die Registrierung der allgemeinen Grundsteuer ab. Stattdessen verlangen die Gerichtsräte, zum ersten Mal seit 173 Jahren die Generalstände einzuberufen: Nur die Vertretung der ganzen Nation könne über neue Steuern beschließen. Damit haben die Pariser Richter eine mächtige politische Parole formuliert – und zugleich eine offene Kampfansage an den König.
Ludwig ist außer sich über diesen Affront: Der König von Frankreich hat seine Taten nur vor Gott zu rechtfertigen, nicht vor einer Versammlung seiner Untertanen. Er will den Widerstand der Parlements brechen und ordnet deshalb am 6. August 1787 die Zwangsregistrierung der Steuergesetze an. Doch die Parlementsräte beugen sich nicht: Am folgenden Tag erklären sie die Zwangsregistrierung für unrechtmäßig. Zudem wollen sie den ehemaligen Finanzminister Calonne anklagen. In seinem Zorn über ihre Unbotmäßigkeit verbannt Ludwig die Gerichtsbeamten daraufhin in die Kleinstadt Troyes, 150 Kilometer südöstlich von Paris. Dort werden die Vertriebenen wie im Triumph empfangen. „Das Volk“, so bringt Voltaire das Missverständnis auf den Punkt, „sieht im Parlement nur den Feind der Steuern“ – und nicht den Verteidiger der Adelsprivilegien.
In Paris herrscht unterdessen Empörung. Die Heerschar der Juristen und ihrer Angestellten sieht sich durch das Exil des Parlements um ihr Einkommen gebracht. Demonstranten ziehen tagelang durch die Straßen. Enttarnte Polizeispitzel werden mit Gewalt aus dem Justizpalast, dem Tagungsort des Parlements, vertrieben, Regierungsschriften öffentlich verbrannt. Einige wenige besonders erhitzte Gemüter krakeelen gar bereits vom Bürgerkrieg.
Dagegen greift die Regierung hart durch, sie sendet Soldaten, die den Justizpalast räumen und Tag und Nacht in den Straßen patrouillieren. Die politischen Klubs werden verboten, nicht einmal ein unverdächtiger Schachklub bleibt ausgenommen.
Zugleich gibt sich Finanzminister Brienne verhandlungsbereit. Er ringt dem König den Verzicht auf die Einführung der Grundsteuer und die Erhöhung der Stempelsteuer ab sowie das Versprechen, die Generalstände spätestens 1792 einzuberufen. Bis dahin, so Briennes Kalkül, werde er die Finanzen des Landes wieder in Ordnung gebracht haben – die Generalstände müssten das Ergebnis seiner Bemühungen dann nur bestätigen.
Die Parlementsräte in Troyes lassen sich auf den Kompromiss ein und erhalten daraufhin die königliche Erlaubnis, wieder in Paris zu tagen. Die seit Wochen beschäftigungslose Juristengilde der Hauptstadt begeht diese gute Nachricht mit einem Volksfest, in dessen Verlauf eine Calonne symbolisierende Strohpuppe verbrannt wird.
Noch immer allerdings ist die Staatskasse leer; Brienne will deshalb Anleihen aufnehmen, die 420 Millionen Livres bringen sollen. Doch auch diese Kredite müssen registriert werden. Ludwig XVI., stets zwischen Nachgiebigkeit und Despotismus schlingernd, entscheidet sich plötzlich für ein autoritäres Vorgehen: Das Parlement soll die Anleihe registrieren, ohne darüber abzustimmen. Überraschend befiehlt er die Gerichtsräte am späten Abend des 18. November für den kommenden Tag in den Justizpalast.
Am Morgen besetzen Soldaten den Saal, die vielköpfige Zuschauermenge auf den Treppen und Gängen sieht es voller Furcht. Als der Monarch eintrifft, begleitet von seinen Ministern und den Prinzen königlichen Geblüts, empfängt ihn finsteres Schweigen. Ludwig XVI. und der Justizminister erklären in autoritärem Ton, nur der König könne beurteilen, wann die Einberufung der Generalstände angezeigt sei. Dann werden die Parlementsräte aufgefordert, ihre Meinung zu äußern.
Der 41-jährige Rechtsanwalt Jeal-uacques Duval d’Éprémesnil, klein, untersetzt, der sich durch seine Rednerkunst zum allgemein anerkannten Anführer der Parlementsopposition aufgeschwungen hat, beschwört den König, die Generalstände schon 1789 einzuberufen: „Sire, mit einem Wort können Sie alle Wünsche erfüllen. Eine allgemeine Begeisterung wird im Nu aus diesem Raum auf die Hauptstadt und von der Hauptstadt auf das ganze Reich überspringen. Sprechen Sie es aus, Sire, gewähren Sie es aus Liebe zu allen Franzosen.“ Ludwig XVI. zögert – wieder einmal. Am nächsten Tag gesteht er, er sei kurz davor gewesen, nachzugeben. Doch als alle Reden gehalten sind, befiehlt er, die Anleihe, wie von ihm gefordert, zu registrieren.
Da erhebt sich der Herzog von Orléans, ein Vetter des Königs und wohl der reichste Mann Frankreichs. Mit hochrotem Gesicht herrscht der 40-jährige Prinz, der nicht gern öffentlich redet, Ludwig XVI. an: Dieses Vorgehen sei illegal. In den Augen des Herzogs widerspricht es der überlieferten Auffassung, nach welcher der König nur auf einem Großen Gerichtstag eine Zwangsregistrierung anordnen dürfe. Fassungslos und empört über die Beleidigung Seiner Majestät stammelt der König mit erstickter Stimme: „Es ist legal, weil ich es so will.“
Niemand will dem Staat mehr Kredit gewähren
Die Zeit seiner Konzilianz gegenüber der Adelsrebellion ist vorüber: Am nächsten Tag verbannt er den Herzog von Orléans aufs Land, müssen zwei Gerichtsherrn ins Gefängnis. Doch die Parlements lassen sich nicht einschüchtern. Immer wieder kommt es in den folgenden Monaten zu Protesterklärungen, weigern sich Gerichte, Gesetze zu registrieren.
Im Frühjahr 1788 sieht der König endgültig die Zeit für einen Befreiungsschlag gekommen: Eine Justizreform entzieht den Parlements das Registrierungsrecht und schränkt deren Kompetenzen ein. Am 8. Mai 1788 lässt der Monarch die neuen Regeln auf einem Großen Gerichtstag zwangsregistrieren, unmittelbar darauf beurlaubt er die Parlements. Mehr noch als in Paris breitet sich der Aufruhr nun in den Provinzen aus; besonders ernst ist er in Grenoble im Südosten. Dort verbietet der königliche Statthalter dem protestierenden Parlement, weiterhin zusammenzutreten. Als der Vertreter des Monarchen mit Soldaten anrückt, um die aufsässigen Gerichtsherren aus der Stadt zu weisen, kommen diesen die Zünfte zu Hilfe. Es ist Markttag, Grenoble voller Menschen, und auch die Bauern von den umliegenden Bergen eilen auf den Klang der Sturmglocke herbei. Von den Dächern geht ein Ziegelhagel auf die Soldaten nieder; so heftig ist der Widerstand, dass der Statthalter kapituliert. Unüberhörbar erschallt aus der Provinz wie aus dem ganzen Land die Forderung, möglichst bald die Generalstände einzuberufen.
Brienne muss nachgeben, denn die königliche Kasse ist leer – nach dem despotischen Schlag gegen die Parlements vom Mai will niemand mehr der Regierung Kredit geben. Am 8. August beruft der König die Generalstände für den Mai 1789 ein; acht Tage später stellt die Staatskasse vorläufig ihre Zahlungen ein. Brienne geht; an seiner Stelle wird wie schon in den Jahren 1776 bis 1781 Jacques Necker Finanzminister. Der gebürtige Schweizer, ein reicher Bankier von untadeligem Ruf, genießt das Vertrauen der Finanzwelt, sofort kann er eine Anleihe auf dem Markt unterbringen; aus eigener Tasche gibt Necker zwei Millionen Livres dazu. Doch das ist nicht mehr als eine Atempause für das ausgelaugte Regiment Ludwigs XVI.
DIE ANTIABSOLUTISTISCHE Adelsrevolte triumphiert, als das Pariser Parlement am 23. September 1788 wieder in seine Rechte eingesetzt wird. Der Gerichtshof genießt jetzt im ganzen Land höchste Popularität als Vorkämpfer gegen neue Steuern und den königlichen Despotismus – auch bei den Bürgern des Dritten Standes.
Doch erste Risse in dieser ungewöhnlichen Koalition zeigen sich schon bald bei der Diskussion des Wahlverfahrens für die Generalstände. Die sind zwar eine alte Institution der Ständegesellschaft, doch ihre genaue Zusammensetzung, ihre Wahl- und Abstimmungsmethoden sind nie verbindlich festgelegt worden. Und auch die Ankündigung Ludwigs XVI. lässt diese Fragen offen, die von nun an heftig debattiert werden. Bereits Ende September fordert das Pariser Parlement, die Generalstände von 1614 zum verbindlichen Vorbild zu nehmen. Das aber würde bedeuten, dass alle Stände etwa gleich viele Deputierte stellen. Und dass bei Abstimmungen jeder Stand nur eine Stimme hat. Damit hätten der Adel (höchstens 350 000 Angehörige) und der Klerus (60 000 Menschen) jeweils ebenso viel Gewicht wie die gesamte restliche Bevölkerung von Bürgern, Bauern und Arbeitern (etwa 27 Millionen). Das eben noch gefeierte Pariser Parlement verwirkt mit einem Schlag seine enorme Beliebtheit. Die kurzlebige Allianz der Stände zerbricht.
Waren sich zuvor noch alle einig, die Macht des Königs zu beschränken, so wird nun deutlich, dass die ersten beiden Stände, abgesehen von einer liberal gesonnenen Minderheit, keineswegs bereit sind, zu Gunsten des Dritten Standes auf ihre Privilegien zu verzichten. Die meisten Angehörigen von Adel und Klerus wollen ihre Macht erhalten, ja ausbauen – im Zweifelsfall auf Kosten des Königs und des Dritten Standes.
Dessen Vertreter toben gegen den Eigensinn der Adelsmehrheit. Sie sammeln sich in den nun wieder zugelassenen politischen Klubs; eine Sturzwelle politischen Schrifttums ergießt sich über das Land – täglich erscheinen neue Pamphlete. Die am häufigsten erhobene Forderung: Der Dritte Stand soll mindestens ebenso viele Deputierte entsenden wie die beiden anderen Stände zusammen – und es soll nach Köpfen abgestimmt werden, sodass jeder Versuch der Privilegierten, die Ansprüche des Dritten Standes niederzuhalten, schon durch das Zahlenverhältnis zum Scheitern verurteilt wäre.
Zum mächtigen Antrieb der Empörung wird die „Gesellschaft der Dreißig“, die ab November dreimal wöchentlich in Paris zusammenkommt. Ihr gehören Beamte an, Bankiers, Journalisten, aber auch viele liberale Mitglieder der privilegierten Stände. Etwa Marie-Joseph du Motier, Marquis de La Fayette, der als General am Kampf der amerikanischen Kolonien um die Unabhängigkeit teilgenommen hat. Der von seiner Kaste abgefallene Graf Mirabeau nennt das die „Konspiration der ehrenwerten Leute“ – denn abermals sind es Honoratioren, die aufbegehren, nicht die Armen. Dieser neuen Interessengemeinschaft geht es jetzt nicht mehr allein darum, die Macht des Königs zu ihren Gunsten einzuschränken, was noch das Motiv der Adeligen in der Notabelnversammlung 1787 und des Parlementswiderstands 1788 gewesen war. Die „Nationale Partei“, wie sich die Agitatoren selbst bezeichnen, fordert Gleichheit vor dem Gesetz und die Teilhabe an der politischen Macht – und damit das Ende der ständischen Ordnung der Gesellschaft.
Der Abbé Emmanuel-Joseph Sieyès, selbst Mitglied der Gesellschaft der Dreißig, bringt die Kritik an der bestehenden Ordnung des Landes in einer Flugschrift vom Januar 1789 auf den Punkt: „Der Dritte Stand umfasst also alles, was zur Nation gehört. Und alles, was nicht Dritter Stand ist, kann sich nicht als Bestandteil der Nation betrachten. Was also ist der Dritte Stand? Alles.“ Und welche Stellung sollten Adel und Klerus in der Gesellschaft einnehmen? „Ebenso gut könnte man fragen, welcher Platz einer bösartigen Krankheit zukomme, die den Leib eines Kranken martert und verzehrt.“
Der König gibt auf Anraten Neckers dem Druck der Öffentlichkeit nach und gewährt am 27. Dezember 1788 die Verdoppelung der Abgeordnetenzahlen des Dritten Standes bei den Generalständen. Aber über die Abstimmung nach Köpfen wird nichts bekannt gegeben – damit bleibt das vermeintlich großzügige Entgegenkommen wertlos.
NICHT NUR DIE MENSCHEN wenden sich in diesem Winter gegen das Ancien Régime – sondern auch der Himmel. Nachdem schon im Sommer schwere Hagelstürme große Teile der Ernte vernichtet haben, bringen nun außergewöhnlich niedrige Temperaturen die Menschen in Stadt und Land in Bedrängnis. Die Mühlen in den zugefrorenen Flüssen können das wenige vorhandene Getreide nicht verarbeiten, und so erhöht sich nun deutlich der Preis des Brotes, des bei weitem wichtigsten Grundnahrungsmittels. Überall ist nun das Geld knapp, Handwerker erhalten keine Aufträge mehr, die Webstühle stehen still, Bauarbeiter verlieren ihre Arbeit.
Verarmung und Arbeitslosigkeit führen zu Zorn und Argwohn: gegen Kornspekulanten, die den Getreidepreis in die Höhe trieben; gegen „Landstreicher“, welche die Provinz in Scharen heimsuchten; gegen Juden, die verschuldeten Bauern angeblich Wucherzinsen abverlangten. Der Zorn bricht sich schon bald Bahn in Gewalt: Überall im Norden des Landes werden Bäckereien und Kornspeicher geplündert; in der Bretagne kommt es zu Straßenkämpfen und wochenlangen Ausschreitungen; in Toulon entrinnen einige Verwaltungsbeamte nur knapp dem Lynchmord einer aufgebrachten Menge.
Auch in der Metropole Paris werden in dieser brodelnden Atmosphäre Gerüchte über vermeintliche Verschwörungen gegen die einfachen Leute schnell ernst genommen – und zum Auslöser gewalttätiger Unruhen. Im April 1789 etwa geht im Faubourg Saint-Antoine, einem Viertel der Arbeiter und Handwerker im Schatten der Bastille, die Behauptung um, der Tapetenfabrikant Jean-Baptiste Réveillon wolle den Lohn seiner Beschäftigten kürzen. Réveillon, der einst selbst einfacher Arbeiter war und als sozial denkender Dienstherr gilt, beschäftigt rund 350 Angestellte: Er zahlt überdurchschnittlich gut, und als er im Winter wegen der wirtschaftlichen Misere die Produktion zurückfahren und Beschäftigte entlassen musste, erhielten diese Unterstützungsleistungen.
Doch Réveillon denkt auch darüber nach, wie diese Misere beendet werden könnte – und er macht den Fehler, seine Gedanken öffentlich auszusprechen. Bei einer Wahlversammlung fordert er, den Brotpreis zu ermäßigen. Dann würden auch die Lohn- und Herstellungskosten sinken. Niedrigere Kosten wiederum bedeuteten geringere Preise – und das müsse den Konsum ankurbeln.
In der erhitzten Stimmung sieht so mancher Arbeiter darin die Ankündigung einer Lohnkürzung. Schnell versammeln sich am 27. April 1789 Hunderte knüppelbewehrter Demonstranten und ziehen mit der Parole „Tod den Reichen, Tod den Aristokraten“ und einer Galgenattrappe, an der eine Puppe mit den Zügen Réveillons baumelt, durch das Stadtviertel. Ziel des Zuges ist die Villa des Fabrikanten.
Manche Kleriker wechseln auf die Seite der Reformer
An diesem Tag lassen sich die Demonstranten durch einen Trupp von 50 Gardisten abschrecken. Ziehen stattdessen zum Haus eines anderen Unternehmers, plündern es, zerschlagen das Mobiliar und verbrennen die Trümmer auf der Straße.
Am Tag darauf versammeln sich die Wütenden erneut, diesmal aufgehetzt von der schwangeren Ehefrau eines Tagelöhners. 5000 bis 10 000 Demonstranten ziehen zum Anwesen Réveillons. Doch Privathaus und Fabrikgebäude werden nach wie vor von Gardisten bewacht, und so verharrt die Menge zunächst tatenlos. Die Menschen beschränken sich darauf, die Insassen vorbeifahrender Kutschen zu beschimpfen. Nur den Herzog von Orléans, als „Freund des Volkes“ bekannt, empfängt Beifall, der sich zur Begeisterung steigert, als er Münzen in die Menge wirft.
Stundenlang herrscht angespannte Ruhe, bis am Abend die Soldaten zurückweichen, um einer Karosse Platz zu machen. Sofort drängen Tausende in die entstehende Lücke und stürmen das Anwesen; nur mit knapper Not können Réveillon und seine Familie entkommen. Binnen zweier Stunden sind Haus und Tapetenfabrik verwüstet; im Garten verbrennen die Demonstranten Tapeten, Möbel und Bilder. Die Gardisten leisten zunächst keinen Widerstand. Erst als das Haus komplett geplündert ist, rücken mehrere hundert Mann Verstärkung an, darunter schwer bewaffnete Einheiten der regulären Armee, die Kanonen mit sich führen. Demonstranten bewerfen die Truppen von den Dächern und Fenstern der umliegenden Häuser aus mit Steinen, stoßen berittene Soldaten aus dem Sattel. Warnschüsse in die Luft wirken nicht, da eröffnet das Militär das Feuer in die Menge. Der Aufruhr endet in einem Blutbad: Wahrscheinlich kommen etwa 300 Menschen ums Leben, mindestens ebenso viele werden verwundet.
IN SOLCH UNRUHIGEN ZEITEN macht sich nun ganz Frankreich an die Vorbereitung der Generalstände. Der König hat Ende Januar die Modalitäten der Wahl bekannt gegeben und alle Untertanen dazu aufgefordert, den Abgeordneten ihre Wünsche und Sorgen in cahiers de doléances („Beschwerdeheften“) mit auf den Weg zu geben.
Parallel dazu wählt die Nation ihre Deputierten. Das Wahlrecht ist ausgesprochen demokratisch für seine Zeit: Stimmberechtigt ist jeder Mann von 25 Jahren, der in die Steuerrolle eingetragen ist. Das macht sechs Millionen Wahlberechtigte, immerhin knapp ein Viertel der Bevölkerung. 291 Deputierte wählt der Klerus. Nirgendwo ist der Unterschied zwischen Arm und Reich krasser als unter den Vertretern des Ersten Standes: Zwei Drittel sind einfache Gemeindepfarrer – Seelsorger und Sozialarbeiter in einem –, die manchmal mit weniger Geld auskommen müssen als ein Tagelöhner. Auf der anderen Seite stehen adelige Prälaten wie Charles-Maurice de Talleyrand, dem sein Bischofsamt nicht mehr ist als eine Pfründe: Erst zwei Monate nach seiner Einsetzung besuchte er Autun, den Amtssitz, blieb dort vier Wochen, die er vor allem seiner Wahl zu den Generalständen widmete, und verschwand dann für immer.
Fast alle 270 Abgeordneten des Zweiten Standes entstammen dem alten Adel, die meisten bekleiden hohe Ränge in der aristokratischen Hierarchie, viele gehören zu den Superreichen. Sie alle haben bei einer Veränderung der Gesellschaftsordnung, wie sie die Agitatoren des Dritten Standes fordern, viel zu verlieren: ihre Steuerprivilegien, ihre grundherrlichen Rechte, die Einkünfte aus Ehrenrenten von der Krone – und auch den politischen Einfluss, den sie in den vergangenen Jahren durch die Verweigerungspolitik der Parlements errungen haben. Dementsprechend viel zu gewinnen haben die rund 600 Deputierten des Dritten Standes, zumeist städtische Beamte und Rechtsanwälte. Zwar gehören auch sie eher zu den Wohlhabenden des Landes. Doch ist den meisten der feudale Lebensstil der Aristokraten und hohen Kleriker mit elegantem Herrschaftssitz, eigenen Kutschen und Dutzenden livrierten Dienstboten unerreichbar. Vor allem aber bleibt ihnen das Ansehen versagt, das der Hochadel in der ständischen Ordnung genießt. Großes erwarten alle Vertreter der Nation von den Generalständen – aber die Unterschiede in den Erwartungen sind gewaltig.
VERSAILLES, 5. MAI 1789 , Dienstag. Die Deputierten versammeln sich in dem großen „Saal der Hoflustbarkeiten“ an der Avenue de Paris. Einst diente der Saal als Depot für die Kulissen der Hoffeste; jetzt haben ihn die königlichen Architekten in einen prächtigen Tagungsort verwandelt. Der 50 mal 25 Meter große Innenraum ist von Kolonnaden gesäumt, das Kopfende wird von einer mehrstöckigen Tribüne dominiert. Dort steht, unter einem Himmel aus violettem, mit Goldlilien besticktem Samt, der Herrscherthron, etwas tiefer ein prunkvoller Sessel für die Königin.
Weiter unten, streng hierarchisch geordnet, finden sich die Sitzplätze für den Hofstaat: für die Prinzen und Prinzessinnen von Geblüt, für die Pairs und Herzöge des Reichs, für Kammerherrn und Hofdamen sowie die Minister. Drei Deckenfenster, verhängt mit weißer Seide, spenden gedämpftes Licht. 300 Gobelins mit den Porträts von Königen aus 13 Jahrhunderten schmücken die Wände. Marmorreliefs geben berühmte Episoden der französischen Geschichte wieder. In der Mitte des Raums sitzen eng beieinander die Deputierten: zur Rechten des Königs die Kleriker, zu seiner Linken die Adeligen. Ihnen gesteht die höfische Regie Polster zu, während der Dritte Stand, von den Privilegierten durch eine kleine Balustrade getrennt, zwischen ihnen auf blankem Holz sitzt.
Den Abgeordneten der Bürger und Bauern ist erst Einlass gewährt worden, nachdem die Geistlichen und Edelleute Platz genommen hatten; bis dahin mussten sie stundenlang in einem dunklen Korridor verharren. Erst kurz vor Mittag zog auch der Dritte Stand in den Saal ein; ein Raunen ging durch die 2000 Zuschauer auf den Balkonen (Zehntausende warteten vor dem Tor), als der Comte de Mirabeau erschien. Herzlichen Beifall erhielt der greise Michel Gérard aus Rennes, der die vorgeschriebene schwarze Kostümierung verweigert hat und stattdessen das braune Kleid des Bauern trägt.
Dann, um 12.00 Uhr, freudige Unruhe im Saal: die Ankunft Ludwigs XVI. Prächtig gekleidet steigt der Herrscher langsam die Stufen zum Thron hinauf, lädt die Königin ein, sich zu setzen, und deutet an, dass er sprechen werde. Die kurze, unverbindliche Begrüßung wird mehrfach von Beifall und Hochrufen unterbrochen. Danach redet der Siegelbewahrer Charles de Barentin – so leise, dass ihn kaum jemand versteht. Das Ende seiner Rede aber hören alle: Er fordert die Stände auf, „voller Entrüstung die gefährlichen Neuerungen zurückzuweisen“.
Gespannt wartet nun alles auf den Vortrag des Finanzministers. Jacques Necker eilt der Ruf voraus, ein Freund des Volkes zu sein – und eher als alle anderen Mitglieder der Regierung zu Reformen bereit. Doch er ist ein miserabler Redner. Und so bekommen die Abgeordneten drei Stunden lang ein finanztechnisches Referat zu hören: die Aufschlüsselung des Defizits in allen Einzelheiten. Nach 30 Minuten überkommt den Minister Heiserkeit; er gibt sein Manuskript einem Vorleser weiter, dessen schrille Stentorstimme den Zuhörern in den Ohren dröhnt. Die Deputierten rutschen nervös auf ihren Bänken hin und her, husten, dösen, niesen, schnarchen. Auch der König kann seine Schläfrigkeit kaum noch meistern.
Die Langeweile des Dritten Stands weicht der Enttäuschung, als Neckers Ersatzmann den Vortrag beendet: Die Rede, so beeilt sich Graf Mirabeau am nächsten Tag in einer von ihm herausgegebenen Zeitung mitzuteilen, „enthält keinen einzigen Vorschlag, der eines Staatsmannes würdig wäre, nicht einmal den Notbehelf eines Finanziers!“ Kein Wort zu den ersehnten umfassenden Reformen – und zur heiklen Frage der Abstimmung nach Köpfen nur eine Ausflucht: Die Stände mögen zunächst getrennt beraten; zudem sei es allein Sache der privilegierten Stände zu entscheiden, ob sie auf bestimmte Vorrechte verzichten wollten.
Ein letztes Mal lässt sich der Dritte Stand demütigen
Unvermittelt beendet Ludwig die Sitzung gegen vier Uhr nachmittags – und hinterlässt die Deputierten in großer Verwirrung. Die weitere Agenda ist nicht festgelegt. Niemand sagt den Abgeordneten, wie sie sich zu organisieren und worüber sie zu diskutieren haben.
AM FOLGENDEN TAG kehren die Deputierten zurück, um zu überprüfen, ob die Wahlen zu den Generalständen den Regeln gemäß verlaufen sind – entsprechend dem Befehl des Siegelbewahrers nach Ständen getrennt. Der Dritte Stand trifft sich wegen der Vielzahl seiner Abgeordneten im Saal der Hoflustbarkeiten, die Geistlichkeit und der Adel versammeln sich in kleineren Räumen im gleichen Gebäude.
Eigentlich ist dies eine Formalität, doch sie stellt die Abgeordneten des Dritten Standes vor ein Dilemma: Erklären sie sich bereit, die Prüfung allein für sich vorzunehmen, erkennen sie damit das Prinzip der getrennten Beratung an – und damit, so fürchten sie, auch die Abstimmung nach Ständen und nicht nach Köpfen. Verweigern sie sich, ist das eine offene Revolte. Davor aber schrecken die meisten noch zurück. Also wählt der Dritte Stand eine Zwischenlösung: Alles, was nach einer separaten Konstituierung aussehen könnte, etwa die Wahl eines Vorsitzenden, wird vermieden – man trifft sich weiter, aber gewissermaßen inoffiziell.
Einige Tage später ergeht eine Einladung an die beiden anderen Stände, gemeinsam zu tagen. Zudem gibt sich die Versammlung des Dritten Standes einen neuen, programmatischen Namen. Députés des communes , „Abgeordnete des Unterhauses“, nennen sich die Mitglieder jetzt, mit Anklang an das House of Commons in London. Denn das britische Unterhaus verfügt bereits über jene Macht, die sich Frankreichs Dritter Stand erst noch erkämpfen will – etwa über das staatliche Budget zu bestimmen. Die Adelsversammlung weist das Ansinnen sogleich zurück – doch stimmen immerhin 46 liberale Aristokraten für die gemeinsame Überprüfung der Mandate. Wesentlich knapper fällt die Entscheidung bei den Klerikern aus. Es sind vor allem die oft armen Landpfarrer, die sich dem Dritten Stand weit mehr verbunden fühlen als den prunkverliebten Bischöfen. Dennoch stimmt auch die Mehrheit der Geistlichen für getrennte Beratungen. Damit sind die Generalstände vorerst blockiert.
Alle Versuche, einen Kompromiss herbeizuführen, scheitern. Zum einen am Widerstand der Bischöfe, die ihren Einfluss geschickt nutzen, um die kompromissbereiten Priester auszuschalten. Zum anderen am Starrsinn der Aristokraten. Ob aus der Provinz oder aus Paris, ob neuer Amts- oder alter Schwertadel: Ihre überwiegende Mehrheit verweigert sich jeder liberalen Idee. Die Schriftstellerin Madame de Staël, Tochter Neckers und Beobachterin der Ereignisse in Versailles, klagt über den Hochmut der Edelleute: Sie sprächen von ihrem Rang, als ob dieser schon vor Erschaffung der Welt bestanden hätte. „Sie sahen ihre Privilegien als Besitzrechte an, auf denen die Sicherheit der ganzen Gesellschaft beruhe.“
So vergeht Tag um Tag. Der König gibt sich derweil der Melancholie hin; er will nicht verstehen, dass sein „gutes Volk“ rebelliert. Andere am Hof sind weniger passiv: Eine Clique um den Comte d’Artois, den Bruder Ludwigs XVI., schmiedet Pläne, den in ihren Augen schwächlichen Necker zu entlassen, einen härteren Nachfolger zu ernennen und die Generalstände aufzulösen. Unterdessen trifft sich der Dritte Stand weiterhin im großen Saal der Hoflustbarkeiten. Die Plätze der anderen Stände bleiben frei – als demonstrative Einladung. Und Tag für Tag wächst der Verdruss der Communes über die Weigerung der Privilegierten, mit ihnen zu tagen. Dieser Ärger lässt die Vertreter der Bürger und Bauern näher zusammenrücken und weckt in ihnen den Wunsch nach beherzten Entschlüssen. Manche bedauern, dass der Dritte Stand nicht von Anfang an die Konfrontation gewagt hat. Die immer mehr anschwellende Menge an Zuschauern bestärkt die Deputierten in ihrer Haltung. Wo immer die Abgeordneten in Versailles hingehen, stets werden sie von Hochrufen begleitet, auf der Straße überreicht man ihnen Blumensträuße, Fischweiber singen Ständchen.
Während der Konflikt zwischen dem Zweiten und dem Dritten Stand sich zuspitzt, erleben Königin und König eine familiäre Tragödie: Am 4. Juni stirbt der an Tuberkulose erkrankte Louis-Joseph, der siebenjährige Thronfolger, in den Armen seiner Mutter. Der trauernde Monarch zieht sich auf einen Landsitz zurück, wo nun bevorzugt Delegationen der privilegierten Stände vorgelassen werden.
Die Communes mutmaßen jedoch eine Verschwörung, befürchten, der König werde isoliert – und handeln: Am 10. Juni beschließen sie auf Vorschlag des Abbé Sieyès, „eine schon zu lange währende Untätigkeit aufzugeben“. Er fordert die Abgeordneten der beiden ersten Stände ultimativ auf, sich mit dem Dritten zu vereinigen zu einer gemeinsamen Prüfung der Legitimationen „aller Vertreter der Nation“.
Am 13. Juni folgen drei Pfarrer dem Aufruf von Sieyès, drei Tage später hat sich ihre Zahl schon auf 19 erhöht. So gestärkt, schleudern die Vertreter des Dritten Standes dem Ancien Régime am 17. Juni 1789 den Fehdehandschuh entgegen. Trotz der annähernd 4000 Zuschauer im Saal der Hoflustbarkeiten herrscht tiefe Stille, als am Morgen des 17. Juni die Anwesenheitsliste erstellt wird; zur Abstimmung wird der Antrag stehen, die Vertreter der Communes zur Assemblée nationale, zur „Nationalversammlung“, zu erheben. Allein das Kratzen der Federkiele und das Umblättern der Seiten ist zu hören, als die Sekretäre durch die Liste der Deputierten gehen, um deren Namen festzuhalten.
Am Nachmittag wird das Resultat der Abstimmung verkündet, und ein Freudensturm bricht los: Mit 491 zu 90 Stimmen erklären sich die Abgeordneten zur Nationalversammlung und damit zur allein legitimen Vertretung von ganz Frankreich. Das ist ein revolutionärer Akt: Nicht mehr der König, sondern die von der Versammlung repräsentierte Nation soll nun der Souverän sein. Und alle – auch diejenigen, die gegen die Proklamation gestimmt haben – binden sich durch einen Treueid an das selbst gegebene Amt. Noch am gleichen Abend demonstriert die Assemblée nationale ihre neue Souveränität und nimmt Mirabeaus Antrag an, sämtliche laufenden Steuern, sofern sie nicht von diesem Gremium bewilligt werden, für nichtig zu betrachten.
Vor dem Tagungsgebäude wartet eine große Menge. Als die Deputierten in der Nacht aus dem Tor treten, weichen die jubelnden Menschen zurück und formen einen Ehrenkordon, durch den „die Nation“ in ihrer Mitte hindurchschreiten kann. Die privilegierten Stände sind nun gezwungen zu handeln. Am 19. Juni entscheidet sich eine knappe Mehrheit der Geistlichkeit für den Zusammenschluss mit dem Dritten Stand, in der Versammlung des Adels sprechen sich immerhin 80 liberale Abgeordnete dafür aus. Und wie reagiert der König? Die Assemblée nationale hat ihn nach ihrer Selbstproklamation hochleben lassen. Noch hoffen viele Abgeordnete, der Monarch stehe letztlich auf ihrer Seite. Sie deuten sein sechswöchiges Schweigen als Billigung ihres Vorgehens.
Doch als die Deputierten am 20. Juni wieder vor dem Saal der Hoflustbarkeiten eintreffen, finden sie das Gebäude durch königliche Order versperrt und von Soldaten bewacht. Angeblich sind Renovierungsarbeiten notwendig für eine Plenarsitzung in drei Tagen. Die Volksvertreter sehen darin hingegen den ersten Schritt zur Auflösung der Versammlung. Niemand hat sie benachrichtigt. Und wohin sollen sie sich jetzt wenden – welches Gebäude kann so vielen Menschen als Tagungsort dienen Mittlerweile sind die 600 Abgeordneten durchnässt: Es regnet in Strömen an diesem Samstag. Schließlich hat der Abgeordnete und Arzt Joseph-Ignace Guillotin – dessen Hinrichtungsmaschine später zum Symbol der Revolution werden wird – die rettende Idee: das Ballhaus in der nahe gelegenen Rue du Vieux Versailles, eine Sporthalle, in der normalerweise eine Art Tennis gespielt wird.
Ein schroffer Gegensatz zum großen Saal der Hoflustbarkeiten: Der Raum mit den hohen Fenstern und den hölzernen Galerien auf halber Höhe ist völlig leer und schmucklos, es gibt keine Sitzgelegenheiten. Ein von einem benachbarten Schneider ausgeliehener grober Fichtentisch muss dem am 17. Juni gewählten Präsidenten der Versammlung, Jean-Sylvain Bailly – einem berühmten Astronomen und Mitglied der Académie française –, als Pult dienen.
Der Abbé Sièyes schlägt angesichts des königlichen Affronts den Umzug nach Paris vor – wohl auch, um der Bedrohung in Versailles zu entgehen, wo die Regierung Truppen zusammenzieht. Der Vorschlag findet keine Mehrheit. Doch es muss etwas geschehen, denn die Deputierten befürchten die gewaltsame Auflösung der Assemblée nationale.
Da klettert der 52-jährige Bailly auf den Schneidertisch und erhebt die Rechte zum Schwur: „Die Nationalversammlung beschließt, dass alle Mitglieder dieser Versammlung augenblicklich den feierlichen Eid leisten, nicht auseinander zu gehen und überall zusammenzukommen, wie die Umstände es erfordern werden, bis die Verfassung des Königreichs geschaffen und auf sicheren Grundlagen befestigt sein wird.“
Wo immer die Mitglieder der Nationalversammlung fortan zusammenträten, tage die Volksvertretung.
Am Ende siegt in Versailles die Nation über den König
Die Deputierten tun es ihm nach; tief bewegt. Mit pathetisch gerecktem rechten Arm sprechen auch sie die Eidesformel. Nur einer, Martin d’Auch aus dem südfranzösischen Castelnaudary, beteiligt sich nicht an dem Schwur. Ein englischer Beobachter erkennt sofort die Parallele zu einer Szene in seiner Heimat: Die Deputierten, so notiert der Agronom Arthur Young, „eigneten sich alle Macht im Königreich an und verwandelten sich mit einem Schlag in das Lange Parlament Karls I.“ – jenes Parlament, das sich 1640 seinem König widersetzte (und ihn neun Jahre später aufs Schafott schickte).
ALS DIE GENERALSTÄNDE am 23. Juni zur nächsten regulären Plenarsitzung in Anwesenheit des Königs zusammentreten, haben sich bereits 149 Geistliche und drei Adelige der Nationalversammlung angeschlossen. Ludwig XVI. versucht, die Revolutionäre mit Reformvorschlägen zu beschwichtigen. Doch seine Zugeständnisse gehen diesen nicht weit genug. So bietet der Monarch zwar die Aufhebung der Steuersonderrechte an – aber nur mit Zustimmung der Privilegierten. Die Pressefreiheit will er garantieren – doch nur, sofern sie nicht gegen Glaube, Sitte und Ehre der Bürger verstößt.
Steuern sollen fortan nur noch mit Billigung der Volksvertreter erlassen werden – aber zugleich stellt er das Prinzip der Volksvertretung infrage: Denn der König verbindet seine Offerten mit der Drohung, wieder ohne die Stände zu regieren, sollten diese nicht gefügig sein. Damit ignoriert er den Anspruch der Nationalversammlung, die einzige legitime Vertretung des ganzen Volkes zu sein. Und in der Manier eines Despoten befiehlt Ludwig XVI. sodann, unverzüglich auseinander zu gehen und die Bera- tungen am folgenden Tag nach Ständen getrennt wieder aufzunehmen. In eisigem Schweigen verlassen König und Hofstaat den Saal, Klerus und Adel folgen ihnen.
Doch die Vertreter der Nationalversammlung bleiben wütend und gedemütigt auf ihren Plätzen sitzen. Während die Zimmerleute sich an den Abbau des Podiums machen, wiederholt der königliche Zeremonienmeister den Befehl des Monarchen. Da fährt Mirabeau ihn an: „Sagen Sie Ihrem Herrn, dass wir auf Befehl des Volkes hier sind und nur der Gewalt der Bajonette weichen werden.“ Als der eingeschüchterte Zeremonienmeister daraufhin im Schloss Bericht erstattet, zuckt Ludwig XVI. nur mit den Achseln: „Zum Teufel, dann sollen sie eben bleiben, wo sie sind.“
Die Revolution des Dritten Standes trägt den Sieg davon – und der vermeintlich allmächtige König von Gottes Gnaden fügt sich scheinbar kampflos in die Niederlage. Vier Tage später fordert Ludwig XVI. alle Abgeordneten des Ersten und Zweiten Standes auf, sich dem Dritten anzuschließen, und erkennt damit die Nationalversammlung de facto an. Nun hat Frankreich zwei politische Zentren: ein sich auf die Gnade Gottes berufendes Königtum – und eine sich auf die Wahl durch das Volk berufende Assemblée nationale. Beide Konzepte schließen einander zu diesem Zeitpunkt nicht aus: Noch will kaum einer der Revolutionäre die Monarchie abschaffen, noch könnte Ludwig XVI. sich mit einigen ernsthaften Zugeständnissen an die Spitze der Revolution stellen. Doch der Monarch bleibt bei seinem verhängnisvollen Schlingerkurs: In den darauffolgenden Wochen zieht er weiter Truppen um Paris und Versailles zusammen. Bald schon wird es zur nächsten Konfrontation kommen. Dem absolutistischen Regime wird dann neben der Nationalversammlung ein neuer gefährlicher Gegner gegenüberstehen. Das Volk von Paris.
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Bauer, Jakob: Französische Revolution. Ein Zitat und seine Geschichte, in: Die Geschichte der Demokratie (GEO Epoche Jg. 2021, Heft Nr. 110), Hamburg 2021, S. 78-83.
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