Die fränkischen Herrscher
Inhaltsverzeichnis
1. Chlodwig. Der dunkle Held.
Inhalt1. Chlodwig. Der dunkle Held.
Um die Wende zum 6. Jahrhundert steigt ein fränkischer Kleinkönig aus der Familie der Merowinger zum mächtigsten Mann in Gallien auf: mithilfe von Gewalt, Diplomatie – und einer Taufe
Dies ist die Geschichte eines Mannes, der das Beten zum barmherzigen Gott der Christen lernt – aber skrupellos all jene beiseiteräumt, die seinem eigenen Aufstieg zur Macht im Wege stehen. Feierlich lässt er sich am Weihnachtstag wohl des Jahres 498 taufen. In der Taufkirche des Bischofs von Reims schwört er, ein Franke, den germanischen Göttern seiner Vorfahren ab und bekennt sich zu den Lehren der Heiligen Schrift, die ihm Demut und Nächstenliebe gebieten. Und doch schreckt er nicht vor Lug und Trug, Totschlag und Mord zurück. Eiskalt lockt er Rivalen in den Hinterhalt, zertrümmert manch Unglücklichem mit der Kriegsaxt eigenhändig den Schädel, täuscht Verwandte und wechselt Verbündete mit dem einzigen Ziel, sich über alle anderen zu erheben: Chlodwig aus der Dynastie der Merowinger, der erste König eines fränkischen Großreichs.
Ein Herrscher, so doppelgesichtig, so schillernd und mächtig, dass er wie kein anderer herausstrahlt aus der Geschichte jener Jahre, in denen der europäische Kontinent taumelnd zwischen Antike und Mittelalter steht, zwischen dem Ende der Ära Roms und einer noch ungewissen Zukunft. Doch kündet kein einziges zeitgenössisches Zeugnis vom Charakter des dunklen Helden dieser Zeit. Erst etliche Jahrzehnte nach seinem Tod werden Berichte über sein Leben aufgezeichnet, die bis heute überdauert haben. Den ausführlichsten verfasst gegen Ende des 6. Jahrhunderts Gregor von Tours, der Bischof der bedeutenden Stadt an der Loire, als Teil einer christlichen Universalgeschichte von seiner Hand. Der Kleriker verbindet darin historisch auch in anderen Quellen verbürgte Ereignisse mit legendenhaften Erzählungen. Seine Absicht dabei: Chlodwigs Herrschaft zu rechtfertigen und den einstigen einstigen Heiden als frommen Diener Gottes zu verklären.
NIEMAND BEGEHRT AUF
EXPANSION NACH SÜDEN

EUROPA TAUMELT in der Ära Chlodwigs aus der Antike ins Mittelalter, von römischen Traditionen zu neuen Machtansprüchen: Chlodwigs Vater Childerich stand vermutlich in Diensten des sterbenden Reichs, er selbst spricht Latein neben seinem germanischen Idiom. Und vergrößert das fränkische Gebiet auf weite Teile des heutigen Frankreichs und Südwestdeutschland Und doch lässt sich aus den „Zehn Büchern Geschichten“ Gregors von Tours das Bild eines gleichermaßen grausamen und machtgierigen Mannes herausfiltern, der das Schwert ebenso zu nutzen weiß wie das Kreuz, um in Zeiten des Zerfalls des weströmischen Imperiums fast ganz Gallien zu erobern – und einen neuen, machtvollen Staat zu schmieden.
Als Chlodwig beginnt, nach der Herrschaft zu greifen, sind Angehörige der Völkerschaften, die den Römern als „Franken“ gelten, bereits seit fast zwei Jahrhunderten westlich des Rheins heimisch. Die ersten Gruppen siedelt die wankende Großmacht um 300 in Nordgallien und den Provinzen entlang des Stromes an. Gut 50 Jahre später erlauben es die römischen Machthaber einem Teilverband der Franken, den zeitgenössische Quellen als „Salier“ bezeichnen, sich zwischen Schelde und Rhein am Nordostrand des Imperiums niederzulassen (wohin die Gruppen wohl zuvor schon vorgedrungen waren). Als Gegenleistung müssen die Siedler der Armee Roms Soldaten stellen. Ein vorteilhaftes Arrangement für beide Seiten; viele fränkische Kämpfer steigen als Offiziere in römischen Diensten auf (siehe Seite 26).
WESTROM LIEGT IN TRÜMMERN
Doch immer wieder fehlt es den Legionen in Gallien an Schlagkraft, um die Grenzen zu verteidigen. Germanische Scharen wie die der Vandalen und Sueben fallen plündernd in die reichen Provinzen ein, die Westgoten und später die Burgunder gründen eigene Reiche auf römisch-gallischem Boden, und auch weitere fränkische Gruppen wechseln die Rheinseite. Im politischen Chaos jener Jahre sichern sich die Franken Posten, Einfluss und Territorien. Um 460 siedeln sie in einem Gebiet, das von Mainz und Trier bis zur belgischen Nordseeküste, vom Rheindelta bis zur Somme im heutigen Nordfrankreich reicht, herrschen hier wohl etliche fränkische Kleinkönige.
Einer von ihnen tritt aus dem Dämmer der Geschichte hervor: Childerich, angeblich ein Nachfahre des fränkischen Heerkönigs Chlodio, der einige Jahrzehnte zuvor bis zur Somme vorgestoßen sein soll, und der Sohn eines gewissen Merowech (von dessen Namen frühmittelalterliche Chronisten die Bezeichnung der Dynastie, Merowinger, ableiten). Childerichs Machtbasis ist vermutlich die Gegend um die Stadt Tournai im heutigen Belgien unweit der französischen Grenze.
Zeitweise steht Childerich, der als eine Art Warlord über eine Gefolgschaft von fränkischen Kriegern verfügt, mit seinen Kämpfern wohl in römischen Diensten. Doch die Verhältnisse im Norden Galliens sind verworren, in wechselnden Bündnissen kämpfen die Kaiser, selbstständig agierende römische Militärführer und verschiedene germanische Gruppierungen gegeneinander. Der Franke kontrolliert offenbar eine Zeit lang, auf eigene Rechnung oder im Bündnis mit römischen Kräften, ein Gebiet bis zur Loire, muss sich dann aber aus nicht überlieferten Gründen auf das Gebiet um Tournai zurückziehen. Vielleicht, weil die Westgoten, die ihr Reich im Südwesten Galliens inzwischen bis an die Loire ausgedehnt haben, über den Fluss in seinen Machtbereich eingefallen sind, um ihn aus der Gegend zu vertreiben.
Um 481 stirbt Childerich. Sein Sohn und Erbe Chlodwig, zu dieser Zeit wohl erst etwa 15 Jahre alt, lässt ihn in Tournai pompös bestatten, vermutlich unter einem immensen Grabhügel, nach Sitte von Reitervölkern wie den Hunnen zusammen mit Pferden des Vaters. Ein prunkvolles Langschwert gibt man Childerich mit ins Grab, auch einen goldenen Siegelring mit seinem Antlitz und Namen sowie 100 Goldmünzen und 200 Silberlinge. Die aufwendige Bestattung des verblichenen Königs ist ein Signal an dessen bisherige Gefolgsleute: Unter der Herrschaft seines Sohnes dürfen sie weiterhin auf die Freigebigkeit ihres Anführers hoffen – und auf Kriegsbeute bei vielleicht bevorstehenden Feldzügen.
GESCHICKT GEKNÜPFTE BANDE
Einige Jahre nach seinem Antritt lässt Chlodwig diesem sinnbildlichen Versprechen Taten folgen. Im Bund mit einem verwandten fränkischen Kleinkönig, der im benachbarten Cambrai ansässig ist, greift er den römischen Heerführer Syagrius an. Der herrscht als selbstständiger Machthaber über ein Gebiet um seine Hauptstadt Soissons (nordöstlich von Paris). Die Verbündeten vertreiben Syagrius aus seinem Reich. Chlodwig fällt der Staatsschatz in die Hände. Und er ist nun Herr über die Waffenschmieden, die die Römer in Soissons errichtet haben. So kann er sich die Treue seiner Männer durch die Verteilung von Geld und Gold sichern und sie mit Schwertern und Schutzpanzern für weitere Feldzüge ausrüsten.
Zu seiner neuen Kapitale erwählt Chlodwig Soissons – und expandiert von hier aus weiter, bis zur Seine zunächst, dann auch bis zur Loire. Die Gelegenheit, sich ein immer größeres Territorium zusammenzuraffen, ist günstig wie nie: Mit der Absetzung des kindlichen Kaisers Romulus hat der Germane Odoaker 476 das Ende des weströmischen Kaisertums besiegelt. Was bleibt, ist der Herrscher über die Osthälfte des Imperiums mit der Kapitale Konstantinopel, der nun als Kaiser des gesamten Reiches gilt – doch sich nicht weiter um die Geschehnisse im fernen Gallien kümmert, wo die Kontrolle durch zentrale Institutionen des Reichs längst erloschen ist. Und es bleibt das Ringen zwischen germanischen Stämmen, die in das Imperium ein gedrungen sind, um Territorien und Macht auf römischem Boden. Während die Vandalen in Nordafrika ein Reich errichtet haben, herrschen die Westgoten, zu denen sich Syagrius nach seiner Niederlage gegen Chlodwig geflüchtet hat, inzwischen nicht nur über Gallien zwischen Loire und Pyrenäen, sondern auch über weite Teile der Iberischen Halbinsel.
Offenbar von der Entwicklung jenseits der Nordgrenze ihres Territoriums und dem Machtzuwachs Chlodwigs überrascht, wollen die Westgoten eine Auseinandersetzung mit dem neuen kriegerischen Nachbarn zu diesem Zeitpunkt vermeiden. Als der junge Frankenkönig ihnen, so berichtet es jedenfalls Gregor von Tours, mit einem Angriff droht, sollten sie Syagrius weiter Schutz gewähren, liefern sie ihm den Römer in Ketten aus. Chlodwig lässt den einstigen Gegner einkerkern und später ohne viel Aufhebens umbringen. Schonungslose Härte – fortan wird er sie immer wieder an den Tag legen gegenüber allen, die er als Rivalen oder Konkurrenten um die Macht begreift.
Die materielle Beute seines Feldzugs teilt er wohl noch 486 in Soissons und vermutlich altem Herkommen nach: Einen erheblichen Teil beansprucht der König für sich, der Rest geht an sein Heer. Obwohl Chlodwig eigentlich kein Anrecht auf bestimmte Beutestücke hat, allein das Los über deren Zuteilung entscheidet, bittet er, so erzählt es Gregor von Tours, um einen besonderen Krug, den seine Krieger aus einer Kirche geraubt haben. Denn der dortige Bischof hat Chlodwig um die Rückgabe des liturgischen Gefäßes ersucht – und der König will es sich offenkundig nicht mit einem geistlichen Würdenträger verscherzen.
Wie in allen einstigen römischen Provinzen sind auch in Gallien die meisten Menschen Anhänger des christlichen Glaubens, aber gerade hier, wo die kaiserliche Verwaltung längst zum Erliegen gekommen ist, bestimmt die Kirche tiefgreifend das Leben der Menschen. In jeder bedeutenden Gemeinde steht den Gläubigen ein Bischof vor, als geistlicher Oberhirte, aber de facto auch als Herr der Stadt samt den dazugehören den Dörfern und Landgebieten. Und es sind überwiegend die Familien der eingesessenen römischen Führungsschicht, die sich die höchsten Kirchenämter untereinander aufteilen. Die meisten der in Soissons anwesenden Krieger, so der Geschichtsschreiber weiter, stimmen Chlodwigs Bitte zu. Einer aber widerspricht vehement und schlägt mit seiner Streitaxt auf den kostbaren Krug ein. Nichts solle der König erhalten, ruft er angeblich, als was das Los ihm rechtens gewährt!
DAS NEUE ZENTRUM DES REICHS: PARIS
Offenkundig ist die Situation so angespannt, dass Chlodwig diese Demütigung vor seinen Truppen hinnimmt und auf eine augenblickliche Reaktion verzichtet. Er nimmt das ramponierte Gefäß an sich und übergibt es dem Boten des Bischofs. Es ist eine Botschaft voller politischer Weitsicht, die der Chronist dem Frankenherrscher zuschreibt: Chlodwig, selbst Heide, signalisiert mit der Absicht, den Krug der Kirche zurückzugeben, dass die Christen in seinem wachsenden Reich auf seinen Schutz zählen können. Gegenüber dem Mann aber, der ihn bei der Beuteteilung brüskiert hat, kennt er keine Gnade.
Der König schlägt zurück, als er im folgenden Jahr seine Kämpfer zur Heerschau versammelt. In voller Rüstung treten sie vor ihm an. Chlodwig mustert die Reihen, bleibt dann vor dem Krieger stehen, der in Soissons auf das sakrale Gefäß eingehauen hatte. Niemand trage so schlecht gepflegte Waffen wie er, sagt der König dem Mann angeblich, weder Lanze noch Schwert noch Axt seien tauglich. Daraufhin nimmt er ebendiese Axt und wirft sie zu Boden. Und als der Krieger sich ein wenig vorbeugt, um sie aufzuheben, spaltet Chlodwig ihm mit einem mächtigen Schlag seiner eigenen Streitaxt den Schädel – laut Gregor von Tours mit den Worten, so habe es der Mann in Soissons mit dem Krug gemacht. Keiner begehrt auf. Wer diesen König herausfordert, muss mit brutaler Strafe rechnen – für den Chronisten, selbst Bischof, aber nur die gerechte Vergeltung für den begangenen Frevel.
Wenige Jahre später, 491, befindet sich Chlodwig wieder im Krieg, jetzt gegen die Thüringer, deren Einflussbereich sich zu dieser Zeit wohl bis zum Rhein und den dortigen Gebieten fränkischer Kleinkönige erstreckt. Und vermutlich kämpft Chlodwig bald darauf gegen die Burgunder im Südosten Galliens. Er erweist damit einmal mehr seine Schläue und Schlagkraft, die sich mittlerweile bei anderen Herrschern in Europa herumgesprochen haben dürfte. Denn womöglich hat sich der Ostgotenkönig Theoderich, der in Italien gerade mit Odoaker darum kämpft, das römische Kernland unter seine Kontrolle zu bringen, an Chlodwig gewandt: Der Franke möge ihm helfen, indem er das Reich des Burgunderkönigs angreift, der aufseiten Odoakers in Norditalien eingedrungen ist.
SCHLÄUE UND SCHLAGKRAFT
ER SCHWÖRT DEM TEUFEL AB
Chlodwig greift daraufhin das beiderseits der Rhône gelegene, im Osten bis in die heutige Schweiz reichende Gebiet der Burgunder an – offenbar mit Erfolg, denn deren Truppen ziehen sich bald aus Italien zurück. Eine neue Machtallianz ist entstanden, Chlodwig, längst schon nicht mehr ein Frankenkönig unter vielen, ist im europäischen Kräftespiel jetzt ein Herrscher auf Augenhöhe. Wohl 493 nimmt Theoderich, nach seinem Sieg über Odoaker nunmehr der einflussreichste Herrscher im Westen Europas, eine Schwester Chlodwigs zur Frau, im Jahr darauf heiratet wiederum Chlodwig die Nichte des noch kurz zuvor mit ihm verfeindeten Burgunderkönigs. Auch das ein kluger Schachzug: Er verschafft sich so wieder Ruhe an der südöstlichen Flanke seines Reiches. Und damit Schlagkraft für sein nächstes Ziel: Aquitanien, das von den Westgoten beherrschte Land jenseits der Loire.
Was genau geschieht, liegt im Dunkel der Geschichte. Doch im Jahr 496, so scheint es, fällt Chlodwig dort ein, dringt bis nach Saintes vor, rund 200 Kilometer südlich der Loire. Dann aber muss er offenbar abrupt abziehen, die schon eroberte Stadt fällt wieder an die Westgoten. Der wahrscheinliche Grund: Die Alemannen, heimisch am Oberrhein und möglicherweise von den Westgoten um Hilfe gebeten, attackieren nun ihrerseits die flussabwärts gelegenen Gebiete der Franken. Westlich des Stromes, der Ort lässt sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren – vielleicht ist es Zülpich bei Köln –, kommt es zu einem großen Treffen zwischen beiden Lagern. Es läuft zunächst wohl nicht gut für Chlodwig. Als die Reihen seiner Kämpfer unter den Hieben der anstürmenden Alemannen zu brechen drohen, so berichtet es jedenfalls der fromme Chronist Gregor von Tours, wendet sich Chlodwig unvermittelt an Jesus Christus, fleht den Sohn Gottes um Hilfe an – und verspricht seine Bekehrung zum Christentum, falls dieser ihn aus seiner höchsten Not errette. Tatsächlich erringen die Franken daraufhin den Sieg, die Alemannen unterwerfen sich. Und Chlodwig kann das fränkische Herrschaftsgebiet den Rhein entlang nach Süden ausdehnen.
Ob es mehr als eine Legende ist, dass Chlodwig auf dem Schlachtfeld die Entscheidung trifft, sich zum christlichen Glauben zu bekennen, bleibt fraglich. Tatsächlich übt wohl seine Frau Chrodechilde, die im Gegensatz zu ihm Christin ist, einen gewissen Einfluss auf ihren Mann aus. Die bald nach der Eheschließung geborenen Söhne werden wie sie katholisch getauft. Chlodwig hätte dies als König ohne Zweifel verhindern können. Doch er tut es nicht – womöglich, um wiederum ein Zeichen an seine zum größten Teil römisch geprägten Untertanen zu senden: Seine Thronerben, die künftigen Herrscher des Frankenreichs, werden christliche Könige sein. Und dann geht Chlodwig, vermutlich von Chrodechilde angetrieben, aber auch von hohen Geistlichen wie Bischof Remigius von Reims, dem einflussreichsten Kirchenführer in Nordgallien, den entscheidenden Schritt weiter: Er lässt sich selbst feierlich taufen.
CHRISTEN STEHEN UNTER SEINEM SCHUTZ
Reims, am Weihnachtstag 498*. Farbige Tücher wehen in den Straßen, weiße Vorhänge schmücken die Kirchen. Marmorsäulen künden an manchen Fassaden von den Zeiten, als die Bischofsstadt noch der Hauptort einer römischen Provinz war. Dicht gedrängt wohl säumen Menschen den Weg zur Taufkirche.
Chlodwig, zu dieser Zeit vermutlich Anfang 30, ist eine stattliche Erscheinung, ein Mann von immenser Körperkraft. Mit einem großen Gefolge, von 3000 seiner Kämpfer berichten die Chroniken, zieht der Herrscher durch die Straßen. Ein scharlachroter Umhang mag seine Würde signalisieren, darunter ein eng anliegendes buntes Gewand, die Füße in fellbesetzten Schnürstiefeln. Unterschenkel und Arme aber sind unbedeckt – so ist es üblich unter fränkischen Kriegern, egal welche Witterung herrscht. Die Haare trägt Chlodwig lang, ein Zeichen seiner Königsmacht, Wangen und Kinn sind dagegen wohl glatt rasiert wie bei allen Männern seines Volkes.
Im Baptisterium – auch dieses ist herausgeputzt, zahllose Kerzen erleuchten den von Weihrauchdüften erfüllten Raum – nimmt ihn Remigius in Empfang. Der alte Bischof, so mag man es sich vorstellen, geleitet den König zum Taufbecken, an dem sich vermutlich etliche der Kirchenführer des Reiches versammelt haben. Vor aller Augen wendet sich Chlodwig zunächst gen Westen und schwört dem Teufel ab. Nach Osten gerichtet, spricht er dann das christliche Glaubensbekenntnis gemäß den Lehren der römischen Kirche. Er legt seine kostbaren Gewänder ab und steigt in das Taufbecken.
Dreimal taucht ihn Remigius darin unter, auf dass die Spuren seines bisherigen Heidenlebens abgewaschen werden. Dann beugt Chlodwig sein stolzes Haupt vor dem Kreuz, vor dem Herrscher der Welten, dem dreieinigen Gott der Christen. Remigius salbt ihn mit Chrisam, dem heiligen Öl, und legt dem Bekehrten ein strahlend weißes Taufgewand an, Symbol der neu gewonnenen Reinheit des nunmehr christlichen Königs. Nach Chlodwig werden auch die mit ihm gekommenen Krieger getauft – wiederum ein Zeichen an das gallische Volk: Die neue Herrscherelite samt ihrem Gefolge nimmt den Glauben der Untertanen an.
Mit der Taufe in Reims ist der Pakt zwischen Kirche und König besiegelt. Chlodwig ringt nun als Christ und mit dem Segen der katholischen Kirche weiter um die Macht in Gallien. Denn die Kämpfe der Franken mit den Westgoten und anderen germanischen Reichen wogen in diesen Jahren hin und her. Chlodwig kann vermutlich Bordeaux erobern, tief in westgotischem Gebiet, zieht sich jedoch offenbar bald abermals wieder zurück. Stattdessen mischt er sich in einen Thronstreit im Burgunderreich ein – in dem sich letztlich allerdings die rivalisierende Seite durchsetzt, möglicherweise mit westgotischer Unterstützung.
KALTBLÜTIG GEGEN KONKURRENZ
RECHT IM REICH
Um 502 treffen sich Chlodwig und Alarich II., der König der Westgoten, angeblich auf einer Insel in der Loire und vereinbaren Frieden untereinander – wahrscheinlich auf Initiative des Ostgoten Theoderich, der zugleich Chlodwigs Schwager und Alarichs Schwiegervater ist. Und tatsächlich wendet sich der Frankenkönig in eine andere Richtung, erringt wohl 506 einen durchschlagenden Erfolg gegen die Alemannen und erweitert sein Reich nochmals auf deren Kosten.
Längst beobachtet Theoderich mit Argwohn von Italien aus den Machtzuwachs Chlodwigs. Der Ostgotenkönig will den Unruhestifter jenseits der Alpen im Zaum halten, versucht mittels Gesandtschaften, eine neuerliche Eskalation zwischen Franken und Westgoten zu verhindern. Zugleich strebt er ein Bündnis mit dem Burgunderherrscher sowie den Königen der im heutigen Deutschland ansässigen Heruler, Warnen und Thüringer an – für den Fall, dass Chlodwig dennoch den Krieg gegen Alarich wagt und in die Schranken gewiesen werden muss. Doch die Bemühungen Theoderichs bleiben fruchtlos.
Vielmehr überschreitet Chlodwig im Frühjahr 507 erneut die Grenze zum Reich der Westgoten. Die sind auf die Attacke vorbereitet: In der Nähe von Poitiers stellt sich ihre Streitmacht unter König Alarich II. dem fränkischen Invasionsheer in den Weg.
Es wird ein schreckliches Gemetzel, noch Jahrzehnte später berichtet ein Zeitzeuge von Leichenbergen, vermutlich in großen Grabhügeln verscharrt. Mit Chlodwig kämpfen fränkische Verwandte vom Rhein, die dort wohl als Unterkönige herrschen, auf westgotischer Seite sind Galloromanen aus der Auvergne beteiligt. Der Frankenkönig selbst überlebt angeblich nur knapp. Von beiden Seiten treffen ihn Speere, schreibt Gregor von Tours, doch sein Brustpanzer schützt ihn, und er kann sich mit seinem schnellen Pferd in Sicherheit bringen. Gleichwohl gewinnt er die Schlacht. Alarich II. fällt im Kampf, die Westgoten fliehen in Panik – alleingelassen von ihren germanischen Verbündeten.
Denn Chlodwig beherrscht inzwischen das diplomatische Spiel virtuos: Die Burgunder hat er, wohl mit der Aussicht auf Gebietsgewinne in der Provence, zum Seitenwechsel überredet, sie treten nun auch selbst in den Krieg gegen die Westgoten ein. Und um die Ostgoten fernzuhalten, hat er rechtzeitig Hilfe vom Kaiser im fernen Konstantinopel, Anastasius, gewinnen können. Während Chlodwig 507 in das Reich der Westgoten einfällt, stehen oströmische Soldaten an der Grenze zu Theoderichs Reich, bedroht zudem eine Flotte des Kaisers die Küsten Süditaliens – sodass der Ostgote nicht mit seinen Truppen nach Gallien eilen kann, um seinem Schwiegersohn Alarich II. beizustehen. Chlodwigs Truppen erobern nach der siegreichen Schlacht Schritt für Schritt fast das gesamte nördlich der Pyrenäen gelegene Territorium der Westgoten, denen lediglich ein Gebiet am Mittelmeer bis zum Unterlauf der Rhône bleibt. Eines fehlt dem Franken nun noch: die formelle Akzeptanz als neuer mächtiger Mann in Gallien durch den Kaiser in Konstantinopel.
Lange muss Chlodwig nicht warten. Bereits 508 schickt Anastasius eine Gesandtschaft und lässt dem Frankenkönig in Tours, das genau an der Grenze zwischen seinen alten und den neu eroberten Gebieten liegt, die Zeichen höchster Anerkennung überreichen: ein Purpurgewand und ein Diadem. Nach dieser Ehrung erhebt Chlodwig Paris zur neuen Zentrale seines Reiches. Die Stadt an der Seine, bis dato ein unbedeutender Ort, ist günstig gelegen. Chlodwig gelangt von dort auf den alten Römerstraßen relativ schnell zu den eroberten Gebieten im Süden, aber auch an den Rhein und über den Fluss in weitere Winkel seines Reiches, sollte sich an dieser Seite irgendwo Widerstand gegen seine expandierende Herrschaft regen. Kaltblütig und systematisch schaltet er zudem mögliche Konkurrenten im Innern aus.
Laut Gregor von Tours spinnt Chlodwig eine perfide Intrige gegen den in Köln residierenden fränkischen König Sigibert. Er stiftet dessen Sohn, der ihn in der Schlacht bei Poitiers mit Truppen unterstützt hat, an, den eigenen Vater zu erschlagen und selbst den Thron zu besteigen. Nach vollbrachter Tat lässt Chlodwig seinerseits den jungen Mann umbringen, bezichtigt den Toten öffentlich des Vatermordes und beschwört die eigene Unschuld an den Taten; so präsentiert er sich den vormaligen Untertanen Sigiberts als Garant von Recht und Ordnung – und gewinnt schließlich ihre Königswürde.
Auch die fränkischen Kleinkönige im heutigen Belgien und Nordfrankreich, die wie jene am Rhein vermutlich schon länger unter Chlodwigs Oberherrschaft stehen, aber wohl noch immer relativ selbstständig ihre Gebiete regieren, fallen ihm zum Opfer. Einige lässt er von gedungenen Häschern umbringen. König Ragnachar von Cambrai, der einst mit ihm gegen Syagrius gezogen war, erschlägt Chlodwig angeblich sogar eigenhändig mit der Axt – wie damals den unbotmäßigen Krieger in Soissons. Schließlich sind alle Könige neben ihm beseitigt, und die einzigen fränkischen Thronanwärter sind die eigenen Nachkommen, seine inzwischen vier Söhne.
Doch mag der Herrscher selbst blutig das Recht des Stärkeren praktizieren, lügen und betrügen – in seinem Reich sollen doch Recht und Ordnung herrschen. Chlodwig, der das germanische Idiom der Franken spricht und vermutlich auch sehr gut Latein beherrscht, gibt seinem Reich nach dem Vorbild der römischen Kaiser ein einheitliches, schriftlich fixiertes Gesetzbuch: die Lex salica(wohl „allgemeines Gesetz“). Das Werk regelt unter anderem Strafen bei Beleidigungen, Körperverletzung und diversen Formen von Diebstahl bis hin zur Zahlung eines sogenannten Wergeldes für die vorsätzliche Tötung eines Menschen. Die Höhe einer solchen Strafzahlung hängt vom sozialen Stand von Opfern und Tätern ab. Wer etwa einen Franken tötet, zahlt deutlich mehr Geld als der Mörder eines Untertanen römischer Abstammung.
Dass sich Chlodwig nicht mit der mündlichen Überlieferung von Stammesregeln zufriedengibt, sondern Juristen mit der lateinischen Niederschrift eines für alle Franken geltenden Rechts beauftragt, ist vermutlich ein Zeichen imperialer Ambition: Nur andere große Könige der Zeit wie der Westgote Alarich II. oder der Burgunder Gundobad lassen ihre Gesetze in solcher Form festhalten – und natürlich der Kaiser in Konstantinopel.
Der Frankenherrscher ist auf dem Höhepunkt seiner Macht und rund 45 Jahre alt, als er im Sommer 511 ein Konzil nach Orléans einberuft. 32 Bischöfe vor allem aus den seit seinem Machtantritt eroberten Teilen des neuen Großreiches reisen an, um Chlodwigs durch die Taufe in Reims geschlossenen Pakt mit der katholischen Kirche zu bestätigen. Es ist wohl das letzte von ihm initiierte Großereignis. Am 27. November 511 stirbt Chlodwig als unumstrittener Herrscher aller Franken (und von zahllosen römisch geprägten Galliern) – woran, schildert keine Quelle. Auf jeden Fall wird er als erster König aus dem Haus der Merowinger in einer Kirche bestattet, einem Gotteshaus in Paris.
Das von ihm erkämpfte Reich aber wird unter seinen Söhnen aufgeteilt. Ein Keim für Zwietracht: Die Erben Chlodwigs und auch deren Nachkommen werden fortan immer wieder erbittert um die Macht ringen. Doch die ideelle Einheit des Reiches stellen sie nie infrage. Und so wird das fränkische Herrschaftsgebiet trotz aller internen Kämpfe weiter wachsen. Seine größte Blüte allerdings wird das Frankenreich erst erleben, als fast zweieinhalb Jahrhunderte nach Chlodwigs Tod eine neue Dynastie endgültig dessen Spitze erobert: 751 lässt sich ein Karolinger zum König erheben – und schickt den letzten Merowinger auf dem Thron, einen fernen Nachfahren des großen Chlodwig, ins Kloster.
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Klüver, Reymer: Chlodwig. Der dunkle Held, in: Die Franken. Grossmacht des Mittelalters (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 134), Hamburg 2025, S. 46-66.
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