Machtkämpfe, Erbfolge und fränkische Diplomatie
Inhaltsverzeichnis
- Babenberger Fehde. Franken gegen Franken
- Abul Abbas. Das Geschenk des Kalifen
- Daten und Fakten. Die Geschichte der Franken
1. Babenberger Fehde. Franken gegen Franken.
Unter den Nachfahren Karls des Großen zerfällt das fränkische Imperium in mehrere Königtümer. Machtkämpfe prägen jene Ära – so auch im östlichen Teilreich, wo sich zwei Adelsfamilien ab Ende des 9. Jahrhunderts eine blutige Fehde liefern
MIT SCHWER GERÜSTETEN Panzerreitern bekriegen sich östlich des Rheins die Babenberger und die Konradiner (hier und im Folgenden vergleichbare Schlachtendarstellungen aus dem 10. Jh.)
Seit Langem schon gärt Zwietracht in dem sanft gewellten, fruchtbaren Land am Main. Zwei Familien von hohem Adel stehen sich lauernd gegenüber: ein alteingesessenes Geschlecht und eines, das erst seit wenigen Jahrzehnten in das Gebiet zwischen Frankfurt und dem späteren Bayreuth vordringt. Störenfriede, in den Augen ihrer Gegner.
Verbissen beäugen sich die beiden Familien, die man später Babenberger und Konradiner nennen wird. Argwöhnisch beobachten die einen, wie die anderen sie bei der Vergabe von Grafschaften, Landgütern oder Bischofstiteln ausstechen. Und betrachten eifersüchtig deren Einfluss am Hof des Karolingerkönigs Arnulf, der seit 887 das Ostfrankenreich regiert – ein gewaltiges Gebilde, gestreckt von der Nordsee bis zu den Alpen. Einige Jahre schwelt der Konflikt der beiden Sippen, angespannt, aber weitgehend gewaltlos. Bis es zu einer unerhörten Bluttat kommt.
LUDWIG DER FROMME
KARLS Thronerbe beteiligt seine drei Söhne noch zu Lebzeiten an der Herrschaft über das Reich. Denn allein ist das riesige fränkische Imperium kaum noch zu regieren
Auslöser für die Fehde zwischen Babenbergern und Konradinern ist ein brutaler Mord: 897 töten die Babenberger einen königlichen Dienstmann, der Land von ihnen einfordert
IN DER GEGEND VON WÜRZBURG, an einem Tag im Jahr 897. Ein Mann namens Trageboto reitet durch eine Ebene nahe dem Main, vorbei an Getreidefeldern, Obstbäumen und Weinstöcken. Er ist, so lässt es sich rekonstruieren, eine Art Verwalter für König Arnulf, wahrscheinlich wird er von einigen bewaffneten Männern begleitet. Denn der Auftrag, den Trageboto von seinem Herrn erhalten hat, ist äußerst heikel: Er soll von den Babenbergern, der älteren der beiden Familien, Ländereien zurück fordern, die ihnen ein früherer Herrscher einst zur Bewirtschaftung überlassen hat.
Für die Babenberger – so benannt nach ihrer Burg auf dem Gebiet des heutigen Bamberg – wäre das ein weiterer schwerer Schlag. Lange Zeit hatten sie großen Einfluss in dem Landstrich. Der Patriarch der Familie, Graf Heinrich, war einst der bedeutendste Militärführer der Karolinger, starb bei Paris im Kampf gegen die von Norden ins Frankenreich einfallenden Wikinger. Nun führen seine drei Söhne den Clan an.
Doch unübersehbar sind die Babenberger ein Geschlecht im Niedergang. Mehrfach schon mussten sie Demütigungen ertragen, haben etwa die Herrschaftsrechte über eine ihrer Grafschaften verloren. Und das prestigeträchtige Bischofsamt von Würzburg, an dem auch die Babenberger Interesse bekundet hatten, hat 892 ausgerechnet ein Vertreter der rivalisierenden Familie übernommen. Denn König Arnulf, Oberherr im Land, ist den Babenbergern durch alte Feindschaft verbunden, hat ihnen bereits etliche Privilegien aberkannt – und fördert die rivalisierende Sippe.
Viel Wut also muss sich bei den Babenbergern angestaut haben, als der königliche Dienstmann Trageboto mit seinen Begleitern an jenem Tag im Jahr 897 auf ihrem Landgut erscheint. Was genau in den folgenden Minuten oder Stunden geschieht, ist nicht überliefert. Doch vermutlich ruft der Gutsleiter der Babenberger seine Landleute zusammen. Stachelt ihren Zorn gegen die vermeintlichen Eindringlinge an, lässt sie mit Stangen, Spießen und Sensen auf den Abgesandten des Königs losgehen – bis Trageboto schließlich tot am Boden liegt.
KAMPF DER ADELSGESCHLECHTER
DAS RINGEN ZWISCHEN Konradinern und Babenbergern trägt sich in der Gegend um Würzburg und Bamberg zu – der Stadt, die aus dem Stammsitz der Babenberger hervorgehen wird. Das Gebiet zu beiden Seiten des Mains, das später Teil des Heiligen Römischen Reiches wird, entspricht in weiten Teilen der heutigen Region Franken
Eine unerhörte Tat, ein Paukenschlag, der Folgen hat. Der Mord gerät zu einem Fanal für die inneren Konflikte im Reich: Der bislang schwelende Zwist zwischen den Babenbergern und den Konradinern wird in den folgenden Jahren in offenen, unerbittlichen Kampf übergehen.
Verrat, Blutrache, Heimtücke und List – mit allen Mitteln versuchen beide Sippen nun, den jeweils gegnerischen Clan niederzuringen. Stürzen dabei weite Gebiete in Chaos und Krieg. Und erschüttern die Fundamente des Ostfrankenreichs.
Entstanden ist dieses viele Jahrzehnte zuvor in einer Zeit großen Umbruchs. Als im Jahr 814 Karl der Große in seiner Pfalz in Aachen stirbt, sind bereits zwei seiner drei Söhne, die als Erben in Betracht kamen, tot. So bleibt als einziger Thronfolger der 35 Jahre alte Ludwig. Spätere Generationen werden ihn „den Frommen“ nennen, wegen seiner angeblich besonders tiefen religiösen Überzeugungen.
LOTHAR I.
Seinen ältesten Sohn erhebt Ludwig der Fromme zum Mitkaiser und damit zum künftigen Oberherrscher des Reichs. Zusammen mit seinem Vater regiert Lothar unter anderem die fränkischen Kernlande zwischen Rhein und Loire
LUDWIG DER DEUTSCHE
DER DRITTÄLTESTE Spross Ludwigs des Frommen erhält die Bayern genannte Herrschaft, der auch Regionen wie Kärnten und Böhmen zugeordnet sind – Gebiete, die später zum Ostfrankenreich gehören werden
Im Frankenreich ist es üblich, beim Tod eines Herrschers dessen Gebiet unter seinen legitimen männlichen Nachkommen aufzuteilen – nun aber gibt es nur einen Erben. Ein gewaltiges Imperium wie das Karls des Großen jedoch ist kaum noch allein zu regieren.
Ludwig der Fromme, der neue Herr der Franken und Erbe des von Karl errungenen Kaisertitels, will deshalb zwar die Einheit des väterlichen Reiches bewahren, zugleich aber seine drei Söhne schon zu seinen Lebzeiten an der Herrschaft beteiligen. 817 erlässt er eine Nachfolgeregelung, die „Ordinatio imperii“, Ordnung des Reiches. Darin teilt er seinen Söhnen Ämter und Gebiete zu: Lothar, seinen Ältesten, erhebt er zum Mitkaiser und damit zum künftigen Oberherrscher des Karolingerreichs; zusammen mit seinem Vater regiert er unter anderem die fränkischen
Kernlande zwischen Rhein und Loire. Den zweitältesten Sohn Pippin setzt er als König von Aquitanien ein, einer großen Region im Südwesten des heutigen Frankreich.
Für seinen jüngsten Spross Ludwig, damals vermutlich erst elf Jahre alt, hat er ein Gebiet namens Bayern vorgesehen (das allerdings nur in Teilen mit dem heutigen Bundesland identisch ist). Ludwig „den Deutschen“ wird man ihn Jahrhunderte später nennen, ein der Überlieferung nach zäher und tatkräftiger Mann, der die entscheidende Rolle bei der Entstehung des Ostfrankenreichs spielen wird.
Der junge Ludwig und sein Bruder Pippin sollen nach den Vorstellungen ihres Vaters auch nach dessen Tod nur Könige mit eingeschränkten Rechten sein. Demnach werden sie weder Kriege beginnen noch Frieden schließen dürfen, ohne den ältesten Bruder, Kaiser Lothar, um Erlaubnis zu bitten.
BALD HERRSCHT STREIT ZWISCHEN KARLS ENKELN
EIN PAAR JAHRE SPÄTER, 823, ereignet sich jedoch etwas, mit dem am Hof niemand gerechnet zu haben scheint: Die zweite Frau von Kaiser Ludwig dem Frommen gebiert einen Sohn und bringt damit das wohlgeordnete Regelwerk der „Ordinatio imperii“ durcheinander. Das gesteht nur den drei Söhnen aus der ersten Ehe des Vaters Gebiete und Titel zu. Für die drei Älteren ist der neue Halbbruder eine Bedrohung ihrer eigenen Ambitionen auf Macht und Ruhm.
Der Nachzügler wird nach seinem Großvater auf den prestigeträchtigen Namen Karl getauft. Er ist erst sechs Jahre alt, als der Kaiser, bedrängt wohl von seiner Gattin, dem Jungen größere Gebiete überträgt (und damit gegen die von ihm selbst gesetzte Regel verstößt): Alemannien im Südwesten des heutigen Deutschland, dazu das Elsass und Teile von Burgund. Zunächst regiert das Kind dort nur nominell, die Amtsgeschäfte führen Berater. Trotzdem existiert auf den fränkischen Territorien nun noch ein weiteres Teilreich.
Die Gebiete für sein jüngstes Kind (später Karl der Kahle genannt) hat Kaiser Ludwig aus jenen Gegenden des Reiches herausgelöst, die er zusammen mit seinem Sohn Lothar regiert. Der verliert so einen Teil seines Erbes an den Halbbruder. Als Lothar dagegen protestiert, lässt Kaiser Ludwig ihn vorübergehend als Mitregenten absetzen und schickt ihn nach Italien.
Doch auch der Zorn der anderen zwei Söhne über die tatsächliche oder vermeintliche Bevorzugung des Jüngsten ist groß, und so wagen die drei Brüder Anfang der 830er Jahre zweimal einen gemeinsamen Aufstand gegen den Vater, der zwischenzeitlich sogar abgesetzt wird. Selbst als Ludwig der Fromme 840 stirbt, enden die Unruhen nicht. Im Gegenteil.
Lothar, nach dem Tod des Vaters nunmehr alleiniger Kaiser, versucht, seine Geschwister, Ludwig und den inzwischen 17-jährigen Karl, unter seine Oberherrschaft zu zwingen (der zweitälteste Bruder Pippin ist bereits verstorben, sein Erbe in Aquitanien zwischen dessen Sohn und Karl umstritten). Die beiden Jüngeren standen sich bislang misstrauisch gegenüber. Doch nun, unter dem Druck Lothars, gehen sie überraschend eine Allianz ein, um sich gegen die Ansprüche ihres älteren Bruders zu stellen und sich selbst ein möglichst großes Stück des Gesamtreichs zu sichern.
Die beiden lösen damit ein Ringen aus, das das Reich im Kern erschüttert: Franken töten Franken, und das zum ersten Mal in schrecklich großer Zahl.
DER OSTFRÄNKISCHE König Arnulf steht in einer Allianz mit den Konradinern. Mit der Ermordung seines Dienstmannes eskaliert deren schwelender Konflikt mit den Babenbergern zu einem jahrelangen, unerbittlichen Kampf
Am Morgen des 25. Juni 841, nahe dem Dorf Fontenoy in Burgund. In der flachen, von blühenden Wiesen und einem Bach durchzogenen Landschaft stehen sich zwei Armeen gegenüber: das von Kaiser Lothar geführte Heer und die verbündeten Streitkräfte seiner Geschwister Ludwig und Karl – insgesamt wohl mehr als 50 000 Mann. Schwer gerüstete Panzerreiter ziehen übers Feld, dazu marschieren Scharen von Bauern aus allen Landstrichen des Reiches herbei, zum Kriegsdienst einberufen von den Adeligen ihrer Heimatorte.
Die Schlacht zwischen den Brüdern beginnt im Morgengrauen und wird zu einem der fürchterlichsten Gemetzel des Zeitalters. Den Truppen von Ludwig und Karl gelingt es in den folgenden Stunden, Lothars Krieger weiter und weiter zurückzudrängen, viele von ihnen fliehen panisch vom Schlachtfeld. Bald schon liegen Tausende Sterbende und Verwundete auf dem Boden. Noch am nächsten Morgen wimmern Schwerverletzte im Gras; Wölfe und Geier, so berichten Chronisten, machen sich über die Toten her. Lothar und die Überlebenden seiner Armee ziehen sich nach Aachen zurück.
Auch nach den Kämpfen entflammen immer wieder bewaffnete Streitigkeiten zwischen den Brüdern. Ein knappes Jahr dauert es, dann sendet Kaiser Lothar, offenbar der zermürbenden Waffengänge müde, Boten zu seinen Brüdern und bittet um einen Waffenstillstand. Er will endlich eine Lösung des blutigen Streits.
IM HERBST 842 versammeln sich in der Kirche Sankt Kastor in Koblenz 120 Adelige, von denen jeder Bruder ein Drittel ausgewählt hat. Die Edelleute sollen eine Einigung vorbereiten und dafür eine Teilung des Reiches vorschlagen, die in Wert und Größe etwa ebenbürtige Territorien hervorbringt. Um die Gebiete so gerecht wie möglich zu bemessen, werden eigens Emissäre in alle Regionen geschickt, um Siedlungen, Böden und Besitz zu taxieren.
KARL DER KAHLE
Mit seiner zweiten Frau bekommt Ludwig der Fromme überraschend noch einen Sohn. Für seinen Halbbruder Karl muss Lothar Gebiete abgeben – und entzweit sich so mit seinem Vater
ARNULF VON KÄRNTEN
DER REGENT des Ostfrankenreichs ist ein außerehelich geborener Enkel Ludwigs des Deutschen. Arnulf gilt damit als Karolinger – doch seine Legitimation als König ist schwach. Umso sorgfältiger muss er seine Allianzen pflegen
Nachdem die Boten zurückgekehrt, deren Berichte ausgewertet worden sind, finden sich die drei Brüder im August 843 in Verdun ein, einer Bischofsstadt an der Maas, und unterzeichnen einen denkwürdigen Vertrag. Er spaltet das Imperium der Karolinger in drei fast unabhängige Königreiche. Kaiser Lothar erhält ein langes, schlauchartiges Gebiet, das sich von der Nordsee bis ans Mittelmeer zieht und für die Karolinger so bedeutsame Orte wie Aachen umfasst; darüber hinaus fällt ihm das gesamte fränkische Italien zu und damit auch die Schutzherrschaft über die heilige Stadt Rom.
Karl der Kahle, der jüngste legitime Sohn, bekommt die westlichen Gebiete mit Städten wie Paris und Reims zugesprochen. Sie erstrecken sich von den Flüssen Rhône und Saône bis zum Atlantik, vom Ärmelkanal bis nach Barcelona.
Der dritte Bruder, Ludwig der Deutsche, kann durch den Vertrag sein Territorium fast verdoppeln: Sein östliches Reich umfasst nun auch Gebiete links des Rheins mit den Bischofsstädten Mainz, Speyer und Worms, zieht sich bis an die Elbe und die Nordsee. Die große Erweiterung soll wohl auch dafür entschädigen, dass zahlreiche Gebiete Ludwigs eher dünn besiedelt sind, wirtschaftlich und kulturell hinter den einstigen römischen Provinzen in Gallien zurückstehen.
NOCH GUT 30 JAHRE herrscht Ludwig der Deutsche im Ostfrankenreich, dem er 870 einen Teil des mittleren Herrschaftsgebiets mit der Stadt Aachen hinzufügen kann. Mit seinen Söhnen kämpft er an Elbe und Saale gegen slawische Völker, hilft aber auch im Westen, Wikinger und aufständische Aquitanier zurückzuschlagen. Nach Ludwigs Tod 876 regiert einige Zeit sein Sohn Karl „der Dicke“. Im Jahr 887 wird der von mächtigen Adeligen abgesetzt. Zum ostfränkischen König lässt sich nun Arnulf von Kärnten erheben, ein unehelich geborener Enkel Ludwigs des Deutschen. Zwar ebenfalls ein Karolinger, muss er als Usurpator seine Machtbasis besonders aufmerksam pflegen.
NACH UND NACH gewinnen die Konradiner die Oberhand über die Babenberger. Im Jahr 902 belagern sie die Hauptburg des verfeindeten Adelsgeschlechts
Um seine Position zu stärken, stützt er sich bald auf ein aufstrebendes Adelsgeschlecht, mit dem er durch seine Frau verschwägert ist. Ursprünglich aus dem Lahngebiet im heutigen Hessen stammend, haben diese Konradiner (später so benannt nach dem einzigen König, den die Familie hervorbringt) ihren Einfluss bis in den östlichen Teil des Reiches ausgeweitet, greifen dort jetzt nach den Kerngebieten der Babenberger nahe dem Main.
König Arnulf ist das gerade recht: Die Babenberger waren enge Vertraute seines gestürzten Vorgängers. Vermutlich, weil sie ihm die Absetzung weiterhin verübeln, ignoriert er sie bei der Vergabe von Ämtern, beschneidet ihre Macht und alte Vorrechte. Die Konradiner dagegen begünstigt er nach Kräften, teilt ihnen eine Grafschaft im Stammland der Babenberger zu, schließlich den Bischofsstuhl von Würzburg. Und befeuert so den zunehmenden Streit der beiden mächtigen Sippen.
Im Jahr 897 erfährt König Arnulf, der auf seinen Reisen durchs Reich häufig auch in der Gegend um
Würzburg und die Babenburg unterwegs ist, sicher bald von dem brutalen Mord an seinem Dienstmann Trageboto. Es ist ein Anschlag auf die Allianz, die er mit den Konradinern zulasten der Babenberger geformt hat – und damit zugleich auf seine königliche Autorität.
Ob und wie der Herrscher auf die Attacke aus dem Kreis der verbitterten Adelssippe reagiert, ist nicht überliefert. Doch der Gewaltakt scheint das politische Klima weiter zu vergiften. Anfangs noch nahezu unmerklich, wie ein untergründiges Dräuen, dann deutlich spürbar. Bald wohl kommt es immer wieder zu kleinen und größeren Streitigkeiten zwischen Babenbergern und Konradinern, brechen in den folgenden Jahren Scharmützel zwischen Anhängern beider Lager aus, gehen Landleute der Familien mit Stöcken und Spießen aufeinander los und fachen den Hass an – bis die Fehde nach einigen Jahren mit voller Wucht entbrennt.
DAS ENDE EINER ÄRA
BABENBURg, UM 902. Die gut befestigte Anlage erhebt sich auf einem der sieben Hügel der heutigen Stadt Bamberg. Hierher, auf ihren Stammsitz, haben sich die Babenberger zurückgezogen, nachdem sie in den Wochen zuvor im Umland von Würzburg mehrere Landstriche verwüstet haben – wohl noch immer voller Zorn darüber, dass der Bischofsstuhl von Würzburg an einen Konradiner gegangen ist. Die Truppen der verfeindeten Sippe folgen ihnen rasch und belagern die Burg von allen Seiten. Adalbert, einer von drei Brüdern und Anführer der Babenberger, bewaffnet seine Männer mit Schwertern, gibt den Befehl zum Ausbruch. Die Eingeschlossenen strömen durch die Burgtore herab, rücken auf ihre Gegner zu.
Doch statt zu weichen, drängen nun auch die Konradiner nach vorn. Sie durchbrechen die Schlachtreihe der Feinde mit Schwerthieben, strecken alle nieder, die ihnen begegnen. Dabei erschlagen sie auch einen von Adalberts Brüdern, einen weiteren nehmen sie zunächst gefangen. Nachdem die Konradiner unter einem Haufen von Leichen einen schwer versehrten Angehörigen gefunden haben, pflegen sie ihn einige Tage. Als er stirbt, enthaupten sie aus Rache den gefangenen Babenberger.
Das Schicksal wendet sich nun immer heftiger gegen das alteingesessene Geschlecht. Kurz nach der verlorenen Schlacht beruft der König einen Reichstag, eine Versammlung der wichtigsten Adeligen des Landes, in Forchheim ein, mitten in den Stammlanden der Babenberger. An der Spitze des Reichs steht mittlerweile, seit dem Tod Arnulfs von Kärnten im Jahr 899 wohl in Folge eines Schlaganfalls, formell sein zehnjähriger Sohn Ludwig. Tatsächlich aber führen vor allem Berater aus der Familie der Konradiner die Regierung. Die aus allen Teilen des Ostfrankenreichs herbeigeeilten Großen beschließen, den Besitz der beiden getöteten Babenberger einzuziehen und ihn dem Bischof von Würzburg zu überlassen, dem Konradiner Rudolf. Ein großer Verlust für die Babenberger und eine gezielte Demütigung, die ihnen noch einmal bewusst machen dürfte, wie sehr sie an Einfluss und Macht verloren haben.
DREI JAHRE SPÄTER bäumen sie sich trotzdem noch einmal auf. Adalbert schlägt das Heer der Konradiner in einem verlustreichen Gefecht. Zunächst kann er mit großer Beute auf die Babenburg zurückkehren. Doch bald darauf stellt der Königshof gemeinsam mit den Konradinern ein Reichsheer auf und umzingelt den Babenberger auf einer seiner Burgen am Main, gut 40 Kilometer vom Stammsitz entfernt.
KONRAD I.
DER KONRADINER ist ab 911 der erste nichtkarolingische Herrscher des Ostfrankenreichs. Doch die Regentschaft des kränkelnden Königs bleibt kurz und glanzlos
OTTO I.
NACH KONRAD übernimmt das sächsische Adelsgeschlecht der Ottonen die Herrschaft über das Ostfrankenreich. Otto I. kann zudem den Königstitel in Italien und die Kaiserwürde erlangen
Die Lage in der Festung spitzt sich zu. Die Übermacht vor den Mauern ist zu groß, um auch diesmal den Kampf zu wagen. Als die Belagerung länger und länger andauert, geht Adalbert daher auf ein Angebot seiner Gegner ein: Gegen das Versprechen auf freies Geleit tritt er mit wenigen Begleitern vor das Burgtor und stellt sich den Königlichen. So hofft er, mit dem Leben davonzukommen. Doch die Konradiner halten sich nicht an die Absprache: Der letzte der drei Babenberger-Brüder wird mit gefesselten Händen vor dem versammelten Heer abgeführt und kurz darauf hingerichtet.
Die Babenberger haben nun keinen Anführer mehr. Die Kämpfe, die eine bedeutende Region des Ostfrankenreichs über Jahre erschüttert haben, gehen zu Ende. Sieger der langen Fehde sind die Konradiner, die in die obersten Zirkel der Macht vorgedrungen sind und weiter zu den wichtigsten Ratgebern des minderjährigen Königs gehören. Ein Geschlecht, das schon bald eine neuerliche Rangerhöhung erlebt.
Denn als der junge, oft kränkelnde Ludwig 911 stirbt, wählen die Großen des Reiches Graf Konrad, den mächtigsten Vertreter seiner Familie, zum König. Es ist das erste Mal, dass kein Karolinger an der Spitze des Ostfrankenreichs steht.
Konrads Herrschaft allerdings ist kurz und glanzlos. Er regiert nur sieben Jahre, die geprägt sind von fast unablässigen Kämpfen gegen die von Osten ein fallenden Ungarn, aber auch von Streitigkeiten mit seinen Herzögen. Er stirbt im Dezember 918.
UND NUN ÜBERNIMMT ein Adelsgeschlecht aus Sachsen die Königswürde: die Liudolfinger, nach ihren bedeutendsten Vertretern auch Ottonen genannt. Unter den neuen Regenten, die aus einer Region stammen, die Karl der Große erst rund 150 Jahre zuvor fränkischer Herrschaft unterworfen hatte, verfestigt sich die Trennung in ein westliches und ein östliches Frankenreich endgültig. (Bereits 880 war die noch für Jahrhunderte weitgehend unverändert geltende Grenze zwischen den beiden Machtbereichen festgelegt worden.)
MIT DER HINRICHTUNG des letzten Anführers der Babenberger durch die Konradiner endet im Jahr 905 jene Fehde, die das Ostfrankenreich über Jahre erschüttert hat
Die Könige im Osten erlangen in der Folge die Kaiserwürde und die Herrschaft in Italien. Für dieses Gebilde wird sich später der Name „Heiliges Römisches Reich“ etablieren. Er bezieht sich auf das Imperium Romanum, dessen Nachfolge schon Karl der Große beansprucht hatte.
Die ottonischen Herrscher des 10. Jahrhunderts bezeichnen sich selbst noch als Könige der Franken – und suchen bewusst den Anschluss an die Karolinger: Otto I., der glanzvollste König seines Geschlechts (und dessen erster Kaiser), begibt sich für seine Inthronisation nach Aachen; hier, in der Kirche Karls des Großen, wo auch dessen Grab liegt, lässt sich Otto zum König krönen. Während der Zeremonie trägt er fränkische Kleidung – und reiht sich damit ein in die lange Geschichte der Franken und ihrer Herrscher.
Auch im Westen werden die Karolinger endgültig im 10. Jahrhundert von einem anderen Geschlecht abgelöst (siehe Seite 148). Und auch hier bleibt das Erbe der Franken präsent. Der allmählich entstehende Staat Frankreich trägt ihren Namen bis heute.
In jenen östlichen Teilen, die dereinst als „deutsche Lande“, dann als Deutschland bezeichnet werden, finden sich ganz ähnliche Spuren in geografischen Namen. In „Frankfurt“ etwa. Oder in „Franken“, jener Region um Bamberg und Würzburg, in der einst eine blutige Adelsfehde tobte.
2. Abul Abbas. Das Geschenk des Kalifen
Die Beziehungen der Frankenkönige reichen bis in den Nahen Osten. Mehrfach tauscht man mit dem Herrscher des Abbasidenreichs Gesandtschaften aus. Und kostbare Gaben. Die wohl größte ist ein Elefant aus Indien, der am Hof Karls des Großen für Exotik sorgt
EIN LEIBHAFTIGER ELEFANT gelangt zur Zeit Karls des Großen nach Aachen, als Freundesgabe des Kalifen Harun ar-Raschid an den Kaiser. Das Tier mit dem Namen Abul Abbas (hier die Darstellung eines anderen Elefanten, 13. Jh.) hat da bereits eine Tausende Kilometer lange Reise hinter sich – von Indien über den Nahen Osten, Nordafrika und Italien bis zur Pfalz des Frankenherrschers
Am 20. Juli 802 stampft ein Wesen durch die Straßen von Aachen, wie es die Menschen hier allenfalls aus abenteuerlichen Sagen kennen. Größer ist es als jedes andere Tier, das die Einwohnerinnen und Einwohner bislang gesehen haben. Es hat einen riesigen Schädel mit großen faltigen Ohren, zudem einen Rüssel, aus dem merkwürdige Laute ertönen: ein Elefant. Vorbei an hölzernen Wohnhäusern, Schmieden, Viehställen, Speichern und Werkstätten zieht er zur Lieblingspfalz Karls des Großen (siehe Seite 84).
Viele Reisende hat der eineinhalb Jahre zuvor zum Kaiser gekrönte Frankenherrscher bereits empfangen, wohl keine allerdings mit einer so weiten Anreise. 5000 Kilometer liegen hinter dem Dickhäuter Abul Abbas, den Karl an jenem Sommertag als Geschenk aus dem Morgenland erhält. Seine Begleiter haben das Tier, das jeden Tag 200 Kilogramm Gräser, Blätter und Wurzeln verschlingt sowie 100 Liter Wasser trinkt, durch Täler geführt, entlang von Küstenlinien gelenkt, über das Mittelmeer transportiert und gar die Alpen mit ihm überwunden.
Keine Quelle berichtet davon, wie die Begegnung zwischen Kaiser und Elefant ausfällt. Sicher ist: Das Tier wird bleiben – und es hat eine Mission. Abul Abbas soll die Bande zwischen dem mächtigsten Reich des Abendlandes und jenem der muslimischen Welt, dem Abbasiden-Kalifat, stärken. Eine Freundschaft, die einst Karls Vater angebahnt hat.
Pippin, der erste Karolinger auf dem Frankenthron, setzt auch auf die Kraft der Diplomatie, um die Position seiner Dynastie zu sichern. Denn wer Respekt und Anerkennung durch andere mächtige Herrscher erfährt, wer mit ihnen Geschenke tauscht und so Schätze aus der ganzen Welt vereint, der muss in den Augen der jeweiligen Untertanen wahrhaft königlich sein.
Im Jahr 764 entsendet der König Botschafter zum Kalifen al-Mansur nach Bagdad. Der muslimische Herrscher gebietet über das gewaltige Reich der Abbasiden, eine gleichfalls junge Dynastie, deren Einfluss von Nordafrika bis zum Indus reicht, und revanchiert sich beim Frankenkönig mit kostbaren Geschenken.
Gut 30 Jahre später bringt Pippins Sohn Karl gleichfalls eine Delegation auf den Weg gen Osten. Im Abbasidenreich sitzt mit Harun ar-Raschid inzwischen ein Regent auf dem Thron, der sich seinen Platz mühsam gegen Widersacher erkämpft hat, seither von der Unterstützung durch einflussreiche Militärs abhängig ist und sich immer wieder mit Rebellionen herumschlagen muss. Karls Delegation empfängt er daher wohl nur allzu gern, vermutlich an seinem Hof in Raqqa, knapp 600 Kilometer nordwestlich von Bagdad im heutigen Syrien, das er kurze Zeit zuvor zu seiner neuen Hauptstadt gemacht hat. Und er scheut keine Mühe, die Gunst des aufstrebenden Karolingers durch eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit zu erwidern: einen indischen Elefanten.
Wie Harun ar-Raschid an das Rüsseltier gelangt, ist unbekannt. Vielleicht kam es einst als diplomatisches Geschenk mit Gewürzen, Edelsteinen und anderen Handelsgütern per Schiff aus Indien ins Kalifat. Fest steht: In freier Wildbahn leben in seinem Reich keine Elefanten, am Hof des Kalifen sind die Tiere höchst außergewöhnliche Erscheinungen. Vielleicht auch deshalb trägt das für Karl den Großen vorgesehene Exemplar einen klangvollen Namen: Abul Abbas – vermutlich nach Abu l-Abbas as-Saffah, dem Begründer der Abbasidendynastie.
Wohl im Jahr 800 geht es für den Elefanten auf eine noch viel längere Reise als jene, die ihn einst aus seiner indischen Heimat geführt hat. Denn Karls Delegation leitet Abul Abbas nicht etwa auf kürzestem Weg – über Kleinasien – in Richtung Frankenreich: Weil sich die Abbasiden immer wieder im Krieg mit Ostrom befinden, muss das Tier zunächst gen Mittelmeer laufen, folgt dann der Küstenlinie vorbei an Alexandria weiter gen Westen, stets im Einflussgebiet des Kalifen, bis es vermutlich Tunis erreicht. Spezialisten, die das Tier führen, füttern und pflegen, begleiten den Tross.
Karl, inzwischen zum Kaiser gekrönt, hat vier Jahre nichts von der Delegation gehört, als ihn im Juni 801 während eines Aufenthaltes in Norditalien eine Nachricht erreicht: In Pisa, so berichten ihm Boten, seien Abgesandte von Harun ar-Raschid eingetroffen. Umgehend reist der Kaiser den Ankömmlingen entgegen und erfährt, dass seine fränkischen Gesandten inzwischen ums Leben gekommen sind, ihr Begleiter aber sei mit Helfern und großen Geschenken auf der Rückreise aus dem Kalifat – darunter ein Elefant. Karl lässt daraufhin eine Flotte rüsten, um die gewaltige Gabe von Afrika über das Mittelmeer an die ligurische Küste zu holen und von dort weiter bis in seine Pfalz in Aachen zu transportieren.
Für das Rüsseltier muss eigens ein Schiff angefertigt werden, das auch dann nicht kentert, wenn sich ein bis zu 6,5 Tonnen schweres Tier darauf bewegt. Im Herbst des Jahres läuft es samt dem Elefanten in Porto Venere ein. Sogleich nach Aachen kann die Gruppe jedoch nicht ziehen: Die Alpen sind mit Schnee bedeckt, Abul Abbas überwintert in Norditalien. Erst im Frühsommer 802 überschreitet der Trupp die Berge, rund 1000 Jahre nachdem der legendäre karthagische Feldherr Hannibal mit seinen Elefanten die Alpen in umgekehrter Richtung passiert hatte und in Italien eingefallen war.
Am 20. Juli 802 schließlich erscheint Abul Abbas in Aachen, wo Karl in diesen Jahren die prächtigste Pfalz des Frankenreiches errichtet: eine herrschaftliche Anlage mit der monumentalen Königshalle und der 30 Meter gen Himmel ragenden Marienkirche. Karl ist höchst angetan von dem Präsent aus dem Morgenland, wohl die Krönung seiner Sammlung an aufsehen erregenden Geschenken. (Einer einzelnen Quelle zufolge hat er den Elefanten sogar beim Kalifen bestellt.) Er revanchiert sich beim fernen Herrscher unter anderem mit einer Sendung besonders schneller und furchtloser Hunde für die Löwen- und Tigerjagd. Im Gegenzug erhält er weitere kostbare Präsente aus dem Abbasidenreich, darunter eine Wasseruhr und ein großes, farbenprächtiges Zelt aus Leinen als Symbol der Macht – und antwortet wiederum mit Gold und einem kostbaren Mantel.
Der Kaiser revanchiert sich beim Kalifen für den Elefanten – mit einer Sendung besonders schneller Hunde für die Löwen- und Tigerjagd
Abul Abbas verbringt seine Zeit derweil wohl zumeist in Tiergehegen, in denen sich etwa auch Pfauen tummeln, streift vielleicht durch die Obstgärten der Residenz. Und immer wieder wird er womöglich auf kürzere Reisen gehen, mit dem Frankenherrscher von Quartier zu Quartier ziehen, Eindruck schinden bei den Untertanen und Gegner auf Feldzügen in Angst und Schrecken versetzen.
Im Jahr 810 begleitet Abul Abbas den Kaiser auf einer Kampagne gegen Dänen, die in Friesland eingefallen sind. Karl will den Nordmännern auch mithilfe seines Elefanten Einhalt gebieten. Doch auf dem Weg stirbt Abul Abbas bei einem Ort namens Lippeham am östlichen Rheinufer, mehrere Tagesreisen von Aachen entfernt – „plötzlich“, wie es in einer fränkischen Quelle heißt. Hat er das kühlere Klima im Frankenreich, in dem er acht Jahre seines Lebens verbrachte, nicht vertragen? Litt er an einer Lungenentzündung? Oder war er unzureichend gepflegt worden? Möglich. Wahrscheinlicher aber ist, dass der Elefant einer Rinderseuche zum Opfer fällt, die in jenem Jahr durch das Frankenreich fegt.
Auf jeden Fall bleibt Abul Abbas unvergessen. Chronisten halten die Erinnerung an das wundersame Tier aus dem Orient wach, das die Menschen noch Jahrhunderte später fasziniert. Um 1746 nimmt der westfälische Gelehrte Hermann Jodokus Nünning in seine Altertumssammlung einen Knochen auf, der auf einem Acker am Rheinufer zum Vorschein gekommen war – dort, wo sich womöglich einst der Königshof Lippeham befand. Nünning klassifiziert den 70 Zentimeter langen Knochen sogleich als Überrest des kaiserlichen Elefanten. Im Jahr 1750 ziehen Fischer drei weitere, heute gleichfalls verschollene Skelettteile aus der Lippe, darunter angeblich ein Schienbein. Auch diese schreiben Zeitgenossen Karls Dickhäuter zu – getrieben wohl von der Sehnsucht, Spuren des legendären Elefanten zu finden.
KARL DER GROSSE weiß um die Macht der Inszenierung und genießt offenbar die Faszination des wundersamen Rüsseltieres, das bei Freund und Feind Eindruck macht. Bis es im Jahr 810, als der Kaiser es auf einen Feldzug mitnimmt, plötzlich verstirbt (Buchmalerei, 14. Jahrhundert)
3. Daten und Fakten. Die Geschichte der Franken
Dort wo lange Rom herrschte, erwächst eine neue Macht: Von Gallien aus errichten fränkische Anführer mit Schwert und Kreuz das größte europäische Reich des frühen Mittelalters. Ein Imperium, das schließlich zerbricht. Aber in seinen Teilen weiterlebt
um 250 n. Chr.
In später verfassten Werken antiker Autoren finden sich Berichte von Überfällen germanischer Kämpfer, die lateinisch Franci oder griechisch Frankoi genannt werden. Die Angreifer queren offenbar den Rhein, der die Grenze des Imperium Romanum markiert, und ziehen plündernd durch römisches Territorium in Nordgallien. Die genaue Herkunft dieser Franken (deren Name wohl von einem germanischen Wort für „mutig“ oder „wild“, verwandt mit dem deutschen „frech“, abgeleitet ist) bleibt im Dunkeln. Vermutlich handelt es sich um einen erst in diesen Jahren entstandenen, eher lockeren Verband, womöglich aus kleineren Gruppen, die aus weiter entfernten Gegenden an den Niederrhein gekommen sind oder auf für frühere Zeiten in der Region bezeugte Stämme zurückgehen.
Für ihre Überfälle nutzen die Franken Phasen der Schwäche des Imperiums, das immer wieder von Usurpationen und inneren Machtkämpfen erschüttert wird. Zudem setzen die Kaiser meist einen großen Teil ihrer Truppen im Osten des Reichs ein, wo ihnen mit den persischen Sassaniden ein gefährlicher Gegner erwachsen ist, vernachlässigen darüber den Schutz der Rheingrenze.
288
Maximian, der Augustus der Westhälfte des Römischen Reichs, in dem sich seit einigen Jahren zwei Kaiser die Herrschaft teilen, unternimmt einen Feldzug auf rechtsrheinischem Gebiet. Einer zeitgenössischen Lobrede zufolge unterwirft sich dem Imperator dabei ein Gennobaudes genannter Franke: der erste namentlich bekannte fränkische „König“, tatsächlich wohl ein regionaler Gefolgschaftsführer.
306
In Britannien stirbt der Westkaiser Constantius, die dortigen Truppen rufen seinen Sohn Konstantin zum neuen Augustus aus. Erneut nutzen fränkische Heerführer die instabile Situation für Überfälle, dringen möglicherweise bis zur Somme im heutigen Nordfrankreich vor. Doch Konstantin (später „der Große“ genannt) wendet sich energisch gegen die Eindringlinge, schlägt auch jenseits des Rheins Verbände der Franken und verwüstet deren Siedlungsgebiet.
355
Franken erobern Köln, um die gleiche Zeit überschreiten Franken und weiter südlich Alemannen auf breiter Front den Rhein und verheeren weite Gebiete auf der römischen Seite des Stroms. Um der Situation Herr zu werden, erhebt Kaiser Constantius II. seinen Cousin Julian zum Mitkaiser und schickt ihn nach Gallien.
MEHRFACH GREIFEN FRANKEN TRIER AN
358
Nach erfolgreichen Feldzügen gegen die Alemannen und der Rückeroberung Kölns von den fränkischen Besatzern wendet sich Julian gegen andere Franken, die in ein Toxandrien genanntes Gebiet (zwischen Rheindelta und Schelde beim heutigen Antwerpen) eingedrungen waren und sich dort bereits niedergelassen haben. Nachdem er sie besiegt hat, erlaubt Julian ihnen, dauerhaft in der Gegend zu bleiben, wofür sie Soldaten für die römischen Truppen stellen müssen. Zudem siedelt Julian wohl auch an Rhein und Mosel Franken auf römischem Boden an. In kleinerem Umfang waren römische Kaiser so vermutlich schon zuvor verfahren. (Die lange von neuzeitlichen Historikern vertretene Ansicht, die in Toxandrien angesiedelten „Salfranken“ seien eine von den „Rheinfranken“ klar abgegrenzte Teilgruppe, gilt inzwischen in der Forschung als überholt.)
392/93
Arbogast, der oberste Armeechef des Westreichs, zieht zu einem Winterfeldzug an den Rhein bei Köln. Zuvor hatten abermals Franken römische Thronwirren für großflächige Überfälle genutzt. Arbogast greift nun fränkisches Gebiet rechts des Rheins an, verwüstet Dörfer und ganze Landstriche. Dabei ist Arbogast selbst Franke: Schon seit Kaiser Konstantin hatten zunehmend fränkische Kämpfer in der römischen Armee gedient, in der Folge waren einzelne bis in höchste Militärränge aufgestiegen.
406/07
Um den Jahreswechsel setzen gewaltige Gruppen von „Barbaren“, darunter Vandalen, Sueben und Alanen, bei Mainz über den Rhein und fallen in Gallien ein. Versuche von am Mittelrhein siedelnden Franken, die Grenze gegen die Invasoren zu verteidigen, waren zuvor gescheitert. In Gallien stoßen die Eindringlinge auf wenig Widerstand und ziehen einige Jahre plündernd durch die Provinzen.
418
Westgoten schließen mit Westrom einen Vertrag: Sie erhalten ein Gebiet im südwestgallischen Aquitanien, um sich daraus zu versorgen, und sollen dafür die Verteidigung gegen weitere Barbareneinfälle stärken. Tatsächlich gründen die Westgoten in Aquitanien ein schnell wachsendes eigenes Reich mit der Hauptstadt Toulouse, dessen Könige bald allenfalls nominell die Oberherrschaft der römischen Kaiser anerkennen.
419/20
Rechtsrheinische Franken erobern und plündern Trier, wohl bereits zum dritten Mal. Wie der zeitweilige Regierungssitz der weströmischen Kaiser, die sich nun aber kaum noch in Gallien aufhalten, sind auch andere Städte Ziel fortgesetzter fränkischer Angriffe von jenseits des Rheins. Derweil verläuft das Zusammenleben der bereits in Nordostgallien ansässigen Franken und der römischen Bevölkerung offenbar weitgehend friedlich, passen sich die Zugewanderten nach und nach der Lebensweise ihrer romanischsprachigen, überwiegend christlichen Nachbarn an.
um 445
Chlodio, gemäß einer der wenigen überlieferten Informationen ein fränkischer „König“, unternimmt Eroberungszüge in die Gegend von Cambrai und Arras, dringt vor bis zur Somme. Zwar wird er von einem römischen Feldherrn geschlagen, darf sich möglicherweise aber – ähnlich wie viele fränkische Truppenführer zuvor – in der Gegend niederlassen.
451
Der Hunnenkönig Attila greift mit einem großen Heer Gallien an. Auf den Katalaunischen Feldern (wohl bei Troyes in der Champagne) kommt es zur Entscheidungsschlacht, auf beiden Seiten kämpfen auch Franken: rechtsrheinische in Attilas Heer, linksrheinische als Teil einer Allianz aus Römern, Westgoten und etlichen weiteren Gruppen. Mit knapper Not gelingt es dieser, die Invasoren zurückzuschlagen. In der Folge jedoch zieht sich die römische Zentralmacht vollständig aus Gallien zurück. Mit den Truppen verlassen auch Teile des Verwaltungsapparats die Provinzen. Dennoch bricht das öffentliche Leben nicht zusammen: Die verbleibenden gallorömischen Eliten organisieren sich nun selbstständig ohne kaiserlichen Oberherrn. Viele Funktionen übernimmt die Kirche, den Bischöfen fällt zusehends die Regierung der Städte samt Umland zu.
um 460
Ein fränkischer „König“ namens Childerich unternimmt Kriegszüge in Gegenden westlich des fränkischen Siedlungsbereichs, bezeugt sind Aktionen in Paris sowie den Loire Städten Orléans und Angers. Unklar bleibt, ob Childerich, angeblich ein Nachkomme Chlodios und der Sohn eines gewissen Merowech, mit seiner Gefolgschaft im Dienst der Römer vorgeht oder auf eigene Rechnung. Möglicherweise ist er zeitweise mit dem Heerführer Aegidius alliiert, der sich 461 von der römischen Führung lossagt und ein unabhängiges Herrschaftsgebiet in Nordgallien errichtet.
476
Der germanischstämmige Heerführer Odoaker setzt den in Italien amtierenden Kaiser des Weströmischen Reiches ab, vier Jahre später stirbt ein in Dalmatien ansässiger, noch vom Ostreich anerkannter Gegenkaiser. Da das Amt im Westen fortan vakant bleibt, ist formal nun der Kaiser in Konstantinopel für das gesamte Reich zuständig. Dessen Oberhoheit gilt damit nominell auch für die Könige germanischer Völkerschaften, die sich in Gallien eigene Reiche geschaffen haben, neben den Westgoten etwa die Burgunder in Südostgallien, hat aber kaum praktische Auswirkungen.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Fischer, Oliver: Babenberger Fehde. Franken gegen Franken, in: Die Franken. Grossmacht des Mittelalters (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 125), Hamburg 2025, S. 130-147.
-> Opitz, Manuel: Abul Abbas. Das Geschenk des Kalifen, in: Die Franken. Grossmacht des Mittelalters (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 125), Hamburg 2025, S. 110-113.
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