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Mythen und Sagen / Literatur

Inhaltsverzeichnis

1. Die Irrfahrten des Odysseus

1. Die Irrfahrten des Odysseus 

Reich und vielzählig bevölkert ist die antike griechische Götterwelt. Wohl im 7. Jahrhundert v. Chr. tritt mit der »Odyssee« ein Sterblicher in den mythischen Kosmos: ein König, der in eine wilde, von Abenteuern übersatte Irrfahrt auf dem Mittelmeer geworfen wird. In einer epischen Erzählung übersteht dieser Odysseus eine aberwitzige Reihe von Prüfungen, die ihm die Göttlichen auferlegen, und durchläuft dabei etwas die Nachwelt bis heute Prägendes – eine Reise zu sich selbst

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ZU DEN PROBEN des Odysseus zählt auch der Lockruf der Sirenen, auf dieser antiken Vase als Vögel mit Frauenköpfen dargestellt. Er widersteht, indem er sich an den Mast seines Schiffes fesseln lässt

Sie singen so honigsüß, so einschmeichelnd und verführerisch, dass es Sterblichen kaum möglich ist, ihrer Verlockung zu entkommen. Einer tödlichen Verlockung. Odysseus weiß das, ist gewarnt worden vor dem Zauber-Gesäusel der Sirenen. Rings um die Fabelwesen sollen auf der Insel die Gebeine und Häute verfaulender Männer liegen.

Und so hat Odysseus, der König von Ithaka, der Held des Trojanischen Krieges, die Ohren der Gefährten, die sein Schiff an dem gefährlichen Eiland vorbeirudern sollen, mit warmem Wachs verstopft. Er selbst aber, der doch hören will, was die Sirenen singen, hat sich von seinen Männern am Mast festbinden lassen. Sie zurren die Taue um seine Hände und Füße noch einmal fester, als er unruhig wird und sich befreien will. Denn die Sirenen betören ihn als „Vielgepriesenen“, als „Pracht“. Und sie versprechen ihm, ihr Allwissen mit ihm zu teilen.

Doch die Stricke um Odysseus halten, die Sirenen singen vergeblich, die Schiffsbesatzung entkommt. Wären da nur nicht gleich darauf die neuen, noch größeren Bedrohungen, die auf die gerade Geretteten warten: Skylla und Charybdis, zwei Ungeheuer, die eine Meeresenge bewachen. Felsüberhänge, schroffe Klippen, immer von tiefen Wolken verdüstert. Dort, in einer Grotte: Skylla, ein Monster mit zwölf Füßen, sechs Hälsen und drei Reihen scharfer Zähne in jedem Kopf, mit denen es vorbeischwimmende Delfine zerbeißt und Menschen verschlingt. Auf der anderen Seite: Charybdis, fähig dazu, dreimal am Tag solch gewaltige Mengen des Meerwassers einzuschlürfen und wieder auszuprusten, dass alle Schiffe in seiner Nähe in brüllenden Strudeln zerbersten.

Odysseus hat nur die Wahl zwischen zwei Übeln, zwei Schrecken. Es gibt keinen Weg, dem einen auszuweichen, ohne dem anderen zu nahe zu kommen. So bleibt ihm, sich für ein Opfer zu entschließen. Er befiehlt den Ruderern, an den Klippen der Skylla entlangzusteuern. Es ist das Todesurteil für sechs seiner Männer, die nur hilflos nach ihm schreien, als sie von Skylla aus dem Schiff gehoben und wie rohe Fische aufgefressen werden. So aber können wenigstens die anderen entkommen.

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MIT BETÖRENDEM GESANG versuchen die Sirenen, Seefahrer auf ihre Insel zu locken, um sie zu töten. Es ist nur eine von vielen Gefahren, denen sich Odysseus stellen muss während seiner zehn Jahre dauernden, wieder und wieder verzögerten Heimreise nach Ithaka, von der die »Odyssee« berichtet. Als Autor des Werkes gilt der Dichter Homer, dessen Existenz jedoch umstritten ist

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DIE VORGESCHICHTE der Irrfahrt erzählt die »Ilias«, ein Epos, das ebenfalls Homer zugeschrieben wird. Darin kämpfen die Griechen gegen die Stadt Troja. Am Ende sind es die Landsleute des Odysseus, die den Sieg davontragen; anderen Überlieferungen zufolge durch die von dem Listenreichen persönlich ausgeheckte Finte mit dem hohlen Holzpferd, dank der sie in die Stadt eindringen. Doch die schnelle Rückkehr des Helden von Troja in die Heimat misslingt

Es ist nicht der Anfang, es ist auch noch längst nicht das Ende der zehn Jahre währenden Irrfahrt des Odysseus auf der „dunklen Flut“ des Mittelmeers. Aber es sind zwei der Abenteuer, der Bewährungsproben, die den verwegenen Krieger Odysseus auf verzweifelter Heimatsuche zu einer Zentralfigur in der Mythen- und Sagenwelt der griechischen Antike machen. So beharrlich wie er: noch keiner zuvor. So allen Gefahren der Fremde ausgesetzt, allen Naturgewalten als Seefahrer trotzend, mit wunderlichen Begegnungen aller Art konfrontiert: Vor Odysseus hat das noch kein anderer Sterblicher erlebt.

In wohl verschiedenen Teilen schon einige Zeit zuvor im Umlauf, verdichtet sich die mythische Odysseus-Erzählung vermutlich im 7. Jahrhundert v. Chr. zu einem vollständigen, schriftlich verfassten Epos, in mehr als 12 000 Versen und 24 „Gesängen“ geordnet. Zugeschrieben werden sie dem Dichter Homer, auch wenn dessen Vita, gar die Frage, ob er überhaupt existiert hat, für immer im Dunkeln liegt. War er Mitglied einer Sängergilde, einer von vielen, die den Odysseus erdachten? War er nur Sagen-Sammler, hat er mündlich Überliefertes lediglich fleißig zusammengefügt? Oder war er schöpferischer Geist, Urheber des ihm Zugeschriebenen?

Sicher dagegen ist, dass die Griechen zu jener Zeit, als die Geschichte von Odysseus beginnt, bleibende Berühmtheit zu erlangen, immer mehr Handelsverbindungen am Mittelmeer errichtet haben: mit Phöniziern, Ägyptern, auch an Italiens Küste. Was vermutlich das Genre der Seefahrergeschichten erblühen lässt und zugleich die Fantasie der Männer, die in unerkundete Gewässer geraten, in Stürme, Piratenattacken, andere Herausforderungen. Denkbar, dass sich deshalb in die Mythen von der dicht besiedelten griechischen Götterwelt nunmehr die attraktive Erzählung von der langen Irrfahrt eines Sterblichen mischt, aufregendes Seemannsgarn in die Göttergeschichten dieser Zeit.

Die Götterwelt ist unter den Denkern und Philosophen des antiken Griechenlands ein Thema, dessen Kanonisierung vor allem Homer und seinem mutmaßlichen Zeitgenossen Hesiod zugeschrieben wird. Ganz oben der Olymp, der Sitz der Götter. Stammbäume sind erstellt, Funktionen und Eigenschaften verteilt, Hierarchien und Zuständigkeiten für Naturphänomene geklärt. Die Gottheiten agieren in diesem Kosmos einerseits durchaus irdisch, Eifersucht, Betrug, Ehebruch, Mord inklusive, andererseits eben irgendwo im Unfassbaren. Die Figur des Odysseus aber ist so etwas wie die erste komplexe Darstellung menschlicher Charakteristika und Handlungsmuster – und damit eine Vorlage auch für die spätere abendländische Kultur- und Geistesgeschichte.

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IN DER »ODYSSEE«, entstanden in einer Zeit, da der griechische Fernhandel zunimmt, spiegeln sich wohl auch die vielen Widrigkeiten, denen Seeleute auf den Ozeanen begegnen können. An einer felsigen Meerenge lauern auf Odysseus und seine Begleiter etwa zwei Ungeheuer. Das eine, Skylla, ein furchterregendes Monster, oft wie hier dargestellt mit dem Oberkörper einer Frau und etlichen Hundeköpfen, die ihm aus dem Leib wachsen, frisst ein halbes Dutzend Männer, als das Schiff die bedrohliche Stelle passiert

Noch im Altertum wird die Strahlkraft des Odysseus so gewaltig groß, dass man ihm ein Heiligtum auf Ithaka verehrt, seiner Heimatinsel in der „Odyssee“. Dass man ihm dort wohl auch Opfergaben darbringt, um an seiner Stärke, seiner Unbeirrbarkeit teilzuhaben. Und kaum ein wichtiger Denker nach Homer wird sich mehr mit dessen Zeit befassen, ohne über die „Odyssee“ zu räsonieren.

Dabei taucht die „homerische Frage“ schon bald nach Bekanntwerden des Werkes auf. Wozu über Jahrhunderte auch die Zweifel daran gehören, dass Homer, sollte es ihn denn tatsächlich gegeben haben, schon Verfasser eines anderen berühmten Werkes war: der „Ilias“, jener Tragödie vom Kampf der Götter und Heroen um die legendäre Stadt Troja, der von der Geschichtsschreibung auf das 13. oder 12. Jahrhundert v. Chr. datiert worden ist. Und doch: Die Bewunderung für den „göttlichen Homer“, wie ihn ein späterer griechischer Dichter nennen wird, ist auch stärker als alle Zweifel an der Urheberschaft von „Ilias“ und „Odyssee“. In der Nachwelt und bis heute wird sich kein anderer Name mehr finden, auf den die Epen zurückgeführt werden. Homer wird selber zum Mythos.

ODYSSEUS BEEINDRUCKT SELBST DIE GÖTTER

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ATHENE (oben, Mitte), Tochter des Zeus und Göttin der Weisheit, bewundert und unterstützt Odysseus. Und hat so Anteil daran, dass der Held sich gegenüber den Göttern als Individuum behaupten kann

Die „Ilias“ ist eine Geschichte von Wut und Zorn, eine Ode an die Kriegerethik, eine Erzählung, die gleich von zwei kämpferischen Auseinandersetzungen berichtet; im Himmel wie auf Erden. Und schon hier, beim Kampf um Troja, spielt Odysseus eine entscheidende Rolle: Er ist derjenige, mit dessen List die zehnjährige Belagerung Trojas durch die Griechen, bei Homer noch Achaier genannt, in einer spektakulären Eroberung der Stadt endet. Er, Odysseus, ist es, der als Bettler verkleidet Erkundungen in der Stadt anstellt. Und vor allem er soll es gewesen sein, der den Bauch des mächtigen hölzernen Pferdes, ein vermeintliches Friedensgeschenk an die Trojaner, mit griechischen Elitekriegern füllen und in die Stadt gelangen lässt, um von innen die Tore zu öffnen und ihr Heer hineinzulassen. Die Griechen siegen.

Dabei hat Odysseus, der Trickreiche, der Kluge, eigentlich gar nicht mitkämpfen wollen. Hat seinen alten Vater Laertes, den einstigen König, hat seine Frau Penelope (in der „Odyssee“ stets Penelopeia genannt), hat seinen kleinen Sohn Telemachos auf der Insel Ithaka nicht verlassen wollen, um sich am Feldzug gegen die Trojaner zu beteiligen. Hat sich als Kriegsdienstverweigerer versucht, hat einen Ochsen und ein Pferd gemeinsam vor den Pflug gespannt, hat Salzkörner statt Samen auf seinen Feldern ausgesät, um sich als wahnsinnig gewordener Bauer zu tarnen. Bis ihm jemand den Sohn vor den Pflug legt, worauf Odysseus erschrocken anhält und sich zu erkennen gibt.

Wen also macht da der „göttliche Homer“ zum Mittelpunkt der „Odyssee“? Ein Schlitzohr, einen wendigen Charakter? Auch das. Aber vor allem erhebt er Odysseus zu einem Qualen aller Art überwindenden Kämpfer in noch so lebensbedrohlichen Situationen. Zu einem Mann, der zehn lange Jahre daran gehindert wird, nach dem Kampf um Troja den Weg zurück nach Ithaka zu finden. Er muss bereit sein zum Ertragen von Schmerzen, fähig zur Selbstüberwindung wie auch zu Täuschung und Verhüllung, durchsetzungsfähig, gewandt wie auch skrupellos.

Und vor allem: von Sehnsucht nach Frau und Sohn verzehrt, von Heimweh getrieben. Es ist wohl auch dieses Motiv, das die „Odyssee“ zu einem Herz-Schmerz-Drama macht, das nicht nur hochwohlmögende Denker beschäftigt. Sondern zur Vorlage wird für viele Erzählungen von der menschlichen Kraft, an einem großen Ziel festzuhalten, was immer sich auch in den Weg stellen mag.

Ein Motiv, das schließlich sogar auch die Götter beeindruckt. Später.

Denn zuerst soll er: leiden. Poseidon will es so, der Gott der Meere, weil ihn Odysseus unwissentlich erbost hat. Und solange der Grieche auf See heimwärts strebt, ist er in der Gewalt Poseidons, immerhin Bruder des Göttervaters Zeus. Auf Odysseus’ Seite steht dagegen Athene, Göttin der Weisheit, der Strategie und des Kampfes, die immer wieder die Grenze zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen durchbrechen wird, um dem von ihr bewunderten Sterblichen mit Ratschlägen zu helfen. Den Zorn des Meeresfürsten führt Homer wohl ein, um Odysseus zu einem Widersacher göttlicher Fügung machen zu können. Der Held ist damit ein neuer Typ in der Sagenwelt, nicht bloß Marionette himmlischer Entscheidungen. Die können ihm zwar Schicksalsschläge auferlegen und Naturgewalten entgegensetzen, seinen Aufstand dagegen, sein Ego aber nicht brechen.

Es ist dieser Menschenmann, der nach dem Abschied von Troja mit zwölf Schiffen Richtung Heimat aufbricht und zunächst alles andere als eine Ruhmestat vollbringt, wenn er in Thrakien die Stadt Ismaros plündert und „die Weiber und viele Güter“ unter seinen Männern verteilen lässt, von denen er aber dann 72 bei einem Gegenangriff verliert. „Böse Winde von Norden“ treiben die Überlebenden nach neun Tagen in das Fabelland der Lotophagen, wo sich eine neue Gefahr auftut: Wer von der dort gedeihenden Lotospflanze isst, verliert jedes Begehr, in die Heimat zurückzukehren. Odysseus, für den „nichts süßer (ist) als das eigene Vaterland“, muss einige seiner Gefährten mit Gewalt auf die Schiffe zurückbringen und dort festbinden lassen.

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EINE DER DRAMATISCHSTEN EPISODEN der Irrfahrt entfaltet sich im Land der Kyklopen. Als Odysseus dort eine Höhle erkundet, taucht überraschend einer der einäugigen Riesen auf, verschlingt zwei Gefolgsleute des Griechen und versperrt den Weg nach draußen. Nur mit äußerstem Mut und Einfallsreichtum gelingt Odysseus die Flucht – nachdem er dem Kyklopen einen im Feuer gehärteten Holzpfahl ins Auge gerammt hat

Es folgt ein noch exzessiveres Erlebnis der hin- und hergeworfenen Seefahrer. Im Land der Kyklopen, der einäugigen, „übergewaltigen, gesetzlosen“ Riesen, ist Odysseus mit zwölf seiner besten Männer gerade dabei, eine Höhle zu erkunden, als der Besitzer der dort eingesperrten Ziegen und Schafe zurückkehrt. Statt sich den Schutzsuchenden gegenüber gastfreundlich zu zeigen, packt er zwei der Männer und schlägt sie „wie junge Hunde gegen die Erde“, zerschneidet sie „Glied für Glied“ und verschlingt sie, „nicht Eingeweide noch Fleisch noch markerfüllte Knochen“ übrig lassend.

Dann schläft der Riese ein, nachdem er einen von Menschenhand nicht zu bewegenden Stein vor den Höhlenausgang gewälzt hat. Odysseus erwägt, dem Kyklopen sein scharfes Schwert „in die Brust zu stoßen, da wo das Zwerchfell die Leber umschlossen hält“. Dann aber besinnt er sich: Er braucht den Riesen noch für das Öffnen der Höhle, würde er doch sonst in ihr auf ewig eingesperrt sein. So spitzt er ein Olivenholz zu, groß wie ein „Mastbaum“, macht das weiterhin Männer verschlingende Monstrum betrunken und stößt ihm den über Feuer erhitzten Pfahl ins Auge; ihn drehend „wie wenn ein Mann einen Schiffsbalken anbohrt“.

Der erblindete, blutbesudelte, brüllende Kyklop wälzt den Stein vom Ausgang weg, setzt sich aber davor, um Odysseus und seine Männer bei der Flucht ergreifen zu können. Doch die binden einige der Schafe zusammen, krallen sich unter den Bauch der hungrig nach draußen strömenden Tiere – und entkommen so dem Griff des Riesen.

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MIT EINEM KRAUT verwandelt Kirke, die Tochter des Sonnengottes Helios, einige Männer von Odysseus in Schweine (hier auf einem Ölgefäß gezeigt; oben ein Detail). Der Anführer droht daraufhin der Zauberin, sie zu töten. Doch Kirke bekniet, umgarnt den Helden mit süßen Worten und Taten, verleitet ihn schließlich sogar zu einer Liebesbeziehung. Ein Jahr verbringt Odysseus auf ihrer Insel – bis er, begleitet von Ratschlägen der Kirke, erneut in See sticht

Und wie um das Leiden des Titelhelden zu mehren, sind Odysseus und seine Gefährten immer wieder ihrem Ziel nahe – um nur in neue Widrigkeiten zu geraten. So kündigt sich ein scheinbar gutes Ende zunächst auf der Insel des Aiolos an, einem Götterliebling, an den die Herrschaft über die Winde delegiert worden ist. Aiolos ist Odysseus gewogen, verpackt ihm all jene Winde in die Haut eines geschlachteten Rindes, die ihn nicht nach Ithaka treiben könnten, lässt nur den Westwind frei, der den Heroen endlich nach Hause bringen soll. Nach neun Tagen und Nächten auf See ist Odysseus der Heimat ganz nahe, als ihn der Schlaf übermannt – und er Opfer der Gier seiner Gefährten wird. Sie vermuten in der Rinderhaut Gold und Silber, öffnen sie, die Winde fahren heraus und treiben die Schiffe einmal mehr in weit entfernte Gewässer.

Wieder strandet die Schicksalsgemeinschaft auf einer von Riesen bewohnten Insel, wieder verliert Odysseus viele seiner Begleiter, und erstmals gerät er in die Fänge einer Frau. Es ist Kirke auf der Insel Aia, Tochter des Sonnengottes Helios, eine Zauberin. Kirke bewirtet einige von Odysseus’ Männern mit einem Kraut, das sie in Schweine verwandelt. Vom Götterboten Hermes vor Kirke gewarnt und mit einem Mittel gegen das Zauberkraut ausgestattet, widersteht Odysseus der Verwandlung und droht, Kirke zu töten. Doch sie wirft sich ihm zu Füßen, flötet ihm ihre Bewunderung ein, beteuert, sie erkenne ihn, seine Ankunft sei ihr geweissagt worden – und sagt: „Lass uns beide sogleich auf unser Lager steigen, dass wir, in Lager und Liebe vereinigt, zueinander Vertrauen fassen!“ Und er tut es. Lässt sich bezirzen und verwöhnen. Lässt sich waschen, salben und ölen, genießt die Anmut edler Decken und Linnen, silberner Krüge mit „honigsinnigem“ Wein.

Bei Kirke lässt es sich Odysseus ein Jahr lang gut ergehen. Bis er sie anfleht, ihm die Rückkehr zu seiner Frau, seiner Insel endlich zu ermöglichen. Und Kirke willigt ein. Bereitet ihn sogar auf die Gefahren vor, die ihm bei der Heimfahrt nach Ithaka noch drohen werden: auf den Lockgesang der Sirenen, auf den Engpass zwischen den beiden Seeungeheuern Skylla und Charybdis. Beidem entrinnt die fantastische Reisegesellschaft zwar, aber als sie daraufhin die Insel des Sonnengottes Helios erreicht, kommt neues Unheil über sie; selbst verschuldetes.

Odysseus nimmt seinen Begleitern das Versprechen ab, die Herden des Helios, die „schönen breitstirnigen Rinder und die vielen fetten Schafe“, nicht anzurühren. Doch genau dies tun die von Hunger getriebenen Männer. Der göttliche Zorn darüber offenbart sich in einem Schreckenszeichen: Die Häute der getöteten Tiere kriechen umher, das Fleisch an den Bratspießen brüllt. Schlimmer noch: Ein Sturm lässt das Schiff auf Odysseus’ Flucht von der Insel des Helios auseinanderbrechen. Sein Steuermann wird vom Mast erschlagen, die anderen Gefährten werden über Bord geschleudert und ertrinken. Nur Odysseus überlebt, schnürt Kiel und Mastbaum zusammen, klammert sich daran – und erreicht nach neun Tagen in der „Salzflut“ die Insel Ogygia.

Es ist der Beginn einer sieben Jahre währenden Gefangenschaft in den Händen der Nymphe Kalypso. Sieben Jahre lang wird sich Odysseus nach Frau und Sohn auf Ithaka sehnen, wird immer wieder seufzend und weinend am Ufer sitzen, so sehr ihm die „furchtbare“ Kalypso auch „sorgsam Liebes“ antut, ihn immer wieder in ihr Bett holt, ihn ernährt, ihm verspricht, ihn unsterblich zu machen. Und so schön die Insel auch ist, ein Gefängnis mit duftenden Zedern und Zypressen, vielen Quellen, kräftigen Weinstöcken, weichen Wiesen und einer bunten Vogelwelt, umgeben vom „veilchenfarbenen Meere“.

Der Götterbote Hermes überbringt der Nymphe Kalypso schließlich den Befehl, Odysseus freizulassen. Und sie spürt „Erbarmen“ statt „Eisen“ in ihrer Brust. Nach einer letzten gemeinsamen Nacht in der Höhle stattet sie den unfreiwilligen Liebhaber mit Werkzeug zum Bau eines Floßes aus, mit Tüchern für ein Segel, badet ihn, hüllt ihn in „duftende Kleider“ ein. Und lässt ihn los.

Am 18. Tag der einsamen Segelreise hält Poseidon die nächste Prüfung für Odysseus bereit. Er ist der Vater des von Odysseus geblendeten Kyklopen. Der Herrscher über das Meer lässt es dunkel werden und türmt das Wasser zu tosenden Walzen auf. Der Mast zerbirst, das Ruder wird Odysseus aus den Händen gerissen, er geht über Bord, erklimmt mit letzter Kraft die Hölzer des Floßes. Bis der Sturm auch diese wie „einen Haufen dürrer Spreu“ aufwirbeln lässt. Odysseus schwimmt verzweifelt, als Athene den Winden befiehlt, sich zu beruhigen und den Wellen, ihn an Land zu den friedlichen Phaiaken zu tragen. Nackt, geschunden am ganzen Körper, atemlos schleppt sich Odysseus in einen Wald, bevor Athene dem Ermatteten „einen Schlaf auf die Augen“ gießt.

Der Held erwacht als erbarmungswürdiger Gestrandeter. Mit einem Zweig vor der „Scham des Mannes“, Furcht in seinen Gliedern, wagt sich Odysseus kaum zwischen den Bäumen hervor. Den von der Tochter des Phaiaken-Königs geschickten Mägden, die den Fremden waschen und kleiden sollen, zeigt sich der Kämpfer und Sieger vor Troja als verschüchterter Ankömmling, der sich vor den „flechtenschönen Jungfrauen“ nicht entblößen mag. Doch wieder kommt ihm die Göttin Athene zu Hilfe, die ihm „Anmut über Haupt und Schultern“ gießt und den Mägden sagt, welch großartige, ja ebenfalls göttliche Gestalt sie da vor sich haben.

Odysseus wird zum Sitz des Herrschers geleitet, sieht goldene Türen, edle Skulpturen, kunstreiche Gewebe, glänzende Früchte in einem paradiesgleichen Garten. Darf sich ausführlich ausschütten über das bisher Erlebte vor einem ergriffenen Publikum. Schafe, Schweine und Rinder werden aufgetischt, Sänger treten auf, bis der zärtelnde Odysseus Tränen der Rührung unter einem ihm gereichten purpurnen Mantel zu verstecken versucht.

Die Phaiaken kommen ihrem Ruf als gastfreundliches Volk ausgiebig nach. Wollen allerdings, dass der Fremde anderen davon berichten wird, wie gut dieses für seinen Schiffbau berühmte Volk auch im Tanz und im Gesang sein kann. Und bei sportlichen Wettkämpfen. Die besten Läufer, Springer, Werfer, Ringer demonstrieren vor Odysseus ihre Fähigkeiten, bis auch er aufgefordert wird, sich zu beweisen. Ist er doch schließlich „an Wuchs nicht schlecht: an Schenkeln und Schienbeinen und beiden Armen darüber“. Wenn auch „gebrochen durch viele Übel“.

ER REIST SOGAR INS TOTENREICH

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ENG VERWOBEN sind die Erlebnisse von Odysseus mit unzähligen großen und kleinen Charakteren aus der griechischen Mythologie, immer wieder verbindet sich Irdisches mit sagenhaften, wundersamen Geschehnissen. Noch kurz vor seiner endgültigen Abreise vom Eiland der Kirke fährt Odysseus etwa ins Reich der Toten und trifft dort den Schatten des legendären Sehers Teiresias (im Bild links unten sein grauhaariges Haupt), der ihn davor warnt, den Sonnengott Helios zu erzürnen

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ALLEIN SIEBEN JAHRE verbringt Odysseus (links) in einer Art goldenem Käfig, als Gefangener und unfreiwilliger Geliebter der Nymphe Kalypso (rechts). Die ganze Zeit erfüllt von Sehnsucht nach Frau und Sohn in Ithaka, wird der Held schließlich von den Göttern erlöst: Kalypso muss ihn freigeben

Und so wandelt sich der schamhafte Gestrandete vor den herbeigeströmten Schaulustigen wieder in einen vollmundigen Streiter. „Aufgereizt hast du mich“, wirft er einem ihn provozierenden Kämpfer entgegen, ergreift eine steinerne Wurfscheibe, um sie weit über die Köpfe der staunenden Menge zu schleudern. Und angeberische Worte folgen zu lassen: Mit dem Wurfspieß reiche er weiter als jeder andere mit Pfeil und Bogen, mit der Faust lasse er sich von niemandem übertreffen. Bis die Phaiaken andächtig schweigen. Und Odysseus’ Abfahrt vorbereiten. Nicht ohne alle möglichen Schätze in seinem Reisegepäck zu verstauen. Er soll sie in bester Erinnerung behalten.

Der dankbare Odysseus fällt in einen süßen Erschöpfungsschlaf, während ihn kräftige Männer nun endlich in Richtung Heimat rudern. Und als Eos, die Göttin der Morgenröte, ein erstes Licht auf die Erde wirft, legen die Phaiaken den immer noch dämmernden Odysseus sanft an den Ufern von Ithaka nieder. Nach zehn Jahren vor Troja, nach zehn Jahren auf dem Meer und auf fremden Inseln: Endlich, endlich ist er zurück!

Odysseus, in einem Nebel aufwachend, erkennt sein Ithaka nicht wieder, fürchtet, erneut unter „Unbändige und Wilde“ geraten zu sein – bis Athene, diesmal in Gestalt eines zarten jungen Mannes vor ihn tretend, ihn beruhigt. Ja, dieses sei seine Heimat, seine Insel!

Dann offenbart sich ihm die Göttin und erläutert gleich noch ausführlich den Grund ihrer Beschützerrolle für Odysseus, auch wenn sie mit einer Moralpredigt beginnt, die allerdings so klingt, als schimpfe eine stolze Mutter ihren geliebten Sohn. „Du Schlimmer, Gedankenbunter, Unersättlicher an Listen“, hebt Athene an, um dies sogleich in das Lob zu wenden, sei er doch „unter den Sterblichen allgesamt der weitaus Beste an Rat und Worten“. So wie sie selber „unter allen Göttern berühmt durch Klugheit und Listen“ sei. Eine Seelenverwandtschaft, die der mythische Dichter Homer da kreiert. Auch wenn selbst das nicht zu einem nunmehr schnellen Happy End führen wird.

Denn erst noch sind da all jene, die nicht mehr mit der Rückkehr des Odysseus gerechnet haben: Die männliche Elite der Insel, die „Freier“, die es sich am Hofe des verschollenen Königs so gut gehen lassen, als gehöre ihnen dessen Hinterlassenschaft bereits. Die über alles herfallen, was die Herden, Gärten und Küchen des Königs hergeben und Odysseus’ Besitz mit ihren Ausschweifungen verprassen. Und schlimmer noch: die Penelope, Odysseus’ Frau, bedrängen, endlich einen von ihnen zu heiraten. Und das erfordert Rache.

Rund die Hälfte seines Werks widmet der Verfasser der „Odyssee“ der Zeit nach der Rückkehr des Odysseus. Zeichnet dessen Gefühligkeit, dessen Dankbarkeit gegenüber den „niederen“ Klassen, aber auch dessen Misstrauen gegenüber der eigenen Frau, der er sich deshalb erst einmal nicht zu erkennen gibt, und nicht zuletzt dessen Killergene.

Die tödliche Rache des Odysseus. Recht und Ordnung will er wieder herstellen, Frau, Eigentum und Macht zurückerlangen. Selbst mit 300 Männern will er es aufnehmen, wenn ihm die Göttin beiseitesteht. Und das verspricht sie. Nur solle er zuerst zum Schweinehirten Eumaios gehen, einem armen Mann, auf dessen Loyalität er sich verlassen könne. Dass dies stimmt, sieht Odysseus, als er miterlebt, wie Eumaios voller Liebe und Rührung Telemachos, den Sohn des Odysseus, in die Arme schließt. Der, von Athene einst auf die Suche nach seinem Vater geschickt, dann von ihr mit der Nachricht ausgestattet, dass der Langersehnte auf Ithaka wieder aufgetaucht sei, ist zurückgekehrt von einer ebenfalls jahrelangen und abenteuerlichen Suche.

Odysseus tritt vor Telemachos. Beide ertrinken fast in einem Tränenstrom. Als sie sich gefasst haben, planen sie die Ermordung der Freier. 114 sind es genau, mit denen sie es aufnehmen wollen, 114 „Bösgesinnte“, die Penelope bedrängen und Telemachos nach dem Leben trachten.

Auch Mutter und Sohn begegnen sich endlich wieder, während Odysseus, von Athene in einen Bettler verwandelt, zunächst unerkannt Erkundungen am Königssitz anstellen kann. Die Selbsterniedrigung, die die Göttin dem Odysseus als Camouflage empfohlen hat, lässt den Rückkehrer noch einmal zum Opfer von Arroganz und Verachtung aufseiten der Freier werden. „Herumtreiber“, „Abfallvertilger“ könne man hier nicht brauchen, schimpfen sie ihn, diese „Plage“, die den Edlen den Appetit verderbe. Zugleich muss Odysseus miterleben, wie die lüsternen Männer Penelope mit Prachtgewändern und edlem Schmuck aller Art beschenken, um zu ihr ins Bett steigen zu dürfen.

Dann endlich kommt es zu einem ersten Treffen von Odysseus mit Penelope. Sie, die ihren in einen Bettler verwandelten Mann nicht er kennen kann, offenbart ihm das ganze Leiden ihrer über 20 Jahre währenden Wartezeit. Sie schmelze dahin in ihrem Herzen, und immer schwieriger werde es für sie, sich der Freier zu erwehren. Allein drei Jahre lang habe sie die anstürmenden Männer mit der Geschichte aufgehalten, vor einer Hochzeit gebiete es die Pietät, dass sie zunächst noch das Leichentuch weben müsse für den anstehenden Tod ihres Schwiegervaters Laertes. Sie habe tagsüber daran gearbeitet, um es nachts im Schein einer Fackel wieder aufzutrennen, damit es nie fertig werde. Bis sie von ihren Mägden verraten worden sei.

Da endlich versichert Odysseus seiner Frau, ohne sich zu erkennen zu geben, dass er von der Wiederkehr ihres Mannes wisse. Was aber noch nicht das Ende des Versteckspiels ist. Erst will er die an den Wänden hängenden Speere und Schilde heimlich in ein Versteck bringen lassen. Erst will er herausfinden, welche der Mägde mit den Freiern ins Bett gegangen sind und seine Frau verraten haben. Auch will er vermutlich Penelope prüfen.

Seine Frau aber, am Ende ihrer Kraft, den Freiern zu widerstehen, ruft schließlich einen Wettkampf aus. Wem es gelingt, mit dem von Odysseus zurückgelassenen Bogen einen Pfeil durch die Ösen von zwölf aufgestellten Axtstielen hindurchzuschießen, dem wird sie sich ergeben. Wie sie vielleicht gehofft haben mag, hat jedoch keiner der Männer die Kraft, den Bogen auch nur zu spannen. Da tritt der zum Bettler verwandelte Odysseus vor die Versammlung und greift den Bogen. Mühelos jagt er den Pfeil durch alle zwölf Öffnungen in den Äxten.

Es ist das Finale.

Odysseus reißt sich die Lumpen vom Leib und lässt einen ersten Pfeil in die Kehle eines der Freier fahren, der gerade seinen Schrecken mit einem Schluck Wein lindern will. „Hunde!“, schreit Odysseus, „da meintet ihr, ich würde nicht mehr zurück vom Gau der Troer nach Hause kehren. Jetzt sind die Schlingen des Verderbens über euch allen aufgehängt!“ Den vergeblich nach Waffen suchenden Freiern treiben Odysseus, sein Sohn und deren treue Knechte nun einem nach dem anderen Pfeile in die Brust, metzeln sie mit der „erzbeschlagenen Lanze“ nieder, bis sie „übereinander hingeschüttet“ in ihrem Blut vor ihnen liegen.

Ein orgiastisches Töten, dem auch zwölf Dienerinnen der Penelope zum Opfer fallen, die heimlich auf die Seite der Freier gewechselt waren.

Jetzt erst erfährt Penelope, die all das verschlafen hat, von der Rückkehr des Odysseus. Nach einer tränenreichen Begrüßung fallen die beiden in eine Liebesnacht. Und damit diese möglichst lange währt, gebietet die Göttin Athene der Göttin der Morgenröte, Eos, sich noch eine Weile zurückzuhalten mit dem Verschicken erster Strahlen. Odysseus’ Begegnung mit seinem verhärmten Vater Laertes, den er bald darauf ermattet und heruntergekommen bei mühseliger Gartenarbeit vorfindet, wird zu einer ähnlich anrührenden Geschichte – und das glückliche Ende könnte komplett sein, wären da nur nicht die Revanchegelüste der Verwandtschaft der Freier.

Der nächste Krieg? Er wird vermieden. Zeus an oberster Stelle ist es, der seiner Tochter Athene ihren Wunsch erfüllt, nunmehr alles Blutvergießen zu beenden. Die Bewohner Ithakas, so erklärt er ihr, „sollen einander befreundet sein wie vorher, und es soll Reichtum und Friede in Fülle sein.“ Dies verkündet Athene dann mit dröhnender Stimme. Die Familien der Hingemetzelten fügen sich.

Ein höchster göttlicher Befehl, der schließlich auch den Furor des Odysseus besänftigt. Immer noch will der um sich schlagen, als ihm ein Blitz von Zeus direkt vor die Füße kracht. Und er gehorcht.

Als Lobgesang auf die Tüchtigkeit, die Stärke, die Gewandtheit und Leistungsfähigkeit eines Sterblichen wird die „Odyssee“ in die Geschichte eingehen. Als Ode auf einen Unverwüstlichen, der an seiner Ehefrau festhält, sosehr er auch als homme à femmes in anderen Betten liegt. Als Hommage an einen Streiter, der dem Einfluss der Götter zwar nicht ausweichen kann, der aber mindestens eine Gestalt aus dem überirdischen Kosmos, Athene, derart beeindruckt, dass sie ihm hilft, an Autonomie und eigener Moral zu gewinnen.

Am Ende steht die Belohnung. Odysseus erhält zurück, was ihm zusteht; wie ein Rachegott beendet er den Hausfriedensbruch auf Ithaka. Eingebettet ist das alles in ein Opus magnum, in dem nicht weniger als 467 Namen und Schauplätze auftauchen und viele recht konkrete Verweise auf Kultur und Handwerk, Architektur, Landwirtschaft und Seefahrt, nicht zuletzt auch auf Bauern- und Händlergesellschaft und die Rolle der Frau in der sogenannten homerischen Zeit.

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So wird die „Odyssee“ nach der „Ilias“ zum Kern eines antiken Bildungskanons. Und zu einem Heimkehrer-Märchen zugleich, dem es nicht schadet, dass bis auf die Insel Ithaka und einige weitere Orte alle späteren Lokalisierungsversuche der verschiedenen Schauplätze scheitern oder im Nebel von Vermutungen bleiben. Ein Mythos braucht weder Logik noch Beweise, er wäre sonst keiner.

Dass mit der Figur des Odysseus ein Charakter gezeichnet wird, dem eine so große Bandbreite von eigenständigen Verhaltensweisen und Gefühlen zur Verfügung steht, sämtliche Stufen zwischen Sensibilität und Brutalität, zwischen Gefügigkeit und Jähzorn, wird von der Nachwelt als eine Art Urbild des Menschen verstanden. Als eine Probe auf Verstand und Klugheit, als Selbstfindungsprozess und Sinnbild einer Reise ins menschliche Innere. Auch Weinseligkeit und Erotik spielen dabei eine Rolle, von Prunksucht wie Jämmerlichkeit wird erzählt, von Wissensdurst wie Depression, von männlichem Konkurrenzkampf und weiblicher Fürsorge, von Dummheit wie Ehre. Und bis hin zu der Botschaft, vom Äußeren nicht auf den Kern eines Menschen schließen zu dürfen, was das Verkennen des in Bettlergestalt auftretenden Odysseus zeigen soll, hat das große Werk auch eine Menge Moral bereit.

Vom antiken Griechenland hat die „Odyssee“ deshalb bald eine eigene Reise angetreten. Hat etwa im dritten vorchristlichen Jahrhundert Sprach- und Literaturwissenschaftler im ägyptischen Alexandria ebenso gefesselt wie ab dem 17. Jahrhundert französische Übersetzer und Denker, hat Rousseau oder Voltaire genauso interessiert wie viel früher schon den Dichter Sophokles. Hat Dante und Seneca beschäftigt, Goethe, Schiller und Nietzsche; und bis nahezu in die Gegenwart Schriftsteller wie Robert Walser und Elias Canetti, Bertolt Brecht und Erich Fried oder die Philosophen Horkheimer und Adorno.

Inspiration ist die „Odyssee“ auch James Joyce für seinen Roman „Ulysses“, der 1922 erscheint und es zu Weltberühmtheit bringt. Fotografen wie der Österreicher Erich Lessing haben sich an einer „Odyssee“ mit der Kamera versucht, Komponisten wie Claudio Monteverdi und Georg Friedrich Händel haben Motive aus der „Odyssee“ in Opern bearbeitet. Monumentalfilme und TV-Serien erinnern an Homer, Metal-Bands und Theaterkompanien; Werke der Malerei, von Tischbein über Turner bis Corinth.

Und so ist die Reise des Helden Odysseus zu einem Stück Weltkultur geworden und auch nach 2700 Jahren noch immer nicht ganz vorüber.

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Gaede, Peter-Matthias: Die Irrfahrten des Odysseus, in: Mythen und Sagen. Die Macht der großen Erzählungen (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 136), Hamburg 2025, S. 46-70.

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