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Die Romantik

Inhaltsverzeichnis

1.

  1. Johannes Brahms versenkt Briefe im Rhein
  2. Dichter auf Abwegen. 

1. Johannes Brahms versenkt Briefe im Rhein

„ACH, LIEBER JOHANNES, HÄTTEST DU ES DOCH NICHT SO WEIT KOMMEN LASSEN.“

Im Jahr 1888 versenkt Johannes Brahms mehrere Päckchen mit Briefen an Clara Schumann im Rhein. Vorausgegangen war - 30 Jahre früher - eine unglückliche Liebesgeschichte zwischen den beiden.

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Im Herbst 1854 – er ist gerade auf großer Wanderung den Rhein entlang – macht Johannes Brahms Station bei den Schumanns in Düsseldorf: ein Jüngling aus Hamburg, kaum 20 Jahre alt, langes blondes Haar, die Stimme noch hoch. Der Hausherr verfasst einen hymnischen Aufsatz über den jungen Komponisten. Schumann spielt Schach mit Brahms und der – aus bescheidenen Verhältnissen stammend – beginnt bald, wie sein Vorbild großbürgerlich zu rauchen. Er kauft sich eine Pfeife und weiht sie gemeinsam mit seinem Freund, dem Geiger Joseph Joachim, ein. Der ist ebenfalls mit den Schumanns gut bekannt. „Uns beiden wurde sehr schlimm“, berichtet Brahms der hochverehrten Frau. Clara, die den Jüngling nur „dem Robert seinen Johannes“ nennt, ist traurig, als der junge Komponist bald weiterzieht: „Robert liebt ihn. Er findet seine große Freude an ihm, den Menschen und Künstler.“

Es ist wirklich rührend, wenn man diesen Menschen am Klavier sieht mit seinem interessanten, jugendlichen Gesichte, das sich beim Spielen ganz verklärt.
Clara Schumann über den jungen Brahms

DIE KATASTROPHE

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Bildquelle: Ernst Burger: "Robert Schumann. Eine Lebenschronik in Bildern und Dokumenten", Mainz 1998

Schumann hat an einem Wintertag unbemerkt das Haus verlassen. Kaum bekleidet im geblümten Morgenmantel und barfuß in Stiefeln geht er zum Rhein. Schumann wirft den Ehering in den Fluss. Dann springt er in die Tiefe. Es ist Karneval in Düsseldorf, die Straßen sind voller Narren. Fischer ziehen ihn aus dem Rhein. Auf eigenen Wunsch geht Schumann in eine Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich. Clara ist schwanger.Nur kurze Zeit nach der Katastrophe mietet Brahms ein kleines Zimmer in Düsseldorf. Bald zieht er in das Haus der Schumanns ein, führt an Roberts Stelle das Haushaltsbuch – und verliebt sich. Clara bringt ihr siebtes Kind auf die Welt: Felix. Kurz darauf geht sie wieder auf Konzertreisen, um für ihre Familie zu sorgen. Brahms bleibt. Er kümmert sich um die Kinder.

"DEINE BRIEFE SIND MIR WIE KÜSSE"

Brahms besucht Schumann, der zwischen Umnachtung und lichten Momenten dämmert. Die Ärzte erlauben Clara nicht, ihren Mann zu besuchen. Er verlangt nicht, sie zu sehen. Als Clara auf Konzertreisen geht, sehnt Brahms Sie zurück: „Könnten Sie mir nicht jeden Tag einen guten Morgen telegraphieren lassen?“ Brahms scherzt: „Sie müssen mir den Kopf zurechtrücken. Er ist ganz aus dem Leim gegangen.“ Brahms schreibt der „verehrten Frau“, der „teuersten, der innigst geliebten Freundin“ zunehmend vertraulich. Und nachdem die „viel zu schöne, hohe Frau“ endlich das „Du“ erlaubt, schreibt er bald: „Deine Briefe sind mir wie Küsse.“

DAS ENDE?

Sommer 1856: Schumann ist tot, Clara trauert. Ernüchterung macht sich breit. Die Liebe scheint dem heimlichen Paar abhanden zu kommen. Clara löst den Haushalt auf, bringt ihre Kinder in verschiedenen Städten unter und geht auf Konzertreisen. Brahms zieht nach Detmold und verbringt die Sommer mit Musikerfreunden in Göttingen. Er verliebt sich in die Tochter eines Medizin-Professors, der in seiner Freizeit in einem Laienorchester die Pauke schlägt. Agathe von Siebold heißt sie, ist hübsch, musikalisch und mit schöner Stimme begabt. Brahms widmet ihr bald Liebeslieder, verlobt sich und trägt einen Ring. „Ich liebe dich. Ich muss dich wiedersehen. Aber Fesseln tragen kann ich nicht“, schreibt er an die Liebste. „Schreibe mir, ob ich wiederkommen soll, dich in meine Arme zu schließen, dich zu küssen, dir zu sagen, dass ich dich liebe.“ Agathe gibt Brahms einen Korb. Clara, die eifersüchtig das verliebte Paar in Göttingen beobachtet, schreibt: „Ach, lieber Johannes, hättest du es doch nicht so weit kommen lassen.“

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Bildquelle: Christiane Jacobsen (Hrsg.): "Johannes Brahms: Leben und Werk", Hamburg 1983

An einem Sommertag, einige Jahre später, taucht Brahms wieder auf. Er bezieht Quartier in Baden-Baden, unweit von Claras Haus, in dem sie sich jeden Sommer mit ihrer Familie trifft. „Wir Kinder hatten Brahms alle sehr gern, aber wir behandelten ihn wie einen, der eben da ist“, erinnert sich Tochter Eugenie an Brahms, den griesgrämigen: eine mürrische Gestalt im abgetragenen Janker. Clara und Johannes musizieren, gehen spazieren, essen gemeinsam Abendbrot. Aber sie finden nicht mehr zusammen. 1888 fordert Clara alle Briefe von Brahms zurück – sie tauschen. Brahms reist an den Rhein und wirft bei einer Dampferfahrt unweit Deidesheim mehrere Päckchen in die Fluten. Als Clara sich daran macht, die übrig gebliebenen zu verbrennen, bringen ihre Töchter sie davon ab. Es bleiben bloß Freundschaftsbriefe aus jenen Jahren, als die Liebe längst verschwunden schien.

2. Dichter auf Abwegen.

Im Sommer des Jahres 1800 bricht Heinrich von Kleist das Studium in seiner Geburtsstadt Frankfurt an der Oder ab, eilt nach Berlin und schreibt seiner Halbschwester Ulrike, der neben Penthesilea und Käthchen wichtigsten Frau seines Lebens, dass er ihr die Wahrheit verschweigen müsse. Es sei »nothwendig, nothwendig, den Zweck der scheinbar abenteuerlichen Reise, die er nun unternehmen werde, zu verheimlichen. Wilhelmine von Zenge, mit der er seit Kurzem verlobt war, erfährt in einem zärtlichen Brief, Wichtiges stehe auf dem Spiel, es gehe dabei so gut um ihr Glück wie um seines, vielleicht mehr noch um das ihre. Der 22-Jährige ermahnt die Braut, sie dürfe ihr Versprechen nicht vergessen: »unwandelbares Vertrauen in meine Liebe zu Dir, und Ruhe über die Zukunft«.

Was ist in ihn gefahren? Warum verreist er? Und mit welcher sorgsam verborgenen Absicht? Bis heute lässt sich das nur vermuten. Aber Kleist gehört zu den Dichtern, über die man alles wissen will und vieles wissen muss, will man nicht auf Zerrbilder, Klischees hereinfallen oder auf die Rollenbilder, die er von sich selbst entwarf. Zunächst fährt er nach Pasewalk, seinen Freund Ludwig von Brockes zu treffen, der ihn auf seinem Abenteuer begleiten soll. Ende August spricht Kleist noch mit einem hohen Beamten in Berlin; am 28. brechen sie gen Süden auf, sie wollen nach Wien. In Leipzig immatrikulieren sich die Freunde als Klingstedt und Bernhoff an der Universität. Nächste Station ist Dresden, wo sie vom englischen Gesandten neue Pässe zu erhalten hoffen. Das schlägt fehl; sie ändern ihr Reiseziel: Straßburg oder Würzburg, noch ist es unentschieden. Am 11.September 1800 schreibt Kleist vergnügt aus Würzburg an sein »liebstes Herzensmädchen«. Sie bleiben in der Stadt, die eine Belagerung durch französische Truppen erwartet. Erst am 22. Oktober beginnt die eilige Rückreise nach Berlin. Was hatten sie in Würzburg gewollt?

Wir wissen aus den Briefen, was sie sahen, wir sind über viele Einzelheiten gut informiert, aber die Details fügen sich nicht zu einer schlüssigen Geschichte. Das Rätsel der »Würzburger Reise«, die besser Reise der verschleierten Zwecke hieße, haben Kleist-Forscher seit Jahrzehnten zu lösen versucht. Da Heinrich von Kleist die Generalstochter Wilhelmine von Zenge hartnäckig zur Verlobung gedrängt und die Freuden des Ehestandes mit leidenschaftlicher Pedanterie ausgemalt hatte, liegt die Vermutung nahe, er habe etwas unternommen, um bald heiraten zu können. Möglicherweise standen dem gesundheitliche Probleme im Wege, Impotenz oder eine Phimose? Aber zur Behandlung einer Vorhautverengung hätte er doch in Berlin einen Arzt aufsuchen können, ohne mehrere Hundert Taler Reisekosten aufbringen zu müssen, Geld, das er nicht besaß. Einst werde es, schrieb er von Kleist, sein Stolz und seine Freude sein, den Reise mitzuteilen. Tatsächlicher Aufwand und Verschleierungsrhetorik wären selbst für den unaussprechlichen, oft übertreibenden Kleist unangemessen, wäre es um eine Phimose oder andere Hemmungen des Sexualapparats gegangen. Und dass er unter dergleichen litt, ist unbewiesen.

Sicher ist, dass es Kleist an Mitteln fehlte. Er verfügte weder über ein ausreichendes Vermögen noch über Einkünfte, die ein standesgemäßes Leben ermöglicht hätten. Er brauchte eine Stellung, sonst würden Wilhelmines Eltern einer Heirat nie zustimmen. Er könnte also versucht haben, sich auszubilden oder für ein Amt zu empfehlen. Vor der Reise hat er im Ministerium für Akzise-, Zoll, Kommerzial- und Fabrikwesen vorgesprochen. Ging es um Industriespionage? Dann wäre die Notwendigkeit der Geheimhaltung erklärt, auch hat Eberhard Siebert ermittelt, dass sowohl in Wien als auch in Würzburg für Preußens Textilindustrie nützliche Verfahren des Färbens und Bleichens hätten ausgekundschaftet werden können.

War Kleist wegen der Rezeptur des Pickelgrüns in Würzburg? Die Spionagehypothese hat vieles für sich, nur passt sie nicht zum damals sittenstrengen Kleist, der Lügen verabscheute und versicherte, seine Zwecke seien »der Verehrung jedes edeln Menschen werth«.

Wollte er im Glücksspiel gewinnen, sich mit einer Verteidigungsschrift den Freimaurern empfehlen, sich in Würzburg habilitieren? Überzeugen konnte bis heute keine der mit viel Spürsinn entwickelten Hypothesen. Gab es überhaupt ein Geheimnis? Vielleicht hat Kleist Braut und Verwandtschaft lediglich in die Irre geführt, um sich eine Auszeit zu gönnen - selbstverständlich mit einem Freund. Vielleicht ahnte er, dass der Lebensplan, von dem er so gern sprach, nicht weit trug, dass seine Bestimmung nicht darin bestand, Beamter und Ehemann zu werden. Und doch reizte ihn diese Aussicht immer wieder. Die Spannung zwischen Wunsch und Einsicht, der Riss im Inneren, trieb hinaus, lockte auf Reisen.Hat Kleist den Zweck des Abenteuers auch vor sich selbst verheimlicht?

Während der Reise schrieb er einige seiner schönsten Briefe; nach der Rückkehr erinnert er sich an einen Spaziergang »an jenem Abend vor dem wichtigsten Tage meines Lebens in Würzburg«. Die Sonne sank, auch sein Glück schien unterzugehen, er ging durch ein gewölbtes Tor: »Warum, dachte ich, sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen ...« Das Bild wird er in der Penthesilea verwenden. Ob er am »wichtigsten Tag« die Pickel-grün-Rezeptur erhielt, Professoren, Freimaurer oder einen Arzt traf - er wurde während der Reise dem Kleist ähnlicher, dem wir Penthesilea, Käthchen, Kohlhaas verdanken. Ein bleibendes Rätsel.

 

 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Bisky, Jens: Dichter auf Abwegen, in: Süddeutsche Zeitung u. Harald Eggebrecht (Hrsg.): Geheimnisse aus der Geschichte. Erstaunlich, vergessen, sagenhaft: Auf der Spur von Mythen, Rätseln und Skandalen, 2. Auflage, München 2025, S. 72-75.

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