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Persönlichkeiten

Inhaltsverzeichnis

  1. Johannes Bückler
  2. Ludwig van Beethoven
  3. Friedrich Schiller
  4. Georg Wilhelm Friedrich Hegel
  5. Alexander von Humboldt
  6. Immanuel Kant
  7. Wilhelm von Humboldt
  8. Sophie Mereau
  9. Bettina von Arnim
  10. Friedrich Schlegel
  11. Caspar David Friedrich 

1. Johannes Bückler

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Räuber (etwa 1780-1803)

Jo­han­nes (Jo­hann) Bück­ler, bes­ser un­ter sei­nem Ruf­na­men Schin­der­han­nes be­kannt, war ein deut­scher Räu­ber, der wäh­rend der Jah­re 1796 und 1802 ge­mein­sam mit sei­nen Spie­ß­ge­sel­len über 130 Straf­ta­ten ver­üb­te, die von Vieh­dieb­stahl bis Mord reich­ten. Trotz­dem bie­tet die Fi­gur des Schin­der­han­nes bis heu­te Stoff für vie­le Ge­schich­ten, die den Räu­ber aus dem Huns­rück meist mehr als ei­nen Ro­bin Hood des So­on­wal­des er­schei­nen las­sen.

Am 21.11.1803 fand Jo­han­nes Bück­ler un­ter der Guil­lo­ti­ne in Mainz den Tod. Es ist nicht be­kannt, wann ge­nau er ge­bo­ren wur­de, doch ist da­von aus­zu­ge­hen, dass er bei sei­nem Tod zwi­schen 20 und 24 Jah­ren alt war. Der Zeit­raum sei­ner Ge­burt wird dem­nach auf die Jah­re 1777-1780 ein­ge­grenzt. Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass Bü­cker in Mieh­len bei Na­stät­ten ge­bo­ren wur­de, dem Hei­mat­ort sei­ner Mut­ter.

Jo­han­nes Bück­ler zeigt ei­ne für sei­ne Zeit ty­pi­sche „Kar­rie­re“ als Räu­ber. Die meis­ten Men­schen, die im 18. und frü­hen 19. Jahr­hun­dert in so­ge­nann­ten „Räu­ber­ban­den“ ak­tiv wa­ren, stamm­ten aus sehr ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen. Hin­ter­grund war der ra­sche Be­völ­ke­rungs­an­stieg im 18. Jahr­hun­dert. Vie­le die­ser Men­schen wa­ren nicht sess­haft, son­dern ver­dien­ten ih­ren Le­bens­un­ter­halt, in­dem sie über Land zo­gen. So auch der Va­ter des Jo­han­nes Bück­ler, der sich als Feld­ar­bei­ter und Ta­ge­löh­ner ver­ding­te. Sei­ne Mut­ter, An­na Ma­ria Schmitt, war bei ih­rer Hoch­zeit be­reits schwan­ger. Sei­ne ers­ten Le­bens­ah­re ver­brach­te Jo­han­nes Bück­ler in Mieh­len, doch nach ei­nem Dieb­stahl sei­ner Mut­ter ver­ließ die Fa­mi­lie den Ort über­stürzt. Ei­ni­ge Zeit schloss sich Bück­lers Va­ter als ein­fa­cher Sol­dat dem Mi­li­tär an, dann de­ser­tier­te er und zog mit sei­ner Fa­mi­lie in den Huns­rück. Da der Va­ter nir­gends lan­ge Ar­beit hat­te, zo­gen sie von Ort zu Ort.

Et­wa ein Jahr nach sei­ner Kon­fir­ma­ti­on ver­ließ der da­mals 15-jäh­ri­ge Jo­han­nes sein El­tern­haus, nach­dem er ei­nen Wirt be­stoh­len hat­te. Zu­nächst schlug er sich mehr schlecht als recht mit Vieh­dieb­stäh­len durch, ging dann aber bei ver­schie­de­nen Schin­dern (Ab­de­ckern) in die Leh­re. In die­ser Zeit ent­stand ver­mut­lich der von ihm we­nig ge­lieb­te Ruf­na­me „Schin­der­han­nes“.

Ei­nem sei­ner Meis­ter, dem Ab­de­cker Na­gel in Bä­ren­bach (heu­te Ver­bands­ge­mein­de Kirch­berg/Huns­rück), stahl er sechs Kalbs­fel­le und ei­ne Kuh­haut. Da­für er­hielt er ei­ne öf­fent­li­che Prü­gel­stra­fe, die ihn, wie er spä­ter be­haup­te­te, sehr ge­prägt hat. Vom wei­te­ren Steh­len hielt sie ihn al­ler­dings nicht ab. Ge­mein­sam mit di­ver­sen Ver­bün­de­ten, zum Bei­spiel Ja­kob Fink, der auf Grund sei­ner ro­ten Haa­re als der „ro­te Fin­k“ be­kannt wur­de, un­ter­nahm er ver­mehrt in den Jah­ren 1796/1797 Vieh­dieb­stäh­le. Schlie­ß­lich wur­de Bück­ler in Kirn in­haf­tiert, konn­te aber schon nach ei­nem Tag aus dem Ge­fäng­nis flie­hen.

Das ers­te Ge­walt­ver­bre­chen des Schin­der­han­nes, bei dem ein Mensch sein Le­ben ver­lor, fällt auf das Jah­res­en­de 1797. Ge­mein­sam mit dem ro­ten Fink und ei­ni­gen an­de­ren Kom­pli­zen ver­prü­gel­te er den Land­strei­cher und Pfer­de­dieb Ni­k­las Rau­schen­ber­ger, ge­nannt Pla­cken­k­los, nach­dem die­ser zwei Freun­din­nen Bück­lers be­drängt und be­stoh­len hat­te. Rau­schen­ber­ger er­litt so star­ke Ver­let­zun­gen, dass er die­sen er­lag.

Zu Be­ginn des Jah­res 1798 ist der ers­te be­waff­ne­te Raub­über­fall des Schin­der­han­nes und sei­ner Ban­de be­legt. Auch er for­der­te ein To­des­op­fer. Wei­te­re Über­fäl­le folg­ten, dar­un­ter auf zwei Jü­din­nen. An­sons­ten fan­den in die­ser Zeit wei­ter­hin Vieh­dieb­stäh­le statt. Die Ak­ti­vi­tä­ten der Schin­der­han­nes­ban­de wur­de durch die er­neu­te Fest­nah­me Bück­lers kaum un­ter­bro­chen, da er wie schon zu­vor nach kur­zer Zeit aus dem Ge­fäng­nis in Saar­brü­cken flie­hen konn­te. Im sel­ben Jahr war Jo­han­nes Bück­ler wie­der­um in ei­nen To­des­fall ver­wi­ckelt. Es han­del­te sich um den Ju­den Si­mon Se­lig­mann aus Sei­bers­bach (heu­te Ver­bands­ge­mein­de Strom­berg), der im So­on­wald er­schla­gen wur­de. Schin­der­han­nes gab spä­ter an, nicht an der Tö­tung des Ju­den be­tei­ligt ge­we­sen zu sein. Er schob sei­nem Kom­pli­zen Pe­ter Pe­try, auch als der schwar­ze Pe­ter be­kannt, die Schuld zu, ge­stand aber, dem To­ten Wert­ge­gen­stän­de ent­wen­det zu ha­ben.

Die Ge­gend, in der Schin­der­han­nes und sei­ne Kom­pli­zen tä­tig wa­ren, war wie das ge­sam­te links­rhei­ni­sche Deutsch­land seit 1794 von fran­zö­si­schen Trup­pen be­setzt. Die Fran­zo­sen setz­ten al­les dar­an, ihn und sei­ne Ban­de zu fas­sen. 1799 konn­te die Na­tio­nal­gen­dar­me­rie erst­mals ei­nen wirk­li­chen Er­folg ver­bu­chen. Bei ei­nem Streif­zug wur­de Jo­han­nes Bück­ler in Schnep­pen­bach (heu­te Ver­bands­ge­mein­de Kirn-Land) fest­ge­nom­men und nach ei­ni­gen Ver­hö­ren in den Ge­fäng­nis­turm von Sim­mern ge­bracht. Die­ses Mal ge­lang dem Schin­der­han­nes die Flucht erst nach knapp ei­nem hal­ben Jahr, im Au­gust 1799. Die­se wie­der­hol­ten Ge­fäng­nis­aus­brü­che brach­ten ihm noch zu Leb­zei­ten den Ruf ein, er kön­ne Wun­der voll­brin­gen und sich un­sicht­bar ma­chen. Nach dem Aus­bruch aus dem Turm von Sim­mern be­gann die ei­gent­li­che Hoch­pha­se der Ak­ti­vi­tä­ten des Schin­der­han­nes. Er schar­te wie­der Ge­sel­len um sich. Stra­ßen­raub, Ein­brü­che und Er­pres­sung wa­ren die Fol­ge. Nach ei­ni­ger Zeit war er ne­ben sei­nem Ruf­na­men Schin­der­han­nes auch un­ter dem Na­men „der Kö­nig vom So­on­wal­d“ be­kannt.

Die Ban­de des Schin­der­han­nes ent­sprach al­ler­dings nicht den heu­ti­gen Vor­stel­lun­gen ei­ner „Ban­de“, da es sich da­bei nicht um ei­ne fes­te Grup­pe han­del­te, son­dern um re­la­tiv spon­ta­ne Zu­sam­men­rot­tun­gen, die nach der ver­üb­ten Tat schnell wie­der zer­fie­len. Ei­ne hier­ar­chi­sche Ord­nung be­stand nur wäh­rend der Zeit der Tat, und sie dien­te nur der er­folg­rei­chen Durch­füh­rung. Die Ban­den­mit­glie­der wur­den über­wie­gend aus der va­gie­ren­den Be­völ­ke­rungs­schicht re­kru­tiert und man ver­stän­dig­te sich über ge­hei­me Zei­chen (so­ge­nann­te Zin­ken) und ei­ne ei­ge­ne Ge­heim­spra­che, das so­ge­nann­te „Rot­welsch“. Die­se Form von Räu­ber­ban­den war ty­pisch für das 18. und frü­he 19. Jahr­hun­dert.

Von Ja­nu­ar bis März 1800 hielt sich Jo­han­nes Bück­ler auf der rech­ten Rhein­sei­te auf, kehr­te dann aber wie­der ins Links­rhei­ni­sche zu­rück. Bei Ge­fahr wech­sel­te er al­ler­dings gern zwi­schen den Rhein­sei­ten hin und her, da dies es den fran­zö­si­schen Be­hör­den er­schwer­te, ihn zu fas­sen. Im Lau­fe der Zeit leg­te er sich so­gar ein Pseud­onym für sei­ne Auf­ent­hal­te auf der an­de­ren Rhein­sei­te zu, um dort als fah­ren­der Krä­mer sei­ne Wa­re an­zu­bie­ten, oder Märk­te zu be­su­chen: Ja­kob Ofen­loch von Al­ten­bam­berg. Os­tern 1800 lern­te er auf ei­ner Tanz­ver­an­stal­tung sei­ne zu­künf­ti­ge Le­bens­ge­fähr­tin Ju­lia­na (Jul­chen) Blä­si­us (1781-1851) ken­nen. Die Be­zie­hung zu ihr soll­te ihm spä­ter beim Volk noch ei­nen Sym­pa­thie­bo­nus ver­schaf­fen, da er sich wäh­rend des Pro­zes­ses als lie­be­vol­ler, für­sorg­li­cher Fa­mi­li­en­va­ter prä­sen­tier­te.

1801 ar­bei­te­te er mit ei­ner Grup­pe der so­ge­nann­ten „Nie­der­län­di­schen“ Räu­ber­ban­de zu­sam­men, de­ren Kern über­wie­gend aus Ju­den be­stand. Un­ter dem Ober­be­fehl des nie­der­län­di­schen Räu­bers Abra­ham Pi­cards be­tei­lig­te Jo­hann Bück­ler sich an ei­nem Über­fall auf das Post­haus in Wür­ges (heu­te Stadt Bad Cam­berg im Tau­nus), ent­wen­de­te Pi­card al­ler­dings auch ei­nen Teil von des­sen Beu­te und mach­te sich mit ihr rhein­ab­wärts aus dem Staub. Nach dem Coup in Wür­ges ver­stän­dig­ten sich die Lan­des­o­b­rig­kei­ten auf mehr Zu­sam­men­ar­beit bei der Ver­bre­chens­be­kämp­fung; die Bür­ger wur­den un­ter An­dro­hung von Stra­fe ver­pflich­tet, im Fal­le von Raub­über­fäl­len Alarm zu schla­gen und Hil­fe zu leis­ten. Das er­schwer­te die Ar­beit der Schin­der­han­nes­ban­de er­heb­lich. Im­mer öf­ter muss­ten die Räu­ber flie­hen, oder sie wur­de so­gar nach ei­nem Über­fall von den Dorf­be­woh­nern ver­folgt.

Im Mai 1802 wur­de Schin­der­han­nes durch ei­nen Zu­fall auf der rech­ten Rhein­sei­te ge­fasst, weil er sich nicht aus­wei­sen konn­te. Zu­nächst wur­de er nach Frank­furt ge­bracht und am 15. Ju­ni dem fran­zö­si­schen Na­tio­nal­kom­man­do in Mainz über­ge­ben. Der Pro­zess ge­gen die Ban­de des Schin­der­han­nes be­gann am 24.10.1803 und en­de­te am 20. No­vem­ber des glei­chen Jah­res mit ei­nem To­des­ur­teil für Jo­hann Bück­ler und 19 Mit­an­ge­klag­te, wel­ches am 21. No­vem­ber voll­streckt wur­de. Jul­chen Blä­si­us wur­de zu zwei Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt, im Ge­fäng­nis ge­bar sie ei­nen ge­mein­sa­men Sohn. Zu­vor hat­te sie schon ein­mal ein Kind von Bück­ler be­kom­men, doch war es kurz nach der Ge­burt ge­stor­ben.

Die Er­zäh­lun­gen, die be­reits zu sei­nen Leb­zei­ten ber den Schin­der­han­nes und sei­ne Ban­de kur­sier­ten, zei­gen kei­nen gro­ben, ge­walt­tä­ti­gen Räu­ber, son­dern sti­li­sie­ren ihn zu ei­ner Art Ro­bin Hood, des­sen Ta­ten, wenn auch ge­set­zes­wid­rig, von ed­len Mo­ti­ven ge­lei­tet wur­den. Drei Haupt­mo­ti­ve sind da­bei ent­schei­dend: Ers­tens An­ti­se­mi­tis­mus, zwei­tens po­li­ti­sche Re­bel­li­on und drit­tens so­zia­les En­ga­ge­ment. Kei­nes die­ser Mo­ti­ve wird tat­säch­lich für den Schin­der­han­nes ei­ne Rol­le ge­spielt ha­ben, doch kam es ihm na­tür­lich stets zu Gu­te zu wis­sen, dass er ei­ne ge­wis­se Sym­pa­thie im Volk ge­noss, und er mag sich wohl auch dem ent­spre­chend in­sze­niert ha­ben, be­son­ders wäh­rend des Pro­zes­ses. Die Ge­rüch­te mach­ten ihm zum Rä­cher an den bei vie­len ein­fa­chen Men­schen ver­hass­ten Ju­den, ob­wohl er kei­ne Be­rüh­rungs­ängs­te hat­te, mit jü­di­schen Gau­nern zu­sam­men zu ar­bei­ten, sie sti­li­sier­ten ihn zum Frei­heits­kämp­fer ge­gen die Fran­zo­sen, ob­wohl er kei­ne Ten­denz da­zu er­ken­nen lässt, und sie mach­ten ihn zum So­zi­al­re­bel­len, ob­wohl er und sei­ne Ban­de nur auf per­sön­li­che Be­rei­che­rung aus wa­ren. Die Ge­schich­ten ent­spra­chen den heu­te schwer nach­voll­zieh­ba­ren Wün­schen und Sehn­süch­ten der da­ma­li­gen Zeit und nicht der his­to­ri­schen Per­son des Jo­han­nes Bück­ler.

2. Ludwig van Beethoven

Lud­wig van Beet­ho­ven gilt nach Haydn und Mo­zart nicht nur als Voll­ender der Wie­ner Klas­sik, son­dern auch als Weg­be­rei­ter der Mu­sik der Ro­man­tik und des 19. Jahr­hun­derts und wur­de vor al­lem mit sei­nen neun Sym­pho­ni­en zum Vor­bild al­ler nach­ge­bo­re­nen Kom­po­nis­ten und In­be­griff des Klas­si­schen.

Lud­wig van Beet­ho­ven war das zwei­te von sie­ben Kin­dern des kur­k­öl­ni­schenHof­ten­oris­ten Jo­hann van Beet­ho­ven (um 1740-1792) und sei­ner Frau Ma­ria Mag­da­le­na, ge­bo­re­ne Ke­ve­rich (1746-1787). Ne­ben Lud­wig er­reich­ten nur sei­ne zwei jün­ge­ren Brü­der Kas­par Karl (1774-1815) und Ni­ko­laus Jo­hann (1776-1848) das Er­wach­se­nen­al­ter, die üb­ri­gen Ge­schwis­ter star­ben be­reits im Kin­des­al­ter. Lud­wig van Beet­ho­ven wur­de am 17.12.1770 in St. Re­mi­gius in Bonn ge­tauft, ver­mut­lich war er am sel­ben oder am vor­an­ge­gan­ge­nen Tag ge­bo­ren wor­den. Sein Ge­burts­haus, ei­nes der we­ni­gen er­hal­te­nen Bür­ger­häu­ser des 18. Jahr­hun­derts in der Stadt (Bonn­gas­se 20), be­her­bergt heu­te die grö­ß­te Beet­ho­ven-Samm­lung welt­weit.

Die Beet­ho­vens wa­ren ei­ne Fa­mi­lie von kur­fürst­li­chen Hof­mu­si­kern. Gro­ßva­ter Lud­wig van Beet­ho­ven der Äl­te­re (1712-1773) stamm­te aus Me­che­len in Bel­gi­en und kam 1733 als Bass-Sän­ger an den Bon­ner Hof. 1761 avan­cier­te er zum Hof­ka­pell­meis­ter, ei­ne Po­si­ti­on, die auch sein Sohn Jo­hann ger­ne ge­habt, aber nie er­reicht hat.


 

Sei­nen ers­ten Mu­sik­un­ter­richt er­hielt Lud­wig vom Va­ter, der ihn Kla­vier­spie­len lehr­te. Am 26.3.1778 trat Lud­wig erst­mals öf­fent­lich in Köln in ei­nem Kon­zert auf. Um 1779 be­gann er, auch Or­gel zu ler­nen. 1780 er­hielt er sei­nen wohl be­kann­tes­ten Kla­vier­leh­rer, den Lei­ter des kur­k­öl­ni­schen Hof­thea­ters, Chris­ti­an Gott­lob Nee­fe (1748-1798), der das Po­ten­zi­al des jun­gen Mu­si­kers er­kann­te und ihn för­der­te. Bei Nee­fe lern­te Beet­ho­ven die Wer­ke Jo­hann Se­bas­ti­an Bachs (1685-1750) ken­nen (na­ment­lich das Wohl­tem­pe­rier­te Kla­vier).

Die al­ler­ers­te ge­druck­te Kom­po­si­ti­on des Elf­jäh­ri­gen, die „Dress­ler­va­ria­tio­nen" WoO (Wer­ke oh­ne Opus­zahl) 63, er­schie­nen 1782 in dem re­nom­mier­ten Ver­lag Götz in Mann­heim durch die Ver­mitt­lung Nee­fes. Schon im Al­ter von elf Jah­ren hat­te Beet­ho­ven im Got­tes­dienst Or­gel ge­spielt. Ab 1783 spiel­te er auch im Ho­for­ches­ter Cem­ba­lo. Sein ers­tes fes­tes Ge­halt er­hielt er 1784 als stell­ver­tre­ten­der Hof­or­ga­nist.

Mit un­ge­fähr neun Jah­ren hat­te Lud­wig auch Gei­ge spie­len ge­lernt und war ab 1789 im Ho­for­ches­ter ne­ben sei­nem Dienst als Cem­ba­list und Or­ga­nist auch als Brat­scher an­ge­stellt. Im De­zem­ber 1786 brach Beet­ho­ven auf Ver­an­las­sung sei­nes Dienst­herrn, des Kur­fürs­ten und Erz­bi­schofs Ma­xi­mi­li­an Franz von Habs­burg, nach Wien auf, um dort bei Mo­zart (1756-1791) Un­ter­richt zu neh­men. Beet­ho­ven hielt sich je­doch nur we­ni­ge Wo­chen dort auf. Schon auf der Heim­rei­se er­reich­te ihn ei­ne Nach­richt des Va­ters mit der Bit­te um ra­sche Rück­kehr: die Mut­ter sei schwer er­krankt und lie­ge im Ster­ben. Ob Beet­ho­ven Mo­zart in Wien ge­trof­fen hat, ist nicht be­kannt.



Ludwig van Beethoven, 1802. Reproduktion eines Holzschnittes von Alfred Hanf nach der Miniatur von Christian Horneman (1765-1844). (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

Der Tod der Mut­ter am 17.7.1787 führ­te zum end­gül­ti­gen Ab­sturz des Va­ters. Schon frü­her hat­te Jo­hann van Beet­ho­ven ei­ne aus­ge­präg­te Nei­gung zum Al­ko­hol ge­habt, jetzt wur­de er zum Al­ko­ho­li­ker. Sei­nen Dienst konn­te er nicht mehr ver­se­hen und wur­de sus­pen­diert. Lud­wig muss­te von da ab für die ge­sam­te Fa­mi­lie sor­gen und sie er­näh­ren.

Ei­ne neue emo­tio­na­le Hei­mat fand er bei der Fa­mi­lie Bre­u­ning, wo er be­reits seit un­ge­fähr 1782 Kla­vier­leh­rer der Kin­der Eleo­no­re und Lo­renz war. De­ren Bru­der Ste­phan zog 1801 nach Wien und blieb zeit­le­bens ein en­ger Freund. Auch Eleo­no­re, die den Ju­gend­freund und frü­hen Beet­ho­ven-Bio­gra­phen Franz Ger­hard We­ge­ler (1765-1848) hei­ra­te­te, blieb Beet­ho­ven im­mer ver­bun­den. Der li­be­ra­le Geist im Hau­se Bre­u­ning präg­te ent­schei­dend Beet­ho­vens frei­heit­li­che Ge­sin­nung. Wei­te­re Ein­flüs­se er­hielt er durch die Bon­ner Le­se- und Er­ho­lungs­ge­sell­schaft, die kur­k­öl­ni­sche Lan­des­uni­ver­si­tät in Bonn, an der er sich 1789 im­ma­tri­ku­lier­te, so­wie durch den in­tel­lek­tu­el­len Freun­des­kreis im Lo­kal „Zehr­gar­ten".



Notenblatt. (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

Hier lern­te er die Ide­en und Grund­sät­ze der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on ken­nen und mach­te sie sich zu ei­gen. Den nur ein Jahr äl­te­ren, in den Re­vo­lu­ti­ons­krie­gen er­folg­rei­chen Na­po­le­on Bo­na­par­te (1769-1821) ver­ehr­te Beet­ho­ven in sei­ner Ju­gend glü­hend. Beet­ho­vens Be­geis­te­rung war aber durch­aus am­bi­va­lent und ebb­te auf dem Hö­he­punkt der Na­po­leo­ni­schen Krie­ge 1809/1810 stark ab, die Kai­ser­krö­nung Na­po­le­ons 1804 ver­ach­te­te er. Sei­ne grund­sätz­li­che Be­wun­de­rung der Na­po­leo­ni­schen Staats­phi­lo­so­phie und Ge­setz­ge­bung hielt der Re­pu­bli­ka­ner Beet­ho­ven in spä­te­ren Jah­ren auf­recht.

1792 er­hielt Beet­ho­ven auf Ver­mitt­lung des Gra­fen Wald­stein vom Kur­fürs­ten er­neut ein Aus­bil­dungs­sti­pen­di­um und reis­te im No­vem­ber aber­mals nach Wien, um bei Jo­seph Haydn (1732-1809) Un­ter­richt zu neh­men. 1794 er­ober­ten fran­zö­si­sche Trup­pen das Rhein­land und lös­ten die kur­k­öl­ni­sche Bon­ner Hof­hal­tung auf. Beet­ho­vens Dienst­stel­le exis­tier­te da­mit nicht mehr. Er blieb in Wien und kehr­te nie nach Bonn zu­rück.



Beethoven-Haus Bonn, Innenansicht. (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

Ver­mut­lich hat­te Graf Wald­stein ihm Emp­feh­lungs­schrei­ben mit­ge­ge­ben, so dass Beet­ho­ven leicht Zu­tritt zum Wie­ner Hoch­adel er­hielt und von der Aris­to­kra­tie ge­för­dert wur­de. Sein wich­tigs­ter Gön­ner in den ers­ten Wie­ner Jah­ren war Fürst Karl von Lich­now­sky (1756-1814), der ihm die Tü­ren zu den Adels­häu­sern öff­ne­te, Woh­nung stell­te und auch mit Geld un­ter­stütz­te. In kür­zes­ter Zeit er­ober­te der jun­ge Beet­ho­ven Wien als ge­frag­ter Pia­nis­ten und Im­pro­vi­sa­tor.

Auf Ver­an­las­sung Lich­now­skys und – zu­min­dest auf der ers­ten Etap­pe – in sei­ner Be­glei­tung un­ter­nahm Beet­ho­ven 1796 sei­ne ein­zi­ge Kon­zert­tour­née, die ihn nach Prag, Dres­den, Leip­zig und Ber­lin führ­te. Lich­now­sky, der schon Freund und Gön­ner Mo­zarts ge­we­sen war, hat­te sie­ben Jah­re zu­vor mit Mo­zart be­reits die­sel­be Rei­se un­ter­nom­men.

Mit un­ge­fähr 26 Jah­ren müs­sen Beet­ho­vens Ge­hör­pro­ble­me be­gon­nen ha­ben, von de­nen er 1801 erst­mals sei­nem Bon­ner Freund Franz Ger­hard We­ge­ler un­ter dem Sie­gel der Ver­schwie­gen­heit be­rich­te­te. Der Ver­lust der Hör­fä­hig­keit führ­te 1802 zu ei­ner schwe­ren Kri­se, die im so ge­nann­ten Hei­li­gen­städ­ter Tes­ta­ment gip­felt. Mit die­sem Brief an sei­ne bei­den Brü­der re­gel­te Beet­ho­ven nicht nur sei­nen Nach­lass, son­dern ver­such­te, sein ei­ge­nes Bild bei den Men­schen ge­ra­de zu rü­cken und sei­ne Mo­ti­va­tio­nen klar­zu­stel­len. Das Tes­ta­ment ist ein Schrift­stück tie­fer Ver­zweif­lung und Hoff­nungs­lo­sig­keit. Die Kri­se hat Beet­ho­ven schlie­ß­lich über­wun­den; um 1806 be­schloss er so­gar, sei­ne be­gin­nen­de Taub­heit nicht län­ger ge­heim zu hal­ten.



Ludwig van Beethoven, Gemälde von Willibrord Joseph Mähler (1778-1860), 1815. (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

In­zwi­schen war er ein an­ge­se­he­ner und er­folg­rei­cher Kom­po­nist. 1808 be­kam Beet­ho­ven ein ver­lo­cken­des An­ge­bot von Jé­rô­me Bo­na­par­te (1784-1860), Kö­nig von West­fa­len, an des­sen Hof in Kas­sel Ka­pell­meis­ter zu wer­den. Um ei­ne Ab­wan­de­rung des be­rühm­ten Künst­lers zu ver­hin­dern, ent­schlos­sen sich drei Mit­glie­der der Hoch­a­ris­to­kra­tie, Erz­her­zog Ru­dolph, Fürst Lob­ko­witz und Fürst Kin­s­ky, Beet­ho­ven ei­ne Leib­ren­te von 4.000 Gul­den aus­zu­set­zen, de­ren ein­zi­ge Be­din­gung sein Ver­bleib in Wien war. Die ei­gent­lich statt­li­che Sum­me schmolz aber in­fol­ge der Na­po­leo­ni­schen Krie­ge und der da­mit ver­bun­de­nen Teue­rung schnell da­hin. Zu­dem wur­de Fürst Lob­ko­witz zah­lungs­un­fä­hig. Die Fa­mi­lie Kin­s­ky woll­te nach dem Tod des Fürs­ten 1812 ih­re Zah­lun­gen ganz ein­stel­len. Ein­zig Erz­her­zog Ru­dolph, Beet­ho­vens ein­zi­ger Kom­po­si­ti­ons­schü­ler und sein treu­es­ter Mä­zen, zahl­te zu­ver­läs­sig bis an Beet­ho­vens Le­bens­en­de.

In der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung er­reich­te Beet­ho­ven 1814/1815 mit dem Wie­ner Kon­gress den Hö­he­punkt sei­nes Ruh­mes. Meh­re­re glanz­vol­le Kon­zert­er­eig­nis­se un­ter An­we­sen­heit der ver­sam­mel­ten eu­ro­päi­schen Fürs­ten be­scher­ten ihm ei­ne zu­vor nicht er­leb­te Po­pu­la­ri­tät. Auch das er­star­ken­de Bür­ger­tum, das sein Be­dürf­nis nach öf­fent­li­chem Mu­sik­le­ben in neu ge­grün­de­ten Mu­sik­ver­ei­nen zum Aus­druck brach­te, trug zu Beet­ho­vens wach­sen­dem An­se­hen bei.

Pri­vat war Beet­ho­ven nicht ganz so er­folg­reich. Er war zwar häu­fig ver­liebt, je­doch nie­mals ver­hei­ra­tet, ob­wohl er ei­ni­ge An­läu­fe da­zu un­ter­nom­men hat­te. Als sein Bru­der Kas­par Karl 1815 starb und ei­nen min­der­jäh­ri­gen Sohn hin­ter­ließ, rück­te die Er­fül­lung des Trau­mes ei­ner ei­ge­nen Fa­mi­lie in greif­ba­re Nä­he. Beet­ho­ven wur­de Vor­mund für sei­nen Nef­fen Karl und rich­te­te ei­ne fast er­drü­cken­de Für­sor­ge auf das Kind. Die Mut­ter des Kin­des, sei­ne Schwä­ge­rin, hielt er mo­ra­lisch und cha­rak­ter­lich für un­wür­dig und ver­such­te, sie ganz von der Er­zie­hung aus­zu­schlie­ßen und je­den Kon­takt zwi­schen Mut­ter und Kind zu un­ter­bin­den. Da­ge­gen wehr­te sich die Mut­ter, es folg­te ei­ne län­ge­re Rei­he von amt­li­chen und ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die schlie­ß­lich 1820 zu­guns­ten Beet­ho­vens ent­schie­den wur­den.



Ludwig van Beethoven, um 1817. Lithographie von Carl Fischer, 1822, nach einer Zeichnung von August von Kloeber (1793-1864). (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

Das letz­te Le­bens­jahr­zehnt Beet­ho­vens war ei­ner­seits ge­prägt von sei­nen mo­nu­men­ta­len Groß­wer­ken Mis­sa so­lem­nis (zur In­thro­ni­sa­ti­on des Erz­her­zogs Ru­dolphs als Bi­schof von Ol­mütz) und der 9. Sym­pho­nie, den letz­ten Kla­vier­so­na­ten und den spä­ten Streich­quar­tet­ten, an­de­rer­seits aber von schwe­ren ge­sund­heit­li­chen Be­schwer­den und na­he­zu völ­li­ger Taub­heit. Zum Ge­spräch mit Be­su­chern und Freun­den be­dien­te er sich ab 1818 klei­ner Hef­te (Kon­ver­sa­ti­ons­hef­te), in die sei­ne Ge­sprächs­part­ner ih­re Bei­trä­ge no­tier­ten. Beet­ho­ven ant­wor­te­te münd­lich. Ab­ge­se­hen von sei­nem schwa­chen Ge­hör wur­de Beet­ho­ven von star­ken Ko­li­ken und Un­ter­leibs­be­schwer­den ge­plagt, die ihn häu­fig ar­beits­un­fä­hig mach­ten. Ur­sa­che da­für wa­ren ei­ne schwe­re Blei­ver­gif­tung und ei­ne Le­ber­zir­rho­se. Die Zir­rho­se so­wie die durch sie ver­ur­sach­te Bauch­was­ser­sucht wa­ren auch die Ur­sa­che sei­nes To­des am 26.3.1827 in Wien.

Beet­ho­vens Lei­chen­be­gäng­nis auf dem Wäh­rin­ger Fried­hof in Wien glich ei­nem Staats­be­gräb­nis. 20.000 Men­schen sol­len dem Sarg ge­folgt sein, dar­un­ter nicht nur die an­ge­se­hens­ten Mu­si­ker der Stadt (Franz Schu­bert war ei­ner der Fa­ckel­trä­ger), son­dern auch Mit­glie­der des Hoch­adels. Der Schau­spie­ler Hein­rich An­schütz hielt am Fried­hofs­ein­gang ei­ne von Franz Grill­par­zer ver­fass­te Re­de, in der er Beet­ho­ven als Künst­ler und Mensch her­vor­hob. „Wenn die Pfor­te des Le­bens hin­ter uns sich schlie­ßt, sprin­gen auf die Pfor­ten zum Tem­pel der Un­sterb­lich­keit. Dort steht er nun bey den Gro­ßen al­ler Zei­ten; un­an­tast­bar für im­mer." Sei­ne letz­te Ru­he­stät­te fand Beet­ho­ven 1888 auf dem be­rühm­ten Wie­ner Zen­tral­fried­hof.

3. Friedrich Schiller

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Nach mehrfachen Wohnortwechseln wegen der verschiedenen Einsatzorte des Vaters besuchte S. seit 1764 die Elementarschule in Lorch, seit 1766 die Lateinschule in Ludwigsburg. Von den Eltern zunächst für den geistlichen Stand bestimmt, besuchte er auf Forderung des württ. Hzg. Carl Eugen seit Anfang 1773 die „Militär-Pflanzschule“ (später „Hzgl. Militär-Akademie“) auf der Solitude (nahe Stuttgart), wo er Kenntnisse in Fremdsprachen (Latein, Griechisch, Französisch), Philosophie, Mathematik und Geschichte erwarb. 1774 begann er ein Studium zunächst der Rechtswissenschaften, seit 1775 der Medizin, das er im Dez. 1780 mit einer dritten Dissertation (Versuch über d. Zusammenhang d. thierischen Natur d. Menschen mit seiner geistigen) abschloß, nachdem zwei vorangegangene Versuche von den Gutachtern abgelehnt worden waren.

Anschließend trat S. als Regimentsmedikus in Stuttgart in hzgl. Dienste und widmete sich seiner schon auf der Militär-Akademie bevorzugten Nebenbeschäftigung, der Dichtung. Sein Erstlingsdrama. „Die Räuber“, schloß er im Frühjahr 1781 ab und begann „Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“; Gedichte für die „Anthologie auf das Jahr 1782“ entstanden rasch in großer Zahl. Nach der ohne Erlaubnis seiner Vorgesetzten unternommenen Reise zur Uraufführung der „Räuber“ im kurpfälz. Mannheim am 13.1.1782 und einer Wiederholung dieser Reise Ende Mai 1782 verhängte der Herzog eine 14tägige Arrest-Strafe und ordnete an, daß S. mit der Poesie Schluß zu machen habe. S. floh daraufhin am 22.9.1782 von Stuttgart nach Mannheim.

Um der vermuteten Verfolgung durch württ. Häscher zu entgehen, zog er sich im Okt. 1782 nach Oggersheim (Pfalz) zurück und ging im Dezember ins thür.Bauerbach, wo er – beschäftigt mit der Fertigstellung des „Fiesko“ (1783), der Arbeit an „Kabale und Liebe“ (1784) sowie Vorstudien für „Don Karlos“ – auf dem Gut →Henriette v. Wolzogens (1745–88) bis Juli 1783 lebte. Nach Mannheim zurückgekehrt, schloß er mit dem dortigen →Theaterintendanten Heribert v. Dalberg (1750–1806) einen einjährigen Vertrag als Theaterdichter, in dem er sich verpflichtete, neben einer umgearbeiteten „Fiesko“-Fassung und „Kabale und Liebe“ ein weiteres Stück zu liefern. Da er den Vertrag nicht erfüllen konnte, versuchte er der sich abzeichnenden finanziellen Misere u. a.durch Gründung der Zeitschrift „Rhein. Thalia“ (1. H., 1785; 1786-91 „Thalia“, bis 1793 „Neue Thalia“) zu entgehen.

Im April 1785 folgte S. einer Einladung →Christian Gottfried Körners (1756–1831) nach Leipzig. Bis Juli 1787 lebte er, tatkräftig unterstützt v. a. von Körner, vornehmlich in und bei Dresden bzw. Leipzig. Hier stellte er „Don Karlos“ (1787), die Erzählung „Verbrecher aus Infamie“, den Anfang des Romans „Der Geisterseher“ sowie einige Gedichte (u. a. An d. Freude) fertig. Außerdem sammelte er Material für die „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Span. Regierung“ (1788).

Von Juli 1787 bis Mai 1789 lebte S. in Weimar, um dem „Musenhof” der Herzoginmutter →Anna Amalia – also auch Goethe, Herder und Wieland – nahe zu sein. Hier galt seine Hauptbeschäftigung historischen Arbeiten, die ihm auf Goethes Vermittlung einen Ruf an die (seit 1934 nach S. benannte) Univ. Jena zum Sommersemester 1789 einbrachten. Seine Lehrtätigkeit machte ihm wenig Freude und währte nicht lange. Im Jan. 1791 erkrankte S. an einer schweren Lungenentzündung, die nie auskuriert wurde. Nach Vollendung der „Geschichte des Dreyßigjährigen Kriegs“ (1790-92), dominierten 1792-95 philosophische Studien und Abhandlungen. Erst 1795, nachdem er sich zur Herausgabe eines „Musen-Almanachs“ (5 Jgg., 1796–1800) und der literarischen Zeitschrift „Die Horen“ (3 Jgg., 1795–97) entschlossen hatte, kehrte er – zunächst mit Gedichten, dann mit dem „Wallenstein“ – zur Poesie zurück.

Zu den bemerkenswerten Ereignissen in den letzten zwölf Lebensjahren zählen S.s Reisen nach Schwaben (1793/94) und Berlin (1804), die Freundschaft mit Wilhelm v. Humboldt seit 1794 und v. a. das „Bündnis“ mit Goethe seit 1794. S.s „Gedankenlyrik“ (z. B. Das Ideal u. d. Leben, Der Spaziergang, Der Tanz, Das Glück) ist ohne Goethes Anregungen ebenso wenig denkbar wie S.s Balladendichtung (z. B. Der Ring d. Polykrates, Der Handschuh, Die Kraniche d. Ibycus); auch am Entstehen des „Wallenstein“ (1800) hatte der ältere Freund Anteil.

Um Goethe nahe zu sein und aus Interesse an praktischer Theaterarbeit zog S. im Dez. 1799 nach Weimar, wo in rascher Folge „Maria Stuart“ (1801), „Die Jungfrau von Orleans“ (1801), „Die Braut von Messina“ (1803) und „Wilhelm Teil“ (1804) erschienen. Sein Tod verhinderte den Abschluß des „Demetrius“.

S. wurde schon zu Lebzeiten mit dem Ehrentitel eines „teutschen Shakespeare“ ausgezeichnet. Bis heute gehören seine Bühnenwerke zum Repertoire zahlreicher (nicht nur dt.) Theater. Die Gründe dafür sind vielfältig: Fast alle seine Dramen halten Zuschauer bis zum meist pointierten Schluß in Spannung; alle beschäftigen sich mit anthropologischen Grundfragen; und in den späten – ‚klassischen' – Stücken wird das ‚Wesen' der Geschichte thematisiert, mit dem Ziel, daß sich die Kunst über sie erhebe. Zudem scheint S.s Sprache, zunächst auftrumpfend heftig, später poetisch stilisiert, Stoff und Handlung fast stets angemessen; sie verdeckt, daß Handlungszusammenhänge gelegentlich nur flüchtig oder gar nicht motiviert sind.

In den „Räubern“, einem späten Sturm-und-Drang-Drama, opponiert S. heftig gegen eine Väter-Welt, der sich die Söhne auf verschiedene Weise zu erwehren suchen. „Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“, S.s lange Zeit am wenigsten geschätztes Drama, ist ein grandioses Spektakelstück voller Zufälle und Unwahrscheinlichkeiten, in dem das Historische (Genua 1547) nur Kulisse ist. Es geht um Liebe und Gewalt, Intrigen und Verstellungen, um das Scheitern angemaßter Größe, um Tod und Verderben Schuldiger und Unschuldiger – ein „republikanisches Trauerspiel“ (so der Untertitel). „Kabale und Liebe“ (ursprüngl. Titel: „Louise Millerin“) ist S.s einziger Versuch, politische Verhältnisse und Standesunterschiede seiner Zeit dramatisch zu behandeln. „Don Karlos“ (vor 1801: „Dom Karlos“) führte deutlich über die Sturm-und-Drang-Dramen hinaus: Die Heftigkeit der Sprache wird durch kunstvoll stilisierte Blankverse gemildert, die Charaktere sind ‚poliert', die Themen werden im Geist der Aufklärung diskutiert.

Das Drama „Wallenstein“, das 1796-99 zu einer Trilogie anwuchs, ist S.s bedeutendstes poetisches Werk. Es handelt vom notwendigen Untergang eines großen Einzelnen, der sich in Irrtümer verstrickt, weil er Zufälle als Schicksal mißversteht. In „Maria Stuart“, dem am strengsten ‚komponierten' Drama, von ihm auch als „Trauerspiel“ bezeichnet, geht es um eine andere Art der Tragik: die der Geschichte, die über den Menschen verfügt, ohne ‚gerecht' zu sein. Mit „Die Jungfrau von Orleans“ ging S. noch einen Schritt weiter: Da Johanna als Werkzeug in der Hand Gottes nicht schuldfähig sein kann, muß sie, um menschlich und damit (moralisch) beurteilbar zu sein, von Gott verlassen und so in den Stand der Freiheit gesetzt werden. Indem sie das Liebesverbot übertritt, fällt sie in Schuld, von der sie durch die erneute Hingabe an Gott (bis in den Tod) absolviert wird. Tragisch ist ihre Menschlichkeit, deren Bedingung ihre freie Entscheidung ist. „Die Braut von Messina“ handelt von zwei Brüdern, die dasselbe Mädchen lieben, ohne in ihr ihre Schwester zu erkennen. Die Handlung wird durch ein – in keinem anderen Drama S.s erreichtes – poetisches Sprechen auf höchstem Niveau aufgehoben, der Kunstwille auf die Spitze getrieben: In den Verheerungen der Welt bietet allein das Schöne einen Ort der Zuflucht. „Wilhelm Teil“ verknappt den Freiheitskampf der Schweizer auf die befreiende Tat eines Einzelnen, die die Restitution guter alter Verhältnisse ermöglicht. Das Stück ist reich an theatralischen Szenen, durch die manch Problematisches (Apfelschuß!) überspielt wird und die leicht übersehen lassen, daß S. hier nicht einem teleologisch begründeten Fortschritt der Geschichte das Wort redet, sondern eine Rückkehr in die Vergangenheit als Möglichkeit eines besseren Weltzustands diskutiert.

Als Lyriker stand S. bei Zeitgenossen und in der Nachwelt in hohem Ansehen. Von seinen 1782 erschienenen Jugend-Gedichten, deren Abhängigkeit von anerkannten Vorbildern, v. a. von Klopstock, leicht zu erkennen ist, distanzierte er sich später (ebenso wie von der 1785 entstandenen Ode „An die Freude“ und anderen Gelegenheitsgedichten). Während er den moralischen Lehrsätzen seiner Balladen weiterhin Gültigkeit zumaß, sah er die großen philosophischen Gedichte „Die Götter Griechenlandes“ (1788), „Die Künstler“ (1789) „Das Reich der Schatten“ (1795; später: „Das Ideal u. d. Leben“) und „Elegie“ (1795; später: „Der Spaziergang“) entsprechend den veränderten philosophischen (ästhetischen) Anschauungen als verbesserungsbedürftig an. Vorzügliches leistete der Lyriker S. mit kürzeren Gedanken-Gedichten in Distichen, dem Versmaß der klassischen Elegie, in denen es um die Funktion der Kunst in den Wirrnissen der Geschichte|geht (Der Tanz, 1795; Das Glück, 1797; Nänie, 1799). S.s Meisterschaft in der formalen Handhabung der Distichen zeigt sich auch in seinen zahlreichen Epigrammen, in seinen „Tabulae votivae“ (1796) und „Xenien“ (1796), mit denen er das Mittelmaß der Lyrik seiner Zeit weit überragt.

Zum epischen Fach fühlte sich S. nicht sonderlich hingezogen. Mit der Erzählung „Verbrecher aus Infamie/eine wahre Geschichte“ (1786, später: „Der Verbrecher aus verlorener Ehre, Eine wahre Gesch.") gelang ihm dennoch eine tiefgreifende Studie auf dem Gebiet der Erfahrungsseelenkunde, in der deutlich wird, wie durch eine unmenschliche Strafrechtspraxis ein kleiner Rechtsbrecher zu einem großen Verbrecher förmlich „gemacht“ wird. Auch mit dem nicht zu Ende geführten Roman „Der Geisterseher“ (1787-89) erweist sich S. als origineller Erzähler großen Formats: Die Abenteuer-, Intrigen-, Kriminal-, Geheimbund- und Geister-Geschichte beschreibt, auf dem Boden der Aufklärung stehend, deren Nachtseiten in quasi romantischer Manier.

In den fünf Jahren, in denen sich S. vornehmlich mit der Geschichte auseinandersetzte, festigte sich in ihm die – später aufgegebene – Idee vom konstruierbaren Sinn historischer Prozesse, der nicht aus überlieferten Fakten erkennbar sei, aber durch den „philosophischen Kopf“ mittels Imagination als gesetzmäßig erwiesen werden könne. Diese Auffassung ist am deutlichsten in der akademischen Antrittsrede „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ (1789) formuliert. Der Historiker ist für S. auch (und in erster Linie) ein Lehrer der Moral und – als Geschichtserzähler – ein Bruder des Dichters.

An S.s intensive Beschäftigung mit Kant (seit 1791) schlossen sich zahlreiche philosophische Untersuchungen an, unter denen die großen Abhandlungen „Ueber Anmuth und Würde“ (1793), „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1794/95) und „Ueber naive und sentimentalische Dichtung“ (1795) als Dokumente klassischer Ästhetik herausragende Bedeutung erlangt haben. In „Ueber Anmuth und Würde“ versucht S., die Kunst als das Verbindende der durch freien Willen errungenen Würde des Menschen (die sich in der Unterwerfung sinnlicher Begierde unter das Sittengesetz bekundet) und der durch Übereinstimmung zwischen Vernunft und Sinnlichkeit behaupteten Anmut (die als wirklich gewordene Idee verstanden wird) nachzuweisen. In „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen“ geht es um die Kunst als sichtbaren Ausdruck der „Freiheit in der Erscheinung“, die sich in der Beherrschung des Stoffs durch die Form manifestiert, freilich das Vermögen des ästhetischen Spiels, das nur dem Menschen auf dem Gipfel der Kultur gegeben ist, voraussetzt. In „Ueber naive und sentimentalische Dichtung“ beschreibt S. die wesentlichen Typen von Dichtern und die Grundmuster von Dichtungen: einerseits den naiven Dichter längst vergangener (arkadischer) Zeit, der Anschauen, Denken und Handeln natürlich, also unreflektiert verbindet, andererseits den sentimentalischen Dichter der Moderne, der die verlorene Natur sucht und durch Nachdenken bemüht ist, die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit zu schließen. Letzterer könne sein Ziel erst in Elysium, dem Ort der Geschichtslosigkeit, erreichen, wo er zur höchsten Poesie, der Idylle, befähigt sei; bis dahin bleibe seine Poesie entweder satirisch oder elegisch.

S. war schon zu Lebzeiten populär; 1791 galt er einem Mitarbeiter der „Oberdt. allgemeinen Litteraturzeitung“ als „Liebling der dt. Musen“, und in einem Brief vom 10.2.1802 nannte ihn sein Freund Körner einen „Lieblingsdichter der Nation“. Wenngleich es nicht an Kritikern fehlte – z. B. urteilte Karl Philipp Moritz vernichtend über „Kabale und Liebe“, Friedrich Leopold Gf. zu Stolberg griff „Die Götter Griechenlandes“ als Schmähung des Christentums an und die Romantiker belustigten sich über „Würde der Frauen“ und „Das Lied von der Glocke“ –, so überwog doch die Zustimmung deutlich. Bald nach seinem Tod begann S.s Heroisierung und Mythisierung. Dazu trugen nicht zuletzt Goethe mit seinem „Epilog zu Schillers Glocke“ (1805) und Johann Heinrich v.Dannecker mit seiner Kolossalbüste (1807/08, s. P) bei, die das Bild vom über alles Gemeine triumphierenden großen Menschen schufen. 1830 veröffentlichte W. v. Humboldt seinen Briefwechsel mit S. und schrieb dazu eine „Vorerinnerung“, die bis heute zu den bemerkenswertesten Würdigungen des Freundes gehört. Die Popularität S.s, der als Dichter der Freiheit, Sänger edler Frauen, Mann des Volkes und Liebling der Jugend galt, erreichte 1859 ihren Höhepunkt. Der 100. Geburtstag wurde dazu genutzt, den Dichter der Nation als Prophet der ersehnten nationalen Einheit zu feiern. Die Beliebtheit S.s blieb in unterschiedlicher Intensität über die Reichsgründung 1871 hinaus bis zum S.-Jahr 1959 erhalten. Erst als nach 1970 die Postamente der „Klassiker“ gestürmt wurden, verfiel S.s Ansehen, dessen Gebrauchswert (v. a. im Westen) zunehmend bestritten wurde. Ein erneuter Umschwung deutet sich derzeit an.

In der Literaturwissenschaft gewannen seit dem Ende des 19. Jh. jene S.-Bilder Konturen, die jeweiligen Moden und Methoden entsprachen. Positivistisch gründlich wurde das Leben des Dichters erforscht, geistesgeschichtlich wurde er als Repräsentant einer Epoche gedeutet, deren wesentliche Kennzeichen (die des Dt. Idealismus) auf ihn übertragen werden konnten. Dabei hatte die Ableitung des Besonderen (der individuellen Persönlichkeit) aus dem Allgemeinen (dem sog. Geist der Zeit) Vorrang vor der Untersuchung des historisch Einmaligen, wodurch, wie die S.-Rezeption der NS-Zeit belegt, die Tür für die Vereinnahmung des Dichters durch eine politisch motivierte Ideologie geöffnet wurde. Die S.-Forschung nach dem 2. Weltkrieg brachte zwar im Zuge der sog. werkimmanenten Interpretation etliche subtile Struktur- und Formanalysen S.scher Werke hervor. Sie maß diesen aber – etwa im Vergleich zu Goethes Œuvre – geringeren Stellenwert zu, weil nicht zu übersehen war, daß S., wie kaum ein anderer seiner Zeit, in das Geflecht geistiger (philosophischer) und politischer (sozialer) Zusammenhänge eingebunden war und eigentlich nur in enger Verbindung von geistesgeschichtlichen und literatursoziologischen (oder sozialhistorischen) Deutungspraktiken angemessen verstanden werden kann.|

4. Georg Wilhelm Friedrich Hegel

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Er galt als Spätzünder und schlechter Redner. Doch setzte Hegel mit seiner Dialektik und seiner „Wissenschaft der Logik“ neue Maßstäbe in der Philosophie. Ein Denker der preußischen Restauration war er nur in den Augen seiner Feinde. Hegel blieb bis zuletzt ein Sympathisant der Französischen Revolution.

„Ich glaube, Hegel ist ein Denker, über den die meisten Lügenmärchen und Klischees verbreitet wurden. Schon mein Vorgänger […] der erste Biograf Hegels, Karl Rosenkranz, schreibt: Hegel ist der Philosoph der Revolution und nicht der Philosoph der Restauration“, so Klaus Vieweg bei der Vorstellung seiner Hegel-Biografie auf der Frankfurter Buchmesse.

Der Philosoph selbst unterstreicht in seiner Vorlesung über die Philosophie der Geschichte:

„Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit,
ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, geboren am 27. August 1770 in Stuttgart, stammt aus einer schwäbischen Beamtenfamilie. Er gilt als Spätzünder. Während seines Studiums der Philosophie und Theologie am Tübinger Stift nennt man ihn „den Alten“. Einen Winter lang wohnt Hegel mit zwei anderen zukünftigen Geistesgrößen auf einem Zimmer: dem Dichter Hölderlin und dem Philosophen Schelling.

Klaus Vieweg: „Die jungen Studenten waren natürlich, die meisten, begeisterte Anhänger der Französischen Revolution, speziell auch Hegel. Hegel war der Mitanführer eines revolutionären Studentenkreises.“

Auf allen Gebieten Wissen angesammelt

Hegel macht sich für die Prinzipien der Freiheit und der Vernunft stark. Nach Ende seines Studiums nutzt er seine Jahre als Hauslehrer, um auf allen Gebieten Wissen anzusammeln: in Volkswirtschaft, Natur- und Sozialwissenschaften, ja sogar Astronomie. Frei nach dem Prinzip: „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.“

Hegel will die gesamte Wirklichkeit in einem philosophischen System deuten – inklusive ihrer historischen Entwicklung. Er denkt groß – auch bei seiner Begegnung 1806 mit dem Eroberer Napoleon, der mit seinen neuen, von der Französischen Revolution inspirierten Gesetzen vielen Regionen Deutschlands die Moderne bringt:

„Es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“

Die Idee des „Weltgeists“ wird ein Kernbegriff von Hegels spekulativer Philosophie. Seine „Phänomenologie des Geistes“, die Grundlegung seines Systems, erscheint 1807. Doch erst nach Jahren als Journalist, Gymnasiallehrer und Dozent wird der wichtigste Denker des deutschen Idealismus, 46-jährig, zum Professor berufen: erst nach Heidelberg, dann, ab 1818, nach Berlin.

Von der preußischen Polizei stets überwacht

Seine Vorlesungen sind bestens besucht, obwohl Hegel alles andere als ein guter Rhetoriker ist, wie Biograf Klaus Vieweg schreibt: „Er stückelte Sätze, kramte in Papieren, schnupfte Tabak, krächzte und hustete. Er sprach zu sich selbst, ein lautes Selbstgespräch, eine Art denkende Improvisation – er dachte seinen Zuhörern etwas vor.“

Hegel, der philosophische Systembauer und Begriffsdenker, wird von der preußischen Polizei stets überwacht, obwohl er die Idee des Staates als etwas durch und durch Positives sieht.

„Es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist, sein Grund ist die Gewalt der sich als Wille verwirklichenden Vernunft.“

Hegels treibende Kraft ist das von Fichte inspirierte Denken in Widersprüchen, die Methode der Dialektik. Aus Thesis und Antithesis entsteht jeweils eine höhere Form der Synthesis. Auf die Spitze getrieben will er so zum „absoluten Geist“ vordringen. Die Aktualität Hegels, der die Willkür des freien Marktes vehement ablehnt, wird heute aber oft unterschätzt:

„Ich behaupte, dass Hegel der Begründer des Gedankens einer sozial regulierten Marktordnung ist, und dass die Marktstruktur die Tendenz in sich hat, so Hegel, sich selbst zu zerstören. Deswegen braucht sie Regulation und einen sozialen Staat. Hegel war ein weltbürgerlicher Denker, ein dezidierter Kritiker allen Nationalismus und allen Rassismus.“

Ob der Philosoph und Weinliebhaber, der Karl Marx zu seiner Kritik der politischen Ökonomie anregt, im Alter von 61 Jahren an der Cholera stirbt oder an einem Magenleiden, bleibt offen. In jedem Fall: Seine Sympathie für die Ideen der Französischen Revolution behält er.

Die Schlussworte von Hegels letzter Vorlesung lauten: „Freyheit ist das Innerste, und aus ihr ist es, daß der ganze Bau der geistigen Welt hervorsteigt.“

5. Alexander von Humboldt

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Der Wissenschaftler und Forschungsreisende Alexander von Humboldt (1769-1859) zählt bis heute zu den bekanntesten Deutschen weltweit. Viele Dinge sind nach ihm benannt: zum Beispiel eine Lilie, ein Mondkrater und eine Meeresströmung.

Jugend und Studium

Alexander von Humboldt wird 1769 in Berlin geboren und wächst auf Schloss Tegel auf. Er genießt eine Bildung, wie sie für einen Adelsspross typisch ist. Alexanders Leistungen sind eher mäßig; mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Wilhelm kann er nicht mithalten.

Dafür liebt er Gesellschaft und ist ein exzellenter Erzähler. Er knüpft selbstständig Kontakt zu Leuten, die ihn interessieren. Einer von ihnen ist der Botaniker Carl Ludwig Willdenow, der Humboldts lebenslanges Interesse für die Pflanzenkunde weckt. Besonders Willdenows Sammlung tropischer Pflanzen fasziniert ihn.

Gemälde: Humboldt sitzt im Park von Schloss Tegel

Die Zeit auf Schloss Tegel empfand Humboldt als langweilig

Staatsdienst im Bergbau und erste Schritte als Forscher

Als Student besucht er die Universität im sächsischen Freiberg bei Dresden. Der Alltag an der Bergakademie ist hart: morgens ab fünf Uhr in die Grube, nachmittags Vorlesungen, abends Ausarbeitungen. Trotzdem beendet Alexander das eigentlich dreijährige Studium in nur neun Monaten.

Auch unter Tage zeigt sich sein Forscherinstinkt: Er entdeckt und untersucht die sogenannten kryptogamischen Pflanzen, die ohne Licht in der Grube wachsen. Damit wird er zum Begründer der Höhlenbotanik.

Nach seinem Dienstantritt als Bergmeister für Oberfranken gründet er auf eigene Faust eine Berufsschule für Bergleute, die erste ihrer Art. Zur Verbesserung der Arbeitssituation unter Tage entwickelt er eine Sicherheits-Grubenlampe und eine Atemmaske.

Ende 1796 stirbt Humboldts Mutter. Da sein Erbe ihn finanziell unabhängig macht, verlässt er Ende des Jahres den Staatsdienst, um sich ganz der Forschung zu widmen.

Alexander von Humboldt, porträtiert in einem Gemälde von Friedrich Georg Weitsch aus dem Jahre 1806.

Humboldt in jungen Jahren beim Botanisieren

Zwei große Expeditionen

Die Kombination Reisen und Forschen stellt für Humboldt eine ideale Verbindung dar. Er will in die Tropen reisen und möglichst viele Aspekte der belebten und unbelebten Natur erforschen. Um seinen eigenen wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen, bereitet er sich umfassend auf die geplante Expedition vor.

In Jena studiert Humboldt Anatomie, außerdem führt er, wo immer möglich, meteorologische und geografische Messungen durch. Dann geht er nach Paris, damals die Hauptstadt der Wissenschaften. Nach seiner Amerika-Expedition wird er 20 Jahre lang hier leben und nur wegen finanzieller Engpässe nach Berlin zurückkehren.

In Paris lernt er auch seinen späteren Reisebegleiter kennen: den Arzt und Botaniker Aimé Bonpland. Diverse Expeditionspläne der beiden scheitern wegen der Napoleonischen Kriege. Sie beschließen in Spanien zu überwintern und haben Glück: Sie werden dem König empfohlen und erhalten Forscherpässe für die spanischen Kolonien in Süd- und Mittelamerika.

Von 1799 bis 1804 reisen Humboldt und Bonpland durch Süd- und Mittelamerika: über die Kanarischen Inseln nach Venezuela und Kuba, durch die Anden an die peruanische Küste, nach Mexiko und mit Zwischenstopp in den USA zurück nach Europa.

Gemälde: Humboldt und Bonpland in einer Hütte mit Messinstrumenten und Pflanzen

Humboldt (links) mit seinem Mitstreiter Bonpland in Südamerika

Genauso imposant wie die Reiseroute sind die Mengen an Messdaten und botanischen und geologischen Proben, die sie sammeln. Der Universalist Humboldt beschäftigt sich mit einer Vielzahl von Forschungsgebieten: von Vulkanologie über Kartografie, Erdmagnetismus, Botanik, Zoologie, Ethnologie, Wirtschaft, Landwirtschaft und Bergbau bis hin zu Meteorologie und Meereskunde.

Humboldt will das Zusammenwirken aller Naturkräfte verstehen. Zwischen 1805 und 1839 publiziert er sein 34-bändiges Reisewerk, größtenteils auf Französisch. Es bleibt unvollendet und ruiniert ihn finanziell.

Seinen 60. Geburtstag verbringt Humboldt in Russland. Es ist seine zweite große Expedition und die Umstände sind gänzlich anders als bei der Amerika-Reise. Dieses Mal ist er auf Einladung und Kosten der russischen Regierung unterwegs. Diese erhofft sich davon Informationen über gewinnbringende Minenvorkommen.

Obwohl die Route (von St. Petersburg zum Ural) vorgegeben ist, kann Humboldt einige Änderungen durchsetzen und dadurch bis zur chinesischen Grenze vordringen. Seine Hauptinteressen gelten dem Erdmagnetismus, dem Klima und der Geologie.

Landschaft im Ural.

Im Uralgebirge vermutete Humboldt reiche Diamantvorkommen

Der Universalist: Humboldts Netzwerke

Dank seiner offenen Art fällt es Humboldt leicht, in aller Welt freundschaftliche Kontakte zu anderen Wissenschaftlern zu knüpfen. Der eng vernetzte Datenaustausch mit Kollegen ist für ihn sehr wichtig. Ohne diese Kontakte wären seine umfangreichen Veröffentlichungen gar nicht möglich gewesen. Denn gerade weil er in verschiedenen Disziplinen gleichzeitig arbeitet, ist er oft auf den Rat von Experten eines bestimmten Fachgebiets angewiesen.

Humboldts gutes Gespür für den Umgang mit Menschen zeigt sich auch darin, dass er vom preußischen König mehrfach in diplomatischen Missionen eingesetzt wird. Im Alter wird er für viele junge Wissenschaftler zum Förderer.

Über seinen Bruder Wilhelm lernt er die Dichter Goethe und Schiller kennen. Goethe ist fasziniert von Humboldts Arbeit und zeigt seine Wertschätzung unter anderem mit einem Tagebucheintrag der Ottilie in seinen "Wahlverwandtschaften": "Wie gern möchte ich einmal Humboldten erzählen hören."

Schwarzweiß-Stich: Alexander von Humboldt  mit Goethe, Schiller und seinem Bruder Wilhelm

Alexander von Humboldt (stehend) mit Goethe, Schiller und seinem Bruder Wilhelm

Das Weltbild des Weltbürgers

Humboldts Weltbild ist von den Idealen der Aufklärung geprägt. Er ist davon überzeugt, dass prinzipiell alle Menschen gleichmäßig zur Vernunft begabt sind. Dass es keine hohen und niedrigen Menschenrassen gibt, nur Bildungs- und kulturelle Unterschiede: "Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt."

Er kritisiert die Sklaverei und den Umgang der weißen Siedler mit den Ureinwohnern Amerikas. Humboldt glaubt an einen ständigen Fortschritt in Wissenschaft und Politik, der früher oder später zur Ausbildung einer rechtlich-sozial egalitären Gesellschaft führen wird.

Bei seiner Forschung kommen auch praktische Aspekte nicht zu kurz. Er sucht zum Beispiel nach Möglichkeiten, für die stetig wachsende Weltbevölkerung neue Nahrungsquellen zu erschließen. Dazu analysiert er die Verbreitung und die Lebensbedingungen diverser Nutzpflanzen. Der Mensch soll in die Lage versetzt werden, die Natur möglichst effizient zu nutzen.

Bis kurz vor seinem Tod am 6. Mai 1859 arbeitet er an seinem Lebenswerk, dem "Kosmos", in dem er alles vereinen will: das gesamte Wissen über die Welt. Viele seiner wissenschaftlichen Einzelbeobachtungen sind im Laufe der Jahre von anderen Forschern korrigiert worden.

Das Besondere an Alexander von Humboldt aber ist sein Sinn für Gesamtzusammenhänge. Nach der Aufspaltung der Wissenschaften in spezialisierte Einzeldisziplinen hat dieser global-ökologische Ansatz erst seit Ende des 20. Jahrhunderts wieder an Bedeutung gewonnen.

6. Immanuel Kant

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Wie zahlreiche andere Gelehrte und Publizisten der deutschen Aufklärung stammt K. aus einfachen Verhältnissen. Er wird am 22.4.1724 morgens um 5 Uhr als viertes von neun Kindern in der „vordern Vorstadt“ von Königsberg „in dem Hause neben der Sattlerstraße“ geboren – auch sein eigener Vater war wie schon die beiden Großväter Sattler- oder genauer Riemermeister – und am folgenden Tag auf den Namen Emanuel getauft. Väterlicherseits stammt die Familie neueren Forschungen zufolge nicht – wie K. selbst angenommen hat – aus Schottland, sondern aus dem Kurischen (sein Urgroßvater Richard Cant, der den sozial gehobenen Beruf eines „Krügers“, das heißt Schankwirts, in|Werden bei Heidekrug ausübte, kommt allem Vermuten nach aus der Gruppensiedlung Kantweinen 5 km nordöstl. von Prökuls); auf Seiten der Mutter führen die Linien nach Nürnberg und Tübingen, so daß K. ungefähr „drei Viertel deutsch und je ein Achtel kurisch und litauisch“ gewesen wäre; in beiden Familien sind die Berufe des Ledergewerbes: Färber, Gerber, Sattler, Kürschner, Schuhmacher stark vertreten. Die Atmosphäre seines Elternhauses hat K. selbst oft beschworen. Bei der Rückkehr von Schloß Capustigall, dem Gut der Grafen Truchseß-Waldburg (auf dem sich zu dieser Zeit die Familie Keyserling aufhält) erinnert sich der Privatdozent „mit inniger Rührung an die ungleich herrlichere Erziehung …, die er selbst in seiner Eltern Hause genossen“. Und noch der 73jährige erklärt in dem Entwurf eines Antwortschreibens an den schwedischen Bischof Lindblom, „daß meine beyde Eltern (aus dem Handwerksstande) in Rechtschaffenheit, sittlicher Anständigkeit und Ordnung musterhaft … mir eine Erziehung gegeben haben, die von der moralischen Seite betrachtet gar nicht besser seyn konnte und für welche ich … mich mit dem dankbarsten Gefühle gerührt finde“. Das gelassene Selbstbewußtsein, das der Bürger K. zeitlebens auch gegenüber den höchsten Rängen des Adels gezeigt hat, mag nicht zuletzt hier seine Wurzel haben.

Eine wichtige Komponente dieser Atmosphäre des Elternhauses bildete der Pietismus, der K. bei aller Kritik und inneren Distanz tief beeindruckt und beeinflußt hat. Nicht seinen Kult- und Ausdrucksformen, wohl aber seiner Haltung und Gesinnung stand K. bis ins hohe Alter mit Respekt, ja Zustimmung gegenüber. „Die Leute, denen er ein Ernst war“, so lautet K.s Urteil gegenüber Rink, „besaßen das Höchste, was der Mensch besitzen kann, jene Ruhe, jene Heiterkeit, jenen innern Frieden, die durch keine Leidenschaft beunruhigt wurden“. Vor allem seine Mutter, die er schon als 13jähriger verliert und am Tag vor Heiligabend beerdigen muß, lebte aus solchem Glauben. Sie war eine sensible, für ihre Zeit und Verhältnisse ungewöhnlich gebildete Frau. K. hat sie seinen Königsberger Biographen (Borowski, Jachmann und Wasianski) noch in späten Lebensjahren immer wieder geschildert: „sie pflanzte und nährte den ersten Keim des Guten in mir, sie öfnete mein Herz den Eindrücken der Natur; sie weckte und erweiterte meine Begriffe, und ihre Lehren haben einen immerwährenden heilsamen Einfluß auf mein Leben gehabt.“

Durch die Mutter gelangt K. auch in den Wirkungskreis von →Franz Albert Schultz, einem der führenden Köpfe des Königsberger Pietismus, der aber zugleich zu den bedeutendsten Schülern des Aufklärungsphilosophen →Ch. Wolff zählte. Schultz hat K.s Talent schon früh entdeckt und Zeit seines Lebens gefördert. Auf seine Veranlassung hin wechselt K., der zunächst die Vorstädt. Hospitalschule besucht hatte, 1732 als Achtjähriger aufs Gymnasium, und zwar auf das seit 1733 von Schultz geleitete „Fridericianum“ über. Diese Schule, nach dem Vorbild der Franckeschen Anstalten in Halle eingerichtet und von der Bevölkerung etwas abwertend „Pietisten-Schule“ oder „Pietisten-Herberge“ genannt, war von strengstem religiösen Reglement: Religionsunterricht und Gottesdienst nahmen einen erheblichen Teil des Unterrichts in Anspruch; wie das Hebräische wurde auch das Griechische ausschließlich am Leitfaden der Heiligen Schrift dargeboten. Noch den alten K. soll bei der Erinnerung an jene „Jugendsclaverey“ „Schrecken und Bangigkeit“ überfallen haben. Fachlich scheint nur der Lateinunterricht von einigem Rang gewesen zu sein (wie denn auch K.s ganzes Interesse während der Schulzeit der klassischen lateinischen Literatur gegolten haben soll). Nach dem Zeugnis der Schulakten zählte K. in der Regel zu den besten Schülern; der allgemeine Eindruck war – wie der klassische Philologe →David Ruhnken (ein enger Freund und Mitschüler K.s) es später einmal formuliert hat – er könne einst sehr wohl „ad id, quod in literis summum est, pervenire“. Im Herbst 1740 verläßt K. als Zweitbester seiner Klasse das Fridericianum.

Am 24.9.1740, also mit sechzehn Jahren, kurz nach dem Regierungsantritt Friedrichs des Großen, wird K. nach Ablegung des damals üblichen Immatrikulationsexamens an der Albertina, der Königsberger Universität, immatrikuliert. Das Schwergewicht seines Studiums, das er teils mit Hilfe von Verwandten, teils durch Unterricht und (wenn man dem späten Bericht seines Studienfreundes Heilsberg Glauben schenken darf) durch Billardspiel finanziert, liegt nicht auf den positiven Wissenschaften, die der akademischen Ausbildung dienten, sondern auf den damals sogenannten „Humaniora“, vor allem auf Mathematik, Philosophie und den lateinischen Klassikern. „Was K. für einen Studienplan befolgte, ist seinen Freunden unbekannt geblieben“, heißt es bei Jachmann; allem Anschein nach war er in keiner der drei „oberen Fakultäten“ eingeschrieben. Zu seinen akademischen Lehrern zählen sein ehemaliger Direktor Schultz, dessen Dogmatikvorlesung er „aus Wißbegierde“ hört, und der außerordentliche Professor der Logik und Metaphysik →Martin Knutzen, „ein Mann, der sich als Lehrer und als Schriftsteller einen großen Ruf auf der Universität erworben hatte“. Er ist derjenige „Professor der Philosophie, welcher wahrscheinlich auf“ K.s „Geistesbildung den mehresten Einfluß gehabt hat“. Ähnlich wie Schultz bemühte sich auch Knutzen um die Verbindung von (pietistischer) Theologie und Philosophie, war aber zugleich stark an Mathematik und Naturwissenschaft interessiert. Zu den Gegenständen seiner Vorlesungen – an denen K. „unausgesetzt“ teilnimmt – gehörten neben den damals üblichen philosophischen Disziplinen auch Mathematik, Astronomie und Rhetorik. Er lieh K., so berichtet Borowski, „besonders Neutons Werke und, da K. Geschmack daran fand, alles, was er aus seiner herrlichen, reichlich versehenen Bibliothek irgend verlangte“.

Die Etappe der Konziliation (1746–56)

Noch während des Studiums beginnt K. mit der Ausarbeitung einer umfangreichen Abhandlung – keineswegs einer Examensarbeit – die sich, wie K.schreibt, mit einem damals „berüchtigten Streit“, ja mit einer der „größten Spaltungen … unter den Geometrern von Europa“ beschäftigt. Es sind dies die schon 1746 der Philosophischen Fakultät zur Zensur vorgelegten, aber erst 1749 erschienenen „Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte“. Die naturwissenschaftliche Interessenlage dieser Schrift bleibt für die kommenden 10 Jahre bestimmend, ihre spezifisch philosophischen Grundprobleme aber wirken darüber hinaus bis tief in die kritische Philosophie hinein weiter. Von ihrer Thematik her – ihr unmittelbarer Gegenstand ist der Streit über das Kräftemaß, das die Kartesianer als m-v, die Leibnizianer als m-v² zu bestimmen suchten – zeigt die Abhandlung einen K., der ganz von mathematisch-naturwissenschaftlichen Fragen gefangengenommen ist und im Zusammenhang damit sogar eigene Versuche anstellt. Hinter dieser Thematik aber steht eine genuin philosophische Problemstellung, die ohne die Gedankenwelt der deutschen Aufklärung nicht zu verstehen ist: wie steht es um die von ihr proklamierte Idee einer allgemeinen Menschenvernunft, wenn sich die bedeutendsten Köpfe des Zeitalters sogar in einer so konkreten naturwissenschaftlichen Frage nicht zu einigen vermögen? Das überraschende Selbstbewußtsein des 22jährigen, das in der Schrift zum Ausdruck kommt, ist oft registriert worden: „Ich habe mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will. Ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern ihn fortzusetzen.“

Kurz vor Abschluß des Studiums verliert K. auch den Vater. Seine Eintragung in das Familienbuch wirft ein aufschlußreiches Licht auf die Geisteshaltung, die K. auch nach dem Besuch der Universität bestimmt: „Anno 1746 d. 24. März Nachmittags um halb 4 Uhr ist mein liebster Vater, durch einen seeligen Tod abgefordert worden. Gott der ihm in diesem Leben nicht viel Freude geniessen lassen, lasse ihm davor die ewige Freude zu Theil werden.“ Die folgenden Jahre verbringt K. als „Hofmeister“, das heißt Hauslehrer, bei dem reformierten Prediger Daniel Andersch in Judtschen bei Gumbinnen, einer bis zu einem gewissen Grad selbständigen Schweizer Kolonie meist französisch sprechender Siedler (bis etwa 1751), und bei dem Gutsbesitzer Major Bernhard Friedrich von Hülsen auf Groß-Arnsdorf bei Mohrungen (bis etwa 1753). In diesen Jahren tritt zum erstenmal ein charakteristischer Zug der K.schen Biographie hervor: auf einen Zeitraum konzentrierter Produktion folgt eine Phase völligen Schweigens. Sie findet in diesem Fall erst im Sommer 1754 durch eine Reihe kleinerer naturwissenschaftlicher Beiträge für die „Königsberg. Frag- und Anzeigungs-Nachrichten“ ihr Ende. Zu dieser Zeit befindet sich K. bereits wieder in Königsberg.

Die anschließende Produktionsphase ist eng mit K.s akademischem Werdegang verknüpft, geht aber bei weitem nicht darin auf. Im März 1755 erscheint, und zwar zunächst anonym, die umfangreiche „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“, die den Versuch macht, die Entstehung des Weltgebäudes mit Hilfe der Newtonschen Anziehungs- und Abstoßungskraft aus den einfachsten Elementen der Materie abzuleiten, und damit Grundgedanken der Laplaceschen Weltentstehungshypothese (1796) vorwegnimmt. Sie bleibt jedoch bei ihrem Erscheinen so gut wie unbekannt und wird erst 1842 von Arago in ihrer Bedeutung für die Naturwissenschaft entdeckt. Am 17.4.1755 reicht K. der Philosophischen Fakultät seine Promotionsschrift „de igne“ ein, am 13.5. findet das „examen rigorosum“, am 12.6. der öffentliche Promotionsakt statt, über den die „Königsberg. Frag- und Anzeigungs-Nachrichten“ eingehend berichten. Noch 37 Jahre später erinnert sich Borowski, einer der ersten Hörer K.s, an den „seltenen Zusammenfluß von hiesigen angesehenen und gelehrten Männern“ sowie an die ungewöhnliche „Stille und Aufmerksamkeit“, mit der die Zuhörer K.s lateinischer Rede – sie handelte „vom leichtern und vom gründlichem Vortrage der Philosophie“ – gefolgt seien. Schon dreieinhalb Monate später, am 27.9.1755, erfolgt K.s Habilitation mit der Schrift „Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio“. Wieder ein paar Monate später erscheinen in kurzem Abstand drei kleinere, allgemeiner gehaltene naturwissenschaftliche Abhandlungen, die durch das Erdbeben von Lissabon veranlaßt sind. Am 23.3.1756 schließlich reicht K. der Philosophischen Fakultät als dritte Dissertation – nach einer Verordnung Friedrichs des Großen (vom 24.12.1749) wurden für ein Extraordinariat drei öffentliche Disputationen vorausgesetzt – die „monadologia physica“ ein. Die Disputation findet am 10.4.1756 statt, einer der 3 Opponenten ist Ludwig Ernst Borowski. Etwas von der Gewalt dieses Produktionsschubes ist noch in dessen späterer Kantbiographie zu spüren, wenn er schreibt, daß der 30jährige K.damals mit seinen Schriften „zur Ueberraschung Vieler, die das von ihm, wenigstens nicht in dem Maaße erwartet hatten, auf einmal und schnell auf einander hervortrat“.

Mit Ausnahme der Habilitationsschrift, bei deren Themenwahl äußere Gründe mitgespielt haben können, haben auch die Schriften dieser Produktionsphase Probleme der Naturwissenschaft zum Gegenstand. Wie in der Erstlingsschrift von 1746 aber stehen die Sachfragen auch jetzt auf dem Hintergrund einer umfassenden philosophischen Problematik. Wieder macht K. zentrale Streitfragen seines Zeitalters – über die leitenden Grundsätze der Naturerklärung, über die Freiheit des Willens und über die Interpretation der Materie – zum Gegenstand der Untersuchung. Und wieder ist K. darum bemüht, zwischen den verfeindeten „Parteien“ (Naturalismus – Christentum; Wolffianismus – Crusianismus; Leibnizianismus – Newtonianismus) zu vermitteln, die partielle, durch gemeinsame Irrtümer nur verdeckte Wahrheit der verschiedenen Positionen ans Licht zu bringen und so „gewissermaßen die Ehre der menschlichen Vernunft“ zu verteidigen. Eben diese „Konzilianz“ gibt den Schriften der Jahre 1755/56, so verschieden sie ihrer Thematik nach auch sein mögen, ihre innere Einheit und ein sachliches Gewicht, das sie über ihre historische Bedeutung hinaus vom Methodischen her auch für die Gegenwart noch interessant macht.

Zugleich aber scheinen sich in den Schriften dieser Phase unter der Hand bereits Grundtendenzen der späteren, kritischen Philosophie anzudeuten. Das gilt vor allem für den Vorrang der praktischen vor der theoretischen Vernunft. So heißt es etwa in der „Geschichte und Naturbeschreibung der merkwürdigsten Vorfälle des Erdbebens“ von 1755: „der Mensch“ ist „im Dunkeln, wenn er die Absichten errathen will, die Gott in der Regierung der Welt vor Augen hat. Allein wir sind in keiner Ungewißheit, wenn es auf die Anwendung ankommt, wie wir diese Wege der Vorsehung dem Zwecke derselben gemäß gebrauchen sollen.“

Die Etappe der Analysis (1756–69)

Im WS 1755/56 beginnt K., von stärkstem öffentlichen Interesse begleitet, als „Magister legens“, das heißt als Privatdozent, seine Vorlesungstätigkeit; bei seiner ersten Vorlesung, so berichtet Borowski, sind selbst Vorhaus und Treppe „mit einer beinahe unglaublichen Menge von Studirenden angefüllt“. Die Fächer, über die K. – nach dem Vorlesungsstil der Zeit am Leitfaden von Kompendien – liest, sind zunächst, ähnlich wie bei seinem Lehrer Knutzen, Logik, Metaphysik, Ethik, Mathematik, theoretische Physik sowie außerdem physische Geographie, eine Disziplin, die K. in Königsberg als erster in den Kreis der akademischen Lehrfächer einbringt; später treten noch Naturrecht (ab WS 1766/67), philosophische Enzyklopädie (ab WS 1767/68), Anthropologie (ab WS 1772/73) und Pädagogik (ab WS 1776/77) hinzu. Vereinzelt liest K. auch über Mechanik und Mineralogie, auch Vorlesungen über natürliche Theologie beziehungsweise philosophische Religionslehre sind glaubwürdig bezeugt. Der Umfang seiner Lehrtätigkeit beläuft sich im Schnitt auf 16, zuweilen aber auch auf 26 bis 28, wenn nicht gar über 30 Wochenstunden.

Die Zeit der Privatdozentur (1755–70) verändert jedoch nicht nur K.s berufliche Situation. Sie bringt vielmehr zugleich, viele Anzeichen sprechen dafür, tiefgreifende Veränderungen in seinem persönlichen Lebensstil mit sich. Sie ist die „weltfreudigste Periode seines Lebens“ (Schöndörffer). Zahlreiche menschliche Bindungen entstehen in diesen Jahren, enge Freundschaften wie die mit dem englischen Kaufmann und Privatgelehrten Joseph Green, der „mehr Gelehrter als Kaufmann“ ist und „weniger den Freuden als den Büchern“ lebt, aber auch lockerere Beziehungen zu Bankiers, Kaufleuten, Beamten, Militärs und hohen Adligen. Sein gelöstes Auftreten, seine Freude an geistreicher Unterhaltung, gemeinsamem Essen, Kartenspiel und Theater, sein sprühender Witz, nicht zuletzt aber auch sein Charme gegenüber dem weiblichen Geschlecht machen K. bald zu einem umworbenen Liebling der Königsberger Gesellschaft und tragen ihm den Titel des „eleganten Magisters“ ein, ja Hamann sieht ihn gelegentlich durch „einen Strudel gesellschaftl. Zerstreuungen fortgerißen“ und bangt um die Verwirklichung seiner wissenschaftlichen Pläne.

Ein wichtiger Faktor, der zu diesen Veränderungen in K.s Lebensgefühl und -haltung beigetragen haben wird, war allem Vermuten nach die erste russische Okkupation Königsbergs von Januar 1758 bis August 1762. Sie war von ungewöhnlicher Liberalität und hat die gesellschaftlichen Verhältnisse des damaligen Königsberg, das mit seinen etwa 50 000 Einwohnern zu den größten Städten Preußens zählte, aufs nachhaltigste beeinflußt. „Mit der Okkupation zog die ganze Breite und Vorurteilslosigkeit des östlichen Lebensstils in die alte zopfige Stadt ein“ (Stavenhagen). Unter ihrem Einfluß zerbricht oder lockert sich zumindest die strenge ständische Ordnung, der Ernst des Pietismus wird von einer freieren, gelegentlich in Libertinage übergehenden Lebenshaltung abgelöst, die preußische Kargheit macht einer luxuriöseren Lebensführung Platz. Auch der Magister K. war offenbar bis zu einem gewissen Grade in den Wirbel solcher Veränderungen einbezogen. Stavenhagen schildert anschaulich, wie K. „an dem munteren Treiben der Offiziere in den Privathäusern und Offizierskasinos regen Anteil genommen hat“; nach einem anderen Bericht hat er „viele rußische Officiere in der Mathematik … während des siebenjährigen Krieges privatim unterrichtet“.

Ganz ähnlich ist das Bild, das K. in diesen Jahren als akademischer Lehrer bietet. Auch hier ist er der Mann von Welt: Seine Wirkung auf die Studenten, unter denen sich zahlreiche Ausländer, vor allem Balten, Polen und Russen befinden, ist von seltener Stärke und Eindringlichkeit. Seine Vorlesungen – „freyer Discours, mit Witz und Laune gewürzt“ – sind von intensiven Diskussionen begleitet, immer wieder fordert er einzelne Hörer auf, das Gespräch beim Spaziergang fortzusetzen, ja der Prediger Wannowski erinnert sich noch 1804, daß ihm K. „in seiner Stube öfters und mit vieler Lebhaftigkeit“ Gedichte von Haller und Bürger, aber auch von Horaz und Juvenal vorgetragen habe. Vor allem die Vorlesungen über physische Geographie und Anthropologie werden nicht nur von Studenten, sondern auch von dem gebildeten Publikum besucht. K.s Erziehungsziel ist „Urbanität“, nicht „Höflichkeit“; ein Stück seiner Wirkung wird in den „Briefen zur Beförderung der Humanität“ von Johann Gottfried Herder sichtbar, der 1762-64 in Königsberg studiert hat. In diesen Briefen schreibt Herder 1795, also zu einem Zeitpunkt, als sachlich schon tiefe Gegensätze zwischen beiden aufgebrochen waren, über seinen früheren Lehrer: „keine Kabale, keine Sekte, kein Vortheil, kein Namen-Ehrgeiz hatte je für ihn den mindesten Reiz gegen die Erweiterung und Aufhellung der Wahrheit. Er munterte auf, und zwang angenehm zum Selbstdenken; Despotismus war seinem Gemüth fremde“.

Sieht man von 4 kurzen Programmschriften ab, die, den damaligen Universitätsverhältnissen entsprechend, zugleich der Ankündigung der Vorlesungen zu dienen hatten, so beginnt mit der Vorlesungstätigkeit in K.s schriftstellerischer Arbeit zugleich ein Zeitraum erneuten Schweigens. Er wird 1762 von einer Phase fast hektischer Produktivität abgelöst, →Benno Erdmann spricht mit Recht von der „erstaunlichen Productionskraft des Philosophen in diesen Jahren“. In ihnen tritt auch von der Stoffwahl her ein veränderter K. vor die Öffentlichkeit. Standen bis 1756 naturwissenschaftliche Themen ganz im Vordergrund des Interesses, so behandeln die Schriften der folgenden Jahre fast ausschließlich Fragen der Logik und Metaphysik auf der einen, der Ethik und Anthropologie auf der anderen Seite. Dem entspricht es, wenn in K.s Lehrtätigkeit mit dem Jahre 1763 die Vorlesungen über Mathematik ganz aufhören und die über theoretische Physik seltener werden.

Die erste Schrift, die in diese neue Produktionsphase gehört, ist K.s kurze Skizze über „Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren“, allem Vermuten nach eine Einladungsschrift für seine Vorlesungen des WS 1762/63. Auf sie folgt kurz darauf die Hauptschrift dieses Zeitabschnitts, „Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes“; sie ist nicht, wie das Titelblatt angibt, 1763, sondern schon im Dezember 1762 erschienen. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet K. jedoch bereits an seiner Antwort auf die Preisfrage der Berliner Akademie für das Jahr 1763, der „Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral“. Diese Abhandlung, die von K. kurz vor dem 31.12.1762 eingereicht wird, erhält am 2.6.1763 den zweiten Preis – der erste fällt an →Moses Mendelssohn – und erscheint im|Frühjahr 1764 im Drude. Vor allem diese beiden Schriften sind es, die K. lange vor der „Kritik der reinen Vernunft“ in ganz Deutschland als philosophischen Autor bekannt machen. Noch vor der Preisschrift aber erscheinen in dichter Folge 3 weitere Abhandlungen: 1763 der „Versuch, den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen“ (er hat der Philosophischen Fakultät am 3.6.1763 zur Zensur vorgelegen); im Januar 1764 die „Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen“, die K. im Herbst 1763 während der Semesterferien im Forsthaus Moditten, eine Meile von Königsberg entfernt, zu Papier bringt; und schließlich im Februar 1764 der „Versuch über die Krankheiten des Kopfes“, den K. anonym in den von Hamann herausgegebenen „Königsbergschen Gelehrten und Politischen Zeitungen“ veröffentlicht.

Die gemeinsame Idee, die allen diesen Schriften zugrunde liegt, ist das Programm der Analysis. Wie Mendelssohn, Tetens und andere führende Köpfe seiner Generation, die sich gegen den herrschenden Wolffianismus ihrer Zeit wenden, ist K. in diesen Jahren der Überzeugung, daß man in der Philosophie, vor allem „in der Metaphysik durchaus analytisch verfahren müsse, denn ihr Geschäfte ist in der That, verworrene Erkenntnisse aufzulösen“. Ähnlich emphatisch wie bald darauf Tetens erklärt er: „Es ist noch lange die Zeit nicht, in der Metaphysik synthetisch zu verfahren; nur wenn die Analysis uns wird zu deutlich und ausführlich verstandenen Begriffen verholfen haben, wird die Synthesis den einfachsten Erkenntnissen die zusammengesetzte, wie in der Mathematik, unterordnen können“. Beobachten, konkrete Erfahrungen zum Ausgang nehmen, komplexe Vorstellungen in einfachere auflösen – analysieren, das, und nur das, ist die angemessene Methode der Philosophie. Von ihr erwartet K. in dieser Etappe seines Denkens auch – ähnlich wie Mendelssohn, mit dem er 1766 in brieflichen Kontakt tritt – die Lösung jener Streitfragen, die ihn in den Jahren 1755/56 so stark beschäftigt hatten.

Freilich gelangt K. spätestens gegen Ende dieser Phase auch schon an die Grenzen, die einer solchen Konzeption von Philosophie gesetzt sind. In seiner Abhandlung über die negativen Größen versucht er zu zeigen, daß sich bestimmte Probleme wie das des „Realgrundes“, also der Verknüpfung von Ursache und Wirkung, oder der „Realentgegensetzung“ letztlich der Analysis entziehen. „Die logische Verknüpfung und Wiederstreit können analytisch erkannt werden und also rational, die reale nicht anders als empirisch“, konstatiert er zu dieser Zeit in seinen Notizen. Allem Vermuten nach liegt hier zumindest einer der Gründe, weshalb K. die zahlreichen Pläne und Projekte, die ihn in dieser eigentlichen Etappe der Analysis beschäftigen, unerledigt liegen läßt und in den folgenden Jahren auffällig wenig veröffentlicht. Die gegen Immanuel Swedenborg, aber mehr noch gegen die herrschende Metaphysik seines Zeitalters gerichteten „Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik“, die Anfang 1766 erscheinen, artikulieren noch einmal die genannte Schwierigkeit und lassen unüberhörbar skeptische Töne erklingen. In diesen Jahren entfernt sich K., ohne sich darüber schon selbst ganz im klaren zu sein, mehr und mehr von den Grundüberzeugungen und -stimmungen seiner eigenen Generation.

K.s materielle Lage ändert sich in allen diesen Jahren nach der Habilitation trotz seines wissenschaftlichen und pädagogischen Erfolges nur wenig. Seine Bewerbung (8.4.1756) um das Extraordinariat für Logik und Metaphysik, das sein Lehrer →Knutzen innegehabt hatte, bleibt ohne Erfolg, weil die preußische Regierung die Stelle im Blick auf den bevorstehenden 7jährigen Krieg unbesetzt läßt. Vergeblich ist auch die Bewerbung (vom 11./14.12.1758) um die ordentliche Professur für Logik und Metaphysik; trotz der massiven Unterstützung seines Mäzens →Franz Albert Schultz, der zu dieser Zeit Rektor ist, fällt die Professur an einen älteren (und dienstälteren) Kollegen names Bück. So lebt K. 15 Jahre lang im großen und ganzen von Hörgeldgebühren und Einnahmen aus der privaten Betreuung von Studenten. Die Angaben über die wirtschaftlichen Verhältnisse des Privatdozenten schwanken: düsteren Schilderungen – nach der Darstellung Jachmanns zum Beispiel ist K. in dieser Zeit gezwungen, „seine damals ansehnliche und auserlesene Bibliothek nach und nach zu veräußern“ – stehen Berichte gegenüber, denenzufolge K. in diesen Jahren über ein gesichertes, ja gutes Auskommen verfügt. Jedenfalls lehnt er im Sommer 1764, da er sich hier „nicht in seinem rechten Fache“ zu befinden glaubt, die ordentliche Professur für Dichtkunst an der Universität Königsberg ab, die ihm aufgrund einer ausdrücklichen Intervention des Ministeriums in Berlin angetragen wird. Erst knapp 2 Jahre später, mit 41 Jahren, erhält er seine erste, wenn auch äußerst bescheidene, festbesoldete Stelle: das mit 62 Talern im Jahr dotierte Amt des Subbibliothekars an der Königl Schloßbibliothek, das er bis 1772 gewissenhaft ausübt.

Der Übergang zur Kritik der reinen Vernunft (1769–81)

Gegen Ende der 60er Jahre bahnen sich jedoch in K.s beruflicher Situation von verschiedenster Seite her tiefgreifende Veränderungen an. Im Herbst 1769, K. ist mittlerweile 45, erhält er seinen ersten Ruf, und zwar auf den im Zuge einer umfassenden Universitätsreform neugeschaffenen ordentlichen Lehrstuhl für theoretische Philosophie (Logik und Metaphysik) an der Universität Erlangen. Die Erwartungen, die mit dieser Berufung verknüpft sind, lassen sich aus den Universitätsakten noch mit ziemlicher Deutlichkeit erkennen: nicht „Sektierer“, sondern „Männer, in die man ein Vertrauen hätte“, sollten durch die Reform nach Erlangen gezogen werden. K. lehnt den Ruf jedoch postwendend ab; die Gründe, die er für seine Absage anführt, liegen auf verschiedener Ebene: greifbare Berufungschancen an seiner eigenen Universität, die „Anhänglichkeit“ an seine „Vaterstadt“, ein „ziemlich ausgebreiteter Kreis von Bekannten und Freunden“ sowie seine „schwächliche Leibesbeschaffenheit“. Kaum einen Monat darauf erreicht K. ein neues, nicht weniger ehrenvolles auswärtiges Angebot: eine Anfrage der Universität Jena, die er offenbar auch abschlägig beschieden hat. Ein Vierteljahr später aber erhält K. die Stelle, die er seit vielen Jahren angestrebt hat: die ordentliche Professur für Logik und Metaphysik an der Universität Königsberg; am 2.5.1770 wird er feierlich in sein Amt eingeführt.

Aus diesem Anlaß schreibt K. für die „in denen statutis Academicis verordnete öffentliche und solenniter zu haltende Disputationes“ seine letzte und wichtigste lateinische Dissertation „De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis“. Die Disputation findet, von der begeisterten Anteilnahme seiner Studenten, die ein eigenes Huldigungsgedicht drucken lassen, begleitet, am 21.8.1770 statt, Respondent ist der jüdisch Medizinstudent →Markus Herz, schon bald darauf einer der führenden Köpfe der Berliner Aufklärung. Die genannte Schrift, die K. in späteren Jahren immer wieder als die entscheidende Vorarbeit für die „Kritik der reinen Vernunft“ betrachtet hat, fällt in eine Übergangsphase, in der sich im Denken K.s schwerwiegende Veränderungen vollziehen („Das Jahr 69 gab mir großes Licht“, heißt es in der berühmten autobiographischen Reflexion 5037), und ist daher wohl weniger die abschließende Fixierung eines Standpunktes als vielmehr ein momentaner Querschnitt durch einen noch mitten in Gang befindlichen Reflexionsprozeß. Die Abhandlung basiert auf einer rigorosen Zweiteilung. Das sinnliche Erkenntnisvermögen mit den ihm zugrunde liegenden Anschauungsformen von Zeit und Raum ist der Grund der Form der Sinnenwelt. Es ist auf den Bereich der „Erscheinungen“, der „Phaenomena“, eingeschränkt und vermag die res „sicuti sunt“, die „Dinge an sich“, nicht zu erkennen (diese genau umgrenzte Position hat K. in der „Kritik der reinen Vernunft“ als „transzendentalen Idealismus“ bezeichnet). Der Verstand dagegen ist imstande, mit Hilfe der ihm (a priori) eigenen Begriffe und Grundsätze die Welt der Dinge an sich, der „Noumena“, zu erfassen und zu der Erkenntnis zu gelangen, daß deren wechselseitige Verknüpfung untereinander – ihre „Form“ – im Geschaffensein der Dinge durch Gott ihren Grund hat. Eben diese Zweiteilung gibt K. auch eine neue Lösungsmöglichkeit für jene Streitfragen der Metaphysik an die Hand, die ihn in den vorangegangenen Etappen seines Denkens so intensiv beschäftigt hatten. Alle diese Kontroversen, so meint K. jetzt, wurzeln in einer Vermischung oder Vertauschung der Gesetze der Sinnlichkeit und des Verstandes, einer „permutatio intellectualium et sensitivorum“; die Einsicht in deren grundsätzliche Verschiedenheit ist daher zugleich der so lange gesuchte Schlüssel für die Auflösung der Streitfragen (für die K. bald darauf den Terminus „Antinomien“ verwenden wird).

Der Versuch, die Dissertation von 1770 zu überarbeiten und um „ein paar Bogen“ zu erweitern, verstrickt K. schon bald in einen Reflexionsprozeß, der sich wider Erwarten über 10 Jahre hinzieht und schließlich zur „Kritik der reinen Vernunft“ führen wird. K. entwirft dabei, wie vor allem der Briefwechsel mit Herz anschaulich dokumentiert, eine ganze Reihe von Plänen und Projekten, unter anderem – in Anlehnung an Lambert – eine Phaenomenologia generalis (um ein Haar also hätte K. statt der „Kritik der reinen Vernunft“ eine Art „Phänomenologie des Geistes“ geschrieben) und ein Werk über „Die Grentzen der Sinnlichkeit und der Vernunft“. Alle diese Entwürfe sind von der Hoffnung begleitet, die Probleme „in Kurtzem zur völligen Deutlichkeit zu bringen“, werden aber immer wieder von neuen Überlegungen überholt und durchkreuzt.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Problem der Geltung der apriorischen Begriffe des menschlichen Verstandes (der Kategorien Es taucht erstmals, und zwar ausdrücklich als neue Fragestellung charakterisiert, in K.s Brief an Herz vom 21.2.1772 auf: „wie mein Verstand gäntzlich a priori sich selbst Begriffe von Dingen bilden soll, mit denen nothwendig die Sachen einstimmen sollen, … diese Frage hinterläßt immer eine Dunckelheit in Ansehung unsres Verstandesvermögens“. Die Antwort, zu der K. schließlich in der „Kritik der reinen Vernunft“ gelangt – sie bildet den Inhalt der „Transscendentalen Deduction der reinen Verstandesbegriffe“ –, führt zu einer schwerwiegenden Korrektur an den Grundpositionen der Dissertation. Auch der Verstand, so erklärt K. jetzt, ist nicht imstande, die Dinge an sich zu erkennnen. Seine apriorischen Begriffe gewinnen ihre Geltung allein aus ihrer Notwendigkeit für die Konstitution der Erfahrungswelt, des „mundus sensibilis“. Sie sind nötig, um die Vielfalt der sinnlichen Eindrücke zu einer geordneten Welt der Erfahrung zu verbinden (und so die empirische Einheit des Bewußtseins herzustellen), aber eben deshalb auch nur für diese gültig. Der „mundus intelligibilis“, die wahre, unverschleierte Wirklichkeit, ist dem Menschen – genauer: dem theoretischen Erkennen des Menschen – unabänderlich verschlossen.

Diese Position bringt es zwangsläufig mit sich, daß sich im Denken K.s mehr und mehr das Problem der Verbindung, der „Synthesis“, in den Vordergrund schiebt. Es markiert gegenüber den 60er Jahren einen deutlichen Wendepunkt. Nicht mehr die Theorie der Analysis, sondern die Theorie der Synthesis steht jetzt im Zentrum der Überlegungen K.s. War jene Konzeption der Analysis mehr oder weniger Ausdruck einer allgemeinen Zeitstimmung, so ist diese das genuine Resultat seines eigenen Nachdenkens.

Mit der Absage an eine theoretische Erkenntnis des „mundus intelligibilis“ gerät aber auch die Lösung, die K. 1770 für sein altes, nach wie vor akutes Problem, die Streitfragen der Metaphysik, gefunden hatte, abermals ins Wanken, ja diese treten erst jetzt in ihrer ganzen Schärfe als Antinomien zutage. Wenn auch die Gesetze des Verstandes ebenso wie die der Sinnlichkeit nur für die Welt der Erscheinungen gelten und also prinzipiell die gleiche Funktion haben, dann kann ihre Vertauschung nicht der wahre Grund, ihre Separierung nicht die wahre Auflösung der Streitfragen sein. So kommt es zwischen 1770 und 1781 zur Ausarbeitung einer eigenen Antinomienlehre, die den Widerspruch in die Vernunft selbst verlegt. Nicht mehr die Vermischung von Sinnlichkeit und Verstand, sondern die Verwechslung von „Erscheinung“ und „Ding an sich“, von „mundus sensibilis“ und „mundus intelligibilis“, erscheint jetzt als die Wurzel der Antinomien. Für jede der beiden Welten gelten andere Gesetze, die menschliche Vernunft selbst ist antinomisch strukturiert (und bedarf daher auch selber der Kritik). Die einzelnen Antinomien lassen sich demgemäß zwar durchschauen und in diesem Sinn „auflösen“, aber sie sind und bleiben unaufhebbar: Die „Dialektik“ ist ein wesentlicher Zug der menschlichen Vernunft, ein Signum ihrer Endlichkeit.

Alle diese Überlegungen und Entwürfe sind das Resultat eines Arbeitsprozesses, dessen wachsende Anspannung in gelegentlichen Äußerungen gegenüber Herz für einen Augenblick durchbricht. So heißt es zum Beispiel am 24.11.1776: „Ich empfange von allen Seiten vorwürfe, wegen der Unthatigkeit, darinn ich seit langer Zeit zu seyn scheine und bin doch wirklich niemals systematischer und anhaltender beschäftigt gewesen“. „Es gehöret … Hartnäckigkeit dazu, einen Plan, wie dieser ist, unverrückt zu befolgen“. Rückblickend schreibt K. am 7.8.1783 an Garve, daß er die „Kritik der reinen Vernunft“ mit allen ihren Mängeln um keinen Preis „ungeschrieben wissen möchte, aber auch um keinen Preis die lange Reihe von Bemühungen, die dazu gehöret haben, noch einmal übernehmen möchte“. Die „Hartnäckigkeit“ dieser Jahre bleibt nicht ohne Auswirkungen auf K.s Lebensführung. So schränkt er seine Vorlesungstätigkeit in der Regel auf 14, im SS 1772 sogar auf 10 Wochenstunden ein. Für 10 Jahre verzichtet er so gut wie ganz auf jede Publikation. Eine anonym erschienene Rezension über Moscatis Abhandlung „Von dem Körperlichen wesentlichen Unterschiede zwischen der Structur der Thiere und Menschen“ (1771), eine Vorlesungsankündigung aus dem Bereich der physischen Geographie „Von den verschiedenen Racen der Menschen“ (1775) und zwei kurze, enthusiastische Zeitungsbeiträge für das Dessauer Philanthropin (1776 u. 1777) sind alles, was in diesen 10 Jahren von K. erscheint. Immer wieder berichtet er über „Unpäßlichkeiten“ und „indispositionen“. Zwei Rufe, die er in diesem Zeitraum erhält, der erste (1776) an die eben gegründete Academia Petrina in Mitau, der zweite (1778) an die Universität Halle auf den Lehrstuhl Wolffs, den angesehensten philosophischen Lehrstuhl Preußens, lehnt K. fast schon wie ärgerliche Störungen ab. Die Nachrichten über sein Auftreten in der Königsberger Gesellschaft werden seltener, an die Stelle spontaner Beziehungen treten allmählich feste Verbindungen und gesellschaftliche Verpflichtungen, ja, einzelne Äußerungen lassen möglicherweise auf eine tiefgehende Entfremdung schließen. In der täglichen Lebensführung beginnt ein „eigentümlicher Mechanisierungsprozeß“ des äußeren zugunsten des inneren Lebens (Heller). Vieles spricht dafür, daß sich in diesen Jahren – und nicht erst nach 1781 – der „Übergang vom eleganten Magister zum alten Kant“ (Lehmann) vollzieht.

Die Durchführung des kritischen Systems (1781–96)

In merkwürdigem Kontrast zu dieser langen Zeit der Ausarbeitung geschieht die Niederschrift der „Kritik der reinen Vernunft“ nach K.s eigenem wiederholtem Bericht „gleichsam im Fluge“ in „etwa 4 bis 5 Monathen“. Diese Zeitangaben nötigen zu der Annahme, daß K. dabei auf umfangreiche schriftliche Vorarbeiten zurückgegriffen hat; zahlreiche Schwierigkeiten des Werks mögen sich von hier aus erklären. Das Buch erscheint im Mai 1781. Es bleibt jedoch, wie K. betroffen registriert, für längere Zeit so gut wie ohne Echo. →Moses Mendelssohn, auf dessen Urteil K. in besonderem Maße gerechnet hatte, legt es wie zahlreiche andere Leser irritiert „zur Seite“. Die erste Rezension, von Garve verfaßt und von Feder gekürzt, wenn nicht verstümmelt, die am 19.1.1782 anonym in den „Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen“ erscheint, ist mit Ironie getränkt. Der Königsberger Professor der Mathematik Johann Schultz, einer der engsten Kollegen K.s, gibt der herrschenden Stimmung Ausdruck, wenn er 1784 in seinen „Erläuterungen über des Herrn Professor K. Critik der reinen Vernunft“ bedauernd erklärt, „daß man fast allgemein über unüberwindliche Dunkelheit und Unverständlichkeit“ dieser Schrift klage, ja, „daß sie selbst für den größten Theil des gelehrten Publikums eben so viel ist, als ob sie aus lauter Hieroglyphen bestünde“.

Das Gefühl der inneren Befreiung und der Erwartung weicht damit bei K. in wachsendem Maße einem Gefühl der Enttäuschung und der Isolierung. Das Wissen um das heranrückende Alter verbindet sich bei ihm mit dem Bewußtsein, mit den neuen Einsichten der „Kritik“ ganz auf sich gestellt zu sein. Aus solcher Konstellation heraus macht sich K. gewissermaßen im Alleingang an die Ausarbeitung des Gesamtsystems der kritischen Philosophie (für die er häufig auch den traditionsbeladenen Ausdruck „Transzendentalphilosophie“ verwendet). Es beginnt eine Zeit unerbittlicher schriftstellerischer Arbeit. Trotz der Last zahlreicher akademischer Ämter und Verpflichtungen, über die K. immer wieder klagt – unter anderem wird er in diesen Jahren zweimal, im SS 1786 und im SS 1788, Rektor – erscheinen in schneller Folge die großen epochemachenden Werke, die das kritische System Stück um Stück der Vollendung näher bringen. Die erste Schrift freilich, die K. nach der „Kritik der reinen Vernunft“ veröffentlicht, artikuliert noch einmal, wenn auch aus anderem Blickwinkel, die Grundgedanken seines Hauptwerks und versucht damit, der – wie K. selbst zugesteht – „gerechten“ „Beschwerde“ über eine „gewisse Dunkelheit“ der „Kritik“ abzuhelfen. Es sind dies die „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können“, die – mit einer schneidenden Erwiderung auf die „Götting. Rezension“ als Anhang – im Frühjahr 1783 herauskommen. Zwei Jahre darauf, im April 1785, erscheint die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ mit den nachgerade klassisch gewordenen Formulierungen des kategorischen Imperativs („handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde“), in der K. – im Gegensatz zur herrschenden „Glückseligkeitsethik“ seiner Zeit – die Grundzüge einer „Pflichtethik“ zu entwickeln sucht. Auch sie ist das Resultat langjähriger Überlegungen: erste Pläne oder Vorarbeiten zu einer Schrift, die „gleichsam die Metaphysic der Sitten“ zum Thema haben sollte, gehen bis in die Mitte der 60er Jahre zurück, der Plan zu einer eigenen „Grundlegung“ einer solchen „metaphysischen“ Disziplin innerhalb der praktischen Philosophie mindestens bis Anfang 1784. In mancherlei Hinsicht eine Art Gegenstück dazu bilden im Felde der theoretischen Philosophie die „Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft“, die K. im Sommer 1785 – und zwar wiederum im Rückgriff auf weit zurückliegende Überlegungen – als notwendige Vorarbeit zur eigentlichen „Metaphysik der Natur“ ausarbeitet; sie erscheinen im Frühjahr 1786.

Zu eben diesem Zeitpunkt ist K. bereits von einer weiteren schriftstellerischen Aufgabe in Anspruch genommen: er arbeitet an „einer neuen sehr umgearbeiteten Auflage“ der „Kritik der reinen Vernunft“, deren erste mittlerweile vergriffen ist. (Das sachliche Verhältnis dieser beiden Auflagen gehört bis heute zu den zentralen, immer wieder aufgeworfenen Problemen der K.-Forschung.) Aufgrund seines ersten Rektorats, bei dem|K. unter anderem die Huldigungsfeierlichkeiten der Universität für den gerade gekrönten König Friedrich Wilhelm II. zu arrangieren hat, zieht sich diese Arbeit bis in den April 1787 hin, doch liegt die 2. Auflage schon 2 Monate später im Druck vor. Zugleich faßt K. in diesem Zeitraum entgegen früheren Plänen den Entschluß, seiner ersten Kritik – die er daher jetzt des öfteren, um wenigstens nachträglich die Parallelität herzustellen, als Kritik der „reinen speculativen“ beziehungsweise „reinen (theoretischen)“ Vernunft bezeichnet – eine zweite, die „Kritik der praktischen Vernunft“, folgen zu lassen, mit der er die Ansätze der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ weiterzuführen und gegen Einwände zu verteidigen sucht. Sie proklamiert ausdrücklich den „Primat“ der „praktischen“, das heißt auf das Handeln des Menschen bezogenen, vor der theoretischen Vernunft. Nur die erstere ist imstande, Recht und Wahrheit der Ideen von „Gott, Freiheit und Unsterblichkeit“ positiv zu erweisen. Eine wichtige Neuerung gegenüber der „Grundlegung“, aber auch gegenüber der „Kritik der reinen Vernunft“ ist dabei der Gedanke einer eigenen „Dialektik der reinen praktischen Vernunft“ – die großen Streitfragen der Philosophie, der alte Stachel seines Denkens, gewinnen für K. offenbar von neuem, jetzt im Felde der praktischen Philosophie, zentrale Bedeutung. Neben die Antinomie der theoretischen tritt eine Antinomie der praktischen Vernunft. Das Manuskript dieser zweiten Kritik gelangt im Juli 1787 zum Abschluß, die ersten gedruckten Exemplare hat K., obwohl das Titelblatt 1788 schreibt, bereits im Dezember 1787 in Händen.

Noch vor Abschluß dieser Arbeiten ist K. abermals mit neuen Überlegungen und Plänen beschäftigt, die das Gesamtsystem der kritischen Philosophie tiefgreifend verändern beziehungsweise erweitern und 3 Jahre später zu seiner dritten und letzten Kritik führen werden, der „Kritik der Urtheilskraft“, die von manchen als „das gewaltigste seiner Werke“ (Windelband) betrachtet wird. Erste Anzeichen für einen solchen Umbau des kritischen Systems lassen sich bereits in der 2. Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“ und in der „Kritik der praktischen Vernunft“ erkennen. Doch hat K. zunächst offenbar sehr viel weniger umfassende Projekte im Auge: im Katalog der Ostermesse 1787 kündigt sein Verleger Hartknoch (voreilig) „Kants Grundlegung zur Kritik des Geschmacks“ an – die Parallele zur „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ liegt zumindest nahe; auch in K.s Briefen ist zunächst nur von einer „Grundlage der Kritik des Geschmacks“ die Rede, dann, seit Dezember 1787, gleichsam als zweiter Schritt, von einer „Critik des Geschmaks“ selber. Die weitere Vertiefung in die damit verbundenen Probleme führt K. jedoch schließlich dazu, die ästhetische Thematik der Schönheit und der Kunst mit der teleologischen Thematik des Organischen in einem und demselben Werk zu verbinden: beide Bereiche finden jetzt in dem Vermögen der „reflectirenden Urtheilskraft“ ein gemeinsames apriorisches Prinzip. So berichtet K. am 12.5.1789 dem Jenaer Philosophieprofessor →Karl Leonhard Reinhold – dessen „Briefe über die Kantische Philosophie“ (1786/87) bei der Durchsetzung der kritischen Philosophie eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben – von einer neuen, umfassenden Schrift: der „Critik der Urtheilskraft (von der die Critik des Geschmacks ein Theil ist)“. In der Tat enthält denn auch das gedruckte Werk, das Ostern 1790 erscheint, zwei fast gleich starke Teile: die „Kritik der ästhetischen“ und die „Kritik der teleologischen Urtheilskraft“.

Mit der Arbeit an der „Kritik der Urtheilskraft“ läuft jedoch spätestens seit dem Frühjahr 1789 noch eine andere Arbeit parallel, die K. über Jahre hinweg stark beschäftigen wird. Sie dient nicht der Ausarbeitung des kritischen Systems, sondern seiner Verteidigung gegen die Angriffe von Seiten des sogenannten Dogmatismus (beziehungsweise der Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie). Der Gegner, gegen den sich K. hier mit befremdlicher Heftigkeit zur Wehr setzt, ist der Verfasser der „Neuen Apologie des Socrates“, Johann August Eberhard, seit 1778 – also seit der Ablehnung des Rufes durch K. – Professor der Philosophie in Halle. Eberhard, ein gewiß nicht unbedeutender Vertreter der deutschen Aufklärungsphilosophie, hatte Ende 1788 in Halle das „Philosophische Magazin“ gegründet, und die eigentliche Stoßrichtung der neuen Zeitschrift galt unmißverständlich der von der Kritik vollzogenen philosophischen „Revolution“. K.s wichtigste Reaktion auf diese Angriffe ist eine Schrift, die gleichzeitig mit der „Kritik der Urtheilskraft“ Ostern 1790 erscheint und den sarkastischen Titel trägt: „Über eine Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht werden soll“. Darüber hinaus aber unterstützt K. Reinhold und seinen Königsberger Kollegen Schultz bei ihren Rezensionen des „Magazins“ in der Jenaer „Allgemeinen Literatur-Zeitung“, dem wichtigsten Kampforgan der sich formierenden Kantianer, wiederholt mit umfangreichen schriftlichen Vorlagen. Auch seine Ausarbeitungen „über die von der Königlich Akademie der Wissenschaften zu Berlin für das Jahr 1791 ausgesetzte Preisfrage: Welches sind die wirklichen Fortschritte, die die Metaphysik seit Leibnitzens und Wolf's Zeiten in Deutschland gemacht hat?“ – sie sind wahrscheinlich in den Jahren 1793/94 entstanden und wurden 1804 von Friedrich Theodor Rink kurz nach dem Tode K.s veröffentlicht – gehören vermutlich in diesen Zusammenhang. Die Bedeutung dieser langen, erbittert geführten Kontroverse mit der „Schulphilosophie“ ist teilweise außerordentlich hoch veranschlagt worden, ja Vaihinger sieht in ihr die eigentliche „Peripetie des Kantianismus“ und die Vorbereitung der idealistischen Philosophie.

Zur Überraschung vieler Zeitgenossen entfaltet K. neben dieser stupenden wissenschaftlichen Arbeit auch noch eine kaum weniger intensive publizistische Tätigkeit „Unser Pr. Kant … wird auf seine alten Tage der fleißigste Autor, wie aus sn Beyträgen zur Berl. Monathsschrift zur allgemeinen Litteraturzeitung, wo er Herder recensirt, zu ersehen“, witzelt Hamann am 9.3.1785 gegenüber Lindner. In der von Biester und Gedike 1783 gegründeten „Berlin. Monatsschrift“, die sich bald zum führenden Organ der deutschen Aufklärung entwickelt, veröffentlicht K. zwischen 1784 und 1796 nicht weniger als 15 Beiträge. Ihre Themen reichen von der Politik und Geschichtsphilosophie bis hin zur physischen Geographie. Die „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ (1784), die „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (1784) und die Abhandlung „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ (1793) sind hier erschienen. In der „Allgemeinen Literatur-Zeitung“ erregt K. vor allem durch seine skeptischen Rezensionen von Herders „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (1785) starkes Aufsehen. In Wielands „Teutschem Merkur“ erscheint der Aufsatz „Über den Gebrauch teleologischer Principien in der Philosophie“ (1788).

In engem Zusammenhang mit dieser publizistischen Tätigkeit für die „Berlin. Monatsschrift“ steht eines der vielschichtigsten und verwickeltsten Kapitel der Biographie K.s: die politischen Schwierigkeiten während der sogenannten Ära Wöllner, die seine Altersjahre in wachsendem Maße überschatten. Schon im September 1786, wenige Wochen nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms II, äußert K. die Befürchtung, er werde „von seinem Brod … kommen“. Doch ändert sich an seiner äußeren Lage zunächst wenig, ja er wird sogar Ende 1786 Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und erhält Anfang 1789, also mit 64 Jahren, als Zeichen der „wahren Zufriedenheit“ des Monarchen eine nicht unbeträchtliche Gehaltszulage; das entsprechende Reskript ist von dem neuen Kultusminister Johann Christoph von Wöllner unterzeichnet. Im Sommer 1791 freilich kursieren in Berlin bereits Gerüchte, man habe K. „das fernere Schreiben untersagt“.

Der eigentliche „Zensurkonflikt“ K.s entzündet sich an seiner späteren religionsphilosophischen Hauptschrift über „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. „Das ganze Werk sollte“ nämlich ursprünglich, wie K. dem Göttinger Theologieprofessor Stäudlin am 4.5.1793 berichtet, „in 4 Stücken in der Berliner Monats Schrift, doch mit der Censur der dortigen Commission herauskommen“. Was K. veranlaßt hat, die Arbeit ohne Not der berüchtigten Berliner Immediat-Examinations-Kommission vorzulegen und den Konflikt damit geradezu heraufzubeschwören, ist nicht mit Sicherheit auszumachen – da die „Monatsschrift“ damals bereits in Jena, also im Ausland, gedruckt wurde, fiel sie, wie K. sehr wohl wußte, juristisch gesehen gar nicht mehr unter deren Zuständigkeit. Jedenfalls passiert das 1. Stück unbeanstandet die Berliner Zensur und erscheint im April 1792 wie geplant unter dem Titel „Ueber das radikale Böse in der menschlichen Natur“; dem zweiten dagegen verweigern die Zensoren Gottlob Friedrich Hühner und Hermann Daniel Hermes am 14.6.1792 die Druckerlaubnis. Eine Eingabe Biesters (vom 15. Juni) und ein außerordentlich mutiges Immediatgesuch desselben an den König (vom 20. Juni) bleiben ohne Erfolg. Angesichts dieser Sachlage entschließt sich K., die vier Beiträge zusammen als Buch zu veröffentlichen. Zur Erlangung der Druckerlaubnis unternimmt er zwei Schritte. Zunächst ersucht er die Theologische Fakultät in Königsberg um die Klärung der Vorfrage, ob die Schrift überhaupt in den Kompetenzbereich der Theologie falle. Nach dem gewünschten und erwarteten negativen Bescheid erhält er dann von Justus Chrst. Hennings, dem Dekan der Philosophischen Fakultät in Jena, wo die Schrift gedruckt wurde, das eigentliche Imprimatur. Bereits Ostern 1793 liegt das Werk im Druck vor.

Während sich in Berlin bereits das Gewitter über K. zusammenbraut – „mit Kantens schädlichen Schriften muß es auch nicht länger fortgehen“, schreibt Friedrich Wilhelm II. am 30.3.1794 eigenhändig an Wöllner – und in Deutschland die verschiedensten Gerüchte („Inquisizion gegen Kant“, Amtsenthebung, Verbannung, Emigration) umlaufen, veröffentlicht K. im Juni 1794 in Biesters „Monatsschrift“ („ehe noch das Ende Ihrer und meiner Schriftstellerey eintritt“) einen weiteren religionsphilosophischen Beitrag über „Das Ende aller Dinge“. In ihm charakterisiert er ein „mit gebieterischer Autorität bewaffnetes“ Christentum (wie Wöllner es praktizierte) als Herrschaft des „Antichrist“, der eben damit „sein (vermuthlich auf Furcht und Eigennutz gegründetes), obzwar kurzes Regiment anfangen“ würde. Über das mit diesem Beitrag verbundene Risiko ist K. sich offensichtlich im klaren; er ist auf alles gefaßt: „überzeugt, jederzeit gewissenhaft und gesetzmäßig gehandelt zu haben, sehe ich dem Ende dieser sonderbaren Veranstaltungen ruhig entgegen“.

Etwa 3 Monate später erhält der 70jährige K., der auf der Höhe seines Ruhms steht, ein scharfes, von Wöllner selbst unterschriebenes Königliches Reskript (vom 1.10.1794). Es gipfelt in der unverhohlenen Drohung, K. habe sich „bei fortgesetzter Renitenz unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen“. In einem ausführlichen Antwortschreiben weist K. zunächst den Vorwurf Wöllners zurück, er habe seine Philosophie „zu Entstellung und Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der heiligen Schrift und des Christenthums mißbraucht“. Am Schluß seines Schreibens aber tut K. –zur Überraschung seiner Freunde wie seiner Gegner – wie so häufig das gänzlich Unerwartete: er verzichtet in aller Form auf jede weitere Äußerung im Felde der Religionsphilosophie. Seine diesbezügliche Erklärung lautet: „so halte ich, um auch dem mindesten Verdachte darüber vorzubeugen, für das Sicherste, hiemit, als Ew. Königliche Maj. getreuester Unterthan, feierlichst zu erklären: daß ich mich fernerhin aller öffentlichen Vorträge die Religion betreffend, es sei die natürliche oder geoffenbarte, sowohl in Vorlesungen als in Schriften gänzlich enthalten werde“. Die Sorge, bei einer längeren Diskussion im Hin und Her von Anklage und Verteidigung zu mehrdeutigen oder mißverständlichen Äußerungen über die Sache gedrängt zu werden, mag bei dieser – immer wieder diskutierten und umstrittenen – Entscheidung eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Nach dem Tode Friedrich Wilhelms II. hat K. die genannten beiden Schriftstücke 1798 in seiner Abhandlung „Der Streit der Facultäten“ selber der Öffentlichkeit vorgelegt. Zu der Formulierung „als Ew. Königliche Maj. getreuester Unterthan“ bemerkt er dabei: „Auch diesen Ausdruck wählte ich vorsichtig, damit ich nicht der Freiheit meines Urtheils in diesem Religionsproceß auf immer, sondern nur so lange Se. Maj. am Leben wäre, entsagte.“

Zuvor aber verlagert K., weit entfernt von Resignation oder Mutlosigkeit, seine schriftstellerische Arbeit auf ein anderes, kaum weniger brisantes Tätigkeitsfeld: das Feld des Politischen. Etwa ein Jahr nach dem Reskript Wöllners, im Herbst 1795, erscheint seine Schrift „Zum ewigen Frieden“. Sie findet eine ungewöhnlich rasche Verbreitung: die 1. Auflage von 2 000 Exemplaren ist in kürzester Zeit vergriffen, noch im gleichen Jahr wird vom Verleger ein Nachdruck hergestellt, bereits ein Jahr später kommt die 2. „vermehrte“ Auflage heraus. Zwei französische Übersetzungen erscheinen 1795 in Bern und 1796 in Königsberg.

Die letzten Schriften, die K. noch selbst zum Abschluß bringt, fallen fast ausnahmslos in den Bereich der praktischen Philosophie. Ihr leitendes Interesse gilt nun aber nicht mehr wie in den 80er Jahren der Grundlegung und Kritik, sondern der inhaltlichen, „doctrinalen“ Ausführung und Vervollständigung des kritischen Systems, oder anders formuliert: der Anwendung der kritischen Grundsätze auf die konkreten Probleme menschlichen Handelns. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der „Metaphysik der Sitten“ zu, die K.s System der Moralphilosophie enthält. Die Pläne zu einem solchen Werk, dessen Idee (darauf hat neuerdings Giorgio Tonelli hingewiesen) innerhalb der Geschichte der praktischen Philosophie ohne Vorläufer zu sein scheint, lassen sich zwar, wie schon ausgeführt, bis in die 60er Jahre zurückverfolgen und treten nach 1785 auch wieder mehr in den Vordergrund, ihre endgültige Realisierung aber scheint, nach den Zeugnissen des Briefwechsels zu urteilen, erst Anfang der 90er Jahre, also erst nach Abschluß der gesamten kritischen Arbeit, in Gang zu kommen. Jedenfalls spricht K. im Dezember 1792 von seiner „unter Händen habenden Metaphysik der Sitten“, im Mai 1793 von der „vorhabenden Metaphysik der Sitten“. Das Werk kommt in 2 Teilen heraus:|Ende 1796 oder Anfang 1797 erscheinen die „Metaphysischen Anfangsgründe der Rechtslehre“, im Spätsommer 1797 die „Metaphysischen Anfangsgründe der Tugendlehre“. Fast gleichzeitig veröffentlicht K. in den von Biester herausgegebenen „Berlin. Blättern“, dem Nachfolgeorgan der „Berlin. Monatsschrift“, den Aufsatz „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“, der gemeinhin als ein besonders krasses Beispiel des sogenannten K.schen Rigorismus verstanden (oder mißverstanden) und kritisiert wird.

Im darauffolgenden Jahr schließlich erscheint K.s „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“, die gleichsam den empirischen Teil der praktischen Philosophie abdeckt. Ihr Thema sind nicht die „reinen“, a priori einsichtigen Imperative des moralischen Verhaltens (der „Sittlichkeit“), sondern die auf Beobachtung und Lebenserfahrung beruhenden Regeln des pragmatischen Umgangs mit Menschen (der „Klugheit“). Diese Schrift, ihre Ausarbeitung fällt allem Vermuten nach in die Jahre 1796/97, nimmt unter K.s Veröffentlichungen eine Sonderstellung ein: sie geht auf die Anthropologievorlesungen zurück, die K. seit dem WS 1772/73 regelmäßig gehalten hat, und ist die einzige Vorlesung, die noch von ihm selbst für den Druck ausgearbeitet worden ist. Zahlreiche Unausgeglichenheiten des Werks, nicht zuletzt die Schwankungen im Begriff der „pragmatischen Anthropologie“ selber, sind wohl auf diese Art der Entstehung zurückzuführen.

Seine übrigen Vorlesungen sind nicht mehr von K. selbst (der allem Vermuten nach im SS 1796 sein letztes Kolleg gehalten hat) veröffentlicht worden. Vielmehr geht K. Anfang des Jahres 1799 daran, die „Koncepte“ und „Papiere“, nach denen er seine Vorlesungen gehalten hatte, zwei jüngeren Kollegen, die früher einmal zu seinen Hörern gezählt hatten, zu übergeben und ihnen die Bearbeitung und Drucklegung derselben zu übertragen. So erscheint 1800, herausgegeben von Gottlieb Benjamin Jäsche, „Immanuel Kants Logik, Ein Handbuch zu Vorlesungen“. 1802 gibt Rink „Immanuel Kant's physische Geographie“, 1803 K.s Vorlesungen „über Pädagogik“ heraus. Durch die umfassende Veröffentlichung des K.schen Nachlasses im Rahmen der Akademie-Ausgabe von „Kant's gesammelten Schriften“ (1911-55) sind diese Ausgaben, so interessant sie für die Wirkungsgeschichte der K.schen Philosophie auch nach wie vor sein mögen, weitgehend überholt und relativiert. Nach seinem Tode sind auch zahlreiche andere Vorlesungen K.s aufgrund von Nachschriften veröffentlicht worden. Von ihnen können hier nur die wichtigsten angeführt werden, so die „Vorlesungen über die philosophische Religionslehre“ (1817) und die „Vorlesungen über die Metaphysik“ (1821), beide herausgegeben von K. H. L. Pölitz, sowie die Vorlesungen über „Menschenkunde oder philosophische Anthropologie“ (1831), herausgegeben von Fr. Ch. Starke [= →Johann Adam Bergk]. Die exakte wissenschaftliche Edition und Analyse aller dieser Vorlesungen, die eine wichtige Ergänzung zu den gedruckten Werken bilden, ist bis heute nicht abgeschlossen.

Das Alterswerk (1796–1804)

K.s letzte Lebensjahre sind in wachsendem Maße von Alterserscheinungen überschattet. Nach den Angaben des Predigers Ehregott Andreas Christoph Wasianski, der in den 70er Jahren K.s „Amanuensis“, also eine Art Hilfsassistent, gewesen ist und dem K. im November 1801 die gänzliche Führung seiner Geschäfte anvertraut, machen sich schon 1799 die ersten Anzeichen des Verfalls bemerkbar: „Kopfbedrückungen“, „Abnahme seines Gedächtnisses“, Verlust des Zeitmaßes und so weiter. Sein großer Verstand, so heißt es bei Wasianski, schlug zwar noch „oft in lichten, selbst blendenden Flammen wieder auf“, loderte aber „bisweilen nur noch unter der Asche“. Die wenigen Briefe, die von K. aus den Jahren 1799-1803 erhalten sind, und der Nachlaß bestätigen dieses Bild.

So kommt es, daß das letzte von K. in Angriff genommene große Werk, das sogenannte „Opus postumum“, das in wichtigen Punkten frühere Auffassungen K.s bewußt zu korrigieren scheint, nicht mehr zum Abschluß gelangt und am Ende nicht der System-, sondern der Prozeßdenker das letzte Wort behält. Die Pläne zu diesem Werk, „das vom Uebergange von der Metaphysik der Natur zur Physik handeln sollte“ (Wasianski), scheinen bis zum Anfang der 90er Jahre zurückzugehen, der früheste zusammenhängende Entwurf (der sogenannte „Oktaventwurf“) stammt nach den Feststellungen von →Erich Adickes aus der Zeit um 1796. K. scheint diesem Werk, an dem er noch in seinem letzten Lebensjahr arbeitet, außerordentliche Bedeutung beigemessen zu haben; nach den Angaben Borowskis und Jachmanns sah er in ihm den „Schlußstein seines ganzen Lehrgebäudes“, nach der Darstellung Hasses sein „Hauptwerk“, sein „Chef d'oeuvre“. In einem Brief an Garve vom 21.9.1798 spricht K. von dem „Tantalischen Schmertz“, „den völligen Abschlus meiner Rechnung, in Sachen welche das|Ganze der Philosophie … betreffen, vor sich liegen und es noch immer nicht vollendet zu sehen“. Bei Wasianski heißt es: „Die Anstrengung, die K. auf die Ausarbeitung dieses Werks verwandte, hat den Rest seiner Kräfte schneller verzehrt. Er gab es für sein wichtigstes Werk aus.“

Das letzte Lebensjahr ist durch einen rapiden Verfall der körperlichen und geistigen Kräfte gekennzeichnet, den K. selber mit schrecklicher Deutlichkeit registriert. Am 8. Oktober 1803 erkrankt er zum ersten Mal in seinem Leben schwer, vier Monate später, am 12.2.1804, Sonntag vormittags um 11 Uhr, setzt der Tod seinem Leben ein Ende.

Wirkungsgeschichte

Die Wirkungsgeschichte der K.schen Philosophie ist nicht ohne Zwiespältigkeit, ja Tragik. Auf der einen Seite nämlich hat K. den weiteren Gang der Philosophie bis hin zur Gegenwart in Problemstellung und Terminologie tiefgreifend beeinflußt. Kaum eine philosophische Richtung der Folgezeit ist nicht in irgendeiner Form davon betroffen. Auf der anderen Seite aber sind die Grundintentionen und -haltungen seines Denkens wohl zu keinem Zeitpunkt in ihrer ganzen Vielfalt genuin aufgenommen und weitergeführt worden, ja es stellt sich die Frage, ob es nicht bestimmte Momente innerhalb der kritischen Philosophie selber gewesen sind, die schon bald eine philosophische Bewegung ausgelöst haben, welche den grundlegenden Überzeugungen K.s diametral widersprach.

Im einzelnen lassen sich in der K.rezeption und -interpretation insbesondere fünf große Etappen unterscheiden, die in der Regel jeweils einen bestimmten Aspekt des K.schen Denkens in den Mittelpunkt gerückt haben: 1. die spontane, „buchstabengetreue“ Kantrezeption nach 1785, die die K.sche Philosophie in zahllosen Handbüchern, Kommentaren, Erläuterungsschriften und Lexika binnen weniger Jahre über ganz Deutschland verbreitet hat (Johann Schultz, Karl Christian Erhard Schmid, der frühe Karl Leonhard Reinhold, Ludwig Heinrich Jakob, Johann Gottfried Karl Christian Kiesewetter, Georg Samuel Albert Mellin und zahlreiche andere); 2. die spekulative K.rezeption des Deutschen Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel), die vor allem durch Jacob Sigismund Becks Schrift über den „Einzig-möglichen Standpunkt, aus welchem die critische Philosophie beurtheilt werden muß“ (1796) vorbereitet worden ist; 3. die erkenntnistheoretische K.rezeption des Marburger Neukantianismus (Hermann Cohen, →Paul Natorp und andere), die um 1871 nach Jahrzehnten der Mißachtung eine bahnbrechende Renaissance der Kantischen Philosophie herbeigeführt hat; 4. die ontologisch-metaphysische K.rezeption nach 1924 (Heinz Heimsoeth, Max Wundt, Martin Heidegger, →Gottfried Martin und andere); 5. die K.rezeption der Gegenwart, die in der europäischen wie in der amerikanischen Philosophie einen nicht unwichtigen Platz einnimmt, aber nur schwer auf einen Nenner zu bringen ist. Sie orientiert sich vornehmlich an den Problemen der Wissenschaftstheorie, der Grundlegung einer praktischen Philosophie und der Geschichtsphilosophie. Darüber hinaus sind auch zahlreiche andere philosophische Schulen unterschiedlichster Provenienz wie der Positivismus, der Pragmatismus, die Phänomenologie, die Existenzphilosophie oder der Kritische Rationalismus mehr oder weniger stark von K. beeinflußt worden.

Die Wirkung, die von K. ausging, beschränkt sich jedoch nicht auf den Bereich der Philosophie. Kaum weniger stark ist seine Ausstrahlung auf andere Wissenschaften, ja auf weite Bereiche des öffentlichen Lebens gewesen. Das gilt vornehmlich für die protestantische Theologie, aber auch für nicht unbedeutende Strömungen innerhalb des Katholizismus, für die Rechtswissenschaft, die Geschichtswissenschaft, die Soziologie und für die Pädagogik. Im Felde des Politischen wären an erster Stelle die preußische Reformbewegungen zu nennen sowie respektable Strömungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, die von dem „neukantischen Sozialismus“ insbesondere Cohens beeinflußt sind. In der Literatur sind es vor allen anderen Schiller und Kleist, die von dem epochemachenden Einfluß der K.schen Philosophie Zeugnis geben.

7. Wilhelm von Humboldt

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Fünf Tage vor seinem Tode richtete →Goethe den letzten Brief seines Lebens an H. Darin heißt es: „Das beste Genie ist das, welches alles in sich aufnimmt, sich alles anzueignen weiß, ohne daß es der eigentlichen Grundbestimmung, demjenigen, was man Charakter nennt, im mindesten Eintrag tue, vielmehr solches noch erst recht erhebe und durchaus nach Möglichkeiten befähige.“ Diese Worte können als eine Selbstschau →Goethes gedeutet werden. Sie können aber auch auf den Adressaten bezogen werden, denn es war H. eigentümlich, sich alles anzueignen, ohne dabei sein Eigentlichstes zu gefährden. Wer heute über das Leben H.s schreibt, muß sich eingestehen, daß er dem schon Bekannten Neues kaum hinzuzufügen hat. Die Werke und die Briefe liegen in musterhaften Ausgaben vor, und sein Leben ist bis in alle Winkel erforscht worden. Darüber hinaus besitzen wir die klassische Biographie→Hayms, die philosophische Würdigung →Sprangers und die kritische Bewertung des Staatsmannes von Kaehler. Nur der Sprachforscher hat bisher keine zusammenfassende Würdigung erfahren (s. II).

Durch Geburt und Umstände gehörte H. der preuß. Aristokratie an, und ein Aristokrat ist er sein Leben lang geblieben, ein Edelmann, dem die Tore der Welt und der Gesellschaft offenstanden. Im Deutschland des späten 18. Jh. gab es nur wenige Mitglieder der geistigen Elite, denen pekuniäre Sorgen erspart geblieben sind. Man denkt unwillkürlich an →Goethe und den einen oder anderen, aber die Mehrheit der großen Deutschen hatte es schwer, sich in der ständisch-aristokratischen Gesellschaft durchzusetzen. Daß H. dies nicht auferlegt wurde, hat sein Leben in zweifacher Weise bestimmt: Es gab ihm Freiheit und Souveränität gegenüber dem Druck feindseliger Umstände, was ihm erlaubte zu schreiben, „am Ende brauchen wir den Dienst nicht, wenn er einmal unangenehm würde“. Positiv gesprochen, gestattete ihm die finanziell gesicherte Position eine Selbsterziehung, die durch kein Fach- oder Zunftgebot eingeschränkt war. Beides zusammen hat die Voraussetzung dafür geschaffen, daß er sich dem goetheschen Ideal der Bildung so öffnen konnte wie kaum ein anderer Zeitgenosse.

Von Hauslehrern erzogen (→Campe, Künth), studiert der Frühreife zuerst in Frankfurt/Oder und 1788 in Göttingen die Rechte, nicht nur, weil es ihn zum Eintritt in den Staatsdienst qualifiziert, sondern weil es einen weiten Ausblick auf das Leben gewährt und das Studium der klassischen Sprachen voraussetzt. Diese haben H. sein Leben lang angezogen und festgehalten. Daneben führen Reisen ins „Reich“, in die Schweiz und 1789 in das revolutionäre Frankreich.

In das gleiche Jahr fällt seine Verlobung mit →Caroline v. Dachroeden. H.s Verhältnis zu Frauen ist nicht einfach zu bestimmen. Seine Jugendbriefe zeigen den Ton der Schwärmerei, die das Gefühlsleben der deutschen Jugend bestimmte. Ihm war der Umgang mit Frauen unerläßlich, um die Totalität seines Wesens in Schwingung zu versetzen. Noch bevor er die Universität bezog, hat er →Henriette Herz nahegestanden. In Göttingen fühlte er sich von →Therese Forster, der Frau seines Freundes, angezogen. Neben solchen Seelenfreundschaften haben gewiß auch andere Beziehungen bestanden. H.war eine sinnliche Natur und war sich des epikuräischen Einschlages in seiner Anlage wohl bewußt. Die Sehnsucht nach Liebe und Liebe im Genuß schien ihr Ziel gefunden zu haben, als H. 1788 →Caroline v. Dachroeden begegnete. Beiden erschien Liebe als die einzig denkbare Form der Glückseligkeit. Für mehr als ein Jahrzehnt hat die Ehe beiden die tiefste Beglückung gewährt, eine Art „individueller Weltschöpfung“, in der sich Ideal und Wirklichkeit zu vermählen schienen. Sie hat auch die Gefährdung überstanden, als beide Gatten Befriedigung bei anderen Menschen suchten und fanden, so etwa 1809 die leidenschaftliche Beziehung zu →Johanna Motherby, die der 40jährige so schwärmerisch verehrte wie ein 14jähriger Gymnasiast. Später tritt →Charlotte Diede, der er schon als Jüngling begegnet war, zum zweiten Male in sein Leben, und er öffnet ihr sein Herz in den berühmten „Briefen an eine Freundin“ (2 Bde., 1909). Man kann also nicht behaupten, daß seine seelische Harmonie nie von den Stürmen der Leidenschaft erschüttert worden sei. Ebenso falsch ist es freilich, die Bedeutung dieser Erlebnisse für H. zu übersteigern und ihn als einen Romantiker darzustellen, der „im Genuß nach Begierde“ verschmachtete. Das heißt nicht nur H., sondern auch den romantischen Typus verkennen. Man darf in diesem Zusammenhange an einen Satz aus seinen autobiographischen Aufzeichnungen erinnern: „Es gibt im Menschen… immer einen gewissen Teil, der nur ihn und sein zufälliges Dasein angeht und recht eigentlich unerkannt mit ihm dahin stirbt. Dagegen gibt es in ihm einen anderen Teil, durch den er mit der Idee zusammenhängt, die sich in ihm vorzüglich klar ausspricht, und von der er das Symbol ist.“ Uns liegt es ob, jenen „zufälligen Teil“ nicht zu verkleinern, aber im Falle H.s bleibt doch,|was ihn mit der Idee verbindet und zum Symbol eines Überpersönlichen macht, das Entscheidende. Auch sind die Sphären des Zufälligen und des Symbolischen, oder wie wir heute sagen würden, des Existentiellen, in H. nicht so scharf getrennt. Neben der Geliebten steht der Freund, ohne den H.s Leben nicht zu denken ist. Es war Caroline selbst, die H. →Schiller zuführte. Für den 8 Jahre Jüngeren bedeutet diese Begegnung den Anfang einer neuen Epoche in seinem Leben. →Schiller ist für H. die Verkörperung alles dessen, wonach er selbst strebt: ein Leben für die Idee und in der Idee. „Mir heißt ins Große und Ganze wirken, auf den Charakter der Menschheit wirken, und darauf wirkt jeder sobald er auf sich und bloß auf sich wirkt.“ Dies ist in jenen Jahren das dominierende Ideal: der Gedanke der Selbstvollendung. Bilde dich selbst, und du wirst auf andere wirken durch das, was du bist. Es war, wie →Haym es ausdrückt, ein idealistischer Quietismus, man könnte auch sagen ein quietistischer Idealismus, der sich in vielem mit den Idealen →Goethes und →Schillers in jenem Jahrzehnt begegnet.

H. war davon durchdrungen, daß diese Selbstvollendung nur auf dem Wege über das klassische Altertum zu erreichen sei. Der antike Mensch war ihm der vollkommene Mensch und die Kenntnis dieser Vollkommenheit dem Historiker wie dem Philosophen und dem Künstler, ja dem Genießenden, unentbehrlich. Wie hätte sich H. damals selbst gesehen? Gewiß nicht als Künstler und kaum als Philosoph, wahrscheinlich aber als Genießender. Denn das war er in jenen Jahren. Nach einer kurzen Zeit im preuß. Staatsdienst scheidet er 1791 aus dem Amt und lebt nun auf den Gütern seiner Frau, bis er 1794 nach Jena übersiedelt, wo Schiller lebt und wohin bald alle führenden Geister Deutschlands tendieren. In diesem Jahrzehnt bleibt H. ein Gebildeter auf der Suche nach seiner Bestimmung und Aufgabe. An Plänen gebrach es nicht, ja es waren ihrer zu viele, und sie waren zu groß konzipiert, um eine Durchführung zu erlauben. Die Schriften „Plan einer vergleichenden Anthropologie“ (1795), „Über männliche und weibliche Form“ (1795), „Über den Geschlechtsunterschied und dessen Einfluß auf die organische Natur“ (1794) kreuzen sich mit kritischen Versuchen beschränkterer Art über „Hermann und Dorothea“ (1799) oder „Über die gegenwärtige franz. tragische Bühne“ (1799). Kein Wunder, daß ihn der Gedanke bedrückte, doch eigentlich nur ein Dilettant zu sein, dem es, wenn nicht an Ausdauer, so doch an Konzentration gebrach. Gewiß ist, daß H. damals noch nicht reif war, sich für eine begrenzte Tätigkeit in einem begrenzten Felde zu entscheiden. Es gehörte Vertrauen in das Glück des Lebens dazu, diesen Weg zu gehen, und daran hat es H. auch nicht gefehlt. Bei aller Bescheidenheit hat er sich doch, wie Goethe, stets als einen „Liebling der Götter“ gefühlt. Es war ihm vergönnt, lange Zeit in Paris zu verbringen (Ende 1797-Sommer 1801), um von dort nach Spanien zu gehen (1799), ein Land, das nur wenige Deutsche vor ihm bereist hatten und an dem ihn vor allem die baskischen Ureinwohner und die baskische Sprache interessierten (Frühjahr 1801 reiste er erneut in die Gascogne und an die Biskaya).

Vielleicht ist es ungerecht, aus der Summe seiner mannigfaltigen Versuche einen herauszusondern und zu sagen, er repräsentiere den ganzen H. Aber seine „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ (1792) sind der Beginn seiner Beschäftigung mit dem Individuum in seinem Verhältnis zur Menschheit, also kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu. Schon 1791 hatte sich H. mit dem Problem des Staates beschäftigt, das durch die Franz. Revolution in ein neues Licht gerückt worden war. Er war damals höchst skeptisch und glaubte nicht, daß das franz. Vorbild Nachahmung finden würde. Ein Jahr später warf er die Frage auf, welchen Zweck die ganze Staatseinrichtung besitze und welche Schranken ihr gesetzt werden sollen. H. wollte alle jene Tätigkeiten dem Zugriff des Staates entziehen, die der freien, ungehemmten Wirksamkeit der Bürger entspringen. Der Einzelne wurde der Gemeinschaft übergeordnet, das Individuum dem Staate. „Der wahre Zweck des Menschen … ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte.“ Die Sorgfalt des Staates für das positive Wohl seiner Bürger hindre die Entfaltung der Individualität und Eigentümlichkeit des Menschen. Daraus zieht H. den Schluß, daß der Staat sich jeder Sorgfalt für das Wohl seiner Bürger zu enthalten habe und sich auf die Sicherstellung gegen innere und äußere Feinde beschränken müsse. Er lehnt nicht nur den aufgeklärten Despotismus, sondern auch die Repräsentativ-Verfassung ab. Selbst die öffentliche Erziehung wird verworfen, da sie darauf gerichtet ist, den Menschen in bürgerlichen Formen zu bilden, statt ihn zu einem freien Gebildeten zu machen. Es ist leicht zu erkennen, daß H.s Entschluß, dem preuß. Staate den Rücken zu kehren, aus tiefeingewurzelter Überzeugung erwachsen war. H.s Schrift ist eines der ersten großen Bekenntnisse des deutschen Liberalismus, wirklichkeitsfremd und verstiegen in seiner Unbedingtheit. Wie →J. P. Gooch es ausgedrückt hat, „his state was only possible in a community of Humboldts“. Und doch kann man in der Rückschau auf die Geschichte des deutschen Liberalismus nur wünschen, daß dieser der idealistischen Frühkonzeption treuer geblieben wäre, als er es schließlich gewesen ist. Eine Wirkung war H.s Versuch freilich nicht beschieden, da nur Teilstücke seiner Schrift an die Öffentlichkeit gelangten und das ganze erst viel später bekannt wurde (1851), also zu einer Zeit, wo für den aristokratischen Individualismus H.s weder Raum noch Verständnis bestand.

Doch täte man H. Unrecht, wollte man behaupten, es sei ihm nur um das Individuum zu tun. Die Bildung der Individualität findet ihre notwendige Ergänzung in der Universalität, aus beider Verbindung am Ende die Totalität hervorgeht. Nur der besitzt die wahre Humanität, der diese Dreiheit errungen hat. H. selbst hat sich nach langem Zögern doch dazu verstanden, dem preuß. Staate zu dienen, freilich in einer Stellung, die ihn kaum zum Einsatz seiner intellektuellen oder moralischen Person verpflichtete. Er bewarb sich um die Stellung des preuß. Residenten beim Vatikan und wurde 1802 zum Geheimen Legationsrat ernannt. Im gleichen Jahre trifft er in Rom ein und richtet sich in der Villa di Malta auf dem Monte Pincio ein. Wären Selbsterfüllung und menschliche Glückseligkeit die einzigen Triebfedern seiner Existenz gewesen, so hätte er in Rom die Antwort auf alle jene Fragen finden müssen, die den Stetig-Unstetigen bewegten. Seine Briefe aus dieser Zeit atmen eine tiefe Harmonie zwischen „Individualität“ und Welt. Vor ihm lag das unerschöpfliche Panorama der urbs aeterna als ein ständiger Anreiz zu Studium und Genuß, und er fand einen Kreis kongenialer Künstlernaturen, der ihn befruchtete und dem er selbst zum Mäzen wurde. Zwar fehlte es auch nicht an tragischen Erlebnissen. Zwei seiner Kinder starben am röm. Fieber. Aber weder dies, noch der Tod Schillers hat die Magie der Stadt zu zerstören vermocht. H. empfand den Drang der Geschäfte weniger drückend, als er gefürchtet hatte. Er erledigte sie mit der Leichtigkeit des Mannes, der zum Regieren geboren war. Diese Fähigkeit wird sich auch später bekunden und schafft Muße für seine künstlerischen und philosophischen Interessen.

Während rings um ihn die Welt in Kämpfen zittert, das Hl. Röm. Reich zerfällt und →Napoleons Großmacht aufsteigt, scheint H. auf seinem „Zauberberg“ ein verwunschenes Dasein zu führen. Aber als 1808 aus dem geschlagenen Preußen der Ruf kam, sich dem Vaterland zur Verfügung zu stellen, hat er doch kaum gezögert. Im Okt. 1808 verläßt er Rom, und schon wenige Monate später wird er zum Geh. Staatsrat befördert. Er wird Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht im Ministerium des Innern. Es folgen 10 Jahre unermüdlicher Tätigkeit, in der H. nicht nur in die Vorfront der Reform-Generation aufrückt, sondern zum Staatsmann von europ. Ruf wird. Gewiß liegt hier eine Wandlung vor, aber doch kein Bruch. Der Kontemplative entdeckt in sich Kräfte, die bisher nur geschlummert hatten, er weiß sie zum Nutzen des Gemeinwesens anzuwenden, mit dem er sich nun identifiziert. Die beschauliche Seite seines Wesens wird davon jedoch nicht ausgelöscht; inmitten der Staatswirren findet er die Sammlung, an seiner Übertragung des Aeschylus zu arbeiten, und selbst in den Augenblicken der höchsten Anspannung verraten seine Briefe eine Distanz vom täglichen Geschehen, die einzigartig ist. Er wußte menschliche Schwächen mit dieser Serenität zu bekämpfen und zu überwinden. Es war die Wahrheit, als er seiner Frau schrieb: „Wie Du mich kennst, ich bin in meinem Leben auf niemanden böse.“ Das hieß freilich nicht, daß er frei von Ehrgeiz war. Er hatte eine sehr klare Vorstellung von dem, was er schaffen wollte, und glaubte darum, daß ihm ein Platz gebühre, an dem er alle seine Kräfte einsetzen könne, sei es als Minister oder als Botschafter. Vielleicht war dies sogar die Achillesferse des sonst Unverwundbaren, jedenfalls hat sein Ehrgeiz dazu beigetragen, seiner politischen Tätigkeit ein vorschnelles Ende zu bereiten.

Wir sehen heute die preuß. Reformbewegung in einem anderen Licht als die Generation →F. Meineckes. Es war ihr kein voller Erfolg beschieden, aber sie darf doch auch nicht schlechtweg als ein Fehlschlag bezeichnet werden. H.s Werk und Leben geben Zeugnis von diesem Zwiespalt. Niemand kann leugnen, daß ihm die Neugestaltung des preuß. Unterrichtswesens zu danken ist, auch wenn man der Mitarbeit von →Nicolovius und →Süvern eingedenk bleibt. Ihr Kernstück war die Errichtung der Univ. Berlin, die H. schon 1810 ins Leben rief. Seine Denkschrift „Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin“ (1809) darf auch heute noch als ein mustergültiger Ausdruck dessen betrachtet werden, was die Universität bis in unsere Zeit dargestellt hat: „das geistige Leben des|Menschen, die äußere Muße oder inneres Streben zur Wissenschaft oder Forschung“. Die Univ.Berlin wurde zum Mittelpunkt des wissenschaftlichen Lebens in Deutschland und zum Vorbild späterer Gründungen. Daneben wurde das humanistische Gymnasium zur Basis des höheren Unterrichts gemacht und so die deutsche Erziehung für ein Jahrhundert auf die Prinzipien des Neuhumanismus eingeschworen.

Da H. seine Ideen über die notwendige Organisation der Staatsbehörden nicht durchsetzen konnte, bat er den König schon nach einem Jahr (1810) um seinen Abschied. Der König und Hardenberg aber wollten dieses außerordentliche Talent nicht verlieren, und so wurde er zum Gesandten in Wien ernannt. Wien war nach Paris der wichtigste diplomatische Posten, da die Vermählung →Napoleons mit →Maria Louise Österreich zum stillschweigenden Verbündeten Frankreichs gemacht hatte. Von Anfang an hat sich H. die Aufgabe gestellt, den widerwilligen →Kaiser Franz und den skeptischen →Metternich für die große Allianz gegen →Napoleon zu gewinnen. Es war ein diplomatischer Sieg ersten Ranges, daß ihm dies nach 3 Jahren gelang. Im August 1813 schrieb er an Caroline: „Ich stehe auf dem Punkte, den ich zu erreichen wünschte. Ich habe jetzt eine wichtige Sache im Leben durchgesetzt.“ Aber nichts zeigt diesen komplizierten Geist besser als die Tatsache, daß er sich 5 Tage nach der Schlacht von Leipzig mit einem klassischen Philologen über seine Übertragung des Agamemnon unterhielt.

Als preuß. Gesandter folgte er den siegreichen Armeen über den Rhein und verfaßte im Winter 1813 die erste Denkschrift über die zukünftige Verfassung Deutschlands. Er schlug vor, daß sich alle deutschen Fürsten durch ein gegenseitiges Verteidigungsbündnis zu einem Ganzen zusammenschließen sollten. Ein solches Bündnis würde von den großen Mächten Europas garantiert werden, aber Österreich und Preußen sollten die eigentlichen Schutzmächte dieser Föderation sein. Die Verteidigung des Bundes sollte allen deutschen Fürsten obliegen, aber die Erklärung des Kriegsfalles war Österreich und Preußen vorbehalten. In jedem deutschen Staat sollten Stände eingerichtet oder wiederhergestellt werden. Gut eingerichtete Stände, sagte H., seien nicht bloß eine Schutzwehr des Bürgers gegen die Regierung, sie erhöhten auch „das Gefühl der Selbständigkeit in der Nation“. Sollte das Deutsche Reich wieder auferstehen, so müßten dem neuen Oberhaupt wahre Reichsstände zur Seite stehen.

Als der Krieg dann nach Frankreich hineingetragen wurde, mußte H. sich eingestehen, daß „das Friedensmachen eins der undankbaren Geschäfte“ sei. Er wurde zum Wortführer der preuß. Großmachtansprüche. So war es fast selbstverständlich, daß er im Sommer 1814 zusammen mit →Hardenberg Preußen auf dem Wiener Kongreß vertrat. Mehr und mehr war er durchdrungen von der Notwendigkeit, „eine so enge Verbindung als möglich zwischen dem Volk und den höheren Ständen“ anzuknüpfen, da letzthin doch alle Frische der Nation im Volke liege. Als →Napoleon aus Elba floh, war H. entschlossen, den Kampf bis zum Ende durchzuführen. In einer Beratung der leitenden Staatsmänner sagte er: „Kein Friede und kein Waffenstillstand mit ihm.“ Nach dem Ende des 2. Feldzuges setzte er zum zweiten Male seine Unterschrift unter den Friedensvertrag mit Frankreich. Vielleicht war dies der Grund, warum die franz. Regierung es ablehnte, ihn 1816 als Gesandten in Paris zu akkreditieren. Nach einigem Zögern übernahm er den gleichen Posten in London, jedoch mit dem Vorbehalt, daß dies nur als ein Übergang zu einem Posten im Ministerium betrachtet werden dürfe.

H. war davon durchdrungen, daß Preußens Aufgabe in Deutschland noch nicht abgeschlossen sei, daß Preußen anstreben müsse „die Verbesserung und Erweiterung der Bundesakte in Absicht aller inneren Einrichtungen, welche das Recht zu sichern und Willkür zu entfernen bezwecke“. H. wollte nicht, daß Deutschland unter preuß. Führung ein erobernder Staat werden sollte, „da man jetzt wohl weiß, welche bedeutenden Vorzüge in geistiger und wissenschaftlicher Bildung die deutsche Nation, so lange sie keine politische Richtung nach außen hatte, erreicht hat, aber es noch unausgemacht ist, wie eine solche Richtung auch in dieser Rücksicht wirken würde.“

Angesichts eines solchen Programms moralischer Eroberungen Preußens in Deutschland kann man es wohl verstehen, daß er darauf bestand, nur unter bestimmten Bedingungen in das Ministerium einzutreten. Aber diese Forderungen konnten leicht als Ehrgeiz ausgelegt werden, den Kanzler →Hardenberg selbst zu ersetzen. Die Beziehungen H.s zu dem Fürsten waren während des Kriegs und des Kongresses die besten gewesen, hatten sich aber seit 1817 ständig verschlechtert. H. wollte Minister des Auswärtigen werden, ein Amt, das sich Hardenberg vorbehielt. Wer an dem Zerwürfnis zwischen den beiden Männern die Schuld trägt, ist schwer zu sagen; gewiß ist, daß H.s Ehrgeiz dem Fürsten verdächtig war. Allen Erwartungen zum Trotz wurde H. im Januar 1819 in das Kabinett berufen, mit dem Auftrage, „die ständischen Angelegenheiten“ zu betreuen. Aber er hätte sich nicht verbergen dürfen, daß dieser Posten ihn unaufhaltsam in einen Konflikt mit Hardenberg treiben mußte, der ihm am Tage der Ernennung schrieb: „Ich arbeite jetzt an einer Konstitution, deren Beschleunigung der König nun ernstlich will.“ Schon im Febr. 1819 legte H. seinen eigenen Entwurf für eine landständische Verfassung Preußens vor. Er wollte die Verfassung nicht nur, weil sie feierlich versprochen worden war, sondern um den Bürger in seinem zivilen Geiste zu bestärken. Daher hielt er es auch für notwendig, Grundrechte in die Verfassung einzubauen. Diese sollten das Eigentum garantieren und die Freiheit des Gewissens und der Presse gewährleisten. Sie würden nicht nur dem einzelnen zugute kommen, sondern dem Staate selbst. Die Stände sollten nicht nur beratend, sondern beschließend an der Gesetzgebung teilnehmen. Das Recht der Steuerbewilligung, beziehungsweise der Steuerverweigerung, das 1862 eine so große Rolle spielen sollte, wollte H. den Ständen jedoch nicht zugestehen. H.s Plan war gemäßigt, durchaus nicht radikal. Die Einführung der ständischen Vertretung sollte, wie es einst auch Stein geplant hatte, stufenweise vor sich gehen. H. zeigt sich hier durchaus als der Staatsmann des Möglichen; jeder utopische Einschlag fehlt seinem Entwurf. Und doch ist er gescheitert.

Das Jahr 1819 war ein Krisenjahr für Deutschland. Am 20.9.1819 waren die Karlsbader Beschlüsse vom Deutschen Bund sanktioniert worden. Die Frage erhebt sich natürlich, was geschehen wäre, wenn Preußen H.s Pläne durchgeführt hätte. Aber der König war zu ängstlich und unentschlossen, einen solchen Schritt zu wagen, Hardenberg mißtraute H. aus persönlichen Gründen, und die Aristokratie mißbilligte jede Verfassung, die zu einer Beschneidung ihrer Privilegien führen mußte. Am 31.12.1819 wurde H. aus dem Amt entlassen; die Pension, die der König ihm zuerkannte, wies er zurück. Wir wissen heute, daß die Entlassung H.s ein Verhängnis für Preußen und Deutschland wurde. Sie bestärkte alle jene Kräfte des Autoritätsbewußtseins, der Klassenherrschaft und des Militarismus in Preußen, die einer friedlichen Entwicklung der gesellschaftlichen Energien den Weg verstellten.

H. hat dies nicht verhüten können und hat sich in das Unvermeidliche ohne Groll gefügt. Er war einer jener wenigen Menschen, auf die →Lord Actons Wort von der Macht, die korrumpiert, nicht zutrifft. Er erstrebte Macht nur, um objektive Ziele zu verwirklichen. Wo dies nicht möglich war, hat er die Macht gelassen an jene weitergegeben, die sie nur um ihrer selbst willen erstrebten. Wie er an Stein schrieb, wollte er nicht „vom Aktentisch ins Grab taumeln“ und hoffte, daß man nie wieder an ein Amt für ihn denken würde. „Für mich beschäftige ich mich jetzt mit Wissenschaft wie sonst.“ Und so folgen denn auf 10 Jahre intensiver politischer Wirksamkeit 15 Jahre der Kontemplation und des Studiums. Diese 15 Jahre sind im Ertrag für die Geisteswissenschaften so bedeutsam wie das Jahrzehnt seiner politischen Wirksamkeit für den Staat. Er zieht sich auf den Familienbesitz in Tegel zurück und läßt sich hier von Schinkel „eine Wohnung mit Gips und Marmor“ einrichten. Dem alternden H. wird nun die Humanität der gesamten Menschheit zum Problem. „Sonst pflegte ich mich in eine einzige Individualität einzuspinnen, und die ganze Welt in sie gleichsam aufzunehmen; jetzt scheinen sich mir alle im Ganzen der Menschheit zu verlieren.“ Die Werkzeuge auf diesem neuen Wege werden das vergleichende Sprachstudium und die Besinnung auf die Aufgaben des Geschichtsschreibers. In beiden Bereichen stößt H. zu neuen Erkenntnissen vor. Seine Abhandlung „Über die Aufgaben des Geschichtsschreibers“ (1822) setzt programmatisch die Linie, auf der sich später die deutsche Historiographie von →Ranke bis zu →Dilthey entwickeln wird. 1830 veröffentlicht er eine „Vorerinnerung über Schiller und den Gang seiner Geistesentwicklung“. Er schreibt an →Charlotte Diede: „Ich hatte mir das Alter immer reizend und viel reizender als die früheren Lebensepochen gedacht.“ Obschon auch er dem Alter seinen Zoll an Krankheit und körperlicher Gebrechlichkeit hat entrichten müssen, bleibt er sich doch selber treu, und seine Briefe atmen einen unvergleichlichen Freimut und ebenso viel Stolz wie Bescheidenheit. Als er 1835 starb, konnte man wohl sagen, daß ihm gelungen war (so weit dies ein Mensch überhaupt vermag), was er als die größte Aufgabe der Menschheit bezeichnet hatte: „sich selbst zu einem Symbole des Weltalls umzuschaffen“. Es war ein faustischer Wunsch, und H. bleibt in seinem Wesentlichen eine Gestalt des Goetheschen Zeitalters. In dieser Epoche steht er einzigartig da durch die abgewogene Harmonie von vita activa und vita contemplativa, für die man vergebens nach einer Parallele sucht.

II

Obwohl dem Staatsmann H. kein bleibender Erfolg beschieden war und seine idealistische Bildungsidee, deren lebendige Verkörperung er selber war, über den Versuch einer Realisierung nicht hinauskam, blieb er im allgemeinen Bewußtsein fixiert als der Mann, der z. B. über „die Grenzen der Wirksamkeit des Staates“ schrieb und in enger Verbindung zu unseren Klassikern stand. Selbst noch Eppelsheimers Handbuch der Weltliteratur erwähnt 1947 nichts von den zahlreichen sprachwissenschaftlichen Werken, die er in 25 Jahren schuf, ganz zu schweigen von seiner einzigartigen Bedeutung auf diesem Gebiet. Zwar wurde seinen Arbeiten zu seinen Lebzeiten kein unmittelbarer Erfolg zuteil; schon Steinthal, der Herausgeber seiner linguistischen Werke, stellte fest: „H. hat als Sprachforscher auf keinen seiner älteren oder jüngeren Zeitgenossen in spezifischer Weise, d. h. durch die ihm eigentümlich angehörenden, von ihm geschaffenen Ideen eingewirkt. Er hat wohl von den Schlegels, den Grimms, den Bopps gelernt, sie aber von ihm durchaus nicht.“ Die Rezeption seiner Gedankenfülle ist ein sehr langsamer und längst noch nicht abgeschlossener Prozeß. Der Grund liegt einerseits in der Wissenschaftsentwicklung von der Indogermanistik zur allgemeinen Linguistik, andererseits in der Einzigartigkeit von H.s Werk selbst, das Ausdruck seiner Forscherpersönlichkeit ist.

In der gesamten Geschichte der Sprachwissenschaft gibt es niemand, der wie er ausgedehnte und eindringliche Kenntnis verschiedenster Sprachstämme mit einem wahrhaft umfassenden Sprachdenken verband. Während die Sprachphilosophen im allgemeinen keine eigentlichen Linguisten waren oder nur solche mit einer sehr schmalen Basis, waren die Linguisten selber keine Sprachdenker oder waren es nur in einer rudimentären und unzulänglichen Weise. Bei H. aber ist sein jahrzehntelanges Bemühen um die Erkenntnis des Wesens der Sprache ständig gespeist von seinem auf eigener Forschung beruhenden außerordentlichen Wissen über die Besonderheiten der Einzelsprachen und andererseits jede Spezialuntersuchung auf deren Gebiet (etwa „Über den Dualis“, 1827) geleitet und durchdrungen von seiner Erkenntnis sprachlicher Erscheinungen überhaupt. Er konnte ausgehen von den klassischen und geläufigen modernen Sprachen und fügte im Laufe der Zeit das Baskische, Ungarische und Tatarische, Indianersprachen, Sanskrit, Chinesisch, Japanisch, Birmanisch, Alt-Javanisch und die semitischen Sprachen hinzu.

Ein Blick auf die Titel seiner Schriften vermag schon die Vielseitigkeit seiner Forschungen und die dominierende Interessenrichtung zu zeigen; ständig wechselt das Allgemeine mit dem Speziellen. Dafür ist schon sein Anfang bezeichnend. Er begann mit einer „Einleitung in das gesamte Sprachstudium“ (1810/11) – und er blieb ein Mann der großen Einleitungen –, gleichzeitig erschienen (1811) im 4. Band von Adelungs und Vaters großer Sprachensammlung „Mithridates“ seine „Berichtigungen und Zusätze zum 1. Abschnitt des 2. Bandes des ‚Mithridates'“, über die kantabrische oder baskische Sprache, Frucht einer Spanienreise, die er schon um die Jahrhundertwende unternommen hatte. Im folgenden Jahre erscheint die „Ankündigung einer Schrift über die baskische Sprache und Nation“, worin er schon seine Grundauffassungen von der Sprache als einem Organismus, in dem alles auf Analogie beruht (entsprechend Cuviers Organismusbegriff) und seine Zielsetzung für alles Sprachstudium niederlegt. Ausgehend von vollständiger Zergliederung (Morphologie) der Einzelsprachen, soll man sie als organische Einheiten und schließlich als nationale Charakter- und Geistesformen erfassen, um schließlich aus allen diesen zur „Sprache als Menschheitsausdruck“ zu gelangen. Das ist von vornherein das höchste Ziel, dessen Erreichung im Grunde alle folgenden Arbeiten bis hin zur letzten und umfangreichsten dienten. Hervorgehoben sei nur noch: „Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung“ (1820), worin er nicht nur Aufgaben und Methoden der Linguistik, sondern auch ihre fundamentalen Begriffe entwickelt. Sein bedeutendstes und umfassendstes Werk über die Sprache aber war sein letztes: „Über die Kawisprache auf der Insel Java“ (3 Bde., 1836–40), weil es die 434 Seiten lange Einleitung „Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts“ enthielt.

Da H. ständig die vielen Aspekte des Phänomens Sprache vor Augen hat, gerät er nicht in Gefahr, einseitig zu werden, d. h. aber auch: Er bietet kein System, das sich leicht übernehmen ließe. Da es ihm immer um die Totalität des Phänomens Sprache geht und eine gültige Terminologie nicht vorhanden ist (sowenig wie heute), muß er versuchen, ihr mit seinen eigenen sprachlichen Mitteln beizukommen; er ist jedoch kein so begnadeter Schriftsteller, daß er die immer schwierig zu fassenden sprachlichen Erscheinungen schlagend und definitiv zu bezeichnen vermöchte,|vielmehr leiden seine Ausführungen manchmal unter einer gewissen schwerfälligen Unbestimmtheit, die handliche Begriffe verhindert. Dies ist ein Grund, warum sein Werk nicht die verdiente Geltung fand, ein anderer ist in den spektakulären Erfolgen der reinen Indogermanisten seiner und der folgenden Zeit zu sehen.

H.s sprachwissenschaftliches Werk ist noch unausgeschöpft, lediglich angezapft. Es enthält fundamentale Einsichten in das Wesen der Sprache und – mit andern Benennungen – schon eine Reihe von Lehren, die dann im 20. Jh. die Entwicklung der Sprachwissenschaft bestimmt haben. H.s spiraliges Denken umkreist die Sprache ständig von neuem, bezeichnet ihr Wesen und ihre Aspekte immer neu, und wenn Widersprüche aufzutreten scheinen, muß man sich zuerst fragen, von welchem Gesichtspunkt er sie gerade sieht. Zum Teil kann er sie nur in Antinomien fassen. Er behandelt das Sprachvermögen als gemeinmenschliche Anlage (und nennt in diesem Zusammenhang die Sprache einen „intellektuellen Instinkt der Vernunft“) und ebenso als persönliche Fähigkeit und im Zusammenhang damit das Problem des Verstehens (ein Ausgangspunkt der modernen Erzeugungsgrammatik); die Sprache als „das bildende Organ des Gedankens“, als eine energeia und ein ergon, eine wirkende Kraft und ein Werk (im „eigentlichsten Sinne“, nämlich als Sprechen, nur ersteres) – diese Worte sind viel (und verzerrend) nachgeredet worden. Energeia = Sprechen = Saussures ‚parole', ergon = Sprache = Saussures ‚langue'. Die einseitige Auffassung der Sprache als energeia ist die Grundlage der energetischen Sprachbetrachtung Weisgerbers und seiner Schule sowie der Amerikaner Sapir und Whorf. Die Sprache ist sowohl individuelles als auch gesellschaftliches („nationales“) Erzeugnis. Sie macht von endlichen Mitteln einen unendlichen Gebrauch (von den amerikan. Vätern der Erzeugungsgrammatik als ihr Grundprinzip zitiert). Angelegt ist ferner schon bei H. Saussures Unterscheidung von diachronischer und synchronischer Sprachwissenschaft sowie seine grundlegende Auffassung der Sprache als eines Systems, in dem alles sich gegenseitig bedingt, usw. H. erkennt die Sprache als subjektives und zugleich objektives Gebilde, als Abbild und Zeichen, als ein zugleich Geistiges und Körperliches, Form und Stoff (wobei er zu seinen tiefsten Einsichten kommt). Er untersucht die Fülle der wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Individuum und Sprachgemeinschaft, innerer Form und Lautform, Wort und Begriff, Denken und Sprache, Sprache und Wirklichkeit; vor allem der letztere Komplex beschäftigt ihn immer wieder. Und da diese Lehre von der vom Denken bestimmten und das Denken bestimmenden, die Wirklichkeit schaffenden und den Menschen daran bindenden Sprache von größter Bedeutung ist und starken Widerhall fand, sei hier H. selbst knapp zitiert, zugleich als Beispiel für seinen Stil: „Durch die gegenseitige Abhängigkeit des Gedankens und des Wortes voneinander leuchtet es klar ein, daß die Sprachen nicht eigentlich Mittel sind, die schon erkannte Wahrheit darzustellen, sondern weit mehr, die vorher unerkannte zu entdecken. Ihre Verschiedenheit ist nicht eine von Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst.“ „Wie der einzelne Laut zwischen den Gegenstand und den Menschen, so tritt die ganze Sprache zwischen ihn und die innerlich und äußerlich auf ihn einwirkende Natur. Er umgibt sich mit einer Welt von Lauten, um die Welt von Gegenständen in sich aufzunehmen und zu bearbeiten … Der Mensch lebt mit den Gegenständen … so, wie die Sprache sie ihm zuführt. Durch denselben Akt, vermöge dessen er die Sprache aus sich herausspinnt, spinnt er sich in dieselbe ein, und jede zieht um das Volk, welchem sie angehört, einen Kreis, aus dem es nur insofern hinauszugehen möglich ist, als man zugleich in den Kreis einer anderen hinübertritt.“ Mit alldem ist die Fülle der Gedanken und Einsichten H.s nur angedeutet.

8. Sophie Mereau 

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M. verbrachte ihre Jugend in Altenburg. Nach ihrer ersten Heirat wurde sie zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten im geselligen Jena, das sich zu dieser Zeit zum literarischen Zentrum der Frühromantik entwickelte, und stand zugleich im Mittelpunkt des Universitätslebens, wobei sie vor allem studentische Kreise an sich band. 1795 befreundete sie sich mit dem Jurastudenten →Johann Heinrich Kipp (1773–1834) aus Lübeck. Ein Jahr später – nach Auflösung dieser Beziehung – reiste sie mit ihrem neuen studentischen Verehrer →Georg Philipp Schmidt (1766–1849) aller Etikette zum Trotz zusammen nach Berlin. Im Sommer 1798 lernte sie, ebenfalls als jenaischen Studenten, →Clemens Brentano kennen, dem sie erste Gelegenheiten vermittelte, umfangreichere Werkveröffentlichungen zu verwirklichen. Im Sommer 1800 kam es nach einer vorübergehenden Phase engster freundschaftlicher Beziehungen zwischen M. und Brentano zu einem zunächst scheinbar endgültigen Zerwürfnis; Brentano verließ Jena, da er dort grundsätzlich keine Ehe schließen konnte, ohne seine akademischen Rechte als ordentlicher Student zu verlieren. Während Brentanos Abwesenheit von Jena verstärkte sich der Einfluß Friedrich Schlegels auf M.; dieser hatte zusammen mit seiner späteren Frau Dorothea gegen die Beziehung zu Brentano intrigiert. Zu M.s Freundeskreis zählte damals auch Stephan August Winkelmann, der als ehemaliger Studienfreund Brentanos diesem auch während seiner Entfremdungsphase ständig über M. berichtete. Unter dem Vorsitz Johann Gottfried Herders wurde M. am 21.7.1801 von ihrem Mann geschieden. Über ein Jahr lang lehnte sie eine Aussöhnung mit Brentano ab, bis sie im Dezember 1802 selbst die Beziehung zu ihm wieder aufnahm. Am 29.11.1803 fand in Marburg die prot. Trauung statt. Im Mai 1804 wurde ein Sohn, im Mai 1805 eine Tochter geboren, die jedoch beide wenige Wochen nach der Geburt starben. An der Totgeburt eines dritten Kindes starb M. selbst; ihre Tochter Hulda aus erster Ehe blieb zunächst unter der Obhut Brentanos.

M. gehörte zu den vielseitigsten und produktivsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Ihre literarischen Werke umfassen Gedichte, Erzählungen, Romane, Idyllen sowie Übersetzungen aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und Spanischen; dazu kommt die Herausgeberschaft, Mitarbeit und Redaktion bei Musenalmanachen und Taschenbüchern. Ihr Wirken bewegte sich im Spannungsfeld von Klassik und Romantik, von Aufklärung und Empfindsamkeit. Für ihre freundschaftliche Verbindung zu Romantikern wie Friedrich Schlegel, Brentano oder Achim v. Arnim war es kein Hindernis, daß sie auch mit einem Opponenten der romantischen Bewegung wie Friedrich Schiller in literarischem Gedankenaustausch stand und mit ihm zusammenarbeitete. Schiller begründete M.s literarische Karriere, indem er ihre Arbeiten als erster in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Thalia“ 1791 und später auch in der Zeitschrift „Horen“ sowie in seinem Musenalmanach veröffentlichte. Eine Aufführung von Corneilles „Cid“ in M.s Übersetzung kam jedoch nicht zustande, und während der Ehejahre mit Brentano zog sich M. mehr und mehr aus der literarischen Öffentlichkeit zurück.

Ihre beiden Romane „Das Blüthenalter der Empfindung“ (1794) und „Amanda und Eduard“ (1803) stehen außerhalb der Tradition des Entwicklungs- und Bildungsromans ihrer Zeit. Ihr Handlungsgefüge ist durch Stimmungsbilder und Schilderungen von Landschaftseindrücken unterbrochen, die zugleich die Zufälligkeit der einzelnen Episoden widerspiegeln. Moralisch-sittliche Konventionen sind durchbrochen; stattdessen regieren Genuß und Liebe ein Leben abseits bürgerlicher Wert Vorstellungen. Literaturgeschichtlich steht ihr Erzählwerk unter dem Einfluß von „Empfindsamkeit“ und „Sturm und Drang“. Dabei ist der Standort M.s als Schriftstellerin nicht eindeutig von der Belletristik des Trivial- oder Unterhaltungsromans getrennt. Der Einfluß des Tagesgeschehens und Lebensalltags erklärt sich aber nicht aus mangeldem Selbstwertgefühl der Autorin; vielmehr ist die Zeitnähe Ausdruck eines Interesses an der realen Lebenssituation, für deren Bewältigung in der Literatur um 1800 allgemein der Generationskonflikt ein verbreitetes Modell darstellt. Inneres und äußeres Erleben durchdringen sich in M.s Romanen, so daß die Darstellung der Realität keine sozialpolitischen Konsequenzen zur Sprache bringt oder gar in Gang setzt. Norden und Süden sind ebenso konstituierende Merkmale ihrer Landschaftsbeschreibungen wie der Gegensatz von Alt und Jung in der Personendarstellung. Amerikasehnsucht und Französische Revolution sind bei M. Stereotype des zeitgenössischen Romangenus, keine politischen Chiffren. Ihre Romane sind, insofern sie auf literarische Vorläufer zurückgreifen, weniger Erlebnisdichtung als Literaturkritik in poetischer Form; der Zusammenhang mit der Romantik ist an dieser Stelle ihres Werks leicht zu erkennen. Den in Schillers Nachfolge stehenden klassizistischen Naturgedichten verdankte M. ihren Ruhm als Lyrikerin. Sie war eine der ersten Frauen, die nach ihrer Scheidung Schreiben als Beruf ausübten und von ihren Einkünften daraus lebten.

9. Bettina von Arnim 

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Biografie

Bis zu ihrem 13. Jahr wurde B. im Pensionat des Ursulinerinnen-Klosters in Fritzlar erzogen, dann im Hause des Vaters in Frankfurt, war aber nach dem Tod der Eltern häufig bei der Großmutter La Roche in Offenbach. Nach deren Tode wechselte sie wiederholt ihren Aufenthalt, Geschwistern folgend, lebte in Kassel, von wo aus sie im Frühjahr 1807 Goethe zum ersten Mal besuchte, in München, in Landshut u. a. Orten und kam 1810 mit K. F. von Savigny nach Berlin. Dort heiratete sie →Achim von A.. Mit diesem wohnte sie abwechselnd in Berlin und in Wiepersdorf, nach seinem Tod (1831) mehr in Berlin.

Der Verbindung deutschen und italienischen Blutes verdankte B., wie ihr Bruder Clemens, außergewöhnliche Lebendigkeit und große künstlerische Gaben, ohne wie jener in sich zerrissen und von Sehnsucht und Dämonen getrieben zu sein. Vielmehr war sie eine aus dem eigenen Wesenskern lebende Persönlichkeit, immer ganz ihrem Gefühl folgend, von unerhörter Lebensintensität und köstlicher Unmittelbarkeit, die ihr doch bewußt war, ganz unbürgerlich allen Konventionen ins Gesicht schlagend, nur dem Augenblick hingegeben. Von ihrer empfindungsstarken Phantasie und Freude am Spiel und Vexieren fortgerissen, hat sie es nicht immer ernst genommen mit der buchstäblichen Wahrheit, und doch konnte J. Görres mit Recht „das schöne, große, unverfälschte Naturell in ihr und die große Wahrheit in ihrem Innersten“ rühmen. Bis in ihr hohes Alter hat sie sich die Begeisterungsfähigkeit ihrer Jugend bewahrt und die Gabe außerordentlicher persönlicher Wirkung auf andere Menschen, rätselhaft wohl auch und koboldartig und voller Mutwillen, aber zündend wie elektrische Funken, das Tiefste in ihnen aufrührend und sie mit sich fortreißend im Schwung ihrer Seele, die sie selbst „eine leidenschaftliche Tänzerin“ nannte. Sie hat sich die Freundschaft von Menschen sehr verschiedener Art erworben, in ihrer Jugend die der Dichterin Caroline von Günderode, die, fünf Jahre älter, in einem adeligen Damenstift in Frankfurt lebte, A.s, ihres Schwagers Savigny, L. Tiecks, der Frau Rat Goethe, dann Goethes selbst und später der →Brüder Grimm, Schleiermachers, Gneisenaus u. a., junger Männer wie Philipp Nathusius', Emanuel Geibels, sowie der Rahel Varnhagen und auch ausländischer Frauen; sie hat aber auch Menschen geringer Stellung ihrer Freundschaft gewürdigt. Mit liebendem Mitgefühl zu helfen bereit und von starkem Rechtsgefühl getrieben, hat sie sich eingesetzt für politisch Verfolgte und Verfemte und andere Menschen, denen Unrecht geschehen war, und in persönlicher Aufopferung, so während der Choleraepidemie 1831, Krankheit und Elend zu mildern gesucht. Dem Leben wie der Kunst gegenüber besaß sie einen scharfen, unbeirrbaren Blick für Echtheit und Größe. Wie sie der Persönlichkeit und der Kunst Goethes in einer Liebe und Verehrung von geradezu religiöser Inbrunst gehuldigt und anderen das Verständnis für sie erschlossen hat, so hat sie auch für Beethoven geworben, gerade auch, obwohl vergeblich, bei Goethe, und ist als eine der ersten von dem Genius Hölderlins und der Sprache seiner Dichtung berührt worden. B.s künstlerische Begabung war außerordentlich vielseitig, im ganzen mehr aufnehmend und dilettantisch sich betätigend als wirklich schöpferisch. So in der Musik, die ihr Lebenselement war, in der sie aber nur mit einigen Liederkompositionen hervorgetreten ist. Auf dem Gebiet der bildenden Kunst hat sie, von einzelnen Zeichnungen abgesehen, sich ganz auf ein plastisches Werk konzentriert, das sie seit dem Anfang der 20er Jahre beschäftigt hat, das Goethe-Denkmal. Ihre dichterische Begabung hat sie selbst angezweifelt. Ein paar Gedichte und kleine Märchen von ihr sind auch nicht von besonderer Bedeutung, bemerkenswerter ihre, freilich nicht ganz sichere, Mitarbeit an dem Märchen ihrer Tochter Gisela „Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns“ (herausgegeben von O. Mallon, 1926).

In den Briefwerken ihres Alters aber hat sie Halbdichtungen ganz einmaliger und unvergleichbarer Art geschaffen: Briefwechsel, die sie mit Goethe (Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, Seinem Denkmal, 1835), mit Caroline von Günderode (Die Günderode, 1840), mit ihrem Bruder Clemens (Clemens Brentanos Frühlingskranz aus Jugendbriefen ihm geflochten wie er selbst schriftlich verlangte, 1. [einziger] Band, 1844) und als ältere Frau schon mit dem jungen Ph. Nathusius (Ilius Pamphilius und die Ambrosia, 1848) tatsächlich geführt hat, hat sie für die Veröffentlichung sehr frei bearbeitet, die einzelnen Briefe auch wohl zerstückelt und die Teile neu zusammengestellt, neue Briefe und Briefteile erfunden, auch Briefe anderer Schreiber und Motive aus gedruckten Werken hinzugenommen, die Zeitfolge mißachtet usw., aber mit all dieser Willkür die betreffende Freundschaftsbeziehung, wie sie war oder wie sie nach B.s Wunsch hätte sein können. und auch andere Menschen ihres Umgangs, vor allem aber ihr eigenes Wesen um so lebendiger heraustreten lassen und den einzelnen Werken einen einheitlichen künstlerischen Charakter gegeben. Wohl fehlt es diesen Büchern, besonders dem ersten, an Komposition, aber sie sind Empfindungsausdruck, sprühend von Leben, und der Stil ihrer eigenen Briefe ist von einem rhythmischen Schwung, der seinesgleichen sucht, und bei aller Sprunghaftigkeit sehr anschaulich in den von Stimmung gesättigten Landschaftsbildern, in der Darstellung kleiner Vorgänge aus dem Leben und in der Fülle von Menschengostalten. Darüber hinaus bricht sich im „Frühlingskranz“, in der „Günderode“ und in dem „Tagebuch“, das im Goethebuch mitgeteilt wird, der Reichtum romantischen Gefühlslebens und romantischer Ideenwelt, auf religiösem Gebiet und im Erleben der Natur und der Liebe, in B.s Seele wie in einem buntschillernden Prisma. Daß diese zur Selbstbespiegelung neigende Frau in all ihren Werken nur sich selbst ausspreche und widerspiegele, hat man stark betont. Aber es ist ihr doch auch gelungen, die Persönlichkeit der Frau Aja lebendig werden zu lassen und in deren Erzählungen die Kindheit und das Wesen Goethes, so daß dieser B.s Aufzeichnungen von Gesprächen mit seiner Mutter als eine Quelle für „Dichtung und Wahrheit“ verwenden konnte. Schon das gibt „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ historische Bedeutung. Und als dieser in einer Zeit erschien, die dem Dichter schon entfremdet war, und einen lebhaften Streit der Meinungen auslöste, ging davon ein neuer Aufschwung der Goethe-Verehrung aus, mochte B.s Beziehung zu Goethe oder vielmehr die Goethes zu ihr darin auch anders erscheinen, als sie in Wirklichkeit gewesen war.

Goethes Mutter ist auch eine Hauptgestalt des Werkes „Dies Buch gehört dem König“ (1843), das an Friedrich Wilhelm IV. gerichtet ist, mit welchem B. in Briefverkehr stand, und bei recht krauser Gesamtkomposition in Erzählungen der Frau Rat und mancherlei Gesprächen religiöse, politische und soziale Fragen bereden läßt, wesentlich vom liberalen Standpunkt, aber mit Nachwirkungen romantischen Ideengutes, besonders in der Auffassung des Königs und des Verhältnisses von König und Volk, und mit warmem, menschlichem Sicheinsetzen für soziale Verantwortung und Gerechtigkeit. Es erhielt eine Fortsetzung in den „Gesprächen mit Dämonen“, die als „Des Königsbuchs zweiter Band“ 1852 erschienen. Diese beiden Bücher und andere Schriften noch zeigen die Romantikerin, die in ihrem Alter auch mit einer neuen Zeit und ihr noch vorauszugehen vermochte. Bedeutungsvoller aber war, daß sie im Alter ihre eigene Jugend sich bewahrt hatte und in ihren anderen Büchern den ganzen seelischen Reichtum ihres romantischen Jugenderlebens und die Fülle und Tiefe menschlicher Beziehungen, in denen sie gestanden, hatte festhalten und wieder ausströmen können.

 

10. Friedrich Schlegel

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S. wurde zunächst seinem Onkel Johann August, danach seinem Bruder →Moritz zur Erziehung anvertraut. 1789 brach er eine auf väterlichen Wunsch begonnene Kaufmannslehre bei Bankier Schlemm in Leipzig ab und begann 1790 ein Jurastudium in Göttingen, wo er mit seinem Bruder →August Wilhelm die Vorlesungen des Altphilologen →Christian Gottlob Heyne (1729–1812) hörte. 1791 wechselte er nach Leipzig, wo er zusätzlich Philosophie und Geschichte studierte und sich 1792 mit →Friedrich v. Hardenberg (Novalis, 1772–1801) befreundete. Wegen Geldmangels brach er sein Studium 1794 ab und zog zu seiner Schwester Charlotte nach Dresden, wo er sich einem intensiven Selbststudium der griech. Literatur widmete. Im Sommer 1796 folgte er seinem Bruder nach Jena, wurde mit Fichte, Goethe, Herder und Wieland bekannt und geriet mit Schiller in Streit über dessen Kunstauffassung. 1797 zog er nach Berlin um, lernte im Salon von Rahel Levin(-Varnhagen) seine zukünftige Frau kennen und schloß enge Freundschaft mit →Ludwig Tieck (1773–1853) und →Friedrich Schleiermacher (1768–1834). Zusammen mit seinem Bruder gab er die für die Frühromantik richtungweisende Zeitschrift „Athenäum“ (3 Bde., 1798–1800, Neudr. 1973) heraus. Seit 1799 wieder in Jena, habilitierte er sich hier 1800 und hielt Vorlesungen über Transzendentalphilosophie, die auch Hegel besuchte. Nach dem Zerfall des Jenaer Romantikerkreises 1801 zog er 1802 nach Paris um, gründete dort die Zeitschrift „Europa“ (2 Bde., 1803–05) und begann das Sanskritstudium. Nach seiner Heirat übersiedelte er 1804 nach Köln und hielt für die Brüder →Sulpiz und →Melchior Boisserée Privatvorlesungen über Literaturwissenschaft und Philosophie (Phil. Vorlesungen aus d. J. 1804-1806, hg. v. →C. J. H. Windischmann, 2 Bde., 1836/37). Seine zusammen mit seiner Ehefrau vollzogene Konversion zum Katholizismus sowie die Veröffentlichung seiner Schrift „Über die Sprache und Weisheit der Indier“ (1808), in welcher er mit dem Pantheismus in der zeitgenössischen Philosophie abrechnet, waren ein entscheidender Wendepunkt in S.s Leben. Noch 1808 zog er nach Wien und wurde 1809 Sekretär der Hof- und Staatskanzlei. 1810 hielt S. in Wien vor ausgewähltem Publikum seine Vorlesungen „Über die neuere Geschichte“ (1811), 1812 las er die Metternich gewidmete „Geschichte der alten und neuen Literatur“ (1815). 1812/13 gab er die Zeitschrift „Dt. Museum“ heraus und schrieb 1814 Verfassungsvorschläge für den Wiener Kongreß (1814). 1815-18 war S. österr. Legationsrat am Bundestag in Frankfurt/M., 1819 begleitete er als Kunstsachverständiger Ks. →Franz auf einer Italienreise. Der Wiener Romantikerkreis (→Adam|Müller, →Franz v. Baader, →Carl Ludwig Haller, Franz Bucholtz, →Zacharias Werner) bildete sich um die von S. herausgegebene „Concordia“ (6 Hh. 1820–23, Neudr. 1967). Die konservative Ausrichtung dieser Zeitschrift führte 1828 zum Zerwürfnis zwischen S. und seinem Bruder →August Wilhelm.

In seiner Abhandlung „Über das Studium der Griechischen Poesie“ (1797) sowie in seiner in →Johann Friedrich Reichardts Zeitschrift „Deutschland“ (Bd. 1, 1796) erschienenen Rezension von Schillers Musenalmanach für das Jahr 1796 entwarf er seine Grundauffassung von moderner Poesie, die zur Abzweigung der Romantik von der Klassik führte. Im Gegensatz zu Schiller behauptete S., daß das „Besondere, Individuelle, Eigenartige“ – das er unter den Oberbegriff des „Interessanten“ (gegenüber Schillers „Schönem“) subsumierte – das Spezifikum moderner Dichtung sei. August Wilhelm verbreitete die Ideen seines Bruder in den Wiener Vorlesungen „Über dramatische Kunst und Literatur“ (3 Bde., 1809–11) als Botschaft der dt. Romantik an Europa.

Als spiritus movens der Jenaer Romantik beschränkte S. seine kritische Reflexion keineswegs auf die Literatur, sondern setzte sich lebenslang mit philosophischen Fragen auseinander. Die von ihm neu konzipierte „hermeneutische Kritik“ soll ein poetisch reflektierendes Verstehen entfalten, das sich ausdrücklich auf die Individualität und das vom Individuum in der Geschichte Geschaffene und Verstandene bezieht. Kritik als „universalphilosophische Kunst“ besagt ein „symphilosophierendes“ Gespräch mit dem Kunstwerk und den überlieferten literarischen Denkmälern, wobei das Unvollständige am Werk gemäß seinem individuellen Ideal zur Vollendung gebracht wird.

Als vorzügliches Ausdrucksmittel für die individuelle Widerspiegelung des Unendlichen galt S. die fragmentarische Darstellungsart. S. nennt das Fragment die eigentliche Form der „Universalphilosophie“; nur ein „System von Fragmenten“ als Verflechtung der „formlosen Formen“ vermöge das differenzlose Spiel des Unendlichen angemessen auszudrücken. Die romantische Dichtkunst sollte nach dem Vorbild der griech. Mythologie eine neue Mythologie aus der „tiefsten Tiefe des Geistes“ herausbilden, die als Lehrerin der Menschheit alle Formen sozialen Lebens kreativ zu bestimmen und zu durchdringen hätte.

S. versuchte, die zentralen Paradoxien und Widersprüche der modernen Kunst durch seine Bestimmung der Ironie zur Sprache zu bringen. Durch Ironie werde gezeigt, wie aus dem differenzlosen Chaos des Unendlichen eine künstlerische „Welt“ entspringen kann. Denn die Ironie offenbart die Vergänglichkeit und Brüchigkeit der menschlichen Existenz, die sich im künstlerischen Schaffen über sich selbst hinwegsetzt, und dabei ein Gefühl von der „Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung“ erregt (Lyceum-Fragment Nr. 108). In den Spätvorlesungen „Philosophie der Sprache und des Wortes“ (1827-29, gedr. 1830) erwartete S., daß die „Ironie der Liebe“ den scheinbaren Widerspruch von Endlichem und Unendlichem durchschaubar machen werde.

Nach seiner Konversion verschärfte sich S.s Abneigung gegen die logisch-diskursive Denkweise. Er legte immer mehr Nachdruck auf das von ihm befürwortete Gegenbild derselben: die „Philosophie des Lebens“ (1827, gedr. 1828), die „Philosophie der Sprache“ (1829) und die „Philosophie der Geschichte“ (1828, gedr. 1829), die aus der Tiefe der Offenbarung ihren positiven Anstoß erhalten. Gott als Quelle des Lebens wird demnach nicht mehr als abstraktes Sein und leerer Begriff gedacht, sondern als Leben und lebendiges Dasein. Die Sprache verstand S. dabei als „Faden der Erinnerung und Überlieferung“, der unterschiedliche Völker miteinander verbindet und ihre gegenseitige Kommunikation ermöglicht. Die ethische Dimension der Lebensphilosophie besteht dabei im verantwortlichen Verhältnis jedes Individuums zu seinem eigenen Leben. Mit dem Triptychon der Vorlesungen (Phil. d. Lebens; Phil. d. Gesch.; Phil. d. Sprache u. d. Wortes) vollendete S. seine „positive“ Philosophie.

S.s Einfluß erstreckt sich auf nahezu alle Bereiche der Geisteswissenschaften: Im dt. Sprachraum gilt er als Begründer der Literaturkritik; in ganz Europa stand sein Name im 19. Jh. als Synonym für die Opposition gegen den Klassizismus; S.s autobiographisch geprägter und v. a. wegen seiner geschlechteremanzipatorischen Passagen umstrittener Roman „Lucinde“ (1799) inspirierte →Thomas Mann und →Robert Musil; seine Kunst- und Lebensphilosophie beeinflußte sog. postmetaphysische Denker wie →Dilthey, →Heidegger und Walter Benjamin.

 

11. Caspar David Friedrich 

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F. genoß seinen ersten Kunstunterricht bei dem Architekten und Universitätszeichenmeister Johann Gottfried Quistorp in Greifswald, dem Freunde des Dichters Kosegarten, des Freundes und Gönners von Runge. 1794-98 besuchte er die Kunstakademie in Kopenhagen, wo er die übliche Ausbildung im Freihandzeichnen, Zeichnen nach Gips und nach Modell erhielt und in die Landschaftstradition des 18. Jahrhunderts durch die Berührung mit der Kunst Ch. August Lorentzens (dessen Unterricht er genoß), Jens Juels' und Erik Pauelsens hineinwuchs. 1798 siedelte er nach Dresden über, das um jene Zeit durch die Anwesenheit der Gebrüder Schlegel, des Novalis, Jean Pauls, Schellings und Steffens' zu einem Mittelpunkt der deutschen romantischen Bewegung wurde. Dort schloß sich F. der Schule Adriaen Zinggs (des Dresdener Hauptes der Prospektenzeichner), Ch. Klengels und Jacob Seidelmanns an, ohne aber zu einem dieser Künstler in ein Schülerverhältnis zu treten, und verdiente sich durch die damals beliebte Prospektmalerei (Federzeichnungen, Sepiablätter) seinen Lebensunterhalt. Den ersten Erfolg brachte dem Künstler die Beteiligung an der Ausstellung der Weimarer Kunstfreunde 1805. Goethe erkannte ihm für 2 Sepiablätter den halben Preis zu und würdigte seine Arbeiten in der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung. Seit dieser Zeit stand F.mit Goethe in Beziehung, ohne daß sich freilich ein näheres Band knüpfte. In den Jahren der französischen Fremdherrschaft schloß sich F. in Dresden einem Kreise Gleichgesinnter an, zu dem der Maler Ferdinand Hartmann, der Philosoph Gotthard Heinrich von Schubert, der Dichter Heinrich von Kleist und der Philosoph Adam Müller gehörten. In F.s ärmlichem Atelier in der Pirnaischen Vorstadt wurde vermutlich zuerst Kleists „Hermannschlacht“ vorgetragen. – Seit 1807 begann F. sich der Ölmalerei zu widmen. Bald war sein Name in aller Munde. In den Weihnachtstagen 1808 gab er in seinem Atelier ein Gemälde zur Besichtigung frei, das für den Altar in der Hauskapelle der Gräfin Thun und Höllenstein auf Schloß Tetschen in Böhmen bestimmt war, das Kreuz im Gebirge (Dresden, Staatliche Gemäldegalerie). Die Kühnheit des Werkes in Thema und Formensprache rief die Kritik auf den Plan (Basilius von Ramdohr, in: Zeitung für die Elegante Welt, 1809). F.s Gesinnungsgenossen nahmen für den Angegriffenen Partei. Der Tetschener Altar wurde zu einem Programmwerk der neuen romantischen Kunst. – Die folgenden Jahre festigten F.s Ruf. 1816 wurde er Mitglied der Dresdener Akademie, 1824 außerordentlicher Professor. Seine Hoffnung, nach Klengels Tod ordentlicher Professor zu werden, schlug freilich fehl. Hier zeigt sich bereits der Umschlag des Kunstideals zugunsten der Düsseldorfer Schule, der F. mehr und mehr vereinsamen ließ. Kränklichkeit und wirtschaftliche Not haben sein Alter überschattet. 1835 lahmte ein Schlaganfall seine Kräfte. Seit 1837 hat er nicht mehr arbeiten können. – Zu den Freunden seiner späteren Jahre gehörten der norweg. Landschaftsmaler Ch. Clausen Dahl, der seit 1820 sein Hausgenosse war, und der Arzt, Naturforscher und Philosoph C. G. Carus, dessen 1815-24 geschriebene „Neun Briefe über Landschaftsmalerei“ dem Umgang mit F. ihre Entstehung und ihr Gepräge verdanken.

In dem Nachruf, den Carus seinem toten Freunde widmete, heißt es, daß F. „mit einem durchaus tiefsinnigen und energischen Geiste und auf absolut originale Weise in den Wust des Alltäglichen, Prosaischen, Abgestandenen hineingriff und, indem er ihn mit einer herben Melancholie niederschlug, aus dessen Mitte eine eigentümlich neue leuchtende poetische Richtung hervorhob“. Über die Zugehörigkeit F.s zur romantischen Bewegung und über seine kunstgeschichtliche Stellung in der Geschichte der Landschaftsmalerei kann nichts Treffenderes gesagt werden.

Schon in der Thematik seiner Bilder wird der Gegensatz zur barocken Landschaftsmalerei deutlich. F. liebt es, seine Landschaften mit symbolischen Zeichen, Kreuzen, gotischen Ruinen, vaterländischen Gedächtnismalen, Schiffen und Schiffstrümmern auszustatten. Er gibt die Natur gern als einsame, oft verlassene Natur, die nicht mehr Wohnstätte des Menschen, sondern Urlandschaft ist. Er liebt das Elementare, mag es ihm nun als Meer oder als Gebirge entgegentreten, und das nordisch Dunkle, das die Zeitgenossen mit dem Worte „ossianisch“ umschrieben haben. – Gern steigert F. das einzelne Motiv über das gegenständlich Zulässige hinaus, monumentalisiert und verabsolutiert es und läßt Natur- und Menschenlaut in eins zusammenklingen. Das Bild des|Morgens wird zum Gleichnis des Weltenwerdens und des Lebensmorgens, das Bild einer winterlichen Landschaft zum Gleichnis des Winterlichen schlechthin wie dem der Verlassenheit und des Todes. Mensch, Baum, Bauwerk, Stein wachsen über ihr begrenzt gegenständliches Sein zu unbegrenzt allgemeiner Bedeutung. Alle Gegensätze werden von einer großen Gesamtstimmung umfangen, die zugleich das Erlebnis des Künstlers widerspiegelt. – Der neuen Thematik entspricht eine neue Bildform: Rahmenlosigkeit, unvermitteltes Gegeneinandersetzen übernah gesehener Vordergründe gegen weite und ferne Hintergründe, ornamentale, fast flächenhafte Linienführung, die aus dem Gegensatz des Begrenzten und Unbegrenzten ihre stille, manchmal unheimliche Kraft zieht, dünn und spitz aufgetragene Farbe, die, ohne sinnlichen Reiz, die symbolische Aussage der Zeichnung verstärkt, besonders bezeichnend das Grauviolett in verschiedenen Abstufungen, das die Formen entkörperlicht und unfaßbar macht.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Becker, Lydia, Johannes Bückler, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johannes-bueckler-/DE-2086/lido/57c58a6c1b8fd3.60387402 (abgerufen am 14.10.2025)

-> Ronge, Julia, Ludwig van Beethoven, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ludwig-van-beethoven-/DE-2086/lido/57c578bad39561.36831967 (abgerufen am 19.10.2025)

-> Oellers, Norbert, "Schiller, Friedrich von" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 759-763 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118607626.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 01.12.2025.

-> Vormweg, Christoph: Vor 250 Jahren geboren - Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, in: Deutschlandfunk, online verfügbar seit 27.08.2020 unter: https://www.deutschlandfunk.de/vor-250-jahren-geboren-der-philosoph-georg-wilhelm-100.html, zuletzt geprüft am 06.12.2025.

-> Heinz, Tina: Alexander von Humboldt, in: planetwissen.de, online verfügbar seit 02.12.2019 unter: https://www.planet-wissen.de/geschichte/persoenlichkeiten/alexander_von_humboldt/index.html, zuletzt geprüft am 06.12.2025. 

-> Hinske, Norbert, "Kant, Immanuel" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 110-125 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118559796.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 09.12.2025.

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-> Zovko, Jure, "Schlegel, Carl Wilhelm Friedrich von (österreichischer Adel 1815)" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 40-42 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118607987.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.01.2026.

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Sekundärliteratur

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