Persönlichkeiten
Inhaltsverzeichnis
- Johannes Bückler
- Ludwig van Beethoven
- Friedrich Schiller
- Georg Wilhelm Friedrich Hegel
- Alexander von Humboldt
- Immanuel Kant
- Wilhelm von Humboldt
- Sophie Mereau
- Bettina von Arnim
- Friedrich Schlegel
- Caspar David Friedrich
- Henriette Herz
- Novalis
- Clemens Brentano
- Karoline von Günderrode
1. Johannes Bückler
Räuber (etwa 1780-1803)
Johannes (Johann) Bückler, besser unter seinem Rufnamen Schinderhannes bekannt, war ein deutscher Räuber, der während der Jahre 1796 und 1802 gemeinsam mit seinen Spießgesellen über 130 Straftaten verübte, die von Viehdiebstahl bis Mord reichten. Trotzdem bietet die Figur des Schinderhannes bis heute Stoff für viele Geschichten, die den Räuber aus dem Hunsrück meist mehr als einen Robin Hood des Soonwaldes erscheinen lassen.
Am 21.11.1803 fand Johannes Bückler unter der Guillotine in Mainz den Tod. Es ist nicht bekannt, wann genau er geboren wurde, doch ist davon auszugehen, dass er bei seinem Tod zwischen 20 und 24 Jahren alt war. Der Zeitraum seiner Geburt wird demnach auf die Jahre 1777-1780 eingegrenzt. Es ist davon auszugehen, dass Bücker in Miehlen bei Nastätten geboren wurde, dem Heimatort seiner Mutter.
Johannes Bückler zeigt eine für seine Zeit typische „Karriere“ als Räuber. Die meisten Menschen, die im 18. und frühen 19. Jahrhundert in sogenannten „Räuberbanden“ aktiv waren, stammten aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Hintergrund war der rasche Bevölkerungsanstieg im 18. Jahrhundert. Viele dieser Menschen waren nicht sesshaft, sondern verdienten ihren Lebensunterhalt, indem sie über Land zogen. So auch der Vater des Johannes Bückler, der sich als Feldarbeiter und Tagelöhner verdingte. Seine Mutter, Anna Maria Schmitt, war bei ihrer Hochzeit bereits schwanger. Seine ersten Lebensahre verbrachte Johannes Bückler in Miehlen, doch nach einem Diebstahl seiner Mutter verließ die Familie den Ort überstürzt. Einige Zeit schloss sich Bücklers Vater als einfacher Soldat dem Militär an, dann desertierte er und zog mit seiner Familie in den Hunsrück. Da der Vater nirgends lange Arbeit hatte, zogen sie von Ort zu Ort.
Etwa ein Jahr nach seiner Konfirmation verließ der damals 15-jährige Johannes sein Elternhaus, nachdem er einen Wirt bestohlen hatte. Zunächst schlug er sich mehr schlecht als recht mit Viehdiebstählen durch, ging dann aber bei verschiedenen Schindern (Abdeckern) in die Lehre. In dieser Zeit entstand vermutlich der von ihm wenig geliebte Rufname „Schinderhannes“.
Einem seiner Meister, dem Abdecker Nagel in Bärenbach (heute Verbandsgemeinde Kirchberg/Hunsrück), stahl er sechs Kalbsfelle und eine Kuhhaut. Dafür erhielt er eine öffentliche Prügelstrafe, die ihn, wie er später behauptete, sehr geprägt hat. Vom weiteren Stehlen hielt sie ihn allerdings nicht ab. Gemeinsam mit diversen Verbündeten, zum Beispiel Jakob Fink, der auf Grund seiner roten Haare als der „rote Fink“ bekannt wurde, unternahm er vermehrt in den Jahren 1796/1797 Viehdiebstähle. Schließlich wurde Bückler in Kirn inhaftiert, konnte aber schon nach einem Tag aus dem Gefängnis fliehen.
Das erste Gewaltverbrechen des Schinderhannes, bei dem ein Mensch sein Leben verlor, fällt auf das Jahresende 1797. Gemeinsam mit dem roten Fink und einigen anderen Komplizen verprügelte er den Landstreicher und Pferdedieb Niklas Rauschenberger, genannt Plackenklos, nachdem dieser zwei Freundinnen Bücklers bedrängt und bestohlen hatte. Rauschenberger erlitt so starke Verletzungen, dass er diesen erlag.
Zu Beginn des Jahres 1798 ist der erste bewaffnete Raubüberfall des Schinderhannes und seiner Bande belegt. Auch er forderte ein Todesopfer. Weitere Überfälle folgten, darunter auf zwei Jüdinnen. Ansonsten fanden in dieser Zeit weiterhin Viehdiebstähle statt. Die Aktivitäten der Schinderhannesbande wurde durch die erneute Festnahme Bücklers kaum unterbrochen, da er wie schon zuvor nach kurzer Zeit aus dem Gefängnis in Saarbrücken fliehen konnte. Im selben Jahr war Johannes Bückler wiederum in einen Todesfall verwickelt. Es handelte sich um den Juden Simon Seligmann aus Seibersbach (heute Verbandsgemeinde Stromberg), der im Soonwald erschlagen wurde. Schinderhannes gab später an, nicht an der Tötung des Juden beteiligt gewesen zu sein. Er schob seinem Komplizen Peter Petry, auch als der schwarze Peter bekannt, die Schuld zu, gestand aber, dem Toten Wertgegenstände entwendet zu haben.
Die Gegend, in der Schinderhannes und seine Komplizen tätig waren, war wie das gesamte linksrheinische Deutschland seit 1794 von französischen Truppen besetzt. Die Franzosen setzten alles daran, ihn und seine Bande zu fassen. 1799 konnte die Nationalgendarmerie erstmals einen wirklichen Erfolg verbuchen. Bei einem Streifzug wurde Johannes Bückler in Schneppenbach (heute Verbandsgemeinde Kirn-Land) festgenommen und nach einigen Verhören in den Gefängnisturm von Simmern gebracht. Dieses Mal gelang dem Schinderhannes die Flucht erst nach knapp einem halben Jahr, im August 1799. Diese wiederholten Gefängnisausbrüche brachten ihm noch zu Lebzeiten den Ruf ein, er könne Wunder vollbringen und sich unsichtbar machen. Nach dem Ausbruch aus dem Turm von Simmern begann die eigentliche Hochphase der Aktivitäten des Schinderhannes. Er scharte wieder Gesellen um sich. Straßenraub, Einbrüche und Erpressung waren die Folge. Nach einiger Zeit war er neben seinem Rufnamen Schinderhannes auch unter dem Namen „der König vom Soonwald“ bekannt.
Die Bande des Schinderhannes entsprach allerdings nicht den heutigen Vorstellungen einer „Bande“, da es sich dabei nicht um eine feste Gruppe handelte, sondern um relativ spontane Zusammenrottungen, die nach der verübten Tat schnell wieder zerfielen. Eine hierarchische Ordnung bestand nur während der Zeit der Tat, und sie diente nur der erfolgreichen Durchführung. Die Bandenmitglieder wurden überwiegend aus der vagierenden Bevölkerungsschicht rekrutiert und man verständigte sich über geheime Zeichen (sogenannte Zinken) und eine eigene Geheimsprache, das sogenannte „Rotwelsch“. Diese Form von Räuberbanden war typisch für das 18. und frühe 19. Jahrhundert.
Von Januar bis März 1800 hielt sich Johannes Bückler auf der rechten Rheinseite auf, kehrte dann aber wieder ins Linksrheinische zurück. Bei Gefahr wechselte er allerdings gern zwischen den Rheinseiten hin und her, da dies es den französischen Behörden erschwerte, ihn zu fassen. Im Laufe der Zeit legte er sich sogar ein Pseudonym für seine Aufenthalte auf der anderen Rheinseite zu, um dort als fahrender Krämer seine Ware anzubieten, oder Märkte zu besuchen: Jakob Ofenloch von Altenbamberg. Ostern 1800 lernte er auf einer Tanzveranstaltung seine zukünftige Lebensgefährtin Juliana (Julchen) Bläsius (1781-1851) kennen. Die Beziehung zu ihr sollte ihm später beim Volk noch einen Sympathiebonus verschaffen, da er sich während des Prozesses als liebevoller, fürsorglicher Familienvater präsentierte.
1801 arbeitete er mit einer Gruppe der sogenannten „Niederländischen“ Räuberbande zusammen, deren Kern überwiegend aus Juden bestand. Unter dem Oberbefehl des niederländischen Räubers Abraham Picards beteiligte Johann Bückler sich an einem Überfall auf das Posthaus in Würges (heute Stadt Bad Camberg im Taunus), entwendete Picard allerdings auch einen Teil von dessen Beute und machte sich mit ihr rheinabwärts aus dem Staub. Nach dem Coup in Würges verständigten sich die Landesobrigkeiten auf mehr Zusammenarbeit bei der Verbrechensbekämpfung; die Bürger wurden unter Androhung von Strafe verpflichtet, im Falle von Raubüberfällen Alarm zu schlagen und Hilfe zu leisten. Das erschwerte die Arbeit der Schinderhannesbande erheblich. Immer öfter mussten die Räuber fliehen, oder sie wurde sogar nach einem Überfall von den Dorfbewohnern verfolgt.
Im Mai 1802 wurde Schinderhannes durch einen Zufall auf der rechten Rheinseite gefasst, weil er sich nicht ausweisen konnte. Zunächst wurde er nach Frankfurt gebracht und am 15. Juni dem französischen Nationalkommando in Mainz übergeben. Der Prozess gegen die Bande des Schinderhannes begann am 24.10.1803 und endete am 20. November des gleichen Jahres mit einem Todesurteil für Johann Bückler und 19 Mitangeklagte, welches am 21. November vollstreckt wurde. Julchen Bläsius wurde zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, im Gefängnis gebar sie einen gemeinsamen Sohn. Zuvor hatte sie schon einmal ein Kind von Bückler bekommen, doch war es kurz nach der Geburt gestorben.
Die Erzählungen, die bereits zu seinen Lebzeiten ber den Schinderhannes und seine Bande kursierten, zeigen keinen groben, gewalttätigen Räuber, sondern stilisieren ihn zu einer Art Robin Hood, dessen Taten, wenn auch gesetzeswidrig, von edlen Motiven geleitet wurden. Drei Hauptmotive sind dabei entscheidend: Erstens Antisemitismus, zweitens politische Rebellion und drittens soziales Engagement. Keines dieser Motive wird tatsächlich für den Schinderhannes eine Rolle gespielt haben, doch kam es ihm natürlich stets zu Gute zu wissen, dass er eine gewisse Sympathie im Volk genoss, und er mag sich wohl auch dem entsprechend inszeniert haben, besonders während des Prozesses. Die Gerüchte machten ihm zum Rächer an den bei vielen einfachen Menschen verhassten Juden, obwohl er keine Berührungsängste hatte, mit jüdischen Gaunern zusammen zu arbeiten, sie stilisierten ihn zum Freiheitskämpfer gegen die Franzosen, obwohl er keine Tendenz dazu erkennen lässt, und sie machten ihn zum Sozialrebellen, obwohl er und seine Bande nur auf persönliche Bereicherung aus waren. Die Geschichten entsprachen den heute schwer nachvollziehbaren Wünschen und Sehnsüchten der damaligen Zeit und nicht der historischen Person des Johannes Bückler.
2. Ludwig van Beethoven
Ludwig van Beethoven gilt nach Haydn und Mozart nicht nur als Vollender der Wiener Klassik, sondern auch als Wegbereiter der Musik der Romantik und des 19. Jahrhunderts und wurde vor allem mit seinen neun Symphonien zum Vorbild aller nachgeborenen Komponisten und Inbegriff des Klassischen.
Ludwig van Beethoven war das zweite von sieben Kindern des kurkölnischenHoftenoristen Johann van Beethoven (um 1740-1792) und seiner Frau Maria Magdalena, geborene Keverich (1746-1787). Neben Ludwig erreichten nur seine zwei jüngeren Brüder Kaspar Karl (1774-1815) und Nikolaus Johann (1776-1848) das Erwachsenenalter, die übrigen Geschwister starben bereits im Kindesalter. Ludwig van Beethoven wurde am 17.12.1770 in St. Remigius in Bonn getauft, vermutlich war er am selben oder am vorangegangenen Tag geboren worden. Sein Geburtshaus, eines der wenigen erhaltenen Bürgerhäuser des 18. Jahrhunderts in der Stadt (Bonngasse 20), beherbergt heute die größte Beethoven-Sammlung weltweit.
Die Beethovens waren eine Familie von kurfürstlichen Hofmusikern. Großvater Ludwig van Beethoven der Ältere (1712-1773) stammte aus Mechelen in Belgien und kam 1733 als Bass-Sänger an den Bonner Hof. 1761 avancierte er zum Hofkapellmeister, eine Position, die auch sein Sohn Johann gerne gehabt, aber nie erreicht hat.
Seinen ersten Musikunterricht erhielt Ludwig vom Vater, der ihn Klavierspielen lehrte. Am 26.3.1778 trat Ludwig erstmals öffentlich in Köln in einem Konzert auf. Um 1779 begann er, auch Orgel zu lernen. 1780 erhielt er seinen wohl bekanntesten Klavierlehrer, den Leiter des kurkölnischen Hoftheaters, Christian Gottlob Neefe (1748-1798), der das Potenzial des jungen Musikers erkannte und ihn förderte. Bei Neefe lernte Beethoven die Werke Johann Sebastian Bachs (1685-1750) kennen (namentlich das Wohltemperierte Klavier).
Die allererste gedruckte Komposition des Elfjährigen, die „Dresslervariationen" WoO (Werke ohne Opuszahl) 63, erschienen 1782 in dem renommierten Verlag Götz in Mannheim durch die Vermittlung Neefes. Schon im Alter von elf Jahren hatte Beethoven im Gottesdienst Orgel gespielt. Ab 1783 spielte er auch im Hoforchester Cembalo. Sein erstes festes Gehalt erhielt er 1784 als stellvertretender Hoforganist.
Mit ungefähr neun Jahren hatte Ludwig auch Geige spielen gelernt und war ab 1789 im Hoforchester neben seinem Dienst als Cembalist und Organist auch als Bratscher angestellt. Im Dezember 1786 brach Beethoven auf Veranlassung seines Dienstherrn, des Kurfürsten und Erzbischofs Maximilian Franz von Habsburg, nach Wien auf, um dort bei Mozart (1756-1791) Unterricht zu nehmen. Beethoven hielt sich jedoch nur wenige Wochen dort auf. Schon auf der Heimreise erreichte ihn eine Nachricht des Vaters mit der Bitte um rasche Rückkehr: die Mutter sei schwer erkrankt und liege im Sterben. Ob Beethoven Mozart in Wien getroffen hat, ist nicht bekannt.
Ludwig van Beethoven, 1802. Reproduktion eines Holzschnittes von Alfred Hanf nach der Miniatur von Christian Horneman (1765-1844). (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)
Der Tod der Mutter am 17.7.1787 führte zum endgültigen Absturz des Vaters. Schon früher hatte Johann van Beethoven eine ausgeprägte Neigung zum Alkohol gehabt, jetzt wurde er zum Alkoholiker. Seinen Dienst konnte er nicht mehr versehen und wurde suspendiert. Ludwig musste von da ab für die gesamte Familie sorgen und sie ernähren.
Eine neue emotionale Heimat fand er bei der Familie Breuning, wo er bereits seit ungefähr 1782 Klavierlehrer der Kinder Eleonore und Lorenz war. Deren Bruder Stephan zog 1801 nach Wien und blieb zeitlebens ein enger Freund. Auch Eleonore, die den Jugendfreund und frühen Beethoven-Biographen Franz Gerhard Wegeler (1765-1848) heiratete, blieb Beethoven immer verbunden. Der liberale Geist im Hause Breuning prägte entscheidend Beethovens freiheitliche Gesinnung. Weitere Einflüsse erhielt er durch die Bonner Lese- und Erholungsgesellschaft, die kurkölnische Landesuniversität in Bonn, an der er sich 1789 immatrikulierte, sowie durch den intellektuellen Freundeskreis im Lokal „Zehrgarten".
Notenblatt. (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)
Hier lernte er die Ideen und Grundsätze der französischen Revolution kennen und machte sie sich zu eigen. Den nur ein Jahr älteren, in den Revolutionskriegen erfolgreichen Napoleon Bonaparte (1769-1821) verehrte Beethoven in seiner Jugend glühend. Beethovens Begeisterung war aber durchaus ambivalent und ebbte auf dem Höhepunkt der Napoleonischen Kriege 1809/1810 stark ab, die Kaiserkrönung Napoleons 1804 verachtete er. Seine grundsätzliche Bewunderung der Napoleonischen Staatsphilosophie und Gesetzgebung hielt der Republikaner Beethoven in späteren Jahren aufrecht.
1792 erhielt Beethoven auf Vermittlung des Grafen Waldstein vom Kurfürsten erneut ein Ausbildungsstipendium und reiste im November abermals nach Wien, um bei Joseph Haydn (1732-1809) Unterricht zu nehmen. 1794 eroberten französische Truppen das Rheinland und lösten die kurkölnische Bonner Hofhaltung auf. Beethovens Dienststelle existierte damit nicht mehr. Er blieb in Wien und kehrte nie nach Bonn zurück.
Beethoven-Haus Bonn, Innenansicht. (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)
Vermutlich hatte Graf Waldstein ihm Empfehlungsschreiben mitgegeben, so dass Beethoven leicht Zutritt zum Wiener Hochadel erhielt und von der Aristokratie gefördert wurde. Sein wichtigster Gönner in den ersten Wiener Jahren war Fürst Karl von Lichnowsky (1756-1814), der ihm die Türen zu den Adelshäusern öffnete, Wohnung stellte und auch mit Geld unterstützte. In kürzester Zeit eroberte der junge Beethoven Wien als gefragter Pianisten und Improvisator.
Auf Veranlassung Lichnowskys und – zumindest auf der ersten Etappe – in seiner Begleitung unternahm Beethoven 1796 seine einzige Konzerttournée, die ihn nach Prag, Dresden, Leipzig und Berlin führte. Lichnowsky, der schon Freund und Gönner Mozarts gewesen war, hatte sieben Jahre zuvor mit Mozart bereits dieselbe Reise unternommen.
Mit ungefähr 26 Jahren müssen Beethovens Gehörprobleme begonnen haben, von denen er 1801 erstmals seinem Bonner Freund Franz Gerhard Wegeler unter dem Siegel der Verschwiegenheit berichtete. Der Verlust der Hörfähigkeit führte 1802 zu einer schweren Krise, die im so genannten Heiligenstädter Testament gipfelt. Mit diesem Brief an seine beiden Brüder regelte Beethoven nicht nur seinen Nachlass, sondern versuchte, sein eigenes Bild bei den Menschen gerade zu rücken und seine Motivationen klarzustellen. Das Testament ist ein Schriftstück tiefer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Die Krise hat Beethoven schließlich überwunden; um 1806 beschloss er sogar, seine beginnende Taubheit nicht länger geheim zu halten.
Ludwig van Beethoven, Gemälde von Willibrord Joseph Mähler (1778-1860), 1815. (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)
Inzwischen war er ein angesehener und erfolgreicher Komponist. 1808 bekam Beethoven ein verlockendes Angebot von Jérôme Bonaparte (1784-1860), König von Westfalen, an dessen Hof in Kassel Kapellmeister zu werden. Um eine Abwanderung des berühmten Künstlers zu verhindern, entschlossen sich drei Mitglieder der Hocharistokratie, Erzherzog Rudolph, Fürst Lobkowitz und Fürst Kinsky, Beethoven eine Leibrente von 4.000 Gulden auszusetzen, deren einzige Bedingung sein Verbleib in Wien war. Die eigentlich stattliche Summe schmolz aber infolge der Napoleonischen Kriege und der damit verbundenen Teuerung schnell dahin. Zudem wurde Fürst Lobkowitz zahlungsunfähig. Die Familie Kinsky wollte nach dem Tod des Fürsten 1812 ihre Zahlungen ganz einstellen. Einzig Erzherzog Rudolph, Beethovens einziger Kompositionsschüler und sein treuester Mäzen, zahlte zuverlässig bis an Beethovens Lebensende.
In der öffentlichen Wahrnehmung erreichte Beethoven 1814/1815 mit dem Wiener Kongress den Höhepunkt seines Ruhmes. Mehrere glanzvolle Konzertereignisse unter Anwesenheit der versammelten europäischen Fürsten bescherten ihm eine zuvor nicht erlebte Popularität. Auch das erstarkende Bürgertum, das sein Bedürfnis nach öffentlichem Musikleben in neu gegründeten Musikvereinen zum Ausdruck brachte, trug zu Beethovens wachsendem Ansehen bei.
Privat war Beethoven nicht ganz so erfolgreich. Er war zwar häufig verliebt, jedoch niemals verheiratet, obwohl er einige Anläufe dazu unternommen hatte. Als sein Bruder Kaspar Karl 1815 starb und einen minderjährigen Sohn hinterließ, rückte die Erfüllung des Traumes einer eigenen Familie in greifbare Nähe. Beethoven wurde Vormund für seinen Neffen Karl und richtete eine fast erdrückende Fürsorge auf das Kind. Die Mutter des Kindes, seine Schwägerin, hielt er moralisch und charakterlich für unwürdig und versuchte, sie ganz von der Erziehung auszuschließen und jeden Kontakt zwischen Mutter und Kind zu unterbinden. Dagegen wehrte sich die Mutter, es folgte eine längere Reihe von amtlichen und gerichtlichen Auseinandersetzungen, die schließlich 1820 zugunsten Beethovens entschieden wurden.
Ludwig van Beethoven, um 1817. Lithographie von Carl Fischer, 1822, nach einer Zeichnung von August von Kloeber (1793-1864). (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)
Das letzte Lebensjahrzehnt Beethovens war einerseits geprägt von seinen monumentalen Großwerken Missa solemnis (zur Inthronisation des Erzherzogs Rudolphs als Bischof von Olmütz) und der 9. Symphonie, den letzten Klaviersonaten und den späten Streichquartetten, andererseits aber von schweren gesundheitlichen Beschwerden und nahezu völliger Taubheit. Zum Gespräch mit Besuchern und Freunden bediente er sich ab 1818 kleiner Hefte (Konversationshefte), in die seine Gesprächspartner ihre Beiträge notierten. Beethoven antwortete mündlich. Abgesehen von seinem schwachen Gehör wurde Beethoven von starken Koliken und Unterleibsbeschwerden geplagt, die ihn häufig arbeitsunfähig machten. Ursache dafür waren eine schwere Bleivergiftung und eine Leberzirrhose. Die Zirrhose sowie die durch sie verursachte Bauchwassersucht waren auch die Ursache seines Todes am 26.3.1827 in Wien.
Beethovens Leichenbegängnis auf dem Währinger Friedhof in Wien glich einem Staatsbegräbnis. 20.000 Menschen sollen dem Sarg gefolgt sein, darunter nicht nur die angesehensten Musiker der Stadt (Franz Schubert war einer der Fackelträger), sondern auch Mitglieder des Hochadels. Der Schauspieler Heinrich Anschütz hielt am Friedhofseingang eine von Franz Grillparzer verfasste Rede, in der er Beethoven als Künstler und Mensch hervorhob. „Wenn die Pforte des Lebens hinter uns sich schließt, springen auf die Pforten zum Tempel der Unsterblichkeit. Dort steht er nun bey den Großen aller Zeiten; unantastbar für immer." Seine letzte Ruhestätte fand Beethoven 1888 auf dem berühmten Wiener Zentralfriedhof.
3. Friedrich Schiller
Nach mehrfachen Wohnortwechseln wegen der verschiedenen Einsatzorte des Vaters besuchte S. seit 1764 die Elementarschule in Lorch, seit 1766 die Lateinschule in Ludwigsburg. Von den Eltern zunächst für den geistlichen Stand bestimmt, besuchte er auf Forderung des württ. Hzg. Carl Eugen seit Anfang 1773 die „Militär-Pflanzschule“ (später „Hzgl. Militär-Akademie“) auf der Solitude (nahe Stuttgart), wo er Kenntnisse in Fremdsprachen (Latein, Griechisch, Französisch), Philosophie, Mathematik und Geschichte erwarb. 1774 begann er ein Studium zunächst der Rechtswissenschaften, seit 1775 der Medizin, das er im Dez. 1780 mit einer dritten Dissertation (Versuch über d. Zusammenhang d. thierischen Natur d. Menschen mit seiner geistigen) abschloß, nachdem zwei vorangegangene Versuche von den Gutachtern abgelehnt worden waren.
Anschließend trat S. als Regimentsmedikus in Stuttgart in hzgl. Dienste und widmete sich seiner schon auf der Militär-Akademie bevorzugten Nebenbeschäftigung, der Dichtung. Sein Erstlingsdrama. „Die Räuber“, schloß er im Frühjahr 1781 ab und begann „Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“; Gedichte für die „Anthologie auf das Jahr 1782“ entstanden rasch in großer Zahl. Nach der ohne Erlaubnis seiner Vorgesetzten unternommenen Reise zur Uraufführung der „Räuber“ im kurpfälz. Mannheim am 13.1.1782 und einer Wiederholung dieser Reise Ende Mai 1782 verhängte der Herzog eine 14tägige Arrest-Strafe und ordnete an, daß S. mit der Poesie Schluß zu machen habe. S. floh daraufhin am 22.9.1782 von Stuttgart nach Mannheim.
Um der vermuteten Verfolgung durch württ. Häscher zu entgehen, zog er sich im Okt. 1782 nach Oggersheim (Pfalz) zurück und ging im Dezember ins thür.Bauerbach, wo er – beschäftigt mit der Fertigstellung des „Fiesko“ (1783), der Arbeit an „Kabale und Liebe“ (1784) sowie Vorstudien für „Don Karlos“ – auf dem Gut →Henriette v. Wolzogens (1745–88) bis Juli 1783 lebte. Nach Mannheim zurückgekehrt, schloß er mit dem dortigen →Theaterintendanten Heribert v. Dalberg (1750–1806) einen einjährigen Vertrag als Theaterdichter, in dem er sich verpflichtete, neben einer umgearbeiteten „Fiesko“-Fassung und „Kabale und Liebe“ ein weiteres Stück zu liefern. Da er den Vertrag nicht erfüllen konnte, versuchte er der sich abzeichnenden finanziellen Misere u. a.durch Gründung der Zeitschrift „Rhein. Thalia“ (1. H., 1785; 1786-91 „Thalia“, bis 1793 „Neue Thalia“) zu entgehen.
Im April 1785 folgte S. einer Einladung →Christian Gottfried Körners (1756–1831) nach Leipzig. Bis Juli 1787 lebte er, tatkräftig unterstützt v. a. von Körner, vornehmlich in und bei Dresden bzw. Leipzig. Hier stellte er „Don Karlos“ (1787), die Erzählung „Verbrecher aus Infamie“, den Anfang des Romans „Der Geisterseher“ sowie einige Gedichte (u. a. An d. Freude) fertig. Außerdem sammelte er Material für die „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Span. Regierung“ (1788).
Von Juli 1787 bis Mai 1789 lebte S. in Weimar, um dem „Musenhof” der Herzoginmutter →Anna Amalia – also auch Goethe, Herder und Wieland – nahe zu sein. Hier galt seine Hauptbeschäftigung historischen Arbeiten, die ihm auf Goethes Vermittlung einen Ruf an die (seit 1934 nach S. benannte) Univ. Jena zum Sommersemester 1789 einbrachten. Seine Lehrtätigkeit machte ihm wenig Freude und währte nicht lange. Im Jan. 1791 erkrankte S. an einer schweren Lungenentzündung, die nie auskuriert wurde. Nach Vollendung der „Geschichte des Dreyßigjährigen Kriegs“ (1790-92), dominierten 1792-95 philosophische Studien und Abhandlungen. Erst 1795, nachdem er sich zur Herausgabe eines „Musen-Almanachs“ (5 Jgg., 1796–1800) und der literarischen Zeitschrift „Die Horen“ (3 Jgg., 1795–97) entschlossen hatte, kehrte er – zunächst mit Gedichten, dann mit dem „Wallenstein“ – zur Poesie zurück.
Zu den bemerkenswerten Ereignissen in den letzten zwölf Lebensjahren zählen S.s Reisen nach Schwaben (1793/94) und Berlin (1804), die Freundschaft mit Wilhelm v. Humboldt seit 1794 und v. a. das „Bündnis“ mit Goethe seit 1794. S.s „Gedankenlyrik“ (z. B. Das Ideal u. d. Leben, Der Spaziergang, Der Tanz, Das Glück) ist ohne Goethes Anregungen ebenso wenig denkbar wie S.s Balladendichtung (z. B. Der Ring d. Polykrates, Der Handschuh, Die Kraniche d. Ibycus); auch am Entstehen des „Wallenstein“ (1800) hatte der ältere Freund Anteil.
Um Goethe nahe zu sein und aus Interesse an praktischer Theaterarbeit zog S. im Dez. 1799 nach Weimar, wo in rascher Folge „Maria Stuart“ (1801), „Die Jungfrau von Orleans“ (1801), „Die Braut von Messina“ (1803) und „Wilhelm Teil“ (1804) erschienen. Sein Tod verhinderte den Abschluß des „Demetrius“.
S. wurde schon zu Lebzeiten mit dem Ehrentitel eines „teutschen Shakespeare“ ausgezeichnet. Bis heute gehören seine Bühnenwerke zum Repertoire zahlreicher (nicht nur dt.) Theater. Die Gründe dafür sind vielfältig: Fast alle seine Dramen halten Zuschauer bis zum meist pointierten Schluß in Spannung; alle beschäftigen sich mit anthropologischen Grundfragen; und in den späten – ‚klassischen' – Stücken wird das ‚Wesen' der Geschichte thematisiert, mit dem Ziel, daß sich die Kunst über sie erhebe. Zudem scheint S.s Sprache, zunächst auftrumpfend heftig, später poetisch stilisiert, Stoff und Handlung fast stets angemessen; sie verdeckt, daß Handlungszusammenhänge gelegentlich nur flüchtig oder gar nicht motiviert sind.
In den „Räubern“, einem späten Sturm-und-Drang-Drama, opponiert S. heftig gegen eine Väter-Welt, der sich die Söhne auf verschiedene Weise zu erwehren suchen. „Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“, S.s lange Zeit am wenigsten geschätztes Drama, ist ein grandioses Spektakelstück voller Zufälle und Unwahrscheinlichkeiten, in dem das Historische (Genua 1547) nur Kulisse ist. Es geht um Liebe und Gewalt, Intrigen und Verstellungen, um das Scheitern angemaßter Größe, um Tod und Verderben Schuldiger und Unschuldiger – ein „republikanisches Trauerspiel“ (so der Untertitel). „Kabale und Liebe“ (ursprüngl. Titel: „Louise Millerin“) ist S.s einziger Versuch, politische Verhältnisse und Standesunterschiede seiner Zeit dramatisch zu behandeln. „Don Karlos“ (vor 1801: „Dom Karlos“) führte deutlich über die Sturm-und-Drang-Dramen hinaus: Die Heftigkeit der Sprache wird durch kunstvoll stilisierte Blankverse gemildert, die Charaktere sind ‚poliert', die Themen werden im Geist der Aufklärung diskutiert.
Das Drama „Wallenstein“, das 1796-99 zu einer Trilogie anwuchs, ist S.s bedeutendstes poetisches Werk. Es handelt vom notwendigen Untergang eines großen Einzelnen, der sich in Irrtümer verstrickt, weil er Zufälle als Schicksal mißversteht. In „Maria Stuart“, dem am strengsten ‚komponierten' Drama, von ihm auch als „Trauerspiel“ bezeichnet, geht es um eine andere Art der Tragik: die der Geschichte, die über den Menschen verfügt, ohne ‚gerecht' zu sein. Mit „Die Jungfrau von Orleans“ ging S. noch einen Schritt weiter: Da Johanna als Werkzeug in der Hand Gottes nicht schuldfähig sein kann, muß sie, um menschlich und damit (moralisch) beurteilbar zu sein, von Gott verlassen und so in den Stand der Freiheit gesetzt werden. Indem sie das Liebesverbot übertritt, fällt sie in Schuld, von der sie durch die erneute Hingabe an Gott (bis in den Tod) absolviert wird. Tragisch ist ihre Menschlichkeit, deren Bedingung ihre freie Entscheidung ist. „Die Braut von Messina“ handelt von zwei Brüdern, die dasselbe Mädchen lieben, ohne in ihr ihre Schwester zu erkennen. Die Handlung wird durch ein – in keinem anderen Drama S.s erreichtes – poetisches Sprechen auf höchstem Niveau aufgehoben, der Kunstwille auf die Spitze getrieben: In den Verheerungen der Welt bietet allein das Schöne einen Ort der Zuflucht. „Wilhelm Teil“ verknappt den Freiheitskampf der Schweizer auf die befreiende Tat eines Einzelnen, die die Restitution guter alter Verhältnisse ermöglicht. Das Stück ist reich an theatralischen Szenen, durch die manch Problematisches (Apfelschuß!) überspielt wird und die leicht übersehen lassen, daß S. hier nicht einem teleologisch begründeten Fortschritt der Geschichte das Wort redet, sondern eine Rückkehr in die Vergangenheit als Möglichkeit eines besseren Weltzustands diskutiert.
Als Lyriker stand S. bei Zeitgenossen und in der Nachwelt in hohem Ansehen. Von seinen 1782 erschienenen Jugend-Gedichten, deren Abhängigkeit von anerkannten Vorbildern, v. a. von Klopstock, leicht zu erkennen ist, distanzierte er sich später (ebenso wie von der 1785 entstandenen Ode „An die Freude“ und anderen Gelegenheitsgedichten). Während er den moralischen Lehrsätzen seiner Balladen weiterhin Gültigkeit zumaß, sah er die großen philosophischen Gedichte „Die Götter Griechenlandes“ (1788), „Die Künstler“ (1789) „Das Reich der Schatten“ (1795; später: „Das Ideal u. d. Leben“) und „Elegie“ (1795; später: „Der Spaziergang“) entsprechend den veränderten philosophischen (ästhetischen) Anschauungen als verbesserungsbedürftig an. Vorzügliches leistete der Lyriker S. mit kürzeren Gedanken-Gedichten in Distichen, dem Versmaß der klassischen Elegie, in denen es um die Funktion der Kunst in den Wirrnissen der Geschichte|geht (Der Tanz, 1795; Das Glück, 1797; Nänie, 1799). S.s Meisterschaft in der formalen Handhabung der Distichen zeigt sich auch in seinen zahlreichen Epigrammen, in seinen „Tabulae votivae“ (1796) und „Xenien“ (1796), mit denen er das Mittelmaß der Lyrik seiner Zeit weit überragt.
Zum epischen Fach fühlte sich S. nicht sonderlich hingezogen. Mit der Erzählung „Verbrecher aus Infamie/eine wahre Geschichte“ (1786, später: „Der Verbrecher aus verlorener Ehre, Eine wahre Gesch.") gelang ihm dennoch eine tiefgreifende Studie auf dem Gebiet der Erfahrungsseelenkunde, in der deutlich wird, wie durch eine unmenschliche Strafrechtspraxis ein kleiner Rechtsbrecher zu einem großen Verbrecher förmlich „gemacht“ wird. Auch mit dem nicht zu Ende geführten Roman „Der Geisterseher“ (1787-89) erweist sich S. als origineller Erzähler großen Formats: Die Abenteuer-, Intrigen-, Kriminal-, Geheimbund- und Geister-Geschichte beschreibt, auf dem Boden der Aufklärung stehend, deren Nachtseiten in quasi romantischer Manier.
In den fünf Jahren, in denen sich S. vornehmlich mit der Geschichte auseinandersetzte, festigte sich in ihm die – später aufgegebene – Idee vom konstruierbaren Sinn historischer Prozesse, der nicht aus überlieferten Fakten erkennbar sei, aber durch den „philosophischen Kopf“ mittels Imagination als gesetzmäßig erwiesen werden könne. Diese Auffassung ist am deutlichsten in der akademischen Antrittsrede „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ (1789) formuliert. Der Historiker ist für S. auch (und in erster Linie) ein Lehrer der Moral und – als Geschichtserzähler – ein Bruder des Dichters.
An S.s intensive Beschäftigung mit Kant (seit 1791) schlossen sich zahlreiche philosophische Untersuchungen an, unter denen die großen Abhandlungen „Ueber Anmuth und Würde“ (1793), „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1794/95) und „Ueber naive und sentimentalische Dichtung“ (1795) als Dokumente klassischer Ästhetik herausragende Bedeutung erlangt haben. In „Ueber Anmuth und Würde“ versucht S., die Kunst als das Verbindende der durch freien Willen errungenen Würde des Menschen (die sich in der Unterwerfung sinnlicher Begierde unter das Sittengesetz bekundet) und der durch Übereinstimmung zwischen Vernunft und Sinnlichkeit behaupteten Anmut (die als wirklich gewordene Idee verstanden wird) nachzuweisen. In „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen“ geht es um die Kunst als sichtbaren Ausdruck der „Freiheit in der Erscheinung“, die sich in der Beherrschung des Stoffs durch die Form manifestiert, freilich das Vermögen des ästhetischen Spiels, das nur dem Menschen auf dem Gipfel der Kultur gegeben ist, voraussetzt. In „Ueber naive und sentimentalische Dichtung“ beschreibt S. die wesentlichen Typen von Dichtern und die Grundmuster von Dichtungen: einerseits den naiven Dichter längst vergangener (arkadischer) Zeit, der Anschauen, Denken und Handeln natürlich, also unreflektiert verbindet, andererseits den sentimentalischen Dichter der Moderne, der die verlorene Natur sucht und durch Nachdenken bemüht ist, die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit zu schließen. Letzterer könne sein Ziel erst in Elysium, dem Ort der Geschichtslosigkeit, erreichen, wo er zur höchsten Poesie, der Idylle, befähigt sei; bis dahin bleibe seine Poesie entweder satirisch oder elegisch.
S. war schon zu Lebzeiten populär; 1791 galt er einem Mitarbeiter der „Oberdt. allgemeinen Litteraturzeitung“ als „Liebling der dt. Musen“, und in einem Brief vom 10.2.1802 nannte ihn sein Freund Körner einen „Lieblingsdichter der Nation“. Wenngleich es nicht an Kritikern fehlte – z. B. urteilte Karl Philipp Moritz vernichtend über „Kabale und Liebe“, Friedrich Leopold Gf. zu Stolberg griff „Die Götter Griechenlandes“ als Schmähung des Christentums an und die Romantiker belustigten sich über „Würde der Frauen“ und „Das Lied von der Glocke“ –, so überwog doch die Zustimmung deutlich. Bald nach seinem Tod begann S.s Heroisierung und Mythisierung. Dazu trugen nicht zuletzt Goethe mit seinem „Epilog zu Schillers Glocke“ (1805) und Johann Heinrich v.Dannecker mit seiner Kolossalbüste (1807/08, s. P) bei, die das Bild vom über alles Gemeine triumphierenden großen Menschen schufen. 1830 veröffentlichte W. v. Humboldt seinen Briefwechsel mit S. und schrieb dazu eine „Vorerinnerung“, die bis heute zu den bemerkenswertesten Würdigungen des Freundes gehört. Die Popularität S.s, der als Dichter der Freiheit, Sänger edler Frauen, Mann des Volkes und Liebling der Jugend galt, erreichte 1859 ihren Höhepunkt. Der 100. Geburtstag wurde dazu genutzt, den Dichter der Nation als Prophet der ersehnten nationalen Einheit zu feiern. Die Beliebtheit S.s blieb in unterschiedlicher Intensität über die Reichsgründung 1871 hinaus bis zum S.-Jahr 1959 erhalten. Erst als nach 1970 die Postamente der „Klassiker“ gestürmt wurden, verfiel S.s Ansehen, dessen Gebrauchswert (v. a. im Westen) zunehmend bestritten wurde. Ein erneuter Umschwung deutet sich derzeit an.
In der Literaturwissenschaft gewannen seit dem Ende des 19. Jh. jene S.-Bilder Konturen, die jeweiligen Moden und Methoden entsprachen. Positivistisch gründlich wurde das Leben des Dichters erforscht, geistesgeschichtlich wurde er als Repräsentant einer Epoche gedeutet, deren wesentliche Kennzeichen (die des Dt. Idealismus) auf ihn übertragen werden konnten. Dabei hatte die Ableitung des Besonderen (der individuellen Persönlichkeit) aus dem Allgemeinen (dem sog. Geist der Zeit) Vorrang vor der Untersuchung des historisch Einmaligen, wodurch, wie die S.-Rezeption der NS-Zeit belegt, die Tür für die Vereinnahmung des Dichters durch eine politisch motivierte Ideologie geöffnet wurde. Die S.-Forschung nach dem 2. Weltkrieg brachte zwar im Zuge der sog. werkimmanenten Interpretation etliche subtile Struktur- und Formanalysen S.scher Werke hervor. Sie maß diesen aber – etwa im Vergleich zu Goethes Œuvre – geringeren Stellenwert zu, weil nicht zu übersehen war, daß S., wie kaum ein anderer seiner Zeit, in das Geflecht geistiger (philosophischer) und politischer (sozialer) Zusammenhänge eingebunden war und eigentlich nur in enger Verbindung von geistesgeschichtlichen und literatursoziologischen (oder sozialhistorischen) Deutungspraktiken angemessen verstanden werden kann.|
4. Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Er galt als Spätzünder und schlechter Redner. Doch setzte Hegel mit seiner Dialektik und seiner „Wissenschaft der Logik“ neue Maßstäbe in der Philosophie. Ein Denker der preußischen Restauration war er nur in den Augen seiner Feinde. Hegel blieb bis zuletzt ein Sympathisant der Französischen Revolution.
„Ich glaube, Hegel ist ein Denker, über den die meisten Lügenmärchen und Klischees verbreitet wurden. Schon mein Vorgänger […] der erste Biograf Hegels, Karl Rosenkranz, schreibt: Hegel ist der Philosoph der Revolution und nicht der Philosoph der Restauration“, so Klaus Vieweg bei der Vorstellung seiner Hegel-Biografie auf der Frankfurter Buchmesse.
Der Philosoph selbst unterstreicht in seiner Vorlesung über die Philosophie der Geschichte:
„Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit,
ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben.“
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, geboren am 27. August 1770 in Stuttgart, stammt aus einer schwäbischen Beamtenfamilie. Er gilt als Spätzünder. Während seines Studiums der Philosophie und Theologie am Tübinger Stift nennt man ihn „den Alten“. Einen Winter lang wohnt Hegel mit zwei anderen zukünftigen Geistesgrößen auf einem Zimmer: dem Dichter Hölderlin und dem Philosophen Schelling.
Klaus Vieweg: „Die jungen Studenten waren natürlich, die meisten, begeisterte Anhänger der Französischen Revolution, speziell auch Hegel. Hegel war der Mitanführer eines revolutionären Studentenkreises.“
Auf allen Gebieten Wissen angesammelt
Hegel macht sich für die Prinzipien der Freiheit und der Vernunft stark. Nach Ende seines Studiums nutzt er seine Jahre als Hauslehrer, um auf allen Gebieten Wissen anzusammeln: in Volkswirtschaft, Natur- und Sozialwissenschaften, ja sogar Astronomie. Frei nach dem Prinzip: „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.“
Hegel will die gesamte Wirklichkeit in einem philosophischen System deuten – inklusive ihrer historischen Entwicklung. Er denkt groß – auch bei seiner Begegnung 1806 mit dem Eroberer Napoleon, der mit seinen neuen, von der Französischen Revolution inspirierten Gesetzen vielen Regionen Deutschlands die Moderne bringt:
„Es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“
Die Idee des „Weltgeists“ wird ein Kernbegriff von Hegels spekulativer Philosophie. Seine „Phänomenologie des Geistes“, die Grundlegung seines Systems, erscheint 1807. Doch erst nach Jahren als Journalist, Gymnasiallehrer und Dozent wird der wichtigste Denker des deutschen Idealismus, 46-jährig, zum Professor berufen: erst nach Heidelberg, dann, ab 1818, nach Berlin.
Von der preußischen Polizei stets überwacht
Seine Vorlesungen sind bestens besucht, obwohl Hegel alles andere als ein guter Rhetoriker ist, wie Biograf Klaus Vieweg schreibt: „Er stückelte Sätze, kramte in Papieren, schnupfte Tabak, krächzte und hustete. Er sprach zu sich selbst, ein lautes Selbstgespräch, eine Art denkende Improvisation – er dachte seinen Zuhörern etwas vor.“
Hegel, der philosophische Systembauer und Begriffsdenker, wird von der preußischen Polizei stets überwacht, obwohl er die Idee des Staates als etwas durch und durch Positives sieht.
„Es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist, sein Grund ist die Gewalt der sich als Wille verwirklichenden Vernunft.“
Hegels treibende Kraft ist das von Fichte inspirierte Denken in Widersprüchen, die Methode der Dialektik. Aus Thesis und Antithesis entsteht jeweils eine höhere Form der Synthesis. Auf die Spitze getrieben will er so zum „absoluten Geist“ vordringen. Die Aktualität Hegels, der die Willkür des freien Marktes vehement ablehnt, wird heute aber oft unterschätzt:
„Ich behaupte, dass Hegel der Begründer des Gedankens einer sozial regulierten Marktordnung ist, und dass die Marktstruktur die Tendenz in sich hat, so Hegel, sich selbst zu zerstören. Deswegen braucht sie Regulation und einen sozialen Staat. Hegel war ein weltbürgerlicher Denker, ein dezidierter Kritiker allen Nationalismus und allen Rassismus.“
Ob der Philosoph und Weinliebhaber, der Karl Marx zu seiner Kritik der politischen Ökonomie anregt, im Alter von 61 Jahren an der Cholera stirbt oder an einem Magenleiden, bleibt offen. In jedem Fall: Seine Sympathie für die Ideen der Französischen Revolution behält er.
Die Schlussworte von Hegels letzter Vorlesung lauten: „Freyheit ist das Innerste, und aus ihr ist es, daß der ganze Bau der geistigen Welt hervorsteigt.“
5. Alexander von Humboldt
Der Wissenschaftler und Forschungsreisende Alexander von Humboldt (1769-1859) zählt bis heute zu den bekanntesten Deutschen weltweit. Viele Dinge sind nach ihm benannt: zum Beispiel eine Lilie, ein Mondkrater und eine Meeresströmung.
Alexander von Humboldt wird 1769 in Berlin geboren und wächst auf Schloss Tegel auf. Er genießt eine Bildung, wie sie für einen Adelsspross typisch ist. Alexanders Leistungen sind eher mäßig; mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Wilhelm kann er nicht mithalten.
Dafür liebt er Gesellschaft und ist ein exzellenter Erzähler. Er knüpft selbstständig Kontakt zu Leuten, die ihn interessieren. Einer von ihnen ist der Botaniker Carl Ludwig Willdenow, der Humboldts lebenslanges Interesse für die Pflanzenkunde weckt. Besonders Willdenows Sammlung tropischer Pflanzen fasziniert ihn.

Die Zeit auf Schloss Tegel empfand Humboldt als langweilig
Staatsdienst im Bergbau und erste Schritte als Forscher
Als Student besucht er die Universität im sächsischen Freiberg bei Dresden. Der Alltag an der Bergakademie ist hart: morgens ab fünf Uhr in die Grube, nachmittags Vorlesungen, abends Ausarbeitungen. Trotzdem beendet Alexander das eigentlich dreijährige Studium in nur neun Monaten.
Auch unter Tage zeigt sich sein Forscherinstinkt: Er entdeckt und untersucht die sogenannten kryptogamischen Pflanzen, die ohne Licht in der Grube wachsen. Damit wird er zum Begründer der Höhlenbotanik.
Nach seinem Dienstantritt als Bergmeister für Oberfranken gründet er auf eigene Faust eine Berufsschule für Bergleute, die erste ihrer Art. Zur Verbesserung der Arbeitssituation unter Tage entwickelt er eine Sicherheits-Grubenlampe und eine Atemmaske.
Ende 1796 stirbt Humboldts Mutter. Da sein Erbe ihn finanziell unabhängig macht, verlässt er Ende des Jahres den Staatsdienst, um sich ganz der Forschung zu widmen.

Humboldt in jungen Jahren beim Botanisieren
Die Kombination Reisen und Forschen stellt für Humboldt eine ideale Verbindung dar. Er will in die Tropen reisen und möglichst viele Aspekte der belebten und unbelebten Natur erforschen. Um seinen eigenen wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen, bereitet er sich umfassend auf die geplante Expedition vor.
In Jena studiert Humboldt Anatomie, außerdem führt er, wo immer möglich, meteorologische und geografische Messungen durch. Dann geht er nach Paris, damals die Hauptstadt der Wissenschaften. Nach seiner Amerika-Expedition wird er 20 Jahre lang hier leben und nur wegen finanzieller Engpässe nach Berlin zurückkehren.
In Paris lernt er auch seinen späteren Reisebegleiter kennen: den Arzt und Botaniker Aimé Bonpland. Diverse Expeditionspläne der beiden scheitern wegen der Napoleonischen Kriege. Sie beschließen in Spanien zu überwintern und haben Glück: Sie werden dem König empfohlen und erhalten Forscherpässe für die spanischen Kolonien in Süd- und Mittelamerika.
Von 1799 bis 1804 reisen Humboldt und Bonpland durch Süd- und Mittelamerika: über die Kanarischen Inseln nach Venezuela und Kuba, durch die Anden an die peruanische Küste, nach Mexiko und mit Zwischenstopp in den USA zurück nach Europa.

Humboldt (links) mit seinem Mitstreiter Bonpland in Südamerika
Genauso imposant wie die Reiseroute sind die Mengen an Messdaten und botanischen und geologischen Proben, die sie sammeln. Der Universalist Humboldt beschäftigt sich mit einer Vielzahl von Forschungsgebieten: von Vulkanologie über Kartografie, Erdmagnetismus, Botanik, Zoologie, Ethnologie, Wirtschaft, Landwirtschaft und Bergbau bis hin zu Meteorologie und Meereskunde.
Humboldt will das Zusammenwirken aller Naturkräfte verstehen. Zwischen 1805 und 1839 publiziert er sein 34-bändiges Reisewerk, größtenteils auf Französisch. Es bleibt unvollendet und ruiniert ihn finanziell.
Seinen 60. Geburtstag verbringt Humboldt in Russland. Es ist seine zweite große Expedition und die Umstände sind gänzlich anders als bei der Amerika-Reise. Dieses Mal ist er auf Einladung und Kosten der russischen Regierung unterwegs. Diese erhofft sich davon Informationen über gewinnbringende Minenvorkommen.
Obwohl die Route (von St. Petersburg zum Ural) vorgegeben ist, kann Humboldt einige Änderungen durchsetzen und dadurch bis zur chinesischen Grenze vordringen. Seine Hauptinteressen gelten dem Erdmagnetismus, dem Klima und der Geologie.

Im Uralgebirge vermutete Humboldt reiche Diamantvorkommen
Der Universalist: Humboldts Netzwerke
Dank seiner offenen Art fällt es Humboldt leicht, in aller Welt freundschaftliche Kontakte zu anderen Wissenschaftlern zu knüpfen. Der eng vernetzte Datenaustausch mit Kollegen ist für ihn sehr wichtig. Ohne diese Kontakte wären seine umfangreichen Veröffentlichungen gar nicht möglich gewesen. Denn gerade weil er in verschiedenen Disziplinen gleichzeitig arbeitet, ist er oft auf den Rat von Experten eines bestimmten Fachgebiets angewiesen.
Humboldts gutes Gespür für den Umgang mit Menschen zeigt sich auch darin, dass er vom preußischen König mehrfach in diplomatischen Missionen eingesetzt wird. Im Alter wird er für viele junge Wissenschaftler zum Förderer.
Über seinen Bruder Wilhelm lernt er die Dichter Goethe und Schiller kennen. Goethe ist fasziniert von Humboldts Arbeit und zeigt seine Wertschätzung unter anderem mit einem Tagebucheintrag der Ottilie in seinen "Wahlverwandtschaften": "Wie gern möchte ich einmal Humboldten erzählen hören."

Alexander von Humboldt (stehend) mit Goethe, Schiller und seinem Bruder Wilhelm
Humboldts Weltbild ist von den Idealen der Aufklärung geprägt. Er ist davon überzeugt, dass prinzipiell alle Menschen gleichmäßig zur Vernunft begabt sind. Dass es keine hohen und niedrigen Menschenrassen gibt, nur Bildungs- und kulturelle Unterschiede: "Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt."
Er kritisiert die Sklaverei und den Umgang der weißen Siedler mit den Ureinwohnern Amerikas. Humboldt glaubt an einen ständigen Fortschritt in Wissenschaft und Politik, der früher oder später zur Ausbildung einer rechtlich-sozial egalitären Gesellschaft führen wird.
Bei seiner Forschung kommen auch praktische Aspekte nicht zu kurz. Er sucht zum Beispiel nach Möglichkeiten, für die stetig wachsende Weltbevölkerung neue Nahrungsquellen zu erschließen. Dazu analysiert er die Verbreitung und die Lebensbedingungen diverser Nutzpflanzen. Der Mensch soll in die Lage versetzt werden, die Natur möglichst effizient zu nutzen.
Bis kurz vor seinem Tod am 6. Mai 1859 arbeitet er an seinem Lebenswerk, dem "Kosmos", in dem er alles vereinen will: das gesamte Wissen über die Welt. Viele seiner wissenschaftlichen Einzelbeobachtungen sind im Laufe der Jahre von anderen Forschern korrigiert worden.
Das Besondere an Alexander von Humboldt aber ist sein Sinn für Gesamtzusammenhänge. Nach der Aufspaltung der Wissenschaften in spezialisierte Einzeldisziplinen hat dieser global-ökologische Ansatz erst seit Ende des 20. Jahrhunderts wieder an Bedeutung gewonnen.
6. Immanuel Kant
Wie zahlreiche andere Gelehrte und Publizisten der deutschen Aufklärung stammt K. aus einfachen Verhältnissen. Er wird am 22.4.1724 morgens um 5 Uhr als viertes von neun Kindern in der „vordern Vorstadt“ von Königsberg „in dem Hause neben der Sattlerstraße“ geboren – auch sein eigener Vater war wie schon die beiden Großväter Sattler- oder genauer Riemermeister – und am folgenden Tag auf den Namen Emanuel getauft. Väterlicherseits stammt die Familie neueren Forschungen zufolge nicht – wie K. selbst angenommen hat – aus Schottland, sondern aus dem Kurischen (sein Urgroßvater Richard Cant, der den sozial gehobenen Beruf eines „Krügers“, das heißt Schankwirts, in|Werden bei Heidekrug ausübte, kommt allem Vermuten nach aus der Gruppensiedlung Kantweinen 5 km nordöstl. von Prökuls); auf Seiten der Mutter führen die Linien nach Nürnberg und Tübingen, so daß K. ungefähr „drei Viertel deutsch und je ein Achtel kurisch und litauisch“ gewesen wäre; in beiden Familien sind die Berufe des Ledergewerbes: Färber, Gerber, Sattler, Kürschner, Schuhmacher stark vertreten. Die Atmosphäre seines Elternhauses hat K. selbst oft beschworen. Bei der Rückkehr von Schloß Capustigall, dem Gut der Grafen Truchseß-Waldburg (auf dem sich zu dieser Zeit die Familie Keyserling aufhält) erinnert sich der Privatdozent „mit inniger Rührung an die ungleich herrlichere Erziehung …, die er selbst in seiner Eltern Hause genossen“. Und noch der 73jährige erklärt in dem Entwurf eines Antwortschreibens an den schwedischen Bischof Lindblom, „daß meine beyde Eltern (aus dem Handwerksstande) in Rechtschaffenheit, sittlicher Anständigkeit und Ordnung musterhaft … mir eine Erziehung gegeben haben, die von der moralischen Seite betrachtet gar nicht besser seyn konnte und für welche ich … mich mit dem dankbarsten Gefühle gerührt finde“. Das gelassene Selbstbewußtsein, das der Bürger K. zeitlebens auch gegenüber den höchsten Rängen des Adels gezeigt hat, mag nicht zuletzt hier seine Wurzel haben.
Eine wichtige Komponente dieser Atmosphäre des Elternhauses bildete der Pietismus, der K. bei aller Kritik und inneren Distanz tief beeindruckt und beeinflußt hat. Nicht seinen Kult- und Ausdrucksformen, wohl aber seiner Haltung und Gesinnung stand K. bis ins hohe Alter mit Respekt, ja Zustimmung gegenüber. „Die Leute, denen er ein Ernst war“, so lautet K.s Urteil gegenüber Rink, „besaßen das Höchste, was der Mensch besitzen kann, jene Ruhe, jene Heiterkeit, jenen innern Frieden, die durch keine Leidenschaft beunruhigt wurden“. Vor allem seine Mutter, die er schon als 13jähriger verliert und am Tag vor Heiligabend beerdigen muß, lebte aus solchem Glauben. Sie war eine sensible, für ihre Zeit und Verhältnisse ungewöhnlich gebildete Frau. K. hat sie seinen Königsberger Biographen (Borowski, Jachmann und Wasianski) noch in späten Lebensjahren immer wieder geschildert: „sie pflanzte und nährte den ersten Keim des Guten in mir, sie öfnete mein Herz den Eindrücken der Natur; sie weckte und erweiterte meine Begriffe, und ihre Lehren haben einen immerwährenden heilsamen Einfluß auf mein Leben gehabt.“
Durch die Mutter gelangt K. auch in den Wirkungskreis von →Franz Albert Schultz, einem der führenden Köpfe des Königsberger Pietismus, der aber zugleich zu den bedeutendsten Schülern des Aufklärungsphilosophen →Ch. Wolff zählte. Schultz hat K.s Talent schon früh entdeckt und Zeit seines Lebens gefördert. Auf seine Veranlassung hin wechselt K., der zunächst die Vorstädt. Hospitalschule besucht hatte, 1732 als Achtjähriger aufs Gymnasium, und zwar auf das seit 1733 von Schultz geleitete „Fridericianum“ über. Diese Schule, nach dem Vorbild der Franckeschen Anstalten in Halle eingerichtet und von der Bevölkerung etwas abwertend „Pietisten-Schule“ oder „Pietisten-Herberge“ genannt, war von strengstem religiösen Reglement: Religionsunterricht und Gottesdienst nahmen einen erheblichen Teil des Unterrichts in Anspruch; wie das Hebräische wurde auch das Griechische ausschließlich am Leitfaden der Heiligen Schrift dargeboten. Noch den alten K. soll bei der Erinnerung an jene „Jugendsclaverey“ „Schrecken und Bangigkeit“ überfallen haben. Fachlich scheint nur der Lateinunterricht von einigem Rang gewesen zu sein (wie denn auch K.s ganzes Interesse während der Schulzeit der klassischen lateinischen Literatur gegolten haben soll). Nach dem Zeugnis der Schulakten zählte K. in der Regel zu den besten Schülern; der allgemeine Eindruck war – wie der klassische Philologe →David Ruhnken (ein enger Freund und Mitschüler K.s) es später einmal formuliert hat – er könne einst sehr wohl „ad id, quod in literis summum est, pervenire“. Im Herbst 1740 verläßt K. als Zweitbester seiner Klasse das Fridericianum.
Am 24.9.1740, also mit sechzehn Jahren, kurz nach dem Regierungsantritt Friedrichs des Großen, wird K. nach Ablegung des damals üblichen Immatrikulationsexamens an der Albertina, der Königsberger Universität, immatrikuliert. Das Schwergewicht seines Studiums, das er teils mit Hilfe von Verwandten, teils durch Unterricht und (wenn man dem späten Bericht seines Studienfreundes Heilsberg Glauben schenken darf) durch Billardspiel finanziert, liegt nicht auf den positiven Wissenschaften, die der akademischen Ausbildung dienten, sondern auf den damals sogenannten „Humaniora“, vor allem auf Mathematik, Philosophie und den lateinischen Klassikern. „Was K. für einen Studienplan befolgte, ist seinen Freunden unbekannt geblieben“, heißt es bei Jachmann; allem Anschein nach war er in keiner der drei „oberen Fakultäten“ eingeschrieben. Zu seinen akademischen Lehrern zählen sein ehemaliger Direktor Schultz, dessen Dogmatikvorlesung er „aus Wißbegierde“ hört, und der außerordentliche Professor der Logik und Metaphysik →Martin Knutzen, „ein Mann, der sich als Lehrer und als Schriftsteller einen großen Ruf auf der Universität erworben hatte“. Er ist derjenige „Professor der Philosophie, welcher wahrscheinlich auf“ K.s „Geistesbildung den mehresten Einfluß gehabt hat“. Ähnlich wie Schultz bemühte sich auch Knutzen um die Verbindung von (pietistischer) Theologie und Philosophie, war aber zugleich stark an Mathematik und Naturwissenschaft interessiert. Zu den Gegenständen seiner Vorlesungen – an denen K. „unausgesetzt“ teilnimmt – gehörten neben den damals üblichen philosophischen Disziplinen auch Mathematik, Astronomie und Rhetorik. Er lieh K., so berichtet Borowski, „besonders Neutons Werke und, da K. Geschmack daran fand, alles, was er aus seiner herrlichen, reichlich versehenen Bibliothek irgend verlangte“.
Die Etappe der Konziliation (1746–56)
Noch während des Studiums beginnt K. mit der Ausarbeitung einer umfangreichen Abhandlung – keineswegs einer Examensarbeit – die sich, wie K.schreibt, mit einem damals „berüchtigten Streit“, ja mit einer der „größten Spaltungen … unter den Geometrern von Europa“ beschäftigt. Es sind dies die schon 1746 der Philosophischen Fakultät zur Zensur vorgelegten, aber erst 1749 erschienenen „Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte“. Die naturwissenschaftliche Interessenlage dieser Schrift bleibt für die kommenden 10 Jahre bestimmend, ihre spezifisch philosophischen Grundprobleme aber wirken darüber hinaus bis tief in die kritische Philosophie hinein weiter. Von ihrer Thematik her – ihr unmittelbarer Gegenstand ist der Streit über das Kräftemaß, das die Kartesianer als m-v, die Leibnizianer als m-v² zu bestimmen suchten – zeigt die Abhandlung einen K., der ganz von mathematisch-naturwissenschaftlichen Fragen gefangengenommen ist und im Zusammenhang damit sogar eigene Versuche anstellt. Hinter dieser Thematik aber steht eine genuin philosophische Problemstellung, die ohne die Gedankenwelt der deutschen Aufklärung nicht zu verstehen ist: wie steht es um die von ihr proklamierte Idee einer allgemeinen Menschenvernunft, wenn sich die bedeutendsten Köpfe des Zeitalters sogar in einer so konkreten naturwissenschaftlichen Frage nicht zu einigen vermögen? Das überraschende Selbstbewußtsein des 22jährigen, das in der Schrift zum Ausdruck kommt, ist oft registriert worden: „Ich habe mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will. Ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern ihn fortzusetzen.“
Kurz vor Abschluß des Studiums verliert K. auch den Vater. Seine Eintragung in das Familienbuch wirft ein aufschlußreiches Licht auf die Geisteshaltung, die K. auch nach dem Besuch der Universität bestimmt: „Anno 1746 d. 24. März Nachmittags um halb 4 Uhr ist mein liebster Vater, durch einen seeligen Tod abgefordert worden. Gott der ihm in diesem Leben nicht viel Freude geniessen lassen, lasse ihm davor die ewige Freude zu Theil werden.“ Die folgenden Jahre verbringt K. als „Hofmeister“, das heißt Hauslehrer, bei dem reformierten Prediger Daniel Andersch in Judtschen bei Gumbinnen, einer bis zu einem gewissen Grad selbständigen Schweizer Kolonie meist französisch sprechender Siedler (bis etwa 1751), und bei dem Gutsbesitzer Major Bernhard Friedrich von Hülsen auf Groß-Arnsdorf bei Mohrungen (bis etwa 1753). In diesen Jahren tritt zum erstenmal ein charakteristischer Zug der K.schen Biographie hervor: auf einen Zeitraum konzentrierter Produktion folgt eine Phase völligen Schweigens. Sie findet in diesem Fall erst im Sommer 1754 durch eine Reihe kleinerer naturwissenschaftlicher Beiträge für die „Königsberg. Frag- und Anzeigungs-Nachrichten“ ihr Ende. Zu dieser Zeit befindet sich K. bereits wieder in Königsberg.
Die anschließende Produktionsphase ist eng mit K.s akademischem Werdegang verknüpft, geht aber bei weitem nicht darin auf. Im März 1755 erscheint, und zwar zunächst anonym, die umfangreiche „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“, die den Versuch macht, die Entstehung des Weltgebäudes mit Hilfe der Newtonschen Anziehungs- und Abstoßungskraft aus den einfachsten Elementen der Materie abzuleiten, und damit Grundgedanken der Laplaceschen Weltentstehungshypothese (1796) vorwegnimmt. Sie bleibt jedoch bei ihrem Erscheinen so gut wie unbekannt und wird erst 1842 von Arago in ihrer Bedeutung für die Naturwissenschaft entdeckt. Am 17.4.1755 reicht K. der Philosophischen Fakultät seine Promotionsschrift „de igne“ ein, am 13.5. findet das „examen rigorosum“, am 12.6. der öffentliche Promotionsakt statt, über den die „Königsberg. Frag- und Anzeigungs-Nachrichten“ eingehend berichten. Noch 37 Jahre später erinnert sich Borowski, einer der ersten Hörer K.s, an den „seltenen Zusammenfluß von hiesigen angesehenen und gelehrten Männern“ sowie an die ungewöhnliche „Stille und Aufmerksamkeit“, mit der die Zuhörer K.s lateinischer Rede – sie handelte „vom leichtern und vom gründlichem Vortrage der Philosophie“ – gefolgt seien. Schon dreieinhalb Monate später, am 27.9.1755, erfolgt K.s Habilitation mit der Schrift „Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio“. Wieder ein paar Monate später erscheinen in kurzem Abstand drei kleinere, allgemeiner gehaltene naturwissenschaftliche Abhandlungen, die durch das Erdbeben von Lissabon veranlaßt sind. Am 23.3.1756 schließlich reicht K. der Philosophischen Fakultät als dritte Dissertation – nach einer Verordnung Friedrichs des Großen (vom 24.12.1749) wurden für ein Extraordinariat drei öffentliche Disputationen vorausgesetzt – die „monadologia physica“ ein. Die Disputation findet am 10.4.1756 statt, einer der 3 Opponenten ist Ludwig Ernst Borowski. Etwas von der Gewalt dieses Produktionsschubes ist noch in dessen späterer Kantbiographie zu spüren, wenn er schreibt, daß der 30jährige K.damals mit seinen Schriften „zur Ueberraschung Vieler, die das von ihm, wenigstens nicht in dem Maaße erwartet hatten, auf einmal und schnell auf einander hervortrat“.
Mit Ausnahme der Habilitationsschrift, bei deren Themenwahl äußere Gründe mitgespielt haben können, haben auch die Schriften dieser Produktionsphase Probleme der Naturwissenschaft zum Gegenstand. Wie in der Erstlingsschrift von 1746 aber stehen die Sachfragen auch jetzt auf dem Hintergrund einer umfassenden philosophischen Problematik. Wieder macht K. zentrale Streitfragen seines Zeitalters – über die leitenden Grundsätze der Naturerklärung, über die Freiheit des Willens und über die Interpretation der Materie – zum Gegenstand der Untersuchung. Und wieder ist K. darum bemüht, zwischen den verfeindeten „Parteien“ (Naturalismus – Christentum; Wolffianismus – Crusianismus; Leibnizianismus – Newtonianismus) zu vermitteln, die partielle, durch gemeinsame Irrtümer nur verdeckte Wahrheit der verschiedenen Positionen ans Licht zu bringen und so „gewissermaßen die Ehre der menschlichen Vernunft“ zu verteidigen. Eben diese „Konzilianz“ gibt den Schriften der Jahre 1755/56, so verschieden sie ihrer Thematik nach auch sein mögen, ihre innere Einheit und ein sachliches Gewicht, das sie über ihre historische Bedeutung hinaus vom Methodischen her auch für die Gegenwart noch interessant macht.
Zugleich aber scheinen sich in den Schriften dieser Phase unter der Hand bereits Grundtendenzen der späteren, kritischen Philosophie anzudeuten. Das gilt vor allem für den Vorrang der praktischen vor der theoretischen Vernunft. So heißt es etwa in der „Geschichte und Naturbeschreibung der merkwürdigsten Vorfälle des Erdbebens“ von 1755: „der Mensch“ ist „im Dunkeln, wenn er die Absichten errathen will, die Gott in der Regierung der Welt vor Augen hat. Allein wir sind in keiner Ungewißheit, wenn es auf die Anwendung ankommt, wie wir diese Wege der Vorsehung dem Zwecke derselben gemäß gebrauchen sollen.“
Die Etappe der Analysis (1756–69)
Im WS 1755/56 beginnt K., von stärkstem öffentlichen Interesse begleitet, als „Magister legens“, das heißt als Privatdozent, seine Vorlesungstätigkeit; bei seiner ersten Vorlesung, so berichtet Borowski, sind selbst Vorhaus und Treppe „mit einer beinahe unglaublichen Menge von Studirenden angefüllt“. Die Fächer, über die K. – nach dem Vorlesungsstil der Zeit am Leitfaden von Kompendien – liest, sind zunächst, ähnlich wie bei seinem Lehrer Knutzen, Logik, Metaphysik, Ethik, Mathematik, theoretische Physik sowie außerdem physische Geographie, eine Disziplin, die K. in Königsberg als erster in den Kreis der akademischen Lehrfächer einbringt; später treten noch Naturrecht (ab WS 1766/67), philosophische Enzyklopädie (ab WS 1767/68), Anthropologie (ab WS 1772/73) und Pädagogik (ab WS 1776/77) hinzu. Vereinzelt liest K. auch über Mechanik und Mineralogie, auch Vorlesungen über natürliche Theologie beziehungsweise philosophische Religionslehre sind glaubwürdig bezeugt. Der Umfang seiner Lehrtätigkeit beläuft sich im Schnitt auf 16, zuweilen aber auch auf 26 bis 28, wenn nicht gar über 30 Wochenstunden.
Die Zeit der Privatdozentur (1755–70) verändert jedoch nicht nur K.s berufliche Situation. Sie bringt vielmehr zugleich, viele Anzeichen sprechen dafür, tiefgreifende Veränderungen in seinem persönlichen Lebensstil mit sich. Sie ist die „weltfreudigste Periode seines Lebens“ (Schöndörffer). Zahlreiche menschliche Bindungen entstehen in diesen Jahren, enge Freundschaften wie die mit dem englischen Kaufmann und Privatgelehrten Joseph Green, der „mehr Gelehrter als Kaufmann“ ist und „weniger den Freuden als den Büchern“ lebt, aber auch lockerere Beziehungen zu Bankiers, Kaufleuten, Beamten, Militärs und hohen Adligen. Sein gelöstes Auftreten, seine Freude an geistreicher Unterhaltung, gemeinsamem Essen, Kartenspiel und Theater, sein sprühender Witz, nicht zuletzt aber auch sein Charme gegenüber dem weiblichen Geschlecht machen K. bald zu einem umworbenen Liebling der Königsberger Gesellschaft und tragen ihm den Titel des „eleganten Magisters“ ein, ja Hamann sieht ihn gelegentlich durch „einen Strudel gesellschaftl. Zerstreuungen fortgerißen“ und bangt um die Verwirklichung seiner wissenschaftlichen Pläne.
Ein wichtiger Faktor, der zu diesen Veränderungen in K.s Lebensgefühl und -haltung beigetragen haben wird, war allem Vermuten nach die erste russische Okkupation Königsbergs von Januar 1758 bis August 1762. Sie war von ungewöhnlicher Liberalität und hat die gesellschaftlichen Verhältnisse des damaligen Königsberg, das mit seinen etwa 50 000 Einwohnern zu den größten Städten Preußens zählte, aufs nachhaltigste beeinflußt. „Mit der Okkupation zog die ganze Breite und Vorurteilslosigkeit des östlichen Lebensstils in die alte zopfige Stadt ein“ (Stavenhagen). Unter ihrem Einfluß zerbricht oder lockert sich zumindest die strenge ständische Ordnung, der Ernst des Pietismus wird von einer freieren, gelegentlich in Libertinage übergehenden Lebenshaltung abgelöst, die preußische Kargheit macht einer luxuriöseren Lebensführung Platz. Auch der Magister K. war offenbar bis zu einem gewissen Grade in den Wirbel solcher Veränderungen einbezogen. Stavenhagen schildert anschaulich, wie K. „an dem munteren Treiben der Offiziere in den Privathäusern und Offizierskasinos regen Anteil genommen hat“; nach einem anderen Bericht hat er „viele rußische Officiere in der Mathematik … während des siebenjährigen Krieges privatim unterrichtet“.
Ganz ähnlich ist das Bild, das K. in diesen Jahren als akademischer Lehrer bietet. Auch hier ist er der Mann von Welt: Seine Wirkung auf die Studenten, unter denen sich zahlreiche Ausländer, vor allem Balten, Polen und Russen befinden, ist von seltener Stärke und Eindringlichkeit. Seine Vorlesungen – „freyer Discours, mit Witz und Laune gewürzt“ – sind von intensiven Diskussionen begleitet, immer wieder fordert er einzelne Hörer auf, das Gespräch beim Spaziergang fortzusetzen, ja der Prediger Wannowski erinnert sich noch 1804, daß ihm K. „in seiner Stube öfters und mit vieler Lebhaftigkeit“ Gedichte von Haller und Bürger, aber auch von Horaz und Juvenal vorgetragen habe. Vor allem die Vorlesungen über physische Geographie und Anthropologie werden nicht nur von Studenten, sondern auch von dem gebildeten Publikum besucht. K.s Erziehungsziel ist „Urbanität“, nicht „Höflichkeit“; ein Stück seiner Wirkung wird in den „Briefen zur Beförderung der Humanität“ von Johann Gottfried Herder sichtbar, der 1762-64 in Königsberg studiert hat. In diesen Briefen schreibt Herder 1795, also zu einem Zeitpunkt, als sachlich schon tiefe Gegensätze zwischen beiden aufgebrochen waren, über seinen früheren Lehrer: „keine Kabale, keine Sekte, kein Vortheil, kein Namen-Ehrgeiz hatte je für ihn den mindesten Reiz gegen die Erweiterung und Aufhellung der Wahrheit. Er munterte auf, und zwang angenehm zum Selbstdenken; Despotismus war seinem Gemüth fremde“.
Sieht man von 4 kurzen Programmschriften ab, die, den damaligen Universitätsverhältnissen entsprechend, zugleich der Ankündigung der Vorlesungen zu dienen hatten, so beginnt mit der Vorlesungstätigkeit in K.s schriftstellerischer Arbeit zugleich ein Zeitraum erneuten Schweigens. Er wird 1762 von einer Phase fast hektischer Produktivität abgelöst, →Benno Erdmann spricht mit Recht von der „erstaunlichen Productionskraft des Philosophen in diesen Jahren“. In ihnen tritt auch von der Stoffwahl her ein veränderter K. vor die Öffentlichkeit. Standen bis 1756 naturwissenschaftliche Themen ganz im Vordergrund des Interesses, so behandeln die Schriften der folgenden Jahre fast ausschließlich Fragen der Logik und Metaphysik auf der einen, der Ethik und Anthropologie auf der anderen Seite. Dem entspricht es, wenn in K.s Lehrtätigkeit mit dem Jahre 1763 die Vorlesungen über Mathematik ganz aufhören und die über theoretische Physik seltener werden.
Die erste Schrift, die in diese neue Produktionsphase gehört, ist K.s kurze Skizze über „Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren“, allem Vermuten nach eine Einladungsschrift für seine Vorlesungen des WS 1762/63. Auf sie folgt kurz darauf die Hauptschrift dieses Zeitabschnitts, „Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes“; sie ist nicht, wie das Titelblatt angibt, 1763, sondern schon im Dezember 1762 erschienen. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet K. jedoch bereits an seiner Antwort auf die Preisfrage der Berliner Akademie für das Jahr 1763, der „Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral“. Diese Abhandlung, die von K. kurz vor dem 31.12.1762 eingereicht wird, erhält am 2.6.1763 den zweiten Preis – der erste fällt an →Moses Mendelssohn – und erscheint im|Frühjahr 1764 im Drude. Vor allem diese beiden Schriften sind es, die K. lange vor der „Kritik der reinen Vernunft“ in ganz Deutschland als philosophischen Autor bekannt machen. Noch vor der Preisschrift aber erscheinen in dichter Folge 3 weitere Abhandlungen: 1763 der „Versuch, den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen“ (er hat der Philosophischen Fakultät am 3.6.1763 zur Zensur vorgelegen); im Januar 1764 die „Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen“, die K. im Herbst 1763 während der Semesterferien im Forsthaus Moditten, eine Meile von Königsberg entfernt, zu Papier bringt; und schließlich im Februar 1764 der „Versuch über die Krankheiten des Kopfes“, den K. anonym in den von Hamann herausgegebenen „Königsbergschen Gelehrten und Politischen Zeitungen“ veröffentlicht.
Die gemeinsame Idee, die allen diesen Schriften zugrunde liegt, ist das Programm der Analysis. Wie Mendelssohn, Tetens und andere führende Köpfe seiner Generation, die sich gegen den herrschenden Wolffianismus ihrer Zeit wenden, ist K. in diesen Jahren der Überzeugung, daß man in der Philosophie, vor allem „in der Metaphysik durchaus analytisch verfahren müsse, denn ihr Geschäfte ist in der That, verworrene Erkenntnisse aufzulösen“. Ähnlich emphatisch wie bald darauf Tetens erklärt er: „Es ist noch lange die Zeit nicht, in der Metaphysik synthetisch zu verfahren; nur wenn die Analysis uns wird zu deutlich und ausführlich verstandenen Begriffen verholfen haben, wird die Synthesis den einfachsten Erkenntnissen die zusammengesetzte, wie in der Mathematik, unterordnen können“. Beobachten, konkrete Erfahrungen zum Ausgang nehmen, komplexe Vorstellungen in einfachere auflösen – analysieren, das, und nur das, ist die angemessene Methode der Philosophie. Von ihr erwartet K. in dieser Etappe seines Denkens auch – ähnlich wie Mendelssohn, mit dem er 1766 in brieflichen Kontakt tritt – die Lösung jener Streitfragen, die ihn in den Jahren 1755/56 so stark beschäftigt hatten.
Freilich gelangt K. spätestens gegen Ende dieser Phase auch schon an die Grenzen, die einer solchen Konzeption von Philosophie gesetzt sind. In seiner Abhandlung über die negativen Größen versucht er zu zeigen, daß sich bestimmte Probleme wie das des „Realgrundes“, also der Verknüpfung von Ursache und Wirkung, oder der „Realentgegensetzung“ letztlich der Analysis entziehen. „Die logische Verknüpfung und Wiederstreit können analytisch erkannt werden und also rational, die reale nicht anders als empirisch“, konstatiert er zu dieser Zeit in seinen Notizen. Allem Vermuten nach liegt hier zumindest einer der Gründe, weshalb K. die zahlreichen Pläne und Projekte, die ihn in dieser eigentlichen Etappe der Analysis beschäftigen, unerledigt liegen läßt und in den folgenden Jahren auffällig wenig veröffentlicht. Die gegen Immanuel Swedenborg, aber mehr noch gegen die herrschende Metaphysik seines Zeitalters gerichteten „Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik“, die Anfang 1766 erscheinen, artikulieren noch einmal die genannte Schwierigkeit und lassen unüberhörbar skeptische Töne erklingen. In diesen Jahren entfernt sich K., ohne sich darüber schon selbst ganz im klaren zu sein, mehr und mehr von den Grundüberzeugungen und -stimmungen seiner eigenen Generation.
K.s materielle Lage ändert sich in allen diesen Jahren nach der Habilitation trotz seines wissenschaftlichen und pädagogischen Erfolges nur wenig. Seine Bewerbung (8.4.1756) um das Extraordinariat für Logik und Metaphysik, das sein Lehrer →Knutzen innegehabt hatte, bleibt ohne Erfolg, weil die preußische Regierung die Stelle im Blick auf den bevorstehenden 7jährigen Krieg unbesetzt läßt. Vergeblich ist auch die Bewerbung (vom 11./14.12.1758) um die ordentliche Professur für Logik und Metaphysik; trotz der massiven Unterstützung seines Mäzens →Franz Albert Schultz, der zu dieser Zeit Rektor ist, fällt die Professur an einen älteren (und dienstälteren) Kollegen names Bück. So lebt K. 15 Jahre lang im großen und ganzen von Hörgeldgebühren und Einnahmen aus der privaten Betreuung von Studenten. Die Angaben über die wirtschaftlichen Verhältnisse des Privatdozenten schwanken: düsteren Schilderungen – nach der Darstellung Jachmanns zum Beispiel ist K. in dieser Zeit gezwungen, „seine damals ansehnliche und auserlesene Bibliothek nach und nach zu veräußern“ – stehen Berichte gegenüber, denenzufolge K. in diesen Jahren über ein gesichertes, ja gutes Auskommen verfügt. Jedenfalls lehnt er im Sommer 1764, da er sich hier „nicht in seinem rechten Fache“ zu befinden glaubt, die ordentliche Professur für Dichtkunst an der Universität Königsberg ab, die ihm aufgrund einer ausdrücklichen Intervention des Ministeriums in Berlin angetragen wird. Erst knapp 2 Jahre später, mit 41 Jahren, erhält er seine erste, wenn auch äußerst bescheidene, festbesoldete Stelle: das mit 62 Talern im Jahr dotierte Amt des Subbibliothekars an der Königl Schloßbibliothek, das er bis 1772 gewissenhaft ausübt.
Der Übergang zur Kritik der reinen Vernunft (1769–81)
Gegen Ende der 60er Jahre bahnen sich jedoch in K.s beruflicher Situation von verschiedenster Seite her tiefgreifende Veränderungen an. Im Herbst 1769, K. ist mittlerweile 45, erhält er seinen ersten Ruf, und zwar auf den im Zuge einer umfassenden Universitätsreform neugeschaffenen ordentlichen Lehrstuhl für theoretische Philosophie (Logik und Metaphysik) an der Universität Erlangen. Die Erwartungen, die mit dieser Berufung verknüpft sind, lassen sich aus den Universitätsakten noch mit ziemlicher Deutlichkeit erkennen: nicht „Sektierer“, sondern „Männer, in die man ein Vertrauen hätte“, sollten durch die Reform nach Erlangen gezogen werden. K. lehnt den Ruf jedoch postwendend ab; die Gründe, die er für seine Absage anführt, liegen auf verschiedener Ebene: greifbare Berufungschancen an seiner eigenen Universität, die „Anhänglichkeit“ an seine „Vaterstadt“, ein „ziemlich ausgebreiteter Kreis von Bekannten und Freunden“ sowie seine „schwächliche Leibesbeschaffenheit“. Kaum einen Monat darauf erreicht K. ein neues, nicht weniger ehrenvolles auswärtiges Angebot: eine Anfrage der Universität Jena, die er offenbar auch abschlägig beschieden hat. Ein Vierteljahr später aber erhält K. die Stelle, die er seit vielen Jahren angestrebt hat: die ordentliche Professur für Logik und Metaphysik an der Universität Königsberg; am 2.5.1770 wird er feierlich in sein Amt eingeführt.
Aus diesem Anlaß schreibt K. für die „in denen statutis Academicis verordnete öffentliche und solenniter zu haltende Disputationes“ seine letzte und wichtigste lateinische Dissertation „De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis“. Die Disputation findet, von der begeisterten Anteilnahme seiner Studenten, die ein eigenes Huldigungsgedicht drucken lassen, begleitet, am 21.8.1770 statt, Respondent ist der jüdisch Medizinstudent →Markus Herz, schon bald darauf einer der führenden Köpfe der Berliner Aufklärung. Die genannte Schrift, die K. in späteren Jahren immer wieder als die entscheidende Vorarbeit für die „Kritik der reinen Vernunft“ betrachtet hat, fällt in eine Übergangsphase, in der sich im Denken K.s schwerwiegende Veränderungen vollziehen („Das Jahr 69 gab mir großes Licht“, heißt es in der berühmten autobiographischen Reflexion 5037), und ist daher wohl weniger die abschließende Fixierung eines Standpunktes als vielmehr ein momentaner Querschnitt durch einen noch mitten in Gang befindlichen Reflexionsprozeß. Die Abhandlung basiert auf einer rigorosen Zweiteilung. Das sinnliche Erkenntnisvermögen mit den ihm zugrunde liegenden Anschauungsformen von Zeit und Raum ist der Grund der Form der Sinnenwelt. Es ist auf den Bereich der „Erscheinungen“, der „Phaenomena“, eingeschränkt und vermag die res „sicuti sunt“, die „Dinge an sich“, nicht zu erkennen (diese genau umgrenzte Position hat K. in der „Kritik der reinen Vernunft“ als „transzendentalen Idealismus“ bezeichnet). Der Verstand dagegen ist imstande, mit Hilfe der ihm (a priori) eigenen Begriffe und Grundsätze die Welt der Dinge an sich, der „Noumena“, zu erfassen und zu der Erkenntnis zu gelangen, daß deren wechselseitige Verknüpfung untereinander – ihre „Form“ – im Geschaffensein der Dinge durch Gott ihren Grund hat. Eben diese Zweiteilung gibt K. auch eine neue Lösungsmöglichkeit für jene Streitfragen der Metaphysik an die Hand, die ihn in den vorangegangenen Etappen seines Denkens so intensiv beschäftigt hatten. Alle diese Kontroversen, so meint K. jetzt, wurzeln in einer Vermischung oder Vertauschung der Gesetze der Sinnlichkeit und des Verstandes, einer „permutatio intellectualium et sensitivorum“; die Einsicht in deren grundsätzliche Verschiedenheit ist daher zugleich der so lange gesuchte Schlüssel für die Auflösung der Streitfragen (für die K. bald darauf den Terminus „Antinomien“ verwenden wird).
Der Versuch, die Dissertation von 1770 zu überarbeiten und um „ein paar Bogen“ zu erweitern, verstrickt K. schon bald in einen Reflexionsprozeß, der sich wider Erwarten über 10 Jahre hinzieht und schließlich zur „Kritik der reinen Vernunft“ führen wird. K. entwirft dabei, wie vor allem der Briefwechsel mit Herz anschaulich dokumentiert, eine ganze Reihe von Plänen und Projekten, unter anderem – in Anlehnung an Lambert – eine Phaenomenologia generalis (um ein Haar also hätte K. statt der „Kritik der reinen Vernunft“ eine Art „Phänomenologie des Geistes“ geschrieben) und ein Werk über „Die Grentzen der Sinnlichkeit und der Vernunft“. Alle diese Entwürfe sind von der Hoffnung begleitet, die Probleme „in Kurtzem zur völligen Deutlichkeit zu bringen“, werden aber immer wieder von neuen Überlegungen überholt und durchkreuzt.
Eine zentrale Rolle spielt dabei das Problem der Geltung der apriorischen Begriffe des menschlichen Verstandes (der Kategorien Es taucht erstmals, und zwar ausdrücklich als neue Fragestellung charakterisiert, in K.s Brief an Herz vom 21.2.1772 auf: „wie mein Verstand gäntzlich a priori sich selbst Begriffe von Dingen bilden soll, mit denen nothwendig die Sachen einstimmen sollen, … diese Frage hinterläßt immer eine Dunckelheit in Ansehung unsres Verstandesvermögens“. Die Antwort, zu der K. schließlich in der „Kritik der reinen Vernunft“ gelangt – sie bildet den Inhalt der „Transscendentalen Deduction der reinen Verstandesbegriffe“ –, führt zu einer schwerwiegenden Korrektur an den Grundpositionen der Dissertation. Auch der Verstand, so erklärt K. jetzt, ist nicht imstande, die Dinge an sich zu erkennnen. Seine apriorischen Begriffe gewinnen ihre Geltung allein aus ihrer Notwendigkeit für die Konstitution der Erfahrungswelt, des „mundus sensibilis“. Sie sind nötig, um die Vielfalt der sinnlichen Eindrücke zu einer geordneten Welt der Erfahrung zu verbinden (und so die empirische Einheit des Bewußtseins herzustellen), aber eben deshalb auch nur für diese gültig. Der „mundus intelligibilis“, die wahre, unverschleierte Wirklichkeit, ist dem Menschen – genauer: dem theoretischen Erkennen des Menschen – unabänderlich verschlossen.
Diese Position bringt es zwangsläufig mit sich, daß sich im Denken K.s mehr und mehr das Problem der Verbindung, der „Synthesis“, in den Vordergrund schiebt. Es markiert gegenüber den 60er Jahren einen deutlichen Wendepunkt. Nicht mehr die Theorie der Analysis, sondern die Theorie der Synthesis steht jetzt im Zentrum der Überlegungen K.s. War jene Konzeption der Analysis mehr oder weniger Ausdruck einer allgemeinen Zeitstimmung, so ist diese das genuine Resultat seines eigenen Nachdenkens.
Mit der Absage an eine theoretische Erkenntnis des „mundus intelligibilis“ gerät aber auch die Lösung, die K. 1770 für sein altes, nach wie vor akutes Problem, die Streitfragen der Metaphysik, gefunden hatte, abermals ins Wanken, ja diese treten erst jetzt in ihrer ganzen Schärfe als Antinomien zutage. Wenn auch die Gesetze des Verstandes ebenso wie die der Sinnlichkeit nur für die Welt der Erscheinungen gelten und also prinzipiell die gleiche Funktion haben, dann kann ihre Vertauschung nicht der wahre Grund, ihre Separierung nicht die wahre Auflösung der Streitfragen sein. So kommt es zwischen 1770 und 1781 zur Ausarbeitung einer eigenen Antinomienlehre, die den Widerspruch in die Vernunft selbst verlegt. Nicht mehr die Vermischung von Sinnlichkeit und Verstand, sondern die Verwechslung von „Erscheinung“ und „Ding an sich“, von „mundus sensibilis“ und „mundus intelligibilis“, erscheint jetzt als die Wurzel der Antinomien. Für jede der beiden Welten gelten andere Gesetze, die menschliche Vernunft selbst ist antinomisch strukturiert (und bedarf daher auch selber der Kritik). Die einzelnen Antinomien lassen sich demgemäß zwar durchschauen und in diesem Sinn „auflösen“, aber sie sind und bleiben unaufhebbar: Die „Dialektik“ ist ein wesentlicher Zug der menschlichen Vernunft, ein Signum ihrer Endlichkeit.
Alle diese Überlegungen und Entwürfe sind das Resultat eines Arbeitsprozesses, dessen wachsende Anspannung in gelegentlichen Äußerungen gegenüber Herz für einen Augenblick durchbricht. So heißt es zum Beispiel am 24.11.1776: „Ich empfange von allen Seiten vorwürfe, wegen der Unthatigkeit, darinn ich seit langer Zeit zu seyn scheine und bin doch wirklich niemals systematischer und anhaltender beschäftigt gewesen“. „Es gehöret … Hartnäckigkeit dazu, einen Plan, wie dieser ist, unverrückt zu befolgen“. Rückblickend schreibt K. am 7.8.1783 an Garve, daß er die „Kritik der reinen Vernunft“ mit allen ihren Mängeln um keinen Preis „ungeschrieben wissen möchte, aber auch um keinen Preis die lange Reihe von Bemühungen, die dazu gehöret haben, noch einmal übernehmen möchte“. Die „Hartnäckigkeit“ dieser Jahre bleibt nicht ohne Auswirkungen auf K.s Lebensführung. So schränkt er seine Vorlesungstätigkeit in der Regel auf 14, im SS 1772 sogar auf 10 Wochenstunden ein. Für 10 Jahre verzichtet er so gut wie ganz auf jede Publikation. Eine anonym erschienene Rezension über Moscatis Abhandlung „Von dem Körperlichen wesentlichen Unterschiede zwischen der Structur der Thiere und Menschen“ (1771), eine Vorlesungsankündigung aus dem Bereich der physischen Geographie „Von den verschiedenen Racen der Menschen“ (1775) und zwei kurze, enthusiastische Zeitungsbeiträge für das Dessauer Philanthropin (1776 u. 1777) sind alles, was in diesen 10 Jahren von K. erscheint. Immer wieder berichtet er über „Unpäßlichkeiten“ und „indispositionen“. Zwei Rufe, die er in diesem Zeitraum erhält, der erste (1776) an die eben gegründete Academia Petrina in Mitau, der zweite (1778) an die Universität Halle auf den Lehrstuhl Wolffs, den angesehensten philosophischen Lehrstuhl Preußens, lehnt K. fast schon wie ärgerliche Störungen ab. Die Nachrichten über sein Auftreten in der Königsberger Gesellschaft werden seltener, an die Stelle spontaner Beziehungen treten allmählich feste Verbindungen und gesellschaftliche Verpflichtungen, ja, einzelne Äußerungen lassen möglicherweise auf eine tiefgehende Entfremdung schließen. In der täglichen Lebensführung beginnt ein „eigentümlicher Mechanisierungsprozeß“ des äußeren zugunsten des inneren Lebens (Heller). Vieles spricht dafür, daß sich in diesen Jahren – und nicht erst nach 1781 – der „Übergang vom eleganten Magister zum alten Kant“ (Lehmann) vollzieht.
Die Durchführung des kritischen Systems (1781–96)
In merkwürdigem Kontrast zu dieser langen Zeit der Ausarbeitung geschieht die Niederschrift der „Kritik der reinen Vernunft“ nach K.s eigenem wiederholtem Bericht „gleichsam im Fluge“ in „etwa 4 bis 5 Monathen“. Diese Zeitangaben nötigen zu der Annahme, daß K. dabei auf umfangreiche schriftliche Vorarbeiten zurückgegriffen hat; zahlreiche Schwierigkeiten des Werks mögen sich von hier aus erklären. Das Buch erscheint im Mai 1781. Es bleibt jedoch, wie K. betroffen registriert, für längere Zeit so gut wie ohne Echo. →Moses Mendelssohn, auf dessen Urteil K. in besonderem Maße gerechnet hatte, legt es wie zahlreiche andere Leser irritiert „zur Seite“. Die erste Rezension, von Garve verfaßt und von Feder gekürzt, wenn nicht verstümmelt, die am 19.1.1782 anonym in den „Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen“ erscheint, ist mit Ironie getränkt. Der Königsberger Professor der Mathematik Johann Schultz, einer der engsten Kollegen K.s, gibt der herrschenden Stimmung Ausdruck, wenn er 1784 in seinen „Erläuterungen über des Herrn Professor K. Critik der reinen Vernunft“ bedauernd erklärt, „daß man fast allgemein über unüberwindliche Dunkelheit und Unverständlichkeit“ dieser Schrift klage, ja, „daß sie selbst für den größten Theil des gelehrten Publikums eben so viel ist, als ob sie aus lauter Hieroglyphen bestünde“.
Das Gefühl der inneren Befreiung und der Erwartung weicht damit bei K. in wachsendem Maße einem Gefühl der Enttäuschung und der Isolierung. Das Wissen um das heranrückende Alter verbindet sich bei ihm mit dem Bewußtsein, mit den neuen Einsichten der „Kritik“ ganz auf sich gestellt zu sein. Aus solcher Konstellation heraus macht sich K. gewissermaßen im Alleingang an die Ausarbeitung des Gesamtsystems der kritischen Philosophie (für die er häufig auch den traditionsbeladenen Ausdruck „Transzendentalphilosophie“ verwendet). Es beginnt eine Zeit unerbittlicher schriftstellerischer Arbeit. Trotz der Last zahlreicher akademischer Ämter und Verpflichtungen, über die K. immer wieder klagt – unter anderem wird er in diesen Jahren zweimal, im SS 1786 und im SS 1788, Rektor – erscheinen in schneller Folge die großen epochemachenden Werke, die das kritische System Stück um Stück der Vollendung näher bringen. Die erste Schrift freilich, die K. nach der „Kritik der reinen Vernunft“ veröffentlicht, artikuliert noch einmal, wenn auch aus anderem Blickwinkel, die Grundgedanken seines Hauptwerks und versucht damit, der – wie K. selbst zugesteht – „gerechten“ „Beschwerde“ über eine „gewisse Dunkelheit“ der „Kritik“ abzuhelfen. Es sind dies die „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können“, die – mit einer schneidenden Erwiderung auf die „Götting. Rezension“ als Anhang – im Frühjahr 1783 herauskommen. Zwei Jahre darauf, im April 1785, erscheint die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ mit den nachgerade klassisch gewordenen Formulierungen des kategorischen Imperativs („handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde“), in der K. – im Gegensatz zur herrschenden „Glückseligkeitsethik“ seiner Zeit – die Grundzüge einer „Pflichtethik“ zu entwickeln sucht. Auch sie ist das Resultat langjähriger Überlegungen: erste Pläne oder Vorarbeiten zu einer Schrift, die „gleichsam die Metaphysic der Sitten“ zum Thema haben sollte, gehen bis in die Mitte der 60er Jahre zurück, der Plan zu einer eigenen „Grundlegung“ einer solchen „metaphysischen“ Disziplin innerhalb der praktischen Philosophie mindestens bis Anfang 1784. In mancherlei Hinsicht eine Art Gegenstück dazu bilden im Felde der theoretischen Philosophie die „Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft“, die K. im Sommer 1785 – und zwar wiederum im Rückgriff auf weit zurückliegende Überlegungen – als notwendige Vorarbeit zur eigentlichen „Metaphysik der Natur“ ausarbeitet; sie erscheinen im Frühjahr 1786.
Zu eben diesem Zeitpunkt ist K. bereits von einer weiteren schriftstellerischen Aufgabe in Anspruch genommen: er arbeitet an „einer neuen sehr umgearbeiteten Auflage“ der „Kritik der reinen Vernunft“, deren erste mittlerweile vergriffen ist. (Das sachliche Verhältnis dieser beiden Auflagen gehört bis heute zu den zentralen, immer wieder aufgeworfenen Problemen der K.-Forschung.) Aufgrund seines ersten Rektorats, bei dem|K. unter anderem die Huldigungsfeierlichkeiten der Universität für den gerade gekrönten König Friedrich Wilhelm II. zu arrangieren hat, zieht sich diese Arbeit bis in den April 1787 hin, doch liegt die 2. Auflage schon 2 Monate später im Druck vor. Zugleich faßt K. in diesem Zeitraum entgegen früheren Plänen den Entschluß, seiner ersten Kritik – die er daher jetzt des öfteren, um wenigstens nachträglich die Parallelität herzustellen, als Kritik der „reinen speculativen“ beziehungsweise „reinen (theoretischen)“ Vernunft bezeichnet – eine zweite, die „Kritik der praktischen Vernunft“, folgen zu lassen, mit der er die Ansätze der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ weiterzuführen und gegen Einwände zu verteidigen sucht. Sie proklamiert ausdrücklich den „Primat“ der „praktischen“, das heißt auf das Handeln des Menschen bezogenen, vor der theoretischen Vernunft. Nur die erstere ist imstande, Recht und Wahrheit der Ideen von „Gott, Freiheit und Unsterblichkeit“ positiv zu erweisen. Eine wichtige Neuerung gegenüber der „Grundlegung“, aber auch gegenüber der „Kritik der reinen Vernunft“ ist dabei der Gedanke einer eigenen „Dialektik der reinen praktischen Vernunft“ – die großen Streitfragen der Philosophie, der alte Stachel seines Denkens, gewinnen für K. offenbar von neuem, jetzt im Felde der praktischen Philosophie, zentrale Bedeutung. Neben die Antinomie der theoretischen tritt eine Antinomie der praktischen Vernunft. Das Manuskript dieser zweiten Kritik gelangt im Juli 1787 zum Abschluß, die ersten gedruckten Exemplare hat K., obwohl das Titelblatt 1788 schreibt, bereits im Dezember 1787 in Händen.
Noch vor Abschluß dieser Arbeiten ist K. abermals mit neuen Überlegungen und Plänen beschäftigt, die das Gesamtsystem der kritischen Philosophie tiefgreifend verändern beziehungsweise erweitern und 3 Jahre später zu seiner dritten und letzten Kritik führen werden, der „Kritik der Urtheilskraft“, die von manchen als „das gewaltigste seiner Werke“ (Windelband) betrachtet wird. Erste Anzeichen für einen solchen Umbau des kritischen Systems lassen sich bereits in der 2. Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“ und in der „Kritik der praktischen Vernunft“ erkennen. Doch hat K. zunächst offenbar sehr viel weniger umfassende Projekte im Auge: im Katalog der Ostermesse 1787 kündigt sein Verleger Hartknoch (voreilig) „Kants Grundlegung zur Kritik des Geschmacks“ an – die Parallele zur „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ liegt zumindest nahe; auch in K.s Briefen ist zunächst nur von einer „Grundlage der Kritik des Geschmacks“ die Rede, dann, seit Dezember 1787, gleichsam als zweiter Schritt, von einer „Critik des Geschmaks“ selber. Die weitere Vertiefung in die damit verbundenen Probleme führt K. jedoch schließlich dazu, die ästhetische Thematik der Schönheit und der Kunst mit der teleologischen Thematik des Organischen in einem und demselben Werk zu verbinden: beide Bereiche finden jetzt in dem Vermögen der „reflectirenden Urtheilskraft“ ein gemeinsames apriorisches Prinzip. So berichtet K. am 12.5.1789 dem Jenaer Philosophieprofessor →Karl Leonhard Reinhold – dessen „Briefe über die Kantische Philosophie“ (1786/87) bei der Durchsetzung der kritischen Philosophie eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben – von einer neuen, umfassenden Schrift: der „Critik der Urtheilskraft (von der die Critik des Geschmacks ein Theil ist)“. In der Tat enthält denn auch das gedruckte Werk, das Ostern 1790 erscheint, zwei fast gleich starke Teile: die „Kritik der ästhetischen“ und die „Kritik der teleologischen Urtheilskraft“.
Mit der Arbeit an der „Kritik der Urtheilskraft“ läuft jedoch spätestens seit dem Frühjahr 1789 noch eine andere Arbeit parallel, die K. über Jahre hinweg stark beschäftigen wird. Sie dient nicht der Ausarbeitung des kritischen Systems, sondern seiner Verteidigung gegen die Angriffe von Seiten des sogenannten Dogmatismus (beziehungsweise der Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie). Der Gegner, gegen den sich K. hier mit befremdlicher Heftigkeit zur Wehr setzt, ist der Verfasser der „Neuen Apologie des Socrates“, Johann August Eberhard, seit 1778 – also seit der Ablehnung des Rufes durch K. – Professor der Philosophie in Halle. Eberhard, ein gewiß nicht unbedeutender Vertreter der deutschen Aufklärungsphilosophie, hatte Ende 1788 in Halle das „Philosophische Magazin“ gegründet, und die eigentliche Stoßrichtung der neuen Zeitschrift galt unmißverständlich der von der Kritik vollzogenen philosophischen „Revolution“. K.s wichtigste Reaktion auf diese Angriffe ist eine Schrift, die gleichzeitig mit der „Kritik der Urtheilskraft“ Ostern 1790 erscheint und den sarkastischen Titel trägt: „Über eine Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht werden soll“. Darüber hinaus aber unterstützt K. Reinhold und seinen Königsberger Kollegen Schultz bei ihren Rezensionen des „Magazins“ in der Jenaer „Allgemeinen Literatur-Zeitung“, dem wichtigsten Kampforgan der sich formierenden Kantianer, wiederholt mit umfangreichen schriftlichen Vorlagen. Auch seine Ausarbeitungen „über die von der Königlich Akademie der Wissenschaften zu Berlin für das Jahr 1791 ausgesetzte Preisfrage: Welches sind die wirklichen Fortschritte, die die Metaphysik seit Leibnitzens und Wolf's Zeiten in Deutschland gemacht hat?“ – sie sind wahrscheinlich in den Jahren 1793/94 entstanden und wurden 1804 von Friedrich Theodor Rink kurz nach dem Tode K.s veröffentlicht – gehören vermutlich in diesen Zusammenhang. Die Bedeutung dieser langen, erbittert geführten Kontroverse mit der „Schulphilosophie“ ist teilweise außerordentlich hoch veranschlagt worden, ja Vaihinger sieht in ihr die eigentliche „Peripetie des Kantianismus“ und die Vorbereitung der idealistischen Philosophie.
Zur Überraschung vieler Zeitgenossen entfaltet K. neben dieser stupenden wissenschaftlichen Arbeit auch noch eine kaum weniger intensive publizistische Tätigkeit „Unser Pr. Kant … wird auf seine alten Tage der fleißigste Autor, wie aus sn Beyträgen zur Berl. Monathsschrift zur allgemeinen Litteraturzeitung, wo er Herder recensirt, zu ersehen“, witzelt Hamann am 9.3.1785 gegenüber Lindner. In der von Biester und Gedike 1783 gegründeten „Berlin. Monatsschrift“, die sich bald zum führenden Organ der deutschen Aufklärung entwickelt, veröffentlicht K. zwischen 1784 und 1796 nicht weniger als 15 Beiträge. Ihre Themen reichen von der Politik und Geschichtsphilosophie bis hin zur physischen Geographie. Die „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ (1784), die „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (1784) und die Abhandlung „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ (1793) sind hier erschienen. In der „Allgemeinen Literatur-Zeitung“ erregt K. vor allem durch seine skeptischen Rezensionen von Herders „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (1785) starkes Aufsehen. In Wielands „Teutschem Merkur“ erscheint der Aufsatz „Über den Gebrauch teleologischer Principien in der Philosophie“ (1788).
In engem Zusammenhang mit dieser publizistischen Tätigkeit für die „Berlin. Monatsschrift“ steht eines der vielschichtigsten und verwickeltsten Kapitel der Biographie K.s: die politischen Schwierigkeiten während der sogenannten Ära Wöllner, die seine Altersjahre in wachsendem Maße überschatten. Schon im September 1786, wenige Wochen nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms II, äußert K. die Befürchtung, er werde „von seinem Brod … kommen“. Doch ändert sich an seiner äußeren Lage zunächst wenig, ja er wird sogar Ende 1786 Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und erhält Anfang 1789, also mit 64 Jahren, als Zeichen der „wahren Zufriedenheit“ des Monarchen eine nicht unbeträchtliche Gehaltszulage; das entsprechende Reskript ist von dem neuen Kultusminister Johann Christoph von Wöllner unterzeichnet. Im Sommer 1791 freilich kursieren in Berlin bereits Gerüchte, man habe K. „das fernere Schreiben untersagt“.
Der eigentliche „Zensurkonflikt“ K.s entzündet sich an seiner späteren religionsphilosophischen Hauptschrift über „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. „Das ganze Werk sollte“ nämlich ursprünglich, wie K. dem Göttinger Theologieprofessor Stäudlin am 4.5.1793 berichtet, „in 4 Stücken in der Berliner Monats Schrift, doch mit der Censur der dortigen Commission herauskommen“. Was K. veranlaßt hat, die Arbeit ohne Not der berüchtigten Berliner Immediat-Examinations-Kommission vorzulegen und den Konflikt damit geradezu heraufzubeschwören, ist nicht mit Sicherheit auszumachen – da die „Monatsschrift“ damals bereits in Jena, also im Ausland, gedruckt wurde, fiel sie, wie K. sehr wohl wußte, juristisch gesehen gar nicht mehr unter deren Zuständigkeit. Jedenfalls passiert das 1. Stück unbeanstandet die Berliner Zensur und erscheint im April 1792 wie geplant unter dem Titel „Ueber das radikale Böse in der menschlichen Natur“; dem zweiten dagegen verweigern die Zensoren Gottlob Friedrich Hühner und Hermann Daniel Hermes am 14.6.1792 die Druckerlaubnis. Eine Eingabe Biesters (vom 15. Juni) und ein außerordentlich mutiges Immediatgesuch desselben an den König (vom 20. Juni) bleiben ohne Erfolg. Angesichts dieser Sachlage entschließt sich K., die vier Beiträge zusammen als Buch zu veröffentlichen. Zur Erlangung der Druckerlaubnis unternimmt er zwei Schritte. Zunächst ersucht er die Theologische Fakultät in Königsberg um die Klärung der Vorfrage, ob die Schrift überhaupt in den Kompetenzbereich der Theologie falle. Nach dem gewünschten und erwarteten negativen Bescheid erhält er dann von Justus Chrst. Hennings, dem Dekan der Philosophischen Fakultät in Jena, wo die Schrift gedruckt wurde, das eigentliche Imprimatur. Bereits Ostern 1793 liegt das Werk im Druck vor.
Während sich in Berlin bereits das Gewitter über K. zusammenbraut – „mit Kantens schädlichen Schriften muß es auch nicht länger fortgehen“, schreibt Friedrich Wilhelm II. am 30.3.1794 eigenhändig an Wöllner – und in Deutschland die verschiedensten Gerüchte („Inquisizion gegen Kant“, Amtsenthebung, Verbannung, Emigration) umlaufen, veröffentlicht K. im Juni 1794 in Biesters „Monatsschrift“ („ehe noch das Ende Ihrer und meiner Schriftstellerey eintritt“) einen weiteren religionsphilosophischen Beitrag über „Das Ende aller Dinge“. In ihm charakterisiert er ein „mit gebieterischer Autorität bewaffnetes“ Christentum (wie Wöllner es praktizierte) als Herrschaft des „Antichrist“, der eben damit „sein (vermuthlich auf Furcht und Eigennutz gegründetes), obzwar kurzes Regiment anfangen“ würde. Über das mit diesem Beitrag verbundene Risiko ist K. sich offensichtlich im klaren; er ist auf alles gefaßt: „überzeugt, jederzeit gewissenhaft und gesetzmäßig gehandelt zu haben, sehe ich dem Ende dieser sonderbaren Veranstaltungen ruhig entgegen“.
Etwa 3 Monate später erhält der 70jährige K., der auf der Höhe seines Ruhms steht, ein scharfes, von Wöllner selbst unterschriebenes Königliches Reskript (vom 1.10.1794). Es gipfelt in der unverhohlenen Drohung, K. habe sich „bei fortgesetzter Renitenz unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen“. In einem ausführlichen Antwortschreiben weist K. zunächst den Vorwurf Wöllners zurück, er habe seine Philosophie „zu Entstellung und Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der heiligen Schrift und des Christenthums mißbraucht“. Am Schluß seines Schreibens aber tut K. –zur Überraschung seiner Freunde wie seiner Gegner – wie so häufig das gänzlich Unerwartete: er verzichtet in aller Form auf jede weitere Äußerung im Felde der Religionsphilosophie. Seine diesbezügliche Erklärung lautet: „so halte ich, um auch dem mindesten Verdachte darüber vorzubeugen, für das Sicherste, hiemit, als Ew. Königliche Maj. getreuester Unterthan, feierlichst zu erklären: daß ich mich fernerhin aller öffentlichen Vorträge die Religion betreffend, es sei die natürliche oder geoffenbarte, sowohl in Vorlesungen als in Schriften gänzlich enthalten werde“. Die Sorge, bei einer längeren Diskussion im Hin und Her von Anklage und Verteidigung zu mehrdeutigen oder mißverständlichen Äußerungen über die Sache gedrängt zu werden, mag bei dieser – immer wieder diskutierten und umstrittenen – Entscheidung eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.
Nach dem Tode Friedrich Wilhelms II. hat K. die genannten beiden Schriftstücke 1798 in seiner Abhandlung „Der Streit der Facultäten“ selber der Öffentlichkeit vorgelegt. Zu der Formulierung „als Ew. Königliche Maj. getreuester Unterthan“ bemerkt er dabei: „Auch diesen Ausdruck wählte ich vorsichtig, damit ich nicht der Freiheit meines Urtheils in diesem Religionsproceß auf immer, sondern nur so lange Se. Maj. am Leben wäre, entsagte.“
Zuvor aber verlagert K., weit entfernt von Resignation oder Mutlosigkeit, seine schriftstellerische Arbeit auf ein anderes, kaum weniger brisantes Tätigkeitsfeld: das Feld des Politischen. Etwa ein Jahr nach dem Reskript Wöllners, im Herbst 1795, erscheint seine Schrift „Zum ewigen Frieden“. Sie findet eine ungewöhnlich rasche Verbreitung: die 1. Auflage von 2 000 Exemplaren ist in kürzester Zeit vergriffen, noch im gleichen Jahr wird vom Verleger ein Nachdruck hergestellt, bereits ein Jahr später kommt die 2. „vermehrte“ Auflage heraus. Zwei französische Übersetzungen erscheinen 1795 in Bern und 1796 in Königsberg.
Die letzten Schriften, die K. noch selbst zum Abschluß bringt, fallen fast ausnahmslos in den Bereich der praktischen Philosophie. Ihr leitendes Interesse gilt nun aber nicht mehr wie in den 80er Jahren der Grundlegung und Kritik, sondern der inhaltlichen, „doctrinalen“ Ausführung und Vervollständigung des kritischen Systems, oder anders formuliert: der Anwendung der kritischen Grundsätze auf die konkreten Probleme menschlichen Handelns. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der „Metaphysik der Sitten“ zu, die K.s System der Moralphilosophie enthält. Die Pläne zu einem solchen Werk, dessen Idee (darauf hat neuerdings Giorgio Tonelli hingewiesen) innerhalb der Geschichte der praktischen Philosophie ohne Vorläufer zu sein scheint, lassen sich zwar, wie schon ausgeführt, bis in die 60er Jahre zurückverfolgen und treten nach 1785 auch wieder mehr in den Vordergrund, ihre endgültige Realisierung aber scheint, nach den Zeugnissen des Briefwechsels zu urteilen, erst Anfang der 90er Jahre, also erst nach Abschluß der gesamten kritischen Arbeit, in Gang zu kommen. Jedenfalls spricht K. im Dezember 1792 von seiner „unter Händen habenden Metaphysik der Sitten“, im Mai 1793 von der „vorhabenden Metaphysik der Sitten“. Das Werk kommt in 2 Teilen heraus:|Ende 1796 oder Anfang 1797 erscheinen die „Metaphysischen Anfangsgründe der Rechtslehre“, im Spätsommer 1797 die „Metaphysischen Anfangsgründe der Tugendlehre“. Fast gleichzeitig veröffentlicht K. in den von Biester herausgegebenen „Berlin. Blättern“, dem Nachfolgeorgan der „Berlin. Monatsschrift“, den Aufsatz „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“, der gemeinhin als ein besonders krasses Beispiel des sogenannten K.schen Rigorismus verstanden (oder mißverstanden) und kritisiert wird.
Im darauffolgenden Jahr schließlich erscheint K.s „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“, die gleichsam den empirischen Teil der praktischen Philosophie abdeckt. Ihr Thema sind nicht die „reinen“, a priori einsichtigen Imperative des moralischen Verhaltens (der „Sittlichkeit“), sondern die auf Beobachtung und Lebenserfahrung beruhenden Regeln des pragmatischen Umgangs mit Menschen (der „Klugheit“). Diese Schrift, ihre Ausarbeitung fällt allem Vermuten nach in die Jahre 1796/97, nimmt unter K.s Veröffentlichungen eine Sonderstellung ein: sie geht auf die Anthropologievorlesungen zurück, die K. seit dem WS 1772/73 regelmäßig gehalten hat, und ist die einzige Vorlesung, die noch von ihm selbst für den Druck ausgearbeitet worden ist. Zahlreiche Unausgeglichenheiten des Werks, nicht zuletzt die Schwankungen im Begriff der „pragmatischen Anthropologie“ selber, sind wohl auf diese Art der Entstehung zurückzuführen.
Seine übrigen Vorlesungen sind nicht mehr von K. selbst (der allem Vermuten nach im SS 1796 sein letztes Kolleg gehalten hat) veröffentlicht worden. Vielmehr geht K. Anfang des Jahres 1799 daran, die „Koncepte“ und „Papiere“, nach denen er seine Vorlesungen gehalten hatte, zwei jüngeren Kollegen, die früher einmal zu seinen Hörern gezählt hatten, zu übergeben und ihnen die Bearbeitung und Drucklegung derselben zu übertragen. So erscheint 1800, herausgegeben von Gottlieb Benjamin Jäsche, „Immanuel Kants Logik, Ein Handbuch zu Vorlesungen“. 1802 gibt Rink „Immanuel Kant's physische Geographie“, 1803 K.s Vorlesungen „über Pädagogik“ heraus. Durch die umfassende Veröffentlichung des K.schen Nachlasses im Rahmen der Akademie-Ausgabe von „Kant's gesammelten Schriften“ (1911-55) sind diese Ausgaben, so interessant sie für die Wirkungsgeschichte der K.schen Philosophie auch nach wie vor sein mögen, weitgehend überholt und relativiert. Nach seinem Tode sind auch zahlreiche andere Vorlesungen K.s aufgrund von Nachschriften veröffentlicht worden. Von ihnen können hier nur die wichtigsten angeführt werden, so die „Vorlesungen über die philosophische Religionslehre“ (1817) und die „Vorlesungen über die Metaphysik“ (1821), beide herausgegeben von K. H. L. Pölitz, sowie die Vorlesungen über „Menschenkunde oder philosophische Anthropologie“ (1831), herausgegeben von Fr. Ch. Starke [= →Johann Adam Bergk]. Die exakte wissenschaftliche Edition und Analyse aller dieser Vorlesungen, die eine wichtige Ergänzung zu den gedruckten Werken bilden, ist bis heute nicht abgeschlossen.
Das Alterswerk (1796–1804)
K.s letzte Lebensjahre sind in wachsendem Maße von Alterserscheinungen überschattet. Nach den Angaben des Predigers Ehregott Andreas Christoph Wasianski, der in den 70er Jahren K.s „Amanuensis“, also eine Art Hilfsassistent, gewesen ist und dem K. im November 1801 die gänzliche Führung seiner Geschäfte anvertraut, machen sich schon 1799 die ersten Anzeichen des Verfalls bemerkbar: „Kopfbedrückungen“, „Abnahme seines Gedächtnisses“, Verlust des Zeitmaßes und so weiter. Sein großer Verstand, so heißt es bei Wasianski, schlug zwar noch „oft in lichten, selbst blendenden Flammen wieder auf“, loderte aber „bisweilen nur noch unter der Asche“. Die wenigen Briefe, die von K. aus den Jahren 1799-1803 erhalten sind, und der Nachlaß bestätigen dieses Bild.
So kommt es, daß das letzte von K. in Angriff genommene große Werk, das sogenannte „Opus postumum“, das in wichtigen Punkten frühere Auffassungen K.s bewußt zu korrigieren scheint, nicht mehr zum Abschluß gelangt und am Ende nicht der System-, sondern der Prozeßdenker das letzte Wort behält. Die Pläne zu diesem Werk, „das vom Uebergange von der Metaphysik der Natur zur Physik handeln sollte“ (Wasianski), scheinen bis zum Anfang der 90er Jahre zurückzugehen, der früheste zusammenhängende Entwurf (der sogenannte „Oktaventwurf“) stammt nach den Feststellungen von →Erich Adickes aus der Zeit um 1796. K. scheint diesem Werk, an dem er noch in seinem letzten Lebensjahr arbeitet, außerordentliche Bedeutung beigemessen zu haben; nach den Angaben Borowskis und Jachmanns sah er in ihm den „Schlußstein seines ganzen Lehrgebäudes“, nach der Darstellung Hasses sein „Hauptwerk“, sein „Chef d'oeuvre“. In einem Brief an Garve vom 21.9.1798 spricht K. von dem „Tantalischen Schmertz“, „den völligen Abschlus meiner Rechnung, in Sachen welche das|Ganze der Philosophie … betreffen, vor sich liegen und es noch immer nicht vollendet zu sehen“. Bei Wasianski heißt es: „Die Anstrengung, die K. auf die Ausarbeitung dieses Werks verwandte, hat den Rest seiner Kräfte schneller verzehrt. Er gab es für sein wichtigstes Werk aus.“
Das letzte Lebensjahr ist durch einen rapiden Verfall der körperlichen und geistigen Kräfte gekennzeichnet, den K. selber mit schrecklicher Deutlichkeit registriert. Am 8. Oktober 1803 erkrankt er zum ersten Mal in seinem Leben schwer, vier Monate später, am 12.2.1804, Sonntag vormittags um 11 Uhr, setzt der Tod seinem Leben ein Ende.
Wirkungsgeschichte
Die Wirkungsgeschichte der K.schen Philosophie ist nicht ohne Zwiespältigkeit, ja Tragik. Auf der einen Seite nämlich hat K. den weiteren Gang der Philosophie bis hin zur Gegenwart in Problemstellung und Terminologie tiefgreifend beeinflußt. Kaum eine philosophische Richtung der Folgezeit ist nicht in irgendeiner Form davon betroffen. Auf der anderen Seite aber sind die Grundintentionen und -haltungen seines Denkens wohl zu keinem Zeitpunkt in ihrer ganzen Vielfalt genuin aufgenommen und weitergeführt worden, ja es stellt sich die Frage, ob es nicht bestimmte Momente innerhalb der kritischen Philosophie selber gewesen sind, die schon bald eine philosophische Bewegung ausgelöst haben, welche den grundlegenden Überzeugungen K.s diametral widersprach.
Im einzelnen lassen sich in der K.rezeption und -interpretation insbesondere fünf große Etappen unterscheiden, die in der Regel jeweils einen bestimmten Aspekt des K.schen Denkens in den Mittelpunkt gerückt haben: 1. die spontane, „buchstabengetreue“ Kantrezeption nach 1785, die die K.sche Philosophie in zahllosen Handbüchern, Kommentaren, Erläuterungsschriften und Lexika binnen weniger Jahre über ganz Deutschland verbreitet hat (Johann Schultz, Karl Christian Erhard Schmid, der frühe Karl Leonhard Reinhold, Ludwig Heinrich Jakob, Johann Gottfried Karl Christian Kiesewetter, Georg Samuel Albert Mellin und zahlreiche andere); 2. die spekulative K.rezeption des Deutschen Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel), die vor allem durch Jacob Sigismund Becks Schrift über den „Einzig-möglichen Standpunkt, aus welchem die critische Philosophie beurtheilt werden muß“ (1796) vorbereitet worden ist; 3. die erkenntnistheoretische K.rezeption des Marburger Neukantianismus (Hermann Cohen, →Paul Natorp und andere), die um 1871 nach Jahrzehnten der Mißachtung eine bahnbrechende Renaissance der Kantischen Philosophie herbeigeführt hat; 4. die ontologisch-metaphysische K.rezeption nach 1924 (Heinz Heimsoeth, Max Wundt, Martin Heidegger, →Gottfried Martin und andere); 5. die K.rezeption der Gegenwart, die in der europäischen wie in der amerikanischen Philosophie einen nicht unwichtigen Platz einnimmt, aber nur schwer auf einen Nenner zu bringen ist. Sie orientiert sich vornehmlich an den Problemen der Wissenschaftstheorie, der Grundlegung einer praktischen Philosophie und der Geschichtsphilosophie. Darüber hinaus sind auch zahlreiche andere philosophische Schulen unterschiedlichster Provenienz wie der Positivismus, der Pragmatismus, die Phänomenologie, die Existenzphilosophie oder der Kritische Rationalismus mehr oder weniger stark von K. beeinflußt worden.
Die Wirkung, die von K. ausging, beschränkt sich jedoch nicht auf den Bereich der Philosophie. Kaum weniger stark ist seine Ausstrahlung auf andere Wissenschaften, ja auf weite Bereiche des öffentlichen Lebens gewesen. Das gilt vornehmlich für die protestantische Theologie, aber auch für nicht unbedeutende Strömungen innerhalb des Katholizismus, für die Rechtswissenschaft, die Geschichtswissenschaft, die Soziologie und für die Pädagogik. Im Felde des Politischen wären an erster Stelle die preußische Reformbewegungen zu nennen sowie respektable Strömungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, die von dem „neukantischen Sozialismus“ insbesondere Cohens beeinflußt sind. In der Literatur sind es vor allen anderen Schiller und Kleist, die von dem epochemachenden Einfluß der K.schen Philosophie Zeugnis geben.
7. Wilhelm von Humboldt
Fünf Tage vor seinem Tode richtete →Goethe den letzten Brief seines Lebens an H. Darin heißt es: „Das beste Genie ist das, welches alles in sich aufnimmt, sich alles anzueignen weiß, ohne daß es der eigentlichen Grundbestimmung, demjenigen, was man Charakter nennt, im mindesten Eintrag tue, vielmehr solches noch erst recht erhebe und durchaus nach Möglichkeiten befähige.“ Diese Worte können als eine Selbstschau →Goethes gedeutet werden. Sie können aber auch auf den Adressaten bezogen werden, denn es war H. eigentümlich, sich alles anzueignen, ohne dabei sein Eigentlichstes zu gefährden. Wer heute über das Leben H.s schreibt, muß sich eingestehen, daß er dem schon Bekannten Neues kaum hinzuzufügen hat. Die Werke und die Briefe liegen in musterhaften Ausgaben vor, und sein Leben ist bis in alle Winkel erforscht worden. Darüber hinaus besitzen wir die klassische Biographie→Hayms, die philosophische Würdigung →Sprangers und die kritische Bewertung des Staatsmannes von Kaehler. Nur der Sprachforscher hat bisher keine zusammenfassende Würdigung erfahren (s. II).
Durch Geburt und Umstände gehörte H. der preuß. Aristokratie an, und ein Aristokrat ist er sein Leben lang geblieben, ein Edelmann, dem die Tore der Welt und der Gesellschaft offenstanden. Im Deutschland des späten 18. Jh. gab es nur wenige Mitglieder der geistigen Elite, denen pekuniäre Sorgen erspart geblieben sind. Man denkt unwillkürlich an →Goethe und den einen oder anderen, aber die Mehrheit der großen Deutschen hatte es schwer, sich in der ständisch-aristokratischen Gesellschaft durchzusetzen. Daß H. dies nicht auferlegt wurde, hat sein Leben in zweifacher Weise bestimmt: Es gab ihm Freiheit und Souveränität gegenüber dem Druck feindseliger Umstände, was ihm erlaubte zu schreiben, „am Ende brauchen wir den Dienst nicht, wenn er einmal unangenehm würde“. Positiv gesprochen, gestattete ihm die finanziell gesicherte Position eine Selbsterziehung, die durch kein Fach- oder Zunftgebot eingeschränkt war. Beides zusammen hat die Voraussetzung dafür geschaffen, daß er sich dem goetheschen Ideal der Bildung so öffnen konnte wie kaum ein anderer Zeitgenosse.
Von Hauslehrern erzogen (→Campe, Künth), studiert der Frühreife zuerst in Frankfurt/Oder und 1788 in Göttingen die Rechte, nicht nur, weil es ihn zum Eintritt in den Staatsdienst qualifiziert, sondern weil es einen weiten Ausblick auf das Leben gewährt und das Studium der klassischen Sprachen voraussetzt. Diese haben H. sein Leben lang angezogen und festgehalten. Daneben führen Reisen ins „Reich“, in die Schweiz und 1789 in das revolutionäre Frankreich.
In das gleiche Jahr fällt seine Verlobung mit →Caroline v. Dachroeden. H.s Verhältnis zu Frauen ist nicht einfach zu bestimmen. Seine Jugendbriefe zeigen den Ton der Schwärmerei, die das Gefühlsleben der deutschen Jugend bestimmte. Ihm war der Umgang mit Frauen unerläßlich, um die Totalität seines Wesens in Schwingung zu versetzen. Noch bevor er die Universität bezog, hat er →Henriette Herz nahegestanden. In Göttingen fühlte er sich von →Therese Forster, der Frau seines Freundes, angezogen. Neben solchen Seelenfreundschaften haben gewiß auch andere Beziehungen bestanden. H.war eine sinnliche Natur und war sich des epikuräischen Einschlages in seiner Anlage wohl bewußt. Die Sehnsucht nach Liebe und Liebe im Genuß schien ihr Ziel gefunden zu haben, als H. 1788 →Caroline v. Dachroeden begegnete. Beiden erschien Liebe als die einzig denkbare Form der Glückseligkeit. Für mehr als ein Jahrzehnt hat die Ehe beiden die tiefste Beglückung gewährt, eine Art „individueller Weltschöpfung“, in der sich Ideal und Wirklichkeit zu vermählen schienen. Sie hat auch die Gefährdung überstanden, als beide Gatten Befriedigung bei anderen Menschen suchten und fanden, so etwa 1809 die leidenschaftliche Beziehung zu →Johanna Motherby, die der 40jährige so schwärmerisch verehrte wie ein 14jähriger Gymnasiast. Später tritt →Charlotte Diede, der er schon als Jüngling begegnet war, zum zweiten Male in sein Leben, und er öffnet ihr sein Herz in den berühmten „Briefen an eine Freundin“ (2 Bde., 1909). Man kann also nicht behaupten, daß seine seelische Harmonie nie von den Stürmen der Leidenschaft erschüttert worden sei. Ebenso falsch ist es freilich, die Bedeutung dieser Erlebnisse für H. zu übersteigern und ihn als einen Romantiker darzustellen, der „im Genuß nach Begierde“ verschmachtete. Das heißt nicht nur H., sondern auch den romantischen Typus verkennen. Man darf in diesem Zusammenhange an einen Satz aus seinen autobiographischen Aufzeichnungen erinnern: „Es gibt im Menschen… immer einen gewissen Teil, der nur ihn und sein zufälliges Dasein angeht und recht eigentlich unerkannt mit ihm dahin stirbt. Dagegen gibt es in ihm einen anderen Teil, durch den er mit der Idee zusammenhängt, die sich in ihm vorzüglich klar ausspricht, und von der er das Symbol ist.“ Uns liegt es ob, jenen „zufälligen Teil“ nicht zu verkleinern, aber im Falle H.s bleibt doch,|was ihn mit der Idee verbindet und zum Symbol eines Überpersönlichen macht, das Entscheidende. Auch sind die Sphären des Zufälligen und des Symbolischen, oder wie wir heute sagen würden, des Existentiellen, in H. nicht so scharf getrennt. Neben der Geliebten steht der Freund, ohne den H.s Leben nicht zu denken ist. Es war Caroline selbst, die H. →Schiller zuführte. Für den 8 Jahre Jüngeren bedeutet diese Begegnung den Anfang einer neuen Epoche in seinem Leben. →Schiller ist für H. die Verkörperung alles dessen, wonach er selbst strebt: ein Leben für die Idee und in der Idee. „Mir heißt ins Große und Ganze wirken, auf den Charakter der Menschheit wirken, und darauf wirkt jeder sobald er auf sich und bloß auf sich wirkt.“ Dies ist in jenen Jahren das dominierende Ideal: der Gedanke der Selbstvollendung. Bilde dich selbst, und du wirst auf andere wirken durch das, was du bist. Es war, wie →Haym es ausdrückt, ein idealistischer Quietismus, man könnte auch sagen ein quietistischer Idealismus, der sich in vielem mit den Idealen →Goethes und →Schillers in jenem Jahrzehnt begegnet.
H. war davon durchdrungen, daß diese Selbstvollendung nur auf dem Wege über das klassische Altertum zu erreichen sei. Der antike Mensch war ihm der vollkommene Mensch und die Kenntnis dieser Vollkommenheit dem Historiker wie dem Philosophen und dem Künstler, ja dem Genießenden, unentbehrlich. Wie hätte sich H. damals selbst gesehen? Gewiß nicht als Künstler und kaum als Philosoph, wahrscheinlich aber als Genießender. Denn das war er in jenen Jahren. Nach einer kurzen Zeit im preuß. Staatsdienst scheidet er 1791 aus dem Amt und lebt nun auf den Gütern seiner Frau, bis er 1794 nach Jena übersiedelt, wo Schiller lebt und wohin bald alle führenden Geister Deutschlands tendieren. In diesem Jahrzehnt bleibt H. ein Gebildeter auf der Suche nach seiner Bestimmung und Aufgabe. An Plänen gebrach es nicht, ja es waren ihrer zu viele, und sie waren zu groß konzipiert, um eine Durchführung zu erlauben. Die Schriften „Plan einer vergleichenden Anthropologie“ (1795), „Über männliche und weibliche Form“ (1795), „Über den Geschlechtsunterschied und dessen Einfluß auf die organische Natur“ (1794) kreuzen sich mit kritischen Versuchen beschränkterer Art über „Hermann und Dorothea“ (1799) oder „Über die gegenwärtige franz. tragische Bühne“ (1799). Kein Wunder, daß ihn der Gedanke bedrückte, doch eigentlich nur ein Dilettant zu sein, dem es, wenn nicht an Ausdauer, so doch an Konzentration gebrach. Gewiß ist, daß H. damals noch nicht reif war, sich für eine begrenzte Tätigkeit in einem begrenzten Felde zu entscheiden. Es gehörte Vertrauen in das Glück des Lebens dazu, diesen Weg zu gehen, und daran hat es H. auch nicht gefehlt. Bei aller Bescheidenheit hat er sich doch, wie Goethe, stets als einen „Liebling der Götter“ gefühlt. Es war ihm vergönnt, lange Zeit in Paris zu verbringen (Ende 1797-Sommer 1801), um von dort nach Spanien zu gehen (1799), ein Land, das nur wenige Deutsche vor ihm bereist hatten und an dem ihn vor allem die baskischen Ureinwohner und die baskische Sprache interessierten (Frühjahr 1801 reiste er erneut in die Gascogne und an die Biskaya).
Vielleicht ist es ungerecht, aus der Summe seiner mannigfaltigen Versuche einen herauszusondern und zu sagen, er repräsentiere den ganzen H. Aber seine „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ (1792) sind der Beginn seiner Beschäftigung mit dem Individuum in seinem Verhältnis zur Menschheit, also kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu. Schon 1791 hatte sich H. mit dem Problem des Staates beschäftigt, das durch die Franz. Revolution in ein neues Licht gerückt worden war. Er war damals höchst skeptisch und glaubte nicht, daß das franz. Vorbild Nachahmung finden würde. Ein Jahr später warf er die Frage auf, welchen Zweck die ganze Staatseinrichtung besitze und welche Schranken ihr gesetzt werden sollen. H. wollte alle jene Tätigkeiten dem Zugriff des Staates entziehen, die der freien, ungehemmten Wirksamkeit der Bürger entspringen. Der Einzelne wurde der Gemeinschaft übergeordnet, das Individuum dem Staate. „Der wahre Zweck des Menschen … ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte.“ Die Sorgfalt des Staates für das positive Wohl seiner Bürger hindre die Entfaltung der Individualität und Eigentümlichkeit des Menschen. Daraus zieht H. den Schluß, daß der Staat sich jeder Sorgfalt für das Wohl seiner Bürger zu enthalten habe und sich auf die Sicherstellung gegen innere und äußere Feinde beschränken müsse. Er lehnt nicht nur den aufgeklärten Despotismus, sondern auch die Repräsentativ-Verfassung ab. Selbst die öffentliche Erziehung wird verworfen, da sie darauf gerichtet ist, den Menschen in bürgerlichen Formen zu bilden, statt ihn zu einem freien Gebildeten zu machen. Es ist leicht zu erkennen, daß H.s Entschluß, dem preuß. Staate den Rücken zu kehren, aus tiefeingewurzelter Überzeugung erwachsen war. H.s Schrift ist eines der ersten großen Bekenntnisse des deutschen Liberalismus, wirklichkeitsfremd und verstiegen in seiner Unbedingtheit. Wie →J. P. Gooch es ausgedrückt hat, „his state was only possible in a community of Humboldts“. Und doch kann man in der Rückschau auf die Geschichte des deutschen Liberalismus nur wünschen, daß dieser der idealistischen Frühkonzeption treuer geblieben wäre, als er es schließlich gewesen ist. Eine Wirkung war H.s Versuch freilich nicht beschieden, da nur Teilstücke seiner Schrift an die Öffentlichkeit gelangten und das ganze erst viel später bekannt wurde (1851), also zu einer Zeit, wo für den aristokratischen Individualismus H.s weder Raum noch Verständnis bestand.
Doch täte man H. Unrecht, wollte man behaupten, es sei ihm nur um das Individuum zu tun. Die Bildung der Individualität findet ihre notwendige Ergänzung in der Universalität, aus beider Verbindung am Ende die Totalität hervorgeht. Nur der besitzt die wahre Humanität, der diese Dreiheit errungen hat. H. selbst hat sich nach langem Zögern doch dazu verstanden, dem preuß. Staate zu dienen, freilich in einer Stellung, die ihn kaum zum Einsatz seiner intellektuellen oder moralischen Person verpflichtete. Er bewarb sich um die Stellung des preuß. Residenten beim Vatikan und wurde 1802 zum Geheimen Legationsrat ernannt. Im gleichen Jahre trifft er in Rom ein und richtet sich in der Villa di Malta auf dem Monte Pincio ein. Wären Selbsterfüllung und menschliche Glückseligkeit die einzigen Triebfedern seiner Existenz gewesen, so hätte er in Rom die Antwort auf alle jene Fragen finden müssen, die den Stetig-Unstetigen bewegten. Seine Briefe aus dieser Zeit atmen eine tiefe Harmonie zwischen „Individualität“ und Welt. Vor ihm lag das unerschöpfliche Panorama der urbs aeterna als ein ständiger Anreiz zu Studium und Genuß, und er fand einen Kreis kongenialer Künstlernaturen, der ihn befruchtete und dem er selbst zum Mäzen wurde. Zwar fehlte es auch nicht an tragischen Erlebnissen. Zwei seiner Kinder starben am röm. Fieber. Aber weder dies, noch der Tod Schillers hat die Magie der Stadt zu zerstören vermocht. H. empfand den Drang der Geschäfte weniger drückend, als er gefürchtet hatte. Er erledigte sie mit der Leichtigkeit des Mannes, der zum Regieren geboren war. Diese Fähigkeit wird sich auch später bekunden und schafft Muße für seine künstlerischen und philosophischen Interessen.
Während rings um ihn die Welt in Kämpfen zittert, das Hl. Röm. Reich zerfällt und →Napoleons Großmacht aufsteigt, scheint H. auf seinem „Zauberberg“ ein verwunschenes Dasein zu führen. Aber als 1808 aus dem geschlagenen Preußen der Ruf kam, sich dem Vaterland zur Verfügung zu stellen, hat er doch kaum gezögert. Im Okt. 1808 verläßt er Rom, und schon wenige Monate später wird er zum Geh. Staatsrat befördert. Er wird Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht im Ministerium des Innern. Es folgen 10 Jahre unermüdlicher Tätigkeit, in der H. nicht nur in die Vorfront der Reform-Generation aufrückt, sondern zum Staatsmann von europ. Ruf wird. Gewiß liegt hier eine Wandlung vor, aber doch kein Bruch. Der Kontemplative entdeckt in sich Kräfte, die bisher nur geschlummert hatten, er weiß sie zum Nutzen des Gemeinwesens anzuwenden, mit dem er sich nun identifiziert. Die beschauliche Seite seines Wesens wird davon jedoch nicht ausgelöscht; inmitten der Staatswirren findet er die Sammlung, an seiner Übertragung des Aeschylus zu arbeiten, und selbst in den Augenblicken der höchsten Anspannung verraten seine Briefe eine Distanz vom täglichen Geschehen, die einzigartig ist. Er wußte menschliche Schwächen mit dieser Serenität zu bekämpfen und zu überwinden. Es war die Wahrheit, als er seiner Frau schrieb: „Wie Du mich kennst, ich bin in meinem Leben auf niemanden böse.“ Das hieß freilich nicht, daß er frei von Ehrgeiz war. Er hatte eine sehr klare Vorstellung von dem, was er schaffen wollte, und glaubte darum, daß ihm ein Platz gebühre, an dem er alle seine Kräfte einsetzen könne, sei es als Minister oder als Botschafter. Vielleicht war dies sogar die Achillesferse des sonst Unverwundbaren, jedenfalls hat sein Ehrgeiz dazu beigetragen, seiner politischen Tätigkeit ein vorschnelles Ende zu bereiten.
Wir sehen heute die preuß. Reformbewegung in einem anderen Licht als die Generation →F. Meineckes. Es war ihr kein voller Erfolg beschieden, aber sie darf doch auch nicht schlechtweg als ein Fehlschlag bezeichnet werden. H.s Werk und Leben geben Zeugnis von diesem Zwiespalt. Niemand kann leugnen, daß ihm die Neugestaltung des preuß. Unterrichtswesens zu danken ist, auch wenn man der Mitarbeit von →Nicolovius und →Süvern eingedenk bleibt. Ihr Kernstück war die Errichtung der Univ. Berlin, die H. schon 1810 ins Leben rief. Seine Denkschrift „Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin“ (1809) darf auch heute noch als ein mustergültiger Ausdruck dessen betrachtet werden, was die Universität bis in unsere Zeit dargestellt hat: „das geistige Leben des|Menschen, die äußere Muße oder inneres Streben zur Wissenschaft oder Forschung“. Die Univ.Berlin wurde zum Mittelpunkt des wissenschaftlichen Lebens in Deutschland und zum Vorbild späterer Gründungen. Daneben wurde das humanistische Gymnasium zur Basis des höheren Unterrichts gemacht und so die deutsche Erziehung für ein Jahrhundert auf die Prinzipien des Neuhumanismus eingeschworen.
Da H. seine Ideen über die notwendige Organisation der Staatsbehörden nicht durchsetzen konnte, bat er den König schon nach einem Jahr (1810) um seinen Abschied. Der König und Hardenberg aber wollten dieses außerordentliche Talent nicht verlieren, und so wurde er zum Gesandten in Wien ernannt. Wien war nach Paris der wichtigste diplomatische Posten, da die Vermählung →Napoleons mit →Maria Louise Österreich zum stillschweigenden Verbündeten Frankreichs gemacht hatte. Von Anfang an hat sich H. die Aufgabe gestellt, den widerwilligen →Kaiser Franz und den skeptischen →Metternich für die große Allianz gegen →Napoleon zu gewinnen. Es war ein diplomatischer Sieg ersten Ranges, daß ihm dies nach 3 Jahren gelang. Im August 1813 schrieb er an Caroline: „Ich stehe auf dem Punkte, den ich zu erreichen wünschte. Ich habe jetzt eine wichtige Sache im Leben durchgesetzt.“ Aber nichts zeigt diesen komplizierten Geist besser als die Tatsache, daß er sich 5 Tage nach der Schlacht von Leipzig mit einem klassischen Philologen über seine Übertragung des Agamemnon unterhielt.
Als preuß. Gesandter folgte er den siegreichen Armeen über den Rhein und verfaßte im Winter 1813 die erste Denkschrift über die zukünftige Verfassung Deutschlands. Er schlug vor, daß sich alle deutschen Fürsten durch ein gegenseitiges Verteidigungsbündnis zu einem Ganzen zusammenschließen sollten. Ein solches Bündnis würde von den großen Mächten Europas garantiert werden, aber Österreich und Preußen sollten die eigentlichen Schutzmächte dieser Föderation sein. Die Verteidigung des Bundes sollte allen deutschen Fürsten obliegen, aber die Erklärung des Kriegsfalles war Österreich und Preußen vorbehalten. In jedem deutschen Staat sollten Stände eingerichtet oder wiederhergestellt werden. Gut eingerichtete Stände, sagte H., seien nicht bloß eine Schutzwehr des Bürgers gegen die Regierung, sie erhöhten auch „das Gefühl der Selbständigkeit in der Nation“. Sollte das Deutsche Reich wieder auferstehen, so müßten dem neuen Oberhaupt wahre Reichsstände zur Seite stehen.
Als der Krieg dann nach Frankreich hineingetragen wurde, mußte H. sich eingestehen, daß „das Friedensmachen eins der undankbaren Geschäfte“ sei. Er wurde zum Wortführer der preuß. Großmachtansprüche. So war es fast selbstverständlich, daß er im Sommer 1814 zusammen mit →Hardenberg Preußen auf dem Wiener Kongreß vertrat. Mehr und mehr war er durchdrungen von der Notwendigkeit, „eine so enge Verbindung als möglich zwischen dem Volk und den höheren Ständen“ anzuknüpfen, da letzthin doch alle Frische der Nation im Volke liege. Als →Napoleon aus Elba floh, war H. entschlossen, den Kampf bis zum Ende durchzuführen. In einer Beratung der leitenden Staatsmänner sagte er: „Kein Friede und kein Waffenstillstand mit ihm.“ Nach dem Ende des 2. Feldzuges setzte er zum zweiten Male seine Unterschrift unter den Friedensvertrag mit Frankreich. Vielleicht war dies der Grund, warum die franz. Regierung es ablehnte, ihn 1816 als Gesandten in Paris zu akkreditieren. Nach einigem Zögern übernahm er den gleichen Posten in London, jedoch mit dem Vorbehalt, daß dies nur als ein Übergang zu einem Posten im Ministerium betrachtet werden dürfe.
H. war davon durchdrungen, daß Preußens Aufgabe in Deutschland noch nicht abgeschlossen sei, daß Preußen anstreben müsse „die Verbesserung und Erweiterung der Bundesakte in Absicht aller inneren Einrichtungen, welche das Recht zu sichern und Willkür zu entfernen bezwecke“. H. wollte nicht, daß Deutschland unter preuß. Führung ein erobernder Staat werden sollte, „da man jetzt wohl weiß, welche bedeutenden Vorzüge in geistiger und wissenschaftlicher Bildung die deutsche Nation, so lange sie keine politische Richtung nach außen hatte, erreicht hat, aber es noch unausgemacht ist, wie eine solche Richtung auch in dieser Rücksicht wirken würde.“
Angesichts eines solchen Programms moralischer Eroberungen Preußens in Deutschland kann man es wohl verstehen, daß er darauf bestand, nur unter bestimmten Bedingungen in das Ministerium einzutreten. Aber diese Forderungen konnten leicht als Ehrgeiz ausgelegt werden, den Kanzler →Hardenberg selbst zu ersetzen. Die Beziehungen H.s zu dem Fürsten waren während des Kriegs und des Kongresses die besten gewesen, hatten sich aber seit 1817 ständig verschlechtert. H. wollte Minister des Auswärtigen werden, ein Amt, das sich Hardenberg vorbehielt. Wer an dem Zerwürfnis zwischen den beiden Männern die Schuld trägt, ist schwer zu sagen; gewiß ist, daß H.s Ehrgeiz dem Fürsten verdächtig war. Allen Erwartungen zum Trotz wurde H. im Januar 1819 in das Kabinett berufen, mit dem Auftrage, „die ständischen Angelegenheiten“ zu betreuen. Aber er hätte sich nicht verbergen dürfen, daß dieser Posten ihn unaufhaltsam in einen Konflikt mit Hardenberg treiben mußte, der ihm am Tage der Ernennung schrieb: „Ich arbeite jetzt an einer Konstitution, deren Beschleunigung der König nun ernstlich will.“ Schon im Febr. 1819 legte H. seinen eigenen Entwurf für eine landständische Verfassung Preußens vor. Er wollte die Verfassung nicht nur, weil sie feierlich versprochen worden war, sondern um den Bürger in seinem zivilen Geiste zu bestärken. Daher hielt er es auch für notwendig, Grundrechte in die Verfassung einzubauen. Diese sollten das Eigentum garantieren und die Freiheit des Gewissens und der Presse gewährleisten. Sie würden nicht nur dem einzelnen zugute kommen, sondern dem Staate selbst. Die Stände sollten nicht nur beratend, sondern beschließend an der Gesetzgebung teilnehmen. Das Recht der Steuerbewilligung, beziehungsweise der Steuerverweigerung, das 1862 eine so große Rolle spielen sollte, wollte H. den Ständen jedoch nicht zugestehen. H.s Plan war gemäßigt, durchaus nicht radikal. Die Einführung der ständischen Vertretung sollte, wie es einst auch Stein geplant hatte, stufenweise vor sich gehen. H. zeigt sich hier durchaus als der Staatsmann des Möglichen; jeder utopische Einschlag fehlt seinem Entwurf. Und doch ist er gescheitert.
Das Jahr 1819 war ein Krisenjahr für Deutschland. Am 20.9.1819 waren die Karlsbader Beschlüsse vom Deutschen Bund sanktioniert worden. Die Frage erhebt sich natürlich, was geschehen wäre, wenn Preußen H.s Pläne durchgeführt hätte. Aber der König war zu ängstlich und unentschlossen, einen solchen Schritt zu wagen, Hardenberg mißtraute H. aus persönlichen Gründen, und die Aristokratie mißbilligte jede Verfassung, die zu einer Beschneidung ihrer Privilegien führen mußte. Am 31.12.1819 wurde H. aus dem Amt entlassen; die Pension, die der König ihm zuerkannte, wies er zurück. Wir wissen heute, daß die Entlassung H.s ein Verhängnis für Preußen und Deutschland wurde. Sie bestärkte alle jene Kräfte des Autoritätsbewußtseins, der Klassenherrschaft und des Militarismus in Preußen, die einer friedlichen Entwicklung der gesellschaftlichen Energien den Weg verstellten.
H. hat dies nicht verhüten können und hat sich in das Unvermeidliche ohne Groll gefügt. Er war einer jener wenigen Menschen, auf die →Lord Actons Wort von der Macht, die korrumpiert, nicht zutrifft. Er erstrebte Macht nur, um objektive Ziele zu verwirklichen. Wo dies nicht möglich war, hat er die Macht gelassen an jene weitergegeben, die sie nur um ihrer selbst willen erstrebten. Wie er an Stein schrieb, wollte er nicht „vom Aktentisch ins Grab taumeln“ und hoffte, daß man nie wieder an ein Amt für ihn denken würde. „Für mich beschäftige ich mich jetzt mit Wissenschaft wie sonst.“ Und so folgen denn auf 10 Jahre intensiver politischer Wirksamkeit 15 Jahre der Kontemplation und des Studiums. Diese 15 Jahre sind im Ertrag für die Geisteswissenschaften so bedeutsam wie das Jahrzehnt seiner politischen Wirksamkeit für den Staat. Er zieht sich auf den Familienbesitz in Tegel zurück und läßt sich hier von Schinkel „eine Wohnung mit Gips und Marmor“ einrichten. Dem alternden H. wird nun die Humanität der gesamten Menschheit zum Problem. „Sonst pflegte ich mich in eine einzige Individualität einzuspinnen, und die ganze Welt in sie gleichsam aufzunehmen; jetzt scheinen sich mir alle im Ganzen der Menschheit zu verlieren.“ Die Werkzeuge auf diesem neuen Wege werden das vergleichende Sprachstudium und die Besinnung auf die Aufgaben des Geschichtsschreibers. In beiden Bereichen stößt H. zu neuen Erkenntnissen vor. Seine Abhandlung „Über die Aufgaben des Geschichtsschreibers“ (1822) setzt programmatisch die Linie, auf der sich später die deutsche Historiographie von →Ranke bis zu →Dilthey entwickeln wird. 1830 veröffentlicht er eine „Vorerinnerung über Schiller und den Gang seiner Geistesentwicklung“. Er schreibt an →Charlotte Diede: „Ich hatte mir das Alter immer reizend und viel reizender als die früheren Lebensepochen gedacht.“ Obschon auch er dem Alter seinen Zoll an Krankheit und körperlicher Gebrechlichkeit hat entrichten müssen, bleibt er sich doch selber treu, und seine Briefe atmen einen unvergleichlichen Freimut und ebenso viel Stolz wie Bescheidenheit. Als er 1835 starb, konnte man wohl sagen, daß ihm gelungen war (so weit dies ein Mensch überhaupt vermag), was er als die größte Aufgabe der Menschheit bezeichnet hatte: „sich selbst zu einem Symbole des Weltalls umzuschaffen“. Es war ein faustischer Wunsch, und H. bleibt in seinem Wesentlichen eine Gestalt des Goetheschen Zeitalters. In dieser Epoche steht er einzigartig da durch die abgewogene Harmonie von vita activa und vita contemplativa, für die man vergebens nach einer Parallele sucht.
II
Obwohl dem Staatsmann H. kein bleibender Erfolg beschieden war und seine idealistische Bildungsidee, deren lebendige Verkörperung er selber war, über den Versuch einer Realisierung nicht hinauskam, blieb er im allgemeinen Bewußtsein fixiert als der Mann, der z. B. über „die Grenzen der Wirksamkeit des Staates“ schrieb und in enger Verbindung zu unseren Klassikern stand. Selbst noch Eppelsheimers Handbuch der Weltliteratur erwähnt 1947 nichts von den zahlreichen sprachwissenschaftlichen Werken, die er in 25 Jahren schuf, ganz zu schweigen von seiner einzigartigen Bedeutung auf diesem Gebiet. Zwar wurde seinen Arbeiten zu seinen Lebzeiten kein unmittelbarer Erfolg zuteil; schon Steinthal, der Herausgeber seiner linguistischen Werke, stellte fest: „H. hat als Sprachforscher auf keinen seiner älteren oder jüngeren Zeitgenossen in spezifischer Weise, d. h. durch die ihm eigentümlich angehörenden, von ihm geschaffenen Ideen eingewirkt. Er hat wohl von den Schlegels, den Grimms, den Bopps gelernt, sie aber von ihm durchaus nicht.“ Die Rezeption seiner Gedankenfülle ist ein sehr langsamer und längst noch nicht abgeschlossener Prozeß. Der Grund liegt einerseits in der Wissenschaftsentwicklung von der Indogermanistik zur allgemeinen Linguistik, andererseits in der Einzigartigkeit von H.s Werk selbst, das Ausdruck seiner Forscherpersönlichkeit ist.
In der gesamten Geschichte der Sprachwissenschaft gibt es niemand, der wie er ausgedehnte und eindringliche Kenntnis verschiedenster Sprachstämme mit einem wahrhaft umfassenden Sprachdenken verband. Während die Sprachphilosophen im allgemeinen keine eigentlichen Linguisten waren oder nur solche mit einer sehr schmalen Basis, waren die Linguisten selber keine Sprachdenker oder waren es nur in einer rudimentären und unzulänglichen Weise. Bei H. aber ist sein jahrzehntelanges Bemühen um die Erkenntnis des Wesens der Sprache ständig gespeist von seinem auf eigener Forschung beruhenden außerordentlichen Wissen über die Besonderheiten der Einzelsprachen und andererseits jede Spezialuntersuchung auf deren Gebiet (etwa „Über den Dualis“, 1827) geleitet und durchdrungen von seiner Erkenntnis sprachlicher Erscheinungen überhaupt. Er konnte ausgehen von den klassischen und geläufigen modernen Sprachen und fügte im Laufe der Zeit das Baskische, Ungarische und Tatarische, Indianersprachen, Sanskrit, Chinesisch, Japanisch, Birmanisch, Alt-Javanisch und die semitischen Sprachen hinzu.
Ein Blick auf die Titel seiner Schriften vermag schon die Vielseitigkeit seiner Forschungen und die dominierende Interessenrichtung zu zeigen; ständig wechselt das Allgemeine mit dem Speziellen. Dafür ist schon sein Anfang bezeichnend. Er begann mit einer „Einleitung in das gesamte Sprachstudium“ (1810/11) – und er blieb ein Mann der großen Einleitungen –, gleichzeitig erschienen (1811) im 4. Band von Adelungs und Vaters großer Sprachensammlung „Mithridates“ seine „Berichtigungen und Zusätze zum 1. Abschnitt des 2. Bandes des ‚Mithridates'“, über die kantabrische oder baskische Sprache, Frucht einer Spanienreise, die er schon um die Jahrhundertwende unternommen hatte. Im folgenden Jahre erscheint die „Ankündigung einer Schrift über die baskische Sprache und Nation“, worin er schon seine Grundauffassungen von der Sprache als einem Organismus, in dem alles auf Analogie beruht (entsprechend Cuviers Organismusbegriff) und seine Zielsetzung für alles Sprachstudium niederlegt. Ausgehend von vollständiger Zergliederung (Morphologie) der Einzelsprachen, soll man sie als organische Einheiten und schließlich als nationale Charakter- und Geistesformen erfassen, um schließlich aus allen diesen zur „Sprache als Menschheitsausdruck“ zu gelangen. Das ist von vornherein das höchste Ziel, dessen Erreichung im Grunde alle folgenden Arbeiten bis hin zur letzten und umfangreichsten dienten. Hervorgehoben sei nur noch: „Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung“ (1820), worin er nicht nur Aufgaben und Methoden der Linguistik, sondern auch ihre fundamentalen Begriffe entwickelt. Sein bedeutendstes und umfassendstes Werk über die Sprache aber war sein letztes: „Über die Kawisprache auf der Insel Java“ (3 Bde., 1836–40), weil es die 434 Seiten lange Einleitung „Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts“ enthielt.
Da H. ständig die vielen Aspekte des Phänomens Sprache vor Augen hat, gerät er nicht in Gefahr, einseitig zu werden, d. h. aber auch: Er bietet kein System, das sich leicht übernehmen ließe. Da es ihm immer um die Totalität des Phänomens Sprache geht und eine gültige Terminologie nicht vorhanden ist (sowenig wie heute), muß er versuchen, ihr mit seinen eigenen sprachlichen Mitteln beizukommen; er ist jedoch kein so begnadeter Schriftsteller, daß er die immer schwierig zu fassenden sprachlichen Erscheinungen schlagend und definitiv zu bezeichnen vermöchte,|vielmehr leiden seine Ausführungen manchmal unter einer gewissen schwerfälligen Unbestimmtheit, die handliche Begriffe verhindert. Dies ist ein Grund, warum sein Werk nicht die verdiente Geltung fand, ein anderer ist in den spektakulären Erfolgen der reinen Indogermanisten seiner und der folgenden Zeit zu sehen.
H.s sprachwissenschaftliches Werk ist noch unausgeschöpft, lediglich angezapft. Es enthält fundamentale Einsichten in das Wesen der Sprache und – mit andern Benennungen – schon eine Reihe von Lehren, die dann im 20. Jh. die Entwicklung der Sprachwissenschaft bestimmt haben. H.s spiraliges Denken umkreist die Sprache ständig von neuem, bezeichnet ihr Wesen und ihre Aspekte immer neu, und wenn Widersprüche aufzutreten scheinen, muß man sich zuerst fragen, von welchem Gesichtspunkt er sie gerade sieht. Zum Teil kann er sie nur in Antinomien fassen. Er behandelt das Sprachvermögen als gemeinmenschliche Anlage (und nennt in diesem Zusammenhang die Sprache einen „intellektuellen Instinkt der Vernunft“) und ebenso als persönliche Fähigkeit und im Zusammenhang damit das Problem des Verstehens (ein Ausgangspunkt der modernen Erzeugungsgrammatik); die Sprache als „das bildende Organ des Gedankens“, als eine energeia und ein ergon, eine wirkende Kraft und ein Werk (im „eigentlichsten Sinne“, nämlich als Sprechen, nur ersteres) – diese Worte sind viel (und verzerrend) nachgeredet worden. Energeia = Sprechen = Saussures ‚parole', ergon = Sprache = Saussures ‚langue'. Die einseitige Auffassung der Sprache als energeia ist die Grundlage der energetischen Sprachbetrachtung Weisgerbers und seiner Schule sowie der Amerikaner Sapir und Whorf. Die Sprache ist sowohl individuelles als auch gesellschaftliches („nationales“) Erzeugnis. Sie macht von endlichen Mitteln einen unendlichen Gebrauch (von den amerikan. Vätern der Erzeugungsgrammatik als ihr Grundprinzip zitiert). Angelegt ist ferner schon bei H. Saussures Unterscheidung von diachronischer und synchronischer Sprachwissenschaft sowie seine grundlegende Auffassung der Sprache als eines Systems, in dem alles sich gegenseitig bedingt, usw. H. erkennt die Sprache als subjektives und zugleich objektives Gebilde, als Abbild und Zeichen, als ein zugleich Geistiges und Körperliches, Form und Stoff (wobei er zu seinen tiefsten Einsichten kommt). Er untersucht die Fülle der wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Individuum und Sprachgemeinschaft, innerer Form und Lautform, Wort und Begriff, Denken und Sprache, Sprache und Wirklichkeit; vor allem der letztere Komplex beschäftigt ihn immer wieder. Und da diese Lehre von der vom Denken bestimmten und das Denken bestimmenden, die Wirklichkeit schaffenden und den Menschen daran bindenden Sprache von größter Bedeutung ist und starken Widerhall fand, sei hier H. selbst knapp zitiert, zugleich als Beispiel für seinen Stil: „Durch die gegenseitige Abhängigkeit des Gedankens und des Wortes voneinander leuchtet es klar ein, daß die Sprachen nicht eigentlich Mittel sind, die schon erkannte Wahrheit darzustellen, sondern weit mehr, die vorher unerkannte zu entdecken. Ihre Verschiedenheit ist nicht eine von Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst.“ „Wie der einzelne Laut zwischen den Gegenstand und den Menschen, so tritt die ganze Sprache zwischen ihn und die innerlich und äußerlich auf ihn einwirkende Natur. Er umgibt sich mit einer Welt von Lauten, um die Welt von Gegenständen in sich aufzunehmen und zu bearbeiten … Der Mensch lebt mit den Gegenständen … so, wie die Sprache sie ihm zuführt. Durch denselben Akt, vermöge dessen er die Sprache aus sich herausspinnt, spinnt er sich in dieselbe ein, und jede zieht um das Volk, welchem sie angehört, einen Kreis, aus dem es nur insofern hinauszugehen möglich ist, als man zugleich in den Kreis einer anderen hinübertritt.“ Mit alldem ist die Fülle der Gedanken und Einsichten H.s nur angedeutet.
8. Sophie Mereau
M. verbrachte ihre Jugend in Altenburg. Nach ihrer ersten Heirat wurde sie zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten im geselligen Jena, das sich zu dieser Zeit zum literarischen Zentrum der Frühromantik entwickelte, und stand zugleich im Mittelpunkt des Universitätslebens, wobei sie vor allem studentische Kreise an sich band. 1795 befreundete sie sich mit dem Jurastudenten →Johann Heinrich Kipp (1773–1834) aus Lübeck. Ein Jahr später – nach Auflösung dieser Beziehung – reiste sie mit ihrem neuen studentischen Verehrer →Georg Philipp Schmidt (1766–1849) aller Etikette zum Trotz zusammen nach Berlin. Im Sommer 1798 lernte sie, ebenfalls als jenaischen Studenten, →Clemens Brentano kennen, dem sie erste Gelegenheiten vermittelte, umfangreichere Werkveröffentlichungen zu verwirklichen. Im Sommer 1800 kam es nach einer vorübergehenden Phase engster freundschaftlicher Beziehungen zwischen M. und Brentano zu einem zunächst scheinbar endgültigen Zerwürfnis; Brentano verließ Jena, da er dort grundsätzlich keine Ehe schließen konnte, ohne seine akademischen Rechte als ordentlicher Student zu verlieren. Während Brentanos Abwesenheit von Jena verstärkte sich der Einfluß Friedrich Schlegels auf M.; dieser hatte zusammen mit seiner späteren Frau Dorothea gegen die Beziehung zu Brentano intrigiert. Zu M.s Freundeskreis zählte damals auch Stephan August Winkelmann, der als ehemaliger Studienfreund Brentanos diesem auch während seiner Entfremdungsphase ständig über M. berichtete. Unter dem Vorsitz Johann Gottfried Herders wurde M. am 21.7.1801 von ihrem Mann geschieden. Über ein Jahr lang lehnte sie eine Aussöhnung mit Brentano ab, bis sie im Dezember 1802 selbst die Beziehung zu ihm wieder aufnahm. Am 29.11.1803 fand in Marburg die prot. Trauung statt. Im Mai 1804 wurde ein Sohn, im Mai 1805 eine Tochter geboren, die jedoch beide wenige Wochen nach der Geburt starben. An der Totgeburt eines dritten Kindes starb M. selbst; ihre Tochter Hulda aus erster Ehe blieb zunächst unter der Obhut Brentanos.
M. gehörte zu den vielseitigsten und produktivsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Ihre literarischen Werke umfassen Gedichte, Erzählungen, Romane, Idyllen sowie Übersetzungen aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und Spanischen; dazu kommt die Herausgeberschaft, Mitarbeit und Redaktion bei Musenalmanachen und Taschenbüchern. Ihr Wirken bewegte sich im Spannungsfeld von Klassik und Romantik, von Aufklärung und Empfindsamkeit. Für ihre freundschaftliche Verbindung zu Romantikern wie Friedrich Schlegel, Brentano oder Achim v. Arnim war es kein Hindernis, daß sie auch mit einem Opponenten der romantischen Bewegung wie Friedrich Schiller in literarischem Gedankenaustausch stand und mit ihm zusammenarbeitete. Schiller begründete M.s literarische Karriere, indem er ihre Arbeiten als erster in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Thalia“ 1791 und später auch in der Zeitschrift „Horen“ sowie in seinem Musenalmanach veröffentlichte. Eine Aufführung von Corneilles „Cid“ in M.s Übersetzung kam jedoch nicht zustande, und während der Ehejahre mit Brentano zog sich M. mehr und mehr aus der literarischen Öffentlichkeit zurück.
Ihre beiden Romane „Das Blüthenalter der Empfindung“ (1794) und „Amanda und Eduard“ (1803) stehen außerhalb der Tradition des Entwicklungs- und Bildungsromans ihrer Zeit. Ihr Handlungsgefüge ist durch Stimmungsbilder und Schilderungen von Landschaftseindrücken unterbrochen, die zugleich die Zufälligkeit der einzelnen Episoden widerspiegeln. Moralisch-sittliche Konventionen sind durchbrochen; stattdessen regieren Genuß und Liebe ein Leben abseits bürgerlicher Wert Vorstellungen. Literaturgeschichtlich steht ihr Erzählwerk unter dem Einfluß von „Empfindsamkeit“ und „Sturm und Drang“. Dabei ist der Standort M.s als Schriftstellerin nicht eindeutig von der Belletristik des Trivial- oder Unterhaltungsromans getrennt. Der Einfluß des Tagesgeschehens und Lebensalltags erklärt sich aber nicht aus mangeldem Selbstwertgefühl der Autorin; vielmehr ist die Zeitnähe Ausdruck eines Interesses an der realen Lebenssituation, für deren Bewältigung in der Literatur um 1800 allgemein der Generationskonflikt ein verbreitetes Modell darstellt. Inneres und äußeres Erleben durchdringen sich in M.s Romanen, so daß die Darstellung der Realität keine sozialpolitischen Konsequenzen zur Sprache bringt oder gar in Gang setzt. Norden und Süden sind ebenso konstituierende Merkmale ihrer Landschaftsbeschreibungen wie der Gegensatz von Alt und Jung in der Personendarstellung. Amerikasehnsucht und Französische Revolution sind bei M. Stereotype des zeitgenössischen Romangenus, keine politischen Chiffren. Ihre Romane sind, insofern sie auf literarische Vorläufer zurückgreifen, weniger Erlebnisdichtung als Literaturkritik in poetischer Form; der Zusammenhang mit der Romantik ist an dieser Stelle ihres Werks leicht zu erkennen. Den in Schillers Nachfolge stehenden klassizistischen Naturgedichten verdankte M. ihren Ruhm als Lyrikerin. Sie war eine der ersten Frauen, die nach ihrer Scheidung Schreiben als Beruf ausübten und von ihren Einkünften daraus lebten.
9. Bettina von Arnim
Biografie
Bis zu ihrem 13. Jahr wurde B. im Pensionat des Ursulinerinnen-Klosters in Fritzlar¶ erzogen, dann im Hause des Vaters in Frankfurt, war aber nach dem Tod der Eltern häufig bei der Großmutter La Roche in Offenbach. Nach deren Tode wechselte sie wiederholt ihren Aufenthalt, Geschwistern folgend, lebte in Kassel, von wo aus sie im Frühjahr 1807 Goethe zum ersten Mal besuchte, in München, in Landshut u. a. Orten und kam 1810 mit K. F. von Savigny nach Berlin. Dort heiratete sie →Achim von A.. Mit diesem wohnte sie abwechselnd in Berlin und in Wiepersdorf, nach seinem Tod (1831) mehr in Berlin.
Der Verbindung deutschen und italienischen Blutes verdankte B., wie ihr Bruder Clemens, außergewöhnliche Lebendigkeit und große künstlerische Gaben, ohne wie jener in sich zerrissen und von Sehnsucht und Dämonen getrieben zu sein. Vielmehr war sie eine aus dem eigenen Wesenskern lebende Persönlichkeit, immer ganz ihrem Gefühl folgend, von unerhörter Lebensintensität und köstlicher Unmittelbarkeit, die ihr doch bewußt war, ganz unbürgerlich allen Konventionen ins Gesicht schlagend, nur dem Augenblick hingegeben. Von ihrer empfindungsstarken Phantasie und Freude am Spiel und Vexieren fortgerissen, hat sie es nicht immer ernst genommen mit der buchstäblichen Wahrheit, und doch konnte J. Görres mit Recht „das schöne, große, unverfälschte Naturell in ihr und die große Wahrheit in ihrem Innersten“ rühmen. Bis in ihr hohes Alter hat sie sich die Begeisterungsfähigkeit ihrer Jugend bewahrt und die Gabe außerordentlicher persönlicher Wirkung auf andere Menschen, rätselhaft wohl auch und koboldartig und voller Mutwillen, aber zündend wie elektrische Funken, das Tiefste in ihnen aufrührend und sie mit sich fortreißend im Schwung ihrer Seele, die sie selbst „eine leidenschaftliche Tänzerin“ nannte. Sie hat sich die Freundschaft von Menschen sehr verschiedener Art erworben, in ihrer Jugend die der Dichterin Caroline von Günderode, die, fünf Jahre älter, in einem adeligen Damenstift in Frankfurt lebte, A.s, ihres Schwagers Savigny, L. Tiecks, der Frau Rat Goethe, dann Goethes selbst und später der →Brüder Grimm, Schleiermachers, Gneisenaus u. a., junger Männer wie Philipp Nathusius', Emanuel Geibels, sowie der Rahel Varnhagen und auch ausländischer Frauen; sie hat aber auch Menschen geringer Stellung ihrer Freundschaft gewürdigt. Mit liebendem Mitgefühl zu helfen bereit und von starkem Rechtsgefühl getrieben, hat sie sich eingesetzt für politisch Verfolgte und Verfemte und andere Menschen, denen Unrecht geschehen war, und in persönlicher Aufopferung, so während der Choleraepidemie 1831, Krankheit und Elend zu mildern gesucht. Dem Leben wie der Kunst gegenüber besaß sie einen scharfen, unbeirrbaren Blick für Echtheit und Größe. Wie sie der Persönlichkeit und der Kunst Goethes in einer Liebe und Verehrung von geradezu religiöser Inbrunst gehuldigt und anderen das Verständnis für sie erschlossen hat, so hat sie auch für Beethoven geworben, gerade auch, obwohl vergeblich, bei Goethe, und ist als eine der ersten von dem Genius Hölderlins und der Sprache seiner Dichtung berührt worden. B.s künstlerische Begabung war außerordentlich vielseitig, im ganzen mehr aufnehmend und dilettantisch sich betätigend als wirklich schöpferisch. So in der Musik, die ihr Lebenselement war, in der sie aber nur mit einigen Liederkompositionen hervorgetreten ist. Auf dem Gebiet der bildenden Kunst hat sie, von einzelnen Zeichnungen abgesehen, sich ganz auf ein plastisches Werk konzentriert, das sie seit dem Anfang der 20er Jahre beschäftigt hat, das Goethe-Denkmal. Ihre dichterische Begabung hat sie selbst angezweifelt. Ein paar Gedichte und kleine Märchen von ihr sind auch nicht von besonderer Bedeutung, bemerkenswerter ihre, freilich nicht ganz sichere, Mitarbeit an dem Märchen ihrer Tochter Gisela „Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns“ (herausgegeben von O. Mallon, 1926).
In den Briefwerken ihres Alters aber hat sie Halbdichtungen ganz einmaliger und unvergleichbarer Art geschaffen: Briefwechsel, die sie mit Goethe (Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, Seinem Denkmal, 1835), mit Caroline von Günderode (Die Günderode, 1840), mit ihrem Bruder Clemens (Clemens Brentanos Frühlingskranz aus Jugendbriefen ihm geflochten wie er selbst schriftlich verlangte, 1. [einziger] Band, 1844) und als ältere Frau schon mit dem jungen Ph. Nathusius (Ilius Pamphilius und die Ambrosia, 1848) tatsächlich geführt hat, hat sie für die Veröffentlichung sehr frei bearbeitet, die einzelnen Briefe auch wohl zerstückelt und die Teile neu zusammengestellt, neue Briefe und Briefteile erfunden, auch Briefe anderer Schreiber und Motive aus gedruckten Werken hinzugenommen, die Zeitfolge mißachtet usw., aber mit all dieser Willkür die betreffende Freundschaftsbeziehung, wie sie war oder wie sie nach B.s Wunsch hätte sein können. und auch andere Menschen ihres Umgangs, vor allem aber ihr eigenes Wesen um so lebendiger heraustreten lassen und den einzelnen Werken einen einheitlichen künstlerischen Charakter gegeben. Wohl fehlt es diesen Büchern, besonders dem ersten, an Komposition, aber sie sind Empfindungsausdruck, sprühend von Leben, und der Stil ihrer eigenen Briefe ist von einem rhythmischen Schwung, der seinesgleichen sucht, und bei aller Sprunghaftigkeit sehr anschaulich in den von Stimmung gesättigten Landschaftsbildern, in der Darstellung kleiner Vorgänge aus dem Leben und in der Fülle von Menschengostalten. Darüber hinaus bricht sich im „Frühlingskranz“, in der „Günderode“ und in dem „Tagebuch“, das im Goethebuch mitgeteilt wird, der Reichtum romantischen Gefühlslebens und romantischer Ideenwelt, auf religiösem Gebiet und im Erleben der Natur und der Liebe, in B.s Seele wie in einem buntschillernden Prisma. Daß diese zur Selbstbespiegelung neigende Frau in all ihren Werken nur sich selbst ausspreche und widerspiegele, hat man stark betont. Aber es ist ihr doch auch gelungen, die Persönlichkeit der Frau Aja lebendig werden zu lassen und in deren Erzählungen die Kindheit und das Wesen Goethes, so daß dieser B.s Aufzeichnungen von Gesprächen mit seiner Mutter als eine Quelle für „Dichtung und Wahrheit“ verwenden konnte. Schon das gibt „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ historische Bedeutung. Und als dieser in einer Zeit erschien, die dem Dichter schon entfremdet war, und einen lebhaften Streit der Meinungen auslöste, ging davon ein neuer Aufschwung der Goethe-Verehrung aus, mochte B.s Beziehung zu Goethe oder vielmehr die Goethes zu ihr darin auch anders erscheinen, als sie in Wirklichkeit gewesen war.
Goethes Mutter ist auch eine Hauptgestalt des Werkes „Dies Buch gehört dem König“ (1843), das an Friedrich Wilhelm IV. gerichtet ist, mit welchem B. in Briefverkehr stand, und bei recht krauser Gesamtkomposition in Erzählungen der Frau Rat und mancherlei Gesprächen religiöse, politische und soziale Fragen bereden läßt, wesentlich vom liberalen Standpunkt, aber mit Nachwirkungen romantischen Ideengutes, besonders in der Auffassung des Königs und des Verhältnisses von König und Volk, und mit warmem, menschlichem Sicheinsetzen für soziale Verantwortung und Gerechtigkeit. Es erhielt eine Fortsetzung in den „Gesprächen mit Dämonen“, die als „Des Königsbuchs zweiter Band“ 1852 erschienen. Diese beiden Bücher und andere Schriften noch zeigen die Romantikerin, die in ihrem Alter auch mit einer neuen Zeit und ihr noch vorauszugehen vermochte. Bedeutungsvoller aber war, daß sie im Alter ihre eigene Jugend sich bewahrt hatte und in ihren anderen Büchern den ganzen seelischen Reichtum ihres romantischen Jugenderlebens und die Fülle und Tiefe menschlicher Beziehungen, in denen sie gestanden, hatte festhalten und wieder ausströmen können.
10. Friedrich Schlegel
S. wurde zunächst seinem Onkel Johann August, danach seinem Bruder →Moritz zur Erziehung anvertraut. 1789 brach er eine auf väterlichen Wunsch begonnene Kaufmannslehre bei Bankier Schlemm in Leipzig ab und begann 1790 ein Jurastudium in Göttingen, wo er mit seinem Bruder →August Wilhelm die Vorlesungen des Altphilologen →Christian Gottlob Heyne (1729–1812) hörte. 1791 wechselte er nach Leipzig, wo er zusätzlich Philosophie und Geschichte studierte und sich 1792 mit →Friedrich v. Hardenberg (Novalis, 1772–1801) befreundete. Wegen Geldmangels brach er sein Studium 1794 ab und zog zu seiner Schwester Charlotte nach Dresden, wo er sich einem intensiven Selbststudium der griech. Literatur widmete. Im Sommer 1796 folgte er seinem Bruder nach Jena, wurde mit Fichte, Goethe, Herder und Wieland bekannt und geriet mit Schiller in Streit über dessen Kunstauffassung. 1797 zog er nach Berlin um, lernte im Salon von Rahel Levin(-Varnhagen) seine zukünftige Frau kennen und schloß enge Freundschaft mit →Ludwig Tieck (1773–1853) und →Friedrich Schleiermacher (1768–1834). Zusammen mit seinem Bruder gab er die für die Frühromantik richtungweisende Zeitschrift „Athenäum“ (3 Bde., 1798–1800, Neudr. 1973) heraus. Seit 1799 wieder in Jena, habilitierte er sich hier 1800 und hielt Vorlesungen über Transzendentalphilosophie, die auch Hegel besuchte. Nach dem Zerfall des Jenaer Romantikerkreises 1801 zog er 1802 nach Paris um, gründete dort die Zeitschrift „Europa“ (2 Bde., 1803–05) und begann das Sanskritstudium. Nach seiner Heirat übersiedelte er 1804 nach Köln und hielt für die Brüder →Sulpiz und →Melchior Boisserée Privatvorlesungen über Literaturwissenschaft und Philosophie (Phil. Vorlesungen aus d. J. 1804-1806, hg. v. →C. J. H. Windischmann, 2 Bde., 1836/37). Seine zusammen mit seiner Ehefrau vollzogene Konversion zum Katholizismus sowie die Veröffentlichung seiner Schrift „Über die Sprache und Weisheit der Indier“ (1808), in welcher er mit dem Pantheismus in der zeitgenössischen Philosophie abrechnet, waren ein entscheidender Wendepunkt in S.s Leben. Noch 1808 zog er nach Wien und wurde 1809 Sekretär der Hof- und Staatskanzlei. 1810 hielt S. in Wien vor ausgewähltem Publikum seine Vorlesungen „Über die neuere Geschichte“ (1811), 1812 las er die Metternich gewidmete „Geschichte der alten und neuen Literatur“ (1815). 1812/13 gab er die Zeitschrift „Dt. Museum“ heraus und schrieb 1814 Verfassungsvorschläge für den Wiener Kongreß (1814). 1815-18 war S. österr. Legationsrat am Bundestag in Frankfurt/M., 1819 begleitete er als Kunstsachverständiger Ks. →Franz auf einer Italienreise. Der Wiener Romantikerkreis (→Adam|Müller, →Franz v. Baader, →Carl Ludwig Haller, Franz Bucholtz, →Zacharias Werner) bildete sich um die von S. herausgegebene „Concordia“ (6 Hh. 1820–23, Neudr. 1967). Die konservative Ausrichtung dieser Zeitschrift führte 1828 zum Zerwürfnis zwischen S. und seinem Bruder →August Wilhelm.
In seiner Abhandlung „Über das Studium der Griechischen Poesie“ (1797) sowie in seiner in →Johann Friedrich Reichardts Zeitschrift „Deutschland“ (Bd. 1, 1796) erschienenen Rezension von Schillers Musenalmanach für das Jahr 1796 entwarf er seine Grundauffassung von moderner Poesie, die zur Abzweigung der Romantik von der Klassik führte. Im Gegensatz zu Schiller behauptete S., daß das „Besondere, Individuelle, Eigenartige“ – das er unter den Oberbegriff des „Interessanten“ (gegenüber Schillers „Schönem“) subsumierte – das Spezifikum moderner Dichtung sei. August Wilhelm verbreitete die Ideen seines Bruder in den Wiener Vorlesungen „Über dramatische Kunst und Literatur“ (3 Bde., 1809–11) als Botschaft der dt. Romantik an Europa.
Als spiritus movens der Jenaer Romantik beschränkte S. seine kritische Reflexion keineswegs auf die Literatur, sondern setzte sich lebenslang mit philosophischen Fragen auseinander. Die von ihm neu konzipierte „hermeneutische Kritik“ soll ein poetisch reflektierendes Verstehen entfalten, das sich ausdrücklich auf die Individualität und das vom Individuum in der Geschichte Geschaffene und Verstandene bezieht. Kritik als „universalphilosophische Kunst“ besagt ein „symphilosophierendes“ Gespräch mit dem Kunstwerk und den überlieferten literarischen Denkmälern, wobei das Unvollständige am Werk gemäß seinem individuellen Ideal zur Vollendung gebracht wird.
Als vorzügliches Ausdrucksmittel für die individuelle Widerspiegelung des Unendlichen galt S. die fragmentarische Darstellungsart. S. nennt das Fragment die eigentliche Form der „Universalphilosophie“; nur ein „System von Fragmenten“ als Verflechtung der „formlosen Formen“ vermöge das differenzlose Spiel des Unendlichen angemessen auszudrücken. Die romantische Dichtkunst sollte nach dem Vorbild der griech. Mythologie eine neue Mythologie aus der „tiefsten Tiefe des Geistes“ herausbilden, die als Lehrerin der Menschheit alle Formen sozialen Lebens kreativ zu bestimmen und zu durchdringen hätte.
S. versuchte, die zentralen Paradoxien und Widersprüche der modernen Kunst durch seine Bestimmung der Ironie zur Sprache zu bringen. Durch Ironie werde gezeigt, wie aus dem differenzlosen Chaos des Unendlichen eine künstlerische „Welt“ entspringen kann. Denn die Ironie offenbart die Vergänglichkeit und Brüchigkeit der menschlichen Existenz, die sich im künstlerischen Schaffen über sich selbst hinwegsetzt, und dabei ein Gefühl von der „Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung“ erregt (Lyceum-Fragment Nr. 108). In den Spätvorlesungen „Philosophie der Sprache und des Wortes“ (1827-29, gedr. 1830) erwartete S., daß die „Ironie der Liebe“ den scheinbaren Widerspruch von Endlichem und Unendlichem durchschaubar machen werde.
Nach seiner Konversion verschärfte sich S.s Abneigung gegen die logisch-diskursive Denkweise. Er legte immer mehr Nachdruck auf das von ihm befürwortete Gegenbild derselben: die „Philosophie des Lebens“ (1827, gedr. 1828), die „Philosophie der Sprache“ (1829) und die „Philosophie der Geschichte“ (1828, gedr. 1829), die aus der Tiefe der Offenbarung ihren positiven Anstoß erhalten. Gott als Quelle des Lebens wird demnach nicht mehr als abstraktes Sein und leerer Begriff gedacht, sondern als Leben und lebendiges Dasein. Die Sprache verstand S. dabei als „Faden der Erinnerung und Überlieferung“, der unterschiedliche Völker miteinander verbindet und ihre gegenseitige Kommunikation ermöglicht. Die ethische Dimension der Lebensphilosophie besteht dabei im verantwortlichen Verhältnis jedes Individuums zu seinem eigenen Leben. Mit dem Triptychon der Vorlesungen (Phil. d. Lebens; Phil. d. Gesch.; Phil. d. Sprache u. d. Wortes) vollendete S. seine „positive“ Philosophie.
S.s Einfluß erstreckt sich auf nahezu alle Bereiche der Geisteswissenschaften: Im dt. Sprachraum gilt er als Begründer der Literaturkritik; in ganz Europa stand sein Name im 19. Jh. als Synonym für die Opposition gegen den Klassizismus; S.s autobiographisch geprägter und v. a. wegen seiner geschlechteremanzipatorischen Passagen umstrittener Roman „Lucinde“ (1799) inspirierte →Thomas Mann und →Robert Musil; seine Kunst- und Lebensphilosophie beeinflußte sog. postmetaphysische Denker wie →Dilthey, →Heidegger und Walter Benjamin.
11. Caspar David Friedrich
F. genoß seinen ersten Kunstunterricht bei dem Architekten und Universitätszeichenmeister Johann Gottfried Quistorp in Greifswald, dem Freunde des Dichters Kosegarten, des Freundes und Gönners von Runge. 1794-98 besuchte er die Kunstakademie in Kopenhagen, wo er die übliche Ausbildung im Freihandzeichnen, Zeichnen nach Gips und nach Modell erhielt und in die Landschaftstradition des 18. Jahrhunderts durch die Berührung mit der Kunst Ch. August Lorentzens (dessen Unterricht er genoß), Jens Juels' und Erik Pauelsens hineinwuchs. 1798 siedelte er nach Dresden über, das um jene Zeit durch die Anwesenheit der Gebrüder Schlegel, des Novalis, Jean Pauls, Schellings und Steffens' zu einem Mittelpunkt der deutschen romantischen Bewegung wurde. Dort schloß sich F. der Schule Adriaen Zinggs (des Dresdener Hauptes der Prospektenzeichner), Ch. Klengels und Jacob Seidelmanns an, ohne aber zu einem dieser Künstler in ein Schülerverhältnis zu treten, und verdiente sich durch die damals beliebte Prospektmalerei (Federzeichnungen, Sepiablätter) seinen Lebensunterhalt. Den ersten Erfolg brachte dem Künstler die Beteiligung an der Ausstellung der Weimarer Kunstfreunde 1805. Goethe erkannte ihm für 2 Sepiablätter den halben Preis zu und würdigte seine Arbeiten in der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung. Seit dieser Zeit stand F.mit Goethe in Beziehung, ohne daß sich freilich ein näheres Band knüpfte. In den Jahren der französischen Fremdherrschaft schloß sich F. in Dresden einem Kreise Gleichgesinnter an, zu dem der Maler Ferdinand Hartmann, der Philosoph Gotthard Heinrich von Schubert, der Dichter Heinrich von Kleist und der Philosoph Adam Müller gehörten. In F.s ärmlichem Atelier in der Pirnaischen Vorstadt wurde vermutlich zuerst Kleists „Hermannschlacht“ vorgetragen. – Seit 1807 begann F. sich der Ölmalerei zu widmen. Bald war sein Name in aller Munde. In den Weihnachtstagen 1808 gab er in seinem Atelier ein Gemälde zur Besichtigung frei, das für den Altar in der Hauskapelle der Gräfin Thun und Höllenstein auf Schloß Tetschen in Böhmen bestimmt war, das Kreuz im Gebirge (Dresden, Staatliche Gemäldegalerie). Die Kühnheit des Werkes in Thema und Formensprache rief die Kritik auf den Plan (Basilius von Ramdohr, in: Zeitung für die Elegante Welt, 1809). F.s Gesinnungsgenossen nahmen für den Angegriffenen Partei. Der Tetschener Altar wurde zu einem Programmwerk der neuen romantischen Kunst. – Die folgenden Jahre festigten F.s Ruf. 1816 wurde er Mitglied der Dresdener Akademie, 1824 außerordentlicher Professor. Seine Hoffnung, nach Klengels Tod ordentlicher Professor zu werden, schlug freilich fehl. Hier zeigt sich bereits der Umschlag des Kunstideals zugunsten der Düsseldorfer Schule, der F. mehr und mehr vereinsamen ließ. Kränklichkeit und wirtschaftliche Not haben sein Alter überschattet. 1835 lahmte ein Schlaganfall seine Kräfte. Seit 1837 hat er nicht mehr arbeiten können. – Zu den Freunden seiner späteren Jahre gehörten der norweg. Landschaftsmaler Ch. Clausen Dahl, der seit 1820 sein Hausgenosse war, und der Arzt, Naturforscher und Philosoph C. G. Carus, dessen 1815-24 geschriebene „Neun Briefe über Landschaftsmalerei“ dem Umgang mit F. ihre Entstehung und ihr Gepräge verdanken.
In dem Nachruf, den Carus seinem toten Freunde widmete, heißt es, daß F. „mit einem durchaus tiefsinnigen und energischen Geiste und auf absolut originale Weise in den Wust des Alltäglichen, Prosaischen, Abgestandenen hineingriff und, indem er ihn mit einer herben Melancholie niederschlug, aus dessen Mitte eine eigentümlich neue leuchtende poetische Richtung hervorhob“. Über die Zugehörigkeit F.s zur romantischen Bewegung und über seine kunstgeschichtliche Stellung in der Geschichte der Landschaftsmalerei kann nichts Treffenderes gesagt werden.
Schon in der Thematik seiner Bilder wird der Gegensatz zur barocken Landschaftsmalerei deutlich. F. liebt es, seine Landschaften mit symbolischen Zeichen, Kreuzen, gotischen Ruinen, vaterländischen Gedächtnismalen, Schiffen und Schiffstrümmern auszustatten. Er gibt die Natur gern als einsame, oft verlassene Natur, die nicht mehr Wohnstätte des Menschen, sondern Urlandschaft ist. Er liebt das Elementare, mag es ihm nun als Meer oder als Gebirge entgegentreten, und das nordisch Dunkle, das die Zeitgenossen mit dem Worte „ossianisch“ umschrieben haben. – Gern steigert F. das einzelne Motiv über das gegenständlich Zulässige hinaus, monumentalisiert und verabsolutiert es und läßt Natur- und Menschenlaut in eins zusammenklingen. Das Bild des|Morgens wird zum Gleichnis des Weltenwerdens und des Lebensmorgens, das Bild einer winterlichen Landschaft zum Gleichnis des Winterlichen schlechthin wie dem der Verlassenheit und des Todes. Mensch, Baum, Bauwerk, Stein wachsen über ihr begrenzt gegenständliches Sein zu unbegrenzt allgemeiner Bedeutung. Alle Gegensätze werden von einer großen Gesamtstimmung umfangen, die zugleich das Erlebnis des Künstlers widerspiegelt. – Der neuen Thematik entspricht eine neue Bildform: Rahmenlosigkeit, unvermitteltes Gegeneinandersetzen übernah gesehener Vordergründe gegen weite und ferne Hintergründe, ornamentale, fast flächenhafte Linienführung, die aus dem Gegensatz des Begrenzten und Unbegrenzten ihre stille, manchmal unheimliche Kraft zieht, dünn und spitz aufgetragene Farbe, die, ohne sinnlichen Reiz, die symbolische Aussage der Zeichnung verstärkt, besonders bezeichnend das Grauviolett in verschiedenen Abstufungen, das die Formen entkörperlicht und unfaßbar macht.
12. Henriette Herz
H. heiratete nach damaliger jüdischer Sitte bereits als 15jährige →Markus Herz. Um die junge, auffallend schöne Frau des berühmten Arztes und Wissenschaftlers sammelten sich sehr bald die Liebhaber der zeitgenössischen Literatur. Klopstocks Oden, Goethes „Werther“ und sein „Götz von Berlichingen“ wurden gelesen und erregten die Gemüter. Freimaurerische und pietistische Einflüsse führten zur Gründung eines sogenannten Tugendbundes, in dem schwülstige Briefe und heimliche Küsse getauscht wurden, Pfänder- und Schäferspiele einer Jugend sich auszuleben halfen, die zu früh schon zu den Erwachsenen gezählt worden war.
Dennoch hielten einige dieser Freundschaften lebenslang. Die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt, Carl Laroche, →Gottfried Schadow, Dorothea Veit geboren(e) Mendelssohn, Franz Leuchsenring, Sara und Marianne Meyer (später als Baronin Grotthus und Marianne von Eybenberg aus Goethes Freundeskreis in den böhmischen Bädern bekannt geworden) zählten sich dem Tugendbund zu; Therese Heyne, Sophie Schubert und Caroline von Dacheröden (die künftigen Gattinnen Georg Forsters, Clemens Brentanos und Wilhelm von Humboldts) wurden korrespondierende Mitglieder. Später stießen die Grafen Dohna und, zuerst als flüchtiger Gast, auch Schleiermacher zu dem Kreis. Nach dessen Anstellung als Prediger an der Charité 1796 und seinen nun häufigen Besuchen beim Ehepaar H. wurde die auf den Konversationston gestimmte Geselligkeit des Tugendbundes durch die langsam reifende Freundschaft zu Schleiermacher abgelöst, wenn auch die Problematik der H.schen Ehe, die Kinderlosigkeit, die Trennung durch ein halbes Lebensalter, sich sichtbarer darstellte als vorher. Durch den Umgang mit Schleiermacher entfaltete sich H.s mütterlich fraulicher Charakter. Ihm vertraute sie ihre Not an, für niemanden wirken zu können. Er gab ihrem Denken Richtung und Halt, als sie nach dem Tode ihres Gatten 1803 recht hilflos und verarmt zurückblieb. In der Schleiermacherschen Familie fand sie ein Jahrzehnt später zu jener Gelassenheit, die ihr bis ins hohe Alter blieb, so daß sie trotz ihrer Verarmung wöchentlich einen Freitisch für Studenten hielt und sich für die dienstsuchenden Mädchen, die vom Lande in die jäh anwachsende Stadt kamen, hilfreich einsetzte.
H.s Leben ist charakteristisch für das einer Berliner Jüdin ihrer Generation. Die Loslösung aus der Geborgenheit des jüdischen Glaubens ging der politischen Emanzipation|von 1812 vorauf, wenn auch der Trugschluß, die politische Assimilation durch die Taufe zu beschleunigen, sich schon nach der Ermordung Kotzebues in der sogenannte(r) Reaktionszeit erwies. Die Judenschaft hatte aber in Preußen dank der Politik Friedrichs II., der ihr zwar noch immer die Ausübung einer großen Zahl bürgerlicher Berufe untersagt, ihre weltweiten Finanzverbindungen jedoch zu nutzen und zu honorieren verstanden hatte, eine Sonderstellung in der Gesellschaft der aufstrebenden Stadt erreicht. Ihre Häuser waren zu Zentren der Geselligkeit geworden, in denen besonders die Frauen, frei von den Einschränkungen der feudal-absolutistischen Gesellschaftsordnung, ihren Teil an der Entwicklung des liberalen Denkens in Berlin leisten konnten, denn in ihren Salons trafen sich Prinzen, der hohe und niedere Adel, Künstler, Hofschauspieler, Wissenschaftler und Politiker. Der Weg zur geistigen Emanzipation der Frau wurde hier vorbereitet.
H.s Salon hatte noch vor der Eröffnung von Rahel Varnhagens Salon eine neue, der höfischen und bürgerlichen Geselligkeit konträre Form des geselligen Lebens geschaffen, und aus ihrem Kreise waren nachhaltige Wirkungen auf die Entwicklung Berlins zur geistigen Hauptstadt Preußens ausgegangen.
13. Novalis
H. hat lange Zeit hindurch als „romantischer Dichter“ kat' exochen gegolten. An der Legende seines Lebens, an dem Bilde des frühvollendeten Jünglings, dem die geliebte Braut entrissen wurde und der auf ihrem Grabe sich entschloß, ihr nachzusterben, haben schon die Zeitgenossen, namentlich Tieck, mitgewirkt. Ihm erschien H. als „die reinste und lieblichste Verkörperung eines hohen unsterblichen Geistes“, dessen irdisches Leben uns mit einem „sonderbaren Schauer“ berührt. Andere hoben seinen „ätherischen Geist“ hervor, für den das ganze Dasein sich in eine „tiefe Mythe“ auflöste (Steffens). Er war der Dichter, der in seinen „Hymnen an die Nacht“ in mystischer Weltflucht Liebe, Traum und Tod als die zentralen Erlebnisse einer anderen, irrationalen Welt besang; der in seinem Roman „→Heinrich von Ofterdingen“ die Sehnsucht nach der blauen Blume als Sinnbild romantischer Sehnsucht überhaupt gestaltete; dem als Märchendichter schließlich Welt und Geschichte in einem magischen Wunderglauben sich ins Märchen verwandelten. Die gedankliche Leistung seiner Fragmente und philosophischen Studien, von denen freilich im 19. Jahrhundert nur weniges gedruckt vorlag, wurde entweder nicht beachtet oder als flüchtiges und letzthin verantwortungsloses Philosophieren abgetan. Auch sein beruflicher Werdegang mit der erstaunlich gründlichen Ausbildung in naturwissenschaftlichen und kameralistischen Fachgebieten wurde als störend empfunden. „Es macht aber eine sonderbare Wirkung und stört doch, wenn man sich den Novalis als Amtshauptmann oder als Salzbeisitzer denkt. Das ist entsetzlich!“ (Kerner an Uhland) Als eine fast unirdische Erscheinung lebte H. im Gedächtnis der Nachwelt fort und verführte seine Biographen immer wieder dazu, Leben und Werk unter mythischen Aspekten zu deuten und darzustellen. „Was sich in H.s Leben ereignete…, kann nicht anders als unter dem Zeichen eines Mythos gesehen werden“ (Hiebel). Die Novalis-Legende rief freilich schon frühzeitig Kritik hervor, an ihr entzündete sich zum Beispiel der Spott Heines und des Jungen Deutschland. Aber sie wirkt bis heute nach und scheint unzerstörbar. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde H. als ein Dichter und Theoretiker entdeckt, bei dem „Romantik fast genau Modernität bedeutet“ (Th. Mann). Vielfach sind seine Wirkungen auf den französischen Symbolismus, auf Keats und Poe, Nerval und Maeterlinck, auf Hofmannsthal, Musil, Benn und andere bezeugt. Die moderne Lyrik hat entscheidende Anregungen durch ihn erfahren und beruft sich auf H. als ihren Ahnherrn; der moderne Roman verdankt seinen kunsttheoretischen Erörterungen überraschende Anstöße. In fast allen Bereichen der Wissenschaft hat er antizipierend gewirkt. Zwischen dem Bilde eines schwärmerischen Romantikers, der an Schwindsucht starb, und dem Bilde des hochintellektuellen Dichters und Denkers, für den Poesie ein „Tun und Hervorbringen mit Wissen und Willen“ war und in dessen Bewußtheit sich|die moderne Künstlerexistenz vorgebildet fand, klafft ein unüberbrückbarer Riß. In dieser Ambivalenz der Wirkungsgeschichte liegt das eigentliche Deutungsproblem seines Werkes, zu dessen Lösung das Biographische zwar beitragen, aber nicht letzten Aufschluß vermitteln kann.
H. verlebte seine Kindheit auf dem Schloß Oberwiederstedt in einem Elternhaus von strenger pietistischer Frömmigkeit. Sein Vater hatte sich nach dem Tode der ersten Frau, der ihm als Strafe Gottes für sein „sehr weltliches Leben“ erschien, an die Herrnhuter Brüdergemeine angeschlossen, wenn auch nur als Freund, nicht als Mitglied. Anfangs still und träumerisch veranlagt, ist der neunjährige Knabe nach einer schweren Erkrankung 1781 wie umgewandelt und wird von seinem damaligen Hofmeister K. Ch. E. Schmid als ungewöhnlich selbsttätig, originell und phantasiereich charakterisiert. Ein vorübergehender Aufenthalt im Hause des Oheims Friedrich Wilhelm von Hardenberg in Lucklum bei Braunschweig, dessen weltmännische Lebensart ganz im Gegensatz zu der Atmosphäre des Elternhauses stand, wirkte bestimmend auf ihn ein. 1785 übersiedelte die Familie nach Weißenfels. Auf dem Gymnasium in Eisleben schloß H. 1790 seine Schulbildung ab und bezog im Oktober die Universität Jena, um Jurisprudenz zu studieren. Aus den Jahren 1788-91 liegt ein bisher nur zum Teil veröffentlichter Nachlaß von ersten dichterischen Versuchen vor, der ungewöhnlich umfangreich ist und die literarische Bildungswelt des jungen H. spiegelt. Neben zahlreichen Gedichten anakreontischen Inhalts, bei denen vor allem Johann Nikolaus Götz, Wieland, J. G. Jacobi und Gotter als Muster gewirkt haben, stehen empfindsamere Gedichte nach Muster des Göttinger Hainbundes, vor allem der Brüder Stolberg, Bürgers und Höltys, stehen vaterländische Oden und Gesänge nach Muster Ramlers und Klopstocks, zu denen zahlreiche Übersetzungen antiker Autoren, namentlich Vergils, Theokrits, Pindars und Horaz' treten. Auch in Verserzählungen und Dramenentwürfen versucht sich der junge H. Praktisch reizt ihn alles zur Nachahmung, was in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Rang und Namen hatte, und der Umfang dieses Jugendwerkes widerlegt die Auffassung, daß erst die späteren biographischen Ereignisse den Weg zum dichterischen Beruf eröffnet haben. – In Jena wirkten damals C. L. Reinhold als Lehrer der Kantischen Philosophie und Schiller als Professor der Geschichte, beiden trat H. persönlich nahe, und vor allem Schiller übte einen tiefen Einfluß auf ihn aus. Jedenfalls steht das erste Gedicht, das er 1791 in Wielands „Teutschem Merkur“ veröffentlichte, ganz unter dem Eindruck dieser Begegnung. In Leipzig, wo er 1791/92 sein Studium fortsetzte, schloß er Freundschaft mit Friedrich Schlegel, und dieses Verhältnis sollte trotz zeitweiliger Unterbrechungen bestimmend für die Begründung der sogenannten Jenaer Frühromantik werden, für die der Briefwechsel beider ein aufschlußreiches Zeugnis ist. Die Hinwendung zur Philosophie, das Studium Kants und später Fichtes hat durch Schlegel entscheidende Anregungen erfahren, auch wenn H. in Leipzig noch „brillante Rollen auf dem Theater der Welt“ spielte und eine verworrene Liebesepisode den jungen „Flatterer“ (nach dem Urteil seines Bruders Erasmus) zu dem merkwürdigen, nach kurzer Zeit widerrufenen Entschluß veranlaßte, Soldat zu werden. Im Frühjahr 1793 kehrte H. nach Weißenfels zurück und vollendete ein Jahr später seine juristischen Studien in Wittenberg. Nach dem Wunsche des Vaters trat er im Herbst 1794 als Aktuarius beim Kreisamt in Tennstedt ein, um hier unter Anleitung des Kreisamtmanns A. C. Just, der später sein Freund und erster Biograph wurde, in die Verwaltungspraxis eingeführt zu werden. In Tennstedt entschied sich sein Schicksal, „eine Viertelstunde“ bestimmte sein Leben, wie er in einem Briefe an Erasmus schreibt. Auf einer Dienstreise kam er am 17.11.1794 nach Grüningen in das Haus des Rittmeisters Johann von Rockenthien und lernte dessen zwölfjährige Stieftochter Sophie von Kühn kennen. Sie wurde sein „Genius“, in der Liebe zu ihr fand er den Schlüssel zu seinem „eigensten Selbst“. Im März 1795 verlobten sich beide.
Die Jahre 1795/96 stehen im Zeichen eingehender philosophischer Studien, vor allem einer Auseinandersetzung mit Fichtes Wissenschaftslehre, die H. als „dringende Einleitungsstudien“ auf sein ganzes künftiges Leben und „notwendige Übungen“ seiner Denkkräfte bezeichnete. Fichte hatte er schon im Mai 1795 in Jena im Hause Niethammers persönlich kennengelernt und sich mit seinen bis dahin erschienenen Werken beschäftigt. Aber erst im Herbst beginnen die umfänglichen Niederschriften, die bis zum Spätsommer oder Herbst des nächsten Jahres reichen. In ihnen bildet sich eine eigene Denkform H.s aus, die zur Voraussetzung seiner späteren Fragmentsammlungen wie seines dichterischen Werkes wird. Mit Recht ist auch die Frage aufgeworfen worden, ob der Tod der Braut nicht nur deshalb in diesem Ausmaß erfahren werden konnte, weil er schon in diesen beiden Jahren vom Denken vorbereitet worden war. Die Sorge um Sophie, die im|November 1795 an Lungenschwindsucht erkrankte und Anfang Juli 1796 einen schweren Rückfall erlitt, prägt sich in den Meditationen der Studienblätter deutlich genug aus – die „unendliche Idee der Liebe“ führte H. über Fichte hinaus und ließ auch das bisher schlummernde religiöse Erbe in ihm erwachen (Zinzendorf). Dennoch bedeutete der Tod der Braut am 19.3.1797 eine Wende seines Lebens, „ein gewaltsames Korrektiv“, das den Entschluß, ihr nachzusterben, hervorrief. Die Briefe und Tagebuchblätter aus diesen Monaten zeigen aber, wie H. in der völligen Loslösung von der empirischen Welt zugleich den „Beruf zur unsichtbaren Welt“ als seine menschliche und künstlerische Bestimmung erfuhr. Am 13. Mai läßt ihn ein Erlebnis am Grabe die Schranken von Raum und Zeit überwinden und ihm die Nähe der verstorbenen Geliebten fühlbar werden. Das wird zur metaphysischen Grunderfahrung seines Lebens. Von nun an erfaßt er es als seine Aufgabe, in beiden Welten zu leben und ihre wechselseitige Durchdringung und Überführung als Ziel seiner dichterischen und philosophischen Arbeit anzusehen. Auch die Wissenschaften gewinnen ein neues Interesse für ihn, er studiert sie „nach höheren Zwecken, von einem höhern Standpunkte“. Neben Fichte, →Schelling und Hülsen werden vor allem die Schriften des holländischen Philosophen Franz Hemsterhuis für ihn bedeutsam, die er im Herbst 1797 exzerpiert und weiterdenkt. Dessen Lehre vom moralischen Organ im Menschen, von H. als „echt prophetisch“ empfunden, führt zu einer tiefgreifenden Kritik Kants und Fichtes, mit der sich ein seit langem angebahnter Denkprozeß vollendet. Die erste Frucht dieser intensiven gedanklichen Arbeit bilden die beiden zur Veröffentlichung gelangten Fragmentsammlungen „Blütenstaub“ und „Glauben und Liebe“ aus dem Februar beziehungsweise Mai 1798. In der Geschichte der Romantik hat die erstere ihre besondere Bedeutung darum, weil sich hier zuerst die romantische Haltung des Blickes nach innen und außen, das Heimischsein in zwei Welten ausspricht, die zweite, weil sie als die erste stark fortwirkende Formulierung des romantischen Verhältnisses zur Gemeinschaft und besonders zum Staate gelten kann. Das Erlebnis des Mittlertums („Christus und Sophie“) ist in beiden von grundlegender Bedeutung. Doch sind sie nur ein kleiner Teil der gleichzeitig angelegten Fragmenthandschriften seit Anfang 1798, in denen sich die romantische Poetik H.s und sein magischer Idealismus gedanklich ausgeformt haben. Ziel der Magie ist ihm nicht die Unabhängigkeit des Geistes gegenüber der Sinnenwelt, sondern deren Verwandlung und Belebung; Ziel der Poesie die Erhebung des Menschen über sich selbst, die Überwindung von Schmerz, Tod und Zeit, das Bewußtsein der Illusion als solcher. Hier zuerst wird auch das berühmte Poesieprogramm von 1798 verkündet („Die Welt muß romantisiert werden …“).
Von Weißenfels aus, wo er seit dem Frühjahr 1796 als Akzessist an den Salinen beschäftigt war, übersiedelte H. am 1.12.1797 nach Freiberg, um sich an der dortigen Bergakademie in den naturwissenschaftlichen Fächern, vor allem der Geologie, Mineralogie, Bergbaukunde, Chemie und Mathematik, weiter auszubilden. Sein bedeutendster Lehrer wurde hier →Abraham Gottlob Werner, dessen Ruf als Geologe und Mineraloge schon damals weit über die Grenzen Deutschlands gedrungen war. So sehr das Studium in Freiberg den beruflichen Fachkenntnissen H.s dienen sollte, so nachhaltig hat es gleichzeitig auf seine philosophischen und dichterischen Pläne eingewirkt. Aus dieser Zeit liegen seit Juni 1798 umfängliche naturwissenschaftliche Studienhefte und -blätter vor, die neben zahlreichen Exzerpten selbständig weiterführende Bemerkungen und kritische Schlußfolgerungen H.s enthalten, deren Auswertung erst nach ihrer bevorstehenden vollständigen Edition möglich sein wird. Die wichtigsten Anregungen daraus sind in das „Allgemeine Brouillon“ übergegangen, jenes philosophische Hauptwerk vom Herbst 1798 bis Frühjahr 1799, das „Materialien zur Enzyklopädistik“ sammeln sollte und mit dem H. alle Wissenschaften auf ihre ursprüngliche Einheit zurückzuführen beabsichtigte. Die Idee einer solchen Enzyklopädie war ihm bereits durch Hemsterhuis und C. A. Eschenmayer 1797 vermittelt worden, den entscheidenden Anstoß aber gab ihm nun Werners „großer systematischer Geist“, während ihm Goethe – den er im März 1798 erstmals in Weimar persönlich kennengelernt hatte und als den „merkwürdigsten Physiker unsrer Zeit“ bewunderte – durch seine „Behandlung der Wissenschaften“ zum Vorbild wurde. Eine universale Wissenschaftskunde schwebte ihm vor, in welcher alle Verhältnisse, Ähnlichkeiten, Gleichheiten, Wirkungen der Wissenschaften aufeinander aufgespürt und dargestellt werden sollten. Das Unternehmen mußte bald auf die Methodik des Verfahrens und einzelne Beispiele eingeschränkt werden, und über die endgültige Form des Werkes – das entgegen der üblichen Auffassung keinesfalls als Fragmentsammlung gedacht war – haben wir nur wenige Andeutungen. Als dichterischer Ertrag dieser Studien darf|das tiefsinnige Romanfragment „Die Lehrlinge zu Sais“ gelten, dessen 1. Teil schon Anfang 1798 geschrieben wurde, um dann in der Wende 1798/99 mit den Gesprächen des 2. Teils fortgesetzt zu werden. Der Plan, die vorhandenen Bruchstücke zu einem „echt-sinnbildlichen Naturroman“ auszugestalten, wurde später um des Ofterdingen-Romans willen zurückgestellt und blieb unausgeführt.
Im Hause des Berghauptmanns von Charpentier, in dem H. während seines Freiberger Aufenthaltes verkehrte, lernte er im Januar dessen Tochter Julie kennen, mit der er sich im Dezember 1798 verlobte. Diese zweite Bindung ist von ihm selbst als schweres Problem empfunden worden, denn die Liebe zu Sophie und die Gewißheit ihrer künftigen Wiedervereinigung blieben davon unberührt. Doch ist für das Verständnis des Dichters und sein Leben zwischen den beiden Welten vielleicht nichts so wichtig wie die Tatsache dieser erneuten Verlobung. Er fühlte sich auf einer Mission, „zur Bildung der Erde sind wir berufen“. In dieser Hinsicht wurde ihm Julie zur Gefährtin des irdischen Lebens, während Sophie die Mittlerin der „höhern Welt“ blieb, die ins Diesseits überführt werden sollte. Der zweiten Gefährtin verdankte er es, daß er sich noch einmal „mit voller Seele“ der empirischen Welt zuwenden und sich auch in seinen literarischen Plänen zur „bürgerlichen Baukunst“ bekennen konnte. „Ich bin dem Mittage so nahe, daß die Schatten die Größe der Gegenstände haben – und also die Bildungen meiner Phantasie so ziemlich der wirklichen Welt entsprechen.“ In den beiden Gestalten der Mathilde und Cyane hat dieses merkwürdige Verhältnis seine dichterische Widerspiegelung im „Ofterdingen“ gefunden, ebenso wie hier Werner in der Gestalt des alten Bergmannes und Goethe in derjenigen Klingsohrs ihre weiterwirkende Bedeutung für H. offenbart haben. Die Stellungnahme zu H.s Verlobung mit Julie bildet in gewisser Hinsicht einen Prüfstein für die Wirkungsgeschichte seines romantischen Werkes, denn im älteren Novalis-Bild wurde sie bezeichnenderweise mit Unbehagen übergangen. „Ich hätte mir sein Leben doch viel anders vorgestellt. Die Jungfer Charpentier stört auch so die Poesie“ (Kerner an Uhland).
Im Mai 1799 kehrte H. von Freiberg nach Weißenfels zurück, das fortan sein Wohnsitz blieb. Hier wurde er Ende des Jahres zum Assessor ernannt, zahlreiche Dienstreisen führten ihn von hier nach Artern, Kösen, Dürrenberg und an andere Orte in die Salinen und Bergwerke Thüringens, umfangreiche Memoranden und Protokolle sind als Zeugnisse seiner Berufstätigkeit erhalten. Vor allem aber bildet sich nun, im Verkehr mit den Brüdern Schlegel, mit denen er seit 1798 öfter in Jena, Dresden und Weimar zusammentraf, in der Bekanntschaft mit Tieck, den er im Sommer 1799 in Jena rasch zum Freunde gewann, im gedanklichen Austausch mit Schleiermacher, →Schelling und J. W. Ritter, neben fortlaufenden philosophischen und poetologischen Aufzeichnungen sein dichterisches Werk aus. Schon im Frühjahr 1799 entstehen die ersten geistlichen Lieder, die sich bis zum Sommer 1800 zu einem Zyklus erweitern. Obwohl einige von ihnen in die evangelischen Gesangbücher eingegangen sind, behaupten diese Gedichte in der Geschichte des Kirchenliedes als Ausdruck eines ganz persönlichen Erlebens und einer sehr individuellen Religiosität eine Sonderstellung. Schlegel nannte sie „das Göttlichste“, was H. je gemacht habe, und verglich sie mit den innigsten und tiefsten unter Goethes frühen Gedichten. Im engen Zusammenhang damit stehen die „Hymnen an die Nacht“, die am 31.1.1800 als vollendet angekündigt werden, aber, wie neuere Forschungen ergeben haben, auf eine höchst vielschichtige Entstehungsgeschichte zurückweisen. So ist die Keimzelle der Hymnendichtung, eine erste Fassung der 3. Hymne, als „Urhymne“ sicherlich noch in den Herbst 1797 zu setzen, während eine frühe Prosafassung der 1., 2. und 4. Hymne wohl schon zu Anfang der Freiberger Zeit 1797/98 entstanden ist. Die erhaltene handschriftliche Fassung der Hymnen, die sich vom Athenaeums-Druck im Sommer 1800 durch abgesetzte Verszeilen unterscheidet, ist dagegen erst in der Jahreswende 1799/1800 niedergeschrieben worden. In ihnen hat das Sophien-Erlebnis seine letzte dichterische Überhöhung erfahren, die Graberfahrung des Sängers der 3. Hymne und der Geschichtsmythos der 5. Hymne verbinden sich im Symbol des christlichen Kreuzes, der „Siegesfahne unsers Geschlechts“, mit dem der Tod überwunden und die Gegensätzlichkeit des Nacht- und Lichtreiches aufgehoben ist in einem neuen Wissen, das die irdische Tageswelt durchdringt und verwandelt. Tritt hier die metahistorische Zukunft eines himmlischen Reiches der Liebe in den Mittelpunkt esoterischer Verkündigung, so beherrscht den im Spätherbst 1799 entstandenen Aufsatz „Die Christenheit oder Europa“ ein realgeschichtliches Zukunftsbild, das sich aus dem Zerfall des idealen Mittelalters über die Stufen des Niedergangs und fortschreitender Evolutionen hinweg mit der prophetischen Erwartung einer „heiligen Zeit des ewigen Friedens“ und einer „neuen, dauerhaftern Kirche“ abzeichnet. Der Aufsatz, den H.treffender als eine „Rede“|bezeichnete und unter rhetorischen Kategorien betrachtet wissen wollte, blieb ungedruckt; die erste Lesung im Kreise der Jenaer Frühromantiker führte zu lebhaften Kontroversen, die der vermeintlich katholisierenden Tendenz und der schwachen historischen Ansicht des Mittelalters galten; Goethes Urteil entschied schließlich gegen den Druck, der vollständig erst 1826 erfolgte und auch dann noch zu heftigen Auseinandersetzungen Anlaß gab. – Wenig später, noch im Zusammenhang mit den Mittelalter-Studien, die vor allem im Dezember 1799 bei einem Aufenthalt in Artern in der Bibliothek des befreundeten Majors von Funck fortgesetzt wurden, entstand die erste Konzeption des „→Heinrich von Ofterdingen“, der die Arbeit des letzten Lebensjahres bestimmte. Der Roman, zweifellos das bedeutendste dichterische Werk der Frühromantik und auch in seiner unvollendeten Gestalt eine Summe von H.s Poetik und dichterischem Wollen, löste die früheren Romanpläne ab und verdrängte sie; der gesamte 1. Teil war schon am 5.4.1800 fertiggestellt, die Fortsetzung blieb im Herbst mit dem großen Gespräch zwischen Heinrich und Sylvester liegen, fand aber durch zahlreiche Entwurfsnotizen und einzelne, ausgeführte Bruchstücke aus dem Sommer bis Spätsommer 1800 eine stichwortartige Abrundung. Dennoch ist eine Rekonstruktion des 2. Teils kaum möglich, zumal H. nach Schlegels Mitteilung noch in den letzten Wochen seinen Plan völlig geändert haben soll und auch in den Entwurfsnotizen ein charakteristisches Schwanken und Verwerfen der vorläufigen Kapitelgliederung – zum Beispiel hinsichtlich des Wartburgfestes, das im 6. Kapitel behandelt werden sollte – spürbar wird. Auch Tiecks Fortsetzungsbericht ist nicht in allen Punkten zuverlässig, obwohl er gegenüber früheren Urteilen durch die neu aufgefundenen Papiere aus dem Nachlaß E. von Bülows eine gewisse Bestätigung gefunden hat. Das Werk, das wie alle frühromantischen Romane unter dem Einfluß von Goethes „Wilhelm Meister“ steht, aber trotz Übernahme vieler formaler Stilzüge seinem Geiste nach ein Anti-Meister zu werden versprach, ist allzu lange vom Stimmungszauber romantischer Traum- und Märchenbilder her gedeutet und als Ausdruck einer Weltanschauung märchenhaft-utopischen Charakters empfunden worden. Die Komposition des Werkes, die den klassischen Entwicklungs- und Bildungsroman hinter sich läßt, zeigt dagegen einen sehr bewußten, vor allem in der Perspektiventechnik und Zeitbehandlung sichtbar werdenden Gestaltungswillen, der auf den modernen Roman und einige seiner Formexperimente vorausdeutet. Ob der 2. Teil dem höchsten messianischen Auftrag der Poesie, der in diesem Roman nicht nur dargestellt, sondern vielmehr auch durchgeführt und erfüllt werden sollte, gewachsen gewesen wäre, wissen wir nicht; gegenüber kritischen Urteilen, die den totalen Anspruch der dichterischen Weltverwandlung für die unvollendete Form des Werkes verantwortlich machen und darin ein Scheitern an den Grenzen der Kunst erblicken möchten, mag darauf hingewiesen sein, daß Krankheit und Tod dem Dichter eine von ihm niemals bezweifelte Vollendung versagten. Schon im Herbst 1800 kam es zum Ausbruch der tödlichen Krankheit, ein Blutsturz warf H. aufs Krankenlager, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Die letzten Tagebuchaufzeichnungen vom Oktober, die er als „Lehrjahre der höheren Lebenskunst“ bezeichnete, zeigen in klarer und unerbittlicher Selbstbeobachtung Unruhe und Angst, eine dagegen beschwörend aufgerufene, fast kindliche Frömmigkeit und – bezeichnend für die weit gespannte, kaum zu fassende Arbeitsintensität dieser letzten 4 Lebensjahre – die „wahrhaft himmlische Lust der Tätigkeit“, die ihn bis zum Ende mit Lektüreplänen gefaßt hält. Im Dezember 1800 erfuhr er noch seine Ernennung zum Amtshauptmann in Weißenfels. Dort starb er im Beisein seines Freundes Friedrich Schlegel und seines Bruders Karl, die beide zu den treuesten Verwaltern seines literarischen Nachlasses wurden.
H.s Werk scheint sich mühelos zu gliedern in die sogenannten „reinen“ Dichtungen und in die Gedankenwelt seiner Studien und Fragmente. Doch hat sich eben diese Trennung als verhängnisvoll erwiesen. Der Anteil des Denkers ist im dichterischen Werk, unter Einschluß der Märchen, ebenso unverkennbar, wie sich der Anteil des Dichters in der „poetischen“ Philosophie der Fragmente und in der angestrebten „Poetisierung“ aller Wissenschaften nachweisen läßt. Die Wirkungsgeschichte seines Werkes knüpft sich in erster Linie an die Dichtungen, vor allem an die „Hymnen“ und „Geistlichen Lieder“ und den Roman „→Heinrich von Ofterdingen“; von ihnen her wurde das volkstümliche Bild des romantischen Mystikers und Träumers geprägt. Dagegen setzte die zweite Phase seiner Wirkung, in der die spezifische Modernität H.s erkannt und hervorgehoben wurde, mit einer stärkeren Hinwendung zu den Fragmenten ein, die namentlich mit ihren kunsttheoretischen Überlegungen in den Mittelpunkt des Interesses rückten. Aber auch hier scheint sich die Gefahr einer Verzeichnung des Novalis-Bildes anzubahnen. So berechtigt die Betonung der Modernität gegenüber dem pseudoromantischen Verständnis des Dichters ist und zu dessen Korrektur beitragen kann, so oft fußt sie auf einer fragwürdigen Ausdeutung isolierter, aus dem Zusammenhang gerissener Fragmente. Das hängt unter anderem mit der Editionstechnik aller älteren Ausgaben zusammen, die, von dem Leitbild des „Fragmentisten“ ausgehend, auch aus fortlaufenden Niederschriften einzeln herausgelöste Sätze als „Fragmente“ darboten und damit einer heillosen Verwirrung hinsichtlich des Fragments als einer bewußt konzipierten romantischen Kunstform Vorschub leisteten. Bei einer solchen Hinterlassenschaft schien es leicht, in den einzelnen Gedankensplittern H.s die „entromantisierten“ Kunsttheorien der Moderne vorgeprägt zu finden. Erst die neue, im Entstehen begriffene Edition wird hierin einen Wandel schaffen, da sie auf die wieder zugänglich gewordenen Handschriften im Besitz des Freien Deutschen Hochstifts, Frankfurt/M., zurückgreifen kann. In der chronologischen Neuordnung der Papiere zeigt sich zunächst ein Zusammenhang, der die Entwicklung der H.schen Denkhaltung genauer als bisher beleuchtet und nach den einzelnen Phasen seines Werkes abstuft. In der Entschlüsselung zahlreicher „Fragmente“ als fortlaufender, in einen größeren Gedankenzusammenhang eingebetteter Studiennotizen wird die Kontinuität dieses Denkens sichtbar, die es verbietet, das gedankliche Werk H.s als ein Trümmerfeld zu betrachten, aus dem durch willkürliches Zitieren das Trugbild eines phantasievoll spielenden, aus dem Nichts gedanklicher Kombinationen und Assoziationen schaffenden Denkers abgeleitet werden kann. Vor allem aber werden durch die Aufdeckung zahlreicher Exzerpte und Lektürenotizen H.s die vielfältigen geistigen Voraussetzungen faßbar, aus denen die Gedankenwelt seiner Fragmente erwachsen ist und ohne die diese nicht zu verstehen sind. Gewiß gab ihm seine umfangreiche, erst jetzt in vollem Ausmaß erkennbare Lektüre im Grunde nur eine Bestätigung dessen, was er selbst erfahren und schon durchdacht hatte. Nicht die Originalität H.s wird also in Frage gestellt, wohl aber der scheinbar unbegrenzte Spielraum an Interpretationsmöglichkeiten, der ohne Kenntnis der zeitgeschichtlich bedingten, als Anstoß und Denkimpuls wirksamen Lektüre zu einer Überschätzung der aktuellen Aspekte führen kann. Es zeigt sich dann, daß H. auch in denjenigen Aufzeichnungen, die man „artistisch“ oder gar „manieristisch“ genannt hat und die ihn als „Klassiker des Surrealismus“ erscheinen lassen, noch ganz auf dem Boden metaphysischer Denkvoraussetzungen steht, die in der modernen Literatur völlig abgestreift sind. Das wird etwa aus seinen Plotin-Studien von 1798/99 deutlich, die zu den wichtigsten poetologischen Folgerungen führen, ohne daß diese in ihren geistigen Voraussetzungen bisher erkannt worden wären. Der metaphysische Bezugspunkt seines oft experimentierenden Denkens wird durch die „unbekannte heilige Welt“ bestimmt, die hinter den Erscheinungen steht und auf die hin alle empirische Wirklichkeit „romantisiert“ werden soll, er wird ebenso sichtbar in dem Endziel der „neuen goldnen Zeit“, deren Realisierung der Dichter wie der Enzyklopädist, der Staats- wie der Naturphilosoph allen Ernstes anstrebt. So wird die Novalis-Forschung in einer Art Spiralbewegung über die Erkenntnis der „Modernität“ hinaus wieder zu einer neuen und vertieften Bestimmung des spezifisch „Romantischen“ im Werk des Dichters gelangen müssen. Dies wird die Aufgabe sein, die sich nach der historisch-kritischen Edition seiner Schriften stellt. Was für ihn selbst „Romantik“ bedeutete und welches erstaunlich kühl durchdachte, mit Vorliebe durch mathematische Begriffe bezeichnete Denk- und Stilprogramm sich für ihn mit dem Ziel einer Romantisierung der Welt verband, läßt sich vielleicht am deutlichsten am Gegenbild der Trivialromantik fassen, etwa an einem Vergleich mit dem Novalis-Epigonen Otto Heinrich Graf von Loeben, der sich Isidorus Orientalis nannte und 1808 mit seinem Roman „Guido“ den „Ofterdingen“ nachzuahmen und zu vollenden unternahm.
14. Clemens Brentano
Zu Ehrenbreitstein im Haus der Großmutter →La Roche geboren, verlebte B. seine ersten Kinderjahre im Haus zum Goldenen Kopf in der Großen Sandgasse in Frankfurt/Main unter vielen Geschwistern, kam sechsjährig zu der harten Tante Moehn nach Koblenz, wo er später auch das Gymnasium besuchte, war zwischendurch wieder zu Hause und in einem Heidelberger Internat, 1791-93 in einem Mannheimer Erziehungsinstitut, danach ein Semester auf der Universität Bonn. Im Herbst 1794 wurde er vom Vater in kaufmännische Lehre genommen, 1796 in eine solche nach Langensalza geschickt, wo er nicht lange aushielt, und Anfang 1797 nach Schönebeck an der Elbe zu dem Onkel →Karl v. La Roche, dem Salinendirektor, um sich auf das Studium des Bergfaches vorzubereiten, das er im Sommer in Halle begann, unlustig und ohne Ergebnis. Im Frühjahr 1798 ging er dann als Student der Medizin nach Jena, wo er wenig studierte, aber mit den Führern der deutschen Romantik, mit den Brüdern Schlegel, →Tieck und mit J. W. Ritter in Fühlung kam, an Savigny einen Freund gewann und starke Anregungen für seine Dichtungen erhielt, besonders von Tieck. Es entstand die literarische Satire „Gustav Wasa“, gegen Kotzebue, den Feind der Romantik, gerichtet, und der erste Band des „Godwi“ mit vielen Gedichten. Eine Liebesbeziehung zu →Sophie Mereau, der Frau des Bibliothekars und Professors, die als Dichterin und Übersetzerin hervorgetreten war, führte ihn in alle Höhen und Tiefen der Liebe und nach schweren Rückschlägen 1803 zur Ehe. Inzwischen war er Savigny nach Marburg gefolgt, im Sommer 1801 in Göttingen als Student der Philosophie immatrikuliert, aber stärker dichterischem Schaffen am zweiten Band des „Godwi“ und am „Ponce de Leon“ hingegeben und der beglückenden Freundschaft mit →Achim v. Arnim, unstet in Frankfurt, wieder in Jena, in Marburg gewesen, mit →Arnim 1802 am Rhein gereist, hatte in Düsseldorf Theaterpläne verfolgt, aus denen das Singspiel „Die lustigen Musikanten“ erwuchs, von Liebesglück erfüllte Sommerwochen mit Sophie in Thüringen verlebt und diese nach Marburg nach sich gezogen. Dort blieben sie das erste Jahr ihrer Ehe. Nach dem raschen Tod des ersten Kindes zogen sie nach Heidelberg, wohin für den Sommer 1805 und für das Jahr 1808 auch →Arnim kam und 1806 der Koblenzer Freund Josef Görres als Privatdozent, und nun die Heidelberger Romantik aufblühte.|Deren erste Frucht, „Des Knaben Wunderhorn“, Band 1, kam im Herbst 1805 heraus. B.s Eheglück, das die ersehnte Erfüllung ihm freilich nicht in vollem Maße gegeben hat, war nur von kurzer Dauer. Bei der Geburt des dritten Kindes starb Sophie. B. war wie ein Verzweifelter. Noch unsteter wurde nun sein Leben. Eine zehn Monate später unter phantastischen Umständen geschlossene Ehe mit der 16jährigen hysterischen Auguste Bußmann wurde Hölle und Farce für ihn. Nach kurzem gemeinsamem Leben in Kassel, wo er mit den Brüdern Grimm Freundschaft geschlossen, ging B. 1808 allein wieder nach Heidelberg (zweiter und dritter Band des „Wunderhorns“, Mitarbeit an der „Zeitung für Einsiedler“ u. a.), im Herbst dann mit seinem Schwager Savigny nach Landshut und, vor seiner Frau fliehend, nach München. Vom Herbst 1809 bis Sommer 1811 war er bei Arnim in Berlin, wo er an der Christlich-Deutschen Tischgesellschaft teilnahm, der er seine satirische Abhandlung „Der Philister vor, in und nach der Geschichte“ vorlas, und die Arbeit an den „Romanzen vom Rosenkranz“ wieder aufnahm, dann in Böhmen auf einem von seinen Geschwistern gekauften Gutshof Bukowan und in Prag. Die Dramen „Aloys und Imelde“ und „Die Gründung Prags“ entstanden hier. 1813 ging er nach Wien, wo er aber als Theaterdichter nicht Fuß zu fassen vermochte, und 1814 kam er nach Berlin zurück. Bei regem geselligem Leben und mancherlei schriftstellerischen Arbeiten war er hier in sich tief unbefriedigt und wie auf der Flucht vor sich selbst. Religiöse Sehnsucht, die schon in frühen Werken angeklungen war, verstärkte sich zu bitterem Leiden („Frühlingsschrei eines Knechtes aus der Tiefe“). Unter Einwirkung der jungen Luise Hensel, die, mit Leidenschaft und Sehnsucht von ihm umworben, ihn auf den Weg der Entsagung und an die katholische Kirche verwies, der er angehörte, erfolgte die entscheidende Wendung B.s. Er legte 1817 die Generalbeichte ab. Unzufrieden mit seinem bisherigen Dichten, suchte er nun seine literarischen Aufgaben im religiösen und caritativen Dienst. 5 Jahre lebte er in Dülmen in Westfalen, um die Gesichte der stigmatisierten Nonne →Anna Katharina Emmerick aufzuschreiben und herauszugeben. Nach deren Tode war er in Koblenz und auf größeren Reisen für die Barmherzigen Schwestern tätig („Die Barmherzigen Schwestern in bezug auf Armen- und Krankenpflege“, 1831), lebte danach in Frankfurt und Regensburg und seit 1833 in München, still und zurückgezogen, aber noch einmal von starker Liebe zu einer Frau, der Malerin →Emilie Linder, ergriffen. Er starb 1842 im Hause seines Bruders Christian in Aschaffenburg.
Dieser unruhige Verlauf seines äußeren Lebens kennzeichnet die innere Verfassung B.s. Eine problematische Natur in dem Sinne, in dem Goethe dies Wort gebraucht, von entgegengesetzten Stimmungen zugleich erfüllt, heiße Sinnlichkeit mit überwacher Selbstreflexion verbindend und mehr als in der Wirklichkeit in einer Welt der Träume und Phantasien zu Hause, in die verfehlte Erziehungsmethoden ihn von früh auf sich hatten zurückziehen lassen, hat er nicht vermocht, einen festen Halt im Leben zu gewinnen. Die deutsch-romanische (italienisch und französisch) Blutmischung mag daran Anteil haben wie auch an seinen reichen künstlerischen Gaben. Eine übermächtige Phantasie ließ ihn die Grenzen von Dichtung und Leben verwischen, die Poesie ins Leben hineintragen, so daß er sie mehr lebte als dichtete, wofür seine reichen Briefe sprechende Zeugen sind. Sein Leben bekam so etwas Willenloses, Getriebenes. Allzuviel mit sich selbst beschäftigt, ohne mit sich fertig zu werden, hatte er etwas Selbstzerstörerisches, ja Dämonisches und konnte in sich selbst seinen fürchterlichsten Feind sehen. Den unversöhnlichen Kampf mit dem eigenen Dämon nennt Eichendorff die eigentliche Geschichte seines Lebens und Dichtens. Das Fehlen eines festen Zentrums in sich selbst trieb ihn immer wieder dazu, in der Geliebten oder im Freund seinen Halt zu suchen in einer weiblich anmutenden Hingabefähigkeit bis zum Sichfortwerfen. Seine Sehnsucht und seine Phantasie flogen dabei über alles Erleben so weit hinweg, daß dieses ihm schal wurde und immer neue Enttäuschungen brachte, die nur neue Sehnsucht weckten. Sehnsucht und Wehmut wurden so Grundtöne seiner Dichtung sowie Ironie und Witz, hinter denen sich ein an den Härten und Dissonanzen des Lebens schmerzlich leidendes Gemüt verbarg.
So sehr hat B. Poesie gelebt, daß seine Dichtungen fast wie zufällige Früchte des Lebens wirken und ihm wenig daran lag, als Dichter anerkannt zu werden. Erzählend und singend war er ein genialer Improvisator, auch wenn er sich wiederholt um spätere Ausgestaltung und Ausfeilung des Improvisierten bemühte. Nie hat er hausgehalten mit seinem Talent. Die dichterisch wertvollsten größeren Werke, die „Chronika“ und die „Romanzen vom Rosenkranz“, sind Fragmente geblieben. Ebenso „Die mehreren Wehmüller“. Auch die Märchen kamen nicht zu dem geplanten Abschluß und erschienen erst nach seinem Tode, und er mag mehr Märchen sich ausgedacht|und erzählt haben, als überhaupt zur Niederschrift gekommen sind. Seine Gedichte hat er nicht selbst gesammelt; von so manchen gibt es verschiedene Fassungen, aber keine endgültige. Eine Gesamtausgabe der Gedichte fehlt bis heute. Zahlreiche Dramenfragmente sind überhaupt noch nicht gedruckt.
Das erste Werk des Erzählers B., „Godwi oder das steinerne Bild der Mutter, Ein verwilderter Roman von Maria“ (I 1801, II 1802) zeigt ihn auf den Bahnen der Frühromantik. Wichtiger als das Erzählen und Gestalten ist dem jungen Dichter das Aussprechen seiner Stimmungen und seines Lebensgefühls, persönlicher Erlebnisse, Nöte und Sehnsüchte und das Bekenntnis zu einer Lebensführung, die nur aus der eigenwilligen persönlichen Eigentümlichkeit ihre Richtung gewinnt. Der zweite Teil ist noch bizarrer in der Komposition als der erste, noch „verwilderter“. Hier spielt die Ironie des Dichters mit sich selbst und seinem Werk. Der künstlerische Wert des Buches liegt im Lyrischen, Stimmungshaften der Prosa - die Nachtstimmungen werden bevorzugt - und mehr noch in den zahlreichen eingelegten Gedichten.
Einheitlicher im Ton eines schlichten altertümlichen Erzählungsstils ist die „Chronika eines fahrenden Schülers“, die der kindlichen, gläubigen Seite von B.s Wesen entsprossen ist, seinem Erinnerungsbild der Mutter ein Denkmal setzt und Wackenroders Welt nahe steht, aber eine tiefer erlebte Darstellung des Mittelalters gibt. Die Erzählung blieb trotz späterer Überarbeitung unvollendet, weil B. ihre reine Stimmung nicht lange festzuhalten vermochte. Starke Wirkung geht auch von der komischen und spukhaften Sammelerzählung „Die mehreren Wehmüller und die ungarischen Nationalgesichter“ aus, die viel Atmosphäre und Figuren der österreichisc-ungarischen Lande in sich aufgenommen hat. Was B. auch und gerade in Zeiten tiefen Aufgewühltseins als Dichter zu leisten vermochte, zeigt die im zweiten Berliner Aufenthalt rasch entstandene „Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl“, die in einer Rahmennovelle von sehr kunstvoller und spannender Bauform und in realistischer und zugleich hintergründiger Darstellung von schweren Schicksalen erzählt, ein volkstümliches Werk im besten Sinne des Wortes. Ihr gegenüber stehen seine anderen Novellen zurück. Nicht aber seine Märchen, diese Produkte einer reichen überquellenden Phantasie nicht nur da, wo er frei erfindet, wenn auch mit Benutzung überlieferter Märchenmotive, wie in dem Märchenzyklus „Das Märchen vom Rhein und dem Müller Radlauf“, an dem seine Liebe zum Rhein und zum deutschen Wald mitgeschaffen hat, sondern auch da, wo er Märchen aus dem „Pentamerone“ des Basile nacherzählt oder vielmehr umdichtet, sie verinnerlicht, psychologisch vertieft und in eine reine höhere Sphäre hebt und trotz mancher satirischer Anspielungen auf Zeiterscheinungen den Ton zu treffen weiß, der kindlichen Zuhörern gemäß ist. Hierher gehören u. a. „Gockel, Hinkel und Gakeleia“. Dieses Märchen hat B. in späteren Jahren umgearbeitet und erweitert, um es zum Gefäß seiner Anschauungen zu machen, wobei freilich mancher ursprüngliche Reiz verloren ging.
Der improvisierenden Art seines Schaffens lag auf dramatischem Gebiet das heitere Genre näher als das große Drama. „Ponce de Leon“, zu Goethes Preisausschreiben für das beste Intrigenlustspiel ohne Erfolg eingesandt, ist gleichwohl eine der besten romantischen Komödien, von der italienischen Komödie und Shakespeare und von der fröhlichen Heiterkeit jugendlichen Lebens mit Arnim in Göttingen befruchtet. Ein schier unersättlicher Spieltrieb wirkt sich hier aus, besonders in der Sprache. Dennoch entbehrt das Stück nicht des tieferen Sinns und persönlichen Bekennens. In stärkerem Maße ist in dem Singspiel „Die lustigen Musikanten“, das in wenigen Tagen geschaffen und u. a. von Hoffmann komponiert ist, dem leichten Spiel der Gestalten der commedia dell' arte und ihrer Fröhlichkeit tieferes Weh beigemischt. Wie andererseits das Trauerspiel „Aloys und Imelde“ zugleich auch als Komödie angesprochen werden könnte. Seine künstlerischen Werte liegen weniger im Dramatischen als im Lyrisch-Musikalischen. Das darf man auch von dem großen Drama „Die Gründung Prags“ sagen, dem ersten und einzigen Teil einer Trilogie aus der böhmischen Vorzeit, einem ideenreichen mythisierenden Werke, dem bei einer übergroßen Fülle von Geschehnissen und Personen und reicher Instrumentierung die eigentliche dramatische Handlungsführung fehlt. Dafür bietet es starke Stimmungswirkungen und große sprachliche Schönheiten. Und alle Dramen B.s enthalten unter ihren zahlreichen Liedeinlagen lyrische Kostbarkeiten.
Lyriker war dieser Dichter in erster Linie, ein ganz ursprünglicher Lyriker, der seine Lieder improvisierend zur Laute sang, oft nur von seinen Empfindungen und Assoziationen sich leiten lassend, aber auch kunstvollen Aufbau meisternd. Nietzsche hat einmal gesagt, von allen deutschen Dichtern habe B. die meiste Musik im Leibe. Diese starke musikalische Begabung, die sowohl in dem schwingenden Rhythmus und in fortreißenden Melodien wie in reichen suggestiven Klangmitteln im einzelnen sich auswirkt, schließt bei ihm die malerischen Vorzüge nicht aus; es gelingen ihm Bildwirkungen von großer Anschaulichkeit und leuchtendem Farbenreichtum. Seine malerische Begabung zeigt sich übrigens auch direkt in seinen Zeichnungen zu seinen eigenen Büchern, allen voran in den Bildern zum Gockelmärchen.
Am reichsten blüht B.s Lyrik in den Jahren 1802/3, da er den Volksliedton gewonnen, der aber keineswegs sein einziger bleibt, und die schöpferische Kraft seiner Phantasie in seinen Balladen geradezu auch neue Mythen geschaffen hat wie die Loreley-Sage, und dann in den Jahren, da religiöses Suchen und die Liebe zu Luise Hensel ihn tief aufwühlten und das Hinausschreien seiner Schmerzen und seiner Sehnsucht trotzdem die Form großer künstlerischer Vollendung gewann in einem Gedichtaufbau, der dem Gefühl sich öffnet und der Variation freies Spiel läßt und doch sich schließt wie ein Kreis oder eine Spirale. Zu seinem lyrischen Werk gehören auch die Romanzen vom Rosenkranz, an denen er ein Jahrzehnt lang immer wieder gearbeitet hat. Vollendet wären sie das Werk B.s geworden. Die selbst erdachte Legende von der Erfindung des Rosenkranzes wird in der Geschichte eines bologneser Geschlechtes mit einer Fülle mittelalterlicher historischer und mythischer Überlieferungen und vielen persönlichen Erlebnissen und symbolischem Ausdruck eines reichen Gehaltes durchwoben. Die spanische Romanzenform mit dem langen Durchhalten der Stimmung durch die Wiederkehr immer der gleichen Vokale am Versende und anderen Klangkünsten kommt hier zu bezaubernder Wirkung.
Neben der reichen dichterischen Produktion ging mannigfaltige andere schriftstellerische Tätigkeit B.s einher, die zu gutem Teil aus seiner reichen Sammlung alter Bücher und Handschriften und auch aus der Aufzeichnung mündlicher Überlieferung gespeist war. „Des Knaben Wunderhorn“, das er mit Achim v. Arnim zusammen herausgegeben hat, wobei er zahlreiche Gedichte umarbeitete und auch eigene beisteuerte, hat ebenso daraus schöpfen können wie Arnims Zeitung für Einsiedler und Görres' Buch über die deutschen Volksbücher und auch die Studien und die Märchensammlung der →Brüder Grimm, zu deren Gunsten B. auf den eigenen Plan einer Volksmärchensammlung verzichtet hat. Von mancherlei Neuausgaben älterer Werke, die er vorhatte, sind nur eine Bearbeitung von Jörg Wickrams „Goldfaden“ (1809) und Ausgaben von Friedrich v. Spees „Trutz Nachtigall“ (1817) und „Güldenem Tugendbuch“ (1829) erschienen. Aber auch noch seine letzten Werke zeugen von seiner reichen Belesenheit in älterer geistlicher Literatur. Aus den Aufzeichnungen, die er sich am Bette der Anna Katharina Emmerick über deren Visionen und Betrachtungen gemacht, hat er mit Umstilisierung und dichterischer Ausschmückung, nicht ohne eigene Erzählungen, Gedanken und Bekenntnisse einzuschieben und aus den Passionsbetrachtungen Martin von Kochems und aus manchen anderen Büchern zu schöpfen, zahlreiche große Manuskriptbände zusammengestellt. Von den Büchern, die daraus werden sollten, ist nur eines noch von ihm selbst ohne Nennung seines Namens veröffentlicht worden: „Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi nach den Betrachtungen der gottseligen →Anna Katharina Emmerick, Augustinerin des Klosters Agnetenberg¶ zu Dülmen († 9. Februar 1824) nebst dem Lebensumriß dieser Begnadigten“ (1833). Zwei andere erschienen erst nach seinem Tode: „Leben der heiligen Jungfrau Maria nach den Betrachtungen der gottseligen →A. K. E. …“ (1852) und „Das Leben unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi nach den Gesichten der gottseligen →A. K. E. … (3 Bde., 1858–60), Erbauungsbücher, die große Verbreitung gefunden haben. Das erste ist in acht Fremdsprachen, in die meisten mehrere Male, übersetzt und eines der am meisten gelesenen Andachtsbücher geworden, ein Werk tiefer Glaubensinbrunst von ergreifender Kraft der Darstellung und reiner sprachlicher Schönheit.
15. Karoline von Günderrode
Karoline stammte aus einer verarmten, gebildeten Adelsfamilie und war die Älteste von insgesamt sechs Geschwistern. 1797 trat sie in Frankfurt in ein adeliges Damenstift ein – eine Institution, in der unverheiratete, verarmte adelige Frauen versorgt wurden, von wo aus sie sich aber auch in Ruhe eine gute Partie suchen konnten. Karoline wurde als schön, sanft und schüchtern beschrieben. In Gesprächen mit ihrer Freundin Lisette Mettingh erkannte sie die Benachteiligung der Frau in der Gesellschaft. Ein Ausweg, der Beschränkung zu entkommen, war Bildung, die sich Karoline durch unermüdliches Lesen erwarb. Ihre Bildung war bald auf der Höhe der Zeit. Karoline befaßte sich mit Literatur, Philosophie, fernöstlicher und nordischer Mythologie, Chemie, Geographie, Religionsgeschichte, Physiognomie, Latein und Verslehre. Überdies schrieb sie Dramen und Gedichte, vor allem aber Briefe - der Brief etabliert sich in der Romantik als eigene literarische Gattung. Briefe waren ein Ausweis geistiger Bildung und emotionaler Erlebnisfähigkeit, und weil sie meist vorgelesen wurden, waren sie immer an ein halböffentliches Publikum gerichtet. Wegen eines Augenleidens litt Karoline zeitlebens an heftigen Kopfschmerzattacken und benutzte, um ihre Augen zu schonen, zum Schreiben grünes Papier.
Karoline war mit Bettina, Gunda und Clemens von Brentano befreundet. Bettina und Karoline spielten Rollenspiele, in denen Karoline immer die Männerrolle übernahm, so daß sie von Bettina scherzhaft “Günter” genannt wurde. Karoline konnte sich nicht mit der ihr zugewiesenen weiblichen Rolle abfinden; hellsichtig bemerkte sie einmal: “Die Männlichkeit und die Weiblichkeit, wie sie gewöhnlich genommen werden, sind Hindernisse der Menschlichkeit.” Sie litt sehr unter den beengenden Rollenzuschreibungen. In einem Brief an Gunda von Brentano schreibt sie: “Schon oft hatte ich den unweiblichen Wunsch, mich in ein wildes Schlachtengetümmel zu werfen, zu sterben. Warum ward ich kein Mann! Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir. Es ist ein unseliges, aber unverbesserliches Mißverhältnis in meiner Seele; und es wird und muß so bleiben, denn ich bin ein Weib und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Darum bin ich so wechselnd, und so uneins mit mir…”
Karoline litt unter nervös bedingter Schwermut und hatte ein unberechenbares Temperament, das manche abstieß. Gleichzeitig ging sie gerne auf Bälle, interessierte sich für Gesellschaftstanz, Hauswirtschaft, Handarbeiten und Musizieren. Bei einer Abendgesellschaft traf sie Friedrich Karl von Savigny, damals noch Jurastudent, später ein bedeutender Rechtsgelehrter, in den sie sich leidenschaftlich verliebte. Es kam zu Annäherungen, die eine Heirat nahelegten, doch Savigny, von Günderodes Bildung abgeschreckt, heiratete lieber die nicht so hochgebildete Gunda von Brentano.
Nach der gescheiterten Liebe zu Savigny widmete Karoline sich vor allem der Kunst, um, wie sie sagte, ihre Persönlichkeit zu vervollkommnen. In der Kunst wollte sie Leben und Schreiben vereinen. Hier orientierte sie sich vor allem an Schelling, der neben Fichte, Schlegel und Novalis ihr bevorzugter Denker wurde. Sie schrieb Dramen, z.B. Hildegund und Nikator, oder Mora, in denen meist heldenhafte, starke Frauen im Mittelpunkt standen. Sie kritisierte in ihrem Werk die Werte der bürgerlichen Gesellschaft und das traditionelle Rollenbild.
Zunehmend vereinsamte sie, da ihre Schwester und zwei ihrer Freundinnen heirateten. Nun wird Schreiben immer mehr zum Mittel der Selbstbehauptung. Unter dem männlichen Pseudonym Tian veröffentlicht sie Gedichte und Phantasien, ein Werk bestehend aus lyrisch-epischen Dichtungen, Dramenfragmenten und Prosastücken. Ihre Dichtungen sind von Gedanken der romantischen Philosophie geprägt. Ansonsten suchte sie in den Mythen und Religionen Asiens und Ägyptens nach Vorstellungen vom Tod als Wiedergeburt. Die Einheit von Ich und Welt wollte sie denken können und zugleich erleben. Höhepunkt ihres dichterischen Schaffens ist Die Idee der Erde. Hier entwickelt sie das Prinzip des “Vortrefflichen” und versteht darunter den Prozeß der Einswerdung mit der Natur.
Im August 1804 lernte sie den mit einer dreizehn Jahre älteren Frau verheirateten Heidelberger Altertumsforscher Friedrich Creuzer kennen. Eine große Liebe entwickelte sich. Sie verstanden sich nicht nur menschlich, sondern auch wissenschaftlich und literarisch sehr gut. Sie hatten gemeinsame Interessen und förderten sich gegenseitig. Sie hatten sogar Pläne für ein gemeinsames Werk – ideale Bedingungen für ein gemeinsames Leben. Creuzers Frau hatte sogar in eine Scheidung eingewilligt, doch Creuzer, der wegen der heimlichen Liebe zur Günderrode Depressionen hatte und Angst vor einem öffentlichen Skandal, suchte Rat bei zwei befreundeten Kollegen und schob die Scheidung auf. Seine Freunde rieten ihm von der Heirat mit Günderrode ab, sie würde keine bürgerliche Hausfrau abgeben, außerdem sei ihr Schellingstudium sehr bedenklich. Nun forderte Creuzer von ihr, sie solle seinen Freunden einen Brief schreiben, in dem sie sich für ein stilles Eheleben ausspräche und der Schellinglektüre abschwüre. Karoline wehrte sich gegen diese Zumutungen und faßte den Plan, mit Creuzer nach Alexandria, oder in Männerkleidern nach Rußland zu fliehen. Sie wollte auch gemeinsam mit Creuzer sterben. Creuzer wurde unter dieser großen Anspannung krank und bat seinen Freund Daub, an Günderrode einen Absagebrief zu schreiben. Karoline befand sich gerade in Winkel im Rheingau. Sie machte sich zu einem Spaziergang auf und erdolchte sich am Rheinufer.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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-> Ronge, Julia, Ludwig van Beethoven, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ludwig-van-beethoven-/DE-2086/lido/57c578bad39561.36831967 (abgerufen am 19.10.2025)
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Sekundärliteratur
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