Skip to main content

Persönlichkeiten

Inhaltsverzeichnis

  1. Johannes Bückler
  2. Ludwig van Beethoven
  3. Friedrich Schiller
  4. Georg Wilhelm Friedrich Hegel
  5. Alexander von Humboldt
  6. Immanuel Kant
  7. Wilhelm von Humboldt
  8. Sophie Mereau
  9. Bettina von Arnim
  10. Friedrich Schlegel
  11. Caspar David Friedrich 
  12. Henriette Herz 
  13. Novalis 
  14. Clemens Brentano
  15. Karoline von Günderrode
  16. E.T.A. Hoffmann
  17. Philipp Otto Runge
  18. Dorothea Schlegel
  19. Zacharias Werner
  20. Carl von Clausewitz
  21. Johann Gottfried Herder
  22. Charlotte von Stein
  23. Friedrich Hölderlin
  24. Christoph Martin Wieland

1. Johannes Bückler

image.jpeg

Räuber (etwa 1780-1803)

Jo­han­nes (Jo­hann) Bück­ler, bes­ser un­ter sei­nem Ruf­na­men Schin­der­han­nes be­kannt, war ein deut­scher Räu­ber, der wäh­rend der Jah­re 1796 und 1802 ge­mein­sam mit sei­nen Spie­ß­ge­sel­len über 130 Straf­ta­ten ver­üb­te, die von Vieh­dieb­stahl bis Mord reich­ten. Trotz­dem bie­tet die Fi­gur des Schin­der­han­nes bis heu­te Stoff für vie­le Ge­schich­ten, die den Räu­ber aus dem Huns­rück meist mehr als ei­nen Ro­bin Hood des So­on­wal­des er­schei­nen las­sen.

Am 21.11.1803 fand Jo­han­nes Bück­ler un­ter der Guil­lo­ti­ne in Mainz den Tod. Es ist nicht be­kannt, wann ge­nau er ge­bo­ren wur­de, doch ist da­von aus­zu­ge­hen, dass er bei sei­nem Tod zwi­schen 20 und 24 Jah­ren alt war. Der Zeit­raum sei­ner Ge­burt wird dem­nach auf die Jah­re 1777-1780 ein­ge­grenzt. Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass Bü­cker in Mieh­len bei Na­stät­ten ge­bo­ren wur­de, dem Hei­mat­ort sei­ner Mut­ter.

Jo­han­nes Bück­ler zeigt ei­ne für sei­ne Zeit ty­pi­sche „Kar­rie­re“ als Räu­ber. Die meis­ten Men­schen, die im 18. und frü­hen 19. Jahr­hun­dert in so­ge­nann­ten „Räu­ber­ban­den“ ak­tiv wa­ren, stamm­ten aus sehr ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen. Hin­ter­grund war der ra­sche Be­völ­ke­rungs­an­stieg im 18. Jahr­hun­dert. Vie­le die­ser Men­schen wa­ren nicht sess­haft, son­dern ver­dien­ten ih­ren Le­bens­un­ter­halt, in­dem sie über Land zo­gen. So auch der Va­ter des Jo­han­nes Bück­ler, der sich als Feld­ar­bei­ter und Ta­ge­löh­ner ver­ding­te. Sei­ne Mut­ter, An­na Ma­ria Schmitt, war bei ih­rer Hoch­zeit be­reits schwan­ger. Sei­ne ers­ten Le­bens­ah­re ver­brach­te Jo­han­nes Bück­ler in Mieh­len, doch nach ei­nem Dieb­stahl sei­ner Mut­ter ver­ließ die Fa­mi­lie den Ort über­stürzt. Ei­ni­ge Zeit schloss sich Bück­lers Va­ter als ein­fa­cher Sol­dat dem Mi­li­tär an, dann de­ser­tier­te er und zog mit sei­ner Fa­mi­lie in den Huns­rück. Da der Va­ter nir­gends lan­ge Ar­beit hat­te, zo­gen sie von Ort zu Ort.

Et­wa ein Jahr nach sei­ner Kon­fir­ma­ti­on ver­ließ der da­mals 15-jäh­ri­ge Jo­han­nes sein El­tern­haus, nach­dem er ei­nen Wirt be­stoh­len hat­te. Zu­nächst schlug er sich mehr schlecht als recht mit Vieh­dieb­stäh­len durch, ging dann aber bei ver­schie­de­nen Schin­dern (Ab­de­ckern) in die Leh­re. In die­ser Zeit ent­stand ver­mut­lich der von ihm we­nig ge­lieb­te Ruf­na­me „Schin­der­han­nes“.

Ei­nem sei­ner Meis­ter, dem Ab­de­cker Na­gel in Bä­ren­bach (heu­te Ver­bands­ge­mein­de Kirch­berg/Huns­rück), stahl er sechs Kalbs­fel­le und ei­ne Kuh­haut. Da­für er­hielt er ei­ne öf­fent­li­che Prü­gel­stra­fe, die ihn, wie er spä­ter be­haup­te­te, sehr ge­prägt hat. Vom wei­te­ren Steh­len hielt sie ihn al­ler­dings nicht ab. Ge­mein­sam mit di­ver­sen Ver­bün­de­ten, zum Bei­spiel Ja­kob Fink, der auf Grund sei­ner ro­ten Haa­re als der „ro­te Fin­k“ be­kannt wur­de, un­ter­nahm er ver­mehrt in den Jah­ren 1796/1797 Vieh­dieb­stäh­le. Schlie­ß­lich wur­de Bück­ler in Kirn in­haf­tiert, konn­te aber schon nach ei­nem Tag aus dem Ge­fäng­nis flie­hen.

Das ers­te Ge­walt­ver­bre­chen des Schin­der­han­nes, bei dem ein Mensch sein Le­ben ver­lor, fällt auf das Jah­res­en­de 1797. Ge­mein­sam mit dem ro­ten Fink und ei­ni­gen an­de­ren Kom­pli­zen ver­prü­gel­te er den Land­strei­cher und Pfer­de­dieb Ni­k­las Rau­schen­ber­ger, ge­nannt Pla­cken­k­los, nach­dem die­ser zwei Freun­din­nen Bück­lers be­drängt und be­stoh­len hat­te. Rau­schen­ber­ger er­litt so star­ke Ver­let­zun­gen, dass er die­sen er­lag.

Zu Be­ginn des Jah­res 1798 ist der ers­te be­waff­ne­te Raub­über­fall des Schin­der­han­nes und sei­ner Ban­de be­legt. Auch er for­der­te ein To­des­op­fer. Wei­te­re Über­fäl­le folg­ten, dar­un­ter auf zwei Jü­din­nen. An­sons­ten fan­den in die­ser Zeit wei­ter­hin Vieh­dieb­stäh­le statt. Die Ak­ti­vi­tä­ten der Schin­der­han­nes­ban­de wur­de durch die er­neu­te Fest­nah­me Bück­lers kaum un­ter­bro­chen, da er wie schon zu­vor nach kur­zer Zeit aus dem Ge­fäng­nis in Saar­brü­cken flie­hen konn­te. Im sel­ben Jahr war Jo­han­nes Bück­ler wie­der­um in ei­nen To­des­fall ver­wi­ckelt. Es han­del­te sich um den Ju­den Si­mon Se­lig­mann aus Sei­bers­bach (heu­te Ver­bands­ge­mein­de Strom­berg), der im So­on­wald er­schla­gen wur­de. Schin­der­han­nes gab spä­ter an, nicht an der Tö­tung des Ju­den be­tei­ligt ge­we­sen zu sein. Er schob sei­nem Kom­pli­zen Pe­ter Pe­try, auch als der schwar­ze Pe­ter be­kannt, die Schuld zu, ge­stand aber, dem To­ten Wert­ge­gen­stän­de ent­wen­det zu ha­ben.

Die Ge­gend, in der Schin­der­han­nes und sei­ne Kom­pli­zen tä­tig wa­ren, war wie das ge­sam­te links­rhei­ni­sche Deutsch­land seit 1794 von fran­zö­si­schen Trup­pen be­setzt. Die Fran­zo­sen setz­ten al­les dar­an, ihn und sei­ne Ban­de zu fas­sen. 1799 konn­te die Na­tio­nal­gen­dar­me­rie erst­mals ei­nen wirk­li­chen Er­folg ver­bu­chen. Bei ei­nem Streif­zug wur­de Jo­han­nes Bück­ler in Schnep­pen­bach (heu­te Ver­bands­ge­mein­de Kirn-Land) fest­ge­nom­men und nach ei­ni­gen Ver­hö­ren in den Ge­fäng­nis­turm von Sim­mern ge­bracht. Die­ses Mal ge­lang dem Schin­der­han­nes die Flucht erst nach knapp ei­nem hal­ben Jahr, im Au­gust 1799. Die­se wie­der­hol­ten Ge­fäng­nis­aus­brü­che brach­ten ihm noch zu Leb­zei­ten den Ruf ein, er kön­ne Wun­der voll­brin­gen und sich un­sicht­bar ma­chen. Nach dem Aus­bruch aus dem Turm von Sim­mern be­gann die ei­gent­li­che Hoch­pha­se der Ak­ti­vi­tä­ten des Schin­der­han­nes. Er schar­te wie­der Ge­sel­len um sich. Stra­ßen­raub, Ein­brü­che und Er­pres­sung wa­ren die Fol­ge. Nach ei­ni­ger Zeit war er ne­ben sei­nem Ruf­na­men Schin­der­han­nes auch un­ter dem Na­men „der Kö­nig vom So­on­wal­d“ be­kannt.

Die Ban­de des Schin­der­han­nes ent­sprach al­ler­dings nicht den heu­ti­gen Vor­stel­lun­gen ei­ner „Ban­de“, da es sich da­bei nicht um ei­ne fes­te Grup­pe han­del­te, son­dern um re­la­tiv spon­ta­ne Zu­sam­men­rot­tun­gen, die nach der ver­üb­ten Tat schnell wie­der zer­fie­len. Ei­ne hier­ar­chi­sche Ord­nung be­stand nur wäh­rend der Zeit der Tat, und sie dien­te nur der er­folg­rei­chen Durch­füh­rung. Die Ban­den­mit­glie­der wur­den über­wie­gend aus der va­gie­ren­den Be­völ­ke­rungs­schicht re­kru­tiert und man ver­stän­dig­te sich über ge­hei­me Zei­chen (so­ge­nann­te Zin­ken) und ei­ne ei­ge­ne Ge­heim­spra­che, das so­ge­nann­te „Rot­welsch“. Die­se Form von Räu­ber­ban­den war ty­pisch für das 18. und frü­he 19. Jahr­hun­dert.

Von Ja­nu­ar bis März 1800 hielt sich Jo­han­nes Bück­ler auf der rech­ten Rhein­sei­te auf, kehr­te dann aber wie­der ins Links­rhei­ni­sche zu­rück. Bei Ge­fahr wech­sel­te er al­ler­dings gern zwi­schen den Rhein­sei­ten hin und her, da dies es den fran­zö­si­schen Be­hör­den er­schwer­te, ihn zu fas­sen. Im Lau­fe der Zeit leg­te er sich so­gar ein Pseud­onym für sei­ne Auf­ent­hal­te auf der an­de­ren Rhein­sei­te zu, um dort als fah­ren­der Krä­mer sei­ne Wa­re an­zu­bie­ten, oder Märk­te zu be­su­chen: Ja­kob Ofen­loch von Al­ten­bam­berg. Os­tern 1800 lern­te er auf ei­ner Tanz­ver­an­stal­tung sei­ne zu­künf­ti­ge Le­bens­ge­fähr­tin Ju­lia­na (Jul­chen) Blä­si­us (1781-1851) ken­nen. Die Be­zie­hung zu ihr soll­te ihm spä­ter beim Volk noch ei­nen Sym­pa­thie­bo­nus ver­schaf­fen, da er sich wäh­rend des Pro­zes­ses als lie­be­vol­ler, für­sorg­li­cher Fa­mi­li­en­va­ter prä­sen­tier­te.

1801 ar­bei­te­te er mit ei­ner Grup­pe der so­ge­nann­ten „Nie­der­län­di­schen“ Räu­ber­ban­de zu­sam­men, de­ren Kern über­wie­gend aus Ju­den be­stand. Un­ter dem Ober­be­fehl des nie­der­län­di­schen Räu­bers Abra­ham Pi­cards be­tei­lig­te Jo­hann Bück­ler sich an ei­nem Über­fall auf das Post­haus in Wür­ges (heu­te Stadt Bad Cam­berg im Tau­nus), ent­wen­de­te Pi­card al­ler­dings auch ei­nen Teil von des­sen Beu­te und mach­te sich mit ihr rhein­ab­wärts aus dem Staub. Nach dem Coup in Wür­ges ver­stän­dig­ten sich die Lan­des­o­b­rig­kei­ten auf mehr Zu­sam­men­ar­beit bei der Ver­bre­chens­be­kämp­fung; die Bür­ger wur­den un­ter An­dro­hung von Stra­fe ver­pflich­tet, im Fal­le von Raub­über­fäl­len Alarm zu schla­gen und Hil­fe zu leis­ten. Das er­schwer­te die Ar­beit der Schin­der­han­nes­ban­de er­heb­lich. Im­mer öf­ter muss­ten die Räu­ber flie­hen, oder sie wur­de so­gar nach ei­nem Über­fall von den Dorf­be­woh­nern ver­folgt.

Im Mai 1802 wur­de Schin­der­han­nes durch ei­nen Zu­fall auf der rech­ten Rhein­sei­te ge­fasst, weil er sich nicht aus­wei­sen konn­te. Zu­nächst wur­de er nach Frank­furt ge­bracht und am 15. Ju­ni dem fran­zö­si­schen Na­tio­nal­kom­man­do in Mainz über­ge­ben. Der Pro­zess ge­gen die Ban­de des Schin­der­han­nes be­gann am 24.10.1803 und en­de­te am 20. No­vem­ber des glei­chen Jah­res mit ei­nem To­des­ur­teil für Jo­hann Bück­ler und 19 Mit­an­ge­klag­te, wel­ches am 21. No­vem­ber voll­streckt wur­de. Jul­chen Blä­si­us wur­de zu zwei Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt, im Ge­fäng­nis ge­bar sie ei­nen ge­mein­sa­men Sohn. Zu­vor hat­te sie schon ein­mal ein Kind von Bück­ler be­kom­men, doch war es kurz nach der Ge­burt ge­stor­ben.

Die Er­zäh­lun­gen, die be­reits zu sei­nen Leb­zei­ten ber den Schin­der­han­nes und sei­ne Ban­de kur­sier­ten, zei­gen kei­nen gro­ben, ge­walt­tä­ti­gen Räu­ber, son­dern sti­li­sie­ren ihn zu ei­ner Art Ro­bin Hood, des­sen Ta­ten, wenn auch ge­set­zes­wid­rig, von ed­len Mo­ti­ven ge­lei­tet wur­den. Drei Haupt­mo­ti­ve sind da­bei ent­schei­dend: Ers­tens An­ti­se­mi­tis­mus, zwei­tens po­li­ti­sche Re­bel­li­on und drit­tens so­zia­les En­ga­ge­ment. Kei­nes die­ser Mo­ti­ve wird tat­säch­lich für den Schin­der­han­nes ei­ne Rol­le ge­spielt ha­ben, doch kam es ihm na­tür­lich stets zu Gu­te zu wis­sen, dass er ei­ne ge­wis­se Sym­pa­thie im Volk ge­noss, und er mag sich wohl auch dem ent­spre­chend in­sze­niert ha­ben, be­son­ders wäh­rend des Pro­zes­ses. Die Ge­rüch­te mach­ten ihm zum Rä­cher an den bei vie­len ein­fa­chen Men­schen ver­hass­ten Ju­den, ob­wohl er kei­ne Be­rüh­rungs­ängs­te hat­te, mit jü­di­schen Gau­nern zu­sam­men zu ar­bei­ten, sie sti­li­sier­ten ihn zum Frei­heits­kämp­fer ge­gen die Fran­zo­sen, ob­wohl er kei­ne Ten­denz da­zu er­ken­nen lässt, und sie mach­ten ihn zum So­zi­al­re­bel­len, ob­wohl er und sei­ne Ban­de nur auf per­sön­li­che Be­rei­che­rung aus wa­ren. Die Ge­schich­ten ent­spra­chen den heu­te schwer nach­voll­zieh­ba­ren Wün­schen und Sehn­süch­ten der da­ma­li­gen Zeit und nicht der his­to­ri­schen Per­son des Jo­han­nes Bück­ler.

2. Ludwig van Beethoven

Lud­wig van Beet­ho­ven gilt nach Haydn und Mo­zart nicht nur als Voll­ender der Wie­ner Klas­sik, son­dern auch als Weg­be­rei­ter der Mu­sik der Ro­man­tik und des 19. Jahr­hun­derts und wur­de vor al­lem mit sei­nen neun Sym­pho­ni­en zum Vor­bild al­ler nach­ge­bo­re­nen Kom­po­nis­ten und In­be­griff des Klas­si­schen.

Lud­wig van Beet­ho­ven war das zwei­te von sie­ben Kin­dern des kur­k­öl­ni­schenHof­ten­oris­ten Jo­hann van Beet­ho­ven (um 1740-1792) und sei­ner Frau Ma­ria Mag­da­le­na, ge­bo­re­ne Ke­ve­rich (1746-1787). Ne­ben Lud­wig er­reich­ten nur sei­ne zwei jün­ge­ren Brü­der Kas­par Karl (1774-1815) und Ni­ko­laus Jo­hann (1776-1848) das Er­wach­se­nen­al­ter, die üb­ri­gen Ge­schwis­ter star­ben be­reits im Kin­des­al­ter. Lud­wig van Beet­ho­ven wur­de am 17.12.1770 in St. Re­mi­gius in Bonn ge­tauft, ver­mut­lich war er am sel­ben oder am vor­an­ge­gan­ge­nen Tag ge­bo­ren wor­den. Sein Ge­burts­haus, ei­nes der we­ni­gen er­hal­te­nen Bür­ger­häu­ser des 18. Jahr­hun­derts in der Stadt (Bonn­gas­se 20), be­her­bergt heu­te die grö­ß­te Beet­ho­ven-Samm­lung welt­weit.

Die Beet­ho­vens wa­ren ei­ne Fa­mi­lie von kur­fürst­li­chen Hof­mu­si­kern. Gro­ßva­ter Lud­wig van Beet­ho­ven der Äl­te­re (1712-1773) stamm­te aus Me­che­len in Bel­gi­en und kam 1733 als Bass-Sän­ger an den Bon­ner Hof. 1761 avan­cier­te er zum Hof­ka­pell­meis­ter, ei­ne Po­si­ti­on, die auch sein Sohn Jo­hann ger­ne ge­habt, aber nie er­reicht hat.


 

Sei­nen ers­ten Mu­sik­un­ter­richt er­hielt Lud­wig vom Va­ter, der ihn Kla­vier­spie­len lehr­te. Am 26.3.1778 trat Lud­wig erst­mals öf­fent­lich in Köln in ei­nem Kon­zert auf. Um 1779 be­gann er, auch Or­gel zu ler­nen. 1780 er­hielt er sei­nen wohl be­kann­tes­ten Kla­vier­leh­rer, den Lei­ter des kur­k­öl­ni­schen Hof­thea­ters, Chris­ti­an Gott­lob Nee­fe (1748-1798), der das Po­ten­zi­al des jun­gen Mu­si­kers er­kann­te und ihn för­der­te. Bei Nee­fe lern­te Beet­ho­ven die Wer­ke Jo­hann Se­bas­ti­an Bachs (1685-1750) ken­nen (na­ment­lich das Wohl­tem­pe­rier­te Kla­vier).

Die al­ler­ers­te ge­druck­te Kom­po­si­ti­on des Elf­jäh­ri­gen, die „Dress­ler­va­ria­tio­nen" WoO (Wer­ke oh­ne Opus­zahl) 63, er­schie­nen 1782 in dem re­nom­mier­ten Ver­lag Götz in Mann­heim durch die Ver­mitt­lung Nee­fes. Schon im Al­ter von elf Jah­ren hat­te Beet­ho­ven im Got­tes­dienst Or­gel ge­spielt. Ab 1783 spiel­te er auch im Ho­for­ches­ter Cem­ba­lo. Sein ers­tes fes­tes Ge­halt er­hielt er 1784 als stell­ver­tre­ten­der Hof­or­ga­nist.

Mit un­ge­fähr neun Jah­ren hat­te Lud­wig auch Gei­ge spie­len ge­lernt und war ab 1789 im Ho­for­ches­ter ne­ben sei­nem Dienst als Cem­ba­list und Or­ga­nist auch als Brat­scher an­ge­stellt. Im De­zem­ber 1786 brach Beet­ho­ven auf Ver­an­las­sung sei­nes Dienst­herrn, des Kur­fürs­ten und Erz­bi­schofs Ma­xi­mi­li­an Franz von Habs­burg, nach Wien auf, um dort bei Mo­zart (1756-1791) Un­ter­richt zu neh­men. Beet­ho­ven hielt sich je­doch nur we­ni­ge Wo­chen dort auf. Schon auf der Heim­rei­se er­reich­te ihn ei­ne Nach­richt des Va­ters mit der Bit­te um ra­sche Rück­kehr: die Mut­ter sei schwer er­krankt und lie­ge im Ster­ben. Ob Beet­ho­ven Mo­zart in Wien ge­trof­fen hat, ist nicht be­kannt.



Ludwig van Beethoven, 1802. Reproduktion eines Holzschnittes von Alfred Hanf nach der Miniatur von Christian Horneman (1765-1844). (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

Der Tod der Mut­ter am 17.7.1787 führ­te zum end­gül­ti­gen Ab­sturz des Va­ters. Schon frü­her hat­te Jo­hann van Beet­ho­ven ei­ne aus­ge­präg­te Nei­gung zum Al­ko­hol ge­habt, jetzt wur­de er zum Al­ko­ho­li­ker. Sei­nen Dienst konn­te er nicht mehr ver­se­hen und wur­de sus­pen­diert. Lud­wig muss­te von da ab für die ge­sam­te Fa­mi­lie sor­gen und sie er­näh­ren.

Ei­ne neue emo­tio­na­le Hei­mat fand er bei der Fa­mi­lie Bre­u­ning, wo er be­reits seit un­ge­fähr 1782 Kla­vier­leh­rer der Kin­der Eleo­no­re und Lo­renz war. De­ren Bru­der Ste­phan zog 1801 nach Wien und blieb zeit­le­bens ein en­ger Freund. Auch Eleo­no­re, die den Ju­gend­freund und frü­hen Beet­ho­ven-Bio­gra­phen Franz Ger­hard We­ge­ler (1765-1848) hei­ra­te­te, blieb Beet­ho­ven im­mer ver­bun­den. Der li­be­ra­le Geist im Hau­se Bre­u­ning präg­te ent­schei­dend Beet­ho­vens frei­heit­li­che Ge­sin­nung. Wei­te­re Ein­flüs­se er­hielt er durch die Bon­ner Le­se- und Er­ho­lungs­ge­sell­schaft, die kur­k­öl­ni­sche Lan­des­uni­ver­si­tät in Bonn, an der er sich 1789 im­ma­tri­ku­lier­te, so­wie durch den in­tel­lek­tu­el­len Freun­des­kreis im Lo­kal „Zehr­gar­ten".



Notenblatt. (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

Hier lern­te er die Ide­en und Grund­sät­ze der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on ken­nen und mach­te sie sich zu ei­gen. Den nur ein Jahr äl­te­ren, in den Re­vo­lu­ti­ons­krie­gen er­folg­rei­chen Na­po­le­on Bo­na­par­te (1769-1821) ver­ehr­te Beet­ho­ven in sei­ner Ju­gend glü­hend. Beet­ho­vens Be­geis­te­rung war aber durch­aus am­bi­va­lent und ebb­te auf dem Hö­he­punkt der Na­po­leo­ni­schen Krie­ge 1809/1810 stark ab, die Kai­ser­krö­nung Na­po­le­ons 1804 ver­ach­te­te er. Sei­ne grund­sätz­li­che Be­wun­de­rung der Na­po­leo­ni­schen Staats­phi­lo­so­phie und Ge­setz­ge­bung hielt der Re­pu­bli­ka­ner Beet­ho­ven in spä­te­ren Jah­ren auf­recht.

1792 er­hielt Beet­ho­ven auf Ver­mitt­lung des Gra­fen Wald­stein vom Kur­fürs­ten er­neut ein Aus­bil­dungs­sti­pen­di­um und reis­te im No­vem­ber aber­mals nach Wien, um bei Jo­seph Haydn (1732-1809) Un­ter­richt zu neh­men. 1794 er­ober­ten fran­zö­si­sche Trup­pen das Rhein­land und lös­ten die kur­k­öl­ni­sche Bon­ner Hof­hal­tung auf. Beet­ho­vens Dienst­stel­le exis­tier­te da­mit nicht mehr. Er blieb in Wien und kehr­te nie nach Bonn zu­rück.



Beethoven-Haus Bonn, Innenansicht. (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

Ver­mut­lich hat­te Graf Wald­stein ihm Emp­feh­lungs­schrei­ben mit­ge­ge­ben, so dass Beet­ho­ven leicht Zu­tritt zum Wie­ner Hoch­adel er­hielt und von der Aris­to­kra­tie ge­för­dert wur­de. Sein wich­tigs­ter Gön­ner in den ers­ten Wie­ner Jah­ren war Fürst Karl von Lich­now­sky (1756-1814), der ihm die Tü­ren zu den Adels­häu­sern öff­ne­te, Woh­nung stell­te und auch mit Geld un­ter­stütz­te. In kür­zes­ter Zeit er­ober­te der jun­ge Beet­ho­ven Wien als ge­frag­ter Pia­nis­ten und Im­pro­vi­sa­tor.

Auf Ver­an­las­sung Lich­now­skys und – zu­min­dest auf der ers­ten Etap­pe – in sei­ner Be­glei­tung un­ter­nahm Beet­ho­ven 1796 sei­ne ein­zi­ge Kon­zert­tour­née, die ihn nach Prag, Dres­den, Leip­zig und Ber­lin führ­te. Lich­now­sky, der schon Freund und Gön­ner Mo­zarts ge­we­sen war, hat­te sie­ben Jah­re zu­vor mit Mo­zart be­reits die­sel­be Rei­se un­ter­nom­men.

Mit un­ge­fähr 26 Jah­ren müs­sen Beet­ho­vens Ge­hör­pro­ble­me be­gon­nen ha­ben, von de­nen er 1801 erst­mals sei­nem Bon­ner Freund Franz Ger­hard We­ge­ler un­ter dem Sie­gel der Ver­schwie­gen­heit be­rich­te­te. Der Ver­lust der Hör­fä­hig­keit führ­te 1802 zu ei­ner schwe­ren Kri­se, die im so ge­nann­ten Hei­li­gen­städ­ter Tes­ta­ment gip­felt. Mit die­sem Brief an sei­ne bei­den Brü­der re­gel­te Beet­ho­ven nicht nur sei­nen Nach­lass, son­dern ver­such­te, sein ei­ge­nes Bild bei den Men­schen ge­ra­de zu rü­cken und sei­ne Mo­ti­va­tio­nen klar­zu­stel­len. Das Tes­ta­ment ist ein Schrift­stück tie­fer Ver­zweif­lung und Hoff­nungs­lo­sig­keit. Die Kri­se hat Beet­ho­ven schlie­ß­lich über­wun­den; um 1806 be­schloss er so­gar, sei­ne be­gin­nen­de Taub­heit nicht län­ger ge­heim zu hal­ten.



Ludwig van Beethoven, Gemälde von Willibrord Joseph Mähler (1778-1860), 1815. (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

In­zwi­schen war er ein an­ge­se­he­ner und er­folg­rei­cher Kom­po­nist. 1808 be­kam Beet­ho­ven ein ver­lo­cken­des An­ge­bot von Jé­rô­me Bo­na­par­te (1784-1860), Kö­nig von West­fa­len, an des­sen Hof in Kas­sel Ka­pell­meis­ter zu wer­den. Um ei­ne Ab­wan­de­rung des be­rühm­ten Künst­lers zu ver­hin­dern, ent­schlos­sen sich drei Mit­glie­der der Hoch­a­ris­to­kra­tie, Erz­her­zog Ru­dolph, Fürst Lob­ko­witz und Fürst Kin­s­ky, Beet­ho­ven ei­ne Leib­ren­te von 4.000 Gul­den aus­zu­set­zen, de­ren ein­zi­ge Be­din­gung sein Ver­bleib in Wien war. Die ei­gent­lich statt­li­che Sum­me schmolz aber in­fol­ge der Na­po­leo­ni­schen Krie­ge und der da­mit ver­bun­de­nen Teue­rung schnell da­hin. Zu­dem wur­de Fürst Lob­ko­witz zah­lungs­un­fä­hig. Die Fa­mi­lie Kin­s­ky woll­te nach dem Tod des Fürs­ten 1812 ih­re Zah­lun­gen ganz ein­stel­len. Ein­zig Erz­her­zog Ru­dolph, Beet­ho­vens ein­zi­ger Kom­po­si­ti­ons­schü­ler und sein treu­es­ter Mä­zen, zahl­te zu­ver­läs­sig bis an Beet­ho­vens Le­bens­en­de.

In der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung er­reich­te Beet­ho­ven 1814/1815 mit dem Wie­ner Kon­gress den Hö­he­punkt sei­nes Ruh­mes. Meh­re­re glanz­vol­le Kon­zert­er­eig­nis­se un­ter An­we­sen­heit der ver­sam­mel­ten eu­ro­päi­schen Fürs­ten be­scher­ten ihm ei­ne zu­vor nicht er­leb­te Po­pu­la­ri­tät. Auch das er­star­ken­de Bür­ger­tum, das sein Be­dürf­nis nach öf­fent­li­chem Mu­sik­le­ben in neu ge­grün­de­ten Mu­sik­ver­ei­nen zum Aus­druck brach­te, trug zu Beet­ho­vens wach­sen­dem An­se­hen bei.

Pri­vat war Beet­ho­ven nicht ganz so er­folg­reich. Er war zwar häu­fig ver­liebt, je­doch nie­mals ver­hei­ra­tet, ob­wohl er ei­ni­ge An­läu­fe da­zu un­ter­nom­men hat­te. Als sein Bru­der Kas­par Karl 1815 starb und ei­nen min­der­jäh­ri­gen Sohn hin­ter­ließ, rück­te die Er­fül­lung des Trau­mes ei­ner ei­ge­nen Fa­mi­lie in greif­ba­re Nä­he. Beet­ho­ven wur­de Vor­mund für sei­nen Nef­fen Karl und rich­te­te ei­ne fast er­drü­cken­de Für­sor­ge auf das Kind. Die Mut­ter des Kin­des, sei­ne Schwä­ge­rin, hielt er mo­ra­lisch und cha­rak­ter­lich für un­wür­dig und ver­such­te, sie ganz von der Er­zie­hung aus­zu­schlie­ßen und je­den Kon­takt zwi­schen Mut­ter und Kind zu un­ter­bin­den. Da­ge­gen wehr­te sich die Mut­ter, es folg­te ei­ne län­ge­re Rei­he von amt­li­chen und ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die schlie­ß­lich 1820 zu­guns­ten Beet­ho­vens ent­schie­den wur­den.



Ludwig van Beethoven, um 1817. Lithographie von Carl Fischer, 1822, nach einer Zeichnung von August von Kloeber (1793-1864). (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

Das letz­te Le­bens­jahr­zehnt Beet­ho­vens war ei­ner­seits ge­prägt von sei­nen mo­nu­men­ta­len Groß­wer­ken Mis­sa so­lem­nis (zur In­thro­ni­sa­ti­on des Erz­her­zogs Ru­dolphs als Bi­schof von Ol­mütz) und der 9. Sym­pho­nie, den letz­ten Kla­vier­so­na­ten und den spä­ten Streich­quar­tet­ten, an­de­rer­seits aber von schwe­ren ge­sund­heit­li­chen Be­schwer­den und na­he­zu völ­li­ger Taub­heit. Zum Ge­spräch mit Be­su­chern und Freun­den be­dien­te er sich ab 1818 klei­ner Hef­te (Kon­ver­sa­ti­ons­hef­te), in die sei­ne Ge­sprächs­part­ner ih­re Bei­trä­ge no­tier­ten. Beet­ho­ven ant­wor­te­te münd­lich. Ab­ge­se­hen von sei­nem schwa­chen Ge­hör wur­de Beet­ho­ven von star­ken Ko­li­ken und Un­ter­leibs­be­schwer­den ge­plagt, die ihn häu­fig ar­beits­un­fä­hig mach­ten. Ur­sa­che da­für wa­ren ei­ne schwe­re Blei­ver­gif­tung und ei­ne Le­ber­zir­rho­se. Die Zir­rho­se so­wie die durch sie ver­ur­sach­te Bauch­was­ser­sucht wa­ren auch die Ur­sa­che sei­nes To­des am 26.3.1827 in Wien.

Beet­ho­vens Lei­chen­be­gäng­nis auf dem Wäh­rin­ger Fried­hof in Wien glich ei­nem Staats­be­gräb­nis. 20.000 Men­schen sol­len dem Sarg ge­folgt sein, dar­un­ter nicht nur die an­ge­se­hens­ten Mu­si­ker der Stadt (Franz Schu­bert war ei­ner der Fa­ckel­trä­ger), son­dern auch Mit­glie­der des Hoch­adels. Der Schau­spie­ler Hein­rich An­schütz hielt am Fried­hofs­ein­gang ei­ne von Franz Grill­par­zer ver­fass­te Re­de, in der er Beet­ho­ven als Künst­ler und Mensch her­vor­hob. „Wenn die Pfor­te des Le­bens hin­ter uns sich schlie­ßt, sprin­gen auf die Pfor­ten zum Tem­pel der Un­sterb­lich­keit. Dort steht er nun bey den Gro­ßen al­ler Zei­ten; un­an­tast­bar für im­mer." Sei­ne letz­te Ru­he­stät­te fand Beet­ho­ven 1888 auf dem be­rühm­ten Wie­ner Zen­tral­fried­hof.

3. Friedrich Schiller

image.png

Nach mehrfachen Wohnortwechseln wegen der verschiedenen Einsatzorte des Vaters besuchte S. seit 1764 die Elementarschule in Lorch, seit 1766 die Lateinschule in Ludwigsburg. Von den Eltern zunächst für den geistlichen Stand bestimmt, besuchte er auf Forderung des württ. Hzg. Carl Eugen seit Anfang 1773 die „Militär-Pflanzschule“ (später „Hzgl. Militär-Akademie“) auf der Solitude (nahe Stuttgart), wo er Kenntnisse in Fremdsprachen (Latein, Griechisch, Französisch), Philosophie, Mathematik und Geschichte erwarb. 1774 begann er ein Studium zunächst der Rechtswissenschaften, seit 1775 der Medizin, das er im Dez. 1780 mit einer dritten Dissertation (Versuch über d. Zusammenhang d. thierischen Natur d. Menschen mit seiner geistigen) abschloß, nachdem zwei vorangegangene Versuche von den Gutachtern abgelehnt worden waren.

Anschließend trat S. als Regimentsmedikus in Stuttgart in hzgl. Dienste und widmete sich seiner schon auf der Militär-Akademie bevorzugten Nebenbeschäftigung, der Dichtung. Sein Erstlingsdrama. „Die Räuber“, schloß er im Frühjahr 1781 ab und begann „Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“; Gedichte für die „Anthologie auf das Jahr 1782“ entstanden rasch in großer Zahl. Nach der ohne Erlaubnis seiner Vorgesetzten unternommenen Reise zur Uraufführung der „Räuber“ im kurpfälz. Mannheim am 13.1.1782 und einer Wiederholung dieser Reise Ende Mai 1782 verhängte der Herzog eine 14tägige Arrest-Strafe und ordnete an, daß S. mit der Poesie Schluß zu machen habe. S. floh daraufhin am 22.9.1782 von Stuttgart nach Mannheim.

Um der vermuteten Verfolgung durch württ. Häscher zu entgehen, zog er sich im Okt. 1782 nach Oggersheim (Pfalz) zurück und ging im Dezember ins thür.Bauerbach, wo er – beschäftigt mit der Fertigstellung des „Fiesko“ (1783), der Arbeit an „Kabale und Liebe“ (1784) sowie Vorstudien für „Don Karlos“ – auf dem Gut →Henriette v. Wolzogens (1745–88) bis Juli 1783 lebte. Nach Mannheim zurückgekehrt, schloß er mit dem dortigen →Theaterintendanten Heribert v. Dalberg (1750–1806) einen einjährigen Vertrag als Theaterdichter, in dem er sich verpflichtete, neben einer umgearbeiteten „Fiesko“-Fassung und „Kabale und Liebe“ ein weiteres Stück zu liefern. Da er den Vertrag nicht erfüllen konnte, versuchte er der sich abzeichnenden finanziellen Misere u. a.durch Gründung der Zeitschrift „Rhein. Thalia“ (1. H., 1785; 1786-91 „Thalia“, bis 1793 „Neue Thalia“) zu entgehen.

Im April 1785 folgte S. einer Einladung →Christian Gottfried Körners (1756–1831) nach Leipzig. Bis Juli 1787 lebte er, tatkräftig unterstützt v. a. von Körner, vornehmlich in und bei Dresden bzw. Leipzig. Hier stellte er „Don Karlos“ (1787), die Erzählung „Verbrecher aus Infamie“, den Anfang des Romans „Der Geisterseher“ sowie einige Gedichte (u. a. An d. Freude) fertig. Außerdem sammelte er Material für die „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Span. Regierung“ (1788).

Von Juli 1787 bis Mai 1789 lebte S. in Weimar, um dem „Musenhof” der Herzoginmutter →Anna Amalia – also auch Goethe, Herder und Wieland – nahe zu sein. Hier galt seine Hauptbeschäftigung historischen Arbeiten, die ihm auf Goethes Vermittlung einen Ruf an die (seit 1934 nach S. benannte) Univ. Jena zum Sommersemester 1789 einbrachten. Seine Lehrtätigkeit machte ihm wenig Freude und währte nicht lange. Im Jan. 1791 erkrankte S. an einer schweren Lungenentzündung, die nie auskuriert wurde. Nach Vollendung der „Geschichte des Dreyßigjährigen Kriegs“ (1790-92), dominierten 1792-95 philosophische Studien und Abhandlungen. Erst 1795, nachdem er sich zur Herausgabe eines „Musen-Almanachs“ (5 Jgg., 1796–1800) und der literarischen Zeitschrift „Die Horen“ (3 Jgg., 1795–97) entschlossen hatte, kehrte er – zunächst mit Gedichten, dann mit dem „Wallenstein“ – zur Poesie zurück.

Zu den bemerkenswerten Ereignissen in den letzten zwölf Lebensjahren zählen S.s Reisen nach Schwaben (1793/94) und Berlin (1804), die Freundschaft mit Wilhelm v. Humboldt seit 1794 und v. a. das „Bündnis“ mit Goethe seit 1794. S.s „Gedankenlyrik“ (z. B. Das Ideal u. d. Leben, Der Spaziergang, Der Tanz, Das Glück) ist ohne Goethes Anregungen ebenso wenig denkbar wie S.s Balladendichtung (z. B. Der Ring d. Polykrates, Der Handschuh, Die Kraniche d. Ibycus); auch am Entstehen des „Wallenstein“ (1800) hatte der ältere Freund Anteil.

Um Goethe nahe zu sein und aus Interesse an praktischer Theaterarbeit zog S. im Dez. 1799 nach Weimar, wo in rascher Folge „Maria Stuart“ (1801), „Die Jungfrau von Orleans“ (1801), „Die Braut von Messina“ (1803) und „Wilhelm Teil“ (1804) erschienen. Sein Tod verhinderte den Abschluß des „Demetrius“.

S. wurde schon zu Lebzeiten mit dem Ehrentitel eines „teutschen Shakespeare“ ausgezeichnet. Bis heute gehören seine Bühnenwerke zum Repertoire zahlreicher (nicht nur dt.) Theater. Die Gründe dafür sind vielfältig: Fast alle seine Dramen halten Zuschauer bis zum meist pointierten Schluß in Spannung; alle beschäftigen sich mit anthropologischen Grundfragen; und in den späten – ‚klassischen' – Stücken wird das ‚Wesen' der Geschichte thematisiert, mit dem Ziel, daß sich die Kunst über sie erhebe. Zudem scheint S.s Sprache, zunächst auftrumpfend heftig, später poetisch stilisiert, Stoff und Handlung fast stets angemessen; sie verdeckt, daß Handlungszusammenhänge gelegentlich nur flüchtig oder gar nicht motiviert sind.

In den „Räubern“, einem späten Sturm-und-Drang-Drama, opponiert S. heftig gegen eine Väter-Welt, der sich die Söhne auf verschiedene Weise zu erwehren suchen. „Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“, S.s lange Zeit am wenigsten geschätztes Drama, ist ein grandioses Spektakelstück voller Zufälle und Unwahrscheinlichkeiten, in dem das Historische (Genua 1547) nur Kulisse ist. Es geht um Liebe und Gewalt, Intrigen und Verstellungen, um das Scheitern angemaßter Größe, um Tod und Verderben Schuldiger und Unschuldiger – ein „republikanisches Trauerspiel“ (so der Untertitel). „Kabale und Liebe“ (ursprüngl. Titel: „Louise Millerin“) ist S.s einziger Versuch, politische Verhältnisse und Standesunterschiede seiner Zeit dramatisch zu behandeln. „Don Karlos“ (vor 1801: „Dom Karlos“) führte deutlich über die Sturm-und-Drang-Dramen hinaus: Die Heftigkeit der Sprache wird durch kunstvoll stilisierte Blankverse gemildert, die Charaktere sind ‚poliert', die Themen werden im Geist der Aufklärung diskutiert.

Das Drama „Wallenstein“, das 1796-99 zu einer Trilogie anwuchs, ist S.s bedeutendstes poetisches Werk. Es handelt vom notwendigen Untergang eines großen Einzelnen, der sich in Irrtümer verstrickt, weil er Zufälle als Schicksal mißversteht. In „Maria Stuart“, dem am strengsten ‚komponierten' Drama, von ihm auch als „Trauerspiel“ bezeichnet, geht es um eine andere Art der Tragik: die der Geschichte, die über den Menschen verfügt, ohne ‚gerecht' zu sein. Mit „Die Jungfrau von Orleans“ ging S. noch einen Schritt weiter: Da Johanna als Werkzeug in der Hand Gottes nicht schuldfähig sein kann, muß sie, um menschlich und damit (moralisch) beurteilbar zu sein, von Gott verlassen und so in den Stand der Freiheit gesetzt werden. Indem sie das Liebesverbot übertritt, fällt sie in Schuld, von der sie durch die erneute Hingabe an Gott (bis in den Tod) absolviert wird. Tragisch ist ihre Menschlichkeit, deren Bedingung ihre freie Entscheidung ist. „Die Braut von Messina“ handelt von zwei Brüdern, die dasselbe Mädchen lieben, ohne in ihr ihre Schwester zu erkennen. Die Handlung wird durch ein – in keinem anderen Drama S.s erreichtes – poetisches Sprechen auf höchstem Niveau aufgehoben, der Kunstwille auf die Spitze getrieben: In den Verheerungen der Welt bietet allein das Schöne einen Ort der Zuflucht. „Wilhelm Teil“ verknappt den Freiheitskampf der Schweizer auf die befreiende Tat eines Einzelnen, die die Restitution guter alter Verhältnisse ermöglicht. Das Stück ist reich an theatralischen Szenen, durch die manch Problematisches (Apfelschuß!) überspielt wird und die leicht übersehen lassen, daß S. hier nicht einem teleologisch begründeten Fortschritt der Geschichte das Wort redet, sondern eine Rückkehr in die Vergangenheit als Möglichkeit eines besseren Weltzustands diskutiert.

Als Lyriker stand S. bei Zeitgenossen und in der Nachwelt in hohem Ansehen. Von seinen 1782 erschienenen Jugend-Gedichten, deren Abhängigkeit von anerkannten Vorbildern, v. a. von Klopstock, leicht zu erkennen ist, distanzierte er sich später (ebenso wie von der 1785 entstandenen Ode „An die Freude“ und anderen Gelegenheitsgedichten). Während er den moralischen Lehrsätzen seiner Balladen weiterhin Gültigkeit zumaß, sah er die großen philosophischen Gedichte „Die Götter Griechenlandes“ (1788), „Die Künstler“ (1789) „Das Reich der Schatten“ (1795; später: „Das Ideal u. d. Leben“) und „Elegie“ (1795; später: „Der Spaziergang“) entsprechend den veränderten philosophischen (ästhetischen) Anschauungen als verbesserungsbedürftig an. Vorzügliches leistete der Lyriker S. mit kürzeren Gedanken-Gedichten in Distichen, dem Versmaß der klassischen Elegie, in denen es um die Funktion der Kunst in den Wirrnissen der Geschichte|geht (Der Tanz, 1795; Das Glück, 1797; Nänie, 1799). S.s Meisterschaft in der formalen Handhabung der Distichen zeigt sich auch in seinen zahlreichen Epigrammen, in seinen „Tabulae votivae“ (1796) und „Xenien“ (1796), mit denen er das Mittelmaß der Lyrik seiner Zeit weit überragt.

Zum epischen Fach fühlte sich S. nicht sonderlich hingezogen. Mit der Erzählung „Verbrecher aus Infamie/eine wahre Geschichte“ (1786, später: „Der Verbrecher aus verlorener Ehre, Eine wahre Gesch.") gelang ihm dennoch eine tiefgreifende Studie auf dem Gebiet der Erfahrungsseelenkunde, in der deutlich wird, wie durch eine unmenschliche Strafrechtspraxis ein kleiner Rechtsbrecher zu einem großen Verbrecher förmlich „gemacht“ wird. Auch mit dem nicht zu Ende geführten Roman „Der Geisterseher“ (1787-89) erweist sich S. als origineller Erzähler großen Formats: Die Abenteuer-, Intrigen-, Kriminal-, Geheimbund- und Geister-Geschichte beschreibt, auf dem Boden der Aufklärung stehend, deren Nachtseiten in quasi romantischer Manier.

In den fünf Jahren, in denen sich S. vornehmlich mit der Geschichte auseinandersetzte, festigte sich in ihm die – später aufgegebene – Idee vom konstruierbaren Sinn historischer Prozesse, der nicht aus überlieferten Fakten erkennbar sei, aber durch den „philosophischen Kopf“ mittels Imagination als gesetzmäßig erwiesen werden könne. Diese Auffassung ist am deutlichsten in der akademischen Antrittsrede „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ (1789) formuliert. Der Historiker ist für S. auch (und in erster Linie) ein Lehrer der Moral und – als Geschichtserzähler – ein Bruder des Dichters.

An S.s intensive Beschäftigung mit Kant (seit 1791) schlossen sich zahlreiche philosophische Untersuchungen an, unter denen die großen Abhandlungen „Ueber Anmuth und Würde“ (1793), „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1794/95) und „Ueber naive und sentimentalische Dichtung“ (1795) als Dokumente klassischer Ästhetik herausragende Bedeutung erlangt haben. In „Ueber Anmuth und Würde“ versucht S., die Kunst als das Verbindende der durch freien Willen errungenen Würde des Menschen (die sich in der Unterwerfung sinnlicher Begierde unter das Sittengesetz bekundet) und der durch Übereinstimmung zwischen Vernunft und Sinnlichkeit behaupteten Anmut (die als wirklich gewordene Idee verstanden wird) nachzuweisen. In „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen“ geht es um die Kunst als sichtbaren Ausdruck der „Freiheit in der Erscheinung“, die sich in der Beherrschung des Stoffs durch die Form manifestiert, freilich das Vermögen des ästhetischen Spiels, das nur dem Menschen auf dem Gipfel der Kultur gegeben ist, voraussetzt. In „Ueber naive und sentimentalische Dichtung“ beschreibt S. die wesentlichen Typen von Dichtern und die Grundmuster von Dichtungen: einerseits den naiven Dichter längst vergangener (arkadischer) Zeit, der Anschauen, Denken und Handeln natürlich, also unreflektiert verbindet, andererseits den sentimentalischen Dichter der Moderne, der die verlorene Natur sucht und durch Nachdenken bemüht ist, die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit zu schließen. Letzterer könne sein Ziel erst in Elysium, dem Ort der Geschichtslosigkeit, erreichen, wo er zur höchsten Poesie, der Idylle, befähigt sei; bis dahin bleibe seine Poesie entweder satirisch oder elegisch.

S. war schon zu Lebzeiten populär; 1791 galt er einem Mitarbeiter der „Oberdt. allgemeinen Litteraturzeitung“ als „Liebling der dt. Musen“, und in einem Brief vom 10.2.1802 nannte ihn sein Freund Körner einen „Lieblingsdichter der Nation“. Wenngleich es nicht an Kritikern fehlte – z. B. urteilte Karl Philipp Moritz vernichtend über „Kabale und Liebe“, Friedrich Leopold Gf. zu Stolberg griff „Die Götter Griechenlandes“ als Schmähung des Christentums an und die Romantiker belustigten sich über „Würde der Frauen“ und „Das Lied von der Glocke“ –, so überwog doch die Zustimmung deutlich. Bald nach seinem Tod begann S.s Heroisierung und Mythisierung. Dazu trugen nicht zuletzt Goethe mit seinem „Epilog zu Schillers Glocke“ (1805) und Johann Heinrich v.Dannecker mit seiner Kolossalbüste (1807/08, s. P) bei, die das Bild vom über alles Gemeine triumphierenden großen Menschen schufen. 1830 veröffentlichte W. v. Humboldt seinen Briefwechsel mit S. und schrieb dazu eine „Vorerinnerung“, die bis heute zu den bemerkenswertesten Würdigungen des Freundes gehört. Die Popularität S.s, der als Dichter der Freiheit, Sänger edler Frauen, Mann des Volkes und Liebling der Jugend galt, erreichte 1859 ihren Höhepunkt. Der 100. Geburtstag wurde dazu genutzt, den Dichter der Nation als Prophet der ersehnten nationalen Einheit zu feiern. Die Beliebtheit S.s blieb in unterschiedlicher Intensität über die Reichsgründung 1871 hinaus bis zum S.-Jahr 1959 erhalten. Erst als nach 1970 die Postamente der „Klassiker“ gestürmt wurden, verfiel S.s Ansehen, dessen Gebrauchswert (v. a. im Westen) zunehmend bestritten wurde. Ein erneuter Umschwung deutet sich derzeit an.

In der Literaturwissenschaft gewannen seit dem Ende des 19. Jh. jene S.-Bilder Konturen, die jeweiligen Moden und Methoden entsprachen. Positivistisch gründlich wurde das Leben des Dichters erforscht, geistesgeschichtlich wurde er als Repräsentant einer Epoche gedeutet, deren wesentliche Kennzeichen (die des Dt. Idealismus) auf ihn übertragen werden konnten. Dabei hatte die Ableitung des Besonderen (der individuellen Persönlichkeit) aus dem Allgemeinen (dem sog. Geist der Zeit) Vorrang vor der Untersuchung des historisch Einmaligen, wodurch, wie die S.-Rezeption der NS-Zeit belegt, die Tür für die Vereinnahmung des Dichters durch eine politisch motivierte Ideologie geöffnet wurde. Die S.-Forschung nach dem 2. Weltkrieg brachte zwar im Zuge der sog. werkimmanenten Interpretation etliche subtile Struktur- und Formanalysen S.scher Werke hervor. Sie maß diesen aber – etwa im Vergleich zu Goethes Œuvre – geringeren Stellenwert zu, weil nicht zu übersehen war, daß S., wie kaum ein anderer seiner Zeit, in das Geflecht geistiger (philosophischer) und politischer (sozialer) Zusammenhänge eingebunden war und eigentlich nur in enger Verbindung von geistesgeschichtlichen und literatursoziologischen (oder sozialhistorischen) Deutungspraktiken angemessen verstanden werden kann.|

4. Georg Wilhelm Friedrich Hegel

image.jpeg

Er galt als Spätzünder und schlechter Redner. Doch setzte Hegel mit seiner Dialektik und seiner „Wissenschaft der Logik“ neue Maßstäbe in der Philosophie. Ein Denker der preußischen Restauration war er nur in den Augen seiner Feinde. Hegel blieb bis zuletzt ein Sympathisant der Französischen Revolution.

„Ich glaube, Hegel ist ein Denker, über den die meisten Lügenmärchen und Klischees verbreitet wurden. Schon mein Vorgänger […] der erste Biograf Hegels, Karl Rosenkranz, schreibt: Hegel ist der Philosoph der Revolution und nicht der Philosoph der Restauration“, so Klaus Vieweg bei der Vorstellung seiner Hegel-Biografie auf der Frankfurter Buchmesse.

Der Philosoph selbst unterstreicht in seiner Vorlesung über die Philosophie der Geschichte:

„Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit,
ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, geboren am 27. August 1770 in Stuttgart, stammt aus einer schwäbischen Beamtenfamilie. Er gilt als Spätzünder. Während seines Studiums der Philosophie und Theologie am Tübinger Stift nennt man ihn „den Alten“. Einen Winter lang wohnt Hegel mit zwei anderen zukünftigen Geistesgrößen auf einem Zimmer: dem Dichter Hölderlin und dem Philosophen Schelling.

Klaus Vieweg: „Die jungen Studenten waren natürlich, die meisten, begeisterte Anhänger der Französischen Revolution, speziell auch Hegel. Hegel war der Mitanführer eines revolutionären Studentenkreises.“

Auf allen Gebieten Wissen angesammelt

Hegel macht sich für die Prinzipien der Freiheit und der Vernunft stark. Nach Ende seines Studiums nutzt er seine Jahre als Hauslehrer, um auf allen Gebieten Wissen anzusammeln: in Volkswirtschaft, Natur- und Sozialwissenschaften, ja sogar Astronomie. Frei nach dem Prinzip: „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.“

Hegel will die gesamte Wirklichkeit in einem philosophischen System deuten – inklusive ihrer historischen Entwicklung. Er denkt groß – auch bei seiner Begegnung 1806 mit dem Eroberer Napoleon, der mit seinen neuen, von der Französischen Revolution inspirierten Gesetzen vielen Regionen Deutschlands die Moderne bringt:

„Es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“

Die Idee des „Weltgeists“ wird ein Kernbegriff von Hegels spekulativer Philosophie. Seine „Phänomenologie des Geistes“, die Grundlegung seines Systems, erscheint 1807. Doch erst nach Jahren als Journalist, Gymnasiallehrer und Dozent wird der wichtigste Denker des deutschen Idealismus, 46-jährig, zum Professor berufen: erst nach Heidelberg, dann, ab 1818, nach Berlin.

Von der preußischen Polizei stets überwacht

Seine Vorlesungen sind bestens besucht, obwohl Hegel alles andere als ein guter Rhetoriker ist, wie Biograf Klaus Vieweg schreibt: „Er stückelte Sätze, kramte in Papieren, schnupfte Tabak, krächzte und hustete. Er sprach zu sich selbst, ein lautes Selbstgespräch, eine Art denkende Improvisation – er dachte seinen Zuhörern etwas vor.“

Hegel, der philosophische Systembauer und Begriffsdenker, wird von der preußischen Polizei stets überwacht, obwohl er die Idee des Staates als etwas durch und durch Positives sieht.

„Es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist, sein Grund ist die Gewalt der sich als Wille verwirklichenden Vernunft.“

Hegels treibende Kraft ist das von Fichte inspirierte Denken in Widersprüchen, die Methode der Dialektik. Aus Thesis und Antithesis entsteht jeweils eine höhere Form der Synthesis. Auf die Spitze getrieben will er so zum „absoluten Geist“ vordringen. Die Aktualität Hegels, der die Willkür des freien Marktes vehement ablehnt, wird heute aber oft unterschätzt:

„Ich behaupte, dass Hegel der Begründer des Gedankens einer sozial regulierten Marktordnung ist, und dass die Marktstruktur die Tendenz in sich hat, so Hegel, sich selbst zu zerstören. Deswegen braucht sie Regulation und einen sozialen Staat. Hegel war ein weltbürgerlicher Denker, ein dezidierter Kritiker allen Nationalismus und allen Rassismus.“

Ob der Philosoph und Weinliebhaber, der Karl Marx zu seiner Kritik der politischen Ökonomie anregt, im Alter von 61 Jahren an der Cholera stirbt oder an einem Magenleiden, bleibt offen. In jedem Fall: Seine Sympathie für die Ideen der Französischen Revolution behält er.

Die Schlussworte von Hegels letzter Vorlesung lauten: „Freyheit ist das Innerste, und aus ihr ist es, daß der ganze Bau der geistigen Welt hervorsteigt.“

5. Alexander von Humboldt

image.jpeg

Der Wissenschaftler und Forschungsreisende Alexander von Humboldt (1769-1859) zählt bis heute zu den bekanntesten Deutschen weltweit. Viele Dinge sind nach ihm benannt: zum Beispiel eine Lilie, ein Mondkrater und eine Meeresströmung.

Jugend und Studium

Alexander von Humboldt wird 1769 in Berlin geboren und wächst auf Schloss Tegel auf. Er genießt eine Bildung, wie sie für einen Adelsspross typisch ist. Alexanders Leistungen sind eher mäßig; mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Wilhelm kann er nicht mithalten.

Dafür liebt er Gesellschaft und ist ein exzellenter Erzähler. Er knüpft selbstständig Kontakt zu Leuten, die ihn interessieren. Einer von ihnen ist der Botaniker Carl Ludwig Willdenow, der Humboldts lebenslanges Interesse für die Pflanzenkunde weckt. Besonders Willdenows Sammlung tropischer Pflanzen fasziniert ihn.

Gemälde: Humboldt sitzt im Park von Schloss Tegel

Die Zeit auf Schloss Tegel empfand Humboldt als langweilig

Staatsdienst im Bergbau und erste Schritte als Forscher

Als Student besucht er die Universität im sächsischen Freiberg bei Dresden. Der Alltag an der Bergakademie ist hart: morgens ab fünf Uhr in die Grube, nachmittags Vorlesungen, abends Ausarbeitungen. Trotzdem beendet Alexander das eigentlich dreijährige Studium in nur neun Monaten.

Auch unter Tage zeigt sich sein Forscherinstinkt: Er entdeckt und untersucht die sogenannten kryptogamischen Pflanzen, die ohne Licht in der Grube wachsen. Damit wird er zum Begründer der Höhlenbotanik.

Nach seinem Dienstantritt als Bergmeister für Oberfranken gründet er auf eigene Faust eine Berufsschule für Bergleute, die erste ihrer Art. Zur Verbesserung der Arbeitssituation unter Tage entwickelt er eine Sicherheits-Grubenlampe und eine Atemmaske.

Ende 1796 stirbt Humboldts Mutter. Da sein Erbe ihn finanziell unabhängig macht, verlässt er Ende des Jahres den Staatsdienst, um sich ganz der Forschung zu widmen.

Alexander von Humboldt, porträtiert in einem Gemälde von Friedrich Georg Weitsch aus dem Jahre 1806.

Humboldt in jungen Jahren beim Botanisieren

Zwei große Expeditionen

Die Kombination Reisen und Forschen stellt für Humboldt eine ideale Verbindung dar. Er will in die Tropen reisen und möglichst viele Aspekte der belebten und unbelebten Natur erforschen. Um seinen eigenen wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen, bereitet er sich umfassend auf die geplante Expedition vor.

In Jena studiert Humboldt Anatomie, außerdem führt er, wo immer möglich, meteorologische und geografische Messungen durch. Dann geht er nach Paris, damals die Hauptstadt der Wissenschaften. Nach seiner Amerika-Expedition wird er 20 Jahre lang hier leben und nur wegen finanzieller Engpässe nach Berlin zurückkehren.

In Paris lernt er auch seinen späteren Reisebegleiter kennen: den Arzt und Botaniker Aimé Bonpland. Diverse Expeditionspläne der beiden scheitern wegen der Napoleonischen Kriege. Sie beschließen in Spanien zu überwintern und haben Glück: Sie werden dem König empfohlen und erhalten Forscherpässe für die spanischen Kolonien in Süd- und Mittelamerika.

Von 1799 bis 1804 reisen Humboldt und Bonpland durch Süd- und Mittelamerika: über die Kanarischen Inseln nach Venezuela und Kuba, durch die Anden an die peruanische Küste, nach Mexiko und mit Zwischenstopp in den USA zurück nach Europa.

Gemälde: Humboldt und Bonpland in einer Hütte mit Messinstrumenten und Pflanzen

Humboldt (links) mit seinem Mitstreiter Bonpland in Südamerika

Genauso imposant wie die Reiseroute sind die Mengen an Messdaten und botanischen und geologischen Proben, die sie sammeln. Der Universalist Humboldt beschäftigt sich mit einer Vielzahl von Forschungsgebieten: von Vulkanologie über Kartografie, Erdmagnetismus, Botanik, Zoologie, Ethnologie, Wirtschaft, Landwirtschaft und Bergbau bis hin zu Meteorologie und Meereskunde.

Humboldt will das Zusammenwirken aller Naturkräfte verstehen. Zwischen 1805 und 1839 publiziert er sein 34-bändiges Reisewerk, größtenteils auf Französisch. Es bleibt unvollendet und ruiniert ihn finanziell.

Seinen 60. Geburtstag verbringt Humboldt in Russland. Es ist seine zweite große Expedition und die Umstände sind gänzlich anders als bei der Amerika-Reise. Dieses Mal ist er auf Einladung und Kosten der russischen Regierung unterwegs. Diese erhofft sich davon Informationen über gewinnbringende Minenvorkommen.

Obwohl die Route (von St. Petersburg zum Ural) vorgegeben ist, kann Humboldt einige Änderungen durchsetzen und dadurch bis zur chinesischen Grenze vordringen. Seine Hauptinteressen gelten dem Erdmagnetismus, dem Klima und der Geologie.

Landschaft im Ural.

Im Uralgebirge vermutete Humboldt reiche Diamantvorkommen

Der Universalist: Humboldts Netzwerke

Dank seiner offenen Art fällt es Humboldt leicht, in aller Welt freundschaftliche Kontakte zu anderen Wissenschaftlern zu knüpfen. Der eng vernetzte Datenaustausch mit Kollegen ist für ihn sehr wichtig. Ohne diese Kontakte wären seine umfangreichen Veröffentlichungen gar nicht möglich gewesen. Denn gerade weil er in verschiedenen Disziplinen gleichzeitig arbeitet, ist er oft auf den Rat von Experten eines bestimmten Fachgebiets angewiesen.

Humboldts gutes Gespür für den Umgang mit Menschen zeigt sich auch darin, dass er vom preußischen König mehrfach in diplomatischen Missionen eingesetzt wird. Im Alter wird er für viele junge Wissenschaftler zum Förderer.

Über seinen Bruder Wilhelm lernt er die Dichter Goethe und Schiller kennen. Goethe ist fasziniert von Humboldts Arbeit und zeigt seine Wertschätzung unter anderem mit einem Tagebucheintrag der Ottilie in seinen "Wahlverwandtschaften": "Wie gern möchte ich einmal Humboldten erzählen hören."

Schwarzweiß-Stich: Alexander von Humboldt  mit Goethe, Schiller und seinem Bruder Wilhelm

Alexander von Humboldt (stehend) mit Goethe, Schiller und seinem Bruder Wilhelm

Das Weltbild des Weltbürgers

Humboldts Weltbild ist von den Idealen der Aufklärung geprägt. Er ist davon überzeugt, dass prinzipiell alle Menschen gleichmäßig zur Vernunft begabt sind. Dass es keine hohen und niedrigen Menschenrassen gibt, nur Bildungs- und kulturelle Unterschiede: "Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt."

Er kritisiert die Sklaverei und den Umgang der weißen Siedler mit den Ureinwohnern Amerikas. Humboldt glaubt an einen ständigen Fortschritt in Wissenschaft und Politik, der früher oder später zur Ausbildung einer rechtlich-sozial egalitären Gesellschaft führen wird.

Bei seiner Forschung kommen auch praktische Aspekte nicht zu kurz. Er sucht zum Beispiel nach Möglichkeiten, für die stetig wachsende Weltbevölkerung neue Nahrungsquellen zu erschließen. Dazu analysiert er die Verbreitung und die Lebensbedingungen diverser Nutzpflanzen. Der Mensch soll in die Lage versetzt werden, die Natur möglichst effizient zu nutzen.

Bis kurz vor seinem Tod am 6. Mai 1859 arbeitet er an seinem Lebenswerk, dem "Kosmos", in dem er alles vereinen will: das gesamte Wissen über die Welt. Viele seiner wissenschaftlichen Einzelbeobachtungen sind im Laufe der Jahre von anderen Forschern korrigiert worden.

Das Besondere an Alexander von Humboldt aber ist sein Sinn für Gesamtzusammenhänge. Nach der Aufspaltung der Wissenschaften in spezialisierte Einzeldisziplinen hat dieser global-ökologische Ansatz erst seit Ende des 20. Jahrhunderts wieder an Bedeutung gewonnen.

6. Immanuel Kant

image.jpeg

Wie zahlreiche andere Gelehrte und Publizisten der deutschen Aufklärung stammt K. aus einfachen Verhältnissen. Er wird am 22.4.1724 morgens um 5 Uhr als viertes von neun Kindern in der „vordern Vorstadt“ von Königsberg „in dem Hause neben der Sattlerstraße“ geboren – auch sein eigener Vater war wie schon die beiden Großväter Sattler- oder genauer Riemermeister – und am folgenden Tag auf den Namen Emanuel getauft. Väterlicherseits stammt die Familie neueren Forschungen zufolge nicht – wie K. selbst angenommen hat – aus Schottland, sondern aus dem Kurischen (sein Urgroßvater Richard Cant, der den sozial gehobenen Beruf eines „Krügers“, das heißt Schankwirts, in|Werden bei Heidekrug ausübte, kommt allem Vermuten nach aus der Gruppensiedlung Kantweinen 5 km nordöstl. von Prökuls); auf Seiten der Mutter führen die Linien nach Nürnberg und Tübingen, so daß K. ungefähr „drei Viertel deutsch und je ein Achtel kurisch und litauisch“ gewesen wäre; in beiden Familien sind die Berufe des Ledergewerbes: Färber, Gerber, Sattler, Kürschner, Schuhmacher stark vertreten. Die Atmosphäre seines Elternhauses hat K. selbst oft beschworen. Bei der Rückkehr von Schloß Capustigall, dem Gut der Grafen Truchseß-Waldburg (auf dem sich zu dieser Zeit die Familie Keyserling aufhält) erinnert sich der Privatdozent „mit inniger Rührung an die ungleich herrlichere Erziehung …, die er selbst in seiner Eltern Hause genossen“. Und noch der 73jährige erklärt in dem Entwurf eines Antwortschreibens an den schwedischen Bischof Lindblom, „daß meine beyde Eltern (aus dem Handwerksstande) in Rechtschaffenheit, sittlicher Anständigkeit und Ordnung musterhaft … mir eine Erziehung gegeben haben, die von der moralischen Seite betrachtet gar nicht besser seyn konnte und für welche ich … mich mit dem dankbarsten Gefühle gerührt finde“. Das gelassene Selbstbewußtsein, das der Bürger K. zeitlebens auch gegenüber den höchsten Rängen des Adels gezeigt hat, mag nicht zuletzt hier seine Wurzel haben.

Eine wichtige Komponente dieser Atmosphäre des Elternhauses bildete der Pietismus, der K. bei aller Kritik und inneren Distanz tief beeindruckt und beeinflußt hat. Nicht seinen Kult- und Ausdrucksformen, wohl aber seiner Haltung und Gesinnung stand K. bis ins hohe Alter mit Respekt, ja Zustimmung gegenüber. „Die Leute, denen er ein Ernst war“, so lautet K.s Urteil gegenüber Rink, „besaßen das Höchste, was der Mensch besitzen kann, jene Ruhe, jene Heiterkeit, jenen innern Frieden, die durch keine Leidenschaft beunruhigt wurden“. Vor allem seine Mutter, die er schon als 13jähriger verliert und am Tag vor Heiligabend beerdigen muß, lebte aus solchem Glauben. Sie war eine sensible, für ihre Zeit und Verhältnisse ungewöhnlich gebildete Frau. K. hat sie seinen Königsberger Biographen (Borowski, Jachmann und Wasianski) noch in späten Lebensjahren immer wieder geschildert: „sie pflanzte und nährte den ersten Keim des Guten in mir, sie öfnete mein Herz den Eindrücken der Natur; sie weckte und erweiterte meine Begriffe, und ihre Lehren haben einen immerwährenden heilsamen Einfluß auf mein Leben gehabt.“

Durch die Mutter gelangt K. auch in den Wirkungskreis von →Franz Albert Schultz, einem der führenden Köpfe des Königsberger Pietismus, der aber zugleich zu den bedeutendsten Schülern des Aufklärungsphilosophen →Ch. Wolff zählte. Schultz hat K.s Talent schon früh entdeckt und Zeit seines Lebens gefördert. Auf seine Veranlassung hin wechselt K., der zunächst die Vorstädt. Hospitalschule besucht hatte, 1732 als Achtjähriger aufs Gymnasium, und zwar auf das seit 1733 von Schultz geleitete „Fridericianum“ über. Diese Schule, nach dem Vorbild der Franckeschen Anstalten in Halle eingerichtet und von der Bevölkerung etwas abwertend „Pietisten-Schule“ oder „Pietisten-Herberge“ genannt, war von strengstem religiösen Reglement: Religionsunterricht und Gottesdienst nahmen einen erheblichen Teil des Unterrichts in Anspruch; wie das Hebräische wurde auch das Griechische ausschließlich am Leitfaden der Heiligen Schrift dargeboten. Noch den alten K. soll bei der Erinnerung an jene „Jugendsclaverey“ „Schrecken und Bangigkeit“ überfallen haben. Fachlich scheint nur der Lateinunterricht von einigem Rang gewesen zu sein (wie denn auch K.s ganzes Interesse während der Schulzeit der klassischen lateinischen Literatur gegolten haben soll). Nach dem Zeugnis der Schulakten zählte K. in der Regel zu den besten Schülern; der allgemeine Eindruck war – wie der klassische Philologe →David Ruhnken (ein enger Freund und Mitschüler K.s) es später einmal formuliert hat – er könne einst sehr wohl „ad id, quod in literis summum est, pervenire“. Im Herbst 1740 verläßt K. als Zweitbester seiner Klasse das Fridericianum.

Am 24.9.1740, also mit sechzehn Jahren, kurz nach dem Regierungsantritt Friedrichs des Großen, wird K. nach Ablegung des damals üblichen Immatrikulationsexamens an der Albertina, der Königsberger Universität, immatrikuliert. Das Schwergewicht seines Studiums, das er teils mit Hilfe von Verwandten, teils durch Unterricht und (wenn man dem späten Bericht seines Studienfreundes Heilsberg Glauben schenken darf) durch Billardspiel finanziert, liegt nicht auf den positiven Wissenschaften, die der akademischen Ausbildung dienten, sondern auf den damals sogenannten „Humaniora“, vor allem auf Mathematik, Philosophie und den lateinischen Klassikern. „Was K. für einen Studienplan befolgte, ist seinen Freunden unbekannt geblieben“, heißt es bei Jachmann; allem Anschein nach war er in keiner der drei „oberen Fakultäten“ eingeschrieben. Zu seinen akademischen Lehrern zählen sein ehemaliger Direktor Schultz, dessen Dogmatikvorlesung er „aus Wißbegierde“ hört, und der außerordentliche Professor der Logik und Metaphysik →Martin Knutzen, „ein Mann, der sich als Lehrer und als Schriftsteller einen großen Ruf auf der Universität erworben hatte“. Er ist derjenige „Professor der Philosophie, welcher wahrscheinlich auf“ K.s „Geistesbildung den mehresten Einfluß gehabt hat“. Ähnlich wie Schultz bemühte sich auch Knutzen um die Verbindung von (pietistischer) Theologie und Philosophie, war aber zugleich stark an Mathematik und Naturwissenschaft interessiert. Zu den Gegenständen seiner Vorlesungen – an denen K. „unausgesetzt“ teilnimmt – gehörten neben den damals üblichen philosophischen Disziplinen auch Mathematik, Astronomie und Rhetorik. Er lieh K., so berichtet Borowski, „besonders Neutons Werke und, da K. Geschmack daran fand, alles, was er aus seiner herrlichen, reichlich versehenen Bibliothek irgend verlangte“.

Die Etappe der Konziliation (1746–56)

Noch während des Studiums beginnt K. mit der Ausarbeitung einer umfangreichen Abhandlung – keineswegs einer Examensarbeit – die sich, wie K.schreibt, mit einem damals „berüchtigten Streit“, ja mit einer der „größten Spaltungen … unter den Geometrern von Europa“ beschäftigt. Es sind dies die schon 1746 der Philosophischen Fakultät zur Zensur vorgelegten, aber erst 1749 erschienenen „Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte“. Die naturwissenschaftliche Interessenlage dieser Schrift bleibt für die kommenden 10 Jahre bestimmend, ihre spezifisch philosophischen Grundprobleme aber wirken darüber hinaus bis tief in die kritische Philosophie hinein weiter. Von ihrer Thematik her – ihr unmittelbarer Gegenstand ist der Streit über das Kräftemaß, das die Kartesianer als m-v, die Leibnizianer als m-v² zu bestimmen suchten – zeigt die Abhandlung einen K., der ganz von mathematisch-naturwissenschaftlichen Fragen gefangengenommen ist und im Zusammenhang damit sogar eigene Versuche anstellt. Hinter dieser Thematik aber steht eine genuin philosophische Problemstellung, die ohne die Gedankenwelt der deutschen Aufklärung nicht zu verstehen ist: wie steht es um die von ihr proklamierte Idee einer allgemeinen Menschenvernunft, wenn sich die bedeutendsten Köpfe des Zeitalters sogar in einer so konkreten naturwissenschaftlichen Frage nicht zu einigen vermögen? Das überraschende Selbstbewußtsein des 22jährigen, das in der Schrift zum Ausdruck kommt, ist oft registriert worden: „Ich habe mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will. Ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern ihn fortzusetzen.“

Kurz vor Abschluß des Studiums verliert K. auch den Vater. Seine Eintragung in das Familienbuch wirft ein aufschlußreiches Licht auf die Geisteshaltung, die K. auch nach dem Besuch der Universität bestimmt: „Anno 1746 d. 24. März Nachmittags um halb 4 Uhr ist mein liebster Vater, durch einen seeligen Tod abgefordert worden. Gott der ihm in diesem Leben nicht viel Freude geniessen lassen, lasse ihm davor die ewige Freude zu Theil werden.“ Die folgenden Jahre verbringt K. als „Hofmeister“, das heißt Hauslehrer, bei dem reformierten Prediger Daniel Andersch in Judtschen bei Gumbinnen, einer bis zu einem gewissen Grad selbständigen Schweizer Kolonie meist französisch sprechender Siedler (bis etwa 1751), und bei dem Gutsbesitzer Major Bernhard Friedrich von Hülsen auf Groß-Arnsdorf bei Mohrungen (bis etwa 1753). In diesen Jahren tritt zum erstenmal ein charakteristischer Zug der K.schen Biographie hervor: auf einen Zeitraum konzentrierter Produktion folgt eine Phase völligen Schweigens. Sie findet in diesem Fall erst im Sommer 1754 durch eine Reihe kleinerer naturwissenschaftlicher Beiträge für die „Königsberg. Frag- und Anzeigungs-Nachrichten“ ihr Ende. Zu dieser Zeit befindet sich K. bereits wieder in Königsberg.

Die anschließende Produktionsphase ist eng mit K.s akademischem Werdegang verknüpft, geht aber bei weitem nicht darin auf. Im März 1755 erscheint, und zwar zunächst anonym, die umfangreiche „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“, die den Versuch macht, die Entstehung des Weltgebäudes mit Hilfe der Newtonschen Anziehungs- und Abstoßungskraft aus den einfachsten Elementen der Materie abzuleiten, und damit Grundgedanken der Laplaceschen Weltentstehungshypothese (1796) vorwegnimmt. Sie bleibt jedoch bei ihrem Erscheinen so gut wie unbekannt und wird erst 1842 von Arago in ihrer Bedeutung für die Naturwissenschaft entdeckt. Am 17.4.1755 reicht K. der Philosophischen Fakultät seine Promotionsschrift „de igne“ ein, am 13.5. findet das „examen rigorosum“, am 12.6. der öffentliche Promotionsakt statt, über den die „Königsberg. Frag- und Anzeigungs-Nachrichten“ eingehend berichten. Noch 37 Jahre später erinnert sich Borowski, einer der ersten Hörer K.s, an den „seltenen Zusammenfluß von hiesigen angesehenen und gelehrten Männern“ sowie an die ungewöhnliche „Stille und Aufmerksamkeit“, mit der die Zuhörer K.s lateinischer Rede – sie handelte „vom leichtern und vom gründlichem Vortrage der Philosophie“ – gefolgt seien. Schon dreieinhalb Monate später, am 27.9.1755, erfolgt K.s Habilitation mit der Schrift „Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio“. Wieder ein paar Monate später erscheinen in kurzem Abstand drei kleinere, allgemeiner gehaltene naturwissenschaftliche Abhandlungen, die durch das Erdbeben von Lissabon veranlaßt sind. Am 23.3.1756 schließlich reicht K. der Philosophischen Fakultät als dritte Dissertation – nach einer Verordnung Friedrichs des Großen (vom 24.12.1749) wurden für ein Extraordinariat drei öffentliche Disputationen vorausgesetzt – die „monadologia physica“ ein. Die Disputation findet am 10.4.1756 statt, einer der 3 Opponenten ist Ludwig Ernst Borowski. Etwas von der Gewalt dieses Produktionsschubes ist noch in dessen späterer Kantbiographie zu spüren, wenn er schreibt, daß der 30jährige K.damals mit seinen Schriften „zur Ueberraschung Vieler, die das von ihm, wenigstens nicht in dem Maaße erwartet hatten, auf einmal und schnell auf einander hervortrat“.

Mit Ausnahme der Habilitationsschrift, bei deren Themenwahl äußere Gründe mitgespielt haben können, haben auch die Schriften dieser Produktionsphase Probleme der Naturwissenschaft zum Gegenstand. Wie in der Erstlingsschrift von 1746 aber stehen die Sachfragen auch jetzt auf dem Hintergrund einer umfassenden philosophischen Problematik. Wieder macht K. zentrale Streitfragen seines Zeitalters – über die leitenden Grundsätze der Naturerklärung, über die Freiheit des Willens und über die Interpretation der Materie – zum Gegenstand der Untersuchung. Und wieder ist K. darum bemüht, zwischen den verfeindeten „Parteien“ (Naturalismus – Christentum; Wolffianismus – Crusianismus; Leibnizianismus – Newtonianismus) zu vermitteln, die partielle, durch gemeinsame Irrtümer nur verdeckte Wahrheit der verschiedenen Positionen ans Licht zu bringen und so „gewissermaßen die Ehre der menschlichen Vernunft“ zu verteidigen. Eben diese „Konzilianz“ gibt den Schriften der Jahre 1755/56, so verschieden sie ihrer Thematik nach auch sein mögen, ihre innere Einheit und ein sachliches Gewicht, das sie über ihre historische Bedeutung hinaus vom Methodischen her auch für die Gegenwart noch interessant macht.

Zugleich aber scheinen sich in den Schriften dieser Phase unter der Hand bereits Grundtendenzen der späteren, kritischen Philosophie anzudeuten. Das gilt vor allem für den Vorrang der praktischen vor der theoretischen Vernunft. So heißt es etwa in der „Geschichte und Naturbeschreibung der merkwürdigsten Vorfälle des Erdbebens“ von 1755: „der Mensch“ ist „im Dunkeln, wenn er die Absichten errathen will, die Gott in der Regierung der Welt vor Augen hat. Allein wir sind in keiner Ungewißheit, wenn es auf die Anwendung ankommt, wie wir diese Wege der Vorsehung dem Zwecke derselben gemäß gebrauchen sollen.“

Die Etappe der Analysis (1756–69)

Im WS 1755/56 beginnt K., von stärkstem öffentlichen Interesse begleitet, als „Magister legens“, das heißt als Privatdozent, seine Vorlesungstätigkeit; bei seiner ersten Vorlesung, so berichtet Borowski, sind selbst Vorhaus und Treppe „mit einer beinahe unglaublichen Menge von Studirenden angefüllt“. Die Fächer, über die K. – nach dem Vorlesungsstil der Zeit am Leitfaden von Kompendien – liest, sind zunächst, ähnlich wie bei seinem Lehrer Knutzen, Logik, Metaphysik, Ethik, Mathematik, theoretische Physik sowie außerdem physische Geographie, eine Disziplin, die K. in Königsberg als erster in den Kreis der akademischen Lehrfächer einbringt; später treten noch Naturrecht (ab WS 1766/67), philosophische Enzyklopädie (ab WS 1767/68), Anthropologie (ab WS 1772/73) und Pädagogik (ab WS 1776/77) hinzu. Vereinzelt liest K. auch über Mechanik und Mineralogie, auch Vorlesungen über natürliche Theologie beziehungsweise philosophische Religionslehre sind glaubwürdig bezeugt. Der Umfang seiner Lehrtätigkeit beläuft sich im Schnitt auf 16, zuweilen aber auch auf 26 bis 28, wenn nicht gar über 30 Wochenstunden.

Die Zeit der Privatdozentur (1755–70) verändert jedoch nicht nur K.s berufliche Situation. Sie bringt vielmehr zugleich, viele Anzeichen sprechen dafür, tiefgreifende Veränderungen in seinem persönlichen Lebensstil mit sich. Sie ist die „weltfreudigste Periode seines Lebens“ (Schöndörffer). Zahlreiche menschliche Bindungen entstehen in diesen Jahren, enge Freundschaften wie die mit dem englischen Kaufmann und Privatgelehrten Joseph Green, der „mehr Gelehrter als Kaufmann“ ist und „weniger den Freuden als den Büchern“ lebt, aber auch lockerere Beziehungen zu Bankiers, Kaufleuten, Beamten, Militärs und hohen Adligen. Sein gelöstes Auftreten, seine Freude an geistreicher Unterhaltung, gemeinsamem Essen, Kartenspiel und Theater, sein sprühender Witz, nicht zuletzt aber auch sein Charme gegenüber dem weiblichen Geschlecht machen K. bald zu einem umworbenen Liebling der Königsberger Gesellschaft und tragen ihm den Titel des „eleganten Magisters“ ein, ja Hamann sieht ihn gelegentlich durch „einen Strudel gesellschaftl. Zerstreuungen fortgerißen“ und bangt um die Verwirklichung seiner wissenschaftlichen Pläne.

Ein wichtiger Faktor, der zu diesen Veränderungen in K.s Lebensgefühl und -haltung beigetragen haben wird, war allem Vermuten nach die erste russische Okkupation Königsbergs von Januar 1758 bis August 1762. Sie war von ungewöhnlicher Liberalität und hat die gesellschaftlichen Verhältnisse des damaligen Königsberg, das mit seinen etwa 50 000 Einwohnern zu den größten Städten Preußens zählte, aufs nachhaltigste beeinflußt. „Mit der Okkupation zog die ganze Breite und Vorurteilslosigkeit des östlichen Lebensstils in die alte zopfige Stadt ein“ (Stavenhagen). Unter ihrem Einfluß zerbricht oder lockert sich zumindest die strenge ständische Ordnung, der Ernst des Pietismus wird von einer freieren, gelegentlich in Libertinage übergehenden Lebenshaltung abgelöst, die preußische Kargheit macht einer luxuriöseren Lebensführung Platz. Auch der Magister K. war offenbar bis zu einem gewissen Grade in den Wirbel solcher Veränderungen einbezogen. Stavenhagen schildert anschaulich, wie K. „an dem munteren Treiben der Offiziere in den Privathäusern und Offizierskasinos regen Anteil genommen hat“; nach einem anderen Bericht hat er „viele rußische Officiere in der Mathematik … während des siebenjährigen Krieges privatim unterrichtet“.

Ganz ähnlich ist das Bild, das K. in diesen Jahren als akademischer Lehrer bietet. Auch hier ist er der Mann von Welt: Seine Wirkung auf die Studenten, unter denen sich zahlreiche Ausländer, vor allem Balten, Polen und Russen befinden, ist von seltener Stärke und Eindringlichkeit. Seine Vorlesungen – „freyer Discours, mit Witz und Laune gewürzt“ – sind von intensiven Diskussionen begleitet, immer wieder fordert er einzelne Hörer auf, das Gespräch beim Spaziergang fortzusetzen, ja der Prediger Wannowski erinnert sich noch 1804, daß ihm K. „in seiner Stube öfters und mit vieler Lebhaftigkeit“ Gedichte von Haller und Bürger, aber auch von Horaz und Juvenal vorgetragen habe. Vor allem die Vorlesungen über physische Geographie und Anthropologie werden nicht nur von Studenten, sondern auch von dem gebildeten Publikum besucht. K.s Erziehungsziel ist „Urbanität“, nicht „Höflichkeit“; ein Stück seiner Wirkung wird in den „Briefen zur Beförderung der Humanität“ von Johann Gottfried Herder sichtbar, der 1762-64 in Königsberg studiert hat. In diesen Briefen schreibt Herder 1795, also zu einem Zeitpunkt, als sachlich schon tiefe Gegensätze zwischen beiden aufgebrochen waren, über seinen früheren Lehrer: „keine Kabale, keine Sekte, kein Vortheil, kein Namen-Ehrgeiz hatte je für ihn den mindesten Reiz gegen die Erweiterung und Aufhellung der Wahrheit. Er munterte auf, und zwang angenehm zum Selbstdenken; Despotismus war seinem Gemüth fremde“.

Sieht man von 4 kurzen Programmschriften ab, die, den damaligen Universitätsverhältnissen entsprechend, zugleich der Ankündigung der Vorlesungen zu dienen hatten, so beginnt mit der Vorlesungstätigkeit in K.s schriftstellerischer Arbeit zugleich ein Zeitraum erneuten Schweigens. Er wird 1762 von einer Phase fast hektischer Produktivität abgelöst, →Benno Erdmann spricht mit Recht von der „erstaunlichen Productionskraft des Philosophen in diesen Jahren“. In ihnen tritt auch von der Stoffwahl her ein veränderter K. vor die Öffentlichkeit. Standen bis 1756 naturwissenschaftliche Themen ganz im Vordergrund des Interesses, so behandeln die Schriften der folgenden Jahre fast ausschließlich Fragen der Logik und Metaphysik auf der einen, der Ethik und Anthropologie auf der anderen Seite. Dem entspricht es, wenn in K.s Lehrtätigkeit mit dem Jahre 1763 die Vorlesungen über Mathematik ganz aufhören und die über theoretische Physik seltener werden.

Die erste Schrift, die in diese neue Produktionsphase gehört, ist K.s kurze Skizze über „Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren“, allem Vermuten nach eine Einladungsschrift für seine Vorlesungen des WS 1762/63. Auf sie folgt kurz darauf die Hauptschrift dieses Zeitabschnitts, „Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes“; sie ist nicht, wie das Titelblatt angibt, 1763, sondern schon im Dezember 1762 erschienen. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet K. jedoch bereits an seiner Antwort auf die Preisfrage der Berliner Akademie für das Jahr 1763, der „Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral“. Diese Abhandlung, die von K. kurz vor dem 31.12.1762 eingereicht wird, erhält am 2.6.1763 den zweiten Preis – der erste fällt an →Moses Mendelssohn – und erscheint im|Frühjahr 1764 im Drude. Vor allem diese beiden Schriften sind es, die K. lange vor der „Kritik der reinen Vernunft“ in ganz Deutschland als philosophischen Autor bekannt machen. Noch vor der Preisschrift aber erscheinen in dichter Folge 3 weitere Abhandlungen: 1763 der „Versuch, den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen“ (er hat der Philosophischen Fakultät am 3.6.1763 zur Zensur vorgelegen); im Januar 1764 die „Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen“, die K. im Herbst 1763 während der Semesterferien im Forsthaus Moditten, eine Meile von Königsberg entfernt, zu Papier bringt; und schließlich im Februar 1764 der „Versuch über die Krankheiten des Kopfes“, den K. anonym in den von Hamann herausgegebenen „Königsbergschen Gelehrten und Politischen Zeitungen“ veröffentlicht.

Die gemeinsame Idee, die allen diesen Schriften zugrunde liegt, ist das Programm der Analysis. Wie Mendelssohn, Tetens und andere führende Köpfe seiner Generation, die sich gegen den herrschenden Wolffianismus ihrer Zeit wenden, ist K. in diesen Jahren der Überzeugung, daß man in der Philosophie, vor allem „in der Metaphysik durchaus analytisch verfahren müsse, denn ihr Geschäfte ist in der That, verworrene Erkenntnisse aufzulösen“. Ähnlich emphatisch wie bald darauf Tetens erklärt er: „Es ist noch lange die Zeit nicht, in der Metaphysik synthetisch zu verfahren; nur wenn die Analysis uns wird zu deutlich und ausführlich verstandenen Begriffen verholfen haben, wird die Synthesis den einfachsten Erkenntnissen die zusammengesetzte, wie in der Mathematik, unterordnen können“. Beobachten, konkrete Erfahrungen zum Ausgang nehmen, komplexe Vorstellungen in einfachere auflösen – analysieren, das, und nur das, ist die angemessene Methode der Philosophie. Von ihr erwartet K. in dieser Etappe seines Denkens auch – ähnlich wie Mendelssohn, mit dem er 1766 in brieflichen Kontakt tritt – die Lösung jener Streitfragen, die ihn in den Jahren 1755/56 so stark beschäftigt hatten.

Freilich gelangt K. spätestens gegen Ende dieser Phase auch schon an die Grenzen, die einer solchen Konzeption von Philosophie gesetzt sind. In seiner Abhandlung über die negativen Größen versucht er zu zeigen, daß sich bestimmte Probleme wie das des „Realgrundes“, also der Verknüpfung von Ursache und Wirkung, oder der „Realentgegensetzung“ letztlich der Analysis entziehen. „Die logische Verknüpfung und Wiederstreit können analytisch erkannt werden und also rational, die reale nicht anders als empirisch“, konstatiert er zu dieser Zeit in seinen Notizen. Allem Vermuten nach liegt hier zumindest einer der Gründe, weshalb K. die zahlreichen Pläne und Projekte, die ihn in dieser eigentlichen Etappe der Analysis beschäftigen, unerledigt liegen läßt und in den folgenden Jahren auffällig wenig veröffentlicht. Die gegen Immanuel Swedenborg, aber mehr noch gegen die herrschende Metaphysik seines Zeitalters gerichteten „Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik“, die Anfang 1766 erscheinen, artikulieren noch einmal die genannte Schwierigkeit und lassen unüberhörbar skeptische Töne erklingen. In diesen Jahren entfernt sich K., ohne sich darüber schon selbst ganz im klaren zu sein, mehr und mehr von den Grundüberzeugungen und -stimmungen seiner eigenen Generation.

K.s materielle Lage ändert sich in allen diesen Jahren nach der Habilitation trotz seines wissenschaftlichen und pädagogischen Erfolges nur wenig. Seine Bewerbung (8.4.1756) um das Extraordinariat für Logik und Metaphysik, das sein Lehrer →Knutzen innegehabt hatte, bleibt ohne Erfolg, weil die preußische Regierung die Stelle im Blick auf den bevorstehenden 7jährigen Krieg unbesetzt läßt. Vergeblich ist auch die Bewerbung (vom 11./14.12.1758) um die ordentliche Professur für Logik und Metaphysik; trotz der massiven Unterstützung seines Mäzens →Franz Albert Schultz, der zu dieser Zeit Rektor ist, fällt die Professur an einen älteren (und dienstälteren) Kollegen names Bück. So lebt K. 15 Jahre lang im großen und ganzen von Hörgeldgebühren und Einnahmen aus der privaten Betreuung von Studenten. Die Angaben über die wirtschaftlichen Verhältnisse des Privatdozenten schwanken: düsteren Schilderungen – nach der Darstellung Jachmanns zum Beispiel ist K. in dieser Zeit gezwungen, „seine damals ansehnliche und auserlesene Bibliothek nach und nach zu veräußern“ – stehen Berichte gegenüber, denenzufolge K. in diesen Jahren über ein gesichertes, ja gutes Auskommen verfügt. Jedenfalls lehnt er im Sommer 1764, da er sich hier „nicht in seinem rechten Fache“ zu befinden glaubt, die ordentliche Professur für Dichtkunst an der Universität Königsberg ab, die ihm aufgrund einer ausdrücklichen Intervention des Ministeriums in Berlin angetragen wird. Erst knapp 2 Jahre später, mit 41 Jahren, erhält er seine erste, wenn auch äußerst bescheidene, festbesoldete Stelle: das mit 62 Talern im Jahr dotierte Amt des Subbibliothekars an der Königl Schloßbibliothek, das er bis 1772 gewissenhaft ausübt.

Der Übergang zur Kritik der reinen Vernunft (1769–81)

Gegen Ende der 60er Jahre bahnen sich jedoch in K.s beruflicher Situation von verschiedenster Seite her tiefgreifende Veränderungen an. Im Herbst 1769, K. ist mittlerweile 45, erhält er seinen ersten Ruf, und zwar auf den im Zuge einer umfassenden Universitätsreform neugeschaffenen ordentlichen Lehrstuhl für theoretische Philosophie (Logik und Metaphysik) an der Universität Erlangen. Die Erwartungen, die mit dieser Berufung verknüpft sind, lassen sich aus den Universitätsakten noch mit ziemlicher Deutlichkeit erkennen: nicht „Sektierer“, sondern „Männer, in die man ein Vertrauen hätte“, sollten durch die Reform nach Erlangen gezogen werden. K. lehnt den Ruf jedoch postwendend ab; die Gründe, die er für seine Absage anführt, liegen auf verschiedener Ebene: greifbare Berufungschancen an seiner eigenen Universität, die „Anhänglichkeit“ an seine „Vaterstadt“, ein „ziemlich ausgebreiteter Kreis von Bekannten und Freunden“ sowie seine „schwächliche Leibesbeschaffenheit“. Kaum einen Monat darauf erreicht K. ein neues, nicht weniger ehrenvolles auswärtiges Angebot: eine Anfrage der Universität Jena, die er offenbar auch abschlägig beschieden hat. Ein Vierteljahr später aber erhält K. die Stelle, die er seit vielen Jahren angestrebt hat: die ordentliche Professur für Logik und Metaphysik an der Universität Königsberg; am 2.5.1770 wird er feierlich in sein Amt eingeführt.

Aus diesem Anlaß schreibt K. für die „in denen statutis Academicis verordnete öffentliche und solenniter zu haltende Disputationes“ seine letzte und wichtigste lateinische Dissertation „De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis“. Die Disputation findet, von der begeisterten Anteilnahme seiner Studenten, die ein eigenes Huldigungsgedicht drucken lassen, begleitet, am 21.8.1770 statt, Respondent ist der jüdisch Medizinstudent →Markus Herz, schon bald darauf einer der führenden Köpfe der Berliner Aufklärung. Die genannte Schrift, die K. in späteren Jahren immer wieder als die entscheidende Vorarbeit für die „Kritik der reinen Vernunft“ betrachtet hat, fällt in eine Übergangsphase, in der sich im Denken K.s schwerwiegende Veränderungen vollziehen („Das Jahr 69 gab mir großes Licht“, heißt es in der berühmten autobiographischen Reflexion 5037), und ist daher wohl weniger die abschließende Fixierung eines Standpunktes als vielmehr ein momentaner Querschnitt durch einen noch mitten in Gang befindlichen Reflexionsprozeß. Die Abhandlung basiert auf einer rigorosen Zweiteilung. Das sinnliche Erkenntnisvermögen mit den ihm zugrunde liegenden Anschauungsformen von Zeit und Raum ist der Grund der Form der Sinnenwelt. Es ist auf den Bereich der „Erscheinungen“, der „Phaenomena“, eingeschränkt und vermag die res „sicuti sunt“, die „Dinge an sich“, nicht zu erkennen (diese genau umgrenzte Position hat K. in der „Kritik der reinen Vernunft“ als „transzendentalen Idealismus“ bezeichnet). Der Verstand dagegen ist imstande, mit Hilfe der ihm (a priori) eigenen Begriffe und Grundsätze die Welt der Dinge an sich, der „Noumena“, zu erfassen und zu der Erkenntnis zu gelangen, daß deren wechselseitige Verknüpfung untereinander – ihre „Form“ – im Geschaffensein der Dinge durch Gott ihren Grund hat. Eben diese Zweiteilung gibt K. auch eine neue Lösungsmöglichkeit für jene Streitfragen der Metaphysik an die Hand, die ihn in den vorangegangenen Etappen seines Denkens so intensiv beschäftigt hatten. Alle diese Kontroversen, so meint K. jetzt, wurzeln in einer Vermischung oder Vertauschung der Gesetze der Sinnlichkeit und des Verstandes, einer „permutatio intellectualium et sensitivorum“; die Einsicht in deren grundsätzliche Verschiedenheit ist daher zugleich der so lange gesuchte Schlüssel für die Auflösung der Streitfragen (für die K. bald darauf den Terminus „Antinomien“ verwenden wird).

Der Versuch, die Dissertation von 1770 zu überarbeiten und um „ein paar Bogen“ zu erweitern, verstrickt K. schon bald in einen Reflexionsprozeß, der sich wider Erwarten über 10 Jahre hinzieht und schließlich zur „Kritik der reinen Vernunft“ führen wird. K. entwirft dabei, wie vor allem der Briefwechsel mit Herz anschaulich dokumentiert, eine ganze Reihe von Plänen und Projekten, unter anderem – in Anlehnung an Lambert – eine Phaenomenologia generalis (um ein Haar also hätte K. statt der „Kritik der reinen Vernunft“ eine Art „Phänomenologie des Geistes“ geschrieben) und ein Werk über „Die Grentzen der Sinnlichkeit und der Vernunft“. Alle diese Entwürfe sind von der Hoffnung begleitet, die Probleme „in Kurtzem zur völligen Deutlichkeit zu bringen“, werden aber immer wieder von neuen Überlegungen überholt und durchkreuzt.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Problem der Geltung der apriorischen Begriffe des menschlichen Verstandes (der Kategorien Es taucht erstmals, und zwar ausdrücklich als neue Fragestellung charakterisiert, in K.s Brief an Herz vom 21.2.1772 auf: „wie mein Verstand gäntzlich a priori sich selbst Begriffe von Dingen bilden soll, mit denen nothwendig die Sachen einstimmen sollen, … diese Frage hinterläßt immer eine Dunckelheit in Ansehung unsres Verstandesvermögens“. Die Antwort, zu der K. schließlich in der „Kritik der reinen Vernunft“ gelangt – sie bildet den Inhalt der „Transscendentalen Deduction der reinen Verstandesbegriffe“ –, führt zu einer schwerwiegenden Korrektur an den Grundpositionen der Dissertation. Auch der Verstand, so erklärt K. jetzt, ist nicht imstande, die Dinge an sich zu erkennnen. Seine apriorischen Begriffe gewinnen ihre Geltung allein aus ihrer Notwendigkeit für die Konstitution der Erfahrungswelt, des „mundus sensibilis“. Sie sind nötig, um die Vielfalt der sinnlichen Eindrücke zu einer geordneten Welt der Erfahrung zu verbinden (und so die empirische Einheit des Bewußtseins herzustellen), aber eben deshalb auch nur für diese gültig. Der „mundus intelligibilis“, die wahre, unverschleierte Wirklichkeit, ist dem Menschen – genauer: dem theoretischen Erkennen des Menschen – unabänderlich verschlossen.

Diese Position bringt es zwangsläufig mit sich, daß sich im Denken K.s mehr und mehr das Problem der Verbindung, der „Synthesis“, in den Vordergrund schiebt. Es markiert gegenüber den 60er Jahren einen deutlichen Wendepunkt. Nicht mehr die Theorie der Analysis, sondern die Theorie der Synthesis steht jetzt im Zentrum der Überlegungen K.s. War jene Konzeption der Analysis mehr oder weniger Ausdruck einer allgemeinen Zeitstimmung, so ist diese das genuine Resultat seines eigenen Nachdenkens.

Mit der Absage an eine theoretische Erkenntnis des „mundus intelligibilis“ gerät aber auch die Lösung, die K. 1770 für sein altes, nach wie vor akutes Problem, die Streitfragen der Metaphysik, gefunden hatte, abermals ins Wanken, ja diese treten erst jetzt in ihrer ganzen Schärfe als Antinomien zutage. Wenn auch die Gesetze des Verstandes ebenso wie die der Sinnlichkeit nur für die Welt der Erscheinungen gelten und also prinzipiell die gleiche Funktion haben, dann kann ihre Vertauschung nicht der wahre Grund, ihre Separierung nicht die wahre Auflösung der Streitfragen sein. So kommt es zwischen 1770 und 1781 zur Ausarbeitung einer eigenen Antinomienlehre, die den Widerspruch in die Vernunft selbst verlegt. Nicht mehr die Vermischung von Sinnlichkeit und Verstand, sondern die Verwechslung von „Erscheinung“ und „Ding an sich“, von „mundus sensibilis“ und „mundus intelligibilis“, erscheint jetzt als die Wurzel der Antinomien. Für jede der beiden Welten gelten andere Gesetze, die menschliche Vernunft selbst ist antinomisch strukturiert (und bedarf daher auch selber der Kritik). Die einzelnen Antinomien lassen sich demgemäß zwar durchschauen und in diesem Sinn „auflösen“, aber sie sind und bleiben unaufhebbar: Die „Dialektik“ ist ein wesentlicher Zug der menschlichen Vernunft, ein Signum ihrer Endlichkeit.

Alle diese Überlegungen und Entwürfe sind das Resultat eines Arbeitsprozesses, dessen wachsende Anspannung in gelegentlichen Äußerungen gegenüber Herz für einen Augenblick durchbricht. So heißt es zum Beispiel am 24.11.1776: „Ich empfange von allen Seiten vorwürfe, wegen der Unthatigkeit, darinn ich seit langer Zeit zu seyn scheine und bin doch wirklich niemals systematischer und anhaltender beschäftigt gewesen“. „Es gehöret … Hartnäckigkeit dazu, einen Plan, wie dieser ist, unverrückt zu befolgen“. Rückblickend schreibt K. am 7.8.1783 an Garve, daß er die „Kritik der reinen Vernunft“ mit allen ihren Mängeln um keinen Preis „ungeschrieben wissen möchte, aber auch um keinen Preis die lange Reihe von Bemühungen, die dazu gehöret haben, noch einmal übernehmen möchte“. Die „Hartnäckigkeit“ dieser Jahre bleibt nicht ohne Auswirkungen auf K.s Lebensführung. So schränkt er seine Vorlesungstätigkeit in der Regel auf 14, im SS 1772 sogar auf 10 Wochenstunden ein. Für 10 Jahre verzichtet er so gut wie ganz auf jede Publikation. Eine anonym erschienene Rezension über Moscatis Abhandlung „Von dem Körperlichen wesentlichen Unterschiede zwischen der Structur der Thiere und Menschen“ (1771), eine Vorlesungsankündigung aus dem Bereich der physischen Geographie „Von den verschiedenen Racen der Menschen“ (1775) und zwei kurze, enthusiastische Zeitungsbeiträge für das Dessauer Philanthropin (1776 u. 1777) sind alles, was in diesen 10 Jahren von K. erscheint. Immer wieder berichtet er über „Unpäßlichkeiten“ und „indispositionen“. Zwei Rufe, die er in diesem Zeitraum erhält, der erste (1776) an die eben gegründete Academia Petrina in Mitau, der zweite (1778) an die Universität Halle auf den Lehrstuhl Wolffs, den angesehensten philosophischen Lehrstuhl Preußens, lehnt K. fast schon wie ärgerliche Störungen ab. Die Nachrichten über sein Auftreten in der Königsberger Gesellschaft werden seltener, an die Stelle spontaner Beziehungen treten allmählich feste Verbindungen und gesellschaftliche Verpflichtungen, ja, einzelne Äußerungen lassen möglicherweise auf eine tiefgehende Entfremdung schließen. In der täglichen Lebensführung beginnt ein „eigentümlicher Mechanisierungsprozeß“ des äußeren zugunsten des inneren Lebens (Heller). Vieles spricht dafür, daß sich in diesen Jahren – und nicht erst nach 1781 – der „Übergang vom eleganten Magister zum alten Kant“ (Lehmann) vollzieht.

Die Durchführung des kritischen Systems (1781–96)

In merkwürdigem Kontrast zu dieser langen Zeit der Ausarbeitung geschieht die Niederschrift der „Kritik der reinen Vernunft“ nach K.s eigenem wiederholtem Bericht „gleichsam im Fluge“ in „etwa 4 bis 5 Monathen“. Diese Zeitangaben nötigen zu der Annahme, daß K. dabei auf umfangreiche schriftliche Vorarbeiten zurückgegriffen hat; zahlreiche Schwierigkeiten des Werks mögen sich von hier aus erklären. Das Buch erscheint im Mai 1781. Es bleibt jedoch, wie K. betroffen registriert, für längere Zeit so gut wie ohne Echo. →Moses Mendelssohn, auf dessen Urteil K. in besonderem Maße gerechnet hatte, legt es wie zahlreiche andere Leser irritiert „zur Seite“. Die erste Rezension, von Garve verfaßt und von Feder gekürzt, wenn nicht verstümmelt, die am 19.1.1782 anonym in den „Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen“ erscheint, ist mit Ironie getränkt. Der Königsberger Professor der Mathematik Johann Schultz, einer der engsten Kollegen K.s, gibt der herrschenden Stimmung Ausdruck, wenn er 1784 in seinen „Erläuterungen über des Herrn Professor K. Critik der reinen Vernunft“ bedauernd erklärt, „daß man fast allgemein über unüberwindliche Dunkelheit und Unverständlichkeit“ dieser Schrift klage, ja, „daß sie selbst für den größten Theil des gelehrten Publikums eben so viel ist, als ob sie aus lauter Hieroglyphen bestünde“.

Das Gefühl der inneren Befreiung und der Erwartung weicht damit bei K. in wachsendem Maße einem Gefühl der Enttäuschung und der Isolierung. Das Wissen um das heranrückende Alter verbindet sich bei ihm mit dem Bewußtsein, mit den neuen Einsichten der „Kritik“ ganz auf sich gestellt zu sein. Aus solcher Konstellation heraus macht sich K. gewissermaßen im Alleingang an die Ausarbeitung des Gesamtsystems der kritischen Philosophie (für die er häufig auch den traditionsbeladenen Ausdruck „Transzendentalphilosophie“ verwendet). Es beginnt eine Zeit unerbittlicher schriftstellerischer Arbeit. Trotz der Last zahlreicher akademischer Ämter und Verpflichtungen, über die K. immer wieder klagt – unter anderem wird er in diesen Jahren zweimal, im SS 1786 und im SS 1788, Rektor – erscheinen in schneller Folge die großen epochemachenden Werke, die das kritische System Stück um Stück der Vollendung näher bringen. Die erste Schrift freilich, die K. nach der „Kritik der reinen Vernunft“ veröffentlicht, artikuliert noch einmal, wenn auch aus anderem Blickwinkel, die Grundgedanken seines Hauptwerks und versucht damit, der – wie K. selbst zugesteht – „gerechten“ „Beschwerde“ über eine „gewisse Dunkelheit“ der „Kritik“ abzuhelfen. Es sind dies die „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können“, die – mit einer schneidenden Erwiderung auf die „Götting. Rezension“ als Anhang – im Frühjahr 1783 herauskommen. Zwei Jahre darauf, im April 1785, erscheint die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ mit den nachgerade klassisch gewordenen Formulierungen des kategorischen Imperativs („handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde“), in der K. – im Gegensatz zur herrschenden „Glückseligkeitsethik“ seiner Zeit – die Grundzüge einer „Pflichtethik“ zu entwickeln sucht. Auch sie ist das Resultat langjähriger Überlegungen: erste Pläne oder Vorarbeiten zu einer Schrift, die „gleichsam die Metaphysic der Sitten“ zum Thema haben sollte, gehen bis in die Mitte der 60er Jahre zurück, der Plan zu einer eigenen „Grundlegung“ einer solchen „metaphysischen“ Disziplin innerhalb der praktischen Philosophie mindestens bis Anfang 1784. In mancherlei Hinsicht eine Art Gegenstück dazu bilden im Felde der theoretischen Philosophie die „Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft“, die K. im Sommer 1785 – und zwar wiederum im Rückgriff auf weit zurückliegende Überlegungen – als notwendige Vorarbeit zur eigentlichen „Metaphysik der Natur“ ausarbeitet; sie erscheinen im Frühjahr 1786.

Zu eben diesem Zeitpunkt ist K. bereits von einer weiteren schriftstellerischen Aufgabe in Anspruch genommen: er arbeitet an „einer neuen sehr umgearbeiteten Auflage“ der „Kritik der reinen Vernunft“, deren erste mittlerweile vergriffen ist. (Das sachliche Verhältnis dieser beiden Auflagen gehört bis heute zu den zentralen, immer wieder aufgeworfenen Problemen der K.-Forschung.) Aufgrund seines ersten Rektorats, bei dem|K. unter anderem die Huldigungsfeierlichkeiten der Universität für den gerade gekrönten König Friedrich Wilhelm II. zu arrangieren hat, zieht sich diese Arbeit bis in den April 1787 hin, doch liegt die 2. Auflage schon 2 Monate später im Druck vor. Zugleich faßt K. in diesem Zeitraum entgegen früheren Plänen den Entschluß, seiner ersten Kritik – die er daher jetzt des öfteren, um wenigstens nachträglich die Parallelität herzustellen, als Kritik der „reinen speculativen“ beziehungsweise „reinen (theoretischen)“ Vernunft bezeichnet – eine zweite, die „Kritik der praktischen Vernunft“, folgen zu lassen, mit der er die Ansätze der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ weiterzuführen und gegen Einwände zu verteidigen sucht. Sie proklamiert ausdrücklich den „Primat“ der „praktischen“, das heißt auf das Handeln des Menschen bezogenen, vor der theoretischen Vernunft. Nur die erstere ist imstande, Recht und Wahrheit der Ideen von „Gott, Freiheit und Unsterblichkeit“ positiv zu erweisen. Eine wichtige Neuerung gegenüber der „Grundlegung“, aber auch gegenüber der „Kritik der reinen Vernunft“ ist dabei der Gedanke einer eigenen „Dialektik der reinen praktischen Vernunft“ – die großen Streitfragen der Philosophie, der alte Stachel seines Denkens, gewinnen für K. offenbar von neuem, jetzt im Felde der praktischen Philosophie, zentrale Bedeutung. Neben die Antinomie der theoretischen tritt eine Antinomie der praktischen Vernunft. Das Manuskript dieser zweiten Kritik gelangt im Juli 1787 zum Abschluß, die ersten gedruckten Exemplare hat K., obwohl das Titelblatt 1788 schreibt, bereits im Dezember 1787 in Händen.

Noch vor Abschluß dieser Arbeiten ist K. abermals mit neuen Überlegungen und Plänen beschäftigt, die das Gesamtsystem der kritischen Philosophie tiefgreifend verändern beziehungsweise erweitern und 3 Jahre später zu seiner dritten und letzten Kritik führen werden, der „Kritik der Urtheilskraft“, die von manchen als „das gewaltigste seiner Werke“ (Windelband) betrachtet wird. Erste Anzeichen für einen solchen Umbau des kritischen Systems lassen sich bereits in der 2. Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“ und in der „Kritik der praktischen Vernunft“ erkennen. Doch hat K. zunächst offenbar sehr viel weniger umfassende Projekte im Auge: im Katalog der Ostermesse 1787 kündigt sein Verleger Hartknoch (voreilig) „Kants Grundlegung zur Kritik des Geschmacks“ an – die Parallele zur „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ liegt zumindest nahe; auch in K.s Briefen ist zunächst nur von einer „Grundlage der Kritik des Geschmacks“ die Rede, dann, seit Dezember 1787, gleichsam als zweiter Schritt, von einer „Critik des Geschmaks“ selber. Die weitere Vertiefung in die damit verbundenen Probleme führt K. jedoch schließlich dazu, die ästhetische Thematik der Schönheit und der Kunst mit der teleologischen Thematik des Organischen in einem und demselben Werk zu verbinden: beide Bereiche finden jetzt in dem Vermögen der „reflectirenden Urtheilskraft“ ein gemeinsames apriorisches Prinzip. So berichtet K. am 12.5.1789 dem Jenaer Philosophieprofessor →Karl Leonhard Reinhold – dessen „Briefe über die Kantische Philosophie“ (1786/87) bei der Durchsetzung der kritischen Philosophie eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben – von einer neuen, umfassenden Schrift: der „Critik der Urtheilskraft (von der die Critik des Geschmacks ein Theil ist)“. In der Tat enthält denn auch das gedruckte Werk, das Ostern 1790 erscheint, zwei fast gleich starke Teile: die „Kritik der ästhetischen“ und die „Kritik der teleologischen Urtheilskraft“.

Mit der Arbeit an der „Kritik der Urtheilskraft“ läuft jedoch spätestens seit dem Frühjahr 1789 noch eine andere Arbeit parallel, die K. über Jahre hinweg stark beschäftigen wird. Sie dient nicht der Ausarbeitung des kritischen Systems, sondern seiner Verteidigung gegen die Angriffe von Seiten des sogenannten Dogmatismus (beziehungsweise der Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie). Der Gegner, gegen den sich K. hier mit befremdlicher Heftigkeit zur Wehr setzt, ist der Verfasser der „Neuen Apologie des Socrates“, Johann August Eberhard, seit 1778 – also seit der Ablehnung des Rufes durch K. – Professor der Philosophie in Halle. Eberhard, ein gewiß nicht unbedeutender Vertreter der deutschen Aufklärungsphilosophie, hatte Ende 1788 in Halle das „Philosophische Magazin“ gegründet, und die eigentliche Stoßrichtung der neuen Zeitschrift galt unmißverständlich der von der Kritik vollzogenen philosophischen „Revolution“. K.s wichtigste Reaktion auf diese Angriffe ist eine Schrift, die gleichzeitig mit der „Kritik der Urtheilskraft“ Ostern 1790 erscheint und den sarkastischen Titel trägt: „Über eine Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht werden soll“. Darüber hinaus aber unterstützt K. Reinhold und seinen Königsberger Kollegen Schultz bei ihren Rezensionen des „Magazins“ in der Jenaer „Allgemeinen Literatur-Zeitung“, dem wichtigsten Kampforgan der sich formierenden Kantianer, wiederholt mit umfangreichen schriftlichen Vorlagen. Auch seine Ausarbeitungen „über die von der Königlich Akademie der Wissenschaften zu Berlin für das Jahr 1791 ausgesetzte Preisfrage: Welches sind die wirklichen Fortschritte, die die Metaphysik seit Leibnitzens und Wolf's Zeiten in Deutschland gemacht hat?“ – sie sind wahrscheinlich in den Jahren 1793/94 entstanden und wurden 1804 von Friedrich Theodor Rink kurz nach dem Tode K.s veröffentlicht – gehören vermutlich in diesen Zusammenhang. Die Bedeutung dieser langen, erbittert geführten Kontroverse mit der „Schulphilosophie“ ist teilweise außerordentlich hoch veranschlagt worden, ja Vaihinger sieht in ihr die eigentliche „Peripetie des Kantianismus“ und die Vorbereitung der idealistischen Philosophie.

Zur Überraschung vieler Zeitgenossen entfaltet K. neben dieser stupenden wissenschaftlichen Arbeit auch noch eine kaum weniger intensive publizistische Tätigkeit „Unser Pr. Kant … wird auf seine alten Tage der fleißigste Autor, wie aus sn Beyträgen zur Berl. Monathsschrift zur allgemeinen Litteraturzeitung, wo er Herder recensirt, zu ersehen“, witzelt Hamann am 9.3.1785 gegenüber Lindner. In der von Biester und Gedike 1783 gegründeten „Berlin. Monatsschrift“, die sich bald zum führenden Organ der deutschen Aufklärung entwickelt, veröffentlicht K. zwischen 1784 und 1796 nicht weniger als 15 Beiträge. Ihre Themen reichen von der Politik und Geschichtsphilosophie bis hin zur physischen Geographie. Die „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ (1784), die „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (1784) und die Abhandlung „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ (1793) sind hier erschienen. In der „Allgemeinen Literatur-Zeitung“ erregt K. vor allem durch seine skeptischen Rezensionen von Herders „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (1785) starkes Aufsehen. In Wielands „Teutschem Merkur“ erscheint der Aufsatz „Über den Gebrauch teleologischer Principien in der Philosophie“ (1788).

In engem Zusammenhang mit dieser publizistischen Tätigkeit für die „Berlin. Monatsschrift“ steht eines der vielschichtigsten und verwickeltsten Kapitel der Biographie K.s: die politischen Schwierigkeiten während der sogenannten Ära Wöllner, die seine Altersjahre in wachsendem Maße überschatten. Schon im September 1786, wenige Wochen nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms II, äußert K. die Befürchtung, er werde „von seinem Brod … kommen“. Doch ändert sich an seiner äußeren Lage zunächst wenig, ja er wird sogar Ende 1786 Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und erhält Anfang 1789, also mit 64 Jahren, als Zeichen der „wahren Zufriedenheit“ des Monarchen eine nicht unbeträchtliche Gehaltszulage; das entsprechende Reskript ist von dem neuen Kultusminister Johann Christoph von Wöllner unterzeichnet. Im Sommer 1791 freilich kursieren in Berlin bereits Gerüchte, man habe K. „das fernere Schreiben untersagt“.

Der eigentliche „Zensurkonflikt“ K.s entzündet sich an seiner späteren religionsphilosophischen Hauptschrift über „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. „Das ganze Werk sollte“ nämlich ursprünglich, wie K. dem Göttinger Theologieprofessor Stäudlin am 4.5.1793 berichtet, „in 4 Stücken in der Berliner Monats Schrift, doch mit der Censur der dortigen Commission herauskommen“. Was K. veranlaßt hat, die Arbeit ohne Not der berüchtigten Berliner Immediat-Examinations-Kommission vorzulegen und den Konflikt damit geradezu heraufzubeschwören, ist nicht mit Sicherheit auszumachen – da die „Monatsschrift“ damals bereits in Jena, also im Ausland, gedruckt wurde, fiel sie, wie K. sehr wohl wußte, juristisch gesehen gar nicht mehr unter deren Zuständigkeit. Jedenfalls passiert das 1. Stück unbeanstandet die Berliner Zensur und erscheint im April 1792 wie geplant unter dem Titel „Ueber das radikale Böse in der menschlichen Natur“; dem zweiten dagegen verweigern die Zensoren Gottlob Friedrich Hühner und Hermann Daniel Hermes am 14.6.1792 die Druckerlaubnis. Eine Eingabe Biesters (vom 15. Juni) und ein außerordentlich mutiges Immediatgesuch desselben an den König (vom 20. Juni) bleiben ohne Erfolg. Angesichts dieser Sachlage entschließt sich K., die vier Beiträge zusammen als Buch zu veröffentlichen. Zur Erlangung der Druckerlaubnis unternimmt er zwei Schritte. Zunächst ersucht er die Theologische Fakultät in Königsberg um die Klärung der Vorfrage, ob die Schrift überhaupt in den Kompetenzbereich der Theologie falle. Nach dem gewünschten und erwarteten negativen Bescheid erhält er dann von Justus Chrst. Hennings, dem Dekan der Philosophischen Fakultät in Jena, wo die Schrift gedruckt wurde, das eigentliche Imprimatur. Bereits Ostern 1793 liegt das Werk im Druck vor.

Während sich in Berlin bereits das Gewitter über K. zusammenbraut – „mit Kantens schädlichen Schriften muß es auch nicht länger fortgehen“, schreibt Friedrich Wilhelm II. am 30.3.1794 eigenhändig an Wöllner – und in Deutschland die verschiedensten Gerüchte („Inquisizion gegen Kant“, Amtsenthebung, Verbannung, Emigration) umlaufen, veröffentlicht K. im Juni 1794 in Biesters „Monatsschrift“ („ehe noch das Ende Ihrer und meiner Schriftstellerey eintritt“) einen weiteren religionsphilosophischen Beitrag über „Das Ende aller Dinge“. In ihm charakterisiert er ein „mit gebieterischer Autorität bewaffnetes“ Christentum (wie Wöllner es praktizierte) als Herrschaft des „Antichrist“, der eben damit „sein (vermuthlich auf Furcht und Eigennutz gegründetes), obzwar kurzes Regiment anfangen“ würde. Über das mit diesem Beitrag verbundene Risiko ist K. sich offensichtlich im klaren; er ist auf alles gefaßt: „überzeugt, jederzeit gewissenhaft und gesetzmäßig gehandelt zu haben, sehe ich dem Ende dieser sonderbaren Veranstaltungen ruhig entgegen“.

Etwa 3 Monate später erhält der 70jährige K., der auf der Höhe seines Ruhms steht, ein scharfes, von Wöllner selbst unterschriebenes Königliches Reskript (vom 1.10.1794). Es gipfelt in der unverhohlenen Drohung, K. habe sich „bei fortgesetzter Renitenz unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen“. In einem ausführlichen Antwortschreiben weist K. zunächst den Vorwurf Wöllners zurück, er habe seine Philosophie „zu Entstellung und Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der heiligen Schrift und des Christenthums mißbraucht“. Am Schluß seines Schreibens aber tut K. –zur Überraschung seiner Freunde wie seiner Gegner – wie so häufig das gänzlich Unerwartete: er verzichtet in aller Form auf jede weitere Äußerung im Felde der Religionsphilosophie. Seine diesbezügliche Erklärung lautet: „so halte ich, um auch dem mindesten Verdachte darüber vorzubeugen, für das Sicherste, hiemit, als Ew. Königliche Maj. getreuester Unterthan, feierlichst zu erklären: daß ich mich fernerhin aller öffentlichen Vorträge die Religion betreffend, es sei die natürliche oder geoffenbarte, sowohl in Vorlesungen als in Schriften gänzlich enthalten werde“. Die Sorge, bei einer längeren Diskussion im Hin und Her von Anklage und Verteidigung zu mehrdeutigen oder mißverständlichen Äußerungen über die Sache gedrängt zu werden, mag bei dieser – immer wieder diskutierten und umstrittenen – Entscheidung eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Nach dem Tode Friedrich Wilhelms II. hat K. die genannten beiden Schriftstücke 1798 in seiner Abhandlung „Der Streit der Facultäten“ selber der Öffentlichkeit vorgelegt. Zu der Formulierung „als Ew. Königliche Maj. getreuester Unterthan“ bemerkt er dabei: „Auch diesen Ausdruck wählte ich vorsichtig, damit ich nicht der Freiheit meines Urtheils in diesem Religionsproceß auf immer, sondern nur so lange Se. Maj. am Leben wäre, entsagte.“

Zuvor aber verlagert K., weit entfernt von Resignation oder Mutlosigkeit, seine schriftstellerische Arbeit auf ein anderes, kaum weniger brisantes Tätigkeitsfeld: das Feld des Politischen. Etwa ein Jahr nach dem Reskript Wöllners, im Herbst 1795, erscheint seine Schrift „Zum ewigen Frieden“. Sie findet eine ungewöhnlich rasche Verbreitung: die 1. Auflage von 2 000 Exemplaren ist in kürzester Zeit vergriffen, noch im gleichen Jahr wird vom Verleger ein Nachdruck hergestellt, bereits ein Jahr später kommt die 2. „vermehrte“ Auflage heraus. Zwei französische Übersetzungen erscheinen 1795 in Bern und 1796 in Königsberg.

Die letzten Schriften, die K. noch selbst zum Abschluß bringt, fallen fast ausnahmslos in den Bereich der praktischen Philosophie. Ihr leitendes Interesse gilt nun aber nicht mehr wie in den 80er Jahren der Grundlegung und Kritik, sondern der inhaltlichen, „doctrinalen“ Ausführung und Vervollständigung des kritischen Systems, oder anders formuliert: der Anwendung der kritischen Grundsätze auf die konkreten Probleme menschlichen Handelns. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der „Metaphysik der Sitten“ zu, die K.s System der Moralphilosophie enthält. Die Pläne zu einem solchen Werk, dessen Idee (darauf hat neuerdings Giorgio Tonelli hingewiesen) innerhalb der Geschichte der praktischen Philosophie ohne Vorläufer zu sein scheint, lassen sich zwar, wie schon ausgeführt, bis in die 60er Jahre zurückverfolgen und treten nach 1785 auch wieder mehr in den Vordergrund, ihre endgültige Realisierung aber scheint, nach den Zeugnissen des Briefwechsels zu urteilen, erst Anfang der 90er Jahre, also erst nach Abschluß der gesamten kritischen Arbeit, in Gang zu kommen. Jedenfalls spricht K. im Dezember 1792 von seiner „unter Händen habenden Metaphysik der Sitten“, im Mai 1793 von der „vorhabenden Metaphysik der Sitten“. Das Werk kommt in 2 Teilen heraus:|Ende 1796 oder Anfang 1797 erscheinen die „Metaphysischen Anfangsgründe der Rechtslehre“, im Spätsommer 1797 die „Metaphysischen Anfangsgründe der Tugendlehre“. Fast gleichzeitig veröffentlicht K. in den von Biester herausgegebenen „Berlin. Blättern“, dem Nachfolgeorgan der „Berlin. Monatsschrift“, den Aufsatz „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“, der gemeinhin als ein besonders krasses Beispiel des sogenannten K.schen Rigorismus verstanden (oder mißverstanden) und kritisiert wird.

Im darauffolgenden Jahr schließlich erscheint K.s „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“, die gleichsam den empirischen Teil der praktischen Philosophie abdeckt. Ihr Thema sind nicht die „reinen“, a priori einsichtigen Imperative des moralischen Verhaltens (der „Sittlichkeit“), sondern die auf Beobachtung und Lebenserfahrung beruhenden Regeln des pragmatischen Umgangs mit Menschen (der „Klugheit“). Diese Schrift, ihre Ausarbeitung fällt allem Vermuten nach in die Jahre 1796/97, nimmt unter K.s Veröffentlichungen eine Sonderstellung ein: sie geht auf die Anthropologievorlesungen zurück, die K. seit dem WS 1772/73 regelmäßig gehalten hat, und ist die einzige Vorlesung, die noch von ihm selbst für den Druck ausgearbeitet worden ist. Zahlreiche Unausgeglichenheiten des Werks, nicht zuletzt die Schwankungen im Begriff der „pragmatischen Anthropologie“ selber, sind wohl auf diese Art der Entstehung zurückzuführen.

Seine übrigen Vorlesungen sind nicht mehr von K. selbst (der allem Vermuten nach im SS 1796 sein letztes Kolleg gehalten hat) veröffentlicht worden. Vielmehr geht K. Anfang des Jahres 1799 daran, die „Koncepte“ und „Papiere“, nach denen er seine Vorlesungen gehalten hatte, zwei jüngeren Kollegen, die früher einmal zu seinen Hörern gezählt hatten, zu übergeben und ihnen die Bearbeitung und Drucklegung derselben zu übertragen. So erscheint 1800, herausgegeben von Gottlieb Benjamin Jäsche, „Immanuel Kants Logik, Ein Handbuch zu Vorlesungen“. 1802 gibt Rink „Immanuel Kant's physische Geographie“, 1803 K.s Vorlesungen „über Pädagogik“ heraus. Durch die umfassende Veröffentlichung des K.schen Nachlasses im Rahmen der Akademie-Ausgabe von „Kant's gesammelten Schriften“ (1911-55) sind diese Ausgaben, so interessant sie für die Wirkungsgeschichte der K.schen Philosophie auch nach wie vor sein mögen, weitgehend überholt und relativiert. Nach seinem Tode sind auch zahlreiche andere Vorlesungen K.s aufgrund von Nachschriften veröffentlicht worden. Von ihnen können hier nur die wichtigsten angeführt werden, so die „Vorlesungen über die philosophische Religionslehre“ (1817) und die „Vorlesungen über die Metaphysik“ (1821), beide herausgegeben von K. H. L. Pölitz, sowie die Vorlesungen über „Menschenkunde oder philosophische Anthropologie“ (1831), herausgegeben von Fr. Ch. Starke [= →Johann Adam Bergk]. Die exakte wissenschaftliche Edition und Analyse aller dieser Vorlesungen, die eine wichtige Ergänzung zu den gedruckten Werken bilden, ist bis heute nicht abgeschlossen.

Das Alterswerk (1796–1804)

K.s letzte Lebensjahre sind in wachsendem Maße von Alterserscheinungen überschattet. Nach den Angaben des Predigers Ehregott Andreas Christoph Wasianski, der in den 70er Jahren K.s „Amanuensis“, also eine Art Hilfsassistent, gewesen ist und dem K. im November 1801 die gänzliche Führung seiner Geschäfte anvertraut, machen sich schon 1799 die ersten Anzeichen des Verfalls bemerkbar: „Kopfbedrückungen“, „Abnahme seines Gedächtnisses“, Verlust des Zeitmaßes und so weiter. Sein großer Verstand, so heißt es bei Wasianski, schlug zwar noch „oft in lichten, selbst blendenden Flammen wieder auf“, loderte aber „bisweilen nur noch unter der Asche“. Die wenigen Briefe, die von K. aus den Jahren 1799-1803 erhalten sind, und der Nachlaß bestätigen dieses Bild.

So kommt es, daß das letzte von K. in Angriff genommene große Werk, das sogenannte „Opus postumum“, das in wichtigen Punkten frühere Auffassungen K.s bewußt zu korrigieren scheint, nicht mehr zum Abschluß gelangt und am Ende nicht der System-, sondern der Prozeßdenker das letzte Wort behält. Die Pläne zu diesem Werk, „das vom Uebergange von der Metaphysik der Natur zur Physik handeln sollte“ (Wasianski), scheinen bis zum Anfang der 90er Jahre zurückzugehen, der früheste zusammenhängende Entwurf (der sogenannte „Oktaventwurf“) stammt nach den Feststellungen von →Erich Adickes aus der Zeit um 1796. K. scheint diesem Werk, an dem er noch in seinem letzten Lebensjahr arbeitet, außerordentliche Bedeutung beigemessen zu haben; nach den Angaben Borowskis und Jachmanns sah er in ihm den „Schlußstein seines ganzen Lehrgebäudes“, nach der Darstellung Hasses sein „Hauptwerk“, sein „Chef d'oeuvre“. In einem Brief an Garve vom 21.9.1798 spricht K. von dem „Tantalischen Schmertz“, „den völligen Abschlus meiner Rechnung, in Sachen welche das|Ganze der Philosophie … betreffen, vor sich liegen und es noch immer nicht vollendet zu sehen“. Bei Wasianski heißt es: „Die Anstrengung, die K. auf die Ausarbeitung dieses Werks verwandte, hat den Rest seiner Kräfte schneller verzehrt. Er gab es für sein wichtigstes Werk aus.“

Das letzte Lebensjahr ist durch einen rapiden Verfall der körperlichen und geistigen Kräfte gekennzeichnet, den K. selber mit schrecklicher Deutlichkeit registriert. Am 8. Oktober 1803 erkrankt er zum ersten Mal in seinem Leben schwer, vier Monate später, am 12.2.1804, Sonntag vormittags um 11 Uhr, setzt der Tod seinem Leben ein Ende.

Wirkungsgeschichte

Die Wirkungsgeschichte der K.schen Philosophie ist nicht ohne Zwiespältigkeit, ja Tragik. Auf der einen Seite nämlich hat K. den weiteren Gang der Philosophie bis hin zur Gegenwart in Problemstellung und Terminologie tiefgreifend beeinflußt. Kaum eine philosophische Richtung der Folgezeit ist nicht in irgendeiner Form davon betroffen. Auf der anderen Seite aber sind die Grundintentionen und -haltungen seines Denkens wohl zu keinem Zeitpunkt in ihrer ganzen Vielfalt genuin aufgenommen und weitergeführt worden, ja es stellt sich die Frage, ob es nicht bestimmte Momente innerhalb der kritischen Philosophie selber gewesen sind, die schon bald eine philosophische Bewegung ausgelöst haben, welche den grundlegenden Überzeugungen K.s diametral widersprach.

Im einzelnen lassen sich in der K.rezeption und -interpretation insbesondere fünf große Etappen unterscheiden, die in der Regel jeweils einen bestimmten Aspekt des K.schen Denkens in den Mittelpunkt gerückt haben: 1. die spontane, „buchstabengetreue“ Kantrezeption nach 1785, die die K.sche Philosophie in zahllosen Handbüchern, Kommentaren, Erläuterungsschriften und Lexika binnen weniger Jahre über ganz Deutschland verbreitet hat (Johann Schultz, Karl Christian Erhard Schmid, der frühe Karl Leonhard Reinhold, Ludwig Heinrich Jakob, Johann Gottfried Karl Christian Kiesewetter, Georg Samuel Albert Mellin und zahlreiche andere); 2. die spekulative K.rezeption des Deutschen Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel), die vor allem durch Jacob Sigismund Becks Schrift über den „Einzig-möglichen Standpunkt, aus welchem die critische Philosophie beurtheilt werden muß“ (1796) vorbereitet worden ist; 3. die erkenntnistheoretische K.rezeption des Marburger Neukantianismus (Hermann Cohen, →Paul Natorp und andere), die um 1871 nach Jahrzehnten der Mißachtung eine bahnbrechende Renaissance der Kantischen Philosophie herbeigeführt hat; 4. die ontologisch-metaphysische K.rezeption nach 1924 (Heinz Heimsoeth, Max Wundt, Martin Heidegger, →Gottfried Martin und andere); 5. die K.rezeption der Gegenwart, die in der europäischen wie in der amerikanischen Philosophie einen nicht unwichtigen Platz einnimmt, aber nur schwer auf einen Nenner zu bringen ist. Sie orientiert sich vornehmlich an den Problemen der Wissenschaftstheorie, der Grundlegung einer praktischen Philosophie und der Geschichtsphilosophie. Darüber hinaus sind auch zahlreiche andere philosophische Schulen unterschiedlichster Provenienz wie der Positivismus, der Pragmatismus, die Phänomenologie, die Existenzphilosophie oder der Kritische Rationalismus mehr oder weniger stark von K. beeinflußt worden.

Die Wirkung, die von K. ausging, beschränkt sich jedoch nicht auf den Bereich der Philosophie. Kaum weniger stark ist seine Ausstrahlung auf andere Wissenschaften, ja auf weite Bereiche des öffentlichen Lebens gewesen. Das gilt vornehmlich für die protestantische Theologie, aber auch für nicht unbedeutende Strömungen innerhalb des Katholizismus, für die Rechtswissenschaft, die Geschichtswissenschaft, die Soziologie und für die Pädagogik. Im Felde des Politischen wären an erster Stelle die preußische Reformbewegungen zu nennen sowie respektable Strömungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, die von dem „neukantischen Sozialismus“ insbesondere Cohens beeinflußt sind. In der Literatur sind es vor allen anderen Schiller und Kleist, die von dem epochemachenden Einfluß der K.schen Philosophie Zeugnis geben.

7. Wilhelm von Humboldt

image.jpeg

Fünf Tage vor seinem Tode richtete →Goethe den letzten Brief seines Lebens an H. Darin heißt es: „Das beste Genie ist das, welches alles in sich aufnimmt, sich alles anzueignen weiß, ohne daß es der eigentlichen Grundbestimmung, demjenigen, was man Charakter nennt, im mindesten Eintrag tue, vielmehr solches noch erst recht erhebe und durchaus nach Möglichkeiten befähige.“ Diese Worte können als eine Selbstschau →Goethes gedeutet werden. Sie können aber auch auf den Adressaten bezogen werden, denn es war H. eigentümlich, sich alles anzueignen, ohne dabei sein Eigentlichstes zu gefährden. Wer heute über das Leben H.s schreibt, muß sich eingestehen, daß er dem schon Bekannten Neues kaum hinzuzufügen hat. Die Werke und die Briefe liegen in musterhaften Ausgaben vor, und sein Leben ist bis in alle Winkel erforscht worden. Darüber hinaus besitzen wir die klassische Biographie→Hayms, die philosophische Würdigung →Sprangers und die kritische Bewertung des Staatsmannes von Kaehler. Nur der Sprachforscher hat bisher keine zusammenfassende Würdigung erfahren (s. II).

Durch Geburt und Umstände gehörte H. der preuß. Aristokratie an, und ein Aristokrat ist er sein Leben lang geblieben, ein Edelmann, dem die Tore der Welt und der Gesellschaft offenstanden. Im Deutschland des späten 18. Jh. gab es nur wenige Mitglieder der geistigen Elite, denen pekuniäre Sorgen erspart geblieben sind. Man denkt unwillkürlich an →Goethe und den einen oder anderen, aber die Mehrheit der großen Deutschen hatte es schwer, sich in der ständisch-aristokratischen Gesellschaft durchzusetzen. Daß H. dies nicht auferlegt wurde, hat sein Leben in zweifacher Weise bestimmt: Es gab ihm Freiheit und Souveränität gegenüber dem Druck feindseliger Umstände, was ihm erlaubte zu schreiben, „am Ende brauchen wir den Dienst nicht, wenn er einmal unangenehm würde“. Positiv gesprochen, gestattete ihm die finanziell gesicherte Position eine Selbsterziehung, die durch kein Fach- oder Zunftgebot eingeschränkt war. Beides zusammen hat die Voraussetzung dafür geschaffen, daß er sich dem goetheschen Ideal der Bildung so öffnen konnte wie kaum ein anderer Zeitgenosse.

Von Hauslehrern erzogen (→Campe, Künth), studiert der Frühreife zuerst in Frankfurt/Oder und 1788 in Göttingen die Rechte, nicht nur, weil es ihn zum Eintritt in den Staatsdienst qualifiziert, sondern weil es einen weiten Ausblick auf das Leben gewährt und das Studium der klassischen Sprachen voraussetzt. Diese haben H. sein Leben lang angezogen und festgehalten. Daneben führen Reisen ins „Reich“, in die Schweiz und 1789 in das revolutionäre Frankreich.

In das gleiche Jahr fällt seine Verlobung mit →Caroline v. Dachroeden. H.s Verhältnis zu Frauen ist nicht einfach zu bestimmen. Seine Jugendbriefe zeigen den Ton der Schwärmerei, die das Gefühlsleben der deutschen Jugend bestimmte. Ihm war der Umgang mit Frauen unerläßlich, um die Totalität seines Wesens in Schwingung zu versetzen. Noch bevor er die Universität bezog, hat er →Henriette Herz nahegestanden. In Göttingen fühlte er sich von →Therese Forster, der Frau seines Freundes, angezogen. Neben solchen Seelenfreundschaften haben gewiß auch andere Beziehungen bestanden. H.war eine sinnliche Natur und war sich des epikuräischen Einschlages in seiner Anlage wohl bewußt. Die Sehnsucht nach Liebe und Liebe im Genuß schien ihr Ziel gefunden zu haben, als H. 1788 →Caroline v. Dachroeden begegnete. Beiden erschien Liebe als die einzig denkbare Form der Glückseligkeit. Für mehr als ein Jahrzehnt hat die Ehe beiden die tiefste Beglückung gewährt, eine Art „individueller Weltschöpfung“, in der sich Ideal und Wirklichkeit zu vermählen schienen. Sie hat auch die Gefährdung überstanden, als beide Gatten Befriedigung bei anderen Menschen suchten und fanden, so etwa 1809 die leidenschaftliche Beziehung zu →Johanna Motherby, die der 40jährige so schwärmerisch verehrte wie ein 14jähriger Gymnasiast. Später tritt →Charlotte Diede, der er schon als Jüngling begegnet war, zum zweiten Male in sein Leben, und er öffnet ihr sein Herz in den berühmten „Briefen an eine Freundin“ (2 Bde., 1909). Man kann also nicht behaupten, daß seine seelische Harmonie nie von den Stürmen der Leidenschaft erschüttert worden sei. Ebenso falsch ist es freilich, die Bedeutung dieser Erlebnisse für H. zu übersteigern und ihn als einen Romantiker darzustellen, der „im Genuß nach Begierde“ verschmachtete. Das heißt nicht nur H., sondern auch den romantischen Typus verkennen. Man darf in diesem Zusammenhange an einen Satz aus seinen autobiographischen Aufzeichnungen erinnern: „Es gibt im Menschen… immer einen gewissen Teil, der nur ihn und sein zufälliges Dasein angeht und recht eigentlich unerkannt mit ihm dahin stirbt. Dagegen gibt es in ihm einen anderen Teil, durch den er mit der Idee zusammenhängt, die sich in ihm vorzüglich klar ausspricht, und von der er das Symbol ist.“ Uns liegt es ob, jenen „zufälligen Teil“ nicht zu verkleinern, aber im Falle H.s bleibt doch,|was ihn mit der Idee verbindet und zum Symbol eines Überpersönlichen macht, das Entscheidende. Auch sind die Sphären des Zufälligen und des Symbolischen, oder wie wir heute sagen würden, des Existentiellen, in H. nicht so scharf getrennt. Neben der Geliebten steht der Freund, ohne den H.s Leben nicht zu denken ist. Es war Caroline selbst, die H. →Schiller zuführte. Für den 8 Jahre Jüngeren bedeutet diese Begegnung den Anfang einer neuen Epoche in seinem Leben. →Schiller ist für H. die Verkörperung alles dessen, wonach er selbst strebt: ein Leben für die Idee und in der Idee. „Mir heißt ins Große und Ganze wirken, auf den Charakter der Menschheit wirken, und darauf wirkt jeder sobald er auf sich und bloß auf sich wirkt.“ Dies ist in jenen Jahren das dominierende Ideal: der Gedanke der Selbstvollendung. Bilde dich selbst, und du wirst auf andere wirken durch das, was du bist. Es war, wie →Haym es ausdrückt, ein idealistischer Quietismus, man könnte auch sagen ein quietistischer Idealismus, der sich in vielem mit den Idealen →Goethes und →Schillers in jenem Jahrzehnt begegnet.

H. war davon durchdrungen, daß diese Selbstvollendung nur auf dem Wege über das klassische Altertum zu erreichen sei. Der antike Mensch war ihm der vollkommene Mensch und die Kenntnis dieser Vollkommenheit dem Historiker wie dem Philosophen und dem Künstler, ja dem Genießenden, unentbehrlich. Wie hätte sich H. damals selbst gesehen? Gewiß nicht als Künstler und kaum als Philosoph, wahrscheinlich aber als Genießender. Denn das war er in jenen Jahren. Nach einer kurzen Zeit im preuß. Staatsdienst scheidet er 1791 aus dem Amt und lebt nun auf den Gütern seiner Frau, bis er 1794 nach Jena übersiedelt, wo Schiller lebt und wohin bald alle führenden Geister Deutschlands tendieren. In diesem Jahrzehnt bleibt H. ein Gebildeter auf der Suche nach seiner Bestimmung und Aufgabe. An Plänen gebrach es nicht, ja es waren ihrer zu viele, und sie waren zu groß konzipiert, um eine Durchführung zu erlauben. Die Schriften „Plan einer vergleichenden Anthropologie“ (1795), „Über männliche und weibliche Form“ (1795), „Über den Geschlechtsunterschied und dessen Einfluß auf die organische Natur“ (1794) kreuzen sich mit kritischen Versuchen beschränkterer Art über „Hermann und Dorothea“ (1799) oder „Über die gegenwärtige franz. tragische Bühne“ (1799). Kein Wunder, daß ihn der Gedanke bedrückte, doch eigentlich nur ein Dilettant zu sein, dem es, wenn nicht an Ausdauer, so doch an Konzentration gebrach. Gewiß ist, daß H. damals noch nicht reif war, sich für eine begrenzte Tätigkeit in einem begrenzten Felde zu entscheiden. Es gehörte Vertrauen in das Glück des Lebens dazu, diesen Weg zu gehen, und daran hat es H. auch nicht gefehlt. Bei aller Bescheidenheit hat er sich doch, wie Goethe, stets als einen „Liebling der Götter“ gefühlt. Es war ihm vergönnt, lange Zeit in Paris zu verbringen (Ende 1797-Sommer 1801), um von dort nach Spanien zu gehen (1799), ein Land, das nur wenige Deutsche vor ihm bereist hatten und an dem ihn vor allem die baskischen Ureinwohner und die baskische Sprache interessierten (Frühjahr 1801 reiste er erneut in die Gascogne und an die Biskaya).

Vielleicht ist es ungerecht, aus der Summe seiner mannigfaltigen Versuche einen herauszusondern und zu sagen, er repräsentiere den ganzen H. Aber seine „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ (1792) sind der Beginn seiner Beschäftigung mit dem Individuum in seinem Verhältnis zur Menschheit, also kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu. Schon 1791 hatte sich H. mit dem Problem des Staates beschäftigt, das durch die Franz. Revolution in ein neues Licht gerückt worden war. Er war damals höchst skeptisch und glaubte nicht, daß das franz. Vorbild Nachahmung finden würde. Ein Jahr später warf er die Frage auf, welchen Zweck die ganze Staatseinrichtung besitze und welche Schranken ihr gesetzt werden sollen. H. wollte alle jene Tätigkeiten dem Zugriff des Staates entziehen, die der freien, ungehemmten Wirksamkeit der Bürger entspringen. Der Einzelne wurde der Gemeinschaft übergeordnet, das Individuum dem Staate. „Der wahre Zweck des Menschen … ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte.“ Die Sorgfalt des Staates für das positive Wohl seiner Bürger hindre die Entfaltung der Individualität und Eigentümlichkeit des Menschen. Daraus zieht H. den Schluß, daß der Staat sich jeder Sorgfalt für das Wohl seiner Bürger zu enthalten habe und sich auf die Sicherstellung gegen innere und äußere Feinde beschränken müsse. Er lehnt nicht nur den aufgeklärten Despotismus, sondern auch die Repräsentativ-Verfassung ab. Selbst die öffentliche Erziehung wird verworfen, da sie darauf gerichtet ist, den Menschen in bürgerlichen Formen zu bilden, statt ihn zu einem freien Gebildeten zu machen. Es ist leicht zu erkennen, daß H.s Entschluß, dem preuß. Staate den Rücken zu kehren, aus tiefeingewurzelter Überzeugung erwachsen war. H.s Schrift ist eines der ersten großen Bekenntnisse des deutschen Liberalismus, wirklichkeitsfremd und verstiegen in seiner Unbedingtheit. Wie →J. P. Gooch es ausgedrückt hat, „his state was only possible in a community of Humboldts“. Und doch kann man in der Rückschau auf die Geschichte des deutschen Liberalismus nur wünschen, daß dieser der idealistischen Frühkonzeption treuer geblieben wäre, als er es schließlich gewesen ist. Eine Wirkung war H.s Versuch freilich nicht beschieden, da nur Teilstücke seiner Schrift an die Öffentlichkeit gelangten und das ganze erst viel später bekannt wurde (1851), also zu einer Zeit, wo für den aristokratischen Individualismus H.s weder Raum noch Verständnis bestand.

Doch täte man H. Unrecht, wollte man behaupten, es sei ihm nur um das Individuum zu tun. Die Bildung der Individualität findet ihre notwendige Ergänzung in der Universalität, aus beider Verbindung am Ende die Totalität hervorgeht. Nur der besitzt die wahre Humanität, der diese Dreiheit errungen hat. H. selbst hat sich nach langem Zögern doch dazu verstanden, dem preuß. Staate zu dienen, freilich in einer Stellung, die ihn kaum zum Einsatz seiner intellektuellen oder moralischen Person verpflichtete. Er bewarb sich um die Stellung des preuß. Residenten beim Vatikan und wurde 1802 zum Geheimen Legationsrat ernannt. Im gleichen Jahre trifft er in Rom ein und richtet sich in der Villa di Malta auf dem Monte Pincio ein. Wären Selbsterfüllung und menschliche Glückseligkeit die einzigen Triebfedern seiner Existenz gewesen, so hätte er in Rom die Antwort auf alle jene Fragen finden müssen, die den Stetig-Unstetigen bewegten. Seine Briefe aus dieser Zeit atmen eine tiefe Harmonie zwischen „Individualität“ und Welt. Vor ihm lag das unerschöpfliche Panorama der urbs aeterna als ein ständiger Anreiz zu Studium und Genuß, und er fand einen Kreis kongenialer Künstlernaturen, der ihn befruchtete und dem er selbst zum Mäzen wurde. Zwar fehlte es auch nicht an tragischen Erlebnissen. Zwei seiner Kinder starben am röm. Fieber. Aber weder dies, noch der Tod Schillers hat die Magie der Stadt zu zerstören vermocht. H. empfand den Drang der Geschäfte weniger drückend, als er gefürchtet hatte. Er erledigte sie mit der Leichtigkeit des Mannes, der zum Regieren geboren war. Diese Fähigkeit wird sich auch später bekunden und schafft Muße für seine künstlerischen und philosophischen Interessen.

Während rings um ihn die Welt in Kämpfen zittert, das Hl. Röm. Reich zerfällt und →Napoleons Großmacht aufsteigt, scheint H. auf seinem „Zauberberg“ ein verwunschenes Dasein zu führen. Aber als 1808 aus dem geschlagenen Preußen der Ruf kam, sich dem Vaterland zur Verfügung zu stellen, hat er doch kaum gezögert. Im Okt. 1808 verläßt er Rom, und schon wenige Monate später wird er zum Geh. Staatsrat befördert. Er wird Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht im Ministerium des Innern. Es folgen 10 Jahre unermüdlicher Tätigkeit, in der H. nicht nur in die Vorfront der Reform-Generation aufrückt, sondern zum Staatsmann von europ. Ruf wird. Gewiß liegt hier eine Wandlung vor, aber doch kein Bruch. Der Kontemplative entdeckt in sich Kräfte, die bisher nur geschlummert hatten, er weiß sie zum Nutzen des Gemeinwesens anzuwenden, mit dem er sich nun identifiziert. Die beschauliche Seite seines Wesens wird davon jedoch nicht ausgelöscht; inmitten der Staatswirren findet er die Sammlung, an seiner Übertragung des Aeschylus zu arbeiten, und selbst in den Augenblicken der höchsten Anspannung verraten seine Briefe eine Distanz vom täglichen Geschehen, die einzigartig ist. Er wußte menschliche Schwächen mit dieser Serenität zu bekämpfen und zu überwinden. Es war die Wahrheit, als er seiner Frau schrieb: „Wie Du mich kennst, ich bin in meinem Leben auf niemanden böse.“ Das hieß freilich nicht, daß er frei von Ehrgeiz war. Er hatte eine sehr klare Vorstellung von dem, was er schaffen wollte, und glaubte darum, daß ihm ein Platz gebühre, an dem er alle seine Kräfte einsetzen könne, sei es als Minister oder als Botschafter. Vielleicht war dies sogar die Achillesferse des sonst Unverwundbaren, jedenfalls hat sein Ehrgeiz dazu beigetragen, seiner politischen Tätigkeit ein vorschnelles Ende zu bereiten.

Wir sehen heute die preuß. Reformbewegung in einem anderen Licht als die Generation →F. Meineckes. Es war ihr kein voller Erfolg beschieden, aber sie darf doch auch nicht schlechtweg als ein Fehlschlag bezeichnet werden. H.s Werk und Leben geben Zeugnis von diesem Zwiespalt. Niemand kann leugnen, daß ihm die Neugestaltung des preuß. Unterrichtswesens zu danken ist, auch wenn man der Mitarbeit von →Nicolovius und →Süvern eingedenk bleibt. Ihr Kernstück war die Errichtung der Univ. Berlin, die H. schon 1810 ins Leben rief. Seine Denkschrift „Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin“ (1809) darf auch heute noch als ein mustergültiger Ausdruck dessen betrachtet werden, was die Universität bis in unsere Zeit dargestellt hat: „das geistige Leben des|Menschen, die äußere Muße oder inneres Streben zur Wissenschaft oder Forschung“. Die Univ.Berlin wurde zum Mittelpunkt des wissenschaftlichen Lebens in Deutschland und zum Vorbild späterer Gründungen. Daneben wurde das humanistische Gymnasium zur Basis des höheren Unterrichts gemacht und so die deutsche Erziehung für ein Jahrhundert auf die Prinzipien des Neuhumanismus eingeschworen.

Da H. seine Ideen über die notwendige Organisation der Staatsbehörden nicht durchsetzen konnte, bat er den König schon nach einem Jahr (1810) um seinen Abschied. Der König und Hardenberg aber wollten dieses außerordentliche Talent nicht verlieren, und so wurde er zum Gesandten in Wien ernannt. Wien war nach Paris der wichtigste diplomatische Posten, da die Vermählung →Napoleons mit →Maria Louise Österreich zum stillschweigenden Verbündeten Frankreichs gemacht hatte. Von Anfang an hat sich H. die Aufgabe gestellt, den widerwilligen →Kaiser Franz und den skeptischen →Metternich für die große Allianz gegen →Napoleon zu gewinnen. Es war ein diplomatischer Sieg ersten Ranges, daß ihm dies nach 3 Jahren gelang. Im August 1813 schrieb er an Caroline: „Ich stehe auf dem Punkte, den ich zu erreichen wünschte. Ich habe jetzt eine wichtige Sache im Leben durchgesetzt.“ Aber nichts zeigt diesen komplizierten Geist besser als die Tatsache, daß er sich 5 Tage nach der Schlacht von Leipzig mit einem klassischen Philologen über seine Übertragung des Agamemnon unterhielt.

Als preuß. Gesandter folgte er den siegreichen Armeen über den Rhein und verfaßte im Winter 1813 die erste Denkschrift über die zukünftige Verfassung Deutschlands. Er schlug vor, daß sich alle deutschen Fürsten durch ein gegenseitiges Verteidigungsbündnis zu einem Ganzen zusammenschließen sollten. Ein solches Bündnis würde von den großen Mächten Europas garantiert werden, aber Österreich und Preußen sollten die eigentlichen Schutzmächte dieser Föderation sein. Die Verteidigung des Bundes sollte allen deutschen Fürsten obliegen, aber die Erklärung des Kriegsfalles war Österreich und Preußen vorbehalten. In jedem deutschen Staat sollten Stände eingerichtet oder wiederhergestellt werden. Gut eingerichtete Stände, sagte H., seien nicht bloß eine Schutzwehr des Bürgers gegen die Regierung, sie erhöhten auch „das Gefühl der Selbständigkeit in der Nation“. Sollte das Deutsche Reich wieder auferstehen, so müßten dem neuen Oberhaupt wahre Reichsstände zur Seite stehen.

Als der Krieg dann nach Frankreich hineingetragen wurde, mußte H. sich eingestehen, daß „das Friedensmachen eins der undankbaren Geschäfte“ sei. Er wurde zum Wortführer der preuß. Großmachtansprüche. So war es fast selbstverständlich, daß er im Sommer 1814 zusammen mit →Hardenberg Preußen auf dem Wiener Kongreß vertrat. Mehr und mehr war er durchdrungen von der Notwendigkeit, „eine so enge Verbindung als möglich zwischen dem Volk und den höheren Ständen“ anzuknüpfen, da letzthin doch alle Frische der Nation im Volke liege. Als →Napoleon aus Elba floh, war H. entschlossen, den Kampf bis zum Ende durchzuführen. In einer Beratung der leitenden Staatsmänner sagte er: „Kein Friede und kein Waffenstillstand mit ihm.“ Nach dem Ende des 2. Feldzuges setzte er zum zweiten Male seine Unterschrift unter den Friedensvertrag mit Frankreich. Vielleicht war dies der Grund, warum die franz. Regierung es ablehnte, ihn 1816 als Gesandten in Paris zu akkreditieren. Nach einigem Zögern übernahm er den gleichen Posten in London, jedoch mit dem Vorbehalt, daß dies nur als ein Übergang zu einem Posten im Ministerium betrachtet werden dürfe.

H. war davon durchdrungen, daß Preußens Aufgabe in Deutschland noch nicht abgeschlossen sei, daß Preußen anstreben müsse „die Verbesserung und Erweiterung der Bundesakte in Absicht aller inneren Einrichtungen, welche das Recht zu sichern und Willkür zu entfernen bezwecke“. H. wollte nicht, daß Deutschland unter preuß. Führung ein erobernder Staat werden sollte, „da man jetzt wohl weiß, welche bedeutenden Vorzüge in geistiger und wissenschaftlicher Bildung die deutsche Nation, so lange sie keine politische Richtung nach außen hatte, erreicht hat, aber es noch unausgemacht ist, wie eine solche Richtung auch in dieser Rücksicht wirken würde.“

Angesichts eines solchen Programms moralischer Eroberungen Preußens in Deutschland kann man es wohl verstehen, daß er darauf bestand, nur unter bestimmten Bedingungen in das Ministerium einzutreten. Aber diese Forderungen konnten leicht als Ehrgeiz ausgelegt werden, den Kanzler →Hardenberg selbst zu ersetzen. Die Beziehungen H.s zu dem Fürsten waren während des Kriegs und des Kongresses die besten gewesen, hatten sich aber seit 1817 ständig verschlechtert. H. wollte Minister des Auswärtigen werden, ein Amt, das sich Hardenberg vorbehielt. Wer an dem Zerwürfnis zwischen den beiden Männern die Schuld trägt, ist schwer zu sagen; gewiß ist, daß H.s Ehrgeiz dem Fürsten verdächtig war. Allen Erwartungen zum Trotz wurde H. im Januar 1819 in das Kabinett berufen, mit dem Auftrage, „die ständischen Angelegenheiten“ zu betreuen. Aber er hätte sich nicht verbergen dürfen, daß dieser Posten ihn unaufhaltsam in einen Konflikt mit Hardenberg treiben mußte, der ihm am Tage der Ernennung schrieb: „Ich arbeite jetzt an einer Konstitution, deren Beschleunigung der König nun ernstlich will.“ Schon im Febr. 1819 legte H. seinen eigenen Entwurf für eine landständische Verfassung Preußens vor. Er wollte die Verfassung nicht nur, weil sie feierlich versprochen worden war, sondern um den Bürger in seinem zivilen Geiste zu bestärken. Daher hielt er es auch für notwendig, Grundrechte in die Verfassung einzubauen. Diese sollten das Eigentum garantieren und die Freiheit des Gewissens und der Presse gewährleisten. Sie würden nicht nur dem einzelnen zugute kommen, sondern dem Staate selbst. Die Stände sollten nicht nur beratend, sondern beschließend an der Gesetzgebung teilnehmen. Das Recht der Steuerbewilligung, beziehungsweise der Steuerverweigerung, das 1862 eine so große Rolle spielen sollte, wollte H. den Ständen jedoch nicht zugestehen. H.s Plan war gemäßigt, durchaus nicht radikal. Die Einführung der ständischen Vertretung sollte, wie es einst auch Stein geplant hatte, stufenweise vor sich gehen. H. zeigt sich hier durchaus als der Staatsmann des Möglichen; jeder utopische Einschlag fehlt seinem Entwurf. Und doch ist er gescheitert.

Das Jahr 1819 war ein Krisenjahr für Deutschland. Am 20.9.1819 waren die Karlsbader Beschlüsse vom Deutschen Bund sanktioniert worden. Die Frage erhebt sich natürlich, was geschehen wäre, wenn Preußen H.s Pläne durchgeführt hätte. Aber der König war zu ängstlich und unentschlossen, einen solchen Schritt zu wagen, Hardenberg mißtraute H. aus persönlichen Gründen, und die Aristokratie mißbilligte jede Verfassung, die zu einer Beschneidung ihrer Privilegien führen mußte. Am 31.12.1819 wurde H. aus dem Amt entlassen; die Pension, die der König ihm zuerkannte, wies er zurück. Wir wissen heute, daß die Entlassung H.s ein Verhängnis für Preußen und Deutschland wurde. Sie bestärkte alle jene Kräfte des Autoritätsbewußtseins, der Klassenherrschaft und des Militarismus in Preußen, die einer friedlichen Entwicklung der gesellschaftlichen Energien den Weg verstellten.

H. hat dies nicht verhüten können und hat sich in das Unvermeidliche ohne Groll gefügt. Er war einer jener wenigen Menschen, auf die →Lord Actons Wort von der Macht, die korrumpiert, nicht zutrifft. Er erstrebte Macht nur, um objektive Ziele zu verwirklichen. Wo dies nicht möglich war, hat er die Macht gelassen an jene weitergegeben, die sie nur um ihrer selbst willen erstrebten. Wie er an Stein schrieb, wollte er nicht „vom Aktentisch ins Grab taumeln“ und hoffte, daß man nie wieder an ein Amt für ihn denken würde. „Für mich beschäftige ich mich jetzt mit Wissenschaft wie sonst.“ Und so folgen denn auf 10 Jahre intensiver politischer Wirksamkeit 15 Jahre der Kontemplation und des Studiums. Diese 15 Jahre sind im Ertrag für die Geisteswissenschaften so bedeutsam wie das Jahrzehnt seiner politischen Wirksamkeit für den Staat. Er zieht sich auf den Familienbesitz in Tegel zurück und läßt sich hier von Schinkel „eine Wohnung mit Gips und Marmor“ einrichten. Dem alternden H. wird nun die Humanität der gesamten Menschheit zum Problem. „Sonst pflegte ich mich in eine einzige Individualität einzuspinnen, und die ganze Welt in sie gleichsam aufzunehmen; jetzt scheinen sich mir alle im Ganzen der Menschheit zu verlieren.“ Die Werkzeuge auf diesem neuen Wege werden das vergleichende Sprachstudium und die Besinnung auf die Aufgaben des Geschichtsschreibers. In beiden Bereichen stößt H. zu neuen Erkenntnissen vor. Seine Abhandlung „Über die Aufgaben des Geschichtsschreibers“ (1822) setzt programmatisch die Linie, auf der sich später die deutsche Historiographie von →Ranke bis zu →Dilthey entwickeln wird. 1830 veröffentlicht er eine „Vorerinnerung über Schiller und den Gang seiner Geistesentwicklung“. Er schreibt an →Charlotte Diede: „Ich hatte mir das Alter immer reizend und viel reizender als die früheren Lebensepochen gedacht.“ Obschon auch er dem Alter seinen Zoll an Krankheit und körperlicher Gebrechlichkeit hat entrichten müssen, bleibt er sich doch selber treu, und seine Briefe atmen einen unvergleichlichen Freimut und ebenso viel Stolz wie Bescheidenheit. Als er 1835 starb, konnte man wohl sagen, daß ihm gelungen war (so weit dies ein Mensch überhaupt vermag), was er als die größte Aufgabe der Menschheit bezeichnet hatte: „sich selbst zu einem Symbole des Weltalls umzuschaffen“. Es war ein faustischer Wunsch, und H. bleibt in seinem Wesentlichen eine Gestalt des Goetheschen Zeitalters. In dieser Epoche steht er einzigartig da durch die abgewogene Harmonie von vita activa und vita contemplativa, für die man vergebens nach einer Parallele sucht.

II

Obwohl dem Staatsmann H. kein bleibender Erfolg beschieden war und seine idealistische Bildungsidee, deren lebendige Verkörperung er selber war, über den Versuch einer Realisierung nicht hinauskam, blieb er im allgemeinen Bewußtsein fixiert als der Mann, der z. B. über „die Grenzen der Wirksamkeit des Staates“ schrieb und in enger Verbindung zu unseren Klassikern stand. Selbst noch Eppelsheimers Handbuch der Weltliteratur erwähnt 1947 nichts von den zahlreichen sprachwissenschaftlichen Werken, die er in 25 Jahren schuf, ganz zu schweigen von seiner einzigartigen Bedeutung auf diesem Gebiet. Zwar wurde seinen Arbeiten zu seinen Lebzeiten kein unmittelbarer Erfolg zuteil; schon Steinthal, der Herausgeber seiner linguistischen Werke, stellte fest: „H. hat als Sprachforscher auf keinen seiner älteren oder jüngeren Zeitgenossen in spezifischer Weise, d. h. durch die ihm eigentümlich angehörenden, von ihm geschaffenen Ideen eingewirkt. Er hat wohl von den Schlegels, den Grimms, den Bopps gelernt, sie aber von ihm durchaus nicht.“ Die Rezeption seiner Gedankenfülle ist ein sehr langsamer und längst noch nicht abgeschlossener Prozeß. Der Grund liegt einerseits in der Wissenschaftsentwicklung von der Indogermanistik zur allgemeinen Linguistik, andererseits in der Einzigartigkeit von H.s Werk selbst, das Ausdruck seiner Forscherpersönlichkeit ist.

In der gesamten Geschichte der Sprachwissenschaft gibt es niemand, der wie er ausgedehnte und eindringliche Kenntnis verschiedenster Sprachstämme mit einem wahrhaft umfassenden Sprachdenken verband. Während die Sprachphilosophen im allgemeinen keine eigentlichen Linguisten waren oder nur solche mit einer sehr schmalen Basis, waren die Linguisten selber keine Sprachdenker oder waren es nur in einer rudimentären und unzulänglichen Weise. Bei H. aber ist sein jahrzehntelanges Bemühen um die Erkenntnis des Wesens der Sprache ständig gespeist von seinem auf eigener Forschung beruhenden außerordentlichen Wissen über die Besonderheiten der Einzelsprachen und andererseits jede Spezialuntersuchung auf deren Gebiet (etwa „Über den Dualis“, 1827) geleitet und durchdrungen von seiner Erkenntnis sprachlicher Erscheinungen überhaupt. Er konnte ausgehen von den klassischen und geläufigen modernen Sprachen und fügte im Laufe der Zeit das Baskische, Ungarische und Tatarische, Indianersprachen, Sanskrit, Chinesisch, Japanisch, Birmanisch, Alt-Javanisch und die semitischen Sprachen hinzu.

Ein Blick auf die Titel seiner Schriften vermag schon die Vielseitigkeit seiner Forschungen und die dominierende Interessenrichtung zu zeigen; ständig wechselt das Allgemeine mit dem Speziellen. Dafür ist schon sein Anfang bezeichnend. Er begann mit einer „Einleitung in das gesamte Sprachstudium“ (1810/11) – und er blieb ein Mann der großen Einleitungen –, gleichzeitig erschienen (1811) im 4. Band von Adelungs und Vaters großer Sprachensammlung „Mithridates“ seine „Berichtigungen und Zusätze zum 1. Abschnitt des 2. Bandes des ‚Mithridates'“, über die kantabrische oder baskische Sprache, Frucht einer Spanienreise, die er schon um die Jahrhundertwende unternommen hatte. Im folgenden Jahre erscheint die „Ankündigung einer Schrift über die baskische Sprache und Nation“, worin er schon seine Grundauffassungen von der Sprache als einem Organismus, in dem alles auf Analogie beruht (entsprechend Cuviers Organismusbegriff) und seine Zielsetzung für alles Sprachstudium niederlegt. Ausgehend von vollständiger Zergliederung (Morphologie) der Einzelsprachen, soll man sie als organische Einheiten und schließlich als nationale Charakter- und Geistesformen erfassen, um schließlich aus allen diesen zur „Sprache als Menschheitsausdruck“ zu gelangen. Das ist von vornherein das höchste Ziel, dessen Erreichung im Grunde alle folgenden Arbeiten bis hin zur letzten und umfangreichsten dienten. Hervorgehoben sei nur noch: „Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung“ (1820), worin er nicht nur Aufgaben und Methoden der Linguistik, sondern auch ihre fundamentalen Begriffe entwickelt. Sein bedeutendstes und umfassendstes Werk über die Sprache aber war sein letztes: „Über die Kawisprache auf der Insel Java“ (3 Bde., 1836–40), weil es die 434 Seiten lange Einleitung „Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts“ enthielt.

Da H. ständig die vielen Aspekte des Phänomens Sprache vor Augen hat, gerät er nicht in Gefahr, einseitig zu werden, d. h. aber auch: Er bietet kein System, das sich leicht übernehmen ließe. Da es ihm immer um die Totalität des Phänomens Sprache geht und eine gültige Terminologie nicht vorhanden ist (sowenig wie heute), muß er versuchen, ihr mit seinen eigenen sprachlichen Mitteln beizukommen; er ist jedoch kein so begnadeter Schriftsteller, daß er die immer schwierig zu fassenden sprachlichen Erscheinungen schlagend und definitiv zu bezeichnen vermöchte,|vielmehr leiden seine Ausführungen manchmal unter einer gewissen schwerfälligen Unbestimmtheit, die handliche Begriffe verhindert. Dies ist ein Grund, warum sein Werk nicht die verdiente Geltung fand, ein anderer ist in den spektakulären Erfolgen der reinen Indogermanisten seiner und der folgenden Zeit zu sehen.

H.s sprachwissenschaftliches Werk ist noch unausgeschöpft, lediglich angezapft. Es enthält fundamentale Einsichten in das Wesen der Sprache und – mit andern Benennungen – schon eine Reihe von Lehren, die dann im 20. Jh. die Entwicklung der Sprachwissenschaft bestimmt haben. H.s spiraliges Denken umkreist die Sprache ständig von neuem, bezeichnet ihr Wesen und ihre Aspekte immer neu, und wenn Widersprüche aufzutreten scheinen, muß man sich zuerst fragen, von welchem Gesichtspunkt er sie gerade sieht. Zum Teil kann er sie nur in Antinomien fassen. Er behandelt das Sprachvermögen als gemeinmenschliche Anlage (und nennt in diesem Zusammenhang die Sprache einen „intellektuellen Instinkt der Vernunft“) und ebenso als persönliche Fähigkeit und im Zusammenhang damit das Problem des Verstehens (ein Ausgangspunkt der modernen Erzeugungsgrammatik); die Sprache als „das bildende Organ des Gedankens“, als eine energeia und ein ergon, eine wirkende Kraft und ein Werk (im „eigentlichsten Sinne“, nämlich als Sprechen, nur ersteres) – diese Worte sind viel (und verzerrend) nachgeredet worden. Energeia = Sprechen = Saussures ‚parole', ergon = Sprache = Saussures ‚langue'. Die einseitige Auffassung der Sprache als energeia ist die Grundlage der energetischen Sprachbetrachtung Weisgerbers und seiner Schule sowie der Amerikaner Sapir und Whorf. Die Sprache ist sowohl individuelles als auch gesellschaftliches („nationales“) Erzeugnis. Sie macht von endlichen Mitteln einen unendlichen Gebrauch (von den amerikan. Vätern der Erzeugungsgrammatik als ihr Grundprinzip zitiert). Angelegt ist ferner schon bei H. Saussures Unterscheidung von diachronischer und synchronischer Sprachwissenschaft sowie seine grundlegende Auffassung der Sprache als eines Systems, in dem alles sich gegenseitig bedingt, usw. H. erkennt die Sprache als subjektives und zugleich objektives Gebilde, als Abbild und Zeichen, als ein zugleich Geistiges und Körperliches, Form und Stoff (wobei er zu seinen tiefsten Einsichten kommt). Er untersucht die Fülle der wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Individuum und Sprachgemeinschaft, innerer Form und Lautform, Wort und Begriff, Denken und Sprache, Sprache und Wirklichkeit; vor allem der letztere Komplex beschäftigt ihn immer wieder. Und da diese Lehre von der vom Denken bestimmten und das Denken bestimmenden, die Wirklichkeit schaffenden und den Menschen daran bindenden Sprache von größter Bedeutung ist und starken Widerhall fand, sei hier H. selbst knapp zitiert, zugleich als Beispiel für seinen Stil: „Durch die gegenseitige Abhängigkeit des Gedankens und des Wortes voneinander leuchtet es klar ein, daß die Sprachen nicht eigentlich Mittel sind, die schon erkannte Wahrheit darzustellen, sondern weit mehr, die vorher unerkannte zu entdecken. Ihre Verschiedenheit ist nicht eine von Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst.“ „Wie der einzelne Laut zwischen den Gegenstand und den Menschen, so tritt die ganze Sprache zwischen ihn und die innerlich und äußerlich auf ihn einwirkende Natur. Er umgibt sich mit einer Welt von Lauten, um die Welt von Gegenständen in sich aufzunehmen und zu bearbeiten … Der Mensch lebt mit den Gegenständen … so, wie die Sprache sie ihm zuführt. Durch denselben Akt, vermöge dessen er die Sprache aus sich herausspinnt, spinnt er sich in dieselbe ein, und jede zieht um das Volk, welchem sie angehört, einen Kreis, aus dem es nur insofern hinauszugehen möglich ist, als man zugleich in den Kreis einer anderen hinübertritt.“ Mit alldem ist die Fülle der Gedanken und Einsichten H.s nur angedeutet.

8. Sophie Mereau 

image.jpeg

M. verbrachte ihre Jugend in Altenburg. Nach ihrer ersten Heirat wurde sie zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten im geselligen Jena, das sich zu dieser Zeit zum literarischen Zentrum der Frühromantik entwickelte, und stand zugleich im Mittelpunkt des Universitätslebens, wobei sie vor allem studentische Kreise an sich band. 1795 befreundete sie sich mit dem Jurastudenten →Johann Heinrich Kipp (1773–1834) aus Lübeck. Ein Jahr später – nach Auflösung dieser Beziehung – reiste sie mit ihrem neuen studentischen Verehrer →Georg Philipp Schmidt (1766–1849) aller Etikette zum Trotz zusammen nach Berlin. Im Sommer 1798 lernte sie, ebenfalls als jenaischen Studenten, →Clemens Brentano kennen, dem sie erste Gelegenheiten vermittelte, umfangreichere Werkveröffentlichungen zu verwirklichen. Im Sommer 1800 kam es nach einer vorübergehenden Phase engster freundschaftlicher Beziehungen zwischen M. und Brentano zu einem zunächst scheinbar endgültigen Zerwürfnis; Brentano verließ Jena, da er dort grundsätzlich keine Ehe schließen konnte, ohne seine akademischen Rechte als ordentlicher Student zu verlieren. Während Brentanos Abwesenheit von Jena verstärkte sich der Einfluß Friedrich Schlegels auf M.; dieser hatte zusammen mit seiner späteren Frau Dorothea gegen die Beziehung zu Brentano intrigiert. Zu M.s Freundeskreis zählte damals auch Stephan August Winkelmann, der als ehemaliger Studienfreund Brentanos diesem auch während seiner Entfremdungsphase ständig über M. berichtete. Unter dem Vorsitz Johann Gottfried Herders wurde M. am 21.7.1801 von ihrem Mann geschieden. Über ein Jahr lang lehnte sie eine Aussöhnung mit Brentano ab, bis sie im Dezember 1802 selbst die Beziehung zu ihm wieder aufnahm. Am 29.11.1803 fand in Marburg die prot. Trauung statt. Im Mai 1804 wurde ein Sohn, im Mai 1805 eine Tochter geboren, die jedoch beide wenige Wochen nach der Geburt starben. An der Totgeburt eines dritten Kindes starb M. selbst; ihre Tochter Hulda aus erster Ehe blieb zunächst unter der Obhut Brentanos.

M. gehörte zu den vielseitigsten und produktivsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Ihre literarischen Werke umfassen Gedichte, Erzählungen, Romane, Idyllen sowie Übersetzungen aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und Spanischen; dazu kommt die Herausgeberschaft, Mitarbeit und Redaktion bei Musenalmanachen und Taschenbüchern. Ihr Wirken bewegte sich im Spannungsfeld von Klassik und Romantik, von Aufklärung und Empfindsamkeit. Für ihre freundschaftliche Verbindung zu Romantikern wie Friedrich Schlegel, Brentano oder Achim v. Arnim war es kein Hindernis, daß sie auch mit einem Opponenten der romantischen Bewegung wie Friedrich Schiller in literarischem Gedankenaustausch stand und mit ihm zusammenarbeitete. Schiller begründete M.s literarische Karriere, indem er ihre Arbeiten als erster in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Thalia“ 1791 und später auch in der Zeitschrift „Horen“ sowie in seinem Musenalmanach veröffentlichte. Eine Aufführung von Corneilles „Cid“ in M.s Übersetzung kam jedoch nicht zustande, und während der Ehejahre mit Brentano zog sich M. mehr und mehr aus der literarischen Öffentlichkeit zurück.

Ihre beiden Romane „Das Blüthenalter der Empfindung“ (1794) und „Amanda und Eduard“ (1803) stehen außerhalb der Tradition des Entwicklungs- und Bildungsromans ihrer Zeit. Ihr Handlungsgefüge ist durch Stimmungsbilder und Schilderungen von Landschaftseindrücken unterbrochen, die zugleich die Zufälligkeit der einzelnen Episoden widerspiegeln. Moralisch-sittliche Konventionen sind durchbrochen; stattdessen regieren Genuß und Liebe ein Leben abseits bürgerlicher Wert Vorstellungen. Literaturgeschichtlich steht ihr Erzählwerk unter dem Einfluß von „Empfindsamkeit“ und „Sturm und Drang“. Dabei ist der Standort M.s als Schriftstellerin nicht eindeutig von der Belletristik des Trivial- oder Unterhaltungsromans getrennt. Der Einfluß des Tagesgeschehens und Lebensalltags erklärt sich aber nicht aus mangeldem Selbstwertgefühl der Autorin; vielmehr ist die Zeitnähe Ausdruck eines Interesses an der realen Lebenssituation, für deren Bewältigung in der Literatur um 1800 allgemein der Generationskonflikt ein verbreitetes Modell darstellt. Inneres und äußeres Erleben durchdringen sich in M.s Romanen, so daß die Darstellung der Realität keine sozialpolitischen Konsequenzen zur Sprache bringt oder gar in Gang setzt. Norden und Süden sind ebenso konstituierende Merkmale ihrer Landschaftsbeschreibungen wie der Gegensatz von Alt und Jung in der Personendarstellung. Amerikasehnsucht und Französische Revolution sind bei M. Stereotype des zeitgenössischen Romangenus, keine politischen Chiffren. Ihre Romane sind, insofern sie auf literarische Vorläufer zurückgreifen, weniger Erlebnisdichtung als Literaturkritik in poetischer Form; der Zusammenhang mit der Romantik ist an dieser Stelle ihres Werks leicht zu erkennen. Den in Schillers Nachfolge stehenden klassizistischen Naturgedichten verdankte M. ihren Ruhm als Lyrikerin. Sie war eine der ersten Frauen, die nach ihrer Scheidung Schreiben als Beruf ausübten und von ihren Einkünften daraus lebten.

9. Bettina von Arnim 

image.jpeg

Biografie

Bis zu ihrem 13. Jahr wurde B. im Pensionat des Ursulinerinnen-Klosters in Fritzlar erzogen, dann im Hause des Vaters in Frankfurt, war aber nach dem Tod der Eltern häufig bei der Großmutter La Roche in Offenbach. Nach deren Tode wechselte sie wiederholt ihren Aufenthalt, Geschwistern folgend, lebte in Kassel, von wo aus sie im Frühjahr 1807 Goethe zum ersten Mal besuchte, in München, in Landshut u. a. Orten und kam 1810 mit K. F. von Savigny nach Berlin. Dort heiratete sie →Achim von A.. Mit diesem wohnte sie abwechselnd in Berlin und in Wiepersdorf, nach seinem Tod (1831) mehr in Berlin.

Der Verbindung deutschen und italienischen Blutes verdankte B., wie ihr Bruder Clemens, außergewöhnliche Lebendigkeit und große künstlerische Gaben, ohne wie jener in sich zerrissen und von Sehnsucht und Dämonen getrieben zu sein. Vielmehr war sie eine aus dem eigenen Wesenskern lebende Persönlichkeit, immer ganz ihrem Gefühl folgend, von unerhörter Lebensintensität und köstlicher Unmittelbarkeit, die ihr doch bewußt war, ganz unbürgerlich allen Konventionen ins Gesicht schlagend, nur dem Augenblick hingegeben. Von ihrer empfindungsstarken Phantasie und Freude am Spiel und Vexieren fortgerissen, hat sie es nicht immer ernst genommen mit der buchstäblichen Wahrheit, und doch konnte J. Görres mit Recht „das schöne, große, unverfälschte Naturell in ihr und die große Wahrheit in ihrem Innersten“ rühmen. Bis in ihr hohes Alter hat sie sich die Begeisterungsfähigkeit ihrer Jugend bewahrt und die Gabe außerordentlicher persönlicher Wirkung auf andere Menschen, rätselhaft wohl auch und koboldartig und voller Mutwillen, aber zündend wie elektrische Funken, das Tiefste in ihnen aufrührend und sie mit sich fortreißend im Schwung ihrer Seele, die sie selbst „eine leidenschaftliche Tänzerin“ nannte. Sie hat sich die Freundschaft von Menschen sehr verschiedener Art erworben, in ihrer Jugend die der Dichterin Caroline von Günderode, die, fünf Jahre älter, in einem adeligen Damenstift in Frankfurt lebte, A.s, ihres Schwagers Savigny, L. Tiecks, der Frau Rat Goethe, dann Goethes selbst und später der →Brüder Grimm, Schleiermachers, Gneisenaus u. a., junger Männer wie Philipp Nathusius', Emanuel Geibels, sowie der Rahel Varnhagen und auch ausländischer Frauen; sie hat aber auch Menschen geringer Stellung ihrer Freundschaft gewürdigt. Mit liebendem Mitgefühl zu helfen bereit und von starkem Rechtsgefühl getrieben, hat sie sich eingesetzt für politisch Verfolgte und Verfemte und andere Menschen, denen Unrecht geschehen war, und in persönlicher Aufopferung, so während der Choleraepidemie 1831, Krankheit und Elend zu mildern gesucht. Dem Leben wie der Kunst gegenüber besaß sie einen scharfen, unbeirrbaren Blick für Echtheit und Größe. Wie sie der Persönlichkeit und der Kunst Goethes in einer Liebe und Verehrung von geradezu religiöser Inbrunst gehuldigt und anderen das Verständnis für sie erschlossen hat, so hat sie auch für Beethoven geworben, gerade auch, obwohl vergeblich, bei Goethe, und ist als eine der ersten von dem Genius Hölderlins und der Sprache seiner Dichtung berührt worden. B.s künstlerische Begabung war außerordentlich vielseitig, im ganzen mehr aufnehmend und dilettantisch sich betätigend als wirklich schöpferisch. So in der Musik, die ihr Lebenselement war, in der sie aber nur mit einigen Liederkompositionen hervorgetreten ist. Auf dem Gebiet der bildenden Kunst hat sie, von einzelnen Zeichnungen abgesehen, sich ganz auf ein plastisches Werk konzentriert, das sie seit dem Anfang der 20er Jahre beschäftigt hat, das Goethe-Denkmal. Ihre dichterische Begabung hat sie selbst angezweifelt. Ein paar Gedichte und kleine Märchen von ihr sind auch nicht von besonderer Bedeutung, bemerkenswerter ihre, freilich nicht ganz sichere, Mitarbeit an dem Märchen ihrer Tochter Gisela „Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns“ (herausgegeben von O. Mallon, 1926).

In den Briefwerken ihres Alters aber hat sie Halbdichtungen ganz einmaliger und unvergleichbarer Art geschaffen: Briefwechsel, die sie mit Goethe (Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, Seinem Denkmal, 1835), mit Caroline von Günderode (Die Günderode, 1840), mit ihrem Bruder Clemens (Clemens Brentanos Frühlingskranz aus Jugendbriefen ihm geflochten wie er selbst schriftlich verlangte, 1. [einziger] Band, 1844) und als ältere Frau schon mit dem jungen Ph. Nathusius (Ilius Pamphilius und die Ambrosia, 1848) tatsächlich geführt hat, hat sie für die Veröffentlichung sehr frei bearbeitet, die einzelnen Briefe auch wohl zerstückelt und die Teile neu zusammengestellt, neue Briefe und Briefteile erfunden, auch Briefe anderer Schreiber und Motive aus gedruckten Werken hinzugenommen, die Zeitfolge mißachtet usw., aber mit all dieser Willkür die betreffende Freundschaftsbeziehung, wie sie war oder wie sie nach B.s Wunsch hätte sein können. und auch andere Menschen ihres Umgangs, vor allem aber ihr eigenes Wesen um so lebendiger heraustreten lassen und den einzelnen Werken einen einheitlichen künstlerischen Charakter gegeben. Wohl fehlt es diesen Büchern, besonders dem ersten, an Komposition, aber sie sind Empfindungsausdruck, sprühend von Leben, und der Stil ihrer eigenen Briefe ist von einem rhythmischen Schwung, der seinesgleichen sucht, und bei aller Sprunghaftigkeit sehr anschaulich in den von Stimmung gesättigten Landschaftsbildern, in der Darstellung kleiner Vorgänge aus dem Leben und in der Fülle von Menschengostalten. Darüber hinaus bricht sich im „Frühlingskranz“, in der „Günderode“ und in dem „Tagebuch“, das im Goethebuch mitgeteilt wird, der Reichtum romantischen Gefühlslebens und romantischer Ideenwelt, auf religiösem Gebiet und im Erleben der Natur und der Liebe, in B.s Seele wie in einem buntschillernden Prisma. Daß diese zur Selbstbespiegelung neigende Frau in all ihren Werken nur sich selbst ausspreche und widerspiegele, hat man stark betont. Aber es ist ihr doch auch gelungen, die Persönlichkeit der Frau Aja lebendig werden zu lassen und in deren Erzählungen die Kindheit und das Wesen Goethes, so daß dieser B.s Aufzeichnungen von Gesprächen mit seiner Mutter als eine Quelle für „Dichtung und Wahrheit“ verwenden konnte. Schon das gibt „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ historische Bedeutung. Und als dieser in einer Zeit erschien, die dem Dichter schon entfremdet war, und einen lebhaften Streit der Meinungen auslöste, ging davon ein neuer Aufschwung der Goethe-Verehrung aus, mochte B.s Beziehung zu Goethe oder vielmehr die Goethes zu ihr darin auch anders erscheinen, als sie in Wirklichkeit gewesen war.

Goethes Mutter ist auch eine Hauptgestalt des Werkes „Dies Buch gehört dem König“ (1843), das an Friedrich Wilhelm IV. gerichtet ist, mit welchem B. in Briefverkehr stand, und bei recht krauser Gesamtkomposition in Erzählungen der Frau Rat und mancherlei Gesprächen religiöse, politische und soziale Fragen bereden läßt, wesentlich vom liberalen Standpunkt, aber mit Nachwirkungen romantischen Ideengutes, besonders in der Auffassung des Königs und des Verhältnisses von König und Volk, und mit warmem, menschlichem Sicheinsetzen für soziale Verantwortung und Gerechtigkeit. Es erhielt eine Fortsetzung in den „Gesprächen mit Dämonen“, die als „Des Königsbuchs zweiter Band“ 1852 erschienen. Diese beiden Bücher und andere Schriften noch zeigen die Romantikerin, die in ihrem Alter auch mit einer neuen Zeit und ihr noch vorauszugehen vermochte. Bedeutungsvoller aber war, daß sie im Alter ihre eigene Jugend sich bewahrt hatte und in ihren anderen Büchern den ganzen seelischen Reichtum ihres romantischen Jugenderlebens und die Fülle und Tiefe menschlicher Beziehungen, in denen sie gestanden, hatte festhalten und wieder ausströmen können.

10. Friedrich Schlegel

image.jpeg

S. wurde zunächst seinem Onkel Johann August, danach seinem Bruder →Moritz zur Erziehung anvertraut. 1789 brach er eine auf väterlichen Wunsch begonnene Kaufmannslehre bei Bankier Schlemm in Leipzig ab und begann 1790 ein Jurastudium in Göttingen, wo er mit seinem Bruder →August Wilhelm die Vorlesungen des Altphilologen →Christian Gottlob Heyne (1729–1812) hörte. 1791 wechselte er nach Leipzig, wo er zusätzlich Philosophie und Geschichte studierte und sich 1792 mit →Friedrich v. Hardenberg (Novalis, 1772–1801) befreundete. Wegen Geldmangels brach er sein Studium 1794 ab und zog zu seiner Schwester Charlotte nach Dresden, wo er sich einem intensiven Selbststudium der griech. Literatur widmete. Im Sommer 1796 folgte er seinem Bruder nach Jena, wurde mit Fichte, Goethe, Herder und Wieland bekannt und geriet mit Schiller in Streit über dessen Kunstauffassung. 1797 zog er nach Berlin um, lernte im Salon von Rahel Levin(-Varnhagen) seine zukünftige Frau kennen und schloß enge Freundschaft mit →Ludwig Tieck (1773–1853) und →Friedrich Schleiermacher (1768–1834). Zusammen mit seinem Bruder gab er die für die Frühromantik richtungweisende Zeitschrift „Athenäum“ (3 Bde., 1798–1800, Neudr. 1973) heraus. Seit 1799 wieder in Jena, habilitierte er sich hier 1800 und hielt Vorlesungen über Transzendentalphilosophie, die auch Hegel besuchte. Nach dem Zerfall des Jenaer Romantikerkreises 1801 zog er 1802 nach Paris um, gründete dort die Zeitschrift „Europa“ (2 Bde., 1803–05) und begann das Sanskritstudium. Nach seiner Heirat übersiedelte er 1804 nach Köln und hielt für die Brüder →Sulpiz und →Melchior Boisserée Privatvorlesungen über Literaturwissenschaft und Philosophie (Phil. Vorlesungen aus d. J. 1804-1806, hg. v. →C. J. H. Windischmann, 2 Bde., 1836/37). Seine zusammen mit seiner Ehefrau vollzogene Konversion zum Katholizismus sowie die Veröffentlichung seiner Schrift „Über die Sprache und Weisheit der Indier“ (1808), in welcher er mit dem Pantheismus in der zeitgenössischen Philosophie abrechnet, waren ein entscheidender Wendepunkt in S.s Leben. Noch 1808 zog er nach Wien und wurde 1809 Sekretär der Hof- und Staatskanzlei. 1810 hielt S. in Wien vor ausgewähltem Publikum seine Vorlesungen „Über die neuere Geschichte“ (1811), 1812 las er die Metternich gewidmete „Geschichte der alten und neuen Literatur“ (1815). 1812/13 gab er die Zeitschrift „Dt. Museum“ heraus und schrieb 1814 Verfassungsvorschläge für den Wiener Kongreß (1814). 1815-18 war S. österr. Legationsrat am Bundestag in Frankfurt/M., 1819 begleitete er als Kunstsachverständiger Ks. →Franz auf einer Italienreise. Der Wiener Romantikerkreis (→Adam|Müller, →Franz v. Baader, →Carl Ludwig Haller, Franz Bucholtz, →Zacharias Werner) bildete sich um die von S. herausgegebene „Concordia“ (6 Hh. 1820–23, Neudr. 1967). Die konservative Ausrichtung dieser Zeitschrift führte 1828 zum Zerwürfnis zwischen S. und seinem Bruder →August Wilhelm.

In seiner Abhandlung „Über das Studium der Griechischen Poesie“ (1797) sowie in seiner in →Johann Friedrich Reichardts Zeitschrift „Deutschland“ (Bd. 1, 1796) erschienenen Rezension von Schillers Musenalmanach für das Jahr 1796 entwarf er seine Grundauffassung von moderner Poesie, die zur Abzweigung der Romantik von der Klassik führte. Im Gegensatz zu Schiller behauptete S., daß das „Besondere, Individuelle, Eigenartige“ – das er unter den Oberbegriff des „Interessanten“ (gegenüber Schillers „Schönem“) subsumierte – das Spezifikum moderner Dichtung sei. August Wilhelm verbreitete die Ideen seines Bruder in den Wiener Vorlesungen „Über dramatische Kunst und Literatur“ (3 Bde., 1809–11) als Botschaft der dt. Romantik an Europa.

Als spiritus movens der Jenaer Romantik beschränkte S. seine kritische Reflexion keineswegs auf die Literatur, sondern setzte sich lebenslang mit philosophischen Fragen auseinander. Die von ihm neu konzipierte „hermeneutische Kritik“ soll ein poetisch reflektierendes Verstehen entfalten, das sich ausdrücklich auf die Individualität und das vom Individuum in der Geschichte Geschaffene und Verstandene bezieht. Kritik als „universalphilosophische Kunst“ besagt ein „symphilosophierendes“ Gespräch mit dem Kunstwerk und den überlieferten literarischen Denkmälern, wobei das Unvollständige am Werk gemäß seinem individuellen Ideal zur Vollendung gebracht wird.

Als vorzügliches Ausdrucksmittel für die individuelle Widerspiegelung des Unendlichen galt S. die fragmentarische Darstellungsart. S. nennt das Fragment die eigentliche Form der „Universalphilosophie“; nur ein „System von Fragmenten“ als Verflechtung der „formlosen Formen“ vermöge das differenzlose Spiel des Unendlichen angemessen auszudrücken. Die romantische Dichtkunst sollte nach dem Vorbild der griech. Mythologie eine neue Mythologie aus der „tiefsten Tiefe des Geistes“ herausbilden, die als Lehrerin der Menschheit alle Formen sozialen Lebens kreativ zu bestimmen und zu durchdringen hätte.

S. versuchte, die zentralen Paradoxien und Widersprüche der modernen Kunst durch seine Bestimmung der Ironie zur Sprache zu bringen. Durch Ironie werde gezeigt, wie aus dem differenzlosen Chaos des Unendlichen eine künstlerische „Welt“ entspringen kann. Denn die Ironie offenbart die Vergänglichkeit und Brüchigkeit der menschlichen Existenz, die sich im künstlerischen Schaffen über sich selbst hinwegsetzt, und dabei ein Gefühl von der „Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung“ erregt (Lyceum-Fragment Nr. 108). In den Spätvorlesungen „Philosophie der Sprache und des Wortes“ (1827-29, gedr. 1830) erwartete S., daß die „Ironie der Liebe“ den scheinbaren Widerspruch von Endlichem und Unendlichem durchschaubar machen werde.

Nach seiner Konversion verschärfte sich S.s Abneigung gegen die logisch-diskursive Denkweise. Er legte immer mehr Nachdruck auf das von ihm befürwortete Gegenbild derselben: die „Philosophie des Lebens“ (1827, gedr. 1828), die „Philosophie der Sprache“ (1829) und die „Philosophie der Geschichte“ (1828, gedr. 1829), die aus der Tiefe der Offenbarung ihren positiven Anstoß erhalten. Gott als Quelle des Lebens wird demnach nicht mehr als abstraktes Sein und leerer Begriff gedacht, sondern als Leben und lebendiges Dasein. Die Sprache verstand S. dabei als „Faden der Erinnerung und Überlieferung“, der unterschiedliche Völker miteinander verbindet und ihre gegenseitige Kommunikation ermöglicht. Die ethische Dimension der Lebensphilosophie besteht dabei im verantwortlichen Verhältnis jedes Individuums zu seinem eigenen Leben. Mit dem Triptychon der Vorlesungen (Phil. d. Lebens; Phil. d. Gesch.; Phil. d. Sprache u. d. Wortes) vollendete S. seine „positive“ Philosophie.

S.s Einfluß erstreckt sich auf nahezu alle Bereiche der Geisteswissenschaften: Im dt. Sprachraum gilt er als Begründer der Literaturkritik; in ganz Europa stand sein Name im 19. Jh. als Synonym für die Opposition gegen den Klassizismus; S.s autobiographisch geprägter und v. a. wegen seiner geschlechteremanzipatorischen Passagen umstrittener Roman „Lucinde“ (1799) inspirierte →Thomas Mann und →Robert Musil; seine Kunst- und Lebensphilosophie beeinflußte sog. postmetaphysische Denker wie →Dilthey, →Heidegger und Walter Benjamin.

11. Caspar David Friedrich 

image.png

F. genoß seinen ersten Kunstunterricht bei dem Architekten und Universitätszeichenmeister Johann Gottfried Quistorp in Greifswald, dem Freunde des Dichters Kosegarten, des Freundes und Gönners von Runge. 1794-98 besuchte er die Kunstakademie in Kopenhagen, wo er die übliche Ausbildung im Freihandzeichnen, Zeichnen nach Gips und nach Modell erhielt und in die Landschaftstradition des 18. Jahrhunderts durch die Berührung mit der Kunst Ch. August Lorentzens (dessen Unterricht er genoß), Jens Juels' und Erik Pauelsens hineinwuchs. 1798 siedelte er nach Dresden über, das um jene Zeit durch die Anwesenheit der Gebrüder Schlegel, des Novalis, Jean Pauls, Schellings und Steffens' zu einem Mittelpunkt der deutschen romantischen Bewegung wurde. Dort schloß sich F. der Schule Adriaen Zinggs (des Dresdener Hauptes der Prospektenzeichner), Ch. Klengels und Jacob Seidelmanns an, ohne aber zu einem dieser Künstler in ein Schülerverhältnis zu treten, und verdiente sich durch die damals beliebte Prospektmalerei (Federzeichnungen, Sepiablätter) seinen Lebensunterhalt. Den ersten Erfolg brachte dem Künstler die Beteiligung an der Ausstellung der Weimarer Kunstfreunde 1805. Goethe erkannte ihm für 2 Sepiablätter den halben Preis zu und würdigte seine Arbeiten in der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung. Seit dieser Zeit stand F.mit Goethe in Beziehung, ohne daß sich freilich ein näheres Band knüpfte. In den Jahren der französischen Fremdherrschaft schloß sich F. in Dresden einem Kreise Gleichgesinnter an, zu dem der Maler Ferdinand Hartmann, der Philosoph Gotthard Heinrich von Schubert, der Dichter Heinrich von Kleist und der Philosoph Adam Müller gehörten. In F.s ärmlichem Atelier in der Pirnaischen Vorstadt wurde vermutlich zuerst Kleists „Hermannschlacht“ vorgetragen. – Seit 1807 begann F. sich der Ölmalerei zu widmen. Bald war sein Name in aller Munde. In den Weihnachtstagen 1808 gab er in seinem Atelier ein Gemälde zur Besichtigung frei, das für den Altar in der Hauskapelle der Gräfin Thun und Höllenstein auf Schloß Tetschen in Böhmen bestimmt war, das Kreuz im Gebirge (Dresden, Staatliche Gemäldegalerie). Die Kühnheit des Werkes in Thema und Formensprache rief die Kritik auf den Plan (Basilius von Ramdohr, in: Zeitung für die Elegante Welt, 1809). F.s Gesinnungsgenossen nahmen für den Angegriffenen Partei. Der Tetschener Altar wurde zu einem Programmwerk der neuen romantischen Kunst. – Die folgenden Jahre festigten F.s Ruf. 1816 wurde er Mitglied der Dresdener Akademie, 1824 außerordentlicher Professor. Seine Hoffnung, nach Klengels Tod ordentlicher Professor zu werden, schlug freilich fehl. Hier zeigt sich bereits der Umschlag des Kunstideals zugunsten der Düsseldorfer Schule, der F. mehr und mehr vereinsamen ließ. Kränklichkeit und wirtschaftliche Not haben sein Alter überschattet. 1835 lahmte ein Schlaganfall seine Kräfte. Seit 1837 hat er nicht mehr arbeiten können. – Zu den Freunden seiner späteren Jahre gehörten der norweg. Landschaftsmaler Ch. Clausen Dahl, der seit 1820 sein Hausgenosse war, und der Arzt, Naturforscher und Philosoph C. G. Carus, dessen 1815-24 geschriebene „Neun Briefe über Landschaftsmalerei“ dem Umgang mit F. ihre Entstehung und ihr Gepräge verdanken.

In dem Nachruf, den Carus seinem toten Freunde widmete, heißt es, daß F. „mit einem durchaus tiefsinnigen und energischen Geiste und auf absolut originale Weise in den Wust des Alltäglichen, Prosaischen, Abgestandenen hineingriff und, indem er ihn mit einer herben Melancholie niederschlug, aus dessen Mitte eine eigentümlich neue leuchtende poetische Richtung hervorhob“. Über die Zugehörigkeit F.s zur romantischen Bewegung und über seine kunstgeschichtliche Stellung in der Geschichte der Landschaftsmalerei kann nichts Treffenderes gesagt werden.

Schon in der Thematik seiner Bilder wird der Gegensatz zur barocken Landschaftsmalerei deutlich. F. liebt es, seine Landschaften mit symbolischen Zeichen, Kreuzen, gotischen Ruinen, vaterländischen Gedächtnismalen, Schiffen und Schiffstrümmern auszustatten. Er gibt die Natur gern als einsame, oft verlassene Natur, die nicht mehr Wohnstätte des Menschen, sondern Urlandschaft ist. Er liebt das Elementare, mag es ihm nun als Meer oder als Gebirge entgegentreten, und das nordisch Dunkle, das die Zeitgenossen mit dem Worte „ossianisch“ umschrieben haben. – Gern steigert F. das einzelne Motiv über das gegenständlich Zulässige hinaus, monumentalisiert und verabsolutiert es und läßt Natur- und Menschenlaut in eins zusammenklingen. Das Bild des|Morgens wird zum Gleichnis des Weltenwerdens und des Lebensmorgens, das Bild einer winterlichen Landschaft zum Gleichnis des Winterlichen schlechthin wie dem der Verlassenheit und des Todes. Mensch, Baum, Bauwerk, Stein wachsen über ihr begrenzt gegenständliches Sein zu unbegrenzt allgemeiner Bedeutung. Alle Gegensätze werden von einer großen Gesamtstimmung umfangen, die zugleich das Erlebnis des Künstlers widerspiegelt. – Der neuen Thematik entspricht eine neue Bildform: Rahmenlosigkeit, unvermitteltes Gegeneinandersetzen übernah gesehener Vordergründe gegen weite und ferne Hintergründe, ornamentale, fast flächenhafte Linienführung, die aus dem Gegensatz des Begrenzten und Unbegrenzten ihre stille, manchmal unheimliche Kraft zieht, dünn und spitz aufgetragene Farbe, die, ohne sinnlichen Reiz, die symbolische Aussage der Zeichnung verstärkt, besonders bezeichnend das Grauviolett in verschiedenen Abstufungen, das die Formen entkörperlicht und unfaßbar macht.

12. Henriette Herz

image.jpeg

H. heiratete nach damaliger jüdischer Sitte bereits als 15jährige →Markus Herz. Um die junge, auffallend schöne Frau des berühmten Arztes und Wissenschaftlers sammelten sich sehr bald die Liebhaber der zeitgenössischen Literatur. Klopstocks Oden, Goethes „Werther“ und sein „Götz von Berlichingen“ wurden gelesen und erregten die Gemüter. Freimaurerische und pietistische Einflüsse führten zur Gründung eines sogenannten Tugendbundes, in dem schwülstige Briefe und heimliche Küsse getauscht wurden, Pfänder- und Schäferspiele einer Jugend sich auszuleben halfen, die zu früh schon zu den Erwachsenen gezählt worden war.

Dennoch hielten einige dieser Freundschaften lebenslang. Die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt, Carl Laroche, →Gottfried Schadow, Dorothea Veit geboren(e) Mendelssohn, Franz Leuchsenring, Sara und Marianne Meyer (später als Baronin Grotthus und Marianne von Eybenberg aus Goethes Freundeskreis in den böhmischen Bädern bekannt geworden) zählten sich dem Tugendbund zu; Therese Heyne, Sophie Schubert und Caroline von Dacheröden (die künftigen Gattinnen Georg Forsters, Clemens Brentanos und Wilhelm von Humboldts) wurden korrespondierende Mitglieder. Später stießen die Grafen Dohna und, zuerst als flüchtiger Gast, auch Schleiermacher zu dem Kreis. Nach dessen Anstellung als Prediger an der Charité 1796 und seinen nun häufigen Besuchen beim Ehepaar H. wurde die auf den Konversationston gestimmte Geselligkeit des Tugendbundes durch die langsam reifende Freundschaft zu Schleiermacher abgelöst, wenn auch die Problematik der H.schen Ehe, die Kinderlosigkeit, die Trennung durch ein halbes Lebensalter, sich sichtbarer darstellte als vorher. Durch den Umgang mit Schleiermacher entfaltete sich H.s mütterlich fraulicher Charakter. Ihm vertraute sie ihre Not an, für niemanden wirken zu können. Er gab ihrem Denken Richtung und Halt, als sie nach dem Tode ihres Gatten 1803 recht hilflos und verarmt zurückblieb. In der Schleiermacherschen Familie fand sie ein Jahrzehnt später zu jener Gelassenheit, die ihr bis ins hohe Alter blieb, so daß sie trotz ihrer Verarmung wöchentlich einen Freitisch für Studenten hielt und sich für die dienstsuchenden Mädchen, die vom Lande in die jäh anwachsende Stadt kamen, hilfreich einsetzte.

H.s Leben ist charakteristisch für das einer Berliner Jüdin ihrer Generation. Die Loslösung aus der Geborgenheit des jüdischen Glaubens ging der politischen Emanzipation|von 1812 vorauf, wenn auch der Trugschluß, die politische Assimilation durch die Taufe zu beschleunigen, sich schon nach der Ermordung Kotzebues in der sogenannte(r) Reaktionszeit erwies. Die Judenschaft hatte aber in Preußen dank der Politik Friedrichs II., der ihr zwar noch immer die Ausübung einer großen Zahl bürgerlicher Berufe untersagt, ihre weltweiten Finanzverbindungen jedoch zu nutzen und zu honorieren verstanden hatte, eine Sonderstellung in der Gesellschaft der aufstrebenden Stadt erreicht. Ihre Häuser waren zu Zentren der Geselligkeit geworden, in denen besonders die Frauen, frei von den Einschränkungen der feudal-absolutistischen Gesellschaftsordnung, ihren Teil an der Entwicklung des liberalen Denkens in Berlin leisten konnten, denn in ihren Salons trafen sich Prinzen, der hohe und niedere Adel, Künstler, Hofschauspieler, Wissenschaftler und Politiker. Der Weg zur geistigen Emanzipation der Frau wurde hier vorbereitet.

H.s Salon hatte noch vor der Eröffnung von Rahel Varnhagens Salon eine neue, der höfischen und bürgerlichen Geselligkeit konträre Form des geselligen Lebens geschaffen, und aus ihrem Kreise waren nachhaltige Wirkungen auf die Entwicklung Berlins zur geistigen Hauptstadt Preußens ausgegangen.

13. Novalis 

image.png

H. hat lange Zeit hindurch als „romantischer Dichter“ kat' exochen gegolten. An der Legende seines Lebens, an dem Bilde des frühvollendeten Jünglings, dem die geliebte Braut entrissen wurde und der auf ihrem Grabe sich entschloß, ihr nachzusterben, haben schon die Zeitgenossen, namentlich Tieck, mitgewirkt. Ihm erschien H. als „die reinste und lieblichste Verkörperung eines hohen unsterblichen Geistes“, dessen irdisches Leben uns mit einem „sonderbaren Schauer“ berührt. Andere hoben seinen „ätherischen Geist“ hervor, für den das ganze Dasein sich in eine „tiefe Mythe“ auflöste (Steffens). Er war der Dichter, der in seinen „Hymnen an die Nacht“ in mystischer Weltflucht Liebe, Traum und Tod als die zentralen Erlebnisse einer anderen, irrationalen Welt besang; der in seinem Roman „→Heinrich von Ofterdingen“ die Sehnsucht nach der blauen Blume als Sinnbild romantischer Sehnsucht überhaupt gestaltete; dem als Märchendichter schließlich Welt und Geschichte in einem magischen Wunderglauben sich ins Märchen verwandelten. Die gedankliche Leistung seiner Fragmente und philosophischen Studien, von denen freilich im 19. Jahrhundert nur weniges gedruckt vorlag, wurde entweder nicht beachtet oder als flüchtiges und letzthin verantwortungsloses Philosophieren abgetan. Auch sein beruflicher Werdegang mit der erstaunlich gründlichen Ausbildung in naturwissenschaftlichen und kameralistischen Fachgebieten wurde als störend empfunden. „Es macht aber eine sonderbare Wirkung und stört doch, wenn man sich den Novalis als Amtshauptmann oder als Salzbeisitzer denkt. Das ist entsetzlich!“ (Kerner an Uhland) Als eine fast unirdische Erscheinung lebte H. im Gedächtnis der Nachwelt fort und verführte seine Biographen immer wieder dazu, Leben und Werk unter mythischen Aspekten zu deuten und darzustellen. „Was sich in H.s Leben ereignete…, kann nicht anders als unter dem Zeichen eines Mythos gesehen werden“ (Hiebel). Die Novalis-Legende rief freilich schon frühzeitig Kritik hervor, an ihr entzündete sich zum Beispiel der Spott Heines und des Jungen Deutschland. Aber sie wirkt bis heute nach und scheint unzerstörbar. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde H. als ein Dichter und Theoretiker entdeckt, bei dem „Romantik fast genau Modernität bedeutet“ (Th. Mann). Vielfach sind seine Wirkungen auf den französischen Symbolismus, auf Keats und Poe, Nerval und Maeterlinck, auf Hofmannsthal, Musil, Benn und andere bezeugt. Die moderne Lyrik hat entscheidende Anregungen durch ihn erfahren und beruft sich auf H. als ihren Ahnherrn; der moderne Roman verdankt seinen kunsttheoretischen Erörterungen überraschende Anstöße. In fast allen Bereichen der Wissenschaft hat er antizipierend gewirkt. Zwischen dem Bilde eines schwärmerischen Romantikers, der an Schwindsucht starb, und dem Bilde des hochintellektuellen Dichters und Denkers, für den Poesie ein „Tun und Hervorbringen mit Wissen und Willen“ war und in dessen Bewußtheit sich|die moderne Künstlerexistenz vorgebildet fand, klafft ein unüberbrückbarer Riß. In dieser Ambivalenz der Wirkungsgeschichte liegt das eigentliche Deutungsproblem seines Werkes, zu dessen Lösung das Biographische zwar beitragen, aber nicht letzten Aufschluß vermitteln kann.

H. verlebte seine Kindheit auf dem Schloß Oberwiederstedt in einem Elternhaus von strenger pietistischer Frömmigkeit. Sein Vater hatte sich nach dem Tode der ersten Frau, der ihm als Strafe Gottes für sein „sehr weltliches Leben“ erschien, an die Herrnhuter Brüdergemeine angeschlossen, wenn auch nur als Freund, nicht als Mitglied. Anfangs still und träumerisch veranlagt, ist der neunjährige Knabe nach einer schweren Erkrankung 1781 wie umgewandelt und wird von seinem damaligen Hofmeister K. Ch. E. Schmid als ungewöhnlich selbsttätig, originell und phantasiereich charakterisiert. Ein vorübergehender Aufenthalt im Hause des Oheims Friedrich Wilhelm von Hardenberg in Lucklum bei Braunschweig, dessen weltmännische Lebensart ganz im Gegensatz zu der Atmosphäre des Elternhauses stand, wirkte bestimmend auf ihn ein. 1785 übersiedelte die Familie nach Weißenfels. Auf dem Gymnasium in Eisleben schloß H. 1790 seine Schulbildung ab und bezog im Oktober die Universität Jena, um Jurisprudenz zu studieren. Aus den Jahren 1788-91 liegt ein bisher nur zum Teil veröffentlichter Nachlaß von ersten dichterischen Versuchen vor, der ungewöhnlich umfangreich ist und die literarische Bildungswelt des jungen H. spiegelt. Neben zahlreichen Gedichten anakreontischen Inhalts, bei denen vor allem Johann Nikolaus Götz, Wieland, J. G. Jacobi und Gotter als Muster gewirkt haben, stehen empfindsamere Gedichte nach Muster des Göttinger Hainbundes, vor allem der Brüder Stolberg, Bürgers und Höltys, stehen vaterländische Oden und Gesänge nach Muster Ramlers und Klopstocks, zu denen zahlreiche Übersetzungen antiker Autoren, namentlich Vergils, Theokrits, Pindars und Horaz' treten. Auch in Verserzählungen und Dramenentwürfen versucht sich der junge H. Praktisch reizt ihn alles zur Nachahmung, was in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Rang und Namen hatte, und der Umfang dieses Jugendwerkes widerlegt die Auffassung, daß erst die späteren biographischen Ereignisse den Weg zum dichterischen Beruf eröffnet haben. – In Jena wirkten damals C. L. Reinhold als Lehrer der Kantischen Philosophie und Schiller als Professor der Geschichte, beiden trat H. persönlich nahe, und vor allem Schiller übte einen tiefen Einfluß auf ihn aus. Jedenfalls steht das erste Gedicht, das er 1791 in Wielands „Teutschem Merkur“ veröffentlichte, ganz unter dem Eindruck dieser Begegnung. In Leipzig, wo er 1791/92 sein Studium fortsetzte, schloß er Freundschaft mit Friedrich Schlegel, und dieses Verhältnis sollte trotz zeitweiliger Unterbrechungen bestimmend für die Begründung der sogenannten Jenaer Frühromantik werden, für die der Briefwechsel beider ein aufschlußreiches Zeugnis ist. Die Hinwendung zur Philosophie, das Studium Kants und später Fichtes hat durch Schlegel entscheidende Anregungen erfahren, auch wenn H. in Leipzig noch „brillante Rollen auf dem Theater der Welt“ spielte und eine verworrene Liebesepisode den jungen „Flatterer“ (nach dem Urteil seines Bruders Erasmus) zu dem merkwürdigen, nach kurzer Zeit widerrufenen Entschluß veranlaßte, Soldat zu werden. Im Frühjahr 1793 kehrte H. nach Weißenfels zurück und vollendete ein Jahr später seine juristischen Studien in Wittenberg. Nach dem Wunsche des Vaters trat er im Herbst 1794 als Aktuarius beim Kreisamt in Tennstedt ein, um hier unter Anleitung des Kreisamtmanns A. C. Just, der später sein Freund und erster Biograph wurde, in die Verwaltungspraxis eingeführt zu werden. In Tennstedt entschied sich sein Schicksal, „eine Viertelstunde“ bestimmte sein Leben, wie er in einem Briefe an Erasmus schreibt. Auf einer Dienstreise kam er am 17.11.1794 nach Grüningen in das Haus des Rittmeisters Johann von Rockenthien und lernte dessen zwölfjährige Stieftochter Sophie von Kühn kennen. Sie wurde sein „Genius“, in der Liebe zu ihr fand er den Schlüssel zu seinem „eigensten Selbst“. Im März 1795 verlobten sich beide.

Die Jahre 1795/96 stehen im Zeichen eingehender philosophischer Studien, vor allem einer Auseinandersetzung mit Fichtes Wissenschaftslehre, die H. als „dringende Einleitungsstudien“ auf sein ganzes künftiges Leben und „notwendige Übungen“ seiner Denkkräfte bezeichnete. Fichte hatte er schon im Mai 1795 in Jena im Hause Niethammers persönlich kennengelernt und sich mit seinen bis dahin erschienenen Werken beschäftigt. Aber erst im Herbst beginnen die umfänglichen Niederschriften, die bis zum Spätsommer oder Herbst des nächsten Jahres reichen. In ihnen bildet sich eine eigene Denkform H.s aus, die zur Voraussetzung seiner späteren Fragmentsammlungen wie seines dichterischen Werkes wird. Mit Recht ist auch die Frage aufgeworfen worden, ob der Tod der Braut nicht nur deshalb in diesem Ausmaß erfahren werden konnte, weil er schon in diesen beiden Jahren vom Denken vorbereitet worden war. Die Sorge um Sophie, die im|November 1795 an Lungenschwindsucht erkrankte und Anfang Juli 1796 einen schweren Rückfall erlitt, prägt sich in den Meditationen der Studienblätter deutlich genug aus – die „unendliche Idee der Liebe“ führte H. über Fichte hinaus und ließ auch das bisher schlummernde religiöse Erbe in ihm erwachen (Zinzendorf). Dennoch bedeutete der Tod der Braut am 19.3.1797 eine Wende seines Lebens, „ein gewaltsames Korrektiv“, das den Entschluß, ihr nachzusterben, hervorrief. Die Briefe und Tagebuchblätter aus diesen Monaten zeigen aber, wie H. in der völligen Loslösung von der empirischen Welt zugleich den „Beruf zur unsichtbaren Welt“ als seine menschliche und künstlerische Bestimmung erfuhr. Am 13. Mai läßt ihn ein Erlebnis am Grabe die Schranken von Raum und Zeit überwinden und ihm die Nähe der verstorbenen Geliebten fühlbar werden. Das wird zur metaphysischen Grunderfahrung seines Lebens. Von nun an erfaßt er es als seine Aufgabe, in beiden Welten zu leben und ihre wechselseitige Durchdringung und Überführung als Ziel seiner dichterischen und philosophischen Arbeit anzusehen. Auch die Wissenschaften gewinnen ein neues Interesse für ihn, er studiert sie „nach höheren Zwecken, von einem höhern Standpunkte“. Neben Fichte, →Schelling und Hülsen werden vor allem die Schriften des holländischen Philosophen Franz Hemsterhuis für ihn bedeutsam, die er im Herbst 1797 exzerpiert und weiterdenkt. Dessen Lehre vom moralischen Organ im Menschen, von H. als „echt prophetisch“ empfunden, führt zu einer tiefgreifenden Kritik Kants und Fichtes, mit der sich ein seit langem angebahnter Denkprozeß vollendet. Die erste Frucht dieser intensiven gedanklichen Arbeit bilden die beiden zur Veröffentlichung gelangten Fragmentsammlungen „Blütenstaub“ und „Glauben und Liebe“ aus dem Februar beziehungsweise Mai 1798. In der Geschichte der Romantik hat die erstere ihre besondere Bedeutung darum, weil sich hier zuerst die romantische Haltung des Blickes nach innen und außen, das Heimischsein in zwei Welten ausspricht, die zweite, weil sie als die erste stark fortwirkende Formulierung des romantischen Verhältnisses zur Gemeinschaft und besonders zum Staate gelten kann. Das Erlebnis des Mittlertums („Christus und Sophie“) ist in beiden von grundlegender Bedeutung. Doch sind sie nur ein kleiner Teil der gleichzeitig angelegten Fragmenthandschriften seit Anfang 1798, in denen sich die romantische Poetik H.s und sein magischer Idealismus gedanklich ausgeformt haben. Ziel der Magie ist ihm nicht die Unabhängigkeit des Geistes gegenüber der Sinnenwelt, sondern deren Verwandlung und Belebung; Ziel der Poesie die Erhebung des Menschen über sich selbst, die Überwindung von Schmerz, Tod und Zeit, das Bewußtsein der Illusion als solcher. Hier zuerst wird auch das berühmte Poesieprogramm von 1798 verkündet („Die Welt muß romantisiert werden …“).

Von Weißenfels aus, wo er seit dem Frühjahr 1796 als Akzessist an den Salinen beschäftigt war, übersiedelte H. am 1.12.1797 nach Freiberg, um sich an der dortigen Bergakademie in den naturwissenschaftlichen Fächern, vor allem der Geologie, Mineralogie, Bergbaukunde, Chemie und Mathematik, weiter auszubilden. Sein bedeutendster Lehrer wurde hier →Abraham Gottlob Werner, dessen Ruf als Geologe und Mineraloge schon damals weit über die Grenzen Deutschlands gedrungen war. So sehr das Studium in Freiberg den beruflichen Fachkenntnissen H.s dienen sollte, so nachhaltig hat es gleichzeitig auf seine philosophischen und dichterischen Pläne eingewirkt. Aus dieser Zeit liegen seit Juni 1798 umfängliche naturwissenschaftliche Studienhefte und -blätter vor, die neben zahlreichen Exzerpten selbständig weiterführende Bemerkungen und kritische Schlußfolgerungen H.s enthalten, deren Auswertung erst nach ihrer bevorstehenden vollständigen Edition möglich sein wird. Die wichtigsten Anregungen daraus sind in das „Allgemeine Brouillon“ übergegangen, jenes philosophische Hauptwerk vom Herbst 1798 bis Frühjahr 1799, das „Materialien zur Enzyklopädistik“ sammeln sollte und mit dem H. alle Wissenschaften auf ihre ursprüngliche Einheit zurückzuführen beabsichtigte. Die Idee einer solchen Enzyklopädie war ihm bereits durch Hemsterhuis und C. A. Eschenmayer 1797 vermittelt worden, den entscheidenden Anstoß aber gab ihm nun Werners „großer systematischer Geist“, während ihm Goethe – den er im März 1798 erstmals in Weimar persönlich kennengelernt hatte und als den „merkwürdigsten Physiker unsrer Zeit“ bewunderte – durch seine „Behandlung der Wissenschaften“ zum Vorbild wurde. Eine universale Wissenschaftskunde schwebte ihm vor, in welcher alle Verhältnisse, Ähnlichkeiten, Gleichheiten, Wirkungen der Wissenschaften aufeinander aufgespürt und dargestellt werden sollten. Das Unternehmen mußte bald auf die Methodik des Verfahrens und einzelne Beispiele eingeschränkt werden, und über die endgültige Form des Werkes – das entgegen der üblichen Auffassung keinesfalls als Fragmentsammlung gedacht war – haben wir nur wenige Andeutungen. Als dichterischer Ertrag dieser Studien darf|das tiefsinnige Romanfragment „Die Lehrlinge zu Sais“ gelten, dessen 1. Teil schon Anfang 1798 geschrieben wurde, um dann in der Wende 1798/99 mit den Gesprächen des 2. Teils fortgesetzt zu werden. Der Plan, die vorhandenen Bruchstücke zu einem „echt-sinnbildlichen Naturroman“ auszugestalten, wurde später um des Ofterdingen-Romans willen zurückgestellt und blieb unausgeführt.

Im Hause des Berghauptmanns von Charpentier, in dem H. während seines Freiberger Aufenthaltes verkehrte, lernte er im Januar dessen Tochter Julie kennen, mit der er sich im Dezember 1798 verlobte. Diese zweite Bindung ist von ihm selbst als schweres Problem empfunden worden, denn die Liebe zu Sophie und die Gewißheit ihrer künftigen Wiedervereinigung blieben davon unberührt. Doch ist für das Verständnis des Dichters und sein Leben zwischen den beiden Welten vielleicht nichts so wichtig wie die Tatsache dieser erneuten Verlobung. Er fühlte sich auf einer Mission, „zur Bildung der Erde sind wir berufen“. In dieser Hinsicht wurde ihm Julie zur Gefährtin des irdischen Lebens, während Sophie die Mittlerin der „höhern Welt“ blieb, die ins Diesseits überführt werden sollte. Der zweiten Gefährtin verdankte er es, daß er sich noch einmal „mit voller Seele“ der empirischen Welt zuwenden und sich auch in seinen literarischen Plänen zur „bürgerlichen Baukunst“ bekennen konnte. „Ich bin dem Mittage so nahe, daß die Schatten die Größe der Gegenstände haben – und also die Bildungen meiner Phantasie so ziemlich der wirklichen Welt entsprechen.“ In den beiden Gestalten der Mathilde und Cyane hat dieses merkwürdige Verhältnis seine dichterische Widerspiegelung im „Ofterdingen“ gefunden, ebenso wie hier Werner in der Gestalt des alten Bergmannes und Goethe in derjenigen Klingsohrs ihre weiterwirkende Bedeutung für H. offenbart haben. Die Stellungnahme zu H.s Verlobung mit Julie bildet in gewisser Hinsicht einen Prüfstein für die Wirkungsgeschichte seines romantischen Werkes, denn im älteren Novalis-Bild wurde sie bezeichnenderweise mit Unbehagen übergangen. „Ich hätte mir sein Leben doch viel anders vorgestellt. Die Jungfer Charpentier stört auch so die Poesie“ (Kerner an Uhland).

Im Mai 1799 kehrte H. von Freiberg nach Weißenfels zurück, das fortan sein Wohnsitz blieb. Hier wurde er Ende des Jahres zum Assessor ernannt, zahlreiche Dienstreisen führten ihn von hier nach Artern, Kösen, Dürrenberg und an andere Orte in die Salinen und Bergwerke Thüringens, umfangreiche Memoranden und Protokolle sind als Zeugnisse seiner Berufstätigkeit erhalten. Vor allem aber bildet sich nun, im Verkehr mit den Brüdern Schlegel, mit denen er seit 1798 öfter in Jena, Dresden und Weimar zusammentraf, in der Bekanntschaft mit Tieck, den er im Sommer 1799 in Jena rasch zum Freunde gewann, im gedanklichen Austausch mit Schleiermacher, →Schelling und J. W. Ritter, neben fortlaufenden philosophischen und poetologischen Aufzeichnungen sein dichterisches Werk aus. Schon im Frühjahr 1799 entstehen die ersten geistlichen Lieder, die sich bis zum Sommer 1800 zu einem Zyklus erweitern. Obwohl einige von ihnen in die evangelischen Gesangbücher eingegangen sind, behaupten diese Gedichte in der Geschichte des Kirchenliedes als Ausdruck eines ganz persönlichen Erlebens und einer sehr individuellen Religiosität eine Sonderstellung. Schlegel nannte sie „das Göttlichste“, was H. je gemacht habe, und verglich sie mit den innigsten und tiefsten unter Goethes frühen Gedichten. Im engen Zusammenhang damit stehen die „Hymnen an die Nacht“, die am 31.1.1800 als vollendet angekündigt werden, aber, wie neuere Forschungen ergeben haben, auf eine höchst vielschichtige Entstehungsgeschichte zurückweisen. So ist die Keimzelle der Hymnendichtung, eine erste Fassung der 3. Hymne, als „Urhymne“ sicherlich noch in den Herbst 1797 zu setzen, während eine frühe Prosafassung der 1., 2. und 4. Hymne wohl schon zu Anfang der Freiberger Zeit 1797/98 entstanden ist. Die erhaltene handschriftliche Fassung der Hymnen, die sich vom Athenaeums-Druck im Sommer 1800 durch abgesetzte Verszeilen unterscheidet, ist dagegen erst in der Jahreswende 1799/1800 niedergeschrieben worden. In ihnen hat das Sophien-Erlebnis seine letzte dichterische Überhöhung erfahren, die Graberfahrung des Sängers der 3. Hymne und der Geschichtsmythos der 5. Hymne verbinden sich im Symbol des christlichen Kreuzes, der „Siegesfahne unsers Geschlechts“, mit dem der Tod überwunden und die Gegensätzlichkeit des Nacht- und Lichtreiches aufgehoben ist in einem neuen Wissen, das die irdische Tageswelt durchdringt und verwandelt. Tritt hier die metahistorische Zukunft eines himmlischen Reiches der Liebe in den Mittelpunkt esoterischer Verkündigung, so beherrscht den im Spätherbst 1799 entstandenen Aufsatz „Die Christenheit oder Europa“ ein realgeschichtliches Zukunftsbild, das sich aus dem Zerfall des idealen Mittelalters über die Stufen des Niedergangs und fortschreitender Evolutionen hinweg mit der prophetischen Erwartung einer „heiligen Zeit des ewigen Friedens“ und einer „neuen, dauerhaftern Kirche“ abzeichnet. Der Aufsatz, den H.treffender als eine „Rede“|bezeichnete und unter rhetorischen Kategorien betrachtet wissen wollte, blieb ungedruckt; die erste Lesung im Kreise der Jenaer Frühromantiker führte zu lebhaften Kontroversen, die der vermeintlich katholisierenden Tendenz und der schwachen historischen Ansicht des Mittelalters galten; Goethes Urteil entschied schließlich gegen den Druck, der vollständig erst 1826 erfolgte und auch dann noch zu heftigen Auseinandersetzungen Anlaß gab. – Wenig später, noch im Zusammenhang mit den Mittelalter-Studien, die vor allem im Dezember 1799 bei einem Aufenthalt in Artern in der Bibliothek des befreundeten Majors von Funck fortgesetzt wurden, entstand die erste Konzeption des „→Heinrich von Ofterdingen“, der die Arbeit des letzten Lebensjahres bestimmte. Der Roman, zweifellos das bedeutendste dichterische Werk der Frühromantik und auch in seiner unvollendeten Gestalt eine Summe von H.s Poetik und dichterischem Wollen, löste die früheren Romanpläne ab und verdrängte sie; der gesamte 1. Teil war schon am 5.4.1800 fertiggestellt, die Fortsetzung blieb im Herbst mit dem großen Gespräch zwischen Heinrich und Sylvester liegen, fand aber durch zahlreiche Entwurfsnotizen und einzelne, ausgeführte Bruchstücke aus dem Sommer bis Spätsommer 1800 eine stichwortartige Abrundung. Dennoch ist eine Rekonstruktion des 2. Teils kaum möglich, zumal H. nach Schlegels Mitteilung noch in den letzten Wochen seinen Plan völlig geändert haben soll und auch in den Entwurfsnotizen ein charakteristisches Schwanken und Verwerfen der vorläufigen Kapitelgliederung – zum Beispiel hinsichtlich des Wartburgfestes, das im 6. Kapitel behandelt werden sollte – spürbar wird. Auch Tiecks Fortsetzungsbericht ist nicht in allen Punkten zuverlässig, obwohl er gegenüber früheren Urteilen durch die neu aufgefundenen Papiere aus dem Nachlaß E. von Bülows eine gewisse Bestätigung gefunden hat. Das Werk, das wie alle frühromantischen Romane unter dem Einfluß von Goethes „Wilhelm Meister“ steht, aber trotz Übernahme vieler formaler Stilzüge seinem Geiste nach ein Anti-Meister zu werden versprach, ist allzu lange vom Stimmungszauber romantischer Traum- und Märchenbilder her gedeutet und als Ausdruck einer Weltanschauung märchenhaft-utopischen Charakters empfunden worden. Die Komposition des Werkes, die den klassischen Entwicklungs- und Bildungsroman hinter sich läßt, zeigt dagegen einen sehr bewußten, vor allem in der Perspektiventechnik und Zeitbehandlung sichtbar werdenden Gestaltungswillen, der auf den modernen Roman und einige seiner Formexperimente vorausdeutet. Ob der 2. Teil dem höchsten messianischen Auftrag der Poesie, der in diesem Roman nicht nur dargestellt, sondern vielmehr auch durchgeführt und erfüllt werden sollte, gewachsen gewesen wäre, wissen wir nicht; gegenüber kritischen Urteilen, die den totalen Anspruch der dichterischen Weltverwandlung für die unvollendete Form des Werkes verantwortlich machen und darin ein Scheitern an den Grenzen der Kunst erblicken möchten, mag darauf hingewiesen sein, daß Krankheit und Tod dem Dichter eine von ihm niemals bezweifelte Vollendung versagten. Schon im Herbst 1800 kam es zum Ausbruch der tödlichen Krankheit, ein Blutsturz warf H. aufs Krankenlager, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Die letzten Tagebuchaufzeichnungen vom Oktober, die er als „Lehrjahre der höheren Lebenskunst“ bezeichnete, zeigen in klarer und unerbittlicher Selbstbeobachtung Unruhe und Angst, eine dagegen beschwörend aufgerufene, fast kindliche Frömmigkeit und – bezeichnend für die weit gespannte, kaum zu fassende Arbeitsintensität dieser letzten 4 Lebensjahre – die „wahrhaft himmlische Lust der Tätigkeit“, die ihn bis zum Ende mit Lektüreplänen gefaßt hält. Im Dezember 1800 erfuhr er noch seine Ernennung zum Amtshauptmann in Weißenfels. Dort starb er im Beisein seines Freundes Friedrich Schlegel und seines Bruders Karl, die beide zu den treuesten Verwaltern seines literarischen Nachlasses wurden.

H.s Werk scheint sich mühelos zu gliedern in die sogenannten „reinen“ Dichtungen und in die Gedankenwelt seiner Studien und Fragmente. Doch hat sich eben diese Trennung als verhängnisvoll erwiesen. Der Anteil des Denkers ist im dichterischen Werk, unter Einschluß der Märchen, ebenso unverkennbar, wie sich der Anteil des Dichters in der „poetischen“ Philosophie der Fragmente und in der angestrebten „Poetisierung“ aller Wissenschaften nachweisen läßt. Die Wirkungsgeschichte seines Werkes knüpft sich in erster Linie an die Dichtungen, vor allem an die „Hymnen“ und „Geistlichen Lieder“ und den Roman „→Heinrich von Ofterdingen“; von ihnen her wurde das volkstümliche Bild des romantischen Mystikers und Träumers geprägt. Dagegen setzte die zweite Phase seiner Wirkung, in der die spezifische Modernität H.s erkannt und hervorgehoben wurde, mit einer stärkeren Hinwendung zu den Fragmenten ein, die namentlich mit ihren kunsttheoretischen Überlegungen in den Mittelpunkt des Interesses rückten. Aber auch hier scheint sich die Gefahr einer Verzeichnung des Novalis-Bildes anzubahnen. So berechtigt die Betonung der Modernität gegenüber dem pseudoromantischen Verständnis des Dichters ist und zu dessen Korrektur beitragen kann, so oft fußt sie auf einer fragwürdigen Ausdeutung isolierter, aus dem Zusammenhang gerissener Fragmente. Das hängt unter anderem mit der Editionstechnik aller älteren Ausgaben zusammen, die, von dem Leitbild des „Fragmentisten“ ausgehend, auch aus fortlaufenden Niederschriften einzeln herausgelöste Sätze als „Fragmente“ darboten und damit einer heillosen Verwirrung hinsichtlich des Fragments als einer bewußt konzipierten romantischen Kunstform Vorschub leisteten. Bei einer solchen Hinterlassenschaft schien es leicht, in den einzelnen Gedankensplittern H.s die „entromantisierten“ Kunsttheorien der Moderne vorgeprägt zu finden. Erst die neue, im Entstehen begriffene Edition wird hierin einen Wandel schaffen, da sie auf die wieder zugänglich gewordenen Handschriften im Besitz des Freien Deutschen Hochstifts, Frankfurt/M., zurückgreifen kann. In der chronologischen Neuordnung der Papiere zeigt sich zunächst ein Zusammenhang, der die Entwicklung der H.schen Denkhaltung genauer als bisher beleuchtet und nach den einzelnen Phasen seines Werkes abstuft. In der Entschlüsselung zahlreicher „Fragmente“ als fortlaufender, in einen größeren Gedankenzusammenhang eingebetteter Studiennotizen wird die Kontinuität dieses Denkens sichtbar, die es verbietet, das gedankliche Werk H.s als ein Trümmerfeld zu betrachten, aus dem durch willkürliches Zitieren das Trugbild eines phantasievoll spielenden, aus dem Nichts gedanklicher Kombinationen und Assoziationen schaffenden Denkers abgeleitet werden kann. Vor allem aber werden durch die Aufdeckung zahlreicher Exzerpte und Lektürenotizen H.s die vielfältigen geistigen Voraussetzungen faßbar, aus denen die Gedankenwelt seiner Fragmente erwachsen ist und ohne die diese nicht zu verstehen sind. Gewiß gab ihm seine umfangreiche, erst jetzt in vollem Ausmaß erkennbare Lektüre im Grunde nur eine Bestätigung dessen, was er selbst erfahren und schon durchdacht hatte. Nicht die Originalität H.s wird also in Frage gestellt, wohl aber der scheinbar unbegrenzte Spielraum an Interpretationsmöglichkeiten, der ohne Kenntnis der zeitgeschichtlich bedingten, als Anstoß und Denkimpuls wirksamen Lektüre zu einer Überschätzung der aktuellen Aspekte führen kann. Es zeigt sich dann, daß H. auch in denjenigen Aufzeichnungen, die man „artistisch“ oder gar „manieristisch“ genannt hat und die ihn als „Klassiker des Surrealismus“ erscheinen lassen, noch ganz auf dem Boden metaphysischer Denkvoraussetzungen steht, die in der modernen Literatur völlig abgestreift sind. Das wird etwa aus seinen Plotin-Studien von 1798/99 deutlich, die zu den wichtigsten poetologischen Folgerungen führen, ohne daß diese in ihren geistigen Voraussetzungen bisher erkannt worden wären. Der metaphysische Bezugspunkt seines oft experimentierenden Denkens wird durch die „unbekannte heilige Welt“ bestimmt, die hinter den Erscheinungen steht und auf die hin alle empirische Wirklichkeit „romantisiert“ werden soll, er wird ebenso sichtbar in dem Endziel der „neuen goldnen Zeit“, deren Realisierung der Dichter wie der Enzyklopädist, der Staats- wie der Naturphilosoph allen Ernstes anstrebt. So wird die Novalis-Forschung in einer Art Spiralbewegung über die Erkenntnis der „Modernität“ hinaus wieder zu einer neuen und vertieften Bestimmung des spezifisch „Romantischen“ im Werk des Dichters gelangen müssen. Dies wird die Aufgabe sein, die sich nach der historisch-kritischen Edition seiner Schriften stellt. Was für ihn selbst „Romantik“ bedeutete und welches erstaunlich kühl durchdachte, mit Vorliebe durch mathematische Begriffe bezeichnete Denk- und Stilprogramm sich für ihn mit dem Ziel einer Romantisierung der Welt verband, läßt sich vielleicht am deutlichsten am Gegenbild der Trivialromantik fassen, etwa an einem Vergleich mit dem Novalis-Epigonen Otto Heinrich Graf von Loeben, der sich Isidorus Orientalis nannte und 1808 mit seinem Roman „Guido“ den „Ofterdingen“ nachzuahmen und zu vollenden unternahm.

14. Clemens Brentano 

image.jpeg

Zu Ehrenbreitstein im Haus der Großmutter →La Roche geboren, verlebte B. seine ersten Kinderjahre im Haus zum Goldenen Kopf in der Großen Sandgasse in Frankfurt/Main unter vielen Geschwistern, kam sechsjährig zu der harten Tante Moehn nach Koblenz, wo er später auch das Gymnasium besuchte, war zwischendurch wieder zu Hause und in einem Heidelberger Internat, 1791-93 in einem Mannheimer Erziehungsinstitut, danach ein Semester auf der Universität Bonn. Im Herbst 1794 wurde er vom Vater in kaufmännische Lehre genommen, 1796 in eine solche nach Langensalza geschickt, wo er nicht lange aushielt, und Anfang 1797 nach Schönebeck an der Elbe zu dem Onkel →Karl v. La Roche, dem Salinendirektor, um sich auf das Studium des Bergfaches vorzubereiten, das er im Sommer in Halle begann, unlustig und ohne Ergebnis. Im Frühjahr 1798 ging er dann als Student der Medizin nach Jena, wo er wenig studierte, aber mit den Führern der deutschen Romantik, mit den Brüdern Schlegel, →Tieck und mit J. W. Ritter in Fühlung kam, an Savigny einen Freund gewann und starke Anregungen für seine Dichtungen erhielt, besonders von Tieck. Es entstand die literarische Satire „Gustav Wasa“, gegen Kotzebue, den Feind der Romantik, gerichtet, und der erste Band des „Godwi“ mit vielen Gedichten. Eine Liebesbeziehung zu →Sophie Mereau, der Frau des Bibliothekars und Professors, die als Dichterin und Übersetzerin hervorgetreten war, führte ihn in alle Höhen und Tiefen der Liebe und nach schweren Rückschlägen 1803 zur Ehe. Inzwischen war er Savigny nach Marburg gefolgt, im Sommer 1801 in Göttingen als Student der Philosophie immatrikuliert, aber stärker dichterischem Schaffen am zweiten Band des „Godwi“ und am „Ponce de Leon“ hingegeben und der beglückenden Freundschaft mit →Achim v. Arnim, unstet in Frankfurt, wieder in Jena, in Marburg gewesen, mit →Arnim 1802 am Rhein gereist, hatte in Düsseldorf Theaterpläne verfolgt, aus denen das Singspiel „Die lustigen Musikanten“ erwuchs, von Liebesglück erfüllte Sommerwochen mit Sophie in Thüringen verlebt und diese nach Marburg nach sich gezogen. Dort blieben sie das erste Jahr ihrer Ehe. Nach dem raschen Tod des ersten Kindes zogen sie nach Heidelberg, wohin für den Sommer 1805 und für das Jahr 1808 auch →Arnim kam und 1806 der Koblenzer Freund Josef Görres als Privatdozent, und nun die Heidelberger Romantik aufblühte.|Deren erste Frucht, „Des Knaben Wunderhorn“, Band 1, kam im Herbst 1805 heraus. B.s Eheglück, das die ersehnte Erfüllung ihm freilich nicht in vollem Maße gegeben hat, war nur von kurzer Dauer. Bei der Geburt des dritten Kindes starb Sophie. B. war wie ein Verzweifelter. Noch unsteter wurde nun sein Leben. Eine zehn Monate später unter phantastischen Umständen geschlossene Ehe mit der 16jährigen hysterischen Auguste Bußmann wurde Hölle und Farce für ihn. Nach kurzem gemeinsamem Leben in Kassel, wo er mit den Brüdern Grimm Freundschaft geschlossen, ging B. 1808 allein wieder nach Heidelberg (zweiter und dritter Band des „Wunderhorns“, Mitarbeit an der „Zeitung für Einsiedler“ u. a.), im Herbst dann mit seinem Schwager Savigny nach Landshut und, vor seiner Frau fliehend, nach München. Vom Herbst 1809 bis Sommer 1811 war er bei Arnim in Berlin, wo er an der Christlich-Deutschen Tischgesellschaft teilnahm, der er seine satirische Abhandlung „Der Philister vor, in und nach der Geschichte“ vorlas, und die Arbeit an den „Romanzen vom Rosenkranz“ wieder aufnahm, dann in Böhmen auf einem von seinen Geschwistern gekauften Gutshof Bukowan und in Prag. Die Dramen „Aloys und Imelde“ und „Die Gründung Prags“ entstanden hier. 1813 ging er nach Wien, wo er aber als Theaterdichter nicht Fuß zu fassen vermochte, und 1814 kam er nach Berlin zurück. Bei regem geselligem Leben und mancherlei schriftstellerischen Arbeiten war er hier in sich tief unbefriedigt und wie auf der Flucht vor sich selbst. Religiöse Sehnsucht, die schon in frühen Werken angeklungen war, verstärkte sich zu bitterem Leiden („Frühlingsschrei eines Knechtes aus der Tiefe“). Unter Einwirkung der jungen Luise Hensel, die, mit Leidenschaft und Sehnsucht von ihm umworben, ihn auf den Weg der Entsagung und an die katholische Kirche verwies, der er angehörte, erfolgte die entscheidende Wendung B.s. Er legte 1817 die Generalbeichte ab. Unzufrieden mit seinem bisherigen Dichten, suchte er nun seine literarischen Aufgaben im religiösen und caritativen Dienst. 5 Jahre lebte er in Dülmen in Westfalen, um die Gesichte der stigmatisierten Nonne →Anna Katharina Emmerick aufzuschreiben und herauszugeben. Nach deren Tode war er in Koblenz und auf größeren Reisen für die Barmherzigen Schwestern tätig („Die Barmherzigen Schwestern in bezug auf Armen- und Krankenpflege“, 1831), lebte danach in Frankfurt und Regensburg und seit 1833 in München, still und zurückgezogen, aber noch einmal von starker Liebe zu einer Frau, der Malerin →Emilie Linder, ergriffen. Er starb 1842 im Hause seines Bruders Christian in Aschaffenburg.

Dieser unruhige Verlauf seines äußeren Lebens kennzeichnet die innere Verfassung B.s. Eine problematische Natur in dem Sinne, in dem Goethe dies Wort gebraucht, von entgegengesetzten Stimmungen zugleich erfüllt, heiße Sinnlichkeit mit überwacher Selbstreflexion verbindend und mehr als in der Wirklichkeit in einer Welt der Träume und Phantasien zu Hause, in die verfehlte Erziehungsmethoden ihn von früh auf sich hatten zurückziehen lassen, hat er nicht vermocht, einen festen Halt im Leben zu gewinnen. Die deutsch-romanische (italienisch und französisch) Blutmischung mag daran Anteil haben wie auch an seinen reichen künstlerischen Gaben. Eine übermächtige Phantasie ließ ihn die Grenzen von Dichtung und Leben verwischen, die Poesie ins Leben hineintragen, so daß er sie mehr lebte als dichtete, wofür seine reichen Briefe sprechende Zeugen sind. Sein Leben bekam so etwas Willenloses, Getriebenes. Allzuviel mit sich selbst beschäftigt, ohne mit sich fertig zu werden, hatte er etwas Selbstzerstörerisches, ja Dämonisches und konnte in sich selbst seinen fürchterlichsten Feind sehen. Den unversöhnlichen Kampf mit dem eigenen Dämon nennt Eichendorff die eigentliche Geschichte seines Lebens und Dichtens. Das Fehlen eines festen Zentrums in sich selbst trieb ihn immer wieder dazu, in der Geliebten oder im Freund seinen Halt zu suchen in einer weiblich anmutenden Hingabefähigkeit bis zum Sichfortwerfen. Seine Sehnsucht und seine Phantasie flogen dabei über alles Erleben so weit hinweg, daß dieses ihm schal wurde und immer neue Enttäuschungen brachte, die nur neue Sehnsucht weckten. Sehnsucht und Wehmut wurden so Grundtöne seiner Dichtung sowie Ironie und Witz, hinter denen sich ein an den Härten und Dissonanzen des Lebens schmerzlich leidendes Gemüt verbarg.

So sehr hat B. Poesie gelebt, daß seine Dichtungen fast wie zufällige Früchte des Lebens wirken und ihm wenig daran lag, als Dichter anerkannt zu werden. Erzählend und singend war er ein genialer Improvisator, auch wenn er sich wiederholt um spätere Ausgestaltung und Ausfeilung des Improvisierten bemühte. Nie hat er hausgehalten mit seinem Talent. Die dichterisch wertvollsten größeren Werke, die „Chronika“ und die „Romanzen vom Rosenkranz“, sind Fragmente geblieben. Ebenso „Die mehreren Wehmüller“. Auch die Märchen kamen nicht zu dem geplanten Abschluß und erschienen erst nach seinem Tode, und er mag mehr Märchen sich ausgedacht|und erzählt haben, als überhaupt zur Niederschrift gekommen sind. Seine Gedichte hat er nicht selbst gesammelt; von so manchen gibt es verschiedene Fassungen, aber keine endgültige. Eine Gesamtausgabe der Gedichte fehlt bis heute. Zahlreiche Dramenfragmente sind überhaupt noch nicht gedruckt.

Das erste Werk des Erzählers B., „Godwi oder das steinerne Bild der Mutter, Ein verwilderter Roman von Maria“ (I 1801, II 1802) zeigt ihn auf den Bahnen der Frühromantik. Wichtiger als das Erzählen und Gestalten ist dem jungen Dichter das Aussprechen seiner Stimmungen und seines Lebensgefühls, persönlicher Erlebnisse, Nöte und Sehnsüchte und das Bekenntnis zu einer Lebensführung, die nur aus der eigenwilligen persönlichen Eigentümlichkeit ihre Richtung gewinnt. Der zweite Teil ist noch bizarrer in der Komposition als der erste, noch „verwilderter“. Hier spielt die Ironie des Dichters mit sich selbst und seinem Werk. Der künstlerische Wert des Buches liegt im Lyrischen, Stimmungshaften der Prosa - die Nachtstimmungen werden bevorzugt - und mehr noch in den zahlreichen eingelegten Gedichten.

Einheitlicher im Ton eines schlichten altertümlichen Erzählungsstils ist die „Chronika eines fahrenden Schülers“, die der kindlichen, gläubigen Seite von B.s Wesen entsprossen ist, seinem Erinnerungsbild der Mutter ein Denkmal setzt und Wackenroders Welt nahe steht, aber eine tiefer erlebte Darstellung des Mittelalters gibt. Die Erzählung blieb trotz späterer Überarbeitung unvollendet, weil B. ihre reine Stimmung nicht lange festzuhalten vermochte. Starke Wirkung geht auch von der komischen und spukhaften Sammelerzählung „Die mehreren Wehmüller und die ungarischen Nationalgesichter“ aus, die viel Atmosphäre und Figuren der österreichisc-ungarischen Lande in sich aufgenommen hat. Was B. auch und gerade in Zeiten tiefen Aufgewühltseins als Dichter zu leisten vermochte, zeigt die im zweiten Berliner Aufenthalt rasch entstandene „Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl“, die in einer Rahmennovelle von sehr kunstvoller und spannender Bauform und in realistischer und zugleich hintergründiger Darstellung von schweren Schicksalen erzählt, ein volkstümliches Werk im besten Sinne des Wortes. Ihr gegenüber stehen seine anderen Novellen zurück. Nicht aber seine Märchen, diese Produkte einer reichen überquellenden Phantasie nicht nur da, wo er frei erfindet, wenn auch mit Benutzung überlieferter Märchenmotive, wie in dem Märchenzyklus „Das Märchen vom Rhein und dem Müller Radlauf“, an dem seine Liebe zum Rhein und zum deutschen Wald mitgeschaffen hat, sondern auch da, wo er Märchen aus dem „Pentamerone“ des Basile nacherzählt oder vielmehr umdichtet, sie verinnerlicht, psychologisch vertieft und in eine reine höhere Sphäre hebt und trotz mancher satirischer Anspielungen auf Zeiterscheinungen den Ton zu treffen weiß, der kindlichen Zuhörern gemäß ist. Hierher gehören u. a. „Gockel, Hinkel und Gakeleia“. Dieses Märchen hat B. in späteren Jahren umgearbeitet und erweitert, um es zum Gefäß seiner Anschauungen zu machen, wobei freilich mancher ursprüngliche Reiz verloren ging.

Der improvisierenden Art seines Schaffens lag auf dramatischem Gebiet das heitere Genre näher als das große Drama. „Ponce de Leon“, zu Goethes Preisausschreiben für das beste Intrigenlustspiel ohne Erfolg eingesandt, ist gleichwohl eine der besten romantischen Komödien, von der italienischen Komödie und Shakespeare und von der fröhlichen Heiterkeit jugendlichen Lebens mit Arnim in Göttingen befruchtet. Ein schier unersättlicher Spieltrieb wirkt sich hier aus, besonders in der Sprache. Dennoch entbehrt das Stück nicht des tieferen Sinns und persönlichen Bekennens. In stärkerem Maße ist in dem Singspiel „Die lustigen Musikanten“, das in wenigen Tagen geschaffen und u. a. von Hoffmann komponiert ist, dem leichten Spiel der Gestalten der commedia dell' arte und ihrer Fröhlichkeit tieferes Weh beigemischt. Wie andererseits das Trauerspiel „Aloys und Imelde“ zugleich auch als Komödie angesprochen werden könnte. Seine künstlerischen Werte liegen weniger im Dramatischen als im Lyrisch-Musikalischen. Das darf man auch von dem großen Drama „Die Gründung Prags“ sagen, dem ersten und einzigen Teil einer Trilogie aus der böhmischen Vorzeit, einem ideenreichen mythisierenden Werke, dem bei einer übergroßen Fülle von Geschehnissen und Personen und reicher Instrumentierung die eigentliche dramatische Handlungsführung fehlt. Dafür bietet es starke Stimmungswirkungen und große sprachliche Schönheiten. Und alle Dramen B.s enthalten unter ihren zahlreichen Liedeinlagen lyrische Kostbarkeiten.

Lyriker war dieser Dichter in erster Linie, ein ganz ursprünglicher Lyriker, der seine Lieder improvisierend zur Laute sang, oft nur von seinen Empfindungen und Assoziationen sich leiten lassend, aber auch kunstvollen Aufbau meisternd. Nietzsche hat einmal gesagt, von allen deutschen Dichtern habe B. die meiste Musik im Leibe. Diese starke musikalische Begabung, die sowohl in dem schwingenden Rhythmus und in fortreißenden Melodien wie in reichen suggestiven Klangmitteln im einzelnen sich auswirkt, schließt bei ihm die malerischen Vorzüge nicht aus; es gelingen ihm Bildwirkungen von großer Anschaulichkeit und leuchtendem Farbenreichtum. Seine malerische Begabung zeigt sich übrigens auch direkt in seinen Zeichnungen zu seinen eigenen Büchern, allen voran in den Bildern zum Gockelmärchen.

Am reichsten blüht B.s Lyrik in den Jahren 1802/3, da er den Volksliedton gewonnen, der aber keineswegs sein einziger bleibt, und die schöpferische Kraft seiner Phantasie in seinen Balladen geradezu auch neue Mythen geschaffen hat wie die Loreley-Sage, und dann in den Jahren, da religiöses Suchen und die Liebe zu Luise Hensel ihn tief aufwühlten und das Hinausschreien seiner Schmerzen und seiner Sehnsucht trotzdem die Form großer künstlerischer Vollendung gewann in einem Gedichtaufbau, der dem Gefühl sich öffnet und der Variation freies Spiel läßt und doch sich schließt wie ein Kreis oder eine Spirale. Zu seinem lyrischen Werk gehören auch die Romanzen vom Rosenkranz, an denen er ein Jahrzehnt lang immer wieder gearbeitet hat. Vollendet wären sie das Werk B.s geworden. Die selbst erdachte Legende von der Erfindung des Rosenkranzes wird in der Geschichte eines bologneser Geschlechtes mit einer Fülle mittelalterlicher historischer und mythischer Überlieferungen und vielen persönlichen Erlebnissen und symbolischem Ausdruck eines reichen Gehaltes durchwoben. Die spanische Romanzenform mit dem langen Durchhalten der Stimmung durch die Wiederkehr immer der gleichen Vokale am Versende und anderen Klangkünsten kommt hier zu bezaubernder Wirkung.

Neben der reichen dichterischen Produktion ging mannigfaltige andere schriftstellerische Tätigkeit B.s einher, die zu gutem Teil aus seiner reichen Sammlung alter Bücher und Handschriften und auch aus der Aufzeichnung mündlicher Überlieferung gespeist war. „Des Knaben Wunderhorn“, das er mit Achim v. Arnim zusammen herausgegeben hat, wobei er zahlreiche Gedichte umarbeitete und auch eigene beisteuerte, hat ebenso daraus schöpfen können wie Arnims Zeitung für Einsiedler und Görres' Buch über die deutschen Volksbücher und auch die Studien und die Märchensammlung der →Brüder Grimm, zu deren Gunsten B. auf den eigenen Plan einer Volksmärchensammlung verzichtet hat. Von mancherlei Neuausgaben älterer Werke, die er vorhatte, sind nur eine Bearbeitung von Jörg Wickrams „Goldfaden“ (1809) und Ausgaben von Friedrich v. Spees „Trutz Nachtigall“ (1817) und „Güldenem Tugendbuch“ (1829) erschienen. Aber auch noch seine letzten Werke zeugen von seiner reichen Belesenheit in älterer geistlicher Literatur. Aus den Aufzeichnungen, die er sich am Bette der Anna Katharina Emmerick über deren Visionen und Betrachtungen gemacht, hat er mit Umstilisierung und dichterischer Ausschmückung, nicht ohne eigene Erzählungen, Gedanken und Bekenntnisse einzuschieben und aus den Passionsbetrachtungen Martin von Kochems und aus manchen anderen Büchern zu schöpfen, zahlreiche große Manuskriptbände zusammengestellt. Von den Büchern, die daraus werden sollten, ist nur eines noch von ihm selbst ohne Nennung seines Namens veröffentlicht worden: „Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi nach den Betrachtungen der gottseligen →Anna Katharina Emmerick, Augustinerin des Klosters Agnetenberg zu Dülmen († 9. Februar 1824) nebst dem Lebensumriß dieser Begnadigten“ (1833). Zwei andere erschienen erst nach seinem Tode: „Leben der heiligen Jungfrau Maria nach den Betrachtungen der gottseligen →A. K. E. …“ (1852) und „Das Leben unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi nach den Gesichten der gottseligen →A. K. E. … (3 Bde., 1858–60), Erbauungsbücher, die große Verbreitung gefunden haben. Das erste ist in acht Fremdsprachen, in die meisten mehrere Male, übersetzt und eines der am meisten gelesenen Andachtsbücher geworden, ein Werk tiefer Glaubensinbrunst von ergreifender Kraft der Darstellung und reiner sprachlicher Schönheit.

15. Karoline von Günderrode

image.jpeg

Karoline stammte aus einer verarmten, gebildeten Adelsfamilie und war die Älteste von insgesamt sechs Geschwistern. 1797 trat sie in Frankfurt in ein adeliges Damenstift ein – eine Institution, in der unverheiratete, verarmte adelige Frauen versorgt wurden, von wo aus sie sich aber auch in Ruhe eine gute Partie suchen konnten. Karoline wurde als schön, sanft und schüchtern beschrieben. In Gesprächen mit ihrer Freundin Lisette Mettingh erkannte sie die Benachteiligung der Frau in der Gesellschaft. Ein Ausweg, der Beschränkung zu entkommen, war Bildung, die sich Karoline durch unermüdliches Lesen erwarb. Ihre Bildung war bald auf der Höhe der Zeit. Karoline befaßte sich mit Literatur, Philosophie, fernöstlicher und nordischer Mythologie, Chemie, Geographie, Religionsgeschichte, Physiognomie, Latein und Verslehre. Überdies schrieb sie Dramen und Gedichte, vor allem aber Briefe - der Brief etabliert sich in der Romantik als eigene literarische Gattung. Briefe waren ein Ausweis geistiger Bildung und emotionaler Erlebnisfähigkeit, und weil sie meist vorgelesen wurden, waren sie immer an ein halböffentliches Publikum gerichtet. Wegen eines Augenleidens litt Karoline zeitlebens an heftigen Kopfschmerzattacken und benutzte, um ihre Augen zu schonen, zum Schreiben grünes Papier.

Karoline war mit Bettina, Gunda und Clemens von Brentano befreundet. Bettina und Karoline spielten Rollenspiele, in denen Karoline immer die Männerrolle übernahm, so daß sie von Bettina scherzhaft “Günter” genannt wurde. Karoline konnte sich nicht mit der ihr zugewiesenen weiblichen Rolle abfinden; hellsichtig bemerkte sie einmal: “Die Männlichkeit und die Weiblichkeit, wie sie gewöhnlich genommen werden, sind Hindernisse der Menschlichkeit.” Sie litt sehr unter den beengenden Rollenzuschreibungen. In einem Brief an Gunda von Brentano schreibt sie: “Schon oft hatte ich den unweiblichen Wunsch, mich in ein wildes Schlachtengetümmel zu werfen, zu sterben. Warum ward ich kein Mann! Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir. Es ist ein unseliges, aber unverbesserliches Mißverhältnis in meiner Seele; und es wird und muß so bleiben, denn ich bin ein Weib und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Darum bin ich so wechselnd, und so uneins mit mir…”

Karoline litt unter nervös bedingter Schwermut und hatte ein unberechenbares Temperament, das manche abstieß. Gleichzeitig ging sie gerne auf Bälle, interessierte sich für Gesellschaftstanz, Hauswirtschaft, Handarbeiten und Musizieren. Bei einer Abendgesellschaft traf sie Friedrich Karl von Savigny, damals noch Jurastudent, später ein bedeutender Rechtsgelehrter, in den sie sich leidenschaftlich verliebte. Es kam zu Annäherungen, die eine Heirat nahelegten, doch Savigny, von Günderodes Bildung abgeschreckt, heiratete lieber die nicht so hochgebildete Gunda von Brentano.

Nach der gescheiterten Liebe zu Savigny widmete Karoline sich vor allem der Kunst, um, wie sie sagte, ihre Persönlichkeit zu vervollkommnen. In der Kunst wollte sie Leben und Schreiben vereinen. Hier orientierte sie sich vor allem an Schelling, der neben Fichte, Schlegel und Novalis ihr bevorzugter Denker wurde. Sie schrieb Dramen, z.B. Hildegund und Nikator, oder Mora, in denen meist heldenhafte, starke Frauen im Mittelpunkt standen. Sie kritisierte in ihrem Werk die Werte der bürgerlichen Gesellschaft und das traditionelle Rollenbild.

Zunehmend vereinsamte sie, da ihre Schwester und zwei ihrer Freundinnen heirateten. Nun wird Schreiben immer mehr zum Mittel der Selbstbehauptung. Unter dem männlichen Pseudonym Tian veröffentlicht sie Gedichte und Phantasien, ein Werk bestehend aus lyrisch-epischen Dichtungen, Dramenfragmenten und Prosastücken. Ihre Dichtungen sind von Gedanken der romantischen Philosophie geprägt. Ansonsten suchte sie in den Mythen und Religionen Asiens und Ägyptens nach Vorstellungen vom Tod als Wiedergeburt. Die Einheit von Ich und Welt wollte sie denken können und zugleich erleben. Höhepunkt ihres dichterischen Schaffens ist Die Idee der Erde. Hier entwickelt sie das Prinzip des “Vortrefflichen” und versteht darunter den Prozeß der Einswerdung mit der Natur.

Im August 1804 lernte sie den mit einer dreizehn Jahre älteren Frau verheirateten Heidelberger Altertumsforscher Friedrich Creuzer kennen. Eine große Liebe entwickelte sich. Sie verstanden sich nicht nur menschlich, sondern auch wissenschaftlich und literarisch sehr gut. Sie hatten gemeinsame Interessen und förderten sich gegenseitig. Sie hatten sogar Pläne für ein gemeinsames Werk – ideale Bedingungen für ein gemeinsames Leben. Creuzers Frau hatte sogar in eine Scheidung eingewilligt, doch Creuzer, der wegen der heimlichen Liebe zur Günderrode Depressionen hatte und Angst vor einem öffentlichen Skandal, suchte Rat bei zwei befreundeten Kollegen und schob die Scheidung auf. Seine Freunde rieten ihm von der Heirat mit Günderrode ab, sie würde keine bürgerliche Hausfrau abgeben, außerdem sei ihr Schellingstudium sehr bedenklich. Nun forderte Creuzer von ihr, sie solle seinen Freunden einen Brief schreiben, in dem sie sich für ein stilles Eheleben ausspräche und der Schellinglektüre abschwüre. Karoline wehrte sich gegen diese Zumutungen und faßte den Plan, mit Creuzer nach Alexandria, oder in Männerkleidern nach Rußland zu fliehen. Sie wollte auch gemeinsam mit Creuzer sterben. Creuzer wurde unter dieser großen Anspannung krank und bat seinen Freund Daub, an Günderrode einen Absagebrief zu schreiben. Karoline befand sich gerade in Winkel im Rheingau. Sie machte sich zu einem Spaziergang auf und erdolchte sich am Rheinufer.

16. E.T.A. Hoffmann 

image.jpeg

Um Person und Werk H.s ranken Legenden. Sein Lebenslauf wurde das Paradigma einer exzentrischen romantischen Künstlerexistenz; als „Gespenster-H.“ und Geisterseher, der an seiner Geliebten Julia Mark zum Dichter geworden sei und die Liebe zu ihr lebenslang als nur im Tode Erfüllung findende Liebe des Künstlers besungen habe, ging er in das Bewußtsein der Öffentlichkeit ein. Sein skurriles Wesen und der ausschweifende Lebenswandel, den man ihm nachsagte, aber auch die Figuren seiner Werke, die Wahnsinnigen, Doppelgänger, Geistererscheinungen, die Künstler und Träumer, die Renegaten und die Tiere trugen zu dem Bild von dem unheimlichsten und groteskesten aller Romantiker bei. Schon die Zeitgenossen hatten daran mitgewirkt, J. Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ hat es bestätigt, und die um die Jahrhundertwende einsetzende H.-Forschung vermochte nichts Grundsätzliches daran zu ändern. Sie lenkte zwar den Blick zunehmend auf das Gesamtwerk H.s, vermehrte jedoch die Mißverständnisse, indem sie große Teile dieses Werkes, nämlich die Almanach-Erzählungen, disqualifizierte und die formal kühnste Dichtung H.s, den Roman vom Kater Murr, in seine Bestandteile zerlegte, weil er „in romantischer Willkür unorganisch durchsetzt [sei] mit einer satirischen Fabel, die den Kater zum Helden hatte“ (Hans von Müller). H.s eingehendes Studium der Naturwissenschaften und Medizin, insbesondere seine Beschäftigung mit dem Magnetismus und den Wahnsinnserscheinungen, seine fortschrittlichen juristischen Auffassungen wurden nur vermerkt, ohne daß versucht worden wäre, sie in das Gesamtbild des Dichters, Musikers und Juristen H. einzufügen. Stattdessen wurde eine radikale Scheidung des Künstlers vom Bürger vorgenommen, die bis heute kaum überwunden ist. Gleichwohl hielt schon|1819 ein Jurist (von Trützschler) das „Vorurtheil, daß ein genialer Schriftsteller für ernste Geschäfte nicht tauge“, durch H. für widerlegt. Ein tiefer Widerspruch besteht zwischen den Deutungen und dem Selbstverständnis H.s; wo man romantische Sehnsucht nach dem Unendlichen sah und bedingungslosen Geschichtsfatalismus, sah sich H. selbst als Künstler wie im Amt in die entscheidenden wissenschaftlichen, künstlerischen und gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit gestellt; wo man von einer verzweifelten Zerrissenheit zwischen Künstlertum und Bürgertum sprach, forderte H. mit höchstem künstlerischem Bewußtsein eine „Integration der Teile zu einem Ganzen“. Seine Wirkung auf die französische Literatur (Baudelaire, Dumas), auf Poe, Dostojewskij, Immermann, R. Wagner, Hofmannsthal, Th. Mann und viele andere ist kaum zu überschätzen, seine Bedeutung für die Kriminalerzählung und die sich aus ihr entwickelnden Gattungen ist unbestritten. Formprobleme des Romans, die im 19. Jahrhundert sichtbar wurden und im 20. Jahrhundert zur Krise des Erzählens führten, wurden von ihm vorweggenommen; die moderne Prosa, die autobiographische Formen der Aufzeichnung, der Niederschrift und des Berichts in zunehmendem Maße für sich nutzbar macht, ist ohne ihn nicht zu denken. Unter solchen Aspekten kann das Biographische nur ein erster Schritt zur Erkenntnis seiner Bedeutung sein.

Nach der Trennung seiner Eltern (1778) wuchs H. im Hause der Familie Dörffer in Königsberg auf. Pedanterie und Gleichgültigkeit, Großzügigkeit und Strenge wirkten auf ihn ein, denn mehrere Angehörige der alten Juristenfamilie erprobten ihre Erziehungsgrundsätze an ihm. Mit seinem Freund Th. G. von Hippel dem Jüngeren besprach H. seine Versuche in allen Künsten; gemeinsam lasen sie Rousseaus „Bekenntnisse“, die Werke der Königsberger Dichter Scheffner, Hippel und Hamann, die Ritterromane der Zeit, aber auch die Klassiker und Werke wie Wieglebs „Natürliche Magie“. H. erhielt früh Unterricht in der Musik (durch Chr. W. Podbielsky) und im Zeichnen (durch J. G. Saemann); in der reformierten Burgschule, die er besuchte, erregte er die Aufmerksamkeit des Rektors St. Wannowski, der ihn zu Kunstgesprächen heranzog. Im Frühjahr 1792 nahm H. an der Königsberger Universität das familienübliche Studium der Jurisprudenz auf, das er, ohne den Vorlesungen der Gelehrten aus anderen Fakultäten (zum Beispiel Kants) viel Interesse entgegenzubringen, zielstrebig absolvierte. Daneben widmete er sich der Musik, komponierte nach dem Vorbild Mozarts, gab Musikunterricht (unter anderem an Dora Hatt, die Frau eines Weinhändlers, in die er sich unglücklich verliebte), malte und zeichnete (Historiengemälde, Karikaturen und Porträts) und verfaßte einen (nicht erhaltenen) Roman mit dem Titel „Cornaro“. 1795 bestand er sein 1. juristisches Examen, setzte seine Ausbildung zunächst in Königsberg fort und ging 1796 nach Glogau, wo sein Onkel J. L. Dörffer Regierungs- und Konsistorialrat war.

Die Briefe an Hippel aus dieser Zeit sind Zeugnisse der Krisen und Beglückungen einer vielseitigen und problematischen Künstlernatur, zu der sich H. mehr und mehr entwickelte. Die Konflikte, in die er geriet, sind nicht allein aus dem Gegensatz von Künstlertum und Bürgerlichkeit, juristischem Alltag und künstlerischer Begeisterung zu erklären; sie ergaben sich aus dem Künstlertum selbst, dessen Richtung und Berechtigung er lange nicht erkannte. Zu einer kontinuierlichen Produktion kam H. erst spät, nämlich als es ihm gelang, die Künste, die er ausübte, untereinander und das Künstlerische selbst als Gesamtkonzeption in sein Leben zu integrieren. Die Zeit in Glogau ist aus solcher Sicht eine Zeit der Ungewißheit und des Zweifels. Auch die Verlobung mit seiner Kusine Minna Dörffer, die H. später wieder löste, ist von daher zu verstehen. Als er 1798 nach dem Referendarexamen seine Versetzung ans Kammergericht in Berlin erreichte, pries er sich glücklich, „ein Nest verlassen zu haben, dessen Einsamkeit mir vielleicht … heilsam gewesen ist“. Von den Eindrücken, die er während einer Reise in der Dresdner Galerie empfing, bekennt er, „daß mich die Nacht von Correggio in den Himmel gehoben – daß mich die Magdalena von Battoni entzückt hat, und daß ich mit tiefer Ehrfurcht vor der Madonna von Raphael gestanden habe“. Auch in Berlin nahmen ihn die Theater und Galerien, die Konzerte und die kunstliebenden geselligen Kreise ganz gefangen, ohne daß er seine juristische Ausbildung darüber vernachlässigt hätte: Er bestand die 2. Staatsprüfung im Februar 1800 mit Auszeichnung. Zuvor hatte er sein erstes Bühnenwerk, das Singspiel „Die Maske“, abgeschlossen und der Königin Luise von Preußen mit der Bitte um Protektion übersandt; zur Aufführung kam es nicht. Auch H.s Wunsch, in Berlin bleiben zu können, wo er Bekanntschaft mit F. von Holbein und A. W. Iffland geschlossen und bei J. F. Reichardt Musikunterricht genommen hatte, erfüllte sich nicht; er wurde als Assessor an das Obergericht in Posen versetzt.

Die Posener Zeit hat H. als sein „merkwürdigstes Lebensjahr“ bezeichnet: „Ein Kampf|von Gefühlen, Vorsätzen pp, die sich geradezu wiedersprachen, tobte … in meinem innern – ich wollte mich betäuben, und wurde das was … Prediger, Onkels und Tanten liederlich nennen“. Außer dem Regierungsrat J. L. Schwarz gab es kaum eine „gute“ Gesellschaft für den Juristen, und für den Komponisten, dessen neues Singspiel nach Goethes „Scherz, List und Rache“ allerdings mehrfach aufgeführt wurde, gab es kaum ein Publikum. Mit frechen Karikaturen, die führende Vertreter der Posener Militär- und Zivilverwaltung attackierten, protestierte H. zugleich gegen die Enge und Kleinbürgerlichkeit der Stadt. Eine Strafversetzung nach Płock an der Weichsel war die Folge. Noch vor seiner Übersiedlung dorthin heiratete er. Seine berufliche Tätigkeit ließ ihm Zeit zur Ausübung seiner Künste: „Die Akten werden in die Nebenkammer geworfen, und dann zeichne, komponire und dichte ich wie's komt“. Neben weiteren Kompositionen (Singspiele, Messen, Sonaten) entstand hier die erste gedruckte literarische Arbeit, das „Schreiben eines Klostergeistlichen an seinen Freund in der Hauptstadt“, in dem H. das Verhältnis von Deklamation und Gesang im Schauspiel behandelt. Vom ersten Erfolg beflügelt, beteiligte er sich an einem Preisausschreiben des „Freimüthigen“ für das beste Lustspiel. Sein Text, „Der Preis“ betitelt, erhielt zwar den Preis nicht, wurde aber lobend erwähnt. Trotzdem ist H. noch nicht auf dem Weg zur Literatur. „Ob ich wohl zum Maler oder zum Musiker geboren wurde“, fragt er sich im Tagebuch. Die Malerei allerdings tritt in den folgenden Jahren zurück. Zwar wird H. noch mehrfach, so in Warschau, Bamberg und Berlin, Räume malerisch ausgestalten und in Bamberg sogar als Theaterdekorationsmaler tätig sein, doch scheint die Entwicklung seiner schöpferischen Begabung im Wesentlichen bereits um diese Zeit abgeschlossen zu sein: Vom Historiengemälde ist er über die Porträtkunst zur Karikatur gekommen, in der er die seinem Beobachtungsvermögen, seiner Freude am überspitzt Treffenden und an der grotesken Übertreibung gemäße Kunstgattung fand. Auch die späteren Illustrationen eigener Werke tragen karikaturistische Züge. Daß er das Malerische (ebenso wie das Musikalische) seinem dichterischen Werk zunutze gemacht hat, belegen die Malerfiguren und Gemäldebeschreibungen, vor allem aber die erzählerischen Kompositionsprinzipien in „Callots Manier“, denen er, aller künstlerischen Weiterentwicklung unerachtet, bis zuletzt treu geblieben ist. H.s Wille zur Kunstproduktion war unbedingt: „es ist als müsse sich bald was großes ereignen – irgend ein KunstProdukt müsse aus dem Chaos hervorgehen! – Ob das nun ein Buch – eine Oper – ein Gemähide seyn wird – quod diis placebit“, schrieb er am Ende der Płocker Zeit, angeregt vom gesellig-künstlerischen Leben Königsbergs, das er vor seiner Versetzung als Rat nach Warschau noch einmal besucht hatte. Diese Unbedingtheit des Ausdruckswillens war Voraussetzung seiner spezifischen Leistung. In Warschau (1804–06) kam H. – eine weitere Voraussetzung seines künftigen Werkes – durch →Julius Eduard Hitzig in geistige und persönliche Verbindung zur Berliner Romantik. Hitzig regte ihn zur Lektüre der Werke A. W. Schlegels, Tiecks, Fichtes, Brentanos und anderer an; ihm verdankt H. den Anschluß an den Geist und den Bewußtseinsstand der Romantik. Daneben traten der Musiker F. A. Morgenroth und der Dichter Z. Werner in nähere Beziehung zu H., der in der neugegründeten „Musikalischen Gesellschaft“ das gesellige Leben der Stadt mitgestaltete. Als Dirigent der Konzerte dieser Gesellschaft brachte er Werke von Mozart, Gluck, Haydn, Cherubini und Beethoven zu Gehör. Im „Deutschen Theater“ erklang seine Bühnenmusik zu Brentanos „Die lustigen Musikanten“, auch die Messe in d-moll wurde aufgeführt. Unter den weiteren Kompositionen sind die Sinfonie in Es-Dur und die Bühnenmusik zu Z. Werners „Das Kreuz an der Ostsee“ hervorzuheben. Eine musikalische Karriere also schien sich anzubahnen, und da H. auch häusliches Glück (seine Tochter Caecilia wurde im Juli 1805 geboren) und berufliche Anerkennung erfuhr, kann man von einer glücklichen Zeit sprechen, die er in Warschau erlebte. Sie fand ein jähes Ende mit der Besetzung der Stadt durch französische Truppen. Die preußische Verwaltung wurde aufgelöst, H. verlor seine Stellung. Im Juni 1807, vor die Wahl gestellt, eine Huldigung →Napoleons zu unterschreiben oder die Stadt zu verlassen, ging er nach Berlin, um dort einen Lebensunterhalt zu finden; seine Familie blieb in Posen. Es sollte das schwerste Jahr seines Lebens werden. Die Stellungssuche erwies sich als aussichtslos, Gelegenheitsarbeiten trugen nichts ein; zu der drückenden Not kam die Nachricht vom Tode seiner Tochter und einer schweren Erkrankung seiner Frau. Die Berliner Bekanntschaften – unter anderem mit Fichte, Schleiermacher, K. F. Zelter, Varnhagen, L. Robert, Chamisso und Iffland – führten zu keiner Hilfe, und seine Kontaktversuche mit auswärtigen Musikverlegern schlugen fehl. Endlich meldete sich auf eine Annonce der Intendant des Bamberger Theaters, Julius Graf von Soden, und bot ihm zum September 1808 die Stelle eines Theaterkapellmeisters an. Damit vollzog H. den Schritt vom Beamten- zum Künstlerleben. Die Bamberger Jahre bringen ihm den Durchbruch zur Dichtung. Gerade weil er die Kunst zur alleinigen Existenzgrundlage machen mußte, konnte er seine erstaunlich konsequente Entwicklung vom Musiker über den Musikkritiker zum Dichter nehmen.

Über Posen, wo er seine Frau abholte, reiste H. nach Bamberg. Die Theaterverhältnisse fand er dort in ziemlicher Unordnung vor. Nur kurzfristig war er als Dirigent und Theaterkomponist für das Theater tätig, das der Schauspieler H. Cuno übernommen hatte. Erst 1810–12, unter der Theaterleitung F. von Holbeins, arbeitete er wieder als Komponist, Theatermaler und -architekt. So war er von vornherein auf eine freiberufliche Tätigkeit (Musikstunden, Musikalienhandel) angewiesen. Durch seine erste musikalische Erzählung „Ritter Gluck“ (1808/09), in der die Erkenntnis des Reiches der Musik über alles Geheimnisvolle triumphiert, kam er in Verbindung mit der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ (AMZ), deren ständiger Mitarbeiter er wurde; schon bald zog man ihn als Rezensenten der Beethovenschen Sinfonien heran. Als Musikkritiker hat H. epochemachend gewirkt. Seine Bedeutung liegt in der Verbindung praktischer Kenntnisse mit romantischen Kunstanschauungen; von der Beschreibung technischer Details führt er bruchlos zu den allgemeinsten Problemen der Tonkunst, oder er geht von Gattungsfragen aus und ordnet das jeweilige Werk souverän ein; dabei gelingt ihm, ohne Verzicht auf die notwendige Fachterminologie und analytische Verfahrensweise, eine plastische und bilderreiche Sprache, die auch dem Laien verständlich ist und ihm tiefe Einsichten in das Wesen der Musik eröffnet. Neben Gluck, Mozart und Haydn, deren Werk H. vorbildlich erscheint, befürwortet er als einer der ersten Beethoven, ist an der Wiederentdeckung Bachs beteiligt und führt die Diskussion der Kirchenmusik-Probleme weiter. Sein musikkritisches Werk, das späteren Generationen vorbildlich wurde, läßt sich in zwei Gruppen gliedern: 1. Rezensionen musikalischer Werke (1808–14), 2. Berichte über Opern- und Konzertaufführungen (nach 1814). Neben dem „Ritter Gluck“ erschienen in der AMZ die Erzählungen „Don Juan“, „Die Automate“ sowie mehrere Bemerkungen und Gedanken der Figur des Kapellmeisters Johannes Kreisler, die H. als alter ego lebenslang begleitete. Das Musikalische vertritt im Werk H.s die Sehnsucht nach dem „romantischen Reich“, das unerreichbar bleibt, aber als Kontrast zu dem Profanen eine der Spannungen konstituiert, ohne die sein Werk undenkbar wäre. In H.s Musikschülerin Julia Mark, zu der er eine leidenschaftliche Zuneigung faßte, hat man, in Anlehnung an romantische Vorbilder (Novalis), den seine Dichtung auslösenden Faktor sehen wollen; gewiß zu Unrecht. H. war bereits der Dichter, zu dem Julia ihn angeblich gemacht hat, als er ihr begegnete; er hat nicht aus dem Erlebnis Dichtungen geschaffen, sondern er hat dieses Erlebnis selbst bereits „literarisiert“ und dichterisch produziert. Im Werk H.s wird das Julia-Motiv zum permanenten Demonstrationsmodell der „Liebe des Künstlers“. Eine wesentliche Bereicherung erfuhr H. durch den freundschaftlichen Umgang mit den Bamberger Ärzten F. Speyer, A. F. Marcus, Weiß und Chr. Pfeufer, die fachlich zu den fortschrittlichsten Medizinern Deutschlands gehörten und an den lebhaften wissenschaftlichen Diskussionen der Zeit über Geisteskrankheiten und ihre Heilmethoden Anteil nahmen. Sie konfrontierten H. mit Geisteskranken und Somnambulen, erläuterten ihm Probleme der Pathologie, Psychologie und des Magnetismus und berieten ihn offensichtlich beim Studium der diesbezüglichen Literatur, das er intensiv betrieb; so las er unter anderem Werke von J. Ch. Reil, G. H. Schubert, J. Ch. Hoffbauer, Ph. Pinel, E. D. A. Bartels, C. A. F. Kluge, F. A. Mesmer. Die Traum-, Spuk-, Wahnsinns- und Gespensterdarstellungen in seinen späteren Erzählungen beruhen auf genauester theoretischer und praktischer Kenntnis der entsprechenden Phänomene. Mit literarischen Werken von Goethe, A. W. Schlegel, Novalis, →Schelling, Tieck, →Jean Paul, H. von Kleist, A. von Arnim, Calderon und anderen versorgte ihn der Weinhändler C. F. Kunz, der ihm auch die persönliche Bekanntschaft mit F. G. Wetzel und →Jean Paul vermittelte. 1813 schloß Kunz, der inzwischen ein „Lese-Institut“ eröffnet hatte, einen Verlagsvertrag mit H.über die „Fantasiestücke in Callots Manier“.

Als Komponist schrieb H. in Bamberg vorwiegend Bühnenmusik zu Fest- und Schauspielen sowie Vokalwerke; von größerer Bedeutung sind das Miserere in b-moll für 4 Solostimmen, Chor, Orgel und Orchester und das Klaviertrio in E-dur sowie die Oper „Aurora“ (Text von F. von Holbein), die als Vorstufe zur „Undine“ gilt und H.s Lösung von seinen bisherigen Vorbildern dokumentiert. Bis auf den späten Höhepunkt der „Undine“, deren Anfänge allerdings ebenfalls in die Bamberger Zeit fallen, liegt damit das musikalische Werk H.s in seinen wesentlichen Teilen vor; zwar beschäftigten ihn noch manche musikalischen Pläne, auch wünschte noch der Dichter der „Fantasiestücke“, daß „mein Nahme nicht anders als durch eine gelungene musikalische Composition der Welt bekannt werden soll“; trotzdem ist bereits um diese Zeit seine musikgeschichtliche Bedeutung erfüllt: H. hat als Komponist und als Musiktheoretiker maßgeblichen Anteil an der Durchsetzung des romantischen Stils. Auffallend, aber nicht genügend beachtet ist die Parallelität seiner Entwicklung in allen von ihm ausgeübten Künsten: Dem Weg zur Karikatur in der Malerei entspricht derjenige zur Kritik in der Musik und derjenige zur Satire und Gesellschaftskritik in der Literatur. Dabei führte ihn dieser Weg zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Zuständen, die er als rückständig erkannte. Dieser Auseinandersetzung ist er auch als Jurist nicht ausgewichen. Ihn zum „Prototyp des unpolitischen Menschen“ (W. Harich) zu stempeln, ist verfehlt. In Bamberg verfolgte er gespannt die politischen „Nachrichten, die in das Leben eingehen“; vollends aber wurde er mitten in das Kriegsgeschehen versetzt, als er Bamberg im April 1813 verließ, um Musikdirektor der Theatertruppe J. Secondas in Dresden und Leipzig zu werden. Die Schlacht bei Dresden erlebte er aus unmittelbarer Nähe; seine Eindrücke beschrieb er in mehreren Arbeiten, vor allem in der „Vision auf dem Schlachtfelde bei Dresden“, die Kunz als nichtautorisiertes Flugblatt druckte. H. vertrat, politisch gesehen, die Sache der Befreiungskriege gegen den „Tyrann“ →Napoleon; in grellen Farben schilderte er das Kriegsgeschehen und seine schrecklichen Folgen. Stärker aber noch beschäftigte ihn ein für Kunst und Leben gleichermaßen existentielles Problem: Die Kunst hat angesichts solcher Ereignisse ihre Berechtigung zu erweisen, wenn sie überhaupt eine Berechtigung hat. Diese These wird in der mitten in den Kriegswirren entstandenen Dialogerzählung „Der Dichter und der Componist“ entwickelt. Das reiche poetische Schaffen H.s in der Dresdener und Leipziger Zeit – hier entstanden unter anderem „Der goldne Topf“, „Der Magnetiseur“, „Die Automate“ und der 1. Band der „Elixiere des Teufels“ – ist als Reaktion des „inneren Poeten“ auf die kriegerische Wirklichkeit zu verstehen; dieser „innere Poet überflügelt den Criticus und äußeren Bildner“, heißt es in H.s Tagebuch. Trotzdem war auch der Komponist und der Maler – H. beendete in Leipzig die Komposition der „Undine“ und zeichnete antinapoleonische Karikaturen – noch tätig. Mit seinem Beruf dagegen war er unzufrieden; die Fähigkeiten seiner Musiker waren begrenzt, die Proben mühsam; die Zusammenarbeit mit dem unbeherrschten Seconda erwies sich als schwierig. H. fühlte sich zudem, trotz mancher Bekanntschaften (F. A. Morgenroth, A. Wagner, F. Keller, F. Laun, J. Ettlinger) „ohne Mittheilung, ohne Freunde“, so daß er, als ihm Seconda im Februar 1814 kündigte, nach anfänglicher Niedergeschlagenheit („meine ganze Karriere ändert sich abermals“) entschlossen in den bürgerlichen Beruf zurückstrebte.

In der poetisch ertragreichen Zeit bis zur Wiedereinstellung in den Staatsdienst schrieb H. den 1. Teil der „Elixiere des Teufels“, jene verworrene Familiengeschichte, die ihn, als sie 1815 erschien, zusammen mit den „Fantasiestücken“ weithin bekannt machte. In der Figur des beichtenden Medardus, der durch die Niederschrift seiner Lebensgeschichte die Entschuldigung seiner Schuld erfährt, gestaltete H. autobiographische Probleme in neuer, nicht „privater“ Weise. Medardus ist das Exempel einer Verfahrensweise, nicht das Abbild einer Wirklichkeit. Im Frühjahr 1814 erschienen auch die ersten Bände der „Fantasiestücke in Callots Manier“, die, mit einer etwas gewundenen Einleitung Jean Pauls versehen, im Wesentlichen H.s Beiträge zur AMZ enthielten. Neu war im 1. Band die Skizze „Jaques Callot“, in der H. programmatisch „Callots Manier“ als ein Kompositionsprinzip erläutert, in dem „das Einzelne als Einzelnes für sich bestehend, doch dem Ganzen sich anreiht“, so daß die Erzählungen zu „aus den heterogensten Elementen geschaffenen Kompositionen“ werden. Der 2. Band enthielt neben der Erzählung „Der Magnetiseur“ die „Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza“, in der H. in ironischer Konfrontation des menschlichen Tieres mit dem unmenschlichen Menschen Ereignisse der Bamberger Zeit verarbeitete. Als 3. Band erschien im Herbst 1814 das von H. zeitlebens am höchsten geschätzte Märchen „Der goldne Topf“. Die „Seligkeit“, die dem Studenten Anselmus hier vom Dichter zuteil wird, ist die der poetischen Figur. In ihr allein ist der „heilige Einklang aller Wesen“ noch möglich. Der Poesie fällt also die Funktion zu, das Heterogene zu vereinen, das als solches jedoch zuvor erkannt werden muß. Wo Wirklichkeit und Phantasie als unaufhebbare Kontraste nicht erkannt werden, ist jeder Weg zur Einheit verbaut. Davon ist in der Erzählung „Die Abenteuer der Silvester-Nacht“ im 4. Band (1815) eindringlich die Rede.

Durch die Vermittlung Hippels gelang es H., nach 8jähriger Unterbrechung wieder in den Staatsdienst einzutreten: Zum 1.10.1814 wurde er am Kammergericht zu Berlin, zunächst in untergeordneter Position, eingestellt. Damit beginnt der letzte und kontinuierlichste Abschnitt seines Lebens. Die juristische Arbeit, die er mit Genauigkeit, Gewissenhaftigkeit und mit großem persönlichem Mut ausübte, gab ihm mehr als nur das bürgerliche Rückgrat einer künstlerischen Existenz. Sie war vielmehr eine Seite der von ihm als notwendig empfundenen „Duplizität“ des Seins und ist deshalb auch für sein künstlerisches Werk wichtig, das in den Berliner Jahren konsequent weitergeführt wurde. Noch vor seinem Dienstantritt vollendete H. die Komposition der Oper „Undine“, die als erste romantische Oper gilt. Sie wurde am 3.8.1816 im Königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt mit großem Erfolg uraufgeführt. C. M. von Weber, auf dessen „Freischütz“ H. vorausweist, rühmte das Werk enthusiastisch, das bis zum Brand des Schauspielhauses am 17.7.1817, dem auch die wertvollen Dekorationen K. F. Schinkels zum Opfer fielen, 14mal gegeben wurde; eine geplante Neuinszenierung indes unterblieb. In Berlin gehörte H. als arrivierter Autor und erfolgreicher Komponist bald „zur Gesellschaft“; doch die Atmosphäre im Kaffeehaus Manderlee oder im Weinlokal Lutter und Wegner sagte H. mehr zu als die üblichen „ästhetischen Thees“. Seit dem 12.10.1814 (Seraphinustag) trafen sich die Freunde H., Hitzig, der Arzt D. F. Koreff, die Brüder F. und E. von Pfuel, G. Seegemund, Contessa, Fouqué und Chamisso als „Seraphinenorden“ zu regelmäßigen poetischgeselligen Gesprächsabenden, die, von Chamissos Weltreise unterbrochen, am 14.11.1818 (Serapionstag) in etwas anderer Zusammensetzung wiederauflebten. Die Rahmenhandlung der Sammlung „Die Serapions-Brüder“ überträgt biographische Gegebenheiten in poetische und poetologische Prinzipien. Als Gäste fanden sich gelegentlich ein: Hippel, L. Robert, A. Oetzel, Oehlenschläger, W. von Haxthausen. Neben diese trat als Freund und Zechgenosse H.s der Schauspieler L. Devrient, dessen phantasievolles Temperament ihm in besonderer Weise entsprach. Auch mit Bernhardi und Tieck verkehrte H. freundschaftlich. In den Jahren 1816/17 erschienen außer dem 2. Band der „Elixiere des Teufels“ 8 neue Erzählungen als „Nachtstücke“; bedrohliche, dunkle Mächte und bedrohte Existenzen, Exempel extremer seelisch-geistiger Positionen, stehen hier im Zentrum. Das Grauenvolle, Gespenstische und Unheimliche demonstriert Gefährdungen, denen der Mensch ausgesetzt ist. Vor allem die Gespenstergeschichte „Das Majorat“ zeigt mit ihrer äußeren Gestalt wie mit der Durchführung der Thematik des Gespenstischen den Zusammenhang des Unerkannten in der Kunst mit dem Unmenschlichen im menschlichen Leben. Ruhm und Ruf H.s, aber auch seine Einnahmen als Schriftsteller stiegen schnell; seine begehrten und guthonorierten Beiträge zu den gängigen Almanachen und Taschenbüchern vereinigte er 1819/21 zu der 4bändigen Erzählungssammlung „Die Serapions-Brüder“; das in der Rahmenhandlung entwickelte „serapiontische Prinzip“ fordert von einer Erzählung erlebte Wirklichkeit, erzählerische Kunstform und gesellig-gesellschaftliche Verbindlichkeit. Die Figur des heiligen Serapion, des unbewußten Poeten, ist Gegenstand der Kritik, nicht uneingeschränktes Vorbild der Serapions-Brüder; und dementsprechend ist das Wunderbare, Märchenhafte und Schauerliche in den Erzählungen kein exemplarisches Programm, sondern Bestandteil einer exzentrischen Welt, die im Profanen, in der Spießbürgerlichkeit und Plattheit ihren Gegenpol hat. In solchen „Kontrastierungen“ ist das zyklische Prinzip der „Serapions-Brüder“ zu sehen; dem „reinen“ Märchen „Nußknacker und Mausekönig“ stehen die durch Groteske und Gesellschaftskritik desillusionierenden Märchen „Das fremde Kind“ und „Die Königsbraut“ gegenüber. H.s Kritik geht in beide Richtungen: Sie betrifft den Künstler, der nur Künstler ist, ebenso wie den Bürger. Der Konflikt zwischen den Extrempositionen wird in den Figuren der Erzählungen ausgetragen: der Rat Krespel und Elis Fröbom („Die Bergwerke zu Falun“) gehen an diesem Konflikt, der nur durch Selbsterkenntnis lösbar ist, zugrunde. Die Pflicht zu solcher Selbsterkenntnis ist allen Figuren aufgetragen, und den Weg dahin beschreibt und fördert der Dichter. Traugott („Die Automate“) gelingt diese Leistung; sie gelingt auch dem Fräulein von Scuderi in H.s Kriminal- beziehungsweise Detektivgeschichte, wobei ihre Selbst- und Kunsterkenntnis menschliche Verbindlichkeit erreicht gegenüber der unmenschlichen Künstlerfigur des Cardillac. Der „Zusammenhang der Dinge“ ist, wie gerade diese meisterhafte Erzählung zeigt, keine falsche Harmonisierung der Dinge. Das bestätigen auch die an alten Chroniken orientierten Erzählungen („Kampf der Sänger“, „Meister Martin der Küfner und seine Gesellen“), in denen die „Gemütlichkeit“ des Idyllischen relativiert wird. Der kritische Impuls, der in solcher allseitigen Relativierung steckt, führt zu immer kühneren Gestaltungen des Dualismus und entsprechend zu einer immer grundsätzlicheren Infragestellung der Möglichkeit einer Integration der Teile. Dieser kritische Impuls greift zunehmend auf die Bereiche der bürgerlichen Welt, der Wissenschaften und der Justiz über und macht sie zu Gegenständen der Satire („Klein Zaches genannt Zinnober“, 1819). Aus den satirischen Zügen im Spätwerk H.s hat man unter Hinweis auf die erneute Forderung, genau hinzusehen („Des Vetters Eckfenster“), den Realisten H. konstruieren wollen; doch darf der Zusammenhang mit „Callots Manier“ und dem „serapiontischen Prinzip“ nicht übersehen werden. Satire und Gesellschaftskritik sind auch im Spätwerk H.s nicht isoliert zu betrachten; sie schaffen stärkere Kontraste und bezeichnen damit die Vereinigung des einander scheinbar Ausschließenden als ein noch dringenderes Postulat. Von daher ist die so sichtbar „zerrissene“ Form des parodierten Bildungsromans „Lebens-Ansichten des Katers Murr.,“ (1820/21) zu verstehen, dessen Fragmentcharakter selbst noch Verweisungsfunktion hat. Die „Teile“ dieses Romans (der „Kater-Teil“ und der „Kreisler-Teil“) sind konkret gewordene Ironie; denn die Ironie ist das Darstellungsmittel H.s, das die heterogenen Teile als solche sichtbar macht, während das Erzählprinzip des Humors, zu dem H. mehr und mehr gelangt, sie vereint. Dieses Erzählprinzip will erkannt sein, so daß die Erkenntnisleistung, die H. in seinen früheren Erzählungen noch als Leistung der Figuren demonstriert hatte, nun dem Leser abgefordert wird. Daß dies keine leichte Forderung an den Leser ist, zeigen die Mißverständnisse, denen H.s sinnverwirrendes, aber am weitesten in erzählerisches Neuland vorstoßendes Capriccio „Prinzessin Brambilla“ (1820) und das Märchen „Meister Floh“ ausgesetzt waren, das die Möglichkeit der Erkenntnis in geradezu jeder Hinsicht in Frage stellt.

Mit dem „Meister Floh“ und der damit verbundenen Affäre treten am Ende seines Lebens in fast symbolischer Weise noch einmal der Künstler und der Jurist H. gemeinsam ins Blickfeld. Als Jurist hatte er es nach anfänglichen Hilfsdiensten in Berlin mit Kriminalfällen zu tun. Am 1.10.1819 wurde er Mitglied der „Immediatkommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“. Hartnäckig und mutig widersetzte er sich mit seinen Kollegen allen Versuchen, die Kommission zu einem politischen Instrument gegen die liberalen und revolutionären Bestrebungen der Zeit zu machen. Das zeigen die überlieferten Gutachten H.s innerhalb der Untersuchungen gegen A. L. Follen, G. L. Roediger, F. L. Jahn und L. von Mühlenfels; H.wies die gegen sie vorgebrachten Anklagen zurück und votierte für die Freilassung der Inhaftierten. Im Rahmen dieser „Demagogen“-Aktionen stieß er mit dem Polizeidirektor K. A. von Kamptz zusammen, dem er unrechtmäßige Eingriffe in einen Untersuchungsvorgang vorwarf. Kamptz seinerseits leitete im Januar 1822, nachdem H. zu seiner Erleichterung bereits aus der Kommission ausgeschieden und in den Oberappellationssenat aufgerückt war, eine Aktion gegen das im Druck befindliche Märchen „Meister Floh“ ein, mit dem Ziel, den Verdacht der gebrochenen Pflicht zur Amtsverschwiegenheit, der Beamtenverleumdung und der Majestätsbeleidigung bestätigt zu sehen. Nach Beschlagnahme des Manuskripts sah Kamptz, der im Märchen als Knarrpanti karikiert wird, seine Vorwürfe als berechtigt an. Der „Meister Floh“ konnte daher nur in zensurierter Form erscheinen. H., wegen seiner letzten schweren Krankheit nicht vernehmungsfähig, verfaßte eine Verteidigungsschrift, die zu den bedeutendsten poetologischen Äußerungen des Dichters gehört; er betont darin abermals die Notwendigkeit einer Integration der Teile zu einem Ganzen und führt damit die Problematik der Heterogenität der Teile einerseits und des „Zusammenhangs der Dinge“ andererseits fort. Die Erkenntnis des unheilbar Disparaten war ihm bis zuletzt Voraussetzung und Antrieb zur künstlerischen Arbeit. Sein Werk stellt nicht eine heile Welt dar, aber indem es dem künstlerischen Prinzip der Integration des Heterogenen folgt und dieses Prinzip selbst zum Gegenstand des Erkennens seiner Leser macht, gewährt es einen Blick in das verlorene Paradies. Die „Meister-Floh“-Affäre blieb unerledigt. H., der seit Januar 1822 an einer Lähmung litt, die von den Beinen zu den Armen aufstieg, starb, als die Lähmung auf sein Atemzentrum übergriff.

17. Philipp Otto Runge 

image.jpeg

Prägend für R., der sich schon als Kind mit dem Scherenschnitt beschäftigte, waren Bibellektüre und Luthers Katechismus im streng prot. Elternhaus sowie der Unterricht durch →Gotthard Ludwig Kosegarten (1758–1818) an der Stadtschule in Wolgast. 1795 trat er in Hamburg als Gehilfe dem Handelsgeschäft seines Bruders Johann Daniel bei und studierte daneben Homer, Vergil und Ovid, 1798 Ludwig Tiecks Künstlerroman „Franz Sternbalds Wanderungen“ sowie Schillers Musenalmanache und „Horen“. Zum Freundes- und Bekanntenkreis gehörten neben dem Kupferstichsammler Johann Michael Speckter, den Buchhändlern →Friedrich Perthes und Johann Heinrich Besser auch →Matthias Claudius und Klopstock. Von Okt. 1799 bis März 1801 studierte R. an der Akademie in Kopenhagen, u. a. bei →Nikolai Abildgaard und →Jens Juel. Beeindruckt v. a. von John Flaxmans Umrißstichen zu Homer und Äschylos, entwickelte R. gegen den akademischen Lehrbetrieb und die normative Ästhetik des Klassizismus alsbald eine Opposition, die sich in Briefen und den gezeichneten Bildkompositionen „Triumph des Amor“ und „Heimkehr der Söhne“ (1800) niederschlug.

Nach einem Aufenthalt in Wolgast im April 1801 traf R. Ende Juni 1801 in Dresden ein. Hier erfolgte sein Durchbruch zur romantischen Kunst. Entscheidende Faktoren waren dabei das Studium der Gemäldegalerie, wo ihn besonders Raffaels „Sixtinische Madonna“ beeindruckte, die Liebe zu Pauline Bassenge, seiner späteren Frau, und die Freundschaft mit dem norweg. Schelling-Schüler und Naturphilosophen Henrik Steffens. Hinzu kam der Umgang mit Friedrich Schlegel und →Ludwig Tieck, der die Kenntnis der Schriften Jakob Böhmes vermittelte, sowie mit dem Komponisten →Ludwig Berger und den Malern →Anton Graff, →Ferdinand Hartmann, seit Juli 1802 auch mit →Caspar David Friedrich und Friedrich August v. Klinkowström. 1801 beteiligte R. sich erfolglos an Goethes Preisausschreiben für bildende Künstler mit der Zeichnung „Achill und Skamandros“, was die endgültige Abkehr vom Klassizismus bewirkte. Im Febr. 1802 proklamierte R. das Ende der Historienmalerei und eine neuartige „Landschaft“, erstmals verwirklicht im Ölgemälde „Triumph des Amor“ (1801/02). Das fingierte Basrelief zeigt das Wirken der Liebe in den verschiedenen Lebensaltern, verkörpert durch Kinderfiguren auf Wolken. „Die Lehrstunde der Nachtigall“ (1802), nach einer Ode Klopstocks, huldigte als Bild im Bilde der Liebe zu Pauline (1931 verbrannt). Als Gründungswerk der dt. romantischen Kunst gelten R.s „Vier Zeiten“, die, gezeichnet in Federumrissen zwischen Weihnachten 1802 und Juli 1803, als Kupferstiche erstmals 1805 (²1807) erschienen. „Morgen“, „Tag“, „Abend“, „Nacht“ zeigen das tägliche Wachsen und Vergehen des Sonnenlichts, symbolisiert als riesige Lilie mit kindlichen Genien. Die Rahmenleisten interpretieren den kosmischen Naturprozeß durch christl. Sinnbilder. Mit dem Plan einer monumentalen Ausführung der „Zeiten“, begleitet durch Dichtung und Musik in einer eigenen Architektur nach Art der Gotik, war die synästhetische Idee des romantischen Gesamtkunstwerks im Sinne Richard Wagners vorweggenommen. Joseph Görres widmete den „Zeiten“ 1807/08 eine Abhandlung, Goethe, mit dem R. im Nov. 1803 in Weimar persönlich zusammengetroffen war, hatte sie 1811 in seinem Musikzimmer hängen.

Seit 1804 lebte R., mit Unterbrechung 1806/07 in Wolgast, wieder in Hamburg, wo er im Frühjahr 1806 Johann Friedrich Overbeck aus Lübeck empfing und 1807 dem jungen →Arthur Schopenhauer sowie dem Kunsthistoriker Carl Friedrich Rumohr begegnete. Neben eindringlichen Porträts und Selbstporträts entstanden symbolische und religiöse Gemälde. „Die Mutter an der Quelle“ (1804, 1931 verbrannt) war beeinflußt durch Gedanken von Böhme und Novalis sowie der idealistischen Lehre vom weltsetzenden Subjekt. Die „Ruhe auf der Flucht“ (1805) wurde als „Morgen des Morgenlandes“ konzipiert und ergänzt durch die Federzeichnung „Quelle und Dichter“ als „Abend des Abendlandes“. Für Kosegartens Uferkapelle|bei Vitte (Arcona/Rügen) schuf R. das unvollendete Altarbild „Petrus auf dem Meer“ (1806). Unter den großen Gruppenporträts war „Wir Drei“ (1805) das Hauptbeispiel des romantischen Freundschaftsbildes, gemalt als Selbstporträt mit Pauline und Bruder Johann Daniel (1931 verbrannt). Die „Hülsenbeckschen Kinder“ (1805) und das „Bildnis der Eltern“ (1806) transponieren die Symbolsprache der „Zeiten“ in extreme Wirklichkeitstreue.

Das Erzähltalent R.s äußerte sich in den beiden 1806 in plattdt. Mundart niedergeschriebenen Märchen „Von den Fischer un syne Fru“ und „Von den Mahandel Bohm“. Ihr lapidarer Erzählstil und die scheinbar kindliche Einfachheit dienten als erklärtes Vorbild für die →Brüder Grimm, die sie in ihre „Kinder- und Hausmärchen“ aufnahmen (Erstaufl. 1812).

Über farbtheoretische Probleme korrespondierte R. 1806 mit Goethe, der im Anhang seiner „Farbenlehre“ (1810) R.s Brief vom 3.7.1806 abdruckte. Die Beschäftigung mit der Farbentheorie bezeichnet eine Akzentverschiebung von allegorisch verschlüsselter Naturmystik zu einer naturwissenschaftlichen Fundierung der sinnlichen Aspekte der Malerei. Im „Kleinen Morgen“ (1808) erscheint im Mittelbild Aurora, aus deren Hand die Lichtlilie ins Universum aufsteigt, während kindliche Genien dem Säugling auf der Wiese Rosen als materialisiertes Morgenlicht darbringen. Das Außenbild zeigt den Aufstieg der Seele von der verfinsterten Sonne zur Herrlichkeit Gottes. Beim „Großen Morgen“ (1809/10) plante R., das Innenbild durch einen geschnitzten Rahmen vom nicht mehr ausgeführten Außenbild abzusetzen und das Ganze durch einen noch größeren plastischen Rahmen einzufassen. Das Kolorit arbeitet bereits, wie später der Impressionismus, mit buntfarbigen Schatten und überwindet so die traditionelle Helldunkelmalerei. Dies hängt zusammen mit der Schrift „Die Farbenkugel“, von der R. 1809 das Manuskript und 1810 ein gedrucktes Exemplar an Goethe schickte. Die hier veröffentlichten Erkenntnisse über Farbenharmonie und -disharmonie und ihre psychologische Wirkung waren bahnbrechend.

R.s kunstgewerbliche Originalität dokumentieren die meisterhaften Scherenschnitte, in der Frühzeit figürliche Motive und Szenen, später v. a. Blumen und Pflanzen. Das Projekt für ein Grabmal (1808) antizipiert den Jugendstil, indem es die gesamte Architektur pflanzlich verwandelt. Die beiden Entwurfsserien für ein Kartenspiel (1809) zeigen anstelle der bis dahin üblichen ganzfigurigen Trümpfe diese erstmals jeweils als Halbfigur im Gegensinn verdoppelt. Unter R.s Entwürfen für Buchumschläge sind die beiden Fassungen zu Perthes' Zeitschrift „Vaterländisches Museum“ Inkunabeln einer anti-napoleonischen, patriotischen Kunst in Deutschland (1809). Im Dez. 1809 trat R. in einen Briefwechsel mit →Clemens Brentano, seinem zeitlebens größten Verehrer, ein.

R., der Begründer der romantischen Kunst in Deutschland, hinterließ bei seinem frühen, vermutlich durch Tuberkulose verursachten Tod ein quantitativ kleines Œuvre. Es beeinflußte zunächst C. D. Friedrich und K. F. Schinkel sowie – nach der Wiederentdeckung des Malers im späten 19. Jh. durch →Alfred Lichtwark – im 20. Jh. u. a. die Kunst am Bauhaus, insbesondere →Paul Klee und Johannes Itten, ferner Max Ernst und Otto Dix.

18. Dorothea Schlegel

image.jpeg

S., die eine traditionelle jüd. Bildung erhielt, wurde von ihrem Vater 1783 verheiratet. Die junge Ehefrau und Mutter fand anregende Geselligkeit im Berliner Salon ihrer Freundin →Henriette Herz (1764–1847), in dem u. a. der junge Theologe →Friedrich Schleiermacher sowie die Brüder Alexander und Wilhelm v. Humboldt verkehrten. Zusammen mit →Henriette Herz und anderen gründete sie einen von der Epoche der Empfindsamkeit bestimmten Tugendbund. Im Sommer 1797 lernte sie im Salon der Freundin Friedrich Schlegel kennen, der noch im selben Jahr ihr Geliebter wurde und die gemeinsame Beziehung in „Lucinde“ (1799) verarbeitete. Nach der Scheidung von Veit 1799 folgte S., die sich von nun an Dorothea nannte, Schlegel mit ihrem jüngsten Sohn nach Jena in das Haus seines Bruders August Wilhelm und dessen Frau Caroline, wo u. a. die Dichter →Ludwig Tieck und Novalis sowie der junge Philosoph Friedrich Wilhelm Schelling verkehrten.

Angeregt von diesem Kreis und nach dem Vorbild von Goethes „Wilhelm Meister“, schrieb S. den ersten Band des Romans „Florentin“ (1801, Neudr., hg. v.L. Weissberg, 1987), der, herausgegeben von Friedrich Schlegel, ohne Nennung der Verfasserin erschien (2. Bd. unvollendet). 1802 übersiedelte das Paar nach Paris, 1804 nach Köln. In den folgenden Jahren übersetzte S. hier aus dem Französischen Memoiren, Rittergeschichten und Germaine de Staëls Roman „Corinna oder Italien“ (4 Bde., 1807, Neudrr. Krit. Friedrich-Schlegel-Ausgabe, 4. Abt., Bd. 33, 1980 u. hg. v. A. Kappler, 1985), der mit dem Namen ihres Mannes als Übersetzer|und Herausgeber erschien. Diese und andere Arbeiten seiner Ehefrau nahm Schlegel sogar in seine Werke auf. Dem herrschenden Frauenbild ihrer Zeit entsprechend, legte S. keinen Wert darauf, öffentlich zu wirken; sie verstand sich als Zuarbeiterin ihres Mannes: „Friedrich sein Geselle zu werden“ und seine Einnahmen aufzubessern, war ihr Ziel.

1808 übersiedelte das Ehepaar nach Wien. Hier schloß S. Freundschaft mit →Caroline Pichler (1769–1843) und verkehrte während des Wiener Kongresses mit ihrer Freundin →Rahel (Levin-)Varnhagen v. Ense (1771–1833) im Salon der →Fanny v. Arnstein (1758–1818) und im Haus des preuß.Gesandten →Wilhelm v. Humboldt (1767–1835), wo sie u. a. →Josef v. Eichendorff kennenlernte. Nach vorübergehendem Aufenthalt in Frankfurt/M. 1816–18, wo ihr Mann als österr. Diplomat beim Dt. Bundestag tätig war, lebte S. 1818-20 bei ihren Söhnen in Rom, die dort als Maler der Schule der Nazarener angehörten. Als ihr Mann 1829 starb, übersiedelte sie zu ihrem Sohn →Philipp nach Frankfurt.

Erst in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jh. wurde S. insbesondere als Briefautorin, Schriftstellerin und Übersetzerin neu entdeckt. Ihr Mut, sich von ihrem ungeliebten Ehemann zu trennen und als Geliebte und spätere Ehefrau des Mitbegründers der Frühromantik Friedrich Schlegel entgegen jüd.Tradition und strenger gesellschaftlicher Normen ihr Recht auf Glück einzufordern, machte sie zu einer Wegbereiterin weiblicher Emanzipation.

19. Zacharias Werner

image.jpeg

W. wuchs in der Obhut seiner psychisch belasteten Mutter auf, wurde von Hauslehrern unterrichtet und begann früh zu publizieren (Vermischte Gedichte, 1789). Ein 1784 begonnenes Studium der Rechtswissenschaft in Königsberg brach er 1792 ab. 1793 nahm er eine Stellung als Kopist im preuß.Staatsdienst an (1793 / 94 Piotrków, 1794–96 Płock, 1796–1801 u. 1804 / 05 Warschau). Seit 1799 hatte die Bekanntschaft mit →Johann Jacob Mnioch (1765–1804) und →Julius Eduard Hitzig (1780–1849) große Bedeutung für W.s. Verbindung freimaurerischer Reformpläne mit religiösen Ideen der Theosophie (→Jacob Böhme) und Frühromantik (→Friedrich Schleiermacher). Sein erstes Drama „Die Söhne des Thals“ (2 T., 1803 / 04, ²1807) ist Ausdruck dieser angestrebten Vervollkommnung der Aufklärung durch eine neue Mythologie der Kunst, die einem geläuterten Christentum dienen sollte.

1805 nach Berlin versetzt, wurde W. durch →August Wilhelm Ifflands (1759–1814) Aufführung seines Dramas „Martin Luther oder Die Weihe der Kraft“ (1806) in Berlin zu einem der angesehensten Dramatiker seiner Zeit. 1807 schied er aus dem Staatsdienst, bis 1809 bereiste er Deutschland, Österreich, die Schweiz und Frankreich. →Johann Wolfgang v. Goethe (1749–1832) führte 1808 und 1810 zwei von W.s Dramen auf. W. nahm maßgeblichen Einfluß auf →Goethes Romantikverständnis, besonders durch seine Sonette. Ein W. gewidmetes Kapitel in →Germaine de Staëls „De l’Allemagne“ (1810 [1813]) machte ihn in ganz Europa bekannt. 1809–13 lebte er in Rom und wurde als einziger Dichter 1813 Mitglied des „Lukasbunds“ dt. Maler. 1814| erhielt er in Aschaffenburg die Priesterweihe und wirkte fortan als Prediger und Beichtvater in Wien; Leitfigur und Freund wurde hier →Klemens Maria Hofbauer (1751–1820). W.s Kanzelpredigten erregten 1814 / 15 während des Wiener Kongresses wegen W.s Lebensgeschichte und wegen seines eigenwilligen Stils großes Aufsehen. 1816 / 17 bemühte sich W. in Janów (Podolien) erfolglos um eine Niederlassung der Redemptoristen; 1817 wurde er Ehrenkanonikus des Domkapitels von Kamjanez-Podilskyj. 1821 / 22 war er Novize der Redemptoristen, nach seinem Austritt blieb er dem Orden als Oblate verbunden. W. starb an einer Lungenkrankheit.

Als Dramatiker schloß sich W. an →Friedrich Schiller (1759–1805) an und erweiterte die klassische Tragödienform sprachlich und dramentechnisch um romantische Elemente.

Die meist im Mittelalter situierten Handlungen zielen auf umfassende Geschichtsdarstellung im Detail wie im theologisch-geschichtsphilosophisch begründeten Zusammenhang (v. a. Das Kreuz an d. Ostsee, 1. T. 1805 [1806], Musik v. →E. T. A. Hoffmann; 2. T. 1805 unvollendet u. verschollen). Gegenüber der bei →Schiller bestimmenden Freiheitsthematik ist der dramatische Konflikt vom Gegensatz göttlicher Vorbestimmung und individuell beschränkter Einsicht geprägt. Zentral in „Wanda, Königin der Sarmaten“ (1808 [1810]) ist die Darstellung von W.s „Liebessystem“, der übernatürlichen Bestimmung eines Liebespaars füreinander, die sich nach der Opferung in der Apotheose erfüllt (ebenso in Attila, König d. Hunnen, 1807 [1808] u. Cunegunde d. Hl., 1809 [1815]). In „Die Mutter der Makkabäer“ (1816 [1820]) kommt es zu einer Wiederbelebung der Märtyrertragödie. Der Einakter „Der vierundzwanzigste Februar“ (1809 [1815]) wurde Ausgangspunkt des sog. Schicksalsdramas.

W.s Bühnenwerke wurden in die meisten europ. Sprachen übersetzt, konnten sich aber nicht dauerhaft behaupten. Sie beeinflußten alle späteren Bemühungen um die hohe Tragödie in Deutschland, so bei →Heinrich v. Kleist, →Theodor Körner, →Clemens Brentano, →Franz Grillparzer, →Friedrich Hebbel, →Richard Wagner und →Otto Ludwig. W.s Gestalten und Sujets regten noch →Giuseppe Verdi (Attila, 1846), →Fjodor Dostojewski (Die Brüder Karamasow, 1878 / 80) und →Theodor Fontane (Effi Briest, 1894 / 95) an. W.s. Lyrik, v. a. sein Sonettwerk, seine Kanzonen und seine religiöse Dichtung, wurde postum gesammelt und nur vereinzelt rezipiert und vertont, etwa durch →Franz Schubert.

20. Carl von Clausewitz

image.png

C. trat 1792 als Gefreiterkorporal in das preußische Infanterie-Regiment Prinz Ferdinand Nummer 34 ein, bei dem er (ab 20.7.1793 Fähnrich) den Rheinfeldzug 1793/94 (Belagerung von Mainz) mitmachte. Leutnant seit dem 5.3.1795, besuchte er 1801-03 die Kriegsschule zu Berlin, deren Leiter J. G. D. von Scharnhorst sein Freund und unvergessener, die Richtung seines geistigen Schaffens bestimmender Lehrer wurde. Als Stabskapitän (2.11.1805) und Adjutant des Prinzen August von Preußen nahm C. am Feldzug 1806 teil (Auerstädt, Kapitulation von Prenzlau). Nach mehrmonatiger Internierung in Frankreich trat er im April 1808 in Königsberg zu dem engeren Kreis der preußischen Reformer um Stein, Scharnhorst, Gneisenau, H. von Boyen und K. Wilhelm Georg von Grolman. Als vertrautester Mitarbeiter Scharnhorsts wirkte C. - zunächst im Range eines „Wirklichen Kapitäns“ wieder angestellt - vom 21.2.1809 bis zum 11.10.1810 im preußischen Kriegsministerium; am 19.7.1810 wurde er in den Generalstab versetzt und am 29.8. gleichen Jahres zum Major befördert. Seit dem 11.10.1810 lehrte C. über Generalstabsdienst und kleinen Krieg an der Allgemeinen Kriegsschule zu Berlin, außerdem unterrichtete er den preußischen Kronprinzen in den Militärwissenschaften. Nach Abschluß des französisch-preußischen Militärbündnisses im Frühjahr 1812 nahm er mit einer Gruppe gleichgesinnter Offiziere den Abschied (23.4.1812 erteilt), um fortan als „freier Preuße“ im russischen Heere gegen→Napoleon zu fechten: C. traf diese folgenschwerste Entscheidung seines Lebens allein vor seinem Gewissen, als preußischer Patriot, politisch gebildeter Offizier und im ausgeprägten Gefühl für politische Ehre, wie dies der Inhalt der von ihm im Februar 1812 verfaßten „Bekenntnisdenkschrift“ beweist. Als russischer Generalstabsoffizier (Oberstleutnant) in wechselnden Stellungen kämpfte er mit Auszeichnung im Feldzug von 1812 (Moshaisk, Witebsk, Smolensk, Borodino) und leitete als russischer Bevollmächtigter die zur Konvention von Tauroggen führenden Verhandlungen mit York. Während der Feldzüge 1813/14 gehörte C. der russisch-deutschen Legion (Korps Wallmoden im Verbande der Nordarmee) an. Sein Gesuch um Wiedereinstellung in die preußische Armee blieb einstweilen erfolglos, da Friedrich Wilhelm III. den eigenmächtigen Schritt vom Frühjahr 1812 noch nicht vergessen hatte; erst am 30.3.1815 wurde C. als Oberst im Generalstab in preußische Dienste übernommen. Am 22.4.1815 zum Chef des Generalstabes des III. Armeekorps unter Johann A. von Thielmann bestimmt, leitete er im Feldzug von 1815 die Operationen dieses Korps bei Ligny und Wavre. Vom Herbst 1815 bis zum Frühjahr 1818 war C. als Chef des Generalkommandos am Niederrhein in Koblenz unter Gneisenau (später Hake) tätig. Vom 9.5.1818-19.8.1830 bekleidete er (seit dem 19.9.1818 Generalmajor) die bedeutungslose, ihm wenig zusagende Stelle eines Verwaltungsdirektors der Allgemeinen Kriegsschule zu Berlin. Nach vorübergehender Wiederverwendung im Truppendienst als Inspekteur der 2. Artillerieinspektion in Breslau (ab 19.8.1830) wurde C. am 6.3.1831 zum Chef des Generalstabes der anläßlich der polnischen Unruhen gebildeten preußischen Observationsarmee unter Gneisenau in Posen ernannt. Nach Ende der Unruhen und Auflösung des Armeeoberkommandos kehrte C. - zutiefst erschüttert durch den Tod seines Freundes Gneisenau - Anfang November 1831 nach Breslau zurück. Dort erlag er unerwartet der Cholera.

C. war eine nach außen hin verschlossen, fast kalt abweisend wirkende, im Innern gleichwohl leidenschaftlich bewegte Persönlichkeit von großer Tiefe des Gemüts und Zartheit der Empfindungen. In ihm verbanden sich ausgesprochene Neigung zur Wissenschaft auf der Grundlage einer umfassenden historischen, philosophischen, politischen, militärwissenschaftlichen, ökonomischen und naturwissenschaftlich-technischen Bildung, starke Meditationskraft, durchdringender kritischer Verstand und Sinn für die konkreten Bedingtheiten des Lebens zu einer geschlossenen Einheit. C. erfüllte nicht der Hang zu rein spekulativem Dasein, sondern das Drängen zur Tat auf politisch-militärischem Felde in Verbindung mit den schöpferisch lenkenden Kräften des Geistes und den Werten des Charakters. Von Jugend an bestrebt, über den militärischen Fachbereich hinaus einen eigenen Standort im Gesamtbereich der Lebenswirklichkeit zu gewinnen, vermied er alle Einseitigkeit und die Gefahr der Selbstisolierung seines Berufes. Stets richtete C. den Blick auf die allgemeinen politischen, geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse seines Zeitalters.

C. ist der Schöpfer der modernen Theorie des Krieges, wie sie in seinem erstmalig 1832-34 von seiner Witwe herausgegebenen Werk „Vom Kriege“ vorliegt. Dieses in acht Bücher von ungleicher Ausführung gegliederte Werk - „Frucht eines vielseitigen Nachdenkens mit beständiger Richtung gegen das praktische Leben“ - schuf C. aus einer inneren Spannung, dem Bewußtsein eines letzthin unerfüllten Lebens heraus: sich zum praktischen Handeln auf höchster Ebene (Staatsmann - Feldherr) berufen zu fühlen und dennoch stets auf einen im Vergleich dazu bedeutungslosen Wirkungskreis beschränkt zu bleiben, jene höchsten von ihm erstrebten Tätigkeitsbereiche nur auf dem Wege der reinen Kontemplation erfassen zu dürfen. Mit dem Werk „Vom Kriege“, das eine zweckvolle, die Zeiten überdauernde Synthese von Vorstellung und Wirklichkeit darstellt, hat C. dennoch eine besondere Form des Handelns gesucht und gefunden; er wollte nach seinen eigenen Worten ein Buch schreiben, „was nicht nach zwei oder drei Jahren vergessen wäre“. Dieses Buch enthält eine umfassende Wesensschau des Krieges in seiner Tatsächlichkeit, das heißt in allen seinen Arten und möglichen Erscheinungsformen, wie sie sich C. aus dem bewußten Erleben der Epoche 1789/1815 in Verbindung mit kriegsgeschichtlichen Studien, militärisch-technischen Kenntnissen, der Praxis des Truppen- und Generalstabsdienstes im Wechsel von Krieg und Frieden, Zusammenbruch und Wiederaufbau unter gleichzeitiger Anwendung der ihm vornehmlich durch Kants Lehren vermittelten philosophischen Systematik erschloß. Nicht die moralisch-ethische Wertung des Krieges, sondern die in der Lebensvielfalt praktisch wirkenden Elemente seines Instrumentalcharakters sind Gegenstand der Betrachtung. Der Krieg - „ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“ - ist ein Mittel der Politik, welches der verantwortlich handelnde Staatsmann wohl kennen muß, um richtige Entschlüsse im Falle einer bewaffneten Auseinandersetzung fassen zu können.

Die Grundgedanken Scharnhorsts verwertende Konzeption des Werkes „Vom Kriege“ geht bis in C. Kriegsschulzeit zurück; ihre stufenweise Entwicklung kommt ebenso in seinen kritischen Studien über Strategie und Kriegskunst aus den Jahren 1804, 1805, 1808 und 1809 zum Ausdruck wie in den von ihm 1810/11 an der Allgemeinen Kriegsschule zu Berlin gehaltenen Vorlesungen über den|kleinen Krieg und seinen militärischen Vorträgen aus den Jahren 1810-12 vor dem preußischen Kronprinzen. Insbesondere die Vorlesungen über den kleinen Krieg machen eine Erweiterung und Vertiefung der Konzeption nach der praktischen Seite hin sichtbar. Sie deuten darüber hinaus C. Gesamtbild an: großer und kleiner Krieg. Das Buch „Vom Kriege“ ist die zwischen 1816 und 1830 in aller Stille erfolgte, als notwendiger Klärungsprozeß zu wertende Niederschrift, die freilich nur den großen Krieg und seine Führung behandelt. Indem C. in philosophischer Ausdeutung Strukturen des Krieges sieht und ihn in das „Gebiet des gesellschaftlichen Lebens“ verweist, bietet er eine in ihren Grundlagen zeitlose, in sich geschlossene Theorie des Krieges und seiner Wesenselemente; das heißt die grundsätzliche Bedeutung dieser Theorie liegt in der Tatsache, daß C. über die Bedingtheiten seiner eigenen Epoche hinaus das Wesen des Krieges schlechthin erfaßt und herausgestellt hat. Er will nicht lediglich „aktuell“ für den Augenblick und damit einem vorzeitigen Veralten ausgesetzt sein, sondern die zu allen Zeiten gleichbleibenden Elemente des Krieges aufzeigen. Dies ist ihm mit dem Werk „Vom Kriege“ tatsächlich gelungen. Dadurch unterscheidet sich dieses völlig von allen anderen vor und nach ihm erschienenen Bücher über Krieg und Kriegskunst: es ist in seinen Kerngedanken weder „unvollkommen“ noch „überholt“ und stellt darüber hinaus das Grundwerk über den Krieg überhaupt dar. C. bricht darin mit dem abstrakt-generalisierenden Systemdenken des 18. Jahrhunderts, gibt aber auch keine „positive Lehre“ oder „Formelsammlung“ im Sinne eines verengten handwerklichen Handelns für militärische Techniker; eine „Lehre“ würde die Wahrheit verfälschen. Für C. ist die Theorie vielmehr verstehende Betrachtung: ein Bildungsgang, der den Geist im selbständigen Erkennen des Krieges schult, Urteilsmaßstäbe schafft. Das Werk „Vom Kriege“ entstand aus der innigen Verbindung von praktischer Erfahrung und geistiger Meditation, kritischer Auswertung historischer Beispiele und zweckvoller Anwendung der philosophischen Dialektik, der Beleuchtung des Allgemeinen wie des Besonderen, unter Berücksichtigung der jeweiligen („historisch“ bedingten) Individualität und der Unwägbarkeiten des wirklichen Lebens. C. betrachtet den Krieg in seiner Gesamtheit, angefangen von der Aufstellung einzelner Feldwachen bis herauf zu den großen strategisch-politisch-philosophischen Seinszusammenhängen, untersucht die Probleme nach allen Seiten hin, durchdringt sie bis in ihre letzten Tiefen. Mit dem Werk „Vom Kriege“ vollzieht er für seinen Teil den Durchbruch zu jenem neuen Bewußtseinsgefüge, wie es etwa durch den Begriff des „Historismus“ gekennzeichnet ist.

Das Werk „Vom Kriege“ ist für Politiker wie für Soldaten geschrieben. Zu den in ihm enthaltenen Gedanken von bleibender, durch die Erfahrungen zweier Weltkriege und des Kalten Krieges erhärteter Geltung gehören die Ausführungen über die Natur (Arten) des Krieges, das Verhältnis von Politik und Krieg, die moralischen Größen, die Bedeutung und das Wesen der Theorie, die Rolle der Imponderabilien („Friktion“), die Relationen von Zweck, Ziel und Mittel sowie das Wechselverhältnis von Verteidigung und Angriff. Der Krieg ist für C. kein isolierter Akt, sondern geht stets aus der Politik hervor, ist „eine Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel“; seine „Lineamente“ liegen in der Politik bereits verborgen angedeutet „wie die Eigenschaften der lebenden Geschöpfe in ihren Keimen“. „Gute und zahlreiche Truppen und ein ausgezeichneter Feldherr sind die unfehlbaren Mittel zum Siege; aber es sind immer nur Mittel, das heißt Instrumente, und die Seele des Krieges wohnt im Kabinett, das heißt in den Interessen, durch welche dasselbe geführt wird, und in dem Geist, womit es diesen Interessen nachgeht. Es ist unmöglich, den Krieg von der Politik zu trennen, ihn nach eigenen, selbständigen Gesetzen zu behandeln.“ Die Politik also erzeugt und beherrscht den Krieg in allen Phasen seines Ablaufes, auch wenn man nach politischen Rücksichten keine Spähtrupps führt oder Feldwachen aufstellt; freilich soll sie sich in rechter Kenntnis der Mittel davor hüten, Forderungen an den Krieg, das heißt den Soldaten zu stellen, die dieser nicht leisten kann. Der Staatsmann muß ferner bereits vor Abschluß des Krieges die letzten militärischen Operationen im Sinne der zu erwartenden oder konzipierten Friedensregelung anlegen. C. vertritt damit grundsätzlich den Primat der politischen Leitung gegenüber der militärischen Führung. - Das Werk „Vom Kriege“ fand zunächst Aufnahme in Militärkreisen. Neben einigen bereits 1833-35 aus ihm in der „Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und Geschichte des Krieges“ abgedruckten „Aphorismen“ warb vornehmlich der sächsische Militärschriftsteller K. E. Pönitz in seinen 1845 erschienenen „Militärischen Briefen eines Verstorbenen an seine noch lebenden Freunde“ (Neueste Ausgabe 3 Bände, 1854) für die Ideen von C. Auch Moltke hat sich mit dem Werk „Vom Kriege“ beschäftigt, wobei er die spezifisch|militärischen Thesen bejahte und sie fruchtbringend im System seiner erfolgreichen Kriegführung zu verarbeiten wußte. Indes vertrat Moltke im Hinblick auf das politische Hauptanliegen eher die entgegengesetzte, von C. zeitlebens so scharf bekämpfte Anschauung, indem er den Krieg weitgehend von der Politik emanzipierte: die Politik zwar löst den Krieg aus, tritt auch beim Friedensschluß wirksam hervor; während des Ablaufes der Operationen jedoch hat sie nichts dreinzureden. Nur bedingt war Moltke ein Schüler von C.; ebenso dürfte die bekannte Auffassung, die preußischen Generale von 1870/71 seien im Geiste der Lehren des Werkes „Vom Kriege“ herangebildet worden, nur dort der Wahrheit entsprechen, wo es sich um Übernahme einzelner, mehr oder weniger wahllos aus dem Zusammenhang herausgegriffener Leitsätze aus seinem militärischen Teil handelt. Praktisch vollzog sich mit Moltke und namentlich seiner Schule samt deren Nachfolgern im Denken des preußisch-deutschen Generalstabes hinsichtlich der Beurteilung und tatsächlichen Regelung des Verhältnisses von Politik und Krieg eine allmähliche, fast bis zur Verständnislosigkeit gehende Abkehr von C. zugunsten einer vordergründigen, die Herauslösung des militärischen Sektors aus dem zivilen Gesamtlebensbereich befördernden und kaum mehr als ein reines Handwerkertum zum Idealbild erhebenden Anschauung. Dies lag im Zuge der wirklichen Entwicklung in Preußen-Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Einmal betrachtete sich die Armee im Glanze ihrer durch die überlegene Staatskunst →Bismarcks 1864, 1866 und 1870/71 zustandegekommenen Siege als ein dominierender, durch die Krone abgeschirmter und damit von politischer Seite so gut wie unantastbarer Eigenkörper im Staatsleben; zum anderen wurde gerade die zum rechten Verständnis der Gedanken von C. erforderliche philosophisch-universale Bildungsgrundlage eingeschränkt (zum Beispiel Streichung des Faches „Logik“ aus dem Lehrplan der Kriegsakademie ab 1858/59), um dem einseitigen, lediglich auf „Perfektionierung“ seines Fachgebietes bedachten militärischen Techniker (zum Beispiel W. von Scherff, L. von Falkenhausen) das Feld zu überlassen; drittens machte sich zunehmend ein übersteigertes, alle natürlichen Lebenszusammenhänge zerreißendes Spezialisierungs- und Ressortprinzip geltend. In dem Sinne sprach Graf Schlieffen 1905 von einer „philosophierenden Betrachtungsweise“ im Werk „Vom Kriege“, die den „heutigen Leser nicht immer anmutet“. Im Grunde zog die deutsche Armee 1914 ohne C. ins Feld; noch nach dem Ende des 1. Weltkrieges meinte man beim Studium des Werkes „Vom Kriege“ die „philosophischen Partien“ einfach überschlagen zu können. Den Endpunkt dieser zur völligen Umkehrung der Lehren von C. führenden Entwicklung bedeutete die von Ludendorff 1935 verkündete Forderung, die Politik habe dem Kriege zu dienen, „alle Theorien von C. sind über den Haufen zu werfen“. Anders dachte freilich Generaloberst Beck, dessen hinterlassene Studien von einer verständnisvollen Würdigung der Kerngedanken des Werkes „Vom Kriege“ zeugen. Dagegen ließ Hitlers Führung im 2. Weltkrieg alle wesentlichen Grundsätze von C. außer Acht.

Die weltweite Verbreitung der Gedanken des Werkes „Vom Kriege“ im Gefolge der preußischen Waffensiege im deutsch-französischen Krieg setzte zwischen 1871 und 1914 ein. C. wurde ebenso in Großbritannien, Frankreich, Italien und Rußland studiert wie in Holland, der Schweiz, Österreich-Ungarn, Schweden, den USA oder Japan. Der Verlauf und die Probleme des 1. Weltkrieges bestätigten nicht nur die Richtigkeit der Lehren von C., sondern lösten auch die Beschäftigung mit seinen bisher weniger beachteten philosophisch-politischen Hauptgedanken aus, ließen Staatsmänner auf sie aufmerksam werden. Es war W. I. Lenin, der (wie vor ihm Marx und Engels 1857/58) das Werk „Vom Kriege“ 1915 während seiner Schweizer Emigration vom politisch-philosophischen Standpunkt aus mit kritischem Verständnis durcharbeitete, die Grundthesen über das Verhältnis von Politik und Krieg in marxistischer Verarbeitung übernahm und als wirksame Waffe im Kampf um die Begründung der Sowjetmacht, insbesondere in seiner Auseinandersetzung mit den „rechten“ und „linken“ Sozialrevolutionären verwandte; er erkannte, daß C. die zur Orientierung in der verwirrenden Vielfalt sich überschneidender Fronten des großen Völkerringens allein gültige, klärende Theorie des Krieges bot. Lenins im Hinblick auf die bolschewistischen Anschauungen über Krieg und Politik noch heute aufschlußreichen Notizen (samt Randbemerkungen) aus dem Werk „Vom Kriege“ sind in einem besonderen Heft („Tetradka“) erhalten; sie stellen gleichsam das sowjetische C.-Brevier dar und zeugen darüber hinaus von der Tatsache, daß Lenin als erster die so bedeutsame politische Seite des Werkes „Vom Kriege“ herausstellte und damit seiner Zeit in der C.-Interpretation um Jahrzehnte voraus war. Das Studium des Buches „Vom Kriege“ den Kommandanten der Roten Armee empfehlend, erklärte Lenin 1917, die|„grundlegenden Gedanken“ von C. seien „in unserer gegenwärtigen Zeit zum unbedingten Besitz jedes denkenden Menschen“ geworden. Auch. J. Stalin, L. Trotzki, K. Radek, W. Molotow und M. W. Frunse waren mit C. wohl vertraut, ebenso die Sowjetmarschälle M. Tuchatschewski, Schaposchnikow und G. Schukow. Deutschen Politikern dagegen (mit geringen Ausnahmen wie P. Levi, Th. Haubach, J. Leber) blieben die Lehren des Werkes „Vom Kriege“ nahezu fremd. Selbst →Bismarck, der seine Politik in den deutschen Einigungskriegen freilich im Sinne von C. geführt hat, bekannte, über diesen kaum mehr zu wissen, als daß er „ein verdienter General“ gewesen sei.

Der 2. Weltkrieg, der Kalte Krieg, die Kämpfe in Korea und Indochina vertieften allgemein in den beteiligten Ländern das Bewußtsein von der grundsätzlichen Gültigkeit der Kerngedanken des Werkes „Vom Kriege“ trotz kritischer Anfechtung im einzelnen. Dies beweisen etwa die 1954 in der Deutschen Demokratischen Republik erschienene C.-Schrift „Feder und Degen. Carl von C. und seine Zeit“ oder die der neuen französischen C.-Ausgabe (Paris 1955) vorangestellten Studien von Camille Rougeron: „Actualité de C.“ und Pierre Naville: „Carl von C. et la théorie de la guerre“. Rougeron weist auf die Gültigkeit von C. Lehren auch hinsichtlich des Indochina-Krieges, des Falls von Dien-Bien-Phu hin, während Naville die Bedeutung des Werkes „Vom Kriege“ vornehmlich im Lichte des neuzeitlichen Sozialismus beleuchtet. Kritisch über C. äußerte sich J. W. Stalin 1946, ohne indes den politisch-philosophischen Kerngehalt des Buches „Vom Kriege“ abzulehnen: allerdings seien „die Partien rein taktischer und strategischer Natur durch die Entwicklung zum Teil überholt“, und C. selbst habe „sich ständig gegen die dogmatische Auslegung von Theorien gewandt“. Scharf gegen C. nimmt der britische Militärschriftsteller B. H. Liddell Hart in seinem neuesten Buch über Strategie (1955) Stellung, indem er ihm - in freilich nicht überzeugender Oberflächlichkeit der Beweisführung - vorwirft, seine Gedanken hätten zum Niedergang der Führungskunst beigetragen, seine Philosophie sei unklar, „eine Lehre für Feldwebel“, seine „theoretischen Überlegungen und Übertreibungen von der Idee der ‚absoluten' Kriegführung“ hätten eine schlimme Wirkung ausgeübt. Dennoch bezeichnet Liddell Hart das Werk „Vom Kriege“ als „klassisch“ und betont, es sei „von ausschlaggebender Bedeutung, die Theorien von C. zu untersuchen“. Entgegen den Erkenntnissen von C. handelten übrigens die verantwortlichen politischen und militärischen Führungskreise der USA um Roosevelt und Eisenhower in der das künftige Schicksal des Balkans, Berlins, Mitteldeutschlands und damit Europas bestimmenden Schlußphase des 2. Weltkrieges; ähnlich wie vordem in Deutschland war hier neben politischer Konzeptionslosigkeit ein militärisch-technischer „Perfektionismus“ wirksam. Unter Berufung auf den deutschen Kriegsphilosophen schreibt Präsident Truman dazu in seinen Memoiren (1955): „Schon von C. hat den Satz geprägt, daß der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, und daraus haben viele unserer Generale, aber auch ein großer Teil der Öffentlichkeit geschlossen, daß - hat ein Krieg erst einmal begonnen - alle Entscheidungen militärischer Natur seien. Nur hat C. noch viel mehr als diesen leicht in Erinnerung zu behaltenden Satz gesagt. Nach ihm ist beides, Politik und Krieg, Mittel zum Zweck; die Art dieses Zweckes aber ist Sache der politischen Zielsetzung“.

Die übrigen Schriften von C. sind vornehmlich kriegsgeschichtlicher, militärpolitischer und politischer Natur. Die kriegsgeschichtlichen Arbeiten umfassen den 4. bis 10. Band der „Hinterlassenen Werke über Krieg und Kriegführung“: sie behandeln in erster Linie die Feldzüge der napoleonischen Epoche, enthalten aber auch Darstellungen zur Kriegführung des 17. und 18. Jahrhunderts; hierzu gehört ferner eine gesondert veröffentlichte kritische Untersuchung über den preußischen Zusammenbruch von 1806. Diese Arbeiten entstanden im Zusammenhang mit dem Werk „Vom Kriege“, sie dürfen gleichsam als Vorstudien, „Materialien“ und praktische Beispielsammlung betrachtet werden. Größere Verbreitung erlangte C. „Feldzug von 1812 in Rußland“, der später auch in englischer, russischer und französischer Übersetzung erschien. Als ein persönliches Bekenntnis und literarisches Denkmal zugleich im Hinblick auf die tiefe Verbundenheit mit seinem besten Freund ist C. erstmalig 1832 in L. Rankes „Historisch-politischer Zeitschrift“ erschienener Aufsatz: „Über das Leben und den Charakter von Scharnhorst“ zu werten.

21. Johann Gottfried Herder

image.jpeg

H. entstammt einem kargen pietistischen Elternhaus im ostpreußischen Städtchen Mohrungen. Schon als Zögling der Lateinschule, unter dem Rektor Grimme, verrät er außerordentliche Lernbegier. Den 16jährigen benutzt der Diakon und theologische Schriftsteller Trescho gegen freies Logis zum Exzerpieren theologischer Bücher; H. hat Gelegenheit, nachts in der Bibliothek des Diakons zu lesen und seine Feder zu üben. Der Chirurg eines in Mohrungen einquartierten russischen Regiments, Schwarz-Erla, bestimmt ihn im Frühjahr 1762, in Königsberg das Studium der Medizin aufzunehmen. Bei der ersten Leichenöffnung fällt der schmächtige und sensible junge Mann in Ohnmacht und wechselt im August zu Theologie und Philosophie über. Seine Lieblingsfächer werden Astronomie und physische Geographie, sein bevorzugter Lehrer Kant. Nebenbei versieht|H. den Dienst eines Inspizienten, später eines Lehrers am Collegium Fridericianum. Die Lektüre Rousseaus und die Bekanntschaft J. G. Hamanns machen ihn mit freiheitlichen Ideen, mit englischer und französischer Sprache, mit Volkslied, „Ossian“ und Shakespeare vertraut. Auf Verwendung Hamanns hin erfolgt im Herbst 1764 die Anstellung als Kollaborator an der Domschule zu Riga. 1765 wird H. dort als Lehrer und Prediger verpflichtet. Seine Predigten gewinnen ihm Freunde, ja schwärmerische Verehrer; viel zarter Umgang mit Frauen hat statt. Die Lektüre bestimmen Shaftesbury, Home, Young, Leibniz und Baumgarten; die Freimaurerloge „Zum Nordstern“ nimmt ihn auf. Einem Ruf als Rektor der Sankt Petersburger Petersschule wirkt der Rat der Stadt Riga durch eine eigens für H. geschaffene Predigerstelle an der Hauptkirche entgegen. Die ersten größeren Werke erscheinen: „Über die neuere deutsche Litteratur. Fragmente“ (3 Sammlungen, 1766/67) und „Kritische Wälder“ (3 Bände, 1769). Die „Fragmente“ deklarieren sich als „Beilagen zu den Briefen die neuere deutsche Litteratur betreffend“, jenem 1759-65 erschienenen Periodikum, das Lessing, Nicolai, Mendelssohn und →Abbt zur höchsten kunstrichterlichen Instanz in Deutschland gemacht hatten. Diesen Männern stellt sich der 22jährige zur Seite, kritisiert jene Briefe selbst, übernimmt, kommentiert, verbessert ihre Urteile und versucht, aus den Einzelkritiken eine „pragmatische Geschichte der Litteratur“ zu systematisieren; diese soll die einzelnen literarischen Erscheinungen ursächlich miteinander und mit den politischen und sozialen Umständen verknüpfen und für eine künftige Poesie Weisungen geben. Titel und Programm dieses Erstlings machen das von Lessing überlieferte Wort verständlich, der junge Mann sei entweder ein Geck oder ein Genie. Die Fragmente entfalten den Gedanken, daß jedes Volk seine dichterische Ausdrucksweise besitzt, die sich nach dem Stand seine Sprache richtet, wie diese nach den natürlichen und politischen Verhältnissen. Uns hineinversetzend in die verschiedenen Dichtungen, in die Bedingung ihrer Entstehung und Wirkung auf ein ganz bestimmt strukturiertes Publikum, lernen wir leichter die Bedingungen und Forderungen unserer nationalen Lage erkennen und ihr dichterisch genügen. Zur Zeitgemäßheit tritt als weitere ästhetische Forderung die Verständlichkeit; der Dichter muß in der Volkssprache schreiben, der „Muttersprache“; sie ist kein Wert an sich, sondern dient der Verständlichkeit und Wirksamkeit des Literaten. Sagen und Märchen, die „Nationalvorurteile“, greife der Schriftsteller auf, nicht um sie zu konservieren, sondern um den „gemeinen Mann“, das „Volk, diesen edelsten Theil der Menschheit“, zu dem „unendlich viele gehören“, psychologisch um so leichter pakken und bilden zu können. Der Gedanke, altes unreflektiert-mythisches Vorstellungsgeschiebe didaktisch zu nützen, durchzieht die meisten Schriften H.s und darf auch bei seinen Bemühungen um das Volkslied nicht übersehen werden; kein Museum wird da eingerichtet, sondern Studienmaterial gesammelt für die Aufklärung des Volks und der Nationen übereinander. Daß der Volksbegriff des russischen Staatsbürgers H.hier, wie auch später, kein eng nationalistischer ist, zeigen die Abschnitte, die den Dichter zum Lernen bei Griechen, Franzosen, Engländern und Italienern anhalten und sich gegen übertriebenen Purismus wehren. Eindeutig ist zudem, daß der Begriff – in einer Zeit, da französisch geprägte Fürsten in Deutschland die Macht besitzen – durchgehend soziologisch, klassenmäßig bestimmt ist und die Zuwendung zum „Volk“ schon viel von H.s späterer Republikaner-Gesinnung vorausnimmt.

Die „Fragmente“ tragen H. die Anerkennung Kants und das Werben Nicolais um kunstrichterliche Mitarbeit an seiner „Neuen deutschen Bibliothek“ ein, außerdem die bittere Feindschaft des von ihm angegriffenen Hallenser Professors Klotz und seines Schülers Riedel. Diese beiden werden in verschärfter Form im nächsten Werk H.s getroffen: den „Kritischen Wäldern“, deren drei erste 1769 erscheinen, während das vierte nicht mehr von H. selbst veröffentlicht wird. Neben der Ablehnung einer engherzig moralisierenden Kritik geht es ihm hier um die Zerstörung jeder aprioristisch aus leeren Definitionen deduzierenden Ästhetik; an ihre Stelle setzt H. die Analyse des Einzelwerks durch Einfühlung in die Situation seines Entstehens und die Absicht des Künstlers. Erst aus der Betrachtung vieler Kunstwerke kann sich ein erfüllter Begriff einer Gattung, erst aus der Zusammenschau der verschiedenen Disziplinen eine gerechtfertigte Umschreibung „des Schönen“ ergeben. Dieses empirische Programm, welches H.s Wendung zur Geschichte methodisch rechtfertigt, ergänzt er durch physiologisch-psychologische Argumente und skizziert in diesem Sinn eine Ästhetik des plastischen Kunstgebildes, die aber erst 1778 als „Plastik“ ausgereift an die Öffentlichkeit tritt. Eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit Lessings „Laokoon“ füllt das 1. Wäldchen: Mit Schulbegriffen der Wolff-Baumgartenschen Ästhetik wird Lessings Trennung von Malerei und Poesie, die starre Gesetzgebung aus metaphysischen Axiomen für beide Kunstgattungen, zurückgewiesen und Homer sowohl der scholastischen Musterung wie der ebenso unangemeßnen scholastischen Rechtfertigung entrückt.

Am 5.6.1769 verläßt H. zusammen mit seinem Freund Behrens zu Schiff Riga, wohin er zurückkehren will, um die Stelle eines Direktors der livländischen Ritterakademie anzutreten. Die Reise führt an den Küsten Jütlands, Hollands und Englands vorbei nach Nantes. Hier wird das „Journal meiner Reise im Jahre 1769“ (veröffentlicht erst 1846) fertiggeschrieben, ein faszinierendes Kompendium von Ideen zu Natur- und Völkergeschichte, Einsichten in Volksdichtung und Volkserziehung, Entwürfe zur Organisation von Schulen, Akademien, ja des ganzen russischen Reiches, all das dithyrambisch herausgestoßen und reflektiert aus der ekstatischen Situation des Schiffes, Programm, dessen meiste Versprechen H. in der Folgezeit einlösen wird. Der anschließende Aufenthalt in Paris führt H. mit Diderot und andern Enzyklopädisten zusammen. Ergebnis seiner französischen Studien und Erfahrungen ist, daß eine direkte Nachahmung französischer Einrichtungen, vor allem des Theaters, der deutschen Situation unangemessen sei.

Ein Antrag, den Erbprinzen von Holstein-Gottorf auf seiner Bildungsreise als Hofmeister und Prediger zu begleiten, führt H. nach Hamburg. Er schließt hier Bekanntschaft mit Lessing, Claudius, Bode und Reimarus. Die im Juli 1770 begonnene Reise geht über Darmstadt, wo H. bei Merck seine spätere Gattin kennenlernt und sich verlobt, nach Straßburg. Den längeren Aufenthalt in dieser Stadt benutzt H. zu einer erfolglosen Operation der erkrankten Tränenfistel; er trifft mit Goethe zusammen, auf den er nachhaltigen Einfluß gewinnt, ihn besonders zum Studium Shakespeares und Sammeln von Volksliedern anhaltend. Von hier reicht er seine Abhandlung „Über den Ursprung der Sprache“ der Berliner Akademie ein, deren Preisaufgabe für 1770 auf ein schon langjähriges Interesse H.s für Sprache und Sprachveränderung getroffen ist. Mehr und mehr ist sie zu einer Kontroverse mit Süßmilch geworden, dessen 1766 vertretene These, die Sprache sei göttlichen Ursprungs, sie als abergläubisch, aporetisch, denkfaul und überflüssig erweist. Des Menschen Instinktschwäche, seine Nichtfestgelegtheit auf eine begrenzte Merk- und Wirksphäre sind der negative Ausdruck dessen, was positiv „Freiheit“, „Vernunft“ heißt, das ist einer spezifischen Disposition der menschlichen Seelenkräfte, deren Trennung in Tierisches und hinzukommenden Verstand eine unzulässige Abstraktion darstellt. Mensch ist nun einmal diese bestimmte Organisation, ebenso „natürlich“ wie das Außermenschliche, und bedarf keiner göttlichen Spezialeinwirkung. Die organische Verfassung des Menschen, schon in sich zur Sprache disponiert, weist zugleich auf seine gesellschaftliche Existenz, in der jene sich bildet. In der Weitergabe der Generationen verbessert sie sich und wird, in gegenseitiger Bereicherung der konkurrierenden Einzelsprachen, zum Träger und Garanten des universalen Lernens. Erstaunlich die Souveränität, mit der schon hier – wie verstärkt später in den „Ideen“ – anthropologische Probleme prägnant in wenig Sätzen erledigt werden, die heute ganze Bände füllen, erstaunlich auch die scharf antitheologische Position des jungen Theologen.

Man muß letztere in Verbindung bringen mit der wohl 1769 erfolgten Begegnung mit →Spinoza; dessen Gedanke des „deus sive natura“ prägt noch die „Ideen“ und findet seine ausführliche und endgültige Aneignung in den 5 „Gott“-Gesprächen von 1787, die in der Verteidigung Lessings gegen Jacobi die Undenkbarkeit eines außerweltlichen Gottes und die Göttlichkeit der Natur systematisch entfalten. Der Naturbegriff wird religiös aufgeladen und damit die Naturforschung als ein heiliges Geschäft begründet. In den „Fragmenten zu einer Archäologie des Morgenlandes“, zwischen 1769 und 1772 niedergeschrieben, tritt Naturerkenntnis an die Stelle orthodoxer Andacht, rückt an die Stelle der Bibel die neuzeitliche Naturwissenschaft; die modernen Physiker und Kosmologen erhalten exakt die Würde Mosis und der Propheten. Sie sind Verkünder derselben göttlichen Natur, die für die Hebräer unter den Bildern ihrer natürlichen Umgebung und gesellschaftlichen Verhältnisse sich in der Genesis offenbarte. Die intensive Versenkung in die patriarchalischen Zustände und den Sprachgeist des hebräischen Volkes relativiert so die biblische Offenbarung und befreit uns von ihrer physikalischen, methaphysischen oder theologischen Verbindlichkeit; sie gerade ermächtigt zu einer eigenen „Bibel“, dem rationalen Weltbild der modernen Physik und Geschichtsforschung: H.s „Ideen“ wollen diese neue Offenbarung dann ja sein. H.s Spinozismus ist von demokratischem Pathos erfüllt: „Natur“, das ist menschlich die Gemeinschaft von gleich Göttlichen, also Gleichen, der Ständeordnung entgegengesetzt. Die Institution des geläufigen Gottesdienstes, die gefühlserhebende „Andacht“,|wird als „schädliches Opium der Seele“ charakterisiert – eine immer wiederkehrende Bezeichnung für das, was nicht der Lebenspraxis dient, insonderheit für den religiösen Jenseitsglauben und eine nur ästhetisch-artistisch betriebene Kunst; der Gottesdienst ist nur noch legitimiert als Chance der Volksbildung.

Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe, eingenommen durch eine verehrende Schrift H.s über →Thomas Abbt, den 1766 verstorbenen Bückeburger Konsistorialrat, und eifrig, durch das junge Genie seinen kleinen Hof zu ehren, bietet H. Abbts Stelle an. H. entbindet sich von seinem Eutiner Dienstherrn und trifft im Mai 1771 in Bückeburg ein. Die ersten Bückeburger Jahre dienen der Reorganisation der verödeten Kirchenverwaltung. Für große Arbeiten bleibt wenig Zeit. Es werden Rezensionsschulden an Nicolais „Allgemeiner Deutscher Bibliothek“ abgetragen, der Jahrgang 1772 der „Frankfurter. gelehrte Anzeiger“ mit Goethe und Merck zusammen beliefert und geleitet, das Drama „Brutus“ verfaßt. Eine Bibliotheksreise nach Göttingen bringt die enge Freundschaft mit Ch. G. Heyne. Empfindsame Briefe gehen zu der entfernten Braut. Zwei schon vor und in Straßburg konzipierte Aufsätze erscheinen 1773 zusammen mit Arbeiten Goethes, Mösers und Frisis bei Bode in Hamburg in dem Sammelband „Von deutscher Art und Kunst“: „Shakespeare“ und „Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker“. Anders als Lessing beurteilt H. im ersten Aufsatz Shakespeare nicht von der aristotelischen Definition her, wonach die Tragödie Furcht und Mitleid erregen soll, braucht ihn also nicht wie jener dadurch zu entschuldigen, daß er diesen Hauptzweck besser als die Franzosen erreiche, die der gleichfalls aristotelischen Forderung nach den drei Einheiten pünktlich genügen. H. überhebt sich solchem Abwägen, indem er Sophokles und →Aristoteles historisch relativiert. Jener sprach in seiner Dichtung die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit aus, dieser kanonisierte ihn für eben diese einmaligen griechischen Zustände. Shakespeare steht dem Sophokles dort am nächsten, nämlich im Prinzip der gesellschaftlichen Bezogenheit, wo er formal am weitesten, den ganz andern englischen Zuständen seiner Zeit gemäß, von ihm abweicht. Vergleichbar sind beide nur darin, wie stark sie ihre Zeit aussprechen und ihr dienen. Die These vom prinzipiellen, nicht technisch-formalen Lernen von den Alten, vorbereitet schon in den „Fragmenten“, findet hier ihren endgültigen Ausdruck. Bemerkenswert, daß der Aufsatz über Shakespeare hinaus auf die schon wieder veränderten Zeitverhältnisse und als Beispiel eines zeitgemäßen deutschen Dramas auf Goethes antiabsolutistischen „Götz“ hinweist. – Der andere dieser beiden Aufsätze, die der zornigen Jugend des Sturm und Drang, den jüngeren Aufklärern, das gute Gewissen gaben, beweist die Schönheit des Volksliedes, feiert die formale „Freiheit“ der Gesänge, ihre Sprünge und Härten, als Ausdruck freiheitlicher Gesittung und wirft von da her Licht auf die altgriech. Dithyramben und Oden; er ruft zum Sammeln des unter den einfachen Ständen noch lebendigen Liedguts auf, welches – „idealisiert“ – eine echte deutsche, das Volk belebende und lehrende Dichtung begründen könnte.

Die Heirat mit Caroline im Mai 1773 wirkt sehr anregend auf H.s schriftstellerische Produktivität: In diesem und dem nächsten Jahr entstehen und werden veröffentlicht „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“, „An Prediger. Funfzehn Provinzialbriefe“, der 1. Band der „Ältesten Urkunden des Menschengeschlechts“ (2. Band 1776), die 1774 von der Berliner Akademie gekrönte Preisschrift „Ursachen des gesunknen Geschmacks bei den verschiedenen Völkern, da er geblühet“, die „Erläuterungen zum Neuen Testament“ und die „Briefe zweener Jünger Jesu in unserm Kanon“. Viele kleinere Aufsätze und Rezensionen werden daneben in Zeitschriften untergebracht, drei weitere, ungekrönte, Preisaufgaben verfaßt und die Volksliedersammlung mit 4 Abhandlungen zum Druck bereitet; letzteres Werk kommt jedoch erst 1778/79 heraus, weil H. sich der zu erwartenden hämischen Kritik Nicolais jetzt nicht aussetzen will; mit letzterem ist wegen seiner ständigen Schulmeistereien an H.s Stil und eines ironischen Briefes über die „Älteste Urkunde“ im Juli 1774 ein harter Bruch erfolgt.

Man hat diese ungewöhnlich fruchtbare Epoche H.s die „orthodoxe“ genannt und sie mit dem Einfluß Lavaters und des wieder befreundeten Hamann begründet. Es sollte indes skeptisch machen, daß die geschichtsphilosophische Schrift wörtliche Übernahmen aus den „Archäologie“-Entwürfen enthält, die Newton, Galilei oder Leibniz als Offenbarer Gottes neben die biblischen Propheten stellen, daß anderseits mit Heyne darum gesorgt wird, wie man bei der „Urkunde“ „Sätze werde vortragen und einkleiden können, ohne anstößig zu werden“; ebenso bleibt die kompetente Zusammenfassung des eingeweihten Freundes: „das Bild der Schöpfung nur Rune, Symbol und Mittel, Anlage|auf Woche und Sabbath aber Zweck … Urkunde der ersten Stufe der Cultur“, das heißt der ökonomischen Tages-, Wochen- und Jahreseinteilung. Der Wandel von den „Archäologie“-Fragmenten zur „Urkunde“ ist hauptsächlich ein stilistischer aus Taktik, die Grundideen bleiben und werden in fortgehender Betrachtung der biblischen Geschichte und gehäuften Vergleichen mit den verschiedensten alten Religionsüberlieferungen ergänzt. Auch die andern theologischen Schriften dieses Zeitraums – fast alle erscheinen anonym – deuten die biblischen Bücher aus der Geistesart und poetischen Sprechweise des Morgenländers und ziehen zur Auflösung der als solche verstandenen Allegorien parallele religiöse und historische Quellen des Orients heran; sie verharren im Bereich der natürlichen Erklärung und sagen, trotz zuweilen poetisch-mystischer Ausdrucksweise, der Mystik und Metaphysik in der Theologie ab, ebenfalls den Predigern, die Tugendlehrer sind für die „Unterthanen seiner Majestät des Königs“.

Man muß bei der Frage nach der „Orthodoxie“ der genannten Schriften in Rechnung stellen, daß H. sich bald schon aus Bürkeburg, dem „despotischen Narren- und Zauberlande“, „wegschreiben“ wollte. Die stoischen Gespräche des alten Soldaten Graf Wilhelm und die geistige Dürftigkeit der Hofgesellschaft langweilten H., zudem verärgerte ihn eine Gehaltskürzung, den Grafen aber H.s Widerstand gegen simonistische Ämterbesetzungen. Seit 1773 bemühte sich Heyne in Göttingen um eine theologische Professur für H., was der in der „Urkunde“ bös angegriffene Michaelis und der in den Frankfurter gelehrten Anzeigen 1772 allzu großspurig rezensierte Schlözer blockieren. Man drängt auf theologische Veröffentlichungen und den Erweis der Rechtgläubigkeit. Dem schließlich auch noch geforderten mündlichen Examen in Orthodoxie entgeht H., der nach dem Tod der ihm freundschaftlich zugetanen Gräfin Maria 1776 unter allen Umständen Bückeburg verlassen wollte, durch den Weimarer Ruf, den Goethe beim Herzog durchgesetzt hat.

Man versteht die geschichtsphilosophische Schrift „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“ falsch, nimmt man sie als objektive Darstellung des Geschichtsverlaufs oder Untersuchung über die Frage, ob die Menschheit im Ganzen zum Bessern fortschreite oder nicht. In ihrer pragmatisch-pädagogischen Intention verwahrt sich diese Schrift gegen Voltaires Skepsis ebenso wie gegen Iselins Geschichtsoptimismus. Beide nämlich lähmen die aktuelle Tatkraft und führen zu einem mehr oder minder befriedigten Quietismus. Ebenso führt dazu die vernunftgläubige Hybris der selbstüberzeugten Gegenwart. Wie in jedem Wachstumsstadium, führt H. aus, Pflanze oder Mensch sich ganz darstellen, so in jeder kulturellen Epoche die Menschheit. Angesichts dieser Gleichwertigkeit der Kulturen wird die eingebildete Höhe der Gegenwart sodann weiter relativiert durch den Hinweis auf neue Untaten, Sklavenhandel, koloniale Ausbeutung, Krieg, Fürstenwillkür und Rabulistik und den Nachweis, daß die Verbrechen rauherer Zeiten jetzt nur „policirt“, das ist legitimiert und höflich verbrämt worden sind. Auch die – in den „Ideen“ später aus ebenso pädagogischen Gründen genau entgegengesetzte – hohe Bewertung des Mittelalters entspringt der Absicht dieser Schrift, „Pamphlet auf unser Jahrhundert“ zu sein, das zu demütiger Arbeit zum Besten der Menschheit, „unter der Wolke“, das heißt ohne den Verlaß auf erkennbare göttliche Providenzen, aufruft.

In Weimar trifft der freigeistige neue Hofprediger und Generalsuperintendent auf die Opposition der Geistlichkeit, dagegen auf das Wohlwollen des Volks und des Hofes. Letzteres schränkt sich ein, als der Herzog und Goethe wegen H.s Kritik an ihrem genialischen Treiben etwas abkühlen. Mit Wieland wird freundschaftlich distanzierte Beziehung aufgenommen, Gedichte und Abhandlungen erscheinen in seinem „Teutschen Merkur“. Der Aufsatz „Hutten“ (1776) stellt „Deutschlands Demosthenes“, der sich „patriotisch der Ehre, Freiheit und Aufklärung“ des Volks annahm, dem tändelnden Schöngeist Erasmus gegenüber und provoziert die kritische Nachschrift Wielands, der für den Historiker das distanzierte Schweben über der Geschichte und den Parteien fordert – im schärfsten Gegensatz zum „Partheygeist“ von H.s Geschichtsdarstellung. – An der Weimarer Schulreform 1785 hat H. großen Anteil; 1787 ernennt ihn die Berliner Akademie der Wissenschaften zum Ehrenmitglied. „Briefe, das Studium der Theologie betreffend“ und „Vom Geiste der Ebräischen Poesie“ erscheinen 1780/81 beziehungsweise 1782/83. Die Ablehnung eines Göttinger Rufs trägt H. die Ernennung zum Vizepräsidenten des Oberkonsistoriums ein nebst dem Versprechen des Herzogs, H. bei der Ausbildung seiner Söhne zu unterstützen. Die Italienreise H.s 1788/89, zunächst mit dem Trierer Domherrn Dalberg und dessen Freundin, später im Troß Anna Amalias, zeitigt keine Verjüngung wie bei Goethe; die direkte Konfrontation mit den Ruinen der Antike deprimiert|den Gegenwartsbezogenen, in einzelnen Plastiken nur sieht er „Humanität“ lebendig verkörpert.

1784-91 schreibt H. an dem Werk, das alle bisherigen Würfe und die Pläne der Seereise in sich versammeln soll, den „Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit“. Die 4 geschriebenen Bände – der projektierte fünfte unterbleibt aus politischer Vorsicht – verarbeiten die gesamte H.zugängliche geschichts-, natur-, sprach- und religionswissenschaftliche Literatur seiner Zeit. Sie entstehen in einer Periode wiedererwachter Freundschaft und regen wissenschaftlichen Austauschs mit Goethe. Ausgangspunkt dieser „Lieblingsphilosophie“ H.s: Dieselbe „Natur“, in der Vorrede sehr durchsichtig zur Tarnung einem „Gott“ unterstellt, durchwirkt die beiden Bereiche der physischen Natur und der moralischen, der Geschichte, gleichmächtig mit Gesetzen, die in keinem Bereich Ausnahmen, Wunder oder Spezialteleologien, zulassen. Das Reich der physischen Natur und der tierischen Triebe wird in seinen Vorausdeutungen auf das Reich der vernünftigen Gesellschaft beschrieben (was Kant in seiner berühmten Rezension zum Grimme H.s als Spekulation auf persönliche menschliche Unsterblichkeit mißversteht). Die Gesetze, in denen Gott-Natur sich offenbart, erkennt der Geschichtsphilosoph in Analogie zu physikalischen Lehrsätzen und induktiv-empirisch aus der Betrachtung der Kulturen in ihrem Aufstieg und Vergehn und ihrer Wirkung aufeinander. Weder das Schema eines „organischen“ Kreislaufs von Aufblühen und Welken noch das lineare eines errechenbaren Fortschritts dürfen hieraus präpariert werden; besonders erstere Vorstellung tritt immer nur ad hoc auf, um ungeschichtliche Restaurationen und Repristinationen abzuschneiden. Aus der historischen Schau läßt sich kein utopisch-konkreter Zukunftsentwurf ableiten, aber doch der notwendige Fortgang der Menschheit zu „allgemeiner Vernunft und Billigkeit“ – im heutigen Sprachgebrauch etwa: Sachlichkeit, Rechtlichkeit und Fairneß – wie die „Humanität“ umschrieben wird. Im Verfolg dieser Richtung hat jede Kultur ihre unverwechselbare Stelle und ihren individuellen Auftrag, keine Nation steht über der andern, auch nicht die deutsche, deren Begabungen, Chancen, Aufgaben ebenso wie ihre Schwächen und Verbrechen (Barbarei, Ostkolonisation der Deutschordensritter und andere) mit Schärfe aufgezeigt werden. Nur sehr bedingt kann man diese geschichtspädagogische Schrift dem Historismus zuzählen.

Die französische Revolution wird von H. als größtes Ereignis seit der Reformation und als ihre politische Fortsetzung begrüßt. Auch die von den Jakobinern berichteten Greuel bringen ihn nicht vom Glauben ab, daß hier der Fortschritt der Geschichte zu Vernunft und Republik mächtige Wirklichkeit geworden ist; ableiten läßt sich für ihn aus den Greueln nur, daß die Fürsten durch freiwillige Gesetzgebung dem notwendigen Gang der Geschichte zur Volkssouveränität zuvorkommen müssen, um jene Wirren zu ersparen. Scharf verurteilt er die Intervention der Alliierten, predigt gegen diesen Versuch, das Rad der Geschichte rückwärts zu drehen, und zieht sich so das Mißfallen des Herzogs und die Entfremdung Goethes zu. Die politischen Umstände behindern das freie Wort, darum werden jetzt Formen genutzt und neu ersonnen, in denen H. sich äußern kann, ohne „eigentlich responsabel“ zu sein: Herausgabe und Einführung des schwäbischen Rebellen Johann Valentin Andreä, des Jesuiten Jakob Balde, diaphane Aufsätze über Luther und Hutten, mythologisch-philosophische Abhandlungen wie „Tithon und Aurora“ und viele andere, meist in den „Zerstreuten Blättern“ zwischen 1785 und 1793 erschienen, vor allem aber die „Briefe zur Beförderung der Humanität“, in denen Josef II., Luther oder der Rebell B. Franklin gezielt zu Wort kommen und H.sich durch Partnerbriefe kaschiert ausspricht. 1793-97 werden diese Briefe veröffentlicht als Ersatz für den Gegenwartsband der „Ideen“, deren Meinungen über Regierungsform, Volkserziehung und davon abhängige Kulturhöhe aktualisierend.

Von der Arbeit an den „Horen“, die H. im Triumvirat mit Goethe und Schiller zunächst mitbestimmt hatte, zieht er sich bald zurück. Anlaß bildet sein Aufsatz „Iduna. Oder der Apfel der Verjüngung“ (1796), in dem er sich gegen die ausschließliche Verwendung der antiken Mythologie ausspricht und zur größeren Wirksamkeit und Lehrhaftigkeit auch den Gebrauch einer gereinigten deutschen vorschlägt. Schiller setzt hiegegen schroff seinen Klassizismus, der sich vom alltäglichen Leben und der Absicht politischen Wirkens fernhält, „da ihn die Wirklichkeit nur beschmutzen würde“. Solche Anschauung muß H.verbittern, und „artistisch“, „kalt“, „puppenhaft“ sind die Prädikate, mit denen in seinem Hause fortan die Weimarer Götter und ihre Schriften bedacht werden.

Mehr noch verärgert H. die Philosophie Kants, Fichtes und ihre Folgen bei den aufblühenden Romantikern. Er erkennt in den übertriebenen Programmen der jungen Poeten, den zum „Absoluten“ aufsteigenden und von dort her begründenden Theorien und Demonstrationen eine Fluchtbewegung aus der politischen Lage und Forderung, ein aufwendiges Ersatzgetöse für die in Deutschland versäumte Revolution. Als die seiner Aufsicht unterstellten Pfarrerkandidaten in vermehrter Zahl und Intensität der „Transzendentalinfluenza“ erliegen, philosophieren statt zu predigen, statt des Erwerbs historischer Kenntnisse aus dem Absoluten deduzieren, fühlt er sich gedrängt, als neuer „Luther“ in zwei Schriften die kantianische „Scholastik“, ihre spitzfindigen und von der Praxis ablenkenden Distinktionen, zu zerschlagen. Die „Metakritik“ (1799) und die „Kalligone“ (1800), als Widerlegungen gedacht, werden Kant nicht gerecht. Die polemische Emotion hindert den Verfasser, auch nur Kants diffizile Unterscheidung der Urteilsarten nachzuvollziehen, und läßt den einstigen Schüler am alten Lehrer vorbeireden. Dies auch der Hauptpunkt der höhnischen Kritik, mit der das „Athenäum“, freimütig aber stets nach den stärkern Bataillonen schielend, H. angreift. Er hat sich hier bedeutende Blößen gegeben; dennoch versammeln die beiden Werke noch einmal augenfällig und grundsätzlich die Methoden und Hauptbegriffe, die H.s Denken prägen und es von dem Kants unterscheiden: ganzheitlich, empirisch, an Geschichte und Sprache orientiert, die gesellschaftliche Praxis über Ästhetik und Theorie, den Einzelnen über die Gattung, seine Glückseligkeit über die abstrakte allgemeine Vernünftigkeit stellend.

Die Verbindung mit Wieland wird jetzt herzlicher, gleichfalls der Austausch mit dem kauzigen Materialisten August von Einsiedel und dem Lukrez-Übersetzer Knebel. 1798 eröffnet sich eine schwärmerische Freundschaft mit →Jean Paul, die dem Vergrämten Ermunterung, dem Jüngeren Gedanken schenkt, die besonders in seiner Ästhetik und den politischen Schriften wirksam werden. 1801 erhebt der bayerische Kurfürst H. in den Adelsstand, um seinem Sohn Adalbert den Besitz des schon gekauften Guts Stachesried zu sichern. Der Herzog von Weimar, feindselig seit H.s Revolutionspredigten, erkennt die Nobilitierung nicht an; H. selbst gebraucht das „von“ nicht.

Für das neue Jahrhundert wird eine Zeitschrift projektiert, die zur hoffnungsfrohen Arbeit an der neuen Zeit aufmuntern soll: „Aurora“; Einsiedel, die Brüder Georg und Johannes von Müller, Klopstock sagen Mitarbeit zu; aus dem Programm soll ausgeschlossen bleiben die „politische Orakel- und Zaubertracht“. Wie sehr das Mystifikation ist, zeigen zum Beispiel die dramatischen Allegorien „Aeon und Aeonis“ (1801) und „Der entfesselte Prometheus“ (1802), die in der „Adrastea“ erscheinen, jenem Werk in Fortsetzungen, das die nicht zustande kommende „Aurora“ ersetzt und H.s späte Äußerungen aufnimmt – neben den Dramen vor allem historische Artikel, Diskussionen über Heidenmission und Freimaurerei, literaturgeschichtliche und gattungstheoretische Abhandlungen. Das erste der Kurzdramen, eine politisch gewetzte Parodie des neutralen Goetheschen Maskenscherzes „Paläophron und Neoterpe“, setzt dem alten „Aeon“, auch „Ares“ genannt, seinen in Hofuniform auftretenden Kreaturen „Ansehn“ und „Herkommen“, seiner Sippschaft „blinde Meinung“ und „Vorurtheil“ mit ihren „Putz und Spiel und Amores“ die neue Zeit entgegen: „Aeonis“, mit der im Bürger- und Priesterkleid „Wahrheit“ und „Recht“ auftreten, während fröhliche Arbeiter und Arbeiterinnen ihre Anstrengung für „die beßre Nachwelt“ besingen. Das 2. Stück feiert die Befreiung des Menschen aus alter Naturangst und mitmenschlicher Knechtung, aus lähmender religiöser Ehrfurcht und nationaler Enge zu universaler Naturbeherrschung, „Bildung und Fortbildung des Menschengeschlechts in jeder Cultur“. Mag diese Dichtung auch nicht zu formaler Vollkommenheit gediehen sein, so verwirklicht sie doch als schönstes Vermächtnis H.s das Hauptprinzip seiner Ästhetik, daß Gedichte „Waffen der Freiheit“ sein sollen, der allgemeinen Ermündigung dienend.

Dem schwer Leber- und Augenleidenden helfen zwei Badereisen nach Aachen und Eger 1800 wenig. Erfreulicher verlaufen eine zweite Kur in Eger und der anschließende 3wöchige Aufenthalt in Dresden im Sommer 1803. Die freie Luft der Großstadt erfrischt ihn, Besuche in Bibliothek und Galerie, der Umgang mit Menschen, die ihn seit langem verehren, tun ihm wohl und erfüllen ihn mit neuen schriftstellerischen Plänen. Nach Weimar zurückgekehrt, fällt er jedoch bald in schwere Krankheit, von der ihn im Dezember der Tod erlöst.

Lieber als den Dichter H. würdigt man den Nachdichter, besonders fremder Volkslieder und des „Cid“ (1802 f.), und den Prosaisten, wobei man neben der rhythmisch und bildhaft überhöhten Prosa (die H. selbst historisch und psychologisch reflektiert und bewußt einsetzt) der Bückeburger Schriften nicht die Prägnanz der frühen und die ausgewogene Mittellage der Weimarer Arbeiten vergessen darf. Großen Einfluß übt H., vor|allem durch Vermittlung Jean Pauls, auf die literarische Formenwelt des 19. Jahrhundert: Das Romanzenepos, die Legende, das nachempfundene Volkslied, das hohe Epigramm, die mythologisch-politische Fabel und andere Formen, vor allem solche der Lehre und Erbauung, sind durch ihn neu verbindlich geworden. Die großen Literaturhistoriker Bouterwek, Gervinus, Heinrich Kurz, H. Hettner haben von ihm die realistische und liberale Gesinnung und die Methode gelernt, ästhetische Äußerungen auf ihre jeweilige Gesellschaft zurückzubeziehen. In der Romantik, die die Begeisterung für altdeutsches Erbe in Sage und Lied, die Wertschätzung des Mittelalters, den Preis der Prosa von ihm übernimmt, beginnt zugleich die Verfälschung seines Bestrebens: Restauration statt pragmatischer Nutzung des Alten, Allgefühl statt Vernunft-Religion und humaner Diesseitsethik, Vergöttlichung und Esoterisierung der Kunst, Verzäunung im Nationalen. Der deutsche Liberalismus nationaler Prägung rückt von H., „der in Deutschland zuerst den Welthumanismus predigte“ (→Hermann Marggraff 1839), ab, da er nach Gervinus' Urteil, in der jungen Generation „nur weltbürgerliche Hänge erzeugen und nähren“ konnte. Sehr merkwürdig wird demgegenüber die Umdeutung H.s im Nationalsozialismus; sie ist durch eine Germanistik vorbereitet, die den Irrationalismus feiert und H., der an Klopstocks Dichtung das Zurückstehen des Begriffs hinter der Empfindung tadelt und gelegentlich der „Erziehung des Menschengeschlechts“ einem Lessing unrealistischen Schicksalsglauben vorwirft, als Irrationalisten deklariert. Dabei stützt sie sich – zumeist noch mißverstehend – auf die paar Schriften der kurzen Bückeburger Zeit, ignoriert das gewaltige übrige Werk oder unterstellt es dem Verdikt eines Rückfalls in Aufklärung. H., für den „Volk“, sofern begrifflich gebraucht, durchgehend ein Standesbegriff ist, wird zum völkischen Herold; er, der Umwelt und Tradition die Hauptkräfte der Geschichte nennt, zum Rassisten. Man schlachtet seinen „Patriotismus“ und „Nationalismus“ aus, ohne zu bedenken, daß diese Begriffe im 18. Jahrhundert kosmopolitisch und gegen die selbstsüchtige Politik der Kabinette gerichtet sind und ein Schriftsteller sich lange erklärt, wenn er sie nicht synonym mit „republikanisch“ gebraucht. Sogar Helden- und Führerprinzip hat man entdeckt bei ihm, der Kant trotzt: „der Mensch, der einen Herrn nötig hat, ist ein Tier“.

Direkt für die Politik wurde H. im Osten wirksam: Die baltischen Staaten wurden durch seine Schriften zum Eigenbewußtsein geführt, über die tschechische Romantik der Celakowsky, Kollar, Safarik und Palacky hilft er – das Slavenkapitel der „Ideen“ gibt den bedeutendsten Impetus – bei der Bildung der slavischen Nationen; bis zu →Masaryk bleibt ihm der Ehrenname „Praeceptor Slavorum“.

Für die liberale Theologie ist H. einer der großen Ahnherren. Seine Methode, die Schriften des Alten Testaments poetologisch anzusehen und ihnen die Kategorie dichterischer Gattungen unterzulegen, läßt ihn zu einem neuen Verständnis der biblischen Bilder- und Gleichnissprache gelangen. Gunkels Lehre vom „Sitz im Leben“ der einzelnen Bibelstücke wird vorweggenommen. Entscheidende Anregung verdankt die Exegese der Johanneischen Schriften H., der zum ersten Male hellenistische und parsische Parallelen zur Deutung heranzieht. Seine Erklärung des Zusammenhangs der synoptischen Evangelien als Modifizierungen einer zunächst mündlichen Tradition wird 1818 von J. K. L. Gieseler zur bekannten „Traditionshypothese“ ausgebaut. Bis in die neueste Form- und Redaktionsgeschichte verdankt die protestantische Bibelwissenschaft H. Wegweisung. Seine Persönlichkeit ist weniger schillernd, als es darzustellen beliebt ist, räumt man stilistische und methodische Wandlungen ein und erklärt die Grämlichkeit des Alten außer als Folge organischer Gebrechen auch als Reflex auf die Flüchte und Opportunismen der früheren Weggenossen. Fest steht er in der Tradition der Aufklärung, schon die Lieblingsbegriffe und -bilder: Vernunft, Morgenröte, Licht hinter der Wolke, Glückseligkeit, Humanität beweisen es. Ihrem englischen Zweig ist der Empiriker und Pragmatiker am stärksten verpflichtet. H. „überwindet“ die Aufklärung nicht, zum Glück. Wo sie selbstgenügsam und steril geworden, da greift er an. So wird die Vernunft zwar psychologisch, historisch und gesellschaftlich reflektiert und wo nötig relativiert, stets aber zu dem Zweck, die Aufklärung zum Allgemeingut und damit praktisch zu machen.

22. Charlotte von Stein

image.jpeg

S. wuchs unter bedrückenden Umständen in einem verarmten, aber zu adligem Lebensstil verpflichteten Elternhaus in Weimar auf. Nachdem ihr Vater 1758 aus hzgl. Diensten entlassen worden war, nahm Hzgn. Anna Amalia (1739–1807) sie als Hofdame in ihren Dienst. 1764 heiratete sie den Stallmeister Josias Frhr. v. Stein, dessen Grundbesitz in Großkochberg bei Rudolstadt die Existenz der Familie sicherte. Während ihr zum Oberstallmeister beförderter Ehemann als Begleiter Hzg. Carl Augusts (1757–1828) häufig auf Reisen war, zog sich S. vom Hofleben zurück nach Großkochberg und in ihr Haus an der Ackerwand in Weimar, wo sie sich ihren Büchern und der Musik widmete und auch selbst dichtete und zeichnete. Eine große physische und psychische Belastung waren für sie die sieben Geburten in den ersten zehn Ehejahren; ihre nächsten Jahre waren gekennzeichnet von psychosomatischen Erkrankungen. Johann Wolfgang Goethe (1749–1832), der im Nov. 1775 nach Weimar kam, fand in S. seine Besänftigerin. Fast elf Jahre war sie für ihn die wichtigste weibliche Bezugsperson in Weimar. Er schrieb ihr fast täglich, insgesamt über 1600 Briefe und Billets, deren Ton zunehmend liebevoller und dankbarer wurde. S.s Abneigung gegen körperliche Liebe belastete ihren Verehrer. Schiller schrieb 1787 seinem Freund Körner, das Verhältnis Goethes zu S. sei „ganz untadelhaft und rein“. Die Beziehung zwischen S. und Goethe endete in einem Zerwürfnis nach dessen Rückkehr aus Italien 1788 und dem Beginn seines Verhältnisses zu Christiane Vulpius (1765–1816): S. forderte ihre Briefe von Goethe zurück und vernichtete sie. Ihren Zorn verarbeitete sie 1794 in dem Trauerspiel „Dido“ (hg. v. O. Volger, 1867). Erst im Alter fanden beide wieder zu einem freundschaftlichen und vertraulichen Umgang miteinander. – S. wurde nicht nur von Seiten der Goethephilologie Interesse zuteil; ihre Person und die Beziehung zu Goethe wurden auch mehrfach literarisch verarbeitet, so etwa in Peter Hacks Monodrama „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ (1976).

 

23. Friedrich Hölderlin 

FK_Hiemer_-_Friedrich_Hölderlin_(Pastell_1792).jpg

H. verlor schon im Alter von 2 Jahren seinen Vater, als Neunjähriger auch den geliebten Stiefvater. So lag seine Erziehung vor allem in den Händen von Mutter und Großmutter. Zur pietistisch frommen Mutter, die freilich die Liebe zu ihrem Sohn hinter ängstlich-beschränkten Lebensforderungen eher verbarg als zeigte, hatte er ein besonders inniges, aber auch spannungsreiches Verhältnis, da er ihr gegenüber seine geistige Freiheit und seine schwäbisch-bürgerliche Verhältnisse sprengende Lebensform verteidigen mußte. Ein übersteigertes Schuldgefühl, vor den Erwartungen der Mutter nach einem gesicherten Leben zu versagen und|auf ihre Hilfe angewiesen zu sein, um dem „Dichterberuf“ leben zu können und er selbst zu werden, hat er nie überwunden. Das Berufsziel H.s, durch Familientradition und württembergische Hochschätzung des Theologenstandes bestimmt, stand schon vor dem Tod des Stiefvaters fest; die Mutter verfolgte es mit besorgter Liebe und frommer Hartnäckigkeit. H. sollte Pfarrer werden, und so besuchte er nach der Nürtinger Lateinschule seit 1784 die niedere Klosterschule in Denkendorf, wo er seine ersten Gedichte schrieb, und seit 1786 die höhere Klosterschule in Maulbronn. Er gewann während dieser Zeit unter anderem den späteren Juristen Chr. L. Bilfinger, F. K. Hiemer und Immanuel Nast, mit dessen Cousine Louise Nast (1768–1839) er sich verlobte, zu Freunden und arbeitete intensiver an seinen dichterischen Versuchen: Freundschafts- und Naturgedichte, vor allem in Odenform, noch unselbständig und bezeichnenderweise am Vorbild „Ossians“, Klopstocks, Schubarts und der Dichter des Göttinger Hains, nicht an dem Goethes, orientiert, doch eigene Töne gefühlvollen Engagements andeutend. 1788-93 besuchte H. das Tübinger Stift, wo er im Rahmen der theologischen Ausbildung auch mit Philosophie, Literatur und Kunst des Altertums vertraut wurde. 1790 legte er das Magisterexamen ab; von seinen beiden Magisterarbeiten bezeugt besonders die „Geschichte der schönen Künste unter den Griechen“ die Konzentration seines Interesses auf die Antike, sie ist jedoch in der Hauptsache Paraphrase von Winckelmanns „Geschichte der Kunst des Altertums“. Im Stift wurde nicht nur H.s Begeisterung für die Antike geweckt. Ebenso wie für Hegel und Schelling wurde hier für ihn der Grund gelegt für die Beschäftigung mit der kritischen Philosophie Kants, wenn auch weniger von den Professoren direkt, als vielmehr von den Stiftlern selbst, die kennenlernen wollten, was von den Lehrern in Verteidigung orthodoxen Protestantismus' abgelehnt, aber immerhin erwähnt wurde. Kant und die von ihm ausgehende geistige Revolution beherrschten neben der Französischen Revolution Gespräche und Lektüre im Stift. Literarisch wurde für H. hier das Vorbild des jungen Schiller bestimmend. Die Hymnen der Tübinger Zeit zeigen deutlich dessen Einfluß und leiden noch unter Abstraktheit der Thematik und Eintönigkeit des Stils, sind aber geschloßner als die früheren Gedichte. Persönliches Betroffensein von den Verhältnissen im Stift gibt jedoch dem Freiheitspathos mancher Gedichte realen Grund. Auch in den begeisterten, religiös anmutenden Tönen des Preisens der Freundschaft und der Natur kündigt sich über Schiller hinaus die Entwicklung eines eigenen Stils an.

Schon in Maulbronn, stärker und zeitweise übermächtig in Tübingen, zeigte sich H.s Abneigung gegen den Theologenberuf. Der Tübinger Supranaturalismus sagte ihm nichts, religiöse Zweifel und der Drang nach intellektueller Emanzipation, ja, unstillbarer Ehrgeiz plagten ihn: „Ich duld es nimmer! ewig und ewig so/Die Knabenschritte, wie ein Gekerkerter/Die kurzen, vorgemeßnen Schritte/Täglich zu wandeln, ich duld es nimmer!“ Er will den Ruhm und glaubt, nicht eher den „Kelch der Freuden“ genießen zu können, ehe ihm nicht „ein Männerwerk gelinget“, er „den ersten Lorbeer“ erringt. Zum ungestillten Ehrgeiz, aus dem heraus er 1789 die Bindung an Louise Nast löste, und zum gehaßten Berufsziel kam noch die starre Stiftsdisziplin, in die der Duodeztyrann Karl Eugen kleinlich eingriff und die angesichts der Ereignisse der Französischen Revolution besonders drückend empfunden wurde. Die rebellische Stimmung der Stiftler, vor allem der Mömpelgarder, mit denen H. Kontakt hatte, nährte sich außerdem aus den „Beispielen tyrannischer Willkür in unserem Lande“ (der Stiftler H. Pfaff) und führte dazu, daß sich im Stift ein politischer Club bildete. Wenn auch die Errichtung eines Freiheitsbaumes in Tübingen (wohl 14.7.1793), an der auch H. beteiligt gewesen sein soll, nicht belegbar ist, ist es doch sicher, daß H. den Tübinger revolutionären Zirkeln nahestand; mit einem ihrer „Feuerköpfe“, Christian Friedrich Hiller, war er befreundet. Er unternahm mit ihm und Friedrich August Memminger Ostern 1791 eine Reise in die Schweiz, das „Land der göttlichen Freiheit“, und besuchte Lavater in Zürich. H., der die Mutter mehrmals gebeten hatte, aus dem Stift ausscheiden und Jura studieren zu dürfen, wies auf sein „Temperament“ hin, „wie es so wenig für Mißhandlungen, für Druck und Verachtung taugt“, und ging in der Abwehr der herzoglichen Eingriffe so weit, Rebellion zu predigen: „Die Sache ist gewiß wichtig. Wir müssen dem Vaterlande und der Welt ein Beispiel geben, daß wir nicht geschaffen sind, um mit uns nach Willkür spielen zu lassen.“

Diese Bereitschaft zur Rebellion ist freilich nicht zu trennen von H.s beginnendem Dichtertum und seinem philosophischen Interesse; schon in Tübingen war er bestrebt, Natur, Schönheit, Liebe, Freiheit und Denken nach dem Vorbild der bewunderten Griechen in eins zu empfinden und – was freilich die|gesellschaftliche Situation seiner Zeit nicht mehr erlaubte – zu leben. Die Trennung der Lebensbereiche erfuhr er wie kein zweiter seiner Zeit, den Theoretiker Schiller in den „Ästhetischen Briefen“ ausgenommen, mit einer Intensität, die sein Denken, seine Dichtung und sein Leben bestimmte und schließlich zerstörte. In Tübingen konnte sie noch aufgehoben werden in der Dichterfreundschaft mit Ludwig Neuffer (einem der wichtigsten späteren Briefpartner) und Rudolf Magenau sowie in der Beziehung zu dem väterlichen Freund G. F. Stäudlin, der in seinem „Musenalmanach“ (1792) und seiner „Poetischen Blumenlese“ (1793) die Tübinger Hymnen H.s veröffentlichte, die Bekanntschaft H.s mit Matthisson und Schiller vermittelte und den jungen Dichter-Rebellen „zu stillem Mitwirken an der Sache der Freiheit“ (Häussermann) ermunterte. Das politische Aufbegehren fand auch philosophisch bestimmte Sublimierung in der Freundschaft mit Hegel und Schelling, mit denen er in der Losung „Reich Gottes“, die durchaus politisch-utopisch als „Reich Gottes auf Erden“ zu verstehen ist, und in der pantheistischen Parole „Eins und Alles“, die ebenfalls auf die Einheit von Geist, Leben und Wirklichkeit hindeutet, sich einig wußte.

Die Notwendigkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ohne in das Joch des Theologenberufs eingespannt zu sein, und zugleich die sehr ehrgeizigen Dichterpläne zu fördern, ließ H. den naheliegenden Hofmeisterberuf ergreifen, in dem er sich Freiheit zu eigener Arbeit erhoffte und doch ein typisches Hofmeisterschicksal in Abhängigkeit und Demütigung erleben sollte. Durch Vermittlung Schillers, mit dem er im September 1793 in Ludwigsburg zusammengetroffen war, erhielt er bei Charlotte von Kalb die Stelle eines Erziehers ihres 9jährigen Sohnes Fritz, die er Ende dieses Jahres, nachdem er das Stift verlassen und die theologische Konsistorialprüfung abgelegt hatte, in Waltershausen/Grabfeld antrat. Erregt von der Nähe der „großen Männer“ in Weimar und Jena, suchte er die Kräfte, die ihm die Natur gegeben, „immer mehr und mehr auszubilden“ und auch als an Rousseau und Kant orientierter Erzieher zu bestehen. Bis etwa Oktober 1794 hatte er mit seiner Haltung, sich dem Knaben als Freund zu zeigen und ohne Strenge das „Bewußtsein seiner sittlichen Freiheit“ in ihm zu wecken, Erfolg, scheiterte aber schließlich an dem moralischen Rigorismus, der ihn ein von ihm und der H.-Literatur so genanntes „Laster“ des Knaben hart verurteilen ließ. Die vergeblichen Korrektionsversuche führten zu ernsten Störungen seiner Arbeitsfähigkeit. Als auch ein Aufenthalt mit dem Knaben in Jena (seit November 1794) und in Weimar (für 2 Wochen) die Lage nicht besserte, wurde im Januar 1795 das Hofmeisterverhältnis gelöst, um dem „Jammer ein Ende zu machen“ (Charlotte von Kalb).

H. ging nach Jena, wo er plante, nach einem halben Jahr Studiums sich entweder zu habilitieren oder die Möglichkeit zu finden, von eigener literarischer Arbeit zu leben. Zwiespältig war diese Zeit auch für H. als Dichter; zwar arbeitete er weiter an dem 1792 begonnenen Roman „Hyperion“, doch die lyrische Produktion versiegte fast ganz, und auch die Arbeit am Roman wurde gestört durch die Begegnung mit der Philosophie Fichtes, den H. in Jena täglich hörte. Fasziniert und zugleich gelähmt von der „Tyrannin Philosophie“, vermochte er es noch nicht, sein eigenes Denken in der Auseinandersetzung mit den Fichteschen Abstraktionen zu klären. Auch das Verhältnis zu Schiller, der ihn zu fördern (Druck des „Fragments von Hyperion“ in der „Thalia“, Vermittlung des „Hyperion“ an Cotta, wo der Roman 1797 erschien, etc.), und zu leiten versuchte, war von Bewunderung, Minderwertigkeitsgefühl und ehrgeiziger, heimlicher Rivalität durchsetzt. Mit den Worten: „die Nähe der großen Geister … schlägt mich nieder und erhebt mich wechselweise“, kennzeichnet H. die Ambivalenz dieser Zeit, aus der heraus er im Juli 1795 Jena beinahe fluchtartig verließ, nachdem sich seine Pläne nicht hatten realisieren lassen, seine Mittel – darunter das „Kinderhonorar“ (Häussermann) von 100 Gulden für den „Hyperion“ – selbst zu seiner zurückgezogenen und bescheidenen Lebensweise nicht mehr ausreichten und keine Aussicht auf eine Stelle bestand. Er lebte, immer in der Furcht, der Mutter zur Last zu fallen und vom Stuttgarter Konsistorium zum Vikarsdienst verpflichtet zu werden, bis Ende des Jahres in Nürtingen. Der Thüringer Aufenthalt war jedoch nicht ohne Nutzen für H.; neben der Erweiterung seiner dichterischen und besonders seiner philosophischen Bildung brachte er ihm die entscheidende Freundschaft mit Isaak von Sinclair, der von Anfang an für die Französische Revolution begeistert war, und durch diesen die Berührung mit dem Fichte nahestehenden „Bund der freien Männer“ sowie die Bekanntschaft mit den republikanisch gesinnten späteren Schriftstellern Casimir Ulrich von Boehlendorff und Siegfried Schmid.

Die bedrückende und dichterisch unergiebige Zeit in Nürtingen – neben der Weiterarbeit|am „Hyperion“ konnte H. nur das Gedicht „An die Natur“ vollenden – fand ein Ende, als er durch die Vermittlung des Arztes und Naturforschers Johann Gottfried Ebel eine Hofmeisterstelle bei dem Bankier Jakob Friedrich Gontard in Frankfurt erhielt, die er im Januar 1796 antrat. Durch die Begegnung mit der Frau des Bankiers, Susette geborene Borkenstein (1769–1802), wurden die Frankfurter Jahre zur glücklichsten und produktivsten Zeit seines Lebens. Er fand in ihr sein Frauenideal: „Majestät und Zärtlichkeit, und Fröhlichkeit und Ernst, und süßes Spiel und hohe Trauer und Leben und Geist, alles ist in und an ihr zu Einem göttlichen Ganzen vereint!“ Die Liebe zu ihr, die sie erwiderte, die in ihrer hohen Idealisierung aber wohl nicht über geistige und seelische Vereinigung hinausging, bedeutete ihm Erfüllung seiner Sehnsucht nach Rückkehr zur Natur im Erlebnis der Liebe, Wiedergewinnung der Identität der Kindheit, Aufhebung der Einsamkeit und Vereinzelung: Erfüllung, wie sie „Hyperion“ in „Diotima“, der Platos „Symposion“ entlehnten Priesterin der Liebe, erlebt hatte und wie sie für H. jetzt Realität gewann und den dichterischen Traum noch zu übertreffen schien. Er nannte sie nach der Gestalt des Romans „Diotima“ und feierte sie in den an sie gerichteten Gedichten als seine „holde Muse“, als „Heilige“ und „Botin des Himmels“. Durch sie fand er innere Ruhe und den Glauben an seinen „Dichterberuf“; er vollendete den 1. Band des „Hyperion“, arbeitete am 2. Band (erschienen 1799) und gewann in den Oden jener Zeit eigene Töne lyrischer Klarheit, die, zeitgenössische Vorbilder überwindend, antike Strenge in deutscher Dichtung vollendet Wiederaufleben ließen. Doch war der Aufenthalt im Gontardschen Hause, der H. auch als Erzieher Erfolge brachte, schon nach einiger Zeit überschattet von Spannungen zu dem geschäftstüchtigen, persönlich achtenswerten, aber amusischen Bankier. Ungestört zusammen waren H. und Susette nur von Juli bis Oktober 1796 während eines Aufenthalts in Kassel, wo der von H. bewunderte W. Heinse zu der Gesellschaft stieß, und in Bad Driburg, durch den Gontard seine Frau und die Kinder vor den befürchteten Kriegsgefahren in Frankfurt bewahren wollte. In Frankfurt führten dann mehr und mehr Verpflichtungen zur Teilnahme an den zahlreichen gesellschaftlichen Veranstaltungen der Gontards, vor allem aber „der unhöfliche Stolz, die geflissentliche tägliche Herabwürdigung aller Wissenschaft und aller Bildung, die Äußerungen, daß die Hofmeister auch Bedienten wären, daß sie nichts Besonders für sich fordern könnten, weil man sie für das bezahlte, was sie täten, …“ zu Verstimmungen, Krankheit und Störungen der dichterischen Arbeit, die H. nur ertrug, um Susette nahe sein zu können. Ende September 1798 kam es zum Bruch. H. verließ nach einer Auseinandersetzung mit dem Bankier (die Legende berichtet von einem Eifersuchtsausbruch) auf den hilflosen Rat Susettens hin ohne Abschied das Haus. Er fand Zuflucht in Homburg von der Höhe, wo Sinclair, inzwischen hessen-homburgischer Hofrat, sich seiner annahm.

Die Flucht aus Frankfurt entfernte H. nicht nur von der Geliebten, sondern sie bedeutete auch den Verzicht auf den Umgang mit Hegel, dem H. 1797 eine Hauslehrerstelle in der Stadt vermittelt hatte. Auch die Anteilnahme durch den Homburger Hof, an dem der „Hyperion“ begeisterte Aufnahme gefunden hatte, besonders der Glaube der Prinzessin Auguste von Hessen-Homburg an des Dichters „Laufbahn …, die so schön und sicher begonnen“ habe, vermochte H. nicht aus der Zerrissenheit „zwischen Liebe und Haß“, aus Krankheit (Gallenkoliken) und Depression herauszuhelfen. Doch gelang es Sinclair, den Freund für eine Weile aus der Apathie zu lösen, als er ihn im Oktober 1798 auf den Kongreß nach Rastatt mitnahm, auf dem er homburgische Interessen zu vertreten hatte und mit zahlreichen anwesenden Gesinnungsgenossen (Jakob Friedrich Gutsche, Baz, Muhrbeck, Boehlendorff und anderen) die Sache einer „Revolution ganz Süddeutschlands“ voranzutreiben versuchte. H. schloß und vertiefte zahlreiche Bekanntschaften und kehrte aus Rastatt mit neu gewonnenem Lebensmut (Brief an Sinclair vom 24.12.1798) nach Homburg zurück. Er versucht jetzt, seinem Denken und seiner Dichtung Grund zu geben durch das Bekenntnis zu einer Synthese von Philosophie, Politik und Dichtung. Als seine Bestimmung erkennt er die Poesie, die Hoffnung seiner Jugend, von der er auch unter den widrigsten Umständen nur um den Preis der Selbstaufgabe lassen könne. Er verleiht ihr göttlichen Rang, in dem er ihr die Aufgabe beimißt, den Gegensatz von Denken und Handeln, von Philosophie und Politik, dialektisch aufzuheben. Doch bedeutet das keinen Rückzug in die Dichtung, er will „mit allen Kräften … ringen, und mit aller Schärfe und Zartheit“ zusehen, „wie wir alles Menschliche an uns und andern in immer freieren und innigeren Zusammenhang bringen, es sei in bildlicher Darstellung (Dichtung) oder in wirklicher Welt …“ (Politik). Angesichts einer durch die Revolutionskriege auch für Deutschland erhofften Revolution bekennt er sich zur Tat: „… und wenn das Reich der Finsternis mit Gewalt einbrechen will, so werfen wir die Feder unter den Tisch und gehen in Gottes Namen dahin, wo die Not am größten ist, und wir am nötigsten sind.“ Dieses, an anderer Stelle wiederkehrende, auch in dem Sinclair gewidmeten Gedicht „An Eduard“ deutlich werdende Bekenntnis zur revolutionären Tat, die Andeutungen in den Briefen an die Mutter, daß „man jetzt den Menschen nicht alles gerade heraussagen“ könne, daß im „Falle, daß die Franzosen glücklich wären,… es vielleicht in unserem Vaterlande (Württemberg) Veränderungen geben“ dürfte, daß er Mut brauche, wenn er nicht lässig werden wolle in dem, was seine Sache sei, und daß er mit allen Kräften dafür sorgen wolle, daß die Mutter „unter gewissen möglichen Vorfällen kein Unrecht leiden“ werde, lassen vermuten, daß er zumindest geistigen Anteil hatte an den Vorbereitungen zu einer revolutionären Umwälzung und daß er einen Gutteil seiner Zuversicht daraus bezog.

Daß H. im Gegensatz zu dem Tatmenschen Sinclair im Kreise der Homburger „Revolutionsschwärmer“ die Rolle der Dichtung als Verkünderin der republikanischen Ideale und der Versöhnung der Gegensätze in der dichterischen Vision vertrat, geht aus den Briefen an den Bruder vom Jahreswechsel 1798/99 und vom 4.7.1799 hervor. Auch ein Brief Boehlendorffs aus dieser Homburger Zeit bestätigt die revolutionären Hoffnungen und H.s intellektuelle Anteilnahme: „Ich habe hier einen Freund (Sinclair), der Republikaner mit Leib und Leben ist, – auch einen andern Freund, der es im Geist und in der Wahrheit ist, die gewiß, wenn es Zeit ist, aus ihrem Dunkel hervorbrechen werden; der letzte ist Dr. Hölderlin, der Verfasser des Hyperion, einer Schrift, die Epoche zu machen im tiefsten Sinne verdient …“ Auch der Versuch, den Verlust der Geliebten dichterisch aufzuheben in der Vision einer Insel der Seligen, trägt Züge einer aufs Diesseits gerichteten Hoffnung, die aus der Parenthese „oder auch hier“ in Strophe 9, Vers 19 der Elegie „Menons Klage um Diotima“ herausgelesen werden kann. In dem Wunsch „Sprache der Liebenden/Sei die Sprache des Landes,/Ihre Seele Laut des Volkes!“ (Ode „Die Liebe“) verschmilzt diese Hoffnung mit der Utopie einer allgemeinen Liebe, in der die individuelle aufgeht und ihr Verlust aufgehoben ist. Die Zuversicht auf Verwirklichung politischer Träume und auf Wiedervereinigung mit der Geliebten – er hielt von Homburg aus noch fast 2 Jahre lang Kontakt zu ihr durch Briefe und flüchtige heimliche Zusammenkünfte – war zwar von Hypochondrie und Vorahnung des Scheiterns und der endgültigen Trennung gefährdet, gab ihm aber dennoch Halt bei dem Versuch, „endlich einen geltenden Posten in der gesellschaftlichen Welt“ zu erreichen durch seine Dichtung und die Herausgabe einer eigenen humanistischen Zeitschrift: „Iduna, Journal für Damen, ästhetischen Inhalts“, für die er durch Vermittlung Neuffers den Stuttgarter Verleger Johann Friedr. Steinkopf interessieren konnte. Nach dem Eingehen der „Horen“ bestand die Chance, deren Platz einzunehmen und mit literarischen, philosophischen und ästhetischen Beiträgen und Rezensionen auf die Zeitgenossen zu wirken. Vor allem sollte ihm die Zeitschrift die Möglichkeit geben, eine Zeitlang in materieller Unabhängigkeit zu leben. Allerdings verlangte der Verleger, daß neben H. (vorgesehen von ihm unter anderem das Trauerspiel „Empedokles“, an dem er in Homburg schrieb) und seinen Freunden Heinse, Conz, Ebel, S. Schmid auch Namen wie Herder, Goethe, W. von Humboldt, Thümmel, Fichte, Schelling und vor allem Schiller der Zeitschrift Publikumswirkung verschaffen sollten. H. bemühte sich auch um die Mitarbeit einiger dieser Prominenten, mußte aber nach der nüchternen, mit eigener Erfahrung begründeten Absage Schillers und nach Versuchen des Verlegers, durch einen Redakteur in Stuttgart H. gleichsam das Projekt aus der Hand zu nehmen, den Plan einer eigenen Zeitschrift aufgeben.

Der Hoffnung beraubt, seine „Existenz auf eine honette Art“ zu sichern, mittellos – die in Frankfurt ersparten 500 Gulden waren durch Krankheit und Teuerung vorzeitig verbraucht – und nur unter ängstlichen Skrupeln Geldsendungen (aus den Zinsen des väterlichen Vermögens) von der Mutter erbittend, zuletzt in der blinden Zuversicht auf die Vermittlung einer Stelle durch Schiller getäuscht, mußte er Ende Mai 1800 Homburg verlassen. Das bedeutete die endgültige Trennung von Susette Gontard und zugleich das Scheitern seines letzten Versuchs, sich eine bescheiden gesicherte und seiner dichterischen Berufung gemäße Stellung zu schaffen. Nach kurzem Aufenthalt in Nürtingen fand er im Hause des befreundeten Kaufmanns Christian Landauer in Stuttgart Aufnahme. Er beabsichtigte, Privatunterricht zu geben, für Steinkopf zu schreiben und so seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die Leiden und Enttäuschungen, vermutlich auch das endgültige Scheitern der Revolutionsversuche in Schwaben (März 1799 Zurücknahme versprochener|französischer Unterstützung, November Auflösung der Landstände und Verhaftung des Revolutionärs Baz und anderen), hatten H. psychisch und körperlich tief geschädigt, doch lebte er durch die herzliche Aufnahme bei Landauer (Gedicht „An Landauer“, das Wohlstand und ruhige Tätigkeit des Freundes preist) und den Kontakt mit Neuffer, dem Bildhauer Scheffauer, mit F. Haug und L. F. Huber für eine Zeitlang wieder auf. In dem Bruchstück eines Briefes an den Bruder: „Ich würde in dieser schönen und großen Zeit und in der Ruhe und Freiheit, die ich habe, wohl sagen können, daß ich wahrhaft lebte, wenn nicht noch alte Leiden in mir zuweilen“, das hier abbricht, ist die Stimmung des Stuttgarter Aufenthaltes angedeutet: Obwohl H. während Sommer und Herbst dieses Jahres mit zahlreichen Oden und Elegien den Gipfel seines dichterischen Schaffens erreichte und ein Gesuch an das Konsistorium ihn von der Pflicht zum Pfarrdienst freistellte, scheinen jene „alten Leiden“ und ein „dringendes Bedürfnis nach Ruhe und Stille“ ihn aus der Heimat fortgedrängt zu haben. Schon im Herbst begann er, sich nach einer neuen Stelle umzusehen. Im Januar 1801 übernahm er in Hauptwil/Schweiz bei dem Kaufmann Anton von Gonzenbach sein drittes Hofmeisteramt, wie bei jedem Neubeginn wiederum mit Zuversicht und einem Hochgefühl, das durch das Erlebnis der Alpen und die aus dem Frieden von Lunéville (9.2.1801) genährten Hoffnungen auf ein neues Zeitalter, auf „Tage der schönen Menschlichkeit“ bis zur Euphorie sich steigerte. Doch schon nach einem Vierteljahr verlor H. auch diese Stellung. Im März 1801 schrieb er an Landauer: „Überhaupt ists seit ein paar Wochen ein wenig bunt in meinem Kopfe.“ Er beklagte sein „Einsamsein“, das ihn auch aus jener Lage „nur immer unwiderstehlicher“ zurückdränge, die er gewählt habe, um sich „selbst herauszufinden“. Er erfuhr, „je länger ichs mir verschwiegen habe, dies, daß ich ein Herz habe in mir, und doch nicht sehe wozu? mich niemand mitteilen, hier vollends niemand mich äußern kann“. Dieser Zustand dürfte Anlaß gegeben haben zu der rücksichtsvollen, familiäre Veränderungen anführenden Kündigung Gonzenbachs vom 11.4.1801.

Nach Nürtingen zurückgekehrt, wandte sich H. im Juni ein letztes Mal an Schiller und erbat dessen Rat und Hilfe für seinen Plan, nach Jena zu gehen und dort Vorlesungen über griechische Dichtung zu halten. Als Schiller und Niethammer, an den sich H. ebenfalls gewandt hatte, nicht antworteten und auch Verhandlungen mit Cotta wegen der Herausgabe seiner Gedichte zu nichts führten, entschloß er sich, nach Frankreich zu emigrieren: „Ich bin jetzt voll Abschieds. Ich habe lange nicht geweint. Aber es hat mich bittre Tränen gekostet, da ich mich entschloß, mein Vaterland noch jetzt zu verlassen, vielleicht auf immer. Denn was hab ich Lieberes auf der Welt? Aber sie können mich nicht brauchen. Deutsch will und muß ich übrigens bleiben, und wenn mich die Herzens- und die Nahrungsnot nach Otaheiti triebe“ (auf jene Südsee-Insel, die, von Georg Forster beschrieben, von Heinse, Gerstenberg, Claudius, auch Klopstock, F. L. Stolberg und Voß als Asyl deutscher Dichter erträumt worden war). Nach einer großenteils zu Fuß zurückgelegten, über Straßburg, Lyon (der Weg über Paris war ihm aus Sicherheitsgründen von den französischen Behörden verwehrt worden) und die verschneiten Höhen der Auvergne führenden harten Winterreise trat H. Ende Januar 1802 seine letzte Hofmeisterstelle an: bei dem hamburgischen Konsul und Weinhändler Daniel Christoph Meyer in Bordeaux. Er blieb auch hier nur ein Vierteljahr. Es ist nur eine Vermutung, daß er wegen des Ansinnens, als Prediger für die evangelische Gemeinde in Bordeaux zu wirken, die Stadt schon Anfang Mai wieder verließ; sein psychischer Zustand – aus den beiden allein erhaltenen Briefen aus Bordeaux erkennbare Zurücknahme von Gefühl und Anteilnahme am Schicksal der Seinigen als deutliches Anzeichen beginnender Schizophrenie – mag zur Erklärung hinreichen. Die Heimreise, wohl ebenfalls zumeist zu Fuß, führte ihn innerhalb von 4 Wochen über Paris nach Straßburg. Von dort nach Nürtingen – ⅙ der Entfernung Bordeaux–Straßburg – benötigte er mehr als 4 Wochen, was die Überlieferung, H. sei auf dieser Strecke überfallen und ausgeraubt worden, wahrscheinlich macht. Jedenfalls erschien er etwa Mitte Juni 1802 abgerissen, in wilder Erregung in Stuttgart, gleich darauf in Nürtingen. Durch den Aufenthalt bei den Freunden in Stuttgart Anfang Juli ein wenig beruhigt, traf ihn dort der Brief Sinclairs mit der Nachricht vom Tode Susette Gontards. In tiefer Verstörung floh er in die Geborgenheit des mütterlichen Hauses, wo er, von Anfällen blinder Raserei heimgesucht, erst allmählich wieder ruhiger wurde. Von Sinclair Ende September 1802 auf eine Reise zum Reichstag nach Regensburg mitgenommen, begegnete er dort den revolutionär gesinnten Freunden Fritz Horn und Leo Freiherr von Seckendorf sowie dem Landgrafen von Hessen-Homburg und kehrte in relativ ruhigem Zustand nach Nürtingen zurück. Er arbeitete 1802/03 an der Hymne|„Patmos“, mit der ihn vermutlich der Landgraf beauftragt hatte, an den Übersetzungen der Tragödien „Ödipus“ und „Antigonä“ des Sophokles, die durch die Vermittlung Sinclairs April 1804 bei dem Verleger Friedrich Wilmanns in Frankfurt erschienen, und an der Überarbeitung einiger früherer Oden zu den „Nachtgesängen“ für Wilmanns' „Taschenbuch der Liebe und der Freundschaft“ (1805, schon September 1804 erschienen).

Sinclairs Bemühungen, den Freund zu sich nach Homburg zu holen und ihm dort eine bleibende Heimstatt zu schaffen, hatten gegenüber der Mutter erst Erfolg, als Landauer ihr vorstellte, daß der Aufenthalt H.s in Homburg das einzige Mittel sei, ihn zu heilen, zumal er demnächst an der Reihe sei, ein Pfarramt antreten zu müssen, wovon er auf keinen Fall etwas wissen dürfe. Sinclair, der seit Dezember 1802 die Leitung der hessenhomburgischen Regierung innehatte, erwirkte die Anstellung H.s als Bibliothekar in Homburg – 200 Gulden einer eigenen Besoldungserhöhung, mit denen er schon eine Zeitlang H. unterstützt hatte, ließ er ihm als Gehalt aussetzen- und holte ihn im Juni 1804 von Nürtingen ab. In Stuttgart hielten sich die Freunde über eine Woche auf; Sinclair führte in der von Revolutionsgerüchten erfüllten Stadt politische Gespräche mit befreundeten Vertretern der Landstände und der revolutionären württembergischen Reformpartei, die sich im erbitterten Kampf mit Kurfürst Friedrich II., „dem bösesten und begabtesten Sohne des Hauses Württemberg“ (Treitschke), befanden, und er „hielt H. keineswegs davon fern“ (Kirchner). Spuren der Anteilnahme H.s an dieser später für Sinclair, Seckendorf und Baz, nach den Forschungen Kirchners auch für H. gefährlichen politischen Verschwörung finden sich in einem Brief H.s an Seckendorf und in dem Gedichtentwurf „Dem Fürsten“, wo dem „vom Himmel herabsingenden Dichter der bösartige, finstere Mann (Kurfürst Friedrich II.) gegenübergestellt (wird), um den das Verhängnis des Todes schwebt, fast als wäre über ihn beschlossen, was die Freunde in ihrem Gespräch an der Abendtafel bei Baz sich ausgemalt hatten“ (Kirchner). Es deutet alles darauf hin, daß Sinclair in Homburg besänftigend auf H.s Gemütszustand wirken konnte. Ja, eine briefliche Äußerung dieses vertrautesten Freundes gegenüber H.s Mutter „nicht nur ich, sondern außer mir noch 6-8 Personen, die seine Bekanntschaft gemacht haben, sind überzeugt, daß das, was Gemüths Verwirrung bei ihm scheint, nichts weniger, als das, sondern eine aus wohlüberdachten Gründen angenommene Äußerungs Art ist“, scheint zu belegen, daß H. aus zwar pathologischer, aber bei den befürchteten Verfolgungen verständlicher Angst nach außen hin seine Krankheitssymptome als Schutzschild gebrauchte und übersteigerte. Die Beschäftigung H.s mit den Übersetzungen Pindars und eigenen hymnischen Entwürfen während dieses zweiten Homburger Aufenthalts zeigen jedenfalls, daß er seine psychischen und geistigen Kräfte auf diese letzten Arbeiten noch zu konzentrieren versuchte.

Der endgültige Zusammenbruch erfolgte erst, nachdem 1805 Sinclair, Seckendorf, Baz und andere auf Grund einer Denunziation in Württemberg der Prozeß gemacht worden war und H., der in der Denunziation und in den Erstverhören als Mitwisser einer Verschwörung gegen Kurfürst Friedrich II aufgetaucht war, ein ärztliches Gutachten aus Homburg, daß er völlig wahnsinnig sei, vor dem Schicksal seiner Freunde bewahrt hatte. Nach den Untersuchungsberichten soll er immer wieder geschrien haben: „Ich will kein Jacobiner seyn, fort mit allen Jacobinern! Ich kann meinem gnädigsten Churfürsten mit gutem Gewissen unter die Augen tretten!“ Als dann im August 1806 mit der Mediatisierung Hessen-Homburgs H.s Aufenthalt in Homburg unmöglich wurde und man ihn nach Tübingen überführte, fürchtete er in wahnhafter Angst offensichtlich, wie Sinclair in württembergische Haft verschleppt zu werden: „H. schrie, daß "Harschier“ ihn wegholten und wehrte sich mit seinen ungeheuer langen Fingernägeln so heftig, daß der Mann (der ihn begleiten sollte) ganz mit Blut bedeckt war“ (Landgräfin Caroline von Hessen-Homburg).

Der von nun an völlig im Wahn versunkene Dichter kam nach Tübingen in die Autenriethsche Klinik, wo die dort vorgenommenen Kuren nach dem Bericht Chr. Th. Schwabs seinen Zustand nur verschlimmerten. Im Sommer 1807 gab man ihn in die verständige Pflege des wohlhabenden und gebildeten Tischlermeisters Zimmer in Tübingen. In einem kleinen Erkerzimmer im 1. Stock des Zimmerschen Hauses am Neckar lebte er noch 36 Jahre lang, allmählich von Paroxysmen frei, doch in beständiger Umnachtung. Seine stereotypen, förmlichen Briefe an die Mutter, die starren Reimgedichte, die er zumeist auf Wunsch von Besuchern schrieb, sowie die Berichte W. Waiblingers, der sich 6 Jahre lang seiner annahm, und Chr. Th. Schwabs zeigen einen vollständigen Rückzug H.s auf die eigene, verworrene Innenwelt. Bei serviler Höflichkeit gegen Besucher schützte er sich im Wahn vor jeder Erinnerung, jedem Gedanken, jedem gegenwärtigen|Eindruck, die Emotionales anzurühren drohten. Seinen Unterhalt bestritt die Familie aus den Zinsen des väterlichen Vermögens, das die Mutter peinlich verwaltete und vermehrte, und mit Hilfe einer im Oktober 1806 bewilligten württembergischen Unterstützung für den ehemaligen Stiftler von jährlich 150 Gulden Als er starb, war H., der solange er klaren Geistes war, sich von Armut bedroht sah, ein wohlhabender Mann.

H. selbst hat nur den „Hyperion“ und, verstreut in Zeitschriften, eine Anzahl von Gedichten sowie die Sophokles-Übertragungen veröffentlichen können. Den Zeitgenossen war sein Werk, von dem er sich Ruhm und hohe Wirkung erhofft hatte, nahezu unbekannt. Nur die engsten Freunde, idealistisch gesinnte Revolutionäre, verkrachte Genies, einige mit ihm auch das Schicksal der Geisteskrankheit teilend, doch kaum einer mehr als dichtender Dilettant, glaubten an seine Größe. Sinclair konnte nach 1806 in Fr. Schlegel, Tieck, C. Brentano, am tiefsten in Bettina Brentano (Die Günderode, 1840), Begeisterung für die Dichtungen H.s wecken. Doch haben die Romantiker sich mehr in H. gespiegelt als ihn in seiner Eigenart erkannt. Für die Verbreitung seines Werkes vermochten sie kaum etwas zu tun: Die Rezension einiger Gedichte H.s durch A. W. Schlegel (1799) und die des „Hyperion“ durch Görres (1805) sowie die späte, umso nachdrücklichere Anerkennung durch A. von Arnim (1828) drangen gegenüber dem flachsten Unverständnis in den führenden Rezensionsorganen der Zeit nicht durch. Schiller kam über die anfängliche Anerkennung genialischen Talents bei H. nicht hinaus und äußerte sich nicht einmal über den „Hyperion“; Goethe stellte ihn gar mit dem reimenden S. Schmid auf eine Stufe. Aus landsmännischer Verbundenheit haben einige Schwaben, die das Genie H.s kaum begriffen und vor angeblichen Spuren des Wahnsinns ängstlich zurückschreckten, das meiste für die Erhaltung und Verbreitung seiner Dichtung getan: 1826 gaben G. Schwab und Uhland die erste Gedichtauswahl heraus (²1843), unter Weglassung aller unverstandenen Arbeiten; Chr. Th. Schwab besorgte die erste Werkausgabe (Sämtliche Werke, 2 Bände, 1846), der er eine Biographie beifügte, die noch heute Quellenwert besitzt; Waiblinger kümmerte sich jahrelang um den Wahnsinnigen und schrieb die erste, allerdings für die Zeit vor 1806 sehr fehlerhafte, für die Kenntnis der Zeit der Umnachtung außerordentlich wertvolle Biographie H.s. Impetus und jugendlich-rebellischen Gehalt der Dichtungen H.s verstand in dieser Zeit nur Herwegh. Außergewöhnlich für das 19. Jahrhundert ist die enthusiastische Würdigung des zeitweiligen Außenministers der 3. französischen Republik, P. Challemel-Lacour, eines Freundes Herweghs, der H. einen der größten Lyriker nicht nur seines Landes, sondern aller Zeiten nannte. Sonst kannte man den Dichter kaum, repräsentativ war die Ansicht R. Hayms, der ihn als „Seitentrieb der romantischen Poesie“ abtat. Dilthey behandelte H. mit geschichtlichem Verständnis und betonte den Zusammenhang des „Hyperion“ mit der „Tragödie der neuen Menschheitsideale, wie sie H. und seine Freunde eben damals am Verlauf der Französischen Revolution erlebten“. Nietzsche fühlte in H. einen Verwandten im dionysischen Geist. – In seiner dichterischen Größe und im wahren Umfang erkannt, wenn auch von vornherein mit der verhängnisvollen Hypothek eines esoterischen Heroenkults belastet, wurde das Werk H.s erst durch N. von Hellingrath und den Georgekreis. Die ahistorische, moderne nationalistische Kategorien in H. projizierende Begeisterung für den Dichter ergriff von hier aus die Jugendbewegung und die Generation um den 1. Weltkrieg, die sich nach 1918 um ihre Ideale betrogen sah. Die Hypostasierung H.s zum Propheten eines „Geheimen Deutschland“ und dessen zukünftiger Größe, verbunden mit dem Mythos vom kommenden „Dritten Reich“, wurde aufgenommen und zu zynischer Perversion gesteigert von den Nationalsozialisten, denen moderne Mythologen unter den Germanisten und Philosophen in die Hände arbeiteten. Von nachhaltiger, doch rational schwer nachvollziehbarer Faszination waren dabei Heideggers Deutungen der H.schen Dichtung (seit 1936, 1951 unverändert wiederaufgelegt), nach denen H. das „Wesen der Dichtung“ eigens dichte als „worthafte Stiftung des Seins“ und als einziger abendländischer Dichter aus der Seinsentfremdung durch die Vernunft zurückführe zu den Ursprüngen des Seins. Doch erfährt man aus dieser Interpretation weniger etwas über H.s Dichtung und geschichtliche Position als über die konservative Kulturkritik des Philosophen Heidegger. Neuere Forschung hat denn auch seine Ergebnisse mit philologischen und erkenntnistheoretischen Argumenten mehr oder weniger entschieden kritisiert (P. de Man, K. Gründer, H. J. Schrimpf und andere). Die von ihm übernommene nationalistische These von der „vaterländischen Umkehr“ H.s wurde von Adorno, W. Hof, L. Ryan und P. Szondi entkräftet; R. Minder sieht in ihr die Projektion der „Fehlleistung der vaterländischen Kehre“ Heideggers 1933/34.

Neben diesen und anderen Ideologisierungen hat jedoch gewissenhafte philologische Forschung, ausgehend von der 1. kritischen Ausgabe durch Hellingrath, Seebaß und L. von Pigenot und der kritischen Ausgabe Zinkernagels, das verstreute und entstellt überlieferte Werk H.s gesammelt, entziffert, kommentiert und ihm überzeugende Textgestalt gegeben in der Großen Stuttgarter Ausgabe F. Beißners. Nach 1945 wurden vor allem in immanenter Interpretation Probleme der poetischen Struktur erörtert und, in Besinnung auf den Text, mit Hilfe sorgfältiger Analysen zahlreiche politische, religiöse und philosophische Legenden zerstört. H.s Bedeutung für die Moderne wurde entdeckt, und sein Werk fand internationale Anerkennung: „In H. hat man nicht nur einen ‚Seher', sondern auch einen formbewußten Künstler höchsten Ranges, ja in seinen Gedichten den Gipfel der deutschen Oden-, Elegien- und Hymnendichtung anzuerkennen gelernt. Er steht in der Tradition der klassischen deutschen Dichtung; seine Gestaltung der antiken Versmaße in deutscher Sprache hat nicht ihresgleichen“ (Ryan). Von den nationalistischen Fesseln befreit, wird seine Dichtung in aller Welt gelesen und erforscht. Aber erst in jüngster Zeit wurde begonnen, H. auch als politischen Dichter seiner Epoche zu verstehen (nicht, sein Werk aus dem Hintergrund der Zeit zu lösen und es gerade dadurch für aktuelle politische Zwecke verfügbar zu machen), ihn aus dem neuen Getto der reinen Poesie zu befreien und zu erkennen, daß sein Leben und Werk eng mit den Idealen, Kämpfen und Niederlagen der Französischen Revolution und ihren Auswirkungen auf Deutschland verknüpft war. Die Analyse der historisch-politischen Bedeutung H.s unternahmen jedoch keine deutschen Germanisten, sondern der Ungar G. Lukács, der schon 1934 den „Hyperion“ die „objektivste Citoyenepik der bürgerlichen Entwicklung“ genannt hatte, und französische Germanisten, an ihrer Spitze P. Bertaux, der den Jakobiner H. und Sänger einer schwäbischen Republik freilegte (1969). Die durch seine Deutungen ausgelöste Diskussion könnte den Anstoß bilden zu neuen interpretatorischen Anstrengungen, so daß das Werk H.s nicht mehr nur in seiner dichterischen Eigenart und Größe, sondern auch in seiner historischen und politischen Rolle anerkannt wird.

Die Dichtungen H.s bedürfen wie die kaum eines seiner Zeitgenossen der Interpretation, Analyse und Entschlüsselung. Ihr Verständnis wird nicht nur erschwert durch die Dunkelheiten seines Stils, die komplizierte Syntax, die unter dem Gesetz der rhythmischen Stauung und Entladung steht und dem Vorbild der griechischen Sprache folgt, sondern vor allem auch durch die mythologischen Einkleidungen ihrer Gegenstände. – Zahlreiche Einflüsse haben H.s Werk geprägt: der schwäbische Pietismus, dessen Gefühlsreichtum und -intensität und dessen Naturfrömmigkeit in seiner Dichtung in säkularisierter und pantheistischer Gestalt erscheinen, Rousseaus zivilisationsfremde Verabsolutierung der Natur und sein Freiheitswille, eingeschränkt und korrigiert von den ethischen Postulaten Kants, als Gegenkraft gegen allzu abstrakten Subjektivismus in der Auseinandersetzung mit Fichte jedoch wiederaufgenommen, sowie die Anfänge geschichtlichen dialektischen Denkens der Freunde Hegel und Schelling. Übergriffen und in allen Bereichen durchformt wurden diese Einflüsse von H.s Verehrung der griechischen Welt, die er erlebte als jenes Zeitalter der Menschheit, in dem die Ideale der Humanität: Freiheit, Schönheit, Liebe und Identität des Menschen mit der Natur im Erlebnis der Götter, rein verwirklicht waren und die auf neuer Stufe wiederherzustellen er als die Aufgabe seiner, der „reißenden Zeit“ ansah. Dies Griechenideal steht von Anfang an im Zusammenhang mit der eigenen Zeit. Es ist republikanisch-demokratisches Ideal. In den Einkleidungen und Metaphern der griechischen Welt und ihrer Götter erscheinen in der Dichtung H.s die utopischen Hoffnungen, die von der Französischen Revolution ausgelöst worden sind. So bestimmt Griechenland das Gesamtwerk H.s, beginnend mit der Tübinger „Hymne an den Genius Griechenlands“, die vor allem die Freiheit Griechenlands preist, über den „Hyperion“, der im Freiheitskampf der Neugriechen von 1770 die Ideale und Niederlagen der Französischen Revolution widerspiegelt und die deutschen Zustände hart kritisiert, über die Fragmente der „Empedokles“-Tragödie bis hin zu den sogenannten Vaterländischen Gesängen, die die geschichtliche Dialektik von Griechenland und Abendland zum Gegenstand haben und Deutschland die Rolle der Vermittlung griechischen Geistes für eine prophetisch gesehene Zukunft zuweisen. Der Bezug auf die eigene Zeit in der dichterischen Konfrontation Griechenlands und seiner Mythologie mit der Neuzeit, besonders auch der Landschaft und den Zuständen Deutschlands, ist der politische Grundton des H.-schen Werkes. Es ist kaum aktuelle oder gar offen ausgesprochene politische Dichtung, wenn auch Gedichte aus der optimistisch getönten Homburger Zeit wie „Der Tod fürs Vaterland“, das Bertaux mit Grund die „deutsche Marseillaise“ genannt hat,|und „An Eduard“ aktivistische Töne anschlagen und unter den späteren die Oden „Gesang des Deutschen“ und „An die Deutschen“ jene Hoffnungen auf eine „künftige Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles Bisherige schamrot machen“ werde, dichterisch wiederaufnehmen, die H. 1797 in einem Brief an Ebel an die Rolle der Deutschen geknüpft hat. Der tiefere politische Sinn der Dichtung H.s liegt in ihrer menschheitsgeschichtlichen Perspektive. Ähnlich wie bei Hegel und später bei Marx nimmt die Menschheitsgeschichte auch in H.s Denken ihren Ausgang von einem „Goldenen Zeitalter“ (Griechenland), um im Durchgang durch eine Zeit der Entfremdung von der Natur, die zu deren Eroberung und Beherrschung notwendig ist und in der der Mensch die Aufgabe hat, „den ewigen Vollendungsgang der Natur zu … vervollkommnen“, schließlich auf höherer Stufe in eine neue Identität des Menschen mit sich selbst und der „vervollkommneten“ Natur zu münden.

In dieser Dialektik der Geschichte nimmt für H. die Dichtung die Rolle der Mittlerin zwischen den Mächten der Natur (den Göttern) und den Menschen ein. So erhält in idealistischer Kunstanschauung, die zugleich politischphilosophische Weltsicht ist, die Dichtung höchsten geschichtlichen Rang. Vor dem Hintergrund der Tragik des eigenen Lebens ist das Werk H.s, das dieser Rolle gerecht werden sollte, Gefährdungen ausgesetzt gewesen, und es spiegelt in jähen Wechseln hoffnungsvolle Zuversicht, Freude, Schmerz, Trauer und verborgene Prophetie angesichts aktuellen Scheiterns: „Hyperion“ zerbricht am Kleinmut und an der Schwäche der Menschen, „Diotima“, in deren Liebe und Schönheit er höchstes Glück nach dem Scheitern im politischen Kampf erfuhr, stirbt im Roman, wie auch H. in der Realität seine „Diotima“ verliert; das Drama „Der Tod des Empedokles“, das offenbar den Opfertod des sizilianischen Sehers angesichts eines der Natur und den Göttern entfremdeten Volkes als Aufruf zu republikanischer Umkehr – „Dies ist die Zeit der Könige nicht mehr“ – deuten sollte, blieb in seinen drei Fassungen Bruchstück, und die Dichtungen nach 1800 verbergen in schwer zugänglicher mythologischer Metaphorik die griechisch republikanischen Ideale und weisen prophetisch auf eine zukünftige Zeit. Dieses Verbergen der Ideale in dunkler mythologischer Rede hat das Spätwerk H.s zahlreichen Deutungen ausgesetzt. Die Deutung Bertaux', daß nach dem Scheitern der schwäbischen Revolutionsversuche H. in seiner Dichtung die jakobinische Utopie einer Wiederkehr Griechenlands, die soviel Parallelen mit der antiken Drapierung der 1. französischen Republik aufweist, der verschwiegenen „Mutter Erde“ anvertraue für zukünftige Zeiten, hat, im Blick auf das von den Idealen der Freiheit, Gleichheit, Schönheit und brüderlichen Liebe geprägte Gesamtwerk, die größte Wahrscheinlichkeit für sich. In der Tradition der Dichter, die, wie H. W. Jäger nachwies, in der Verehrung der Griechen und ihrer Polis-Verfassung antiabsolutistische, demokratische Ziele verfolgten, nimmt H. den höchsten Rang ein. Im wesentlichen rhythmisch vollendete, klare, wohltönende Lyrik, auch in der Prosa des „Hyperion“ und den Versen des Dramas „Empedokles“, birgt und verbirgt sein Werk in mythologischer Gestalt Hoffnungen und jugendlich reine Ideale, deren Interpretation und geschichtliche Einordnung vor dem Hintergrund der Französischen Revolution zugleich die Aufgabe ist, diese Dichtung in ihrer Größe und in ihren idealistischen Grenzen darzustellen.

 

24. Christoph Martin Wieland

Weimar_Anna_Amalia_Bibliothek@C.M._Wieland.JPG

Der zunächst privat unterrichtete W. besuchte 1747–49 die pietistisch geprägte Internatsschule Klosterbergen bei Magdeburg. 1750 kehrte er über Erfurt, wo er mit einem Verwandten, dem Arzt und Mineralogen Johann Wilhelm Baumer (1719–1788), den „Don Quijote“ las, nach Biberach zurück, um im Herbst in Tübingen ein Jurastudium zu beginnen. Im August 1750 verlobte er sich mit seiner Großcousine Sophie Gutermann, der späteren v. La Roche. Verlobungsgeschenk war W.s Erstling, das Lehrgedicht nach Lukrez „Die Natur der Dinge“ (1752). Nachdem die Verbindung mit Sophie, familiär hintertrieben, gescheitert war und W. sein Studium abgebrochen hatte, folgte er 1752 einer Einladung Johann Jakob Bodmers (1698–1783) nach Zürich, in dessen Haus er bis 1754 wohnte. Danach war er als Hauslehrer tätig, zuletzt 1759 in Bern.

In Bodmers Umkreis entstanden das Hexameterepos „Der gepryfte Abraham“ (1753), zwei Dramen sowie der frühklassizistische „Cyrus“ (1759). Hier zeigten sich erstmals W.s Rückgriff auf die Antike und sein Ausgreifen in die europ. Nationalliteraturen, zunächst in die englische. In Bern begegnete W.Julie Bondeli (1731–1778), mit der er brieflich verbunden blieb und die ihn 1764 folgenschwer auf Laurence Sternes „Tristram Shandy“ hinwies. Auch der Arzt Johann Georg Zimmermann (1728–1789), ein Schüler Albrecht v. Hallers (1708–77), stimulierte W.s dichterische Praxis, wobei er viel von seinen poetischen Wirkungsabsichten hörte. 1760 kehrte W. als Senator und Kanzleiverwalter nach Biberach zurück, wo ihm eine Heirat mit der Katholikin Christine (Bibi) Hogel, die ein Kind von ihm erwartete, verwehrt wurde. In seinem knappen Biberacher Jahrzehnt erbrachte W. bahnbrechende Leistungen für die dt. Literatur: So übertrug er Shakespeare ins Deutsche (22 Stücke in 8 Bdn., 1762–66) und verfaßte den vom „Don Quijote“ inspirierten Roman „Don Sylvio von Rosalva“ (1764) sowie den ersten modernen Roman „von klassischem Geschmack“ (Lessing), die „Geschichte des Agathon“ (2 T., 1766/67). Ihnen folgten Verserzählungen, deren Eleganz von der bei Anton Heinrich Friedrich Gf. Stadion (1691–1768) auf Schloß Warthausen bei Biberach kennengelernten, franz. geprägten Adelskultur profitierte, darunter „Idris“ und „Musarion“ (1768) sowie die prosimetrischen „Grazien“ (1770). 1768 wechselte W. von „Orell, Geßner u. Comp.“, Zürich, zu „Weidmanns Erben und Reich“ nach Leipzig. Seine hier erschienenen Werke setzten mit nach Zeichnungen von Adam Friedrich Oeser (1717–1799) gestochenen Illustrationen auch buchkünstlerisch neue Maßstäbe.

W.s Tätigkeit als kurmainz. Regierungsrat und Professor der Philosophie an der Univ. Erfurt 1769–72 blieb ein Intermezzo, auch wenn er hier ein enzyklopädisches Lehrprogramm entwickelte, das eine universalistisch|zu verstehende Kulturgeschichte begründete, die W. mit Herder verband. Davon zeugen der „Diogenes“ -Roman (1770), die „Beyträge zur geheimen Geschichte des menschlichen Verstandes und Herzens“ (1770) und der von Xenophons „Kyrupädie“ seinen Ausgang nehmende Fürstenspiegel und Staatsroman „Der goldne Spiegel“ (1772). 1772 wurde W. von der regierenden Herzoginwitwe Anna Amalia (1739–1807) als Instruktor insbesondere des Erbprinzen Carl August (1757–1828) nach Weimar berufen.

Bis zu dessen Volljährigkeit 1775 hatte er somit ein Hofamt inne und konnte danach, ausgestattet mit einer lebenslänglichen Pension, als freier Schriftsteller leben. W.s Auftaktpläne für Weimar bildeten das National- und Kulturjournal „Der Teutsche Merkur“ (1773–1810), an Metastasio orientierte Opernlibretti, u. a. „Alceste“ (1773) und, nach dem Weimarer Schloß- und Theaterbrand, „Rosamund“ (Mannheim 1778/79) sowie Aufsätze zur Theater- und Musiktheaterarbeit. 1775/76 betrieb er mit Goethe die Berufung Herders nach Weimar. 1780 veröffentlichte er sein Stanzenepos „Oberon“, von Goethe mit Lorbeer gekrönt, 1784 das dem Prosaduktus nahe Versepos „Clelia und Sinibald“. Mit seinem stilistisch, formgeschichtlich sowie stoffund motivgeschichtlich überragenden Werk wurde W. einer der Begründer des klassischen Weimar. Theoretisch begleitete er dieses Werk sowohl im „Teutschen Merkur“ als auch in seiner zweiten Zeitschrift, „Attisches Museum“ (1796–1810), wo zudem Vorabdrucke von Werken und Übersetzungen oder Folgen, wie im „Teutschen Merkur“ einer der frühesten Fortsetzungsromane der dt. Literatur, die satirisch-humoristischen „Abderiten“ (1774–80), erschienen. 1782 widmete W. seine Übertragung von Horaz’ „Briefen“ seinem Herzog. 1786 veröffentlichte er die „Satyren“ sowie 1788/89 die Lukian-Übertragung (6 Bde.), der 1791 der Roman „Peregrinus Proteus“ folgte. Die Feenmärchensammlung „Dschinnistan“ (3 Bde., 1786–89) wurde zur Quelle für Schikaneders und Mozarts „Zauberflöte“ (1791). Eine komplexe politische Kommentierung der Franz. Revolution lieferte W. 1789–98 in mehr als 30 Einlassungen im „Teutschen Merkur“. 1794 begannen in Leipzig, verlegt von Georg Joachim Göschen (1752–1828), W.s „Sämmtliche Werke“ (ohne die Übersetzungen) zu erscheinen, die größte bei Lebzeiten eines dt. Autors veranstaltete Ausgabe (42 Bde., drei Formate, bis 1801; 45 Bde., oktav, bis 1811, Nachdr. 1984). Sie enthält seine beiden vielschichtigsten Werke, den sich mit der Erfolgsgeschichte des Christentums auseinandersetzenden Brief- und Gesprächsroman „Agathodämon“ (Bd. 32, 1799) und den ein Kulturpanorama ausbreitenden Briefwechselroman „Aristipp und einige seiner Zeitgenossen“ (Bd. 33–36, 1800/01). Sie entstanden während W.s Zeit 1797–1803 nordöstlich von Weimar in Oßmannstedt, W.s „Osmantinum“, das er nach dem Vorbild des Horaz und Ciceros bewohnte und bewirtschaftete. In diese Zeit fielen auch die Euripides-, Aristophanes-, Isokrates- und Xenophon-Übertragungen. Die Krönung von W.s reichem Übersetzungswerk bildet die Übertragung der chronologisch geordneten Cicero-Briefe (Bd. 1–6,1, 1808–13, Forts. v. F. D. Gräter, Bd. 6,2 u. 7, 1818/21). W.s letzte Rede, mit der er den Weimarer Freimaurern für ihre Ehrung zu seinem 80. Geburtstag dankte, galt dem „Fortleben im Andenken der Nachwelt“ (24.10.1812).

Von der Dominanz der Erfahrungswelt gegenüber der Phantasiewelt wich W. im Geist der Aufklärung nicht ab, was ihn in Opposition zu den Romantikern brachte. Sein von den Göttinger Hainbündlern 1773 verbranntes Bildnis sowie seine „Annihilation“ 1799 seitens der Schlegel-Brüder konterkarieren W.s weltbürgerliche Gesinnung und weltliterarische Bedeutung und sind wohl auch Ausdruck zweier Generationenkonflikte. Die aus romantischem Geist begründete Germanistik trug bis weit in das 20. Jh. nur wenig zu W.s Kanonisierung bei.

Verlinkungen:

->

Quellen:

Internetquellen

-> Becker, Lydia, Johannes Bückler, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johannes-bueckler-/DE-2086/lido/57c58a6c1b8fd3.60387402 (abgerufen am 14.10.2025)

-> Ronge, Julia, Ludwig van Beethoven, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ludwig-van-beethoven-/DE-2086/lido/57c578bad39561.36831967 (abgerufen am 19.10.2025)

-> Oellers, Norbert, "Schiller, Friedrich von" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 759-763 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118607626.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 01.12.2025.

-> Vormweg, Christoph: Vor 250 Jahren geboren - Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, in: Deutschlandfunk, online verfügbar seit 27.08.2020 unter: https://www.deutschlandfunk.de/vor-250-jahren-geboren-der-philosoph-georg-wilhelm-100.html, zuletzt geprüft am 06.12.2025.

-> Heinz, Tina: Alexander von Humboldt, in: planetwissen.de, online verfügbar seit 02.12.2019 unter: https://www.planet-wissen.de/geschichte/persoenlichkeiten/alexander_von_humboldt/index.html, zuletzt geprüft am 06.12.2025. 

-> Hinske, Norbert, "Kant, Immanuel" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 110-125 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118559796.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 09.12.2025.

-> Masur, Gerhard; Arens, Hans, "Humboldt, Wilhelm von" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 43-51 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118554727.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 09.12.2025.

-> Feilchenfeldt, Konrad, "Mereau, Sophie, geborene Schubart" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 129 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11858104X.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.01.2026.

-> Kluckhohn, Paul, "Arnim, Bettina (Elisabeth Katharina Ludovica Magdalena) von" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 589 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118504185.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.01.2026.

-> Zovko, Jure, "Schlegel, Carl Wilhelm Friedrich von (österreichischer Adel 1815)" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 40-42 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118607987.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.01.2026.

-> Einem, Herbert von, "Friedrich, Caspar David" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 602-603 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118535889.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.01.2026.

-> Drewitz, Ingeborg, "Herz, Henriette Julie, geborene de Lemos" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 728-729 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118550152.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.01.2026.

-> Mähl, Hans Joachim, "Hardenberg, Georg Friedrich Philipp Freiherr von (Novalis)" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 652-658 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118588893.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.01.2026.

-> Kluckhohn, Paul, "Brentano, Clemens Wenzel Maria" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 589-593 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118515055.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.01.2026.

-> Duda, Sybille: Karoline von Günderrode, in: fembio.org, online verfügbar unter: https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/karoline-von-guenderrode/ , zuletzt geprüft am 18.01.2026.

-> Wulf, Segebrecht, "Hoffmann, Ernst Theodor Wilhelm (statt Wilhelm seit 1804 Amadeus aus Verehrung für Mozart, E. T. A.)" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 407-414 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118552465.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 18.01.2026.

-> Traeger, Jörg, "Runge, Philipp Otto" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 264-267 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118604155.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 18.01.2026.

-> Stern, Carola, "Schlegel, Dorothea Friederike (bis 1783 Brendel Mendelssohn, 1783-99 Brendel Veit, seit 1804 Dorothea Schlegel, seit 1815 von Schlegel)" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 42-43 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118607979.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 18.01.2026.

-> Pravida, Dietmar, "Werner, Friedrich Ludwig Zacharias" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 839-841 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118767208.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 18.01.2026.

-> Hahlweg, Werner, "Clausewitz, Carl Philipp Gottlieb von" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 271-276 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11852111X.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 16.02.2026.

-> Jäger, Hans-Wolf, "Herder, Johann Gottfried" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 595-603 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118549553.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 09.03.2026.

-> Maurer, Doris, "Stein, Albertine Ernestine Charlotte Freifrau von, geborene von Schardt" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 141 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118617222.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 09.03.2026.

-> Glaubrecht, Martin, "Hölderlin, Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 322-332 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118551981.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 16.03.2026

-> Manger, Klaus, "Wieland, Christoph Martin" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 74-77 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118632477.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 16.03.2026.

Sekundärliteratur

->

->

->