Johannes (Johann) Bückler, besser unter seinem Rufnamen Schinderhannes bekannt, war ein deutscher Räuber, der während der Jahre 1796 und 1802 gemeinsam mit seinen Spießgesellen über 130 Straftaten verübte, die von Viehdiebstahl bis Mord reichten. Trotzdem bietet die Figur des Schinderhannes bis heute Stoff für viele Geschichten, die den Räuber aus dem Hunsrück meist mehr als einen Robin Hood des Soonwaldes erscheinen lassen.
Am 21.11.1803 fand Johannes Bückler unter der Guillotine in Mainz den Tod. Es ist nicht bekannt, wann genau er geboren wurde, doch ist davon auszugehen, dass er bei seinem Tod zwischen 20 und 24 Jahren alt war. Der Zeitraum seiner Geburt wird demnach auf die Jahre 1777-1780 eingegrenzt. Es ist davon auszugehen, dass Bücker in Miehlen bei Nastätten geboren wurde, dem Heimatort seiner Mutter.
Johannes Bückler zeigt eine für seine Zeit typische „Karriere“ als Räuber. Die meisten Menschen, die im 18. und frühen 19. Jahrhundert in sogenannten „Räuberbanden“ aktiv waren, stammten aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Hintergrund war der rasche Bevölkerungsanstieg im 18. Jahrhundert. Viele dieser Menschen waren nicht sesshaft, sondern verdienten ihren Lebensunterhalt, indem sie über Land zogen. So auch der Vater des Johannes Bückler, der sich als Feldarbeiter und Tagelöhner verdingte. Seine Mutter, Anna Maria Schmitt, war bei ihrer Hochzeit bereits schwanger. Seine ersten Lebensahre verbrachte Johannes Bückler in Miehlen, doch nach einem Diebstahl seiner Mutter verließ die Familie den Ort überstürzt. Einige Zeit schloss sich Bücklers Vater als einfacher Soldat dem Militär an, dann desertierte er und zog mit seiner Familie in den Hunsrück. Da der Vater nirgends lange Arbeit hatte, zogen sie von Ort zu Ort.
Etwa ein Jahr nach seiner Konfirmation verließ der damals 15-jährige Johannes sein Elternhaus, nachdem er einen Wirt bestohlen hatte. Zunächst schlug er sich mehr schlecht als recht mit Viehdiebstählen durch, ging dann aber bei verschiedenen Schindern (Abdeckern) in die Lehre. In dieser Zeit entstand vermutlich der von ihm wenig geliebte Rufname „Schinderhannes“.
Einem seiner Meister, dem Abdecker Nagel in Bärenbach (heute Verbandsgemeinde Kirchberg/Hunsrück), stahl er sechs Kalbsfelle und eine Kuhhaut. Dafür erhielt er eine öffentliche Prügelstrafe, die ihn, wie er später behauptete, sehr geprägt hat. Vom weiteren Stehlen hielt sie ihn allerdings nicht ab. Gemeinsam mit diversen Verbündeten, zum Beispiel Jakob Fink, der auf Grund seiner roten Haare als der „rote Fink“ bekannt wurde, unternahm er vermehrt in den Jahren 1796/1797 Viehdiebstähle. Schließlich wurde Bückler in Kirn inhaftiert, konnte aber schon nach einem Tag aus dem Gefängnis fliehen.
Das erste Gewaltverbrechen des Schinderhannes, bei dem ein Mensch sein Leben verlor, fällt auf das Jahresende 1797. Gemeinsam mit dem roten Fink und einigen anderen Komplizen verprügelte er den Landstreicher und Pferdedieb Niklas Rauschenberger, genannt Plackenklos, nachdem dieser zwei Freundinnen Bücklers bedrängt und bestohlen hatte. Rauschenberger erlitt so starke Verletzungen, dass er diesen erlag.
Zu Beginn des Jahres 1798 ist der erste bewaffnete Raubüberfall des Schinderhannes und seiner Bande belegt. Auch er forderte ein Todesopfer. Weitere Überfälle folgten, darunter auf zwei Jüdinnen. Ansonsten fanden in dieser Zeit weiterhin Viehdiebstähle statt. Die Aktivitäten der Schinderhannesbande wurde durch die erneute Festnahme Bücklers kaum unterbrochen, da er wie schon zuvor nach kurzer Zeit aus dem Gefängnis in Saarbrücken fliehen konnte. Im selben Jahr war Johannes Bückler wiederum in einen Todesfall verwickelt. Es handelte sich um den Juden Simon Seligmann aus Seibersbach (heute Verbandsgemeinde Stromberg), der im Soonwald erschlagen wurde. Schinderhannes gab später an, nicht an der Tötung des Juden beteiligt gewesen zu sein. Er schob seinem Komplizen Peter Petry, auch als der schwarze Peter bekannt, die Schuld zu, gestand aber, dem Toten Wertgegenstände entwendet zu haben.
Die Gegend, in der Schinderhannes und seine Komplizen tätig waren, war wie das gesamte linksrheinische Deutschland seit 1794 von französischen Truppen besetzt. Die Franzosen setzten alles daran, ihn und seine Bande zu fassen. 1799 konnte die Nationalgendarmerie erstmals einen wirklichen Erfolg verbuchen. Bei einem Streifzug wurde Johannes Bückler in Schneppenbach (heute Verbandsgemeinde Kirn-Land) festgenommen und nach einigen Verhören in den Gefängnisturm von Simmern gebracht. Dieses Mal gelang dem Schinderhannes die Flucht erst nach knapp einem halben Jahr, im August 1799. Diese wiederholten Gefängnisausbrüche brachten ihm noch zu Lebzeiten den Ruf ein, er könne Wunder vollbringen und sich unsichtbar machen. Nach dem Ausbruch aus dem Turm von Simmern begann die eigentliche Hochphase der Aktivitäten des Schinderhannes. Er scharte wieder Gesellen um sich. Straßenraub, Einbrüche und Erpressung waren die Folge. Nach einiger Zeit war er neben seinem Rufnamen Schinderhannes auch unter dem Namen „der König vom Soonwald“ bekannt.
Die Bande des Schinderhannes entsprach allerdings nicht den heutigen Vorstellungen einer „Bande“, da es sich dabei nicht um eine feste Gruppe handelte, sondern um relativ spontane Zusammenrottungen, die nach der verübten Tat schnell wieder zerfielen. Eine hierarchische Ordnung bestand nur während der Zeit der Tat, und sie diente nur der erfolgreichen Durchführung. Die Bandenmitglieder wurden überwiegend aus der vagierenden Bevölkerungsschicht rekrutiert und man verständigte sich über geheime Zeichen (sogenannte Zinken) und eine eigene Geheimsprache, das sogenannte „Rotwelsch“. Diese Form von Räuberbanden war typisch für das 18. und frühe 19. Jahrhundert.
Von Januar bis März 1800 hielt sich Johannes Bückler auf der rechten Rheinseite auf, kehrte dann aber wieder ins Linksrheinische zurück. Bei Gefahr wechselte er allerdings gern zwischen den Rheinseiten hin und her, da dies es den französischen Behörden erschwerte, ihn zu fassen. Im Laufe der Zeit legte er sich sogar ein Pseudonym für seine Aufenthalte auf der anderen Rheinseite zu, um dort als fahrender Krämer seine Ware anzubieten, oder Märkte zu besuchen: Jakob Ofenloch von Altenbamberg. Ostern 1800 lernte er auf einer Tanzveranstaltung seine zukünftige Lebensgefährtin Juliana (Julchen) Bläsius (1781-1851) kennen. Die Beziehung zu ihr sollte ihm später beim Volk noch einen Sympathiebonus verschaffen, da er sich während des Prozesses als liebevoller, fürsorglicher Familienvater präsentierte.
1801 arbeitete er mit einer Gruppe der sogenannten „Niederländischen“ Räuberbande zusammen, deren Kern überwiegend aus Juden bestand. Unter dem Oberbefehl des niederländischen Räubers Abraham Picards beteiligte Johann Bückler sich an einem Überfall auf das Posthaus in Würges (heute Stadt Bad Camberg im Taunus), entwendete Picard allerdings auch einen Teil von dessen Beute und machte sich mit ihr rheinabwärts aus dem Staub. Nach dem Coup in Würges verständigten sich die Landesobrigkeiten auf mehr Zusammenarbeit bei der Verbrechensbekämpfung; die Bürger wurden unter Androhung von Strafe verpflichtet, im Falle von Raubüberfällen Alarm zu schlagen und Hilfe zu leisten. Das erschwerte die Arbeit der Schinderhannesbande erheblich. Immer öfter mussten die Räuber fliehen, oder sie wurde sogar nach einem Überfall von den Dorfbewohnern verfolgt.
Im Mai 1802 wurde Schinderhannes durch einen Zufall auf der rechten Rheinseite gefasst, weil er sich nicht ausweisen konnte. Zunächst wurde er nach Frankfurt gebracht und am 15. Juni dem französischen Nationalkommando in Mainz übergeben. Der Prozess gegen die Bande des Schinderhannes begann am 24.10.1803 und endete am 20. November des gleichen Jahres mit einem Todesurteil für Johann Bückler und 19 Mitangeklagte, welches am 21. November vollstreckt wurde. Julchen Bläsius wurde zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, im Gefängnis gebar sie einen gemeinsamen Sohn. Zuvor hatte sie schon einmal ein Kind von Bückler bekommen, doch war es kurz nach der Geburt gestorben.
Die Erzählungen, die bereits zu seinen Lebzeiten ber den Schinderhannes und seine Bande kursierten, zeigen keinen groben, gewalttätigen Räuber, sondern stilisieren ihn zu einer Art Robin Hood, dessen Taten, wenn auch gesetzeswidrig, von edlen Motiven geleitet wurden. Drei Hauptmotive sind dabei entscheidend: Erstens Antisemitismus, zweitens politische Rebellion und drittens soziales Engagement. Keines dieser Motive wird tatsächlich für den Schinderhannes eine Rolle gespielt haben, doch kam es ihm natürlich stets zu Gute zu wissen, dass er eine gewisse Sympathie im Volk genoss, und er mag sich wohl auch dem entsprechend inszeniert haben, besonders während des Prozesses. Die Gerüchte machten ihm zum Rächer an den bei vielen einfachen Menschen verhassten Juden, obwohl er keine Berührungsängste hatte, mit jüdischen Gaunern zusammen zu arbeiten, sie stilisierten ihn zum Freiheitskämpfer gegen die Franzosen, obwohl er keine Tendenz dazu erkennen lässt, und sie machten ihn zum Sozialrebellen, obwohl er und seine Bande nur auf persönliche Bereicherung aus waren. Die Geschichten entsprachen den heute schwer nachvollziehbaren Wünschen und Sehnsüchten der damaligen Zeit und nicht der historischen Person des Johannes Bückler.
2. Ludwig van Beethoven
Ludwig van Beethoven gilt nach Haydn und Mozart nicht nur als Vollender der Wiener Klassik, sondern auch als Wegbereiter der Musik der Romantik und des 19. Jahrhunderts und wurde vor allem mit seinen neun Symphonien zum Vorbild aller nachgeborenen Komponisten und Inbegriff des Klassischen.
Ludwig van Beethoven war das zweite von sieben Kindern des kurkölnischenHoftenoristen Johann van Beethoven (um 1740-1792) und seiner Frau Maria Magdalena, geborene Keverich (1746-1787). Neben Ludwig erreichten nur seine zwei jüngeren Brüder Kaspar Karl (1774-1815) und Nikolaus Johann (1776-1848) das Erwachsenenalter, die übrigen Geschwister starben bereits im Kindesalter. Ludwig van Beethoven wurde am 17.12.1770 in St. Remigius in Bonn getauft, vermutlich war er am selben oder am vorangegangenen Tag geboren worden. Sein Geburtshaus, eines der wenigen erhaltenen Bürgerhäuser des 18. Jahrhunderts in der Stadt (Bonngasse 20), beherbergt heute die größte Beethoven-Sammlung weltweit.
Die Beethovens waren eine Familie von kurfürstlichen Hofmusikern. Großvater Ludwig van Beethoven der Ältere (1712-1773) stammte aus Mechelen in Belgien und kam 1733 als Bass-Sänger an den Bonner Hof. 1761 avancierte er zum Hofkapellmeister, eine Position, die auch sein Sohn Johann gerne gehabt, aber nie erreicht hat.
Seinen ersten Musikunterricht erhielt Ludwig vom Vater, der ihn Klavierspielen lehrte. Am 26.3.1778 trat Ludwig erstmals öffentlich in Köln in einem Konzert auf. Um 1779 begann er, auch Orgel zu lernen. 1780 erhielt er seinen wohl bekanntesten Klavierlehrer, den Leiter des kurkölnischen Hoftheaters, Christian Gottlob Neefe (1748-1798), der das Potenzial des jungen Musikers erkannte und ihn förderte. Bei Neefe lernte Beethoven die Werke Johann Sebastian Bachs (1685-1750) kennen (namentlich das Wohltemperierte Klavier).
Die allererste gedruckte Komposition des Elfjährigen, die „Dresslervariationen" WoO (Werke ohne Opuszahl) 63, erschienen 1782 in dem renommierten Verlag Götz in Mannheim durch die Vermittlung Neefes. Schon im Alter von elf Jahren hatte Beethoven im Gottesdienst Orgel gespielt. Ab 1783 spielte er auch im Hoforchester Cembalo. Sein erstes festes Gehalt erhielt er 1784 als stellvertretender Hoforganist.
Mit ungefähr neun Jahren hatte Ludwig auch Geige spielen gelernt und war ab 1789 im Hoforchester neben seinem Dienst als Cembalist und Organist auch als Bratscher angestellt. Im Dezember 1786 brach Beethoven auf Veranlassung seines Dienstherrn, des Kurfürsten und Erzbischofs Maximilian Franz von Habsburg, nach Wien auf, um dort bei Mozart (1756-1791) Unterricht zu nehmen. Beethoven hielt sich jedoch nur wenige Wochen dort auf. Schon auf der Heimreise erreichte ihn eine Nachricht des Vaters mit der Bitte um rasche Rückkehr: die Mutter sei schwer erkrankt und liege im Sterben. Ob Beethoven Mozart in Wien getroffen hat, ist nicht bekannt.
Ludwig van Beethoven, 1802. Reproduktion eines Holzschnittes von Alfred Hanf nach der Miniatur von Christian Horneman (1765-1844). (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)
Der Tod der Mutter am 17.7.1787 führte zum endgültigen Absturz des Vaters. Schon früher hatte Johann van Beethoven eine ausgeprägte Neigung zum Alkohol gehabt, jetzt wurde er zum Alkoholiker. Seinen Dienst konnte er nicht mehr versehen und wurde suspendiert. Ludwig musste von da ab für die gesamte Familie sorgen und sie ernähren.
Eine neue emotionale Heimat fand er bei der Familie Breuning, wo er bereits seit ungefähr 1782 Klavierlehrer der Kinder Eleonore und Lorenz war. Deren Bruder Stephan zog 1801 nach Wien und blieb zeitlebens ein enger Freund. Auch Eleonore, die den Jugendfreund und frühen Beethoven-Biographen Franz Gerhard Wegeler (1765-1848) heiratete, blieb Beethoven immer verbunden. Der liberale Geist im Hause Breuning prägte entscheidend Beethovens freiheitliche Gesinnung. Weitere Einflüsse erhielt er durch die Bonner Lese- und Erholungsgesellschaft, die kurkölnische Landesuniversität in Bonn, an der er sich 1789 immatrikulierte, sowie durch den intellektuellen Freundeskreis im Lokal „Zehrgarten".
Notenblatt. (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)
Hier lernte er die Ideen und Grundsätze der französischen Revolution kennen und machte sie sich zu eigen. Den nur ein Jahr älteren, in den Revolutionskriegen erfolgreichen Napoleon Bonaparte (1769-1821) verehrte Beethoven in seiner Jugend glühend. Beethovens Begeisterung war aber durchaus ambivalent und ebbte auf dem Höhepunkt der Napoleonischen Kriege 1809/1810 stark ab, die Kaiserkrönung Napoleons 1804 verachtete er. Seine grundsätzliche Bewunderung der Napoleonischen Staatsphilosophie und Gesetzgebung hielt der Republikaner Beethoven in späteren Jahren aufrecht.
1792 erhielt Beethoven auf Vermittlung des Grafen Waldstein vom Kurfürsten erneut ein Ausbildungsstipendium und reiste im November abermals nach Wien, um bei Joseph Haydn (1732-1809) Unterricht zu nehmen. 1794 eroberten französische Truppen das Rheinland und lösten die kurkölnische Bonner Hofhaltung auf. Beethovens Dienststelle existierte damit nicht mehr. Er blieb in Wien und kehrte nie nach Bonn zurück.
Vermutlich hatte Graf Waldstein ihm Empfehlungsschreiben mitgegeben, so dass Beethoven leicht Zutritt zum Wiener Hochadel erhielt und von der Aristokratie gefördert wurde. Sein wichtigster Gönner in den ersten Wiener Jahren war Fürst Karl von Lichnowsky (1756-1814), der ihm die Türen zu den Adelshäusern öffnete, Wohnung stellte und auch mit Geld unterstützte. In kürzester Zeit eroberte der junge Beethoven Wien als gefragter Pianisten und Improvisator.
Auf Veranlassung Lichnowskys und – zumindest auf der ersten Etappe – in seiner Begleitung unternahm Beethoven 1796 seine einzige Konzerttournée, die ihn nach Prag, Dresden, Leipzig und Berlin führte. Lichnowsky, der schon Freund und Gönner Mozarts gewesen war, hatte sieben Jahre zuvor mit Mozart bereits dieselbe Reise unternommen.
Mit ungefähr 26 Jahren müssen Beethovens Gehörprobleme begonnen haben, von denen er 1801 erstmals seinem Bonner Freund Franz Gerhard Wegeler unter dem Siegel der Verschwiegenheit berichtete. Der Verlust der Hörfähigkeit führte 1802 zu einer schweren Krise, die im so genannten Heiligenstädter Testament gipfelt. Mit diesem Brief an seine beiden Brüder regelte Beethoven nicht nur seinen Nachlass, sondern versuchte, sein eigenes Bild bei den Menschen gerade zu rücken und seine Motivationen klarzustellen. Das Testament ist ein Schriftstück tiefer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Die Krise hat Beethoven schließlich überwunden; um 1806 beschloss er sogar, seine beginnende Taubheit nicht länger geheim zu halten.
Ludwig van Beethoven, Gemälde von Willibrord Joseph Mähler (1778-1860), 1815. (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)
Inzwischen war er ein angesehener und erfolgreicher Komponist. 1808 bekam Beethoven ein verlockendes Angebot von Jérôme Bonaparte (1784-1860), König von Westfalen, an dessen Hof in Kassel Kapellmeister zu werden. Um eine Abwanderung des berühmten Künstlers zu verhindern, entschlossen sich drei Mitglieder der Hocharistokratie, Erzherzog Rudolph, Fürst Lobkowitz und Fürst Kinsky, Beethoven eine Leibrente von 4.000 Gulden auszusetzen, deren einzige Bedingung sein Verbleib in Wien war. Die eigentlich stattliche Summe schmolz aber infolge der Napoleonischen Kriege und der damit verbundenen Teuerung schnell dahin. Zudem wurde Fürst Lobkowitz zahlungsunfähig. Die Familie Kinsky wollte nach dem Tod des Fürsten 1812 ihre Zahlungen ganz einstellen. Einzig Erzherzog Rudolph, Beethovens einziger Kompositionsschüler und sein treuester Mäzen, zahlte zuverlässig bis an Beethovens Lebensende.
In der öffentlichen Wahrnehmung erreichte Beethoven 1814/1815 mit dem Wiener Kongress den Höhepunkt seines Ruhmes. Mehrere glanzvolle Konzertereignisse unter Anwesenheit der versammelten europäischen Fürsten bescherten ihm eine zuvor nicht erlebte Popularität. Auch das erstarkende Bürgertum, das sein Bedürfnis nach öffentlichem Musikleben in neu gegründeten Musikvereinen zum Ausdruck brachte, trug zu Beethovens wachsendem Ansehen bei.
Privat war Beethoven nicht ganz so erfolgreich. Er war zwar häufig verliebt, jedoch niemals verheiratet, obwohl er einige Anläufe dazu unternommen hatte. Als sein Bruder Kaspar Karl 1815 starb und einen minderjährigen Sohn hinterließ, rückte die Erfüllung des Traumes einer eigenen Familie in greifbare Nähe. Beethoven wurde Vormund für seinen Neffen Karl und richtete eine fast erdrückende Fürsorge auf das Kind. Die Mutter des Kindes, seine Schwägerin, hielt er moralisch und charakterlich für unwürdig und versuchte, sie ganz von der Erziehung auszuschließen und jeden Kontakt zwischen Mutter und Kind zu unterbinden. Dagegen wehrte sich die Mutter, es folgte eine längere Reihe von amtlichen und gerichtlichen Auseinandersetzungen, die schließlich 1820 zugunsten Beethovens entschieden wurden.
Ludwig van Beethoven, um 1817. Lithographie von Carl Fischer, 1822, nach einer Zeichnung von August von Kloeber (1793-1864). (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)
Das letzte Lebensjahrzehnt Beethovens war einerseits geprägt von seinen monumentalen Großwerken Missa solemnis (zur Inthronisation des Erzherzogs Rudolphs als Bischof von Olmütz) und der 9. Symphonie, den letzten Klaviersonaten und den späten Streichquartetten, andererseits aber von schweren gesundheitlichen Beschwerden und nahezu völliger Taubheit. Zum Gespräch mit Besuchern und Freunden bediente er sich ab 1818 kleiner Hefte (Konversationshefte), in die seine Gesprächspartner ihre Beiträge notierten. Beethoven antwortete mündlich. Abgesehen von seinem schwachen Gehör wurde Beethoven von starken Koliken und Unterleibsbeschwerden geplagt, die ihn häufig arbeitsunfähig machten. Ursache dafür waren eine schwere Bleivergiftung und eine Leberzirrhose. Die Zirrhose sowie die durch sie verursachte Bauchwassersucht waren auch die Ursache seines Todes am 26.3.1827 in Wien.
Beethovens Leichenbegängnis auf dem Währinger Friedhof in Wien glich einem Staatsbegräbnis. 20.000 Menschen sollen dem Sarg gefolgt sein, darunter nicht nur die angesehensten Musiker der Stadt (Franz Schubert war einer der Fackelträger), sondern auch Mitglieder des Hochadels. Der Schauspieler Heinrich Anschütz hielt am Friedhofseingang eine von Franz Grillparzer verfasste Rede, in der er Beethoven als Künstler und Mensch hervorhob. „Wenn die Pforte des Lebens hinter uns sich schließt, springen auf die Pforten zum Tempel der Unsterblichkeit. Dort steht er nun bey den Großen aller Zeiten; unantastbar für immer." Seine letzte Ruhestätte fand Beethoven 1888 auf dem berühmten Wiener Zentralfriedhof.
3. Friedrich Schiller
Nach mehrfachen Wohnortwechseln wegen der verschiedenen Einsatzorte des Vaters besuchte S. seit 1764 die Elementarschule in Lorch, seit 1766 die Lateinschule in Ludwigsburg. Von den Eltern zunächst für den geistlichen Stand bestimmt, besuchte er auf Forderung des württ.Hzg. Carl Eugen seit Anfang 1773 die „Militär-Pflanzschule“ (später „Hzgl. Militär-Akademie“) auf der Solitude (nahe Stuttgart), wo er Kenntnisse in Fremdsprachen (Latein, Griechisch, Französisch), Philosophie, Mathematik und Geschichte erwarb. 1774 begann er ein Studium zunächst der Rechtswissenschaften, seit 1775 der Medizin, das er im Dez. 1780 mit einer dritten Dissertation (Versuch über d. Zusammenhang d. thierischen Natur d. Menschen mit seiner geistigen) abschloß, nachdem zwei vorangegangene Versuche von den Gutachtern abgelehnt worden waren.
Anschließend trat S. als Regimentsmedikus in Stuttgart in hzgl. Dienste und widmete sich seiner schon auf der Militär-Akademie bevorzugten Nebenbeschäftigung, der Dichtung. Sein Erstlingsdrama. „Die Räuber“, schloß er im Frühjahr 1781 ab und begann „Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“; Gedichte für die „Anthologie auf das Jahr 1782“ entstanden rasch in großer Zahl. Nach der ohne Erlaubnis seiner Vorgesetzten unternommenen Reise zur Uraufführung der „Räuber“ im kurpfälz. Mannheim am 13.1.1782 und einer Wiederholung dieser Reise Ende Mai 1782 verhängte der Herzog eine 14tägige Arrest-Strafe und ordnete an, daß S. mit der Poesie Schluß zu machen habe. S. floh daraufhin am 22.9.1782 von Stuttgart nach Mannheim.
Um der vermuteten Verfolgung durch württ. Häscher zu entgehen, zog er sich im Okt. 1782 nach Oggersheim (Pfalz) zurück und ging im Dezember ins thür.Bauerbach, wo er – beschäftigt mit der Fertigstellung des „Fiesko“ (1783), der Arbeit an „Kabale und Liebe“ (1784) sowie Vorstudien für „Don Karlos“ – auf dem Gut →Henriette v. Wolzogens (1745–88) bis Juli 1783 lebte. Nach Mannheim zurückgekehrt, schloß er mit dem dortigen →Theaterintendanten Heribert v. Dalberg (1750–1806) einen einjährigen Vertrag als Theaterdichter, in dem er sich verpflichtete, neben einer umgearbeiteten „Fiesko“-Fassung und „Kabale und Liebe“ ein weiteres Stück zu liefern. Da er den Vertrag nicht erfüllen konnte, versuchte er der sich abzeichnenden finanziellen Misere u. a.durch Gründung der Zeitschrift „Rhein. Thalia“ (1. H., 1785; 1786-91 „Thalia“, bis 1793 „Neue Thalia“) zu entgehen.
Im April 1785 folgte S. einer Einladung →Christian Gottfried Körners (1756–1831) nach Leipzig. Bis Juli 1787 lebte er, tatkräftig unterstützt v. a. von Körner, vornehmlich in und bei Dresden bzw. Leipzig. Hier stellte er „Don Karlos“ (1787), die Erzählung „Verbrecher aus Infamie“, den Anfang des Romans „Der Geisterseher“ sowie einige Gedichte (u. a. An d. Freude) fertig. Außerdem sammelte er Material für die „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Span. Regierung“ (1788).
Von Juli 1787 bis Mai 1789 lebte S. in Weimar, um dem „Musenhof” der Herzoginmutter →Anna Amalia – also auch Goethe, Herder und Wieland – nahe zu sein. Hier galt seine Hauptbeschäftigung historischen Arbeiten, die ihm auf Goethes Vermittlung einen Ruf an die (seit 1934 nach S. benannte) Univ. Jena zum Sommersemester 1789 einbrachten. Seine Lehrtätigkeit machte ihm wenig Freude und währte nicht lange. Im Jan. 1791 erkrankte S. an einer schweren Lungenentzündung, die nie auskuriert wurde. Nach Vollendung der „Geschichte des Dreyßigjährigen Kriegs“ (1790-92), dominierten 1792-95 philosophische Studien und Abhandlungen. Erst 1795, nachdem er sich zur Herausgabe eines „Musen-Almanachs“ (5 Jgg., 1796–1800) und der literarischen Zeitschrift „Die Horen“ (3 Jgg., 1795–97) entschlossen hatte, kehrte er – zunächst mit Gedichten, dann mit dem „Wallenstein“ – zur Poesie zurück.
Zu den bemerkenswerten Ereignissen in den letzten zwölf Lebensjahren zählen S.s Reisen nach Schwaben (1793/94) und Berlin (1804), die Freundschaft mit Wilhelm v. Humboldt seit 1794 und v. a. das „Bündnis“ mit Goethe seit 1794. S.s „Gedankenlyrik“ (z. B. Das Ideal u. d. Leben, Der Spaziergang, Der Tanz, Das Glück) ist ohne Goethes Anregungen ebenso wenig denkbar wie S.s Balladendichtung (z. B. Der Ring d. Polykrates, Der Handschuh, Die Kraniche d. Ibycus); auch am Entstehen des „Wallenstein“ (1800) hatte der ältere Freund Anteil.
Um Goethe nahe zu sein und aus Interesse an praktischer Theaterarbeit zog S. im Dez. 1799 nach Weimar, wo in rascher Folge „Maria Stuart“ (1801), „Die Jungfrau von Orleans“ (1801), „Die Braut von Messina“ (1803) und „Wilhelm Teil“ (1804) erschienen. Sein Tod verhinderte den Abschluß des „Demetrius“.
S. wurde schon zu Lebzeiten mit dem Ehrentitel eines „teutschen Shakespeare“ ausgezeichnet. Bis heute gehören seine Bühnenwerke zum Repertoire zahlreicher (nicht nur dt.) Theater. Die Gründe dafür sind vielfältig: Fast alle seine Dramen halten Zuschauer bis zum meist pointierten Schluß in Spannung; alle beschäftigen sich mit anthropologischen Grundfragen; und in den späten – ‚klassischen' – Stücken wird das ‚Wesen' der Geschichte thematisiert, mit dem Ziel, daß sich die Kunst über sie erhebe. Zudem scheint S.s Sprache, zunächst auftrumpfend heftig, später poetisch stilisiert, Stoff und Handlung fast stets angemessen; sie verdeckt, daß Handlungszusammenhänge gelegentlich nur flüchtig oder gar nicht motiviert sind.
In den „Räubern“, einem späten Sturm-und-Drang-Drama, opponiert S. heftig gegen eine Väter-Welt, der sich die Söhne auf verschiedene Weise zu erwehren suchen. „Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“, S.s lange Zeit am wenigsten geschätztes Drama, ist ein grandioses Spektakelstück voller Zufälle und Unwahrscheinlichkeiten, in dem das Historische (Genua 1547) nur Kulisse ist. Es geht um Liebe und Gewalt, Intrigen und Verstellungen, um das Scheitern angemaßter Größe, um Tod und Verderben Schuldiger und Unschuldiger – ein „republikanisches Trauerspiel“ (so der Untertitel). „Kabale und Liebe“ (ursprüngl. Titel: „Louise Millerin“) ist S.s einziger Versuch, politische Verhältnisse und Standesunterschiede seiner Zeit dramatisch zu behandeln. „Don Karlos“ (vor 1801: „Dom Karlos“) führte deutlich über die Sturm-und-Drang-Dramen hinaus: Die Heftigkeit der Sprache wird durch kunstvoll stilisierte Blankverse gemildert, die Charaktere sind ‚poliert', die Themen werden im Geist der Aufklärung diskutiert.
Das Drama „Wallenstein“, das 1796-99 zu einer Trilogie anwuchs, ist S.s bedeutendstes poetisches Werk. Es handelt vom notwendigen Untergang eines großen Einzelnen, der sich in Irrtümer verstrickt, weil er Zufälle als Schicksal mißversteht. In „Maria Stuart“, dem am strengsten ‚komponierten' Drama, von ihm auch als „Trauerspiel“ bezeichnet, geht es um eine andere Art der Tragik: die der Geschichte, die über den Menschen verfügt, ohne ‚gerecht' zu sein. Mit „Die Jungfrau von Orleans“ ging S. noch einen Schritt weiter: Da Johanna als Werkzeug in der Hand Gottes nicht schuldfähig sein kann, muß sie, um menschlich und damit (moralisch) beurteilbar zu sein, von Gott verlassen und so in den Stand der Freiheit gesetzt werden. Indem sie das Liebesverbot übertritt, fällt sie in Schuld, von der sie durch die erneute Hingabe an Gott (bis in den Tod) absolviert wird. Tragisch ist ihre Menschlichkeit, deren Bedingung ihre freie Entscheidung ist. „Die Braut von Messina“ handelt von zwei Brüdern, die dasselbe Mädchen lieben, ohne in ihr ihre Schwester zu erkennen. Die Handlung wird durch ein – in keinem anderen Drama S.s erreichtes – poetisches Sprechen auf höchstem Niveau aufgehoben, der Kunstwille auf die Spitze getrieben: In den Verheerungen der Welt bietet allein das Schöne einen Ort der Zuflucht. „Wilhelm Teil“ verknappt den Freiheitskampf der Schweizer auf die befreiende Tat eines Einzelnen, die die Restitution guter alter Verhältnisse ermöglicht. Das Stück ist reich an theatralischen Szenen, durch die manch Problematisches (Apfelschuß!) überspielt wird und die leicht übersehen lassen, daß S. hier nicht einem teleologisch begründeten Fortschritt der Geschichte das Wort redet, sondern eine Rückkehr in die Vergangenheit als Möglichkeit eines besseren Weltzustands diskutiert.
Als Lyriker stand S. bei Zeitgenossen und in der Nachwelt in hohem Ansehen. Von seinen 1782 erschienenen Jugend-Gedichten, deren Abhängigkeit von anerkannten Vorbildern, v. a. von Klopstock, leicht zu erkennen ist, distanzierte er sich später (ebenso wie von der 1785 entstandenen Ode „An die Freude“ und anderen Gelegenheitsgedichten). Während er den moralischen Lehrsätzen seiner Balladen weiterhin Gültigkeit zumaß, sah er die großen philosophischen Gedichte „Die Götter Griechenlandes“ (1788), „Die Künstler“ (1789) „Das Reich der Schatten“ (1795; später: „Das Ideal u. d. Leben“) und „Elegie“ (1795; später: „Der Spaziergang“) entsprechend den veränderten philosophischen (ästhetischen) Anschauungen als verbesserungsbedürftig an. Vorzügliches leistete der Lyriker S. mit kürzeren Gedanken-Gedichten in Distichen, dem Versmaß der klassischen Elegie, in denen es um die Funktion der Kunst in den Wirrnissen der Geschichte|geht (Der Tanz, 1795; Das Glück, 1797; Nänie, 1799). S.s Meisterschaft in der formalen Handhabung der Distichen zeigt sich auch in seinen zahlreichen Epigrammen, in seinen „Tabulae votivae“ (1796) und „Xenien“ (1796), mit denen er das Mittelmaß der Lyrik seiner Zeit weit überragt.
Zum epischen Fach fühlte sich S. nicht sonderlich hingezogen. Mit der Erzählung „Verbrecher aus Infamie/eine wahre Geschichte“ (1786, später: „Der Verbrecher aus verlorener Ehre, Eine wahre Gesch.") gelang ihm dennoch eine tiefgreifende Studie auf dem Gebiet der Erfahrungsseelenkunde, in der deutlich wird, wie durch eine unmenschliche Strafrechtspraxis ein kleiner Rechtsbrecher zu einem großen Verbrecher förmlich „gemacht“ wird. Auch mit dem nicht zu Ende geführten Roman „Der Geisterseher“ (1787-89) erweist sich S. als origineller Erzähler großen Formats: Die Abenteuer-, Intrigen-, Kriminal-, Geheimbund- und Geister-Geschichte beschreibt, auf dem Boden der Aufklärung stehend, deren Nachtseiten in quasi romantischer Manier.
In den fünf Jahren, in denen sich S. vornehmlich mit der Geschichte auseinandersetzte, festigte sich in ihm die – später aufgegebene – Idee vom konstruierbaren Sinn historischer Prozesse, der nicht aus überlieferten Fakten erkennbar sei, aber durch den „philosophischen Kopf“ mittels Imagination als gesetzmäßig erwiesen werden könne. Diese Auffassung ist am deutlichsten in der akademischen Antrittsrede „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ (1789) formuliert. Der Historiker ist für S. auch (und in erster Linie) ein Lehrer der Moral und – als Geschichtserzähler – ein Bruder des Dichters.
An S.s intensive Beschäftigung mit Kant (seit 1791) schlossen sich zahlreiche philosophische Untersuchungen an, unter denen die großen Abhandlungen „Ueber Anmuth und Würde“ (1793), „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1794/95) und „Ueber naive und sentimentalische Dichtung“ (1795) als Dokumente klassischer Ästhetik herausragende Bedeutung erlangt haben. In „Ueber Anmuth und Würde“ versucht S., die Kunst als das Verbindende der durch freien Willen errungenen Würde des Menschen (die sich in der Unterwerfung sinnlicher Begierde unter das Sittengesetz bekundet) und der durch Übereinstimmung zwischen Vernunft und Sinnlichkeit behaupteten Anmut (die als wirklich gewordene Idee verstanden wird) nachzuweisen. In „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen“ geht es um die Kunst als sichtbaren Ausdruck der „Freiheit in der Erscheinung“, die sich in der Beherrschung des Stoffs durch die Form manifestiert, freilich das Vermögen des ästhetischen Spiels, das nur dem Menschen auf dem Gipfel der Kultur gegeben ist, voraussetzt. In „Ueber naive und sentimentalische Dichtung“ beschreibt S. die wesentlichen Typen von Dichtern und die Grundmuster von Dichtungen: einerseits den naiven Dichter längst vergangener (arkadischer) Zeit, der Anschauen, Denken und Handeln natürlich, also unreflektiert verbindet, andererseits den sentimentalischen Dichter der Moderne, der die verlorene Natur sucht und durch Nachdenken bemüht ist, die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit zu schließen. Letzterer könne sein Ziel erst in Elysium, dem Ort der Geschichtslosigkeit, erreichen, wo er zur höchsten Poesie, der Idylle, befähigt sei; bis dahin bleibe seine Poesie entweder satirisch oder elegisch.
S. war schon zu Lebzeiten populär; 1791 galt er einem Mitarbeiter der „Oberdt. allgemeinen Litteraturzeitung“ als „Liebling der dt. Musen“, und in einem Brief vom 10.2.1802 nannte ihn sein Freund Körner einen „Lieblingsdichter der Nation“. Wenngleich es nicht an Kritikern fehlte – z. B. urteilte Karl Philipp Moritz vernichtend über „Kabale und Liebe“, Friedrich Leopold Gf. zu Stolberg griff „Die Götter Griechenlandes“ als Schmähung des Christentums an und die Romantiker belustigten sich über „Würde der Frauen“ und „Das Lied von der Glocke“ –, so überwog doch die Zustimmung deutlich. Bald nach seinem Tod begann S.s Heroisierung und Mythisierung. Dazu trugen nicht zuletzt Goethe mit seinem „Epilog zu Schillers Glocke“ (1805) und Johann Heinrich v.Dannecker mit seiner Kolossalbüste (1807/08, s. P) bei, die das Bild vom über alles Gemeine triumphierenden großen Menschen schufen. 1830 veröffentlichte W. v. Humboldt seinen Briefwechsel mit S. und schrieb dazu eine „Vorerinnerung“, die bis heute zu den bemerkenswertesten Würdigungen des Freundes gehört. Die Popularität S.s, der als Dichter der Freiheit, Sänger edler Frauen, Mann des Volkes und Liebling der Jugend galt, erreichte 1859 ihren Höhepunkt. Der 100. Geburtstag wurde dazu genutzt, den Dichter der Nation als Prophet der ersehnten nationalen Einheit zu feiern. Die Beliebtheit S.s blieb in unterschiedlicher Intensität über die Reichsgründung 1871 hinaus bis zum S.-Jahr 1959 erhalten. Erst als nach 1970 die Postamente der „Klassiker“ gestürmt wurden, verfiel S.s Ansehen, dessen Gebrauchswert (v. a. im Westen) zunehmend bestritten wurde. Ein erneuter Umschwung deutet sich derzeit an.
In der Literaturwissenschaft gewannen seit dem Ende des 19. Jh. jene S.-Bilder Konturen, die jeweiligen Moden und Methoden entsprachen. Positivistisch gründlich wurde das Leben des Dichters erforscht, geistesgeschichtlich wurde er als Repräsentant einer Epoche gedeutet, deren wesentliche Kennzeichen (die des Dt. Idealismus) auf ihn übertragen werden konnten. Dabei hatte die Ableitung des Besonderen (der individuellen Persönlichkeit) aus dem Allgemeinen (dem sog. Geist der Zeit) Vorrang vor der Untersuchung des historisch Einmaligen, wodurch, wie die S.-Rezeption der NS-Zeit belegt, die Tür für die Vereinnahmung des Dichters durch eine politisch motivierte Ideologie geöffnet wurde. Die S.-Forschung nach dem 2. Weltkrieg brachte zwar im Zuge der sog. werkimmanenten Interpretation etliche subtile Struktur- und Formanalysen S.scher Werke hervor. Sie maß diesen aber – etwa im Vergleich zu Goethes Œuvre – geringeren Stellenwert zu, weil nicht zu übersehen war, daß S., wie kaum ein anderer seiner Zeit, in das Geflecht geistiger (philosophischer) und politischer (sozialer) Zusammenhänge eingebunden war und eigentlich nur in enger Verbindung von geistesgeschichtlichen und literatursoziologischen (oder sozialhistorischen) Deutungspraktiken angemessen verstanden werden kann.|
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Becker, Lydia, Johannes Bückler, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johannes-bueckler-/DE-2086/lido/57c58a6c1b8fd3.60387402 (abgerufen am 14.10.2025)
-> Ronge, Julia, Ludwig van Beethoven, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ludwig-van-beethoven-/DE-2086/lido/57c578bad39561.36831967 (abgerufen am 19.10.2025)