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Wiener Kongress

Inhaltsverzeichnis

1. Wiener Kongress. Festspiele der Macht.

1. Wiener Kongress. Festspiele der Macht.

Im Herbst 1814 kommen in Wien Europas Herrscher zusammen, um nach langem, aber siegreichem Kampf gegen Napoleon den Kontinent neu zu ordnen. Doch die von Österreichs Außenminister Fürst von Metternich pompös geplante Friedenskonferenz droht in Rivalitäten, Geheimdiplomatie und Vergnügungstrubel unterzugehen

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Österreichs Außenminister Klemens Fürst von Metternich (2. von rechts) orchestriert die politischen Ereignisse des Wiener Kongresses

Die Equipagen drängen sich im Wiener Rennweg. Mehrere Hundert Gäste – Monarchen und Diplomaten, Generäle und elegante Frauen – streben der Villa des österreichischen Außenministers zu. Die Herren tragen Uniformen oder Frack, viele der in Weiß und Blau gekleideten Damen sind als Friedensengel erschienen, mit Ölbaumzweigen im Haar.

Als die Monarchen Österreichs, Russlands und Preußens eintreffen, steigt ein Heißluftballon in den Himmel, begleitet von Feuerwerk und Trompetengeschmetter. Eine Pantomime wird aufgeführt: der Triumph der Eintracht über die Zwietracht. Es folgt das Festmahl, dann eröffnen die österreichische Kaiserin und Zar Alexander I. den Ball. Der Tanzsaal erstrahlt im Schein der Lüster, bengalische Feuer erleuchten den Garten. „Mein Fest muss den Glanz von 20 Jahren Frieden ausstrahlen“, hat sich der Gastgeber vorgenommen.

Klemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich hat geladen. Europas Herrscher feiern an diesem 18. Oktober 1814 das Ende von Truppenaushebungen und Plünderungen. 22 Jahre lang haben auf dem Kontinent fast ununterbrochen Krieg und Aufruhr geherrscht, haben die Fürsten um ihre Throne gebangt, haben die Mächte in wechselnden Koalitionen erst gegen das revolutionäre, dann gegen das napoleonische Frankreich gekämpft – und manchmal auch auf dessen Seite. Doch nun ist Napoleon besiegt und mit der kleinen Mittelmeerinsel Elba abgefunden; im Mai 1814 haben die verbündeten Mächte in Paris Frieden mit Frankreich geschlossen. Metternich ist nicht nur Hausherr dieses Festes, sondern der Gastgeber des glanzvollsten und bedeutendsten Kongresses der Epoche: Seit September verhandeln Sieger und Besiegte in Wien, um den Kontinent neu zu ordnen.

Es gilt, Napoleons Erbschaft aufzuteilen, Europas Staaten neue Grenzen zu geben, alte Herrschaften zu bestätigen oder neue einzusetzen. Und Österreichs Außenminister will der Welt ein imposantes Schauspiel bieten. Metternich ist auf dem Höhepunkt seiner Macht. Kaiser Franz I. hat ihn in den erblichen Fürstenstand erhoben und ihm das Goldene Vlies verliehen, den höchsten Orden der Monarchie. Der Minister genießt das völlige Vertrauen des Kaisers, der ihm freie Hand lässt. Denn hat Österreich dem genialen Strategen nicht die Rückkehr in den Kreis der Großmächte zu verdanken?

1801, MIT 28 JAHREN, wird der Sohn eines adeligen Diplomaten mit der Leitung der Gesandtschaft am Dresdner Hof betraut. Zwei Jahre später wechselt er auf den Botschafterposten in Berlin. Und dient schließlich, 1806, als österreichischer Gesandter in Europas wichtigster Stadt: in Paris, am Hof Napoleons. Da gibt es das Heilige Römische Reich deutscher Nation bereits nicht mehr. Am 6. August 1806 hat Kaiser Franz II. die Krone des Reichs auf Druck Napoleons niedergelegt und nur den Titel Franz I., Kaiser von Österreich, behalten.

Um den Kaisertitel, der kaum mit tatsächlicher Autorität verbunden ist, tut es Metternich nicht leid, doch die Wiederherstellung von Österreichs Prestige wird von nun an sein Anliegen. Er beginnt, auf den „großen Gerichtstag“ über Napoleon hinzuarbeiten. Noch aber ist der Kontinent fest in dessen Hand. 1809 beruft Franz I. den 36-jährigen Metternich zum Außenminister. Österreich ist besiegt und nahezu bankrott, und Metternich weiß, dass sich sein Land mit dem Empereur gut stellen muss, um sein Weiterbestehen zu sichern, seine Kräfte zu sammeln.

Als sich Napoleons europäische Gegner, darunter Russland, Preußen und England, 1813 zusammenschließen, hält er die Monarchie durch eine Politik des Taktierens, Lavierens und der Neutralität so lange aus dem Krieg heraus, bis Österreich über ein Heer verfügt, das stark genug ist, der Allianz den Sieg über Napoleon zu sichern. Bis er sicher ist, dass Österreich nicht zum Anhängsel der Allianz gerät, sondern dass er, Metternich, den Charakter des Krieges mitbestimmen kann. Erst im August 1813 wechselt er die Front zur preußisch-russischen Allianz und entscheidet damit nicht nur den Kriegsausgang. Metternich macht aus dem Befreiungskrieg der Völker – wie viele den Kampf gegen Napoleon sehen – einen Krieg der Staaten: einen Kabinettskrieg unter Österreichs Führung zur Wiederherstellung des europäischen Gleichgewichts. Und sich selbst gleichsam zum Ministerpräsidenten der Koalition.

Als solcher ruft er 1814 die Mächtigen zu einem großen Friedenskongress zusammen: Der Krieg ist vorbei, nun beginnt die Arbeit der Diplomaten. Wien wird in den folgenden Monaten die glanzvollste Zeit seiner Geschichte erleben, wird der Mittelpunkt der Welt. Und der Mittelpunkt Wiens ist Metternichs Staatskanzlei am Ballhausplatz. Nicht in der Hofburg, hier sollen die Verhandlungen stattfinden, die Fäden der Kongressdiplomatie zusammenlaufen. Das Palais wird renoviert und mit einem Ballsaal versehen, wofür der Kaiser seinem Minister 56 000 Gulden bewilligt. Das Mobiliar für seine Kanzlei sucht Metternich in Paris aus.

In den letzten Sommertagen 1814 verlassen die Wiener Adelsfamilien ihre Sommersitze, um die Paläste in der Innenstadt für die Ankunft der Kongressgäste herrichten zu lassen. „Die ersten Familien drängten sich um Hofdamen-, Kammerherrn- und Pagenstellungen“, berichtet ein Zeitgenosse, „wohlhabende Leute boten sich für die Livree an, um nur den Wunderdingen nahe zu sein.“

Die Gäste kommen – die SPITZEL sind bereit

Kaiser Franz schafft für seine Gäste 300 zwei- und vierspännige Wagen und 1200 Pferde an. Die Mieten steigen in schwindelerregende Höhen. Und die Prostituierten stellen sich auf eine nie erlebte Nachfrage ein. Baron Hager, Chef der „Polizeiund Zensur-Hofstelle“, erhält von Franz I. den Auftrag, sich „über die in Wien weilenden Souveräne genaue Nachrichten zu verschaffen“, und wirbt deshalb zusätzliche Geheimagenten an. Zudem stellt er fremdsprachenkundige Spezialisten und Dechiffreure für Geheimunterlagen ein, Sekretäre, Kanzleidiener, Stubenmädchen und Lakaien für die Gäste von außerhalb, um Schriftstücke, Briefe, selbst Schnipsel aus den Papierkörben zu sichern: Wien ist bereit, Majestäten und Minister zu observieren.

ÖSTERREICHS KAPITALE zählt mitsamt ihrer Vorstädte rund 240 000 Einwohner und ist damit eine der größten Städte Europas. Nun strömen weitere 30 000 Menschen nach Wien, und zu allen Tageszeiten stauen sich in den Gassen die Prunkkarossen.

Mitte September treffen die Chefunterhändler ein, um mit Metternich die Verfahrensfragen für den Kongress festzulegen. Am 25. September ziehen unter großem Pomp Zar Alexander I. und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen gemeinsam in Wien ein. 1000 Kanonenschüsse begleiten ihren Einzug, 100 Kanonenschüsse sind für weniger bedeutende Monarchen vorgesehen. Insgesamt erscheinen zwei Kaiser und vier Könige. Dazu viele Angehörige des europäischen Hochadels und kleinere Fürstlichkeiten.

Die Souveräne logieren in der Hofburg auf Einladung des österreichischen Kaisers, der bis dahin eher für seine Sparsamkeit bekannt war. Nun bewirtet Franz I. seine Gäste an 40 Tischen: 50 000 Gulden pro Tag, so heißt es, wird der Hof allein für diese Tafel ausgeben. Neben den Monarchen und ihren Begleitern, ihren Ministern, Generälen und Beamten, den Ehefrauen und Mätressen mitsamt ihrem Dienstpersonal, den Schreibern und Leibärzten sind Vertreter und Abordnungen fast aller europäischer Staaten erschienen. Dazu Abgesandte des deutschen Buchhandels, die sich für die Pressefreiheit einsetzen sowie Vertreter jüdischer Gemeinden, die um ihre unter Napoleon gewonnenen Freiheiten fürchten.

Und mit ihnen Fremde aus ganz Europa: ausländische Spione, Musiker, Tänzerinnen, Grandseigneurs und Halbweltdamen, Abenteurer, Glücksspieler, Taschendiebe, Schaulustige und vornehme Müßiggänger. Sie alle wollen dabei sein, wenn Napoleons Erbe aufgeteilt wird. Sie hoffen auf Provinzen und Throne, auf die Rückgabe ihrer Besitztümer, auf eine Entschädigung, ein einträgliches Geschäft – oder auch nur auf spektakuläre Unterhaltung, den Kitzel der Sensation. Viele Fragen sind offen geblieben, als die Alliierten im Mai den Frieden von Paris geschlossen haben. Was zum Beispiel soll aus dem Herzogtum Warschau werden, jenem Kunstgebilde, das Napoleon aus preußischen und österreichischen Teilen des einstigen polnischen Staates geschaffen hat und das der Zar nun mit seinen Truppen besetzt hält?

Wie soll Italien, das Napoleon fast vollständig erobert hatte, unter all jenen Dynastien verteilt werden, die Anspruch auf italienischen Besitz erheben? Und was wird aus den deutschen Staaten? Wie sollen die einzelnen Gebiete unter den Fürsten verteilt, wo sollen die Grenzen gezogen werden? Zahlreiche von Frankreich zurückerlangte Gebiete wie Würzburg, Aschaffenburg, das Land zwischen Rhein, Maas und Mosel sind noch herrenlos. Und wie soll dieses neu geordnete Deutschland aussehen, was für eine Verfassung soll es besitzen?

Eine sehr vage gehaltene Vorentscheidung ist im Pariser Friedensvertrag bereits gefallen. „Deutschland besteht aus unabhängigen Staaten und wird von einem föderativen Band zusammengehalten“, hat Metternich in das Papier schreiben lassen. Mehr als einen losen Bund selbstständiger deutscher Staaten kann er sich nicht vorstellen. Vor allem aber will der Minister „ein wirkliches und dauerhaftes System des Gleichgewichts in Europa“ errichten. Es ist die alte, bewährte Politik des 18. Jahrhunderts, die Staatenordnung so auszubalancieren, dass keine Großmacht so stark wird, dass sie über eine andere herfallen und nach Vorherrschaft streben kann, und keine so schwach, dass sie dazu herausfordert.

In Wien soll die Balance der Kräfte erneuert, restauriert werden, soll die Grundlage für einen dauerhaften Frieden geschaffen werden – und ein Schutz vor revolutionären Kräften. Metternich war als Student der diplomatischen Hochschule in Straßburg Augenzeuge, als im Juli 1789 die Französische Revolution ausbrach und eine Volksmenge das Straßburger Rathaus stürmte. Dies ist sein politisches Schlüsselerlebnis, das Trauma, das ihn seither begleitet. Der eigentliche Zweck der Französischen Revolution, so schrieb er 1793 in einem Pamphlet, sei die „Verbreitung einer allgemeinen Anarchie“. Mit den anderen Regenten will er deshalb neben den politischen auch die sozialen Grenzen aufrichten, die die Revolutionäre niedergerissen hatten.

DOCH ANFANG OKTOBER, als der Kongress offiziell beginnen soll, ist nicht einmal das Verfahren klar. Welches Gremium soll über die Zukunft Europas bestimmen? Wann und in welcher Form soll der Kongress zusammentreten?

Was viele Abgesandte noch nicht wissen: Die Siegermächte Österreich, Russland, Preußen und Großbritannien haben den Friedensvertrag von Paris um ein geheimes Abkommen ergänzt, das die grundlegenden Entscheidungen allein ihnen vorbehält. In Wien bestätigen ihre leitenden Minister dieses Abkommen: Metternich, der preußische Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg, der Brite Lord Castlereagh sowie der russische Bevollmächtigte Karl Robert Graf von Nesselrode. Hardenberg verteidigt die Vorherrschaft der Großmächte: „Wir können unmöglich die Angelegenheiten ganz Europas von den Fürsten von Leyen und Liechtenstein regeln lassen“ – zweier Zwergstaaten, deren Heere zuletzt 29 und 57 Mann zählten. Wie aber sollen sie den Verlierer einbinden? Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, der Frankreichs Interessen als Außenminister Ludwigs XVIII. vertritt, will gleichberechtigt am Verhandlungstisch sitzen: Inzwischen sei Frieden geschlossen worden, argumentiert er, also könne es keinen Grund geben, den Bourbonenherrscher auszuschließen. Talleyrand, der frühere Bischof von Autun, immer gepudert und stark parfümiert, wegen eines Klumpfußes hinkend, hat der Revolution und Napoleon gedient und den Kaiser schließlich verraten: ein Opportunist, der dennoch stets darauf bedacht ist, Frankreich dauerhafte Größe zu verschaffen.

Metternich und Castlereagh sind durchaus bereit, dem besiegten Frankreich eine angemessene Rolle zuzuweisen. Dem Österreicher gilt das Land als unverzichtbares Gegenwicht zu Russland, das in Europa immer stärker wird. Doch die Erinnerung der einstigen Verbündeten an die Kriegszeit ist noch zu frisch, als dass sie Frankreich als gleichberechtigten Partner aufnehmen können. Auch eine stärkere Berücksichtigung der kleineren Staaten, als deren Anwalt Talleyrand sich aufspielt, kann der Franzose nicht durchsetzen.

Stattdessen entscheiden die „Großen Vier“, den Beginn des Kongresses um einen Monat auf den 1. November zu verschieben. Zudem beschließen sie, die deutsche Verfassungsfrage von den europäischen Fragen abzutrennen und in einem eigenen „Deutschen Komitee“ zu beraten. Dessen Mitglieder sollen eine Verfassung für einen Staatenbund erarbeiten, die für Österreich und Preußen ebenso annehmbar ist wie für die rund drei Dutzend anderen deutschen Souveräne. Doch dem Komitee gehören nur die Vertreter der fünf größten deutschen Staaten an: der Habsburgermonarchie sowie der Königreiche Preußen, Bayern, Hannover und Württemberg. Fürst von Metternich hat sich damit abgefunden, dass ein Teil der alten Ordnung unwiederbringlich verloren gegangen ist.

Er will das zersplitterte alte Heilige Römische Reich mit seinen Reichsständen, geistlichen Fürstentümern, Reichsstädten und Reichsdörfern nicht restaurieren. Jeder Versuch, die unter Napoleons Druck erfolgte Neuordnung Deutschlands rückgängig zu machen, würde, so vermutet er, zu einem Chaos aus alten und neuen Ansprüchen der deutschen Fürsten führen. Und so strebt er ein Deutschland an, das aus unabhängigen, durch einen losen Bund vereinigten Staaten ohne förmliches Oberhaupt besteht: einen Bund unter Führung Österreichs und Preußens, berechtigt vor allem zur Verteidigung seines Gebietes.

Als Grundlage ihrer Arbeit dient der Kommission ein Verfassungsentwurf des preußischen Staatskanzlers Hardenberg, den Metternich kurz vor Kongressbeginn auf „Zwölf Artikel“ zusammengestrichen hat: Preußen und Österreich hätten demnach die Vorherrschaft in einem in sieben Kreise gegliederten Deutschland.

NOCH ABER IST DER KONGRESS nicht einmal offiziell eröffnet. Statt im Plenum zu konferieren, werfen sich die Delegierten in einen Reigen von Festlichkeiten, für die Wien die passende, barocke Kulisse bietet: Endlich sollen wieder die Freuden des Friedens auf der Tagesordnung stehen. Die Tage sind ausgefüllt mit Hofbällen und Redouten, Banketten, Konzerten, Theatervorstellungen, mit Paraden, Heeresmanövern, Jagden und Spazierfahrten. Metternich, der über alle organisatorischen Fragen wacht, erscheint als Gastgeber auf möglichst vielen Feiern und lädt selbst in sein Palais.

Der 41-Jährige ist ein schöner, fast jugendlicher Mann, das lächelnde Antlitz stets leicht geschminkt, die blond gelockten Haare gepudert. Stets trägt Metternich Seide. Und er verliert, immer trinkfest, bei keiner Tischrunde die Contenance. Er weiß die Zeit so vergnüglich zu gestalten, dass es vielen scheint, als befänden sie sich auf einem endlosen Tanzfest und nicht auf einem Friedenskongress, der über die Zukunft Europas entscheiden soll. „Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht voran“, bemerkt Charles-Joseph de Ligne, österreichischer Fürst und Feldmarschall – und beschert dem Ereignis mit diesem Bonmot den Ruf einer einzigen Abfolge von Vergnügungen.

Am 29. September, bei einem Fest im Prater, brennt ein berühmter Feuerwerker zur Freude des Publikums „sinnbildliche Gemälde“ ab. „Ein Blick in die Zukunft“ heißt das erste, das zweite „Der Gürtel der Eintracht“. Drei Tage später findet der erste Ball in der Hofburg statt, mit angeblich 12 000 Menschen. Von den 10 000 mit der kaiserlichen Krone versehenen Teeund Eislöffeln, so erzählt man sich später, fehlt ein Viertel am Ende der Nacht. Am 6. Oktober kommt es im Augarten zu einem großen „Völkerfest“, bei dem die Monarchen mit „alten, narbenbedeckten Soldaten“ plaudern. Am 9. Oktober folgt ein Kostümball in der Hofburg. Viele der Gäste sind allerdings ein wenig mitgenommen, sie haben an dem Tag schon eine Parade mit Militärgottesdienst und eine Jagd absolviert. Aber auch Erhabenes wird geboten. Bombastisches, Weihemusik, Kantaten. Ludwig van Beethoven und der 17-jährige Franz Schubert dirigieren eigene Werke, an Händels Oratorium „Samson“ am 16. Oktober in der Hofreitschule sind mehr als 700 Musiker beteiligt.

Erzherzog Johann, der Bruder von Kaiser Franz I., notiert in seinem Tagebuch: „Nichts als Visiten und Gegenvisiten; Essen, Feuerwerk, Beleuchtung. Überhaupt habe ich seit 8–10 Tagen nichts getan. Das ist ein Leben!“ Dass besonders Metternich die Festlichkeiten genießt, trifft auf Missbilligung in Kongresskreisen. „Ministre papillon“ nennt man ihn, den „Schmetterlingsminister“.

Die FÜRSTEN feiern die Nächte durch

Und der kluge Wilhelm von Humboldt, der August von Hardenberg beratend zur Seite steht, tadelt: „Metternich ist durchaus in der Lage, ein paar Botschafter warten zu lassen, während er seine Tochter tanzen sieht und liebenswürdig mit den Damen plaudert. Er nimmt nur Nebensächlichkeiten ernst, und das ernste Geschäft behandelt er wie Nebensächlichkeiten.“ Aber auch die anderen Herrschaften wissen sich zu amüsieren. Der Zar tanzt fast jede Nacht und viele Stunden lang. Castlereagh, der lange britische Botschafter, ein eher spröder Mensch, ist mehr als einmal sturzbetrunken, während Lady Castlereagh, „bis zum Magen dekolletiert“, für Heiterkeit sorgt.

Der aufreizend hochmütige Talleyrand, ganz Grandseigneur des 18. Jahrhunderts, pflegt nach Mitternacht an den Spieltisch zu verschwinden. Und selbst der scheue, melancholische Friedrich Wilhelm III. tanzt, wenn auch lieber unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

UND NUN, AM 18. OKTOBER, erlebt der Festreigen seinen ersten Höhepunkt.

Es ist der Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, und der Kongress feiert den Sieg über den Franzosenkaiser als gewaltiges Friedensfest. Vormittags um elf Uhr zelebriert der Erzbischof von Wien im Prater ein Hochamt, die Generäle und 20 000 Soldaten im doppelten Karree aufgestellt. Danach Militärparade, großes Bankett im Freien unter Vorsitz der Herrscher: 14 000 Grenadiere, die bei Leipzig gekämpft hatten, werden verköstigt.

Am späten Nachmittag zieht die höhere Gesellschaft schließlich in den Rennweg, wo Metternich empfängt. Im neu erbauten Festsaal seines Palais können sich 1000 Gäste bequem bewegen. Für die Livreen der Lakaien sind in London Borten und Knöpfe besorgt worden. Das Fest stelle selbst Napoleons legendäre Empfänge in den Tuilerien in den Schatten, bemerkt ein schweizerischer Bankier. Doch es endet für Metternich mit einem Missklang. Ohne Rücksicht auf „die vielen Weiber der hiesigen Gesellschaft“, so berichtet es der zur russischen Delegation gehörende Freiherr Karl vom Stein, äußert der Zar „seine Abneigung gegen Metternich“ und nennt ihn den „besten Zeremonienmeister der Welt“, dafür aber einen umso schlechteren Minister.

Alexander I. ist protokollarisch die am höchsten gestellte Persönlichkeit aller Kongressgäste. Kein Monarch verfügt über ein größeres Heer als der russische Herrscher, der die Finessen der Politiker verachtet und seinen Schneid durch stets neue Uniformen hervorhebt. Der Zar gilt als intrigant, launisch und despotisch, dann wieder scheint er weich, liebenswürdig und zerrissen. Alexander hat ein großes Herz für junge Mädchen und lässt sie sich in die Hofburg schmuggeln, nur um sich kurz darauf in einsame Bußübungen und entrückte religiöse Meditationen zu versenken.

Alexander wird der eigentliche Widersacher des österreichischen Ministers, und Metternich der schärfste Opponent des Zaren. Ihr Streit dreht sich um einen jungen Staat auf dem Boden einer alten Nation, den die Befreiungskriege herrenlos gemacht haben: das Herzogtum Warschau.

Nachdem Polen zwischen 1772 und 1795 dreimal von Preußen, Russland und Österreich geteilt worden war, hatte Napoleon ab 1807 Gebiete der preußischen und ös­terreichischen Erwerbungen zu jenem Herzogtum zusammengesetzt, das seit der Niederlage des Franzosenkaisers 200 000 russische Soldaten besetzt halten. „Ich werde Preußen geben, was ihm zusteht, Österreich aber nicht ein einziges Dorf“, erklärt Alexander, der mit der Herrschaft über Polen seine Machtbasis in Osteuropa erweitern will. Der preußische König soll mit dem Königreich Sachsen entschädigt werden – einem wohlhabenden Land mit zwei Millionen Einwohnern, dessen Besitz Preußen wieder zur Führungsmacht in Deutschland aufsteigen lassen würde. Metternich aber will dies verhindern: Ein zu starkes Russland würde Europa beherrschen. Und ein erweitertes Preußen bedroht die von Wien angestrebte Vormachtstellung in Deutschland.

Der Minister zeigt sich bereit, notfalls der Annexion Sachsens zuzustimmen – verlangt als Gegenleistung jedoch, dass Preußen gemeinsam mit Österreich und Großbritannien Russlands Plänen für ein großpolnisches Reich entgegentritt. Die Aussicht auf Sachsen erleichtert dem preußischen Gesandten die Entscheidung. Am 23. Oktober einigen sich die Außenminister Großbritanniens, Österreichs und Preußens auf ein Vorgehen gegen Russland – jenes Land also, mit dem sie noch vor wenigen Monaten gegen Napoleon gekämpft haben.

Der Zar sieht in der Vereinbarung eine Verschwörung, spricht zornig vom „Komplott vom 23. Oktober“, dem er sich keinesfalls beugen werde. Als Metternich am Tag darauf versucht, den Zaren zur Mäßigung zu bewegen, kommt es in einem Salon der Hofburg zum offenen Zusammenstoß. Alexander wirft Metternich vor, er sei der Einzige, der sich ihm widersetze, und stellt die Amtstauglichkeit des österreichischen Ministers infrage. Talleyrand berichtet, der Zar habe eine Sprache benutzt, „die so heftig war, dass sie selbst dann außergewöhnlich gewesen wäre, wenn er sie bei einem seiner Domestiken gebraucht hätte“. Metternich und Alexander vermeiden von nun an jede persönliche Begegnung. Vier Monate lang werden sie nicht miteinander sprechen.

DER KONFLIKT um Polen und Sachsen belastet den Kongress – und so erscheint es niemandem sinnvoll, eine Vollversammlung einzuberufen. Am 1. November werden die Gesandten lediglich dazu aufgefordert, ihre Vollmachten von einer Kommission prüfen zu lassen. Zudem werden weitere Ausschüsse gegründet, von denen einige allein aus Vertretern der Großmächte bestehen, andere um die kleinerer Staaten und Experten erweitert sind.

Ein Komitee befasst sich mit der Neutralität der Schweiz, eines mit dem Verbot des Sklavenhandels, ein weiteres mit der freien Schifffahrt auf den europäischen Flüssen. Eine statistische Kommission soll die exakte Einwohnerzahl aller Ländereien ermitteln, die auf dem Kongress zu verteilen sind – und leistet auf dem Gebiet der modernen Demographie Pionierarbeit. Doch dabei bleibt es. Bis zum Ende werden die 221 königlichen und fürstlichen Delegationen kein einziges Mal zu einer Vollversammlung zusammentreten. Talleyrand spricht spöttisch vom „Kongress, der nie stattfand“. Das Bild, zu dem der Pariser Maler Jean-Baptiste Isabey die wichtigsten Diplomaten im Verhandlungssaal der Staatskanzlei arrangieren wird, ist reine Fiktion: Die Minister sitzen dem Maler einzeln in dessen Atelier Modell.

Stattdessen wird hinter den Kulissen, in Kabinetten, informellen Besprechungen und vertraulichen Unterredungen verhandelt: In Wien erlebt die absolutistische Geheimdiplomatie noch einmal eine Spätblüte. Es konferiert ein exklusiver Zirkel hochgebildeter Aristokraten, deren gemeinsame Wertevorstellungen von der Französischen Revolution kaum erschüttert worden sind – und die die Sprache des einstigen Feindes nicht nur bei Tisch pflegen, sondern für alle offiziellen Texte und Dokumente verwenden: Metternich etwa drückt sich im Französischen klarer und eleganter aus als in der eigenen Muttersprache. Allerdings ist der Spielraum der Delegierten höchst unterschiedlich. Kaiser Franz I. behält sich zwar Entscheidungen vor, vermeidet es aber meist, in Verhandlungen einzugreifen, und verweist alle an Metternich.

Nesselrode dagegen ist völlig vom Zaren abhängig, muss sich fortwährend dessen Launen beugen. Und der Preuße Hardenberg wird schon bald zu einer Politik gezwungen, die ihm widerstrebt. Denn der Konflikt um Polen und Sachsen verschärft sich weiter, als es dem Zaren Ende Oktober gelingt, Friedrich Wilhelm von Preußen bedingungslos auf seine Seite zu ziehen. Der ist Alexander in tiefer Ergebenheit verbunden, seit sein Land mit russischer Hilfe von Napoleons Vorherrschaft befreit worden ist. Eine gemeinsame Politik der beiden deutschen Großmächte Österreich und Preußen scheint nicht mehr möglich: Monatelang finden im Deutschen Komitee keine Verhandlungen statt.

Für zusätzliche Spannungen sorgt, dass Alexander I. und Metternich auch in Liebesangelegenheiten Rivalen sind. Der Österreicher ist seiner Frau Eleonore ein aufmerksamer Ehemann und enger Vertrauter. Aber er ist ihr eben nur auf seine Weise treu. Er gilt als ein homme à femmes, ein vollendeter Kavalier, der noch im Raffinement der adeligen Libertinage des 18. Jahrhunderts schwelgt. Selbst mit Napoleons Schwester Caroline hatte er eine kurze Affäre. Und nun kreuzen sich seine diskreten Wege zur Geliebten mit denen des Zaren.

FAST JEDEN MORGEN um elf Uhr fährt Metternich vor dem Palais Palm vor, um mit seiner Lieblingsmätresse zu frühstücken, der Herzogin Wilhelmine von Sagan. Die wohnt Wand an Wand mit ihrer erbitterten Konkurrentin, der Fürstin Jekaterina Bagration. Mit der Bagration hatte Metternich mehr als zehn Jahre zuvor ein Verhältnis, dem eine Tochter entstammt – das einzige uneheliche Kind, zu dem er sich bekennt. Nun aber empfängt Jekaterina Bagration den Zaren in ihren Armen. Auch die Herzogin von Sagan beginnt, sich dem russischen Herrscher zuzuwenden und dem Minister ihre Gunst zu entziehen. Metternich aber kommt von ihr nicht los. Immer wieder muss sein Sekretär Friedrich von Gentz „Seelengartenpflege“ betreiben.

„Heute Nachmittag zum Fürsten gerufen“, beklagt sich Gentz in seinem Tagebuch. „Drei Stunden über affaires du cɶur, nur über affaires du cɶur“. Und am nächsten Tag: „Immer noch mehr von dieser maudite femme geredet als über Europa.“ Die Auseinandersetzungen zwischen den Staatsmännern trüben die Stimmung der Wiener Öffentlichkeit. Ein österreichischer Geheimagent berichtet: „Überall heißt es: Es handelt sich nicht um die Wiederherstellung von Ordnung und Recht, sondern um Gewalt, dass ein jeder so viel nimmt und man sich auf einen allgemeinen Krieg vorbereitet, der bald ausbrechen wird.“

Zudem treibt die lange Dauer des Kongresses Preise und Steuern in die Höhe. „Bleiben diese Fremden noch drei Monate, so ist der Kurs auf 500. Sie kaufen unser Gold, fressen uns auf und spotten unser. Man sollte sie zum Teufel jagen“, klagt ein Wiener. Auch unter den Gesandten kommt, trotz Reiterspielen und Schlittenfahrten, Missmut auf. Ein österreichischer Spion berichtet: „Ausländer und Inländer haben die Feste und den Kongress satt bis zum Ekel.“

HINTER DEN KULISSEN aber führt Metternich eine erbitterte diplomatische Schlacht. Seine Vergnügungslust verbirgt, wie unbeirrbar er an seinen politischen Zielen festhält, auf welch listenreichen Wegen er für sie arbeitet. Er führt die Kunst der Diplomatie auch nach den offiziellen Sitzungen weiter. Die Salons und Ballsäle mit ihrem Klatsch und Geflüster sind da oft ergiebiger als die Gespräche am Verhandlungstisch.

Metternich schürt Stimmung gegen Friedrich Wilhelm – und für die Rettung Sachsens als eigenständiges Königreich. Ein österreichischer Verfassungsentwurf wird in Umlauf gebracht, in dem Preußen als Mitglied des Deutschen Bundes nicht mehr vorgesehen ist. Ein Gedanke, den Metternich nie ernsthaft erwägt: Er ist nur Teil seiner Kampagne. Und in der Tat sinkt Preußens Ansehen, wie Geheimpolizisten notieren: Berlin habe die „Sache Europas“ und des „Gleichgewichts“ verraten, heißt es.

Auf der anderen Seite wächst Metternichs Ansehen, da er sich nun als Schutzherr der kleineren deutschen Staaten aufspielt. Ein Kongressbeobachter berichtet: „Russland und Preußen die Zähne zeigen, das bezeichnet keinen gemeinen, das bezeichnet einen großen Minister.“ Der Preuße Hardenberg, von seinem König zu einer Politik gezwungen, mit der er nicht einverstanden ist, schreibt in einem Akt der Verzweiflung an Metternich: „Finden Sie die Mittel, lieber Fürst, um diesem Zustand, in dem wir uns unglücklicherweise befinden, ein Ende zu machen. Retten Sie Preußen aus der Lage, in der es sich befindet!“

Metternich aber tut das Gegenteil: Am 10. Dezember nimmt er sein Zugeständnis an Preußen, Sachsen annektieren zu dürfen, zurück. Um sich zu rächen, zeigt Hardenberg dem Zaren Metternichs an ihn gerichtete vertrauliche Korrespondenz: ein schwerer Bruch der diplomatischen Etikette. Nun macht auch Metternich dem Zaren Briefe Hardenbergs zugänglich, die das Doppelspiel des preußischen Kanzlers offenbaren – Hardenberg ist überspielt. Nichts freilich erzürnt den Zaren mehr, als dass ihn Metternich in einem vertraulichen Brief der Lüge beschuldigt. Alexander will den Österreicher zum Duell auffordern – was ihm Kaiser Franz nur mit Mühe ausreden kann.

Am 31. Dezember erklärt Hardenberg, Preußen betrachte es als Kriegserklärung, wenn seine Ansprüche auf Sachsen nicht erfüllt würden. Nun sieht sich der britische Gesandte gezwungen, den Preußen zu ermahnen, „dass, wenn eine solche Gemütsverfassung sich tatsächlich geltend macht, wir nicht in einem Zustand der Unabhängigkeit beraten können, und es daher besser wäre, den Kongress abzubrechen“. Nach nur wenigen Friedensmonaten scheint Europa vor dem Ausbruch eines neuen kontinentalen Krieges zu stehen. Geschossen wird nicht. Noch nicht.

WENIGSTENS IN seinen Herzensangelegenheiten aber will Metternich einen Schlussstrich ziehen. In der Silvesternacht 1814/1815 verlässt Metternich den Ball in der Hofburg und schreibt Wilhelmine von Sagan einen Abschiedsbrief.

Auf dem Kongress dagegen scheint sich die Lage weiter zuzuspitzen. Am 3. Januar schließen Österreich, Frankreich und Großbritannien ein geheimes Verteidigungsbündnis gegen Preußen und Russland, dem sich die Niederlande, Hannover und Bayern anschließen.  Nun zeigt sich, dass Preußen sich mit seiner Drohung übernommen hat. Kaum einer der Verhandlungspartner glaubt ernsthaft an eine Kriegserklärung des erschöpften Landes. Noch schwerer wiegt, dass Preußen plötzlich ohne verlässlichen Bundesgenossen dasteht. Zar Alexander, berüchtigt für seine Stimmungsumschwünge, hat nämlich schon im Dezember seine Bereitschaft signalisiert, auf kleine Teile des beanspruchten polnischen Territoriums zu verzichten, und so in aller Stille eine Lösung dieses Problems vorgegeben. Entsprechend gering ist nun sein Interesse daran, Preußens Ansprüche auf Sachsen zu unterstützen und damit einen neuen Krieg zu riskieren.

Hardenberg hat keine Wahl: Er leitet den Rückzug am Verhandlungstisch ein, wenige Tage später ist die Krise überwunden. Bis Mitte Februar erarbeiten die fünf Mächte detaillierte Kompromisslösungen für die polnische wie die sächsische Frage. Polen wird zum vierten Mal in nicht einmal 50 Jahren geteilt. Der größte Teil des nun aufgelösten Herzogtums Warschau geht an Russland, kleinere Gebiete fallen an Preußen und Österreich. Berlin erhält zwei Fünftel Sachsens und weite Gebiete Westfalens und des Rheinlandes: Preußen besteht künftig aus zwei unverbundenen Staatsgebieten in Ost- und Westdeutschland. Zudem verständigen sich die „Großen Fünf“ darauf, den barbarischen „Negerhandel“ zu verurteilen, und die freie Flussschifffahrt zu fördern. Der Schweiz werden „immerwährende Neutralität“ und Unabhängigkeit garantiert.

Nur in der deutschen Frage kommt der Kongress nicht weiter. Seit das Deutsche Komitee am 16. November zuletzt getagt hat, sind zwar neue Verfassungsvorschläge in Umlauf gekommen: So plädieren die Vertreter der Mittelstaaten für ein „reines Deutschland“ – ohne Preußen und Österreich. Noch einmal lebt die Sehnsucht nach der Erneuerung des alten deutschen Kaisertums auf. „Einen Kaiser sollt ihr uns wiedergeben, wie wir seit undenklichen Zeiten ihn gehabt“, fordert Freiherr vom Stein am 17. Februar im „Rheinischen Merkur“.

Fünf Großmächte sollen EUROPA stabil halten

Doch für das erstarkte Preußen wäre es unerträglich, würden die österreichischen Habsburger in ihre alten Rechte wiedereingesetzt. Und Metternichs pragmatischer Sinn sträubt sich gegen die Kaiseridee, weil eine deutsche Krone wie schon im alten Reich eher mit lästigen Verpflichtungen als mit wirklicher Macht verbunden wäre. Noch weniger aber als die Idee einer Wiederbelebung des alten Reiches behagt ihm der Gedanke an einen zentral regierten deutschen Nationalstaat, unter wessen Führung auch immer. Sein Weltbild sieht nur die fünf Großmächte vor: Frankreich, Russland, Großbritannien, Preußen und Österreich. Und er weiß, dass die Bildung eines Nationalstaates das Vielvölkerreich Österreich zerreißen, das europäische Gleichgewicht zerstören würde.

NOCH BEVOR die diversen Vorschläge zur Zukunft Deutschlands in formelle Verhandlungen münden, trifft am Morgen des 7. März eine Eildepesche des österreichischen Konsuls in Genua an Metternich ein: Napoleon hat Elba verlassen und ist wahrscheinlich auf dem Weg nach Frankreich! Den Brief in der Tasche, eilt Metternich zu Franz I. Der erklärt gefasst und ruhig: „Gehen Sie ohne Verzug zu dem Kaiser von Russland und dem König von Preußen und sagen Sie ihnen, dass ich bereit bin, meiner Armee alsbald den Rückmarsch nach Frankreich zu befehlen.“ Es ist das erste Mal seit Monaten, dass Metternich mit dem Zaren unter vier Augen spricht. Alexander besteht darauf, allen Streit zu vergessen. Als die Minister der Großmächte in Metternichs Kanzlei eintreffen, sind die österreichischen, preußischen und russischen Adjutanten bereits unterwegs, ihre Armeen in Alarmbereitschaft zu versetzen: Die alten Alliierten sind sich wieder einig. Mit dem „Ungeheuer“ Napoleon, der am 20. März mit einer Armee in Paris einzieht, wollen sie kurzen Prozess machen.

Am 25. März wird die Vierer-Allianz, die sich ein Jahr zuvor gegen Frankreich vereinigt hatte, durch Großbritannien, Russland, Österreich und Preußen erneuert: Für Talleyrand ist es ein großer Erfolg, dass sie nicht Frankreich, sondern nur Napoleon den Krieg erklärt. Kaiser Franz untersagt nun alle weiteren Festlichkeiten bei Hof. Die Zeit der Bälle ist endgültig vorbei. Metternich aber besteht darauf, den Kongress weiter, die Beratungen zu Ende zu führen. Und plötzlich haben es alle Beteiligten sehr eilig. Während die Militärs ihre Armeen in Bewegung setzen, einigen sich die Großmächte auf verschiedene Gebietsveränderungen. Die Niederlande werden mit Belgien vereint, Österreich sichert sich den Anspruch auf Mailand und Venedig sowie das Übergewicht in ganz Oberitalien.

Metternichs Hauptaugenmerk aber gilt den deutschen Angelegenheiten. Und jetzt profitieren vor allem die kleineren deutschen Staaten: Ihre Hilfe ist nötig, um die Armeen möglichst rasch neu zu formieren. Als Gegenleistung garantieren ihnen die Großmächte ihren gegenwärtigen Besitz und Souveränität; außerdem dürfen die Gesandten an den abschließenden Beratungen über die deutsche Verfassung teilnehmen. Die verzögern sich allerdings wegen der Kriegsvorbereitungen. Am 23. Mai legt Metternich dem Deutschen Komitee einen mit Preußen abgesprochenen Verfassungsentwurf vor, der kaum mehr als eine ständige Bundesversammlung gleichberechtigter Mitglieder unter österreichischem Vorsitz vorsieht. Und selbst diese Minimallösung höhlen die deutschen Fürsten durch Änderungswünsche weiter aus. Bayern besteht darauf, das bereits vorgesehene Bundesgericht aus der Verfassung zu streichen; das verkleinerte, nun aber wieder selbstständige Sachsen verlangt, dass Änderungen an den Grundgesetzen des Bundes stets einstimmig beschlossen werden müssen – und erschwert damit jede Weiterentwicklung des Bundes.

Es ist eine merkwürdig weltentrückte Atmosphäre, in der nun gearbeitet wird. Alle Welt blickt nach Frankreich. Wen interessiert da noch eine deutsche Verfassung? Am 26. Mai verlassen Alexander und Friedrich Wilhelm nach acht Monaten und einem Tag Wien, während noch an der 121 Artikel umfassenden Schlussakte des Kongresses gearbeitet wird. Tags darauf folgt Kaiser Franz, der sich nach Heidelberg in das Hauptquartier der alliierten Truppen begibt. Nesselrode, Hardenberg, Talleyrand und Metternich bleiben dagegen in Wien und spielen gelegentlich eine Partie Whist, während Kopien der Schlussakte für alle Delegierten angefertigt werden.

Es ist ein Werk der Eile: Die Ordnungszahlen sind teilweise radiert und mit Tinte nachgetragen, manchmal auch nur mit Bleistift. Die Schrift des österreichischen Exemplars ist voller Rasuren und Durchstreichungen, das Papier von unterschiedlicher Farbe und Form. Am 8. Juni schließen sich die „souveränen Fürsten und Freien Städte Deutschlands“ zum „Deutschen Bund“ zusammen. Dem gehören 34 Fürstentümer und vier Freie Städte an. Die von vielen erhoffte nationale Einheit und Freiheit aber bleibt ein Traum. Der Deutsche Bund hat nur ein einziges zentrales Verfassungsorgan, die Bundesversammlung in Frankfurt unter dem Vorsitz Österreichs. Sie ist kein Parlament, sondern eine diplomatische Organisation, ein Gesandtenkongress ohne klare Kompetenzen und Zuständigkeiten. Ihre Bevollmächtigten müssen bei allen wichtigen Fragen Anweisungen ihrer Regierungen einholen.

Der Bund hat kein gemeinsames Oberhaupt, keine gesetzgebende Versammlung, kein oberstes Gericht, keine einheitliche Verwaltung, kein geschlossenes Zollgebiet. Er ist allein bestimmt zur Verteidigung. Auf die Forderung vieler Liberaler nach gewählten Volksvertretungen, unabhängigen Gerichten sowie Presse- und Meinungsfreiheit in den einzelnen Staaten geht die Schlussakte nur vage ein – und tatsächlich führen in den Folgejahren nur wenige deutsche Herrscher in ihren Ländern gewählte Abgeordnetenhäuser ein. Einige gewähren lediglich die gewünschten Bürgerrechte, andere schaffen Kammern, in denen Vertreter des Adels, der Geistlichkeit, von Stadtgemeinden und Universitäten sitzen.

Am 9. Juni treten die Verhandelnden zum feierlichen Abschluss im Festsaal der Staatskanzlei zusammen: Es ist die erste und zugleich letzte offizielle Sitzung des Kongresses. Dann unterzeichnen die Bevollmächtigten alle getroffenen Abmachungen. Am 10. Juni reisen Talleyrand und Hardenberg ab, am 12. Juni besteigt Metternich eine Kutsche, die ihn zu den alliierten Streitmächten in Heidelberg bringt. Sechs Tage später wird Napoleon bei Waterloo geschlagen. 30 Millionen Goldgulden, so Schätzungen, hat sich Österreich das Gesellschaftstheater kosten lassen. Die Wiener Wirtschaft bricht nach dem Kongressende völlig zusammen.

DIE FÜNF GROSSMÄCHTE haben in Wien nicht das alte Europa wiederhergestellt, sondern Veränderungen nachträglich legitimiert – um eine neue Staatenordnung zu schaffen, die dauerhaften Frieden ermöglicht. Mit Erfolg: In Europa wird ein Jahrhundert lang kein allgemeiner Krieg mehr ausbrechen.

Die politische Gestalt des Kontinents trägt nun vor allem Metternichs Handschrift. Der Außenminister ist der einflussreichste Mann Europas – und Österreich aufgestiegen in den Rang einer Schutzmacht gegen alles, was Gentz „die Unruhe der Massen und die Wirrnisse unserer Zeit“ nennt. Nicht zuletzt dank Metternichs Verhandlungsgeschick halten die fünf Mächte, die Europa im 18. Jahrhundert beherrscht hatten, den Erdteil wieder in ihrer Hand. Darin sieht Metternich sein herausragendes, im Großen abgeschlossenes Werk. „Alles, was sich nach 1815 ereignete, gehörte der gewöhnlichen Geschichte an“, schreibt er später. Der Erhalt dieses Werks wird zu seiner Lebensaufgabe. Drei Jahrzehnte lang wird Metternich die alte Ordnung gegen Veränderungen verteidigen. Viel mehr als mit dem Wiener Kongress wird man dereinst seinen Namen mit der „Ära Metternich“ verbinden: einer Epoche der Unterdrückung, Zensur, Polizeiwillkür und Spitzelei, die 1819 nach dem Mord eines national gesinnten Burschenschafters an dem Dichter August von Kotzebue beginnt und bis 1848 währt.

Metternich, der dem Deutschen Bund immer möglichst wenig Macht geben wollte, setzt sich nach dem Attentat dafür ein, dass dieser Kompetenzen erhält, um „Staatsfeinde“ abzuwehren. Jeder Souverän darf künftig die Bundesversammlung in Frankfurt um militärischen Beistand anrufen, wenn Aufruhr droht: Der Deutsche Bund wird zum Instrument der Unterdrückung aller liberalen und nationalen Bestrebungen. Und doch weiß Metternich, dass seine Welt früher oder später untergehen wird. Seit den 1830er Jahren sind es mehr und mehr Rückzugsgefechte, die er führt; prinzipientreu, sich versteifend bis zur Starrheit, zur Versteinerung. Als Mann des 18. Jahrhunderts ist er unfähig, in den liberalen Bewegungen schöpferische Kräfte zu entdecken. „Ich verbringe mein Leben damit, ein baufälliges Gebäude vor dem Einsturz zu bewahren“, bekennt er. Eine Sisyphusarbeit.

Er selbst stürzt am 13. März 1848, als in Österreich die Revolution ausbricht: Der 74-Jährige flieht nach England, kehrt aber bereits 1851 nach Wien zurück. Bis zu seinem Tod berät er den österreichischen Kaiser Franz Joseph. Einem seiner letzten Besucher wird er sagen: „Ich war ein Fels der Ordnung.“ Klemens Fürst von Metternich stirbt am 11. Juni 1859 mit 86 Jahren und in der Überzeugung, in der falschen Zeit gelebt zu haben, in einer abscheulichen Periode der Geschichte.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Moser, Ulrike: Wiener Kongress. Festspiele der Macht, in: Die deutsche Romantik (GEO Epoche Jg. 2014, Heft Nr. 37), Hamburg 2014.

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