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Persönlichkeiten

Inhaltsverzeichnis

  1. Hannah Arendt
  2. Wolf Biermann
  3. Konrad Adenauer 
  4. Werner Karl Heisenberg
  5. Loriot 
  6. Erich Honecker

1. Hannah Arendt

1906 – 1975

Philosophin, Publizistin

Hannah Arendt gehört zu den bedeutenden Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Die an deutschen Universitäten ausgebildete, aus Europa in die USA vertriebene Jüdin richtete ihr Bemühen um Verstehen und Erkennen auf das miterlebte Jahrhundert der Weltkriege, Totalitarismen, Verfolgungen und Revolutionen. Sie hinterfragte die Tradition abendländischen Denkens, legte durch mehr als 2000-jährige Geschichte überlagerte Erfahrungen und Gedanken frei und wies der (politischen) Philosophie mit ihrem Beharren auf der Pluralität des Menschen neue Wege. Ihr emphatischer Begriff des Handelns wirkte weltweit inspirierend, so auch ihr Merksatz: „Der Sinn von Politik ist Freiheit“.

Leben

Arendt wuchs in Linden bei Hannover, seit 1910 in Königsberg (Preußen, heute Kaliningrad, Russland) auf und absolvierte hier und kurzzeitig in Berlin-Charlottenburg ihre Schulzeit. Nach der Reifeprüfung 1924 begann sie das Studium der Philosophie mit den Nebenfächern Evangelische Theologie und Griechische Philologie in Marburg. Hier wurde Martin Heidegger (1889–1976) ihr akademischer Lehrer, mit dem sie eine zeitlebens geheim gehaltene Liebesbeziehung verband. Diese fand ein äußeres Ende mit Arendts Studienplatzwechsel nach Heidelberg 1926, wo sie 1928 mit der Arbeit „Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation“ (1929) bei Karl Jaspers (1883–1969) zur Dr. phil. promoviert wurde.

1930 erhielt Arendt ein Stipendium der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft für ihre Forschungsarbeit „über das Problem der deutsch-jüdischen Assimilation, exemplifiziert an dem Leben der Rahel Varnhagen“, deren Ergebnisse sie erst 1958/59 veröffentlichte. Entscheidend für ihren weiteren Lebenslauf wurde damals die Wiederbegegnung mit Kurt Blumenfeld (1884–1963), dem Präsidenten der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, in Berlin. Für dessen Organisation hielt Arendt Vorträge und übernahm einen Rechercheauftrag in der Berliner Staatsbibliothek.

Der „Verbreitung von Greuelpropaganda“ verdächtigt, wurde Arendts Wohnung 1933 von der Gestapo durchsucht und sie selbst kurzzeitig inhaftiert. Danach floh sie illegal über die Tschechoslowakei in die Schweiz und weiter nach Paris, wo sich ihr Ehemann Günther (Stern) Anders (1902–1992) bereits aufhielt. Hier engagierte sie sich weiter im Rahmen zionistischer Politik. 1937 nahm Arendt ihre wissenschaftlichen Studien wieder auf, beendete das Rahel-Buch und trieb ihre Recherchen zu einer Geschichte des europäischen Antisemitismus voran. Nach den Pogromen 1938 in Deutschland verlagerte sich das Schwergewicht ihrer Tätigkeit erneut auf die Sozialarbeit, die Hilfe für jüdische Kinder und Erwachsene.

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs kam Arendt im Mai 1940 als „feindliche Ausländerin“ in das Internierungslager Gurs, aus dem sie zu Freunden in Montauban im unbesetzten Frankreich floh und wo sie ihren zweiten Ehemann Heinrich Blücher (1899–1970) wiedertraf. Mithilfe ihres inzwischen in Kalifornien lebenden Ex-Ehemanns erhielten sie und Blücher 1941 Einreisevisen in die USA. Die deutschsprachige Zeitung „Aufbau“ und die Zeitschrift „Jewish Social Studies“ des an der Columbia University lehrenden Historikers Salo W. Baron (1895–1989) boten ihr erste Publikationsmöglichkeiten. Baron besorgte ihr zudem eine Anstellung im Rahmen der jüdischen Kulturrestitution. Für die 1949 gegründete „Jewish Cultural Reconstruction, Inc.“ arbeitete Arendt bis 1952, bevor sie als freiberufliche Autorin und institutionell ungebundene akademische Lehrerin tätig wurde.

Bekanntheit in den USA erwarb Arendt 1951 mit ihrem Buch „The Origins of Totalitarianism“, in dessen Anschluss sie ein Guggenheim-Stipendium (1952/53) mit der Möglichkeit zu freier wissenschaftlicher Arbeit sowie 1953 die Einladung zu einer Vortragsreihe der Christian Gauss Seminars an der Princeton University erhielt. 1955 ging sie als Visiting Full Professor in Political Science für ein Semester an die University of California nach Berkeley. Nach Jahren der jeweils semesterweisen Verpflichtung an weiteren Colleges und Universitäten nahm Arendt 1963 an der University of Chicago eine feste Stelle (mit reduzierter Lehr- und Präsenzpflicht) an und traf 1967 eine vergleichbare Vereinbarung mit der Graduate Faculty der New School for Social Research in New York City, wo sie bis zu ihrem Tod als „University Professor“ wirkte.

Neben ihrer Tätigkeit als akademische Lehrerin arbeitete Arendt weiterhin schriftstellerisch. Dabei bemühte sie sich weiter, die Katastrophen des 20. Jahrhunderts – besonders Totalitarismus und Holocaust – zu verstehen und mischte sich mit Essays etwa über „Little Rock“ (1959), „Civil Disobedience“ (1970) und „Lying in Politics“ (1971) in aktuelle Debatten der US-amerikanischen Politik ein. Höhepunkt ihrer Laufbahn als „Public Intellectual“ wurde ihre Rede zur 200-Jahr-Feier der Unabhängigkeit der USA im Rahmen des Boston Bicentennial Forums, die am 20. Mai 1975 vom National Public Radio ausgestrahlt wurde. In diese Rede brachte sie ihre Erfahrungen mit dem „terrible century“ ihrer Lebenszeit ein und äußerte sich im Angesicht der Niederlage in Vietnam zur Krise der US-amerikanischen Republik.

In Westdeutschland, wohin sie mehrfach zu (Rundfunk-)Vorträgen reiste, wurde Arendt seit 1945 von Jaspers, Dolf Sternberger (1907–1989) und später Klaus Piper (1911–2000) gefördert und 1955 durch die deutsche Übersetzung ihres Totalitarismusbuchs bekannt. Auch wenn sie nicht in den Kreis der bundesrepublikanischen „Medien-Intellektuellen“ aufrückte, erhielt sie zunehmende öffentliche Aufmerksamkeit durch ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“ (1963, deutsch 1964) und die damit verbundenen Auftritte, insbesondere das Gespräch mit Günter Gaus (1929–2004) in der Reihe „Zur Person“ des ZDF 1964.

Werk

Ihren Ruf als politische Theoretikerin und Philosophin verdankt Arendt drei Monografien: „The Origins of Totalitarianism“ (1951), „The Human Condition“ (1958) und „On Revolution“ (1963), die von ihr selbst ins Deutsche übertragen wurden: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955), „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (1960) und „Über die Revolution“ (1965). Die Bücher sind bis heute in beiden Sprachen erhältlich, nach einer je eigenen Veröffentlichungsgeschichte.

Das Totalitarismusbuch mit Beschreibung und Analyse der Systeme des Nationalsozialismus und Bolschewismus in seinem dritten Teil, das Vita-activa-Buch von der menschlichen Bedingtheit mit den Untersuchungen über die drei phänomenologisch unterschiedenen Tätigkeiten des „Arbeitens“, „Herstellens“ und „Handelns“ (Labor, Work, Action) wie das Revolutionsbuch, in dem der Vergleich der beiden großen Revolutionen des 18. Jahrhunderts, der amerikanischen (1775) und der französischen (1789), zur Klärung der grundsätzlichen Frage dient, „was eine Revolution tatsächlich ist“, sind Basistexte der Arendtschen politischen Theorie der menschlichen Pluralität, des Handelns und Urteilens, der republikanischen (partizipatorischen) Demokratie.

In diesen Werken zeigt sich die an Jaspers, Heidegger und Edmund Husserl (1859–1938) geschulte Philosophin mit einem jeweils eigenwilligen geistigen Zugriff, der sich keiner bestimmten Methode und keinem System unmittelbar zurechnen und die Fachdiskussionen weitgehend außer Acht lässt. Das gilt auch für zwei frühe deutschsprachige Arbeiten, in denen die Verwurzelung Arendts in der deutschen (Existenz-)Philosophie noch deutlich zutage tritt: ihre 1929 veröffentlichte Dissertation und die als „post-doctoral“-Projekt begonnene, in Paris fertiggestellte und 1958 veröffentlichte Studie über das Leben der Rahel Varnhagen (1771–1833) unter den Bedingungen der jüdischen Assimilation im Preußen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts mit ihren Erkenntnissen über das Dasein als „Paria“ oder „Parvenü“.

Arendts Bericht über den Eichmann-Prozess, der 1963 in dem Magazin „The New Yorker“, kurz darauf als englische Buchausgabe und 1964 in autorisierter deutscher Übersetzung erschien, wurde ihr meist kommentiertes Werk und löste die sog. Arendt-Kontroverse aus. Obwohl inzwischen häufig widerlegt, halten sich bis in die Gegenwart die gegen den Bericht erhobenen Vorwürfe, v. a. gegen die biografische Darstellung Adolf Eichmanns (1906–1962) als „Funktionär“ eines totalitären Herrschaftsapparates und gegen die Ausführungen über die Rolle der offiziellen jüdischen Vertreter während des Holocaust. In Arendts Gesamtwerk nimmt „Eichmann in Jerusalem“ eine Mittel- (Vermittler-)Stellung zwischen dem frühen Totalitarismusbuch und den späten Reflexionen über das Denken und Urteilen ein. Das dem Erlebnis „Eichmann“ geschuldete, im Untertitel des Buchs erstmals in die Öffentlichkeit gelangte Schlagwort von der „Banalität des Bösen“ wurde zu einer geistigen Herausforderung, der Arendt im erst postum veröffentlichten Spätwerk, dem aus Gifford Lectures hervorgegangenen „The Life of the Mind“ (1978), nachging. Mit „Banalität des Bösen“ meint Arendt: Dieses Böse hat keine Tiefe, ist nicht radikal, nicht dämonisch; aber es ist in seiner Oberflächlichkeit extrem und „fürchterlich“ (fearsome). Die „Banalität des Bösen“ bezeichnet sie als „word-and-thought-defying“, im Grunde versage vor ihr das Wort, und das Denken scheitere an ihr. Umso intensiver müsse das Bemühen sein, diese Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen, um sich ihr entgegenstellen zu können.

Arendt sah den Essay als besonders geeignete literarische Form für ihre Art des Denkens an und pflegte ihn entsprechend. In Essays stellte sie v. a. „Exercises in Political Thought“ vor, Übungen im politischen Denken etwa zu den Themen „Geschichte“ und „Natur“, zu Begriffen wie „Autorität“, „Freiheit“, „Revolution“, „Macht“ und „Gewalt“ sowie zu Problemfeldern (Erziehung, Kultur, Religion, Wahrheit/Lüge). Sie nutzte den Essay auch, um sich in aktuelle US-amerikanische Debatten einzumischen. Zu Lebzeiten erschienen im englischen Sprachraum die Sammlungen „Between Past and Future“ (1961, erweitert 1968) und „Crises of the Republic“ (1972), zusätzlich die Porträt-Sammlung „Men in Dark Times“ (1968). Postum wurden zahlreiche umfängliche, das Gesamtwerk berücksichtigende englische und deutsche Ausgaben zusammengestellt.

Arendts umfangreiches Briefwerk wurde aus dem Nachlass veröffentlicht. Es unterstreicht das Bild einer breit vernetzten Schriftstellerin, öffentlichen Intellektuellen wie auch Freundin und Korrespondenzpartnerin von Blumenfeld, Heidegger, Karl Jaspers und seiner Ehefrau Gertrud Jaspers (1879–1974), Mary McCarthy (1912–1989), Hermann Broch (1886–1951), Uwe Johnson (1934–1984), Walter Benjamin (1892–1940), Gershom Scholem (1897–1982)und Dolf Sternberger (1907–1989) sowie Anne Weil (1903–1984), Hilde Fränkel (1897–1950), Lotte Beradt (1907–1986), Rose Feitelson (1914–2001) und Helen Wolff (1906–1994).

Wirkung

Arendt wirkte von den 1940er Jahren bis zu ihrem Lebensende in den USA als akademische Lehrerin der „Political Science“, wovon zahlreiche bisher nur teilweise veröffentlichte Vorlesungsmanuskripte in ihrem Nachlass zeugen. Als schulbildend verstand sie diese Tätigkeit nicht, ja wehrte sich ausdrücklich gegen sie, weil sie nicht „indoktrinieren“ wolle. Das bestätigen ihre Studentinnen und Studenten Peter Stern, Jean Yarbrough, Elisabeth Young-Bruehl (1946-2011), Larry May (geb. 1952) und Jerome Kohn (geb. 1931), seit 2000 „Executor“ des Hannah Arendt Bluecher Literary Trust, in ihren Veröffentlichungen.

Wenn nicht schulbildend, so entfaltete Arendt doch besonders in den 1950er und 1960er Jahren eine Wirkung in Wissenschaft und Öffentlichkeit, die sich nach ihrem Tod von etwa Mitte der 1980er Jahre bis in die Gegenwart steigerte. Arendt hielt Distanz zur traditionellen akademischen (politischen) Philosophie und den empirischen Sozialwissenschaften und erwarb sich einen Ruf als streitbare Denkerin. Im deutschen Sprachraum wurde sie nach 1945 als Autorin der Zeitschrift „Die Wandlung“ bekannt. Ihr erster dort erschienener Artikel „Organisierte Schuld“ (1946) stieß auf große Resonanz in und außerhalb der akademischen Welt. Mit „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955) und dem Essayband „Fragwürdige Traditionsbestände im politischen Denken der Gegenwart“ (1957) wurde sie über die Politikwissenschaft hinaus zur „Klassikerin“ der Totalitarismustheorie – auch deshalb, weil viele Vertreter der sich etablierenden Disziplin transatlantische Kontakte pflegten, so etwa Karl-Dietrich Bracher (1922–2016), Iring Fetscher (1922–2014), Jürgen Habermas (geb. 1929), Peter Graf Kielmannsegg (geb. 1937), Reinhart Koselleck (1923-2006), Peter C. Ludz (1931–1979), Kurt Sontheimer (1928–2005) und Sternberger. Im studentischen, eher linksorientierten Milieu der Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre wurde sie dagegen weniger zur Kenntnis genommen oder nicht selten als „reaktionär“ angefeindet.

Eine auch „Renaissance“ genannte Rezeption begann in den 1980er Jahren mit Arendt-Lektüren hinter dem erodierenden Eisernen Vorhang (auch in der DDR) und deren internationalen Rückwirkungen. Spätestens seit den 1990er Jahren gilt Arendt jenseits und diesseits des Atlantiks als wichtige politische Denkerin des 20. Jahrhunderts und öffentliche Intellektuelle. Eine Verklärung als Idol blieb nicht aus. Zeitlich parallel lief die Entdeckung ihres Werks durch feministische Wissenschaftlerinnen sowie ihrer Gedanken zur Menschenrechtsproblematik (über „das Recht, Rechte zu haben“). Im Zuge der Herausgabe von Briefwechseln aus dem Nachlass weitete sich die Rezeption auf Arendts (privates) Leben aus. Die Veröffentlichung des „Denktagebuchs 1950–1973“ (2002) leitete eine weitere Phase ein. Arendts ungewöhnlicher Denkstil wurde auf neuer Grundlage ebenso thematisiert wie ihr Schreibstil. Mit dem Blick auf „Hannah Arendt und die Dichter“ öffneten sich im 21. Jahrhundert einmal mehr neue Zugänge für die Interpretation ihrer Schriften (literarische Texte als Quelle von Erfahrung und Erkenntnis).

Zahlreiche Institutionen berufen sich heute auf Arendt, so das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden (gegründet 1992), die ungarische Hannah-Arendt-Gesellschaft (1997), die Forschungsstelle Hannah-Arendt-Zentrum (mit Archiv) an der Universität Oldenburg (1999), das Hannah Arendt Center at the New School University, New York (2000) und das mit dem wöchentlichen Online-Newsletter „Amor Mundi“ international präsente The Hannah Arendt Center for Politics and Humanities am Bard College in Annandale-on-Hudson (2009). Auch in Südamerika gibt es Arendt-Forschungsinstitute, so an der Universität von São Paulo, an der katholischen Universität PUC in Rio de Janeiro und in Venezuela das Observatorium Hannah Arendt.

Mehrere internationale Periodika widmen sich der Verbreitung der Ergebnisse der Arendt-Forschung; mit dem Hannah-Arendt-Preis des Instituts für die Wissenschaft vom Menschen, Wien, und der Körber-Stiftung (verliehen 1995–1999) sowie dem Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken e.V., der seit 1995 von der Stadt Bremen und der Heinrich-Böll-Stiftung jährlich vergeben wird, wurden und werden ihr Denken, ihr Werk und deren bemerkenswerte Aktualität gewürdigt.

2. Wolf Biermann

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Wolf Biermann siedelte bereits als Jugendlicher auf eigenen Wunsch in die DDR über und begann ab den frühen 1960er Jahren, Lieder und Gedichte zu schreiben, die sich auch kritisch mit der politischen und gesellschaftlichen Situation im sozialistischen Ostdeutschland befassten. Aus diesem Grund fand sich der Künstler zunehmend behördlichen Restriktionen ausgesetzt. 1963 wurde erstmals ein vorübergehendes Auftrittsverbot gegen ihn verhängt, nach der Veröffentlichung des Lyrikbandes Die Drahtharfe(1965) durfte Biermann ab Dezember 1965 weder öffentlich auftreten noch publizieren. 1968 veröffentlichte er seine erste Langspielplatte Chausseestraße 131 deshalb in der Bundesrepublik. Der Fall Biermann entwickelte sich zusehends zu einem Politikum, mit dem sich schließlich auch die oberste Staatsführung befasste.  

Nach einem öffentlich vielbeachteten Konzertauftritt des Künstlers in Köln erfolgte seine Ausbürgerung durch einen Beschluss des SED-Politbüros. Dieser Schritt führte zu weitreichenden Protesten zahlreicher Künstlerkollegen, von denen viele in der Folge ebenfalls die DDR verließen. Wolf Biermann, der sich bislang trotz aller Kritik als solidarischer Sozialist verstanden hatte, reagierte auf die Maßnahme bestürzt. Er ließ sich in seiner Geburtsstadt Hamburg nieder und veröffentlichte dort weiter Gedichte und Lieder, die sich immer wieder auch mit dem Thema der deutsch-deutschen Beziehungen auseinandersetzten. Nach dem Fall der Berliner Mauer reiste er am 1. Dezember 1989 erstmalig wieder in die DDR und gab dort am gleichen Tag ein Konzert in Leipzig. Biermann erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Fontane-Preis der Stadt Berlin (1969), den Georg-Büchner-Preis (1991) und das Große Bundesverdienstkreuz (2006).

3. Konrad Adenauer

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Konrad Adenauer (rechts), Imago Images (InC)

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Adenauer erhielt seine politische und weltanschauliche Prägung in der Wilhelminischen Ära, als er aus kleinen Verhältnissen durch Intelligenz, Talent, harte Arbeit und eine vorteilhafte Heirat in das rheinische Großbürgertum aufstieg. Er legte 1894 am Kölner Apostelgymnasium das Abitur ab. Eine anschließend begonnene Lehre im Bankhaus Seligmann brach er nach zwei Wochen ab und studierte Rechtswissenschaften in Freiburg im Breisgau, München und Bonn, wo er 1897 das Refendarexamen absolvierte; vier Jahre später folgte das Assessorexamen in Berlin. Während seiner Studienzeit war er Mitglied verschiedener katholischer Studentenverbindungen, darunter der KStV Arminia zu Bonn.

Nach kurzer Tätigkeit am Kölner Landgericht 1902/03 kam Adenauer über die Vertretung von Justizrat Hermann Kausen (1851–1917), einem führenden Kölner Zentrumspolitiker, an das dortige Oberlandesgericht. 1904 heiratete er Emma Weyer, Tochter des verstorbenen Direktors der Kölner Rückversicherung, Enkelin eines wohlhabenden Kölner Galeristen und langjährigen Stadtbaumeisters, Nichte des Kölner Oberbürgermeisters und späteren Reichstagspräsidenten Max Wallraf (1859–1941).

Kommunalpolitik in Köln

Durch Kausen eröffnete sich für Adenauer der Weg in die Kölner Kommunalpolitik, indem dieser ihn 1906 für die Stelle eines Beigeordneten im Kölner Stadtrat vorschlug. Drei Jahre später stieg Adenauer zum ersten Beigeordneten und Stellvertreter des Oberbürgermeisters auf. Zu seinem Zuständigkeitsbereich gehörte neben den Wahlangelegenheiten auf der Reichs-, Staats-, Provinzial- und städtischen Ebene die Steuerverwaltung, später auch die Lebensmittelversorgung. Während des Ersten Weltkriegs war dies wegen der britischen Seeblockade eine schwierige Aufgabe, die Adenauer zu lösen versuchte, indem er Vorräte anlegte und sich um Produkte aus Reis, Mais, Graupen und Soja als Ersatz für Kartoffeln und Fleisch kümmerte. Als fähiger Verwaltungsfachmann und geschickter Finanzpolitiker sicherte er seiner Heimatstadt zwischen 1912 und 1918 eine Anleihe von annähernd 80 Millionen Mark, die u. a. zur Verbesserung der kommunalen Infrastruktur wie dem Bau der Deutzer Rhein-Brücke, der Stadterweiterung und des Hafenausbaus genutzt wurde.

Auf diesen Erfolgen aufbauend, wurde Adenauer im September 1917 als Nachfolger des als Staatssekretär ins Reichsamt des Innern wechselnden Wallraf auf zwölf Jahre zum Oberbürgermeister gewählt. Im Alter von 41 Jahren war er das bis dahin jüngste Stadtoberhaupt Kölns und einer preußischen Großstadt überhaupt. Zu Beginn seiner Amtszeit sah er sich mit den Erschütterungen der Novemberrevolution und der bis 1926 andauernden Besatzung durch britische Truppen konfrontiert. Er hatte Kontakte zur Rheinlandbewegung und hielt eine Ausgliederung des Rheinlands aus dem preußischen Staat für denkbar, nicht aber die Abtrennung vom Reich. Sein Pragmatismus hinsichtlich der territorialen Gestalt der deutschen Republik brachte Adenauer damals und später Kritik und den Vorwurf des Separatismus ein.

In der Weimarer Republik erwies sich Adenauer als energischer und ideenreicher Stadtvater. Er zeichnete u. a. für große Projekte des genossenschaftlichen Wohnungsbaus und die Anlage des Grüngürtels auf dem Gelände der geschleiften preußischen Befestigungswerke verantwortlich. Die Ansiedlung der Ford-Werke, die Organisation von Großveranstaltungen wie der internationalen Medienschau „Pressa“ (1928) sowie die Anfänge der Westdeutschen Rundfunk A.G., die 1926 ihren Sendebetrieb in Köln aufnahm, gingen auf ihn zurück. Für die Wiederbegründung der 1798 unter französischer Herrschaft geschlossenen Universität setzte Adenauer sich ebenfalls ein: Am 29. Mai 1919 unterzeichnete er den Staatsvertrag mit Preußen zu deren Neugründung. Als Oberbürgermeister einer der reichsten Metropolen des Landes spielte Adenauer auch in der nationalen Politik eine Rolle: Von 1921 bis 1933 amtierte er, getragen von der Weimarer Koalition aus Zentrum, SPD und DDP, als Präsident des Preußischen Staatsrats. Zweimal war er als möglicher Reichskanzler im Gespräch, wusste aber einen Wechsel auf den Schleudersitz an der Spitze der Reichsregierung jeweils zu verhindern.

Nationalsozialismus

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde Adenauer im März 1933 als Oberbürgermeister abgesetzt, im April wurde ein Dienststrafverfahren gegen ihn eingeleitet, im Juli 1933 wurde er förmlich entlassen. Wenig später verlor er auch sein Amt als Präsident des Staatsrats. Zwischenzeitlich musste er fürchten, dass man ihm den Prozess machte. Seine Familie brachte er in diesen Wochen im Kölner Krankenhaus Hohenlind in Sicherheit. Er selbst versteckte sich für ein Jahr in der Abtei Maria Laach (Eifel) bei dem befreundeten Abt Ildefons Herwegen (1874–1946). Im April 1934 zog er in den Potsdamer Vorort Babelsberg, um von dort in einem Gerichtsverfahren für seine Pensionsansprüche zu kämpfen. Im Zuge der Mordaktionen und Verhaftungswellen nach dem „Röhm-Putsch“ stand Adenauer einige Tage unter Arrest und lebte von Ende 1937 bis 1944 zurückgezogen in seinem Haus in Rhöndorf, ohne sich mit dem NS-Regime einzulassen, aber auch ohne intensivere Kontakte zu Widerstandskreisen. Dennoch wurde er nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 in ein Internierungslager in Köln-Deutz, später in ein Gefängnis der Geheimen Staatspolizei in Brauweiler verbracht, wo auch seine Frau inhaftiert war. Auguste Adenauer unternahm in der Haft einen Selbstmordversuch, dessen Folgen wahrscheinlich für ihren frühen Tod mitverantwortlich waren.

Nachkriegszeit: CDU-Parteipolitik und Bundeskanzleramt

Nach Kriegsende wurde Adenauer von der US-amerikanischen Militärregierung im Mai 1945 erneut als Kölner Oberbürgermeister eingesetzt. Die britische Militärregierung enthob ihn jedoch im Oktober wieder seines Amtes, unter etwas verworrenen, für den Betroffenen demütigenden Umständen. In der folgenden Zeit widmete sich Adenauer dem Aufbau der CDU in der britischen Besatzungszone und bereitete seine zweite politische Karriere vor. 1948 wurde er zum Präsidenten des Parlamentarischen Rates gewählt, der mit der Ausarbeitung einer Verfassung für die drei deutschen Westzonen beauftragt war. Er galt jedoch vielen als Mann von vorgestern, der nicht das Deutschland der Nach-Hitler-Generation, sondern der Vor-Hitler-Zeit verkörpere.

In der Folgezeit wurde Adenauer zur prägenden politischen Gestalt der jungen Bundesrepublik. Von 1950 bis 1966 war er Vorsitzender der CDU. Von 1949 bis 1963 amtierte er als erster Bundeskanzler: Bei seiner ersten Wahl erhielt er im Bundestag 202 von 402 möglichen Stimmen – das Minimum für die absolute Mehrheit. Als Regierungschef etablierte er in der jungen Bundesrepublik, was später als „Kanzlerdemokratie“ bezeichnet wurde: Er bestimmte nach Artikel 65 des Grundgesetzes die Richtlinien der Politik, legte den Zuschnitt der Ressorts fest und entschied bei Streitigkeiten zwischen den Ministerien. Adenauers hervorgehobene Position fand ihren Ausdruck im Aufbau eines machtvollen Bundeskanzleramts als Regierungszentrale, das die Ministerien kontrollierte, bei ihrer Personalpolitik mitsprach und in Gesetzesvorhaben direkt eingriff. Dabei ließ der Kanzler auch zu (und profitierte davon), dass der für Auslandsspionage zuständige Bundesnachrichtendienst Adenauers innenpolitische Gegner SPD und FDP ausspähte und auf diese Weise unter ihm zu einem „Herrschaftselement der entfalteten Kanzlerdemokratie“ (Klaus-Dietmar Henke) wurde. Im Verhältnis zu den Siegermächten, die bis zur Aufhebung des Besatzungsstatuts 1955 die oberste Souveränität im Land innehatten und vor jeder wichtigen Entscheidung konsultiert werden mussten, erwies Adenauer sich als verlässlicher und durchsetzungsstarker Partner. Im Umgang mit dem Bundestag pflegte er einen patriarchalisch-obrigkeitlichen Stil.

Unter Adenauer etablierte sich die CDU als bestimmende Kraft in der Politik der Bundesrepublik. Grundlage ihrer Dominanz, die 1953 zum Wahlsieg und 1957 zur absoluten Mehrheit im Bundestag führte, war eine erfolgreiche Integrationspolitik. Mit dem Bemühen um einen Ausgleich zwischen Katholiken und Protestanten profilierte sie sich als überkonfessionelle Sammlungspartei. In ihren Hochburgen im Rheinland knüpfte sie organisatorisch an die Tradition der Zentrumspartei an, distanzierte sich aber zugleich von deren ausschließlich katholischer Ausrichtung und wurde zur politischen Heimat für konservative, liberale und christlich-soziale Kräfte. Zugleich praktizierte die Union unter Adenauer eine wirksame Koalitionspolitik innerhalb des bürgerlich-konservativen Lagers: In der ersten Legislaturperiode stützte sich der Kanzler auf ein Bündnis aus CDU, CSU, FDP und Deutscher Partei (DP), das nach der zweiten Bundestagswahl 1953 noch um den Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) als Interessenvertretung der Flüchtlinge aus dem Osten erweitert wurde. Den Umgang mit der NS-Vergangenheit kennzeichneten während Adenauers Kanzlerschaft ein scharfer ideologischer Bruch einerseits und eine Praxis sozialer Reintegration und rechtlicher Amnestierung andererseits, die ehemalige Mitläufer des Regimes ebenso umfasste wie überzeugte Nationalsozialisten. Sinnbildlich dafür stand Hans Globke (1898–1973), von 1932 bis 1945 Ministerialbeamter im Reichsinnenministerium und dort Mitarbeiter an den Nürnberger Rassegesetzen. Obwohl Adenauer die Vergangenheit Globkes kannte, hielt er gegen teils heftige zeitgenössische Kritik an ihm fest, weil er dessen Kompetenz, Effizienz und Loyalität schätzte.

Als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal zur Sozialdemokratie hatte sich schon vor der Gründung der Bundesrepublik die Frage der Wirtschaftsordnung herauskristallisiert. Diese wurde von Adenauer und seinem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (1897–1977) auf die Formel „bürokratische Planwirtschaft gegen soziale Marktwirtschaft“ zugespitzt. Bei der Ausgestaltung der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung blieb Adenauer auf sozialen Ausgleich bedacht, wie sich 1951 beim Mitbestimmungsgesetz in der Montanindustrie und 1952 beim Lastenausgleich zeigte: Im ersten Fall stimmte er zu, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber in den Aufsichtsräten der Ruhrkonzerne paritätisch vertreten waren, im zweiten Fall machte er sich für Abgaben auf Vermögen, Hypotheken- und Kreditgewinne stark, die den Opfern von Kriegsschäden und Vertreibung zugutekommen sollten.

Außenpolitik

In den Außenbeziehungen der jungen Bundesrepublik hielt Adenauer US-amerikanische Unterstützung für die Grundvoraussetzung erfolgreicher Politik. Er akzeptierte die Machtlosigkeit der Deutschen als Ausgangsbasis seiner Politik und sah in der Konstellation des Ost-West-Konflikts eine Chance, diese Position zu verbessern. Während die SPD unter Kurt Schumacher (1895–1952) alliiertes Entgegenkommen erwartete, ehe eine Zusammenarbeit für sie infrage kam, war Adenauer bereit, Diskriminierungen in Kauf zu nehmen und selbst Vorleistungen zu erbringen, um stückweise auf dem Weg zur Gleichberechtigung voranzukommen, die Fesseln des Besatzungsstatuts abzustreifen und möglichst viel staatliche Souveränität für die Bundesrepublik zu gewinnen. Seine Regierung erreichte auf diesem Wege sowohl die Pariser Verträge zur Beendigung des Besatzungsregimes (23.10.1954) und den Beitritt der Bundesrepublik zur NATO (6.5.1955) als auch die Zustimmung der Westalliierten zum Aufbau der Bundeswehr, deren erste Rekruten im November 1955 vereidigt wurden.

Die europäische Einigung bildete die zweite Säule von Adenauers Außenpolitik. Die Wirtschaftskraft der Bundesrepublik sollte in europäische Institutionen eingebunden werden, um sie mit den Interessenlagen Frankreichs und anderer europäischer Staaten in Einklang zu bringen. Auf dem Feld der Verteidigung misslang dies, als die Europäische Verteidigungsgemeinschaft in der französischen Nationalversammlung Ende August 1954 am vereinigten Widerstand von Kommunisten und Gaullisten scheiterte. Es glückte jedoch auf dem Gebiet der Schwerindustrie mit dem sog. Schuman-Plan vom 9.5.1950. Die Vergemeinschaftung von Kohle und Stahl sollte dazu dienen, künftige Kriege zu verhindern und insbesondere französische Sicherheitsbedürfnisse zu befriedigen. Der im April 1951 unterzeichnete Vertrag über die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), dem neben Frankreich und der Bundesrepublik auch Italien und die Benelux-Staaten beitraten, diente als Vorbild für ähnlich strukturierte Einigungen in der Atomwirtschaft (Europäische Atomgemeinschaft, EURATOM) und beim Handel in einer Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG); beide Institutionen wurden in den Römischen Verträgen vom März 1957 festgeschrieben, die zum 1.1.1958 in Kraft traten.

Im Verhältnis zum Osten setzten Adenauers Regierungen auf eine Politik der Stärke: Die Bundesrepublik sollte mit westlicher Hilfe politisch und ökonomisch so potent werden, dass die Sowjetunion von einer weiteren aggressiven Expansion abgehalten und zur Preisgabe ihrer Zone genötigt werden konnte. Die Wiedervereinigung blieb das zentrale Ziel. Adenauer war jedoch überzeugt, die Einheit dürfe nicht um den Preis westdeutscher Freiheit oder der Verankerung im Westen erkauft werden. Daher stand er dem sowjetischen Angebot, durch Neutralisierung ein entmilitarisiertes Gesamtdeutschland zu schaffen, wie es in der Stalin-Note vom März 1952 vorgebracht wurde, ablehnend gegenüber. Unter seiner Führung beharrte die Bundesrepublik darauf, die Rechtsnachfolge des Deutschen Reichs angetreten zu haben, und leitete daraus einen Alleinvertretungsanspruch für ganz Deutschland ab. Um diesen durchzusetzen, formulierte die Regierung 1955 eine nach dem Staatssekretär im Auswärtigen Amt Walter Hallstein (1901–1982) benannte Doktrin, der zufolge die Aufnahme diplomatischer Beziehungen anderer Staaten zur DDR als „unfreundlicher Akt“ gewertet wurde.

Die Hallstein-Doktrin war notwendig geworden, nachdem die Bundesregierung 1955 diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion aufgenommen hatte und damit Gefahr lief, die von Moskau vertretene „Zwei-Staaten-Theorie“ in Bezug auf Deutschland anzuerkennen. Dennoch reiste Adenauer im September 1955 auf Einladung der Sowjetunion nach Moskau, weil ihm bewusst war, dass ohne die UdSSR keine Fortschritte in der Wiedervereinigungsfrage erzielt werden konnten. Vor allem aber wurden immer noch tausende deutsche Kriegsgefangene und zivile Verschleppte in der Sowjetunion vermisst. Nach zähen Verhandlungen erlaubte die Moskauer Führung nach Adenauers Besuch knapp zehntausend Kriegsgefangenen sowie rund 20 000 Zivilisten die Rückkehr nach Deutschland. Die Zeitgenossen sahen darin den größten Triumph seiner Kanzlerschaft.

Endphase der Kanzlerschaft

Mit dem Bau der Berliner Mauer durch das SED-Regime am 13.8.1961 wurden die Grenzen von Adenauers Politik deutlich. Der Kanzler versuchte, sich vorsichtig an die neuen Gegebenheiten anzupassen, ohne die Grundzüge seiner bisherigen Strategie, v. a. der Nichtanerkennung und politischen Isolierung der DDR, aufzugeben. Die Westpolitik wurde ebenfalls schwieriger. Seit Ende der 1950er Jahre waren bei Adenauer Sorgen über den Kurs der USA gewachsen. Er erkannte, dass in der atomaren Aufrüstung und der gegenseitigen nuklearen Vernichtungskapazität der Supermächte ein Anreiz für eine auf Entspannung gerichtete Politik angelegt war, und hielt diese Tendenzen für bedrohlich. Alarmiert reagierte er auf die neue Nukleardoktrin der Kennedy-Administration, mit der die NATO in die Lage versetzt werden sollte, flexibel auf Angriffe des Ostblocks zu reagieren. Adenauer fürchtete, Deutsche und Westeuropäer sollten künftig die Hauptlast eines konventionell geführten Krieges tragen, während sich die USA jenseits des Atlantiks hinter der Sicherheit ihrer Atomwaffen verschanzten.

Im französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle (1890–1970) erblickte Adenauer einen Verbündeten in seinem Kampf gegen US-amerikanische Entspannungstendenzen. Die Beziehungen zu Frankreich gewannen für ihn auch in dieser Hinsicht entscheidende Bedeutung. Ergebnis war im Januar 1963 der Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit (Élysée-Vertrag), der regelmäßige Konsultationen der Staats- und Regierungschefs sowie ihrer Außen- und Verteidigungsminister zur Koordinierung der politischen Positionen beider Länder vorsah. Innerparteiliche Gegner einer einseitig auf Frankreich ausgerichteten Politik, wie Wirtschaftsminister Erhard oder Außenminister Gerhard Schröder (1910–1989), sorgten jedoch dafür, dass der Bundestag dem Vertrag eine Präambel voranstellte, die explizit auf die enge Partnerschaft zu den USA, eine mögliche Erweiterung der EWG um Großbritannien und das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) abhob.

Der Élysée-Vertrag war Adenauers letzte große Errungenschaft. Seit Ende der 1950er Jahre war in der CDU immer vernehmlicher über die Zeit nach ihm diskutiert worden. In der Präsidentschaftskrise 1959 machte er keine gute Figur, als er einen Wechsel in das Bundespräsidentenamt öffentlich bekannt gab, dann aber die Ankündigung zurückzog, weil er bemerkte, dass er damit dem ungeliebten Erhard den Weg ins Kanzleramt ebnen würde. Noch höhere Wellen schlug die „Spiegel“-Krise im Herbst 1962, als die Bundesanwaltschaft die Redaktionsräume des Hamburger Nachrichtenmagazins durchsuchen und den Herausgeber Rudolf Augstein (1923–2002) sowie mehrere Redakteure festnehmen ließ. Der Kanzler geriet dabei derart in die Kritik, dass er sich gezwungen sah, seinen Rücktritt für den Herbst des folgenden Jahres anzukündigen.

Am 15.10.1963 schied Adenauer aus dem Amt. In den folgenden Jahren stellte er drei Bände seiner Memoiren fertig, ein weiterer war in Vorbereitung und wurde 1968 postum veröffentlicht. Den Vorsitz der CDU hatte er bis 1966 inne, Bundestagsabgeordneter blieb er bis zu seinem Tod. An dem Staatsbegräbnis nahmen außer dem französischen Staatspräsidenten de Gaulle und dem ehemaligen US-Präsident Dwight D. Eisenhower (1890–1969)zwölf Regierungschefs, zudem Außenminister und Botschafter aus insgesamt 180 Staaten teil.

Bilanz und Nachwirkungen

Als Adenauer aus dem Amt schied, war sein Ansehen auf einem Tiefpunkt. Die Zeitgenossen kritisierten seinen herablassenden Umgang mit dem Bundestag, fehlendes Engagement in der Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie ein unzeitgemäßes Demokratieverständnis, wie es etwa in dem erbittert geführten „Kampf ums Kanzleramt“ (Daniel Koerfer) gegen seinen Nachfolger Erhard zum Ausdruck kam. Jüngeren Generationen erschienen die 1950er Jahre nun als „bleierne Zeit“ konservativer Restauration, gegen deren obrigkeitsstaatliche Überhänge Willy Brandt (1913–1992) und seine sozial-liberale Koalition „mehr Demokratie wagen“ wollten.

Das Prestige des ersten Bundeskanzlers blieb jedoch nicht lange auf dem schlechten Stand der 1960er und frühen 1970er Jahre. Anlässlich seines hundertsten Geburtstags galt er 1976 weitgehend unumstritten als wichtigster Gründungsvater der westdeutschen Republik. Auch ein großer Teil der politischen Linken machte postum ihren Frieden mit ihm. Nach dem Umbruch 1989/90 sahen Kritiker der Wiedervereinigung in Adenauer den Verfechter einer dezidiert anti-nationalen Politik, die der Westbindung und der europäischen Integration Vorrang vor der deutschen Einheit eingeräumt habe. Andere behaupteten hingegen, der Zusammenbruch des Ostblocks und die bedingungslose Angliederung der DDR an die Bundesrepublik habe genau jener Politik der Stärke entsprochen, auf die Adenauers Deutschlandpolitik vertraut hatte.

Die drei Jahrzehnte nach 1989/90 brachten eine gewisse Relativierung der Bedeutung Adenauers durch die zeitliche Entfernung von der Phase der bipolaren Welt und des geteilten Deutschland sowie durch die Expansion der Europäischen Union weit über das karolingische Westeuropa hinaus, das Adenauer vorgeschwebt hatte. Gleichzeitig wuchs die Distanz zu den USA, das atlantische Bündnis verlor zwischenzeitlich an Substanz. Auch im Innern gab es größere Veränderungen u. a. durch den Beitritt der DDR, durch steigende Arbeitslosigkeit und den Umbau des Sozialstaats, der in der Adenauer-Ära ausgebaut worden war, mit den Arbeitsmarkt- und Sozialreformen der rot-grünen Koalition nach 1998.

Seit einigen Jahren erfolgt wieder eine Relativierung dieser geschrumpften Bedeutung Adenauers: Der deutsche Sozialstaat suchte durch die Agenda 2010 teilweise Eigenschaften wie Lohnzurückhaltung und Arbeitsbereitschaft einzufordern, die sich mit dem wirtschaftlichen Wiederaufstieg Deutschlands in der Ära Adenauer verbanden. Die russische Invasion in die Ukraine im Februar 2022 hat das transatlantische Bündnis wiederbelebt und lässt einen neuen Kalten Krieg und eine neuerliche Spaltung Europas mit einem neuen Eisernen Vorhang einige hundert Kilometer weiter östlich möglich erscheinen.

4. Werner Karl Heisenberg

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1901 – 1976

Theoretischer Physiker

Werner Heisenberg war einer der wichtigsten Physiker des 20. Jahrhunderts. 1925 begründete er die Quantenmechanik und trug mit seiner Unschärferelation (1927) wesentlich zur Deutung dieser Theorie bei. Er war einer der Begründer der Quantenfeldtheorie und der Kernphysik. Während des Zweiten Weltkriegs leitete er die Kernforschung im nationalsozialistischen Deutschland. Nach 1945 war er als Wissenschaftsorganisator führend beim Wiederaufbau der Wissenschaften in der Bundesrepublik.

Ausbildung

1910 zog Heisenberg mit seiner Familie nach München, wo er das von seinem Großvater geleitete Maximiliansgymnasium besuchte. Für den Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg zu jung, beteiligte er sich 1919 als Freiwilliger an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik, ohne an Kampfhandlungen teilzunehmen.

Nach dem Abitur 1920 studierte Heisenberg Physik an der Universität München und wurde hier 1923 bei Arnold Sommerfeld (1868–1951) mit einer Dissertation, die sich mit dem Problem der Turbulenz beschäftigte, zum Dr. phil. promoviert. Im Herbst 1923 trat er eine Stelle als Assistent bei Max Born (1882–1970) an der Universität Göttingen an, habilitierte sich im Sommer 1924 mit einer Arbeit zum Zeeman-Effekt für Theoretische Physik und erhielt nach einem kurzen Besuch im Frühjahr 1924 von Niels Bohr (1885–1962) das Angebot, mit einem Stipendium nach Kopenhagen zu kommen. Von Born freigestellt, blieb Heisenberg von September 1924 bis April 1925 an Bohrs Institut.

Heisenberg in Göttingen, Kopenhagen und Leipzig

Zurück in Göttingen, beschäftigte sich Heisenberg mit der Berechnung von spektralen Intensitäten, eine Fragestellung, die ihn zur Quantenmechanik führte. Anfang Juni 1925 brach er zu der legendenumwobenen Reise nach Helgoland auf, während der er weitere Durchbrüche auf dem Weg zur Quantenmechanik erzielte. Am 9. Juli vollendete Heisenberg, wieder in Göttingen, das Manuskript „Über quantentheoretische Umdeutung kinematischer und mechanischer Beziehungen“ (publiziert im September 1925), mit dem die Quantenmechanik begründet wurde.

In der rasanten Entwicklung der Quantenmechanik zwischen 1925 und 1927 spielte Heisenberg eine zentrale Rolle. Noch 1925 verfasste er mit Born und Pascual Jordan (1902–1980) die sog. Dreimännerarbeit, in der die von Born und Jordan auf Grundlage von Heisenbergs Umdeutung entwickelte Matrizenmechanik zu einer allgemeineren Theorie weiterentwickelt wurde, mit der sich im Prinzip beliebig komplizierte mechanische Systeme quantentheoretisch behandeln ließen. Im Frühjahr 1926 trat Heisenberg auf Einladung Bohrs eine Stelle in Kopenhagen an. Hier schrieb er grundlegende Arbeiten zur Anwendung der Quantenmechanik auf Mehrkörperprobleme, wie das Helium-Atom. Aus der quantenmechanischen Analogie zwischen den Zweielektronensystemen Helium-Atom und Wasserstoff-Molekül schloss Heisenberg, dass es nicht nur Ortho- und Parahelium, sondern auch Ortho- und Para-Wasserstoff-Moleküle gebe. Diese 1929 bestätigte Vorhersage allotroper Formen des Wasserstoffs lieferte die offizielle Begründung für die Zuerkennung des Nobelpreises für Physik 1933 nachträglich für das Jahr 1932. Heisenberg war in Kopenhagen zentral an der Debatte über die Interpretation der Quantenmechanik beteiligt, die sich in der Auseinandersetzung mit Erwin Schrödingers (1887–1961) Wellenmechanik ergab. Heisenbergs wichtigster Beitrag hierzu waren die Unbestimmtheitsrelationen, die er Anfang 1927 aufstellte (auch als Unschärferelationen oder Unschärferelation bekannt).

Im November 1927 nahm Heisenberg einen Ruf als ordentlicher Professor für Theoretische Physik an die Universität Leipzig an. Mit grundlegenden Beiträgen zu Quantenfeldtheorie und Kernphysik etablierte er, mit dem 1929 dorthin berufenen Friedrich Hund (1896–1997), Leipzig als neues Zentrum quantentheoretischer Forschung. Sein erster Doktorand war 1928 der spätere Nobelpreisträger Felix Bloch (1905–1983). Zu weiteren Schülern zählen Edward Teller (1908–2003) und Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007).

Heisenberg in der Zeit des Nationalsozialismus

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme setzte sich Heisenberg gegen die Entlassungen von Physikprofessoren im Rahmen des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und gegen die Übernahme wichtiger Posten durch Vertreter der „Deutschen Physik“ ein. Ansonsten hielt er sich von politischen Fragen fern. Eine Berufung an die Universität München wurde durch die politisch motivierte Ablehnung der Theoretischen Physik verhindert; Angebote für Professuren in den USA, wo er im Sommer 1939 auf Vortragsreise war, lehnte er ab. Im Kontext des Münchner Berufungsverfahrens im Juli 1937 wurde Heisenberg von Vertretern der „Deutschen Physik“ in der Wochenzeitung der SS „Schwarzer Korps“ als Vertreter der Physik Albert Einsteins (1879–1955) scharf angegriffen. Nach einem Brief Heisenbergs an Heinrich Himmler (1900–1945) erfolgte eine langwierige Untersuchung durch die SS, in deren Rahmen Heisenberg im Gestapo-Hauptquartier verhört und am Ende als unpolitischer Akademiker eingestuft wurde. Himmler unterband weitere Angriffe auf ihn. Heisenberg wurde nahegelegt, in der Lehre die Nennung Einsteins Namen und anderer jüdischer Physiker zu unterlassen.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Heisenberg zum unter der Ägide des Heereswaffenamts stehenden „Uranverein“ abkommandiert. Bereits im Winter 1939/40 verfasste er zwei Geheimberichte mit Beiträgen zur Theorie des Kernreaktors und Bemerkungen zu Kernwaffen. In den folgenden Jahren betreute er experimentelle Reaktorforschung in Leipzig, später am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin, an das er als Direktor zum Juli 1942 berufen wurde. Es wurde kein funktionierender Reaktor fertiggestellt. In den letzten Kriegsjahren schrieb Heisenberg grundlegende theoretische Arbeiten zur Streutheorie, die mit Kernspaltung nichts zu tun hatten.

Heisenbergs Arbeit während des Kriegs wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Mark Walker (geb. 1959) vertritt die Ansicht, dass eine Atombombe für das Deutsche Reich außer Reichweite gewesen wäre; in dieser Gewissheit hätten die Physiker um Heisenberg ohne weitere moralische Skrupel zur Kernspaltung geforscht. Andere argumentieren, dass die Fertigstellung einer Atombombe durchaus möglich gewesen wäre, aber dass Heisenberg vor 1945 die Physik der Atombombe nicht durchdrungen hätte. Doch auch hier herrscht Uneinigkeit über die Ursachen von Heisenbergs Ahnungslosigkeit: Paul Rose (geb. 1944) führt diese auf Inkompetenz und Überheblichkeit zurück, Manfred Popp (geb. 1941) auf Heisenbergs Unwillen, die Bombe zu bauen.

Wegen der Bombardierung Berlins zog das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik seit Ende 1943 schrittweise nach Hechingen auf der Schwäbischen Alb um. Im April 1945 floh Heisenberg nach Urfeld (Oberbayern), wo sich seine Familie aufhielt. Anfang Mai wurde er, als einer der letzten führenden deutschen Kernphysiker, im Rahmen der US-amerikanischen Alsos-Mission verhaftet und nach zwei Monaten an verschiedenen Internierungsorten in Frankreich und Belgien mit Kollegen an den britischen Geheimdienst übergeben, der sie im Landsitz Farm Hall in Cambridgeshire unterbrachte. Hier wurden die Gespräche der zehn Internierten systematisch abgehört. In Farm Hall erfuhren diese auch vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima, womit offensichtlich wurde, dass die US-amerikanischen Forscher viel weiter gekommen waren als der Uranverein.

Heisenberg in der Bundesrepublik

Anfang 1946 wurden Heisenberg und seine Kollegen in die britische Besatzungszone geflogen und freigelassen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut (bald darauf: Max-Planck-Institut für Physik) wurde mit Heisenberg als Direktor in Göttingen wiederaufgebaut. In den folgenden Jahrzehnten widmete er sich seiner nicht-linearen Spinortheorie, die eine vereinheitlichte Theorie der Elementarteilchen sein sollte und von den Medien als „Weltformel“ bezeichnet wurde. Dieser Versuch gilt als gescheitert, antizipierte jedoch einige Ideen des späteren Standardmodells der Teilchenphysik, wie spontane Symmetriebrechung oder Confinement.

Obwohl Heisenberg wissenschaftlich nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen konnte, wurde er zu einer der wichtigsten Personen der Wissenschaftspolitik der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik, z. B. 1949 als Vorsitzender des Deutschen Forschungsrats, einem der Vorläufer der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Als Gründungspräsident der Alexander von Humboldt-Stiftung (1953) machte er sich um die Internationalisierung der bundesdeutschen Physik verdient. 1957 war Heisenberg Mitunterzeichner der „Göttinger Erklärung“, mit der führende Wissenschaftler erfolgreich gegen die atomare Aufrüstung der Bundesrepublik protestierten.

1958 zog das Max-Planck-Institut für Physik auf Heisenbergs Betreiben nach München um, wo er bis 1970 als Professor für Physik an der Universität wirkte. 1969 veröffentlichte er die Autobiografie „Der Teil und das Ganze“, die zu einem Bestseller wurde. Heisenberg war einer der bedeutendsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Er war nicht nur an der Entstehung der Quantenmechanik zentral beteiligt, sondern prägte ihre Weiterentwicklung und Interpretation über Jahrzehnte. Auch seine philosophischen Betrachtungen, in denen er die Quantenmechanik mit altgriechischer Naturphilosophie und einer Kritik der Moderne verband, stießen v. a. in der Bundesrepublik auf große Resonanz.

5. Loriot (eigentlich Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow)

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1923 – 2011

Humorist, Zeichner, Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur

Loriot ist einer der bedeutendsten deutschen Humoristen des 20. Jahrhunderts. Sein Werk gilt als satirischer Spiegel der Alltagskultur der Bundesrepublik. In der Nachkriegszeit als Zeichner tätig, wurde er seit den 1960er Jahren als Moderator, Schauspieler, Regisseur und Autor von Sketchen einem breiten Fernsehpublikum bekannt. Seine größten Erfolge waren die Fernsehserien „Cartoon“ (1967–1972) und „Loriot“ (1976–1978) sowie die Kinofilme „Ödipussi“ (1988) und „Pappa ante portas“ (1991).

Kindheit und Kriegsdienst

Loriot, geboren als Vicco von Bülow in Brandenburg an der Havel, wuchs seit 1927 bei seiner Großmutter und seit 1933 bei seinem Vater in Berlin auf, wo er das humanistische Gymnasium (heute Schadow-Gymnasium) in Zehlendorf besuchte. 1938 zog die Familie nach Stuttgart, wo Loriot 1941 das Notabitur ablegte. Im August 1941 trat er in die Wehrmacht ein und schlug, der Familientradition entsprechend, eine Offizierslaufbahn ein, die ihn während des Zweiten Weltkriegs bis in den Rang eines Oberleutnants in einem Panzergrenadierregiment an der Ostfront führte. Nach Kriegsende arbeitete er als Holzfäller in Einbeck (Harz) und in Markoldendorf bei Northeim, ehe er am Gymnasium Corvinianum in Northeim das reguläre Abitur nachholte.

Anfänge als Cartoonist

Seit 1947 studierte Loriot Kunst an der Landeskunstschule (heute Hochschule für Bildende Künste) in Hamburg, wo Willem Grimm (1904–1986) und Alfred Mahlau (1894–1967) seine Lehrer waren. 1948 publizierte er erste grafische Arbeiten; 1949 verließ er die Kunstschule und nahm sein berühmtes Pseudonym Loriot an, das auf den Wappenvogel der Familie von Bülow, den Pirol (franz. „Loriot“), verweist.

Nach dem Studium fertigte Loriot zum Broterwerb Werbegrafiken und kleine Illustrationen für Zeitungen und Zeitschriften an. Humoristische Zeichnungen erschienen seit 1950 in der Zeitschrift „Die Straße“ und dem Wochenmagazin „Stern“. Die frühen Arbeiten für den „Stern“ sowie die auf dem Verkehrte-Welt-Prinzip beruhenden Cartoons der Serie „Auf den Hund gekommen“ zeigen Hunde, die menschliche Handlungen vollführen, während den Menschen tierisches Verhalten zugeschrieben wurde. Dieses satirische Rollenspiel trug ihm heftige Proteste aus der Leserschaft ein, weil die Darstellungen, wie es u. a. hieß, geschmacklos und menschenunwürdig seien, woraufhin die Serie 1953 eingestellt wurde. Für die Kinderseite des „Stern“ erfand Loriot den Comicstrip „Reinhold das Nashorn“. Die Texte zu dieser beliebten, 17 Jahre lang gedruckten Serie schrieb Wolf Uecker (1921–1999). Loriots grafische Erfolge mündeten 1954 in einer lebenslangen publizistischen Verbindung mit dem Verleger Daniel Keel (1930–2011) und dessen Diogenes Verlag. 1954 wechselte Loriot zu dem von Theodor Martens (1897–1973) 1948 gegründeten Verlag Th. Martens & Co. Seitdem publizierte er erfolgreiche humoristische Zeichnungsserien in den Zeitschriften „Weltbild“ und „Quick“ und wandte sich auch wieder der Werbegrafik zu.

Loriot in Film und Fernsehen

1957 verpflichtete der Süddeutsche Rundfunk Loriot für kleine Fernsehengagements und -auftritte in verschiedenen Shows. Auch Nebenrollen in Kinofilmen nahm er an. Seit 1967 präsentierte Loriot in der Fernsehserie „Cartoon“ des Süddeutschen Rundfunks Zeichentrickfilme aus aller Welt, später flossen eigene Cartoon-Sketche und sog. Realfilme ein, womit Loriot zum Zeichner, Regisseur und Darsteller der Serie wurde. Nach einer einzelnen Folge der Sendung „Loriots Telecabinet“ (1974) produzierte er mit Radio Bremen die Serie „Loriot“, die von 1976 bis 1978 in der ARD ausgestrahlt wurde. In Evelyn Hamann (1942–2007) fand der Humorist für dieses Format die ideale Filmpartnerin und Ko-Moderatorin auf dem ikonisch gewordenen grünen Sofa.

Loriots erfolgreiche Kinofilme „Ödipussi“ (1988) und „Pappa ante portas“ (1991) setzten seine Sketche im Filmformat fort. Sie vereinten Hamann und Loriot als Protagonisten, die sich in ihrem bürgerlichen Alltag eingerichtet zu haben scheinen, aber durch eine biografische Veränderung vor Herausforderungen mit überspitzt-komischen Konsequenzen gestellt werden: Paul Winkelmann, genannt Pussi, lernt in „Ödipussi“ die Liebe in Gestalt der Psychologin Margarethe Tietze kennen. In „Pappa ante portas“ findet sich Heinrich Lohse unversehens im Ruhestand wieder und stellt das Leben seiner Familie auf den Kopf. Die Filme orientieren sich an der episodischen Komödien-Struktur einer Romantic Comedy und sezieren ironisierend den kleinbürgerlichen Alltag. Weitere populäre Fernsehereignisse waren Loriots Sendungen zu seinen runden und halbrunden Geburtstagen, die seit 1983 mit einer gerahmten Sketch-Revue begangen wurden.

Operninszenierungen und Sachbücher

Nachdem Loriot sich mit „Der Karneval der Tiere“ (1975) und „Peter und der Wolf“ (1982) eigene Adaptionen klassischer Musik erarbeitet hatte, wandte er sich zum Ende der Fernseh-Sketche in den 1980er Jahren dem Operngenre zu. Er inszenierte Friedrich von Flotows (1812–1883) „Martha“ am Staatstheater Stuttgart (1986), Carl Maria von Webers (1786–1826) „Freischütz“ im Schlosstheater Ludwigsburg (1988) und entwarf eine komisch-kommentierende Version von Richard Wagners (1813–1883) „Ring“ (1992). Ein weiterer Bestandteil von Loriots Werk sind zahlreiche Ratgeber-Bücher, die er seit den 1950er Jahren publizierte. Darin werden auf humorvolle Weise Benimmregeln und Alltagstipps in Wort und Bild zusammengestellt.

Summe des Lebenswerks

Seit Anfang der 2000er Jahre befasste sich Loriot mit der Sammlung und Herausgabe seines Gesamtwerks. Die „Vollständige Fernsehedition“ (2007) vereinte mit wenigen Ausnahmen sein gesamtes Fernsehwerk, Sketche, Cartoons und Moderationen. Texte versammelt der Band „Gesammelte Prosa“ (2006), einen Überblick über das Cartoonwerk bieten die „Gesammelte Bildergeschichten“ (2008).

Loriots Werk blieb in der Bundesrepublik v. a. in den wiederholt ausgestrahlten Fernseh- und Kinofilmen und Sketchen, in Neuauflagen seiner Bücher und durch eine unübersehbare Menge von Merchandise-Produkten mit den charakteristischen Knollennasenmenschen präsent. Darüber hinaus gingen zwei Arten von Verweisen auf sein Werk in die mündliche und schriftliche Alltagskultur ein. Einerseits sind dies einzelne, unauffällig scheinende Zitate wie „Ach was“, „Früher war mehr Lametta“ und „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein“. Solche charakteristischen Phrasen werden von der situativen Begegnung zwischen zwei Unbekannten bis in das Feuilleton als Loriot-Verweise verwendet und verstanden. Andererseits findet sich auch die Diagnose verbreitet, etwas sei „wie bei Loriot“ oder „loriothaft“.

Loriots Wirken in die Alltagskultur wird auch an der Reihe der berühmten Tiere aus allen von ihm bespielten Disziplinen deutlich: Waren die menschlichen Hunde in der Bundesrepublik der 1950er Jahre noch ein Grund für harsche Kritik, so sind „Reinhold das Nashorn“, Wum und Wendelin, seine Adaption der Suite „Der Karneval der Tiere“, die Cartoon-Ente des Dr. Klöbner, die versteckte Steinlaus im medizinischen Wörterbuch „Pschyrembel“ und nicht zuletzt Loriots Möpse unvergessen.

6. Erich Honecker

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Erich Hone­cker war von 1971 bis 1976 Ers­ter Se­kre­tär und von 1976-1989 schlie­ß­lich Ge­ne­ral­se­kre­tär des Zen­tral­ko­mi­tees der So­zia­lis­ti­schen Ein­heits­par­tei Deutsch­lands (SED). Zu­gleich war er Vor­sit­zen­der des Na­tio­na­len Ver­tei­di­gungs­ra­tes und von 1976 bis 1989 Vor­sit­zen­der des Staats­ra­tes der DDR.

Ge­bo­ren wur­de Erich Hone­cker in Wie­bels­kir­chen (Neun­kir­chen) am 25.8.1912 als Sohn des Berg­manns Wil­helm Hone­cker (1881-1969) und des­sen Frau Ca­ro­li­ne Wei­den­hof (1883-1969). Sein Va­ter, zu­nächst Par­tei­mit­glied der SPD, ge­hör­te seit 1919 der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (KPD) an. Ei­ne bür­ger­li­che Schul­aus­bil­dung er­hielt Erich Hone­cker al­lein in der Volks­schu­le, die er nach acht Jah­ren 1926 ab­schloss. Er durch­lief je­doch seit sei­nem zehn­ten Le­bens­jahr ei­ne kom­mu­nis­ti­sche Er­zie­hung, in­dem er der Kin­der­grup­pe des Jung­spar­ta­kus, spä­ter dem Pio­nier­ver­band in Wie­bels­kir­chen an­ge­hör­te, ehe er von 1926 an knapp zwei Jah­re als Land­ar­bei­ter in Pom­mern und ab 1928 als Dach­de­cker ar­bei­te­te. Wäh­rend die­ser Zeit ge­hör­te er dem Holz­ar­bei­ter­ver­band an.

Hone­cker wid­me­te von sei­nem 18. Le­bens­jahr an sein ge­sam­tes Le­ben der po­li­ti­schen Ar­beit. Zu­nächst durch­lief er Sta­tio­nen des Kom­mu­nis­ti­schen Ju­gend­ver­ban­des Deutsch­land (KJVD), wo er po­li­ti­scher Lei­ter der Orts­grup­pe Wie­bels­kir­chen war, die Be­zirks­schu­le des Ver­ban­des be­such­te und von 1930 an haupt­amt­li­cher Funk­tio­när des KJVD war. 1930 trat er der KPD bei und be­such­te ei­nen Lehr­gang an der In­ter­na­tio­na­len Le­n­in­schu­le in Mos­kau. Dort trug er den Na­men „Fritz Mal­ter". Von 1931 an war er in der Be­zirks­lei­tung des KJVD im Saar­ge­biet als Agi­ta­ti­ons- und Pro­pa­gan­da-Se­kre­tär ak­tiv und ge­hör­te auch dem Se­kre­ta­ri­at der Be­zirks­lei­tung der KPD an.

Wäh­rend der Herr­schaft der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten war er il­le­gal tä­tig. Bis 1934 wirk­te er als In­struk­teur „Her­bert" der Par­tei im Ruhr­ge­biet. In Es­sen kurz­zei­tig in­haf­tiert, floh er in die Nie­der­lan­de. Von dort aus war er für die KJVD-Be­zir­ke in der Pfalz, Hes­sen und Ba­den-Würt­tem­berg ver­ant­wort­lich. Im Herbst 1934 warb er mit sei­ner Par­tei ver­geb­lich ge­gen den An­schluss des Saar­ge­bie­tes an das Deut­sche Reich. Die Be­deu­tung des 22-jäh­ri­gen für den Ju­gend­ver­band wird dar­an deut­lich, dass er in das Zen­tral­ko­mi­tee (ZK) des KJVD ko­op­tiert wur­de. Nach der ver­lo­re­nen Saar­ge­biets-Ab­stim­mung 1935 floh er nach Pa­ris, wur­de dann In­struk­teur „Mar­ten Tja­den" in Ber­lin und wäh­rend sei­ner po­li­ti­schen Ar­beit im De­zem­ber 1935 ver­haf­tet. Der Volks­ge­richts­hof ver­ur­teil­te ihn zu zehn Jah­ren Zucht­haus, die er ab 1937 über­wie­gend als Kal­fak­tor im Zucht­haus Bran­den­burg, ab 1943 in ei­ner Bau­ko­lon­ne im Frau­en­gefäng­nis in Ber­lin ver­brach­te. Im März 1945 floh er aus dem Ge­fäng­nis und ver­steck­te sich bei der Ge­fäng­nis­auf­se­he­rin Lot­te Grund (ge­stor­ben 1947), be­vor er im April in die Ar­beits­ko­lon­ne zu­rück­kehr­te.

Un­mit­tel­bar nach Kriegs­en­de setz­te er sein po­li­ti­sches En­ga­ge­ment fort. Er war Ju­gend­se­kre­tär beim ZK der KPD und er­heb­lich beim Auf­bau ei­ner an­ti­fa­schis­ti­schen Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on ein­ge­bun­den, de­ren Vor­sitz er in­ne­hat­te. Die­se Funk­ti­on über­nahm er auch bei der dar­aus ent­stan­de­nen Frei­en Deut­schen Ju­gend (FDJ), der er bis 1955 vor­stand. Die her­aus­ge­ho­be­ne Be­deu­tung im Ju­gend­ver­band fand ih­re Ent­spre­chung in der SED, dem 1946 er­folg­ten Zu­sam­men­schluss von SPD und KPD, de­ren Par­tei­vor­stand und Zen­tral­ko­mi­tee er ab 1946 be­zie­hungs­wei­se 1949 an­ge­hör­te. Zu­sätz­lich war er von 1950 bis 1958 zu­nächst Kan­di­dat des Po­lit­bü­ros, spä­ter des­sen Voll­mit­glied. Im „par­la­men­ta­ri­schen" Raum ge­hör­te er 1948 dem Prä­si­di­um des Deut­schen Volks­ra­tes an, aus dem 1949 die Volks­kam­mer her­vor­ging. Ei­ne ers­te po­li­ti­sche Kri­se durch­leb­te Hone­cker im Ju­ni 1953, als all­ge­mein Ein­ver­ständ­nis über sei­ne un­zu­rei­chen­den Qua­li­fi­ka­tio­nen herrsch­te. Erst ein 1955/ 1956 ab­sol­vier­ter Be­such der Par­tei­hoch­schu­le des ZK der KPdSU in Mos­kau soll­te dies mil­dern.

Nach sei­ner Rück­kehr nach Ber­lin über­nahm er die Lei­tung der im Macht­ge­fü­ge der DDR be­deu­ten­den „Si­cher­heits­kom­mis­si­on", die we­sent­lich an der Un­ter­drü­ckung in­ner­par­tei­lich kri­ti­scher Stim­men be­tei­ligt war. Ent­spre­chend wur­de er im Fe­bru­ar 1958 als Se­kre­tär des ZK der SED ein­ge­setzt, wo er für Si­cher­heits- und Ka­der­fra­gen so­wie die „Lei­ten­den Par­tei­or­ga­ne" ver­ant­wort­lich war. Mit die­ser Macht­fül­le war Hone­cker, der von 1960 bis 1971 auch Se­kre­tär des Na­tio­na­len Ver­tei­di­gungs­ra­tes war, nach dem Staats­rats­vor­sit­zen­den Wal­ter Ul­bricht (Amts­zeit 1960-1971) der zweit­mäch­tigs­te Mann in der DDR. Mit sei­nem Zieh­va­ter kam es je­doch zu Span­nun­gen. Nach ei­nem spä­ten An­flug von Re­form­wil­len, der ins­be­son­de­re auf die „tech­ni­sche In­tel­li­genz" setz­te und da­mit den Ein­fluss­be­reich Hone­ckers be­schnitt, ging Hone­cker zu­neh­mend auf Dis­tanz zu Ul­bricht. Mit­hin un­ter­grub er die Re­form­plä­ne und die von Ul­bricht an­ge­sto­ße­nen deutsch-deut­schen An­nä­he­rungs­ver­su­che. Mit Rü­cken­de­ckung aus Mos­kau stürz­te er Wal­ter Ul­bricht im März 1971 und trat des­sen Nach­fol­ge an.

Fort­an ver­füg­te Hone­cker bis zu sei­nem ei­ge­nen Sturz im Ok­to­ber 1989 über al­le re­le­van­ten Macht­funk­tio­nen in der DDR: Er war Ers­ter, dann Ge­ne­ral­se­kre­tär der SED so­wie Vor­sit­zen­der des Staats­ra­tes und des Na­tio­na­len Ver­tei­di­gungs­ra­tes.

Mit sei­nem 1971 er­folg­ten Macht­an­tritt deu­te­te er an­fangs ei­ne re­la­ti­ve Li­be­ra­li­sie­rung, über­wie­gend in Kunst und Kul­tur, an. Doch ent­fiel die­se spä­tes­tens mit der Aus­bür­ge­rung des kri­ti­schen Bar­den Wolf Bier­mann (ge­bo­ren 1936), ei­ner wie­der in­ten­si­vier­ten Un­ter­drü­ckung op­po­si­tio­nel­ler Grup­pen und ei­nem er­heb­li­chen Aus­bau der in­ner­deut­schen Staats­gren­ze so­wie des Re­pres­si­ons­ap­pa­ra­tes. Dies gilt vor al­lem für das Mi­nis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit, des­sen An­zahl an haupt­amt­li­chen und in­of­fi­zi­el­len Mit­ar­bei­tern sich wäh­rend sei­ner Amts­zeit ver­dop­pel­te. Das auf ihn zu­rück­ge­hen­de ehr­gei­zi­ge so­zi­al­po­li­ti­sche Pro­gramm der „Ein­heit von Wirt­schafts- und So­zi­al­po­li­tik" über­for­der­te die öko­no­mi­schen Mög­lich­kei­ten, die auch durch ei­ne zu­neh­men­de Ver­staat­li­chung nicht in den Griff zu be­kom­men war.

Schlie­ß­lich war die DDR auf Mil­li­ar­den­kre­di­te der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land an­ge­wie­sen. Gleich­wohl setz­te mit dem Grund­la­gen­ver­trag ei­ne Wel­le in­ter­na­tio­na­ler An­er­ken­nung der DDR ein, die ih­ren Hö­he­punkt für Hone­cker im Emp­fang durch den Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl (Amts­zeit 1982-1998) im Sep­tem­ber 1987 in Bonn und bei ei­nem Staats­be­such ein Jahr spä­ter in Pa­ris er­reich­te. Al­ler­dings ver­moch­te er sich die Pe­res­troi­ka-Po­li­tik des so­wje­ti­schen Staats­chefs Mi­chail Gor­bat­schow (Amts­zeit 1985-1991) nicht zu Ei­gen ma­chen, wo­mit die An­zahl kri­ti­scher Stim­men in der Ge­sell­schaft und in der ei­ge­nen Par­tei so sehr zu­nahm, dass sein Rück­tritt von al­len Äm­tern im Ok­to­ber 1989 all­seits er­war­tet wur­de.

Kurz nach sei­ner De­mis­sio­nie­rung er­mit­tel­te der Ge­ne­ral­staats­an­walt der DDR ge­gen ihn fol­gen­los we­gen Amts­miss­brauch und Kor­rup­ti­on, im De­zem­ber 1989 schloss ihn sei­ne ei­ge­ne Par­tei aus. Er trat je­doch der wie­der ge­grün­de­ten KPD bei. Aus der Un­ter­su­chungs­haft, in der er sich ab Ja­nu­ar 1990 auf­hielt, wur­de er we­gen Haft­un­fä­hig­keit ent­las­sen. Er fand Un­ter­kunft in ei­nem Pfarr­haus in Lo­be­tal.

An­ge­sichts sei­ner be­reits im Som­mer an­ge­grif­fe­nen Ge­sund­heit kam er ins Spi­tal der So­wjet­ar­mee in Bee­litz, wo ihn im No­vem­ber 1990 ein Haft­be­fehl er­reich­te. Im März 1991 floh er nach Mos­kau und hielt sich ab De­zem­ber 1991 in der dor­ti­gen chi­le­ni­schen Bot­schaft auf, kehr­te aber im Ju­li 1992 nach Ber­lin zu­rück, wo er bis Ja­nu­ar 1993 in Un­ter­su­chungs­haft ge­nom­men wur­de. Das Land­ge­richt Ber­lin hob an­ge­sichts sei­nes Ge­sund­heits­zu­stan­des den Haft­be­fehl auf, wo­mit er un­ge­hin­dert ge­mein­sam mit sei­ner Ehe­frau Mar­got (1927-2016) nach Chi­le rei­sen konn­te. Dort ver­starb er am 27.5.1994.

Erich Hone­cker war drei­mal ver­hei­ra­tet: Sei­ne ers­te Ehe­frau war 1946/1947 die Ge­fäng­nis­auf­se­he­rin Char­lot­te Scha­nu­el, 1949 hei­ra­te­te er Edith Bau­mann und schlie­ß­lich 1953 Mar­got Feist. Die bei­den Letz­te­ren wa­ren Funk­tio­nä­rin­nen in der FDJ, Mar­got Hone­cker von 1963 bis 1989 Volks­bil­dungs­mi­nis­te­rin. Sei­ne 1952 ge­bo­re­ne Toch­ter Son­ja stammt von sei­ner drit­ten Ehe­frau.

 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Ludz, Ursula, „Arendt, Hannah“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.04.2023, URL: https://www.deutsche-biographie.de/11850391X.html#dbocontent, zuletzt geprüft am 11.08.2025.

-> Wolf Biermann, in: Künste im Exil, online verfügbar unter: https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Personen/biermann-wolf.html, zuletzt geprüft am 11.08.2025.

-> Geppert, Dominik, „Adenauer, Konrad“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2022, URL: https://www.deutsche-biographie.de/11850066X.html#dbocontent, zuletzt geprüft am 01.09.2025.

-> Alexander S. Blum / Emily Philippi, „Heisenberg, Werner“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2024, URL: https://www.deutsche-biographie.de/118548670.html#dbocontent, zuletzt geprüft am 01.09.2025.

-> Bers, Anna, „Loriot“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2025, URL: https://www.deutsche-biographie.de/118729101.html#dbocontent, zuletzt geprüft am 01.09.2025.

Sekundärliteratur

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