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Perspektiven der Soldaten

Inhaltsverzeichnis

1. Soldatische Kriegserfahrungen im industrialisierten Krieg

1. Soldatische Kriegserfahrungen im industrialisierten Krieg

Die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs machten den einzelnen Soldaten zur Randnotiz der Geschichte. Gerade die hohen Verluste der Armeen in den Anfangsmonaten des Krieges zeigen, wie die Wirkung von moderner Artillerie und Maschinengewehren unterschätzt wurde. Im Stellungskrieg prägten dann Tod, Verwundung und seelischer Zusammenbruch den Alltag.

"Wenn es nur nicht immer das gleiche wäre", lässt Edlef Köppen den Protagonisten seines Romans "Heeresbericht" im inneren Monolog sagen. "Der Krieg ist zur Maschine geworden, zur automatischen Maschine. Infanterieangriff: Sperrfeuer. Artilleriekampf: Antwort. Und Antwort heißt: Verluste." Die gab es indessen schon in den ersten Wochen und Monaten, die für viele Soldaten und Offiziere noch ganz im Geiste eines frisch-fröhlichen Krieges begonnen hatten - jedenfalls bis zur Feuertaufe. Bereits diese Frühphase bestimmte, was dann mit Beginn des Stellungskrieges den Soldatenalltag der vordersten Linien beherrschte: Tod, Verwundung, seelischer Zusammenbruch - bei zunehmend schlechter Verpflegung und anhaltenden sozialen Missständen.

Die Verluste der ersten Monate

Ein deutscher Gefangener stützt britischen Verwundete auf dem Weg nach Bernafay während der Somme-Schlacht, 19. Juli 1916.

Ein deutscher Gefangener stützt britische Verwundete auf dem Weg nach Bernafay während der Somme-Schlacht, 19. Juli 1916. (© picture-alliance, Mary Evans Picture Library)

Bereits in den ersten drei Monaten des Bewegungskrieges waren immense Verluste durch Tod und Verwundung unter den beteiligten Armeen zu beklagen. So starben etwa im Verlauf der ersten Grenzschlachten zwischen dem 20. und 25. August 1914 allein auf französischer Seite rund 40.000 französische Soldaten, das heißt, durchschnittlich etwa 8.000 Männer pro Tag. Während der folgenden Grenzschlachten zwischen August und November 1914 hatten insbesondere die angreifenden deutschen Divisionen Verluste, die an der Westfront im Durchschnitt selbst in den großen Materialschlachten des Jahres 1916 nicht zu verzeichnen waren. Im September 1914 beispielsweise kamen fast 17 Prozent der eingesetzten deutschen Soldaten zu Tode oder wurden verwundet, rund 260.000 Mann - eine barbarisch hohe Zahl, die noch an Bedeutung gewinnt, wenn man sich die durchschnittliche "Monatsquote im Westen" für die Jahre bis zum März/April 1918 vor Augen führt: Sie lag bei 3,5 Prozent. Erst während den letzten, zunächst erfolgreichen deutschen Offensiven ab dem 21. März 1918 und im Verlauf der Mitte Juli einsetzenden, die Niederlage besiegelnden Rückzugskämpfe im Westen schnellten die Verluste wieder massiv in die Höhen jener ersten Monate.

Die hohen Anfangsverluste aller Armeen gingen auf den bedenkenlosen, die Wirkung moderner Artillerie und Maschinengewehre unterschätzenden Einsatz der Männer zurück. Ob West- oder Ostfront: Immer wieder in diesen ersten Monaten des Krieges gingen oder liefen ganze Regimenter in dichten Schwarmlinien den feindlichen Stellungen entgegen, aus denen ihnen ein Geschosshagel aller Kaliber entgegenschlug. Oft geschah dies ohne jede artilleristische Vorbereitung oder die Mitführung von Maschinengewehren, ja, mitunter wurde gar ausdrücklich befohlen, etwa bei Nacht- oder Morgenangriffen, mit entladenen, nur mit dem Bajonett versehenen Gewehren vorzurücken, damit kein Schuss sich versehentlich lösen und den angestrebten Überraschungseffekt vereiteln konnte.

Über die dadurch verursachten Verluste hinaus mehrten sich in diesen ersten Wochen, wenig überraschend, die Fälle seelischer Zusammenbrüche unter den Truppen, die sowieso schon durch Gewaltmärsche und durch die in jenem Sommer besonders große Hitze erschöpft waren. Hinzu kamen zunehmend bereits sozial motivierte Klagen, die in ihrer Masse belegen, dass auch in der Armee der am 4. August verkündete "Burgfrieden" bereits zu erodieren begann, wenn er denn je im Heer je bestanden hat, das streng hierarchisch gegliedert war und auf dem entschiedenen Gegensatz von Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren basierte.

In der französischen Armee führten die ersten, oft schockartig erlebten, geradezu wie Massaker verlaufenden Gefechte schon im August und September 1914 zu auffällig vielen Desertionsversuchen, Befehlsverweigerungen und sogar zur Ermordung von eigenen Offizieren - Delikte, die gnadenlos mit standrechtlichen Erschießungen geahndet wurden. Selbst für das britische Expeditionskorps, das aus mehr oder weniger erfahrenen Berufssoldaten bestand, die zumeist in Kolonialkriegen auch schon erste Gefechtserfahrungen machen konnten, wird über Panikreaktionen und ungeordnete Rückzüge berichtet. Der französische Oberbefehlshaber Joseph Joffre sah sich schnell gezwungen, allein bis zum 6. September fast 60 untere Generalsdienstränge neu zu besetzen, um die teils in Auflösung begriffene Armee in den Griff zu bekommen. Erst der Befehl zum provisorischen Eingraben der Infanterie und deren massive Unterstützung durch das französische Standard-Feldgeschütz (Kaliber 7,5 cm), dessen hohe Feuergeschwindigkeit und Treffergenauigkeit gefürchtet war, brachte zwischen dem 6. und 9. September 1914 die deutschen Truppen an der Marne zum Stehen. In den vier Tagen der Schlacht verschossen die französischen Feldgeschütze über 400.000 Granaten - in ihrer Mehrzahl Schrapnellgranaten. Sie waren ausgestattet mit Verzögerungszündern, so dass sie unmittelbar über den Sturmkolonnen der Deutschen explodierten und ihre Ladungen mit Metallkugeln verstreuten - ein Grund für die erwähnten hohen deutschen Verluste in dieser Anfangsphase des Krieges.

Der Stellungskrieg

Natürlich bedeuten die eben genannten Durchschnittsangaben der Verluste nicht, dass es während der mitunter Wochen und Monate andauernden Materialschlachten der folgenden Jahre nicht Hekatomben von Toten geben konnte und auch gab. Allein am ersten Tag der Somme-Schlacht, am 1. Juli 1916, verloren die angreifenden britischen Truppen fast 58.000 Männer innerhalb weniger Stunden: rund 20.000 Tote und knapp 36.000 Verwundete, der Rest galt als vermisst oder war gefangen genommen worden. Bis heute ist dies der blutigste Tag in der Geschichte des britischen Militärs. Aber neben diesen Phasen intensiver Materialschlachten gab es an der Westfront auch Zonen, in denen sich die gegenüberliegenden Soldaten weitgehend in Ruhe ließen, wie überhaupt die Erstarrung der Front zunächst zu einer drastischen Reduzierung der Verluste führte - jedenfalls solange beide Seiten an der Erhaltung der jeweilig besetzten Positionen interessiert waren und ein eigener oder feindlicher Angriff nicht bevorstand. Die spektakulärsten inoffiziellen Waffenstillstandsvereinbarungen und Verbrüderungen ereigneten sich unmittelbar nach dem Übergang vom Bewegungs- zum Stellungskrieg in den Weihnachtstagen des Jahres 1914 an der Ost-, besonders aber an der Westfront. Dort kam es sogar im Rahmen der "Weihnachtsverbrüderungen" an einem Teil der Front zu Fußballspielen zwischen deutschen und englischen Soldaten im Niemandsland zwischen den Gräben. Doch auch in den folgenden Jahren der Materialschlachten gab es immer wieder Frontabschnitte, in denen sich zeitweilig und sogar in Phasen beiderseitiger Aktivitäten ein Alltag nach dem Prinzip des 'Leben und leben lassen' zu entwickeln vermochte.

Traumatischer Alltag

Gefallene Soldaten bei Postawy, Polen, im März 1916.

Gefallene Soldaten bei Postawy, Polen, im März 1916. (© picture-alliance/akg)

In dieser Welt der immer wieder neu ersonnenen Mittel, Durchbrüche zu erzielen und möglichst viele Menschen zu töten, versuchte die Mehrzahl der Soldaten vor allem zu überleben. Natürlich spielte es eine wichtige Rolle, an welchem Frontabschnitt sie eingesetzt wurden - einmal abgesehen von den rückwärtigen Linien oder gar der Etappe - oder ob sie zu Nachschubeinheiten oder Armierungs- oder "Schipper"-Trupps gehörten, die vornehmlich Auffanggräben oder Befestigungsanlagen zu errichten hatten.

Das Ausmaß und die Intensität des Materialkrieges an der Westfront zeigten sich besonders in Gestalt traumatisierter Soldaten. Schon im "Anschluß an die großen, in außerordentlicher Hitze zurückgelegten Märsche in Belgien” war es unter den Truppen zu "Krampfleiden, traumatischen Psychosen im Gefolge seelischer Erschütterung” in großer Zahl gekommen. Die stetige Zunahme der Erkrankungen aufgrund der Materialschlachten - "die Nervenlazarette unseres Landes (sind) wohl die einzigen, die immer voll belegt sind”, hieß es 1917 in einem Bericht - erforderte von den Militärärzten ein organisiertes Vorgehen. Es zielte im Wesentlichen auf die schnelle Wiederverwendungsfähigkeit der Soldaten für den Front- oder Garnisonsdienst ab.

Die Therapiemethoden konnten von ausgesuchter Brutalität sein: Elektroschocks, Kehlkopfsonden, die bei stumm gewordenen Kriegsneurotikern Erstickungsanfälle hervorrufen und dadurch die Stimme wiedererwecken sollten, "Hungerkuren” und die völlige Isolierung der Kranken, nur unterbrochen vom "Zwangs- oder Gewaltexerzieren”, gehörten dazu. Überdies wurden etwa der Schock oder die Erschütterung nach Granatenexplosionen oder nach Verschüttungen als Ursachen für die Neurose verworfen oder nur noch eingeschränkt anerkannt; man sprach stattdessen von einer "neurotischen Fixierung”. Zwar gab es in Deutschland auch viele Beispiele eines humanen Umgangs mit Kriegsneurotikern, die sich nicht zuletzt im internationalen Vergleich umso positiver von den üblichen Therapien abhoben. Tendenziell aber, über den Krieg hinaus und immer mehr durchsetzt mit "rassehygienischen" Vorstellungen gewannen jene Behandlungsmethoden die Oberhand, in denen der "innere Kampf des Ichs um seine Selbsterhaltung” als Kernkonflikt der Kriegsneurose dem "Kampf um das nationale Überleben” gegenüberstand.

Durch den ganzen Krieg hindurch zogen sich nie abreißende Klagen über die in der deutschen Armee eisern eingehaltene scharfe Abgrenzung der Offiziere von Unteroffizieren und Mannschaften. Schikanen und Misshandlungen durch Vorgesetzte, sinnlose Befehle und demütigende Strafen blieben an der Tagesordnung. So war es in der deutschen Armee noch bis März 1917 im Felde erlaubt, in Ermangelung einer Arrestzelle verurteilte Soldaten an Bäume oder Wagenräder zu fesseln, in der Regel täglich bis zu zwei Stunden. Anonyme Briefe oder wütende "Kritzeleien" auf Aborten oder in Unterständen boten oft das einzige Ventil.

Gehorsams- und Befehlsverweigerungen, unerlaubte Entfernungen von der Truppe, aber auch Desertionen oder das Überlaufen zum Feind häuften sich mit zunehmender Dauer der Materialschlachten. Gegen das offensichtliche oder auch durch eine mitunter selbst beigebrachte Wunde verdeckte, einfache Zurückbleiben im Graben nach dem Angriffsbefehl wurde bereits Mitte 1916 eine Art "Schlachtpolizei" - wie sie in der englischen Armee genannt wurde - eingesetzt. Offiziere oder Angehörige der Feldpolizei suchten die Gräben nach Zurückgebliebenen ab; in der deutschen Armee wurden mitunter die Reservestellungen unmittelbar hinter der vordersten Front generell zur "Polizeilinie" bestimmt.

In der französischen Armee, in der Gehorsamsverweigerungen seit den schockartigen Anfangstagen des Krieges ein Thema waren, kam es - beginnend im April - vor allem zwischen Mai und Juni 1917 sogar zu größeren Meutereien. Im Anschluss an die Offensive am Chemin des Dames (Nivelle-Offensive) - sie erbrachte trotz großer Ankündigungen kaum Geländegewinne und führte in zwei Wochen zu fast 150.000 Toten und Verwundeten - verweigerten nicht mehr nur einzelne oder kleinere Gruppen von Soldaten den Gehorsam, sondern ganze Regimenter und Divisionen. Insbesondere in Ruhestellungen liegende Einheiten verweigerten die Rückkehr in die erste Linie. Dabei nahmen die dadurch entstehenden Unruhen teils revolutionäre Züge an, es wurden rote Fahnen aufgezogen, Offiziere bedroht und verprügelt und in einem Regiment sogar der Marsch auf Paris erwogen. Schließlich wurden durch loyale Truppen von den über 30.000 Meuterern 3.427 festgenommen und vor Gericht gestellt. Von den 554 zum Tode Verurteilten wurden 49 hingerichtet, aber mehr als 1.300 zur Zwangsarbeit verurteilt - die meisten von ihnen kamen erst Jahre nach dem Krieg wieder in Freiheit. In der deutschen Armee kam es nach den letztlichen Misserfolgen der Michael-Offensive und den ihr noch folgenden Offensiven ab Spätsommer 1918 zu einer rapide um sich greifenden Aufgabe des Kampfes durch die Fronttruppen, die in der Forschung als "verdeckter Militärstreik" charakterisiert wurde. Zwar liefen nur wenige zum Feind über - ein auch und gerade noch in diesen letzten Monaten nicht ungefährliches Vorhaben. Aber ca. eine Million Soldaten "verdünnisierte" sich nun über die Etappe in Richtung Heimat oder ließ sich einfach überrollen und gefangen nehmen.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Ulrich, Bernd: Soldatische Kriegserfahrungen im industrialisierten Krieg, in: bpb online, online seit 06.05.2013, unter: https://www.bpb.de/themen/erster-weltkrieg-weimar/ersterweltkrieg/155307/soldatische-kriegserfahrungen-im-industrialisierten-krieg/, zuletzt geprüft am 22.10.2025.

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Sekundärliteratur

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