Adel und gehobenes Bürgertum
Inhaltsverzeichnis
- Kleine Geschichte der Kotze-Affäre, eines Sexskandals am Kaiserhof
- Das Bü
rgerlichergertum.KulturWeundimmerihrestrebendReformbewegungsich bemüht.
1. Kleine Geschichte der Kotze-Affäre, eines Sexskandals am Kaiserhof
Adel, Sex und Schlittenfahrt – wie ein frivoler Ausflug das wilhelminische Berlin erschütterte und den ehrenwerten Namen eines Mannes befleckte, erzählen unsere Kolumnisten.
Es ist Januar im Jahr 1891. Einige Mitglieder des kaiserlichen Hofs begeben sich auf eine Schlittenfahrt in Berlin. Die illustre Gesellschaft, darunter der Schwager und der Zeremonienmeister von Kaiser Wilhelm II., vergnügt sich, bis die Dämmerung hereinbricht. Es wird beschlossen, die Nacht im pittoresken Jagdschloss Grunewald zu verbringen.
Die 15 Anwesenden speisen fürstlich zu Abend, der Champagner fließt in Strömen, bis zu fortgeschrittener Stunde die Stimmung so ausgelassen wird, dass nicht nur Hemmungen, sondern auch Kleidungsstücke fallen. Schnell kommt man sich näher, bis das Ganze schließlich in einer veritablen Orgie endet.
Am nächsten Tag bricht die Runde wieder auf. Und ein jeder und eine jede gehen davon aus, dass die vergnüglichen Stunden des Vorabends im Dunkel der Vergangenheit verborgen bleiben.
Doch weit gefehlt.
Skandalbriefe machen die Runde
Es entfaltet sich ein handfester Sexskandal um den Kaiserhof. Die Ereignisse hat unter anderem der Historiker Wolfgang Wippermann in seinem Buch »Skandal im Jagdschloss Grunewald« dargelegt. Denn schon einen Tag später erhalten nicht nur die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schlittenfahrt, sondern auch weitere Mitglieder des kaiserlichen Hofs Post. Es sind Briefe, in denen die Vorkommnisse jener Nacht nicht nur bis ins kleinste Detail geschildert werden, sie sind sogar teils mit pornografischen Zeichnungen versehen. Und wer bei dem ausschweifenden Stelldichein mitgemischt hat, ist mit Namen genannt.
Darunter Ernst Günther von Schleswig-Holstein (1863–1921), der Bruder der Kaiserin. Sein Spitzname »Herzog Rammler« bezeugt, dass er generell sexuellen Eskapaden nicht abgeneigt ist. Auch das Ehepaar von Hohenau steht auf der Liste – und Hohenau-Gattin Charlotte von der Decken (1863–1933) erhält in den Briefen die Bezeichnung »Lottchen von Preußen«. Lottchen galt damals als abwertender Ausdruck für eine Prostituierte.
Schnell findet der Inhalt der Briefe den Weg in die Öffentlichkeit. Nicht zuletzt, weil es am Hof üblich war, dass die Post, bevor sie an den Frühstückstisch kam, von Bediensteten geöffnet, gelesen und sortiert wurde.
Für die Betroffenen ist die Angelegenheit nicht nur peinlich, sondern auch brandgefährlich. Denn in den Briefen werden unter anderem homosexuelle Handlungen beschrieben, die zu jener Zeit noch mit bis zu zehn Jahren Haft unter Strafe standen. Und obwohl Mitglieder des Hofstaats eine Sonderstellung im Kaiserreich innehaben, sie also nicht mit denselben drakonischen Strafen wie der Rest der Bevölkerung rechnen müssen, sind die Briefe allemal ehrenrührig. Und die Ehre zu verlieren, das konnte in einer adeligen Stellung sehr reale und sehr drastische Folgen haben, wie die folgenden Jahre zeigen sollten.
Erst ein Fall für die Polizei, dann einer für die Selbstjustiz
Um der Schmach und den eventuellen Folgen zu entgehen, setzen die Beteiligten alles daran, die für die Briefe verantwortliche Person ausfindig zu machen. So wird Kommissar Eugen von Tausch auf den Fall angesetzt. Doch obwohl er sich selbst illegaler Methoden bedient, verlaufen seine Ermittlungen im Sand. Einer seiner Hauptverdächtigen, der oben erwähnte »Herzog Rammler«, verbündet sich daraufhin mit anderen Betroffenen, um auf eigene Faust den Schuldigen zu ermitteln. Schon bald haben sie einen Verdächtigen ausgemacht: den Zeremonienmeister des Kaisers, Leberecht von Kotze (1850–1920).

Von Kotze war zwar bei Kaiser Wilhelm II. beliebt, doch innerhalb des Hofstaats hatte er einen schlechten Stand. Ihm wurde nachgesagt, ein Lästermaul zu sein, auch seine Vorliebe für elegante Kleidung sorgte für Missfallen.
Um von Kotze die Schuld zuzuschieben, entwendet man aus seinem Haus Löschblätter. Und auf einem zeichnet sich dann doch tatsächlich das Wort »Lottchen« ab. Ein Grafologe wird hinzugezogen, der zu dem Schluss kommt, dass die Abdrücke den »Eindruck der Absichtlichkeit« vermitteln. Höchstwahrscheinlich handelt es sich also um eine Fälschung. Dennoch schafft es die Gruppe, den Kaiser von der Schuld von Kotzes zu überzeugen. So wird der Zeremonienmeister am 17. Juni 1894 – mehr als zwei Jahre nach dem Auftauchen der ersten Briefe – vom Chef des Militärkabinetts verhaftet.
Für eine Schuldzuweisung fehlen Beweise
Doch die Anklage steht auf wackligen Beinen. Vor allem weil der Grund der Verhaftung – verleumderische Beleidigung und Verbreitung unzüchtiger Schriften – nach einer Anklage vor einem ordentlichen Gericht verlangt. Von Kotze soll allerdings vor einem Militärgericht angeklagt werden. Das ist aber nicht möglich, weil er Rittmeister außer Dienst ist. Kurzerhand wird er wieder aktiviert, vom Rittmeister a. D. zum Rittmeister z. D. (zur Disposition) gemacht.
Allerdings schwindet die Glaubwürdigkeit der Anklage, da weitere obszöne Briefe über die Schlittenfahrtgesellschaft auftauchen – obwohl von Kotze in Haft ist. Letztlich wird der beschuldigte Zeremonienmeister aus dem Gefängnis entlassen.
Doch für den Kaiser ist die Sache noch nicht vorbei. Er setzt eine Untersuchungskommission ein, die von Kotzes Schuld beweisen soll. Diesem reicht es nun aber. Er nimmt sich einen Anwalt und geht an die Öffentlichkeit. Der gesamte Skandal gelangt an die Presse. In Zeitungsberichten beschuldigt von Kotze diejenigen, die ihn verurteilt sehen wollten.
Das Bürgertum ist empört, der Kaiserhof bloßgestellt. Die Schmach ist derart verletzend, dass einer der Widersacher, Karl Freiherr von Schrader (1848–1896), von Kotze zum Duell fordert. Dieser nimmt an. Das Schießgefecht endet ohne Sieger und Verletzte. Nachdem von Kotze dann in einem weiteren Prozess vor dem Militärgericht freigesprochen wird, lenkt auch der Kaiser ein. Er akzeptiert von Kotzes Unschuld und verlangt eine Entschuldigung von jenen, die diesen zu Unrecht beschuldigt hatten. Die meisten Ankläger leisten Folge, doch drei weigern sich, darunter Freiherr von Schrader. Von Kotze, der nun wiederum seine Ehre verletzt sieht, fordert alle drei zum Duell.
Wieder soll ein Duell die Ehre wiederherstellen
Einer der drei tritt schließlich am 13. April 1895 gegen von Kotze an. Der wird am Bein verletzt, und obwohl Duelle damals verboten sind, schickt der Kaiser ihm Genesungswünsche ins Krankenhaus. Für Schrader ist die Sache aber noch nicht vorbei. Er fordert von Kotze einige Monate später wieder heraus. Am Ende ist Schrader tot und von Kotze im Gefängnis. Wegen Totschlags wird er zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Einige Monate später begnadigt ihn der Kaiser jedoch. Der Zeremonienmeister zieht sich auf sein Anwesen zurück, wo er den Rest seines Lebens verbringt.
Der Skandal schadet dem Ansehen des kaiserlichen Hofstaats. Nicht nur wegen der moralischen Verfehlungen, auch die Austragung von eigentlich verbotenen Duellen sorgt für Aufruhr in der Bevölkerung. Die Tatsache, dass der Kaiser die Duelle billigte, mündet schließlich in einen parlamentarischen Antrag durch die Sozialdemokraten. Sie fordern das Kaiserhaus auf, sich stärker gegen die illegale Praxis einzusetzen.
Was zwischen all den Versuchen, verlorene Ehre wiederherzustellen, in den Hintergrund rückt, ist die Frage, wer nun tatsächlich für die Briefe verantwortlich ist. Eine Theorie der Historiker besagt, dass vielleicht der Schwager des Kaisers selbst die Briefe verfasst hatte, mit der Hilfe von Komplizen. Doch obwohl heute noch mehr als 200 dieser Briefe im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz lagern, ließ sich bislang nicht sicher beantworten, wer tatsächlich hinter den skandalösen Schreiben steckt.
2. Das Bürgertum. Wer immer strebend sich bemüht.
Prunkvolle Inneneinrichtung, tadellose Körperhaltung, repräsentative Familie: Das Bürgertum müht sich stets um Status und Ansehen. So auch die Kaufmannsdynastie Mann aus Lübeck. Aber 1901 veröffentlicht Sohn Thomas Mann seinen Roman »Buddenbrooks« – und zeigt darin Abgründe hinter herrschaftlichen Fassaden Wenn nun doch alles vergeblich ist? Wenn der Abstieg jederzeit drohen kann. Wenn die Anstrengungen nichts mehr nützen. Die Selbstdisziplin. Die Tüchtigkeit. Wie schnell das gehen kann! Noch schneller als der Aufstieg.
Nehmen wir die Familie Mann aus Lübeck. Sie hatte es doch schon geschafft. Hatte etwas gewagt, das Schicksal in die eigene Hand genommen, der erste von ihnen war am Ende des 18. Jahrhunderts aus Rostock nach Lübeck gekommen und hatte hier ein Handelshaus gegründet: „Johann Siegmund Mann, Commissions- und Speditionsgeschäfte“, bald eine erste Adresse im internationalen Getreidehandel.
Übernimm die Verantwortung für dich selbst, mach etwas aus deinem Leben, entfalte deine Persönlichkeit und deine Individualität, hatten die Aufklärer gerade erst gerufen – und die Familie Mann und all die anderen selbstbewussten und fortschrittswilligen Bürger waren an die Arbeit gegangen. Manche hatten sich irgendwann kunstvoll bestickte Deckchen in die Wohnungen gehängt mit der Selbstverwirklichungsformel des angebrochenen bürgerlichen Zeitalters: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“
Fast jeder. Nicht dass die Verheißungen und Verpflichtungen der Aufklärung für alle gegolten hatten. Nicht dass die Ständegesellschaft plötzlich abgeschafft gewesen war. Noch immer regierten Fürsten und Könige, und der Rest des Adels saß fest auf seinen Schlössern und Gütern, eingemauert in die Geschichte und in die Herkunft, eingehüllt in die Gewissheit der ewigen Kontinuität der eigenen Genealogie. Es kämpften die Bauern in ihren Dörfern ums Überleben, um den Fortbestand dessen, was ihnen in der Vergangenheit gegeben worden war. Und in den toten Winkeln der Städte verharrte hungrig das allmählich entstehende Proletariat in der drückenden Gegenwart der Tagelöhnerei.
Für die Bürger jedoch, für die Händler, die Kaufleute, die Handwerker, die Beamten, die Gelehrten in den Städten, waren, trotz gewisser Beschränkungen durch die überlieferte Ordnung, in der ersten Hälfte dieses 19. Jahrhunderts das Leben und die Zeit in Fluss geraten, und die Zukunft hatte begonnen. Die Entdeckung der Dampfkraft hatte Produktion und Handel entscheidende Impulse gegeben, die Aufklärung dem Denken eine neue Richtung. In den erfolgreichen Stadtbürgern entwickelte sich das Bewusstsein der eigenen Stärke – so nannten sie sich selbst jetzt stolz: „Bürgertum“. Und dieses Bürgertum, das sich sozusagen selbst erschaffen hatte, sollte fortan Bildung, Wissenschaft, Sozialleben, Kultur durch seine Wertvorstellungen prägen – und, so weit nur irgend möglich, auch die Politik und die Rechtsordnung. Vor allem aber die Wirtschaft und die neuen industriellen Produktionsformen, kurz: den Kapitalismus. Karl Marx hat später die historische Modernisierungsmission des Bürgertums euphorisch gelobt.
Viele halten Manns Buch für einen Schlüsselroman
Gleichzeitig wurden die Plätze innerhalb der Bürgergesellschaft nun immer wieder neu verteilt. Man musste sich nur immer strebend recht bemühen und frischen Mutes zugreifen. Dann konnte jeder Bürger etwas Besseres werden. Reicher. Mächtiger. Klüger. Oder womöglich eben auch etwas Schlechteres. Was Gott, falls es ihn trotz der Aufklärung noch gab, verhüten mochte.
Denn alles war möglich, Aufstieg, Abstieg, Familien, die wie die Manns in einer Generation noch fast mit nichts angefangen hatten, konnten in der nächsten schon Großhändler, Konsuln, Senatoren sein – und in der übernächsten alles verlieren. Glanzvolle Zeiten, unsichere Zeiten. „Wie gewonnen, so zerronnen“: Noch so ein beliebter Sinnspruch – den Zeitgenossen zur Mahnung auf dem abschüssigen Gelände einer allzu beweglich gewordenen sozialen Ordnung.
Noch gehörte die Familie Mann zu den Gewinnern. Sie wurde tatsächlich etwas Besseres. Erst reich. Dann mächtig. Dann klug. Und wie um dieses selbst geschmiedete Glück zu beschweren, damit es nicht wieder wegrutschen konnte, saßen ihre Mitglieder schließlich mitten in Lübeck in massigen Häusern und wuchtigen Möbeln und verzehrten mächtige Menüs, die tagelang im Magen lagen. Man war über die Jahre unaufhaltsam aufgestiegen. Inzwischen war die Familie, wie sie, der eigenen Position sicher, sagen durfte, „alteingesessen“. Jetzt konnte, durfte, sollte nicht mehr viel passieren – anhaltende Tüchtigkeit vorausgesetzt. Aber die Männer fingen an, über sich selbst nachzudenken – auch das hatten sie von den Aufklärern gelernt. Und so ist 1891 plötzlich alles vorbei.
KURZ VOR DER Jahrhundertwende sitzt Paul Thomas Mann, jener Sohn des Hauses, auf dem einmal die Zukunftserwartungen der Familie geruht haben, nicht im Kontor der Firma seiner Väter über Rechnungen und Aufträgen, sondern über einem Romanmanuskript mit dem Arbeitstitel „Abwärts“.
Dabei hätte doch auch er aufwärts streben und ebenfalls Kaufmann werden sollen. Großkaufmann wie der Vater, Senator Thomas Johann Heinrich Mann, wie der Vater des Vaters, Konsul Johann Siegmund Mann jun., und wie dessen Vater, Johann Siegmund Mann sen., Gründer des gleichnamigen Handelshauses: derAhnherr dieser bürgerlichen Kopie dynastischer Erbfolge, die wenigstens den Anschein der Kontinuität und Sicherheit der Adelshäuser versprach. So hatten sich die Vornamen fortgepflanzt, die Aufgaben, die Bestimmung, die Firma. Goldene Fesseln, unabweisbarer Schutz der über hundertjährigen Familientradition. Aber Paul Thomas Mann hat sie längst zerschnitten, zerstört, zerdacht, zerschrieben: aus. Er ist Schriftsteller geworden, wie zuvor schon sein älterer Bruder Luis Heinrich, die Firma hat aufgehört zu existieren und auch der strenge, rationale Patriziergeist, der sie getragen hatte.
Noch immer sieht Thomas Mann aus, als wäre nichts geschehen. Er ist kaum 25 Jahre alt, ein Foto wird gemacht, in München, wo er, in maximaler Entfernung zur Stadt seiner Väter, um die Jahrhundertwende lebt: ernster Blick, aufrechte Haltung, dunkler Anzug, eleganter Hut, steifer Kragen, sorgfältig getrimmter Schnurrbart. Äußerlich ist er ganz Bürger nach wie vor, kein Bohemien, kein Libertin, kein Salonrevolutionär wie mancher seiner schreibenden Kollegen. Aber einer wie seine Väter wird er dennoch nicht mehr werden.
Im Herbst 1901 erscheint der fertige Roman. „Buddenbrooks – Verfall einer Familie“ heißt er jetzt. Es ist auch die Geschichte des Verfalls der Familie Mann. So zeigt sich der hochgeschlossene Bürgersohn Thomas Mann als Entkleidungskünstler. Als Porträtist der nackten Seelen des Großbürgertums. Seiner eigenen, derer seiner Familie, derer der Mitbürger seiner Heimatstadt.
Eine beispiellose und ganz und gar unbürgerliche Indiskretion. So weit ist es gekommen mit dem Bürgertum, dem vor allem eines wichtig ist: „die Dehors zu wahren“, wie Thomas Mann selbst immer wieder schreibt, den äußerlichen Anschein. Nein, man ist nicht sehr amüsiert in diesem Herbst in Lübeck, wo selbst die kleinbürgerlichen Buchhändler noch so diskret sind, dass sie die dickleibige zweibändige Erstausgabe lieber unter dem Ladentisch verkaufen. Die „Buddenbrooks“ als Bückware – aber Schlüssellisten, wer von den weit über 400 Figuren wer ist im Roman und im wirklichen Leben, werden dennoch gleich mitgeliefert.
Allen voran und unschwer zu erkennen, Firmengründer Johann Siegmund Mann sen. als Firmengründer Johann Buddenbrook sen.; Konsul Johann Siegmund Mann jun. als Konsul Jean Buddenbrook; Senator Thomas Johann Heinrich Mann als Senator Thomas Buddenbrook, letzter Prinzipal der Firma; schließlich Thomas Paul Mann, jetzt Schriftsteller und für das Geschäftsleben bereits von Kindheit an verloren, als sensibler und künstlerisch begabter Hanno Buddenbrook, der halbwüchsig verstirbt.
Die Buddenbrooks. Die Manns. Ein paar zeitliche Verschiebungen, ein paar personelle Vertauschungen, ein paar Verdichtungen – die Unterschiede zwischen Dichtung und Wahrheit sind vor allem ästhetischer, kompositorischer Art. Aber Verfall bleibt Verfall. Und jetzt ist es ein Schiffbruch mit Zuschauern; das bürgerliche Lesepublikum mag sich daran ergötzen mit wohligem Schaudern.
Denn es ist auch sein möglicher Verfall, seine Gefährdung, sein innerer Widerspruch, der hier geschildert wird: Nun kann die Stadt und alle Welt die Geschichte einer Familie lesen, die von Gewandschneidern im Mecklenburgischen abstammt, zu höchsten Kaufmannsehren in Lübeck gelangt und schließlich dennoch liquidieren muss (1891 im wirklichen Leben, 1875 im Roman), nachdem der letzte der Kaufleute in der Familie gestorben und von der nächsten, der fünften Generation nichts mehr zu erwarten ist. Nennen wir diese Familie also nicht mehr die Manns, sondern die Buddenbrooks.
Und Thomas Mann beschreibt, wie dieser Verfall vor sich geht. Mitten in einer Epoche voll frenetischer Begeisterung für Technik und Fortschritt, hektischer wirtschaftlicher Aktivität und panisch ausgestellter Prosperität. Erfolg!, Erfolg!, Erfolg! – die Lust der frühen Jahre ist zum Zwang geworden, wie lange lässt sich so etwas durchhalten? Dunkle Ahnungen, Endzeitgefühle machen sich breit, kriechen in die Eingeweide der Empfindlicheren unter den Bürgern und in die Gehirne der Philosophen – und denen wird der Begriff „Décadence“ zum Schlüsselwort des sterbenden Jahrhunderts. Auf eine diffuse Weise ist nichts mehr wirklich. Echt. Verlässlich. Dauerhaft. Sinnig. Übrig ist nur das verzweifelte Bemühen, die „Hinfälligkeit mit allen Mitteln zu verstecken“, wie Thomas Mann schreibt.
Gewiss: die Familie! Die ist doch echt! Eine trotzige Behauptung, der Bürger letzte Wahrheit, Sinn des Lebens, Ersatz für die schwindenden Gewissheiten der Religion, ein „heiliges Naturverhältnis“, wie Meyers Lexikon von 1867 versichert. Die öffentliche Herabwürdigung der Ehe, etwa durch gewisse vorwitzige Frauenrechtlerinnen, kommt einer Gotteslästerung gleich und wird strafrechtlich verfolgt. Man liebt sich doch, man hält zusammen, beschützt einander gegen den Rest der Welt. Gefühle statt Zweckhaftigkeit, nichts Schöneres auf dieser Erde als dieser letzte, dieser unantastbare Rückzugsort:„ Trautes Heim, Glück allein.“ Hier ist der Mensch ganz Mensch, das aufgeklärte Individuum ganz es selbst – so soll es sein, Amen, die Bürger glauben fest daran.
Mag die Welt dort draußen noch so unübersichtlich geworden sein – die Politik!, die Wirtschaft!, die Klassengesellschaft! Die Familienwelt jedoch hat Festigkeit, Ordnung, Struktur, hier gibt es keine Plätze, die ständig neu verteilt werden, die Rollen sind von Anfang an auf Ewigkeit festgelegt.
Und wer nicht in seine Rolle passt, wird passend gemacht – für jene mehrfach lebenslängliche, Generationen übergreifende Inszenierung, die man bürgerliche Familie nennt.
Wer wollte es wagen, etwa Konsul Johann Buddenbrook, dem Familienoberhaupt und „alleinigen Inhaber der Firma“, auch nur zu widersprechen? Frauen etwa? Kinder gar? Der aufgeklärte Bürger geriert sich in seinem kleinen, privaten Reich zu Hause als absolutistischer Herrscher.
Er gibt, er nimmt. Schutz, sittliche Bildung, Erhaltung der Existenz, finanzielle Versorgung, Mitgifte, Abfindungen, Erbschaften im Tausch gegen freiwilligen Gehorsam und „mehr ängstliche Ehrfurcht als Zärtlichkeit“, wie Thomas Mann die Buddenbrooksche Tochter sagen lässt. Und der Wille des Vaters, der gleichzeitig die Firma ist, geschehe. Auch über die Kindheit hinaus. „Der ausgeprägte Familiensinn“, schreibt Thomas Mann in sein Notizbuch, „hebt den freien Willen und die Selbstbestimmung beinahe auf und macht fast fatalistisch.“
Später heiratet die Tochter praktisch widerstandslos ein reiches und vornehmes Ekel – eine scheinbar gute Partie zum Ruhm und Ansehen der Familie, des Vaters, der Firma. Der Sohn erobert immerhin eine Schönheit, die er liebt. Aber es macht sein Glück und seinen Stolz „desto größer, dass ich, indem sie mein eigen wird, gleichzeitig unserer Firma einen bedeutenden Kapitalzufluss erobere“.
GEFÜHL UND GESCHÄFT – das lässt sich nicht mehr auseinander halten. Das „heilige Naturverhältnis“ ist vor allem auch eine Wirtschaftsgemeinschaft, getarnt durch den Anschein häuslicher Eintracht und Geborgenheit. Die Liebe endet, wenn ein Familienmitglied seinen Beitrag zum häuslichen Bruttosozialprodukt aus Geld und Steigerung des Ansehens verweigert: Der müßiggängerische und liederliche Bruder desSenatorswirdausgestoßen; er muss den Schauplatz der zweckfreien Zuneigung verlassen. Weit weg von Lübeck mag er sein ungebührliches Verhalten pflegen, „in Hamburg oder wo auch immer“. Dort kann er dem Ruf des Hauses nicht mehr schaden.
Denn die Familie ist auch ein Verbund zur Selbstbehauptung in der Gesellschaft. Glücklich ist, wer in ihr besteht, etwas darstellt. Und etwas darstellen kann nur, wer einen glänzenden Namen und eine gut gehende Firma vorzuweisen hat. Schwierig genug – das Dasein ist ein dauernder Kampf nach diffizilen Regeln.
All die Dehors, die man unbedingt wahren muss, die Umgangsformen. Wer wann den Hut zuerst zieht. Taktgefühl, Haltung, Würde. Die großen Toiletten der Damen, die Schnüre, Knöpfe, Korsagen, die die Körper zusammenhalten. Die Sorgfalt, mit der sich Senator Thomas Buddenbrook kleidet, von Morgen zu Morgen braucht er länger. Allein die Bart-Enden immer wieder mit der Brennschere waagerecht zu ziehen ist ein Zweifrontenkrieg gegen die Bedrohungen der Außenwelt und gegen die Verödung im eigenen Innern.
„Während noch nie so volltönend von der ,freien Persönlichkeit‘ geredet worden ist“, schreibt Friedrich Nietzsche, der wichtigste Denker der Décadence, dessen Werke eifrig gelesen werden und die auch in Thomas Manns Arbeitszimmer stehen, „sieht man nicht einmal Persönlichkeiten, geschweige denn freie, sondern lauter ängstlich verhüllte Universalmenschen.“ Anstrengen sollen hatten sich die Bürger im Namen der Aufklärung, des Individualismus, des persönlichen Glücks. Jetzt sind sie nur noch angestrengt, Darsteller ihrer selbst, Schauspieler deren „ganzes Leben“, wie Thomas Mann beobachtet, „bis auf die geringste und alltäglichste Kleinigkeit zu einer einzigen Produktion geworden ist, einer Produktion, die mit Ausnahme einiger weniger und kurzer Stunden des Alleinseins und der Abspannung beständig alle Kräfte in Anspruch nimmt und verzehrt“.
Jeder hat seine Rolle zu spielen – als Kind und als Erwachsener
Da stehen sie in künstlichen Kulissen, bereit zu täuschen, sich selbst und andere. Hier „lackierte Flügeltüren im Hintergrunde, die genau betrachtet gar keine Türen“ sind, sondern nur in Trompe-l’oeil-Technik gemalte Klinken haben. Dort der Buddenbrooksche Kamin, in dem falsche Kohlen „mit ihren Streifen von rotgoldenem Glanzpapier“ zu glühen vorgeben. Und überall unzählige, eigentlich praktische Gegenstände, die, wie das „prachtvolle Tintenfass aus Sèvres-Porzellan in Gestalt eines schwarzgefleckten Jagdhundes“, der ausgestopfte Bär als Träger einer Visitenkartenüberschale im Vestibül oder der „kleine silberne Hirsch“ auf dem Pfropfen der Weinflasche ihre profane Zweckdienlichkeit verschleiern.
Noch mögen diese Objekte sogar handwerklich gefertigt sein – aber schon lassen andere potente Bürger in ihren neu gegründeten Fabriken solche Artikel bürgerlichen Kunstgeschmacks massenweise produzieren. Bald wird daraus eine ganze Kulturindustrie entstehen. Deren fatale Macht werden die nachfolgenden Generationen zu spüren bekommen.
Das alles „putzt ganz ungemein“, wie ein in die Familie Buddenbrook eingeheirateter Hochstapler und Pleitier zu sagen pflegt, selbst ebenfalls eine Scheinexistenz. Aber die Wirklichkeit ist verschwunden, das Surrogat und das Schmuckbedürfnis triumphieren. Je mehr Plüsch, Kitsch, Theatralik, desto lieber – horror vacui.
Und eine aufwendig hergestellte Gegenwelt des Eklektizismus: Man isst im antikisierenden „Speisetempel“ zwischen schlanken Säulen und weißen Götterbildern; den Flur zieren „Reliefs nach Thorwaldsen“, also Kopien klassizistischer Kunstwerke, die ihrerseits die Antike kopieren – und alles zusammen stellt wiederum eine Kopie des adeligen Lebensstils dar.
Kein Wunder, dass der Zeitgenosse Friedrich Nietzsche schreibt, es gehöre „selbst zu meinem Glücke, kein Haubesitzer zu sein“. Aber Bürger wie die Buddenbrooks wollen so wohnen. Möchten zu Hause sein in ihren Gesamtkunstwerken der Statuspflege und der Eitelkeit. Falls man in diesem Zusammenhang überhaupt noch von einem „Zuhause“ sprechen kann.
„Wie es mit dem Privatleben heute bestellt ist, zeigt sein Schauplatz an“, schreibt ein 1903 in Frankfurt am Main geborener Großbürgersohn einige Jahrzehnte später: „Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit dem Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt.“
Der kurze Text des in seinen späten Jahren von Thomas Mann überaus geschätzten Philosophen Theodor W. Adorno mit dem Titel „Asyl für Obdachlose“ endet mit dem berühmt gewordenen Satz: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“
Aber schon den Bürgern des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist das Falsche, Künstliche, Aufgeblasene die einzige Rettung. Vor der Prosa der Arbeit, des Geldes, der Zeit. Und vor dem Verlust des eigenen Status.
Denn wenn jeder seines Glückes Schmied ist, dann wird der Mensch schnell des Menschen Wolf.
Zwar gehört die Freude am Wettbewerb, neben der an der Leistung, an Können, Fleiß, Risikobereitschaft, zur Grundausstattung der bürgerlichen Seele. Aber überall lauern existenzbedrohende Gefahren. Nicht nur wegen der Konkurrenz mit den anderen alteingesessenen Firmen oder mit Emporkömmlingen, die sich ebenfalls an die Arbeit gemacht und ihre Chance genutzt haben.
Sondern auch, weil die hochkapitalistische Gesellschaft völlig unübersichtlich geworden ist und sozial extrem differenziert. Die Anstrengungen der einzelnen Gruppen, sich voneinander abzugrenzen, die Eifersucht auf die besten Plätze und die Angst abzusteigen, sind fast unerträglich.
1859 formuliert Charles Darwin den „Kampf ums Dasein“, die Anpassung, den Selbstschutz und die Lehre von der Mimikry als Prinzipien der Evolution. Der Zeitgeist hat diese Theorie, wenn nicht hervorgebracht, so zumindest begünstigt. Und kurze Zeit später wird sie als Sozialdarwinismus auch auf die menschliche Gesellschaft übertragen.
IM LÜBECK der Buddenbrooks ist es jetzt schon so weit gekommen, dass ein Einzelhändler Senator werden soll. Einer aus der Mittelschicht, kaum besser als ein Handwerker oder einer dieser immer zahlreicher werdenden Angestellten, die in den Büros und Läden treue Dienste leisten. Wo doch Macht und Einfluss in der Stadt bislang dem Großbürgertum vorbehalten waren – denn ihm gehören Geld und Geist.
Das heißt, den Wirtschafts- oder Besitzbürgern gehört das Geld. Den Buddenbrooks oder den Manns, die durch Großhandel, den Krupps, die durch Industrieunternehmen, den Oppenheimers, die durch Bankgeschäfte zu Reichtum gelangt sind. Der Geist wiederum gehört den Bildungsbürgern, den Akademikern, Ärzten, Juristen, Architekten, Ingenieuren – gleichgültig, ob angestellt, beamtet oder freiberuflich.
Doch Wirtschafts- und Bildungsbürgertum sind nur eine verschwindend kleine Minderheit. Gerade 1,3 Millionen sind es 1907, etwa vier Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Die Kleinbürger sind weit in der Überzahl – aber auch sie machen nur 20 Prozent der Erwerbstätigen aus.
Und sie ahmen die Großbürger nach oder versuchen es zumindest. Imitieren deren ohnehin schon künstliche Lebensweise. Kleiden sich, so weit sie nicht gerade Handwerker sind, mit Stehkragen und weißen Manschetten, um jedem zu zeigen, dass sie sich die Hände nicht schmutzig machen. Feiern den Individualismus, obwohl sie abhängige Angestellte oder Beamte sind. Beschweren sich wie die Großbürger mit diesen auftrumpfenden Möbeln (auch wenn die jetzt aus der Massenproduktion kommen), damit auch sie nicht abrutschen – zu den Arbeitern, ins Proletariat, in die unkultivierte, in die schmutzige Klasse der absoluten Mehrheit.
„Stehkragenproletariat“ wird das Angestelltenheer von Sozialdemokraten spöttisch genannt, weil sich diese neue Schicht durch ihre Mimikry mit allen Mitteln nach unten abgrenzen und nach oben behaupten will.
Konkurrenzdruck von unten: Die Kleinbürger proben den Aufstieg
Deshalb wird, wer aus der Mittelschicht auf sich hält, extremer Nationalist, um seinen Anspruch auf Bürgerlichkeit durch Anpassung und staatstragende Haltung kundzutun – denn trotz aller Ideale der Selbstbestimmung sind die deutschen Bürger, anders als etwa die französischen, schon eine ganze Weile gehorsame Untertanen.
Oder der gute Mittelständler wird Antisemit, um gegen den hemmungslosen Kapitalismus und das Großbürgertum zu rebellieren, weil auch Juden sich immer strebend recht bemüht haben, weil sie aufgestiegen und zu Geld und Einfluss in Wirtschaft und Kultur gekommen sind.
Gleichzeitig greift die Mittelschicht selbst, wenn irgend möglich, nach den Sternen. Die Tüchtigsten unter ihnen würden es schon schaffen. Zumindest ihre Söhne, die es einmal besser haben sollen, weshalb jede Anstrengung unternommen wird, sie zu bilden und womöglich gar auf die Universität zu schicken.
Auch Mittelklassekinder haben schließlich Talent, erbringen Leistung – und das ist doch wichtiger als die Geburt. So hat es sich seit der Aufklärung herumgesprochen, so hat es das Großbürgertum selbst verkündet, auch wenn es dann doch wieder den Dünkel der guten Familie pflegt – um sich seinerseits nach unten abzugrenzen.
Denn für das Großbürgertum wird es allmählich eng. Im letzten Drittel des Jahrhunderts kommt schon ein Drittel der Studenten aus der Mittelschicht. Die Bildungsbürger von morgen halten sich allerdings erst gar nicht mehr mit dem Versuch auf, den ganzen Horizont des Darüberlieferten Wissens zu überblicken. Sie werden lieber gleich Spezialisten, Pragmatiker in Sachen Krankheit, Recht oder Häuserbau.
Die generalistischen Ideale der alten Bildungsbürger schwinden dahin – während die neue Konkurrenz sich voranarbeitet, die akademischen Posten erobert und sich in die besten Kreise einschleicht. Selbst die Buddenbrooksche Tochter hatte sich schon in einen Medizinstudenten, der nur Sohn eines Lotsenwärters war, verliebt – um dann doch noch den Status zu wahren und das reiche Ekel zu heiraten.
Irgendwann nutzen womöglich auch die Dehors nichts mehr. Die Abgrenzung nach unten. Die klug kalkulierten Eheschließungen, die theatralischen Wohnungen, die wohl inszenierten Auftritte. Die Mühe. Die Arbeit, die fast zur Sucht geworden ist. Das ganze angehäufte Kapitel, das doch nur Mittel zum Zweck ist, immer noch mehr davon zusammenzuraffen. Nach noch nicht einmal einem Jahrhundert wird das Großbürgertum von den Geistern, die es einst selbst rief, allmählich aufgefressen. Von der Idee der Selbstverwirklichung, des Aufstiegs, der Rationalität, der Industrie, des Fortschritts.
Durchkommen werden die Härtesten und Skrupellosesten unter den Kapitalisten. Sie werden noch weiter aufsteigen, ihre Firmen vergrößern, reicher und reicher und reicher werden und irgendwann sogar am Tisch des Kaisers sitzen. Bürger heißen sie noch immer. Aber die Austreibung „des deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches“, schreibt Nietzsche, hat längst stattgefunden. Jetzt zählen nicht mehr Liberalität und Redlichkeit, sondern Ellbogen und „allgemeine Wurstigkeit“,wie selbst Bismarck zu formulieren beliebt.
Die Angst vor dem Abstieg verlässt den Bürger nie
Andere werden dafür untergehen. Sie werden pleite machen. Oder sie werden einfach zu müde sein für den Kampf ums Dasein.
BEI DEN BUDDENBROOKS stellt sich der Verfall schleichend ein. Er kommt weniger von außen, etwa durch geschäftliche Fehlschläge, als von innen. Thomas Mann lässt ihn an den Körpern fressen, ihn sich in die Gehirne setzen. Die Physis wird schwächlich, der Geist sensibel – ein klassisches Motiv der Décadence, die vom Darwinismus und den kursierenden Degenerationstheorien inspiriert ist.
Ganz langsam schwindet die Lebenskraft. Nervöse Krankheiten breiten sich aus in der Familie. Schwindelanfälle, Rheumatismus, Herzklopfen, Halluzinationen,Magenschwäche. Die Lebensdauer nimmt ab, ebenso wie die Zahl der Geburten. Von Generation zu Generation werden die Zähne schlechter. Biologisch sind die Buddenbrooks am Ende.
Ihre zunehmend verfeinerten Geister bewegen sich in gefährlichen Sphären. Die Selbstdisziplin lässt nach. Gefühlsausbrüche. Grübeln. Künstlerische Neigungen. Der Bruder des Senators dauernd im Theater, Frau und Sohn ständig an Geige und Klavier, Wagner spielen sie, ausgerechnet.
Und schließlich sogar Senator Buddenbrook persönlich, in Travemünde sinnend am Strand: „Auf der Weite des Meeres, das mit diesem mystischen und lähmenden Fatalismus seine Wogen heranwälzt“, sagt er, „träumt ein verschleierter, hoffnungsloser und wissender Blick, der irgendwo einstmals tief in traurige Wirrnisse sah.“ Das ist Schwärmerei, nicht bürgerlich, nicht rational – seine Schwester schämt sich dafür. Fremde Mächte haben diese selbstbestimmten Bürger ergriffen. Die Macht der Kunst – aus dem Jenseits des biederen Wohlgefallens. Die Macht des Nachdenkens – vor allem über sich selbst. Die Selbstreflexion haben die Bürger von den Aufklärern gelernt. Aber zu viel davon behindert das Geschäft. Und irgendwann fragt sich Senator Buddenbrook, nachdem er auch noch Schopenhauer gelesen hat, ob er ein Mann der Tat sei oder ein skrupulöser Nachdenker.
Inzwischen ist der Verfall nicht mehr aufzuhalten. Das Firmenvermögen ist dezimiert, der körperlich schwächliche Sohn Hanno lebt nur für die Musik – er wird die Firma nicht fortführen können, und auch der Senator steht vor seinem physischen und psychischen Ende. Der Tod kommt bald. Das Ende der Firma. Und noch ein Tod: der von Hanno, des letzten der Familie. Dies ist das Ende der Geschichte der Buddenbrooks, aufgeschrieben von Thomas Mann, der selbst Künstler geworden ist und sich hat bezwingen lassen von unbürgerlichen Mächten. Ein literarischer Bericht von der Krankheit zum Tode des alten, aufgeklärten Bürgertums.
DOCH SCHON als der Roman die „Buddenbrooks“ 1901 erscheint, regen sich Kräfte des Heils. Zunächst in der Sphäre der Kultur. So macht sich auch in der Literatur eine starke Heimatkunstbewegung breit. Sie erklärt die Décadence für undeutsch und krank und setzt eine Literatur der Scholle mit Bauernund Dorfgeschichten dagegen. Die Ideologie von Blut und Boden wird immer größeren Raum greifen.
Und bald wird der bürgerliche Geist der Rationalität, derTechnik,des Fortschritts in andere fahren. Von den kranken Bürgern geht er in gesunde, antibürgerliche Volksgenossen über. In Männer der Tat. In Spezialisten des Darwinismus. 1929 erhält Thomas Mann für die „Buddenbrooks“ den Literaturnobelpreis. Noch vier Jahre bis zur Bücherverbrennung und bis zum Exil von Thomas Mann. Noch 13 Jahre bis zur industriellen Vernichtung von Menschen im rationalen Geiste.
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Quellen:
Internetquellen
-> Hemmer, Richard u. Meßner, Daniel: Kleine Geschichte der Kotze-Affäre, eines Sexskandals am Kaiserhof, in: spektrum.de, online verfügbar seit 01.12.2021 unter: https://www.spektrum.de/kolumne/kleine-geschichte-der-kotze-affaere-ein-sexskandal-am-kaiserhof/1954927, zuletzt geprüft am 10.11.2025.
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Sekundärliteratur
-> Riedle, Gabriele: Das Bürgertum. Wer immer strebend sich bemüht, in: Deutschland um 1900 (GEO Epoche Jg. 2004, Heft Nr. 12), Hamburg 2004.
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