Deutsche Kolonien
Inhaltsverzeichnis
1.
- Missionare im Pazifik. In Gottes Auftrag in die Südsee
- Kolonial-Ausstellung. Ein Ort zum Gaffen.
1. Missionare im Pazifik. In Gottes Auftrag in die Südsee
Eine private Gesellschaft erhält 1885 die kaiserliche Erlaubnis, den Nordosten Neuguineas zu erschließen. Schon bald folgen den deutschen Kaufleuten christliche Missionare auf die zweitgrößte Insel der Erde – mit ganz eigenen Zielen

SPIEGELGLATT LIEGT DIE BUCHT, als Johann Flierl im Juli 1886 den Ort, an dem er mehr als vier Jahrzehnte lang Gottes Wort verkünden wird, zum ersten Mal erblickt. Links vom Dampfer, auf dem Flierl reist, erheben sich Bergrücken über dem Ufer, dicht bewachsen mit tiefgrünem Dschungel. Auf der rechten Seite überragen mehr als 4000 Meter hohe Gipfel eine Halbinsel. „Und so“, wird Johann Flierl notieren, „sahen wir das herrliche tropische Neu-Guinea“. Doch weit wichtiger sind dem Geistlichen die unsichtbaren Dinge. Er ist durchglüht von dem Vorhaben, „einem noch ganz unberührten Heidenvolk“ das Evangelium zu bringen.
Der Protestant Flierl ist der erste Missionar, der das deutsche Kolonialgebiet auf der zweitgrößten Insel der Welt betritt. Erst ein Jahr zuvor hat die Regierung in Berlin die Region im Pazifik ihrer Einflusssphäre einverleibt und einer privaten Gesellschaft das Recht eingeräumt, Siedlungen zu errichten, Plantagen anzulegen. Dieser wirtschaftlich motivierten Landnahme folgt nun, so Flierls Absicht, die spirituelle Eroberung.
So werden in den kommenden Jahren zahlreiche Missionsgruppen versuchen, den christlichen Glauben und europäische Vorstellungen unter den Einheimischen zu verbreiten. Einerseits als Mitstreiter und rigorose Vorkämpfer des kolonialen Projekts, zuweilen aber auch als Quertreiber: Weil sie in den vor Ort lebenden Menschen vor allem zukünftige Christen sehen und weniger billige Arbeitskräfte, geraten manche dieser Glaubensboten mit anderen Kolonisten aneinander. Viele Indigene wiederum sind keinesfalls bereit, sich bekehren zu lassen. Das Ansinnen katholischer Missionare, die göttliche Botschaft unter Zwang zu vermitteln, wird einige Jahre nach Flierls Ankunft gar in einer Katastrophe enden.
Die Missionsgesellschaften, die in den Pazifik ausgreifen, haben teils jahrhundertealte Wurzeln. Schon als die Europäer am Ende des Mittelalters begannen, in andere Weltgegenden vorzudringen, stand neben der Jagd nach Beute und politischer Macht auch das Ringen um religiöse Dominanz. Nachdem Christoph Kolumbus 1492 Amerika erreicht hat, entstehen in Spanien und Portugal, bald auch in Frankreich und dem inzwischen protestantischen England, wachsende Bewegungen mit dem Ziel, Nichtchristen zu bekehren. Diese Kirchenleute sehen sich gemäß dem Neuen Testament in göttlichem Auftrag, wollen Seelen retten und die christliche Gefolgschaft vergrößern. Vom 18. Jahrhundert an reisen auch deutschsprachige Geistliche mit dieser missionarischen Absicht nach Übersee. Da selbst größere deutsche Staaten wie Preußen keine bedeutenden Kolonien unterhalten, verrichten sie ihre Arbeit aber meist in Gebieten, die von anderen europäischen Mächten kontrolliert werden.
Das ändert sich, als das Deutsche Reich nach eigenen Besitzungen greift. Kurz nach den ersten Vorstößen in Afrika wendet sich Berlin dem Pazifik zu, seit den Reisen von James Cook um 1775 als Sehnsuchtsort „Südsee“ Teil der europäischen Fantasie. Eine Einigung mit den anderen dort aktiven europäischen Mächten Großbritannien und Niederlanden reicht der Regierung, um im Mai 1885 der von Bankiers und Industriellen finanzierten „Neuguinea-Kompagnie“ einen Schutzbrief auszustellen. Das Papier macht die Firma faktisch zur Kolonialmacht im Nordosten Neuguineas, fortan „Kaiser-Wilhelmsland“, und auf einer Gruppe von mehr als 200 vorgelagerten Inseln, nun „Bismarck-Archipel“ genannt.
Während im Archipel bereits französische und britische Missionare wirken, ist der Oberpfälzer Johann Flierl, der im Sommer 1886 Kaiser-Wilhelmsland erreicht, ein Pionier. Doch folgen ihm bis 1899 mehr als 30 Männer und Frauen. Einige gehören, wie Flierl, der lutherischen Missionsgesellschaft aus dem fränkischen Neuendettelsau an, andere einer ebenfalls protestantischen Mission aus dem Rheinland oder der von Katholiken betriebenen Steyler Mission.
Vor Ort errichten die Neuankömmlinge meist zunächst einfache Gebäude aus Holz und Palmwedeln in der Nähe einheimischer Siedlungen, suchen Kontakt, lernen erste Bruchstücke der fremden Sprachen. Auch wenn sie die Indigenen für ihre Sache gewinnen wollen, blicken die Missionare oft mit Geringschätzung auf die Menschen, halten sie für primitive Heiden. Neben dem Glauben müsse man ihnen jene Werte vermitteln, die die Deutschen für Errungenschaften europäischer Zivilisation halten – Sittlichkeit, Sauberkeit, Ordnung, Pünktlichkeit –, sie damit, so sehen die Missionare das, auf eine höhere kulturelle Stufe heben. Mit der Frage, ob die Einheimischen diese vermeintliche Hebung überhaupt anstreben, halten sie sich nicht auf (und gehen nach den rassistischen Vorstellungen der Zeit davon aus, dass eine echte Gleichwertigkeit auch kaum erreicht werden kann).
In jedem Fall verstehen sie Erziehung und einfache Bildung als wichtigen Teil ihrer Missionsarbeit. Praktisch jede Station verfügt bald über ein Klassenzimmer, manche über ein eigenes Schulhaus. Einige Missionare zeigen sogar einen gewissen Respekt vor der Kultur der indigenen Gemeinschaften. So unterrichten die Steyler Katholiken die Inselbewohner in deren jeweiliger Muttersprache. Viele Einheimische schätzen zwar wohl, dass ihre Kinder kostenlos Rechnen, Lesen, Schreiben lernen können. Christen werden sie aber meist nicht: Die von Flierl gegründete Mission etwa feiert 1899, nach 13 Jahren, die erste Taufe von Inselbewohnern.
Unterdessen beschweren sich Mitarbeiter der Neuguinea-Kompagnie, die Missionare brächten den Indigenen zu viel Aufmerksamkeit entgegen. Letztere sollten auf den Plantagen arbeiten, statt ihre Zeit im Pfarr- oder Schulhaus zu verbringen. Dabei helfen die Geistlichen indirekt bei der Ausbeutung, indem sie eine strenge Arbeitsmoral propagieren. „Geregelte äußere Beschäftigung“, schreibt ein katholischer Missionar, solle bei den Einheimischen „die Flatterhaftigkeit und Untätigkeit des Geistes“, die „Lässigkeit und Trägheit“ zügeln.
Eine fromme Gemeinschaft verfolgt das Ziel, die Einheimischen kulturell und religiös zu formen, besonders radikal: die französischen Herz-Jesu-Missionare, die sich ab 1890 mit Priestern und Laienbrüdern aus Westfalen verstärken. In einem Brief nach Europa umreißt der Leiter der Gruppe, Bischof Louis Couppé, seinen Ansatz mit unmissverständlichen Worten: Es wolle die „menschenfressenden und niedrigstehenden Völker in ein vollständig neues Volk“ umwandeln (tatsächlich ist Kannibalismus in einigen indigenen Gemeinschaften der Region üblich).
Bischof Couppé kauft von der Gemeinschaft der Tolai bald Kindersklaven, die die Tolai zuvor den weiter im Landesinnern lebenden Taulil und Baining geraubt haben.
Die Arbeit, so urteilt ein Missionar, solle bei den Einheimischen »Lässigkeit und Trägheit« zügeln
Die Verschleppten will er katholisch erziehen und später untereinander verheiraten, um eine indigene Gemeinde zu erschaffen, die keine Religion kennt außer das Christentum. In der eigens für dieses Menschenexperiment errichteten Siedlung St. Paul führt ein deutscher Pater mit einigen anderen Missionaren ein hartes Regime. Er verbietet den für die Baining bedeutsamen Ahnenkult, lässt seine Zöglinge karg ernähren, gewährt ihnen kaum genug Kleidung, untersagt zudem jeglichen außerehelichen Kontakt zwischen den jungen Männern und Frauen. Doch das harsche Gebaren schürt den Unmut unter den Baining.
Am Morgen des 13. August 1904 kommt To Maria, Hausdiener des deutschen Paters, von der Taubenjagd zurück. Mehrfach hatten die Geistlichen der Siedlung in der Zeit davor den jungen Einheimischen und dessen Freundin gefesselt und geschlagen – als Strafe dafür, dass sich das Liebespaar heimlich im Wald traf. Nun liefert To Maria nicht wie üblich seine Flinte wieder ab, sondern zielt auf den im Bett liegenden Pater und drückt ab. Unmittelbar darauf erschießt er eine Missionsschwester.
Weitere Baining schließen sich an diesem Tag To Maria an, gehen mit Messern und Äxten auf die Missionare los. Als sie ihre Waffen niederlegen, haben die Einheimischen zehn Menschen umgebracht. Die Leitung der Kolonie verurteilt sämtliche Beteiligten zum Tod.
Auch wenn das Massaker von St. Paul nicht der einzige Aufstand im Pazifik ist: Dass sich der Griff der Deutschen um ihr Land immer fester schließt, können die Menschen nicht verhindern. Bereits 1899 hat das Deutsche Reich der inzwischen hoch verschuldeten Neuguinea-Kompagnie die Kontrolle über Kaiser-Wilhelmsland und den Bismarck-Archipel entzogen. Seitdem regiert Berlin die Gebiete zusammen mit weiteren Inseln in Mikronesien als offizielle staatliche Kolonie. Auch die Missionen bauen ihre Arbeit aus; im Jahr 1913 haben allein die Katholiken in den deutschen Pazifikbesitzungen 42 000 Menschen bekehrt.
Noch bis 1930 verkündet Johann Flierl dort das Evangelium. Als er Neuguinea im Alter von 72 Jahren verlässt, ist die Kolonialherrschaft der Deutschen längst vorüber. Ergriffen notiert der Geistliche zur Abreise, wie durch seine Missionsarbeit aus einem „Senfkorn ein großer Baum erwachsen“ sei. Und er erinnert sich, wie er mit den Einheimischen stets gesungen habe. Zur Melodie von, so schreibt Flierl, „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“.
2. Kolonial-Ausstellung. Ein Ort zum Gaffen.
1896 präsentiert das Auswärtige Amt auf einer Großveranstaltung vor den Toren Berlins Menschen aus den deutschen Kolonien – als lebende Exponate, die ein Millionenpublikum für das imperiale Projekt begeistern sollen
Der Kaiser ist da! Die Sonne scheint, als Wilhelm II. an diesem 1. Mai 1896 Afrika besucht. Krieger, mit Speeren bewaffnet, wachen vor einem Torhaus, Menschenschädel stecken auf zwei Meter hohen Palisadenzäunen. Bewohner des Dorfes begrüßen Seine Majestät mit einem lauten Willkommensruf. Zwischen viereckigen Lehmhäusern und runden Grashütten versammeln sich Männer und Frauen in bunten Gewändern im Kreis um ihren Häuptling, einen würdevollen, kräftigen Mann Ende 30. Dann stimmen sie einen Gesang an, schlagen Trommeln und lassen Rasseln ertönen, während die Krieger ihre Körper im Rhythmus bewegen, Schwerter und Äxte in die Höhe recken. Es ist eine Reise in die Fremde – ein paar Hundert Meter von der Spree entfernt. Denn die Hütten, die Palisaden, die Palmen: alles Attrappe. Aufgebaut vor den Toren Berlins. Und John Calvert Nayo Bruce, der Mann Ende 30, ist kein wahrhaftiger Häuptling, er spielt eine Rolle. Genauso wie die anderen vermeintlichen Dorfbewohner.
Sie alle sind Teil der „Deutschen Kolonial-Ausstellung“, die Kaiser Wilhelm an diesem Tag im Treptower Park eröffnet, Hauptattraktion eines noch größeren Spektakels, einer deutschen Leistungsschau. Deren Ziel: die pompöse Weltausstellung in Paris wenige Jahre zuvor zu übertrumpfen und Berlin als Europas aufstrebende Industrie- und Handelsmetropole zu präsentieren. Auf einer gewaltigen Fläche von fast einem Quadratkilometer zeigen mehr als 3700 Aussteller in Pavillons und Hallen ihre neuesten Produkte, Innovationen, Errungenschaften. Passend dazu will das Auswärtige Amt Deutschlands Aufstieg zur Kolonialmacht zelebrieren – und hat auf einem Teil des Geländes ein aufwendiges Abbild der eroberten „Schutzgebiete“ errichten lassen, samt „Eingeborenendörfern“ und deren Bewohnern.
Mehr als 100 Menschen aus Deutsch-Ostafrika, Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika und Neuguinea sind von den Organisatoren Tausende Kilometer per Schiff und Bahn nach Berlin gebracht worden. Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche. Als lebende Exponate sollen sie den Besucherinnen und Besuchern nun knapp sechs Monate lang ihren angeblichen Alltag vorspielen – und damit die perfekte Rechtfertigung für Deutschlands Kolonialpolitik liefern, für Unterdrückung und Fremdbestimmung.
Lebendige Menschen aus fernen Weltgegenden auszustellen wie Museumsobjekte oder Tiere im Zoo, ist im ausgehenden 19. Jahrhundert in Europa nichts Neues: 1875 bereits engagiert der Hamburger Unternehmer und Tierhändler Carl Hagenbeck für seine erste „Völkerschau“ in Deutschland drei Männer und eine Frau aus Lappland, die vor Publikum Zelte aufbauen, Rentiere pflegen und Babys stillen.
Schnell entwickeln sich solche Veranstaltungen zu Massenspektakeln: Organisatoren touren mit indigenen Gruppen aus Afrika, vom indischen Subkontinent, aus der Südsee oder Nordamerika monatelang durch Europa, lassen sie in zoologischen Gärten und in Vergnügungsparks auftreten. Die meisten Deutschen kennen Menschen aus derart weit entfernten Regionen allenfalls aus Büchern oder von Sammelbildchen, die Zigarettenpackungen oder Schokoladentafeln beigelegt werden.
Umso begeisterter sind viele, die Fremden leibhaftig vor sich zu sehen, ihren Gesängen zu lauschen, ihre Kleider oder Tätowierungen zu begutachten, gar mit ihnen eine Unterhaltung zu versuchen, und sei es in Zeichensprache. Auch deshalb locken manche „Völkerschauen“ Hunderttausende, mitunter gar Millionen Schaulustige an. Dabei mischen sich Neugier und Voyeurismus, Vergnügungslust und Rassismus. Das Ergötzen am Andersartigen, an Menschen, die als kaum gleichwertige, exotische Kuriosität gesehen werden, entwickelt sich zur florierenden Branche.
Ein Volksvergnügen, an das auch Mitarbeiter in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes anknüpfen wollen: In ihrem Auftrag bereitet ein 30-köpfiger Ausschuss die Berliner Ausstellung von 1896 monatelang vor, um – so schreiben die Organisatoren in einem Bericht – „dem deutschen Volke das Kolonialwesen in seinen mannigfachen Verzweigungen vorzuführen“.
Grundsätzlich und in der Mehrheit stehen die Deutschen hinter dem imperialen Projekt. Doch bei den Anhängern der katholischen Zentrumspartei, im linksliberalen Milieu und bei der SPD werden immer wieder kritische Stimmen laut, die vor allem hartes und ausbeuterisches Vorgehen anprangern. Es kann also nicht schaden, der Akzeptanz in der Bevölkerung etwas nachzuhelfen.
Und so entsenden die Organisatoren Agenten in die deutschen Kolonien in Afrika und im Pazifik, um vor Ort passende Darsteller für die geplanten Attraktionen zu engagieren. Auch Einheimische sind an der Rekrutierung beteiligt. So wie J. C. Nayo Bruce aus dem von Deutschland beherrschten Togo. Bruce lässt sich in seiner Heimat taufen und reist im Alter von etwa 30 Jahren 1889 erstmals ins Kaiserreich, als Begleitung eines deutschen Schriftstellers, der Togo erkundet hatte.
Danach arbeitet Bruce für die deutsche Verwaltung in der Kolonie – und unterbreitet den Offiziellen dort schließlich ein Angebot für eine „Völkerschau“-Darbietung bei der Kolonial-Ausstellung 1896 in Berlin. Bruce bekommt den Zuschlag, verpflichtet in seiner Heimat 25 Landsleute, darunter zwei seiner Frauen und ein dreieinhalb Jahre alter Sohn, und schifft sich mit ihnen Richtung deutsche Hauptstadt ein. Insgesamt 103 Teilnehmer aus fast allen deutschen Kolonien schließen Verträge über ein Engagement in Berlin ab. Für etwa ein Drittel eines deutschen Arbeiterlohns, monatlich zwischen 15 und 20 Reichsmark, bei Kost und Logis, sollen sie sich schon bald darauf dem Publikum darbieten.
Nachdem der Kaiser am 1. Mai seinen Rundgang durch den Treptower Park beendet und die Ausstellung offiziell eröffnet hat, strömen die ersten Besucherinnen und Besucher auf das Gelände. Können in den Pavillons der Gewerbeschau technische Innovationen wie die erst im Jahr zuvor entwickelten Röntgenapparate bewundern, durch ein Riesenfernrohr ins All schauen oder mitverfolgen, wie sich Miniatur-Schlachtschiffe in einem eigens angelegten Wasserbassin Gefechte mit lauten Explosionen liefern.
EINE GANZE BRANCHE NÄHRT DIE LUST AM GLOTZEN
Und etwas anderes, ebenfalls noch immer recht Neues können sie bestaunen: die globale Dimension und Weltläufigkeit des Kaiserreichs. In der „Wissenschaftlichen Halle“, einem prächtigen Kuppelbau, ragt eine griechische Titanen-Statue empor, die auf ihren Schultern eine gewaltige Erdkugel mit zwei Meter Durchmesser trägt. Darauf eingezeichnet: die deutschen Kolonien, alle 22 deutschen Dampferlinien im Weltpostverkehr, dazu die Botschaften, Gesandtschaften, Konsulate sowie die Zahl der außerhalb Europas lebenden Deutschen.
Die Köstlichkeiten, welche Deutschland aus diesem erdumspannenden Reich gewinnt, lassen sich in einem anderen Gebäude würdigen. Hier probieren Interessierte Kaffee, Zigarren, Erdnussöl aus deutschen Kolonien, haben Gelegenheit, „erstmals in breitem Maße Bekanntschaft mit der Banane“ zu machen, wie ein Besucher feststellt. Erst seit Kurzem steigt im Reich die Zahl der sogenannten Kolonialwarenläden, die ein ähnliches Sortiment von Gütern aus Übersee für die deutsche Kundschaft anbieten.
Mit der wohl größten Erwartung aber nähern sich die Besucher und Besucherinnen den „Eingeborenendörfern“: an einem kleinen See angeordnete hölzerne Hütten, Pfahlbauten und Baumhäuser, die deutsche Zimmerleute nach Reiseberichten aus Afrika und der Südsee errichtet haben. Darin und davor: Menschen, die Federschmuck herstellen, Netze knüpfen, Feuer schüren, Maiskörner mithilfe eines Stücks Holz zu Mehl mahlen, Hüte aus Palmenblättern flechten. Die auf dem Teich um die Wette rudern, Tänze aufführen, singen, sich im Speerwurf üben.
Mitten im Treptower Park erleben die Berliner authentische Szenen aus den Kolonien – das zumindest sollen sie glauben. Was sie tatsächlich sehen, sind kulturelle Versatzstücke, Stereotype, sorgsam zusammengefügt und inszeniert, um die Neugier der Deutschen zu befriedigen. Und um eines unter Beweis zu stellen: die vermeintliche eigene zivilisatorische Überlegenheit.
So berichten für einen Band zur Ausstellung befragte Schaulustige denn auch von „dunklen, halbentblößten Gestalten“, die mit „ihren primitiven Gebrauchsgegenständen beschäftigt“ seien. Der Kontrast zu den nahen, mit neuester Technik aus Deutschland angefüllten Ausstellungshallen könnte kaum größer sein. Und ist gewollt. Der angebliche Entwicklungsbedarf der in Übersee Unterworfenen soll jedem klar werden.
Fotoserien in Pavillons, die über die Arbeit von christlichen Missionaren informieren, unterfüttern diese Perspektive. Zu sehen sind Bilder von „bekehrten, anständig gekleideten Eingeborenen“, wie ein Zeitgenosse es beschreibt, und – ihnen gegenübergestellt – Aufnahmen von „noch heidnischen Landsleuten mit den abschreckenden, wilden und stumpfen Gesichtern“.
Die Botschaft ist klar: Die Kolonialherrschaft tut den Unterworfenen gut. Und: Man leistet ganze Arbeit, die Außereuropäer mit den Segnungen deutscher Kultur zu beglücken. Besser gesagt, sie großzuziehen. Denn viele Deutsche folgen der Auffassung von Wissenschaftlern jener Zeit, Menschen aus anderen Erdteilen, insbesondere Afrikaner, befänden sich im evolutionären Stadium der „Kindheit“ und müssten „erzogen“ werden.
Unterdessen folgt die Inszenierung in Treptow einem streng getakteten Ablaufplan. Die Darsteller schlafen in barackenähnlichen Unterkünften direkt auf dem Gelände. Ihr Tag beginnt um sechs Uhr morgens. Den Männern, Frauen und Kindern stehen eine Wanne, zwei Duschen und acht Toiletten zur Verfügung. Zum Frühstück gibt es Tee mit Zucker, zwei Schrippen und drei Eier.
Vormittags, so ist es vorgeschrieben, müssen sich die „Eingeborenen“ in ihren Dörfern handwerklichen Tätigkeiten widmen, vor aller Augen Kleidung waschen, ihr Mittagessen zubereiten. Nachmittags stehen Spiele und Aufführungen an.
Der Tag endet, jenseits der Kulissen, mit einer zugeteilten Flasche Bier – zumindest für die männlichen Teilnehmer. Wenn es kalt ist, wird Schnaps ausgegeben: ein Esslöffel für die Frauen, zwei für die Männer. Um 22 Uhr ist Bettruhe. Obwohl Ärzte permanent den Gesundheitszustand der Angereisten überprüfen, breiten sich mehrmals Erkältungskrankheiten und Lungenentzündungen aus. Drei der Darsteller sterben.
War den Beteiligten bei Vertragsunterzeichnung wirklich bewusst, worauf sie sich einlassen? Was es bedeutet, ein halbes Jahr lang in einem völlig fremden Land zu leben? Jeden Tag von Menschen begafft zu werden? Schwer vorstellbar. Zur Teilnahme gezwungen wurde aber wohl niemand.
Vielmehr sehen einige die Berlinreise sicher als Möglichkeit, Geld zu verdienen. Andere verfolgen weiterreichende Ziele. So wirbt Nayo Bruce aus Togo in einem Interview mit der „Kölnischen Zeitung“ während seines Aufenthalts dafür, dass das Kaiserreich die Bewohner seiner Kolonien ausbilden möge. Nebenbei verschafft er einigen seiner Landsleute sogar eine Art Studienreise nach Deutschland.
Aus Deutsch-Südwestafrika ist mit dem 21-jährigen Friedrich Maharero der Sohn eines Anführers der Herero nach Berlin gekommen. Auch er mimt bei der Ausstellung einen „Eingeborenen“ und will zugleich mit dem Kaiser über die Beziehung zwischen seiner Gemeinschaft und den Kolonialherren sprechen. Tatsächlich wird ihm eine Audienz bei Wilhelm II. gewährt, bei der er wohl auf eine friedliche Behandlung durch die Kolonialverwaltung in der Heimat pocht.
Viele der Darsteller verbringen die Monate in Deutschland nicht ausschließlich im Treptower Park. Die Veranstalter schaffen die Gäste in den Zoo, in Museen, zu Theatervorführungen, lassen sie sogar Truppen in Kasernen besuchen. Denn zurück in der Heimat sollen sie, wie es im amtlichen Bericht zur Kolonial-Ausstellung heißt, „ihren Stammesgenossen von den in Berlin gewonnenen Eindrücken erzählen und so Ehrfurcht und Unterwürfigkeit vor dem ‚klugen weißen Manne‘ verbreiten“.
Ein Ansinnen, das offenbar fehlschlägt: Das unaufhörlich glotzende, oft mit anzüglichen Bemerkungen um sich werfende Publikum schädige, beklagen Kritiker, das „Ansehen der Weißen“. Und zwar so sehr, dass ein Autoritätsverlust der Deutschen in den unterworfenen Gebieten zu befürchten sei. Manche Besucher flirten gar mit den Darstellern: Der Herero Friedrich Maharero wird noch lange nach seiner Abreise aus Berlin Liebesbriefe von deutschen Verehrerinnen erhalten.
Auch die Wissenschaft interessiert sich für die Ausgestellten aus der Fremde. Der Anthropologe Felix von Luschan ergreift die Gelegenheit und vermisst ihre Körper. Luschan, Mitglied des Direktoriums im Berliner Völkerkundemuseum, ist wie andere Gelehrte jener Zeit geradezu besessen davon, Menschen nach Äußerlichkeiten zu klassifizieren und sie unterschiedlichen evolutionären Entwicklungsstufen zuzuordnen. Anders als zahlreiche Kollegen teilt Luschan zwar nicht die zutiefst rassistische Vorstellung von einer naturgegebenen Hierarchie der Völker. Berüchtigt aber ist der Anthropologe heute, weil er Tausende Schädel in Berlin sammelt und kategorisiert, darunter viele, die unter dunklen Umständen aus den Kolonien nach Deutschland geschafft worden sind.
Bei seinen Messungen und Untersuchungen in Treptow zieht Luschan mitunter absurde, herabwürdigende Schlüsse. Zum Kameruner Martin Dibobe etwa merkt er an, dessen „psychische Eigenschaften entsprechen vollkommen dem Bilde, das man sich nach seiner schlechten Stirne und seinen mächtig entwickelten Fresswerkzeugen von ihm machen kann“. Der Anthropologe fotografiert die Darsteller – allerdings nimmt nur knapp die Hälfte an diesem Prozedere teil. Der Rest weigert sich.
MANCHE LASSEN SICH NICHT GÄNGELN UND GAFFEN ZURÜCK
Überhaupt zeigen sich die lebenden Exponate sehr viel eigenwilliger, als die deutschen Veranstalter das eingeplant haben. Manche sind nicht bereit, traditionelle Trachten anzuziehen, sondern tragen einen Anzug europäischer Machart. Andere äffen die Besucher nach, stolzieren – einen Spazierstock schwingend – durch ihr Attrappendorf. Der Kameruner Kwelle Ndumbe, genannt Bismarck Bell, ebenfalls der Spross einer Anführerfamilie, mustert die Besucher durch ein Opernglas, das er sich besorgt hat, wirft ihnen verächtliche Blicke zu und führt ihnen so ihr eigenes Verhalten vor Augen.
Am 15. Oktober, nach einem knappen halben Jahr, endet die Ausstellung von Treptow. Mehr als sieben Millionen Besucher haben die Veranstalter gezählt – für sie ein voller Erfolg. Und doch untersagt die Reichsregierung es wenige Jahre später, Menschen aus deutschen Kolonien zu Schaustellungszwecken anzuwerben – wenn auch nicht aus Rücksicht. „Völkerschauen“: sehr wohl, aber lieber mit den „Eingeborenen“ anderer Kolonialmächte. Längst ja ist diese Art von Veranstaltung in vielen europäischen Ländern etabliert, in Frankreich, Großbritannien oder Belgien touren Gruppen aus deren Kolonialreichen über den Kontinent von Show zu Show.
Einen allzu engen Kontakt zwischen Deutschen und den Menschen aus den deutschen Überseegebieten halten viele Politiker und Wissenschaftler im Kaiserreich aber nun für heikel. Der „schwarze Untertan“, so erklärt der Tropenmediziner Hans Ziemann, könne nicht zum „schwarzen Bruder“ werden. Eindringlich warnen er und andere vor „Rassenvermischung“ – und davor, dass „Eingeborene“ aus den Kolonien in Deutschland bleiben könnten.
So wie Nayo Bruce aus Togo. Nach der Kolonial-Ausstellung von 1896 organisiert er selbst „Völkerschauen“, zieht mit seinen vier Frauen und einer „Togo-Truppe“ 22 Jahre lang durch Europa, teils mit mehr als 80 Darstellerinnen und Darstellern. Bei Auftritten im Kaiserreich präsentiert er sie als „unsere schwarzen Landsleute“ – und lässt sie am Schluss der Aufführung die Kaiserhymne „Heil dir im Siegerkranz“ singen.
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Kretz, Sebastian: Missionare im Pazifik. In Gottes Auftrag in die Südsee, in: Die Deutschen Kolonien (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 135), Hamburg 2025, S. 44-47.
-> Opitz, Manuel: Kolonial-Ausstellung. Ein Ort zum Gaffen, in: Die Deutschen Kolonien (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 135), Hamburg 2025, S. 80-93.