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Die Frauenbewegung im Kaiserreich

Inhaltsverzeichnis

1. Frauenbewegung. Frauen an die Macht. 

1. Frauenbewegung. Frauen an die Macht. 

Jahrtausendelang bleiben Frauen von Herrschaft und Politik weitgehend ausgeschlossen. Auch als das Volk mehr Mitsprache gewinnt, erhalten zunächst nur Männer eine Stimme: Die Hälfte der Menschen wird in Unmündigkeit gehalten. Und so ist es vielleicht die größte Revolution von allen, die um 1900 auch im Deutschen Kaiserreich entbrennt: der Kampf der Frauen für ihr Wahlrecht

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KÄMPFERISCH SCHWINGT die gezeichnete Vorstreiterin auf einem Plakat der Frauenbewegung von 1914 ihre Fahne. Die Aktivistinnen im Kaiserreich organisieren vereinzelt Demonstrationen (rechts) – vor allem aber setzen sie sich mit Zeitungsartikeln und in einer Vielzahl von Vereinen für ihre Forderungen ein

 

Es ist nur ein schmales Büchlein. Doch was der Leipziger Nervenarzt Paul Julius Möbius hier auf 23 Seiten über Frauen behauptet, liest sich so ungeheuerlich, dass es Hedwig Dohm in Rage bringt. „Wären Flüche nicht aus der Mode, und wäre ich Fanatikerin genug, mich ihrer zu bedienen, so wüsste ich einen Fluch, wie gemacht für den Entdecker des weiblichen Schwachsinns“, tippt die Schriftstellerin voller Wut in die Tastatur ihrer Schreibmaschine. Der Essay, der sie empört, heißt „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ und ist im Jahr 1900 ein Bestseller im Deutschen Kaiserreich.

Beim „Weib“ seien wichtige Gehirnteile schlechter entwickelt als beim männlichen Geschlecht, heißt es darin. Daher handele die Frau instinktgetrieben, unselbstständig, ja tierähnlich, könne Gut und Böse nicht unterscheiden. Das Lernen sei ihr zuwider, übermäßige Gehirntätigkeit mache sie krank. „Gelehrte und künstlerische Frauen sind Ergebnisse der Entartung“, schreibt der Mediziner. Ihre einzige Bestimmung sei die Mutterschaft. Dreimal wird das vermeintlich wissenschaftliche Pamphlet innerhalb eines Jahres aufgelegt. Doch Hedwig Dohm hat klar erkannt, dass die Nachfrage vor allem eines zeigt: Die „Antifeministen“, so nennt die Schriftstellerin Männer wie Möbius, haben Angst. Sie fürchten den Wandel, der in der Luft liegt.

Denn überall in Deutschland ist in den vergangenen Jahren die Frauenbewegung erstarkt. Aktivistinnen haben sich in Vereinen zusammengeschlossen, fordern in Zeitungsartikeln und auf Kongressen bessere Bildung und mehr Rechte. Seit Kurzem gibt es an einigen Universitäten die ersten Studentinnen. Und diese „Fraueninvasion in das Reich der Männer“, weiß Dohm, lässt viele Männer um den Verlust der Macht bangen. Die Schriftstellerin ist eine jener von Möbius Verdammten, die nicht mehr nur Ehepartnerin und Mutter sein wollen. Und setzt sich wortmächtig in Zeitungsartikeln gegen den Arzt zur Wehr, als den Inbegriff des Mannes, „der meine Entrechtung für alle Ewigkeit festhalten will, der das Weib nur als Durchgang zum eigentlichen Menschen – als Gebärerin des Mannes – gelten lässt“.

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DAS ZIEL eines langen Ringens: Im Januar 1919 können Frauen das erste Mal für ein deutsches Parlament votieren (Bürgerinnen vor einem Berliner Wahllokal, rechts)

 

Seit Jahrzehnten ist die zierliche Intellektuelle mit den durchdringenden braun-grünen Augen eine der radikalsten Kämpferinnen für die Rechte ihres Geschlechts. Allen Anfeindungen zum Trotz hat sie bereits um 1875 verlangt, was damals niemand sonst öffentlich zu fordern wagte: das Wahlrecht für Frauen.

Mit der Zeit haben zwar in etlichen Ländern immer mehr Menschen politische Mitsprache erhalten – allerdings fast überall nur Männer. Nun aber scheint in Deutschland und anderswo eine Revolution so nah wie nie zuvor, die vielleicht gewaltigste Umwälzung in der Geschichte der Demokratie: Auf einen Schlag würde sie die Hälfte der Bevölkerung aus der politischen Unmündigkeit befreien, ihr eine Stimme geben. Es wäre eine Revolution ohne Anführerin, getragen von einer Bewegung Hunderttausender Aktivistinnen aus fast allen gesellschaftlichen Schichten. Eine Revolution, in der die Frauen nicht mit Kanonen oder Gewehren kämpfen – sondern mit jenen Geistesgaben, über die sie aus Sicht von Männern wie Möbius gar nicht verfügen: Beharrlichkeit, Verstand und Organisationsgabe. Nicht nur in Deutschland hat die Unterdrückung der Frauen eine jahrtausendealte Tradition. Seit jeher gilt in weiten Teilen der Welt das Gesetz des Mannes, haben sich Töchter dem Vater unterzuordnen, Ehefrauen ihrem Gatten. Mitunter gelangen dennoch Herrscherinnen an die Macht, etwa weil ein Sohn als Thronfolger fehlt – oder zunächst zu jung ist, um zu regieren. Doch an der Stellung ihres Geschlechts vermögen auch sie nichts zu ändern.

Zwar erheben im Lauf der Zeit einzelne Frauen ihre Stimmen gegen das Diktat des Patriarchats. Wie etwa die reichen Römerinnen, die im Jahr 42 v. Chr. gegen eine Sonderabgabe demonstrieren, die sie zur Finanzierung eines Krieges leisten müssen. „Warum sollten wir Steuern zahlen“, sagt die Wortführerin, „wenn wir nicht an den Ehren, der Macht und der Regierung beteiligt sind, für die ihr gegeneinander mit so verheerenden Folgen antretet?“ Oder die französische Schriftstellerin und Lyrikerin Christine de Pizan, die im Mittelalter auf die verkannten Fähigkeiten der Frauen hinweist: In ihren Schriften wehrt sie sich um 1400 gegen die Geringschätzung ihres Geschlechts und fordert den Zugang zu Bildung. Doch erst während der Französischen Revolution beginnen Frauen sich als Bewegung zu formieren. Etliche von ihnen gehören zu den Aufständischen, die 1789 gegen die Monarchie aufbegehren; dennoch sieht die zwei Jahre später eingeführte neue Verfassung für sie keine Mitbestimmung vor.

Viele Französinnen wollen das nicht hinnehmen: Sie gründen politische Klubs, um sich zu organisieren, tragen Hosen und wie männliche Revolutionäre die rote Jakobinermütze, fordern öffentlich das Wahlrecht. Besonders wortgewandt und entschlossen tut sich dabei die Schriftstellerin Olympe de Gouges hervor. Sie verfasst eine „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, in der es heißt: „Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Mann in allen Rechten gleich.“

Hedwig Dohm

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DIE GELERNTE LEHRERIN und Berliner Intellektuelle (1831–1919) zählt zu den radikalsten Stimmen der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung. 1875 fordert sie Unerhörtes: die kompromisslose Gleichberechtigung der Geschlechter
 

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MUTTERSCHAFT ist für die Gegner der Gleichberechtigung lange ein Vorwand, um Frauen die Teilnahme an Politik zu verwehren. Das ändert sich nun (Wahlplakat von 1918)

 

Doch diese Haltung stößt bei vielen Revolutionären auf Ablehnung. Und als in Paris immer radikalere Kräfte an Einfluss gewinnen, stirbt die Vorkämpferin der Frauenrechte am 3. November 1793 wegen „Verrats an der Volksherrschaft“ unter der Guillotine. Die Idee der Gleichberechtigung aber lebt weiter. Vor allem in Frankreich und in Großbritannien erkennen Frauen im frühen 19. Jahrhundert Olympe de Gouges’ Erklärung als Pionierwerk an, treten auch erste männliche Denker in Büchern und Artikeln für die Emanzipation ein.

Louise Otto-Peters

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MIT DER GRÜNDUNG des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins 1865 in Leipzig legt die Tochter aus wohlhabendem Haus (1819–1895) das Fundament des Aktivismus

 

Dann kommt es auch in den deutschen Landen zu einem Umsturz, der den Frauen Hoffnung bringt – und sie dennoch bitter enttäuscht. Hunderte, vielleicht Tausende rebellieren in der Revolution von 1848 Seite an Seite mit den Männern gegen die Fürstenherrschaft (siehe Seite 96). Sie sind als Kurierinnen und Sanitäterinnen im Einsatz, schleppen Steine für den Barrikadenbau und kämpfen in manchen Fällen mit der Waffe in der Hand. Doch als im Mai 1848 das erste gesamtdeutsche Parlament zusammentritt, ist keine einzige weibliche Vertreterin unter den rund 600 Abgeordneten. Und die Verfassung, die sie formulieren, gesteht allein Männern das Wahlrecht zu. Frauen dürfen den Debatten lediglich auf den Tribünen beiwohnen.

Mit dieser Zuschauerinnenrolle will sich Louise Otto nicht begnügen. Ihre vermögenden Eltern sind früh gestorben, daher verfügt die 29-Jährige über Geld. Im April 1849 gründet sie im sächsischen Großenhain die „Frauen-Zeitung“ – die erste feministische Publikation Deutschlands. „Wohlauf denn, meine Schwestern“, schreibt sie in der ersten Ausgabe, „wir wollen unser Teil fordern: das Recht der Mündigkeit und Selbstständigkeit im Staat.“ Das Blatt ist ein großer Erfolg: Bald wird die „Frauen-Zeitung“ auch außerhalb Deutschlands gelesen, erreichen Louise Otto begeisterte Zuschriften aus der Schweiz, Frankreich und sogar den USA. Aber als die deutsche Revolution schon im Sommer 1849 scheitert, ersticken die Fürsten jede kritische Regung mit Zensur. Frauen ist es nun fast überall verboten, Vereinen mit politischen Zielen anzugehören oder Zeitungen herauszugeben.

Auch Louise Otto muss 1852 schließlich aufgeben. Statt politischer Schriften veröffentlicht sie in den folgenden Jahren historische Romane und Zeitungsartikel über Musik und Theater. Doch sie bleibt ein radikaler Freigeist – und wartet auf ihre nächste Chance. Zunächst aber scheint aller Aufbruchsgeist verschwunden. Im Gegenteil: Die Industrialisierung, die Mitte des 19. Jahrhunderts allmählich die deutschen Lande erfasst, trennt die Geschlechterrollen im Bürgertum sogar noch schärfer als je zuvor. Während Männer Fabriken führen, etwa in Kohlebergbau und Stahlproduktion investieren oder als Angestellte in Kontoren arbeiten, beschränkt sich die Lebenswelt der Frauen nun vor allem auf das eigene Heim. Während sie früher häufiger an den Geschäften ihrer Ehemänner beteiligt waren, gilt für Bürgerinnen Arbeit jetzt als unschicklich. Sie kümmern sich um ihre Kinder, wohlhabende Damen weisen das Dienstpersonal an. Laut Gesetz dürfen sie weder Eigentum besitzen noch einen Betrieb führen, sind ihrem Gatten zu Gehorsam verpflichtet.

Mädchen besuchen in der Regel lediglich bis zum Alter von 14 Jahren die Volksschule: Allein Töchter vermögender Familien können an einer Privatschule weiterlernen und sich zur Lehrerin ausbilden lassen – dem einzigen bürgerlichen Frauenberuf. Doch wenn eine Pädagogin heiratet, verliert sie automatisch ihre Anstellung, um ihrer vermeintlich wahren Berufung als Ehepartnerin und Mutter nachgehen zu können. Frauen der Unterschicht hingegen sind oft sogar zur Arbeit gezwungen, um den kargen Lohn ihrer Männer aufzubessern. Hunderttausende weibliche Werktätige schuften in Fabriken oder als Tagelöhnerinnen in der Landwirtschaft. Doch sie erhalten höchstens die Hälfte des Männerlohnes. Zudem gibt es keinen Mutterschutz; Schwangere müssen oft bis kurz vor der Niederkunft arbeiten. Nirgends in den deutschen Landen gibt es eine Organisation, die sich für die Rechte von Frauen einsetzt. Erst im Jahr 1865 eröffnet sich endlich eine Gelegenheit.

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BÜRGERLICHE und sozialistisch gesinnte Frauen kämpfen meist getrennt. Bereits 1891 hat die SPD das Wahlrecht für alle in ihr Programm aufgenommen

 

Ein neuer König hat wenige Jahre zuvor den Thron in Preußen bestiegen, dem größten deutschen Fürstentum: Unter Wilhelm I. beginnt eine Zeit vorsichtiger Liberalisierung, die auch auf andere Landesteile ausstrahlt, etwa auf Sachsen. Die Gründung von Frauenvereinen – auch zuvor nicht ausdrücklich verboten, solange ein Zusammenschluss keinen politischen Zwecken dient – erscheint nun als eine erfolgversprechende Option. Und so gründet Louise Otto-Peters (wie sie sich seit dem Tod ihres Mannes nennt) in Leipzig mit einigen Mitstreiterinnen den Allgemeinen Deutschen Frauenverein. An diesem Tag, dem 18. Oktober 1865, beginnt aus Sicht vieler Historiker die deutsche Frauenbewegung.

Die Ziele der Vereinigung sind alles andere als radikal: Frauen sollen bessere Bildung erhalten, in Handel und Wissenschaft beruflich tätig sein dürfen. Sonntags geben Aktivistinnen Unterricht in Französisch, Rechnen und Handarbeit, halten Vorträge, veranstalten Konzerte. Auch in anderen deutschen Staaten entstehen nach und nach weitere Ortsverbände. Würden sich die Mitglieder aber für politische Mitbestimmung engagieren, könnte ihre Organisation jederzeit aufgelöst werden.

Dieser Maulkorb gilt jedoch nicht für Privatpersonen. Und so ist es eine einzelne Schriftstellerin, die als Erste in Deutschland umfassende Gleichberechtigung einfordert: Hedwig Dohm. „Die Menschenrechte haben kein Geschlecht“, begründet sie um 1875 in einer Reihe aufsehenerregender Artikel ihre Forderung.

Die gelernte Lehrerin ist keine Unbekannte in den Intellektuellenkreisen Berlins, der Kapitale des 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreichs: Mit ihrem Mann, dem leitenden Redakteur eines Satiremagazins, betreibt sie in ihrer Wohnung in der Potsdamer Straße einen Salon. Montags drängen sich hier Frauen und Männer, Unternehmer, Abgeordnete und Kreative, darunter die Autorin Fanny Lewald und der Literat Theodor Fontane, streiten über Politik und Kultur – und über die „Frauenfrage“, an der sich immer wieder hitzige Debatten entfachen.

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Für die Arbeiterführerin (1857-1933) ist Gleichberechtigung ein Teil des Klassenkampfes. Zusammen mit anderen sozialistischen Aktivistinnen ersinnt sie 1910 den Internationalen Frauentag

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Selbst reaktionäre Parteien, die gegen Frauenrechte zuerst gewettert haben, müssen sich nun - wie hier 1919 - auf eine zur Hälfte weibliche Wählerschaft einstellen

Hedwig Dohm treibt dieses Thema seit ihrer Kindheit um. Sie ist in einer bürgerlichen Familie mit 17 Geschwistern aufgewachsen – und weiß, welche Erniedrigungen bereits junge Mädchen auf sich nehmen müssen. „Meine acht Brüder schlitterten auf dem zugefrorenen Rinnstein, schneeballten sich, keilten sich grässlich untereinander, waren faul in der Schule“, wird sie später spöttisch schreiben, „die Mädchen, die saßen möglichst still, sittsam, machten Handarbeiten in den Freistunden, von der mühsamen Perlen- und Petit-Point-Stickerei bis zum ekligen Strumpfstopfen herunter.“ Dass Dohm kompromisslose Gleichberechtigung und sogar das Wahlrecht für Frauen fordert, gilt zunächst als unerhört. Sie erhält anonyme Drohbriefe, bei ihrem Verleger treffen Beschwerden erboster Leserinnen und Leser ein, in den Zeitungen schmähen Kritiker die „Berliner Pamphletin“. Unbeirrt publiziert sie weiter, legt sich in Texten mit Medizinern, Kirchenvätern und Literaten an. Sogar den berühmten Friedrich Nietzsche, dessen Philosophie Dohm eigentlich verehrt, attackiert die Feministin für seine frauenfeindlichen Äußerungen.

„Weil die Frauen Kinder gebären, darum sollen sie keine politischen Rechte haben“, schreibt die Autorin. „Ich behaupte: Weil die Männer keine Kinder gebären, darum sollen sie keine politischen Rechte haben, und ich finde die eine Behauptung mindestens ebenso tiefsinnig wie die andere.“ Indes gewinnt die Frauenbewegung im Kaiserreich an Stärke – und wird gegen Ende des Jahrhunderts zum Massenphänomen. Um 1900 gibt es keine größere Stadt mehr, in der sich nicht eine Organisation für die Belange des weiblichen Geschlechts einsetzt.

Mehr als 7000 Ortsgruppen von Frauenvereinen existieren nun im Land. Es gibt gemäßigte und radikale Aktivistinnen, bürgerliche und proletarische. Sie alle wollen die Gesellschaft verändern, im Kleinen oder im Großen. Unter ihnen sind Lehrerinnen wie Helene Lange und Minna Cauer, in deren Kursen sich junge Berlinerinnen weiterbilden und ab 1897 sogar das Abitur ablegen können. Aber auch die Schwäbin Clara Zetkin, eine Anführerin der Arbeiterbewegung – die Gleichberechtigung als Teil des Kampfes der unterdrückten Klassen gegen die Herrschenden versteht. An­ dere Gruppen treten etwa für die Rechte von Prostituierten ein oder gründen Rechtsschutzstel­len, die Frauen beispielsweise bei Scheidungen beraten. Eines aber ist den Organisationen gemeinsam: Sie veranstalten kaum Protestmärsche oder Demonstrationen, sondern äußern sich fast ausschließlich auf Papier. Nahezu jede Vereinigung veröffentlicht eine Zeitung, verteilt Flugblätter, verfasst Petitionen. „Es handelt sich bei der Frauenfrage um eine soziale Revolution“, wird Hedwig Dohm später schreiben, „eine gewaltige und wunderbare, wie die Welt keine zweite gesehen, eine Revolution, in der einzig und allein mit geistigen Waffen gekämpft wird.“

Dabei finden die Frauenrechtlerinnen auch immer mehr Unterstützung seitens der Männer: Die SPD fordert ab 1891 in ihrem Programm das Wahlrecht „ohne Unterschied des Geschlechts“. Führende Aktivistinnen stehen zudem im Austausch mit Gruppen im Ausland, besuchen etwa in England die ersten Hochschulen für Frauen, reisen zu Kongressen, schließen sich internationalen Verbänden an. Denn besonders in der Wahlrechtsfrage sind einige Staaten schon weiter als Deutschland. So dürfen US-Amerikanerinnen im späten 19. Jahrhundert zumindest in den Bundesstaaten Wyoming, Utah, Colorado und Idaho mitvotieren. Und Neuseeland führt 1893 auf nationaler Ebene das aktive Frauenwahlrecht ein – als erstes Land der Welt: Ein Drittel der erwachsenen weiblichen Bevölkerung hatte in einer Petition dafür plädiert.

Anita Augspurg

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Die promovierte Juristin (1857-1943) erkennt eine Lücke in der rigiden Gesetzgebung des Kaiserreichs. Und ermöglicht so, dass sich Frauenvereine ab 1902 nach und nach auch offen politisch engagieren können.

 

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Sekundärliteratur

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