Judentum im Kaiserreich
Inhaltsverzeichnis
1. Jüdische Emanzipation und Antisemitismus
1. Jüdische Emanzipation und Antisemitismus
Die deutsch-jüdische Geschichte im ‚langen‘ 20. Jahrhundert war nicht nur von einem wachsenden Antisemitismus geprägt. Lange stand sie auch im Zeichen eines sehr erfolgreichen Emanzipationsprozesses.
Die deutsch-jüdische Geschichte im ‚langen‘ 19. Jahrhundert ist oft vor allem als Geschichte eines wachsenden Antisemitismus betrachtet worden, der im Kaiserreich wesentliche Formierungen erfahren und unter dem Nationalsozialismus im Holocaust seinen schrecklichen Höhepunkt gefunden hat. So notwendig gerade angesichts dieses Menschheitsverbrechens die historische Ursachenanalyse ist: Blickt man auf die Vorgeschichte des Holocaust, so gibt es neben der zwingenden Perspektive auf die Kontinuität des Antisemitismus auch andere sinnvolle Perspektiven auf die deutsch-jüdische Geschichte im Kaiserreich, die zugleich weiterführende und vertiefende Erkenntnismöglichkeiten eröffnen. Das gilt zum einen für die großen und erfolgreichen Schritte, die von den deutschen Juden auf dem Weg aus der Abgeschiedenheit des „Schtetls“ in das Zentrum der modernen bürgerlichen Gesellschaft des Kaiserreichs vollzogen worden sind. Zum anderen lohnt es, die Entstehungsbedingungen, Formen, Bedeutungen und Funktionen antisemitischer Haltungen, Ideologien, Praktiken und Bewegungen zu untersuchen.
Trotz aller judenfeindlichen Orientierungen stand am Anfang die förmliche Gleichstellung der Juden, die am 3. Juli 1869 in Zusammenhang mit der Gleichstellung aller Konfessionen vom Reichstag des Norddeutschen Bundes verabschiedet und im April 1871 als Reichsgesetz übernommen wurde. Vorausgegangen war eine lange, politisch umstrittene, zwischen Emanzipationsschritten und Rücknahmen verlaufende Geschichte, die ihre Höhepunkte unter dem Einfluss der napoleonischen Herrschaft, in den Preußischen Reformen sowie in den Neuordnungsversuchen der Revolution 1848/49 sowie den jeweils folgenden Restaurationsregimen gefunden hatte. Begleitet und inspiriert wurde dieser Prozess von einer jüdischen Aufklärungsbewegung, der Haskala , die die Beteiligung der Juden an allgemeiner Bildung und öffentlicher Kultur förderte und für ihre gleichberechtigte Integration in die sich entwickelnde bürgerliche Gesellschaft eintrat. Die sich im Laufe dieses Prozesses eröffnenden Möglichkeiten wurden von den deutschen Juden in Wirtschaft, Kultur und Politik insgesamt höchst erfolgreich genutzt und bewirkten so kollektiv einen enormen sozialen Aufstieg, der mit starken Assimilationsbestrebungen, der Entwicklung eines Reformjudentums und teilweise auch mit dem Übertritt zum Christentum verbunden war: Während zu Beginn des Emanzipationsprozesses Ende des 18. Jahrhunderts die große Mehrheit der rund 250.000 deutschen Juden zur meist ländlichen Unterschicht gehörte, hatten sich ihre sozialen Verhältnisse schon bis zur Gründung des Kaiserreichs radikal verschoben: Nur noch ein kleiner Teil der deutlich überproportional auf etwa eine halbe Million Menschen angestiegenen jüdischen Bevölkerung, die bis ins frühe 20. Jahrhundert noch einmal um etwa 100.000 zulegte, zählte nun zur sozialen Unterschicht, während der selbständige Mittelstand auf etwa ein Drittel zugenommen hatte und weit über die Hälfte der deutschen Juden in die wirtschafts- und bildungsbürgerliche Oberschicht des Kaiserreichs aufgestiegen war.
In enger Verbindung mit diesem erfolgreichen Emanzipations- und Aufstiegsprozess , der sich teilweise mit der Übernahme traditioneller antijüdischer Ressentiments bis hin zu einem „jüdischen Selbsthass“ verbinden konnte, entwickelte sich auch ein intensives gesellschaftspolitisches Engagement der deutschen Juden, das weit über die Tätigkeit der teils traditionellen, teils reformorientierten jüdischen Kultusgemeinden und des 1893 als Interessenverband gegründeten „Central-Vereins der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens“ hinausging. Ähnlich wie bei den christlichen Konfessionen entstanden jüdische Vorfeldorganisationen wie etwa der Jüdische Frauenbund (1904) und vielfältige sozialpolitische wie kulturelle Initiativen. Deutsche Juden engagierten sich zum einen für die Integration jüdischer Migranten aus Osteuropa, darüber hinaus aber auch in vielen nicht-konfessionell gebundenen gesellschaftlichen Organisationen. Das galt nicht zuletzt für die liberalen politischen Parteien und die SPD, wo Politiker jüdischer Herkunft teilweise führende Positionen einnahmen. So standen in der Reichsgründungsphase etwa Eduard Lasker und Ludwig Bamberger an der Spitze der Nationalliberalen Partei, und in der SPD amtierten, nachdem bereits Ferdinand Lassalle 1863 den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ gegründet hatte, im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nacheinander Paul Singer und Hugo Haase als Vorsitzende der Partei und ihrer Reichstagsfraktion.
Die tief verwurzelte Judenfeindschaft war mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs allerdings noch nicht überwunden, im Gegenteil. Sie schwelte weiter und brachte den modernen Antisemitismus hervor, dessen Entwicklung zumeist als Gegenbewegung zum Zeitalter der Emanzipation gesehen wird. In enger Verbindung mit dieser Periodisierung ist auch das Verhältnis zwischen traditioneller Judenfeindschaft und modernem Antisemitismus immer wieder und auf vielfältige Weise thematisiert worden. Die überkommene Judenfeindschaft wird dabei als christlich begründet angesehen und mit der traditionellen, aus der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossenen Sonderstellung der jüdischen Gemeinden verbunden; sie bezog sich inhaltlich vornehmlich auf ‚typisch‘ jüdische Verhaltensweisen und wies den Juden in Krisensituationen eine Sündenbockfunktion zu. Der spezifisch moderne Antisemitismus dagegen wurde rassistisch begründet, er bezog sich nicht auf die Sonderstellung der Juden, sondern auf ihre Rolle in der modernen Gesellschaft, und er entwickelte sich zu einer eigenständigen Weltanschauung, die in Konkurrenz zu den prägenden -Ismen des Modernisierungsprozesses, insbesondere zu Kapitalismus, Liberalismus und Sozialismus trat und in immer radikalerer Weise Lösungen für die mit ihnen verbundenen, zugleich mit den Juden identifizierten Probleme und Krisen der Moderne anbot.
Dieser moderne, politische Charakter des Antisemitismus trat gleich zu Beginn des Kaiserreichs in vehementer Form an die Öffentlichkeit, als sich in Reaktion auf die sogenannte Gründerkrise Ende der 1870er Jahre die christlich-soziale Bewegung des Berliner Hofpredigers Adolf Stoecker bildete und die Hetze gegen die Juden als vermeintlichen Verursachern der um sich greifenden ökonomisch-soziale Verwerfungen in den Mittelpunkt ihrer Agitation stellte. Ähnlich argumentierten auch ehemals liberale und radikale Autoren wie Otto Glagau und Wilhelm Marr, die ihre Judenfeindlichkeit sowohl sozial und ökonomisch als auch rassistisch begründeten. Marr war es auch, der 1879 in seiner Schrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum – Vom nichtkonfessionellen Standpunkt aus betrachtet“, den rassistisch begründeten Begriff „Antisemitismus“ prägte und zugleich eine „Antisemiten-Liga“ gründete. Neben vielerlei Verbindungen mit den traditionellen Führungsschichten fand die antisemitische Agitation vor allem Zustimmung in den unter Druck geratenen mittelständischen Schichten, während die erhoffte Zustimmung von Seiten der Arbeiterschaft weitgehend ausblieb.
Als sich die ökonomische Situation wieder zu bessern begann, flaute die Bewegung erst einmal ab, und die folgenden Versuche zur Etablierung explizit antisemitischer Parteien konnten politisch nur eher geringe Erfolge erzielen. Ihren Höhepunkt erreichten sie 1893, als die sogenannte Böckel-Bewegung immerhin sieben Reichstagsmandate errang. Diese begrenzten Erfolge sollten allerdings nicht dazu verleiten, den modernen Antisemitismus des Kaiserreichs für einflusslos zu halten. Vielmehr hat die Forschung nicht nur aufgezeigt, dass antisemitische Vorstellungen und Praktiken in vielfältigen gesellschaftlichen Organisationen zunehmend an Bedeutung gewannen. Deutlich wurde auch, wie sich der Antisemitismus darüber hinaus in seinen weltanschaulichen Komponenten zu einem essentiellen Bestandteil des historisch-politischen Selbstverständnisses wesentlicher Teile der deutschen Gesellschaft entwickelt hat.
ies trat bereits im sogenannten Berliner Antisemitismusstreit zutage, der Ende der 1870er/Anfang der 1880er Jahre an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität ausbrach. Hauptprotagonisten waren mit Heinrich v. Treitschke und Theodor Mommsen zwei der berühmtesten und einflussreichsten Historiker ihrer Zeit. Nachdem der nationalliberale Neuzeithistoriker und Politiker Treitschke in einem Aufsatz, obwohl ursprünglich ein Befürworter der Judenemanzipation, nun die fehlende Bereitschaft des Judentums zur vollständigen Assimilation kritisiert hatte, reklamierte er als nationalen Wahlspruch die Parole: „Die Juden sind unser Unglück!“ Darauf reagierte der liberale Althistoriker Mommsen, der 1902 für seine Geschichte der römischen Republik den Literaturnobelpreis erhielt, mit einer entschiedenen Kritik, die zu dieser Zeit im gebildeten deutschen Bürgertum offensichtlich noch mehrheitsfähig war. Eindrucksvoll zum Ausdruck brachte das der bereits 1871 von 76 namhaften Persönlichkeiten unterzeichnete Protest, darunter neben Mommsen andere berühmte Professoren der Berliner Universität wie der Historiker Johann Gustav Droysen, der Mediziner Rudolf Virchow und der Jurist Gottfried v. Gneist. Er richtete sich gegen die von Stoecker und weiteren Antisemiten an Reichskanzler Bismarck adressierte „Antisemitenpetition“, in der eine Rücknahme der Emanzipationsgesetze – mit denen die rechtliche Gleichstellung aller Konfessionen festgeschrieben wurde – gefordert wurde. In der nachwachsenden akademischen Generation fiel der Antisemitismus aber auf deutlich fruchtbareren Boden. Nicht zuletzt unter dem Eindruck schwieriger Karrierebedingungen und vermeintlich jüdischer Konkurrenz, fanden hier antisemitische Orientierungen schnell großen Widerhall, wie nicht nur in der Zustimmung zu Treitschke, sondern auch im zunehmenden Ausschluss jüdischer Kommilitonen aus vielen studentischen Burschenschaften deutlich wurde. Zugleich gewann der ideologische Antisemitismus auch programmatisch immer ausgeprägtere Formen, besonders mit dem erstmals 1887 veröffentlichten, schnell viele Auflagen erlebenden „Antisemiten-Katechismus“ von Theodor Fritsch.
Judenfeindliche Einstellungen traten in fast allen gesellschaftlichen Bereichen und Organisationen immer wieder hervor, auch wenn sie den Antisemitismus, wie etwa die Sozialdemokratie, programmatisch ablehnten. Politisch waren es aber insbesondere die konservativen Parteien und bald auch die neuen nationalistischen Agitationsverbände wie der 1891 gegründete „Alldeutsche Verband“, die neben den explizit antisemitischen Organisationen, und teilweise auch in Verbindung mit ihnen, offen einen radikalen Antisemitismus vertraten. Eine besondere Rolle spielte dabei die Interessenvertretung der Agrarier, der 1893 gegründete „Bund der Landwirte“ (BdL), weil er seine antisemitische Agitation zugleich auch aktiv in die konservativen Parteien hineintrug, die selbst bereits traditionell unter dem Einfluss christlich begründeter Judenfeindlichkeit standen. Ebenfalls 1893 entstand der entschieden antisemitisch auftretende Interessenverband der Handlungsgehilfen, der sich drei Jahre später den programmatischen Namen „Deutschnationaler Handlungsgehilfenverband“ gab. Und auch die in der Folgezeit gegründeten nationalistischen Agitationsvereine vom Flottenverein über den Kolonialverein, den Wehrverein und den Ostmarkenverein bis zum Reichsverband gegen die Sozialdemokratie sowie die völkische Bewegung verbanden ihre öffentliche Agitation mit entschiedenem Antisemitismus. Der nun insbesondere in den gebildeten Schichten immer deutlicher hervortretende, von den ‚deutschen‘ Schriften Paul de Lagardes, Julius Langbehns und dem immer stärker um sich greifenden Kult um Friedrich Nietzsche und Richard Wagner geprägte Kulturpessimismus bot dafür eine besonders virulente ideologische Grundlage, wie sie etwa im sogenannten Bayreuther Kreis um Cosima Wagner und ihrem entschieden antisemitischen Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain wirkmächtig hervortrat.
In der wilhelminischen Phase des Kaiserreichs entwickelte sich der Antisemitismus so zu einem essentiellen Bestandteil der nationalen Orientierungen breiter Bevölkerungsschichten, die man auch als neue „deutsche Ideologie“ der Zeit charakterisieren kann. Ihre Vertreter nahmen zwar mit einem radikalen Nationalismus und Imperialismus wesentliche Konzepte der Moderne auf, im Innern der Nation aber standen sie dem gesellschaftlichen Modernisierungsprozess fundamental ablehnend gegenüber. Sie verwarfen den industriellen Kapitalismus ebenso wie die Demokratisierung, und sie lehnten die Emanzipationsbewegungen bislang entrechteter Gesellschaftsgruppen wie der proletarischen Unterschichten oder der Frauen vehement ab. Eine besondere Rolle in diesem Konglomerat fiel dem Antisemitismus zu, denn mit dem Kampf gegen die jüdische Emanzipation wurde der Kampf gegen die Emanzipationsbewegungen der Moderne insgesamt verbunden. Der Antisemitismus entwickelte sich so zu einem „kulturellen Code“ (Shulamit Volkov) für die Ablehnung der Moderne. Es schien als ob „die Juden in der Tat identisch mit dem ausbeuterischen Kapitalismus und dem Verfall der vorindustriellen Produktionswiesen und des Sittenkodex, mit Korruption und sozialer Auflösung“ gewesen wären, und der Kampf gegen Liberalismus, Kapitalismus und Sozialismus als Ideologien der Moderne verdichtete sich dementsprechend im Antisemitismus. Mehr noch, die Stellung zu den Juden und zum Antisemitismus beinhaltete, ja erzwang zunehmend nun nicht nur für die Antisemiten, sondern auch für ihre Gegner eine Stellungnahme zur gesellschaftspolitischen Moderne schlechthin – oder mit den Worten Volkovs: „Wie ein antisemitischer Standpunkt im Wilhelminischen Deutschland praktisch eine anti-emanzipatorische Position und Widerstand gegen die unterschiedlichen Bekundungen des modernen sozialen und politischen Freiheitsringens bedeutete, so bedeutete die Ablehnung des Antisemitismus das Eintreten für Emanzipation, und zwar nicht allein der Juden, sondern der Gesellschaft insgesamt .“
In mancher Hinsicht quer zu diesen auf die Stellung der Juden in der modernen bürgerlichen Gesellschaft bezogenen, politisch-kulturellen Kodierungen standen allerdings die Reaktionen auf die jüdische Zuwanderung aus Osteuropa, vor allem aus dem Herrschaftsbereich des Zarismus und der dort stattfindenden Pogrome. Die Menschen, die hier ins Deutsche Reich einwanderten, ähnelten oft mehr einem prä-emanzipatorischen Judentum als den erfolgreichen, emanzipierten und assimilierten Juden in der modernen deutschen Gesellschaft – weshalb sie gerade deshalb viel Ablehnung hervorriefen. Doch während sich jüdische Organisationen um ihre Integration bemühten, sahen Antisemiten in den Ostjuden das Schreckbild des „ewigen Juden“, der sich generell nur oberflächlich anpassen könne, auch hinter einer emanzipierten Fassade aber weiterhin die ebenso minderwertigen wie zersetzenden Züge seiner „Rasse“ in sich trage und deshalb aus dem deutschen „Volkskörper“ ausgemerzt werden müsse. Konkrete Vernichtungsprogramme waren damit allerdings noch nicht gemeint, und die große Mehrheit der deutschen Juden fühlte sich weiterhin so sehr als Bestandteil der deutschen Gesellschaft, dass der die Auswanderung nach Palästina propagierende Zionismus um die Jahrhundertwende nur kleine Minderheiten ansprach. Dies begann sich erst im Ersten Weltkrieg zu verändern, als anfangs mit dem aktiven Kriegsengagement großer Teile der deutschen Juden und ihrer Teilnahme am nationalen Einheitserlebnis des August 1914 zwar eine noch weitergehende jüdische Integration möglich schien, bald aber der Antisemitismus in den Krisen der Kriegsgesellschaft eine immer weitere Ausbreitung und Radikalisierung erfuhr.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Kruse, Wolfgang: Jüdische Emanzipation und Antisemitismus, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 23.02.2026 unter: https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/kaiserreich/575107/juedische-emanzipation-und-antisemitismus/, zuletzt geprüft am 22.08.2026.
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Sekundärliteratur
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