Leben in der Großstadt
Inhaltsverzeichnis
- Lärmbelästigung um 1900. Quietschen, hupen, fauchen
- Urbanisierung im Deutschen Reich
1. Lärmbelästigung um 1900. Quietschen, hupen, fauchen
"Wer gegen Lärm kämpft, muß Lärm schlagen": Der verzweifelte Versuch des Philosophen Theodor Lessing, dem modernen Großstadtgetöse den Garaus zu machen.
Wer um die Jahrhundertwende zum ersten Mal nach Berlin kam, der wurde durch die ungewohnte Dichte und Hektik des Verkehrs geradezu überwältigt. "Von vier Seiten elektrische Bahnen und Omnibusse, Wagen auf Wagen, ohne Pause; aus sechs, sieben Straßen Equipagen, Droschken, Automobile, Geschäftswagen, Fahrräder, kreuz und quer, in mühsam gemäßigter Hast; und dazwischen ein Gewimmel von Fußgängern, aus allen Richtungen kommend, in alle Richtungen strebend, reich und arm, alt und jung, Berlin in allen seinen Schichten", so beschrieb ein zeitgenössischer Beobachter das Treiben um den Potsdamer Platz.
Von einer Straßenseite zur anderen zu gelangen sei "ein Kunststück für den Großstädter, eine Pein für den Provinzler", bemerkte eine Neuberlinerin 1898, und sie empfand das unablässige Läuten, Klingeln und Tuten all dieser Vehikel als "ohrenzerreißend". Tatsächlich war das Anwachsen des großstädtischen Verkehrs mit einer erheblichen Zunahme des Lärmpegels verbunden. "Das ununterbrochene Rasseln der Fuhrwerke auf dem Pflaster in den Hauptverkehrsstraßen verursacht häufig ein solches Getöse", klagte ein Berliner Stadtbauinspektor 1903, "daß man sein eigenes Wort nicht mehr versteht." Da sei ihm doch "die ländliche Stille" lieber, schrieb der Dichter Wilhelm Busch, nachdem er 1902 in Frankfurt am Main den Verkehrstrubel erlebt hatte.
Schon früh äußerten sich Ärzte und Psychologen besorgt über die schädlichen Wirkungen des Straßenlärms. Häufig wurden sie mitverantwortlich gemacht für die nervösen Leiden, die um 1900 grassierten und unter dem Sammelbegriff "Neurasthenie" Eingang in die medizinische Diskussion fanden. Es formierte sich eine Bewegung gegen Lärmbelästigung; zu ihrem wichtigsten Vorkämpfer wurde der Kulturphilosoph Theodor Lessing.
Lessing, am 8. Februar 1872 als Sohn eines jüdischen Arztes in Hannover geboren, hatte ursprünglich auf Wunsch des Vaters Mediziner werden sollen. Während seines Studiums in München, wo er Anschluss an die Schwabinger Boheme fand und mit kulturkritischen Feuilletons auf sich aufmerksam machte, hatte er in einer Straße gewohnt, in der es besonders laut zuging. 1901 und 1902 veröffentlichte er in der viel gelesenen Zeitschrift Nord und Süd zwei Aufsätze, in denen er zum ersten Mal vehement gegen die neuen Plagen des großstädtischen Verkehrs zu Felde zog.
Nachdem 1906 in New York eine Society for the Suppression of Unnecessary Noise unter der Schirmherrschaft der Millionärin Julia Barnett-Rice gegründet worden war und unter anderem in EnglandNachahmer gefunden hatte, lag der Gedanke in der Luft, eine ähnliche Organisation auch im deutschen Kaiserreich ins Leben zu rufen.
Um den Schritt vorzubereiten, schrieb Theodor Lessing im März 1908 – inzwischen Privatdozent für Philosophie an der Technischen Hochschule seiner Geburtsstadt Hannover – unter dem Titel Der Lärm, eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens. Darin verwies er ausdrücklich auf das Beispiel Amerikas und Englands, wo "schon weit mehr auf die Hygiene des Ohrs geachtet" werde, als dies in Deutschland der Fall sei. Nichts sei für das "Nervensystem" schädlicher als der "lärmende Trubel", den die Großstädter erdulden müssten. "Vierhundertpfündige Kraftbolzen rülpsen roh daher im tiefsten Tone der Übersättigung. Schrille Pfeifentöne gellen darein. Riesenautos, Achthundertpfünder, die ›jeden Rekord nehmen‹, stöhnen, ächzen, quietschen, hippen und huppen. Motorräder fauchen und schnauben durch die stille Nacht."
Lessing beklagte jedoch nicht nur den Lärm, sondern auch die mit den neuen Verkehrsmitteln einhergehende Umweltverschmutzung: "Blaue Benzinwolken rollen mit grauenhaftem Gestank über die Dächer. Bleichen das Grün der wenigen Bäume, wandern über das kleine schmale Stückchen schmutziggrauen Himmel, das zwischen den kahlen Steinmauern irgendwo noch auftaucht. Grässliche Signale durchbrechen von Zeit zu Zeit die erstickende, bleierne Dunstschicht. Das ist die Morphologie der Stadt. Auf das stolze Zeitalter der stinkenden Steinkohlebahn und lärmenden Dampfmaschine ist die lautere und stinkendere Periode der Kraftaufspeicherungs- und Explosivmaschinen gefolgt. Der Zylindertyp weicht dem Turbinentyp, der Kohlengeruch dem Benzingestank. Niemals hat sich der Mensch mit mehr Gelärm, unter schrecklicherem Geruch über die Erde bewegt."
"Wer gegen Lärm kämpft, muß Lärm schlagen", so lautete das Motto. Am 1. November 1908 gründete Lessing den Deutschen Antilärm-Verein. Er machte sich zur Aufgabe, die deutsche Öffentlichkeit für die Risiken der Lärm- und Umweltbelastung zu sensibilisieren, um auf diese Weise Druck auf die staatlichen Behörden auszuüben. Wichtigstes Medium war das von Lessing herausgegebene und von ihm allein redigierte Mitteilungsorgan Der Anti-Rüpel (Untertitel: "Monatsblätter zum Kampf gegen Lärm, Roheit und Unkultur im deutschen Wirtschafts-, Handels- und Verkehrsleben"). Die Zeitschrift informierte über alle Aktivitäten des Vereins, über konkrete Vorschläge zur Einrichtung von Ruhezonen ebenso wie über Fortschritte in der "Antilärm-Technik", aber auch über Beschwerden und Eingaben, Prozesse und Gerichtsurteile, Maßnahmen und Verordnungen von städtischen Verwaltungen und Polizeibehörden.
Lessing scheiterte an seiner elitären Haltung

Am Anfang erfreute sich der Verein einigen Zuspruchs, auch in den großen Blättern wie dem liberalen Berliner Tageblatt. Bekannte Persönlichkeiten wie der Dichter Hugo von Hofmannsthal, der Leipziger Historiker Karl Lamprecht oder der Leiter der Göttinger Universitätsklinik, August Kramer, traten ihm bei. Man werde wohl bald mit 6.000 Mitgliedern rechnen können, schätzte Lessing Ende November 1908 zuversichtlich. Doch zwei Jahre später waren es gerade einmal 1.085; außer in Hannover, wo der Vorsitzende Lessing ein eigenes Büro unterhielt, gab es größere Ortsgruppen nur in Berlin, München und Frankfurt am Main.
Das Scheitern der hochfliegenden Pläne war zum einen zurückzuführen auf die elitäre Haltung Lessings und seiner Mitstreiter. Unter dem Lärm, so verkündeten sie, litten vor allem Intellektuelle, weil sie ihre "Nervenkraft" im Kampf gegen die Alltagsgeräusche verbrauchten und daher zu keinen geistigen Höchstleistungen mehr imstande seien. "Eine nie endende Kette von Qual und Pein zieht sich durch das Leben aller mit dem Gehirne arbeitenden Menschen." An Lärm und anderen Belastungen in den Fabriken, unter denen Industriearbeiter im Kaiserreich litten, zeigte sich der Verein hingegen nicht interessiert. Kein Wunder, dass die Antilärm-Agitatoren unter Sozialdemokraten keine Verbündeten fanden.
Zum anderen hatte die schwache Resonanz auch etwas mit den Widerständen zu tun, die Lessings Initiative hervorrief. So hielt etwa Arthur Wilke, ein Vertreter der Elektro- und Automobillobby, Lessing vor, er wolle eine "Tyrannei der Nervösen" errichten. Nicht nur "in ihrer Empfindung, sondern auch in ihren Äußerungen und Forderungen" seien die Lärmgegner "ziemlich maßlose Menschen". Besonders besorgt zeigte sich Wilke, dass sie sich als "erste Kraftprobe" gerade am Automobil versuchten, da dadurch die Entwicklung des noch jungen Verkehrsmittels behindert werde und Deutschland gegenüber den Vereinigten Staaten hoffnungslos ins Hintertreffen geraten könne. So suchten Lessings Gegner den Eindruck zu erwecken, dass es sich bei der Antilärm-Bewegung um den Spleen einiger Neurastheniker handele, deren einziges Ziel es sei, dem unaufhaltsamen technischen Fortschritt Steine in den Weg zu legen.
Im April 1911 legte Lessing den Vorsitz des Vereins nieder, und wenige Wochen später verabschiedete er sich von den Lesern des Anti-Rüpels: "Unsere Sache kam zu früh, wird sich aber wieder melden und wird siegen." Tatsächlich meldete sich "die Sache" wieder – allerdings erst siebzig Jahre später in der Bewegung der Grünen. "Gesiegt" haben diese trotz mancher Erfolge freilich nicht: Nach wie vor genießen im Konfliktfall die Interessen der Wirtschaft Vorrang.
2. Urbanisierung im Deutschen Reich
Die Bevölkerungszahl in Deutschland stieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark an. Von 1871 bis 1910 wuchs sie von 41 auf 65 Millionen Menschen. Hatten bei der Gründung des Deutschen Reichs 1871 lediglich acht Städte mehr als 100.000 Einwohner, waren es 1910 bereits 48 Städte. Der Anteil der Großstadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung betrug zu diesem Zeitpunkt 21,3 Prozent. Mit der Reichseinigung unter Preußen als Führungsmacht war Berlin 1871 Reichshauptstadt geworden. Berlin war schon im politisch zersplitterten deutschen Kulturraum Mitte des 19. Jahrhunderts mit 412.000 Einwohnern vor Hamburg mit 175.000 Einwohnern die größte Stadt in Deutschland und ein Zentrum der Aufklärung und der sozialen Bewegung gewesen.
Seit den 1870er Jahren aber wandelte sich die Residenz- und Handelsstadt Berlin zum größten industriellen Ballungsraum im Reich, vergleichbar höchstens dem Ruhrgebiet. Doch während dort die Verstädterung dezentral verlief und in einem unvollkommenen Urbanisierungsprozess eine zersiedelte Industrielandschaft entstand, wuchs Berlin zur Metropole zusammen. Im Jahre 1907 waren von den rund zwei Millionen Berlinern nur 40,5 Prozent ortsgebürtig. Die Zuwanderer stammten zu 18 Prozent aus der Umgebung, 39,1 Prozent waren Fernwanderer, 2,4 Prozent kamen aus dem Ausland. Im Ruhrgebiet waren bei 43,3 Prozent Ortsansässigen von den Zuwanderern 31,7 Prozent Nahwanderer, 22 Prozent Fernwanderer, 3 Prozent Ausländer. Im Gegensatz zur Zuwanderung in das Ruhrgebiet, die hauptsächlich aus Arbeitern bestand, war der Zuzug nach Berlin vielschichtiger: Neben der größten Gruppe der Industriearbeiter drängten auch Angehörige der bürgerlichen Mittelschichten in die Hauptstadt, da sie sich hier bessere Berufschancen erhofften. Gesinde-Vermietungsbüros, wie sie der Maler Fritz Paulsen (1838-1898) in seinem Gemälde "Bei der Stellenvermittlung" darstellte, entstanden vielerorts.
Nicht immer hielt der Wohnungsbau in der Hauptstadt unter dem Druck der Zuwanderung Schritt mit dem Wohnungsbedarf. Verglichen mit den Städten des Ruhrgebiets war die Wohndichte in Berlin in der Regel mehr als doppelt so hoch, die Bebauung war höher und die Wohnungen waren im Durchschnitt kleiner und teurer. Durch den "Bebauungsplan für die Umgebungen Berlins" von 1862 waren die Voraussetzungen für ein geregeltes Wachstum Berlins über die historischen Grenzen hinaus geschaffen worden. Auf den tief zugeschnittenen Grundstücken bildete sich der Typus des Berliner Mietshauses heraus. Zwar zielte die Intention des für den Bebauungsplan verantwortlich zeichnenden Baumeisters James Hobrecht darauf, die Hofinnenräume großzügig zu gestalten und zu begrünen, doch erlaubte die dem Bauboom nicht gewachsene Bauordnung eine vordringlich am Renditeinteresse ausgerichtete, zum Teil menschenunwürdig dichte Bebauung. Die schnell in wenigen Monaten hochgezogenen Häuser mussten von den ersten Bewohnern gegen Mietnachlass erst "trockengewohnt" werden, was die Gefahr von Krankheiten wie Tuberkulose erhöhte. Beständiger Mietpreisdruck zwang zu Überbelegung, Untervermietung und dem sogenannten Schlafgängerwesen. In den überbelegten Wohnungen der Mietshäuser wurden zur finanziellen Entlastung oftmals nur Schlafstellen an wechselnde alleinstehende Arbeiter vermietet. Die dauerhaften "Schlafgänger" hatten nicht selten engen Kontakt zu den Hauptmietern und ihren Familien.
Um 1900 hatte sich um die historischen Stadtkerne Berlins und der Nachbarstädte ein dichter Gürtel aus Mietshäusern gebildet, der mit seinem sozialen Gefälle vom Vorder- zum Hinterhaus soziale Mischung garantierte und die schlimmsten Auswüchse der Segregation weitgehend verhinderte. Trotzdem gab es eine stärkere Konzentration proletarischer Wohnquartiere im Osten und Norden der Stadt und eine innere Wohlstandsgliederung bzw. -wanderung. Lag im 19. Jahrhundert die Fabrikantenvilla noch oft auf dem Fabrikgelände, entstanden in Berlin Villenviertel zuerst am Tiergarten, später vor allem in Grunewald, Dahlem und am Wannsee.
Neue Stadttechnologien entstanden in den Großstädten vor allem im Bereich der Elektrizitäts- und Nahverkehrssysteme, von der Verbindung der verschiedenen Kopfbahnhöfe vermittels einer Ringbahn über Omnibus und Straßenbahn bis zu S- und U-Bahn. Sie trugen verstärkt ab 1870 zur Verwirklichung einer modernen großstädtischen Infrastruktur bei und führten zu Zentralisation und Automatisierung der Ver- und Entsorgungsleistungen sowie zur Beschleunigung, Intensivierung und Koordination in den Metropolen. Doch der Urbanisierungsprozess im Kaiserreich erfasste auch die Menschen: Die Assimilation der verschiedenen Herkünfte, Dialekte, Mentalitäten und die Synchronisation der unterschiedlichen Arbeits- und Lebensrhythmen zwang Zuwanderer, sich dem Prozess einer "inneren Urbanisierung" zu unterwerfen. Sie führte zu einer eigenen Großstadtidentität mit spezifischem Jargon sowie zu - gegenüber dem Land - schnelleren Bewegungsabläufen und rascherem Reaktionsbewusstsein.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Ullrich, Volker: Lärmbelästigung um 1900. Quietschen, hupen, fauchen, in: Zeit online, online verfügbar seit 12.06.2013 unter: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2013/02/theodor-lessing-laerm-kaiserreich/komplettansicht, zuletzt geprüft am 16.02.2026.
-> Strohmeyer, Klaus: Urbanisierung im Deutschen Reich, in: LeMO (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 15.06.2022 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/urbanisierung-im-deutschen-reich, zuletzt geprüft am 16.03.2026.
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Sekundärliteratur
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![[Foto: Berliner Elendsquartier, um 1910] [Foto: Berliner Elendsquartier, um 1910]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/ba109764.jpg)
![[Gemälde: Fritz Paulsen: "Bei der Stellenvermittlung", 1881] [Gemälde: Fritz Paulsen: "Bei der Stellenvermittlung", 1881]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/k1000053.jpg)
![[Photo: Berliner Mietskaserne, um 1910] [Photo: Berliner Mietskaserne, um 1910]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/ba009477.jpg)