Leben in der Großstadt
Inhaltsverzeichnis
- Lärmbelästigung um 1900. Quietschen, hupen, fauchen
- Urbanisierung im Deutschen Reich
- Warenhäuser
- München um 1900. Die leuchtende Stadt
- Heinrich Zille in Berlin. Gesichter der Großstadt
1. Lärmbelästigung um 1900. Quietschen, hupen, fauchen
"Wer gegen Lärm kämpft, muß Lärm schlagen": Der verzweifelte Versuch des Philosophen Theodor Lessing, dem modernen Großstadtgetöse den Garaus zu machen.
Wer um die Jahrhundertwende zum ersten Mal nach Berlin kam, der wurde durch die ungewohnte Dichte und Hektik des Verkehrs geradezu überwältigt. "Von vier Seiten elektrische Bahnen und Omnibusse, Wagen auf Wagen, ohne Pause; aus sechs, sieben Straßen Equipagen, Droschken, Automobile, Geschäftswagen, Fahrräder, kreuz und quer, in mühsam gemäßigter Hast; und dazwischen ein Gewimmel von Fußgängern, aus allen Richtungen kommend, in alle Richtungen strebend, reich und arm, alt und jung, Berlin in allen seinen Schichten", so beschrieb ein zeitgenössischer Beobachter das Treiben um den Potsdamer Platz.
Von einer Straßenseite zur anderen zu gelangen sei "ein Kunststück für den Großstädter, eine Pein für den Provinzler", bemerkte eine Neuberlinerin 1898, und sie empfand das unablässige Läuten, Klingeln und Tuten all dieser Vehikel als "ohrenzerreißend". Tatsächlich war das Anwachsen des großstädtischen Verkehrs mit einer erheblichen Zunahme des Lärmpegels verbunden. "Das ununterbrochene Rasseln der Fuhrwerke auf dem Pflaster in den Hauptverkehrsstraßen verursacht häufig ein solches Getöse", klagte ein Berliner Stadtbauinspektor 1903, "daß man sein eigenes Wort nicht mehr versteht." Da sei ihm doch "die ländliche Stille" lieber, schrieb der Dichter Wilhelm Busch, nachdem er 1902 in Frankfurt am Main den Verkehrstrubel erlebt hatte.
Schon früh äußerten sich Ärzte und Psychologen besorgt über die schädlichen Wirkungen des Straßenlärms. Häufig wurden sie mitverantwortlich gemacht für die nervösen Leiden, die um 1900 grassierten und unter dem Sammelbegriff "Neurasthenie" Eingang in die medizinische Diskussion fanden. Es formierte sich eine Bewegung gegen Lärmbelästigung; zu ihrem wichtigsten Vorkämpfer wurde der Kulturphilosoph Theodor Lessing.
Lessing, am 8. Februar 1872 als Sohn eines jüdischen Arztes in Hannover geboren, hatte ursprünglich auf Wunsch des Vaters Mediziner werden sollen. Während seines Studiums in München, wo er Anschluss an die Schwabinger Boheme fand und mit kulturkritischen Feuilletons auf sich aufmerksam machte, hatte er in einer Straße gewohnt, in der es besonders laut zuging. 1901 und 1902 veröffentlichte er in der viel gelesenen Zeitschrift Nord und Süd zwei Aufsätze, in denen er zum ersten Mal vehement gegen die neuen Plagen des großstädtischen Verkehrs zu Felde zog.
Nachdem 1906 in New York eine Society for the Suppression of Unnecessary Noise unter der Schirmherrschaft der Millionärin Julia Barnett-Rice gegründet worden war und unter anderem in EnglandNachahmer gefunden hatte, lag der Gedanke in der Luft, eine ähnliche Organisation auch im deutschen Kaiserreich ins Leben zu rufen.
Um den Schritt vorzubereiten, schrieb Theodor Lessing im März 1908 – inzwischen Privatdozent für Philosophie an der Technischen Hochschule seiner Geburtsstadt Hannover – unter dem Titel Der Lärm, eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens. Darin verwies er ausdrücklich auf das Beispiel Amerikas und Englands, wo "schon weit mehr auf die Hygiene des Ohrs geachtet" werde, als dies in Deutschland der Fall sei. Nichts sei für das "Nervensystem" schädlicher als der "lärmende Trubel", den die Großstädter erdulden müssten. "Vierhundertpfündige Kraftbolzen rülpsen roh daher im tiefsten Tone der Übersättigung. Schrille Pfeifentöne gellen darein. Riesenautos, Achthundertpfünder, die ›jeden Rekord nehmen‹, stöhnen, ächzen, quietschen, hippen und huppen. Motorräder fauchen und schnauben durch die stille Nacht."
Lessing beklagte jedoch nicht nur den Lärm, sondern auch die mit den neuen Verkehrsmitteln einhergehende Umweltverschmutzung: "Blaue Benzinwolken rollen mit grauenhaftem Gestank über die Dächer. Bleichen das Grün der wenigen Bäume, wandern über das kleine schmale Stückchen schmutziggrauen Himmel, das zwischen den kahlen Steinmauern irgendwo noch auftaucht. Grässliche Signale durchbrechen von Zeit zu Zeit die erstickende, bleierne Dunstschicht. Das ist die Morphologie der Stadt. Auf das stolze Zeitalter der stinkenden Steinkohlebahn und lärmenden Dampfmaschine ist die lautere und stinkendere Periode der Kraftaufspeicherungs- und Explosivmaschinen gefolgt. Der Zylindertyp weicht dem Turbinentyp, der Kohlengeruch dem Benzingestank. Niemals hat sich der Mensch mit mehr Gelärm, unter schrecklicherem Geruch über die Erde bewegt."
"Wer gegen Lärm kämpft, muß Lärm schlagen", so lautete das Motto. Am 1. November 1908 gründete Lessing den Deutschen Antilärm-Verein. Er machte sich zur Aufgabe, die deutsche Öffentlichkeit für die Risiken der Lärm- und Umweltbelastung zu sensibilisieren, um auf diese Weise Druck auf die staatlichen Behörden auszuüben. Wichtigstes Medium war das von Lessing herausgegebene und von ihm allein redigierte Mitteilungsorgan Der Anti-Rüpel (Untertitel: "Monatsblätter zum Kampf gegen Lärm, Roheit und Unkultur im deutschen Wirtschafts-, Handels- und Verkehrsleben"). Die Zeitschrift informierte über alle Aktivitäten des Vereins, über konkrete Vorschläge zur Einrichtung von Ruhezonen ebenso wie über Fortschritte in der "Antilärm-Technik", aber auch über Beschwerden und Eingaben, Prozesse und Gerichtsurteile, Maßnahmen und Verordnungen von städtischen Verwaltungen und Polizeibehörden.
Lessing scheiterte an seiner elitären Haltung

Am Anfang erfreute sich der Verein einigen Zuspruchs, auch in den großen Blättern wie dem liberalen Berliner Tageblatt. Bekannte Persönlichkeiten wie der Dichter Hugo von Hofmannsthal, der Leipziger Historiker Karl Lamprecht oder der Leiter der Göttinger Universitätsklinik, August Kramer, traten ihm bei. Man werde wohl bald mit 6.000 Mitgliedern rechnen können, schätzte Lessing Ende November 1908 zuversichtlich. Doch zwei Jahre später waren es gerade einmal 1.085; außer in Hannover, wo der Vorsitzende Lessing ein eigenes Büro unterhielt, gab es größere Ortsgruppen nur in Berlin, München und Frankfurt am Main.
Das Scheitern der hochfliegenden Pläne war zum einen zurückzuführen auf die elitäre Haltung Lessings und seiner Mitstreiter. Unter dem Lärm, so verkündeten sie, litten vor allem Intellektuelle, weil sie ihre "Nervenkraft" im Kampf gegen die Alltagsgeräusche verbrauchten und daher zu keinen geistigen Höchstleistungen mehr imstande seien. "Eine nie endende Kette von Qual und Pein zieht sich durch das Leben aller mit dem Gehirne arbeitenden Menschen." An Lärm und anderen Belastungen in den Fabriken, unter denen Industriearbeiter im Kaiserreich litten, zeigte sich der Verein hingegen nicht interessiert. Kein Wunder, dass die Antilärm-Agitatoren unter Sozialdemokraten keine Verbündeten fanden.
Zum anderen hatte die schwache Resonanz auch etwas mit den Widerständen zu tun, die Lessings Initiative hervorrief. So hielt etwa Arthur Wilke, ein Vertreter der Elektro- und Automobillobby, Lessing vor, er wolle eine "Tyrannei der Nervösen" errichten. Nicht nur "in ihrer Empfindung, sondern auch in ihren Äußerungen und Forderungen" seien die Lärmgegner "ziemlich maßlose Menschen". Besonders besorgt zeigte sich Wilke, dass sie sich als "erste Kraftprobe" gerade am Automobil versuchten, da dadurch die Entwicklung des noch jungen Verkehrsmittels behindert werde und Deutschland gegenüber den Vereinigten Staaten hoffnungslos ins Hintertreffen geraten könne. So suchten Lessings Gegner den Eindruck zu erwecken, dass es sich bei der Antilärm-Bewegung um den Spleen einiger Neurastheniker handele, deren einziges Ziel es sei, dem unaufhaltsamen technischen Fortschritt Steine in den Weg zu legen.
Im April 1911 legte Lessing den Vorsitz des Vereins nieder, und wenige Wochen später verabschiedete er sich von den Lesern des Anti-Rüpels: "Unsere Sache kam zu früh, wird sich aber wieder melden und wird siegen." Tatsächlich meldete sich "die Sache" wieder – allerdings erst siebzig Jahre später in der Bewegung der Grünen. "Gesiegt" haben diese trotz mancher Erfolge freilich nicht: Nach wie vor genießen im Konfliktfall die Interessen der Wirtschaft Vorrang.
2. Urbanisierung im Deutschen Reich
Die Bevölkerungszahl in Deutschland stieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark an. Von 1871 bis 1910 wuchs sie von 41 auf 65 Millionen Menschen. Hatten bei der Gründung des Deutschen Reichs 1871 lediglich acht Städte mehr als 100.000 Einwohner, waren es 1910 bereits 48 Städte. Der Anteil der Großstadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung betrug zu diesem Zeitpunkt 21,3 Prozent. Mit der Reichseinigung unter Preußen als Führungsmacht war Berlin 1871 Reichshauptstadt geworden. Berlin war schon im politisch zersplitterten deutschen Kulturraum Mitte des 19. Jahrhunderts mit 412.000 Einwohnern vor Hamburg mit 175.000 Einwohnern die größte Stadt in Deutschland und ein Zentrum der Aufklärung und der sozialen Bewegung gewesen.
Seit den 1870er Jahren aber wandelte sich die Residenz- und Handelsstadt Berlin zum größten industriellen Ballungsraum im Reich, vergleichbar höchstens dem Ruhrgebiet. Doch während dort die Verstädterung dezentral verlief und in einem unvollkommenen Urbanisierungsprozess eine zersiedelte Industrielandschaft entstand, wuchs Berlin zur Metropole zusammen. Im Jahre 1907 waren von den rund zwei Millionen Berlinern nur 40,5 Prozent ortsgebürtig. Die Zuwanderer stammten zu 18 Prozent aus der Umgebung, 39,1 Prozent waren Fernwanderer, 2,4 Prozent kamen aus dem Ausland. Im Ruhrgebiet waren bei 43,3 Prozent Ortsansässigen von den Zuwanderern 31,7 Prozent Nahwanderer, 22 Prozent Fernwanderer, 3 Prozent Ausländer. Im Gegensatz zur Zuwanderung in das Ruhrgebiet, die hauptsächlich aus Arbeitern bestand, war der Zuzug nach Berlin vielschichtiger: Neben der größten Gruppe der Industriearbeiter drängten auch Angehörige der bürgerlichen Mittelschichten in die Hauptstadt, da sie sich hier bessere Berufschancen erhofften. Gesinde-Vermietungsbüros, wie sie der Maler Fritz Paulsen (1838-1898) in seinem Gemälde "Bei der Stellenvermittlung" darstellte, entstanden vielerorts.
Nicht immer hielt der Wohnungsbau in der Hauptstadt unter dem Druck der Zuwanderung Schritt mit dem Wohnungsbedarf. Verglichen mit den Städten des Ruhrgebiets war die Wohndichte in Berlin in der Regel mehr als doppelt so hoch, die Bebauung war höher und die Wohnungen waren im Durchschnitt kleiner und teurer. Durch den "Bebauungsplan für die Umgebungen Berlins" von 1862 waren die Voraussetzungen für ein geregeltes Wachstum Berlins über die historischen Grenzen hinaus geschaffen worden. Auf den tief zugeschnittenen Grundstücken bildete sich der Typus des Berliner Mietshauses heraus. Zwar zielte die Intention des für den Bebauungsplan verantwortlich zeichnenden Baumeisters James Hobrecht darauf, die Hofinnenräume großzügig zu gestalten und zu begrünen, doch erlaubte die dem Bauboom nicht gewachsene Bauordnung eine vordringlich am Renditeinteresse ausgerichtete, zum Teil menschenunwürdig dichte Bebauung. Die schnell in wenigen Monaten hochgezogenen Häuser mussten von den ersten Bewohnern gegen Mietnachlass erst "trockengewohnt" werden, was die Gefahr von Krankheiten wie Tuberkulose erhöhte. Beständiger Mietpreisdruck zwang zu Überbelegung, Untervermietung und dem sogenannten Schlafgängerwesen. In den überbelegten Wohnungen der Mietshäuser wurden zur finanziellen Entlastung oftmals nur Schlafstellen an wechselnde alleinstehende Arbeiter vermietet. Die dauerhaften "Schlafgänger" hatten nicht selten engen Kontakt zu den Hauptmietern und ihren Familien.
Um 1900 hatte sich um die historischen Stadtkerne Berlins und der Nachbarstädte ein dichter Gürtel aus Mietshäusern gebildet, der mit seinem sozialen Gefälle vom Vorder- zum Hinterhaus soziale Mischung garantierte und die schlimmsten Auswüchse der Segregation weitgehend verhinderte. Trotzdem gab es eine stärkere Konzentration proletarischer Wohnquartiere im Osten und Norden der Stadt und eine innere Wohlstandsgliederung bzw. -wanderung. Lag im 19. Jahrhundert die Fabrikantenvilla noch oft auf dem Fabrikgelände, entstanden in Berlin Villenviertel zuerst am Tiergarten, später vor allem in Grunewald, Dahlem und am Wannsee.
Neue Stadttechnologien entstanden in den Großstädten vor allem im Bereich der Elektrizitäts- und Nahverkehrssysteme, von der Verbindung der verschiedenen Kopfbahnhöfe vermittels einer Ringbahn über Omnibus und Straßenbahn bis zu S- und U-Bahn. Sie trugen verstärkt ab 1870 zur Verwirklichung einer modernen großstädtischen Infrastruktur bei und führten zu Zentralisation und Automatisierung der Ver- und Entsorgungsleistungen sowie zur Beschleunigung, Intensivierung und Koordination in den Metropolen. Doch der Urbanisierungsprozess im Kaiserreich erfasste auch die Menschen: Die Assimilation der verschiedenen Herkünfte, Dialekte, Mentalitäten und die Synchronisation der unterschiedlichen Arbeits- und Lebensrhythmen zwang Zuwanderer, sich dem Prozess einer "inneren Urbanisierung" zu unterwerfen. Sie führte zu einer eigenen Großstadtidentität mit spezifischem Jargon sowie zu - gegenüber dem Land - schnelleren Bewegungsabläufen und rascherem Reaktionsbewusstsein.
3. Warenhäuser
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich im Gefolge von Industrialisierung und Massenproduktion eine grundlegende Veränderung und Erweiterung der Konsumgewohnheiten. Die Verstädterung wuchs, und immer mehr Menschen wurden von den Möglichkeiten der Selbstversorgung abgeschnitten. Handwerklich-manufakturelle Produktionsbedingungen wurden verdrängt und die Waren des alltäglichen Gebrauchs zunehmend maschinell hergestellt. Vor allem für die Bevölkerung der Großstädte wurden neue Einrichtungen für die Versorgung sowie für die Verteilung der Waren notwendig. In Europa wurden um 1860 die ersten Warenhäuser gegründet, wobei Paris zur "Hauptstadt der Warenhäuser" avancierte.
In seinem auf dem Vorbild des ersten Pariser Warenhauses "Au Bon Marché" basierenden Roman "Au Bonheur des Dames" ("Das Paradies der Damen") schilderte der Schriftsteller Emile Zola eindrucksvoll die revolutionären Organisationsprinzipien des Warenhauses, aber auch das Elend der Angestellten und die Verdrängung der kleinen Ladenbesitzer im Einzugsgebiet der Warenhäuser, die mit den niedrigen Preisen der dort in großer Stückzahl verkauften Industrieprodukte nicht mehr Schritt zu halten vermochten. Eine Vielzahl von Großmärkten, Schlachthöfen und Warenhäusern entstanden in den europäischen Großstädten, da die traditionellen Märkte und Markthallen dem Massenbedarf immer weniger gewachsen war.
In Deutschland wurden um die Jahrhundertwende große luxuriöse Warenhauspaläste gebaut, die das Einkaufen zu einem Erlebnis machten. Das von dem Architekten Alfred Messel (1853-1909) am Leipziger Platz in Berlin entworfene und 1894 eröffnete Warenhaus Wertheim war das größte Europas, und ein Besuch galt nicht immer dem Einkauf, sondern nahm häufig Formen eines Familienausflugs an. Außer dem Warenhaus Wertheim entstanden in Berlin das ebenfalls sehr prachtvoll gestaltete Warenhaus Tietz am Alexanderplatz (1904), das "Kaufhaus des Westens" am Kurfürstendamm (1907) und das Warenhaus Karstadt am Hermannplatz (1929). Als Massenumschlagsplätze strukturierten diese "Flaggschiffe" der Warenhauskonzerne auch die Verkehrsflüsse in den Städten, wurden gleichermaßen zu notwendigen Versorgungseinrichtungen der Bevölkerung wie zu Attraktionen des Fremdenverkehrs.
Obwohl Warenhäuser im Kaiserreich noch eher einer bürgerlichen, bessergestellten Käuferschaft vorbehalten waren, vollzog sich zu Beginn der Weimarer Republik rasch eine "Demokratisierung des Konsums". Neben den großen Warenhäusern, die sich durch repräsentative Fassaden und Treppenhäuser, großzügige Lichthöfe, Glaskuppeln, Dachgärten und durch eine luxuriöse Ausstattung auszeichneten, wurden kleinere Warenhäuser in den Einkaufszentren der Stadtteile errichtet, die nahezu den gesamte Kosmos von Gebrauchsgütern unter einem Dach anboten und diese stärker an den häufig über wenig Einkommen verfügenden Käuferschichten des Einzugsgebiets ausrichteten. Industriell gefertigte Massenprodukte konnten für breitere Schichten hergestellt werden. Die vorher wenigen Wohlhabenden vorbehaltenen Luxusgüter wurden zu preiswerten Serienprodukten, und auch seltene Importgüter waren nun in großen Mengen für immer mehr Käufer erschwinglich.
In den zwanziger Jahren vergrößerte sich mit zunehmender Rationalisierung und Automatisierung in Produktion und Distribution der Preisvorteil der Warenhausprodukte zusehends. Gegen die Konzentration der Warenhausunternehmen mit zahlreichen Filialen - in Deutschland vor allem Karstadt, Leonhard Tietz (Kaufhof) und Hermann Tietz (Hertie) - konnten sich kleine Läden in den Stadtzentren oft nur mit einem sehr begrenzten und spezialisierten Angebot halten. Unter den neuen Produktions- und Distributionsbedingungen setzten sich auch neue Verkaufsprinzipien durch: Warenhäuser boten mehr Kulanz, offerierten Umtausch- oder Rückgaberecht und führten neue Formen der Werbung wie Lichtreklame, Zeitungsannoncen oder die sogenannten Weißen Wochen wie Sommer- und Winter-Schlußverkäufe ein. Das Verhältnis der traditionell oft noch im Haus der Ladenbesitzer wohnenden und deren Familie zugehörig fühlenden Gehilfen versachlichte sich: Die Verkäufer und Verkäuferinnen der Warenhäuser waren Angestellte mit festen Arbeitszeiten und "Sonntagsruhe", die unter Berücksichtigung von Wohnungs- und Verpflegungsgeld eine eigene Wohnung bewohnten.
4. München um 1900. Die leuchtende Stadt
Keine deutsche Metropole ist um 1900 so kunstversessen wie München: Das Publikum strömt in Theater und Ausstellungen, an der Akademie brillieren Traditionalisten – und in einem Viertel im Norden ersinnen radikale Neuerer die Zukunft
Ein nebeliger, ungemütlicher Novemberabend in München. Schnee liegt in den Gassen. Im Weinlokal „Eckel“ in der Theresienstraße drängen sich Studenten und Künstler, literaturinteressierte Beamte und Offiziere. Und als vorn im Saal ein junger Mann mit gepflegtem Schnurrbart zu lesen beginnt, hat er den düsteren Herbst schon nach den ersten Worten vertrieben:
„München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und lichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem Sonnendunst eines ersten, schönen Junitages.“
Was für ein Idyll! Thomas Mann liest an diesem 18. November 1901 aus seiner Erzählung „Gladius Dei“ („Schwert Gottes“). Genauer: Er schwärmt, schwelgt, preist. Denn dieser 19 Seiten lange Text beginnt wie eine Hymne auf Bayerns Hauptstadt und ihre Liebe zu den Künsten.
Thomas Mann berichtet von offenen Fenstern, aus denen Klavierklänge und Geigentöne dringen. Von Reisenden aus allen Nationen, die die Freitreppen der Museen emporeilen. Er beschreibt Studenten, die auf den Straßen Richard-Wagner-Melodien pfeifen. Erzählt von Malern, die mit ihren Geliebten in offenen Wagen wie Fürsten umherfahren. Von Geschäften, deren Schaufenster voller Jugendstilvasen, Kopien von Renaissancestatuen und Reproduktionen unterschiedlichster Meisterwerke sind.
Nichts davon ist schriftstellerische Fantasie. Der Autor, 26 Jahre alt, kennt die Stadt genau. Geboren in Lübeck, lebt er seit sieben Jahren mit Unterbrechung in München, mitten im Künstlerviertel Schwabing (wo er auch seinen Lübeck-Roman „Buddenbrooks“ beendet hat, der seit wenigen Wochen in den Buchläden ausliegt).
KUNSTZENTRUM
Einheimische, Zugewanderte, Verweilende: In München leben um 1900 außergewöhnlich viele kreative Köpfe
Seine Beschreibungen des Münchner Alltags sind so präzise, dass die Zuhörer im Weinlokal oft auflachen. Etwa wenn er von Künstlern mit „runden Hütchen auf den Hinterköpfen“ erzählt, die ihre Miete mit schnell hingetupften Bildern bezahlen. Viele im Saal kennen einen dieser „unbesorgten Gesellen“, wie Mann sie nennt.
Und auch beim „Schönheitsgeschäft Blüthenzweig“ muss keiner im Publikum lange rätseln. Der Name spielt auf die Firma Hanfstaengl an, eines von vielen Unternehmen in der Stadt, die mit der Kunstliebe der Münchner gute Geschäfte machen: Mit neuester Technik stellt die Firma fotografische Reproduktionen berühmter Gemälde her; fast 20.000 Motive hat sie im Angebot, die sie bis in die USA verkauft.
Vor diesem Geschäft lässt Thomas Mann eine (nun allerdings rein fiktive) Gestalt auftreten, die den Frieden der kunstverliebten Stadt stört: Hieronymus, einen frommen Jüngling mit wulstigen Lippen, der – gekleidet wie ein Mönch in schwarzem Mantel mit Kapuze – an den Bußprediger Savonarola aus dem Florenz der Renaissance erinnert. Er betritt die Verkaufsräume von Blüthenzweig und verlangt, dass ein Madonnenbild aus dem Schaufenster entfernt wird – denn zu lustvoll, so findet er, entblößt die heilige Muttergottes ihre Brust für das Jesuskind. Doch der Geschäftsinhaber weigert sich und lässt den lächerlichen Frömmler am Schluss der Geschichte auf den Odeonsplatz hinauswerfen.
Schon bald nach diesem Abend im Weinlokal „Eckel“ wird „Gladius Dei“ zu einer der bekanntesten Schilderungen der Isarstadt. Vor allem die Münchner selbst lieben die Novelle, denn Manns elegischer Lobpreis bestärkt sie in dem Gefühl, in einer außergewöhnlichen Stadt zu leben, einem bayerischen Arkadien.
Der erste Satz – „München leuchtete“ – wird rasch bekannt. Kaum ein Reiseführer, der ihn nicht zitiert. Werbeleute setzen ihn als Slogan ein. Sogar eine Medaille, mit der der Oberbürgermeister der Stadt heute verdiente Bürger auszeichnet, trägt den Namen „München leuchtet“. Doch viele Freunde der Novelle übersehen die feine Ironie, mit der Thomas Mann seine Hymne geschrieben hat. Denn vieles am Münchner Kunstbetrieb kommt ihm – wie man aus anderen seiner Schriften weiß – oberflächlich und selbstgefällig vor.
Und sie vergessen, dass der frömmlerische Hieronymus, als er am Schluss gedemütigt auf dem Odeonsplatz steht, der Stadt zur Strafe für ihren Schönheitskult den Untergang vorhersagt – und das Schwert Gottes, das Gladius Dei, auf den kunstversessenen Ort herabfahren sieht. Um 1900 aber kann niemand bestreiten, dass München strahlt. Bayerns Hauptstadt ist in den Jahrzehnten zuvor zur Metropole gewachsen. Eine halbe Million Menschen wohnt hier – allein in den letzten fünf Jahren sind 100.000 hinzugekommen.
Wer hier lebt, genießt viele Annehmlichkeiten der Moderne: Millionen Liter Frischwasser schießen täglich durch eine neu angelegte Leitung aus einem Tal nahe den Alpen und machen München zu einer der gesündesten Großstädte Europas. In der Innenstadt beleuchten elektrische Bogenlampen nachts die meist kopfsteingepflasterten Straßen. Tagsüber verkehren hier stromgetriebene Trambahnen, drängen sich zwischen Pferdedroschken und Fußgängern hindurch.
60.000 Passagiere transportieren sie pro Tag, fahren bis in Vororte wie Giesing im Süden, wo Bauunternehmer Mietskasernen für Arbeiter errichten. Oder ins vornehmere, östlich gelegene Bogenhausen, wo gerade ein elegantes Wohnviertel mit Luxusapartments entsteht. Und im Herzen der Metropole, am Marienplatz, lassen die Stadtoberen schon zum zweiten Mal binnen zehn Jahren das Rathaus erweitern und nun mit einem 80 Meter hohen, kathedralenhaften Turm bekrönen – Symbol für Münchens neue Größe.
Regiert wird die Stadt von liberal gesinnten Beamten, Kaufleuten und Fabrikanten, die sich in politischen Wahlvereinen organisiert haben. Gemeinsam halten sie die Mehrheit im Kollegium der Gemeindebevollmächtigten wie auch im Magistrat. Stärkste Oppositionspartei ist das katholische Zentrum, das verbissen den Einfluss der Kirche auf die Schulen verteidigt.
Die Sozialdemokraten holen immer mehr auf, sie sind 1905 bereits mit elf Gemeindebevollmächtigten und drei Magistratsräten vertreten. Doch wählen darf nur, wer das Bürgerrecht erworben hat. Und die Kosten dafür entsprechen dem halben Monatslohn eines Arbeiters; viele Anhänger der SPD können ihre Stimme daher nicht abgeben. 400.000 Auswärtige reisen jedes Jahr an – mehr als Berlin besuchen. Am Hauptbahnhof gibt es nun ein Auskunftsbüro, in dem Touristen Broschüren und Informationen erhalten.
Vor allem die Kunstsammlungen und Ausstellungen ziehen Besucher an, die prächtigen Theater und Konzertsäle – Orte, von denen gebildete Bürger im ganzen Land schwärmen. Schon seit der Zeit von König Ludwig I. gilt München als Kunststadt. Der ab 1825 regierende Monarch, ein großer Verehrer der Antike, hat Museen und Bühnenhäuser errichten lassen, die wie griechische Tempel oder Renaissancepaläste wirken – etwa die Glyptothek, in der der König seine antike Skulpturensammlung unterbrachte oder die Pinakothek mit ihrer Gemäldegalerie. So groß ist die Zahl dieser „antikisierenden Monumente“, wie Thomas Mann sie nennt, dass Reiseführer die Stadt als „Isar-Athen“ preisen.
DOCH ALL DAS IST NICHTS gegen die Kunstbegeisterung unter Ludwigs Sohn Luitpold. Der im Volk beliebte Prinz regiert seit 1886, zunächst kurz anstelle seines Neffen Ludwig II. (siehe Seite 50), dann für dessen geisteskranken Bruder Otto. Luitpold ist sehr an Malerei interessiert und mit vielen Künstlern befreundet. Zuweilen fährt er frühmorgens in seiner Kutsche durch die Straßen, um einen von ihnen im Atelier zu besuchen – ohne Ankündigung, was eines Tages dazu führt, dass ihm der junge, aufstrebende Maler Max Slevogt im Nachthemd die Tür öffnet.
Doch stärker noch als der freundliche Wittelsbacher treibt das Geld die Blüte der Kunst voran. So ist etwa an der Prinzregentenstraße, Münchens neuem Prachtboulevard, 1901 ein Festspielhaus für Richard Wagners Opern eröffnet worden – ein Theater, mit dem die Münchner Bayreuth Konkurrenz machen wollen. Die privaten Investoren versprechen sich von dem Theater eine Aufwertung des eleganten Wohnviertels, das sie hier gerade errichten. Der Kulturbau, so hoffen sie, wird die Immobilienpreise steigen lassen und ihre Profite erhöhen.
Es ist bereits der dritte Theaterneubau in der Stadt während Luitpolds Amtszeit. 1908 wird noch eine vierte Spielstätte hinzukommen, wodurch sich die Zahl der Münchner Bühnen innerhalb von nur zwölf Jahren verdoppelt. Auch die Zahl der Künstler nimmt zu: In München finden sie viele Galerien, die ihre Werke verkaufen. Und Firmen wie Hanfstaengl, die sie reproduzieren und in alle Welt verbreiten.
Bayerns Hauptstadt wird in diesen Jahren zu einem Zentrum des europäischen Kunsthandels. Tausende Besucher, darunter viele Galeristen, Kuratoren und Sammler schieben sich jeden Sommer durch die großen Kunstausstellungen im Glaspalast, einer kühnen Gusseisen-Konstruktion nahe dem Hauptbahnhof. Sie kaufen dort Werke etablierter Gegenwartskünstler wie etwa des gefeierten Porträtmalers Friedrich August von Kaulbach oder des bekannten Realisten Wilhelm Leibl.
Und nur zwei Kilometer nördlich des Glaspalasts lernen die Maler von morgen: an der Kunstakademie, die – so Thomas Mann in „Gladius Dei“ – „ihre weißen Arme zwischen der Türkenstraße und dem Siegestor ausbreitet“.
Studenten aus ganz Europa eilen jeden Morgen zwischen den kannelierten Säulen des Portals hindurch in den lang gestreckten Bau. Hochgelobte Künstler wie Franz von Stuck unterrichten hier die jungen Leute. Die Ausbildung ist auf handwerkliche Perfektion im Stil der alten Meister ausgerichtet und hat einen guten Ruf – selbst im fernen Spanien wird sie geschätzt: Pablo Picasso schreibt 1897 in einem Brief an einen Freund, hätte er einen Sohn, würde er ihn zum Kunststudium nach München schicken. Die Akademie ist eine streng geführte Anstalt, in der Studenten sich vor ihren Professoren verbeugen müssen. Doch nur ein paar Meter nördlich der Kunsthochschule und des nahe gelegenen Siegestors beginnt ein Ort anarchischer Freiheiten: Schwabing.
Erst seit 1890 gehört das frühere Bauerndorf zu München und wirkt vielerorts noch immer ländlich: Zwischen Neubauten liegen Nutzgärten, auf den Straßen gehen Frauen in Hauskitteln zum Einkauf. Doch dazwischen laufen viele Kunststudenten, sind mit Zeichenmappen oder gerollten Leinwänden in den Händen unterwegs zur Akademie. Wegen der günstigen Mieten haben sie sich in Schwabing angesiedelt, ebenso wie viele ausgebildete Maler und Bildhauer, Musiker, Literaten und Journalisten. Die Neuzugezogenen verändern das Viertel in den Jahren vor der Jahrhundertwende rasch. Kaufleute eröffnen Geschäfte für Pigmente, Farbtuben und andere Malutensilien. Hausbesitzer bauen ihre Dachgeschosse zu Ateliers aus.
Passanten können schon von der Straße die großen Mansardenfenster sehen, die meist nach Norden ausgerichtet sind – so fällt den Tag über ein gleichmäßig helles Licht in den Raum, die Wirkung der Farben verändert sich vom Morgen bis zum Abend kaum. In manchen Straßen lassen geschäftstüchtige Bauherren ganze Atelierhäuser hochziehen, mit Bildhauerwerkstätten im Erdgeschoss, damit sich Skulpturen einfacher hinein und hinaustransportieren lassen.
Wirte eröffnen neue Lokale, etwa das „Café Stefanie“ in der Amalienstraße, das bald einer der beliebtesten Treffpunkte des Viertels ist. Zu jeder Tageszeit hängt hier dichter Zigarettenqualm in der Luft und mischt sich mit dem leichten Muff aus den schweren Polstermöbeln. Studenten, Maler und Schriftsteller hocken auf den Bänken, lassen Dominosteine klackern oder debattieren über radikal neue Wege in der Kunst. Am Billardtisch stehen Frauen mit weit geschnittenen Reformkleidern, die es ihnen erlauben, sich freier zu bewegen – und die so gegen konventionelle Vorstellungen von Weiblichkeit und Korsettmode rebellieren.
Dazu versammeln sich hier Sinnsucher, Aussteiger und Möchtegerngenies aus Deutschland, Ungarn und dem Balkan. Angelockt von Schwabings Flair, sind sie an die Isar gezogen, schwadronieren nun bis um drei Uhr morgens über die Philosophie Friedrich Nietzsches oder erklären: Ein vollkommener Mensch sei nur, wer beide Geschlechter lieben kann.
Kaum ein anderer Ort in Europa, an dem so kühn gedacht, so fantastisch gesponnen, so frei gelebt wird wie in Schwabing. Und wohl nirgendwo sonst finden sich auf solch engem Platz so viele Männer und Frauen, die in den folgenden Jahren Kunst- und Literaturgeschichte schreiben werden: Maler wie Paul Klee, Alexej von Jawlensky und viele andere, Schriftsteller wie Thomas Mann, Frank Wedekind und Stefan George. Hohenzollernstraße Nr. 6, 1901: Im Hinterhaus ist das Arbeiten der Bildhauer zu hören. Im Treppenhaus ranken sich Blumengirlanden die Wände hinauf, gemalt in einem neuen, von Pflanzenornamenten geprägten Stil, den die in München erscheinende Zeitschrift „Jugend“ fördert und in ganz Deutschland bekannt macht.
Wer oben durch die Tür tritt, gelangt in eine kleine Stube, in der mehrere Frauen vor Staffeleien stehen. Durch ein übergroßes Fenster fällt helles Licht. Zwischen den Künstlerinnen läuft ein Mann mit Anzug und Zwicker hin und her, der seine Erläuterungen mit leichtem Akzent abgibt: Dr. Wassily Kandinsky.
Der 35-Jährige ist Mitbetreiber der Schwabinger Malschule „Phalanx“, zu der auch die Bildhauerklasse im Erdgeschoss gehört. Kandinsky wurde in Moskau geboren und hat dort Jura und Nationalökonomie studiert, ehe er nach der Promotion beschloss, ein neues Leben als Maler zu beginnen – und 1896 nach München zog. Wie ein Verliebter lief er in den ersten Monaten durch die Stadt. „Die blaue Trambahn zog durch die Straßen wie verkörperte Märchenluft, die das Atmen leicht und freudig machte“, schwärmt er Jahre später in einem Rückblick.
Ein Jahr lang studierte er an der staatlichen Akademie bei Franz von Stuck. Doch die Malweise dieses berühmten Mannes, der wie die meisten Professoren vor allem mit gedämpften Tönen arbeitete, passte nicht zu Kandinsky. Ihm schwebte – noch sehr undeutlich – eine Art der Malerei vor, die sich ganz auf die Leuchtkraft der Farben konzentriert, die für den Russen wie Wesen mit einem eigenen Charakter sind.
Gemeinsam mit anderen Unzufriedenen – darunter dem Jugendstilkünstler Hermann Obrist – gründet Kandinsky die Gruppe „Phalanx“, benannt nach einer als unbesiegbar geltenden, geschlossenen Gefechtsformation der griechischen Antike, und organisiert nun Ausstellungen. 1903 etwa zeigt die Gruppe Bilder des Impressionisten Claude Monet. Dessen Stil ist an der Akademie als handwerklich unsolide verpönt. Doch zur Vernissage fährt selbst Prinzregent Luitpold vor, ein gewaltiger Erfolg für die Gruppe.
Ihre Malschule in der Hohenzollernstraße unterhalten die Phalanx-Künstler, um Geld zu verdienen – aber auch, um gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern nach neuen Formen der Kunst zu suchen. Es gibt viele solcher privaten Lehranstalten in Schwabing. Die größte ist die des Slowenen Anton Ažbe, der an drei Standorten im Viertel fast 200 Klienten unterrichtet. An diesen Schulen schreiben sich junge Leute ein, die von der Kunstakademie abgelehnt wurden oder von der traditionell ausgerichteten Lehre dort enttäuscht sind – aber auch Frauen, die an der Akademie aus Prinzip nicht aufgenommen werden.
Kandinsky, als einfühlsamer Lehrer bekannt, zieht besonders viele weibliche Schüler an. 1902 meldet sich in seinem Institut eine gerade erst nach München gezogene junge Frau an: Gabriele Münter. Sie wird bald zu seiner Lebensgefährtin (und zu einer herausragenden Künstlerin).
Bis zu sieben Stunden am Tag unterrichtet Kandinsky, anschließend arbeitet er an eigenen Werken, bis er müde und erschöpft ist. Er experimentiert mit Jugendstil und Impressionismus, malt immer wieder Motive aus Schwabing wie den Nikolaiplatz oder den Nördlichen Friedhof – Bilder, bei denen sich Farben und Formen mehr und mehr von der Wirklichkeit lösen.
WÄHREND SICH KANDINSKY in eine Traumwelt aus Farben zurückzieht, setzen sich ein paar Hundert Meter weiter andere Schwabinger Künstler Woche für Woche mit der realen Welt auseinander, voller Biss und ohne Kompromisse.
Kaulbachstr. 91, nahe dem Englischen Garten. Hier residiert die Redaktion des „Simplicissimus“, einer Wochenzeitschrift für Satire, Politik und Literatur – das frechste und aggressivste Blatt des Deutschen Reichs. Seine Hauptgegner: Spießbürger, Geistliche und der Kaiser in Berlin. Der wohl wichtigste Mitarbeiter ist Thomas Theodor Heine, ein hochbegabter Zeichner und Karikaturist. Man kann ihn häufig von seinem nahe gelegenen Atelier in die Redaktion laufen sehen, in der Hand Zeichenblätter, darunter oft der Entwurf für das nächste Titelbild. Sein Stil ist beeinflusst von der Kunst des Franzosen Henri de Toulouse-Lautrec und äußerst provokant.
Als die Wiener Staatsanwaltschaft den „Simplicissimus“ im Frühling 1896 in Österreich verbieten lässt, fertigt er für die Ausgabe vom 23. Mai 1896 eine Titel-Illustration an: Sie zeigt österreichische Gendarmen, die mit gezückten Säbeln auf ein Werbeplakat des Magazins losgehen – sowie eine rote Bulldogge, die einem der Beamten ans Bein pinkelt. Dieser zähnefletschende Hund wird zum Wappentier der Zeitschrift: als Kampfansage an Obrigkeiten aller Art.
Der „Simplicissimus“ gibt vielen Schwabinger Literaten die Möglichkeit, Geld zu verdienen und Texte zu publizieren, etwa Joachim Ringelnatz, Jakob Wassermann oder Ludwig Thoma. Thomas Mann arbeitet ab 1898 für gut ein Jahr als Redakteur beim „Simplicissimus“, sitzt in einem elegant eingerichteten Büro und prüft für 100 Mark monatlich viele der eingehenden Manuskripte; zuvor hat er hier selbst einige Erzählungen veröffentlicht.
Zu den Mitarbeitern gehört auch Frank Wedekind, Deutschlands prominentester Skandalautor, seit er in seinem Drama „Frühlings Erwachen“ die erdrückende bürgerliche Sexualmoral angegriffen hat. Seine Spezialität beim „Simplicissimus“ sind Spottgedichte. 1898 reimt er eines auf Kaiser Wilhelm II., und das genügt für eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung.
Die Staatsanwaltschaft in Leipzig (wo der „Simplicissimus“ gedruckt wird) ermittelt gegen Wedekind und will ihn festnehmen lassen. Doch der Autor erhält von Münchner Polizisten eine Warnung und kann in die Schweiz fliehen. Offenbar halten die liberalen bayerischen Behörden Majestätsbeleidigung nur dann für gravierend, wenn sie die Wittelsbacher trifft – und nicht den ungeliebten Hohenzollern-Herrscher in Berlin.
Eine der ungewöhnlichsten Mitarbeiterinnen des „Simplicissimus“ ist eine lebenshungrige junge Adelige: Franziska Gräfin zu Reventlow. Bereits als Kind hat sie im Husumer Schloss ihrer Eltern gegen die strenge Erziehung der Mutter rebelliert und schon früh Werke des Norwegers Henrik Ibsen gelesen, der in Dramen wie „Nora“ die Emanzipation der Frauen feiert. Ähnlich wie Ibsens Heldin ging Franziska ihren eigenen Weg, verließ ihren Mann – und siedelte 1896 nach Schwabing über, um frei von erstickenden Konventionen zu leben.
Inzwischen wohnt sie dort in einer Art Kommune in einem alten Haus mit verwahrlostem Garten – gemeinsam mit ihrem aktuellen Liebhaber, einem polnischen Glasmaler, sowie dem Schriftsteller Franz Hessel und ihrem unehelichen Sohn Rolf (den Namen des Kindsvaters wird sie nie verraten, möglicherweise vermag sie ihn selber nicht zu benennen).
Als Malerin hat sie keinen Erfolg, daher arbeitet die Gräfin als Autorin und Übersetzerin, schreibt Satiren für den „Simplicissimus“ oder Witze, für drei Mark pro Stück. Zudem wirbt sie in Aufsätzen für die sexuelle Befreiung der Frau: „So geht mir doch mit der Behauptung, die Frau sei monogam! Weil Ihr sie dazu zwingt, ja! Weil Ihr sie Pflicht und Entsagung lehrt, wo Ihr sie Freude und Verlangen lehren solltet!“
DAS IST FÜR DIE meisten Bürger des Kaiserreichs eine verstörende Botschaft – doch hochwillkommen in dem wohl mythenschwersten aller Schwabinger Intellektuellenkreise: dem Zirkel um den Dichter Stefan George. Der ist in diesen Jahren ein Mann ohne festen Wohnsitz, hält sich aber meist in München oder Berlin auf. Er ist eine imposante, aber auch etwas unheimliche Erscheinung, mit seinem sehr flachen Gesicht, in dem nur die Stirnwülste stark vorspringen. „Kommt einem nicht recht wie ein wirklicher Mensch vor, wiewohl er lachen kann“, schreibt Franziska von Reventlow über ihn.
Wenn George in München ist, wohnt er bei dem Schriftsteller Karl Wolfskehl in der Leopoldstraße mitten in Schwabing. Dorthin bittet er mit durch Boten überbrachten Einladungskarten seine Getreuen: den Schriftsteller Ludwig Derleth, den Grafologen Ludwig Klages, dazu Universitätsdozenten, Maler und oft auch einen der Jünglinge, für die George schwärmt.
Die Mitglieder dieses Kreises sprechen einen sehr eigenen Jargon, unterteilen die Menschheit in „Enorme“, das sind sie selbst (und die, die sie dazu bestimmen) – und „Belanglose“. Sie sind fasziniert von der Religion der griechischen Antike, die sie für kraftvoller halten als das ermattete, verbürgerlichte Christentum der Gegenwart.
Viele von ihnen haben begeistert das populäre Buch „Das Mutterrecht“ des Schweizers Johann Jakob Bachofen gelesen. Dieser Gelehrte vertritt die (nicht belegte) These, dass die Frühzeit der Menschheit vom „Häterismus“ bestimmt war: einer Art Gruppenehe, in der Frauen Mutterschaft und freie Liebe ohne moralische Verdammung miteinander verbinden konnten. Georges Anhänger schätzen eine erotisch freizügig lebende Mutter wie Franziska zu Reventlow daher sehr – als Wiedergeburt eines vermeintlich uralten Ideals. Ihre Verehrung von Müttern geht so weit, dass Männer in Gehröcken bei einem Treffen ergriffen vor einer stillenden Frau niederknien.
Die Gräfin zu Reventlow nimmt all dies aufmerksam und meist amüsiert wahr. Ihre Erlebnisse im George-Kreis hält sie später in dem Roman „Herrn Dames Aufzeichnungen“ fest. Darin beschreibt sie auch eines der berühmten Kostümfeste, mit denen der Dichter die (vermeintlich) rauschhaften Feiern des Altertums wiederbeleben will. Stefan George hat sich an diesem Abend, dem 22. Februar 1903, als der Römer Gaius Iulius Caesar verkleidet. Mit einer weißen Toga und Goldkranz auf dem Kopf schreitet er zu Beginn der Feier durch Wolfskehls Wohnung.
Ihm folgen der Hausherr, der mit Weinlaub im Haar den Gott der Ausschweifungen und Fruchtbarkeit Dionysos darstellt, und ein Archäologe mit schwarzem Kleid und Schleier, der als römische Matrone erscheint. Vor und neben ihnen laufen Jünglinge mit Weinbechern sowie eine Bacchantin, die ein Becken schlägt. Die Gäste – mehrere Dutzend Schwabinger und Auswärtige – murmeln dazu eine Litanei. Nach dem Umzug beginnen die Besucher unter den dröhnenden Klängen eines Gongs zu tanzen. Später vergnügen sich einige in den Winkeln der Wohnung miteinander.
In der gesamten Stadt raunt man von diesen „Orgien“ (wobei die Vorstellungen, die die Münchner Bürger sich davon machen, wohl um ein Mehrfaches bunter sind als die Realität). Vieles, was Stefan George und seine Getreuen tun und denken, klingt nach infantilem Getue und esoterischem Unsinn. Aber harmlos ist es nicht. Zahlreiche Anhänger des George-Kreises verachten Vernunft und Individualität, Christentum und Judentum. All das sind in ihrem Jargon „molochitische“, das heißt: lebenszersetzende Elemente.
„Kosmisch“, also lebensbejahend, sind in ihrer kruden Logik dagegen römische und germanische „Ursubstanzen“, die in manchen Menschen angeblich fortleben. Manche Mitglieder des Zirkels, darunter der Grafologe Klages, denken offen antisemitisch. Thomas Mann, der mehrere George-Anhänger persönlich kennt, wird einen von ihnen – den Dichter Ludwig Derleth – später im Roman „Doktor Faustus“ porträtieren: als geistigen Vorläufer des Faschismus.
So bunt, so aufregend und manchmal abgründig das Leben der Maler und Literaten in Schwabing auch ist: Sie machen nur einen kleinen Teil der Münchner Kunstszene aus. Und auch wenn manche von ihnen später weltbekannt werden – in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts kennt außerhalb des Viertels kaum jemand die Namen von Wassily Kandinsky oder Gabriele Münter.
Die Kunst der Stadt wird vielmehr von drei Männern beherrscht, die mit ihren Gemälden seit Jahren das Publikum begeistern und für ihre Verdienste um die Kunst von den Wittelsbachern in den Adelsstand erhoben wurden: Franz von Stuck, Friedrich August von Kaulbach sowie Franz von Lenbach. Lenbach, geboren als Sohn eines Maurermeisters, hat sich mit betörenden Porträts im Stile Tizians und Rembrandts ein Vermögen ermalt, lebt nahe der Glyptothek in einem Palais, das verschwenderisch ausgestattet ist mit Damasttapeten und Renaissancemöbeln.
Er sitzt der „Münchener Künstlergenossenschaft“ vor, die jedes Jahr die großen Ausstellungen im Glaspalast organisiert – und bestimmt mit, wessen Werke präsentiert werden. Es ist schwer, ohne seine Gunst im Münchner Kunstbetrieb Erfolg zu haben. Einer der wichtigsten Treffpunkte für einflussreiche Männer wie ihn ist ein Garten nahe dem Hauptbahnhof. Meist mittwochs lässt er sich mit seiner Kutsche hierhinbringen, läuft dann zwischen Nussbäumen und Kastanien hindurch bis zur Kegelbahn am Ende der Grünanlage.
Das Grundstück gehört der Familie Seidl, die in der Nähe eine Großbäckerei betreibt. Die Seidls sind ein kunstsinniger Clan und laden schon seit mehr als 20 Jahren Maler und Bildhauer zum Kegeln in ihren Garten; neben Lenbach auch den verehrten Akademiedirektor Friedrich August von Kaulbach. Dazu gesellen sich Verwandte der Seidls aus der Bierbrauer-Dynastie Sedlmayr, häufig schaut auch Prinz Rupprecht vorbei, der Enkel des Prinzregenten. Etwa 30 Männer sitzen an einem runden Tisch vor Maßkrügen oder stehen am Rand der Bahn und plaudern (Frauen sind beim Kegeln nicht erwünscht). Nützliche Kontakte werden hier geknüpft oder vertieft.
Es gibt viele solcher Zirkel, in denen sich Münchens reiche und mächtige Familien treffen. Da sind etwa die großen Gesellschaften, die der Brauereibesitzer Georg Theodor Pschorr regelmäßig in seinem Haus gibt. Dort verkehren unter anderem die Maffeis, eine der reichsten Familien Bayerns, der eine Lokomotivenfabrik gehört. Sowie der Architekt Jakob Heilmann, der das größte Bauunternehmen des Landes führt und zusammen mit seinem Schwiegersohn Max Littmann das Prinzregententheater errichtete. Münchens mächtige Unternehmerdynastien sind oft miteinander verwandt oder verschwägert. So hat eine Tochter des Bäcker-Clans Seidl in die Familie der Handschuhfabrikanten Roeckl eingeheiratet, die ihre Waren bis nach England und in die USA exportiert.
Münchner Großfamilien kontrollieren nicht nur ihre eigenen Unternehmen, sondern sitzen häufig auch in den Aufsichtsräten anderer Firmen und mischen gerne in der Politik mit: Die Bierbrauer Sedlmayr etwa, die Verwandten der Bäckerfamilie Seidl, stellen Abgeordnete im Bayerischen Landtag und im Berliner Reichstag, sind zudem im Aufsichtstrat der Bayerischen Vereinsbank tätig. Und die Brauerfamilie Pschorr hat Mitglieder im Gemeindekollegium, im Kommerzienrat und der Handelskammer. Wer diesen höchsten Kreisen Münchens angehört, der kann ein weitverzweigtes, vielfältiges Netz von Beziehungen nutzen. Von den Treffen auf der Kegelbahn profitieren besonders Männer wie der Architekt Gabriel von Seidl aus dem Großbäcker-Clan.
Er freundet sich mit Franz von Lenbach an, der den zwölf Jahre Jüngeren „mein Seidl“ oder „Gabi“ nennt und ihn an seine Kunden empfiehlt: Wen der Maler porträtiert, dem baut Seidl oft später ein Haus. Doch auch Lenbach profitiert von den Runden im Seidl’schen Garten – vor allem bei seinem Lieblingsprojekt: dem Bau eines Münchner Künstlerhauses mit Festsaal und Restaurant, in dem sich Maler, Bildhauer und Bürger bei Bällen und Konzerten begegnen können.
Seit Jahren wirbt Lenbach beim Magistrat der Stadt und beim Finanzminister für diese Idee. Als er endlich von der Kommune günstig ein Grundstück beim Karlsplatz erhält, fehlt ihm bald Geld für den Bau – bis seine Kegelbrüder, die Brauereibesitzer Sedlmayr, eine große Summe stiften. Als Architekten setzt der gut vernetzte Lenbach seinen Freund durch: Gabriel von Seidl.
Das im Jahr 1900 eröffnete Künstlerhaus wird ein Meisterwerk. Seidl hat sich der von einem österreichischen Architekten propagierten Auffassung angeschlossen, dass Städtebau „malerisch“ sein, also auf Betrachter anziehend und harmonisch wirken solle. Auf diese Weise wollen sich Seidl und andere Architekten von dem klotzigen, abweisenden Stil abgrenzen, in dem zu dieser Zeit etwa in Berlin ganze Viertel hochgezogen werden. Der mehrgeschossige Hauptbau des neuen Künstlerhauses liegt daher etwas zurückgesetzt von der Straßenfront und ist auf dem Grundstück leicht zur Seite geschoben – starre Symmetrie soll bei dieser Art der Architektur unbedingt vermieden werden. Bezüge zur heimatlichen Bautradition sind erwünscht. Und so bekrönt Seidl den Hauptbau mit geschwungenen Renaissancegiebeln, wie man sie etwa an Augsburger oder Nürnberger Bürgerhäusern findet.
Davor errichtet Seidl einen eingeschossigen Trakt, der sich mit Flachdach und Rundbogenfenstern deutlich vom Hauptbau unterscheidet und wie nachträglich hinzugefügt aussieht. Auch das ist Programm: Gebäude sollen wie organisch gewachsen erscheinen, nicht wie in einem Zug errichtet. Um die Passanten mit einer malerischen Silhouette zu erfreuen, verziert Seidl den Bau mit Säulen, Türmchen und Pavillons.
Ähnliche Ideen wie Seidl verfolgt der Münchner Stadtplaner Theodor Fischer. Auch er ist vom Gedanken eines „malerischen“ Stils begeistert. Straßen sollen nicht langweilig geradeaus laufen, meint Fischer, sondern den Bürgern Überraschungen und Abwechslung bieten. Vor Seidls Bayerischem Nationalmuseum lässt er – in Zusammenarbeit mit dem Architekten – daher eine Grünfläche anlegen, die sich auf die Prinzregentenstraße hinausschiebt und so die Achse unterbricht. Während Kutschen und Automobile hier einen Schlenker machen müssen, können Passanten in dem kleinen Park rasten.
Im weiteren Verlauf des neuen Boulevards, am rechteckigen Prinzregentenplatz, setzt Fischer seine Vorstellungen ebenfalls um. Sechs Straßen münden hier ein – aber nicht etwa sternförmig, das wäre zu monoton, sondern in unregelmäßigen Abständen und aus unterschiedlichen Winkeln. Fischer und Seidel erschaffen so eine Atmosphäre der Behaglichkeit, die München unverwechselbar macht (und die Thomas Mann in „Gladius Dei“ so eindrücklich beschreibt).
AUCH IN DER MALEREI werden in der Stadt nach wie vor Akzente gesetzt. Ab 1910 zeichnet sich in München eine der revolutionärsten Umwälzungen der Kunstgeschichte ab: der Weg in die Abstraktion. Wassily Kandinsky hat in den Jahren zuvor weiter nach einer neuen Sprache für seine Malerei gesucht. Mittlerweile kann man in seinen Bildern kaum noch Figuren oder Gegenstände erkennen. Nur mit Mühe lässt sich etwa auf seinem kürzlich geschaffenen Ölbild „St. Georg III“ der Drache ausmachen, dem der Ritter die Lanze ins Maul stößt. (Das genaue Datum seines ersten komplett abstrakten Bildes ist in der Forschung umstritten.)
Beifall bekommt Kandinsky für diese Arbeiten nicht. Selbst vielen Schwabinger Kollegen sind seine Bilder zu radikal. Im Dezember 1911 weigert sich die „Neue Künstlervereinigung München“ mit vorgeschobenen Gründen, ein weitgehend abstraktes Werk von ihm auf einer Gruppenausstellung zu zeigen. Ein Eklat, immerhin hat Kandinsky diesen Verein drei Jahre zuvor selbst gegründet. (Die Gruppe „Phalanx“ mit der Malschule hat sich 1904 wegen Geldproblemen aufgelöst.)
Kandinsky und Gabriele Münter treten aus der Künstlervereinigung aus, ebenso der Münchner Franz Marc, mit dem sich die beiden ein Jahr zuvor angefreundet haben. Marc malt zarte, abstrahierende Bilder von roten Pferden und gelben Kühen, die für ihn Symbole eines reinen, ursprünglichen Daseins sind. Wassily Kandinsky fühlt sich Marcs Kunstauffassung nahe. Und gründet mit ihm eine neue Gruppe, den „Blauen Reiter“. Später erklärt der Russe: „Beide liebten wir Blau, Marc Pferde, ich Reiter. So kam der Name von selbst.“ Rasch organisieren sie eine erste Ausstellung in einer Münchner Galerie. Zudem arbeiten sie, häufig in Kandinskys Wohnung in der Schwabinger Ainmillerstraße, an einem Almanach, der ebenfalls „Der Blaue Reiter“ heißen soll. Es ist keine Programmschrift für einen bestimmten Stil, sondern eine Sammlung von Denkanstößen und Anregungen für alle, die nach neuen Wegen in der Kunst suchen.
Unter den mehr als 100 Abbildungen sind auch Kinderzeichnungen zu sehen sowie Hinterglasmalereien bayerischer Dorfkünstler. Der Maler August Macke, der sich der Gruppe angeschlossen hat, verfasst einen Aufsatz über Masken indigener Völker und Puppenspiele bei Griechen, Japanern und Siamesen. Ein mit Kandinsky befreundeter russischer Komponist schreibt über „Anarchie in der Musik“. Und Kandinsky erläutert in seinem Beitrag, dem längsten des Bandes, sein Konzept des künstlerischen Schaffens: Unabdingbare Voraussetzung sei eine neue Innerlichkeit, der Verzicht auf Gegenständliches im Bild gleichbedeutend mit der Abwendung vom Materialismus der Zeit – ein Aufbruch in ein höheres Reich reiner Geistigkeit.
Ihm und seinem Ko-Redakteur Marc ist wohl bewusst, dass sie mit dem Almanach Großes geschaffen haben. Stolz posieren sie für ein Foto auf dem Terrassendach neben Kandinskys Wohnung mit dem Umschlag des Bandes. Und tatsächlich kann der Verleger in den folgenden Jahren immer neue Auflagen drucken. Der Almanach beeinflusst das ausdrucksstarke Schaffen der Expressionisten. Er wird in viele Sprachen übersetzt, macht Kandinskys Ideen über abstrakte Kunst weltweit bekannt und wird zur wohl wichtigsten Programmschrift für Künstler des Jahrhunderts. Einige Monate nach Erscheinen des „Blauen Reiters“ stirbt Prinzregent Luitpold. 26 Jahre lang hat der kunstsinnige Wittelsbacher München und Bayern geprägt. Sein Tod scheint wie ein Menetekel für den Anbruch einer anderen, einer unfreieren Zeit.
Schon seit Jahren wird das einst so liberale Klima in der Stadt bekämpft. Wie der besessene Hieronymus in Thomas Manns Novelle gehen fromme Eiferer gegen die Kunst vor. Unterstützt von der katholischen Kirche, hat sich ein „Münchner Männerverein zur Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit“ gegründet. Diese Gruppe flutet die Behörden mit Beschwerden – gegen den Verkauf von Aktbildern, gegen frivole Kabaretts oder angeblich unmoralische Theaterstücke. Der Sittlichkeitsverein stört sich besonders an den Dramen von Frank Wedekind. Mit seinen Protesten erreicht er, dass die Polizeibehörde, die für die Überwachung der Bühnen zuständig ist, die Aufführung fast aller dramatischen Werke des Autors verbietet. Die Zeit, da Beamte dem bedrängten Schriftsteller mit einem Tipp zur Flucht verhalfen, ist vorbei.
Wedekind verbittert insbesondere, dass einer seiner ehemaligen Kollegen vom „Simplicissismus“ die Feinde der Kunstfreiheit auch noch unterstützt: Im Jahr 1912 wird Thomas Mann Mitglied des Zensurbeirats, eines Gremiums aus Honoratioren, das die Polizei mit Empfehlungen unterstützen soll. Weshalb sich Thomas Mann darauf einlässt, ist nicht bekannt. Nach dem Erfolg mit den „Buddenbrooks“ und der Heirat mit der Millionärstochter Katia Pringsheim ist er aus Schwabing fortgezogen und lebt nun im neu angelegten, schicken Wohnviertel Bogenhausen. Möglicherweise schmeichelt es ihm, dass er in ein Gremium aus Professoren und Hofräten berufen wird.
FRANZISKA VON REVENTLOW hat München da bereits verlassen. Ihr Geliebter, der polnische Puppenspieler und Glasmaler, hat sich von ihr getrennt. Sie ist zermürbt von dauernden Geldsorgen und daher zeitweise gezwungen, sich zu prostituieren. Sie hofft auf einen Neuanfang im Tessin und zieht an den Monte Verità nahe dem Lago Maggiore, wo mehrere Aussteiger eine Kolonie gegründet haben.
Und im Frühjahr 1913, weniger als drei Jahre nach ihrem Fortgang, lässt sich ein gescheiterter Maler aus Wien, zerfressen von Kränkungen und Hass, am Rand des Künstlerviertels in der Schleißheimer Straße nieder: Adolf Hitler. Im August 1914 ist die Epoche der Kunststadt München endgültig beendet. Wie der fromme Fanatiker in Thomas Manns Erzählung prophezeit hat, erscheint ein Schwert über dem Ort: Der Erste Weltkrieg beginnt.
Ausländer wie Alexej von Jawlensky und Wassily Kandinsky müssen Deutschland umgehend verlassen. Gabriele Münter begleitet Kandinsky in die Schweiz (wo ihre Beziehung kurz darauf zerbricht). Zwei weitere Mitglieder des „Blauen Reiters“, Franz Marc und August Macke, melden sich freiwillig für den Kriegsdienst. Beide sterben bei den Kämpfen in Frankreich.
Daheim in München feiert währenddessen Thomas Mann – wie viele Intellektuelle – den Krieg, nennt ihn in einem Aufsatz „Reinigung“ und „Befreiung“. Und auch der „Simplicissimus“, der seit fast 20 Jahren die Stimme der Aufmüpfigen ist, der voller Witz die Obrigkeiten verspottet, lässt sich vom nationalistischen Taumel infizieren. Die Redaktion erklärt ihren Lesern, nun ganz ernst, in diesen Zeiten dürfe es eine Kritik an der Regierung „selbstverständlich“ nicht mehr geben.
5. Heinrich Zille in Berlin. Gesichter der Großstadt
Heinrich Zille zieht als Kind mit seinen Eltern nach Berlin – wie Hunderttausende andere, die dort Arbeit suchen. Als 1908 sein erstes Buch mit Porträts der kleinen Leute und ihrer Lebensumstände erscheint, ist er als Zeichner längst berühmt. In der Reichshauptstadt säumen inzwischen prachtvolle Stadthäuser breite Boulevards, protzige Paläste die großen Plätze. Doch in den Hinterhöfen oder beim Kiesgrubenwärter, bei dem Zille seine Zigarre raucht, herrschen Armut und Kriminalität, Schmutz und Elend – die andere Seite der drittgrößten Metropole Europas
Vielleicht wird er einen Gang durch Berlins alten Stadtkern machen. Durch die schmalen Gassen des Krögel, in denen man Platzangst bekommt. Vorbei an den eng stehenden Häusern, von denen der Putz abblättert,vorbei an denWerkstäden Werkstätten und Remisen. Weiter in die dunklen Hinterhöfe, in denen die Mülleimer überquellen. Zu den finsteren Treppenaufgängen mit den ausgetretenen Stiegen.
Er wird ein paar Fotos machen. Oder ein paar schnelle Skizzen in den Block. Und dann in die Kneipe gehen, vielleicht in den „Lindengarten“ am Spree-Ufer. Oder in den „Nussbaum“ in der Fischerstraße, wo die entlassenen Häftlinge aus den Zuchthäusern Plötzensee und Sonnenburg ihre neue Freiheit feiern. Da wird das eine oder andere markante Profil zu finden sein. Eine Schlägervisage unter einer Ballonmütze. Ein zerschnittenes Gesicht. Oder er geht doch auf den Rummel im Charlottenburger Lietzenseepark. Ein paar schiefe Buden zeichnen, Frau-enFrauen ohne Unterleib, mit großem Busen. Kinder, die sich vor der Bühne der Ringer drängeln. Die Zeitschriften mögen solche Bilder. Und Heinrich Zille braucht Geld. Ein Jahr zuvor, 1907, hat er seine Arbeit bei der „Photographischen Gesellschaft“ verloren. Nach 30 Jahren. Plötzlich war er kein Angestellter mehr, sondern freiberuflicher Presse- und Witzblattzeichner. Bekannt geworden ist der 49-Jährige durch seine Zeichnungen – nun müssen sie ihn und seine Familie auch ernähren.
Klagen kann er nicht. Soeben ist sein erstes Buch im Verlag der „Lustigen Blätter“ erschienen: „Kinder der Straße“, ein Album mit seinen Arbeiten. Auf dem Titel eine Hure, die von Polizisten weggeführt wird und wütend die Faust schüttelt. Das Buch ist ein gewaltiger Erfolg. Auch die Illustrierten und Witzblätter drucken seine Hinterhof- und Mietskasernengeschichten. Aber bitte nicht nur solche, die den Leser trübsinnig machen. Deftig, volkstümlich derb und heiter sollen sie schon sein. Die Zeitungen mögen eben am liebsten Erfolgsgeschichten, Aufsteigergeschichten – Berichte von kleinen Leuten, die sich als Kneipenwirte oder fliegende Händler selbstständig gemacht haben und erfolgreich sind. Geschichten, wie Zilles eigene: vom Armeleutekind zum bekannten Armeleutemaler. Denn die liefern den Beweis, dass man in Berlin etwas werden kann. Dass es in der Hauptstadt immer nur aufwärts geht.
„BERLIN WIRD Weltstadt“, hat rund 40 Jahre zuvor der Hausdiener Friedrich in der Lokalposse „Haussegen“ gespottet. „Schon wieder ein Haus eingestürzt, drei Menschen spurlos verschwunden und sechs neugeborene Kinderleichen an der Waisenbrücke gefunden. London und Paris können nicht mehr mit uns konkurrieren. Berlin wird immer größer.“ Um die Jahrhundertwende hat die Realität die Posse längst überholt. In nur drei Jahrzehnten ist die alte Residenz-, Beamten- und Garnisonsstadt nach der deutschen Reichsgründung 1871 zur modernsten und am raschesten wachsenden Metropole Europas geworden, zur Großstadt par excellence, zur Retorte der Modernität.
Vor den Augen der Zeitgenossen verändert sich Berlin in einer bisher nicht gekannten und für viele erschreckenden Geschwindigkeit. „Das Baufieber raste in den Adern der Stadt“, schreibt einer. Die Metropole wächst und wächst; sie erobert das Land ringsum und die innerstädtischen Grünflächen, wird unübersichtlicher, turbulenter, lauter. „Berlin ist Spekulation, ungesunde Tempobeschleunigung, die Stadt schießt hinein ins Auswärts, sie kommt nicht gütig oder werbend“, klagt später der Nationalökonom Alfons Goldschmidt. „Sie reißt Landstücke an sich, sie pfropft ihre Hässlichkeiten hinein.“
„Spree-Athen ist tot, und Spree-Chicago wächst heran“, meint der Großindustrielle und spätere Außenminister Walther Rathenau. Und Mark Twain hält Chicago im Vergleich mit Berlin für „geradezu ehrwürdig. Die Hauptmasse der Stadt macht den Eindruck, als wäre sie vorige Woche erbaut worden“. Rund um die Kapitale wachsen Schornsteine in die Höhe. Berlin ist das größte Industriezentrum Deutschlands, Standort von Borsig, der Agfa sowie der beiden Elektroriesen Siemens & Halske und AEG – Unternehmen, die Berlin zur Welthauptstadt der Hochtechnologie gemacht haben. Die Produktionsanlagen werden so groß, dass sie ins Umland abwandern müssen.
Borsig verlegt die gesamte Produktion nach Tegel; hier sind fortan der Bau von Lokomotiven, von Dampfmaschinen, Kältemaschinen und Pumpwerken konzentriert. Neben dem Stahlwerk, der Gießerei, der Kesselschmiede, den Lokomotivwerkstätten entstehen ein eigenes Kraftwerk, ein eigener Hafen und eine eigene Wohnsiedlung für Angestellte und Facharbeiter: Borsigwalde. Siemens beginnt im Nordwesten Berlins mit dem Bau der „Siemensstadt“, einem Industrierevier mit Wohnstätten, Straßen, Brücken, Verkehrsverbindungen. Jahr für Jahr nimmt die Metropole Massen von Zuwanderern auf. Jeder Zweite in Berlin sieht aus, als wäre er eben erst aus dem Zug gestiegen – desorientiert und entschlossen zugleich. Der echte Berliner ist nicht in Berlin geboren. Der kommt aus Brandenburg, Ostpreußen und Schlesien. Viele Neuankömmlinge sind Juden aus den preußischen Provinzen oder aus den Ländern Osteuropas. Im Jahr der Reichsgründung hatte die neue Hauptstadt 826341 Einwohner; am 1. Dezember 1900 werden 1 888 848 Berliner gezählt. 1905 leben mehr als zwei Millionen Menschen in der Stadt.
Die viel zitierte Verdoppelung „Berlin! Berlin!“ steht für das Berliner Tempo. „Die elektrischen Wagen und die Trams bilden eine ununterbrochene Linie“, schreibt die Baronin Spitzemberg in ihr Tagebuch. „Wagen aller Art, Droschken, Drei- und Zweiräder zu Hunderten fahren neben-, vor-, hinterund oft aufeinander, das Läuten aller dieser Vehikel, das Rasseln der Räder ist ohrzerreißend, der Übergang der Straßen ein Kunststück für den Großstädter, eine Pein für den Provinzler.“ Die erste elektrische Straßenbahn der Welt startet 1881 in Lichterfelde. Der Fortschritt aber wird nicht von allen begrüßt: Biologen warnen vor magnetischen Feldern, die von der Oberleitung erzeugt würden und negativen Einfluss auf die menschlichen Körpersäfte nähmen. Tierschützer sagen ein Massensterben unter Vögeln voraus. Die neue, Zug um Zug eingeführte Stadtbahn ist Europas erste Hochbahn überhaupt. Unter ihren Ziegelarkaden richten sich Läden und Gastwirtschaften ein. Während oben die Züge rollen, bestellt man eine Etage tiefer die nächste Molle. 1896 ist mit dem Bau des U-Bahn-Netzes begonnen worden. Und trotz seiner hoch entwickelten Verkehrsmittel, trotz zehn Fernbahnhöfen ist Berlin eine der autoverrücktesten Städte Europas. 1902 muss der erste Polizist zur Verkehrsregelung auf den „Linden“ abgeordnet werden.
„Sähe ein Unbeteiligter, Ruhiger von irgendwoher hinein in dieses unablässige Rollen, Tuten, Drängen, Rufen, Scharren, Klingeln, in dieses Vorwärtsschieben und Umherwimmeln“, notiert ein Beobachter, „es müsste ihm vorkommen, als jage ein böser Dämon alle diese Menschen dort im Kreise umher.“ Nervosität und Übererregung sind die typischen Krankheiten der Großstadt. „Meyers Konversations-Lexikon“ attestiert den Berlinern ein „keckes, dreistes Auftreten“: Ein „ganz unangemessener Stolz auf B. und seine Herrlichkeit ist dem Berliner eigentümlich. Er glaubt steif und fest an das alte Anagramm des Namens B.“ Berolinum – lumen orbi. Berlin – Licht für die Welt. Berlin ist großspurig, bombastisch, prahlerisch und auf plumpe Weise protzig – geltungssüchtig wie sein Kaiser. „Der Parvenü der Großstädte und die Großstadt der Parvenüs“, spottet Walther Rathenau.
ABER HIER IN BERLINS Norden und Osten, auf der hässlichen Rückseite der lärmenden, aufstrebenden Stadt, in den heruntergekommenen Arbeitervierteln, wo geht es hier schon aufwärts? In den düsteren Stadtlandschaften von Zilles Kindheit hat sich nichts zum Guten geändert, seit er und seine Eltern nach Berlin gekommen sind. Neun Jahre alt ist Heinrich, als die Familie Zille im November 1867 aus Sachsen in Berlin eintrifft. Mit wenig Gepäck und wenig Geld. Aber der Hoffnung, in der schnell wachsenden Industriestadt eine Anstellung und eine gesicherte Existenz zu finden.
Wohnungen sind knapp, damals schon. Die Nachfrage übersteigt ständig das Angebot. Und eine skrupellose Grund- und Bauspekulation sorgt dafür, dass es auch so bleibt. Wer wie die Zilles kein Geld hat, der strandet in den Mietskasernenvierteln der ärmeren Vorstädte im Norden und Osten der Stadt, im Wedding oder in der Luisenstadt (im heutigen Kreuzberg), in Neukölln, in Friedrichshain. Oder es verschlägt ihn in das Gewirr schmaler und feuchter Gassen des Scheunenviertels nördlich des Alexanderplatzes, das als die verrufenste Gegend Berlins gilt. Hier ist die niederste Prostitution zu Hause, kleine Händler betreiben hier ein armseliges Gewerbe, und jüdische Einwanderer aus Russland oder Polen suchen hier eine erste Unterkunft. „Frauen mit bemalten Gesichtern, mit großen Schlüsseln in den Händen strichen herum wie in der Zosina-Wolja-Gasse in Stanislau oder in der Spitalna in Lemberg“, berichtet ein Besucher. „Juden gingen herum, gekleidet wie in Galizien, Rumänien und Russland.“
Die Familie Zille findet eine Unterkunft in der Andreasstraße, in unmittelbarer Nähe des Schlesischen Bahnhofs. Hier leben die ganz Armen, hier lebt das Lumpenproletariat. Eine Kellerwohnung, eine Stube, eine Küche. „Zerrissene Tapeten, dunkle Konturen, wo einst Bett und Schränke gestanden hatten. Blutflecke zerquetschter Wanzen und in der Ecke ein Packen Stroh, das sollte unser Bett sein“, erinnert sich Zille. Abweisend, zweckmäßig und eintönig, haben die Mietskasernen in der Tat viel gemein mit Soldatenunterkünften. Vier bis sechs Stockwerke sind sie hoch, quadratisch um einen Innenhof angelegt und sich in die Tiefe vervielfachend. Die Hinterhöfe sind düster und stickig, erfüllt vom Lärm der kleinen Handwerksbetriebe.
Das Klopfen, Hämmern und Sägen aus den Werkstätten übertönt den ganzen Tag hindurch Kindergeschrei und das Rufen und Schwatzen der Mütter. Hier stehen überquellende Mülleimer und oft auch der Abort. Nach der Berliner Bauordnung, die bis 1887 gilt, brauchen die Hinterhöfe nur eine Länge und Breite von je 5,30 Meter zu haben – so groß, dass der Spritzenwagen der Feuerwehr darin eben wenden kann. „Schmaler Hof, aber schön hoch“, lautet der Hinweis eines Hauswirts auf einer Zeichnung von Zille. „Kaum irgendwo in der Welt wohnt man so dicht; es ist, als ob nicht für Menschen Unterkunft geschaffen werden sollte, sondern für Maulwürfe“, ist in der Zeitschrift „Die Zukunft“ zu lesen. Die Wohnungszählungen von 1900 und 1905 bringen Zustände zutage, die den sozialdemokratischen Abgeordneten Albert Südekum zu dem Schluss kommen lassen: „Man kann einen Menschen mit einer Wohnung geradeso gut töten wie mit einer Axt.“
Um 1895 leben in Berlin 43,7 Prozent der Bevölkerung in Wohnungen mit nur einem beheizbaren Zimmer, das in der Regel gleichzeitig als Küche, Wohn- und Schlafstube dient. Die Gemeinschaftstoilette auf dem Treppenpodest oder im Hof wird manchmal von mehr als 40 Personen benutzt. Licht und Luft kommen oft allein über Lichtschächte – wenn die Wohnung nicht gleich im lichtlosen Keller liegt. Drangvolle Enge herrscht überall. Kinder, Kranke, zwischendrin viel zu schnell gealterte Frauen, die als Heimarbeiterin etwas dazuverdienen versuchen. Für sieben Pfennig die Stunde, selten mehr, nähen sie für einen Zwischenhändler Kindermäntel mit Pelerinen oder Malerkittel. Bis zur Erschöpfung wird die auf Raten gekaufte Nähmaschine getreten. Oder sie fabrizieren Hüte, Kunstblumen, Knallbonbons oder – wie Zilles Mutter – Tintenwischer.
Um ihre Miete bezahlen zu können, sind viele gezwungen, in den ohnehin schon überfüllten Wohnungen „Schlafburschen“ aufzunehmen. Dann müssen die Kinder zusammenrücken, auf zusammengeschobenen Stühlen schlafen oder auf dem Fußboden, um Platz für den zahlenden Schlafgänger zu schaffen. Hier stinkt es nach Armut, nach verbranntem Kohl und billigem Schnaps, nach Schweiß und feuchten Wänden. Der Armenarzt behandelt Dirnen, die von Zuhältern geprügelt werden, und an Sommerdiarrhöe leidende Kinder – Folge verdorbener Milch und schlechter Luft in den überhitzten Mietskasernen. Er kümmert sich um Schwindsüchtige und Geschlechtskranke.
Die Mieten schießen, trotz dieser Zustände, ständig weiter in die Höhe. Als das Haus Hirschelstraße 14, in dem der Schriftsteller Theodor Fontane mit seiner Familie seit neun Jahren zur Miete lebt, an einen Bankier verkauft wird, erhöht dieser die Miete auf das Dreifache, obwohl das Gebäude eine abfallübersäte Ruine ist, mit einem Hof, der aussieht, „als könne er das ganze Geheimratsviertel mit Typhus versorgen“. Der empörte Autor übersiedelt in eine erschwinglichere Wohnung in der Potsdamer Straße, in ein Haus, das freilich ebenso heruntergekommen ist, bevölkert von Wanzen und „Schaben in kaum übersehbarer Heerschar“
Fontane ist nicht der Einzige, der aus Kostengründen die Wohnung wechselt. An den üblichen „Ziehtagen“, zum 1. April und 1. Oktober, herrscht stets ein reger Umzugsverkehr. Beladen mit ihren wenigen Habseligkeiten, ziehen die Berliner von einer trostlosen Wohnung in eine noch trostlosere – womöglich in einen Keller oder einen soeben fertig gestellten, noch feuchten Neubau. „Trockenwohner“ nennt man jene Mieter,die eine frisch verputzteWohnungverputzte Wohnung gerade so lange beziehen, bis sie ausgetrocknet genug ist und zahlungskräftigeren Mietern angeboten werden kann.
Viele fallen ganz durch die weiten Maschen des sozialen Netzes. Obdachlosen, die von einem der überfüllten Asyle abgewiesen werden, bleibt nur, bei „Mutter Grün“ zu nächtigen. An einem einzigen Tag, dem 30. Januar 1895, nimmt eine „Wärmehalle“, ein Tagesasyl für Obdachlose, 4000 Personen auf. In Zeiten verschärfter Wohnungsnot steigt die Zahl der Suizide. Wöchentlich veröffentlichen die Zeitungen die Liste der Selbsttötungen. In diesem Elend findet Heinrich Zille um die Jahrhundertwende seine Motive. Etwa die Heimarbeiterin, die für die Konfektion arbeitet. „Der Haussegen“ heißt eine Radierung, weil sich das Geschehen in der ärmlichen Stube genau unter dem an der Wand hängenden Bild „Haussegen“ ereignet. Das Ideal gesegneter Häuslichkeit will nur nicht passen zu dem hastigen Geschlechtsakt – der Hausverwalter treibt die Wochenmiete ein, die die Näherin nicht mit Geld bezahlen kann.
Auf einem anderen Bild der Schlafbursche, der genau in jenem Moment in die Wohnung tritt, als die halbwüchsige Tochter nackt im Waschbottich steht. Intimität gibt es hier nicht. Da ist die Mutter, die abends nebenbei als Prostituierte „klettern“ geht. Das kleine Mädchen, das prahlt, Blut in den Sand spucken zu können. Die junge Frau, die mit ihrem Kind ins Wasser gehen will – die billigste Methode des Selbstmords. „Mutter, isset ooch nich kalt?“, fragt das Kind. „Nee, lass man, die Fische leben ja ooch drin.“
BERLIN IST EINE GETEILTE STADT. Hier Zilles „Milljöh“, der triste, in seinem Elend verharrende Norden und Osten, das „dunkle Berlin“, dort der glänzende Westen, das Berlin der Aufsteiger.
Proper, blitzend und aufgeräumt präsentiert die junge Hauptstadt, die 1126 Straßenkehrer beschäftigt, ihre schmucke Seite. Und nirgendwo ist es so sauber, so blank wie Unter den Linden. Schaufenster prunken mit Luxusauslagen. Die Wände des Café Bauer hat der vom Kaiser so geschätzte Historienmaler Anton von Werner mit Szenen aus dem alten Rom bemalt. Zwischen Café Bauer und Pariser Platz machen sich „Palazzi prozzi“ breit: die Geschäftshäuser der Disconto- Gesellschaft, der Preußischen Central-Bodenkredit-AG, der Internationalen Eisenbahn-Schlafwagen-Gesellschaft. Und schließlich am Pariser Platz der Prunkbau des Hotel „Adlon“.
Bei seiner Eröffnung im Oktober 1907 schwärmen die Zeitungen von Suiten, die „halb Museum, halb Wohnzimmer“ seien, von der riesigen Hotelhalle mit der Büste Wilhelms II. Die moderne Sanitärtechnik wissen vor allem amerikanische Gäste zu schätzen. Zum Fünfuhrtee findet sich die Jeunesse dorée des wilhelminischen Berlin ein, um zu plauschen und zu flirten. „Laufstraße“ nennen die Berliner Unter den Linden, „Saufstraße“ die Friedrichstraße, „Kaufstraße“ die Leipziger Straße. In die Leipziger geht man zum „Shopping“ – „eine neue Sitte in Berlin“, wie das „Berliner Tageblatt“ berichtet, bei der die Damen „ohne die geringste Absicht des Kaufens sich die neuesten Kreationen vorlegen lassen“. Hier befindet sich das 1897 eröffnete Kaufhaus Wertheim mit seiner gotisch stilisierten Fassade, ein Tempel des Massenkonsums. Und schnell das populärste Bauwerk Berlins.
1907 ist über das Wertheim zu lesen: „Menschen zu fast jeder Tageszeit in ununterbrochenen Strömen; unabsehbare, immer neue Reihen von Verkaufsständen; ein Meer von Warenmassen, ausgebreitet; Treppen, Aufzüge, Etagen, sichtbar wie die Rippen eines Skeletts. Enge und Weite, Tiefe und Höhe; Farben, Glanz, Licht und Lärm.“ Die größte Sehenswürdigkeit aber ist der Kaiser: „Berlin jewesen – Kaiser jesehen.“ In der Lokalpresse und in Stadtführern wird angezeigt, wann und wo die Untertanen den Monarchen bestaunen können: an Festtagen bei Paraden und Denkmalsenthüllungen; alltags bei Ausritten Unter den Linden, meist zu fester Stunde. Oder er braust im Daimler- Wagen vom Schloss zum Brandenburger Tor. „Die kaiserlichen Automobile“, informiert der Baedeker, „sind elfenbeinfarbig und fallen durch ein melodisches Trompetensignal mit besonderem Zweiklang auf.“
Tausende von Berlinern stehen Spalier oder ziehen im Gleichschritt mit, wenn das Gardekorps zur Frühjahrsoder Herbstparade auf dem Tempelhofer Feld ausrückt. Und an der Spitze reitet Wilhelm II. Die Metropole trägt Gardeuniform. Walther Rathenau beschreibt den merkwürdigen Doppelcharakter Berlins als Stadt der Beharrung und des Wandels: „Ein überhitztes, tatsachenhungriges Großstadtleben, auf Technik und so genannte Errungenschaften gestellt, verlangte eine Repräsentation, die Rom und Byzanz, Versailles und Potsdam auf einer Platte vereinigt.“ „Militärtoll“ nennt eine französische Zeitung die Berliner. Reserveleutnant zu sein hebt die gesellschaftliche Reputation und fördert die Karriere. Der Herr pflegt seinen Schnurrbart à la Wilhelm II. Erste Adresse für den Schnurrbartträger mit den nach oben gezwirbelten Spitzen ist der Salon des Hofbarbiers François Haby in der Mittelstraße. Hier bringt man die stolze Manneszierde mit Pomade der Marke „Es ist erreicht!“ in Form. Wer im Glanz der Aristokratie stehen will, ersucht den König um ein Adelsprädikat – so mancher hilft mit einer Spende nach.
Im Königlichen Opernhaus wird zu gegebenen Anlässen die Macht des Reiches zur Schau gestellt. Im ersten Rang die hohe Generalität, das diplomatische Korps und die Hofchargen. In der Hofloge die Kaiserin in lilafarbener Samtrobe und der Kaiser in Galauniform. Die geladenen Damen mit vorgeschriebenem Dekolleté von 16 Zentimetern Tiefe. Die Kleiderordnung regelt die Garderobe bis hin zur Zahl der Knöpfe bei Uniformen und Hoftrachten. Der festlich gekleidete Herr trägt, à l’Ancien Régime, kurze Beinkleider, Seidenstrümpfe und leichte Schuhe. Die „besseren Kreise“ bauen jetzt im Grunewald, in Dahlem oder am Wannsee. Ein griechisch-italienisches Palais vielleicht, dessen Dekor-überladenes Mobiliar mehr zum Repräsentieren als zum Wohnen geeignet ist. „Hier ein assyrischer Tempelbau“, spottet Walther Rathenau, „daneben ein Patrizierhaus aus Nürnberg, weiter ein Stück Versailles, dann Reminiszenzen vom Broadway, von Italien, von Ägypten – entsetzliche Frühgeburten polytechnischer Bierfantasien.“ Wo zuvor ein Knüppeldamm durch sumpfiges Gelände führte, auf dem Kurfürsten, Könige und ihre Jagdgesellschaften zum Jagdschloss Grunewald ritten, ist nach dem Vorbild der Pariser Champs-Elysées eine Prachtstraße entstanden: der Kurfürstendamm. Die Protagonistin von Theodor Fontanes Roman „Irrungen, Wirrungen“ konnte hier zu Beginn der 1870er Jahre noch kilometerlange Spaziergänge durch offenes Gelände machen.
Nun wohnen hinter pompösen Treppenaufgängen und Fassaden im „neuen Westen“ die Repräsentanten des alten wie des neuen Reichtums: Gutsbesitzer, Offiziere, Rittmeister, Generäle a. D., Bankiers, Fabrikanten, Kommerzienräte, Ärzte, Rentiers und Schauspieler. Hier hängen Schilder „Nur für Herrschaften!“, es gibt Nebeneingänge und Hintertreppen fürs Dienstpersonal, und man hat keinen „Hinterhof“, sondern einen „Gartenhof“. 1913 werden im „Jahrbuch der Millionäre“ allein 120 ganz Reiche am Kurfürstendamm registriert – und ungefähr noch einmal so viele in den umliegenden Straßen. Keine andere Einkommensgruppe wächst in diesen Jahren so rasch wie die der wirklich Vermögenden.
Aber auch für den Mittelstand werden neue Wohnviertel aus dem Boden gestampft – in Charlottenburg, Schöneberg, Wilmersdorf, Steglitz und Tempelhof, wo eben noch Rittergüter lagen. Der Bauwut weichen auch die Äcker der Schöneberger Kartoffelbauern, die der Verkauf zu Millionären macht. Der Mittelstand versucht zu zeigen, dass man „wer“ geworden ist – auch wenn er das Gold durch Talmi und den Marmor durch getünchtes Blech ersetzt. Und die angeklebten Gipsfiguren am Mietshaus mit Ölfarbe wasserfest machen lässt.
EINE GERÄUMIGE Dreizimmerwohnung im vierten Stock mit Küche und Balkon am nicht ganz so vornehmen Westrand von Charlottenburg: Sophie-Charlotten- Straße, Vorderhaus mit Blick bis zu den Ausläufern des Grunewalds. Vertiko, Sekretär, eine Kommode, überladen mit Krimskrams, Muscheln, Döschen, Nippes; Äffchen aus Gips neben Hühnchen aus Ton. Mozart- und Beethovenbüste; ein Vogelbauer für die Tigerfinken und Sittiche – mittelständischer Komfort, blitzsauber, Kleinbürgeridyll.
Hier wohnt, seit 1892, Heinrich Zille. „Meine erste eigene Wohnung war im Osten Berlins im Keller, nun sitze ich schon im Berliner Westen, vier Treppen hoch, bin also auch gestiegen“, schreibt er rückblickend. Zille, der Sozialaufsteiger. Vom Hinterhofkind zunächst zum Lithographenlehrling, der Fürsten, Generäle, Schlachten- und Heiligenbilder, Schutzengel und röhrende Hirsche kopiert: Kunst für arme Leute, die mit billigen Drucken den Geschmack der „besseren Kreise“ kopieren. Dann Aufstieg zum gut verdienenden Angestellten der Berliner „Photographischen Gesellschaft“, einer der führenden europäischen Kunstanstalten, die Reproduktionen alter Meister, aber auch zeitgenössischer Kunst vertreibt.
Vom Freizeitmaler, der in unbeholfenen Aquarellen seine Kinder und die Landschaft vor seiner Haustür festhält, zum Künstler, der Anfang der 1890er Jahre beginnt, Beobachtungen aus der Großstadt zu Papier zu bringen. Der sich angesprochen fühlt vom Naturalismus, einem Angriff auf die satte Borniertheit der Gründerjahre. Das ist etwas, was mit seiner Geschichte, mit seiner Herkunft zu tun hat. Gerhart Hauptmann, der die Not der schlesischen Weber schildert; Arno Holz, der bitteres Elend mit protzendem Reichtum kontrastiert; Max Kretzer, der drastisch die Elendsverhältnisse in Mietskasernen und Vorstadtdestillen schildert: All diese Autoren, die sich zum Naturalismus bekennen, entdecken nun die Hinterhöfe und Kaschemmen, die Krämerläden und Obdachlosenasyle, die Bordelle und Ganoventreffs.
Schaudernd und fasziniert zugleich, steigen sie „hinab“ zu den Pennern und Nutten, zu Zuhältern, Verbrechern und Alkoholikern. Einige leben – zumindest gelegentlich – in den Arbeitervierteln. Und kennt sich Zille in den lichtlosen Ecken Berlins nicht viel besser aus als diese Elendsausflügler? Hat er nicht selbst erlebt, was die milieusüchtigen Literaten nur beschreiben?
NICHT HINABSTEIGEN zu den Elenden, sondern die „unteren Stände“ aufrichten, sie emporheben: Das soll die Kunst nach dem Willen Wilhelms II. Der Kaiser fühlt sich zum obersten Kunstrichter berufen. Und Berlin ist die Bühne für sein ästhetisches Selbstverständnis und die Selbstdarstellung des Monarchen. Zur „schönsten Stadt der Welt“ soll die Hauptstadt werden. Er lässt Regierungsbauten und Kirchen errichten, Gefängnisse, Kasernen und Hospitäler. Allein 34 Gotteshäuser werden in den ersten 20 Regierungsjahren Wilhelms II. in Berlin gebaut. In der Hauptstadt geht die Scherzrede, es würden „jeden Mittwoch und Sonnabend Vormittag (von 10–12 Uhr) neue Kirchen eingeweiht oder, wenn zufällig keine neuen fertig seien, an ihrer Stelle Orgeln, Teppiche und dergleichen“.
Wilhelms besondere Liebe gilt Denkmälern. Und der „Denkmalssegen“ aus Marmor und Bronze, der sich über Berlin ergießt, ist beachtlich. Allein die Siegesallee, eine 1901 fertig gestellte Flaniermeile durch den Tiergarten, säumen 32 überlebensgroße Standbilder von Mitgliedern des Hauses Hohenzollern – in den Augen des Kaisers ein besonders gelungenes Beispiel seiner Bemühungen, das Berliner Stadtbild zu verschönern. Ein Stein gewordener Lehrpfad, ein Triumphweg aus des „Heiligen Römischen Reiches Streusandbüchse“ bis zum Deutschen Reich. Marmorbüste folgt auf Marmorbüste, vom Markgrafen Albrecht dem Bären zu den Königen Friedrich I. bis Wilhelm I. Ein persönliches Geschenk des Monarchen an die Stadt Berlin. Eine Denkmalsorgie, große Hohenzollernoper.
Was Wilhelm II. dagegen von der Armeleutekunst hält, verkündet er 1901 bei der Enthüllung der letzten Denkmäler der Siegesallee. Wenn diese Kunst, „wie es jetzt vielfach geschieht, nichts weiter tut, als das Elend noch scheußlicher hinzustellen, wie es schon ist, dann versündigt sie sich damit am deutschen Volke“ – indem sie „in den Rinnstein niedersteigt“. Rinnsteinkunst. Das zielt auf einen wie Zille. Vor allem aber auf die „Berliner Secession“ – jene Gruppe oppositioneller Künstler um Max Liebermann, die bald nach ihrer Gründung 1898 zur mächtigsten aller progressiven Kunstgruppierungen in der Hauptstadt aufgeblüht ist. In den jährlichen Präsentationen der Secession in der Kantstraße werden Werke von Künstlern gezeigt, die vom offiziellen Kunstbetrieb übergangen werden.
In ihrer Ausstellung „Zeichnende Künste“ im Winter 1901 ist auch Zille vertreten. Acht seiner Zeichnungen und zwei Radierungen hängen neben Arbeiten von Käthe Kollwitz oder Lyonel Feininger. Rückblickend berichtet Zille: „Und ich hörte, wie ein älterer Herr, wie es schien, Militär in Zivil oder Hauptmann an der Majorsecke, zu seiner Dame sagte: ,Der Kerl nimmt einem ja die ganze Lebensfreude!‘“ 1902 hat Zille seine erste Einzelausstellung. 1903 wird er in die Secession aufgenommen, auch wenn seine naturalistische Zeichenkunst nicht mehr den neuesten Moden entspricht: Der aus Frankreich herüberflirrende Impressionismus verkündet den Rückzug in eine private Genusswelt; und gegen die morbide Eleganz und ornamental stilisierte Kunst des Jugendstils wirken Zilles Werke hemdsärmelig robust.
Der aber bleibt bei seinem „Milljöh“. Er läuft Männern hinterher, die auf dem Weg in die Volksküche sind, und studiert Bewegungen und Gesichter. Er folgt Frauen über die Straße, beobachtet, wie sie die Röcke raffen, und zeichnet sie mit ausladenden Hinterteilen. Er schaut durch dunkle Torbögen, zu den Kindern mit ihren durchlöcherten Hosen und zerrissenen Strümpfen. Fotografiert übereinander gestapelte Kindersärge in einem Schaufenster. Mit immer sicherer werdendem Strich skizziert er Ladenfronten, Straßenecken, Schilderwände, dunkle Treppenhäuser, bröckelnden Putz und faulendes Holz – Bühnenbilder für künftige Zeichnungen. Vorlagen. Erinnerungsskizzen. Beweismaterial. Seine Themen sind Wohnen, Essen, Schlafen, Kinderkriegen, Altwerden, Sterben. Arbeitende Männer kommen in den Bildern selten vor. Die sind in der „Fabrikstadt, die im Westen niemand kennt und die vielleicht die größte der Welt ist“, wie Rathenau berichtet: „Nach Norden, Süden und Osten streckt die Arbeiterstadt ihre schwarzen Polypenarme, sie umklammert den schwächlichen Westen mit Eisenzähnen.“
Berlin hat Fabriken in allen Größen und einen nahezu unstillbaren Arbeitskräftebedarf. 321 800 Arbeiter, mehr als die Hälfte der Berufstätigen, sind 1907 in fast 17 000 Fabriken und Betrieben beschäftigt. Die „neuen“ Werktätigen sind auf Teilarbeiten spezialisiert, arbeiten als Bohrer, Fräser und Dreher. Akkord und Stempeluhr bestimmen häufig den Rhythmus. Die Fabriken werden wie Kasernen geführt. Nur wenige Konzerne wie Siemens oder AEG gewähren nach mehrjähriger Betriebszugehörigkeit und als besondere „Vergünstigung“ drei bis sechs Tage Urlaub. Dennoch: Die Situation hat sich, bei aller Reglementierung und Monotonie, für die Beschäftigten verbessert. Die Arbeitszeit verringert sich von zwölf Stunden täglich 1870 auf neun bis zehn im Jahr 1910. Auf dem Bau erkämpfen die Gewerkschaften Wochenlöhne bis zu 36 Mark. In bestimmten Branchen, etwa dem Druckereigewerbe, bildet sich eine „Oberschicht“ aus hoch spezialisierten Fachleuten, die über ein weit höheres Einkommen verfügt als ein normaler oder ungelernter Arbeiter, der selten mehr als 1000 Mark im Jahr erhält.
Für die Arbeiterbewegung interessiert sich Zille künstlerisch allerdings nicht – nicht für das „rote Berlin“, in dem die Sozialdemokraten seit 1903 fünf der sechs Berliner Reichstagswahlkreise halten. Er ist weder Mitglied einer Partei noch der Gewerkschaft. Zille ist ein Menschenfreund, kein Revolutionär. Seine Figuren haben fatalistische Neigungen und richten sich meist lebenstüchtig im Elend ein. Wenn gekegelt wird, dann hält es auch den Rollstuhlfahrer nicht mehr in seinem Gefährt. Und wer im Müll sein Auskommen suchen muss, bedient sich vom „Kempinskihaufen“.
ES SIND DIESE kleinen Fluchten aus dem Elend, die der Zeichner darstellt: ins Jrüne oder wenigstens in den Biergarten, in die Laubenkolonie, auf den Rummel, ins Freibad an der schmutzigen Spree oder an den Wannsee. Man macht Dampfer- und Kremserfahrten zu den vielen Garten- und Tanzlokalen an Berlins Seen. Der Berliner Zoo bietet an einem Sonntag im Monat verbilligte Eintrittskarten für 25 Pfennig an, sodass sich auch die Arbeiter und kleinen Angestellten in Massen durch das berühmte Elefantentor drängen. Vor allem aber die Kneipe ist Treffpunkt, Vereinslokal, Aufwärmmöglichkeit, Fluchtpunkt aus der häuslichen Enge und Rettungsinsel für die Alkoholiker. Nur in den Kneipen spielen die Männer bei Zille eine Hauptrolle.
Und nirgendwo gibt es wohl so viele Kneipen wie in der Friedrichstraße. „Neulich“, berichtet Mark Twain, „setzte ein Mann sein Geld darauf, dass es auf dieser Straße mehr Lokale gibt als Hausnummern – und er gewann. Es gibt 254 Nummern und 257 Lokale.“ Etwa den berühmten Pschorr-Palast, Ecke Behrensstraße. Schnell und billig essen kann man bei Aschinger, einem Filialunternehmen mit 40 Lokalen in der Stadt, vielleicht die erste Fast-Food-Kette. Hier hat man sich dem Tempo und der Zeitnot der Großstädter angepasst, gegessen wird im Stehen. Ein belegtes Brot für 10 Pfennig, ein Teller Erbsensuppe mit Speck für 30 Pfennig. In der Friedrichstraße konzentrieren sich auch die Nachtlokale, Tanzbars und Animierkneipen, die der Stadt den Ruf eines Sündenbabel eintragen, in das der brave Provinzler nur mit frommem Schauder (und heimlicher Sehnsucht) fährt.
„In der Nähe des Bahnhofs begann zur nächtlichen Stunde die Teufelsmagie“, berichtet ein Nachtschwärmer. Gruppen von Betrunkenen quellen aus den Lokalen. Auf dem Bürgersteig zieht ein „Strom von Frauenwaden, dicken und dünnen, und Männerbeinen, langen und kurzen, trippelnd, schlurfend, schiebend, stoßend, ständig auf und ab“. In der Friedrichstadt stehen die Huren. Sie tragen Federhüte, Federboas und hochgeschnürte Busen und schwenken ihre Taschen hin und her. 1900 gehen nach Schätzungen der Polizei in Berlin 20 000 Frauen der Prostitution nach. Ein großer Teil hat zuvor versucht, als Hausmädchen über die Runden zu kommen. Ihre Zuhälter gehören oft „Ringvereinen“ aus dem Halbweltmilieu an. Die organisieren kleinere Untergruppen, die sich auf Geschäftsfelder wie Drogenhandel, Prostitution oder Auftragsmord spezialisieren. Vereinsmitglied wird nur, wer mindestens zwei Jahre im Gefängnis verbracht hat. Und die Mitgliedschaft lohnt sich: Der Verein stellt nicht nur ausgezeichnete Rechtsanwälte. Wenn es sein muss, sorgt er dafür, dass wichtige Zeugen und Richter bestochen werden. Die Unterwelt trifft sich in der Kaffeeklappe in der Frankfurter Straße. Oder in der „Parochialritze“, auch so einem Gaunerladen.
MITTEN UNTER der zwielichtigen Kundschaft mit den bunten Krawatten sitzt einer, der nicht recht in die Kreise passen will. Es ist irgendwann mitten in den 1920er Jahren – Heinrich Zille ist, nach einem seiner langen Gänge durch die Stadt, wieder einmal in der „Parochialritze“ eingekehrt. Nicht nur geduldet wird Zille, oft sogar wird er eingeladen, wenn die Unterwelt feiert. Ein Außenseiter dennoch. Keiner, der dazugehört. Hier nicht. Aber schon lange auch nicht mehr zu den Armen und Absteigern, die er zeichnet.
Doch in den Künstlerkreisen, in der besseren Gesellschaft, ist er auch nicht richtig angekommen. Anfang 1924 wird Zille zwar zum Professor und Ordentlichen Mitglied der Preußischen Akademie der Künste gewählt, und alle Magazine und Zeitungen bringen Fotos von ihm. Aber noch immer verkauft er seine Zeichnungen, als wäre er ein Handwerker: Der Preis bemisst sich nach der Zeit, die er für ein Bild benötigt hat. Als Heinrich Zille am 9. August 1929 stirbt, sind ihm seine Figuren schon längst ein wenig abhanden gekommen. Weil es für die Zeitschriften schnell gehen musste, hat er immer häufiger bei sich selbst abgezeichnet. Und dass sich hinter den humorigen Bildern noch immer bitterer Ernst verbirgt, erkennen nur wenige.
Zille, das ist ein Markenname geworden für ein derbes, aber fröhliches, ursprüngliches Berlin. Nicht provokant, eher amüsant. Seit 1925 feiert Berlins feine Gesellschaft Zille-Bälle. Der Herr Bankdirektor gefällt sich als Ganove mit Ballonmütze und gemaltem Messerstich auf der Wange. Seine Frau spielt mit Netzstrümpfen und einem Ausschnitt, der alles verspricht, die Hure. Die Blaskapelle spielt eine Zille-Polonaise. Die Aufsteiger begeben sich Champagner trinkend für eine Nacht hinab in Zilles „Milljöh“. Nur Zilles Personal bleibt, wo es immer schon war, draußen, auf der dunklen Seite von Berlin.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Ullrich, Volker: Lärmbelästigung um 1900. Quietschen, hupen, fauchen, in: Zeit online, online verfügbar seit 12.06.2013 unter: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2013/02/theodor-lessing-laerm-kaiserreich/komplettansicht, zuletzt geprüft am 16.02.2026.
-> Strohmeyer, Klaus: Urbanisierung im Deutschen Reich, in: LeMO (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 15.06.2022 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/urbanisierung-im-deutschen-reich, zuletzt geprüft am 16.03.2026.
-> Strohmeyer, Klaus: Warenhäuser, in LeMO (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 14.09.2014 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/warenhaeuser, zuletzt geprüft am 16.03.2026.
Sekundärliteratur
-> Fischer, Oliver: München um 1900. Die leuchtende Stadt, in: Bayern. Die Geschichte eines ganz besonderen deutschen Staates. (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 92), Hamburg 2018, S. 76-87.
-> Moser, Ulrike: Heinrich Zille in Berlin. Gesichter der Großstadt, in: Deutschland um 1900. Von Bismarck bis Wilhelm II.: Aufstieg und Fall des Kaiserreichs (GEO Epoche Jg. 2004, Heft Nr. 12), Hamburg 2004.
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![[Foto: Berliner Elendsquartier, um 1910] [Foto: Berliner Elendsquartier, um 1910]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/ba109764.jpg)
![[Gemälde: Fritz Paulsen: "Bei der Stellenvermittlung", 1881] [Gemälde: Fritz Paulsen: "Bei der Stellenvermittlung", 1881]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/k1000053.jpg)
![[Photo: Berliner Mietskaserne, um 1910] [Photo: Berliner Mietskaserne, um 1910]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/ba009477.jpg)

![[Foto: Erfrischungsraum des Warenhauses Wertheim in Berlin, 1918] [Foto: Erfrischungsraum des Warenhauses Wertheim in Berlin, 1918]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/95005015.jpg)
![[Werbeplakat des Warenhauses Hermann Tietz für die "Weisse Woche", 1912] [Werbeplakat des Warenhauses Hermann Tietz für die "Weisse Woche", 1912]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/XP990456.jpg)





