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Otto von Bismarck

Inhaltsverzeichnis

1. Bismarcks Weg in die Politik. Der Junker aus der Altmark

1. Bismarcks Weg in die Politik. Der Junker aus der Altmark

Er ist ein schwieriger Kerl. Er verachtet den Vater, hasst die Mutter. Er tobt, trinkt, randaliert, verspielt ein Vermögen und seine Beamtenkarriere. Lange deutet nichts darauf hin, dass der Jurist Otto von Bismarck in höchste Staatsämter gelangen wird. Doch als sich die Berliner Bürger 1848 für Freiheit, Einheit und Demokratie erheben, findet der konservative Adelige aus der Provinz seine Berufung – als Kämpfer gegen die Revolution

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Schönhausen, Montag, 20. März 1848. Ein Dorf in der Altmark an den Ufern der Elbe; Felder, Wäldchen, eine Kirche, Bauernhäuser – und ein Rittergut, auf dem ein 33-jähriger preußischer Junker lebt. Sein Name: Otto von Bismarck. Seit zwei Tagen fliegen Gerüchte durchs Dorf. Einige Damen sind aus dem etwa 100 Kilometer entfernten Berlin geflohen und erzählen Schockierendes: Revolution! Barrikaden! Kämpfe! Tote Soldaten! Aufständische Bürger, die schwarz-rot-goldene Flaggen schwingen, Freiheit und ein Parlament fordern! Truppen auf dem Rückzug!

Und: König Friedrich Wilhelm IV. weile noch in Berlin, doch sein Schicksal sei ungewiss! Möglicherweise sei er von Revolutionären eingeschlossen. Nun eilen einige Bürger der nahen Stadt Tangermünde zum Dorf und fordern: Flaggt Schwarz-Rot-Gold an eurem Kirchturm! Die Revolution ist auch bei euch angekommen! Aufgeregt laufen die Dörfler zum Schloss. Dort treffen sie den Gutsherrn an: 1,92 Meter groß, breitschultrig, vollbärtig, streitlustig. Nur die Fistelstimme passt so gar nicht zum gebieterischen Auftreten des Otto von Bismarck.

Den Bauern ist er als Gutsherr Arbeitgeber und Richter zugleich. Und so gehorchen die Landwirte, als er sie anweist, die Revolutionäre aus Tangermünde wieder davonzujagen. Dann lässt Bismarck aus der Kirche eine weiße Fahne mit dem Eisernen Kreuz holen und auf die Turmspitze pflanzen. „Ich ermittelte“, wird er sich Jahrzehnte später erinnern, „was an Gewehren und Schießbedarf im Dorfe vorhanden war, wobei etwa fünfzig bäuerliche Jagdgewehre zum Vorschein kamen. Ich selbst besaß mit Einrechnung der altertümlichen einige zwanzig.“

Mit seinen paar Bauern und den Flinten will Bismarck nun nach Berlin marschieren, um den König zu befreien. Ein benachbarter Gutsherr erfährt entsetzt von dem Vorhaben, wirft ihm vor, er würde eine Brandfackel ins Land werfen – und versucht, den Abmarsch der bunten Truppe zu verhindern. „Sie kennen mich als einen ruhigen Mann, aber wenn Sie das tun, so schieße ich Sie nieder!“, ruft Bismarck. „Das werden Sie nicht.“ „Ich gebe mein Ehrenwort darauf.“ Am Ende aber lässt Bismarck die bewaffneten Bauern doch erst einmal in Schönhausen. Dann fährt er allein mit dem Zug in Richtung Berlin. Der Revolution entgegen.

DIESER OTTO VON BISMARCK ist ein politischer Außenseiter. Sein ererbtes Gut verwaltet er zwar mit Energie, hat etwa Deiche ausbessern lassen, um sich und seine Nachbarn vor Überflutungen zu schützen – aber reich ist er nicht und wird es mit seinen Ländereien auch niemals werden. Berüchtigt ist er in den Kreisen von Preußens Adel: als Trinker, als Rabauke, der anderen Leuten mit der Flinte ins Schlafzimmer schießt, um sie zu wecken. Als frecher, gescheiterter Beamter, der seine Karriere einst selbst zerstörte. Als Militär hat er nur eine glanzlose einjährige Dienstzeit vorzuweisen; und ein Diplomat ist er schon gar nicht.

Und doch poltert Otto von Bismarck im März 1848 mit seinem wahnwitzigen Bürgerkriegsplan auf die Bühne der preußischen, der deutschen, der europäischen Politik – eine Bühne, auf der er bald ein Hauptakteur werden und die er fast ein halbes Jahrhundert lang nicht mehr verlassen wird. Ohne dieses halb brutale, halb lächerliche Vorhaben eines streitlüsternen Junkers wäre die Geschichte des weiteren 19. und des 20. Jahrhunderts vermutlich anders verlaufen. 500 Jahre zählen die Bismarcks da schon zum Adel. Ihr Name leitet sich wohl von einer vor dem Jahr 1200 durch den Bischof von Halberstadt errichteten Burg her: „Bischofsmark“. Doch noch nie hat einer der ihren Außergewöhnliches geleistet.

Im Gegenteil: 1722 erwähnt König Friedrich Wilhelm I. in seinem Politischen Testament die Bismarcks ausdrücklich als eine jener illoyalen Adelsfamilien, denen ein König „den Daumen auf die Augen halten und mit ihnen nicht gut umgehen“ dürfe. Noch der Vater Ferdinand von Bismarck ist ein Junker, der mit 23 den Armeedienst quittiert und fortan, dem Wein und der Jagd zugetan, auf seinem langsam verkommenden Landgut lebt.

Es ist ein Rätsel, was den gemütvollen, trägen 34-Jährigen an der erst 16 Jahre jungen, bürgerlichen Wilhelmine Mencken reizt. Die ist intelligent, energisch, doch gefühlsarm, ehrgeizig, hin- und hergerissen zwischen Kalkül und mystischen Anwallungen. Eine Frau, die an Hellseherei glaubt, aber auch daran, dass man durch Bildung und harte Arbeit Karriere machen muss. Und die entschlossen ist, ihre Söhne in Karrieren zu pressen.

Sechs Kinder werden ihr geboren. Zwei sterben früh, das dritte, der Sohn Bernhard, überlebt, doch bleibt er, wie alle seine Vorfahren, historisch bedeutungslos. Am 1. April 1815 kommt das vierte Kind zur Welt: Otto Eduard Leopold von Bismarck.

1815 IST EIN JAHR, in dem eine Ära endet: die von Napoleon Bonaparte. Der Kaiser der Franzosen hat in den zwei Jahrzehnten zuvor fast ganz Europa unterworfen. Auch Preußen hat er gedemütigt. 1806 zerschmetterte er die Armee der Hohenzollern in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt, besetzte sogar die Hauptstadt Berlin. Preußen verlor mehr als die Hälfte seines Territoriums und wurde zu einem zweitrangigen Mittelstaat degradiert.

Und doch war die Niederlage heilsam. Denn einige Adelige waren nun zu Reformen bereit, um ihr Land (das weiterhin von Preußens König regiert wurde) wieder zu stärken – Reformen, die zuvor undenkbar gewesen wären.

Generäle unter Gerhard von Scharnhorst etwa verbesserten die Ausbildung der Offiziere und führten die allgemeine Wehrpflicht ein.

Staatsmänner wie Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein sowie Karl August Freiherr von Hardenberg schafften unter anderem das alte Zunftrecht ab sowie wie die Leibeigenschaft der Bauern, was die Wirtschaft stärken sollte.

Und Gelehrte wie Wilhelm von Humboldt gründeten die Berliner Universität und reformierten Schulen, um Stätten der Wissenschaft zu formen und zukünftige Rechts- und Verwaltungsspezialisten als Staatsdiener auszubilden.

Vielleicht noch wichtiger als die Reformen von oben wurde für Preußens Wiederaufstieg eine Bewegung aus dem Volk: Napoleons Herrschaft provozierte erstmals in der deutschen Geschichte nationalen Widerstand.

Intellektuelle wie der Dichter Theodor Körner riefen zum Kampf auf; Freikorps- Einheiten um Offiziere wie Adolf von Lützow fochten als Partisanen gegen die Besatzer.

Kaum einer kämpfte dabei für das alte, erstarrte Preußen. Im Gegenteil: Je weiter der Widerstand gegen Napoleon zunahm, desto größer wurde zugleich die Hoffnung – vor allem bei Studenten und Akademikern, bei den Bürgern der Städte, den Kaufleuten – auf ein freies, geeintes Deutschland.

Denn vor den Umwälzungen durch den Franzosenkaiser war das Heilige Römische Reich deutscher Nation ein mittelalterlicher Anachronismus gewesen, ein Gebilde aus mehr als 300 größeren und kleineren Fürstentümern, aus Freien Städten und winzigsten Territorien, nominell beherrscht von einem Kaiser aus dem Hause Habsburg.

Unter dem Einfluss Napoleons wurden aber fast alle geistlichen Fürstentümer abgeschafft, viele kleine Herrschaften und die meisten Freien Städte größeren Staaten zugeschlagen und das Reich schließlich aufgelöst.

Sei Napoleon erst einmal vertrieben, so die Hoffnung etlicher Kämpfer, werde sich Deutschland vereinen – und zwar als Verfassungsstaat.

Denn eine Konstitution, die ihnen Bürgerrechte gegenüber dem Monarchen garantierte, hatten sich die Franzosen in der Revolution von 1789 erkämpft; und diesem Vorbild, Patriotismus hin oder her, wollten auch viele deutsche Freiheitskämpfer nacheifern.

Die Bismarcks gehören schon seit fast 500 Jahren zum Adel

1812 war Napoleon in Russland eingefallen. Doch am Widerstand der Verteidiger, an Hunger, Krankheiten und Kälte war seine Armee zugrunde gegangen. Gegen den geschwächten Franzosenherrscher bildete sich eine Koalition aus dem Zarenreich, Österreich, Großbritannien – und Preußen. König Friedrich Wilhelm III. rief sein Volk zum Kampf auf. Bereits 1810 hatte er versprochen, Preußen eine Verfassung zu geben.

Und tatsächlich: 1813 schlugen die Alliierten Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig, zwei Jahre später endgültig bei Waterloo in Belgien – da war Otto von Bismarck seit 78 Tagen auf der Welt.

Doch alle, die mit Hoffnungen auf ein geeintes Deutschland gegen den Eroberer gekämpft haben, werden nun enttäuscht. Die Sieger (und auch Frankreich, das nach Napoleons Sturz wieder von einem König regiert wird, also eine traditionelle Monarchie ist wie die anderen Großmächte) ordnen auf einem Kongress, der bis 1815 in Wien tagt, Europa neu.

Für Preußen bedeutet das unter anderem, dass es einige Territorien im Osten an Russland abtreten muss, dafür aber weite Teile des Rheinlands und Westfalens gewinnt: bevölkerungsreiche, aufstrebende Provinzen, wohlhabend, allerdings Hunderte Kilometer von Berlin entfernt.

Preußen reicht nun von Aachen bis Königsberg, von der Memel im Nordosten bis zum Moseltal im Südwesten. 10,4 Millionen Menschen leben in dem Staat, der im Wesentlichen aus den traditionellen Gebieten um Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien im Osten sowie den neuen Westprovinzen an Rhein und Ruhr besteht.

Zwischen diesen beiden Reichsteilen liegen mittelgroße Fürstentümer, die von den Diplomaten des Wiener Kongresses aus kleineren Herrschaften zusammengefasst worden sind, etwa das Königreich Hannover.

Im Norden Deutschlands sind Staaten wie Mecklenburg-Schwerin bestehen geblieben. Und im Süden sind Baden, Württemberg und Bayern nach dem Wiener Kongress ebenfalls gewachsen.

Aus den mehr als 300 Einzelstaaten der vornapoleonischen Epoche sind 34 Länder entstanden und vier Freie Städte übrig geblieben, alle vereint im 1815 gegründeten „Deutschen Bund“.

Aber was heißt schon vereint? Der Bund ist ein loses Gebilde souveräner Nationen. Keine gemeinsame Regierung, kein gemeinsames stehendes Heer, keine gemeinsamen Zollgrenzen.

Zwar wird ein Bundestag in Frankfurt am Main installiert, in den alle Länder Abgesandte schicken – doch das sind Männer, die sich nie einer Wahl gestellt haben. Der Bundestag ist vielmehr eine Art Diplomatenversammlung mit geringen Kompetenzen. Stets führt Österreich den Vorsitz.

Jeder noch so kleine Staat kann mit einem Veto Änderungen an der Vertragsgrundlage verhindern. So bleibt die Kleinstaaterei erhalten.

Das also ist das Land, in dem Otto von Bismarck als Kind aufwächst: ein lockerer Bund deutschsprachiger Staaten, dominiert von Österreich. Berlin ist dabei stets bemüht, den starken Einfluss Wiens zurückzudrängen.

Und die Verfassung, die der preußische Monarch seinen Untertanen versprochen hatte?

Der König bricht sein Wort. Es gibt keine Verfassung in Preußen und erst recht kein Parlament, das mitbestimmt. Der Hohenzoller herrscht von Gottes Gnaden wie eh und je. In jeder der zehn (ab 1829 acht) Provinzen kann er etwa nach Gutdünken Landtage einberufen, doch das sind Notablenversammlungen, in die Adelige, Stadtbürger und Bauern mit Grundbesitz Vertreter entsenden, die aber wenig zu sagen haben.

Allein der König mit seinen Ministern und Beamten regiert das Land. Es kommt – außer im Zoll- und Münzwesen – zu keinen weiteren Reformen. Die großen Gestalter der Krisenzeit sterben, wie Stein, oder werden kaltgestellt, wie Hardenberg.

Dieses Preußen, rückwärtsgewandt, adelig-konservativ, müsste für einen Junker wie Otto von Bismarck der ideale Staat sein, um Karriere zu machen.

Doch er wird dort scheitern. Nicht an dem Staat. Sondern an sich selbst.

Viele Junkersöhne werden von Hauslehrern unterrichtet – Bismarcks ehrgeiziger Mutter ist dies jedoch nicht gut genug. Sie schickt den sechsjährigen Otto auf ein Internat in Berlin: karge Kost, Kasernenhofdisziplin, Fechtunterricht.

Der Junge leidet an Heimweh, sehnt sich nach Wäldern und freiem Land. Als „Zuchthaus“ wird er die Schule später schmähen. Dann das Gymnasium in Berlin. Er ist ein unauffälliger Schüler, interessiert sich wenig für Naturwissenschaften oder alte Sprachen. Die modernen liegen ihm eher. Englisch, Französisch, Russisch, Italienisch und Polnisch wird er später zum Teil gut, zum Teil passabel sprechen.

Das Abitur erlangt er zwei Tage nach seinem 17. Geburtstag. Wer will, kann dort einen ersten Hinweis auf künftige Größe herauslesen: „Im Deutschen besitzt er eine sehr erfreuliche Gewandtheit.“

Denn seine Muttersprache wird ihm zur Waffe werden – schreiben kann Bismarck von Anfang an: In einem Zeitalter, in dem Menschen, sofern sie sich nicht persönlich begegnen, ausschließlich über Briefe Kontakt halten, sind Hunderte Schreiben von ihm erhalten; sie sind in ihrer Wortwahl drastisch, plastisch, rührend, arrogant, selbstironisch, höhnisch – aber niemals langweilig. Einen Vetter etwa, der ihm gegenüber das Wort „geschmackvoll“ benutzt, kanzelt der Primaner ab: „Ein Gentleman hat keinen Geschmack und keine Hämorrhoiden.“

Das Talent des Polemikers, der später Gegner zur Weißglut reizen wird – es zeigt sich schon beim unglücklichen Gymnasiasten.

Denn unglücklich bleibt Bismarck. „Ich bin in meinem elterlichen Hause in frühester Kindheit fremd und nie wieder völlig darin heimisch geworden“, gesteht er später. Den Vater liebt er zwar, doch verachtet er wohl, vielleicht ohne dass es ihm selbst bewusst ist, dessen Schwäche. Und über die Mutter schreibt er: „Als kleines Kind hasste ich sie, später hinterging ich sie mit Falschheit und Erfolg.“

Doch es ist Bismarcks Tragik und Größe zugleich, dass er genau das, was er an seiner Mutter hasst, von ihr geerbt hat: den gnadenlosen Ehrgeiz. Gnadenlos gegen andere, gnadenlos gegen sich selbst. Zwar liebt er das Junkerleben, sehnt sich immer wieder nach dem Land, der Jagd, dem einfachen Dasein. Die andere Hälfte seiner Persönlichkeit aber wird von gerade diesem beschaulichen Wirken erstickt. Die sehnt sich nach Taten, nach Macht, nach Gestaltung, nach Ruhm – nach jenen Erfolgen, die der Mutter als Höchstes gelten.

Der junge Mann beginnt denn auch an der angesehenen Göttinger Universität das Studium der Rechte, die Voraussetzung für die von der Mutter erhoffte Karriere im Staatsdienst.

Preußens König verspricht seinen Untertanen eine Verfassung – und bricht sein Wort

Und doch geht er die Sache seltsam zwiespältig an. Er paukt zwar den Stoff, so weit es nötig ist. Aber für die Jurisprudenz interessiert er sich nicht wirklich, besucht lieber eine Vorlesung über Geschichte. Auf dem Fechtboden seiner Studentenverbindung schlägt er gut zwei Dutzend Mensuren – und ist dabei so geschickt, dass er bei diesen Kämpfen fast niemals verletzt wird. Er trinkt Unmengen und benimmt sich unziemlich, indem er etwa auf der Straße raucht.

Bald wechselt er an die Berliner Universität, hält es aber kaum für nötig, das Gebäude je zu betreten. Was er lernen muss, bringen ihm Repetitoren bei. 1835 macht er seinen juristischen Abschluss. Da ist er 20 Jahre jung.

Er tritt in den Staatsdienst, wird Referendar beim Stadtgericht Berlin. Eine „geistige Holzhacker-Arbeit“, schmäht er. Routine, Hierarchien, Starre. Bismarck will Diplomat werden, lässt sich nach Aachen versetzen, ans andere Ende Preußens.

Die Stadt ist ein Kurbad und ganz und gar unpreußisch, untersteht der Ort doch erst seit dem Wiener Kongress den Hohenzollern. Eleganz, Lebensart, Luxus, illustre Gäste aus England und Frankreich.

Die Bürokratie aber ist auch hier schon berlinerisch. Der Regierungsreferendar verachtet die geistlosen Tätigkeiten in der Staatsverwaltung: Anhörungen zerstrittener Ehepaare etwa, denn eine Scheidung muss noch beantragt und von der Obrigkeit genehmigt werden. Eine Plage ist er auch seinen Dienstälteren. „Ich habe nie Vorgesetzte vertragen können“, wird er später gestehen – und lässt sie besserwisserisch spüren, wie wenig er von ihnen hält.

Oft stürzt er sich ins Spiel, häuft beim Roulette Schulden an. Summen, die ein Referendar kaum zurückzahlen könnte. Aber da ist ja noch der gutmütige Vater.

Dann eine Amour fou: Bismarck verliebt sich in Isabella Loraine-Smith, eine schöne, junge Engländerin, die mit ihren Eltern durch Europa reist. 14 Tage Urlaub beantragt er bei seinem Vorgesetzten (der sie ihm auch bewilligt) – und ward nicht mehr gesehen.

Bismarck reist mit der englischen Familie nach Wiesbaden und weiter Richtung Schweiz. Liebe? „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz“, urteilt Bismarck selbst über diese Zeit – das klingt nicht gerade nach tiefen, das Leben erschütternden Gefühlen. Eher nach einer Art tolldreister Flucht aus dem erstickenden Beamtenwirken.

Nach wenigen Monaten schon überwirft sich das Paar. Die Ursachen dafür, wie überhaupt die Einzelheiten der ganzen Romanze, bleiben unklar. Bismarck wird sich kaum je über Isabella Loraine- Smith äußern – und wenn, dann in spöttischem Ton. Der Referendar verlässt die englische Familie, als die gerade durch die Schweiz reist, und fährt auf ein Familiengut, da sein Vorgesetzter ihn nicht wieder aufnehmen will. Ende der Laufbahn in Aachen.

Das ist mehr als jugendliche Rebellion – es ist die Zertrümmerung der mütterlichen Autorität. Jahrelang hat er sich in Wilhelmine von Bismarcks strenge Bahnen gefügt, vom Internat bis zum Referendariat. Nun bricht er dort aus, so radikal, dass die Mutter wohl kaum hoffen kann, ihr Sohn würde die erträumte Karriere durchlaufen.

Am 1. Januar 1839 stirbt Wilhelmine mit 49 Jahren, vom Krebs zermürbt.

Für Bismarck ist dieser Tod eine Erlösung – aber, wie er nur zu bald feststellt, noch längst keine Befreiung.

Der junge Mann wird zum Junker und lässt sich auf dem Familiengut in Hinterpommern nieder (kurz nach dem Tod des Vaters 1845 zieht er auf Gut Schönhausen). Er ist nun in den Zwanzigern, kräftig, energisch. Ein Patriarch der Bauern, ein kleiner König in seinen Ländereien. Es könnte das perfekte Leben sein. Und doch…

Der 17-Jährige genießt das Studentenleben. Später bereut er die verlorene Zeit

Einem Freund schreibt er schon bald: „Ich sitze hier, sehr einsam, 29 Jahre alt, körperlich wieder gesund, aber geistig ziemlich unempfänglich, treibe meine Geschäfte mit Pünktlichkeit, aber ohne besondere Teilnahme, suche meinen Untergebenen das Leben in ihrer Art behaglich zu machen und sehe ohne Ärger an, wie sie mich betrügen. Des Vormittags bin ich verdrießlich, nach Tische allen milden Gefühlen zugänglich. Mein Umgang besteht in Hunden, Pferden und Landjunkern, und bei Letzteren erfreue ich mich einigen Ansehens, weil ich Geschriebenes mit Leichtigkeit lesen kann, ruhig und dreist reite und meine Gäste mit freundlicher Kaltblütigkeit unter den Tisch trinke. Denn leider Gottes kann ich nicht mehr betrunken werden. So vegetiere ich fast wie ein Uhrwerk; ein sehr harmonischer und sehr langweiliger Zustand.“

Überdruss und ziellose Kraft. Der „tolle Bismarck“, wie ihn die adeligen Nachbarn nennen, reitet auf der Jagd wie ein Verrückter und durchzecht die Nächte. Das Junkerdaseins seines Vaters, dem er als Kind entrissen worden ist, nach dem er sich immer sehnte: Nun lebt er es. Und ist doch rast- und haltlos.

Um 1840 ist Bismarck ein Mann ohne Ziel. Vielleicht hätte er sich früher oder später bei einer Hatz den Hals gebrochen, wäre in eine Schießerei geraten, hätte sich zu Tode getrunken.

Drei Dinge retten ihn: der Glaube, die Liebe und die Politik.

SEIT DEN Befreiungskriegen gegen Napoleon hängen viele pommersche Gutsherren dem Pietismus an, einer protestantischen Reformbewegung, die persönliche Frömmigkeit fordert: Der Einzelne soll moralisch gut handeln und seinen Weg zu Gott selbst finden. Die Bewegung hält nicht viel von Kirchenordnung, Hierarchien, Dogmen oder äußerem Glanz – aber auch nichts von philosophischer und politischer Aufklärung. Vielmehr suchen die Pietisten in Pommern eine Art religiöse Romantik und Weltflucht; sie sind durch und durch fortschrittsfeindlich.

„Tief widerwärtig“, schmäht der Dichter Heinrich Heine den erzkonservativen Pietismus der Junker, „dieses philosophisch-christliche Soldatentum, dieses Gemengsel von Weißbier, Lüge und Sand“.

Bismarck ist zwar kein Pietist – er ist lutherisch getauft und konfirmiert, allerdings ist ihm der Glaube schon als Jugendlicher gleichgültig geworden –, doch 1843 lernt er Marie von Thadden kennen, die 21-jährige Verlobte eines Jugendfreundes. Marie ist die Tochter eines bekannten Pietisten, fromm, klug, lebensfroh, strahlend. Der Junker ist von ihr tief beeindruckt – mag sein, dass es sogar Liebe ist. Eine Affäre wird daraus nicht, wohl aber eine Freundschaft.

Marie und ihr ebenfalls frommer Verlobter wollen den verlorenen Christen zurückholen, ihn zu ihrem Glauben bekehren. Lange Gespräche, Briefe, Diskussionen. Bismarck reagiert, ganz gegen seine Art, nicht spöttisch oder schroff, sondern ernsthaft. Allein, der Glaube kommt ihm nicht – bis der Tod diese Runde zerreißt.

Marie erkrankt im Herbst 1846 an epidemischem Fieber. Bismarck, überwältigt von Sorge, betet um sie, zum ersten Mal seit Jahren und vielleicht erstmals überhaupt aus echter Überzeugung. Er fleht Gott an, die Freundin zu verschonen.

Vergebens. Marie erliegt am 10. November dem Fieber. Doch seltsam: Obwohl jenes erste echte Gebet nicht erhört wurde, hat der erschütterte Bismarck ausgerechnet durch ihren Tod zur Religion gefunden. Fortan glaubt er wieder an Gott, betet, versucht, in dieser Welt die höhere Ordnung zu erkennen.

Schon bald merkt er, dass ihn das Leben auf seinem Gut zu Tode langweilt

Allerdings ist es ein sehr eigener Gott, dem er sich nun verpflichtet. Kein Kirchengott, denn die Amtskirche schätzt er Zeit seines Lebens gering. Auch über die christlichen Ideale von Demut und Nächstenliebe findet sich bei ihm kaum ein Wort. Bismarcks Gott ist eher der des Alten Testaments, ein, wie ein Biograf schreiben wird, „kriegstauglicher Gott“. Ihm unterwirft er sich, und fortan wird der Glaube seine maßlose Kraft bändigen, aus ihm einen Mann machen, der sich selbst bezähmt. Einem Vertrauten wird er gestehen, dass ihn manchmal eine „brutale Sinnlichkeit nahe an die größten Sünden führt“ – aber eben nur noch nahe: Er bezwingt sich.

Doch dieser persönliche Bismarcksche Gott gestaltet zugleich das weite Erdenrund. „Man soll nur immer darauf achten, ob man den Herrgott durch die Weltgeschichte schreiten sieht, dann zuspringen und sich an seines Mantels Zipfel klammern, dass man mit fortgerissen wird, so weit es gehen soll.“

Das hat er zwar später gesagt, es ist aber sicher schon zu jener Zeit der Kern seines Charakters. Gott schafft die Gelegenheiten – der Mensch muss sie nutzen, energisch und rücksichtslos.

Es ist, als habe der Kraftmensch nach dem Tod der Freundin 1846 plötzlich gelernt, seine Energien auf ein Ziel zu richten. Denn der haltlose Junker, der Jahre vertändelte, hat auf einmal Pläne, die er nun rasch umsetzt. Einige Monate vor seinem 32. Geburtstag verlobt er sich mit Johanna von Puttkamer, die er über Marie von Thadden kennengelernt hat.

Johanna ist biederer, herber als die Verstorbene. Ihre Eltern, ebenfalls Pietisten, sind entsetzt über den Mann mit dem schauderhaften Ruf; der Wolf hole immer die besten Schafe weg, klagt die Mutter. Bismarck jedoch wirbt in einem langen Brief erfolgreich für sich, appelliert an das Gottvertrauen der Eltern.

Im Sommer 1847 heiraten die beiden. Johanna, die ihm bedingungslos folgt, gibt ihm Halt: „Du bist mein Anker an der guten Seite des Ufers; reißt der, so sei Gott meiner Seele gnädig“, gesteht er ihr im Januar 1851. Und fast ein halbes Jahrhundert später wird das letzte Gebet des sterbenden Bismarck lauten: „Gib, dass ich meine Johanna wiedersehe.“

Ebenso rasch wie das private Leben des tolldreisten Junkers verändert sich auch dessen politisches Leben.

Denn in Bismarcks Verlobungszeit 1847 fällt die Eröffnung des „Vereinigten Landtages“ in Berlin.

Acht Landtage gibt es in den preußischen Provinzen, doch die sind nichts als bedeutungslose Ständeversammlungen. Nun aber lädt König Friedrich Wilhelm IV., der inzwischen regiert, alle Abgeordneten der einzelnen Landtage in den Weißen Saal seines Berliner Schlosses; zum Vereinigten Landtag.

Denn ein Gesetz aus der Reformzeit, dem der damalige König zugestimmt hatte, sieht vor, dass Vertreter des Volkes der Aufnahme von Staatskrediten zustimmen müssen. Bis zu diesem Zeitpunkt haben es der Monarch und sein Vorgänger allerdings durch extrem sparsame Haushaltsführung vermeiden können, dass das Gesetz wirksam wurde.

Jetzt aber braucht Friedrich Wilhelm IV. – ein schwacher, launischer Charakter, beeinflussbar, romantisch, erzkonservativ – Geld für die Erweiterung des Eisenbahnnetzes nach Osten.

Durch Zufall dabei: Otto von Bismarck. Der Junker aus Schönhausen rückt erst als Stellvertreter nach, als ein Abgeordneter schwer erkrankt. Er ist ein politischer Neuling.

Im Vereinigten Landtag dominieren die Liberalen die Opposition gegen den König – wie überall in Deutschland, wo Debatten toben. Es sind Geschäftsleute aus den Provinzen im Westen, Anhänger eines Verfassungsstaates sowie Erben jener Patrioten, die einst gegen Napoleon agitierten.

Sie fordern eine Verfassung für Preußen, und ein Abgeordneter verkündet, dass dies ja schon das eigentliche Ziel des heroischen Kampfes gegen Napoleon gewesen sei.

Da tritt Bismarck zu seiner ersten Rede auf die Tribüne.

Niemand weiß, was ihn an diesem 17. Mai 1847 treibt. Politisch ist er bis dahin kaum hervorgetreten, er hat kein bedeutendes öffentliches Amt inne. Vielleicht ist es der von ihm später so genannte „Mantel Gottes“, den er plötzlich in der Geschichte erblickt. Vielleicht spürt Bismarck, dass – 30 Jahre nach Napoleon – die Ordnung des Wiener Kongresses zerfällt. Dass die Liberalen immer vehementer Forderungen stellen und dass die Monarchen darauf irgendwie reagieren müssen.

Kurz: dass sich etwas verändern wird in Deutschland und in Preußen. Die Frage ist nur, welche Seite aus dieser Veränderung als Sieger hervortritt.

Oder mit Bismarckschen Gedanken: auf welcher Seite Gott steht.

Der Mann aus der Altmark gibt nun in seiner Rede (wie er später in seinen Erinnerungen schreibt) seiner „naturwüchsigen Entrüstung darüber Ausdruck, dass die Fremdherrschaft an sich kein genügender Grund zum Kampfe gewesen sein solle. Mir schien es unwürdig, dass die Nation dafür, dass sie sich selbst befreit habe, dem Könige eine in Verfassungsparagrafen zahlbare Rechnung überreichen wolle. Meine Ausführung rief einen Sturm hervor.“

Empörung. Aus Sicht der Liberalen hat das Volk Preußen und seinen König vor Napoleon gerettet und sich dadurch das Recht auf eine Verfassung erkämpft. Und nun stellt sich da ein junger Landedelmann auf die Tribüne und macht aus den Befreiungshelden von 1813 so etwas wie gedungene Söldner, die eine Verfassung als Bezahlung fordern.

An diesem einen Tag wird Bismarck in Preußen bekannt: als Erzreaktionär. Er schlägt sich bedingungslos auf die Seite des Königs und schafft sich in den regierungskritischen Liberalen buchstäblich Feinde fürs Leben. Er findet aber auch mächtige Freunde: Friedrich Wilhelm IV. und dessen Höflinge.

Sie erkennen in Bismarck den scharfen, packenden Redner, der ihrem Kreis bislang fehlte. (Allerdings nicht für den Vereinigten Landtag, den der König kurzerhand auflöst, als er ihm die gewünschten Kredite nicht bewilligt.) Bei einem privaten Treffen äußert sich Seine Majestät lobend gegenüber dem Junker aus Schönhausen.

Jedoch wagt es der König nicht, sich öffentlich zusammen mit Bismarck zu zeigen. So radikal sind dessen Aussagen, dass es selbst der Monarch für opportun hält, Distanz zu dem jungen Mann zu wahren.

Noch.

DAS NÄCHSTE JAHR ändert alles: 1848. Revolutionen erschüttern Kontinentaleuropa. Im Februar erheben sich die Pariser Bürger gegen Louis Philippe, der Monarch muss ins englische Exil fliehen, Frankreich wird zum zweiten Mal Republik.

Das ist ein Fanal für alle radikalen Liberalen, auch in den deutschen Staaten. Es kommt zu Aufruhr in Wien, in Süddeutschland. Im März erreichen die Unruhen auch Preußen. Überall kollabiert die alte Ordnung. Der greise Fürst von Metternich, der Architekt des Wiener Kongresses, muss vor dem wütenden Volk fliehen.

In vielen Residenzen geben verängstigte Fürsten den Demonstranten schnell nach, gewähren Presse- und Versammlungsfreiheit.

Und stimmen bald auch Wahlen zu – für jeweils eigene Parlamente in den einzelnen Bundesstaaten sowie für eine Nationalversammlung aller deutschen Fürstentümer und Freien Städte in der alten Reichsstadt Frankfurt am Main, die die Grundlagen für ein geeintes, freies Deutschland ausarbeiten soll.

In Berlin herrscht nun Chaos: König Friedrich Wilhelm IV. lässt Mitte März 1848 seine Soldaten in der Hauptstadt gegen Demonstranten aufmarschieren. Doch der Monarch, ein beleibter, labiler Mann, entscheidungsschwach, wankelmütig, macht den Protestierenden mal Zugeständnisse, dann wieder befiehlt er seinen Truppen Härte.

Als am 18. März beim Auseinandertreiben einer Menge auf dem Schlossplatz durch Soldaten zwei Schüsse fallen, errichten die Bürger Barrikaden, wehren sich mit eilig herbeigeschafften Waffen, mit Steinen und Flaschen gegen die Uniformierten.

Gut 20 Stunden wogt der Straßenkampf, Hunderte Aufständische und Soldaten kommen ums Leben. Schließlich befiehlt der König seinen Einheiten, aus der Stadt abzuziehen, und beordert sie in die Kasernen nach Potsdam und Spandau.

Er gibt sich geschlagen, erweist den gefallenen Aufständischen seine Ehrerbietung, verspricht sogar eine Verfassung, eine verantwortliche Regierung – und vor allem die Einigung Deutschlands.

Der Monarch – der sich gegen eine Flucht aus Berlin entschieden hat – sitzt in seinem Stadtschloss fest, de facto eine Geisel seiner Berliner Untertanen.

Die alte Macht ist geschwächt, aber eine neue hat sich noch nicht gefunden.

Genau in diesen Tagen der Verwirrung und des Machtvakuums reist nun Bismarck von Schönhausen nach Potsdam, im Kopf nicht viel mehr als sein kühner Plan, mit ein paar Bauern den König aus der Hauptstadt herauszuhauen.

Es ist, als habe der Junker sein Leben lang auf diese Revolution gewartet – um sie zu bekämpfen. Um seiner gewaltigen und gewalttätigen Energie endlich ein festes Ziel zu geben, um eine Mission zu finden im Leben: Bismarck will Preußens Königtum retten, um jeden Preis.

Als er das Königsschloss in Potsdam erreicht, blickt man dort jedoch bloß indigniert auf den kriegslüsternen Provinzler. Er brauche dessen Bauern nicht, gibt der kommandierende General dem Angereisten zu verstehen, er habe durchaus genügend Soldaten, um Berlin zu stürmen, doch ohne Befehl Seiner Majestät könne er nicht angreifen.

Bismarck schneidet sich daraufhin seinen Vollbart ab – in jenen Jahren ein seltener Kopfschmuck, der, wie er befürchtet, ihn bei den Revolutionären als den Reaktionär aus dem Vereinigten Landtag erkennbar machen würde. Zur weiteren Tarnung setzt er sich gar einen breiten Hut mit der verhassten schwarzrot- goldenen Kokarde auf. Dann besteigt er inkognito einen Zug nach Berlin.

Er will mit dem König sprechen, ihn womöglich überzeugen, sich persönlich an die Spitze seiner Truppen zu stellen.

Doch im Königsschloss, von Bürgern bewacht, lässt man ihn nicht einmal vor. Enttäuscht macht er sich nach wenigen Stunden wieder davon. Und dann verrät Bismarck den Herrscher, den er eben noch retten wollte.

Im Frühjahr 1848 verjagen die Franzosen ihren König, im März brennt Berlin

DENN WENN Friedrich Wilhelm IV. nicht für die Monarchie kämpfen will, soll eben ein anderer für die Krone streiten. Das ist die Haltung einer Gruppe von Verschwörern um den königlichen Berater Ludwig von Gerlach, mit denen Bismarck nun konspiriert. Da der Junker den Herrscher für zu schwach hält („Wenn man bei ihm zupackte, blieb nur Schleim“), muss ein anderer aus der Hohenzollern- Dynastie in die Pflicht. Doch die beiden in Potsdam weilenden Prinzen weigern sich, an Stelle des Königs eine Attacke anzuordnen.

Dann eben ohne Befehl. Bismarck fühlt bei mehreren Generälen in Potsdam vor: Ob sie bereit seien, trotz fehlender Anweisung nach Berlin zu marschieren? Die Antwort: Nur, wenn alle Generäle der umliegenden Truppenverbände gemeinsam vorgehen.

Bismarck eilt nach Magdeburg, wo eine große Garnison lagert. Doch bevor er mit dem dortigen Kommandanten sprechen kann, warnt ihn dessen Adjutant, er solle sofort wieder abreisen – sonst werde ihn der General als Hochverräter festnehmen lassen. Wieder nichts.

Da erfahren die Verschwörer von einem Angriffsbefehl, den Kronprinz Wilhelm, des Königs Bruder, angeblich unterschrieben zurückgelassen haben soll.

Wilhelm ist auf dem Weg nach London. Halb ist das eine Flucht vor dem Volkszorn, der dem „Kartätschenprinz“ gilt, der die Revolution brutal mit Kanonen niederschießen lassen wollte. Halb eine Anweisung des Königs, der seine Untertanen besänftigen will, indem er Wilhelm aus Preußen hinausschickt.

Und so beginnt Bismarck sein viertes Hazardspiel innerhalb weniger Tage.

Er soll im Auftrag der Verschwörer diesen Befehl auftreiben, der sich wahrscheinlich bei Wilhelms Gemahlin in Potsdam befindet. So steht der hünenhafte Junker kurz darauf vor Prinzessin Augusta, adelsstolz, doch durchaus liberal gesinnt. Die ist fassungslos, als sie hört, dass dieser dahergelaufene Landedelmann fordert, ihr Gatte solle für einen Verrat gegen seinen Bruder, den König von Preußen, herhalten.

Was wirklich zwischen der Prinzessin und Bismarck besprochen wurde, wird sich nie klären lassen. Erst viele Jahre später haben beide gegenteilige Berichte verfasst. Sicher ist, dass sie von diesem Moment an erbitterte Feinde sind.

Dann, am Nachmittag des 25. März, erscheint – auch zur Überraschung Bismarcks – der König in Potsdam. Vor seinen versammelten Offizieren verkündet der Monarch, niemals freier und sicherer gewesen zu sein als unter dem Schutz seiner Bürger. Alle Zugeständnisse habe er aus Überzeugung gegeben.

An einen Angriff auf Berlin ist nun nicht mehr zu denken.

Enttäuscht, erschöpft kehrt Bismarck auf sein Gut zurück. Er ist nun nicht mehr als ein erfolgloser Wirrkopf, schießwütig, doch politisch kurzsichtig, energisch, aber taktlos, scheinbar ohne Gespür für die Realität der Situation. Depressionen quälen ihn.

Der Mantel Gottes mag im Frühjahr 1848 durch die Weltgeschichte wehen, aber sicher nicht in Schönhausen.

In Berlin beruft der König eine liberale preußische Regierung. Und lässt eine verfassunggebende Versammlung wählen. Die dort dominierenden Demokraten fordern prompt eine Konstitution, die die Macht des Monarchen dem Willen des Parlaments unterwerfen würde.

Im Mai versammeln sich in Frankfurt die ersten in freien Wahlen gekürten Abgeordneten Gesamtdeutschlands in der Paulskirche zur Nationalversammlung, wo sie Fragen der zukünftigen Nation debattieren: Republik oder konstitutionelle Monarchie? Ein geeinter Staat ohne Österreich – oder mit Österreich, aber ohne dessen nicht deutschsprachige Reichsteile? Oder einschließlich aller Teile des Habsburger-Imperiums?

Hätten die Liberalen und Demokraten in Berlin sowie die Abgeordneten zu Frankfurt mit ihren Anliegen nun Erfolg gehabt: Bismarck wäre wohl bald vergessen gewesen.

Tatsächlich aber verpassen die Liberalen ihre historische Chance. Schon die Zeitgenossen verhöhnen die Versammlung in der Paulskirche als „Professorenparlament“, als Ort, an dem Gelehrte langatmig redeten, aber keine Entscheidungen träfen.

Ein perfider Vorwurf, denn wie sonst soll ein freiheitlicher Verfassungsstaat geschaffen werden, wenn nicht in Debatten und Abstimmungen?

Aber doch mit einem Kern an Wahrheit: In den langen Sommerwochen 1848, in denen die Nationalversammlung tagt, gründet sie keine nationale Armee, Polizei oder Beamtenschaft – die alten Ordnungsmächte bleiben einfach bestehen, bewaffnet und besoldet wie seit eh und je von den Fürsten der Einzelstaaten.

Nach einiger Zeit verblasst bei denen aber der Schock der Revolution. Selbst Friedrich Wilhelm IV. fasst nun wieder Mut – und holt sich Rat und Ermunterung bei ausgewiesenen Anhängern der Monarchie.

Schließlich beordert er sogar den Hitzkopf Bismarck, als Monarchist bekannt seit seiner Rede im Vereinigten Landtag im Vorjahr, an seine Tafel (Friedrich Wilhelm weiß nichts von Bismarcks Intrigen während der Märztage, auch Augusta hat ihren Schwager nicht über die Begegnung mit dem Verschwörer aufgeklärt). Der ist geehrt und gibt sich zugleich kämpferisch: Seine Majestät hätten den Demonstranten in Berlin niemals nachgeben dürfen!

Noch misslingt die deutsche Einigung. Erst Bismarck wird sie erreichen

„Man ist immer klüger, wenn man vom Rathause kommt“, versetzt der Monarch und gibt zu erkennen, dass er diesen Fehler längst bereut.

Als Bismarck an diesem Tag den König verlässt, ist er „vollständig entwaffnet und gewonnen“, wie er später schreibt.

Tatsächlich hingegen hält er wohl noch immer wenig von seinem Herrscher. Aber er erkennt, dass Friedrich Wilhelm IV. endlich gegen die Revolution kämpfen will – und so ergreift Bismarck die Chance, die sich ihm nun, da er schon alles verloren glaubte, doch noch bietet.

Im Sommer 1848 nimmt er den politischen Kampf auf. Er schreibt Polemiken in der von Konservativen gegründeten „Neuen Preußischen Zeitung“, höhnt etwa über die Rede eines liberalen Abgeordneten: „Wir gähnten, die schönen Damen gähnten, selbst die mit schlechten Zähnen, der Hof gähnte und der General Wrangel, Herr Simson gähnte verstohlen, und wenn wir in das Parterre hinabblickten, so gähnten uns hundert dunkelrote schwindelerregende Abgründe an.“

In privaten Briefen schmäht er eines der häufig wechselnden liberalen preußischen Kabinette als „Verräter- und Kastratenregierung“, beschimpft Minister als „lügenhafteste Schurken zwischen Tilsit und Trier“.

Und selbst auf dem Friedhof in Friedrichshain, nördlich der Hauptstadt, wo er die Gräber der im März 1848 im Kampf gegen die Soldaten getöteten Berliner Barrikadenkämpfer sieht, „schwillt mein Herz von Gift, wenn ich sehe, was sie aus meinem Vaterland gemacht haben, diese Mörder.“

Bismarck ist derart rabiat und rücksichtslos, dass sein Vorgehen auch viele Konservative abstößt: „Nur zu gebrauchen, wenn das Bajonett schrankenlos waltet“, notiert selbst Friedrich Wilhelm IV. neben den Namen des Junkers.

Um den schwachen König haben sich inzwischen einige antiliberale Höflinge und Militärs geschart, die sich „Kamarilla“ nennen, nach dem spanischen Wort für Kämmerchen. Es sind hochrangige Offiziere und Beamte, die nun unbedingt gegen die Revolution losschlagen wollen – und denen der hemmungslos wütende Gutsherr imponiert. Als „sehr tätigen und intelligenten Adjutanten unseres Kamarilla-Hauptquartiers“ lobt ihn einer der Königsberater.

Am 10. November 1848 glaubt sich selbst der zögerliche Monarch wieder mächtig genug, um einen General mit 15 000 preußischen Soldaten nach Berlin zu schicken. Und tatsächlich: Die Revolutionäre wollen sich nicht durch gewaltsamen Widerstand ins Unrecht setzen. Die Mitglieder der verfassunggebenden Versammlung rufen nur dazu auf, Steuern zu verweigern und beschließen, die Regierung des Hochverrats anzuklagen. Keine Barrikaden diesmal, kein Aufstand. Das Militär treibt die Abgeordneten auseinander.

Preußen gehört wieder dem König.

Als ein Zugeständnis an die Liberalen – und um künftige Unruhen zu verhindern – erlässt Friedrich Wilhelm IV. im Dezember 1848 eine preußische Verfassung, die ein Parlament mit zwei Kammern vorsieht. Kurz darauf finden die Wahlen statt.

Bismarck stürzt sich in den Wahlkampf um den Sitz für einen Bezirk in Brandenburg. Dank seiner Reden und Artikel ist er zu einem geschickten Wahlkämpfer geworden und wird, wenn auch mit knapper Mehrheit, zum Abgeordneten gewählt. Es ist sein erster echter politischer Triumph.

Bald darauf holt er seine Familie (inzwischen ist das erste Kind geboren, eine Tochter) in die Hauptstadt und verpachtet Gut Schönhausen.

Er hat seine Bestimmung gefunden.

Einige Wochen später tragen Abgesandte des gesamtdeutschen Frankfurter Paulskirchen- Parlaments Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone eines neu zu gründenden Deutschen Reiches an.

Doch der Monarch glaubt an das Gottesgnadentum, sieht seine preußische Krone als vom Herrn verliehen und schätzt die ihm von den Parlamentariern angebotene Kaiserkrone gering.

Höhnisch lehnt er ab – und gibt anschließend den Befehl zur Konterrevolution: Er schickt Tausende Soldaten nach Dresden und Süddeutschland, um dort Aufständische brutal niederzuschlagen, die die von der Paulskirche erarbeitete Reichsverfassung nicht aufgeben wollen.

Damit ist die Revolution von 1848 endgültig gescheitert. Formal scheint bald darauf fast alles zum Alten zurückgekehrt zu sein: Die nun 37 souveränen deutschen Staaten schließen sich erneut lose zum Deutschen Bund zusammen; im Bundestag treffen sich wie früher die Abgesandten der Fürsten und Freien Städte und verhandeln über gemeinsame Angelegenheiten; wer liberal und national denkt, der flieht, schweigt, schreibt bestenfalls in einigen Zeitungen gegen die eigene Ohnmacht an.

Und doch: Selbst das konservative Preußen hat nun eine Verfassung. Es hat ein Parlament. Zwar dürfen nur Männer ab 24 Jahren die Vertreter für das Abgeordnetenhaus wählen – und das gestaffelt nach drei Steuerklassen, was den Reichsten die meisten Sitze sichert. Zudem kann das Parlament nicht die Regierung bestimmen oder zum Rücktritt zwingen. Doch Gesetze beschließt es fortan gemeinsam mit dem König – er, aber auch die beiden Kammern müssen jedem Gesetz zustimmen.

Vor allem aber muss der Herrscher nun den Staatshaushalt von den Abgeordneten genehmigen lassen. Mit diesen Konzessionen will Friedrich Wilhelm IV. die liberalen bürgerlichen Schichten an die Hohenzollern-Monarchie binden.

Dieses halb im Gestern verharrende Preußen wird zur Bühne Bismarcks: ein straff organisierter, aufstrebender Staat. Mit einem König und von diesem ernannten Ministern, mit Höflingen und Prunkschlössern fast noch wie im 18. Jahrhundert. Andererseits mit einem Parlament und Parteien.

Im 18. Jahrhundert hätte ein Monarch einen derart undisziplinierbaren Geist wie Bismarck wohl früher oder später des Hofes verwiesen. In der neuen Welt jedoch, in der es ein Parlament gibt und eine breit diskutierende Öffentlichkeit, ist der König bald auf diesen politischen Kettenhund angewiesen: auf einen Mann, der in Debatten und bei Wahlen bedingungslos die Sache der Regierung durchsetzt und den politischen Gegner einschüchtert.

Denn auch als Parlamentarier bleibt Bismarck sich derart treu, dass in einer liberalen Zeitung zu lesen ist, man werde in die Wand im Abgeordnetenhaus wohl eine Nische schneiden, damit der Herr Bismarck so weit rechts sitze, wie er es wünsche.

Und deshalb dauert es nicht lange, bis ihn der König, alle Bedenken beiseite schiebend, zu Höherem beruft: 1851 wird der Mann aus Schönhausen zum Gesandten am Bundestag in Frankfurt ernannt. Fortan soll er dort die Interessen Preußens vertreten. Da ist Otto von Bismarck 36 Jahre alt und hat sich in nur vier Jahren vom bedeutungslosen Provinzadeligen zu einem der aufstrebenden Politiker des Landes entwickelt.

Seine Frau Johanna weint drei Tage lang, als sie von der Berufung erfährt, weil sie glaubt, sie werde ihren Mann nun länger nicht sehen, da der in Frankfurt weile. Doch Bismarck holt sie nach – der Weg in die Politik ist ihm längst unumkehrbar, da wird es nicht bei der begrenzten Zeit in Frankfurt bleiben.

„Mach dich mit dem Gedanken vertraut“, schreibt Bismarck ihr, „dass du mit musst in den Winter der großen Welt.“

 

 

 

 

 

 

 

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