Skip to main content

Otto von Bismarck

Inhaltsverzeichnis

  1. Bismarcks Weg in die Politik. Der Junker aus der Altmark
  2. Bismarcks letzte Jahre. Das Gespenst vom Sachsenwald

1. Bismarcks Weg in die Politik. Der Junker aus der Altmark

Er ist ein schwieriger Kerl. Er verachtet den Vater, hasst die Mutter. Er tobt, trinkt, randaliert, verspielt ein Vermögen und seine Beamtenkarriere. Lange deutet nichts darauf hin, dass der Jurist Otto von Bismarck in höchste Staatsämter gelangen wird. Doch als sich die Berliner Bürger 1848 für Freiheit, Einheit und Demokratie erheben, findet der konservative Adelige aus der Provinz seine Berufung – als Kämpfer gegen die Revolution

Bismarck3.jpg

Schönhausen, Montag, 20. März 1848. Ein Dorf in der Altmark an den Ufern der Elbe; Felder, Wäldchen, eine Kirche, Bauernhäuser – und ein Rittergut, auf dem ein 33-jähriger preußischer Junker lebt. Sein Name: Otto von Bismarck. Seit zwei Tagen fliegen Gerüchte durchs Dorf. Einige Damen sind aus dem etwa 100 Kilometer entfernten Berlin geflohen und erzählen Schockierendes: Revolution! Barrikaden! Kämpfe! Tote Soldaten! Aufständische Bürger, die schwarz-rot-goldene Flaggen schwingen, Freiheit und ein Parlament fordern! Truppen auf dem Rückzug!

Und: König Friedrich Wilhelm IV. weile noch in Berlin, doch sein Schicksal sei ungewiss! Möglicherweise sei er von Revolutionären eingeschlossen. Nun eilen einige Bürger der nahen Stadt Tangermünde zum Dorf und fordern: Flaggt Schwarz-Rot-Gold an eurem Kirchturm! Die Revolution ist auch bei euch angekommen! Aufgeregt laufen die Dörfler zum Schloss. Dort treffen sie den Gutsherrn an: 1,92 Meter groß, breitschultrig, vollbärtig, streitlustig. Nur die Fistelstimme passt so gar nicht zum gebieterischen Auftreten des Otto von Bismarck.

Den Bauern ist er als Gutsherr Arbeitgeber und Richter zugleich. Und so gehorchen die Landwirte, als er sie anweist, die Revolutionäre aus Tangermünde wieder davonzujagen. Dann lässt Bismarck aus der Kirche eine weiße Fahne mit dem Eisernen Kreuz holen und auf die Turmspitze pflanzen. „Ich ermittelte“, wird er sich Jahrzehnte später erinnern, „was an Gewehren und Schießbedarf im Dorfe vorhanden war, wobei etwa fünfzig bäuerliche Jagdgewehre zum Vorschein kamen. Ich selbst besaß mit Einrechnung der altertümlichen einige zwanzig.“

Mit seinen paar Bauern und den Flinten will Bismarck nun nach Berlin marschieren, um den König zu befreien. Ein benachbarter Gutsherr erfährt entsetzt von dem Vorhaben, wirft ihm vor, er würde eine Brandfackel ins Land werfen – und versucht, den Abmarsch der bunten Truppe zu verhindern. „Sie kennen mich als einen ruhigen Mann, aber wenn Sie das tun, so schieße ich Sie nieder!“, ruft Bismarck. „Das werden Sie nicht.“ „Ich gebe mein Ehrenwort darauf.“ Am Ende aber lässt Bismarck die bewaffneten Bauern doch erst einmal in Schönhausen. Dann fährt er allein mit dem Zug in Richtung Berlin. Der Revolution entgegen.

DIESER OTTO VON BISMARCK ist ein politischer Außenseiter. Sein ererbtes Gut verwaltet er zwar mit Energie, hat etwa Deiche ausbessern lassen, um sich und seine Nachbarn vor Überflutungen zu schützen – aber reich ist er nicht und wird es mit seinen Ländereien auch niemals werden. Berüchtigt ist er in den Kreisen von Preußens Adel: als Trinker, als Rabauke, der anderen Leuten mit der Flinte ins Schlafzimmer schießt, um sie zu wecken. Als frecher, gescheiterter Beamter, der seine Karriere einst selbst zerstörte. Als Militär hat er nur eine glanzlose einjährige Dienstzeit vorzuweisen; und ein Diplomat ist er schon gar nicht.

Und doch poltert Otto von Bismarck im März 1848 mit seinem wahnwitzigen Bürgerkriegsplan auf die Bühne der preußischen, der deutschen, der europäischen Politik – eine Bühne, auf der er bald ein Hauptakteur werden und die er fast ein halbes Jahrhundert lang nicht mehr verlassen wird. Ohne dieses halb brutale, halb lächerliche Vorhaben eines streitlüsternen Junkers wäre die Geschichte des weiteren 19. und des 20. Jahrhunderts vermutlich anders verlaufen. 500 Jahre zählen die Bismarcks da schon zum Adel. Ihr Name leitet sich wohl von einer vor dem Jahr 1200 durch den Bischof von Halberstadt errichteten Burg her: „Bischofsmark“. Doch noch nie hat einer der ihren Außergewöhnliches geleistet.

Im Gegenteil: 1722 erwähnt König Friedrich Wilhelm I. in seinem Politischen Testament die Bismarcks ausdrücklich als eine jener illoyalen Adelsfamilien, denen ein König „den Daumen auf die Augen halten und mit ihnen nicht gut umgehen“ dürfe. Noch der Vater Ferdinand von Bismarck ist ein Junker, der mit 23 den Armeedienst quittiert und fortan, dem Wein und der Jagd zugetan, auf seinem langsam verkommenden Landgut lebt.

Es ist ein Rätsel, was den gemütvollen, trägen 34-Jährigen an der erst 16 Jahre jungen, bürgerlichen Wilhelmine Mencken reizt. Die ist intelligent, energisch, doch gefühlsarm, ehrgeizig, hin- und hergerissen zwischen Kalkül und mystischen Anwallungen. Eine Frau, die an Hellseherei glaubt, aber auch daran, dass man durch Bildung und harte Arbeit Karriere machen muss. Und die entschlossen ist, ihre Söhne in Karrieren zu pressen.

Sechs Kinder werden ihr geboren. Zwei sterben früh, das dritte, der Sohn Bernhard, überlebt, doch bleibt er, wie alle seine Vorfahren, historisch bedeutungslos. Am 1. April 1815 kommt das vierte Kind zur Welt: Otto Eduard Leopold von Bismarck.

1815 IST EIN JAHR, in dem eine Ära endet: die von Napoleon Bonaparte. Der Kaiser der Franzosen hat in den zwei Jahrzehnten zuvor fast ganz Europa unterworfen. Auch Preußen hat er gedemütigt. 1806 zerschmetterte er die Armee der Hohenzollern in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt, besetzte sogar die Hauptstadt Berlin. Preußen verlor mehr als die Hälfte seines Territoriums und wurde zu einem zweitrangigen Mittelstaat degradiert. Und doch war die Niederlage heilsam. Denn einige Adelige waren nun zu Reformen bereit, um ihr Land (das weiterhin von Preußens König regiert wurde) wieder zu stärken – Reformen, die zuvor undenkbar gewesen wären.

Generäle unter Gerhard von Scharnhorst etwa verbesserten die Ausbildung der Offiziere und führten die allgemeine Wehrpflicht ein. Staatsmänner wie Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein sowie Karl August Freiherr von Hardenberg schafften unter anderem das alte Zunftrecht ab sowie wie die Leibeigenschaft der Bauern, was die Wirtschaft stärken sollte. Und Gelehrte wie Wilhelm von Humboldt gründeten die Berliner Universität und reformierten Schulen, um Stätten der Wissenschaft zu formen und zukünftige Rechts- und Verwaltungsspezialisten als Staatsdiener auszubilden.

Vielleicht noch wichtiger als die Reformen von oben wurde für Preußens Wiederaufstieg eine Bewegung aus dem Volk: Napoleons Herrschaft provozierte erstmals in der deutschen Geschichte nationalen Widerstand. Intellektuelle wie der Dichter Theodor Körner riefen zum Kampf auf; Freikorps- Einheiten um Offiziere wie Adolf von Lützow fochten als Partisanen gegen die Besatzer.

Kaum einer kämpfte dabei für das alte, erstarrte Preußen. Im Gegenteil: Je weiter der Widerstand gegen Napoleon zunahm, desto größer wurde zugleich die Hoffnung – vor allem bei Studenten und Akademikern, bei den Bürgern der Städte, den Kaufleuten – auf ein freies, geeintes Deutschland. Denn vor den Umwälzungen durch den Franzosenkaiser war das Heilige Römische Reich deutscher Nation ein mittelalterlicher Anachronismus gewesen, ein Gebilde aus mehr als 300 größeren und kleineren Fürstentümern, aus Freien Städten und winzigsten Territorien, nominell beherrscht von einem Kaiser aus dem Hause Habsburg.

Unter dem Einfluss Napoleons wurden aber fast alle geistlichen Fürstentümer abgeschafft, viele kleine Herrschaften und die meisten Freien Städte größeren Staaten zugeschlagen und das Reich schließlich aufgelöst. Sei Napoleon erst einmal vertrieben, so die Hoffnung etlicher Kämpfer, werde sich Deutschland vereinen – und zwar als Verfassungsstaat. Denn eine Konstitution, die ihnen Bürgerrechte gegenüber dem Monarchen garantierte, hatten sich die Franzosen in der Revolution von 1789 erkämpft; und diesem Vorbild, Patriotismus hin oder her, wollten auch viele deutsche Freiheitskämpfer nacheifern.

Die Bismarcks gehören schon seit fast 500 Jahren zum Adel

1812 war Napoleon in Russland eingefallen. Doch am Widerstand der Verteidiger, an Hunger, Krankheiten und Kälte war seine Armee zugrunde gegangen. Gegen den geschwächten Franzosenherrscher bildete sich eine Koalition aus dem Zarenreich, Österreich, Großbritannien – und Preußen. König Friedrich Wilhelm III. rief sein Volk zum Kampf auf. Bereits 1810 hatte er versprochen, Preußen eine Verfassung zu geben. Und tatsächlich: 1813 schlugen die Alliierten Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig, zwei Jahre später endgültig bei Waterloo in Belgien – da war Otto von Bismarck seit 78 Tagen auf der Welt.

Doch alle, die mit Hoffnungen auf ein geeintes Deutschland gegen den Eroberer gekämpft haben, werden nun enttäuscht. Die Sieger (und auch Frankreich, das nach Napoleons Sturz wieder von einem König regiert wird, also eine traditionelle Monarchie ist wie die anderen Großmächte) ordnen auf einem Kongress, der bis 1815 in Wien tagt, Europa neu. Für Preußen bedeutet das unter anderem, dass es einige Territorien im Osten an Russland abtreten muss, dafür aber weite Teile des Rheinlands und Westfalens gewinnt: bevölkerungsreiche, aufstrebende Provinzen, wohlhabend, allerdings Hunderte Kilometer von Berlin entfernt.

Preußen reicht nun von Aachen bis Königsberg, von der Memel im Nordosten bis zum Moseltal im Südwesten. 10,4 Millionen Menschen leben in dem Staat, der im Wesentlichen aus den traditionellen Gebieten um Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien im Osten sowie den neuen Westprovinzen an Rhein und Ruhr besteht. Zwischen diesen beiden Reichsteilen liegen mittelgroße Fürstentümer, die von den Diplomaten des Wiener Kongresses aus kleineren Herrschaften zusammengefasst worden sind, etwa das Königreich Hannover. Im Norden Deutschlands sind Staaten wie Mecklenburg-Schwerin bestehen geblieben. Und im Süden sind Baden, Württemberg und Bayern nach dem Wiener Kongress ebenfalls gewachsen. Aus den mehr als 300 Einzelstaaten der vornapoleonischen Epoche sind 34 Länder entstanden und vier Freie Städte übrig geblieben, alle vereint im 1815 gegründeten „Deutschen Bund“. Aber was heißt schon vereint? Der Bund ist ein loses Gebilde souveräner Nationen. Keine gemeinsame Regierung, kein gemeinsames stehendes Heer, keine gemeinsamen Zollgrenzen.

Zwar wird ein Bundestag in Frankfurt am Main installiert, in den alle Länder Abgesandte schicken – doch das sind Männer, die sich nie einer Wahl gestellt haben. Der Bundestag ist vielmehr eine Art Diplomatenversammlung mit geringen Kompetenzen. Stets führt Österreich den Vorsitz. Jeder noch so kleine Staat kann mit einem Veto Änderungen an der Vertragsgrundlage verhindern. So bleibt die Kleinstaaterei erhalten. Das also ist das Land, in dem Otto von Bismarck als Kind aufwächst: ein lockerer Bund deutschsprachiger Staaten, dominiert von Österreich. Berlin ist dabei stets bemüht, den starken Einfluss Wiens zurückzudrängen. Und die Verfassung, die der preußische Monarch seinen Untertanen versprochen hatte?

Der König bricht sein Wort. Es gibt keine Verfassung in Preußen und erst recht kein Parlament, das mitbestimmt. Der Hohenzoller herrscht von Gottes Gnaden wie eh und je. In jeder der zehn (ab 1829 acht) Provinzen kann er etwa nach Gutdünken Landtage einberufen, doch das sind Notablenversammlungen, in die Adelige, Stadtbürger und Bauern mit Grundbesitz Vertreter entsenden, die aber wenig zu sagen haben. Allein der König mit seinen Ministern und Beamten regiert das Land. Es kommt – außer im Zoll- und Münzwesen – zu keinen weiteren Reformen. Die großen Gestalter der Krisenzeit sterben, wie Stein, oder werden kaltgestellt, wie Hardenberg.

Dieses Preußen, rückwärtsgewandt, adelig-konservativ, müsste für einen Junker wie Otto von Bismarck der ideale Staat sein, um Karriere zu machen. Doch er wird dort scheitern. Nicht an dem Staat. Sondern an sich selbst. Viele Junkersöhne werden von Hauslehrern unterrichtet – Bismarcks ehrgeiziger Mutter ist dies jedoch nicht gut genug. Sie schickt den sechsjährigen Otto auf ein Internat in Berlin: karge Kost, Kasernenhofdisziplin, Fechtunterricht. Der Junge leidet an Heimweh, sehnt sich nach Wäldern und freiem Land. Als „Zuchthaus“ wird er die Schule später schmähen. Dann das Gymnasium in Berlin. Er ist ein unauffälliger Schüler, interessiert sich wenig für Naturwissenschaften oder alte Sprachen. Die modernen liegen ihm eher. Englisch, Französisch, Russisch, Italienisch und Polnisch wird er später zum Teil gut, zum Teil passabel sprechen. Das Abitur erlangt er zwei Tage nach seinem 17. Geburtstag. Wer will, kann dort einen ersten Hinweis auf künftige Größe herauslesen: „Im Deutschen besitzt er eine sehr erfreuliche Gewandtheit.“

Denn seine Muttersprache wird ihm zur Waffe werden – schreiben kann Bismarck von Anfang an: In einem Zeitalter, in dem Menschen, sofern sie sich nicht persönlich begegnen, ausschließlich über Briefe Kontakt halten, sind Hunderte Schreiben von ihm erhalten; sie sind in ihrer Wortwahl drastisch, plastisch, rührend, arrogant, selbstironisch, höhnisch – aber niemals langweilig. Einen Vetter etwa, der ihm gegenüber das Wort „geschmackvoll“ benutzt, kanzelt der Primaner ab: „Ein Gentleman hat keinen Geschmack und keine Hämorrhoiden.“ Das Talent des Polemikers, der später Gegner zur Weißglut reizen wird – es zeigt sich schon beim unglücklichen Gymnasiasten. Denn unglücklich bleibt Bismarck. „Ich bin in meinem elterlichen Hause in frühester Kindheit fremd und nie wieder völlig darin heimisch geworden“, gesteht er später. Den Vater liebt er zwar, doch verachtet er wohl, vielleicht ohne dass es ihm selbst bewusst ist, dessen Schwäche. Und über die Mutter schreibt er: „Als kleines Kind hasste ich sie, später hinterging ich sie mit Falschheit und Erfolg.“

Doch es ist Bismarcks Tragik und Größe zugleich, dass er genau das, was er an seiner Mutter hasst, von ihr geerbt hat: den gnadenlosen Ehrgeiz. Gnadenlos gegen andere, gnadenlos gegen sich selbst. Zwar liebt er das Junkerleben, sehnt sich immer wieder nach dem Land, der Jagd, dem einfachen Dasein. Die andere Hälfte seiner Persönlichkeit aber wird von gerade diesem beschaulichen Wirken erstickt. Die sehnt sich nach Taten, nach Macht, nach Gestaltung, nach Ruhm – nach jenen Erfolgen, die der Mutter als Höchstes gelten. Der junge Mann beginnt denn auch an der angesehenen Göttinger Universität das Studium der Rechte, die Voraussetzung für die von der Mutter erhoffte Karriere im Staatsdienst.

Preußens König verspricht seinen Untertanen eine Verfassung – und bricht sein Wort

Und doch geht er die Sache seltsam zwiespältig an. Er paukt zwar den Stoff, so weit es nötig ist. Aber für die Jurisprudenz interessiert er sich nicht wirklich, besucht lieber eine Vorlesung über Geschichte. Auf dem Fechtboden seiner Studentenverbindung schlägt er gut zwei Dutzend Mensuren – und ist dabei so geschickt, dass er bei diesen Kämpfen fast niemals verletzt wird. Er trinkt Unmengen und benimmt sich unziemlich, indem er etwa auf der Straße raucht. Bald wechselt er an die Berliner Universität, hält es aber kaum für nötig, das Gebäude je zu betreten. Was er lernen muss, bringen ihm Repetitoren bei. 1835 macht er seinen juristischen Abschluss. Da ist er 20 Jahre jung.

Er tritt in den Staatsdienst, wird Referendar beim Stadtgericht Berlin. Eine „geistige Holzhacker-Arbeit“, schmäht er. Routine, Hierarchien, Starre. Bismarck will Diplomat werden, lässt sich nach Aachen versetzen, ans andere Ende Preußens. Die Stadt ist ein Kurbad und ganz und gar unpreußisch, untersteht der Ort doch erst seit dem Wiener Kongress den Hohenzollern. Eleganz, Lebensart, Luxus, illustre Gäste aus England und Frankreich. Die Bürokratie aber ist auch hier schon berlinerisch. Der Regierungsreferendar verachtet die geistlosen Tätigkeiten in der Staatsverwaltung: Anhörungen zerstrittener Ehepaare etwa, denn eine Scheidung muss noch beantragt und von der Obrigkeit genehmigt werden. Eine Plage ist er auch seinen Dienstälteren. „Ich habe nie Vorgesetzte vertragen können“, wird er später gestehen – und lässt sie besserwisserisch spüren, wie wenig er von ihnen hält.

Oft stürzt er sich ins Spiel, häuft beim Roulette Schulden an. Summen, die ein Referendar kaum zurückzahlen könnte. Aber da ist ja noch der gutmütige Vater. Dann eine Amour fou: Bismarck verliebt sich in Isabella Loraine-Smith, eine schöne, junge Engländerin, die mit ihren Eltern durch Europa reist. 14 Tage Urlaub beantragt er bei seinem Vorgesetzten (der sie ihm auch bewilligt) – und ward nicht mehr gesehen. Bismarck reist mit der englischen Familie nach Wiesbaden und weiter Richtung Schweiz. Liebe? „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz“, urteilt Bismarck selbst über diese Zeit – das klingt nicht gerade nach tiefen, das Leben erschütternden Gefühlen. Eher nach einer Art tolldreister Flucht aus dem erstickenden Beamtenwirken.

Nach wenigen Monaten schon überwirft sich das Paar. Die Ursachen dafür, wie überhaupt die Einzelheiten der ganzen Romanze, bleiben unklar. Bismarck wird sich kaum je über Isabella Loraine- Smith äußern – und wenn, dann in spöttischem Ton. Der Referendar verlässt die englische Familie, als die gerade durch die Schweiz reist, und fährt auf ein Familiengut, da sein Vorgesetzter ihn nicht wieder aufnehmen will. Ende der Laufbahn in Aachen.

Das ist mehr als jugendliche Rebellion – es ist die Zertrümmerung der mütterlichen Autorität. Jahrelang hat er sich in Wilhelmine von Bismarcks strenge Bahnen gefügt, vom Internat bis zum Referendariat. Nun bricht er dort aus, so radikal, dass die Mutter wohl kaum hoffen kann, ihr Sohn würde die erträumte Karriere durchlaufen. Am 1. Januar 1839 stirbt Wilhelmine mit 49 Jahren, vom Krebs zermürbt. Für Bismarck ist dieser Tod eine Erlösung – aber, wie er nur zu bald feststellt, noch längst keine Befreiung.

Der junge Mann wird zum Junker und lässt sich auf dem Familiengut in Hinterpommern nieder (kurz nach dem Tod des Vaters 1845 zieht er auf Gut Schönhausen). Er ist nun in den Zwanzigern, kräftig, energisch. Ein Patriarch der Bauern, ein kleiner König in seinen Ländereien. Es könnte das perfekte Leben sein. Und doch…

Der 17-Jährige genießt das Studentenleben. Später bereut er die verlorene Zeit

Einem Freund schreibt er schon bald: „Ich sitze hier, sehr einsam, 29 Jahre alt, körperlich wieder gesund, aber geistig ziemlich unempfänglich, treibe meine Geschäfte mit Pünktlichkeit, aber ohne besondere Teilnahme, suche meinen Untergebenen das Leben in ihrer Art behaglich zu machen und sehe ohne Ärger an, wie sie mich betrügen. Des Vormittags bin ich verdrießlich, nach Tische allen milden Gefühlen zugänglich. Mein Umgang besteht in Hunden, Pferden und Landjunkern, und bei Letzteren erfreue ich mich einigen Ansehens, weil ich Geschriebenes mit Leichtigkeit lesen kann, ruhig und dreist reite und meine Gäste mit freundlicher Kaltblütigkeit unter den Tisch trinke. Denn leider Gottes kann ich nicht mehr betrunken werden. So vegetiere ich fast wie ein Uhrwerk; ein sehr harmonischer und sehr langweiliger Zustand.“ Überdruss und ziellose Kraft. Der „tolle Bismarck“, wie ihn die adeligen Nachbarn nennen, reitet auf der Jagd wie ein Verrückter und durchzecht die Nächte. Das Junkerdaseins seines Vaters, dem er als Kind entrissen worden ist, nach dem er sich immer sehnte: Nun lebt er es. Und ist doch rast- und haltlos. Um 1840 ist Bismarck ein Mann ohne Ziel. Vielleicht hätte er sich früher oder später bei einer Hatz den Hals gebrochen, wäre in eine Schießerei geraten, hätte sich zu Tode getrunken. Drei Dinge retten ihn: der Glaube, die Liebe und die Politik.

SEIT DEN Befreiungskriegen gegen Napoleon hängen viele pommersche Gutsherren dem Pietismus an, einer protestantischen Reformbewegung, die persönliche Frömmigkeit fordert: Der Einzelne soll moralisch gut handeln und seinen Weg zu Gott selbst finden. Die Bewegung hält nicht viel von Kirchenordnung, Hierarchien, Dogmen oder äußerem Glanz – aber auch nichts von philosophischer und politischer Aufklärung. Vielmehr suchen die Pietisten in Pommern eine Art religiöse Romantik und Weltflucht; sie sind durch und durch fortschrittsfeindlich. „Tief widerwärtig“, schmäht der Dichter Heinrich Heine den erzkonservativen Pietismus der Junker, „dieses philosophisch-christliche Soldatentum, dieses Gemengsel von Weißbier, Lüge und Sand“.

Bismarck ist zwar kein Pietist – er ist lutherisch getauft und konfirmiert, allerdings ist ihm der Glaube schon als Jugendlicher gleichgültig geworden –, doch 1843 lernt er Marie von Thadden kennen, die 21-jährige Verlobte eines Jugendfreundes. Marie ist die Tochter eines bekannten Pietisten, fromm, klug, lebensfroh, strahlend. Der Junker ist von ihr tief beeindruckt – mag sein, dass es sogar Liebe ist. Eine Affäre wird daraus nicht, wohl aber eine Freundschaft. Marie und ihr ebenfalls frommer Verlobter wollen den verlorenen Christen zurückholen, ihn zu ihrem Glauben bekehren. Lange Gespräche, Briefe, Diskussionen. Bismarck reagiert, ganz gegen seine Art, nicht spöttisch oder schroff, sondern ernsthaft. Allein, der Glaube kommt ihm nicht – bis der Tod diese Runde zerreißt.

Marie erkrankt im Herbst 1846 an epidemischem Fieber. Bismarck, überwältigt von Sorge, betet um sie, zum ersten Mal seit Jahren und vielleicht erstmals überhaupt aus echter Überzeugung. Er fleht Gott an, die Freundin zu verschonen. Vergebens. Marie erliegt am 10. November dem Fieber. Doch seltsam: Obwohl jenes erste echte Gebet nicht erhört wurde, hat der erschütterte Bismarck ausgerechnet durch ihren Tod zur Religion gefunden. Fortan glaubt er wieder an Gott, betet, versucht, in dieser Welt die höhere Ordnung zu erkennen.

Schon bald merkt er, dass ihn das Leben auf seinem Gut zu Tode langweilt

Allerdings ist es ein sehr eigener Gott, dem er sich nun verpflichtet. Kein Kirchengott, denn die Amtskirche schätzt er Zeit seines Lebens gering. Auch über die christlichen Ideale von Demut und Nächstenliebe findet sich bei ihm kaum ein Wort. Bismarcks Gott ist eher der des Alten Testaments, ein, wie ein Biograf schreiben wird, „kriegstauglicher Gott“. Ihm unterwirft er sich, und fortan wird der Glaube seine maßlose Kraft bändigen, aus ihm einen Mann machen, der sich selbst bezähmt. Einem Vertrauten wird er gestehen, dass ihn manchmal eine „brutale Sinnlichkeit nahe an die größten Sünden führt“ – aber eben nur noch nahe: Er bezwingt sich. Doch dieser persönliche Bismarcksche Gott gestaltet zugleich das weite Erdenrund. „Man soll nur immer darauf achten, ob man den Herrgott durch die Weltgeschichte schreiten sieht, dann zuspringen und sich an seines Mantels Zipfel klammern, dass man mit fortgerissen wird, so weit es gehen soll.“

Das hat er zwar später gesagt, es ist aber sicher schon zu jener Zeit der Kern seines Charakters. Gott schafft die Gelegenheiten – der Mensch muss sie nutzen, energisch und rücksichtslos. Es ist, als habe der Kraftmensch nach dem Tod der Freundin 1846 plötzlich gelernt, seine Energien auf ein Ziel zu richten. Denn der haltlose Junker, der Jahre vertändelte, hat auf einmal Pläne, die er nun rasch umsetzt. Einige Monate vor seinem 32. Geburtstag verlobt er sich mit Johanna von Puttkamer, die er über Marie von Thadden kennengelernt hat. Johanna ist biederer, herber als die Verstorbene. Ihre Eltern, ebenfalls Pietisten, sind entsetzt über den Mann mit dem schauderhaften Ruf; der Wolf hole immer die besten Schafe weg, klagt die Mutter. Bismarck jedoch wirbt in einem langen Brief erfolgreich für sich, appelliert an das Gottvertrauen der Eltern.

Im Sommer 1847 heiraten die beiden. Johanna, die ihm bedingungslos folgt, gibt ihm Halt: „Du bist mein Anker an der guten Seite des Ufers; reißt der, so sei Gott meiner Seele gnädig“, gesteht er ihr im Januar 1851. Und fast ein halbes Jahrhundert später wird das letzte Gebet des sterbenden Bismarck lauten: „Gib, dass ich meine Johanna wiedersehe.“ Ebenso rasch wie das private Leben des tolldreisten Junkers verändert sich auch dessen politisches Leben. Denn in Bismarcks Verlobungszeit 1847 fällt die Eröffnung des „Vereinigten Landtages“ in Berlin.

Acht Landtage gibt es in den preußischen Provinzen, doch die sind nichts als bedeutungslose Ständeversammlungen. Nun aber lädt König Friedrich Wilhelm IV., der inzwischen regiert, alle Abgeordneten der einzelnen Landtage in den Weißen Saal seines Berliner Schlosses; zum Vereinigten Landtag. Denn ein Gesetz aus der Reformzeit, dem der damalige König zugestimmt hatte, sieht vor, dass Vertreter des Volkes der Aufnahme von Staatskrediten zustimmen müssen. Bis zu diesem Zeitpunkt haben es der Monarch und sein Vorgänger allerdings durch extrem sparsame Haushaltsführung vermeiden können, dass das Gesetz wirksam wurde. Jetzt aber braucht Friedrich Wilhelm IV. – ein schwacher, launischer Charakter, beeinflussbar, romantisch, erzkonservativ – Geld für die Erweiterung des Eisenbahnnetzes nach Osten.

Durch Zufall dabei: Otto von Bismarck. Der Junker aus Schönhausen rückt erst als Stellvertreter nach, als ein Abgeordneter schwer erkrankt. Er ist ein politischer Neuling. Im Vereinigten Landtag dominieren die Liberalen die Opposition gegen den König – wie überall in Deutschland, wo Debatten toben. Es sind Geschäftsleute aus den Provinzen im Westen, Anhänger eines Verfassungsstaates sowie Erben jener Patrioten, die einst gegen Napoleon agitierten.

Sie fordern eine Verfassung für Preußen, und ein Abgeordneter verkündet, dass dies ja schon das eigentliche Ziel des heroischen Kampfes gegen Napoleon gewesen sei. Da tritt Bismarck zu seiner ersten Rede auf die Tribüne. Niemand weiß, was ihn an diesem 17. Mai 1847 treibt. Politisch ist er bis dahin kaum hervorgetreten, er hat kein bedeutendes öffentliches Amt inne. Vielleicht ist es der von ihm später so genannte „Mantel Gottes“, den er plötzlich in der Geschichte erblickt. Vielleicht spürt Bismarck, dass – 30 Jahre nach Napoleon – die Ordnung des Wiener Kongresses zerfällt. Dass die Liberalen immer vehementer Forderungen stellen und dass die Monarchen darauf irgendwie reagieren müssen. Kurz: dass sich etwas verändern wird in Deutschland und in Preußen. Die Frage ist nur, welche Seite aus dieser Veränderung als Sieger hervortritt. Oder mit Bismarckschen Gedanken: auf welcher Seite Gott steht. Der Mann aus der Altmark gibt nun in seiner Rede (wie er später in seinen Erinnerungen schreibt) seiner „naturwüchsigen Entrüstung darüber Ausdruck, dass die Fremdherrschaft an sich kein genügender Grund zum Kampfe gewesen sein solle. Mir schien es unwürdig, dass die Nation dafür, dass sie sich selbst befreit habe, dem Könige eine in Verfassungsparagrafen zahlbare Rechnung überreichen wolle. Meine Ausführung rief einen Sturm hervor.“

Empörung. Aus Sicht der Liberalen hat das Volk Preußen und seinen König vor Napoleon gerettet und sich dadurch das Recht auf eine Verfassung erkämpft. Und nun stellt sich da ein junger Landedelmann auf die Tribüne und macht aus den Befreiungshelden von 1813 so etwas wie gedungene Söldner, die eine Verfassung als Bezahlung fordern.

An diesem einen Tag wird Bismarck in Preußen bekannt: als Erzreaktionär. Er schlägt sich bedingungslos auf die Seite des Königs und schafft sich in den regierungskritischen Liberalen buchstäblich Feinde fürs Leben. Er findet aber auch mächtige Freunde: Friedrich Wilhelm IV. und dessen Höflinge. Sie erkennen in Bismarck den scharfen, packenden Redner, der ihrem Kreis bislang fehlte. (Allerdings nicht für den Vereinigten Landtag, den der König kurzerhand auflöst, als er ihm die gewünschten Kredite nicht bewilligt.) Bei einem privaten Treffen äußert sich Seine Majestät lobend gegenüber dem Junker aus Schönhausen. Jedoch wagt es der König nicht, sich öffentlich zusammen mit Bismarck zu zeigen. So radikal sind dessen Aussagen, dass es selbst der Monarch für opportun hält, Distanz zu dem jungen Mann zu wahren. Noch.

DAS NÄCHSTE JAHR ändert alles: 1848. Revolutionen erschüttern Kontinentaleuropa. Im Februar erheben sich die Pariser Bürger gegen Louis Philippe, der Monarch muss ins englische Exil fliehen, Frankreich wird zum zweiten Mal Republik. Das ist ein Fanal für alle radikalen Liberalen, auch in den deutschen Staaten. Es kommt zu Aufruhr in Wien, in Süddeutschland. Im März erreichen die Unruhen auch Preußen. Überall kollabiert die alte Ordnung. Der greise Fürst von Metternich, der Architekt des Wiener Kongresses, muss vor dem wütenden Volk fliehen. In vielen Residenzen geben verängstigte Fürsten den Demonstranten schnell nach, gewähren Presse- und Versammlungsfreiheit.

Und stimmen bald auch Wahlen zu – für jeweils eigene Parlamente in den einzelnen Bundesstaaten sowie für eine Nationalversammlung aller deutschen Fürstentümer und Freien Städte in der alten Reichsstadt Frankfurt am Main, die die Grundlagen für ein geeintes, freies Deutschland ausarbeiten soll. In Berlin herrscht nun Chaos: König Friedrich Wilhelm IV. lässt Mitte März 1848 seine Soldaten in der Hauptstadt gegen Demonstranten aufmarschieren. Doch der Monarch, ein beleibter, labiler Mann, entscheidungsschwach, wankelmütig, macht den Protestierenden mal Zugeständnisse, dann wieder befiehlt er seinen Truppen Härte.

Als am 18. März beim Auseinandertreiben einer Menge auf dem Schlossplatz durch Soldaten zwei Schüsse fallen, errichten die Bürger Barrikaden, wehren sich mit eilig herbeigeschafften Waffen, mit Steinen und Flaschen gegen die Uniformierten. Gut 20 Stunden wogt der Straßenkampf, Hunderte Aufständische und Soldaten kommen ums Leben. Schließlich befiehlt der König seinen Einheiten, aus der Stadt abzuziehen, und beordert sie in die Kasernen nach Potsdam und Spandau.

Er gibt sich geschlagen, erweist den gefallenen Aufständischen seine Ehrerbietung, verspricht sogar eine Verfassung, eine verantwortliche Regierung – und vor allem die Einigung Deutschlands. Der Monarch – der sich gegen eine Flucht aus Berlin entschieden hat – sitzt in seinem Stadtschloss fest, de facto eine Geisel seiner Berliner Untertanen. Die alte Macht ist geschwächt, aber eine neue hat sich noch nicht gefunden. Genau in diesen Tagen der Verwirrung und des Machtvakuums reist nun Bismarck von Schönhausen nach Potsdam, im Kopf nicht viel mehr als sein kühner Plan, mit ein paar Bauern den König aus der Hauptstadt herauszuhauen.

Es ist, als habe der Junker sein Leben lang auf diese Revolution gewartet – um sie zu bekämpfen. Um seiner gewaltigen und gewalttätigen Energie endlich ein festes Ziel zu geben, um eine Mission zu finden im Leben: Bismarck will Preußens Königtum retten, um jeden Preis.

Als er das Königsschloss in Potsdam erreicht, blickt man dort jedoch bloß indigniert auf den kriegslüsternen Provinzler. Er brauche dessen Bauern nicht, gibt der kommandierende General dem Angereisten zu verstehen, er habe durchaus genügend Soldaten, um Berlin zu stürmen, doch ohne Befehl Seiner Majestät könne er nicht angreifen. Bismarck schneidet sich daraufhin seinen Vollbart ab – in jenen Jahren ein seltener Kopfschmuck, der, wie er befürchtet, ihn bei den Revolutionären als den Reaktionär aus dem Vereinigten Landtag erkennbar machen würde. Zur weiteren Tarnung setzt er sich gar einen breiten Hut mit der verhassten schwarzrot- goldenen Kokarde auf. Dann besteigt er inkognito einen Zug nach Berlin.

Er will mit dem König sprechen, ihn womöglich überzeugen, sich persönlich an die Spitze seiner Truppen zu stellen. Doch im Königsschloss, von Bürgern bewacht, lässt man ihn nicht einmal vor. Enttäuscht macht er sich nach wenigen Stunden wieder davon. Und dann verrät Bismarck den Herrscher, den er eben noch retten wollte.

Im Frühjahr 1848 verjagen die Franzosen ihren König, im März brennt Berlin

DENN WENN Friedrich Wilhelm IV. nicht für die Monarchie kämpfen will, soll eben ein anderer für die Krone streiten. Das ist die Haltung einer Gruppe von Verschwörern um den königlichen Berater Ludwig von Gerlach, mit denen Bismarck nun konspiriert. Da der Junker den Herrscher für zu schwach hält („Wenn man bei ihm zupackte, blieb nur Schleim“), muss ein anderer aus der Hohenzollern- Dynastie in die Pflicht. Doch die beiden in Potsdam weilenden Prinzen weigern sich, an Stelle des Königs eine Attacke anzuordnen. Dann eben ohne Befehl. Bismarck fühlt bei mehreren Generälen in Potsdam vor: Ob sie bereit seien, trotz fehlender Anweisung nach Berlin zu marschieren? Die Antwort: Nur, wenn alle Generäle der umliegenden Truppenverbände gemeinsam vorgehen.

Bismarck eilt nach Magdeburg, wo eine große Garnison lagert. Doch bevor er mit dem dortigen Kommandanten sprechen kann, warnt ihn dessen Adjutant, er solle sofort wieder abreisen – sonst werde ihn der General als Hochverräter festnehmen lassen. Wieder nichts. Da erfahren die Verschwörer von einem Angriffsbefehl, den Kronprinz Wilhelm, des Königs Bruder, angeblich unterschrieben zurückgelassen haben soll.

Wilhelm ist auf dem Weg nach London. Halb ist das eine Flucht vor dem Volkszorn, der dem „Kartätschenprinz“ gilt, der die Revolution brutal mit Kanonen niederschießen lassen wollte. Halb eine Anweisung des Königs, der seine Untertanen besänftigen will, indem er Wilhelm aus Preußen hinausschickt. Und so beginnt Bismarck sein viertes Hazardspiel innerhalb weniger Tage. Er soll im Auftrag der Verschwörer diesen Befehl auftreiben, der sich wahrscheinlich bei Wilhelms Gemahlin in Potsdam befindet. So steht der hünenhafte Junker kurz darauf vor Prinzessin Augusta, adelsstolz, doch durchaus liberal gesinnt. Die ist fassungslos, als sie hört, dass dieser dahergelaufene Landedelmann fordert, ihr Gatte solle für einen Verrat gegen seinen Bruder, den König von Preußen, herhalten.

Was wirklich zwischen der Prinzessin und Bismarck besprochen wurde, wird sich nie klären lassen. Erst viele Jahre später haben beide gegenteilige Berichte verfasst. Sicher ist, dass sie von diesem Moment an erbitterte Feinde sind. Dann, am Nachmittag des 25. März, erscheint – auch zur Überraschung Bismarcks – der König in Potsdam. Vor seinen versammelten Offizieren verkündet der Monarch, niemals freier und sicherer gewesen zu sein als unter dem Schutz seiner Bürger. Alle Zugeständnisse habe er aus Überzeugung gegeben. An einen Angriff auf Berlin ist nun nicht mehr zu denken.

Enttäuscht, erschöpft kehrt Bismarck auf sein Gut zurück. Er ist nun nicht mehr als ein erfolgloser Wirrkopf, schießwütig, doch politisch kurzsichtig, energisch, aber taktlos, scheinbar ohne Gespür für die Realität der Situation. Depressionen quälen ihn. Der Mantel Gottes mag im Frühjahr 1848 durch die Weltgeschichte wehen, aber sicher nicht in Schönhausen. In Berlin beruft der König eine liberale preußische Regierung. Und lässt eine verfassunggebende Versammlung wählen. Die dort dominierenden Demokraten fordern prompt eine Konstitution, die die Macht des Monarchen dem Willen des Parlaments unterwerfen würde.

Im Mai versammeln sich in Frankfurt die ersten in freien Wahlen gekürten Abgeordneten Gesamtdeutschlands in der Paulskirche zur Nationalversammlung, wo sie Fragen der zukünftigen Nation debattieren: Republik oder konstitutionelle Monarchie? Ein geeinter Staat ohne Österreich – oder mit Österreich, aber ohne dessen nicht deutschsprachige Reichsteile? Oder einschließlich aller Teile des Habsburger-Imperiums? Hätten die Liberalen und Demokraten in Berlin sowie die Abgeordneten zu Frankfurt mit ihren Anliegen nun Erfolg gehabt: Bismarck wäre wohl bald vergessen gewesen.

Tatsächlich aber verpassen die Liberalen ihre historische Chance. Schon die Zeitgenossen verhöhnen die Versammlung in der Paulskirche als „Professorenparlament“, als Ort, an dem Gelehrte langatmig redeten, aber keine Entscheidungen träfen. Ein perfider Vorwurf, denn wie sonst soll ein freiheitlicher Verfassungsstaat geschaffen werden, wenn nicht in Debatten und Abstimmungen? Aber doch mit einem Kern an Wahrheit: In den langen Sommerwochen 1848, in denen die Nationalversammlung tagt, gründet sie keine nationale Armee, Polizei oder Beamtenschaft – die alten Ordnungsmächte bleiben einfach bestehen, bewaffnet und besoldet wie seit eh und je von den Fürsten der Einzelstaaten.

Nach einiger Zeit verblasst bei denen aber der Schock der Revolution. Selbst Friedrich Wilhelm IV. fasst nun wieder Mut – und holt sich Rat und Ermunterung bei ausgewiesenen Anhängern der Monarchie. Schließlich beordert er sogar den Hitzkopf Bismarck, als Monarchist bekannt seit seiner Rede im Vereinigten Landtag im Vorjahr, an seine Tafel (Friedrich Wilhelm weiß nichts von Bismarcks Intrigen während der Märztage, auch Augusta hat ihren Schwager nicht über die Begegnung mit dem Verschwörer aufgeklärt). Der ist geehrt und gibt sich zugleich kämpferisch: Seine Majestät hätten den Demonstranten in Berlin niemals nachgeben dürfen!

Noch misslingt die deutsche Einigung. Erst Bismarck wird sie erreichen

„Man ist immer klüger, wenn man vom Rathause kommt“, versetzt der Monarch und gibt zu erkennen, dass er diesen Fehler längst bereut. Als Bismarck an diesem Tag den König verlässt, ist er „vollständig entwaffnet und gewonnen“, wie er später schreibt.

Tatsächlich hingegen hält er wohl noch immer wenig von seinem Herrscher. Aber er erkennt, dass Friedrich Wilhelm IV. endlich gegen die Revolution kämpfen will – und so ergreift Bismarck die Chance, die sich ihm nun, da er schon alles verloren glaubte, doch noch bietet. Im Sommer 1848 nimmt er den politischen Kampf auf. Er schreibt Polemiken in der von Konservativen gegründeten „Neuen Preußischen Zeitung“, höhnt etwa über die Rede eines liberalen Abgeordneten: „Wir gähnten, die schönen Damen gähnten, selbst die mit schlechten Zähnen, der Hof gähnte und der General Wrangel, Herr Simson gähnte verstohlen, und wenn wir in das Parterre hinabblickten, so gähnten uns hundert dunkelrote schwindelerregende Abgründe an.“

In privaten Briefen schmäht er eines der häufig wechselnden liberalen preußischen Kabinette als „Verräter- und Kastratenregierung“, beschimpft Minister als „lügenhafteste Schurken zwischen Tilsit und Trier“. Und selbst auf dem Friedhof in Friedrichshain, nördlich der Hauptstadt, wo er die Gräber der im März 1848 im Kampf gegen die Soldaten getöteten Berliner Barrikadenkämpfer sieht, „schwillt mein Herz von Gift, wenn ich sehe, was sie aus meinem Vaterland gemacht haben, diese Mörder.“ Bismarck ist derart rabiat und rücksichtslos, dass sein Vorgehen auch viele Konservative abstößt: „Nur zu gebrauchen, wenn das Bajonett schrankenlos waltet“, notiert selbst Friedrich Wilhelm IV. neben den Namen des Junkers.

Um den schwachen König haben sich inzwischen einige antiliberale Höflinge und Militärs geschart, die sich „Kamarilla“ nennen, nach dem spanischen Wort für Kämmerchen. Es sind hochrangige Offiziere und Beamte, die nun unbedingt gegen die Revolution losschlagen wollen – und denen der hemmungslos wütende Gutsherr imponiert. Als „sehr tätigen und intelligenten Adjutanten unseres Kamarilla-Hauptquartiers“ lobt ihn einer der Königsberater.

Am 10. November 1848 glaubt sich selbst der zögerliche Monarch wieder mächtig genug, um einen General mit 15 000 preußischen Soldaten nach Berlin zu schicken. Und tatsächlich: Die Revolutionäre wollen sich nicht durch gewaltsamen Widerstand ins Unrecht setzen. Die Mitglieder der verfassunggebenden Versammlung rufen nur dazu auf, Steuern zu verweigern und beschließen, die Regierung des Hochverrats anzuklagen. Keine Barrikaden diesmal, kein Aufstand. Das Militär treibt die Abgeordneten auseinander. Preußen gehört wieder dem König. Als ein Zugeständnis an die Liberalen – und um künftige Unruhen zu verhindern – erlässt Friedrich Wilhelm IV. im Dezember 1848 eine preußische Verfassung, die ein Parlament mit zwei Kammern vorsieht. Kurz darauf finden die Wahlen statt.

Bismarck stürzt sich in den Wahlkampf um den Sitz für einen Bezirk in Brandenburg. Dank seiner Reden und Artikel ist er zu einem geschickten Wahlkämpfer geworden und wird, wenn auch mit knapper Mehrheit, zum Abgeordneten gewählt. Es ist sein erster echter politischer Triumph. Bald darauf holt er seine Familie (inzwischen ist das erste Kind geboren, eine Tochter) in die Hauptstadt und verpachtet Gut Schönhausen. Er hat seine Bestimmung gefunden.

Einige Wochen später tragen Abgesandte des gesamtdeutschen Frankfurter Paulskirchen- Parlaments Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone eines neu zu gründenden Deutschen Reiches an. Doch der Monarch glaubt an das Gottesgnadentum, sieht seine preußische Krone als vom Herrn verliehen und schätzt die ihm von den Parlamentariern angebotene Kaiserkrone gering. Höhnisch lehnt er ab – und gibt anschließend den Befehl zur Konterrevolution: Er schickt Tausende Soldaten nach Dresden und Süddeutschland, um dort Aufständische brutal niederzuschlagen, die die von der Paulskirche erarbeitete Reichsverfassung nicht aufgeben wollen.

Damit ist die Revolution von 1848 endgültig gescheitert. Formal scheint bald darauf fast alles zum Alten zurückgekehrt zu sein: Die nun 37 souveränen deutschen Staaten schließen sich erneut lose zum Deutschen Bund zusammen; im Bundestag treffen sich wie früher die Abgesandten der Fürsten und Freien Städte und verhandeln über gemeinsame Angelegenheiten; wer liberal und national denkt, der flieht, schweigt, schreibt bestenfalls in einigen Zeitungen gegen die eigene Ohnmacht an. Und doch: Selbst das konservative Preußen hat nun eine Verfassung. Es hat ein Parlament. Zwar dürfen nur Männer ab 24 Jahren die Vertreter für das Abgeordnetenhaus wählen – und das gestaffelt nach drei Steuerklassen, was den Reichsten die meisten Sitze sichert. Zudem kann das Parlament nicht die Regierung bestimmen oder zum Rücktritt zwingen. Doch Gesetze beschließt es fortan gemeinsam mit dem König – er, aber auch die beiden Kammern müssen jedem Gesetz zustimmen. Vor allem aber muss der Herrscher nun den Staatshaushalt von den Abgeordneten genehmigen lassen. Mit diesen Konzessionen will Friedrich Wilhelm IV. die liberalen bürgerlichen Schichten an die Hohenzollern-Monarchie binden. Dieses halb im Gestern verharrende Preußen wird zur Bühne Bismarcks: ein straff organisierter, aufstrebender Staat. Mit einem König und von diesem ernannten Ministern, mit Höflingen und Prunkschlössern fast noch wie im 18. Jahrhundert. Andererseits mit einem Parlament und Parteien.

Im 18. Jahrhundert hätte ein Monarch einen derart undisziplinierbaren Geist wie Bismarck wohl früher oder später des Hofes verwiesen. In der neuen Welt jedoch, in der es ein Parlament gibt und eine breit diskutierende Öffentlichkeit, ist der König bald auf diesen politischen Kettenhund angewiesen: auf einen Mann, der in Debatten und bei Wahlen bedingungslos die Sache der Regierung durchsetzt und den politischen Gegner einschüchtert.

Denn auch als Parlamentarier bleibt Bismarck sich derart treu, dass in einer liberalen Zeitung zu lesen ist, man werde in die Wand im Abgeordnetenhaus wohl eine Nische schneiden, damit der Herr Bismarck so weit rechts sitze, wie er es wünsche. Und deshalb dauert es nicht lange, bis ihn der König, alle Bedenken beiseite schiebend, zu Höherem beruft: 1851 wird der Mann aus Schönhausen zum Gesandten am Bundestag in Frankfurt ernannt. Fortan soll er dort die Interessen Preußens vertreten. Da ist Otto von Bismarck 36 Jahre alt und hat sich in nur vier Jahren vom bedeutungslosen Provinzadeligen zu einem der aufstrebenden Politiker des Landes entwickelt.

Seine Frau Johanna weint drei Tage lang, als sie von der Berufung erfährt, weil sie glaubt, sie werde ihren Mann nun länger nicht sehen, da der in Frankfurt weile. Doch Bismarck holt sie nach – der Weg in die Politik ist ihm längst unumkehrbar, da wird es nicht bei der begrenzten Zeit in Frankfurt bleiben. „Mach dich mit dem Gedanken vertraut“, schreibt Bismarck ihr, „dass du mit musst in den Winter der großen Welt.“

2. Bismarcks letzte Jahre. Das Gespenst vom Sachsenwald

Als Kaiser Wilhelm I. am 9. März 1888 stirbt, verliert Otto von Bismarck seinen wichtigsten Vertrauten im Haus Hohenzollern. Kurz darauf übernimmt Wilhelm II. die Herrschaft in Berlin. 1890 zwingt der junge Monarch Bismarck zum Rücktritt von allen Ämtern. Doch der Entlassene mischt sich fortwährend in die Politik ein und kritisiert seine Nachfolger

Dies ist mehr als ein Abschied: Es ist ein Totenamt. Ein Kondolenzzug – mit Zehntausenden Trauernden, mit weinenden Hinterbliebenen, mit gezückten Taschentüchern; mit gelüfteten Hüten und stummem Händedrücken. Selbst die wackeren Kürassiere an der Spitze des Zugs haben Tränen in den Augen. Blütenschauer regnen auf den Wagen herab, und vielstimmig steigt am Lehrter Bahnhof der Trostgesang empor: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein.“ Otto von Bismarck ist, wie eine Diplomatengattin feststellt, „totenbleich“. Er selbst wird diesen 29. März 1890, an dem er auf sein Altenteil auf Gut Friedrichsruh bei Hamburg zurückkehrt, später ein „Begräbnis“ nennen – ein „Leichenbegängnis erster Klasse“.

Doch in Wahrheit ist seine Abreise aus Berlin ein rite de passage ; der Übergang eines Lebenden ins Geisterreich; die Verwandlung eines Menschen in ein Denkmal. Sie macht den Unbeirrbaren zum Untoten, der fortan zwischen den Eichen, Buchen und Tannen des Sachsenwaldes acht Jahre lang jene Lebenden heimsuchen wird, die ihn in sein komfortables Grab gebracht haben. Der politische Tod, der den Kanzler kurz vor seinem 75. Geburtstag ereilt hat, kam plötzlich, aber nicht unerwartet. Er begann mit der Thronbesteigung des 44 Jahre jüngeren Kaisers Wilhelm II. im Juni 1888 – jenes unberechenbaren, manischen Hitzkopfs, der sein Sohn sein könnte, aber alles Zeug zum Vatermörder hat. Gelang es Bismarck jahrzehntelang, seinen Herrscher zu beherrschen („Es ist nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein“, soll Wilhelm I. einmal geklagt haben), beharrt dieser Monarch auf seinem „persönlichen Regiment“. Der Starrsinn, mit dem Bismarck im Oktober 1889 das auch unter Konservativen umstrittene „Sozialistengesetz“ auf unbestimmte Zeit verlängern und sogar verschärfen wollte, war dann nur noch der Anlass: Am 17. März überbrachte der Chef des Militärkabinetts dem Kanzler die Aufforderung, sein Entlassungsgesuch zu verfassen. Am 20. März nahm der Kaiser es an. Dann feierte er mit Generälen bei Bier und Champagner.

Er ahnte nicht, dass der vermeintlich zur Ruhe Gelegte zum Wiedergänger werden würde. Zum „Weißen Mann“, wie ihn schon bald sein wortmächtigster Verkünder, der Essayist Maximilian Harden, mit ehrfürchtigem Schauer rühmt – in Anspielung auf jene sagenhafte „Weiße Frau“, die seit dem 15. Jahrhundert durch Hohenzollernschlösser spuken und Unheil ankündigen soll. Bismarck sei nun, so Harden, ein „gewaltiges, alles überragendes Gespenst, dessen Erscheinen und Schwinden den für das deutsche Land wichtigsten Vorgang bedeutet und dessen Lebensregung der Kluge nie aus dem Auge verlieren darf: Ruht es, dann stockt auch der Zeiger der Schicksalsuhr auf seinem Stundenweg; schlürft es aus der düsteren Waldestiefe hervor, dann kündigt ein neues Wollen und Werden sich an.“

HARDENS SPIRITISTISCHE Metaphorik trifft den Nerv der Zeit. Denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat eine Welle des Geisterglaubens die industrialisierte Welt überrollt: Seit im März 1848 eine Farmersfamilie im US-Bundesstaat New York angeblich per Klopfzeichen Kontakt mit dem Geist eines ermordeten Krämers aufgenommen hat („Wir Toten leben und können wieder mit euch in Verbindung treten“, lautete die Botschaft), treffen sich nicht nur in den USA, sondern auch in Europa ehrbare Bürger zum Tischerücken. Längst sind es nicht mehr nur die Armen im Geiste, die auf die Stimmen von drüben achten. Aus dem Aberglauben der einfachen Leute ist eine Bewegung mit wissenschaftlichem Anspruch geworden, die sogar bei den Physikern Pierre und Marie Curie – den späteren Nobelpreisträgern – oder dem Evolutionsforscher Alfred Russel Wallace auf Interesse stößt.

Auch in Deutschland öffnen sich die intellektuellen und adeligen Eliten dem Dialog mit der Geisterwelt: Selbst Kaiser Wilhelm II. nimmt bisweilen – vom Medium unerkannt – an Séancen teil, um etwa Geheiminformationen über den russischen Zaren zu erlangen. Die Ratschläge seines entlassenen Kanzlers aber verschmäht er. Der marschiert derweil verdrossen durch die ewigen Jagdgründe seiner Güter, die sich über drei preußische Provinzen erstrecken – darunter Varzin in Pommern und Schönhausen in der Altmark, seit 1562 in Familienbesitz.

Seine Bastion aber ist die Herrschaft Schwarzenbek mit dem Sachsenwald und dem Gutshaus Friedrichsruh, die ihm Kaiser Wilhelm I. 1871 zum Geschenk gemacht hat – mit direktem Eisenbahnanschluss von Berlin. Dort west er, umsorgt von der schlichten Gattin Johanna, inmitten einer Kargheit, die manchem Gast Unbehagen über den Rücken jagt. Das Gutshaus ist ein ehemaliges Hotel, dessen Türen zum Teil noch Zimmernummern tragen, dekoriert mit den Porträts von Staatsmännern vergangener Zeiten. Der einzige Luxus im Schlafzimmer ist ein Turnapparat für Bismarcks gymnastische Übungen. Im Arbeitszimmer lagern zwei Deutsche Doggen, die „Reichshunde“, auf floral gemusterten Sesseln.

Ein kalter Krieg mit dem Kaiser

Durch diese Kulisse tappt Bismarck mit fahlem, bisweilen vom Wein gerötetem Gesicht, in seinen gewohnten schweren Stiefeln, seinem altmodischen, zugeknöpften Tuchrock und seiner weißleinenen Halsbinde, wie sie im 18. Jahrhundert modern gewesen ist – ein wandelndes Museumsstück, das seine Steifheit noch unterstreicht, indem es den Stock hinter dem Rücken unter die Arme klemmt. Dort verkriecht sich Bismarck in seinem Sessel mit einer meterlangen Pfeife, die er bisweilen von anwesenden Damen anrauchen lässt, und einem halben Dutzend Zeitungen, die er auf Stil- und Syntaxfehler durchkämmt, mit seinem langen Bleistift korrigiert und nach der Lektüre achtlos auf den Boden wirft.

In diesen Räumen schaufelt er unter langen Monologen Mengen an Nahrung in sich hinein, vertilgt schon zum Frühstück Hummer, Gänsebrust, Sprotten, Rauchfleisch, Beefsteaks und Eierkuchen, dazu Wein, Sekt, Kaffee und Korn. Dennoch schwinden ihm allmählich die Kräfte. Chronisch plagen ihn Ischias und Gürtelrose, Atemnot und Nervenschmerzen. Immer höhere Morphium- Dosen braucht der gequälte Leib – bis der Leibarzt nur noch jene Tage notiert, an denen der Fürst kein Betäubungsmittel bekommt. So verflüchtigt sich der kränkelnde Greis zunehmend zu einem Schemen – der aber real genug ist, das Leben des Kaisers zu verdunkeln: „Ich bin der dicke Schatten“, sagt er, „der zwischen ihm und der Ruhmessonne steht.“

Wahrhaftig materialisiert sich der Mann, der in den letzten Jahren seiner Kanzlerschaft bisweilen monatelang unsichtbar war, nach seiner Entlassung zu umso spürbarerer Präsenz. Er, der für lange Zeit in den Parlamenten selten gesprochen und zehn Monate vor der Entlassung seine letzte Rede gehalten hat, meldet sich jetzt unablässig zu Wort. Zwei Wochen nach seinem Abschied spricht er vor einer Abordnung deutscher Industrieller, um seine Version der Entlassung zu verbreiten. Er, der seit dem Berliner Kongress 1878 ausländischen Journalisten keine Interviews gegeben hat, beeilt sich jetzt, Korrespondenten zu empfangen, erläutert einen Monat nach dem Bruch dem Vertreter des „New York Herald“ seine Sicht des politischen Geschehens; kurz darauf folgt der Pariser „Matin“, dann die russische „Nowoje Wremja“.

In Deutschland ist es ein Zirkel höriger Journalisten und Schriftsteller, der regelmäßig in Friedrichsruh Marschbefehle entgegennimmt. Bismarcks Privatsekretär hat die Aufgabe, die Verbreiter der Botschaften zu überprüfen und deren Protokolle und Artikel zu redigieren, bis sie zur Veröffentlichung taugen. Das getreueste Medium des Ex- Kanzlers ist Hermann Hofmann, politischer Redakteur der „Hamburger Nachrichten“, deren Besitzer Bismarck ausdrücklich „das gesamte weiße Papier“ seiner Zeitung zur Verfügung gestellt hat. Den von chronischen Schulden geplagten Hofmann hat sich der Herrscher des Sachsenwaldes durch großzügige Kredite verpflichtet. Dabei ist Diskretion Ehrensache: Wie bei spiritistischen Séancen müssen die Wege der Offenbarung verborgen bleiben.

Doch so innig hat sich Hofmann in Gedanken und Diktion des Fürsten eingefühlt, dass es selbst für Bismarcks Sohn Herbert manchmal unmöglich ist, zu entscheiden, ob ein Text, der unter dem Namen des Redakteurs erscheint, von seinem Vater oder dem Journalisten stammt. Immerhin verfasst der Altkanzler persönlich fast 1000 Artikel, die nach seiner Entlassung in dem Blatt veröffentlicht werden. Eine Verbindung, die im Interesse beider Seiten liegt: Als sich die „Hamburger Nachrichten“ zum Sprachrohr Bismarcks machen, finden sie verstärkte Beachtung in Reich und Welt. Denn alles, was an Interviews und Reden aus Friedrichsruh nach außen dringt, erregt fast ebenso viel Interesse wie die offiziellen Verlautbarungen aus Berlin. Auch der schillernde Publizist und ehemalige Schauspieler Maximilian Harden ist mit von der Partie: 1892 gründet er die Zeitschrift „Die Zukunft“ – eigens, so beteuert er, um „die Größe, die Bedeutung des Fürsten, das Unrecht, das ihm geschehen ist und seinem Werk noch stündlich geschieht, in helles Licht zu rücken“. In seinem Blatt verklärt er den Altkanzler zur „Vollendung germanischen Geistes“ und zur „größten und reizvollsten Erscheinung der germanischen Welt“.

Eine Erscheinung: Das Wort trifft es genau. Bismarck ist ein Poltergeist geworden, der stets verneint. Um konstruktive Politik geht es ihm längst nicht mehr; Vorschläge für die Zukunft sind von ihm nicht zu erwarten. Stattdessen grollt er und grantelt, schwelgt in der Vergangenheit. Beklagt den Tag, an dem ihn der Kaiser „wie einen Bedienten weggejagt“ habe. Murrt, dass er sich „im deutschen Volke offenbar getäuscht habe“. Er wettert gegen alles, was aus Berlin kommt: gegen Handelsverträge, Ostasienpolitik und die neue Landgemeindeordnung, gegen Steuer- und Heeresreform. Warnt vor Minderheiten – „Der Pole ist Intrigant, Heuchler, unwahrhaftig und unzuverlässig, zur Erhaltung eines Staatswesens gänzlich unfähig“ – und Sozialdemokraten: „Sie sind die Ratten im Lande und sollten vertilgt werden.“ Sein Rezept: „Zuweilen besteht das echte Wohlwollen darin, Blut zu vergießen: das Blut einer aufrührerischen Minorität, und zwar zur Verteidigung der ruheliebenden Majorität.“ Die Vorausschau seiner aktiven Jahre opfert er jetzt dem Ressentiment; nur seine Ablehnung der neuen Großmachtpolitik, mit der Wilhelm II. Deutschlands „Platz an der Sonne“ sichern will, wird sich im Nachhinein als hellsichtig herausstellen.

Jeder, der im nachbismarckschen Deutschland etwas zu sagen hat, kann Ziel seiner Heimsuchungen werden. Der Altkanzler schießt gegen Karl Heinrich von Boetticher, einst sein treuester und vertrautester Gehilfe und jetzt Stellvertreter des neuen Reichskanzlers, und gegen Adolf Freiherr Marschall von Bieberstein, den Nachfolger seines Sohnes Herbert als Staatssekretär im Auswärtigen Amt: Dem Ersten wirft er vor, zu seinem Sturz konspiriert zu haben, dem Zweiten, sein Amt ohne jede Sachkenntnis auszuüben. Vor allem aber nimmt er – nach kurzer Schonfrist – Leo von Caprivi aufs Korn, jenen tüchtigen, aber unerfahrenen Mann, der den fatalen Fehler hat, Bismarcks Nachfolger im Kanzleramt zu sein. Der General ist dem Irrtum erlegen, die Arbeiter mit Reformen gewinnen zu wollen. Zudem hat Caprivi den Rückversicherungsvertrag mit Russland nicht verlängert: Deshalb setzt ihm Bismarck auch noch das (in Wirklichkeit schon während seiner eigenen Amtszeit) abgekühlte Verhältnis zum Zaren auf die Rechnung.

Als „Capriviolen“ beschimpft Bismarck den „Neuen Kurs“, der jetzt das Reich regiert – und seine publizistischen Vasallen rechnen sich jeden Prozess wegen Kanzlerbeleidigung zur persönlichen Ehre an: „Gott sei Dank“ sei auch er endlich angeklagt, meldet stolz der Berlin-Korrespondent der „Leipziger Neuesten Nachrichten“ nach Friedrichsruh, als ihm wegen seiner Behauptung, „dass Se. Exc. ein Esel sei“, drei Monate Gefängnis drohen. Dabei vermeidet der Altkanzler es, Wilhelm II. direkt anzugreifen. Seine Sprachrohre weist er sogar an, „den Kaiser etwas mehr zu schonen“: Bismarcks eingefleischter preußischer Royalismus verbietet es ihm, einem Herrscher offen den Respekt zu versagen.

Lieber verschiebt er die Abrechnung auf das Leben nach dem Tod. Seine Memoiren, posthum zu veröffentlichen, soll der langjährige Sekretär und Gehilfe des Kanzlers, Lothar Bucher, in lesbare Form bringen. Doch bald muss der Lektor feststellen, dass nicht nur Bismarcks „Gedächtnis mangelhaft“ ist – „er fängt an, auch absichtlich zu entstellen, und zwar selbst bei klaren, ausgemachten Tatsachen und Vorgängen. Bei nichts, was misslungen ist, will er beteiligt gewesen sein“. Spätere Historiker lassen kaum ein Faktum in den „Gedanken und Erinnerungen“ ungeschoren. Dennoch wird das Werk zur „deutschen Bibel“, die auch ungelesen in jedem Regal steht – und auf lange Zeit das Bild Bismarcks in der Öffentlichkeit bestimmt.

Und der Verlag Cotta in Stuttgart, der für vergleichsweise bescheidene 100 000 Mark pro Band die Rechte an den Memoiren erwirbt, wird nach Bismarcks Tod von den ersten beiden Bänden (der dritte erscheint erst 1921) binnen weniger Tage über 300 000 Exemplare verkaufen und einen Millionengewinn einfahren – kein Wunder, dass der Verleger das unverfrorene Angebot der Regierung ablehnt, ihm das Veröffentlichungsrecht für eine halbe Million Mark abzukaufen, um gegebenenfalls vor dem Druck die „nötigen Änderungen“ an dem Manuskript vorzunehmen. Das Gespenst Bismarck scheint mehr daran interessiert zu sein, Berlin in Angst und Schrecken zu versetzen, als wirklich noch einmal ins politische Geschehen einzugreifen.

Auch seine Kandidatur für die Nationalliberalen bei einer Reichstagsnachwahl im Frühjahr 1891 scheint nur dazu bestimmt, den Widersachern Gänsehaut über den Rücken zu jagen – das errungene Mandat übt er nicht ein einziges Mal aus. „Ich würde erscheinen wie Banquos Geist an Macbeths Tisch“, orakelt er süffisant, „und mancher alte Freund hat ohnehin schon ein böses Gewissen mir gegenüber.“ Kein Zweifel: Er spürt, dass seine Klopfzeichen aus der Ferne mächtiger sind als aus der Nähe. Und als er 1892 ankündigt, zur Hochzeit seines Sohnes Herbert mit der ungarischen Gräfin Marguerite Hoyos nach Wien zu reisen, verlieren Hof und Regierung schließlich die Nerven.

Plant der Alte etwa einen politischen Coup? Vorsorglich befiehlt Kanzler Caprivi seinem Botschafter in Wien, keinesfalls eine Einladung zur Hochzeit anzunehmen. Und Wilhelm II. beschwört Österreichs Kaiser Franz Joseph, dem „ungehorsamen Untertan“ jede Audienz zu verweigern, „ehe er nicht sich mir genähert und peccavi gesagt hat“ (was „ich habe gesündigt“ bedeutet). Auch der König von Sachsen und Bayerns Prinzregent erhalten diese Bitte. Doch der Schrecken aus dem Sachsenwald lässt sich so nicht verscheuchen. Im Gegenteil: Er bläht sich ins Monströse. Während Amtsträger weisungsgemäß den Kontakt vermeiden, stehen allerorten jubelnde Massen bereit, um ihm zu huldigen, trotzen Regen und Polizeisperren.

In Wien begleiten ihn die Ovationen ins Theater, in den Prater, ins Konzert. Deutschnationale prügeln sich mit Polizisten, fahren mit 60 Kutschen vor, um den Fürst zu ehren, schmettern bei seiner Abreise auf dem Bahnhof die „Wacht am Rhein“. In München paradieren 1600 Korpsstudenten mit Fackeln und in vollem Wichs. Begeisterte Massen blockieren noch lange nach dem letzten Hurra- Ruf die Straßen, bis der Oberbürgermeister ihnen mitteilt, dass der Fürst sich zur Nachtruhe zurückgezogen habe.

Überall empfangen ihn Ovationen

In Augsburg wartet ein Chor von 700 Sängern, in Würzburg huldigen Rektor und Senat der Universität, flankiert von einer 8000-köpfigen Menge. In Bad Kissingen regnen Blumen auf ihn herab; eins der Buketts verletzt ihn leicht am Auge. In Jena erwarten ihn rund 25 000 Menschen im strömenden Regen; weiß gekleidete Mädchen eskortieren ihn, Blumen streuend, zum „Bären“, wo er jene Zimmer bezieht, in denen einst Luther gewohnt hat.

Am nächsten Tag spricht er auf dem Marktplatz vor über 20 000 Zuhörern – die einen pfeifenden Gegner, wie Bismarcks Diener berichtet, so „energisch zur Ruhe“ bringen, dass der „dabei seine Vorderzähne eingebüßt“ haben soll. So wird der schlichte Besuch einer Familienfeier zur „großdeutschen Rundfahrt“, die Hunderttausende Menschen und die Diplomatie zweier Kaiserreiche in Bewegung setzt. Sie wird zum Propaganda- Marathon mit 25 Ansprachen auf Bahnhöfen, in Rathäusern und auf öffentlichen Plätzen. Selbst in Berlin, der Bastion des Kaisers, fordert die Menge: „Reden! Reden!“

Und Bismarck redet. Auch in den spiritistischen Salons sprechen die Geister ja nicht aus eigenem Antrieb – sie werden gerufen. Die Heilssehnsucht aber, die jetzt nach dem Erscheinen des großen Mannes lechzt, hat der Reichsgründer, wie kritische Zeitgenossen anmerken, selbst erzeugt – „eine Nation ohne allen und jeden politischen Willen“ habe er geprägt, befindet 1918 der Soziologe Max Weber, „gewohnt, dass der große Staatsmann an der Spitze für sie die Politik schon besorgen werde“.

Auch der Diplomat und Weltmann Harry Graf Kessler, der sich fragt, wie es zum Niedergang des „freien und aufrechten“ Charaktertypus der Goethezeit und der Revolution von 1848 kommen konnte, findet „keine andere Antwort als: Bismarck“. Die Deutschen, viele durch 28 Jahre Bismarck-Herrschaft in kindlicher Unmündigkeit gehalten, klammern sich an einen idealen Vater. Eben noch umstritten, als Starrkopf und Ewiggestriger verschrien, wird er jetzt zum Ahnen, der die Existenz der Deutschen mit magischen Kräften erhalten soll. Dabei jubeln sie, so der Historiker Otto Pflanze, „der sich ausbildenden Legende zu, nicht der Wirklichkeit“. Bismarck ist der mythische Erlöser, nach dem sie verlangen; ein Auferstandener, ein neuer Barbarossa.

Und es ist vielleicht kein Zufall, dass in Bismarcks Jubeljahr 1892 auch der Bau des großen Denkmals für Wilhelm I. auf dem Kyffhäuser beginnt, wo der Stauferkaiser seit 700 Jahren auf seine Erweckung warten soll. Gut 100 Jahre später wird der Münchner Historiker Ulrich Linse in seinem Buch über die „Heilssuche im Industriezeitalter“ darauf hinweisen, dass die deutschen Geisterseher der Jahrhundertwende meist national gesinnt gewesen seien – und auch das Irrlicht vom Sachsenwald dient vor allem den Rechten zur Fackel.

In dem Raunen aus Friedrichsruh finden sich Deutsch-Konservative, Freikonservative und Nationalliberale in seltener Einheit. Erkennen sich die Schlotbarone des Westens, die Wilhelms sozialpolitische Experimente missbilligen, ebenso wie die Grundbesitzer und Landwirte, die Caprivis Herabsetzung der Getreidezölle verdammen. Lauschen Kolonialschwärmer und Alldeutsche ihrem Echo, die wie Bismarck das Helgoland- Sansibar- Abkommen ablehnen, in dem Deutschland Gebiete in Afrika an England abtritt und Helgoland erhält (obwohl Bismarck, als er noch im Amt war, das Abkommen vorbereitet hatte). Dabei wird er nicht zum Anführer dieser Opposition – „nicht einmal“, so sein Biograf Manfred Hank, „ihr gemeinsamer Nenner“. Er ist ihr Schutzschild, ihr Alibi, ihre Galionsfigur für die Kritik an einem unberührbaren Kaiser.

Friedrichsruh wird zum Wallfahrtsort aller Unzufriedenen im Land: Aus dem gesamten Reich strömen Abordnungen an sein Gutstor; dazu Deutschstämmige aus Russland oder den USA. Sie bringen Ehrenbürgerschaften und -doktorwürden dar, Prunkpokale und Gedenktafeln, marschieren mit Fackeln, Gesang oder klingendem Spiel. Binnen knapp sechs Jahren finden sich rund 150 solcher Pilgergruppen bei ihm ein – manche mehrere Tausend Köpfe stark. Oft belohnt sie Bismarck mit einem knappen Wort des Dankes, bisweilen auch mit einer Rede vom Balkon. Er spricht meist leise, mühsam, stockend, mit seiner, wie Besucher berichten, „dünnen, fast schüchtern klingenden Stimme“, die mit einer „eigentümlichen, suchenden, pausierenden Langsamkeit“ seinem Mund entweicht – und seine Worte umso jenseitiger macht.

Seine Rede hat „etwas Gespenstisches“, wird der Bismarck-Besucher Graf Kessler befinden, „als ob wir ihn von seinen verstorbenen Zeitgenossen fort aus dem Grabe geholt hätten“. Bismarcks Nimbus kann das nur noch steigern. Es gibt Schulklassen, die tagelang bei Wind und Regen das Parktor belagern und ihn bei jedem Erscheinen mit Liedern, Hochrufen und geschwenkten Tüchern begrüßen. Es gibt Fanatiker, die Rosen auf seinen Weg streuen und die Erde, die seine Füße berührt hat, in Taschentücher wickeln. Es gibt Fetischisten, die Bismarcks abgebrannte Streichhölzer sammeln oder Haare seiner Doggen zum Andenken aufheben. Und fast allen schlottern die Knie, wenn ER vor ihnen steht. Sogar die Gesellschafterin seiner Ehefrau durchfährt ein heiliger Schrecken, sobald „der Gewaltige“ sie anredet. Selbst ein Dauergast wie Bismarcks Leibmaler Franz von Lenbach verlässt das Gutshaus regelmäßig „fast mit einem Gefühl der Erleichterung“.

IN BERLIN KNIRSCHT der Kaiser ohnmächtig mit den Zähnen, pocht trotzig auf sein Machtmonopol: „Einer nur ist Herr im Reiche, und das bin Ich, keinen anderen dulde Ich.“ Immer wieder erwägt er die Verhaftung des Ex-Kanzlers. Doch er weiß, dass solches Märtyrertum Bismarcks Aura nur noch heller erstrahlen lassen und den Spuk, der Wilhelms „persönliches Regiment“ vernebelt, ins Unbeherrschbare steigern würde.

Und als sich der Verhasste im August 1893 auch noch eine Lungenentzündung einfängt, fällt der Hof in Torschlusspanik: Was wären die politischen Folgen, sollte der Alte vom Sachsenwald sterben, ohne zuvor vom Kaiser die Absolution erbeten zu haben? Wahrscheinlich ist es Philipp zu Eulenburg, nicht nur Wilhelms engster Vertrauter, sondern auch heimlicher Spiritist, der dem Kaiser die Besänftigung des bösen Geistes im Sachsenwald ans Herz legt. Schon unmittelbar nach Wilhelms Thronbesteigung hatte sich Eulenburg als Experte für übersinnliche Kontakte angedient und den Monarchen gedrängt, „sich in diesen heiklen und aufregenden Dingen nur meiner Vermittlung zu bedienen“. Und so tief seine Abneigung gegen den „moralisch und physisch ungewaschenen Herkules“ von Friedrichsruh auch ist – so dringend erscheint ihm angesichts Bismarcks wachsender Popularität die Notwendigkeit, die Monarchie zu schützen und mit diplomatischen Mitteln die Staatsseele von der „dämonischen Natur“ ihres Inkubus zu befreien.

Ohnehin ist der Kaiser in der sozialen Frage, über die der Konflikt zwischen den beiden Männern einst ausgebrochen war, längst auf Bismarcks Linie eingeschwenkt: Schon im März 1890, als in Gelsenkirchen Arbeiter streikten, hat er seinen Generälen befohlen, „bei der ersten Gelegenheit die Repetiergewehre spielen zu lassen“. Und als die Sozialdemokraten bei der Reichstagswahl im Juni 1893 mit 23,3 Prozent die meisten Stimmen erhalten, fordert er selbst schärfere Gesetze gegen Revolutionäre. Doch schließlich ist es vor allem die Last des Friedrichsruher Albdrucks, dieser schaurig wachsende Kult um den Reichsgründer, der den Monarchen zwingt, der ideellen Annäherung auch die physische folgen zu lassen.

Im Januar 1894 schickt er einen Adjutanten nach Friedrichsruh: mit einem Handschreiben und einer Flasche 1862er „Steinberger Cabinet“, die der Fürst mit unbewegter Miene entgegennimmt. Unverbindlich stellt der Adjutant die Möglichkeit eines Besuchs Bismarcks in Berlin in den Raum – die der Beschenkte tatsächlich akzeptiert: So hat der Kaiser den Eröffnungszug getan, ohne den Gegner ausdrücklich einzuladen, keine der beiden Parteien verliert ihr Gesicht. Am 26. Januar 1894 legt Bismarck seine Generalsuniform an und macht sich auf die Reise.

In der Hauptstadt haben sich schon mehr als 300 000 Berliner zu seinem Empfang versammelt, dazu eine Delegation von Offizieren unter Leitung Prinz Heinrichs, des Kaiserbruders, als Bismarck im geschlossenen Wagen durch flaggengeschmückte Straßen rollt, eskortiert von einer Schwadron Gardekürassiere. Am Stadtschloss schreitet der Gast unter Jubel und Marschmusik die Ehrenwache ab. In Begleitung Prinz Heinrichs betritt er das Schloss; der Kaiser, sichtlich nervös, greift die Hand des Alten, küsst ihn auf beide Wangen. Was die beiden Männer dann hinter geschlossenen Flügeltüren austauschen, wird ihr Geheimnis bleiben.

Eine Epiphanie, eine Erscheinung – die, so der Soziologe Max Weber, vielen vorkommt, „als öffne der Sachsenwald wie ein moderner Kyffhäuser seine Tiefen“. Und Weber selber ist es, „als ob ein Geist herniederstiege aus einer großen Vergangenheit und wandelte unter einer neuen Generation durch eine ihm fremd gewordene Welt“. Nach außen wenigstens herrscht nun Harmonie. Der Störenfried hält vorerst still, tauscht artig mit Wilhelm Geburtstagsgrüße und Geschenke, empfängt ihn zum Gegenbesuch in Friedrichsruh – und erträgt sogar die Respektlosigkeit, mit der Majestät das politische Gespräch verweigert und stattdessen wie mit einem alten Soldaten die Vorzüge einer neuen Felduniform bespricht. Ein Zeuge spürt die Spannung zwischen den beiden Männern: „Mühsam bändigten sie ihren hitzigen Wunsch, einander die Wahrheit zu sagen. Noch eine Minute, und sie wären explodiert.“

Die „Versöhnung“, wird Eulenburg bald versichern, sei für den Hof keine Kapitulation gewesen, „sondern ein Sieg über den Gegner“. Doch dem kaiserlichen Gefolge ist bewusst, wie ein Höfling notiert, dass der „alte Wallenstein im Sachsenwald“ seine „Waffen noch nicht niedergelegt“ hat. Und so verlegt sich der Kaiser darauf, den Alten zu bestechen. Im Oktober 1894 entlässt er Bismarcks Lieblingsgegner Caprivi – ausgerechnet wegen dessen Widerstand gegen ein neues Sozialistengesetz. Der Monarch überschüttet den Ungerührten mit Grußbotschaften, lädt ihn ein zur Eröffnung des „Kaiser-Wilhelm-Kanals“ zwischen Nord- und Ostsee, beschenkt ihn mit selbst gemalten Marinebildern, verleiht ihm den neuen Wilhelm-Orden und den „Pour le Mérite“ der Friedensklasse. Er übernimmt die Patenschaft für des Altkanzlers ersten Enkel in männlicher Linie und schickt ihm die Einladung zum Stapellauf eines nach Bismarck benannten Schlachtschiffs – wohl wissend, dass der schwächelnde Fürst solchen Einladungen nicht mehr folgen kann. Bisweilen wendet er die okkulte Macht aus dem Sachsenwald sogar gegen seine eigenen Minister: Sollten sie nicht spuren – dann müsse er Bismarcks Sohn Wilhelm nach Berlin holen und so die Macht des ehemaligen Kanzlers wieder stärken.

Ihr Zwist schwelt bis zum Ende

Doch auch wenn der Streit weiterschwelt: Für das offizielle Deutschland ist der Fürst wieder zugelassene Repräsentationsfigur. Und ein gutes Jahr nach der „Versöhnung“, zu Bismarcks 80. Geburtstag am 1. April 1895, nimmt der Kult um seine Person nie gesehene Ausmaße an. Von März bis Juni halten 35 Sonderzüge am Bahnhof Friedrichsruh, an Bord mehr als 50 Delegationen – deutsche und ausländische Regierungsvertreter, der Reichskanzler, dazu mehr als 400 Land- und Reichstagsabgeordnete, 4000 Korpsstudenten in Uniform, die Rektoren aller deutschen Universitäten in Barett und Talar.

Am 26. März erscheint der Kaiser, mit Pickelhaube und Brustpanzer zu Pferde, begleitet von Kronprinz, Kriegsminister und einem Aufgebot von Infanterie, Artillerie, Husaren und Halberstädter Kürassieren. Im offenen Wagen inspiziert der Alte die aufgestellten Truppen, genießt das Feuerwerk aus Fahnen, Kapellen und Kanonendonner – doch so jovial die Avancen des Kaisers, so kühl bleibt Bismarcks Verachtung. Das Volk aber belagert tagelang die Ziegelmauern des Anwesens, kauft fliegenden Souvenirhändlern Bismarck- Devotionalien ab: Medaillen, Festblätter, Fotografien auf Eichenholz. Postboten bringen fast 10 000 Telegramme und 450 000 Kartengrüße, Briefe und Drucksachen, dazu mehrere Tausend Päckchen.

Bismarcks Bedienstete listen 1109 Geschenke auf – von der „Runentafel aus Eichenholz“, verehrt vom Männergesangverein Germania aus München, bis zur „Kugel, gefunden auf dem Schlachtfelde bei Leipzig in unmittelbarer Nähe Napoleons“ als Gabe des Deutschen Patriotenbunds. Rund 450 Städte, von Altona bis Zwickau, verleihen ihm die Ehrenbürgerschaft. Erdbeeren, Heringe und Zigarren tragen fortan seinen Namen. Städte und Dörfer schmücken sich mit Bismarckstraßen, -plätzen und -schulen.

500 Denkmäler wachsen aus dem Boden, Dutzende davon noch zu Lebzeiten. Meist stellen sie den Fürsten als martialischen Hünen mit Pickelhaube, Stulpenstiefeln, Säbel dar und jenem „tiefen, geisterhaften Fernblick des vorausschauenden Weisen“, der schon manchen Besucher in Friedrichsruh schaudern ließ. Erst der Leninkult der Sowjetunion wird diese Ehrungswut übertreffen. Und während er so zum Monument wird, scheint sein irdischer Leib sich weiter aufzulösen: Er fühlt sich jetzt so matt, dass er fürchtet, das Jahr nicht zu überleben. Seine schlecht durchbluteten Beine machen ihm das Aufsatteln unmöglich. Auch sein Sohn erkennt an „Gang und Haltung“ des Alten eine „langsame, aber stetige“ Abnahme der Kräfte. Und wenn sein Leibarzt ihn mahnt, weniger Alkohol und Medizin zu schlucken, knurrt er: „Lassen Sie mich doch ruhig sterben, ich habe genug.“

Schon als im Sommer zuvor auf Bismarcks Gut Varzin eine alte Kastanie umstürzte, deutete der Fürst das Unglück als „böses Omen“. Und wahrhaftig: Im November starb seine Frau Johanna. „Das Leben ist ein dauernder Verbrennungsprozess“, notierte er düster, „und mein Material zur Unterhaltung der Flamme ist bald aufgebraucht.“ Doch als müsse er auf seine letzten Tage noch einmal für Grauen sorgen, rafft er sich im Oktober 1896 zum ultimativen Spukangriff auf: Ohne sichtbaren Grund lässt er in den „Hamburger Nachrichten“ den Inhalt des geheimen Rückversicherungsvertrages mit Russland veröffentlichen.

Darin hatten Berlin und Sankt Petersburg 1887 eine gegen Wien gerichtete Defensivallianz vereinbart, obwohl Deutschland zuvor mit der Habsburger- Monarchie ein ähnliches Bündnis gegen das Zarenreich eingegangen war. Diese „politische Bigamie“, wie ein führender Diplomat schrieb, drohte die Glaubwürdigkeit des Deutschen Reiches zu beschädigen, weshalb Bismarcks Nachfolger Caprivi den Vertrag mit den Russen 1890 nicht verlängerte. Nun, nach der Veröffentlichung, hat das Auswärtige Amt alle Hände voll zu tun, um in Wien und Sankt Petersburg die Wogen zu glätten. Erneut droht der Kaiser, den Widersacher wegen Hochverrats einsperren zu lassen, doch sein Gefolge rät ihm ab – angesichts „der fieberhaften Erregung im Lande und bei dem bornierten Fanatismus der Menge, welche den Alten anbetet wie Baal“.

Doch Bismarck spürt, dass der Kampf vorbei ist. Seine drei ärgsten Feinde sind aus der Arena verschwunden: Nach Caprivi entlässt der Kaiser auch dessen Stellvertreter Karl Heinrich von Boetticher sowie den Staatssekretär Freiherr von Marschall. Der neue Kanzler Chlodwig zu Hohenlohe ist ein alter Weggefährte des Fürsten, der seinen Respekt durch zwei Pilgerfahrten nach Friedrichsruh unterstreicht; später wird Wilhelm beteuern, er habe Hohenlohe eigens ernannt, um Bismarck zur Ruhe zu bringen.

1897, als die zweite seiner Deutschen Doggen stirbt, verliert Bismarck den letzten Mut: „Nun sind meine Hunde weg“, klagt er, „nun komme ich an die Reihe.“ Kaum jemand ist geblieben, der dem Alten zuhört; nur sein Sohn Herbert ist ihm noch ebenbürtiger Gesprächspartner – und die Eichen und Buchen in seinem Forst. „Ich liebe die großen Bäume“, hat er einmal gesagt, „das sind Ahnen.“ Den Anblick vom Sturm geknickter Wipfel kann der „Baumnarr“, wie er sich nennt, nicht ertragen, und noch immer verübelt er es seiner Mutter, dass sie einst ein paar alte Eichen hat fällen lassen. Im Wald sieht er das „Idealbild“ eines „wohldisziplinierten Volkes“ ohne Parlament und Zeitungen. Und bisweilen träumt er davon, sich in einer Hängematte zwischen Tannenwipfeln bestatten zu lassen.

Ende 1897 diagnostiziert sein Hausarzt Brand in Bismarcks linkem Fuß. Die Schmerzen steigern sich zum „Höllensabbath“, verschärft durch einen der unwillkommenen Besuche des Kaisers – der, wie er hinterher im kleinen Kreis verrät, nur nachsehen wollte, „wie weit der Altersbrand beim Fürsten fortgeschritten und wann dessen Tod zu erwarten ist“. Bismarck muss seinen Abscheu darauf beschränken, Fünfmarkstücke mit dem Kaiserporträt nach unten auf den Tisch zu legen, um „das falsche Gesicht“ nicht zu sehen. Bald kann er nur noch im Rollstuhl seinen Park inspizieren. Im Juli 1898 ist er so schwach, dass er das Schlafzimmer kaum mehr verlässt. Am 28. Juli rafft er sich noch einmal auf, stärkt sich mit einem Glas Champagner, isst mit der Familie, raucht drei Pfeifen und liest die Zeitung – doch kurz darauf ereilt ihn ein Lungenödem. Er fiebert, verliert häufig das Bewusstsein.

Am 30. Juli, eine Stunde vor Mitternacht, stirbt Otto von Bismarck mit 83 Jahren. Seine Begräbnisstätte im Sachsenwald hat er noch selbst bestimmt, auf einem grasbewachsenen Hügel, zwischen Eichen, Buchen und Ahornbäumen. In einem Mausoleum aus mächtigen Steinquadern wird er am 16. März 1899 zur Ruhe gelegt. Der Kaiser folgt dem Sarg in Uniformmantel und Helm.

„JETZT BEGINNT ein neuer Akt, in dem Mir die erste Rolle zufällt“, frohlockt Wilhelm nach der Totenfeier. Doch noch bis zum Zusammenbruch von Reich und Kaisertum im November 1918 wird der Geist des Alten den Monarchen verfolgen: Denn „sein schwerer Schatten, die ewige Frage, was würde Bismarck tun und sagen“, liegt, so Biograf Hank, „wie eine dunkle Wolke über Volk und Staat, dem Kaiser die Freude am Regieren vergällend.“

Derweil wird der Tote, der schon zu Lebzeiten den Retter aus dem Jenseits geben musste, vollends zum Heiland. Der Staatswissenschaftler Ludwig Bernhard schwört 1913 bei einem Festakt in Berlin sein Publikum auf das „dunkle Bewusstsein“ ein, „dass wir von dem toten Bismarck noch viel zu erwarten haben“. 1915, zum 100. Geburtstag des Idols, versammeln sich Deutschlands Universitätsrektoren in seinem Mausoleum zum Gebet: „Von dir, Bismarck, erflehen wir: Sei auch ferner im Geiste mit uns.“

Und so ist es wie ein verspäteter Exorzismus, eine nachgeholte spiritistische Rache, dass Wilhelm nach dem Niedergang des Kaiserreichs im holländischen Exil bei Utrecht seine Wut an jenen Geschöpfen auslässt, in denen sein toter Feind seine „Ahnen“ sah: Im Schlosspark fällt er einen Baum nach dem anderen. Im Winter 1919 schlägt er den zwölftausendsten Stamm.

Verlinkungen:

->

Quellen:

Internetquellen

->

->

->

Sekundärliteratur

-> Radermacher, Cay: Bismarcks Weg in die Politik. Der Junker aus der Altmark, in: Otto von Bismarck 1815-1898 (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 52), Hamburg 2011.

-> Albig, Jörg-Uwe: Bismarcks letzte Jahre. Das Gespenst vom Sachsenwald, in: Otto von Bismarck 1815-1898 (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 52), Hamburg 2011.

->