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Persönlichkeiten

Inhaltsverzeichnis

  1. Otto von Bismarck
  2. Bernhard von Bülow
  3. Maximilian Prinz von Baden 
  4. Robert Julius Spies 
  5. August Bebel
  6. Heinrich Mann
  7. Thomas Mann 
  8. Karl May
  9. Karl Liebknecht
  10. Robert Koch
  11. Gottlieb Daimler
  12. Wilhelm Conrad Röntgen
  13. Friedrich Nietzsche
  14. Paula Modersohn-Becker
  15. Bertha Benz 
  16. Lina Morgenstern 
  17. Max Planck
  18. Robert Bosch
  19. Carl Benz
  20. Theodor Fontane
  21. Hedwig Dohm 
  22. Clara Zetkin 
  23. Minna Cauer
  24. Werner von Siemens 
  25. Alfred Krupp

1. Otto von Bismarck

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Biographie (1815 - 1898)

B. verlebte seine Kindheit in Kniephof (Pommern), wohin seine Eltern übergesiedelt waren. 1823 kam er auf die Plamannsche Erziehungsanstalt in Berlin, 1827 auf das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, anschließend auf das Gymnasium zum Grauen Kloster. 1832 bezog er die Universität Göttingen und trat bei der Hannovera ein, die sich damals noch als Landsmannschaft bezeichnete. Das Korpsleben füllte ihn nicht aus, er hatte einen vielseitigen Verkehr und schloß eine lebenslange Freundschaft mit dem späteren amerikanischen Historiker und Diplomaten →John Lothrop Motley, die sich noch in gemeinsamen Berliner Jahren vertiefte. 1834 ging er für drei Semester nach Berlin und trat 1835 als Auskultator am Berliner Stadtgericht, dann beim Kammergericht ein. 1836 wurde er Regierungsreferendar in Aachen und auf seine Bitte im November 1837 in Potsdam. 1839 schied er aus dem Staatsdienst aus, den er noch nicht ernst genommen hatte: er wollte Musik machen, wie er sie für gut erkenne, oder gar keine. B. übernahm die Bewirtschaftung von Kniephof, später von Schönhausen. Seine angeborene Neigung zu einem unabhängigen Herrenleben, sein tiefes Naturempfinden zogen ihn zum Lande hin. Doch vermochte ihm diese Tätigkeit auf die Dauer nicht zu genügen. Sein überschäumender Lebensdrang trug ihm bei seinen Nachbarn den Ruf des „wilden B.“ ein; er trieb ausgedehnte Lektüre historischer und staatswissenschaftlicher Werke; die Beschäftigung mit der Philosophie, schon bei der Vorbereitung zum Staatsexamen begonnen, darf dagegen nicht überschätzt werden. 1842 unternahm B. Reisen nach England, Frankreich und der Schweiz. Der Versuch, 1844 nochmals als Regierungsreferendar in Potsdam tätig zu sein, scheiterte nach kurzer Zeit an seiner Abneigung gegen die bürokratische Routine.

B. wurde aus dem Zustand innerer Unruhe und Vereinsamung durch die entscheidenden Eindrücke befreit, die er seit 1843 von dem Kreis der pommerschen Pietisten, vor allem von den Familien Thadden und Blankenburg empfing. Im Verkehr mit diesen harmonischen, innerlich gefestigten Menschen überwand er seinen pantheistischen Skeptizismus und gelangte zu dem Glauben an einen persönlichen Gott, der seinem Denken und Handeln Richtung und Ziel gab. Aus diesem Kreise wählte er seine Lebensgefährtin, mit der er eine überaus glückliche Ehe geführt hat. Die Liebe zu ihr trug dazu bei, daß sein Glaube an eine persönliche göttliche Führung sich festigte. Bei ihrem streitbaren Temperament war freilich →Johanna wenig geeignet, im versöhnlichen und ausgleichenden Sinn auf ihren Gatten einzuwirken.

Auf dem Weg über die ständische Selbstverwaltung (seit 1846 war er Deichhauptmann) gelangte B. im folgenden Jahr in den Vereinigten Landtag, mit dem der absolutistische Staat dem Ende zuging, den auch er nicht wollte. Er fiel schon damals durch sein exzentrisches Wesen, durch den unerschütterlichen Mut auf, mit dem er die Rechte des Königtums verteidigte. Die Märzrevolution von 1848 überraschte ihn auf dem Lande; er wäre gemeinsam mit seinen Bauern zu einer sofortigen Gegenaktion bereit gewesen und zog sich die dauernde Abneigung der damaligen Prinzessin von Preußen, der späteren Kaiserin →Augusta, dadurch zu, daß er sich offenbar darum bemüht hat, sie für eine Gegenrevolution im Namen ihres Sohnes zu gewinnen. Im Februar 1849 wurde B. in die zweite Kammer des preußischen Landtages gewählt, nachdem er sich schon vorher mit unbestreitbarer journalistischer Begabung an der Pressepolemik, hauptsächlich in der Kreuzzeitung, beteiligt hatte. In der Abgeordnetenkammer - 1850 gehörte er auch dem Erfurter Parlament an - war er bestrebt, bei realistischer Anerkennung der veränderten Lage für die Monarchie und die ständischen Interessen das noch Mögliche zu retten. Obwohl er noch die Anschauungen seiner christlich-konservativen Freunde teilte, wurde doch bald in seinen Reden ein abweichender Ton vernehmbar: weniger Prinzipien als die Interessen des preußischen Staates standen für ihn im Vordergrund. Von der mächtigen Kamarilla, insbesondere von →Leopold von Gerlach unterstützt, erfolgte am 15.5.1851 seine Ernennung zum Gesandten am Bundestag. In Frankfurt hat B. vielleicht seine glücklichsten Jahre verlebt. Erst jetzt konnte er sich mit seiner Familie dauernd vereinigen; er befand sich in seinen besten Mannesjahren, bewegte sich in einer anregenden Gesellschaft und war in eine Verantwortlichkeit hineingestellt, die seiner Befähigung entsprach, ohne daß die Last der Arbeit an ihm zehrte. In Frankfurt ist er durch die diplomatische Schule gegangen, die ihm noch fehlte; er kam mit den großen Fragen der Politik in unmittelbare Berührung und sah seine Hauptaufgabe darin, die volle Gleichberechtigung Preußens mit Österreich durchzusetzen, schon damals davon überzeugt, daß für zwei Großmächte in Deutschland kein Platz sei. Während des Krimkrieges (1854–56) mehrfach von seinen Freunden nach Berlin gerufen, befürwortete er nachdrücklich die Neutralität Preußens, für die sich dann auch die Regierung →Manteuffel schließlich entschied. In diesen Jahren löste er sich allmählich von der konservativen Parteiideologie und bekannte sich zu einer Interessenpolitik (Briefwechsel mit →Leopold von Gerlach).

Der Beginn der „Neuen Ära“, die der Prinz von Preußen als Regent für seinen erkrankten Bruder einleitete, hatte B.s Abberufung von Frankfurt und seine Ernennung zum Gesandten in Petersburg (23.1.1859) zur Folge. Noch galt er irrtümlich als ultra-konservativ und hatte durch zwei Unterredungen mit →Napoleon III. (1854 und 1857) das Mißtrauen des Prinzen erregt. Die Tätigkeit in Petersburg wurde durch eine zweimalige schwere Erkrankung, die hart am Tode vorbeiführte, für längere Zeit unterbrochen. Immerhin gelang es B., die traditionelle Freundschaft zwischen der russischen und preußischen Herrscherfamilie zu festigen; er lernte einen seiner wichtigsten Gegenspieler auf der politischen Bühne, den Fürsten Gortschakoff, richtig einschätzen und schrieb Berichte über die damalige innere Lage Rußlands, die zu dem Besten gehören, was darüber gesagt worden ist. Den französisch-österreichischen Krieg von 1859 verfolgte B. mit angespannter Aufmerksamkeit. In seinen verwegensten Träumen beschäftigte er sich mit der Möglichkeit, unter skrupelloser Ausnützung der österreichischen Bedrängnis die Verhältnisse in Deutschland zugunsten Preußens von Grund aus umzugestalten. Der Verfassungskonflikt in Preußen wegen der Militärreform machte ihm den Weg zur höchsten Verantwortung frei. Die Ernennung zum Gesandten in Paris am 22.5.1862 war schon als eine Übergangslösung gedacht. Ende Juli nahm er Urlaub. In Biarritz traf er mit dem russischen Diplomaten Fürst Orloff und dessen Gattin →Katharina zusammen; B. fühlte sich von der jungen und temperamentvollen Frau stark angezogen; er erlebte unvergeßliche Tage voller Romantik, unmittelbar bevor die Sorge um den Staat seine Kräfte voll in Anspruch nahm. Von dem preußischen Kriegsminister →Albrecht von Roon nach Berlin gerufen, fand er den →König zum Thronverzicht bereit, weil es ihm nicht gelungen war, die ihm am Herzen liegende Heeresreform gegen den Willen des Abgeordnetenhauses durchzusetzen. Da sich alle Minister verbraucht hatten, war B. die letzte Reserve. Der König mußte bei seinem Pflichtgefühl den Versuch wagen, obgleich ihm B.s dynamisches Wesen unheimlich war. In den Unterredungen vom 22. und 23.9. in Babelsberg hat er den König mit taktischem Geschick dahin gebracht, ihn nicht an ein festes Programm zu binden; er stellte sich unter Preisgabe konstitutioneller Sicherheiten wie ein Vasall dem Landesherrn zur Verfügung. Es war ein ungeschriebener Vertrag auf gegenseitige Treue, der Preußen bzw. Deutschland für fast drei Jahrzehnte eine überlegene politische Führung gab; aber in dieser Situation lag etwas Problematisches: alles war auf dieses einmalige Verhältnis zwischen König und Minister abgestellt, für eine freie konstitutionelle Entwicklung war kein Raum. Am 24.9. wurde B. interimistisch, am 8.10. endgültig zum Ministerpräsidenten und gleichzeitig zum Minister des Auswärtigen ernannt.

B.s Politik bis 1866 steht unter dem beherrschenden Gedanken, dem preußischen Staat diejenige Stellung zu gewinnen, die →Friedrich der Große angestrebt, aber noch nicht voll erreicht hatte: den Rang einer Großmacht, die hinter Österreich in keiner Hinsicht zurückstand. Hierzu bedurfte es eines in sich geschlossenen Staatskörpers; der preußische Staat mußte nach B.s Überzeugung über die Kräfte Norddeutschlands frei verfügen können. Der Verfassungskonflikt, dessen Verschärfung er anfänglich nicht wünschte, zwang ihm eine bestimmte Taktik auf. Er führte den kompromißlosen Kampf für die Rechte der Krone, für die Integrität der historischen Institutionen, er durfte daher dem preußischen bzw. dem deutschen Liberalismus auch auf außenpolitischem Felde keine Vorteile einräumen. Hinzu kam noch das Bestreben, die persönliche Macht zu behaupten, die in den ersten Jahren nicht so sehr vom Abgeordnetenhaus wie von einer Gruppe bedroht war, die, aus Mitgliedern der königlichen Familie mit ihrer internationalen Koburger Verwandtschaft, aus Beamten und Diplomaten bestehend, seine Politik mit Entschiedenheit bekämpfte. Die Bedeutung des Militärkonfliktes für die künftige Entwicklung läßt sich kaum überschätzen. Wieviele Fehler auch immer von der liberalen Opposition gemacht worden sind, wie sehr das Parlament seine Ansprüche übersteigerte, und betont werden muß, daß die Reform der preußischen Armee aus sachlichen Gründen notwendig war; hier stieß der autoritäre Militär- und Beamtenstaat mit den konstitutionellen Anschauungen einer neuen Zeit in erschreckender Deutlichkeit zusammen; das Mißtrauen der Fortschrittspartei, daß die Errungenschaften der Märzrevolution rückgängig gemacht werden sollten, war bei den in der Umgebung des Königs herrschenden Tendenzen durchaus nicht unbegründet. Der Ausgang war nur scheinbar ein Kompromiß, in Wahrheit eine Niederlage der zur Mitverantwortung drängenden bürgerlichen Kräfte, die nicht wieder gutgemacht werden konnte. Es gelang B., der Staatskrise durch seine außenpolitischen Erfolge die Spitze abzubrechen. Ein dämonischer Grundzug in B.s Handeln vor der Reichsgründung ist nicht zu übersehen. Es war eine revolutionäre Politik, die gelegentlich die Grenze überschritt, die dem Staatsmann in einer konservativen Monarchie gesetzt ist. Das wachsende Mißtrauen der auf dem Boden der christlichen Rechtsordnung stehenden Parteifreunde war nicht unberechtigt. Den Zeitgenossen erschien B.s Außenpolitik zunächst wie ein frivoles Spiel. Aber trotz des Risikos, das sie in sich schloß, war sie keinen Augenblick abenteuerlich, die Aussichten wurden von B. sorgfältig abgewogen, er war stets bereit, vor allzu starken Widerständen einen Schritt zurückzugehen. Er wußte, daß er angesichts der vielfachen europäischen Spannungen verhältnismäßig viel wagen konnte, daß er sich zur Durchsetzung preußischer Ziele auf die Krone, die Zuverlässigkeit der Armee und des Beamtentums, auch auf die Treue des flachen Landes zu verlassen vermochte. Bei dem ungestümen Tempo, in dem sich die Ereignisse vollzogen, konnte die Besorgnis des Auslandes gegen Preußen, das man ohnehin durch seinen inneren Konflikt als geschwächt ansah, nicht so rasch ansteigen, um automatisch eine allgemeine Intervention auszulösen.

Die so genannte Konvention Alvensleben vom 8.2.1863, in der B. Rußland unter bestimmten Umständen aktive Unterstützung bei der Niederwerfung des polnischen Aufstandes zusagte, verursachte allerdings erhebliche Beunruhigung in den westeuropäischen Hauptstädten; aber B. lavierte so geschickt, daß sich keine gefährlichen Konsequenzen ergaben, vielmehr ein preußisch-russisches Einverständnis begründet wurde, das sich in der kommenden Zeit noch als sehr nutzbringend erwies. Bei der Lösung der schleswig-holsteinischen Frage (1863–65) bewies B. vielleicht die größte diplomatische Meisterschaft seiner Regierungszeit. Er mußte im wahrsten Sinne des Wortes allein gegen den Strom schwimmen. Nicht nur liberalen, sondern auch konservativen Kreisen mußte es unbegreiflich erscheinen, daß er nicht die einzigartige Gelegenheit ergriff, Preußen an die Spitze der nationalen Bewegung zu stellen, um das tief gesunkene Ansehen dieses Staates wieder zu heben. Unberührt von den komplizierten Rechtsverhältnissen hat er von Anfang an die Angliederung der Herzogtümer an Preußen für das erwünschte Ziel gehalten, dieses aber nur von Etappe zu Etappe durchzusetzen versucht. Er mußte darauf bedacht sein, Preußen nicht wieder in die gefährliche internationale Isolierung hineinzumanövrieren, die 1848-50 bestanden hatte; er wünschte gleichzeitig zu verhindern, daß der deutsche Liberalismus und die deutschen Mittelstaaten einen außenpolitischen Gewinn zu verbuchen hatten. So hielt er zunächst am Londoner Protokoll von 1852 fest, in welchem die Großmächte zwar die Integrität des dänischen Staates garantiert, diesem aber auch gleichzeitig Verpflichtungen den Herzogtümern gegenüber auferlegt hatten. Nur so gelang es ihm, Österreich zum Mitgehen zu bewegen, so daß ihm dieses nicht in den Rücken fallen konnte; nur so war es möglich, den Deutschen Bund bzw. die deutschen Mittelstaaten lahmzulegen. Nachdem am 18.4.1864 preußische Truppen die Düppeler Schanzen erstürmt hatten, ging auf der Londoner Konferenz (Eröffnung 25.4.) B.s Rechnung auf; der dänische Nationalismus trieb ihm Wasser auf die Mühle, B. hatte wenigstens einen Vorwand, das Londoner Protokoll als erledigt zu betrachten, England unter →Palmerston erlitt eine schwere diplomatische Niederlage. Die Feindseligkeiten wurden wieder aufgenommen, der →Augustenburger Herzog schied als Thronkandidat aus, der Wiener Friedensschluß vom 1.8.1864 stellte die Herzogtümer Schleswig und Holstein unter die gemeinsame Verwaltung Preußens und Österreichs. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Besatzungsmächten konnten nur vorläufig im Vertrag von Gastein (14.8.1865) überbrückt werden.

Gleichzeitig drängte die deutsche Frage gebieterisch zu einer Lösung. B. steuerte nicht von vornherein planmäßig auf die bewaffnete Auseinandersetzung hin. Verhandlungen über einen friedlichen Dualismus waren ernst gemeint, ein Zusammengehen zwischen den konservativen deutschen Vormächten mußte ihm zu diesem Punkt erwünscht sein. Jedoch läßt sich die Frage aufwerfen, ob bei dem historisch gegebenen Antagonismus, bei der extremen Verfechtung des preußischen Machtegoismus ein anderer Ausgang wahrscheinlich war. Auf beiden Seiten wären zur endgültigen Befriedung große Zugeständnisse notwendig gewesen. Es standen sich ja nicht nur zwei Großmächte gegenüber; die beiden Wege, die die deutsche Geschichte in der Neuzeit eingeschlagen hatte, die übernationale und die nationale Konzeption, der|mitteleuropäische und der staatliche Gedanke durchkreuzten sich. Auch in der deutschen Angelegenheit hat B. von Anfang an ausschließlich das preußische Interesse vertreten, alle Bundesreformpläne, die von Österreich oder von den Mittelstaaten ausgingen, zu Fall gebracht; mit dem Abschied drohend verhinderte er es, daß König →Wilhelm dem Fürstentag in Frankfurt im August 1863 beiwohnte, so daß dieser zum Scheitern verurteilt war. Am 9.4.1866 legte B. am Bundestag ein Reformprogramm vor, das den liberalen und demokratischen Forderungen der Zeit weit entgegenkam: die künftige Volksvertretung sollte aus dem gleichen und allgemeinen Wahlrecht hervorgehen, eine Forderung, der Österreich als Nationalitätenstaat nicht zustimmen konnte. Am 14.6.1866 wurde der Bundeskrieg gegen Preußen erklärt. Die internationale Lage war soweit geklärt, daß von Rußland nichts zu befürchten war, Frankreich durch vage Versprechungen hingehalten wurde (Biarritzer Unterredungen mit →Napoleon III., Oktober 1865) und im April 1866 das Bündnis mit Italien zustande gekommen war. Bereits die Schlacht bei Königgrätz (3.7.) brachte die Entscheidung, die meisten deutschen Staaten waren trotz der Abneigung gegen Preußen nur zögernd in den Kampf gegangen. Bei den Friedensschlüssen mußte B. starke Widerstände überwinden. Der von Paris sofort einsetzende Druck und die Rücksicht auf die künftige Gestaltung der Beziehungen zu Österreich und Süddeutschland veranlaßten ihn, die vom König und den Militärs ausgehenden Annexionsforderungen abzulehnen. Nur diejenigen Staaten und Gebiete, die in der preußischen Interessensphäre lagen, wurden angegliedert: Hannover, Hessen-Kassel, Nassau, Schleswig-Holstein und Frankfurt. Hierbei zeigten sich allerdings gefährliche Konsequenzen der revolutionären Außenpolitik B.s. Die Beseitigung der alten Welfendynastie war vom monarchischen Standpunkt aus kaum tragbar, der russische Zar empfand das Bedenkliche dieses Schrittes lebhaft. Österreich schied ohne Gebietsverluste aus dem Bund aus, auch Sachsen und die süddeutschen Staaten wurden bewußt geschont. Mit den Friedensschlüssen war gewissermaßen der Höhepunkt, aber auch gleichzeitig der Abschluß der preußischen Geschichte erreicht. Der Weg Preußens hatte zur Vorherrschaft in Norddeutschland hingeführt. Die gesamtdeutsche Einigung ließ dagegen verschiedene Möglichkeiten offen. Hier erst begann die eigentliche Problematik.

Ob die Voraussetzungen, unter denen B. das Reich begründete, den dauernden Interessen Deutschlands und Europas entsprachen, ist daher heute mehr als je umstritten. Es wird die Frage gestellt, ob er den eigentlichen Auftrag der Geschichte begriffen habe. Der Raum, der dem deutschen Volk zum Leben zugeteilt war, schloß die Möglichkeit aus, alle Deutschen in einen Nationalstaat zu vereinigen; der übernationale Charakter des alten Reiches und auch des Deutschen Bundes war kein Zufall, eine föderalistische mitteleuropäische Lösung wäre den komplizierten Verhältnissen im Osten besser angepaßt gewesen. Es wird jedoch zu sagen sein, daß die Tendenzen der Zeit politisch, wirtschaftlich und ideologisch nach einer Konzentration der Kräfte hindeuteten, der nationalstaatliche Gedanke hatte in sich eine Selbstverständlichkeit und Folgerichtigkeit, der den mitteleuropäischen und großdeutschen Bestrebungen abging. Auch ein föderalistisches Gebilde konnte angesichts der liberalen und nationalen Zeitströmung, der industriellen und bevölkerungspolitischen Dynamik unter Umständen eine Kraft entwickeln, die von Deutschlands Nachbarn als eine noch größere Bedrohung emplunden worden wäre. Es war doch wohl so, wie es ein französischer Historiker formuliert hat, daß das kleindeutsche Reich noch gerade für das übrige Europa tragbar war. Eine andere Frage ist es freilich, ob nicht die durch B. angestrebte Überhöhung der preußischen Großmachtstellung bereits ein Anachronismus war und ob sich nicht bei elastischeren Methoden in irgend einer Form der Gedanke Gagerns vom engeren und weiteren Bund hätte entwickeln lassen.

Die Verfassung des Norddeutschen Bundes, an deren Vorbereitung B. starken persönlichen Anteil nahm, führte das allgemeine und gleiche Wahlrecht in einem Bund beschränkt souveräner Staaten ein, war aber deswegen zentralistischer als die Reichsverfassung von 1871, weil die norddeutschen Staaten, die ihm angehörten, keine Möglichkeit hatten, sich gegen das preußische Übergewicht durch Sonderrechte zu schützen. B., seit 14.7.1867 Bundeskanzler, hat den Prozeß der Weiterentwicklung der deutschen Einheit nicht künstlich beschleunigt; die vorwiegend preußischen Interessen waren zunächst befriedigt, Rücksichten auf das Ausland mahnten zur Vorsicht, Süddeutschland sollte Zeit gelassen werden, sich an die vollendeten Tatsachen zu gewöhnen. Aber durch die Aussöhnung mit einem großen Teil der Liberalen (Indemnitätsvorlage, 3.9.1866) sicherte er sich die Unterstützung der zur Einheit drängenden Kräfte. Das deutsch-französische Verhältnis trat in diesen Jahren in sein entscheidendes Stadium. Die preußischen Erfolge hatten das französische Sicherheitsbedürfnis sehr gesteigert. Eine|grundsätzliche Bereinigung der herrschenden Spannungen konnte nur auf dem Weg über große Konzessionen an Frankreich erreicht werden. Eine Zeitlang schien es so, als ob →Napoleon III. und seine Regierung die Verständigung einem für die Dynastie gefährlichen Kriege vorzögen. Auch der Botschafter des Norddeutschen Bundes Graf →Robert von der Goltz trat für den Ausgleich auf das entschiedenste ein. Es läßt sich schwer entscheiden, ob B. jemals ernstlich eine solche Lösung erwogen hat. Kompensierungen durch Belgien und Luxemburg standen zur Debatte. Das Endergebnis war schließlich, daß Frankreich nichts erhielt (Luxemburg-Krise, April 1867).

Spätestens seit 1868 hat B. eine bewaffnete Auseinandersetzung für unvermeidlich gehalten und im Geheimen die Kandidatur eines Hohenzollernprinzen für den spanischen Thron betrieben, die zwar kaum vorsätzlich den Krieg herbeiführen sollte, aber doch auf eine weitere Einengung der französischen Bewegungsfreiheit hinauslief. Die Entwicklung war eine andere als sich B. gedacht hatte. Das vorzeitige Bekanntwerden der Kandidatur, die Abneigung Wilhelms I., es über eine Familienangelegenheit zum Kriege kommen zu lassen, ließen einen diplomatischen Mißerfolg voraussehen. Erst durch weitergehende Forderungen der französischen Regierung kam B. in die Lage, zur Offensive überzugehen und durch die Redigierung der „Emser Depesche“, die nicht als eine Fälschung bezeichnet werden kann, →Napoleon III. unter dem Druck der öffentlichen Meinung zu zwingen, Preußen und damit Deutschland den Krieg zu erklären. B. beherrschte die ständige Sorge vor der Einmischung des Auslandes, als der Krieg gegen die französische Republik sich in die Länge zog. Am 10.5.1871 kam nach dramatischen Verhandlungen der Frankfurter Friede zustande, in dem Frankreich eine Kriegsentschädigung zahlen und auf Elsaß-Lothringen verzichten mußte. Es mag fraglich erscheinen, ob eine solche Forderung ohne die Zustimmung der Bevölkerung zweckmäßig war. Für B. bestimmend war die militärische Sicherheit, die, wie sich bald zeigen sollte, durch Bevölkerungszuwachs weit besser als durch Festungen garantiert wurde; vor allem hat sich der Besitz von Französisch Lothringen als Belastung erwiesen. Jedenfalls wurde ein hoher Preis für den Friedensschluß gezahlt. Niemals wieder sollte die deutsche Politik die volle Handlungsfreiheit zurückgewinnen, die noch Preußen besessen hatte; mit Frankreichs Zugehörigkeit zu einer feindlichen Gruppierung mußte fortan trotz vorübergehender scheinbarer Entspannungen als mit einer feststehenden Tatsache gerechnet werden.

Das Reich, das nach schwierigen Verhandlungen mit Süddeutschland, vor allem mit König →Ludwig II. von Bayern, dem wie Württemberg erhebliche Sonderrechte eingeräumt wurden, durch die Kaiserproklamation vom 18.1.1871 ins Leben trat, verzichtete von Anfang an bewußt auf universale Überlieferungen; die tausendjährige Gemeinschaft mit großen Teilen Österreichs war zerrissen. Als Hauptziel seiner Politik hat B. fortan die Behauptung und Sicherung des Gewonnenen angesehen. Mit Alterserscheinungen hatte das nichts zu tun. Diese Friedenspolitik beruhte vielmehr auf der Erkenntnis des Staatsmannes, daß die äußere wie die innere Situation des Reiches große Vorsicht gebot. Er hatte mit dem tiefen Mißtrauen des Auslandes zu rechnen, das in der Entstehung eines starken Nationalstaates in der Mitte Europas eine Störung des Gleichgewichts erblickte. Mit der Bildung von Koalitionen gegen Deutschland mußte fortan gerechnet werden. Auch aus innenpolitischen Gründen hielt B. eine möglichst lange Dauer des Friedens für unerläßlich. Das deutsche Nationalbewußtsein schien ihm angesichts der partikularistischen und zentrifugalen Strömungen noch nicht genug gesichert zu sein, um einen großen Krieg wagen zu können. Er war auch überzeugt, daß das Reich auch aus einem siegreichen Kampf keinen wirklichen Gewinn davontragen werde, daß es vielmehr nur die Zahl seiner Feinde vermehren und durch die notwendig werdende Übernahme fremdvölkischer Elemente sich selbst schwächen werde. Auch ahnte er den revolutionären Charakter jedes künftigen Krieges voraus. Seine Friedenspolitik war somit grundsätzlicher Natur, sie war keineswegs nur als taktischer Aufstieg gemeint, wenn B. die Möglichkeit eines Konfliktes auch im Auge behielt und sich diplomatisch und militärisch darauf vorbereitete. Der Gedanke eines Präventivkrieges lag ihm fern, da man der Vorsehung nicht in die Karten sehen könne. Nach dem Kissinger Diktat vom 15.7.1877 schwebte ihm eine Gesamtsituation vor, „in welcher alle Mächte außer Frankreich unserer bedürfen und vor Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden“; in den „Gedanken und Erinnerungen“ empfahl er eine Politik, nach der die anderen Staaten allmählich davon überzeugt werden sollten, daß die deutsche Hegemonie erträglicher sein werde, als etwa eine russische oder französische. B. legte daher bewußt dem jungen Reich das Gesetz der Selbstbeschränkung auf, erklärte es für territorial|saturiert, bekämpfte alle irredentistischen Bestrebungen der außerhalb des Staatsverbandes wohnenden deutschen Volksgruppen, vermied jede bloße Prestigepolitik und war bemüht, fremde Interessen so weit wie möglich zu achten. Er hatte kein starres System, er richtete sich nach den Verhältnissen. Auch wer der Meinung ist, daß der Staatsmann sich nicht über Recht und Sittlichkeit erheben darf, wird kaum finden können, daß B., wenigstens in der späteren Epoche, etwas anderes angestrebt hat als die Selbstbehauptung seines Staates, und wird zugeben müssen, daß die Ziele, die er verfolgte, dem Frieden Europas dienten.

Der negative Pol seiner Politik war die Isolierung Frankreichs, die er aber, als es sich im „Krieg in Sicht“-Jahr 1875 zeigte, daß die anderen Mächte keine weitere Schwächung Frankreichs dulden wollten, nur mit politischen Mitteln zu erreichen suchte. In kolonialen Fragen leitete er sogar in den achtziger Jahren unter Ausnützung der englisch-französischen Spannungen ein Zusammengehen ein, ohne daß er sich Illusionen über eine endgültige Befriedung hingab. Ein gutes Verhältnis zu Österreich und Rußland lag ihm in erster Linie am Herzen; es fehlte dabei nicht die Erkenntnis, daß die großen Monarchien ein Bollwerk gegen Umsturzgefahren darstellten. Vor allem war es ihm wichtig, das glimmende Feuer auf dem Balkan unter Kontrolle zu halten (Dreikaiserbündnis 1872). Die orientalische Krise (seit 1876) stellte allerdings die deutsch-russischen Beziehungen auf eine schwere Belastungsprobe; der Berliner Kongreß von 1878, auf dem B. als „ehrlicher Makler“ im Interesse des Friedens zwischen England und Rußland vermittelte, trug ihm keinen Dank ein. Das Bündnis mit Österreich, eine Antwort auf den bedenklichen russischen Stimmungsumschwung, war keine einseitige Option für Österreich, wohl aber die Anerkennung der natürlichen mitteleuropäischen Schicksalsgemeinschaft (1879). Das traditionelle Einvernehmen mit Rußland ließ sich jedoch nicht wieder herstellen. Als eine Erneuerung des Dreikaiserabkommens von 1884 nicht mehr möglich war, schloß B. 1887 mit Rußland den Rückversicherungsvertrag, der kaum die Annäherung des Landes an Frankreich auf die Dauer verhindert hätte, der aber notwendig war, um dem Reich die Abhängigkeit von Österreich zu ersparen und das gespannte österreichisch-russische Verhältnis zu überwachen. Die Kündigung dieses Vertrages im Jahre 1890, kurz nach B.s Abgang, erfolgte ohne zwingende Not und leitete die verhängnisvolle Isolierung nach allen Seiten ein.

Auch auf freundschaftliche Beziehungen zu England war B. stets bedacht, obgleich er für Geist und Wesen der britischen Politik nie ein rechtes Verständnis aufzubringen vermochte. Die Kolonialpolitik, die er nur ungern einleitete (Erwerbungen 1884/85), wurde von ihm unter dem Gesichtspunkt geführt, daraus keine dauernde Belastung für das deutsch-englische Verhältnis entstehen zu lassen. Die Annäherungsversuche an England 1879 und vornehmlich 1889 waren von der Überzeugung getragen, daß das Reich und Großbritannien in erster Linie an der Erhaltung des Friedens interessiert seien; gleichzeitig wollte er wohl damit den Wert der deutschen Freundschaft in den russischen Augen erhöhen. Wie weit B. damit eine grundsätzliche Neuorientierung anbahnte, läßt sich nicht eindeutig feststellen. Weitere Sicherungen wurden ständig eingebaut; 1882 Erweiterung des Zweibundes zum Dreibund mit Italien; 1883 deutsch-österreichisch-rumänischer Vertrag; 1887 Balkandreibund zwischen Österreich, Italien und England mit späterem Anschluß Spaniens; im gleichen Jahr Orient-Dreibund Österreich, Italien und England. Diese Abkommen hatten den ausschließlichen Zweck, durch die Schaffung von Querverbindungen nach Möglichkeit Konflikte auf dem Balkan und am Mittelmeer vorläufig, wenn nicht dauernd zu verhindern. Die Bedenklichkeit des aufsteigenden Nationalismus in allen Ländern hat B. rechtzeitig erkannt. Als er 1890 aus dem Amt schied, hatte das Reich seine Gefahrenzone noch nicht durchschritten; auch wären die auf die Erhaltung des europäischen Gleichgewichts berechneten Methoden B.s im Zeitalter der weltstaatlichen Entwicklung allein nicht mehr ausreichend gewesen. Jedoch hat der Kanzler die Gesamtlage stets überschaut und keine Möglichkeiten für die Zukunft verschüttet. Es war eine im besten Sinne europäische Politik. Er hatte sich in der internationalen Welt ein großes Kapital an Vertrauen erworben, bei seinem Abgang wurde ihm dies in überraschender Einmütigkeit bescheinigt. Grundsätzliche Bedenken lassen sich gegen seine innere Politik geltend machen. Es war doch nicht so, daß diese sich zwangsläufig von der Staatsraison her ergab, aus der gefährlichen Mittellage des Reiches, so daß die Notwendigkeit zur Zusammenfassung aller Kräfte B.s Abneigung gegen durchgreifende Reformen erklärt. Gerade die neuen Aufgaben, in die Deutschland hineinwuchs, verlangten, daß der auf kleinere und engere Verhältnisse berechnete Zuschnitt des innenpolitischen Lebens, vor allem in Preußen, sich der veränderten Welt anpaßte. Weil es|in Deutschland noch vielfach an Staatsgesinnung fehlte, mußte das Gefühl für Mitverantwortung gestärkt werden. In der Innenpolitik traten die Begrenzungen der B.schen Natur deutlicher in Erscheinung als in der Außenpolitik. Sein Machtwille ließ ihn gegen wirkliche und vermeintliche Gegner mit fragwürdigen Mitteln vorgehen. Bei der Behandlung seiner Mitbürger und der politischen Parteien hatte er keine glückliche Hand, da er für ihre Handlungen nur trübe Motive voraussetzte; für Prinzipien- und Überzeugungstreue besaß er kein Organ. In den Anschauungen der patriarchalischen Gutsherrschaft aufgewachsen, waren ihm die anders gearteten Lebensbedingungen in den großen Städten des Westens mit ihrer aufsteigenden Industriearbeiterschaft nicht recht vertraut.

Die Reichsverfassung (B. seit März 1871 Reichskanzler) unterschied sich von derjenigen des Norddeutschen Bundes hauptsächlich durch die Sonderrechte, die Bayern und Württemberg gewährt worden waren. Von einer völligen Gleichberechtigung der Bundesstaaten konnte bei dem Übergewicht Preußens nicht die Rede sein, obwohl B. großes Verständnis für die geschichtlich bedingte Verschiedenheit der Länder besaß. Mit feinem Takt hat er stets vermieden, im Bundesrat die preußische Hegemonie fühlbar werden zu lassen. Das allgemeine gleiche Wahlrecht war ein kühnes Experiment für die damalige Zeit, als Gegengewicht gegen den fürstlichen Partikularismus gedacht. Überdies war B. vom konservativen Grundcharakter der Landbevölkerung überzeugt; die Umwälzung, die sich im Zeitalter der Technik vollzog, stellte er nicht genügend in Rechnung. Die Verfassung war auf die überragende Stellung des Reichskanzlers zugeschnitten, in Personalunion mit dem preußischen Ministerpräsidenten verbunden. Im parlamentarischen Sinne war der Kanzler dem Reichstag nicht verantwortlich, für dessen positive Mitarbeit blieb nicht genügend Raum. Im ersten Jahrzehnt stützte sich B. auf die nationalliberale Partei. Seit 1878 erfolgte indes der große innen- und außenpolitische Umschwung. B. ging zum Schutzzoll über und zog wieder stärker die konservativen Kräfte heran, die bis dahin in grollender Opposition gestanden hatten. Die nationalliberale Partei spaltete sich; unbedenklich trug B. durch seine Taktik dazu bei, das liberale Gedankengut zu diskreditieren. Nach dem Ausscheiden Rudolfs von Delbrück übernahm B. von 1880-90 selbst das preußische Handelsministerium. Seine Leistungen auf diesem Gebiete waren bedeutend, seine persönlichen Erfahrungen als Leiter eines landwirtschaftlichen Großbetriebes kamen ihm dabei sehr zustatten. In der preußischen Verwaltung kam es zu Reformen (Kreisordnung 1871, Provinzialordnung 1875), eine Angleichung an die allgemeinen deutschen Verhältnisse erfolgte nicht, viele ungelöste Probleme blieben der Zukunft aufgespart.

Sobald es B. mit ihm unbekannten Tiefenkräften zu tun hatte, versagten seine Methoden. Die ihm gesetzten Grenzen zeigten sich vor allem im so genannten Kulturkampf (1873–87). B. hat diese Auseinandersetzung nicht mutwillig heraufbeschworen. Das Bedürfnis nach einer Abgrenzung zwischen der staatlichen und kirchlichen Sphäre entsprach dem Zeitgeist. Der Liberalismus hatte den Kampf ideologisch bereits längst begonnen. Den Staatsmann konnte die schwierige Situation in den Grenzgebieten mit Sorge erfüllen. Von konfessionellem Fanatismus war B. durchaus frei; das Staatsinteresse war für ihn allein bestimmend. Die Wege, die er mit der Maigesetzgebung von 1873 einschlug, für die er später nicht mehr verantwortlich zu sein wünschte, zeigten jedoch, daß er sich in Unkenntnis über das innerste Wesen der katholischen Kirche befand, wie er auch ebenso wenig die Eigengesetzlichkeit der evangelischen Kirche zu würdigen wußte, von der er in diesem Konflikt bedingungslose Unterstützung erwartete. Der große Realist brach dann allerdings sofort den Kampf ab, als er die Ausweglosigkeit einsah. Nach dem Tode →Pius' IX., der 1878 durch den friedlich gesinnten →Papst Leo XIII. abgelöst wurde, leitete er die Aussöhnung ein mit dem Ergebnis, daß bis 1887 so gut wie die ganze Kampfgesetzgebung abgebaut wurde. Es war keine Niederlage des Staates, die Grenzen waren genauer abgesteckt worden. Der angerichtete Schaden für den konfessionellen Frieden ließ sich aber sobald nicht wieder gutmachen.

Ebensowenig vermochte B. die soziale Bewegung in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken. Das Sozialistengesetz vom 19.10.1879, die Antwort auf zwei Attentate gegen den alten Kaiser, traf die sozialdemokratische Partei zwar schwer, konnte aber ihren kämpferischen Geist nicht brechen. Die seit 1881 eingeleitete Sozialgesetzgebung (Krankenversicherungsgesetz 1883, Unfallversicherung 1884), aus christlichem Verantwortungsgefühl und aus dem Erbe des aufgeklärten Absolutismus erwachsen, war in vieler Hinsicht vorbildlich. Das tiefer liegende Problem, die Einordnung des vierten Standes in den Staat, war damals bei dessen herrschaftlicher Struktur kaum zu lösen. Jedenfalls trat der von B. zunächst erhoffte staatspolitische Nutzen nicht ein, so daß er nicht geneigt war, den Arbeiterschutz noch weiter zu treiben. Hierüber ist es zum Konflikt mit Wilhelm II. und dessen Beratern gekommen. Im großen und ganzen hatte er sich am Ende seiner Regierung innenpolitisch ziemlich festgefahren. Es war ihm nicht geglückt, sich eine tragfähige Parlamentsmehrheit zu sichern, so daß er sich mit dem Gedanken eines legalen Staatsstreiches trug, der das Schwergewicht der Gesetzgebungsarbeit in die Landtage verlegt hätte. Der Aufbau einer berufsständischen Vertretung war in den Anfängen stecken geblieben.

B. hatte die Monarchie so sehr gestärkt, daß der junge Kaiser →Wilhelm II., nach der Tragödie →Friedrichs III. im Juni 1888 unerwartet auf den Thron berufen, nicht mehr willens war, den ihm unbequem gewordenen Minister weiter zu dulden. So mannigfach auch die Gründe waren, die B.s Sturz herbeiführten, die tiefere Ursache lag in einem persönlichen Machtkampf (Entlassung 20.3.1890). Er verlebte seine letzten Jahre in Friedrichsruh in persönlicher Verbitterung gegen den Kaiser (den ihm verliehenen Titel eines Herzogs von Lauenburg hat er nie geführt), in Sorge um den Bestand seines Werkes. Die Kritik am neuen Kurs brachte er in Reden, Gesprächen, vornehmlich aber durch die von ihm inspirierten Artikel in den „Hamburger Nachrichten“ nicht immer mit der notwendigen Zurückhaltung zum Ausdruck. 1894 kam es wenigstens äußerlich in Berlin zwischen dem Kaiser und B. zu einer Aussöhnung.

Es wird schwerlich je gelingen, eine so vielschichtige Persönlichkeit wie B. eindeutig zu erfassen. Vor einer künstlichen Harmonisierung der großen Gegensätze sollte man sich tunlichst hüten. Nichts jedoch ist falscher, als in ihm nur den skrupellosen Machtpolitiker zu sehen, den Mann von „Blut und Eisen“. Der Breite und Tiefe seines Menschentums wird eine so einseitige Beurteilung nicht gerecht. Seine „Briefe an Braut und Gattin“ gehören mit ihrer bildlichen Ausdrucksfähigkeit differenzierter Seelenvorgänge zu den schönsten Selbstzeugnissen, die wir besitzen. Freilich werden auch das dämonische Element, der Machtwille, der Zynismus und die sich immer mehr steigernde Menschenverachtung nicht zu übersehen sein. B. war historisch gründlich gebildet, ein Sprachkünstler von hohem Rang, als Redner und im Gespräch von sprühendem Geist und souveränem Humor; doch war für seine Entwicklung Deutschlands große literarische und philosophische Epoche, die noch in seine Jugend hineinreichte, von keinem bestimmenden Einfluß gewesen. Wenn seine Persönlichkeit trotz aller in seinem Wesen liegenden Widersprüche den Eindruck einer schöpferischen Einheit vermittelt, liegt es nahe, die ausgleichende Mitte in seiner Religion zu suchen. An der Aufrichtigkeit seines Glaubens ist nicht zu zweifeln, wenn dieser auch in den verschiedenen Lebensabschnitten manche Abwandlung erfahren hat. Für sein Selbstbewußtsein, sein Verantwortungsgefühl vor einer höheren Instanz, für sein kämpferisches Ethos war die Religion Voraussetzung und Rechtfertigung; für das volle Begreifen der christlichen Ethik, für Selbstüberwindung, Nächstenliebe und die Anerkennung objektiver Rechtsnormen war allerdings sein subjektiver Wille zu übermächtig. B. lebte jedoch ganz in der abendländischen Überlieferung; als Mitglied der preußischen Großgrundbesitzerschicht blieb er an ihre ideellen und materiellen Interessen gebunden. Seine Liebe zur Landwirtschaft und vor allem zum Walde lehrte ihn die Bedeutung des organischen Wachstums erkennen. Bei seinem angeborenen Herrengefühl wußte er zu viel von der Unbeständigkeit und Eitelkeit aller Dinge, um sich auch auf der Höhe seiner Macht zu Maßlosigkeit und gar Hybris verleiten zu lassen. Nimmt man hinzu, daß der preußische Staatsgedanke ihn in Zucht hielt und er noch überwiegend zur Diplomatie älteren Stiles gehörte, die ungeschriebenen Spielregeln beachtete und gegen alles Irrationale, Unberechenbare in der Politik ein instinktives Mißtrauen hatte, so erklärt sich jene erstaunliche Selbstbeschränkung, deren B. fähig war und die den Staatsmann vom Abenteurer unterscheidet. Obwohl in mancher Hinsicht zeitgebunden, in späteren Jahren sogar rückwärts gewandt, enthielt doch seine Staatskunst allgemein gültige Maximen, die er in großartiger Verdichtung in seinem Vermächtnis an die Nachwelt, in den „Gedanken und Erinnerungen“, niedergelegt hat.

2. Bernhard von Bülow

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B. studierte in Berlin, Göttingen und Kiel. Er trat in dänischen Staatsdienst, war Legationsrat (1842) und Geschäftsträger in den Hansestädten (1847) und 1850 Bundestagsgesandter für Holstein und Lauenburg. 1862 wurde er Staatsminister in Mecklenburg-Strelitz, 1867 Bundesratsbevollmächtigter für beide Mecklenburg, 1873 Staatssekretär des Auswärtigen Amts und 1876 preußischer Staatsminister ohne Geschäftsbereich. Dreimal während seines Berufslebens „Kollege“ →Bismarcks - am Bundestage, im Bundesrat und im Preußischen Staatsministerium -, hat B. ihm auch innerlich nahe gestanden. Als Staatssekretär des Auswärtigen Amts verwirklichte er die Arbeitsgemeinschaft mit dem Kanzler wie sonst nur noch der Sohn Graf Herbert; als er vorzeitig starb, war man wegen der Nachfolge lange in Verlegenheit. Sachlich handelt es sich um die schicksalsvollen Jahre, da es galt, die Stellung der neuen Großmacht im europäischen Konzert zu festigen, vom kürzlich abgeschlossenen Dreikaiserbündnis über die „Kriegsgefahr“ von 1875 und den Berliner Kongreß bis zur Option zwischen Rußland und Österreich-Ungarn. Auf dieser diplomatischen Wegstrecke begegnen wir B. als Stellvertreter des Kanzlers in einer selbständigeren Tätigkeit als dieser sie sonst seinen Mitarbeitern vergönnt hat; besonders während des großen Urlaubs des „Chefs“ 1877 trat B. auch im Immediatverkehr mit Wilhelm I. hervor. 1878 war er zweiter Vertreter des Reichs auf dem Kongreß; das Gemälde A. von Werners zeigt ihn in einer vielleicht zu selbstgefälligen Haltung, jedoch ganz in der ihm eigenen Würde. In dem schweren Ringen um die Ratifikation des Zweibundvortrages durch den aufs äußerste widerstrebenden Monarchen hat auch B. im Sinne →Bismarcks trotz innerer Zweifel einen Beitrag geleistet. Seine Wirksamkeit reichte jedoch weit über das Ressortmäßige hinaus. →Bismarcks Vertrauen beschäftigte und belastete ihn mit einer Fülle von Aufgaben auch der inneren Politik. B.s vermittelnde und ausgleichende Art in Verbindung mit seinem konservativen, streng höfischen Wesen machte ihn geeignet zum Gesandten des Kanzlers bei Wilhelm I., um dessen „Ideen“ zu erkunden und ihm Bismarcksche Ansichten beizubringen. Mehr diplomatischer Techniker als Staatsmann im höheren Sinne, war er doch von großer Einsicht und Klarheit. Keine Kämpfernatur, allem Extremen abgeneigt und, wie der ihn schätzende J. M. von Radowitz bemerkt, nie mit unabänderlichen Überzeugungen beschwert, vielmehr wandlungs- und anpassungsfähig, schritt der durch seine Heirat mit der Hamburger Patriziertochter sehr wohlhabend Gewordene - eine wohlequilibrierte Seele (Bismarck) - in ruhiger Stetigkeit die goldene Mittelstraße. Die Kaiserin Augusta achtete sein politisches und persönliches Treueverhältnis zu →Bismarck, für sie gehörte aber B. mit seiner feinen Art sich zu geben, seiner Kultur, im Grunde auch|seiner Weltanschauung in „ihre“, die Goethezeit. Das Verhältnis zu den Untergebenen war weniger harmonisch. Der Staatssekretär drängte die Vortragenden Räte von der Spitze ab, indem er alle Vortragssachen an sich nahm; besonders eine Persönlichkeit wie L. Bucher hat das schmerzlich empfunden.

3. Maximilian Prinz von Baden

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Nach humanistischer Ausbildung wurde M. preuß. Offizier; 1911 nahm er als Generalmajor seinen Abschied. Nach dem Tode des Ghzg. Friedrich von Baden (1907) wurde er designierter Nachfolger seines kinderlosen Vetters Friedrich II. und Präsident der Ersten Bad. Kammer. M. entwickelte lebhaftes Interesse an geistigen wie künstlerischen Strömungen seiner Zeit. Zu dem religiösen Schriftsteller und Erzieher →Johannes Müller, der später auf Schloß Elmau wirkte, trat er in freundschaftliche Beziehung. Nach dem Kriegsausbruch 1914 gehörte M. als Vertreter des Großherzogs dem Stab des Generalkommandos des XIV. Armeekorps an, dem die bad. Truppen unterstanden (zuletzt General d. Kav. à la suite). Die Unzufriedenheit mit seiner Stellung und seine schwache Gesundheit veranlaßten seine baldige Rückkehr in die Heimat. Im Oktober 1914 übernahm er den Ehrenvorsitz des Gesamtvorstandes des Bad. Landesvereins vom Roten Kreuz. Damit begann eine rege Fürsorgetätigkeit zugunsten der Kriegsgefangenen außerhalb wie innerhalb Deutschlands, wobei M. seine engen verwandtschaftlichen Beziehungen zum russ. wie zum schwed. Hof sowie Schweizer Verbindungen zu nutzen wußte und die Bemühungen des Weltbundes der Christl. Vereine Junger Männer (Y M C A) unterstützte, dessen amerikan.-deutscher Kriegsgefangenenhilfe er seit 1916 als Ehrenpräsident vorstand.

Seine Tätigkeit in der Gefangenenfürsorge, die ihn auch mehrmals in das neutrale Schweden führte, sowie sein liebenswürdiges, tolerantes Wesen verschafften M. das Ansehen einer weltgewandten, dem engen Nationalismus und der amtlichen Kriegspolitik distanziert gegenüberstehenden Persönlichkeit von geistigem und moralischem Rang. Dennoch einer breiteren Öffentlichkeit unbekannt, verdankte er seine spätere Ernennung zum Reichskanzler vor allem Kurt Hahn (1886–1974), der seit Frühjahr 1917 in der Militärischen Stelle des Auswärtigen Amtes tätig war. Hahn unterhielt auch Verbindungen zu Staatssekretär Wilh. Solf und einigen Reichstagsabgeordneten, wie dem Sozialdemokraten Eduard David und dem innerhalb der Fortschrittlichen Volkspartei einflußreichen Conrad Haußmann. David wirkte bereits Anfang Juli 1917 zugunsten einer Ernennung M.s zum Reichskanzler. Dieser bot sich – erfolglos – Anfang September 1918 Kaiser Wilhelm II. selbst an und verwies hierbei auf seine Verbindung zur Sozialdemokratie. Als sich Georg Graf v. Hertling zum Rücktritt veranlaßt sah, empfahl er, nach Rücksprache mit Vizekanzler Friedrich v. Payer (Fortschrittliche Volkspartei), M. dem Kaiser gegenüber als seinen Nachfolger. Doch erst auf dringendes Verlangen Haußmanns und auf Drängen des Verbindungsmannes der Obersten Heeresleitung zum Auswärtigen Amt, Oberst v. Haeften, vor allem Ludendorffs, kam die Berufung zum Reichskanzler am 3.10.1918 zustande. M. hatte seinen Parteigängern gegenüber bekannt, daß er eigentlich kein Politiker sei, daß er zwar für die Mitarbeit der Sozialdemokratie eintrete, aber eine fortschreitende Demokratisierung und Parlamentarisierung während des Krieges nicht befürworte. Eine Reform der Reichsverfassung und eine Beseitigung der Monarchie im Deutschen Reich schwebten ihm nicht vor.

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und die Oberste Heeresleitung hatten inzwischen die Absendung eines Waffenstillstands- und Friedensersuchens an den Präsidenten der Vereinigten Staaten verlangt und beim Kaiser wie im Reichskabinett durchgesetzt. M. bemühte sich um eine die deutschen Interessen wahrende Interpretation der „Vierzehn Punkte“ Präsident Wilsons. Der deutschen Friedensnote an den amerikan. Präsidenten folgten in den nächsten Wochen in den Antwortnoten Bedingungen, die vor Beginn der Waffenstillstandsverhandlungen, die erst am 7. November aufgenommen wurden, erfüllt werden mußten. In diesen 32 Tagen hat M. als Reichskanzler, ständig beraten von Kurt Hahn, dem Geh. Legationsrat Simons und Haußmann, mit den Vertretern der Mehrheitsparteien im Kreise des Kriegskabinetts, dem außer Vizekanzler Payer die aus den Parteien kommenden Staatssekretäre Gröber, Trimborn, Erzberger, Haußmann, Scheidemann und Bauer sowie der Staatssekretär des Auswärtigen, Solf, angehörten, folgenreiche Entscheidungen getroffen, die zu einem Teil durch die amerikan. Noten provoziert wurden, aber auch dem Programm der Mehrheitsparteien entsprachen. Hierzu gehörten die Einführung der parlamentarischen Verantwortlichkeit des Reichskanzlers und der Reichsregierung sowie des preuß.Kriegsministers, die letzte Entscheidung für das allgemeine, gleiche Wahlrecht in Preußen, die Ersetzung des Statthalters von Elsaß-Lothringen durch den aus dem Reichslande kommenden Straßburger Oberbürgermeister Schwander, die Ernennung eines elsäss. Zentrumsabgeordneten zum Staatssekretär für Elsaß-Lothringen und eine Reihe weiterer personeller Veränderungen. Bei der Verabschiedung des preuß. Kriegsministers General Hermann v. Stein und des Chefs des geheimen Zivilkabinetts Frdr. v. Berg am 7. Oktober wie bei der Entlassung des Generalquartiermeisters Ludendorff am 26. Oktober hat M.Zielbewußtsein und klare Einsicht in die Situation bewiesen. Er konnte sich auf die Hilfe Hahns stützen, der auch an der Ausarbeitung der Reden des Reichskanzlers Anteil nahm sowie an der Propagierung einer moralisch fundierten Politik, die als „ethischer Imperialismus“ eine schlagwortartige Bezeichnung fand. Eine umfangreiche Amnestie politisch Verurteilter, die u. a. →Karl Liebknecht die Freiheit wiedergab, wurde auf Verlangen sozialdemokratischer Politiker herbeigeführt. Die Zusammenarbeit von bürokratischen, militärischen und politischen Spitzen des Reiches mit den führenden Männern der größten Parteien und mit den Bundesstaaten war zwar nicht in jedem Punkte reibungslos, funktionierte jedoch, was keine unbedeutende Voraussetzung für den späteren Verlauf der revolutionären Umwälzung bildete.

Das feindliche Ausland hegte Mißtrauen gegenüber M., dem Angehörigen eines deutschen Herrscherhauses, was durch die Veröffentlichung eines Privatbriefes an den in der Schweiz lebenden Prinzen Alexander zu Hohenlohe-Schillingsfürst von Anfang 1918 verstärkt wurde: M. hatte sich kritisch zu einer Parlamentarisierung und ablehnend zur Friedensresolution des Reichstags geäußert. Als durch die dritte amerikan. Note die Abdankung des Kaisers zur Friedensvorbedingung gemacht zu werden schien, wandte sich M. am 1. November an die herrschenden Fürsten mit einer Anfrage, ob sie mit der Abdankung des Kaisers einverstanden seien; der Umsturz in den deutschen Staaten eine Woche später machte eine Antwort überflüssig. M., der auf eine Entscheidung des Kaisers drängte, hat schließlich in später Stunde dessen Abdankung am 8. November bekanntgegeben und gleichzeitig seinen eigenen Rücktritt dergestalt vollzogen, daß er am 9.11. die Obliegenheiten des Reichskanzlers dem Führer der stärksten Reichstagspartei, dem Sozialdemokraten →Friedrich Ebert, übergab, um den Übergang in eine neue Staatsordnung einzuleiten, die auch von den Kriegsgegnern respektiert wurde.

M. ist nicht als starker und entscheidungsmächtiger Reichskanzler in die Geschichte eingegangen. Doch seine verständnisvolle und tolerante Haltung gegenüber den treibenden Kräften hat ihn für einige Wochen, als die Bedeutung des Kaisers zu schwinden begann, zur unentbehrlichen Persönlichkeit an der Spitze der politischen Führung des Reiches werden lassen. Durch ein engeres Zusammenwirken der künftigen tragenden Mehrheit des Reichstags und ihren Parteien mit den militärischen und administrativen Organisationen und Institutionen der Monarchie konnte der Übergang zu einer neuen politischen Ordnung eingeleitet werden.

Nach seinem Rücktritt vom Reichskanzleramt zog sich M. aus der Politik zurück. Auf Schloß Salem widmete er sich nun seinen erzieherischen Idealen.

Zusammen mit Kurt Hahn gründete er die bald weltweit berühmte Schloßschule Salem, die zur Heranbildung einer neuen Elite in Deutschland beitragen sollte. Die Salemer Grundsätze, die auf der Erziehung zur Selbstkontrolle und zur Gemeinschaft basierten, fanden später auch außerhalb Deutschlands Nachahmung. Wie Hahn sah M. eine wichtige Aufgabe der Pädagogik im Bemühen, Fähigkeiten der Kindheit – wie Vitalität, Bewegungsfreude, Neugier und Mitgefühl – über die Pubertät hinaus zu erhalten. Auch an den schriftstellerischen Arbeiten M.s, die schließlich in einem Erinnerungswerk ihren Abschluß fanden, hatte Hahn großen Anteil.

4. Robert Julius Spies

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1819 – 1897

Großkaufmann, Fabrikant

Robert Spies gründete 1847 das Handelshaus Robert Spies, das bis 1914 existierte. Um 1845 hatte er in St. Petersburg den Importhandel mit Indigo und anderen Waren aufgenommen und gehörte von 1857 bis 1863, möglicherweise noch bis Anfang der 1870er Jahre, zu den zehn größten Importeuren in Russland. Nach der Verlegung des Firmensitzes nach Moskau investierte er in großem Stil in die Kiewer Zuckerindustrie, ab 1869 in die Zigaretten- und Textilfarbenindustrie. 1881 liquidierte er seine Firmen und zog sich nach Dresden zurück.

Spies absolvierte nach einer einfachen Schulausbildung seit ca. 1835 eine Lehre bei dem Textilkaufmann Julius Möller in Elberfeld (heute Wuppertal-Elberfeld), dann in der Webschule in Lyon. Seit 1840 war er bei der Seidenweberei Andreae in Mülheim an der Ruhr tätig, für die er durch Europa reiste, und wechselte bald nach Verviers (Provinz Lüttich, Belgien) in das Indigohandelsgeschäft Hermann Peltzer & Söhne, für das er 1845 nach St. Petersburg ging, um Indigo nach Russland zu importieren. 1847 wurde er russischer Staatsbürger und gründete das Handelsunternehmen Robert Spies in Moskau, 1856 mit Wilhelm Stucken (1820–1895)die Firma Stucken & Spies, die auch andere Farbstoffe sowie Baumwolle und Rohzucker nach Russland importierte. 1856 wurde er Mitglied der 1. Gilde, der höchsten der drei Moskauer Kaufmannsgilden. Mitte der 1850er Jahre integrierte sich Spies geschäftlich, gesellschaftlich und familiär in den Kreis der führenden deutschen Kaufleute in Moskau, aus dem u. a. die Familien, Knoop, Wogau, Mark und Rabeneck herausragten. 1866 wurde er Erblicher Ehrenbürger, d. h. Mitglied der noch über der 1. Gilde stehenden höchsten kaufmännischen Steuerklasse. In Moskau und St. Petersburg engagierte er sich für Angelegenheiten der evangelisch-reformierten Kirche, den Deutschen Wohltätigkeits-Verein, den Evangelischen Hilfsverein und den Verein zur Unterstützung mittelloser Deutscher Reichsangehöriger. Er leistete 1868 und 1874/76 drei große Spenden für den Bau des Armenhauses und den Wiederaufbau der Lutherischen Kirche in Moskau.

Spies‘ Firma war im Import- und Exporthandel aktiv und gehörte seit 1855 zu den fünf größten Außenhandelsfirmen Russlands. 1856 betrug der Umsatz 130 000 Rubel, stieg auf 3,2 Millionen Rubel und erreichte 1858 mit 4,3 Millionen Rubel einen Höhepunkt, womit das Unternehmen führender Importeur nach Russland wurde. Bis 1863 lagen die Umsätze konstant zwischen 2 und 4 Millionen Rubel, Hauptimportwaren waren Farbgrundstoffe wie Cochenille, Indigo und Krapp, ferner Rohbaumwolle, Textilien, Rohseide, Tabak und Tee. Im Export überwogen Rohstoffe wie Leinen, Wolle, Pottasche und Hanf, außerdem Nahrungsmittel wie Butter und Getreide; zusätzlich betrieb das Unternehmen russischen Binnenhandel.

Ab Mitte der 1870er Jahre ging der Handelsumsatz zurück, seit Ende der 1860er Jahre wandte Spies sich zunehmend der Industrieproduktion zu: Er errichtete eine Krappmühle in Derbent (Dagestan, Russland) und investierte in die zuckerverarbeitende Industrie in der Ukraine. Bis Ende der 1870er Jahre waren Stucken & Spies dort führend und betrieben fünf große Zuckerraffinerien mit einem jährlichen Umsatz von 2,5 Millionen Rubel. In der zweiten Hälfte der 1870er Jahre verkaufte Spies wegen der sinkenden Konjunktur der Branche seine Anteile. 1868 erwarb er die Gesellschaft der Rotfärbereifabrik Franz Rabeneck in Bolschewo (bei Moskau), 1869 die 1852 von Joseph von Huppmann del Valbella (1814–1897) gegründete Zigarettenfabrik Laferme in St. Petersburg, die er 1870 in eine Aktiengesellschaft umwandelte und die sich zügig zur größten Tabakfabrik Russlands entwickelte. Das Unternehmen hatte Filialen in Warschau, Odessa und Dresden, die Gewinne daraus vergrößerten das Vermögen der Familie beträchtlich. 1870 war Stucken & Spies Mitgründer der Moskauer Diskonto Bank und der Russischen Bank für Auswärtigen Handel. Spies wurde 1870 Vorstandsmitglied des Moskauer Börsenkomitees, gewählter Vertreter der Kaufmannsgesellschaft und Mitglied des Staatsbankkomitees. 1878 schätzte die Londoner Handelsbank Kleinwort & Co. das Unternehmen Stucken & Spies auf 1 Million Rubel Kapital.

1872 wurde Spies deutscher Staatsbürger und deutscher Konsul in Moskau. 1873 nahm er seinen Neffen Ernst Spies (1849–1917) in die Firma auf, der zusammen mit Spies’ ältestem Sohn Leon (1858–1921) das Geschäft mit wenig Erfolg führte. 1881 liquidierten Spies und Stucken ihr Unternehmen, Spies übernahm Stuckens Anteile an den Gesellschaften Laferme und Franz Rabeneck. Er übersiedelte im selben Jahr nach Dresden, wo er sich um die dortige Filiale der Tabakfabrik Laferme kümmerte. Seine Unternehmen wurden von Ernst Spies und ab 1890 zunehmend von seinen Söhnen Albert Spies (1859–1929), Leon und Georg Spies (1861–1926) fortgeführt und ausgebaut. Ernst Spies blieb noch bis 1914 in Moskau, im Ural und in Odessa tätig.

5. August Bebel

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B., als Soldatenkind in einer Festungskasematte geboren, nach dem frühen Tod des Vaters in sehr bedrängten Verhältnissen zu Wetzlar aufgewachsen, erlernte nach dem Besuch der Armen- und Bürgerschule das Drechslerhandwerk. Von schwächlicher Konstitution, aber geistig ungeheuer regsam und lernbegierig, kam B. nach seinen Wanderjahren als Handwerksgeselle, die ihn durch Süddeutschland führten, 1860 fast zufällig nach Leipzig. Das wurde für ihn entscheidend. Diese Stadt war damals eine Mitte der|sich regenden Arbeiterbewegung mit liberalen Vorzeichen und ausgesprochenen Bildungstendenzen: Der junge B. nahm daran lebhaftesten Anteil, ab 1865 als Vorsitzender des Arbeiterbildungsvereins. Der preußische Verfassungskonflikt und Ferdinand Lassalles Auftreten politisierten die Atmosphäre: B.s politischer Beginn steht in der Gegnerschaft zu Lassalle - er vollzieht sich im Rahmen des Verbandes der deutschen Arbeitervereine, einer Schöpfung linksbürgerlicher Politiker, aber er führt dann, in der mit sozialistischer Theoretik und erster sozialpolitischer Praxis erfüllten Zeitspanne (Anfang der gewerkschaftlichen Organisation) zur Verselbständigung. 1867 wird der junge B. in den Norddeutschen Reichstag gewählt, als Vertreter der „Sächsischen Volkspartei“, neben ihm →Wilhelm Liebknecht; diese improvisierte Parteibildung mochte als sächsischer Demokratismus gegen →Bismarcks Militärpolitik erscheinen. Sie war nur kurzer Durchgang. Unter Liebknechts Einfluß vollzog sich B.s Entscheidung für die Marxschen Thesen, die das geistige Fundament der 1869 von B. in Eisenach mitbegründeten Sozialdemokratischen Partei wurden. Er blieb, dem „Intellektuellen“ Liebknecht rednerisch und in der geistigen Elastizität überlegen, bis zu seinem Ende ihr trotz mannigfacher interner Spannungen unbestrittener Führer, zumal im Reichstag, dem er ununterbrochen angehörte: bis 1877 für Glauchau-Meerane, bis 1883 für Dresden, dann für Hamburg. Als Drechslermeister führte er ein mühsames berufliches Leben - jene Zeit kannte noch nicht die Aufwandsentschädigung für Parlamentarier - erst seine späteren schriftstellerischen Arbeiten verhalfen ihm allmählich zu einiger Unabhängigkeit. An politischen Verfolgungen, zumal in der Frühzeit, fehlte es nicht; neben mehrfachen Gefängnisstrafen (Majestätsbeleidigung) steht der berühmt gewordene Hochverratsprozeß aus dem Jahre 1872, der B. und Liebknecht für zwei Jahre in die Festung brachte - er war angestrengt worden wegen des irgendwie greifbaren sozialistischen Broschürenmaterials und brachte B. wegen seiner dürftigen Begründung über seine Anhänger hinaus die Volkstümlichkeit des Märtyrers und zugleich die Muße von einem verhetzten Leben, die er zur ernsthaften Weiterbildung nutzte. Es hat etwas Großartiges und zugleich Rührendes, wie er das Gelernte weiterzugeben und zu gestalten bemüht war, so in den Schriften über den „Bauernkrieg“, über die „Frau und der Sozialismus“. Dieses Buch vor allem, 1883 erschienen, in Zehntausenden aufgelegt, in viele Sprachen übertragen, ist wichtig geworden, weil es, die Gesetze des „historischen Materialismus“ als gegeben nehmend, mit einer im Einzelstück rationalistisch argumentierenden Phantasie doch wieder zur Utopie kommt, die Marx verlassen zu haben glaubte.

B. war mit dem gesprochenen Wort stärker als mit dem geschriebenen, mit seiner metallenen Stimme, die zu dem fast zierlichen kleinen Körper seltsam kontrastierte, eine rednerische Naturbegabung von höchstem Rang. In seinen Schriften steckt die gelegentlich pedantische Heftigkeit des Überredens, doch weicht sie in seinem Erinnerungsbuch einer ruhig gewordenen, manchmal schier behaglichen Gelassenheit. Die Bedeutung des Mannes mit seiner Typen und Gesinnungen bildenden Kraft für die sozialistische deutsche Arbeiterbewegung kann kaum überschätzt werden, im Positiven und im Negativen. Was ihm fehlte, war das Organ für die Kraft des Religiösen oder Metaphysischen, das ihm eben nur, im vereinfachten Schema, als gesellschaftliche Spiegelung erschien, bemerkenswert aber daneben der gegen alle theoretische Ansage wachsende Sinn für realistische Staatlichkeit: Der Soldatensohn lehnte den Militäretat ab, kämpfte aber für verständige Kriegsmonturen. Der Utopist erwartete mit Ungeduld den großen sozusagen gesetzlichen Wandel der Gesellschaft, arbeitete sich aber zugleich mit Geduld in die sozialpolitischen Spezialfragen ein, durch deren legislative Beantwortung die Lebenslage einer Arbeitergruppe gebessert werden könne. Er stellte sich wütend gegen den „Revisionismus“, der, von wichtigen Gewerkschaftsführern sachlich unterstützt, dem „Erfurter Programm“ seine Buchstabengültigkeit rauben wollte, er tat dies, um die Einheit der Partei zu sichern, zugleich aber begegnete er den theoretischen Gegnern in den gemeinsamen Einzelentscheidungen, und seine letzten Jahre waren, aus außenpolitischen Sorgen, gegen den doktrinären Radikalismus gewandt, den die eigene Lebenserfahrung hinter sich gelassen hatte. Persönlich liebenswürdig, uneitel und um seines reinen Menschentums willen auch bei den nicht böswilligen Gegnern geachtet, konnte er in seinen Kampfjahren leidenschaftlich wie ein Vulkan ausbrechen, wo er Unrecht und Gewalt witterte. Darin versank das Dogmatische, das er erlernt und geglaubt hatte.

6. Heinrich Mann

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M.s literarische Begabung zeigte sich auf einer Reise des Dreizehnjährigen nach St. Petersburg 1884, über die er ein Tagebuch führte. 1885 begann er mit erzählerischen, 1887 mit poetischen Versuchen. 1889 verließ er das Lübecker humanistische Gymnasium Katharineum mit dem Zeugnis der Unterprima. Er trat im selben Jahr eine Buchhandelslehre in Dresden an, die er bald abbrach. 1890/91 volontierte er im S. Fischer Verlag, Berlin, und hörte Vorlesungen an der Universität. Prägend wurde für sein Schaffen die Auseinandersetzung mit den literarischen Schulen des Naturalismus und Impressionismus.

Nach dem Tod des Vaters und der von diesem testamentarisch verfügten Liquidierung der Firma Johann Siegmund Mann 1891 begann M. – finanziell unabhängig – seine Laufbahn als freier Schriftsteller. Er veröffentlichte erste Rezensionen in den Zeitschriften „Die Gesellschaft“ und „Die Gegenwart“. Damit war er zu eine Zeit lebhaftester weltanschaulicher Debatten ins literarische Leben eingetreten. Er öffnete sich Hermann Bahrs Kritik am Naturalismus sowie dem Psychologismus Paul Bourgets. Bestimmend für ihn wurden auch erkenntnistheoretische Erörterungen Emil Du Bois-Reymonds, die sich gegen das kausalmechanische Weltbild des Positivismus richteten. 1893 erfolgte die Übersiedlung mit der Mutter und den Geschwistern nach München; M. hat seither seine Vaterstadt nicht wieder besucht. 1892-98 hielt er sich allerdings meist in Italien (vor allem in Rom) auf – 1896-98 mit seinem Bruder →Thomas – und begann seinen ersten, psychologisierenden Roman „In einer Familie“, dessen Druck 1894 die Mutter finanzierte. Die Figurenkonstellation orientiert sich im wesentlichen an der von Goethes „Wahlverwandtschaften“. 1895/96 war M. als Nachfolger →Friedrich Lienhards Herausgeber der konservativen Monatsschrift „Das Zwanzigste Jahrhundert, Blätter für deutsche Art und Wohlfahrt“. Seine eigenen Beiträge darin boten einen Querschnitt offiziöser, ja offizieller Meinungen des kaiserl. Deutschlands. Die Mittelstandspolitik des preuß. Finanzministers →Johs. v. Miquel, →Nietzsches Antisozialismus, →Frdr.Naumanns Rechtfertigung des Krieges durch die christliche Religion, der Antisemitismus des Berliner Hofpredigers →Adolf Stoecker, die völkische Überhebung der „Alldeutschen“ waren in ihr ebenso zu finden wie die Vorstellungen →Heinrich v. Treitschkes, der mit seinem|Eintreten für Hohenzollernverehrung, Militarismus und Antiparlamentarismus, seinem Rassendünkel und seinem irrationalen Schicksalsglauben eine Summe des Ganzen gab. Alle diese Themen hat M. bald als Material der Satire in seinen gesellschaftskritischen Romanen verwandt.

M.s erster Roman war – nach der von Bourget aufgestellten Romantypologie – als „roman de caractère“, der Analyse des Innenlebens, der Moral, der „Décadence“ ausgeführt. Diese Analysen führte M. nicht, wie ursprünglich geplant, weiter. Er richtete vielmehr seine Aufmerksamkeit auf die klassischen Traditionen des franz. Romans: die plastischen Darstellungen Daudets und Maupassants erschienen ihm zuerst als Gegenbeispiele einer nicht durch Reflexion und psychologische Analyse aufgelösten Erzählweise. Flaubert trat hinzu, seit 1896 Balzac und gegen 1900 Anatole France: sie alle sind Vertreter des in der Romantypologie von Bourget sogenannten „roman de moeurs“, des Abbilds der „vie extérieure et sociale“. Diesen Vorbildern schloß sich M. nun an. Nahm er im „Zwanzigsten Jahrhundert“ den franz. „Preßroman“ noch als Beleg für die Machtstellung der „jüdischen Zeitungsbesitzer“ mit dem Bedauern, „daß sich in Deutschland die höhere Erzählkunst noch kaum der Judenfrage angenommen“ habe, so wirkte nun seine Lektüre von Maupassants „Bel Ami“ besonders auf den Entwurf seines zweiten Romans „Im Schlaraffenland, Ein Roman unter feinen Leuten“ (1900) und mag dazu beigetragen haben, daß der Entwurf dieses deutschen „Preßromans“ der älteren Konzeption der „Göttinnen“ (1903) vorgezogen wurde. „Im Schlaraffenland“ ist formal ein Gegenstück zu „In einer Familie“. Mit seiner Fülle von Figuren aus unterschiedlichsten sozialen Milieus ist in ihm zum erstenmal im Werk M.s eine mächtige Gesellschaftspyramide aufgeschichtet. Auch andere Mittel, die seither M.s Erzählkunst bestimmen, sind hier ausgebildet: ein unter den Figuren anwesender Erzähler des Romans, dramatische Szenenführung, scharfe Schnitte zwischen den Szenen, weite Dialogpartien. Inhaltlich wird die „Kritik von rechts“, die M. im „Zwanzigsten Jahrhundert“ an der Gesellschaft geübt hatte, mit den ideologischen Mitteln eines romantischen Antikapitalismus, der sich vornehmlich gegen die jüd. Großbourgeoisie richtet, fortgesetzt. Dabei werden sämtliche Konventionen und Einrichtungen der Gesellschaft satirisch entwertet und verneint; Positionen sind im „Schlaraffenland“ nicht erkennbar. Die Satire umgreift auch Kunst und Literatur und unterzieht sie als Objekte der „feinen Leute“ der Abwertung.

Wesentlich für M.s Entwicklung wurde in diesen Jahren die Lektüre der Schriften von Nietzsche und →Georg Brandes. Nietzsches europäisch gesinnte und speziell anti-preußische, anti-reichsdeutsche Kulturkritik, auf deren politische Akzente er durch Brandes' Vorlesungen und den auf sie folgenden Aufsatz über Nietzsche hingewiesen worden war, bestimmte M.s Kritik am deutschen Bürgertum bald nach Abschluß seines ersten Romans. Diese Kritik umschließt Themen, die er bis in sein Spätwerk in vielen Variationen bearbeitete: die Künstler und Komödianten sowie besonders – vermutlich angeregt durch →Wilhelm II. – die wesenlosen, leeren Nachahmer in Gesellschaft und Geschichte, die „Bösen“ (als solche figurieren im Spätwerk auch Hitler, →Wagner und →Sacha Guitry in „Ein Zeitalter wird besichtigt“, ebenso →Friedrich II. in „Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen“). Auch Nietzsches aus der Ablehnung des Historismus erwachsener Geschichtsrelativismus hat vorübergehend auf M.s Geschichtsbild eingewirkt. Folgenreicher war allerdings für M. die ihm durch Brandes und die Franzosen Bourget und Taine vermittelte Kenntnis von Hegels Geschichtsphilosophie, die, um ihren Idealismus verkürzt und auf ein Triadenschema historischer Entwicklung beschränkt, von Anfang an Nietzsches Einflüssen relativierend entgegentrat und sich auf die Gliederung der Kaiserreich-Romane ausgewirkt hat. M. hatte sich die Bausteine seines Welt- und Menschenbildes vor der Jahrhundertwende angeeignet. Der Entwurf eines radikal demokratisch-republikanischen Gesellschaftsbildes, Grundlage seines späteren literarischen Schaffens und politischen Engagements, stand noch aus. Zunächst arbeitete er die gewonnenen negativen Einsichten in die Gesellschaft mit äußerster Konsequenz durch.

„Vorerst habe ich, wie Sie verstehen werden, die landläufigen Bürger satt“, schrieb M. nach Abschluß des „Schlaraffenlandes“ an seinen Münchner Verleger →Albert Langen (2.12.1900). In der Romantrilogie „Die Göttinnen“ (1903) flüchtete er sich in den Gestus des enttäuschten Romantikers, der der negativ erlebten Gesellschaft sein Ideal als unerfüllbaren Traum entgegenstellt. Angeregt von Bourget, d'Annunzio und Flaubert („Salammbô“) und durch gewisse damals lebendige Vorstellungen des „Renaissancismus“ – einer fragwürdigen gründerzeitlichen|Renovatio aus Sage, Mythos und dekorierter Antike – steigerte M. seine Gesellschaftsfeindlichkeit und Antibürgerlichkeit zum Affekt, der seine Begründung im Ästhetischen suchte. „Bürger“, so bekennt die Hauptfigur der „Göttinnen“, die Herzogin von Assy, „so nenne ich alle, die häßlich empfinden und ihre häßlichen Empfindungen obendrein lügenhaft ausdrücken“. Der in sechs Monaten niedergeschriebene, im selben Jahr erschienene Roman „Die Jagd nach Liebe“ (1903) transponierte den Ästhetizismus in das München der Jahrhundertwende mit seinen Boden- und Bauspekulationen, mit seinen Malerzirkeln der „Schlawiner“ und „Sezessionisten“, mit seinen höfischen Schaustellungen. Allein, das gesamte zeit- und kulturkritisch verwertete Material vermochte dem kärglichen Gehalt einer folgenlosen Liebesgeschichte, die zudem kolportagehaft Erfahrungen der Schwester Carla benutzte, nicht aufzuhelfen. Sein Bruder Thomas war von „dieser Fratzenwelt der krassen Effekte“ abgestoßen und mutmaßte, „die Begierde nach Wirkung“ habe M. „korrumpiert“ (5.12.1903). Der erste große, zu dieser Zeit noch ästhetisch-literarisch begrenzte Konflikt der Brüder war damit ausgebrochen.

Das formstrengste Werk dieser Jahre war M.s Novelle „Pippo Spano“, die Geschichte vom Versagen eines „steckengebliebenen Komödianten“: Die Umwertung von Nietzsches Renaissance-Ideal zum Requisit der Maskerade eines Literaten, der sich als Condottiere empfinden möchte, war ein Ausdruck für M.s einsetzenden Anschauungswandel. Er begann, die Ausweglosigkeit affektiver Negationen zu begreifen. Eine autobiographische Notiz spricht von der völligen Isolation, in der er sich befand und in der er dahin gelangte, „sein Wirkungsbedürfnis einzuengen, es an einem Einzigen auszulassen; wodurch es gewinnt an Heftigkeit“ (1904).

Im Herbst 1904 verfaßte M. den Roman „Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen“ (1905), dessen Filmversion „Der blaue Engel“ ihm 25 Jahre später Weltruhm brachte (Drehbuch →Carl Zuckmayer, Regie →Josef v. Sternberg, mit Marlene Dietrich, →Emil Jannings u. a.). Mit der Schulgeschichte dieses Romans, in der er Schlußpartien der „Buddenbrooks“ über Hanno nutzt, übt M., wie auch →Wedekind, →Musil, →Robert Walser und →Hesse, Kritik am bürgerlichen Schuldrill. Wenn Professor Rat schließlich seine Stimme der SPD gibt, um „den Widerstand einiger in allgemeiner Anarchie zu begraben“, so ist dies eine negative politische Motivation. Dieser Aspekt der „Macht“, den M. später in ausgeschiedenen Passagen seiner Memoiren „Ein Zeitalter wird besichtigt“ (1945) dem Werk als wesentlich zuschreibt und der auch den Untertitel des Romans bestimmt, wird im Film allerdings zugunsten der Liebesgeschichte vernachlässigt. Während M. noch an diesem Roman arbeitete, legte er in einer Zuschrift an →Maximilian Harden, den Herausgeber der Zeitschrift „Die Zukunft“, sein frühestes Bekenntnis zur parlamentarischen Republik ab; gleichzeitig verurteilte er den deutschen Machtstaat: Dieser werde als „geschickte Tyrannei“ zwar „fette Untertanen“, aber „immer nur Untertanen“ hervorbringen. Zwei Jahre später begann er Materialien zu seinem berühmtesten Roman „Der Untertan“ zu sammeln. Mit diesem Begriff der anarchisch zu stürzenden „Macht“ hatte M. sich die eine, die negative Seite seines gegensätzlichen Begriffspaares „Macht/Geist“ geschaffen. Seinem „Geist“-Begriff versuchte er im folgenden Roman „Zwischen den Rassen“ (1907) Gestalt zu geben: Während die „Macht“ stets „das Bestehende“ vertritt, ist ihr Gegensatz, der „Geist“, stets auf die Revolutionierung der bestehenden Verhältnisse gerichtet. „Zwischen den Rassen“ enthält ein glühendes Bekenntnis zu Rousseau und zur „ungeheuren Güte der Demokratie, ihrer Kraft, Würde zu wecken, Menschlichkeit zu zeigen, Frieden zu verbreiten.“ Aber das blieben Absichtserklärungen; die erzählerische Gestaltung der zugrundeliegenden Fabel, einer italienischen Ehetragödie, die 1906 als „Der Fall Murri“ die europäische Presse beschäftigte, ist nicht gelungen. M.s intellektuelle Entwicklung bewegte sich jedoch immer stärker auf die aus dem Gegensatz „Macht/Geist“ zu entwickelnde Synthese zu, die in dem Grundsatz enthalten ist: „So sei der Politiker Geist und der Geistige handle“ (Geist und Tat, 1910).

1909 erschien der Roman „Die kleine Stadt“, ein nicht nur seines demokratischen Gehalts, sondern auch seiner Form wegen in der deutschen Literatur einzig darstehendes Werk. Ein Personal von mehr als hundert Figuren, jede psychologisch und gestisch durch charakteristische Details plastisch gezeichnet, wird im Italien nach dem Risorgimento auf dem engen Raum des Marktes, der Cafés, des Domes und eines alten Palastes der „kleinen Stadt“ – zu der Palestrina südlich von Rom, der Aufenthaltsort von →Heinrich und →Thomas Mann 1896–98, das Modell gab – mit müheloser Sicherheit bewegt. Der|Ablauf der Ereignisse wird nach den klassischen Regeln des Dramas in fünf Kapiteln dem Ausgang zugeführt: Die Stadt erlebt ein Operngastspiel, die Bürger erleben die Kunst. „Die singenden Gestalten waren stärker und reiner als sie, und doch sie selbst. Da waren sie glücklich, Menschen zu sein. Sie liebten einander.“ Die Künstler erfahren die lebendige Wirksamkeit ihres Tuns: „Ich wußte es, wir seien nicht allein; ein Volk höre uns!“ Die Synthese von Kunst und Leben ist hier in der Kunst erreicht. Der folgende Roman „Der Untertan“ (Vorabdruck einzelner Kapitel 1911/12 im „Simplizissimus“, 1914 in „Zeit im Bild“ in Fortsetzungen erschienen, die im August des Jahres abgebrochen wurden, Buchausgabe 1918) stellt ein Gegenbild zum Wilhelminischen Deutschland dar. In einem Brief an seinen franz. Freund, den Literaturprofessor →Félix Bertaux, hat M. 1922 seinen „Untertan“ mit Stendhals „Rot und Schwarz“ verglichen – in dem berechtigten Selbstbewußtsein, den bedeutendsten gesellschaftskritischen Bildungsroman seiner Zeit vorgelegt zu haben. Die Geschichte des Diederich Heßling kann auch als Illustration der Deutung seiner Epoche verstanden werden, die M. bei Erscheinen des Romans, in seinem großen Essay „Kaiserreich und Republik“ (1918), gab: als „Nachahmung“, „Wiederholung“, „Nachäffung“ des „Ludwig Philippschen Königtums der bereicherten Bürger“, des „Kaisertums →Napoleons des Dritten mit seiner blendenden Fassade, inneren Mürbheit, seiner Theaterregie“. M. vereinigte im „Untertan“ den „roman de moeurs“ mit dem „roman de caractère“, den Psychologismus von Bourget und Nietzsche mit der Gesellschaftsdarstellung Balzacs und Zolas.

Seit dem Erscheinen dieser Romane und der politisch-kulturpolitischen Essays „Voltaire – Goethe“, „Geist und Tat“ im Jahr 1910 galt M. der jungen expressionistisch-literarischen Generation als Wortführer des „Aktivismus“. Er gehörte bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu den sehr wenigen europäischen Intellektuellen, die sich gegen die chauvinistische Kriegsbegeisterung wandten. Insbesondere gegen die Haltung seines Bruders Thomas protestierte M. mit seinem Essay „Zola“ (1915). Der weltanschauliche Konflikt der Brüder währte als stillschweigende Trennung bis 1922. Der große Verkaufserfolg des „Untertan“ nach Kriegsende wie auch die zahlreichen Aufführungen seiner im Jahrzehnt bis 1920 geschriebenen Schauspiele befestigten M.s Ansehen in Deutschland. In den ersten Jahren der Weimarer Republik versuchte er den Erfolg des „Untertan“ fortzusetzen. Dem negativen Bildungsroman des imperalistischen Bourgeois fügte er die Darstellungen des Proletariats („Die Armen“, 1917) sowie der Großindustrie, der leitenden Bürokratie und der Diplomatie („Der Kopf“, 1925) an; er begriff diese drei Werke als „die Romane der deutschen Gesellschaft im Zeitalter Wilhelms II.“ und faßte sie unter dem Titel „Das Kaiserreich“ zusammen. Die literarische Wirkung der Fortsetzungen blieb allerdings gering. Bedeutsamer als sein belletristisches war sein publizistisches und essayistisches Werk der 20er Jahre. In ihm setzte er sich für die deutsch-französische Verständigung sowie für eine paneuropäische Bewegung ein.

Nach der Trennung von seiner ersten Frau, mit der er seit 1914 in München gewohnt hatte, übersiedelte M. 1928 nach Berlin. Nach seiner Wahl in das Gründungskapitel der Sektion Dichtkunst der Preuß. Akademie der Künste zu Berlin wurde er 1931 als deren Präsident berufen, doch schon 2 Jahre später unter politischem Druck zum Austritt gezwungen. Unmittelbarer Anlaß war seine mit →Käthe Kollwitz unternommene Unterzeichnung eines Aufrufs des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes zur Einigung von SPD und KPD im Februar 1933. Noch im selben Monat emigrierte M. nach Frankreich, wo er zusammen mit →Nelly Kröger – die er 1939 heiratete – bis 1940 in Nizza lebte. Er war seit der Pariser Gründung der Deutschen Volksfront 1935 deren Präsident. 1936 wurde ihm, dem 1933 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden war, die tschechische Staatsbürgerschaft gewährt. – In der franz.Emigration schrieb M. die großangelegten Romane „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ (1935) und „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“ (1938). Er stellte mit diesem Volkskönig des Toleranzedikts von Nantes einen vorbildlichen humanistischen Politiker dar, der die von ihm selbst propagierte Synthese von „Macht“ und „Geist“ praktizierte. Dieser historische Roman sollte, M.s pragmatischem Geschichtsdenken gemäß, ein „wahres Gleichnis“ für die Gegenwart sein und wurde als solches von Kollegen und Kritikern wie →Thomas Mann, →Arnold Zweig, →Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, Hermann Kesten und →Georg Lukács sogleich erkannt und gerühmt.

1940 floh M. zusammen mit →Lion Feuchtwanger, Golo Mann und →Franz Werfel über Spanien und Portugal in die USA. Dort lebte er in Hollywood, dann in einem anderen Stadtteil|von Los Angeles und zuletzt in Santa Monica in äußerst eingeschränkten Verhältnissen. Im amerikan. Exil entstand – in Dialogformen und Struktur z. T. angeregt durch M.s Tätigkeit als Scriptwriter für die Filmgesellschaft Warner Brothers – das bisher weitgehend unbeachtet und unverstanden gebliebene Alterswerk. Mit der Antinazi-Satire „Lidice“ (1943) reagierte M. auf die „Ausmerzung“ des böhm. Dorfes Lidice durch die SSam 9.6.1942. Formal teilte er den Roman in 101 z. T. sehr kurze Szenen mit Perspektiven nach Art des klassischen Films wie „Totale“, „Halbnah“, „Nah“ ein und übernahm auch das Doppelgängermotiv, das gerade in zwei großen Hollywoodfilmen verwandt worden war (Chaplins „The Great Dictator“, 1941, und Ernst Lubitschs „To Be or Not To Be“, 1942). Dieser Dialogroman wurde, nachdem M. befürchtet hatte, „Fehler begangen zu haben, in der Sache oder im Ton und Takt“ (6.12.1943 an C. F. Weiskopf), erst 1984 wiederaufgelegt.

Im Alterswerk M.s verweisen Memoiren sowie Essayistisches und das erzählerische Werk wechselseitig aufeinander: Die Romane „Empfang bei der Welt“ (postum 1956) und „Der Atem“ (1949) sowie das Erinnerungsbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt“ (1945) und die Fragment gebliebene „Traurige Geschichte von Friedrich dem Großen“ (postum 1960). Insbesondere die beiden letzten großen Romane reflektieren verschlüsselt autobiographische Erlebnisse: In „Empfang bei der Welt“, einer internationalen Gesellschaftssatire, ersteht das großelterliche Lübecker „Buddenbrook“-Haus noch einmal und beherbergt eine Figur, den Geheimen Rat Balthasar, in dem sich Facetten Goethes, des Senators Mann und M.s selber widerspiegeln; über die Hauptfigur von „Der Atem“, die der österr. Hocharistokratie angehörige Baronin Kovalsky, geborene Gräfin Traun, „de la maison Traun-Montéformoso“, hat M. bekannt, sie sei „eine Übertragung meines eigenen Erlebens“ (14.8.48 an Karl Lemke). Während in den Romanen die Erinnerung an das alte Europa vorherrscht, kommentieren seine programmatische Essayistik und seine Autobiographie den sozialistischen Aufbau im neuen Europa.

1947 wurde M. der philosophische Ehrendoktorgrad der Humboldt-Universität, Berlin, und 1949 der Nationalpreis 1. Klasse für Kunst und Literatur der DDRverliehen. Im selben Jahr nahm er auch die Berufung als Präsident der neu zu gründenden Deutschen Akademie der Künste zu Berlin (Ost) an.

7. Thomas Mann 

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Thomas Mann – ein Jahrhundert-Schriftsteller

2025 jähren sich der 150. Geburtstag und 70. Todestag von Thomas Mann – Anlass dafür, das Werk des Literaturnobelpreisträgers neu zu entdecken.

Thomas Mann 1916
Thomas Mann 1916 in seinem Arbeitszimmer© picture alliance/ullstein bild

Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Mit seinen Romanen, Novellen und Essays prägte Thomas Mann nicht nur die deutsche Literatur nachhaltig, er wurde zu einer Stimme von Weltrang. Seine Werke, darunter „Buddenbrooks“, „Der Zauberberg“, „Joseph und seine Brüder“ und „Doktor Faustus“, wurden in fast 40 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Sie verbinden präzise Gesellschaftsanalyse mit philosophischer Tiefe, feiner Ironie und einem komplexen Sprachstil.

Privilegierte Herkunft

Geboren am 6. Juni 1875 in Lübeck, wuchs Thomas Mann in einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie auf. Nach dem Tod des Vaters 1891 und der Liquidation der Firma zog die Familie nach München, wo er in die Literaturszene eintauchte. Schon früh zeigte sich sein außergewöhnliches Talent, etwa durch die Novelle „Der kleine Herr Friedemann“ (1898). 1905 heiratete er Katia Pringsheim, die aus einer reichen jüdischen Familie stammte. Mit sechs Kindern, darunter Klaus und Erika Mann, die selbst erfolgreiche Autoren wurden, entwickelte sich die Familie Mann über die Jahrzehnte zu einer Art intellektuellen Dynastie. Dies allerdings nicht ohne menschliche Dramen: Klaus Mann kämpfte mit Depressionen und nahm sich 1949 das Leben. Auch der jüngste Sohn, der Komponist Michael Mann, tötete sich 1977 selbst. Mehrere weitere Familienmitglieder litten unter psychischen Problemen.

Thomas Mann 1931 mit Frau Katia und den Kindern Klaus und Erika
1931 mit seiner Frau Katia und den Kindern Klaus und Erika© picture alliance/akg-images

Ruhm und Widerstand

Den Höhepunkt seines Ruhms erreichte Thomas Mann in den 1920er Jahren. 1929 erhielt er den Literaturnobelpreis, vor allem für seinen frühen Roman „Buddenbrooks“ (siehe unten). Obwohl er sich politisch lange als konservativ betrachtete, avancierte Thomas Mann in der Weimarer Republik zu einem Verfechter der Demokratie. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 sah er sich gezwungen, Deutschland zu verlassen. Seine erste Station war die Schweiz, später zog er in die USA, wo er die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm und sich aktiv gegen das NS-Regime engagierte. Seine Radioansprachen, unter dem Titel „Deutsche Hörer!“, richteten sich an die deutsche Bevölkerung und forderten sie offen zum Widerstand gegen Hitler auf. „Wo ich bin, ist Deutschland“, sagte er über seine Rolle im Exil. Nach dem Krieg kehrte er nach Europa zurück, lebte überwiegend in der Schweiz und starb dort am 12. August 1955.

Thomas Mann 1943 im US-amerikanischen Exil
Thomas Mann 1943 im US-amerikanischen Exil© picture alliance/Fred Stein

8. Karl May

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Die abenteuerlichen Reiseerzählungen M.s sind im Laufe ihrer hundertjährigen Wirkungsgeschichte in den Kreis der anerkannten literarischen Werke aufgenommen worden. Schriftsteller, Philosophen und Politiker haben den ebenso bekannten wie wegen der hemmungslosen Idealisierung seiner eigenen Person und der mangelhaften literarischen Qualität seiner Werke umstrittenen Erfolgsschriftsteller zitierfähig gemacht.

Aufschlußreichstes und zuweilen unkritisch übernommenes Zeugnis der Persönlichkeit M.s ist die Autobiographie „Mein Leben und|Streben“ (I, 1910, ein 2. Bd. ist nie erschienen), die unter dem Eindruck schwindender öffentlicher Anerkennung – Kulturreformer wie H. Wolgast warfen M. vor, mit (unsittlichem) Schund die deutsche Jugend zu verderben – verfaßt worden ist. Seit 1896, auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, hatte sich der Autor als authentischer Held seiner Romane ausgegeben und auf Kostümphotos als Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi posiert. Da sich dieser Schein wegen gerichtlicher Auseinandersetzungen und Pressekampagnen nicht aufrechterhalten ließ, verteidigte sich M. autobiographisch, indem er seinen Lebenslauf als Bedingung für sein Werk setzte und Anspruch auf psychologisches Verständnis erhob. In der Autobiographie erklärt er, eine zeitweilige Erblindung in früher Kindheit sowie die ausführlichen Märchenerzählungen seiner Großmutter seien bestimmend gewesen für die spätere Fabulierlust. Beide Inspirationsquellen sind allerdings nur durch den Autobiographen bezeugt. Als Determinante der Entwicklung seiner Phantasie hatte er bereits 1899 die abenteuerlichen Erzählungen eines Paten, des Ernstthaler Schmiedemeisters Christian Weißpflog (1819–94) genannt. Daneben gibt M. in der Rückschau die Bekanntschaft mit der zeitgenössischen Unterhaltungs- und Trivialliteratur in der Leihbibliothek als den Grund für seine zeitlebens mehr oder minder offenkundige Verwechslung von Leben und Roman an und bezeichnet es als das entscheidende Versäumnis seiner Eltern, diese Schundlektüre nicht verhindert zu haben. Auch mit dem Hinweis auf die herrschende Armut und Arbeitslosigkeit im erzgebirgischen Webermilieu sucht er seine Entwicklung verständlich zu machen. Daß es M. dennoch möglich wurde, seit 1856 ein Lehrerseminar in Waldenburg zu besuchen, verdankte er vor allem einer kleinen Erbschaft, mit der die Mutter eine Hebammenausbildung finanzieren und so seit 1846 die wirtschaftliche Situation verbessern konnte.

Die Zeit zwischen 1862 und 1874 charakterisiert M. als abgründige, für seine Entwicklung notwendige Periode eines Kampfes mit sich selbst. Wegen Veruntreuung 1860 der Lehranstalt verwiesen, hatte M. 1861 am Lehrerseminar in Plauen die Befähigung zum Hilfslehrer erhalten. Seine erste Anstellung an einer Armenschule in Glauchau im Okt. 1861 verlor er nach 14 Tagen, nachdem sein Hauswirt ihn unsittlichen Verhaltens gegenüber seiner Frau bezichtigt hatte. Seine schon im folgenden November angetretene Tätigkeit an zwei Fabrikschulen in Altchemnitz schloß noch im Dezember mit einer Verhaftung wegen angeblichen Diebstahls; er wurde ohne wirkliche Beweise verurteilt und verbüßte im Herbst 1862 eine sechswöchige Haftstrafe. Es folgte der endgültige Entzug der Lehrerlaubnis im Juni 1863. M. geriet nun bald tatsächlich auf Abwege. Wegen Diebstahls, Betrugsdelikten und Widersetzung verbrachte er bis 1874 insgesamt siebeneinhalb Jahre im Zuchthaus und in Gefängnissen. In den folgenden 30 Jahren konnte er diese Erlebnisse vor der Öffentlichkeit vertuschen. Die nach der Entlassung aus dem Zuchthaus Waldheim 1874 einsetzende Schreibarbeit greift die kriminellen Akte allerdings immer wieder auf, wandelt und stilisiert sie, bis das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, der Selbstgerechtigkeit des alternden „Edelmenschen“ gewichen ist. „Die Miasmen einer vergifteten Kinder- und Jugendzeit“ abgelegt und nur mehr nach dem Edelmenschentum gestrebt zu haben, so interpretierte er sich 1910.

M.s Dichtung ist mit Recht nach Freud als „Wunscherfüllung“ gedeutet worden. Das kompensatorische Moment zeigt sich vor allem an dem stereotypen, märchengleichen Sieg des guten Deutschen über die böse Welt. Schauplatz dieses phantasievoll variierten moralischen Kampfs war zunächst das heimische Erzgebirge. „Die Rose von Ernstthal“ (1875, in: Deutsche Novellenflora) war die erste unter M.s Namen veröffentlichte Erzählung. Redakteursverträge bei den Verlagen Münchmeyer (seit 1875) und Radelli (1878), die Trivial- und Unterhaltungszeitschriften verlegten, bestätigten M. in seinen Vorstellungen. Auch beim Pustet-Verlag in Regensburg, der seit 1874 den „Deutschen Hausschatz“ als kath. Gegenstück zur „Gartenlaube“ herausgab, traf M. auf Interesse. Er erhielt Ende 1879 einen festen Mitarbeitervertrag für das Familienblatt und schrieb die umfangreichen „Reiseerinnerungen aus dem Türkenreiche“ „Giölgeda Padishanün“ (1881) samt Fortsetzungen (aus denen später der Roman „Durch die Wüste“ hervorging). Kurz darauf schloß M., ohne die bestehenden Vertragsverpflichtungen lösen zu wollen, einen Lieferungsvertrag mit seinem Hausfreund, dem Kolportagehersteller H. G. Münchmeyer in Dresden ab. Fünf Romane, d. h. insgesamt 513 Hefte mit 12 390 Seiten, erschienen zwischen 1882 und 1886. Zu ihnen zählen „Das Waldröschen“ (veröffentlicht unter dem Pseudonym „Capitain Ramon Diaz de la Escosura“), „Die Liebe des Ulanen“ (als einziger unter M.s Namen erschienen), „Der verlorene Sohn“, „Deutsche|Herzen - Deutsche Helden“ sowie „Der Weg zum Glück“. Gerade diese Romane waren es, die M. um die Jahrhundertwende den Vorwurf eines unsittlichen Schundschriftstellers einbrachten. Zwar wurde dem Autor 1909 gerichtlich bestätigt, fünf Prozent seiner Texte seien durch Verlegerhand geändert worden, doch sein grundsätzlicher Versuch, die Urheberschaft zu dementieren, mißlang.

Die wachsende Resonanz auf die in Zeitschriften veröffentlichten Abenteuergeschichten mit Seriencharakter und exotischem Flair veranlaßte den Freiburger Verleger Fehsenfeld zu einer Buchausgabe der Reiseromane und -erzählungen (Ausgabe letzter Hand, 1892–1910). Die 33 Bände in gediegener grün-goldener Aufmachung erreichten bis zu M.s Tod eine Gesamtauflage von ca. 1,5 Millionen; sie greifen zum Teil Gestalten, Motive, Episoden und Formulierungen aus früheren Werken auf, zum Teil wurden sie eigens für diese Ausgabe verfaßt. Zu den Reiseerzählungen, die M.s Popularität noch heute bestimmen, gehören „Giölgeda Padishanün“ (Im Schatten des Großherrn, in der Ausgabe letzter Hand als Bd. 1-6, 1892 f., u. d. T.„Durch Wüste und Harem“, seit ⁵1896 „Durch die Wüste“ usw.) und „Winnetou“ (Bd. 1-3, 1893, Bd. 4, 1910). Als „Kara Ben Nemsi“ für den orientalischen, als „Old Shatterhand“ für den amerikan. Bereich inszenierte M. sich ausgiebig als welterfahrenen Helden.

Was die sogenannten Kolportageprodukte von den exotischen Reiseerzählungen unterscheidet, ist weder die Verwendung der Welt als Schauplatz moralischer Siege noch ein „Verzicht auf das weibliche Element“ (Arno Schmidt). Der wesentliche Unterschied liegt vielmehr in drei Faktoren: 1. wechselt der Erzähler von der dritten zur ersten Person; dieser Wechsel steigert die Glaubwürdigkeit des Erzählten und ermöglicht ihre Inanspruchnahme durch den Erzähler (1896 wurde die Fehsenfeld-Ausgabe von „Reiseromane“ in „Reiseerzählungen“ umbenannt). 2. werden die stets deutschen Helden von den Motiven der Rache und der persönlichen Betroffenheit befreit, das Gute als ein fragloses, auf eine Person konzentriertes Prinzip dargestellt; 3. wird zur Beglaubigung des Helden und seiner abstrakten Absicht, Recht und Ordnung im Land der Skipetaren oder im Wilden Westen durchzusetzen, von M. das Grundmotiv Tourismus in seine Erzählungen eingeführt; als durchschnittlicher Reisender vorgestellt, kann Kara Ben Nemsi Land und Leute kennenlernen (Namen, Stadtbeschreibungen und Landschaftsschilderungen sind z. T. wörtlich aus Lexika und Reiseberichten entnommen), ohne daß die erzählte moralische Mission den Charakter eines subjektiven Einfalls erhält und dadurch willkürlich erscheint.

Das durch eine „Villa Shatterhand“ in Radebeul bei Dresden, durch einen falschen Doktortitel und durch Werbeprospekte inszenierte Image M.s wurde ironischerweise zu einem Zeitpunkt zerstört, als er seine Phantasiereisen realiter nachzuholen suchte: Am 26.3.1899 reiste M. für 16 Monate in den Orient (amerikan. Boden betrat er zum ersten Mal 1908). Unter dem Eindruck der Prozesse und des öffentlichen Vorwurfs der Hochstapelei bekannte sich der alternde M. in seiner Autobiographie zu seinen Werken als Märchen und Symbolromanen. Um das so erfolgsträchtige moralische Prinzip in ein symbolisch gemeintes Menschheitsbild umzudeuten und sich des Anspruchs auf wahrhaftige Mitteilungen eines Weltreisenden zu begeben, bedurfte es keiner grundsätzlichen Änderung in der literarischen Arbeitsweise: Das bewährte Personal, das allwissende und allmächtige „Ich“ und seine Dienerschaft, paßt sich als Weltanschauungsträger ebensogut in eine geographisch bestimmbare wie in eine weltentlegene Wunderwelt ein.

Die Symbolromane erfreuen sich unter den Forschern besonderer Schätzung, seit Arno Schmidt „Ardistan und Dschinnistan“ (1909) und Bd. III u. IV des vierbändigen Werks „Im Reiche des silbernen Löwen“ (1902-03) der Beachtung wert fand. M.s Versuch, in diesen Werken durch in Phantasieländern angesiedelte, verklärte Frauenfiguren und gnomen- oder riesenhafte Wundergestalten sowie mit Hilfe moralisierender Vorträge eine Zweiseelentheorie vorzustellen, nach der eine niedere Sphäre der Gewalt der Erlösung durch eine höhere edlen Menschentums bedarf, bietet sich aufgrund des Fortfalls der realitätsbetonenden touristischen Momente zur Deutung an. Der Autor selbst allerdings verstand seine nunmehr als Seelenlandschaften aufzufassenden Reiseromane als leicht verständliche Bilder, an deren moralischer Botschaft nichts Mystisches sei. Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen die Interpretationen von Arno Schmidt und Hans Jürgen Syberberg (biographische Verfilmung, 1974) als übersteigerte Varianten. Große Beachtung fand die 1982 in der DDR eingeleitete Wende in der Beurteilung M.s. Der bis dahin ungedruckte und wegen seines Nationalismus und kriminellen Lebenswandels verfemte Autor erfuhr mit Dokumentationen, der Einrichtung eines Museums in Radebeul|(1985) sowie der Drucklegung von zwei Bänden „Winnetou“ eine offizielle Anerkennung.

9. Karl Liebknecht 

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Als Sohn des Begründers der deutschen Sozialdemokratie, Wilhelm Liebknecht (* 1826 – †1900), wurde Karl am 13. August 1871 in Leipzig geboren. Er studierte von 1890 bis 1893 Rechtswissenschaften und Nationalökonomie in Leipzig und Berlin, leistete 1893/94 seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger bei den Garde-Pionieren in Berlin und war anschließend bis 1898 Referendar in Arnsberg und Paderborn. Die Promotion zum Dr. jur. et rer. pol. erfolgte 1897 in Würzburg mit der Dissertation »Compensationsvollzug und Compensationsvorbringen nach gemeinem Rechte«.
Karl Liebknecht eröffnete 1899 in Berlin gemeinsam mit seinem älteren Bruder Theodor eine Rechtsanwaltspraxis. Obwohl erst im August 1900 der SPD beigetreten, wurde er bereits im November 1901 in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt, der er bis 1913 angehörte. Als Kandidat für den Reichtagswahlkreis Potsdam-Spandau-Osthavelland 1903 und 1907 unterlegen, konnte er diesen Wahlkreis dann 1912 für die SPD erobern. Er war Delegierter auf den sozialdemokratischen Parteitagen und ist bereits 1908 ins Preußische Abgeordnetenhaus gewählt worden.
Bekannt wurde Liebknecht als politischer Anwalt, vor allem bei der Verteidigung von Funktionären der russischen Arbeiterbewegung.
Seit Erscheinen seines Buches »Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung« (1907) trat er als Gegner des Militarismus und als einer der Führer der sozialistischen Jugendbewegung hervor. Von 1907 bis 1910 Präsident der Sozialistischen Jugendinternationale, mußte Liebknecht wegen seines Anti-Militarismus-Buches von Oktober 1907 bis Juni 1909 eine Festungshaft in Glatz absitzen. 1911 unternahm er eine Agitationsreise durch die USA. Im Reichstag wandte er sich gegen die Geschäftspraktiken der Rüstungsfirmen und versuchte bei Ausbruch des Weltkriegs vergeblich, die sozialdemokratischen Abgeordneten für eine Ablehnung der Kriegskredite zu gewinnen. Nachdem Liebknecht in der Fraktion noch gegen die Kredite gestimmt hatte, unterwarf er sich der Parteidisziplin und votierte am 4. August 1914 im Reichstag wie die gesamte Fraktion für die Bewilligung. Liebknecht, der vor dem Krieg als radikaler Einzelgänger noch nicht zum Kern der Linken in der SPD um Rosa Luxemburg, Franz Mehring und Julian Marchlewski gezählt hatte, lehnte sich nun eng an diese Gruppe an.
Weil er am 2. Dezember 1914 dann als einziger Abgeordneter im Reichstag gegen die Bewilligung der Kriegskredite stimmte, wurde Karl Liebknecht zur Symbolfigur der Kriegsgegner. Die Begründung seiner Ablehnung wurde Fanal: »Dieser Krieg, den keines der beteiligten Völker selbst gewollt hat, ist nicht für die Wohlfahrt des deutschen oder eines anderen Volkes entbrannt. Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg ... Der Krieg ist kein deutscher Verteidigungskrieg ... Ein schleuniger, für keinen Teil demütigender Friede, ein Friede ohne Eroberungen ist zu fordern; alle Bemühungen dafür sind zu begrüßen ...« Seine konsequente Politik gegen den Krieg und die Burgfriedenspolitik der SPD-Führung störten die herrschenden Kreise. Da Liebknecht im Februar 1915 als Armierungssoldat zum Militärdienst eingezogen wurde, war ihm damit – bis auf sein Auftreten im Reichstag und Preußischen Abgeordnetenhaus – jede politische Betätigung untersagt. Dennoch beteiligte er sich aktiv an der Bildung der Gruppe Internationale, die seit 1916 als Spartakusgruppe bekannt wurde.
Im Mai 1915 verfaßte Karl Liebknecht das Flugblatt mit der Losung: »Der Hauptfeind steht im eigenen Land!« Er nahm im April 1916 an einer illegalen Tagung der Arbeiterjugend in Jena teil und organisierte zum 1. Mai 1916 eine Friedensdemonstration auf dem Potsdamer Platz in Berlin, dort wurde er verhaftet. Während das Kommandanturgericht Berlin Liebknecht am 28. Juni 1916 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilte, erhöhte das Oberkriegsgericht die Strafe in der Berufungsinstanz auf vier Jahre und einen Monat Zuchthaus. Ab November 1916 ins Zuchthaus Luckau eingesperrt, verfaßte er dort mehrere Schriften, darunter seine philosophischen »Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung«.
Karl Liebknecht, der die marxistische Theorie zwar als Grundidee des Sozialismus erhalten wollte, kritisierte aber sowohl die ökonomischen Kategorien von Marx als auch den historischen Materialismus. Marx’ These vom Wirken »historischer Gesetze« lehnte er ebenso ab wie dessen Schema von ökonomischer Basis und ideologischem Überbau. Philosophisch verstand sich Liebknecht als Agnostiker und Universalist, seine Sozialismus-Vorstellungen beruhten auf der Grundthese von der »Tendenz zur Steigerung der natürlichen und sozialen Solidarität«.
Am 23. Oktober 1918 vorzeitig aus dem Zuchthaus entlassen, wurde Karl Liebknecht von seinen Anhängern begeistert in Berlin begrüßt. In der Novemberrevolution führte er gemeinsam mit Rosa Luxemburg den Spartakusbund und war Herausgeber der »Roten Fahne«. Am 9.November hat er vom Balkon des Schlosses in Berlin die »Freie Sozialistische Republik« ausgerufen. In die Revolutionsregierung einzutreten, lehnte er ab und versuchte statt dessen, die Massen gegen die sozialdemokratischen Volksbeauftragten und für eine Räteherrschaft zu mobilisieren. Auf dem Gründungsparteitag der KPD forderte Liebknecht in einem Grundsatzreferat die Trennung von der USPD und die Bildung der neuen Partei, deren Führer er neben Rosa Luxemburg wurde. Liebknecht neigte einem radikalen, revolutionären Kommunismus zu. Mit Beginn der Januarkämpfe 1919 in Berlin erklärte er die Regierung Ebert für »abgesetzt«. Während der Unruhen wurde Karl Liebknecht zusammen mit Rosa Luxemburg von Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützendivision festgenommen und beide am 15. Januar 1919 brutal ermordet.
Seine (zweite) Frau, Sophie Ryss (* 18. 1. 1884 – † 11. 11. 1964), Kunsthistorikerin, kam 1934 aus London nach Moskau, sie durfte als Stalin-Gegnerin die UdSSR nicht verlassen. Ihr Bruder Adolph wurde 1938 vom NKWD verhaftet, auch ihre Schwester Sylvia kam mit ihrem Mann, dem Physiker Jakow Spielrein, in den Gulag. Karl Liebknechts Sohn – aus erster Ehe mit Julia Paradies (* 20. 7. 1873 – † 22. 8. 1911) – Wilhelm (Helmi) (* 6. 3. 1901 – † 30. 4. 1975) studierte nach dem Abitur Rechts- und Staatswissenschaften in Berlin, Frankfurt/M. und Wien. Seit 1928 in der Sowjetunion, war er Mitarbeiter am Marx-Engels-Institut. Im August 1940 hatte Nazideutschland ihn ausgebürgert. Weil er Opfern der Säuberungen geholfen hatte, wurde Wilhelm Liebknecht aus der KPdSU ausgeschlossen und im Oktober 1941 nach Usbekistan verbannt. Später freischaffender Übersetzer und Redakteur. Annelies Laschitza veröffentliche 2007 eine neue Biographie über Karl und Sophie Liebknecht.

10. Robert Koch

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Nach dem Besuch des Gymnasiums in Clausthal begann K. 1862 in Göttingen mit dem Studium der Naturwissenschaften, wechselte aber im 3. Semester zur Medizin über. Rückblickend erschienen ihm unter seinen Göttinger Lehrern der Anatom →J. Henle, der Kliniker →K. E. Hasse und der Physiologe →G. Meißner als diejenigen, die „den Sinn für wissenschaftliche Forschung“ in ihm weckten. Im 6. Semester (1865) erhielt K. zusammen mit einem anderen Bewerber den Preis für die Bearbeitung einer von der medizinischen Fakultät gestellten Preisaufgabe über das Vorkommen von Ganglienzellen an den Nerven des Uterus. Eine weitere Untersuchung über das Entstehen der Bernsteinsäure im menschlichen Organismus veröffentlichte der Student K. noch im gleichen Jahr. Nachdem er Anfang 1866 in Göttingen mit dem Prädikat „eximia cum laude“ promoviert hatte (eine Dissertation wurde ihm im Hinblick auf die Preisarbeit erlassen), besuchte K. einige Wochen lang Berliner Kliniken und einen Kurs bei →Virchow, legte im März das Staatsexamen in Hannover ab und war von Juni bis September am Allgemeinen Krankenhaus in Hamburg tätig. Im Oktober desselben Jahres erhielt K. die Arztstelle an der „Erziehungs- und Pflege-Anstalt für geistesschwache Kinder“ in Langenhagen bei Hannover, wo ihm auch Privatpraxis gestattet war. Im Juni 1868 übernahm er eine Arztpraxis in Niemegk (Kreis Zauch-Belzig, Bezirk Potsdam), im Juli des folgenden Jahres eine andere in Rakwitz (Kreis Bomst, Provinz Posen). Am Krieg von 1870/71 nahm K. als freiwilliger Arzt teil. Im März 1872 bestand er das Physikatsexamen, wurde im April zum Kreisphysikus des Kreises Bomst ernannt und siedelte in die Kreisstadt Wollstein über. Dort begann er Anfang 1873 mit gründlichen mikroskopischen und experimentellen Studien über die Ätiologie des Milzbrandes, die er in den folgenden Jahren durch den Nachweis des spezifischen Erregers der Krankheit erstmals vollständig aufklären konnte. Als er vom 30.4. bis 2.5.1876 in Breslau dem Botaniker →F. Cohn und dem Pathologen →J. Cohnheim seine Untersuchungen vorführte, fand er ihre uneingeschränkte Zustimmung; beide waren von K.s Ergebnissen und seiner Methodik auf das stärkste beeindruckt und erkannten deren Tragweite sogleich. (Allerdings gab es noch in den 1880er Jahren eine lange Kontroverse über den Milzbrand zwischen K. und →L. Pasteur.) Nach dem Milzbrand wandte sich K. der Ätiologie der Wundinfektionskrankheiten zu. Aufgrund von Tierversuchen konnte er 1878 wahrscheinlich machen, daß auch|beim Menschen verschiedene Wundinfektionen von spezifischen Erregern ausgehen. August-Oktober 1879 war er Stadtphysikus in Breslau, kehrte danach in seine Wollsteiner Stelle zurück.

Im Juli 1880 wurde K. als Regierungsrat und ordentliches Mitglied des Kaiserlichen Gesundheitsamtes nach Berlin berufen, wo er ein eigenes Laboratorium erhielt. Er entwickelte nun systematisch geeignete Verfahren für die Erforschung von Krankheitserregern und für deren Vernichtung mittels Desinfektion in strömendem Wasserdampf, worin er die wichtigste prophylaktische Maßnahme sah. Am 24.3.1882 gab er in einem Vortrag vor der Berliner Physiologischen Gesellschaft im damaligen Physiologischen (dem späteren Hygienischen) Institut der Universität die Entdeckung des Tuberkelbazillus bekannt, die ihn mit einem Schlage berühmt machte. Im August 1883 ging K. als Leiter der deutschen Cholera-Expedition für neun Monate nach Ägypten und Indien. Es gelang ihm nicht nur, den mutmaßlichen Erreger der Cholera zu finden, sondern auch die epidemiologischen Bedingungen für die Ausbreitung der Seuche zu ermitteln. Die Entdeckung des von K. „Kommabazillus“ genannten Cholera-Vibrio begegnete zwar manchen Vorbehalten (zum Beispiel bei →Pettenkofer, der noch 1892 während der Hamburger Cholera-Epidemie glaubte, K. durch einen Selbstversuch widerlegen zu können), doch bewährten sich die von K.vorgeschlagenen Maßnahmen zur Cholerabekämpfung hervorragend, und K.s Annahme, daß nicht das bloße Vorhandensein von Cholera-Erregern im Körper, sondern ein von diesen ausgeschiedenes spezifisches Gift die Krankheit hervorrufe, erwies sich als richtig und als fruchtbar für die weitere Forschung.

1884 wurde K. Mitglied des Preußischen Staatsrats. Einen Ruf auf den Leipziger Lehrstuhl der pathologischen Anatomie lehnte er ab, übernahm aber im April 1885 die neugeschaffene ordentliche Professur für Hygiene an der Berliner Universität und die Leitung des neuen Hygiene-Instituts. Im selben Jahre begründete er mit C. Flügge die „Zeitschrift für Hygiene“, die beide gemeinsam herausgaben. Die vorsichtigen Mitteilungen, die K. im August 1890 auf dem 10. internationalen medizinischen Kongreß in Berlin über seine noch nicht abgeschlossenen Versuche mit einem Heilmittel gegen Tuberkulose machte, erregten weltweites Aufsehen. Die hochgespannten Erwartungen, welche die Öffentlichkeit in das (erst seit 1891 so genannte) „Tuberkulin“ setzte und die zahlreiche Ärzte und Patienten nach Berlin führten, erfüllten sich jedoch nicht; die Erfahrungen reichten noch nicht aus, die Dosierung wurde oft übertrieben und die Indikationsstellung nicht beachtet. Als Heilmittel blieb das Tuberkulin umstritten, war aber als diagnostisches Mittel von Anfang an anerkannt. Die Tuberkulin-Begeisterung beschleunigte die geplante Gründung eines „Instituts für Infektionskrankheiten“ in Berlin, zu dessen Direktor K. am 8.7.1891 ernannt wurde. Er gab nun die Professur für Hygiene und die Leitung des Hygiene-Instituts auf, blieb aber als ordentlicher Honorarprofessor der Universität verbunden.

In den ersten Jahren des neuen Instituts, zu dem auch eine in speziellen Baracken untergebrachte Krankenstation auf dem nahen Gelände der Charite gehörte, widmete sich K. vor allem der Tuberkulose, insbesondere der weiteren Erprobung und Verbesserung des Tuberkulins sowie dem schwierigen Problem einer dauerhaften Immunisierung, die bei anderen Infektionskrankheiten durch grundlegende Arbeiten einiger seiner Schüler (→E. von Behring, S. Kitasato, →R. Pfeiffer) bereits gelungen war. 1892/93 leitete K. die Maßnahmen gegen die Cholera in Hamburg. Mit seiner 2. Frau, die ihn auch bei den folgenden Expeditionen begleitete, ging er im November 1896 im Auftrag der englischen Regierung nach Südafrika, um die Rinderpest zu erforschen und zu bekämpfen; einen bakteriellen Erreger konnte K. nicht finden, aber es gelang, der Seuche durch aktive Immunisierung der Tiere Einhalt zu gebieten. Anschließend reiste K. im März 1897 an der Spitze der deutschen Pest-Expedition nach Bombay; er erkannte als erster, welche Rolle die Ratte bei der Ausbreitung der Seuche spielte, übersah dabei aber noch den Rattenfloh als Oberträger. Juli 1897-Mai 1898 studierte K. weitere Seuchen in Deutsch-Ostafrika. Im August und September 1898 sowie von April bis August 1899 hielt er sich in Italien, danach bis September 1900 in Java und Neu-Guinea auf, um Methoden der Malariabekämpfung zu entwickeln. 1900 bezog K. eine neues Institutsgebäude im Norden Berlins nahe bei dem im Bau befindlichen Rudolf-Virchow-Krankenhaus; zu der seit 1898 bestehenden Tollwut-Abteilung des Instituts traten 1901 eine chemische und eine Seuchen-Abteilung, 1902 eine serologische, 1905 eine Tropen-Abteilung und später weitere neue Abteilungen. Im Juli 1901 teilte K. auf dem britischen Tuberkulose-Kongreß in London mit, daß entgegen der bisherigen und seiner eigenen früheren Auffassung der Erreger der Menschentuberkulose von dem der Rindertuberkulose verschieden sei; die menschliche Tuberkulose lasse sich nicht auf|das Rind, wohl aber die Rindertuberkulose auf den Menschen übertragen; da diese jedoch selten zu schweren Erkrankungen führe, müsse sich die Bekämpfung der menschlichen Tuberkulose hauptsächlich gegen deren Erreger richten. K.s These fand manchen Widerspruch (zum Beispiel bei →E. von Behring), und später bestätigte sich, daß K. die Rindertuberkulose unterschätzt hatte.

Nachdem K. 1902 maßgeblich an der Abwehr des Typhus im Südwesten des Deutschen Reiches mitgewirkt hatte, reiste er Anfang 1903 im Auftrag der englischen Regierung nach Rhodesien, um eine neu aufgetretene Rinderseuche (das „afrikanische Küstenfieber“) und die „Pferdesterbe“ zu erforschen und einzudämmen. Im selben Jahre wählte ihn die französische Akademie der Wissenschaften als Nachfolger →Virchows zum auswärtigen Mitglied. Nach seiner Rückkehr aus Afrika (Juni 1904) trat K. von der Leitung des Instituts für Infektionskrankheiten zurück, die der von ihm vorgeschlagene G. Gaffky, sein Lieblingsschüler, übernahm. Ende des Jahres reiste er wieder nach Ostafrika, wo er bis zum Herbst 1905 das Studium des Küstenfiebers der Rinder fortsetzte, sich aber auch mit dem Rückfallfieber und den Trypanosomenkrankheiten befaßte. Dabei konnte er (wie gleichzeitig 2 englische Ärzte) eine Zeckenart als Überträgerin des Rückfallfiebers nachweisen. Am 12.12.1905 erhielt K. für seine Tuberkulosearbeiten den Nobel-Preis für Medizin. Im April 1906 ging er als Leiter der deutschen Schlafkrankheitsexpedition erneut nach Ostafrika (bis Sommer 1907); er widmete sich hauptsächlich der Diagnostik und Behandlung der Krankheit, konnte aber mit dem Mittel Atoxyl noch keine so weitgehenden Heilerfolge erreichen, wie sie später mit Germanin möglich wurden. Nach einer mehrmonatigen Reise in die USA und nach Japan 1908 setzte er seine Tuberkuloseforschungen fort. Er starb während eines Erholungsaufenthaltes in Baden-Baden.

K. ist der Begründer der modernen medizinischen Mikrobiologie. Als er mit seinen Untersuchungen über den Milzbrand begann, hatten andere vor ihm zwar schon stabförmige Körperchen im Blut milzbrandkranker Tiere gesehen, durch Übertragung solchen Blutes auf gesunde Tiere Milzbrand hervorgerufen und die Stäbchen für Krankheitserreger gehalten, doch war ein eindeutiger Beweis noch nicht geführt. Eine ganze Reihe von grundsätzlichen Fragen, welche die Infektionskrankheiten insgesamt betrafen, war noch nicht endgültig entschieden: Waren die Mikroorganismen, die man seit längerem in wachsender Zahl bei Infektionskrankheiten fand, die eigentlichen Krankheitserreger oder nur harmlose „sekundäre Parasiten“ auf erkrankten Körperstellen? Entstanden die bei Infektionskrankheiten festgestellten Gifte, die oft mit Bakterien zusammenzuhängen schienen, ohne deren Beteiligung allein durch chemische Vorgänge, waren sie somit lediglich die Voraussetzung für das Auftreten der Mikroorganismen, oder waren sie vielmehr deren Produkte? Wohl war in den 1870er Jahren die alte Lehre von der „Urzeugung“ (generatio spontanea) der niederen Organismen durch die Arbeiten Pasteurs und anderer schon weitgehend überwunden, dagegen aber die damit meist verknüpfte Auffassung, daß die verschiedenartigen Spalt- und Schimmelpilze überall vorhanden seien und sich in andere Arten verwandeln könnten (Pleomorphismus), noch nicht allgemein aufgegeben worden. Darüber hinaus war auch die Diskussion über das Thema „Miasma und (oder) Kontagium“ noch keineswegs abgeschlossen. Zwar sprach immer mehr für die neuere Annahme, daß ein durch direkte Berührung übertragener, vermutlich sogar belebter Ansteckungsstoff (Kontagium) die Hauptursache der Infektionskrankheiten sei, doch hatte auch die alte Vorstellung vom „Miasma“ noch Anhänger, wonach Seuchen aus einer allgemeineren, indirekten Ursache, nämlich aus krankmachenden Substanzen (Miasma) in der Luft und im Boden herrührten, ohne daß es einer unmittelbaren Ansteckung durch Kranke bedurfte. K. konnte demgegenüber für den Milzbrand erstmals eindeutig einen Mikroorganismus als spezifischen Erreger nachweisen, der im Körper von Tier und Mensch die unmittelbare Krankheitsursache ist, nur bei dieser Krankheit vorkommt und seine Art nicht verändert. Er züchtete ihn außerhalb des Körpers in „Reinkultur“, um seine Lebensbedingungen möglichst genau kennen zu lernen, und erzeugte mit der Reinkultur wieder dieselbe Krankheit. Die Bildung sehr widerstandsfähiger Sporen, die K. bei den Milzbrandbakterien entdeckte, machte auch das scheinbar zufällige Auftreten und Verschwinden der Krankheit erklärlich, das sich bisher kaum hatte beeinflussen lassen.

Ebenso planvoll und sorgfältig ging K. bei seinen anschließenden Arbeiten über andere Infektionskrankheiten und über die Vernichtung der Mikroorganismen durch Desinfektion vor. Die Entdeckung der Erreger der Tuberkulose und der Cholera verhalf dem bis dahin noch umstrittenen „bakteriologischen Gedanken“ in der Medizin weithin zum Sieg und fand auch einen ungewöhnlichen Widerhall in der Öffentlichkeit. Noch|stärker war das öffentliche Interesse an K.s Suche nach einem Heilmittel gegen die Tuberkulose. Grundlage der für die Bakteriologie wegweisenden Forschungen K.s war die von ihm wesentlich verbesserte und erweiterte Untersuchungsmethodik: Er benutzte neuentwickelte Färbeverfahren für die Bakterienpräparate, legte einwandfreie Reinkulturen der Erreger an, verwendete dabei feste statt wie bisher flüssige Nährböden, bediente sich spezialisierter Tierexperimente und vervollkommnete die photographische Wiedergabe. Die praktischen Folgerungen aus seinen Ergebnissen zog K. selbst mit seinen Richtlinien für die Seuchenbekämpfung in Europa und Afrika, die neue Maßstäbe setzten.

Im Anschluß an K.s erste Veröffentlichungen wurden in rascher Folge weitere Krankheitserreger gefunden. K. schuf jedoch nicht nur das methodische Fundament der Bakteriologie, sondern wies ihr auch den „Weg vom Bazillus zum Toxin“ (P. Diepgen), den →E. Klebs mit einigen Schülern schon 1871 betreten hatte. Das war die Voraussetzung für die Entdeckung der Antitoxine, für die Erforschung der Immunisierung, für die Entwicklung der Serumtherapie und schließlich auch für die Begründung der Chemotherapie. Entscheidenden Anteil an diesen über K. hinausführenden Arbeiten hatten seine Schüler →E. von Behring, →S. Kitasato und →P. Ehrlich. Zu seinen bedeutenden Schülern zählten ferner →G. Gaffky, →F. Loeffler und →R. Pfeiffer.|

K.s Name lebt fort in der 1907 gegründeten R. K.-Stiftung zur Bekämpfung der Tuberkulose, die 1929 aufgehoben, 1935 aber als e. V. wieder erneuert wurde; sie verleiht an Personen, die sich um die Bekämpfung von Infektionskrankheiten, vor allem der Tuberkulose, verdient gemacht haben, die R. K.-Medaille und den hochdotierten R. K.-Preis. Ebenso lebt K.s Name weiter in dem für ihn errichteten, seit 1912 nach ihm benannten Berliner Forschungsinstitut, das seit 1952 zum Bundesgesundheitsamt gehört. Die Tätigkeit des R. K.-Instituts erstreckt sich längst nicht mehr nur auf die einstigen Arbeitsgebiete K.s, sondern auch auf Virologie, Immunologie, Biochemie, Zytologie, Hämatologie und andere Fächer. Zu einem Teil zeigt sich darin neben dem allgemeinen Wissenschaftsprozeß auch die Entfaltung und Fortentwicklung von K.s Werk.

11. Gottlieb Daimler

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Als 1848 nach dem Besuch der Realschule die Wahl des künftigen Berufes erörtert wurde, hat der Vater angesichts der Revolutionswirren von seinem Plan abgesehen, seinen Sohn als Beamten ausbilden zu lassen, und so kam D. noch im gleichen Jahr zu dem Büchsenmacher Raithel in die Lehre. 1852 machte D. die Gesellenprüfung mit einer kunstvoll gefertigten Taschenpistole. Es ist bemerkenswert, daß im Gegensatz zur ungefesselten Explosion des Pulvers mit Hilfe|der Pistole die gefesselte Explosion des Kraftstoffgemisches im Motor und dessen Anwendung D.s Lebensaufgabe werden sollte. Nach seiner Prüfung ging der Büchsenmachergeselle D. auf die königliche Landesgewerbeschule, wo der als Förderer des württembergischen Wirtschaftslebens bekannte Ferdinand Steinbeis (1807–1893) auf ihn aufmerksam wurde. Auf Empfehlungen von Steinbeis erhielt D. einen Reise- und Ausbildungszuschuß, um sich eine gründliche Kenntnis technologischer Herstellungsverfahren im Maschinenbau anzueignen. Zu diesem Zweck trat er 1853 in die Fabrik in Grafenstaden (Elsaß), die später als Lokomotiv-Fabrik bekannt wurde, als einfacher Werkstättenarbeiter ein. 1857 gab D. die Tätigkeit in Grafenstaden auf, um sich noch im gleichen Jahr an der Polytechnischen Schule in Stuttgart dem Studium zu widmen. 1859 schloß er sein Hochschulstudium ab und trat dann wieder in Grafenstaden ein, verblieb allerdings dann nur noch bis zum Sommer 1860.

Auf Grund der Veröffentlichungen über den 1860 gebauten Lenoir-Motor machten D. und der in der Kuhn’schen Maschinenfabrik tätige Ingenieur Max Eyth eine Studienreise nach Paris, um den Motor zu studieren, der sich noch als recht unvollkommen erwies. Daran schloß sich eine kurze Tätigkeit in einer Pariser Fabrik; weitere Etappen waren von 1861-62 Leeds, Manchester und Coventry. Im Anschluß daran trat er in die Metallwarenfabrik Straub in Geislingen, die spätere Württembergische Metallwarenfabrik Geislingen, ein, konnte aber dort verschiedene seiner Absichten nicht verwirklichen und trat daher 1865 wieder aus. Noch im gleichen Jahr übernahm er die Leitung der Maschinenfabrik des „Bruderhauses“ in Reutlingen. Diese Tätigkeit war insofern für sein künftiges Lebenswerk von großer Bedeutung, weil in dieser Zeit die Zusammenarbeit mit →Wilhelm Maybach beginnt, mit dem er bis zu seinem Lebensende verbunden blieb.

1869 legte D. die Tätigkeit in Reutlingen nieder und trat in die Maschinenbaugesellschaft Karlsruhe als Vorstand sämtlicher Werkstätten ein; ihm folgte bald darauf Maybach. Als von Steinbeis empfohlener Beauftragter der königlich württembergischen Regierung 1867 nach Paris entsandt, konnte D. sich dort vom Stand der damals stark aufstrebenden Motortechnik überzeugen, und dies bestärkte ihn in seinen Absichten, sich ganz dem Motorenbau zuzuwenden. Er lernte dort auch den Otto’schen atmosphärischen Motor der Gasmotorenfabrik Deutz kennen, der sich als überlegene Spitzenleistung repräsentierte. D.s große Erfahrungen wurden dann als so wertvoll angesehen, daß ihm am 10.3.1872 von der Gasmotorenfabrik Deutz die Oberleitung der Werkstätten und des Zeichenbüros sowie die Disposition über das zugehörige Personal und Material übertragen wurde. Maybach folgte am 1.1.1873 seinem Landsmann als Chef des Konstruktionsbüros. Diese Tätigkeit gehörte zu den entscheidendsten vor Inangriffnahme seines Lebenswerkes, mit dem er nach seinem Austritt im Jahr 1882 begann.

Die Grundidee im Schaffen D.s war, im Gegensatz zu den damals üblichen langsamlaufenden, großen und schweren, ortsfesten, vorwiegend mit Leuchtgas betriebenen Motoren einen schnellaufenden, kleinen leichten und auch für den Antrieb von Fahrzeugen aller Art geeigneten Benzinmotor zu schaffen. Auf der Grundlage der von 1883 an erteilten zahlreichen Patente, darunter desjenigen, welches die ungesteuerte Glührohrzündung betraf, wurde 1883 der erste schnellaufende und 1885 der erste geschlossene, stehende Motor geschaffen, der in dieser Form eine Grundlage für die Entwicklung des Kraftwagenmotors wurde. In dieser und der folgenden Zeit entstand das erste Motorrad der Welt (1885). 1885/86 erfolgte der Einbau des Motors in eine Motorkutsche - neben dem zur gleichen Zeit geschaffenen Benz-Wagen der Beginn des Automobilbaues - sowie Einbauten in Motorboote, in Schienenfahrzeuge und in das erste Luftschiff von Dr. Wölfert. Damit wurde erstmals ein Weg beschritten, der auch über die Schaffung des Automobils hinaus eine große Bedeutung in der Technik erlangt hat.

Die Arbeiten von D., dem in seinen konstruktiven Entwicklungen Maybach in kongenialer Weise zur Seite stand, fanden auch bald im Ausland aufrichtige Würdigung. Die Herstellung von D.-Motoren führte um 1890 in Frankreich zur Entstehung einer Auto-Industrie. Auch auf die Schaffung der Automobilindustrie in England und in den Vereinigten Staaten hat D. stark anregend gewirkt.

Aus der 1882 geschaffenen Versuchswerkstätte und der 1887 gegründeten Fabrik in Cannstatt entstand am 28.11.1890 die D.-Motoren-Gesellschaft, deren Produktions-Schwerpunkt bis etwa 1895 der Motor gebildet hatte, da die Nachfrage nach Kraftwagen noch verhältnismäßig gering war. Durch die mit Daimler-Motoren errungenen großen Erfolge in der ersten automobilen Wettfahrt der Welt von Paris nach Rouen 1894 wurde das öffentliche Interesse stark geweckt; sie|bewiesen die Richtigkeit des D.schen Konstruktionsprinzips.

Durch zahlreiche Verbesserungen des Motors, vor allem der Kühlung und des Vergasers, gelang es, den D.-Motor so auszubilden, daß er allen Wettbewerbern überlegen war. Vor allem war es dadurch möglich, den Kraftwagen zum Hochleistungsfahrzeug auszubilden. Die sich 1896 abzeichnende Entwicklung führt so zum Bau der 1900/01 geschaffenen Mercedes-Motoren und -Wagen. Damit wurde eine völlig neue Grundlage für den Bau und die Weiterentwicklung von Motor und Fahrzeug geschaffen. Die überwältigenden Erfolge des Jahres 1901, die in einer großen Zahl überlegener Siege zum Ausdruck kommen und die sich in den folgenden Jahren noch häuften, hat D. nicht mehr erleben dürfen.

Mit der Schaffung des schnellaufenden Motors und seines ersten Kraftwagens und deren beharrlicher methodischer Weiterentwicklung hat D. in ähnlicher Weise wie Karl Benz, der als erster das als Einheit entwickelte Motorfahrzeug schuf, einen entscheidenden Beitrag für die Verkehrsmotorisierung geleistet. Die Werke der von diesen beiden Männern begründeten Unternehmen wurden 1926 in der D.-Benz AG zusammengefaßt. Über den Rahmen der eigenen unternehmerischen Leistung, die aus der Erfindung D.s entstanden ist, hat seine Arbeit eine große Bedeutung in der Automobil- und Motortechnik der ganzen Welt erlangt.

12. Wilhelm Conrad Röntgen

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R. wuchs in Apeldoorn (Holland) auf, wohin die Familie wohl aus geschäftlichen Gründen 1848 übergesiedelt war. Er besuchte die dortige Schule und seit 1862 die Technische Schule in Utrecht, von der er 1864, vermutlich wegen eines Schülerstreichs, ohne Reifezeugnis verwiesen wurde. Da er auch die in Holland ersatzweise mögliche Zulassungsprüfung für eine Universität nicht bestand, nahm er Ende 1865 am Eidgenöss. Polytechnikum in Zürich, wo dies ohne Prüfung möglich war, ein Ingenieurstudium auf, das er 1868 mit dem Diplom in Maschinenbau abschloß. R. hatte während des Studiums Vorlesungen u. a. bei →Rudolf Clausius (1822–88) und →Gustav Zeuner (1828–1907) gehört. Er wandte sich nun vollends der Physik zu und hörte auch bei →August Kundt (1839–94). 1870 an der Univ. Zürich mit einer Arbeit zur Gastheorie promoviert, folgte er Kundt im selben Jahr als Assistent nach Würzburg und 1872 an die neugegründete Reichsuniv. Straßburg, wo er sich 1873 habilitierte. 1875 wurde R. o. Professor für Mathematik und Physik an der Landwirtschaftlichen Akademie Hohenheim, 1876 erhielt er an der Straßburger Univ. das Extraordinariat für Physik neben Kundt. Mit diesem entstanden u. a. mehrere Arbeiten zur elektromagnetischen Drehung der Polarisationsebene des Lichtes in Gasen; auch|befaßte sich R. mit der Wärmeleitung in Kristallen.

1879 wurde R. Ordinarius an der Univ. Gießen, 1888 an der Univ. Würzburg als Nachfolger von →Friedrich Kohlrausch (1840–1910). In Gießen gelang R.1888 der Nachweis, daß in einem zwischen elektrisch geladenen Kondensatorplatten bewegten Dielektrikum eine magnetische Wirkung („Röntgenstrom“) hervorgerufen wird. In Würzburg wandte sich R. der Untersuchung der Elektrizitätsleitung in Gasen und insbes. den Kathodenstrahlen zu. 1895 entdeckte er dabei die X-Strahlen (im dt. Sprachraum Röntgen-Strahlen genannt) und erhielt dafür 1901 den erstmals verliehenen Nobelpreis für Physik.

Zum Sommersemester 1900 wurde R. an die Univ. München berufen, wo u. a. →Walter Friedrich (1883–1968), →Abram F. Joffe (1880–1960), →Paul Knipping (1883–1935), Peter Paul Koch (1879–1945), →Rudolph Ladenburg (1882–1952) und →Peter Pringsheim (1881–1963) seine Schüler wurden. R.s Münchner Hauptarbeitsgebiet waren die elektrischen Eigenschaften der Kristalle, während mehrere seiner Schüler sich auch spezifischen Untersuchungen der Röntgenstrahlen widmeten. Hervorzuheben sind die 1912 durchgeführten Interferenzversuche von Röntgenstrahlen an Kristallen durch Friedrich, Knipping und →Max v. Laue (1879–1960), wofür letzterer den Physik-Nobelpreis 1914 erhielt. Eine mögliche Berufung als Präsident der Phvsikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin (zu deren Kuratoren er seit 1897 zählte) lehnte R. 1904 ab, ebenso 1912 eine Forschungsprofessur der Preuß.Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Eine wichtige organisatorische Leistung R.s für München war die Wiederbelebung des seit zehn Jahren verwaisten theoretischen Ordinariats, auf das 1905 →Arnold Sommerfeld (1868–1951) berufen wurde. 1920 emeritiert, verbrachte R. seine letzten Jahre einsam; sein bescheidenes Vermögen verlor er durch die Inflation.

Bei seiner Beschäftigung mit Kathodenstrahlen, deren Eigenschaften noch weitgehend unbekannt waren, stieß R. 1894 auf eine Arbeit von →Philipp Lenard (1862–1947), der gefunden hatte, daß man die Strahlen durch ein Aluminium-Fenster aus der Entladungsröhre austreten lassen und außerhalb der Röhre untersuchen könne. R. wiederholte Lenards Experimente, zunächst offenbar ohne dabei ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, doch er war ein besonders gründlicher Beobachter. Dabei stellte R. am 8.11.1895 eher zufällig fest, daß ein in der Nähe der verhüllten Entladungsröhre stehender Fluoreszenzschirm im verdunkelten Raum hell aufleuchtete. Bei näherer Untersuchung zeigte sich, daß diese Erscheinung von einer bisher unbekannten Art von Strahlen herrührte, die R. „X-Strahlung“ nannte. Noch in den Weihnachtstagen 1895 schrieb er eine erste Abhandlung hierüber und verschickte sie am Neujahrstag; sie wurde sofort mit Begeisterung aufgenommen. Insbesondere die als Beleg beigefügten Fotos, darunter eine „Röntgen-Aufnahme“ der Hand seiner Frau, regten sofort eine praktische Nutzung in Medizin und Technik an. Sein langsamer, pedantischer Arbeitsstil erwies sich für die weitere Erforschung der Röntgenstrahlung als nicht sehr förderlich, und so verlor R. trotz seiner Pionierrolle schnell den Anschluß an die internationale Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet. Nach seiner dritten Publikation hierzu (1897) erlosch sein Interesse an dieser Thematik und er wandte sich erneut der Kristallphysik zu. Indirekt wurde die schnelle technische Weiterentwicklung auch dadurch gefördert, daß R. keinerlei Patentansprüche anmeldete. Er hielt über seine Entdeckung nur einen öffentlichen Vortrag, und zwar am 23.1.1896 vor der Physikalisch-Medicinischen Gesellschaft zu Würzburg, am 12.1.1896 hatte er vor Ks. Wilhelm II. in Berlin eine Privatdemonstration vorzuführen, doch hielt R. nicht einmal anläßlich der Nobelpreisverleihung den erwünschten Vortrag. Die Röntgenstrahlen gehören nicht nur zu den grundlegenden Entdeckungen, die die moderne Physik des 20. Jh. einleiteten, da sie sich mit den Mitteln der Klassischen Physik letztlich nicht erklären ließen, sondern auch zu den wenigen wissenschaftlichen Grundlagenentdeckungen, die unmittelbar zu einer (aus heutiger Sicht vielleicht etwas übereilten) technischen Nutzung führten.|

13. Friedrich Nietzsche 

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Nach dem Tod des Vaters und der Übersiedlung der Familie nach Naumburg besuchte N. seit 1854 das Domgymnasium. 1858 erhielt er eine Freistelle in der Landesschule Pforta (Schulpforta), an der er die für seinen späteren Berufsweg entscheidende strenge, altphilologisch akzentuierte Ausbildung erhielt. Zwei damals entstandene Abhandlungen, „Fatum und Geschichte“ und „Willensfreiheit und Fatum“, berühren bereits wesentliche Themen seiner nach 1876 entwickelten Philosophie. Nach dem Abitur 1864 immatrikulierte sich N. in Bonn an der theol. Fakultät und wechselte im folgenden Semester zur klassischen Philologie. Im Herbst 1865 setzte er das Studium in Leipzig fort, u. a. weil sein Lehrer →Friedrich Ritschl (1806–76) dorthin berufen worden war. Zu dieser Zeit entdeckte N. Schopenhauers Schrift „Die Welt als Wille und Vorstellung“, die auf seine Entwicklung wesentlichen Einfluß hatte. Getragen von der Leidenschaft Schopenhauers, widmete er sich dem Studium der Philologie. Nach einem Militärdienst bis März 1868 plante N. zunächst eine Dissertation über Kant und ein naturwissenschaftliches Studium in Paris. Auf Empfehlung Ritschls wurde N. im Februar 1869 als ao. Professor auf den altphilologischen Lehrstuhl in Basel berufen (o. Prof. April 1870), im März aufgrund seiner bisherigen Arbeiten in Leipzig promoviert. Einem Besuch bei →Richard Wagner, den er im Herbst 1868 kennengelernt hatte, in Tribschen bei Luzern im Mai 1869 folgten viele weitere. Im August 1870 ließ N. sich für eine freiwillige Teilnahme als Sanitäter im Krieg gegen Frankreich beurlauben. – N. verfolgte in Basel ein kulturpädagogisches Programm in kosmopolitischer Absicht, das den kulturfeindlichen Tendenzen der modernen „Civilisation“ entgegenwirken sollte. Er sah sich dabei einig mit →Jacob Burckhardt, vor allem aber mit Wagner, der N. für die öffentliche Durchsetzung seines Kunstideals zu gewinnen hoffte. Dieser Erwartung entsprach N.zunächst mit seiner Schrift „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“ (Anfang 1872). Ausgelöst durch innere Spannungen angesichts einer zunehmenden Distanz zu Wagners künstlerischen Bestrebungen und der Unvereinbarkeit seiner Lehrverpflichtungen mit der Entwicklung seiner philosophischen Interessen, verschlechterte sich N.s Gesundheitszustand seit 1873 so gravierend (u. a. migräneähnliche Kopfschmerzen, Augenschwäche), daß ihm die Basler Erziehungsbehörde 1876 einen einjährigen Urlaub gewährte. Die Zeit bis Mai 1877 verbrachte er größtenteils in Sorrent mit →Malwida v. Meysenbug (1816–1903) und dem Moralpsychologen →Paul Rée (1849–1901). Hier traf N. auch ein letztes Mal Ende Okt. 1876 mit Wagner zusammen. 1877 entstand der größte Teil des Aphorismenwerks „Menschliches, Allzumenschliches, Ein Buch für freie Geister“ (1878), das eine deutliche Absage an Wagners nationalistisches Kunstideal enthielt. Den grundsätzlichen Unterschied ihrer Kunst- und Kulturauffassungen hat N. später in der Polemik „Der Fall Wagner, Ein Musikantenproblem“ (1888) deutlich gemacht. Im Mai 1879 bat N., dessen Gesundheitszustand sich rapide verschlechterte, um Entlassung aus dem Basler Amt, die ihm unter Zusicherung einer jährlichen Pension für sechs Jahre (verlängert 1885) gewährt wurde.

Die folgenden Jahre verbrachte N. als „fugitivus errans“ mit beschränkten Mitteln an wechselnden Orten – den Winter über bevorzugt in Italien (v. a. Genua, Rapallo, Nizza, Turin, zeitweise Venedig, aber auch Riva, Recoaro, Messina), im Sommer seit 1881 in Sils-Maria (Oberengadin). Eine einschneidende Zäsur in diesen Jahren bildete die Begegnung mit →Lou v. Salomé (1861–1937). In ihrem Gedicht „Gebet an das Leben“, das er im Sommer desselben Jahres als „Hymnus an das Leben“ vertonte, meinte er, seine dionysische Weltsicht wiederzuerkennen, und hoffte vergeblich, eine seelenverwandte Partnerin gefunden zu haben. Mit Freunden wie →Paul Deussen (1845–1919), →Carl v. Gersdorff (1844–1904), →Heinrich Köselitz (1854–1918), →Franz Overbeck (1837–1905) und →Erwin Rohde (1845–98) hielt er überwiegend brieflich Kontakt.

Am 3.1.1889 wurde bei N. in Turin eine organische Gehirnerkrankung manifest, die|eine fortschreitende Zerstörung des Bewußtseins zur Folge hatte. Nachdem er Anfang Januar sog. „Wahnsinnszettel“ an Burckhardt und Overbeck geschickt hatte, holte letzterer ihn von Turin nach Basel zur Untersuchung in der Nervenklinik. Von hier brachte ihn die Mutter nach Jena, wo er bis Februar 1890 in der psychiatrischen Universitätsklinik beobachtet, danach von ihr bis Mai betreut und dann nach Naumburg zurückgebracht wurde. 1894 gründete die Schwester im Haus der Mutter ohne deren Zustimmung ein Nietzsche-Archiv. Sie übersiedelte, nachdem sie sich 1895 die Rechte am Nachlaß hatte übertragen lassen, 1896 nach Weimar. Nach dem Tod der Mutter 1897 übernahm sie N. ins Archiv, wo er, als Kultobjekt aufbewahrt, weiterlebte. Die Ursachen von N.s Erkrankung sind ungeklärt geblieben; sie ist möglicherweise durch eine Syphilis bedingt.

Hauptwerke. – In seiner ersten kulturphilosophischen Veröffentlichung, der „Geburt der Tragödie“ (1872), entwickelt N. anhand einer Darstellung der attischen Tragödie und einer Unterscheidung der Phänomene des Apollinischen und des Dionysischen eine Metaphysik der Kunst, die beide Phänomene vereint und sich in der Aussage verdichtet: „daß nur als ästhetisches Phänomen das Dasein und die Welt gerechtfertigt erscheint“. Bereits hierin drückt sich ein Abstand N.s zu Schopenhauers Negation des Willens in der ästhetischen Betrachtung aus. Der starken öffentlichen Beachtung, die diese Schrift fand, stand die seiner ersten „Unzeitgemäßen Betrachtung“: „David Strauß, der Bekenner und Schriftsteller“ (1873) nicht nach. In polemischem Stil beschreibt N.hier am Beispiel eines „Bildungsphilisters“ den Zustand der deutschen Bildung. Mit der zweiten Betrachtung, „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ (1874), wendet sich N. mittels der Unterscheidung einer „monumentalischen“, einer „antiquarischen“ und einer „kritischen Historie“ gegen die „Hypertrophie“ der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft und macht zugleich deutlich, daß eine Rückkehr zum Mythos keinen Ausweg aus dieser Situation bietet. Die dritte dieser Schriften, „Schopenhauer als Erzieher“ (1874), sucht zu zeigen, wie ein an unbedingter Wahrhaftigkeit orientierter Denker „unzeitgemäß“ und dadurch zum Muster eines echten Philosophen wird, der seine Wahrheit l e b t. In „→Richard Wagner in Bayreuth“ (Anfang 1874 begonnen, beendet Juli 1876) konfrontiert er Wagners ursprünglich revolutionäre, kosmopolitische Ideale indirekt mit der das zeitgenössische Kulturverständnis sanktionierenden Realität der Festspiele in Bayreuth.

Das Werk „Menschliches, Allzumenschliches, Ein Buch für freie Geister“ (1878-79; MA) ist die Fortsetzung der Arbeit an einer zunächst noch als „Unzeitgemäße Betrachtung“ unter dem Titel „Die Pflugschar“ geplanten Aphorismenschrift, die er im Juni 1876 begonnen hatte. Es handelt sich um eine Sammlung von in der Form durch die franz. Moralisten angeregten Aphorismen, die ihren besonderen Inhalt jeweils am Anfang benennen. Sie folgen dem Prinzip des „prodesse et delectare“ und greifen, um neun „Hauptstücke“ gruppiert, in loser Folge alle bisherigen kulturphilosophischen Themen auf. Ihre innere Einheit besteht in dem zugrundegelegten Bewußtsein eines fiktiven Subjekts, des „freien Geistes“, der allem „Idealismus“ abgesagt hat. Auf der Grundlage der Einsicht, daß „Überzeugungen … gefährlichere Feinde der Wahrheit, als Lügen“ sind (MA 483), unterzieht N. tradierte metaphysische Vorstellungen und Ideale einer psychologischen Analyse, die im Versuch der „Umkehrung gewohnter Wertschätzungen und geschätzter Gewohnheiten“ (Vorrede I, 1) ihren methodischen Ausgangspunkt hat. Ihrer Erscheinungsform und Intention nach schließen die beiden folgenden Werke unmittelbar an. Während die in fünf „Bücher“ gegliederte „Morgenröte“ (1881; M) unter dem Titel „passio nova“ konzipiert und mit dem Titel „Die Pflugschar“ als Manuskript abgeschlossen wurde, war „Die fröhliche Wissenschaft“ (1882, erweitert ²1887; FW) zunächst als Fortsetzung der „Morgenröte“ geplant. Die aphoristische Form war nicht nur das adäquate Mittel für einen Autor, der seine Gedanken auf Wanderungen faßte und auf einen ökonomischen Umgang mit seinem Augenlicht angewiesen war, sie war vor allem der angemessene Ausdruck einer Philosophie, die sich aller systematisierenden Ableitung aus dem Begriff versagt, weil sie die Grenzenlosigkeit der Erkenntnis unterstellt und davon ausgeht, „daß das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe“ (FW 324). Ging es N. zunächst um die Rückführung metaphysischer Vorurteile auf „allzumenschliche“ Gründe, so hier überwiegend um eine Kritik der Moral im Blick auf ihre historische Entstehung. Das Denken soll nun, statt im Dienst der Moral deren Abkunft aus der Vernunft glaubhaft zu machen, deren Herkommen aus der „Unvernunft“ deutlich werden lassen. In „Jenseits von Gut und Böse“ (1886; JGB) und den Abhandlungen „Zur Genealogie der Moral“ (1887; GM)|hat N. die historische Kritik der Moral weiter ausgeführt. Die Besonderheit der „Fröhlichen Wissenschaft“ im Zusammenhang seiner Werke liegt darin, daß bei der Darstellung traditioneller Metaphysik und Moral der polemische Ton fehlt, und darin, daß sie mit ihrem fünften Buch der Entstehungszeit nach das Werk „Also sprach Zarathustra“ (T. 1-4, 1883-1887) umgreift. Vor allem aber steht sie in inhaltlichem Bezug zu diesem Werk: Durch die Figur des „tollen Menschen“ (FW 125), der die Tötung Gottes durch den Menschen als epochales Ereignis begreift, durch den letzten Aphorismus des 4. Buchs, der mit der 1. Vorrede Zarathustras fast gleichlautet, und vor allem durch die Darstellung des zentralen, aus aktuellen wissenschaftlichen Quellen gespeisten Gedankens des „Zarathustra“, der „ewigen Wiederkunft des Gleichen“ (FW 341), den N. im August 1881 als für ihn entscheidende Erfahrung festgehalten hat. Für N. erlangt dieser hypothetische Gedanke außerordentliches Gewicht als Gegensatz zu theistischen Vorstellungen, die einen willkürlichen Gott unterstellen. In „Also sprach Zarathustra“ rückt ein weiterer Gedanke in den Mittelpunkt: Zarathustras Lehre vom „Übermenschen“; dieser ist keineswegs gedacht als „ästhetisierender Athlet“ oder gar „Prototyp einer, Herrenrasse'“, er bezeichnet vielmehr, wie sein Gegenpol, der „letzte Mensch“, eine Grenze „am Horizont einer antimetaphysischen, antipessimistischen Vision der Welt“ (Montinari). Daneben tritt im „Zarathustra“ ein dritter Gedanke, der in den Überlegungen zu JGB und zur GM, vor allem aber in den Vorarbeiten zu den sog. Spätwerken des Herbstes 1888 „Götzendämmerung“ (1889) und „Der Antichrist“ (1895) eine beherrschende Stellung gewinnt und mit den beiden anderen den „konstruktiven Teil seiner Philosophie“ (Montinari) darstellt: die „Theorie eines in allem Geschehen sich abspielenden Macht-Willens “ (GM II, 12). N. bestimmt diesen Willen als das Wesen des Lebens selbst, als „das, was sich immer selbst überwinden muß“ (II, Von der Selbstüberwindung). Er ist nicht als metaphysisches Prinzip neben und hinter aller Erscheinung mißzuverstehen, auch nicht als die zweifelhafte Eigenschaft erfolgshungriger Politiker. Er tritt immer nur als eine „Vielheit von. Willen zur Macht'“ (Nachlaß-Fragmente 40 [53] 1885) auf und betrifft die anorganische Welt ebenso wie den Kosmos möglicher Zwecke des Menschen, die zueinander in ein ständig variierendes Verhältnis der Nach- und Überordnung treten. Er ist nach N. auch wirksam in dem seit 1881 immer wieder abgehandelten, in sich widersprüchlichen Phänomen eines europ. „Nihilismus“, den er vor allem durch das Christentum initiiert sieht: „lieber will noch der Mensch das Nichtswollen, als nicht wollen“, ist N.s Formel dafür. Daß der „Wille zur Macht“ als Projekt eines Hauptwerks unvollendet geblieben wäre, wurde von Montinari zweifelsfrei widerlegt.

Die „Umkehrung gewohnter Wertschätzungen“ und die „Umwertung aller Werte“. - Obwohl N. antrat, die seit Plato nicht nur in der Geschichte des Denkens etablierte Vorstellung der Dualität zweier Welten, den Widerspruch von wahrer und scheinbarer Welt, aufzuheben, und diesen Vorsatz bis zuletzt festhielt, sah er sich im Übergang vom idealismuskritischen, negativen Teil seines Werks zu den konstruktiven Entwürfen, die in den letzten sechs Jahren seines Schaffens damit einhergingen, „in einen unlösbaren Widerspruch zwischen seinem radikalen Skeptizismus … und der Notwendigkeit einer ‚Gesetzgebung' verwickelt“ (Montinari). Daß dieser Widerspruch auch das durchgehend negative, zeit-, kultur- und geschichtskritische Denken bestimmt und zuletzt zweideutig erscheinen läßt, zeigt sich u. a. in N.s Kritik des moralischen Selbstbewußtseins bzw. „Selbstbetrugs“ (MA I Vorr. 1). Zunächst folgt er seiner Methodik der „Umkehrung gewohnter Wertschätzungen“ zur Destruktion des Idealismus, der einen Gegensatz von Ideal und Wirklichkeit, von Vernunft und Interesse unterstellt. So erklärt er anhand von Praktiken des moralischen Bewußtseins, einen erlittenen Schaden als selbstlose Tat (FW 21), Ohnmacht als Güte, Niedrigkeit als Demut oder Unterwerfung als Gehorsam zu deuten (GM I, 14), daß diese nicht auf einem Mißverständnis der Moral beruhen, sondern in deren Wesen begründet sind. Nach N. besteht etwa der Grundwiderspruch des Ideals der „Selbstlosigkeit“ (FW 21) darin, daß es dem Prinzip nach den Schaden des Selbstlosen und das Akzeptieren dieses Schadens unterstellt. Dieser Doppelheit entsprechend kritisiert er auch ein religiöses Bewußtsein, das, statt ein Übel durch das Beheben seiner Ursache verschwinden zu machen, durch ein „Umdeuten des Uebels in ein Gut“, das späteren Nutzen verheißt (MA I 108), die Wirkung des Übels auf die Empfindung vermindern soll („Narkotisirung“). Vor allem in den Werken der letzten drei Schaffensjahre tritt aber an die Stelle einer experimentellen Umkehrung von Wertschätzungen eine „Umwertung aller Werte“. Statt mit der Aufhebung der Differenz von wahrer und scheinbarer Welt den Bereich moralischer Vorstellungen zu verlassen und auch den außermoralischen und außerpsychologischen Gründen nachzuforschen, die den Gang der Geschichte bestimmen, entwirft er eine Gegenmoral, die die Welt bewegen soll. Das Urteil: das Gute ist nicht gut, sondern schlecht (GM I: „Gut und Böse“, „Gut und Schlecht“), findet eine Fortsetzung, die das bisher als böse Geltende für gut erklärt, und ist als Ganzes keineswegs „jenseits von Gut und Böse“ angesiedelt. Gestützt auf seine erkenntnistheoretische Prämisse, die am Beispiel der Sprache die Falschheit aller synthetischen Urteile a priori konstatiert (JGB 4), erklärt er falsche Urteile a posteriori für zweckmäßig, sofern sie dem abstrakt allgemeinen Kriterium „lebensfördernd“ genügen, also der Willkür Platz einräumen. Nicht mögliches Wissen und die auf Wissen gegründete Praxis, sondern die bloße Setzung konträrer Werte gilt nun als realitätsmächtig. Der Widerspruch bleibt auch auf dem Gebiet der Religionskritik, auf dem er zwar dem Rückgang hinter historisches Wissen, dem Mythos, die Berechtigung bestreitet: „Hüten wir uns, eine solche Lehre [d. i. die ewige Wiederkehr des Gleichen] wie eine Religion zu lehren“ (Nachlaß 1881), sich aber doch „in steter Nachbarschaft zur Religion“ (Montinari) befindet. Vor allem den letzten Werken N.s eignet eine Zweideutigkeit, die auch durch den bis zuletzt immer hervorgehobenen Versuchscharakter seines Denkens nicht relativiert wird. Wendungen wie „die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie “ (GM I, 11), von N. provokatorisch als Symbol seiner Gegenmoral aufgebaut, die „vornehmen Rassen“ zu eigen sein soll, sind aus der „Umwertung“ resultierende Entgleisungen seines Denkens, nicht etwa Ausdruck eines sich ankündigenden organischen Zusammenbruchs; dieser deutet sich möglicherweise im forciert euphorischen Gestus der späten Äußerungen an.

Die Wirkungen der Schriften N.s entsprachen weder seinen Phantasien der letzten Zeit, unmittelbar normsetzende Gewalt zu erlangen, noch seiner Vorstellung einer langfristigen latenten Wirksamkeit der konstruktiven Ideen. Dagegen unternahm N.s Schwester, u. a. durch die Kompilation eines aus nachgelassenen Notizen bestehenden Hauptwerks „Der Wille zur Macht“ (1901, 483 Nummern; 1906, 1067 Nummern) alles ihr Mögliche, den Gehalt des Werks in einen am Wilhelminismus orientierten, eine germanische Rasse idealisierenden nationalistischen Mythos zu verwandeln. Seine Schriften erreichten in Gestalt der nun veranstalteten Gesamtausgaben hohe Auflagen. In der Folge haben u. a. →Ernst Bertram durch seine Mythologisierung N.s (1918), vor allem aber →Alfred Bäumler (1931), mit seiner am germanischen Rassenideal orientierten Umdeutung, der Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten Vorschub geleistet. Eine ernsthafte philosophische Auseinandersetzung haben die Schriften N.s in der ersten Jahrhunderthälfte vor allem durch →Karl Jaspers und →Karl Löwith erfahren, später auch durch →Martin Heidegger. – Es ist die Ironie der Wirkung N.s, daß mit der geglückten Verwandlung des Außenseiters N. in eine vom Wilhelminischen Deutschland anerkannte Kultfigur gerade die Voraussetzung geschaffen war für die gesellschaftliche Anerkennung von kritischen Künstlern, deren für sie bisher meist ruinöse Außenseiterstellung nun ebenso aufgewertet wurde wie sie unangetastet blieb. Eine Quelle der Anregung wurde das Werk N.s für die moderne Psychologie, besonders die Psychoanalyse. Mit seiner zusammen mit Giorgio Colli 1961 begonnenen und seit 1967 erscheinenden kritischen Ausgabe der Texte hat Mazzino Montinari (1928–68) erstmals die Möglichkeit einer unverzerrten Aufnahme von Sinn und Absicht der Werke durch die Forschung eröffnet.

14. Paula Modersohn-Becker

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Nach Schulbesuch und Ablegung des Lehrerinnenexamens studierte B. Malerei in Berlin, in Worpswede bei →F. Mackensen (1898/99) und schließlich in Paris in der Academie Colarossi und an der Ecole des Beaux-Arts. Obwohl auch angezogen von der Kunst A. Böcklins, hat vor allem die neue französische Malerei B. nachhaltig beeindruckt: P. Cézanne und P. Gauguin. 1905 und 1906 kehrte sie für einige Zeit nach Paris zurück. Bedeutsam für sie wurden die Freundschaften mit den Bildhauern Clara Westhoff, der Frau Rilkes, und →Bernhard Hoetger. Sie, die immer wieder Mütter und Kinder gemalt hat, starb an der Geburt des ersehnten Kindes.

Meist in kräftigen dunklen Farben hat B. Bildnisse, Figurenbilder, Stilleben und Landschaften geschaffen. Der Kunst der Worpsweder Malerschule (Mackensen, O. Modersohn u. a.) gab sie in ihren Werken europäisches Format und wurde damit gleichzeitig zur Vorläuferin des deutschen Expressionismus. Auf einfachste Formen und Konturen zurückgeführt, zeichnet ihre Gestalten eine gewisse Primitivität aus, die in ihrer eindringlichen und zugleich verhaltenen Schlichtheit um so direkter auf den Betrachter wirken. Überall ist das liebevolle, warmherzige Erfassen und Darstellen der Frau zu spüren, die das Wunder des Werdens und Seins im Großen wie im Kleinen geschaut hat, um es in seiner Ursprünglichkeit zu gestalten.

15. Bertha Benz 

Als Cäcilie Bertha Ringer am 3. Mai 1849 in Pforzheim zur Welt kommt, ist die Enttäuschung groß. Das dritte Kind von Auguste Friederike Ringer und ihrem Mann, dem wohlhabenden Zimmermeister Karl Friedrich Ringer, ist »leider wieder ein Mädchen«, wie die enttäuschte Mutter in die Familienbibel einträgt. Jahre später, als längst auch der erwünschte Stammhalter plus weitere Söhne und Töchter geboren sind, entdeckt Bertha diesen Eintrag und nimmt sich vor, »der Mutter zu beweisen, dass auch ein Mädchen etwas leisten und tun konnte, das außergewöhnlich war, nicht nur ein Junge.«

Als Schülerin der Höheren Töchterschule in Pforzheim genießt Bertha eine für die damalige Zeit recht gründliche Bildung, die freilich mit der Konfirmation ihr Ende findet. Mit zwanzig begegnet sie Carl Benz. Er ist fünf Jahre älter, sieht gut aus und tanzt gern. Vor allem aber ist er fleißig und strebsam und kommt deshalb als Heiratskandidat in Betracht. In seiner Heimatstadt Karlsruhe hat er das Polytechnikum besucht, musste die Hochschule aber nach vier Jahren Studium ohne Abschluss verlassen, um Geld zu verdienen. In verschiedenen Anstellungen, bei denen er immer schnell aufstieg, hat er den Maschinenbau von der Pike auf gelernt. Seit Anfang 1869 ist er nun in Pforzheim tätig, wo er Konstruktionsentwürfe für Eisenbahnbrücken zeichnet. Carl fährt auf alles ab, was Räder hat, und er träumt von einem motorgetriebenen Straßenwagen. Von Anfang an teilt er diesen Traum mit seiner Verlobten, die – ungewöhnlich für eine Frau – ihr Interesse für technische Zusammenhänge nicht verhehlt. »Ich bin wohl überhaupt der erste Mensch, der gewusst hat, ein Auto soll gebaut werden«, erzählt Bertha Benz später in einem Interview.

Bertha Benz

Im Juli 1872 wird geheiratet. Im Aufgebot firmiert der Bräutigam als Maschinenfabrikant. Denn Carl Benz hat sich inzwischen in der aufstrebenden Industriestadt Mannheim mit einer mechanischen Werkstätte zur Herstellung technischer Geräte selbständig gemacht. Das hat Bertha ihm ermöglicht, indem sich das väterliche Erbteil auszahlen ließ und es mitsamt ihrer Mitgift in die Firma investierte. Die 22-jährige Braut ist selbst dabei, als der Ehevertrag aufgesetzt wird, der ihr Vermögen absichert. Ihre Biografin Barbara Leisner vermutet, dass sie von Anfang an in finanziellen Dingen das Heft in die Hand genommen habe. Carl Benz ist zwar ein genialer Erfinder, hat aber wenig Geschick fürs Geschäftliche. Als eheliche Wohnung dient ein schlichter Anbau an die Werkstatt: zwei Zimmer für Bertha, Karl und die vier Kinder, die zwischen 1873 und 1882 geboren werden. Viele Jahre sieht es so aus, als bliebe Carl Benz ein glückloser Unternehmer. Mit wechselnden Teilhabern und Geldgebern gerät er mehrmals an den Rand des Ruins und muss immer wieder von vorn anfangen. Bertha, die von zu Hause an behaglichen Wohlstand gewöhnt ist, führt den Haushalt ohne Dienstboten und mit eiserner Sparsamkeit. Und wenn Carl das Geld zum Kauf von Metall und Werkzeug ausgeht, muss Bertha mit dem Haushaltsgeld einspringen. Resolut trotzt sie den Zweifeln, die sie manchmal überkommen, wenn Freunde ihre gut gemeinten Bedenken äußern.

Trotz der Sorge ums finanzielle Überleben lässt der Traum vom selbstfahrenden Kraftwagen den Erfinder nicht los. Eine Fülle von Problemen muss er lösen, ehe der Wagen in die Gänge kommt: Motor, Zündung, Kühlung, Kraftübertragung, Fahrgestell, Lenkung. Und Bertha ist immer auf dem Laufenden, was Carl plant und erwägt. Sie kann mitreden und steuert eigene Ideen bei. Ende der 1870er Jahre tüftelt Carl an einem neuen Gasmotor.

Am Silvesterabend 1879 gelingt der Durchbruch. Die langwierigen Versuche an einem Zweitaktmotor haben die letzten Groschen aufgezehrt, doch der Motor will und will nicht anspringen. Nach dem Abendessen meint Bertha, irgend etwas lasse ihr keine Ruhe, sie habe so ein Gefühl, dass es jetzt klappen würde. Sie gehen in die Werkstatt hinüber. »Und wieder stehen wir vor dem Motor wie vor einem großen, schwer enträtselbaren Geheimnis. Mit starken Schlägen pocht das Herz. Ich drehe an«, erzählt Carl Benz in seiner Autobiografie Lebensfahrt eines deutschen Erfinders: »Tät, tät, tät! antwortet die Maschine. In schönem, regelmäßigem Rhythmus lösen die Takte der Zukunftsmusik einander ab. Über eine Stunde schon lauschen wir tiefergriffen dem einförmigen Gesang. Was keine Zauberflöte der Welt zuwege gebracht hätte, das vermag jetzt der Zweitakter. Je länger er singt, desto mehr zaubert er die drückend harten Sorgen vom Herzen. In der Tat! War auf dem Herweg die Sorge neben uns hergegangen, so ging auf dem Rückweg die Freude neben uns her. Auf die Glückwünsche der Welt konnten wir an diesem Neujahrsabend verzichten. Denn wir hatten ja das leibhaftige Glück an der Arbeit gesehen in unserer ärmlich-kleinen Werkstätte, die an diesem Abend zur Geburtsstätte eines neuen Motors wurde.« Und dann fangen die Neujahrsglocken zu läuten an. Schöner könnte es auch ein Hollywoodfilm nicht inszenieren.

1883 gründet Carl Benz mit zwei neuen Teilhabern die Firma »Benz & Cie, Rheinische Gasmotorenfabrik in Mannheim«. Ums Kapital und den Vertrieb kümmern sich die beiden Kompagnons. Finanziell geht es der Familie endlich besser. Geld verdient wird mit den Gasmotoren, aber sonntags, nach Feierabend und vor Arbeitsbeginn widmet Carl sich seiner Erfindung. Bertha weiß über alles Bescheid, denn »jeden Abend hat er mir dann, so nach dem Abendbrot, wenn die Kinder schlafen gegangen waren, von dem erzählt, was ihm in der vergangenen Nacht gelungen ist und was er weiter machen wollte.« 1885 kann der Motorwagen Probe gefahren werden. »Die allererste Fahrt machten wir auf dem Hof der Werkstatt. Frau Benz schloss rasch die Tore, damit keine Neugierigen zusehen sollten. Es war noch alles nicht recht fertig, aber wir alle konnten es nicht mehr abwarten. So war z. B. noch kein Tank montiert. Die erste Autofahrt der Welt war die Durchquerung unseres Hofes von 25 m Länge. Dann drehten wir den Wagen, der ja keinen Rückwärtsgang hatte, und der Meister fuhr die gleiche Strecke zurück«, erinnert sich ein Mitarbeiter.

Von da an wird der Wagen auf der Ringstraße, dem alten Mannheimer Wall, ausprobiert, in aller Herrgottsfrühe, wenn noch niemand unterwegs ist. Meist ist Bertha dabei, denn man muss zu zweit sein, um den Wagen in Gang zu bringen. Carl schiebt das Gefährt an, Bertha sitzt oben am Steuer und lenkt. So lernt sie Auto fahren. Am 29. Januar 1886 wird das Patent auf den Motorwagen zugelassen: Das Automobil ist geboren. Die Firma wächst und muss vergrößert werden. Auf dem neuen Fabrikgelände entsteht auch eine Fabrikantenvilla mit allem modernen Komfort. Und am Familientisch dreht sich das Gespräch um den Patent-Motorwagen. Seit die Söhne Eugen und Richard gelegentlich mitfahren dürfen, haben sie nur noch den Wagen im Sinn, und manchmal bringen sie ihre halbe Schulklasse mit in den Fabrikhof. Inzwischen wird der Wagen nicht mehr versteckt, sondern in aller Öffentlichkeit im Straßenverkehr ausprobiert. Anfangs geht vieles schief, und wenn der Defekt nicht an Ort und Stelle behoben werden kann, muss »die Benzine« unter dem Spott schadenfroher Passanten heimgeschoben werden. Der Motorwagen wird laufend verbessert, bald kann man Touren von zehn, zwanzig Kilometern unternehmen. Auf dem Land versetzt der Anblick der pferdelos vorankommenden »Hexenkutsche« die Leute in Angst und Schrecken.

Bertha Benz

Erste Zeitungsberichte finden wenig Resonanz. Bertha meint, man müsse der Welt vor Augen führen, was dieser Wagen alles kann. Die legendäre Testfahrt geschieht heimlich, ohne Wissen des Erfinders, der den »Ausflug« sonst verboten hätte. Ein Komplott zwischen Mutter und Söhnen. Eugen (15) und Richard (13) haben Ferien, Bertha will einen Verwandtenbesuch in Pforzheim mit der Langstrecken-Probefahrt des Kraftwagens verbinden. Heimlich, still und leise stehlen sich die Drei an einem Tag Anfang August in aller Frühe aus dem Haus, schieben den Wagen aus der Remise und dem Fabrikhof, damit der schlafende Erfinder nicht geweckt werde. Und dann geht’s los.

Den Weg nach Pforzheim kennen sie nur von der Eisenbahn, deshalb folgen sie der Bahnlinie. Nach einer Stunde erreichen sie Heidelberg, alles läuft wie am Schnürchen. In Wiesloch wird aufgetankt. In Bruchsal telegrafieren sie nach Hause, um »den Papa« zu informieren. Der hat noch gar nichts gemerkt und ist erst einmal tief beunruhigt – »aber holen konnte er uns nicht wieder«. Eine Vergnügungsfahrt ist das Unternehmen schon bald nicht mehr, denn die Strecke wird bergig, und die Kraftübertragung reicht für große Steigungen nicht aus. Da heißt es nun schieben, und bergab können die Drei nur hoffen, dass die Bremsen den Strapazen gewachsen sind. Alle 20 Kilometer muss Kühlwasser nachgefüllt werden, aus Dorfbrunnen, Bahnwärterhäusern, Wirtshäusern, einmal sogar aus dem Straßengraben. Die Ketten leiern aus, springen aus den Zahnrädern und müssen nachgezogen werden, ein Dorfschmied hilft. Einige Pannen können mit Hilfe weiblicher Accessoires behoben werden. Als der Benzinzufluss verstopft, hilft eine Hutnadel »und als die Zündung versagte, musste mein – es sei ausgesprochen – mein Strumpfband als Isoliermaterial dienen.«

Es ist ein langer heißer Tag und noch immer haben sie Pforzheim nicht erreicht. In Wilferdingen kehren sie ein und fragen nach dem Weg. Wie überall, wo die Drei anhalten, strömen die Leute zusammen. Vor Pforzheim heißt es dann noch einmal: schieben. Und dann geht es in rasanter Fahrt ins Tal hinunter. Mittlerweile ist es dunkel geworden, der Wagen hat keine Beleuchtung, noch nicht einmal eine Laterne haben die Testfahrer dabei. Doch glücklich, unfallfrei und unbändig stolz auf ihre Leistung gelangen sie ans Ziel, wo es trotz der späten Abendstunde einen Volksauflauf gibt. Triumphierend telegrafiert Bertha die glückliche Ankunft an ihren Mann.

In Pforzheim macht der Wagen gewaltig Furore. Wo man das Geknatter des Motors hört, springen die Leute herbei. Für die Rückfahrt wählt Bertha eine kürzere Strecke, über Bretten. Die Steige nach Bauschlott hinauf müssen sie schieben. Richard, der leichteste, steuert. Abwärts trottet Vieh, das nach Pforzheim zum Viehmarkt getrieben wird. Nun wird es brenzlig. »Die Ochsen waren noch schlimmer als die Menschen«, erinnert sich Bertha, »mitten in den Weg stellten sie sich hin und glotzten den Wagen an. Richard wusste nicht, wohin er steuern sollte, und wir beide hinten hatten Sorge, dass der Wagen ins Rutschen käme, wenn er nicht mehr fahren könne – wir zwei hätten ihn doch nicht halten können.« Und, sagt sie: »Ich habe in meinem Leben nie wieder so grässlich fluchen hören wie an diesem Morgen.« In Bauschlott lässt sie vom Schuster Lederkappen auf die Bremsklötze nageln. Und wieder gibt es Probleme mit den Ketten. Aber sie kommen heil nach Mannheim zurück. Der Wagen mit seinem 3 PS-Motor hat den Stresstest bestanden. »So hab ich als erste gezeigt, dass dem ‚Papa Benz’ sein Automobil auch für weite Fahrten gut ist. Und auf meinen Vorschlag hat er dann noch einen dritten Gang eingebaut für Bergfahrten. Und den haben heute alle Autos auf der Welt. Da bin ich sehr stolz drauf«, erzählt Bertha Benz Jahrzehnte später in einem Interview mit der Zeitschrift »Berliner Hausfrau«.

Werbewirksam ist diese Fahrt trotz allem Aufsehen nicht gewesen. Denn den Zeitgenossen sei diese spektakuläre, gewissermaßen »männliche« Pioniertat einer Frau so wenig geheuer gewesen, dass sie die – vorwiegend männlichen – Käufer vom Nutzen des Motorwagens nicht hätte überzeugen können, meint Biografin Barbara Leisner. Aber dem Erfinder selbst hat Bertha die Tauglichkeit seiner Erfindung demonstriert. Im September nimmt der »Selbstfahrende« an einer großen Industrie- und Gewerbeausstellung in München teil und gewinnt die Große Goldene Medaille. Stolz und glücklich kehrt Carl nach Mannheim zurück, wo die Leute immer noch den Kopf schütteln über diesen Verrückten mit seinem Wagen, »der wo ohne Gail laaft«.

1890 gibt es einen Wechsel an der Firmenspitze, die beiden neuen Teilhaber sind nicht nur Feuer und Flamme für den Motorwagen, sondern auch versierte Kaufleute, und bald kommen so viele Aufträge, dass man die Fabrik erweitern und neue Arbeitskräfte einstellen muss. Im selben Jahr wird Bertha mit beinahe vierzig noch einmal Mutter einer Tochter. Klara, die älteste, darf mit 14 Jahren selbständig Fahrten in die nähere Umgebung unternehmen. In den 1920er Jahren empfängt Carl Benz eine Ehrung nach der anderen, und vergisst nie, den Anteil seiner Frau am Erfolg zu würdigen – keine Selbstverständlichkeit für einen berühmten Mann. So bekommt auch »Mutter Benz« einen Teil des Ruhmes ab. Erst jetzt wird Berthas gewagte Fernfahrt der breiten Öffentlichkeit bekannt. Das Steuer hat sie inzwischen allerdings längst ihren erwachsenen Kindern überlassen. Bertha und Carl Benz ist ein hohes Alter und eine lange, glückliche Ehe vergönnt. Carl stirbt am 4. April 1929 im Alter von 84 Jahren, Bertha am 5. Mai 1944, nur wenige Tage nach ihrem 95. Geburtstag.

16. Lina Morgenstern

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Lina Morgenstern war Gründerin des Hausfrauenvereins und radikale Frauenrechtlerin, Truppenversorgerin und Pazifistin, Schriftstellerin und Herausgeberin. Die begnadete Managerin bürgerschaftlichen Engagements initiierte unter anderem die Berliner Volksküchen, was ihr den Beinamen ‚Suppenlina‘ einbrachte.
Themen

Familiärer Hintergrund

Lina Morgenstern wurde als Lina Bauer am 25. November 1830  in eine jüdische Familie in Breslau geboren. Ihre Mutter, Fanny Adler, war eine geborene Goldschmidt aus Potsdam, ihr Vater, Albert Bauer, handelte mit Möbeln und Antiquitäten. Lina besuchte eine Höhere Töchterschule und erhielt zusätzlich Unterricht in Sprachen, Musik, Literatur und Kunstgeschichte. Geprägt durch das soziale Verständnis des Judentums gründete sie zu ihrem 18. Geburtstag einen „Pfennigverein zur Unterstützung armer Schulkinder“1.

1854 heiratete sie mit nur zögerlicher Zustimmung der Eltern den aus Polen emigrierten armen Kaufmann Theodor Morgenstern und siedelte mit ihm nach Berlin über. Zwischen 1855 und 1865 bekam das Ehepaar fünf Kinder.


Zeitungsausschnitt zu Lina Morgensterns 100. Geburtstag 1930

Bücherschreiben als Einkommensquelle

Als ihr Ehemann in finanzielle Schwierigkeiten geriet, weil er für Freunde gebürgt hatte und deren Verpflichtungen übernehmen musste, begann Lina Morgenstern, Kinderbücher zu schreiben, um zum Familieneinkommen beizutragen. Sie lernte zu dieser Zeit die Pädagogik Friedrich Fröbels kennen und schätzen. Von 1860 bis 1866 war sie Vorsitzende des Frauenvereins zur Förderung der Fröbelschen Kindergärten und verfasste ein erstes Lehrbuch für Kindergärtnerinnen: Das Paradies der Kindheit erschien 1861 und wurde ein Bestseller. Das Schreiben  behielt Lina Morgenstern lebenslang bei, daneben erschloss sie sich aber schon bald weitere Tätigkeitsfelder.

Gedicht von Lina Morgenstern für die österreichische Schauspielerin Julie Rettich, 1860

Die Berliner Volksküchen

1866 initiierte sie die erste Berliner Volksküche, um die in Folge des deutsch-österreichischen Krieges verarmte Bevölkerung mit guter Ernährung für wenig Geld zu unterstützen. Die Einrichtung war durch Spenden ermöglicht worden, im Großeinkauf konnten Lebensmittel günstig erworben werden, die Zubereitung wurde von angestellten Köchinnen und ehrenamtlichen Helferinnen organisiert. Die Mahlzeiten konnten zum Selbstkostenpreis erstanden werden, damit wollte man sich bewusst vom Almosenverteilen abgrenzen, zog allerdings zugleich den Unmut der Gastronomiebetreibenden auf sich. „Bis Ende 1868 hatte Lina Morgenstern zehn Volksküchen eingerichtet. In jenem Jahr verkauften diese 699.701 Portionen zu 25 Pf und 1 399 091 halbe Portionen zu 15 Pf.“2 Kurze Zeit später schrieb sie auch über die Organisation dieser Küchen ein Buch3 sowie mehrere Kochbücher4.

Bis in die 1890er-Jahre waren in Berlin 15 Volksküchen entstanden und Lina Morgenstern war als ‚Suppenlina‘ stadtbekannt geworden. In den Volksküchen aßen „Handwerker, kleine Beamte, Soldaten, Commis, Dienstmänner, selbst einige Studenten, Frauen und Mädchen aus dem Arbeiterstande, aus Geschäften und Fabriken, Lehrerinnen, ganze Familien mit Kindern und Kinder allein, welche die in anderen Stadtteilen arbeitenden Eltern hier abonniert hatten“5. Das Ziel, in großem Umfang die Fabrikarbeiter*innen zu erreichen, gelang allerdings nicht. Das Proletariat blieb misstrauisch gegenüber der Bürgerlichen, die zudem auch immer wieder öffentlichkeitswirksam von Kaiserin Augusta unterstützt wurde.6

Kriegshilfsdienst und Friedensbewegung

Während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 bewerkstelligte Lina Morgenstern an zwei Berliner Bahnhöfen die medizinische Versorgung und die Beköstigung der Truppen. Es gab dazu weder einen öffentlichen Auftrag, noch Geld von irgendeiner Stelle. Während im Kaiserreich mobil gemacht und in der Presse die Hoffnung ausgedrückt wurde, „recht bald von den Siegen unserer tapferen Armeen berichten zu können“7, gab es keinerlei Pläne für die Versorgung der durchziehenden Truppen. „Und denkt jemand daran, dass in Kürze Züge mit Verwundeten eintreffen können […]. Unsereiner fragt sich in aller Unbedarftheit, warum der Staat sich nicht um die Verpflegung der Männer kümmert, die für ihn ihr Leben riskieren sollen.“8 Allein, er tat es nicht. Aber wie immer sah Lina Morgenstern die Notwendigkeit, organisierte Helfer*innen und Material und tat, was sie für nötig hielt. Das mag den Schluss nahelegen, sie sei eine begeisterte Patriotin gewesen. Das Gegenteil ist der Fall. Mit Volksküchen und Truppenversorgung wollte sie dazu beitragen, die schlimmsten Auswirkungen der Kriege abzumildern, zugleich unterstützte sie vehement pazifistische Bestrebungen. 1893 wurde sie in den Vorstand der Deutschen Friedensgesellschaft gewählt.9

Das Prinzip Zedaka

Für Lina Morgenstern war die soziale Frage eine „Brot- und Magenfrage“10. Der Hintergrund und die Motivation für ihr Tun sind in ihrer festen Verankerung im jüdischen Glauben und dessen Verständnis von Wohltätigkeit zu sehen. Den zehnten Teil des Einkommens für soziale Zwecke zu geben, galt als selbstverständlich, ein weiterer Schritt bestand im persönlichen Engagement, um in Not geratenen Glaubensgenoss*innen die Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Dieses Prinzip der Zedaka11 hat Lina Morgenstern befolgt, sich dabei aber nie auf die jüdischen Gemeinden beschränkt; all ihre Bestrebungen waren immer konfessions- und glaubensunabhängig. Dass sie Jüdin war und als solche handelte, hat sie aber auch nie in Abrede gestellt. Sie sah sich deshalb, wie alle in der Sozialreform tätigen Jüd*innen, dem aufkommenden Antisemitismus am Ende des 19. Jahrhunderts ausgesetzt und positionierte sich dazu: „Wir Juden haben wohl zur Genüge bewiesen, daß wir nicht nur genießen, sondern arbeiten, und zwar nicht nur, um Kapital zusammenzuscharren, sondern ohne Unterschied der Religion das Gute zu fördern, unseren Mitbürgern beizustehen und barmherzige Liebe zu üben … Wir fühlen uns als gleichberechtigte Staatsbürger, da wir alle Pflichten gegen Thron und Vaterland gewissenhaft erfüllen.“12

Outside the box: Hausfrau und Frauenrechtlerin

Lina Morgenstern hatte ein durchaus traditionelles Frauenbild, sie sah die Familie als das eigentliche Feld der Frau, ergänzt durch soziales Engagement. Folgerichtig wurde sie 1873 zur Gründerin des Berliner Hausfrauenvereins, gab ab 1874 die Deutsche Hausfrauen-Zeitung heraus und in den Jahren 1885 bis 1887 deren Kalender Die Frauenbestrebungen unserer Zeit. „Dem Hausfrauenverein angegliedert waren unter anderem eine permanente Lebensmittelausstellung, ein Laboratorium zur Untersuchung von Lebensmitteln, eine Kochschule, ein Stellennachweis, eine Unterstützungskasse für Dienstmädchen sowie eine Verkaufsstelle auf konsumgenossenschaftlicher Grundlage.“13 Ungeachtet dieses hauswirtschaftsorientierten Engagements und ihrer Tätigkeit im Vorstand des ADF von 1871 bis 1885 finden wir Lina Morgenstern wenig später im radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung wieder, der rechtliche Gleichstellung und ein sehr viel breiteres Spektrum an Frauenleben propagierte. Schon 1888 hatte sie sich im Kreis um die erste deutsche Ärztin Franziska Tiburtius für das Medizinstudium der Frauen starkgemacht14. Ihr Denken und Handeln jenseits von Schubladen zeigte sich auch 1894, als sie gemeinsam mit Minna Cauer, Lily Braun und Jeannette Schwerin vergeblich versuchte, bei der Gründung des Bundes Deutscher Frauenvereine die proletarischen Frauenvereine mit einzubeziehen. Zwei Jahre später war sie die Initiatorin des Internationalen Kongresses für Frauenwerke und Frauenbestrebungen in Berlin, der auf großer Bühne die Vielfältigkeit und den Aufbruch von Frauen aus dem Althergebrachten zeigte. 1.700 Frauen nahmen an diesem Kongress teil, der der „Orientierung über die Ziele und den Stand der Frauenbewegung in den zivilisierten Ländern und Austausch der Ansichten über einzelne wichtige Punkte derselben“15 diente. Lina Morgenstern konnte namhafte Frauen des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung und viele weitere Helferinnen für das Berliner Lokalkomitee gewinnen, aus vielen Ländern reisten Referentinnen an.

Zwar hatte der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) erklärt, dass er „sich nicht durch Sendung von Delegierten beteiligen könne, da der Kongress nicht von ihm ausgehe“16, doch war nach einem Bericht des Berliner Tageblattes die Crème de la Crème der Frauenbewegung vertreten: „… die bekannte frische Greisengestalt der Frau Henriette Goldschmidt zeigte sich neben der allzeit fröhlichen Frau Stritt, die solide Frau Helene Lange neben der klugen Frau Schulrath Cauer, die strenge Studentin Fräulein Augspurg neben der ernsten Frau Dr. Kempin usw. usw. Frau Lina Morgenstern, die bekannteste ‚Berliner Hausfrau‘, begrüßte die stattliche Versammlung mit herzlichen Segenswünschen in gebundener Rede.“17

Die unterschätzte Vorkämpferin

Lina Morgenstern  starb 1909  mit 79 Jahren. Im Alter hatte sie noch erste Erfolge der Frauenbewegung wie die Zulassung zu den Universitäten und den Fall des Preußischen Vereinsgesetzes erlebt. Sie hatte fünf Kinder großgezogen, zahllose Vereine und Aktionen organisiert und neben den bereits genannten Büchern, Zeitschriften und Kalendern drei Bände über Frauen im 19. Jahrhundert18, ein zweiteiliges Werk über Frauenarbeit in Deutschland19 und noch einiges mehr geschrieben. Sie war ein „regsamer Gegenwartsmensch“20, eine vielseitige, unglaublich umtriebige Frau, die für vieles gekämpft und vieles beeinflusst hat. Geblieben ist davon in der heutigen historischen Wahrnehmung nur ‚die Suppenlina‘. Eine angemessene Würdigung durch eine kritische Biografie ist ihr die Geschichtsschreibung – auch und gerade die feministische! – bis heute schuldig geblieben.

Dankeskarte von Lina Morgenstern für Glückwünsche zu ihrem 70. Geburtstag
17. Max Planck 

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Nach dem Abitur am Münchener Maximilians-Gymnasium studierte P. 1875-79 in München und Berlin Physik und Mathematik. 1879 bei →Philipp v. Jolly (1809–84) in München mit einer Arbeit „Über den 2. Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie“ promoviert, habilitierte er sich dort bereits im folgenden Jahr mit der Schrift „Über Gleichgewichtszustände isotroper Körper in verschiedenen Temperaturen“. 1880-85 wirkte P. als Privatdozent für Physik in München, anschließend bis 1889 als ao. Professor für theoretische Physik in Kiel. 1889 wurde er als Nachfolger →Gustav Kirchhoffs (1824–87) an die Univ.Berlin berufen (Rektor 1913/14), an der er über seine Emeritierung (1927) hinaus wirkte.

Der Schwerpunkt seiner Arbeiten lag zunächst auf dem Gebiet der Thermodynamik, wo er die Untersuchungen zum Entropiebegriff weiter ausbaute. Seine Publikationen in den 1880er Jahren lagen größtenteils im Bereich der physikalischen Chemie und behandelten u. a. die thermodynamische Theorie des Schmelzens, Verdampfens und Sublimierens, die Bestimmung der Entropiefunktion für zahlreiche wichtige physikochemische Systeme sowie die thermodynamische Deutung thermischer Phänomene. Die wichtigsten und scharfsinnigsten Ergebnisse dieser frühen Schaffensperiode gelangen ihm in der Theorie der verdünnten Lösungen, wo er die Gesetze über Gefrierpunktserniedrigung und Siedepunktserhöhung sowie das chemische Gleichgewicht in solchen Lösungen bestimmen konnte.

Mitte der 1890er Jahre wurde P. auf das damals aktuelle Forschungsgebiet der Wärmestrahlungstheorie geführt, das er unter dem Gesichtspunkt des Entropieverhaltens untersuchte. Dabei ging es ihm nicht nur darum, ein über das gesamte Spektrum exakt gültiges Strahlungsgesetz zu finden, sondern er wollte zugleich den inneren Zusammenhang der beiden bislang nicht miteinander verknüpften Gebiete von Thermo- und Elektrodynamik aufspüren und die klassische Physik mit dieser Vereinheitlichung krönen und abschließen. Nach mehrjähriger intensiver Arbeit gelang ihm die Aufstellung einer Zustandsfunktion für ein Strahlungssystem, die sich analog der Entropiefunktion verhielt und mit deren Hilfe man das damals als empirisch gesichert geltende „Wien’sche Strahlungsgesetz“ theoretisch ableiten konnte. Bereits 1899 führte P. die später als „elementares Wirkungsquantum“ oder „Planck’sches Wirkungsquantum“ bezeichnete Naturkonstante „h“ ein, wobei er zeigen konnte, daß diese in Kombination mit Lichtgeschwindigkeit und Gravitationskonstante die Möglichkeit eröffnete, „Einheiten für Länge, Masse, Zeit und Temperatur aufzustellen, welche […] ihre Bedeutung für alle Zeiten und für alle, auch außerirdische und außermenschliche Culturen nothwendig behalten“. Daß die Bedeutung dieser neuen Konstante sich indes nicht auf das Gebiet der Metrologie und der Begründung natürlicher Maßeinheiten beschränkt, bemerkte P., als Präzisionsmessungen der Berliner Physikalisch-Technischen Reichsanstalt Differenzen zum Wien’schen Strahlungsgesetz im langwelligen Teil des Spektrums offenbarten und ihn zur Prüfung seiner theoretischen Ableitung des Gesetzes veranlaßten. Nachdem →Ferdinand Kurlbaum (1857–1927) am 19.10.1900 vor der Deutschen Physikalischen Gesellschaft über diese Messungen berichtet hatte, präsentierte P. am selben Abend – in einem vorbereiteten Diskussionsbeitrag – eine Strahlungsformel, die mit den Meßergebnissen in Überstimmung stand und als Grenzfall das Wien’sche Strahlungsgesetz enthielt. Acht Wochen später konnte P. dann auch eine physikalische Begründung für soine „glücklich erratene Interpolationsformel“ liefern. Entscheidend dafür war, daß er seine bisherige Skepsis gegenüber der wahrscheinlichkeitstheoretisch-atomistischen „Methode Boltzmann“ (von P. so genannt nach →Ludwig Boltzmann, 1844–1906) für die Bestimmung der Entropiefunktion der Strahlungsoszillatoren aufgegeben hatte. Diese Revision führte ihn zu der grundlegenden Erkenntnis, daß eine Ableitung seiner neuen Strahlungsformel nur möglich sei, wenn man sich die Energie „aus einer ganz bestimmten Anzahl endlicher Teile“ zusammengesetzt denke. Nachdem P. auch berücksichtigt hatte, daß die Energie proportional der Frequenz v sein muß, weshalb er E = hv setzte, ließ sich das|neue Strahlungsgesetz, das heute seinen Namen trägt, ableiten.

Weder P. noch seine Zeitgenossen waren sich zunächst der Tragweite dieser Entdeckung und der fundamentalen Bedeutung der neuen Naturkonstante „h“ bewußt. Erst →Albert Einstein erkannte in seinem „annus mirabilis“ (1905), daß nicht nur die Energie der Oszillatoren, sondern das Licht bzw. das Strahlungsfeld selbst und somit alle energetischen Prozesse quantenhaften Charakter besitzen. Einsteins Lichtquantenhypothese stieß dabei auf fast noch größere Akzeptanzprobleme bei den Physikern als P.s Quantentheorie, die nach dem ersten Solvay-Kongreß (1911) schließlich allgemein anerkannt wurde und nun zunehmend ins Zentrum der physikalischen Forschung rückte. An der weiteren Ausgestaltung des Quantenkonzepts nahm P. allerdings keinen entscheidenden Anteil, wenngleich er die Diskussion um dessen Grundprobleme immer wieder anregte und kritisch begleitete.

P.s weitere physikalischen Arbeiten waren der Speziellen Relativitätstheorie gewidmet, auf deren Bedeutung er schon 1906 in einem Vortrag vor der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (Das Prinzip d. Relativität u. die Grundgleichungen d. Mechanik) hinwies. Er trug maßgeblich dazu bei, daß Einstein 1914 nach Berlin berufen wurde und an der Berliner Akademie exzellente Forschungsbedingungen erhielt. In seiner zweiten Lebenshälfte beschäftigte sich P. zunehmend mit allgemein philosophischen, erkenntnistheoretischen und weltanschaulichen Fragen der Physik. In Abgrenzung zum Positivismus Mach’scher Prägung vertrat er einen betont erkenntnistheoretischen Realismus, der am Determinismus der klassischen Physik und ihrem Erkenntnisideal, einer vom Menschen unabhängigen, aber durch ihn prinzipiell erkennbaren Außenwelt festhielt und deshalb z. B. gegenüber der „Kopenhagener Deutung“ der Quantentheorie eine höchst kritische Position bezog. Im Bereich von Ethik und Moral orientierte er sich an idealistischen und pantheistischen Vorstellungen, wobei er sich zwar zum Glauben an einen allmächtigen und allgütigen Gott bekannte, „aber nicht an einen persönlichen Gott, geschweige denn an einen christl. Gott“ glaubte (Brief an W. Klick v. 18.6.1947). Ging es P. in der Physik stets um die Aufdeckung fundamentaler Zusammenhänge, so wollte er mit seinem philosophisch-weltanschaulichen Wirken nicht weniger als ein einheitliches physikalisches Weltbild begründen helfen. P. s gesellschaftspolitisches Denken wurzelte im deutschen Kaiserreich und war nachhaltig von national-konservativen Anschauungen, preuß. Pflichtgefühl und Obrigkeitsgläubigkeit sowie den Idealen von Ordnung und Gerechtigkeit geprägt. Der Revolution von 1918 und der Weimarer Republik stand er verständnislos gegenüber, wenngleich er mit seinem wissenschaftsorganisatorischen Wirken praktisch zur (wissenschafts)politischen Stabilisierung der ungeliebten Republik beitrug. Gegenüber dem „Dritten Reich“ verhielt sich P. zunächst weitgehend kompromißbereit, wodurch nicht zuletzt die Selbstgleichschaltung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) gefördert wurde. Mit der Festigung der NS-Terrorherrschaft entwickelte P. jedoch zunehmend eine elitäre innere Distanz zum Nazi-Regime, die gelegentliches Aufbegehren und Zivilcourage einschloß – so als er 1935 eine Gedenkfeier für den im Exil verstorbenen →Fritz Haber (1868–1934) organisierte. Nach 1945 stellte er seine Reputation und Autorität noch einmal für den wissenschaftlichen Wiederaufbau in Deutschland zur Verfügung und half damit u. a. die drohende Auflösung der KWG zu verhindern und ihr Fortbestehen als „Max-Planck-Gesellschaft“ zu sichern.

P.s privates Leben war von großer Tragik umschattet; 1909 verlor er seine erste Frau und auch die vier Kinder aus dieser Ehe starben vor dem Vater. Sein Sohn und engster Vertrauter Erwin wurde als Mitverschwörer des 20. Juli im Januar 1945 hingerichtet. Bei einem Bombenangriff verlor P. 1944 sein Haus und fast die gesamte Habe. Die letzten Lebensjahre lebte er als Gast bei Freunden und Verwandten in Rogätz bei Magdeburg und Göttingen.

P.s Wirken blieb bis unmittelbar vor Kriegsende mit Berlin verbunden. Er führte nicht nur die große Tradition der theoretischen Physik in Berlin auf einen Höhepunkt, sondern prägte nach →Hermann v. Helmholtz (1821–94) die Entwicklung der Physik auch insgesamt. Mit seiner Quantenhypothese legte er den Grundstein für eine revolutionäre Umgestaltung der Grundlagen der Physik, die von Einstein, Niels Bohr, Werner Heisenberg und anderen Forschern im ersten Viertel des 20. Jh. in wesentlichen Teilen vollzogen wurde und die moderne Physik prägte. P. war nicht nur als Physiker, sondern auch als Repräsentant der Physik und der Naturwissenschaften insgesamt von herausragender Bedeutung.|

18. Robert Bosch

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Der Sinn des Knaben war auf Botanik und Zoologie gestellt. Aber auf Anregung des Vaters, der sich, ein wohlhabender Mann, 1869 in Ulm zur Ruhe gesetzt hatte, verließ er nach der „Einjährigen“-Prüfung die dortige Realschule und trat bei einem Feinmechaniker in die Lehre. Die Lehre hat er selber als schlecht bezeichnet. Aber in der Gehilfenzeit, die durch das Militärdienstjahr und ein Semester als außerordentlicher Hörer an der Stuttgarter Hochschule unterbrochen war, holte B. die Mängel seiner Schulung nach. Er arbeitete an verschiedenen Plätzen; wichtig wurden vor allem die Tätigkeit bei S. Schuckert in Nürnberg (1881) und der Aufenthalt in Amerika (1883/84), wo er bei S. Bergmann und Edison Beschäftigung fand. Seinen Auslandsaufenthalt beschloß er mit einer halbjährigen Arbeit bei Siemens Brothers in London. Die Reihung dieser Namen hat schier etwas Programmatisches, denn an sie schließt sich die Entfaltung der modernen Elektrotechnik, die gerade in jenen Jahrzehnten mit Telegraph, Telephon und jetzt auch der Beleuchtung das Gemeinschaftsleben revolutionierte. B. glaubte eine Zeitlang, Beleuchtungsfachmann zu werden; als er 1886 in Stuttgart mit einem Arbeiter und einem Lehrling eine Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik eröffnete, war er aber gehalten, Aufträge, wie sie eben kamen, auszuführen, ein handwerklicher Beginn wie viele; die Kundschaft wuchs und hielt sich, weil gute Arbeit geleistet wurde.

Die sonderliche Lebensaufgabe wuchs B. aber zu von einer anderen Seite: Otto hatte den zuverlässigen Verbrennungsmotor für Gas erdacht, Daimler ihn für Benzinverbrauch und Fahrzeuge entwickelt. Eine noch ungesicherte Frage blieb dabei die regelmäßige Zündung für das Gasgemisch. Bei den Deutzer Gasmotoren hatte man, einer Anregung von W. Siemens folgend, einen Apparat mit Magnetzündung gebraucht. Einen solchen - er war nicht geschützt - baute auf Grund einer zufälligen Bestellung auch B.; weitere folgten. Es handelte sich in den ersten zehn Jahren nur um Zündungen für standortfeste Motoren mit begrenzter Umlaufzahl, seit 1896 aber auch um Fahrzeugmotoren, die bislang mit dem Daimlerschen „Glührohr“ oder mit Batteriezündung versehen waren. Bei B. wurden nun auch für diesen Zweck Magnetzünder entwickelt, zunächst für Niederspannung, seit 1905 durch G. Honold für Hochspannung. B. hatte immer auch sein Installationsgeschäft weiterbetrieben, anfangs zurückhaltend in der Spezialisierung - mochte das nicht, nach seinem mißtrauischen Wort, eine „Eintagsfliege“ sein? Jetzt trieb ihn die Entwicklung fabrikatorisch voran, zumal auch der französische und englische, seit 1906 der amerikanische Markt nach seiner Ware rief. In wenigen Jahren hatte er eine Weltstellung gewonnen, überall Vertretungen, und dies ohne Patentschutz, allein durch die ausgezeichnete Arbeit. Gewiß trug ihn der mächtig einsetzende Automobilismus mit voran, aber er gab ihm mehr, als er ihm dankte: in seinen Werkstätten wurden bald neben den Zündern die übrigen „Zubehörteile“, Öler, Anlasser, Lichtmaschinen, die verschiedensten Arten der Scheinwerfer, später auch Signale („B.horn“), Winker, Wischer, Bremsen usw. hergestellt; seine Arbeiten dienten der Zuverlässigkeit und Sicherheit des Fahrens. Nach 1926 wurde auch die Einspritzpumpe für Schwerölmotoren in seiner Fabrik entwickelt. B. ist selber kein „Erfinder“ gewesen, aber, mit einem untrüglichen Gefühl für das technisch Rationelle begabt, wurde er zu einem überlegenen Organisator der Fertigung, immer für die besten Werkzeugmaschinen, die beste Form, die solideste Arbeit besorgt. „Lieber Geld verlieren als Vertrauen“. - „Ich verdanke meine Erfolge weniger meinen Kenntnissen als meinem Charakter.“ Der Name B. sollte schlechthin eine Qualitätsbezeichnung werden und wurde es. Mit kühner Entschlußkraft ging B.schon 1908 daran, sich im Halbzeug unabhängig zu machen durch Pressen und Gießerei; daran schloß sich die Entwicklung neuer Werkstoffe. Vom Ende der 20er Jahre ab erweiterte sich das Stuttgarter Geschäft zum Konzern: B. übernahm die Junkersschen Gasöfen in Dessau, die Radiowerke „Blaupunkt“, die Fernseh-AG, er ging in die Herstellung von Elektro-Werkzeugen, von Film-Vorführapparaten usw. - die Mitte der Erzeugung blieb aber die den Motoren zugehörige Apparatur, vor allem bedeutsam für und durch die rasche Zunahme des Flugwesens.

Im deutschen Unternehmertum seiner Zeit war er bei seinem Beginn nur mit E. Abbe und H. Freese vergleichbar - er hieß „der rote B.“. 1906 führte er den Achtstundentag ein, 1908 den freien Samstag-Nachmittag, den bezahlten Urlaub, lehnte werkseigene Wohlfahrtsunternehmungen ab und zahlte überdurchschnittliche Löhne, bis 1913, da ein sinnloser Streik sein bisher gutes Einvernehmen mit den Gewerkschaften für einige Zeit störte, auch die Sozialversicherungsanteile der Gefolgschaft. Nach dem Kriege errichtete er für die Werksangehörigen durch große Stiftungen Hilfskassen für Erziehungsbeiträge, für Altersversorgung - schon 1913 hatte er eine vorbildliche Lehrlingswerkstätte ins Leben gerufen. Der bedeutsamste Zug seines Wesens war die souveräne Stellung zum Besitz. Er war nach zwei Jahrzehnten mühsamer Entwicklung ein vermögender, dann ein sehr reicher Mann geworden - in seinem Betrieb ein unerbittlicher Erzieher zur Sparsamkeit, gab er Millionen um Millionen für öffentliche Zwecke. In seinem humanitären Grundgefühl Pazifist, wollte er am Krieg kein Geld verdienen: 1916 setzte er 13 Millionen für den Neckarkanal aus, weitere Millionen für Gesundheitspflege, Erwachsenenbildung, unterstützte mit großen Beiträgen F. Naumanns „Staatsbürgerschule“, den „Deutschen Werkbund“, die Völkerbundsliga, die Vereinigung „Paneuropa“ usf. Der Förderung der technischen Bildung hatte schon 1910 eine Millionenstiftung an die Technische Hochschule Stuttgart gegolten; zahllose wissenschaftliche Unternehmungen - doch keineswegs wahllos - erfreuten sich seiner Unterstützung, vor allem auch auf dem Gebiete der Heilkunde. Er war Anhänger einer „naturgemäßen Lebensweise“ und der Homöopathie; dieser zu ermöglichen, ihre Ebenbürtigkeit in Forschung und klinischen Verfahren zu erweisen, war ein Hauptanliegen seiner späteren Jahre; das großartige, hervorragend ausgestattete „→Robert B.-Krankenhaus“ in Stuttgart (eröffnet 1940)|wurde die Krönung dieses Strebens. Er ermöglichte auch die Begründung des „Paracelsus-Museums für die Geschichte der Heilkunde“.

B. selber hat es dem bäuerlichen Erbe seines Blutes zugeschrieben, daß er auch in der Landwirtschaft Pionierversuche unternahm. Sein Ausgangspunkt war freilich gewerblicher Natur gewesen, als er im oberbayerischen Moos weite Gründe erwarb, um in einem neuen Verfahren mittels elektrischen Stromes Torf zu gewinnen. Das war technischökonomisch mißlungen. Er entschloß sich nun zu einer umfassenden Melioration und schuf damit eine vielseitige Modellwirtschaft („B.hof“ bei Beuerberg) - es entstand dort die größte europäische Siloanlage in einem einheitlichen Betrieb. Neben den landwirtschaftlichen Interessen, die seine ökonomisch-rationale wie seine naturheilkundliche Teilnahme lebendig hielt, war in ihm, erst verhältnismäßig spät, die Jagdleidenschaft erwacht; seine Jagden, zumal im Allgäu und auf der Alb, waren berühmt, auch durch die Wildpflege.

Beim Kriegsausbruch 1914 gingen 88% von B.s Erzeugnissen ins Ausland. Die Niederlassungen im feindlichen Ausland wurden beschlagnahmt, ja, in Amerika wurde der Versuch gemacht, den Namen B. den Erwerbern der dortigen Fabrik zu sichern, so daß B. einen Prozeß um seinen eigenen Namen führen mußte! Es war eine glänzende Leistung, daß er, trotzdem inzwischen fast überall Konkurrenzfirmen gegründet waren, seine Stellung auf dem Weltmarkt wiedergewinnen konnte, ohne Preisschleuderei, allein durch die Erhaltung der Qualität. Als er starb, beschäftigten seine Werke - dies freilich z. T.unter dem Einfluß des Kriegsbedarfs - an 40 000 Menschen. Die ganze Entwicklung war, mit Ausnahme einer amerikanischen Anleihe nach der Inflation, ohne Inanspruchnahme fremden Geldes erreicht worden; auch dies eine Sonderstellung des Mannes in der neueren Geschichte der Industrie. B. hatte sich einen überdurchschnittlichen technischen und kaufmännischen Mitarbeiterstab herangeholt, dem er seine Grundgesinnung einzuprägen verstand, mit der Verantwortung aber auch Freiheit und Chance gab.

Seine persönlichen Züge waren sehr schwäbisch-heimatlich bestimmt. Neben der Weltläufigkeit seines Denkens stand eine gewisse Scheu im Gesellschaftlichen, eine Ablehnung alles bloß Konventionellen, eine ihn selber peinigende Unsicherheit bei allem öffentlichen Auftreten. Ein sehr scharfer kritischer Verstand, ein ungewöhnliches Gedächtnis, die konkrete, allem Spekulativ-Abstrakten fremde Art des Denkens waren ihm eigentümlich - eine rasche Erregbarkeit, vor allem, wo er Unrecht sah oder witterte, ließ ihn manchmal schroff und herb auftreten; aber dahinter verbargen sich Züge einer verhaltenen Mitleidensfähigkeit. Parteipolitisch ungebunden, einer demokratischen Familie entstammend, hatte er seine Stellung auf der deutschen Linken bezogen; bei aller inneren Bewegtheit durch die vaterländischen Dinge blieb er dem laufenden politischen Betriebe fern, um dann in großen Fragen - etwa der Sozialreform, der Arbeitszeitverkürzung, der Weltwirtschaft, auch der Verständigung mit Frankreich - seine Stimme zu erheben. - B. hat Titel und Orden abgelehnt. Wider seinen Einspruch war ihm 1910 der Dr.-Ing. e.h. verliehen worden; bei seinem 80. Geburtstag wurde er von Tübingen zum Dr. med. h. c.promoviert; der gleichzeitigen Ernennung zum „Pionier der Arbeit“ war beim 70. Geburtstag die Auszeichnung mit dem Adlerschild vorangegangen.

19. Carl Benz

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Von 1853 an besuchte B. das Lyzeum der Stadt Karlsruhe, wo die Naturwissenschaften ganz besonders gepflegt wurden. Mit seinen ausgezeichneten Leistungen erwarb er sich das Verständnis und die Förderung seiner Lehrer, die ihn gern mit der Assistenz bei physikalischen und chemischen Experimenten betrauten. Im Versuchsstübchen zu Hause verbrachte er einen großen Teil seiner Freizeit mit selbständigen Versuchen. In ihrer grenzenlosen Opferbereitschaft ermöglichte die Mutter ihm den Besuch der Polytechnischen Schule in Karlsruhe. Ab 1860 studierte er vier Jahre Maschinenbau unter der Leitung →Ferdinand Redtenbachers, der seinen Schülern sowohl praktisch als theoretisch die wertvollsten Kenntnisse und Anregungen verschaffte, und nach dessen Tod bei →Franz Grashof, einem genialen Theoretiker.

Nach Abschluß seiner Studien verdingte sich B. als Schlosser bei der Karlsruher Maschinenbau-Gesellschaft. Hier lernte er das Wesentliche des Lokomotivbaues, einige Jahre später als Konstrukteur der Firma Schweitzer sen., Mannheim, den Fahrzeugbau und schließlich in Pforzheim bei Gebrüder Benckiser den Brückenbau kennen. Immer war er daneben noch bestrebt, in den Abendstunden nach harter Arbeit sein theoretisches Wissen zu vervollkommnen.

1871 kehrte er nach Mannheim zurück, wo Handel und Industrie sich mächtig zu entfalten begannen. Nach Jahren mühevollen Lernens suchte er sich nun seine Erfahrungen in selbständiger Arbeit nutzbar zu machen und gründete eine bescheidene Eisengießerei und mechanische Werkstätte. Hier sollte die Idee seiner Studienzeit, „ein Fahrzeug herzustellen, das ohne Pferde, ähnlich wie die Züge auf den Schienen, sich auf der Landstraße schienenlos bewegte“, Gestalt gewinnen. 1877 begann er mit der Konstruktion eines 1-PS-Gasmotors im 2-Takt-System, angeregt durch die zu jener Zeit alle Fachblätter füllenden Berichte über neuartige Kraftmaschinen für gewerbliche Zwecke. 1880 war der erste Motor betriebsbereit. Nachdem seine finanziellen Schwierigkeiten durch die Gründung einer Aktien-Gesellschaft vorübergehend gebannt waren, konnte B. die Produktion stationärer 1-PS-Gasmotoren zum Antrieb der verschiedensten Maschinen in großem Umfang betreiben. Einmal bekannt geworden, fanden diese verhältnismäßig guten Absatz, so daß bald stärkere Motoren bis zu 4 PS in das Produktionsprogramm einbezogen werden konnten. Mißstimmigkeiten mit den Kapitalgebern, die seinen Einfluß in der Firma auf ein nicht mehr erträgliches Maß beschränkten, bewogen ihn jedoch wenig später, seinen Anteil zu liquidieren. Mit neuen Gesellschaftern gründete er 1883 die „B. & Cie. Gasmotorenfabrik in Mannheim“. Neue Verbesserungen sicherten den Motoren den Markt, so daß sich B. mehr und mehr der Entwicklung des Kraftwagens widmen konnte. Die ersten Entwürfe konstruierte er 1884, und schon im Herbst 1885 konnten die ersten Fahrversuche mit einem dreirädrigen Motorwagen im Hof der B.-Werkstätte unternommen werden. Am 26.1.1886 erhielt der Erfinder für seinen Wagen das deutsche Reichspatent Nr. 37 435, dem französische, englische und amerikanische Patente in kurzen Abständen folgten.

Der große Wurf war gelungen; doch die Öffentlichkeit blieb uninteressiert und ablehnend. Selbst behördliche Verbote und Schikanen blieben nicht aus. 1888 brachte B. sein inzwischen weiterentwickeltes Modell 3 zur Kraft- und Arbeitsmaschinenausstellung nach München. Es gelang ihm hier, von einem skeptischen Polizeihauptmann die inoffizielle Erlaubnis zu erwirken, seinen „Selbstbeweglichen“ zwei Stunden täglich in der Öffentlichkeit vorzuführen, und der Erfolg schien sicher. Die Zeitungen schrieben begeistert über die neue Erfindung, und das Preisgericht der Ausstellung anerkannte die geniale Leistung mit der höchsten Auszeichnung, der Großen Goldenen Medaille. Kauflustige aber fanden sich nicht. Auch die Ausstellung des Wagens auf der Pariser Weltausstellung 1889 erwies sich in dieser Hinsicht als ein Fehlschlag. B. selbst sah den Grund dafür darin, daß der Wagen mit seinen drei Rädern bei den damaligen Wegeverhältnissen allzu große Unbequemlichkeiten für die Insassen hatte. Er befaßte sich daher erneut mit der Konstruktion eines vierrädrigen Fahrzeuges, wie es ihm ursprünglich vorgeschwebt hatte. Problematisch gestaltete sich hier die Entwicklung einer geeigneten Lenkung. Nach zähem Bemühen konnte er im Winter 1892/93 eine „Wagenlenkvorrichtung mit tangential zu den Rädern zu stellenden Lenkkreisen“ (Achsschenkellenkung) zum Patent anmelden. Er führte außerdem weitere Verbesserungen der elektrischen Zündanlage, der Motorenleistung, des Vergasers, der Kühlvorrichtung und anderer technischer Einzelprobleme des Wagenbaues durch und rationalisierte die kaufmännische Organisation. Dies verhalf ihm zu steigenden Erfolgen. Die Typenskala umfaßte um die Jahrhundertwende vom Volksautomobil bis zum Rennwagen, vom Lastwagen bis zum Luxusmodell Spezialfahrzeuge mannigfaltigster Art. - Der Kapitalbedarf der B.-Werke stieg mit der Produktion. Neue innerbetriebliche Krisen verleideten B. die aktive Mitarbeit in seinem Unternehmen, so daß er 1903 seinen Austritt aus der Aktien-Gesellschaft erklärte. Er zog sich nach Ladenburg zurück und gründete hier mit seinen beiden Söhnen Eugen und Richard die Firma „B. Söhne“.

Kriegs- und Nachkriegszeit verlebte B., bis ins hohe Alter rastlos und unermüdlich schaffend, in der stillen Zurückgezogenheit der kleinen Stadt. Seine Erfindung aber eroberte die Welt, und höchste Ehrungen wurden dem Altmeister zuteil. Es war ihm vergönnt, die Fusion der „B. & Cie. AG“ mit der „Daimler-Motoren-Gesellschaft“ zu erleben. Daimler und B. hatten sich, ohne voneinander zu wissen, gleichzeitig mit dem Problem des Automobilbaues beschäftigt und es jeder in genialer Weise gelöst. Während Daimler der Entwicklung des Motors den Hauptwert beilegte, schuf B. einen Fahrzeugtyp, bei dem Motor und Fahrgestell erstmals zu einer organischen Ganzheit verbunden waren. Früher hatten sich beide Unternehmen im Konkurrenzkampf zeitweilig gegenseitig stark beeinträchtigt, nun vereinigte die Fusion das Lebenswerk beider Pioniere zu einer starken, richtungweisenden Kraft im Zeitalter der Motorisierung.

20. Theodor Fontane

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Die Verschmelzung deutscher und französischer Züge im Wesensbild F.s hat ihre Entsprechung auch im Klang seines Namens, den er zweisilbig mit französischem Nasallaut, aber mit deutscher Akzentuierung auf der ersten Silbe aussprach. Im Vater war das südfranzösische Erbe lebendig, in seiner phantasievollen Weltbetrachtung, in seiner Plauderkunst und in seinen geselligen Gaben. Die Mutter war mehr auf das Rationale hin angelegt: ein märkisch nüchterner Tatsachensinn verband sich mit einem unbestechlichen Gefühl für das Echte und für das Maß, und Ordnungsliebe und Pflichterfüllung waren ihr Selbstverständlichkeiten. Viele dieser elterlichen Eigenschaften sind auf den Sohn übergegangen. Wie F.s Kindheit verlief, das hat er selbst in seinem schönen Erinnerungsbuch „Meine Kinderjahre“ (1894) geschildert. Darin dankt er dem Vater für die ebenso unmethodische wie unterhaltsame Einführung in die Geschichte auf dem Wege über die Anekdote und die historischen Romane Scotts; hier wurde der Sinn für die Geschichte in ihm geweckt, die einen der Grundpfeiler seiner geistigen Persönlichkeit bildete. Gleichzeitig trat die Zeitgeschichte, vor allem in der polnischen Aufstandsbewegung von 1830/31, in seinen Gesichtskreis – F. ist stets ein aufmerksamer Beobachter und Analytiker seines Zeitgeschehens gewesen. Der Hauslehrerunterricht in Swinemünde, das Gymnasium in Neuruppin (1832/33), die Berliner Gewerbeschule (1833–36) hinterließen keine tieferen Eindrücke; F. hat sich seine Bildung mehr als Autodidakt erworben. Am 1.4.1836 trat er als Lehrling in eine Berliner Apotheke ein; nach Beendigung der Lehrzeit (1840) war er als Gehilfe in Burg bei Magdeburg, in Leipzig und Dresden und in der väterlichen Offizin in Letschin tätig.

Inzwischen hatte er seinen wahren Beruf als Dichter erkannt. Im Winter 1839/40 waren bereits einige kleinere Dichtungen von ihm in einer Berliner Tageszeitung erschienen, und er war verschiedenen literarischen Vereinigungen beigetreten. Besonders wichtig wurde sein Eintritt in die Berliner literarische Sonntagsgesellschaft „Der Tunnel über der Spree“ während der Ableistung seines einjährig-freiwilligen Militärdienstes in einem Berliner Garderegiment. Er fand hier die Anerkennung seines Dichtertums, und dies bestärkte ihn, nach 5 weiteren Berliner Apothekerjahren, seinen Beruf aufzugeben und am 1.10.1849 sein „Leben auf den Vers“ zu stellen. Er, der seit längerer Zeit ein lebhaftes politisches Interesse im Sinn eines anfangs gemäßigten, dann aber in den Sturmtagen von 1848 sich radikalisierenden Liberalismus gezeigt und sich an der Berliner Märzrevolution beteiligt hatte, wurde politischer Journalist, der für „Freiheit um jeden Preis“ eintrat, der im Preußen seiner Tage das „Schreckensregiment polizeilicher Willkür“ an der Macht sah und der einen deutschen Volksstaat ohne Fürsten herbeiwünschte. Zugleich aber hielt er an den großen preußischen Traditionen fest und wies darauf hin, daß der friderizianische Militärstaat den Rechtsstaat nicht ausgeschlossen habe. So ist es nicht verwunderlich, daß der Verfasser aufsehenerregender radikaler Artikel, die zur Preisgabe des preußischen Staates zugunsten der Einheit Deutschlands aufrufen, Weihnachten 1849 mit einer Sammlung von 8 Preußenliedern, „Männer und Helden“, hervortrat, die die brandenburgisch-preußische Geschichte in einzelnen Feldherren mythisierte. Die Ziellosigkeit der demokratischen Politiker, die Gefahr einer Pöbelherrschaft machte ihn aber unsicher; er sah, daß die Stunde weder Männer noch Helden hervorgebracht hatte, daß die Erfüllung seiner politischen Hoffnungen ferner als je gerückt war, dazu kam die Not des freien Schriftstellers, und so übernahm er, resigniert und verbittert, im August 1850 eine Lektorenstelle in dem von einem Tunnel-Freund geleiteten „Literarischen Kabinett“ des reaktionären Innenministeriums, dessen Aufgabe in der Einflußnahme auf die Presse im regierungsfreundlichen Sinn bestand. In seinem zweiten Erinnerungsband „Von Zwanzig bis Dreißig“ (1898) geht F. über diese Dinge hin, wie er auch seine Teilnahme an der Revolution des 18. März ironisch bagatellisierte. Schon Ende des Jahres verlor er mit der Auflösung des „Kabinetts“ seine Stellung und mußte nun sich und seine Frau – er hatte im Oktober nach 5jähriger Verlobungszeit geheiratet – notdürftigst über Wasser halten. Sein Gesuch um Gewährung einer Dichterpension wurde abgelehnt, da man seine politische Zuverlässigkeit bezweifelte. Immerhin wurde er im November 1851 bei der staatlichen „Zentralstelle für Preßangelegenheiten“ eingestellt und ging im April 1852 als ministerieller Journalist nach London, wohin ihn schon 1844 eine Spritztour geführt und wo ihn damals vorwiegend die historischen Erinnerungsstätten angezogen hatten; jetzt galt sein Interesse vor allem dem modernen England. Aus seinen Korrespondenzberichten ging 1854 das Buch „Ein Sommer in London“ hervor. Im August 1855 reiste er wiederum in ministeriellem Auftrag nach England, um dort eine deutsch-englische Korrespondenz ins Leben zu rufen. Das Unternehmen scheiterte schon nach wenigen Monaten, und er wurde nunmehr als Londoner Presseagent der preußischen Regierung angestellt. Er wurde Mitarbeiter angesehener englischer Zeitungen und veröffentlichte in deutschen Blättern zahlreiche Aufsätze über englische Geschichte, Politik und Kultur, die er 1860 zu dem Band „Aus England“ zusammenfaßte. Gleichzeitig erschien ein Buch mit seinen schottischen Reiseeindrücken, „Jenseit des Tweed“, das, wie das England-Buch, schon impressionistische Stilzüge aufweist, wie sie sich bei dem späteren Romanautor finden. Das England-Erlebnis hat nicht nur F.s Blickfeld ungeheuer erweitert, es wurde auch ein entscheidender Faktor in seiner Entwicklung: er sah in Dickens und Thackeray seine Forderung an die moderne Dichtung nach Wiedergabe der Wirklichkeit bestätigt, und auch sein journalistischer Beruf verwies ihn durch die Pflicht zu geschärfter Beobachtung an die Realität. Ein Drittes kam hinzu. In England erfuhr er, wie stark er mit der Heimat verbunden war, und nahm sich im August 1856 vor, ein Buch über die Mark Brandenburg, ihre Männer und ihre Geschichte zu schreiben; seine Schottland-Reise 2 Jahre später festigte den Plan weiter, aus dem dann die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ (1862-82) und die „Fünf Schlösser“ (1889) hervorgegangen sind.

Als F. im Januar 1859 endgültig nach Berlin zurückkehrte, stand er wieder an einem Anfang. Im Juni wurde er Vertrauenskorrespondent des amtlichen „Literarischen Büros“, verscherzte sich aber diese offiziöse Stellung bereits nach einem Vierteljahr durch eine journalistische Indiskretion, die die Empörung des Prinzregenten Wilhelm und F.s Ausschluß von diesem Vertrauensposten zur Folge hatte. Auch sonst hatte das Jahr nur Fehlschläge gebracht, bis es schließlich gelang, ihm vom 1. Juni 1860 ab bei der konservativen Kreuz-Zeitung als Redakteur des englischen Artikels unterzubringen, ein Posten, den er, nunmehr auch aus politischer Überzeugung, bis zu seiner eigenen Kündigung (April 1870) innehatte. Im August 1870 wurde er Theaterreferent der liberalen Vossischen Zeitung und hatte damit mehr Freizeit für seine eigenen Arbeiten gewonnen; er hat dem Redaktionsstab der Zeitung bis zu seinem 70. Geburtstag angehört. In dem Jahrzwölft 1864-76 entstanden im Auftrag des Deckerschen Verlages seine umfangreichen Bücher über die Kriege von 1864, 1866 und 1870/71, die er auf Grund seiner Reisen auf die Kriegsschauplätze verfaßte. Auf einer von ihnen ereilte ihn Anfang Oktober 1870, als er das Geburtshaus der Jungfrau von Orléans besuchte, das Mißgeschick, in die Hand der Franzosen zu fallen, die ihn als mutmaßlichen Spion mit Erschießung bedrohten; daß er seine Freilassung aus der französischen Internierung Ende November 1870 dem persönlichen Eingreifen Bismarcks verdankte, hat F. nie erfahren. Eine Darstellung der Ereignisse hat er in seinem Buch „Kriegsgefangen“ (1871) gegeben, das sich durch Objektivität gegenüber den Franzosen ebenso auszeichnet wie seine Erinnerungen „Aus den Tagen der Okkupation“ (1872). Im Februar 1876 nahm er das Amt eines Ersten Sekretärs der Berliner Kunstakademie an, legte es aber bereits im Mai nieder, da er sich von dem Akademiepräsidenten als Subalternbeamter behandelt fühlte, ein Schritt, der eine schwere Ehekrise heraufbeschwor. Eine weitere Erschütterung traf die Familie, als F., der zeitlebens viel kränkelte, im Sommer 1892 einen Nervenzusammenbruch erlebte, der geistige Umnachtung befürchten ließ. Dem Wiederhergestellten blieben noch 6 Jahre unermüdeten Schaffens beschieden. – In seinen Spätjahren hatte sich in ihm erneut eine politische Wandlung vollzogen. Er ist, auf einer höheren Ebene, zu den demokratischen Anschauungen seiner Jünglingsjahre zurückgekehrt und hat sich, wiewohl in wesentlichen Punkten dem Nationalliberalismus folgend, zu einem sehr entschiedenen Ultraliberalen entwickelt, der, vornehmlich in seinen Briefen, besonders an den jüngeren Freund Georg Friedlaender, eine grimmige Kritik übte an den gesellschaftlichen Kasten und politischen Stützen des wilhelminischen Reiches, an der Bourgeoisie, der Orthodoxie und der Aristokratie (vornehmlich der großagrarischen), der er nur eine novellistische Bedeutung, keine politische mehr zubilligte. Er sah den Bestand des Bismarckreiches schwer gefährdet und war davon überzeugt, daß die Gefahr nur abgewendet werden könne durch eine radikale „Umwertung“, die unter Beiseiteschiebung der privilegierten Kasten das Volk an den Entscheidungen beteiligt. Dieser Wandel war nicht unvorbereitet: schon 1865, also noch während seiner konservativen Zeit, äußerte er einmal zu einer Freundin, die Macht des Adels sei gebrochen und an seine Stelle sei die „Herrschaft des Geldes“ getreten; was danach komme, sei „vielleicht das Gute“.

Schon 1853 spricht sich F. in einem längeren Aufsatz über den Realismus als das verbindliche künstlerische Gebot der Zeit aus, und dem „schönheitlichen“ Realismus ist er stets treu geblieben. Auch wo er sich in einigen seiner späteren Romane der Sozialsphäre des Naturalismus nähert, da hält er sich an die ästhetische Verpflichtung des Maßes, indem er die Extreme mildert, sie ins Menschliche erhöht oder im Tiegel des Humors läutert. Er ist mit dem Naturalismus ein Stück|Weges gegangen, soweit er „stilvoll“ war, und hat dem jungen Gerhart Hauptmann in den Sattel geholfen. Später hat er allerdings die „Tristheit“ des Naturalismus beklagt und Hauptmann aufgerufen, „lichtere Wege zu gehen“.

F. hat einmal gemeint, daß von seinem Gesamtwerk – und es ist sehr umfangreich – allenfalls einige Gedichte die Jahrhundertwende überdauern würden, und er hat sich gründlich geirrt. Seine Gedichte sind gegenüber seinen Romanen mehr und mehr in den Hintergrund getreten. Er war eine epische Natur, die zwar sehr wohl die Unwägbarkeiten des Atmosphärischen ins Werk zu bannen wußte, aber er war kein ausgesprochener Lyriker; so lag ihm die Ballade näher. Eine unmittelbare lyrische Aussage im Erlebnis- und Stimmungsgedicht war ihm im großen Ganzen versagt. Seine Lyrik ist vorwiegend reflektierend und zielt gern ins Gnomische. Dagegen enthält sich seine Balladendichtung der Reflektion, die nur stören würde. Mit der Balladendichtung eröffnet er seinen literarischen Weg und führt sie von der anekdotischen Ballade, den preußischen „Männern und Helden“, und dem Romanzenkranz „Von der schönen Rosamunde“ aus der englischen Vergangenheit (beide Weihnachten 1849 erschienen) über die Naturballade und die historische Ballade, deren Meister er wurde und die seinen ersten Ruhm begründete, zur modernen Ballade des schlichten Helden der Gegenwart. In seinen Balladen dominiert das Preußische, das Englische und das Skandinavische – Percys und Scotts Sammlungen schottischer und englischer Volksballaden und die altnordische Vergangenheit waren ihm Offenbarungen. Sein Herz zog ihn nach Norden, nicht – trotz seiner Abstammung – zu der Dichtung der romanischen Völker.

Während in F.s Balladen oft der heldische Mensch im Mittelpunkt steht, gehen seine Romane und Erzählungen mehr auf den unheldischen Menschen und zeigen ihn in seinen menschlichen Verstrickungen und im Widerstreit des Menschlichen mit den gesellschaftlichen Konventionen. Vor allem seine Zeitromane aus der berlinisch-preußischen Gegenwart beschäftigen sich mit Problemen der Gesellschaft, wie sie sich aus der damaligen Sozialstruktur ergaben, und sie haben, dank der Genauigkeit der Beobachtung, den Wert von historischen Dokumenten. Daß sie uns darüber hinaus wert sind, das verdanken sie nicht nur der geprägten Form, der Kunst der treffsicheren Darstellung, der Schilderung des bezeichnenden Details, dem Zauber des Plaudertons, der aufschließenden Gesprächsführung und der Wahrheit der Psychologie, sondern auch ihrer zeitlos gültigen Menschlichkeit. Denn so unbestechlich objektiv F. auch gestaltet, so kühl er auch zu konstatieren scheint, man spürt doch allenthalben sein inneres Beteiligtsein. Seine Figuren- und Stoffwelt ist begrenzt: adlige Offiziere, höhere Beamte, Kaufleute und ihre Damen, aber auch die „kleinen Leute“ bilden das Personal, die Hauptmotive wiederholen sich und sind meist Transponierungen tatsächlicher Geschehnisse. F. hielt es mit Spielhagens Satz: „Finden, nicht erfinden“ und sah die Aufgabe des Dichters im poetischen Redigieren der Wirklichkeit. Er mißtraute der Ergiebigkeit seines „Phantasiebrunnens“ und bedurfte genauester sachlicher Ausgangspunkte; er fand sie in mündlichen und brieflichen Mitteilungen, Chroniken oder Kirchenbuchnorizen. Auch auf zutreffende Darstellung der Schauplätze legte er besonderes Gewicht; meist beruhte sie auf eigener Anschauung, und wo diese fehlte, wurden die Literatur und Karten befragt. Jede Pfuscharbeit war ihm zuwider, und er hat den größten sachlichen und künstlerischen Fleiß an seine Werke gewendet; die Kunst war ihm ein strenger Dienst.

F. hat 17 größere Erzählungen und Romane geschrieben. Das grenzt ans Erstaunliche, besonders wenn man bedenkt, daß er erst spät zur Epik gekommen ist, von einigen früheren Federproben abgesehen. Als sein erster Roman „Vor dem Sturm“ (1878) nach 18jähriger, freilich oft unterbrochener Arbeit erschien, da näherte er sich dem 59. Lebensjahr. Es ist ein großer historischer Roman aus dem Oderbruch im Schicksalswinter 1812/13. Es folgten 2 balladesk komponierte Erzählungen aus der älteren Vergangenheit, „Grete Minde“ (1880) und „Ellernklipp“ (1881), die, auf geschichtlichen beziehungsweise urkundlichen Grundlagen beruhend, den epischen Akzent auf die Rätselgründe der menschlichen Seele legen. Das nächste Werk, „Schach von Wuthenow“ (1883) ist historisch stärker verankert und schildert an einem Modellfall die inneren Gründe, die zur preußischen Katastrophe von 1806 führten. Noch einmal hat F. einen historischen Stoff in Angriff genommen, „Die Likedeeler“, der in der Geschichte Störtebeckers und seiner Vitalienbrüder sozialhistorische Probleme im Hinblick auf die Zukunft behandeln sollte; über ihm ist er gestorben. Zwei Romane bringen kriminalistische Stoffe, „Unterm Birnbaum“ (1885) und „Quitt“ (1891); in ihnen wird eine höhere Macht wirksam, die das Gesetz der Vergeltung vollstreckt.

In der Endphase der Arbeit an „Vor dem Sturm“ setzte F. zu seinem ersten Berliner Zeitroman an, „Allerlei Glück“, der die verschiedenen menschlichen Glücksvorstellungen schildern sollte, aber nicht vollendet wurde und dann den späteren Berlin-Romanen F.s als Steinbruch diente. Zwei Drittel des epischen Gesamtwerks F.s sind Zeitromane, von denen nur 2 ihren Stoff nicht aus der berlinisch-märkischen Gegenwart nahmen, beides Eheromane mit tragischem Ausgang: „Graf Petöfy“ (1884) aus der österreichisch-ungarischen Aristokratie und „Unwiederbringlich“ (1892) aus der aristokratischen Welt Schleswigs und Dänemarks. Von den 9 Romanen aus dem berlinisch-preußischen Bereich behandeln 3 wiederum Eheprobleme: „L'Adultera“ (1882), der in die Berliner Finanzwelt führt, „Cécile“ (1887) und „Effi Briest“ (1895), das Meisterwerk F.s, das in manchem an Flauberts „Madame Bovary“ erinnert, aber völlig unabhängig davon entstanden ist. Zwei der Romane, Liebesromane, befassen sich mit einem gesellschaftlich Tabu der Zeit, mit dem „Verhältnis“ eines Aristokraten mit einem Mädchen aus dem Volk; der eine, „Irrungen, Wirrungen“ (1888), klingt mit der einsichtigen, wehmütigen Entsagung der Liebenden aus, der andere, „Stine“ (1890), endet tragisch. In dem Roman aus der Berliner Industriewelt, „Frau Jenny Treibel“ (1892), ist die Bourgeoisie das Zielblatt der F.schen Ironie; sein Seitenstück ist der Roman „Mathilde Möhring“ (1891, aber erst aus dem Nachlaß veröffentlicht), der den Aufstieg einer zielbewußten Kleinbürgerin auf die nächste soziale Stufe zum Gegenstand hat. In der Erzählung „Die Poggenpuhls“ (1896) werden in schlichter Handlung Augenblicksbilder aus dem Leben einer armen Offizierswitwe und ihrer Kinder entrollt; Seitenlichter fallen auf die sich umbildende Berliner Gesellschaft. Am Schluß des F.schen Schaffens steht der große Roman „Der Stechlin“ (1898), in dem alles ins Gespräch gelegt ist und die bevorstehenden sozialen Umschichtungen im gesprochenen Wort und im Symbol entwickelt und gedeutet werden; er zeugt von der ungebrochenen Kraft des Dichters, der in der Gestalt des Dubslav von Stechlin ein Selbstporträt gegeben hat.

21. Hedwig Dohm 

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Die Geschichte der Frauenbewegungen kennt so manche Persönlichkeit, die bereits zu ihren Lebzeiten mit ihren Ansichten und Forderungen polarisierte und bei ihren Zeitgenoss/innen Missgunst und gar heftige Ablehnung hervorrief, bevor die Nachwelt ihre Brillanz und Originalität zu schätzen wusste. Zu diesen außergewöhnlichen Charakteren zählt Hedwig Dohm.

Hedwig Dohm gilt als brillanteste und radikalste Feder der historischen Frauenbewegung und als bedeutendste Vordenkerin des radikalen Flügels. Bereits 1873 forderte sie das Stimmrecht für Frauen und kämpfte für deren rechtliche, soziale und ökonomische Gleichstellung. Als feministische Theoretikerin und Autorin zahlreicher Essays, Romane und Novellen gehört sie zu den wichtigsten Autorinnen der Wende zum 20. Jahrhundert.

„Ein leidenschaftlich unglückliches Kind“1

Hedwig Dohm wurde am 20. September 1831 in Berlin geboren. Sie war das vierte Kind – und die erste Tochter von Gustav Adolph Schlesinger und Henriette Wilhelmine Jülich. Sie erfuhr eine für das 19. Jahrhundert typische geschlechtsspezifische Erziehung: Während die Eltern bei Hedwigs Brüdern Wert auf eine gute Ausbildung legten, durfte die hochintelligente Tochter nur die Mädchenschule besuchen. Mit 15 Jahren musste Hedwig ihre Schulausbildung gezwungenermaßen beenden. In der Hoffnung auf mehr Bildung rang sie ihren Eltern ein Lehrerinnenseminar ab, das sie aber ebenfalls als „stumpfsinnig“2 empfand.
Erst als sie im Alter von 22 Jahren den Autor Ernst Dohm heiratete, der als Redakteur beim Satiremagazin Kladderadatsch arbeitete, bekam sie Zugang zu intellektuellen Kreisen. Hedwig Dohm betrieb in Berlin einen Salon, in dem einflussreiche Frauen ihrer Zeit wie Helene Lange oder Adele Schreiber sowie berühmte Männer wie etwa Franz Liszt und Fritz Reuter verkehrten. Im Alter von 40 Jahren – zu diesem Zeitpunkt hatte Dohm bereits fünf Kinder großgezogen – begann sie, über die Frauenfrage zu schreiben.

 „Ich schwärme für Freiheit“ 3– Radikal und furchtlos für die Frauenfrage

Innerhalb von fünf Jahren publizierte Hedwig Dohm vier Bücher, die in der Radikalität ihrer Forderungen und der furchtlosen satirischen Analyse ein absolutes Novum darstellten und die sie mit einem Schlag zu einer der bekanntesten wie auch gefürchtetsten intellektuellen Stimmen ihrer Zeit machten: 1872 erschien Was die Pastoren von den Frauen denken, ein Jahr später folgte Der Jesuitismus im Hausstande, 1874 veröffentlichte die Berlinerin Dohm Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau und schließlich 1876 Der Frauen Natur und Recht.4

In ihren Schriften attackierte sie mit Humor und Scharfsinn die Unterdrückung der Frauen auf allen Gebieten: Hedwig Dohm widerlegte die unterstellte ‚Natur der Frau‘ und hielt der Idee eines biologistischen Geschlechterdualismus – hier das Gefühlswesen Frau, dort der rationale Mann – ihre Idee von Frauen und Männern als sogenannte Ganzmenschen entgegen. Sie plädierte für die gleichberechtigte Bildung und Ausbildung von Mädchen sowie für die freie Wahl eines Berufs, der Frauen die ökonomische Selbstständigkeit sicherte. Sie forderte das Recht auf selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch, kritisierte das Eherecht, die Mystifizierung der Mutterschaft und die Doppelmoral und sah in Prostitution eine „abstoßende Karikatur von Erotik“, sie kämpfte gegen die unzureichende sexuelle Aufklärung junger Mädchen sowie den Jugendwahn, der „das Weib entmenscht“.5

In ihren Essays und Feuilletons prangerte die Autorin nicht nur die gesellschaftlichen Missstände bezüglich der Stellung der Frauen an. Hedwig Dohm – Absolventin einer Mädchenschule – zeigte keinerlei Respekt gegenüber den zeitgenössischen anerkannten Intellektuellen. Friedrich Nietzsche fiel ihrem bissigen Spott ebenso zum Opfer wie Paul Möbius, Autor des damaligen antifeministischen Bestsellers Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes. Auch gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen sparte Hedwig Dohm nicht mit Kritik. Sie beklagte das Verhalten der Frauen, die offensichtlich an ihrer Situation nichts ändern wollten, und forderte sie auf: „Mehr Stolz, ihr Frauen! Der Stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. Nur auf den Nacken, der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn!“6

Dem gemäßigten Flügel der Frauenbewegung, der den Geschlechterdualismus und die angebliche natürliche Bestimmung der Frau zur Hausfrau und Mutter nicht infrage stellte, waren Dohms Ideen schlicht zu radikal. „Radikal heißt wurzelhaft“, erklärte Dohm, „und bezeichnet am besten das Wollen und Handeln jener streitbaren Frauen, die die Axt an die Wurzel der Übel legen.“7 Erst als der radikale Flügel um 1890 erstarkte, fand Hedwig Dohm mit Minna Cauer, Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann Schwestern im Geiste, denen sie sich anschloss und mit denen sie sich organisierte.

Sie wurde Gründungsmitglied des Frauenvereins Reform, der eine umfassende Bildungsreform und den Zugang von Frauen zu den Universitäten forderte, und trat auch Helene Stöckers Bund für Mutterschutz und Sexualreform bei, der sich unter anderem für das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper, das Recht auf Abtreibung und gegen die Stigmatisierung lediger Mütter einsetzte. Auch im von Minna Cauer gegründeten Verein Frauenwohl für das Recht von Frauen auf Bildung und Berufstätigkeit engagierte sich Dohm.8

Publizistin und Pazifistin

Die neu gegründeten Zeitschriften des radikalen Flügels der Frauenbewegung boten der scharfsinnigen Autorin neue Möglichkeiten: Zwischen 1895 und ihrem Tod 1919 veröffentlichte Hedwig Dohm mehr als 80 Artikel. Außerdem veröffentlichte sie zahlreiche Feuilletons vornehmlich in linken und liberalen Zeitungen und Zeitschriften wie zum Beispiel in Die Zukunft oder in der auflagenstarken Vossischen Zeitung. Zugleich suchte Dohm nach anderen literarischen Formen, um ein größeres Publikum zu erreichen. Sie begann, Romane und Novellen zu schreiben, in denen sie anhand individueller Frauenschicksale deren Unterdrückung sowie Wege der Befreiung aufzeigte. Innerhalb von sechs Jahren veröffentlichte Hedwig Dohm ihre Romantrilogie: Schicksale einer Seele (1899), Sibilla Dalmar (1896) und Christa Ruland (1902). In diesen drei Büchern schilderte sie das Leben dreier Frauengenerationen des 19. Jahrhunderts und thematisierte zugleich die Veränderungen der weiblichen Lebenswelt an der Schwelle zum 20. Jahrhundert.

Hedwig Dohm war nicht nur radikale Feministin, sondern auch Pazifistin. Im Ersten Weltkrieg war sie eine der wenigen öffentlichen Stimmen im deutschen Kaiserreich, die mit Texten wie Der Missbrauch des Todes oder Wäre ich ein glühender Patriot dem allgemeinen nationalen Kriegswahn widerstand. Nach Ende des Ersten Weltkriegs erlebte die Frauenstimmrechts-Pionierin als 87-Jährige, wie der Rat der Volksbeauftragten im November 1918 das Wahlrecht für Frauen verkündete. Hedwig Dohm starb am 1. Juni 1919 in Berlin.

22. Clara Zetkin 

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Z. besuchte die Dorfschule, an der ihr Vater unterrichtete, und anschließend ein Gymnasium; ihr politisches Engagement wurde bereits von der Mutter geprägt. 1874–78 studierte sie in dem von der Frauenrechtlerin Auguste Schmidt (1833–1902) geleiteten Lehrerinnenseminar am Steyberschen Institut in Leipzig, knüpfte hier Kontakte zur dt. Sozialdemokratie und lernte den russ. Revolutionär Ossip Zetkin kennen. Nach erfolgreicher Prüfung als Fachlehrerin für moderne Sprachen|trat sie in die „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands“ (SAPD) ein, was zum Bruch mit ihrer Familie führte. In der Zeit des „Sozialistengesetzes“ arbeitete sie bis 1882 als Hauslehrerin und Erzieherin in Sachsen und Österreich, dann folgte sie, nachdem sie 1882 bei Julius Motteler (1838–1907) in Zürich am Vertrieb des Parteiorgans „Der Sozialdemokrat“ mitgearbeitet hatte, im selben Jahr Zetkin ins politische Exil nach Paris, mit dem sie unverheiratet eine Familie gründete; die beiden Söhne erhielten den Nachnamen des Vaters. Z. trug Ossips Nachnamen als Pseudonym für ihre journalistische Tätigkeit. 1889 war sie als Delegierte der dt. Sozialdemokratie Teilnehmerin des Gründungskongresses der II. Internationale in Paris, wo sie dem Kongreßbüro angehörte, und referierte über die internationale proletarische Frauenbewegung, deren Begründerin und Führerin sie wurde. Z. nahm an fast allen internationalen Sozialistenkongressen und Parteitagen der SPD teil und wurde eine der führenden Sozialdemokratinnen Europas. Nach dem Fall des „Sozialistengesetzes“ kehrte sie, alleinerziehend mit zwei Kindern, 1891 nach Deutschland zurück und ließ sich als Schriftstellerin und Übersetzerin in Stuttgart nieder. 1892 übernahm Z. von Emma Ihrer (1857–1911) die Redaktion der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift „Die Arbeiterin“ im SPD-Parteiverlag von Johann Heinrich Wilhelm Dietz (1843–1922), redigierte sie als Agitations- und Bildungszeitschrift und gab ihr den Namen „Die Gleichheit“. In der SPD war sie seit 1895 Mitglied der Kontrollkommission, gehörte dem Parteivorstand sowie ab 1906 seinem Zentralen Bildungsausschuß an und verfaßte mit Heinrich Schulz (1872–1932) die Leitsätze „Sozialdemokratie und Volkserziehung “ für den Mannheimer SPD-Parteitag 1906. 1904 zog Z. mit Friedrich Zundel nach Stuttgart-Sillenbuch, wo sie in ihrem Haus internationale Sozialisten und Freunde wie August (1840–1913) und Julie Bebel (1843–1910), Franz (1846–1919) und Eva Mehring (1858–1928), Karl (1854–1938) und Luise Kautsky (1864–1944) oder Karl (1871–1919) und Sophie Liebknecht (1884–1964) zu politischen Diskussionen, Musik- und Literaturabenden empfing. Mit Rosa Luxemburg verband Z. eine lebenslange Freundschaft, beide waren Literatur- und Kunstliebhaberinnen.

Mit der Gründung der Sozialistischen Fraueninternationale 1907 auf dem Kongreß der Zweiten Sozialistischen Internationale in Stuttgart wurde Z. zur Vorsitzenden des Internationalen Frauensekretariats gewählt. „Die Gleichheit“ wurde ihr internationales Organ (Aufl. 1914: 124 000): Hier forderte sie gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau, nahm während des 1. Weltkriegs eine konsequente Antikriegshaltung ein und förderte die Vernetzung nationaler Frauenvereine und -organisationen. Auf der 2. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen reichte Z. mit Käte Duncker (1871–1953) eine Resolution für einen jährlichen internationalen Kampftag für das Frauenwahlrecht ein, der 1911 erstmals als Internationaler Frauentag in einigen mitteleurop. Staaten gefeiert wurde. 1912 trat Z. auf dem Außerordentlichen Friedenskongreß der II. Internationale in Basel mit der Überzeugung an, daß nur durch eine große Mehrheit der Frauen und ihr Bekenntnis „Krieg dem Kriege!“ den Völkern der Friede gesichert werden könne.

Zu Beginn des 1. Weltkriegs lehnte Z. mit Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Franz Mehring die Politik des „Burgfriedens“ der SPD ab und war 1916 Mitbegründerin der Gruppe Internationale, später Spartakusgruppe und -bund. Im März 1915 organisierte sie mit dem Schweizer Sozialisten Robert Grimm (1881–1958) gegen den Protest der SPD-Führung eine illegale Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Bern. Im Berner Friedensmanifest forderten die 26 teilnehmenden Sozialistinnen einen Frieden, der das Recht aller Völker und Nationalitäten auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit anerkennt. Im selben Jahr wurde Z. in Deutschland denunziert und wegen versuchten Landesverrats verhaftet; nationale und internationale Proteste sowie eine Kaution führten nach vier Monaten zu ihrer Freilassung. 1917 war Z. Mitbegründerin der USPD, daraufhin entzog Friedrich Ebert (1871–1925) ihr die Redaktion der „Gleichheit“ und übertrug sie an Marie Juchacz (1879–1956) und Heinrich Schulz. Z. begrüßte die Oktoberrevolution in Rußland und verteidigte die Politik der Bolschewiki als den Beginn der proletarischen Weltrevolution „nicht unter frei gewählten, sondern unter vorgefundenen Umständen“. 1919 auf der Liste der USPD an den Wahlen zur Nationalversammlung, zog Z. in den Landtag des Freien Württ. Volksstaats ein und stimmte am 25.9.1919 gegen die neue bürgerliche Verfassung. Nach der Ermordung Liebknechts, Luxemburgs und Leo Jogiches’(1867–1919) trat sie im März 1919 der KPD bei, wurde in deren Zentrale gewählt und übernahm die Redaktion der Zeitschrift „Die|Kommunistin“. 1920 erhielt sie, neben Paul Levi (1883–1930), ein Mandat für die KPD im Dt. Reichstag, dessen Mitglied sie bis 1933 war. In ihrer ersten Rede im Reichstag forderte sie Solidarität mit Sowjet-Rußland und reiste 1920 erstmals dorthin. Sie schloß Freundschaft mit Lenin und dessen Frau Nadeshda Krupskaja. Mit Alexandra Kollontai, der Vorsitzenden der Frauenabteilung beim ZKder Russ. Komunistischen Partei, gründete sie 1921 die Kommunistische Fraueninternationale bei der Komintern, der III. Internationale, zu deren Exekutivkomitee sie 1922–33 gehörte. Sie entwarf die „Richtlinien der kommunistischen Frauenbewegung“, leitete ab 1921 das Westeurop. Internationale Frauensekretariat mit Sitz in Berlin und redigierte die Zeitschrift „Die Kommunistische Fraueninternationale“. Im Juli 1922 hielt Z. im Auftrag der Komintern in Moskau die Anklagerede im Prozeß gegen 47 Sozialrevolutionäre.

Seit 1921 führte Z. die Internationale Arbeiterhilfe, war 1925–33 Präsidentin der Internationalen Roten Hilfe und 1. Bundesvorsitzende des Roten Frauen- und Mädchenbundes. 1923 hielt sie auf dem Erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Komintern ihr Referat „Kampf gegen den Faschismus“ und brandmarkte dessen „scheinrevolutionäres Programm“ und dessen Terror.

In den innerparteilichen Auseinandersetzungen der KPD hielt Z., bis 1923 in der Zentrale, zunächst zu Paul Levi, dann, ebenfalls 1923, zu Heinrich Brandler (1881–1967) und August Thalheimer (1884–1948) gegen den radikalisierenden Kurs Ruth Fischers (1895–1961). Erst 1927 wieder in die Zentrale gewählt, kritisierte Z. intern die ultralinke Wende in der Politik der KPD-Zentrale und die Führung Ernst Thälmanns (1886–1944). Intern wandte sie sich grundsätzlich gegen den Stalinisierungsprozeß in der Komintern und deren Sektionen, blieb aber in deren Reihen.

Nach der Reichstagswahl vom 31.7.1932 eröffnete Z. am 30.8.1932 als Alterspräsidentin den Reichstag und warb in ihrer Rede eindringlich für die Einheitsfront aller Werktätigen, um den Faschismus zurückzuwerfen. Im selben Jahr ging sie ins Exil nach Moskau. Z.s politische Arbeit insbesondere als Frauenrechtlerin wurde v. a. in der DDR erinnert und mit zahlreichen Ehrungen gewürdigt.

23. Minna Cauer

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Sie leitete Frauenvereine, war eine mitreißende Rednerin und mischte sich mit ihrer Zeitschrift ‚Die Frauenbewegung‘ in die öffentliche Debatte im Kaiserreich ein. Ihr Ziel: die allumfassende Gleichberechtigung der Frau im Staat. Ihr größter Erfolg: 1918 erhalten die Frauen das Wahlrecht.

Jugend, Ehe- und Witwenjahre

Minna Cauer, geb. am 01.11.1841 in Freyenstein, wuchs als Tochter des Pfarrers Alexander Schelle (1804-1874) und seiner Ehefrau Juliane geb. Wolfschmidt (gest. 1887) mit mehreren Geschwistern auf. Sie wollte Lehrerin werden, konnte dies jedoch zunächst wegen familiärer Probleme nicht. Ihr erster Ehemann, der Arzt Doktor August Latzel, und ihr Sohn starben innerhalb weniger Jahre. Sie musste sich neu orientieren und legte 1867 das Lehrerinnenexamen ab, um dann für ein Jahr als Hauslehrerin nach Paris zu gehen. Ab 1869 war sie Lehrerin an einer Mädchenschule in Hamm. Dort lernte sie ihren zweiten Mann kennen, den späteren Berliner Schulrat Eduard Cauer (1823–1881). Nach dem Umzug in die Hauptstadt knüpfte sie erste Kontakte zu liberalen Politikern und Frauen aus der bürgerlichen Frauenbewegung. Nach dem Tod Eduard Cauers 1881 lebte sie einige Jahre in Dresden und fand in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Geschichte der Frauen eine neue Lebensaufgabe. Ihre ersten Publikationen wurden 1883 und 1884 in der Vossischen Zeitung veröffentlicht. Sie kehrte nach Berlin zurück und unterrichtete Geschichte in einem Pensionat für Amerikanerinnen.1

Die Frauenpolitikerin

1888 gründete Minna Cauer zusammen mit anderen Frauen in Berlin den Verein Frauenwohl, der das Sprachrohr des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung wurde. 1889 war sie Mitbegründerin des Kaufmännischen Hilfsvereins für weibliche Angestellte. 1896 arbeitete sie beim Internationalen Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen in Berlin mit. 1899 wurde ein Gegenverband zum Bund Deutscher Frauenvereine gegründet, der Verband Fortschrittlicher Frauenvereine, dessen Vorsitzende Cauer wurde. In diesem neuen Verband schlossen sich die Vereine zusammen, denen die Politik des Bundes Deutscher Frauenvereine zu defensiv erschien. Der Bund Deutscher Frauenvereine setzte auf Petitionen und die Unterstützung liberaler Kreise, um eine Verbesserung der Situation von Frauen auf zahlreichen Gebieten zu erreichen. Die radikalen Frauenrechtlerinnen kämpften öffentlich und offensiv und forderten unter anderem das Wahlrecht für Frauen.2 Sie kritisierten die fehlende Gleichberechtigung der Frauen im Entwurf zum neuen Bürgerlichen Gesetzbuch, sie bekämpften sexuelle Belästigung und Gewalt, den § 218 sowie Prostitution und Frauenhandel und sie befassten sich mit der Dienstboten- und Arbeiterinnenfrage3 Im Ersten Weltkrieg wurde Minna Cauer bald zur Pazifistin. 1918 trat sie der Deutschen Demokratischen Partei bei.4

Die Rednerin

Minna Cauer war eine mitreißende Rednerin und eine humorvoll-energische Versammlungsleiterin, die stets ohne Manuskript sprach und viele Menschen durch die Klarheit ihrer Gedanken überzeugte.5 Else Lüders, ihre langjährige Mitarbeiterin, fühlte sich bei ihren Vorträgen durch „das lebhafte Mienenspiel, die anmutigen Bewegungen des schlanken Körpers, die Duse-Bewegung der schönen Hände“ an die Schauspielerin Eleonore Duse (1858–1924) erinnert.6  Ein Kölner Journalist verglich Cauer mit einer „Priesterin und Prophetin“.7 Sie hielt unermüdlich Vorträge bei Kongressen von Frauenvereinen im Deutschen Reich, in Großbritannien, Belgien, Dänemark, Schweden, den Niederlanden und Italien sowie bei SPD-Frauenkonferenzen.8  Der direkte Kontakt mit dem Publikum löste bei ihr oft eine persönliche Weiterentwicklung aus. So notierte sie, nachdem sie 1912 in der Jugendgruppe des Vereins Frauenwohl in Berlin die Sozialdemokratin Clara Zetkin (1857–1933) vorgestellt hatte, in ihrem Tagebuch: „Ich versenkte mich in die Ideenwelt dieser Frau, ich vertiefte mich in den Sozialismus […] Ich will jetzt den wissenschaftlichen Sozialismus studieren, ich muß klar werden, klar sehen.“9

Die Publizistin

Minna Cauer war Herausgeberin und Redakteurin der von ihr 1895 gegründeten Zeitschrift Die Frauenbewegung, die bis zur Einstellung 1919 das Publikationsorgan der radikalen bürgerlichen Frauenbewegung war.10 Sie verfasste an die 400 Beiträge, Leitartikel, Kongressberichte und Rezensionen und prägte damit das Profil der Zeitschrift.11 Die Frauenbewegung unterschied sich in ihrem Ansatz und Stil stark von anderen Frauenzeitschriften, die Cauer ironisch kritisierte: „Eine kleine Besserung ist hie und da zu merken. Man stickt nicht mehr so viele Morgenschuhe für den geliebten Ehegatten und ist nicht mehr so entzückt über irgend ein neues Häkelmuster […] Aber etwas Trostloses liegt doch in diesen Blättern, – und von einer neuen Lebensauffassung, von neuen Lebensaufgaben der Frau ist selten oder nie die Rede“.12  
1893 erschien ihr Buch Die Frauen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in dem sie die These aufstellte, dass die amerikanischen Frauen „zum Wohl des Ganzen“ arbeiten wollten, wohingegen „Deutschlands Frauen selig zu den Füßen Goethes und Schillers träumten“.13 1898 publizierte sie ihr zweites Buch Die Frau im 19. Jahrhundert. Der Zusammenhang zwischen „Pflichtlosigkeit dem Allgemeinen gegenüber“ und der Rechtlosigkeit der Frauen ist für sie eindeutig: „[…] so pflegen Deutschlands Frauen ihr Gretchen- und Hausfrauenideal fast bis zur Vernichtung des eigenen Ichs. Dieses Ideal glauben sie durch die Verherrlichung und Anbetung des Mannes und nur durch den Mann erreichen zu können“.14 1913 legte sie eine Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Berliner Vereins Frauenwohl vor.15 Bis ins hohe Alter schrieb Cauer für diverse Zeitungen Artikel zur politischen Situation.

Die Bildungsbürgerin

Minna Cauer war eine Intellektuelle.16 Sie las viel – sowohl Belletristik als auch Bücher über historische und politische Themen – und nutzte regelmäßig die Bibliothek des Abgeordnetenhauses und des Reichstages.17 In ihren Tagebüchern finden sich zahlreiche Hinweise auf Autoren, von deren Werken sie beeinflusst wurde: Lew Tolstoi, Arthur Schopenhauer, Friedrich Schleiermacher und Romain Rolland.18 Karl Marx‘ Thesen reizten sie zum Widerspruch. Sie fand bei ihm „nicht nur viele Widersprüche, sondern auch eine große Einseitigkeit und Engherzigkeit, weil alles und alles aus ökonomischen Gründen allein abgeleitet werden soll“.19 Die Biografie von Albert Bielschowsky über Goethes Leben und Werk (erschienen 1896 und 1904) beeindruckte sie tief: „Bielschowskys Goethe ist der größte Genuß, den ich seit langer Zeit gehabt habe. So vieles wird wieder lebendig in mir, nicht nur Goethe selbst mit all seinen Schwächen, seiner Größe, seiner Liebenswürdigkeit, seiner Schroffheit und seinem Talent, sich selbst und ach, so viele andere so unsäglich zu quälen“.20 Ihre Frauenideale waren Antigone und Iphigenie, denn sie „lieben das Weitschauende, das fern von Tagesideen steht“.21 Neben intensiver Lektüre spielten Theater- und Konzertbesuche sowie der Besuch von politischen Vorträgen eine große Rolle in ihrem Leben.22

Beziehungen

Minna Cauer arbeitete mit vielen Frauen und Männern zusammen. Sie war eine stark polarisierende Persönlichkeit. Entweder man schätzte sie und war begeistert von ihrer charismatischen und kompromisslosen Art und ihren Ideen, oder man stand ihr, der als eitel und selbstverliebt etikettierten Frau, und ihrer politischen Ausrichtung ablehnend gegenüber.23

Mehrere Arbeitsbeziehungen scheiterten im Laufe der Jahre, beispielsweise die zur Frauenrechtlerin Anita Augspurg (1857–1943).24 Cauer war bis zu ihrem Tod befreundet mit Emma Muschka von Witt (1863–1949) und der Bremer Frauenrechtlerin Auguste Kirchhoff (1867–1940).25 Sie schätzte – trotz mancher politischen Differenz – die Sozialdemokratin Clara Zetkin. Eine besonders enge Verbindung hatte Cauer zu ihrer Großnichte Lilly Somerhausen, geborene von Stoffregen. Das Verhältnis zu Else Lüders zerbrach im Ersten Weltkrieg, als diese sich dem nationalen Lager zuwandte, das den Krieg unterstützte.26  

Lebensbilanz

Im hohen Alter schien sich Cauers Traum erfüllt zu haben: „Ich sterbe als Republikanerin“ schrieb sie begeistert am 9. November 1918 in ihr Tagebuch.27 Die Frauenbewegung stellte sie 1919 mit den Worten ein: „Meine Aufgabe innerhalb der Frauenbewegung halte ich für erfüllt, da das Bürgerrecht der Frau den Frauen gegeben worden ist“.28 Am Ende ihres Lebens stand dennoch die bittere Erkenntnis, „daß die Frauen nur im Kleinen ihr Dasein leben wollen, und daß ich wohl die letzte sein würde, der sie gern folgen würden. Einzelne wohl, aber viele?“29 Ihre Memoiren schrieb sie bewusst nicht mehr. „Wenn ich alles offen, wahr und ehrlich darstellen will, dann wird es das Bild einer ewig suchenden Frau, die sich Ideale aufbaute für sich, für die Freunde, für das Vaterland, für die Menschheit und alles ging in Trümmer“.30

Minna Cauer starb am 3. August 1922 und wurde auf dem Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg begraben. Seit 1952 ist ihr Grab ein Ehrengrab des Landes Berlin. In vielen Nachrufen wurde ihr Lebenswerk gewürdigt.31 Der Politiker und Publizist Hellmut von Gerlach (1866–1935) schrieb rückblickend: „Meine pariser (!) Erfahrungen veranlaßten mich zu intensiverer Beteiligung an der deutschen Frauenbewegung. Hand in Hand arbeitete ich dabei mit Minna Cauer, in der ich den stärksten politischen Kopf der deutschen Frauenbewegung schätzen lernte. Sie war dank langer Tätigkeit in England international gesinnt, dazu historisch, literarisch und politisch gleichmäßig gebildet. Vor allem war sie eine Taktikerin ersten Ranges“.32


Die neuere Forschung sieht in Cauer und ihren Mitstreiterinnen Intellektuelle und Idealistinnen, denen allerdings ein Gesamtkonzept für ihre politische Arbeit fehlte.33Cauer gilt als eine der wichtigsten Führungspersönlichkeiten, die „sowohl Programmatik und Strategien, als auch Mobilisierung und Organisation des Vereins Frauenwohl und des gesamten radikalen Flügels entscheidend geprägt haben“.34

24. Werner von Siemens 

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Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Situation seiner Eltern zunächst von seiner Großmutter und seinem Vater unterrichtet, besuchte S. seit 1827 die Bürgerschule in Schönberg (Meckl.), erhielt 1829 erneut Privatunterricht und wechselte 1832 in die Obertertia des Lübecker Katharineums, das er 1834 ohne Abschluß verließ. S. bewarb sich bei der preuß. Armee, um über den Militärdienst Zugang zu einer ingenieurwissenschaftlichen Ausbildung zu erlangen. Nach der Aufnahme in das Magdeburger Artilleriekorps wurde er 1835 an die Berliner Artillerie- und Ingenieurschule abkommandiert, wo er eine dreijährige Ausbildung absolvierte. Nach dem Tod der Eltern übernahm S. die Erziehung und Ausbildung seiner minderjährigen Geschwister. Er setzte sich intensiv mit technischen Fragen auseinander und erhielt 1842 sein erstes preuß. Patent für ein Verfahren zur galvanoplastischen Vergoldung, das er mit Hilfe seines Bruders William 1843 in England erfolgreich vermarktete.

Überzeugt vom technischen und wirtschaftlichen Potential der elektrischen Telegraphie konzentrierte sich S. auf die Verbesserung des Wheatstoneschen Zeigertelegraphen. 1847 konstruierte er ein allen bisher gebräuchlichen Apparaten überlegenes Modell. Mit dieser Erfindung war der Grundstein für die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ (S & H) gelegt, die S. im Okt. 1847 mit dem Universitätsmechaniker Johann Georg Halske (1814–90) in Berlin gründete. Dieser brachte seine praktische Erfahrung in der Leitung und Organisation eines Handwerksbetriebs, S. seine Patente (Verfahren, Gold behufs d. Vergoldung auf nassem Weg vermittelst d. galvan. Stromes aufzulösen, preuß. Patent 1842; Eine neue Art elektr. Telegraphen u. damit verbundene Vorrichtung z. Drucken d. Depeschen, preuß. Patent 1847) in die Firma ein. Das Startkapital stammte von Werners Vetter, dem Justizrat Johann Georg Siemens (1805–79). In kurzer Zeit entwickelte sich S & H von einer kleinen feinmechanischen Werkstätte für Eisenbahn-Läutewerke, Wassermesser, Guttapercha-Drahtisolierungen und v. a. für Telegraphen zu einem international führenden Elektrounternehmen. Den ersten, mit hohem Prestigewert verbundenen staatlichen Großauftrag erhielt S & H 1848 für den Bau einer Telegraphenlinie zwischen Berlin und Frankfurt/Main. Da die Zusammenarbeit mit der preuß. Telegraphenverwaltung 1851 endete, geriet das junge Unternehmen in eine Krise, die es durch die konsequente Erschließung ausländischer Märkte überwand. S & H erhielt 1851 den Auftrag zur Errichtung des russ. Telegraphennetzes, das unter der Leitung von S.s jüngerem Bruder Carl von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer gebaut wurde. Daneben entwickelte sich das Engagement in England zur zweiten wichtigen Stütze. Hier gelang S.s Bruder William mit der Herstellung und Verlegung telegraphischer Seekabel der Durchbruch.

Parallel zur unternehmerischen Tätigkeit widmete sich S. intensiv physikalischer Forschung. 1866 entdeckte er aufbauend auf den Arbeiten Michael Faradays (1791–1867) das dynamoelektrische Prinzip und schuf so die entscheidende Voraussetzung zur Ausnutzung der Elektrizität für Antriebs- und Beleuchtungszwecke. Von den Arbeiten Sören Hjorths (1801–70), der 1854 ein dän. Patent auf eine Dynamomaschine erhalten hatte, wußte S. vermutlich nichts. S. erkannte, daß die Dynamomaschine zur Elektrifizierung u. a. des Transport- und des Beleuchtungswesens führen würde. Die Starkstromtechnik entwickelte sich rasch und S. erschloß neue Anwendungsgebiete, so eine elektrische Eisenbahn (Berliner Gewerbeausstellung, 1879), eine Straßenbeleuchtung mit Bogenlampen (Berliner Ks.gal., 1879), einen Fahrstuhl (Mannheim, 1880), eine Straßenbahn (Berlin-Lichterfelde, 1881) oder einen Oberleitungsomnibus (Berlin, 1882). Der Name „Siemens“ entwickelte sich zu einem zentralen Markennamen für die „Elektrotechnik“, ein Begriff, der 1879 von S. geprägt wurde.

Seit 1866 wurden Verbesserungsvorschläge der Mitarbeiter mit einer „Inventurprämie“ belohnt. Mehr als ein Jahrzehnt vor der gesetzlichen Alters- und Hinterbliebenenversorgung rief S. 1872 eine Pensions-, Witwen- und Waisenkasse für die betriebliche Altersversorgung ins Leben. 1890 schied er offiziell aus dem Unternehmen aus, übte jedoch bis zu seinem Tod 1892 bestimmenden Einfluß aus. Als Abgeordneter der Dt. Fortschrittspartei gehörte S. 1862–66 dem Preuß. Landtag an. 1877 wurde er Mitglied des Reichspatentamts, 1879 beteiligte er sich an der Gründung des „Elektrotechnischen Vereins“ zur Förderung von elektrotechnischen Lehrstühlen an Technischen Hochschulen. Als Mäzen betätigte sich S. 1887 auch an der Gründung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt.

 

25. Alfred Krupp

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K. wurde zunächst gemeinsam mit den Kindern von Franz Dinnendahl von deren Privatlehrer unterrichtet und besuchte dann das Gymnasium. Krankheit und Tod des Vaters zwangen ihn, nach drei Jahren den Schulbesuch abzubrechen und den Plan einer Lehre in der Düsseldorfer Münze aufzugeben.Friedrich Krupp hatte die Gußstahlfabrik testamentarisch seiner Frau und seinen Kindern hinterlassen. Wegen der hohen|Schulden nahm die Witwe das Erbe jedoch nur für ihre Person an. Sie führte die Fabrik weiter, unterstützt von ihren Verwandten und dem damals 13jährigen K., den der Vater noch in die Grundlagen der Gußstahlherstellung eingeführt hatte. Mit zunächst nur sieben Arbeitern wurde die Fabrikation von Werkzeugstahl, Feilen, Lohgerbergeräten und später Walzen aufgenommen. Langwierige Versuche waren nötig, um Sicherheit in der Herstellung von qualitativ hochwertigem Stahl zu gewinnen. Umsatz und Belegschaft stiegen nur langsam. 1830 entschloß sich K., bei der Herstellung von Walzen zur Endfabrikation überzugehen, da die gelieferten Walzenrohlinge bei dem unsachgemäßen Drehen, Polieren und Härten durch die Kunden häufig gesprungen waren. Für Fertigfabrikate konnte dagegen – und dies hatte K. bei den Gerbergeräten bereits Ende der 1820er Jahre getan – eine Qualitätsgarantie übernommen werden. Zugleich ermöglichte die Fertigfabrikation eine rationellere Ausnutzung des Materials und der Arbeitskräfte. Bahnbrechend wurde bei der Gußstahlerzeugung vor allem der Übergang zu Güssen aus mehreren Tiegeln: 1832 gelang ein Guß von 75 kg aus vier Tiegeln, 1834 ein Guß von 200 kg aus acht Tiegeln. Die Verfeinerung der Technik des Drehens, Polierens und Härtens (hier erwarb sich K. selbst umfassende Kenntnisse) ermöglichte die Herstellung von glasharten, hochpräzisen und praktisch unzerstörbaren Walzen, die vor allem in Münzen, Gold- und Silberschmieden benötigt wurden.

Die Aufhebung der Zollschranken 1834 nutzte K., um durch ausgedehnte Reisen den süddeutschen Kundenkreis zu erweitern. Der so erhöhte Auftragsbestand verschärfte jedoch ein altes Problem: die Abhängigkeit des Schmiedehammerbetriebes von der ungleichmäßig verfügbaren und auch häufig zu schwachen Wasserkraft. Um dem abzuhelfen, wurde 1834/35 eine Dampfmaschine erworben. K. versuchte vergeblich, die Mittel dafür als Darlehen von der preuß. Regierung zu erhalten. Den Ankauf ermöglichte sein Vetter Carl Friedrich v. Müller, der sich zugleich mit einem Drittel an der Gußstahlfabrik beteiligte. Mit dem Einsatz der Dampfmaschine konnten sämtliche Arbeitsgänge, das Schmelzen und Gießen, das Ausschmieden und die abschließende Bearbeitung an einem Ort vereinigt werden. Das Unternehmen expandierte daraufhin deutlich: Die Zahl der Beschäftigten stieg von 30 (1824) auf 67 (1835), der Umsatz in denselben Jahren von 6 244 auf 11 049 Taler. In der Leitung wurde K. durch seinen 1831 eingetretenen jüngeren Bruder Hermann, im maschinentechnischen Bereich seit 1834 von einem Ingenieur unterstützt. In der Fabrik führte Arbeitsteilung zur Heranbildung von Spezialisten für die einzelnen Arbeitsvorgänge. Hauptproblem war, die Beschäftigung für die erweiterten Betriebseinrichtungen auch langfristig zu sichern. Dies erreichte K. zum einen durch Fortentwicklung und Ausweitung im Produktionsbereich: Die seit 1835 hergestellten Spezialwalzen für das Auswalzen hochfeiner, in der Brokat- und Tressenindustrie benötigter Gold- und Silberfäden erreichten einen bis dahin ungekannten Grad von Präzision, verbunden mit großer Haltbarkeit. Zum anderen wurde mit der planmäßigen Erschließung von Auslandsmärkten begonnen; die Reisen unternahmen K. und sein Bruder sowie ein 1836 eingestellter „Reisender“. Der Auslandsumsatz stieg von 6 303 Talern 1836 auf 18 439 Taler 1837. 1838/39 bereiste K. 15 Monate lang Frankreich und England; er gewann neue Abnehmer in Frankreich und erweiterte in England seine Kenntnisse über Stahlherstellung und Arbeitsorganisation.

1839 wurde in der Gußstahlfabrik ein deutlicher Auftragsrückgang spürbar. Die Ursachen lagen in der von Frankreich ausgehenden Wirtschaftskrise sowie in der fortschreitenden Mechanisierung des Edelmetallgewerbes: Zahlreiche kleine Handwerksbetriebe, bisher Hauptabnehmer der K.schen Walzen und Walzmaschinen, gingen allmählich dazu über, ihre Halbfabrikate vorgefertigt von großen Edelmetallwerken zu beziehen. Schließlich führte die nahezu unbegrenzte Haltbarkeit der Walzen langfristig dazu, daß die Zahl der Aufträge zurückging, weil kaum Ersatzkäufe notwendig wurden. K. versuchte, diese Schwierigkeiten dadurch zu beheben, daß er 1840 mit der Herstellung von kompletten Walzwerken, Justierwerken und Vorstreckanlagen begann. Die 1841 in Paris eingerichtete erste Krupp-Auslandsvertretung dehnte das Absatzgebiet für Walzen nach Südfrankreich aus. Bis 1843 entwickelten die drei Krupp-Brüder – seit 1839 war der technisch sehr begabte Friedrich mit in der Fabrik tätig – gemeinsam die Besteckwalze, mit der Löffel und Gabeln gleichzeitig gewalzt und geprägt werden konnten. Die Anregung dazu hatten sie von einem Münchener Graveur erhalten. Aber für Besteckwalzwerke gab es, ebenso wie für die übrigen Walzwerke, Justier- und Vorstreckanlagen, nur einen relativ kleinen Kundenkreis. Die Aufträge waren nicht zahlreich, dann aber von großem Volumen. Dadurch konnten sie schwer einkalkuliert werden. Es fehlten als tragfähige Grundlage Produkte, für die eine stetige Nachfrage bestand.

Deshalb bemühte sich K. in den 1840er Jahren um die Gründung von Besteckfabriken, um selbst die kontinuierliche Besteckfabrikation aufzunehmen. Weder in Deutschland, noch später in England und Rußland, gelang ihm das. Dagegen gründete er 1843 in Österreich (Berndorf) mit Alexander Schoeller als Kapitalgeber eine Metallwarenfabrik für die Herstellung von Eßbestecken. Diese Fabrik wurde seit 1844 von Hermann Krupp geleitet. Ihre Ausstattung mit Besteckmaschinen und Prägewalzen brachte der Essener Gußstahlfabrik lohnende Aufträge.

Gleichzeitig bemühten sich K. und vor allem Friedrich Krupp darum, neue Anwendungsbereiche für den Gußstahl zu finden. Es mußten stark beanspruchte Stücke sein, damit die Verwendung von qualitativ hochwertigem und strapazierfähigem, aber auch teurem Gußstahl sich lohnte. Produkte dieser Art waren: Klavierdraht, Werkzeug, Maschinenteile, Brustpanzer, hohlgeschmiedete Gewehrläufe und ein Probegeschützrohr. Es blieb jedoch bei Versuchen und Einzellieferungen. Die zu diesen Aktivitäten notwendige finanzielle Bewegungsfreiheit gewann K. 1844 durch die Kapitaleinlagen des neuen Teilhabers Fritz Sölling; der bisherige Teilhaber v. Müller war 1844 ausgeschieden. Insgesamt folgte nun ein kurzer geschäftlicher Aufschwung. Der Umsatz stieg von 48 160 Talern 1844 auf 79 601 Taler 1846.

Die 1846/47 einsetzende allgemeine Wirtschaftskrise führte zu einem drastischen Auftragsrückgang. Dieser Rückgang sowie Belastungen durch die Anfangsverluste der Berndorfer Fabrik und durch betriebliche Schwierigkeiten infolge der häufigen Abwesenheit K.s führten zu Verlusten des Essener Unternehmens, zu deren Deckung keine Rücklagen zur Verfügung standen. Im Frühjahr 1848 übertrug Therese Krupp ihrem Sohn das Unternehmen, um eine einheitliche Leitung zu gewährleisten. Die Situation verschärfte sich jedoch und führte im April 1848 zur Zahlungsunfähigkeit. Um eine, wenn auch reduzierte Arbeiterschaft halten und ihr die Löhne zahlen zu können, griff K. auf seinen Privatbesitz zurück. Durch einen großen Besteckmaschinenauftrag aus Rußland konnte dieser Tiefpunkt überwunden werden. Der allmählich einsetzende Konjunkturaufschwung brachte weitere Aufträge. 1849 wurde die damals noch selbst um ihren Fortbestand ringende Berndorfer Metallwarenfabrik von dem Essener Unternehmen gelöst. Zugleich verschaffte sich K. durch die Aufnahme von Verbindungen zum Bankhaus Oppenheim und später zum Schaaffhausenschen Bankverein finanziellen Bewegungsspielraum.

Eine Phase der Expansion setzte ein, die etwa bis zum Ausbruch der Wirtschaftskrise 1857 währte und durch die Entwicklung neuer Produkte für den Verkehrsbereich sowie neue Verfahren bei der Erzeugung von Tiegelgußstahl geprägt war. Mit dem weiteren Ausbau der Eisenbahnen wuchs der Bedarf an Achsen und Federn. Darüber hinaus erschloß die stetig fortentwickelte Fähigkeit, größere Güsse herzustellen, neue Anwendungsbereiche, z. B. große Kurbelwellen für Dampfschiffe sowie besonders strapazierte Großteile für den Maschinenbau. Hinzu kamen seit 1853 die nahtlos geschmiedeten, später gewalzten Eisenbahnradreifen (Bandagen). K. hatte sie in jahrelangen Versuchen aus den kleinen, ebenfalls nahtlos gefertigten Walzenringen entwickelt und hielt sie für seine bedeutendste Erfindung. In Anlehnung daran wurden 1875 die drei aufeinandergelegten Ringe zum Firmenzeichen bestimmt. K. ging auch zur Fertigung von Rädern und Radsätzen über. Für den erhöhten Bedarf erwies sich das bisher praktizierte Verfahren, Tiegelgußstahl aus selbst hergestelltem Zementstahl zu erschmelzen, als zu kostspielig. Deshalb begann K. 1853, Puddelstahl als Tiegeleinsatz zu verwenden. Er bezog ihn zunächst von verschiedenen kleinen Hütten, seit 1855 aus dem neu errichteten eigenen Puddelstahlwerk. Das Verfahren, nicht nur Eisen, sondern auch Stahl im Puddelofen herzustellen, war in den 1840er Jahren in Deutschland entwickelt worden. Die Belegschaft stieg von 109 (1849) auf 365 (1854); der Umsatz betrug 1849 68 300 Taler, 1854 303 308 Taler.

Die Wirtschaftskrise von 1857 traf K. nicht so schwer wie seine Konkurrenz, da er die Beschäftigung durch Staatsbahnaufträge, Vorratsproduktion und eigene Bauvorhaben aufrechterhalten und die dazu notwendigen Finanzmittel durch die Aufnahme stiller Teilhaber sichern konnte. 1859 gelang ihm mit dem Auftrag der preußischen Militärbehörden über 300 vorgearbeitete Rohrblöcke für Geschützrohre der Durchbruch in einen neuen Anwendungsbereich für Qualitätsgußstahl. Diesem ersten Großauftrag waren langwierige Versuche und eine Reihe von kleineren, im Verhältnis zum Aufwand|jedoch letztlich erfolglosen Aufträgen vorausgegangen. Erst die Entscheidung der preußischen Militärbehörden für die Einführung des Hinterladesystems und für Geschütze aus Gußstahl anstelle von Gußeisen oder Bronze brachte die Wende. Dazu kam das persönliche Mitwirken des damaligen Prinzregenten Wilhelm am Zustandekommen dieses Auftrags. K. begann bald mit der Herstellung vollständiger Geschütze und baute neue Werkstätten, um die gewünschte Zahl liefern zu können.

Die sprunghafte Expansion des Unternehmens in den 1860er Jahren ist daneben auch der Aufnahme der Stahlproduktion nach dem Bessemerverfahren zuzuschreiben. Mit diesem Verfahren konnte man in derselben Zeit die siebzigfache Stahlmenge herstellen. K. hatte bereits 1855 Kontakte zu Bessemer aufgenommen und erwarb als erster das Patent für Deutschland. 1862 nahm das Krupp-Bessemerwerk als erstes dauerbetriebenes auf dem europ.Festland die Produktion auf: Das war der Schritt zur Massenproduktion. Es zeigte sich allerdings, daß der Bessemerstahl die Qualität des Tiegelgußstahls nicht erreichte. Er eignete sich jedoch für andersartig beanspruchte Erzeugnisse wie Schienen und Stahlbleche, die in den folgenden Jahren einen umfangreichen Teil der Gesamtproduktion darstellten. Parallel dazu gelangen beim Tiegelgußstahl immer größere Güsse (z. B. 1865 ein Guß von 35 000 kg aus 1184 Tiegeln), die mit Hilfe des 1861 erbauten, als technisches Wunderwerk bestaunten, von K. selbst entworfenen 50-t-Dampfhammers „Fritz“ geschmiedet werden konnten. Um 1865 wurde zudem die Herstellung von Eisenbahnrädern im Stahlformguß aufgenommen. Die Belegschaft war von 2 108 (1861) auf 8 248 (1865), der Bruttoumsatz in den gleichen Jahren von umgerechnet 4,1 Mill. auf 15,7 Mill. Mark angewachsen. In diesen Jahren der Belegschaftserweiterung baute K. die ersten – damals noch verhältnismäßig kleinen – Arbeiterfamiliensiedlungen. Für unverheiratete Arbeiter hatte er seit 1856 Wohnheime errichtet, die Kost und Unterkunft boten. Die bereits 1836 eingerichtete freiwillige Hilfskasse für Krankheits- und Todesfälle war 1853 in eine Kranken- und Sterbekasse mit Beitrittspflicht umgewandelt worden, zu deren Kostendeckung das Unternehmen seit 1855 einen jährlichen Zuschuß in Höhe von 50 % der Mitgliederbeiträge zur Verfügung stellte. 1855 hatte K. eine Pensionskasse und 1858 eine werkseigene Bäckerei errichtet, aus der später die Konsumanstalt hervorging.

Die Jahre bis 1873 brachten eine weitere starke Expansion, die durch die Wirtschaftskrise von 1867/68 nur geringfügig unterbrochen, dagegen stark gefördert wurde durch den allgemeinen Aufschwung der Gründerjahre nach dem deutsch-franz. Krieg: Die Belegschaft des Gesamtkonzerns stieg allein von 1871 bis 1873 von 10 400 auf 16 000, der Bruttoumsatz von etwa 29 Mill. auf 40,8 Mill. Mark. Neue Lösungen gab es in dieser Zeit vor allem in den Bereichen der Rohstoffsicherung und der Stahlerzeugung. 1865 erwarb K. vom preuß. Fiskus die Saynerhütte mit der Mülhofener Hütte, in den folgenden Jahren weitere Hütten sowie Hunderte von Erzgruben an der Lahn und im Westerwald. Er pachtete oder kaufte Kohlenzechen und gewann mit der Beteiligung an einer spanischen Erzgrube den Zugang zu phosphorarmen und damit für das Bessemerverfahren geeigneten Erzen. Für deren Transport gründete er eine eigene Reederei in Rotterdam. Damit war der Schritt zum vertikalen Konzern getan. Im metallurgischen Bereich wurde bereits 1869 bei Krupp das Siemens-Martin-Verfahren eingeführt, bei dem mit Einsätzen von Schrott und Roheisen Stahl hergestellt werden konnte, der dem Bessemerstahl qualitativ überlegen war. Er eignete sich für Eisenbahnräder, Achsen, schwere Kurbelwellen u. ä. und ersetzte damit den teuren Tiegelgußstahl in einigen Anwendungsbereichen.

Relativ schwächstes Glied dieser gesamten Expansion, die neben den genannten Investitionen im Rohstoff- und Produktionsbereich auch den Bau von Arbeiterkolonien umfaßte, war die Finanzierung: K. hatte in hohem Maße Bankkredite aufgenommen, ohne dabei für ausreichende Sicherheiten zu sorgen. So kam es in der Wirtschaftskrise 1874 fast zum finanziellen Zusammenbruch des Unternehmens. K. mußte der Verpfändung der Gußstahlfabrik an ein Bankenkonsortium unter Führung der preußischen Seehandlung zustimmen. Der Berliner Krupp-Vertreter Carl Meyer wurde als Vertrauensmann der Banken in die „Procura“ eingesetzt. Meyer gelang es in den folgenden Jahren, die Finanzen des Unternehmens neu zu ordnen und dabei vor allem Kostensenkungen zu erreichen. Wichtiges Instrument hierfür wurde das 1874 als interne Prüfungsinstanz eingerichtete Rechnungsrevisionsbüro. K., dem das Ausmaß der Gefahr wohl erst nachträglich ganz bewußt wurde, zog sich seitdem noch stärker vom Unternehmen zurück. Dieser Trennungsprozeß war schon in den 1860er Jahren eingeleitet worden, räumlich durch den Umzug der Familie aus dem Fabrikgelände auf den südlich von Essen liegenden „Hügel“, organisatorisch durch das Einsetzen der „Kollektiv-Procura“ als einer von der Person des Inhabers losgelösten Werksleitung. 1872 erließ K. das von ihm selbst entworfene „Generalregulativ“, das umfassende Richtlinien für die Unternehmensführung und -verwaltung enthielt und gewährleisten sollte, daß das Unternehmen auch ohne ihn in seinem Sinn fortgeführt würde.

Die weitere Entwicklung des Unternehmens bis 1887 verlief ruhiger. Es erholte sich nur langsam von den Folgen der schweren Wirtschaftskrise. Erst 1886 wurde die Belegschaftsstärke von 1874 wieder erreicht. Im Geschützbereich arbeiteten Artilleriefachleute an der Weiterentwicklung von Feld-, Belagerungs- und Schiffsgeschützen. Die Einrichtung firmeneigener Schießplätze ermöglichte ihre von Militärbehörden unabhängige Erprobung. Die Bereiche Maschinenteile, Schiffs- und Eisenbahnmaterial wurden ausgebaut, 1886 das Asthöwersche Stahlwerk in Annen bei Witten angegliedert. Damit war auch der Schritt zum horizontal gegliederten Konzern getan. Im Todesjahr K.s (1887) umfaßte die Belegschaft des Gesamtkonzerns 20 200 Mitarbeiter, davon etwa 13 000 in der Gußstahlfabrik, der Bruttoumsatz betrug im Geschäftsjahr 1887/88 47,5 Mill. Mark. K.s Führungsverhalten hatte mit zunehmendem Alter an Klarheit verloren. So wies er auf der einen Seite unter Berufung auf das Generalregulativ die „Procura“ an, selbständig zu handeln, auf der anderen Seite aber schrieb er ungezählte Notizen an seine leitenden Mitarbeiter, um ihnen seine Gedanken und Anweisungen zur weiteren Entwicklung des Unternehmens, oft auch nur zu Detailfragen, mitzuteilen. Zwar sind die wichtigsten Entscheidungen dieser Jahre nicht ohne seine Zustimmung getroffen worden, zu anderen dringend anstehenden Entscheidungen konnte er sich jedoch nicht mehr durchringen. Das gilt z. B. für die Einführung des Thomasverfahrens, nachdem das von Kruppschen Metallurgen entwickelte Verfahren zur Stahlgewinnung aus phosphorhaltigen Erzen sich als nicht wirtschaftlich erwies. Das gilt auch für die aus wirtschaftlichen Gründen dringend notwendig gewordene standortmäßige Verbindung von Verhüttung und Stahlerzeugung. K. hat persönlich die Gewinnung fähiger Staatsbeamter wie Wilhelm Gußmann (1839–1906), Ludwig Klüpfel (1843–1910) und Hanns Jencke für das Unternehmen angeregt. Auf der anderen Seite aber hat er sich in zunehmendem Maße bei seinen Aktivitäten innerhalb des Werkes und nach außen des Verhandlungs- und Vermittlungsgeschicks seines Sohnes Friedrich Alfred bedient. In seinem Testament wirkte er mit der Festlegung des ungeteilten Übergangs des Unternehmens an jeweils einen Erben über drei Generationen (Fideikommiß) und mit der Verpflichtung, die Erträgnisse nicht zur persönlichen Bereicherung, sondern „zur Erweiterung des Werkes und zum Wohle des Ganzen“ zu nutzen, bestimmend auf die Zukunft des Unternehmens ein.

Insgesamt gesehen hat K. ein in hohem Maße wettbewerbsfähiges Unternehmen geschaffen. Dieser Erfolg wurde zum einen durch die für die industrielle Entwicklung günstigen allgemeinen Bedingungen im 19. Jh. ermöglicht. Eine weitere Erfolgsbedingung war die unternehmerische Leistung, die die Marktsituation zu nutzen verstand und die Einflußfaktoren der Wettbewerbsfähigkeit in den Bereichen Produktion, Beschaffung von Produktionsfaktoren und Absatz erfolgreich zu gestalten vermochte. Im Produktionsbereich hat K. entscheidendes Gewicht auf Verfahrens- und Produktinnovation gelegt. Insbesondere bei der Stahlerzeugung hat er überwiegend die jeweils neueste Entwicklung aufgegriffen. Er fand differenzierte Anwendungsmöglichkeiten für die unterschiedlichen Stahlqualitäten. Es gelang ihm, immer neue Erzeugnisse in sein Fertigungsprogramm aufzunehmen und dabei häufig bis zu den in der Regel ertragreicheren Endprodukten vorzustoßen. Damit verfügte er letztlich über eine Produktpalette, die – abgesehen von konjunkturbedingten Schwankungen – eine relativ gleichmäßige Beschäftigung erlaubte. Die Wirtschaftlichkeit des Produktionsprozesses wurde erreicht durch die Verwendung moderner Technologien und durch den systematischen Ausbau der Arbeitsorganisation.

K. hat die Beziehung zwischen wirtschaftlicher Großfertigung und einem – auch aufgrund der intensiven Konkurrenz notwendigen – weiträumigen Absatzgebiet frühzeitig erkannt. Unter den Kunden gewannen dabei seit Ende der 1840er Jahre die Eisenbahngesellschaften im In- und Ausland besondere Bedeutung. Mit den ersten größeren militärischen Lieferungen an Preußen begann eine Entwicklung, die einen Teil der Produktion des Unternehmens für viele Jahrzehnte prägen sollte. Zu diesen militärischen Aufträgen Preußens und später des Deutschen Reichs|kamen – mit Wissen der deutschen Behörden – Lieferungen auch an ausländische Staaten. – Die Erfolge im Absatzbereich sind auf verschiedene Faktoren zurückzuführen: Eine bereits früh garantierte hohe Produktqualität, werbewirksame Repräsentation auf den Industrieausstellungen im In- und Ausland sowie bewußt gepflegte Beziehungen insbesondere zum preußisch-deutschen Herrscherhaus.

Bei der Sicherung und optimalen Gestaltung der Produktionsfaktoren Rohstoffe und Energie, Arbeitskraft und Kapital ist K. nicht immer gleichermaßen erfolgreich gewesen. Gelungen sind ihm seine Bemühungen im Rohstoff- und Energiebereich, vor allem durch die Übernahme von Kohle- und Erzgruben. Gelungen ist ihm auch die Sicherung der Arbeitskräfte. K. hat sich von Anfang an um die Schaffung und Erhaltung einer festen und hochqualifizierten Stammarbeiterschaft bemüht, ohne die er die angestrebte hohe Produktqualität nicht garantieren konnte. Er hat – mit Erfolg – versucht, die Arbeiter in den Betrieb zu integrieren, um so eine „Gemeinschaft der Kruppianer“ mit beiderseitiger Verpflichtung zu schaffen. Die Maßnahmen im sozialen und im Arbeitsbereich sind – hauptsächlich ihrer Motive wegen – oft kritisiert worden; K. bezweckte mit ihnen in erster Linie die Sicherung des Unternehmenserfolgs. Wichtiger als die Motive sind für die Beurteilung der sozialen Maßnahmen aber deren Wirkungen. K. hat seine Arbeiter durch das Verbot gewerkschaftlicher und sozialdemokratischer Betätigung sowie – in den Krupp-Siedlungen – der Lektüre sozialdemokratischer Zeitungen auch außerbetrieblich reglementiert und dadurch ihren politischen und privaten Bewegungsspielraum eingeengt. Auf der anderen Seite hat er den Arbeitern ein nur durch den Unternehmenserfolg ermöglichtes überdurchschnittliches Maß an materieller Sicherheit gegeben und dadurch auch ihre Integration in die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung erleichtert. Die Zahl der Streiks blieb daher bei Krupp auch verhältnismäßig niedrig. Die hauptsächlichen Maßnahmen zur materiellen Sicherung der Belegschaft waren: Die Zahlung überdurchschnittlicher Löhne; die Beschäftigung der Stammarbeiterschaft auch in Krisenzeiten und selbst dann, wenn dies sehr große – zuweilen auch private – finanzielle Anstrengungen erforderte; ein umfassendes, für die betriebliche und z. T. auch die staatliche Sozialpolitik beispielgebendes System betrieblicher Sozialeinrichtungen.

Die Beschaffung von Kapital war wohl das schwächste Glied innerhalb der unternehmerischen Leistung K.s. Die Finanzierungsprobleme bei Krupp waren z. T. deshalb so groß, weil sich im 19. Jh. erst allmählich ein Kapitalmarkt entwickelte, der den Bedürfnissen einer stark expandierenden Wirtschaft auch in Krisenzeiten gewachsen war. Hinzu kam aber bei K. in besonderem Maße ein Hang zu sehr risikoreichen Finanzierungen ohne Rücksicht darauf, ob Teilhaber und Banken diese Politik in Krisenzeiten stützen würden. Zur Finanzierung der umfangreichen Investitionen in Produktionsanlagen und in soziale Einrichtungen sowie für den Erwerb anderer Unternehmungen standen in der Regel nur verhältnismäßig geringe Eigenmittel zur Verfügung. Die restliche Finanzierung sicherte K. teils durch die Aufnahme stiller Teilhaber, teils durch kurzfristige Bankkredite. In Krisenzeiten erwiesen sich diese Quellen häufig als nicht erweiterungsfähig. Da auch größere Rücklagen fehlten, kam es mehrfach zu Engpässen, die den Bestand des Unternehmens ernsthaft gefährdeten.

Seinen Erfolg verdankt K. seiner Risikobereitschaft und Zähigkeit, dem Blick für erfolgversprechende technische Entwicklungen und Märkte sowie für qualifizierte Mitarbeiter. Er hat sich nahezu ausschließlich seinem Unternehmen gewidmet und niemals Funktionen im öffentlichen oder Verbandsbereich übernommen. Er lehnte die ihm von den nationalen Parteien angetragene Kandidatur für den Reichstag mit den Argumenten ab, daß er kein Politiker sei, sondern durch „Wort, Tat und Beispiel der Wohlfahrt des Landes“ dienen wolle.|

 

 

 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

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