Wilhelm II.
Inhaltsverzeichnis
- Wilhelm II. Als Kaiser der Letzte.
- Kaisertage am Rhein. Besuche Wilhelms II. in Bonn zwischen 1891 und 1913
1. Wilhelm II. Als Kaiser der Letzte
Es herrscht Frieden, als der junge Hohenzoller 1888 die Herrschaft über das Deutsche Reich antritt. Glanzvoll scheint er sein Erbe zu führen, selbstbewusst und ideenreich. Doch Wilhelm II. strebt nach Größerem: Er träumt von deutscher Weltmacht. Rücksichtslos, sprunghaft und unberechenbar für Freund und Feind regiert er sein Land in den Weltkrieg – und die deutsche Monarchie in den Untergang
Auf die Stimmung Seiner Majestät ist kein Verlass. Montags fordert der Kaiser die Welt in die Schranken – dienstags verkriecht er sich vor ihr ins Bett. Heute legt er sich für die Arbeiter ins Zeug – morgen droht er, sie zusammenschießen zu lassen. Bald fuchtelt er mit dem Säbel gegen den allgegenwärtigen Feind – bald ist er „Friedenskaiser“. „Ein typischer Fall periodischen Gestörtseins“, diagnostiziert, ganz unter Kollegen, der Psychiater Emil Kraepelin. Kraepelin ist eine Koryphäe, ein führender Seelenarzt seiner Zeit. Das „periodische“ oder „circuläre Irresein“, bei dem manische und depressive Phasen sich abwechseln, hat er als Erster benannt. Bald teilen auch Zunftgenossen in München, in der Schweiz den Verdacht: Wilhelm II., Deutscher Kaiser und König von Preußen, hat eine „maniaco-depressive Psychose“.
Er allein? Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt; zwanghaft getrieben, dann wieder starr und antriebslos – ist das nicht auch die Gemütsverfassung der Zeit, die man die wilhelminische nennt? Um die Jahrhundertwende liegt über Deutschland ein explosives Gemisch aus Endzeitstimmung und Fortschrittsglauben, aus technischem Schub und gesellschaftlichem Stillstand, aus Aufbruch und Niedergang. Das junge Reich strebt zu neuen Ufern und igelt sich dabei in Traditionen ein, greift nach den Sternen und erstarrt unter der Pickelhaube. „Höchste Reizbarkeit und Stumpfheit“ sind, so der Kulturhistoriker Egon Friedell, „die Generalzustände des Zeitalters“. Und selten hat sich eine Epoche so restlos in ihrem Monarchen dargestellt. „Wilhelm der Zweite hat jedes Mal ungehemmt nur herausgesagt, was im Hintergrunde jedes Bewusstseins war“, schreibt ein Zeitgenosse, der Schriftsteller Heinrich Mann. 1908, als die Liebe zwischen Volk und Kaiser in ernsthafte Turbulenzen gerät, ruft der Liberale Friedrich Naumann den murrenden Deutschen zu: „Dieser Kaiser, über den ihr euch aufregt, ist euer Spiegelbild!“ Ein verzerrtes, aber getreues Spiegelbild: der Kaiser, mit seinem optimistisch aufwärts gedrehten Schnurrbart und seinen traurigen blauen Augen.
Den Herrschern dieser euphorischen Jahre liegt die Trauer knapp unter der Haut. Zwar walten in ganz Europa, abgesehen von Frankreich, der Schweiz und ab 1910 auch Portugal, noch immer gekrönte Häupter, durch Familienbande eng vernetzt: Zar Nikolaus II. etwa ist Wilhelms Vetter; und Wilhelms Großmutter die legendäre Queen Victoria, deren Kinder, Enkel und Enkelinnen in fast allen Fürstenhäusern sitzen. Doch am Horizont flammen schon die Menetekel. 1867 stirbt Kaiser Maximilian in Mexiko im Feuer eines Erschießungskommandos; Bayerns König Ludwig II. und sein Bruder enden unter psychiatrischer Aufsicht. Kronprinz Rudolf von Österreich erschießt 1889 seine Geliebte, dann sich selbst; neun Jahre später erliegt seine Mutter, Kaiserin Elisabeth („Sisi“), einem Attentat. Rund um Wilhelm II. fallen Monarchen Anschlägen zum Opfer: ein Zar in Russland, ein König in Italien, einer in Serbien.
DURCH DEUTSCHLAND aber geht um die Jahrhundertwende der Ruck der Mobilität. Die Jugend zieht, aus Protest gegen bürgerliche Erstarrung, mit dem „Wandervogel“ ins Grüne, und die Arbeitskräfte wandern vom Land in die Städte, von den Feldern im Osten zu den Fabriken des Westens. Kurz nach 1900 wohnt nur noch die Hälfte der Deutschen am Ort ihrer Geburt.
1886 hat Carl Benz mit 15 Kilometern pro Stunde öffentlich das Auto-Zeitalter eingedröhnt, und zwischen 1907 und 1914 wächst im Reich die Zahl der Kraftwagen von 10 000 auf 65 000. 1891 wagt Otto Lilienthal mit seinem Fluggleiter die ersten Sprünge, 1900 steigt Graf Zeppelins Luftschiff am Bodensee auf, 1906 baut Hamburg die größte Bahnhofshalle des Planeten. Nervosität („Neurasthenie“) ist die Modekrankheit der Zeit; die „BZ am Mittag“ feiert sich als „schnellste Zeitung der Welt“. Handwerk wie Industrie bersten vor Tatendrang: Zwischen 1895 und 1913 verdoppeln sie ihre Produktion. Die Wertschöpfung der Volkswirtschaft wächst um 75 Prozent. Auch das Volk bläht sich auf, jährlich um fast eine Million.
Der Manisch-Depressive braucht ein vergöttertes Liebesobjekt, sagt die Psychoanalyse, an dessen Allmacht er teilhaben kann: Mit seinen Hoffnungen und Erwartungen formt sich das Volk einen Kaiser, in dem es seine aufgeblasene Existenz erkennt. „Dies Volk in dieser Zeit, bewusst und unbewusst“, wird der spätere Außenminister Walther Rathenau feststellen, „hat ihn so gewollt und nicht anders gewollt.“
Wie sein Reich ist ja auch der Kaiser ein Körper, der nicht still sitzen kann – laut Kraepelin „das wichtige Krankheitszeichen“ der Manie. Nicht mal die Hälfte des Jahres hält es den Monarchen in Berlin oder der Potsdamer Residenz. 51 Stationen umfasst sein Reiseplan für das Jahr 1889, nicht gerechnet die jährliche „Nordlandreise“ auf der Yacht „Hohenzollern“ in die norwegischen Fjorde, bei der er sich mit Männerfreunden umgibt und flotten Matrosen, die auch noch musikalisch sein müssen; wo er altgediente Militärs unter Rippenstößen an Deck vorturnen lässt und ihnen die Hosenträger durchschneidet; wo er mit gellenden Schreien Exzellenzen ins Nachtlager und mit Salutschüssen Weidevieh ins Wasser treibt. Mit seiner schamhaften Frau Auguste Victoria, die den Namen „Paris“ nicht aussprechen kann, ohne zu erröten, zeugt er sechs Prinzen beinahe im Jahrestakt, schließlich noch eine Prinzessin dazu.
Er spricht ohne Pause mit seiner stochernden, ruckenden Stimme, suchend und entschlossen zugleich – ein Hang zur Selbstdarstellung, den er mit seiner Generation teilt: Eine nie gesehene Welle von Autobiografien und Selbstbekenntnissen überrollt nach der Jahrhundertwende den Buchmarkt. Ohne Unterlass hält Wilhelm Paraden ab, Feste, Besichtigungen, unterschreibt fast täglich mehr als 100 Ernennungsurkunden für Offiziere und Beamte, isst wegen seiner Behinderungen am linken Arm mit einer seitlich zum Messer geschliffenen Gabel, um Zeit zu sparen. „Es ist immer was los“, staunt man im Auswärtigen Amt, „und nichts geschieht.“ Undüber alldem herrscht die Pflicht zur guten Laune: Wo Wilhelm auftritt, hat „Kaiserwetter“ zu sein. „Majestät brauchen Sonne“, heißt die Maxime, und das gilt auch für die Stimmung: „Schwarzseher dulde ich nicht!“
Das Reich gehorcht und strahlt. Es strahlt vor Sehnsucht nach Befehlen, nach Maßstäben, nach Hierarchie – jener Ordnungswahn, der nach Ansicht von Psychiatern meist dem Ausbruch der manischen Depression vorausgeht. An Deutschlands Schulen stehen die Kinder auf Kommando auf, marschieren und richten die Augen geradeaus. Diederich Heßling, in Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ der prototypische Held dieser Zeit, ist so beschaffen, „dass die Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend, teilhatte, sein Stolz war“ – und dabei doch „ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt“. Auch der Kaiser ist ja ein Fantast, der als Kind gern Märchen hörte und als Erwachsener daran glaubt. Auch er hat von Geburt her oft Schmerzen im linken Ohr, dazu Gleichgewichtsstörungen und diesen verwünschten lahmen linken Arm, der 15 Zentimeter kürzer ist als der rechte. Und auch er steckt wie ganz Deutschland seit seiner frühen Kindheit in der Zwangsjacke soldatischen Drills.
Der Hang zu Uniformen und militärischem Pomp ist, sagen Ärzte, ein Merkmal der Manie – und das Kaiserreich treibt diese Vorliebe zum Exzess. Das deutsche Parlament sei die einzige Volksvertretung der Welt, mutmaßt ein Abgeordneter, in der Minister ihre Reden mit der Hand am Degen halten, und sogar die pazifistischen Sozialdemokraten pochen auf soldatische Disziplin. Der Bürger trinkt aus Tassen mit Waffenbildern, isst von Tellern mit Schlachtenszenen, schenkt zu Weihnachten den Kindern Zinnsoldaten. Der 2. September, der Gedenktag der siegreichen Schlacht gegen die Franzosen bei Sedan 1870, ist eine kollektive Orgie aus Fahnen, Paraden, Jubelgefühlen. Der Kyffhäuserbund, der Dachverband der Kriegervereine, zählt 1913 mehr als 2,8 Millionen Mitglieder – keine andere Massenbewegung kann da mithalten.
Auch der Kaiser umgibt sich mit Soldaten, vorzugsweise mit „langen Kerls“. Schon mit sechs Jahren hat „Fritzchen“, wie der kleine Wilhelm genannt wurde, das Exerzieren gelernt, ist am zehnten Geburtstag, wie jeder Preußenprinz, Leutnant geworden. Drei Monate später paradiert er zum ersten Mal vor seinem Großvater – „ein unvergesslicher Tag“. Lange zehrt er von „Kindheitserinnerungen militärischer Art“, die ihn geprägt haben: 1864 die Parade der österreichischen Truppen auf dem Weg zum Dänenkrieg; 1866 der Einzug des preußischen Heeres nach dem Sieg über Österreich; 1871, nach dem Triumph über Frankreich, der Zug seines Großvaters, des neuen Kaisers, durchs Brandenburger Tor. Wilhelm begleitete den Vater auf einem Pony.
Der Stolz mag die Qualen seiner Kindheit für einen Moment gelindert haben; die Operationen, die „Fixierungs-Gestelle“, die Kopf- und Armstreckmaschinen, mit denen sein missratener Körper in leidliche Form gebracht wurde, die Fesselung des rechten Arms, um den linken zur Aktivität zu ermuntern, die „animalischen Bäder“ der lahmen Extremität im Blut frisch geschlachteter Hasen. Mit sieben ist der kleine Wilhelm in die Obhut des calvinistischen Erziehers Georg Hinzpeter gelangt, der ihm trockenes Brot zum Frühstück verabreichte und dann zwölf Stunden Caesar und peloponnesische Kriegszüge. Der den behinderten Prinzen, blind gegen dessen Tränen, wieder und wieder aufs Pferd zwang, ohne Zaumzeug und Sattel, um ihn zur kaiserlichen Pose abzurichten. „Freudlos wie das Wesen dieses pedantischen und herben Mannes“, erinnert sich später der Kaiser, so „freudlos die Jugendzeit“.
Die Eltern haben nicht viel getan, sie ihm zu versüßen. Der Vater, Kronprinz Friedrich, mit Mitte 50 noch immer im Schatten Wilhelms I., hat seine Unzufriedenheit am Sohn ausgelassen, hat ihn missachtet, ihn vor Zeugen „unreif“ geschimpft und „urteilslos“. Wilhelms Mutter Victoria, Tochter der britischen Königin, war bei seiner schweren Geburt 18 Jahre alt und von Schmerzen zerrissen; sie schlug um sich, schrie, zerbiss ihre Finger und das Schnupftuch, das man ihr in den Mund steckte. Schließlich beendeten die Geburtshelfer ihr Toben mit Chloroform.
Uniformen und Drill geben ihm Sicherheit
Aus Anstand hantierte der Arzt unter ihrem langen Flanellrock und förderte endlich einen Säugling zutage, der „im hohen Grade scheintot“ war. Den unbrauchbaren Arm hat sie dem Sohn zeitlebens übel genommen. „Sie entzog dem Kind ihre Liebe wegen seines Gebrechens“, befindet später Sigmund Freud. „Als aus dem Kinde ein großmächtiger Mann geworden war, bewies dieser durch seine Handlungen unzweideutig, dass er der Mutter nie verziehen hatte.“
Die Mutter und ihr Mann, der britisch-liberal gesinnte Friedrich, haben ja versucht, den Sohn nicht zum Eisenfresser heranwachsen zu lassen, sondern „ihm unser britisches Unabhängigkeitsgefühl einzuflößen“, wie Victoria ihrer Mutter schrieb, dazu ein bisschen „gesunden Menschenverstand, der auf dieser Seite des Wassers so selten ist“. Wilhelm bekam Shakespeare und Dickens zu lesen, Lord Byron und Sir Walter Scott, sprach Englisch bald so mühelos wie Deutsch. Victoria bemühte sich, Wilhelm vom Hof fern zu halten, schickte ihn nach Kassel ins Internat, wollte ihn ins Ausland reisen lassen. Doch ihr Schwiegervater, der Kaiser, erhob Einspruch: Der zukünftige Herrscher sollte ein richtiger Preuße werden.
BEIM 1. GARDEREGIMENT IN POTSDAM fand der Prinz nicht nur endlich jene „Familie“, die „ich bis dahin hatte entbehren müssen“, sondern lernte auch Haltung, Härte und Hass gegen England – einen Hass, den nicht nur seine Frau teilte, die in den geistigen Grenzen des schleswig-holsteinischen Landadels aufgewachsen war, sondern mehr und mehr auch das politische Preußen.
Reichskanzler Otto von Bismarck, Gegner der „Anglo-Coburg-Partei“ der Eltern des Prinzen, die der junge Wilhelm inzwischen verächtlich „die englische Kolonie“ nannte, nahm ihn unter seine Fittiche. Er vermittelte dem Prinzen diplomatische Missionen, auf denen Wilhelm sich beim Zaren Nikolaus II. über den „falschen und intriganten“ Prince of Wales beschwerte, und ein Büro im Außenministerium, wo er „unsere Abhängigkeit von England“ beklagen lernte: War nicht Großbritannien, Welt- und Seemacht Nummer eins, deren Empire ein Viertel der Erdbevölkerung und der Landfläche des Planeten umfasste, immer schon da, wohin sich die verspätete Nation Deutschland nun auch wenden wollte?
1888 STIRBT SEIN GROSSVATER WILHELM I. mit fast 91 Jahren, bald darauf auch sein Vater: Friedrich III. hat, den Krebs im Kehlkopf, nur 99 Tage regiert. Jetzt besteigt der 29-jährige Sohn den Thron. Vor der Feier spricht Hofprediger Kögel auf Wilhelms Weisung zum Thema „Von Gottes Gnaden bin ich, was ich bin“, und der neue Kaiser hält seine Thronrede in der abzeichenbestirnten Generalsuniform des Garde-du-Corps und dem selbst entworfenen roten Samtumhang des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler.
„Ich bin gesonnen, Frieden zu halten mit jedermann, so weit es an mir liegt“, sagt er. Und das Wort „mir“ betont er „so laut und schön“, wie sich ein Zeuge erinnert, „dass es wie ein elektrischer Funke durch alle Hörer fuhr“. In seinem allumarmenden Überschwang will Wilhelm die alte Zeit überwinden mit ihren Verfassungskonflikten, Kulturkämpfen, Sozialistenverfolgungen. Will ein zerrissenes Reich einen, in dem 25 Bundesstaaten, mit eigener Regierungsgewalt und sogar eigenen Außenministern versehen, auf ihre Interessen pochen, Katholiken und Protestanten einander beargwöhnen, Besitzende gegen Besitzlose stehen, die Junker im Osten gegen die Schlotbarone im Westen, der gewählte Reichstag gegen den Bundesrat mit den Vertretern der regierenden Fürsten.
Vor allem das Bürgertum teilt seine Liebe zum Militär
In Berliner Fabriken hat er als Kind erschüttert das Elend der Beschäftigten, die „zwölfstündige Arbeitszeit mit ihrem kärglichen Lohn“ und „die traurigen Wohnverhältnisse“ in den Mietskasernen registriert. „Den Schwachen und Bedrängten im Kampfe ums Dasein“ wolle er beistehen, verspricht er jetzt, zur „Ausgleichung ungesunder gesellschaftlicher Gegensätze“. Beim Streik der Ruhrmalocher 1889 schlägt er sich sogar auf deren Seite: „Die Arbeiter sind meine Untertanen, für die ich zu sorgen habe.“
Sein höchster Untertan aber, der „Eiserne Kanzler“ Otto von Bismarck, 44 Jahre älter als Wilhelm, ist ein Mann der Konfrontation. Genossen, findet er, kann man nicht „totreformieren“, sondern nur „totschießen“. Die Arbeiterschutzprojekte des Kaisers – Sonntagsruhe, Verbot der Kinderarbeit – sabotiert Bismarck, wo er kann. Er will seine „Kanzlerdiktatur“ fortsetzen, den Kaiser in Vormundschaft nehmen, wie es ihm bei Wilhelm I. oft gelungen ist. Als der Reichstag Bismarcks „Sozialistengesetz“ von 1878, das sozialdemokratische Vereine und Propaganda verbietet und die Ausweisung von SPD-Anhängern erlaubt, nicht mehr verlängern will, erwägt der Kanzler den Staatsstreich und bekommt das letzte Gefecht mit seinem Monarchen. Am 20. März 1890 entlässt der Kaiser den Kanzler. Dann kommandiert er: „Volldampf voraus!“
Voraus heißt: im Kreis. Das „Kaiserliche Jahr“ mit seinen immer wiederkehrenden Paroleausgaben und Defiliercours, seinen Geburtstagen, Krönungs- und Ordensfesten, seinen Militärparaden und Herbstmanövern, Wiesbadener Festspielen und Kieler Wochen, seinen Nordland- und Mittelmeerreisen, Ball- und Jagdsaisons hat in seiner geheiligten, rituellen Abfolge magische Züge.
Im Zeitalter von Elektrizität und Relativitätstheorie zelebriert Wilhelm das Heilige Römische Reich Deutscher Nation – mit einem 62 Rangstufen umfassenden „Hof-Rang-Reglement“, mit höfischen Zeremonien, die Geisterbeschwörungen ähneln. „Der Kaiser bringt immer so ein Stück Mittelalter hinter sich her“, gruselt sich 1905 sein späterer Generalstabschef Helmuth von Moltke (der Jüngere) bei einem Hofball: „Es ist, als ob die Toten auferstehen mit Zopf und Puder.“ Und von der Magie zur Manie, vom Zyklus zur Zyklothymie, wie Emil Kraepelin die milde Form der manischdepressiven Krankheit nennt, ist es vielleicht nur ein Schritt.
Eine Macht neben sich will Wilhelm II. jedenfalls nach Bismarcks Abgang nicht mehr dulden. Der Eiserne Kanzler brauchte den Monarchen nur als romantische Fiktion, um demokratische Appetite zu zügeln – der Kaiser nimmt sich jetzt wörtlich. Zwar lässt ihm die Verfassung nur begrenzten Spielraum im politischen Tagesgeschäft: Er ernennt und entlässt die Reichsbeamten, auch den Kanzler, verkündet die Reichsgesetze und überwacht deren Ausführung, beruft Bundesrat und Bundestag ein und entscheidet über Krieg und Frieden (siehe Seite 177). Trotzdem will er jetzt mehr: Er will sein „persönliches Regiment“.
Ob er es erreicht, wird umstritten bleiben: Ist er ein Autokrat oder ein „Schattenkaiser“, ein Spielball der Machteliten? Ist er der Treibriemen eines „Königsmechanismus“, der seine Umgebung zwingt, dauernd um die Gunst der „Allerhöchsten Person“ zu buhlen – oder ist er, wie seine Feinde giften, ein Haustier der „Camarilla“, jener Herrenrunde um seinen engsten Vertrauten, Philipp Graf zu Eulenburg, der 1907 über den gerade in einer männerbündischen Welt wie dem Kaiserreich unverzeihlichen Makel der Homosexualität stürzt (und von seinem kaiserlichen Freund fallen gelassen wird)?
Fest steht: Der Monarch will Liebe. Notfalls ist er bereit, sie zu erzwingen. Als die Arbeiter seine Gefühle enttäuschen, die Sozialdemokraten 1893 von 19,7 auf 23,3 Prozent hochwählen und binnen acht Jahren mehr als 3000-mal streiken, ziehen Majestät andere Saiten auf. 1894 ist er es, der jetzt – im Einklang mit seiner hochkonservativen Umgebung – schärfere Gesetze gegen Revolutionäre fordert. Leo Graf von Caprivi, sein Kanzler nach Bismarck, lehnt, ebenso wie der Reichstag, die „Umsturzvorlage“ ab – und wird entlassen. Gegnern droht Wilhelm mit „Feuerspritzen“ und „Kartätschen“. Sozialisten will er nun „abschießen, köpfen und unschädlich machen“. Der Historiker Ludwig Quidde, dessen „Studie über römischen Cäsarenwahnsinn“ am Beispiel des Kaisers Caligula – „sprunghaft und oft widerspruchsvoll, und dazu eine höchst gefährliche Sucht, alles selbst auszuführen“ – die Deutschen allzu sehr an den eigenen Herrscher erinnert, muss für drei Monate ins Gefängnis. Noch 1934, im Exil, wird sich Wilhelms Verdruss in Gewaltfantasien entladen: „Blut muss fließen, viel Blut, bei den Offizieren und den Beamten, vor allem beim Adel, bei allen, die mich verlassen haben.“
Den Wankelmut seines Gönners hat Graf zu Eulenburg noch vor Wilhelms Thronbesteigung erahnt. „Alles im Leben trägt den Charakter von Perioden“, hat er gesagt, „auch meine Periode wird vorübergehen.“ In Perioden, so wie sie auch der Psychiater Kraepelin beschreibt, kämpft sich das Ego des Kaisers über seine Grenzen hinaus, und das Reich folgt ihm mit auf die seelische Reise: Ist nicht auch Deutschland gewaltsam und blutig geboren in drei Kriegen, reich von Geburt, doch ungeliebt von der Welt?
Weltgeltung des Reiches ist Wilhelms Ziel – dazu lässt er rüsten
Vor Wilhelm II. war Deutschland ein halbwegs genügsamer Bund aus Groß-, Mittel- und Kleinstaaten mit heimeligen Namen wie Schwarzburg-Rudolstadt, Schaumburg-Lippe, Reuß älterer und jüngerer Linie: das „Bleigewicht am Stehaufmännchen Europa“, wie Bismarck es schuf. In der Mitte des Kontinents stand ab 1882 wie ein Klotz sein „Dreibund“ aus Deutschland, Italien und Österreich-Ungarn. Dieser Bund wurde flankiert von Großbritannien (das sich 1887 durch ein Mittelmeerabkommen dem Dreibund angenähert hatte), von Russland (das sich kurz danach in einem geheimen Rückversicherungsvertrag zu „wohlwollender Neutralität“ im Kriegsfall verpflichtet hatte) und der Republik Frankreich (deren außenpolitische Isolation nach dem verlorenen Krieg durchaus im deutschen Interesse lag). Es war ein mühsam austariertes Gleichgewicht, das auch durch Bismarcks anfänglichen Verzicht auf koloniale Expansion in der Schwebe blieb.
UNTER DEM JUNGEN KAISER aber wirft Deutschland den Ballast ab und will Weltgeltung – lieber heute als morgen. Hatte noch Bismarck das Reich für „saturiert“ erklärt, meldet sich jetzt der Hunger der Ungeliebten. Zwar ist, auch dank Bismarcks Zurückhaltung, beim Verteilen der Kolonien für Deutschland nur gerade mal ein Stückchen Südsee abgefallen, dazu Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwest. Dafür drängen jetzt Stinnes, Krupp, Siemens und AEG gewaltig auf die Weltmärkte, kurbeln die Exporte an – und rufen nach dem Imperium. „Die Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde überließ, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront – diese Zeiten sind vorüber“, schmettert Wilhelms späterer Reichskanzler Bernhard von Bülow 1897 im Reichstag: „Wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“
Hastig klaubt das Reich die letzten kolonialen Krümel auf: Kiautschou in China, in der Südsee die Karolinen, Palau und die Marianen, den Großteil Samoas. Die Kolonien sind Zuschussgeschäfte, die gerade den Bedarf an Hanf und Phosphat decken und Deutschland 1912 etwa 104 Millionen Mark Handelsvolumen einbringen, dafür aber 87 Millionen Mark Verwaltungs- und Infrastrukturkosten im Jahr – sowie das Misstrauen Großbritanniens, Russlands und der USA.
Doch die Aktivität des Reichs richtet sich nicht auf ein Ziel, sondern auf die Tat selbst – wie die Manie, in der „die motorischen Äußerungen überhaupt keine bestimmte Richtung erkennen“ lassen, wie Professor Kraepelin weiß: „Der Kranke schwelgt gewissermaßen in Bewegungen.“ Deutschland will nur dabei sein, Flagge zeigen, auch wenn es nichts zu holen gibt.
Wie ein Kreuzritter zieht Wilhelm 1898 in selbst entworfener Tropenuniform in Jerusalem ein, tappst mitten durch die politischen Vorgärten Großbritanniens und Russlands, um eine evangelische Kirche einzuweihen: Türkische Militärkapellen spielen die „Wacht am Rhein“ und „Tochter Zion, freue Dich“. Der Alldeutsche Verband, eine militant-völkische Lobby mit wenigen, dafür um so einflussreicheren Mitgliedern, posaunt mit Gloria die vage Maxime: „Weltpolitik als Aufgabe, Weltmacht als Ziel, Flotte als Instrument!“ Die Flotte ist ein Spielzeug des Kaisers. Das Festland ist zu eng für ein Ego, das ins Unbegrenzte strebt. Bei Flottenmanövern verbringt Majestät Tage an Deck, schießt „zu seinem nicht geringen Jubel“ mit Kanonen auf schwimmende Tonnen. Selbst sein Generalstabschef Alfred Graf von Waldersee fürchtet die kaiserliche „Marine Passion“: Sie sei „stärker, als für uns gut ist“.
Als Kind hat Wilhelm Seefahrerbücher verschlungen; nun entwirft er Idealschiffe, die nie gebaut werden. „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“, sagt er 1898 bei der Eröffnung des Stettiner Hafens – und im Überschwang spürt er nicht, dass die bis dato unangefochtene Seemacht Großbritannien empfindlich zusammenzuckt. Mit dem Tausch kolonialer Gebiete in Ostafrika gegen das seit 1807 britische Helgoland glaubt Wilhelm, sich „à l’amiable“ mit London arrangiert zu haben: „England kommt uns nicht trotz, sondern wegen meiner kaiserlichen Marine.“
Im Konteradmiral Alfred Tirpitz findet der Kaiser einen eifrigen Partner (siehe Seite 90). Dem schwebt die aufgerüstete Flotte nicht nur „als politischer Machtfaktor“ vor, sondern auch als „starkes Palliativ gegen gebildete und ungebildete Sozialdemokraten“ – als nationale Gemeinschaftsaufgabe, die innere Risse kitten kann. Die noch junge Seestreitkraft bietet, im Gegensatz zur vom Adel beherrschten Kavallerie, auch Bürgersöhnen die Aussicht auf militärischen Aufstieg. Industriekapitäne, Journalisten, Pastoren und Turnlehrer beten die schwimmende Macht an – und zahlen auch gern die neue Sektsteuer, die den Bau der Schiffe finanzieren helfen soll. Selbst Friedrich Naumann, der Liberale, bekennt sich in zeittypischem Mix als „Christ, Darwinist und Flottenschwärmer“. Der Flottenverein, gegründet 1898, wird zum mitgliederstärksten nationalistischen Verband, der Matrosenanzug zum beliebtesten Kleidungsstück des deutschen Knaben.
DER HANG ZUR VERKLEIDUNG ist ein Zeichen der Zeit: Nicht von ungefähr vergleicht Sigmund Freud den manischen Gemütszustand mit dem Karneval. Auch der Kaiser wechselt bis zu sechsmal am Tag die Uniform, posiert für Fotos als Großer Kurfürst und Lord Nelson, als Johanniter und russischer Infanterist; selbst sein Schreibstuhl ist von einem Pferdesattel gekrönt. „Alle Tage Maskenball“, staunt Graf zu Eulenburg, der Vertraute des Kaisers.
Auch das Volk liebt ja den Mummenschanz. Das Wort „Nachahmung“ fasst für Heinrich Mann „die ganze Leere der vierzig Jahre“ des Zweiten Reichs zusammen: „Der Bürger äffte den Ritter, beide zusammen äfften England.“ Die neuen High-Tech-Bahnhöfe verstecken sich hinter historisierenden Fassaden, die Villen der Neureichen hinter Oberflächen im barocken, romanischen, byzantinischen und Empire-Stil, der neue Reichstag, ein monumentaler Klotz, borgt sich die Pracht der heiteren Renaissance – und bleibt doch klobig und schwer. In den Opernhäusern hüllt der Komponist Richard Wagner, der „markige gewaltige Schöpfer unserer neuen germanischen Tonwelt“ (Wilhelm II.), die deutsche Seele in Nibelungengewänder. Und am 16. Oktober 1906 schlüpft der entlassene Schusterei-Arbeiter Wilhelm Voigt in eine Hauptmannsuniform vom Trödler, rekrutiert zehn preußische Gardisten, lässt den Bürgermeister von Köpenick ver-haften und beschlagnahmt die Stadtkasse mit etwas über 4000 Mark. „Famose Chose“, applaudiert sogar der Kaiser, und: „Das macht uns keiner nach!“
Sozialdemokraten sind für den Kaiser »vaterlandslose Gesellen«
„Der Bourgeois im Stechschritt, der Händler als Held, der Geschäftsreisende im Feldwebelton, der Jobber und Schnorrer mit den Gebärden Wotans“, wie der Schriftsteller Hermann Bahr seine Zeitgenossen beschreibt, wünschen sich auch ihren Kaiser als Siegfried in schimmernder Wehr. Der „Wille zur Macht“, wie eine zur Kaiserzeit erscheinende Textsammlung des 1900 gestorbenen Friedrich Nietzsche heißt, ist der Gradmesser jeden Erfolges. Das Recht des Stärkeren, kühn abgeleitet von der populären Theorie Charles Darwins, ist einer Generation, die ihre Schwächen nicht kennen will, zur Natur geworden – und Wilhelm nimmt es sich heraus, wie es ihm passt: Dem König von Bulgarien haut er öffentlich auf den Hintern, schlägt einem russischen Großfürsten den Marschallstab auf den Rücken, zwingt den Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha zu Boden und setzt sich auf dessen Bauch.
Die Sorgen der Welt dürfen Wilhelm nicht bekümmern. Bismarcks Rückversicherungsvertrag mit Russland hat sein Kanzler Caprivi nicht verlängert – beleidigt rückt jetzt der Zar endgültig an Frankreich heran. Als die deutschfreundliche Burenrepublik Transvaal im goldreichen Südafrika 1895 einen englischen Umsturzversuch niederschlägt, gratuliert der Kaiser dem Burenpräsidenten Paul „Ohm“ Krüger in einem Telegramm – und stößt damit die Briten vor den Kopf. Und 1898 beschließt er gemeinsam mit dem türkischen Sultan Abdul Hamid, die anatolische Eisenbahn über Bagdad bis zum Persischen Golf zu verlängern – und erschreckt Russland wie Großbritannien, die um ihre strategischen Interessen im Orient bangen. Immer wieder schwankt Wilhelm zwischen der Liebe zum hochgemuten England, dem Stolz auf die Admiralsuniform, die ihm die Queen 1889 verlieh, den seligen Jugenderinnerungen an Schloss Windsor, wo „ich als kleiner Junge oft gespielt“ und „infolge des vielen Puddingessens mich kolossal übergeben habe“ – und dem Hass auf die englische Mutter, auf das „perfide Albion“, dessen Medizinern er vorwirft, nicht nur seine Geburt verpfuscht, sondern durch falsche Diagnosen auch den Tod Friedrichs III. beschleunigt zu haben: „Ein englischer Doktor tötete meinen Vater und ein ebensolcher verkrüppelte meinen Arm!“
Er will doch Frieden mit Oma Victoria, Onkel Edward, Vetter George – aber er hat seinen Stolz. Vorschläge zur Aufgabe der Flottenaufrüstung weist er als „Unverschämtheit“ zurück. Das Wort „Angst“, sagt er, komme im Wörterbuch des deutschen Offiziers nicht vor – und das Gefühl schlägt er tot. Er schimpft auch auf die „faulen, lügenhaften Russen“, bereit, „mit dem Ordensschwert in der nervigen Faust“ auf sie einzuhauen. Und gegen Frankreich: „Ich glaube“, sinnt er vor einer Statue des römischen Diktators in Neapel, „dass ich die Mission habe, Gallien zu zerschlagen wie Julius Caesar.“ Als Kind, erinnert er sich, habe er begeistert die Trommel gespielt, „nicht harmonisch vollendet“, doch „sehr geräuschvoll“. Nun haut er im Konzert der europäischen Eitelund Begehrlichkeiten auf die Pauke – nur leider nie im Takt. Im Sommer 1900, als chinesische Rebellen („Boxer“) ausländische Vertretungen angreifen und den deutschen Gesandten ermorden, will der Kaiser gleich ganz Peking „dem Erdboden gleichgemacht“ sehen.
In seiner „Hunnenrede“, mit der er in Bremerhaven das deutsche Expeditionskorps verabschiedet, ruft er sich zum neuen Attila aus: „Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht“, dröhnt er. „Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!“
Es ist nicht nackte Brutalität, die aus den kaiserlichen Tiraden spricht. Es sind Schlachtengemälde aus Worten, heroische Bilder wie jene Seestücke mit Titeln wie „Der Raddampfer ‚Hohenzollern‘ in schwerer See“, die der junge Wilhelm unter Anleitung des Marinemalers Carl Saltzmann angefertigt hat. Es ist ein Rittertraum, die edle Welt des Parzival, des Ideals seiner Jugend. Es ist der Traum einer unbefriedigten Generation, der Söhne der Sieger von 1866 und 1870, welche die Schlachten ihrer Väter nicht mehr schlagen können und die „innere Leere“, wie der zeitgenössische Publizist Bernhard Guttmann schreibt, „in romantischer Selbstvergötterung“ füllen. Es ist der Traum des Manikers, der sich als Tat tarnt. In einem Reich, in dem die königlichen Theater ein Fünftel des Hofbudgets verschlingen – „Das Theater ist auch eine meiner Waffen“, sagt der Kaiser – und auf den neuen Kinematografen gerade die Bilder laufen lernen, siegt die Illusion über die Realität. Und wo Bismarck Geschichte machte, hat Wilhelm II. Gesichte.
ES IST EIN TRAUM, aus dem der Kaiser nicht aufwachen darf. Sobald er die Rüstung für einen Moment ablegt, verhöhnen ihn die Meinungsmacher als „Wilhelm den Friedlichen“. Die Öffentlichkeit drängt den Reichstag, mehr Kriegsschiffe als geplant zu bewilligen, die Marinelobby sabotiert die Abrüstungsverhandlungen, und der Staatssekretär im Auswärtigen Amt Alfred von Kiderlen-Wächter findet, „dass das Volk einen Krieg nötig hat“.
Das Militär, das als Folge der Einigungskriege von 1864, 1866 und 1871 zum Leitbild des jungen Reichs aufgestiegen ist, hat nicht nur an Masse zugelegt – von 1875 bis 1914 verdoppelt das Heer seine Mannschaftsstärke fast –, sondern auch an Einfluss. Die Kriegervereine mobilisieren den Alltag mit Umzügen, Paraden, Fahnenappellen und Bällen, und die nationalen Verbände geben den Ton dazu an, der nicht markig genug sein kann.
Die „Deutsche Kolonialgesellschaft“ giert nach Neuland in Übersee. Der Flottenverein trägt die Sehnsucht nach Seemacht, wie er sich rühmt, „bis in die kleinsten Hütten“. Der „Ostmarkenverein“ organisiert den „Volkstumskampf“ gegen die Polen in den Grenzgebieten. Und die Alldeutschen, jene hoch organisierte Meinungselite aus Oberlehrern, Professoren und Journalisten, fordern für die „germanische Rasse Ellenbogenraum“ im Osten und Südosten – „selbst wenn darüber solch minderwertige Völklein wie Tschechen, Slowenen und Slowaken“ ihr „für die Zivilisation nutzloses Dasein einbüßen sollten“. Den radikalen Nationalisten ist die Machtpolitik des Kaisers noch immer viel zu schlapp. Auch Maximilian Harden, der Herausgeber der Zeitschrift „Die Zukunft“, der den Skandal um Eulenburg auslöst, will mit dem Vorwurf der Homosexualität nicht nur den Grafen und seinen Kaiser treffen, sondern auch deren „süßliche und weibliche Politik“, die feigerweise „nicht von Weltbränden“ träumt, weil sie es auch so „schon warm genug“ hat.
Also träumt der Kaiser weiter, beschwört im Fernen Osten, als der „Boxeraufstand“ so gut wie beendet ist, „ein heißes blutiges Ringen“. Im Sommer 1903 stellt sein Freund Eulenburg fest, des Kaisers „Objektivität“ sei endgültig dahin – „die Subjektivität reitet auf einem beißenden und stampfenden Rosse“. Und die Weltmächte halten das für Politik. Das diplomatische Jonglieren mit fünf Kugeln, das Bismarck zur Meisterschaft geführt hat, ist dem Kaiser fremd: Ein Ritter schachert nicht. Nicht Geschick, sondern Stärke will er beweisen. Jetzt muss er feststellen, wie ihm ein Ball nach dem anderen entgleitet.
Wilhelms Außenpolitik ist unberechenbar
Im April 1904, drei Jahre nach dem Scheitern der letzten deutsch-englischen Koalitionsgespräche, schließen Großbritannien und Frankreich eine „Entente Cordiale“, ein „herzliches Einvernehmen“ über die Zukunft ihrer Kolonien: Großbritannien bekommt freie Hand in Ägypten, Frankreich in Marokko. Im Auswärtigen Amt zu Berlin herrscht „tiefe Niedergeschlagenheit“: Man sieht sich umzingelt. Reichskanzler von Bülow und Friedrich von Holstein, die Graue Eminenz im Außenministerium, überreden den Kaiser, auf seiner jährlichen Mittelmeerreise einen Landgang in der marokkanischen Hafenstadt Tanger zu unternehmen, um, wie Bülow drängelt, „die Gegenwart Deutschlands im Weltkonzert“ zu unterstreichen.
Wilhelm sträubt sich. Er fürchtet den „Zündstoff“, den eine solche Demonstration birgt, das offene Boot, in dem er bei bewegter See in den Hafen einschaukeln soll, „spanische Anarchisten“ und den Ritt auf einem unbekannten Araberpferd, das ihn „um ein Haar ums Leben“ bringt. Sein Opfer ist wertlos. Als im April 1906 auf deutsches Drängen im spanischen Algeciras die Welt über das Schicksal Marokkos berät, stellen sich Russland, Großbritannien, die USA und selbst das mit Berlin verbündete Italien hinter Frankreich: Deutschland und nicht der Erbfeind findet sich isoliert.
Es ist zu einem Prestigeverlust gekommen, den das Reich auch später nicht wettmachen wird, als es 1911 nach Frankreichs Besetzung der Königsstadt Fes das Kanonenboot „Panther“ vor Marokkos Küste kreuzen und in den Hafen von Agadir einlaufen lässt: Großbritannien stärkt den Franzosen auch diesmal den Rücken und lenkt die deutsche Drohgeste ins Leere. Die Alldeutschen, die, sekundiert von der Schwerindustrie, schon Südmarokko zur Kolonie erklärt haben, sehen „Schandflecke auf dem germanischen Ehrenschild“.
Den demonstrativen Landgang in Tanger hat der Kaiser nicht gewollt. Er möchte ja ein „Friedenskaiser“ sein. Schon 1905 ließ er auf eigene Faust während der Nordlandreise die „Hohenzollern“ in russische Gewässer driften, wo sie vor der Insel Björkö auf die Privatyacht von Zar Nikolaus II. traf. Aus heiterem Himmel holte Wilhelm einen Bündnisvertrag aus der Tasche, den der verdutzte Vetter unterschrieb. „Ein Wendepunkt in der Geschichte Europas“, brüstete sich Seine Majestät hinterher. Doch die Berater des Zaren erklärten das Papier für nichtig: Es verstoße gegen Russlands Verträge mit Frankreich. Und auch bei Bülow erntete der Kaiser nur Undank und ein Abschiedsgesuch: Der Vertrag, nur auf Europa beschränkt, sei nutzlos und schädlich. Wilhelm verspürte einen „fürchterlichen Stoß“. Er drohte damit, „einer schweren Nervenkrankheit anheim zu fallen“.
Jetzt scheint sich Deutschland vollends zu isolieren – zumal sich das Zarenreich im August 1907 mit Großbritannien über die Aufteilung der Interessen in Asien und Nahost verständigt. Dass der „russische Bär“ und der „englische Löwe“ je ihr historisches Misstrauen gegeneinander vergessen und Front gegen Berlin machen könnten, hat die deutsche Diplomatie stets ausgeschlossen – jetzt wittert sie „Einkreisung“. Nur noch die morsche, gleichfalls isolierte Donaumonarchie scheint es an Deutschlands Seite auszuhalten. Vor dem Reichstag bekräftigt Kanzler Fürst von Bülow die „Nibelungentreue“ zum Kaiser Franz Joseph, die das Reich schon unter Beweis gestellt hat, als die k.u.k. Monarchie Bosnien und die Herzegowina annektierte – und damit Europa an den Rand des Krieges führte. 1907 reist Kaiser Wilhelm nach London zu seinem Onkel Edward VII. (der ihn für „den glänzendsten Versager der Geschichte“ hält) und versichert, die deutsche Flotte sei nicht gegen England gerichtet. Die Universität Oxford verleiht ihm die Ehrendoktorwürde.
Ein Jahr später druckt der Londoner „Daily Telegraph“ ein Gespräch mit dem Kaiser. Die Briten lesen nicht gern, dass Wilhelm behauptet, nur dank seiner guten Ratschläge habe Großbritannien 1902 den Burenkrieg gewonnen. Russen und Franzosen lesen nicht gern, ohne Wilhelms Fürsprache hätten Paris und Petersburg sich zur Front gegen Großbritannien zusammengeschlossen. Und seine Untertanen lesen nicht gern, dass er beteuert, er halte zu Großbritannien – im Gegensatz zur Mehrheit der Deutschen. Einen „Sturm des Volksempfindens“ konstatiert der Liberale Friedrich Naumann im Reich: Ein Desaster des „persönlichen Regiments“, moniert der Reichstag. Ein Weichling, heißt es an Stammtischen, ein Halbengländer, der sich beim Feind lieb Kind macht, statt ihm das Schwert zu zeigen! Vergebens redet sich Wilhelm heraus, sein Kanzler habe versäumt, den Text vor Abdruck zu prüfen. Er versinkt in „einer großen Depression“, wie seine Entourage bemerkt, verkriecht sich im Bett, isst allein, will niemanden sehen.
Selbst die Fuchsjagd beim Spaßvogel Max Egon zu Fürstenberg macht den Kaiser nicht froh. Immer war die Jagd für den gehetzten Monarchen der größte Trost – auch wenn Leibjäger dem behinderten Waidmann als Stütze für die „geliebte Büchse“ dienen und Gehilfen ihm das Wild zutreiben mussten. 78 330 Stück Wild bringt er im Lauf seines Lebens zur Strecke – jetzt lässt der Schwarzwald ihn kalt; die Kabarettgruppe, die den Monarchen zerstreuen soll, zieht unbelacht ab.
Im Krieg verliert Wilhelm II. Heimat und Thron
Schließlich führt Fürstenberg die bewährte Tanzeinlage des Generals Graf Dietrich von Hülsen-Haeseler, Chef des Militärkabinetts, ins Feld: Im Ballkleid der Hausherrin, einen Hut mit Straußenfedern auf dem Kopf und einen Fächer in der Hand, pirouettiert der Krieger zum Klang des Orchesters – und bricht plötzlich tot zusammen, vom Herzschlag gefällt. Zerrüttet kehrt Wilhelm nach Potsdam zurück, wo ihn der Kronprinz „gealtert“ im Bett findet, „verlassen“ und „zusammengebrochen unter der Katastrophe“. Wilhelm verstummt. Je schärfer der Chauvinismus jetzt aus dem Reichstag schrillt, umso leiser wird der Monarch. Die Militärs, die ihn in Berlin umgeben, nutzen die Schwäche, ziehen die Zügel straff: Das „persönliche Regiment“ ist endlich vorbei.
„Das ganze Volk steht hinter mir“, sagt der Kaiser trotzig. Im Frühjahr 1913 verheiratet er die Prinzessin Victoria Luise mit dem Herzog Ernst August von Braunschweig, während im Balkan Kämpfe um die Reste des zerfallenden Osmanischen Reichs toben, die Großmächte Kriegsszenarien durchspielen und ihre Rüstungsausgaben in schwindelnde Höhen jagen. Wilhelm trägt auf dem Fest eine englische Paradeuniform, sein Vetter, der britische König George V., die Uniform eines deutschen Generals. Auch Russlands Zar Nikolaus II. bringt seine Glückwünsche. Es ist das letzte Mal, dass die drei Monarchen sich treffen.
Im Sommer, zu Wilhelms 25-jährigem Regierungsjubiläum, ziehen Vereine, Innungen, Studenten mit Musikkorps und Fahnen durch die Straßen. Die Lichtmasten tragen Kronen aus gestanztem und vergoldetem Zinkblech. Über den Magistralen Berlins schweben Girlanden und Baldachine mit Goldbuchstaben: „W II“. Und während Wilhelm in seinem blumengeschmückten Automobil durch Berlin fährt, bangt und fiebert Europa der Explosion entgegen. Krieg liegt in der Luft, die Paranoia und der Zwang zur Selbstbehauptung, die Angst und die Lust zur Aggression: Bevor der Gegner losschlägt, will man es lieber selber tun. Europas Kinos zeigen Martialisches, und auf die Frage nach seinen Reiseplänen für das Jahr 1914 – so hat Wilhelm erfahren – antwortet der Zar seinem Hofmarschall: „Ich werde in diesem Jahr zu Haus bleiben, weil wir Krieg bekommen.“
VOM TOD DES österreichischen Thronfolgers und seiner Frau in Sarajevo durch die Kugeln des bosnisch-serbischen Studenten Gavrilo Princip erfährt Wilhelm am 28. Juni 1914 auf der Kieler Woche. Er schwankt zwischen Friedenssehnsucht und Verlangen nach Sühne, gibt aber dem Wiener Sonderbeauftragten Graf Hoyos die Blankovollmacht: Es wäre schade, „wenn Österreich-Ungarn den jetzigen für sich so günstigen Moment ungenutzt ließe“, sagt er und hofft wohl, der Konflikt werde sich auf den Balkan beschränken.
Auf seiner Nordlandfahrt steht er dann an der Reling und starrt auf das Meer, in die weite, endlose Welt, die einig ist gegen Deutschland. Die Flotte, die ihm den Respekt der Welt bringen sollte, hat nur deren Hass erzeugt. „Die Hämmer, die auf den Werften von Kiel und Wilhelmshaven erklangen“, wird Winston Churchill sagen, „schmiedeten die Koalition, der Deutschland erlag“ – und die rund 14 Millionen, die durch Gas und Feuer, Hunger und Vertreibung sterben werden.
Von dem Ultimatum, das Wien den Serben am 23. Juli stellt, erfährt Wilhelm zwei Tage später – und von der Bereitschaft Russlands, den slawischen Brüdern bei einem Angriff zu Hilfe zu kommen. Bleich und verstört, von neuem am Boden, kehrt er am 27. Juli zurück nach Berlin. Die Antwort der Serben auf das Ultimatum, ein weitgehendes Entgegenkommen, gibt man ihm erst am 28. Juli, drei Tage zu spät: „Damit fällt jeder Kriegsgrund fort“, sagt der Kaiser erleichtert – doch da machen Wien und Belgrad bereits mobil. Am selben Tag erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Zar Nikolaus und Wilhelm wechseln Depeschen. „Unsere lange währende Freundschaft muss mit Gottes Hilfe dazu führen, dass ein Blutbad verhindert wird“, kabelt der Kaiser. Doch „Willys“ letztes Telegramm vom 1. August kann „Nicky“ nur noch mit der Anmerkung versehen: „Empfangen nach der Kriegserklärung.“
Vom Balkon des Berliner Schlosses aus sieht Wilhelm sein Volk wieder. „Ich kenne keine Parteien mehr“, sagt er vor dem Reichstag, „ich kenne nur noch Deutsche.“ Die Abgeordneten jubeln ihm zu wie noch nie, doch der Kaiser fällt in ein Loch. „Mein Amt ist aus“, raunt er, und Exkanzler Bülow starrt in sein „bleiches, erschrockenes“, ja, „verstörtes Antlitz“. In den Städten steigert sich derweil das Bürgertum in den Rausch. Täglich fluten 50 000 Kriegsgedichte in die Redaktionen, Männer stürmen die Rekrutierungsbüros, Soldaten tragen Blumen im Gewehrlauf – ein „gewaltiges, berauschendes Abenteuer“, wie der Dichter Carl Zuckmayer schreibt. Die Stimmung nähert sich der von Kraepelin beschriebenen „delirösen Form“ der Manie mit „Sinnestäuschungen und abenteuerlichen Wahnideen“.
„Die Einwohnerschaft fängt an, verrückt zu werden“, berichtet der Stuttgarter Polizeidirektor in einem Anruf an seine Schutzleute: „Jeder sieht in seinem Nebenmenschen einen russischen oder französischen Spion. Wolken werden für Flieger, Sterne für Luftschiffe, Fahrradlenkstangen für Bomben gehalten, Telefon- und Telegrafendrähte mitten in Stuttgart sollen zerschnitten, Spione standrechtlich erschossen und die Wasserleitungen vergiftet worden sein. Es ist nicht abzusehen, wie sich das alles gestalten soll, wenn die Zeiten wirklich einmal schwieriger werden.“ Vor dem 1. Garderegiment gibt Wilhelm, Oberster Kriegsherr, die Parole aus: „Und jetzt wollen wir sie dreschen!“ Doch es ist nicht mehr seine Armee. Seine Generäle bauen längst an einer Militärdiktatur; der Kaiser kann wenig mehr tun, als einen Kanzler nach dem anderen zu feuern.
Als das Kriegsglück sich wendet, fordert das Volk seinen Abschied; auch seine Entourage rät ihm zu. Er sträubt sich, geht „langsam zugrunde“, spielt verbissen Skat. Seit Ende Oktober 1918 meutert ausgerechnet die Flotte, und am 9. November schickt sein letzter Reichskanzler Max von Baden die Nachricht von Wilhelms Abdankung in die Welt. Der Monarch weiß von nichts. „Verrat!“, ruft er, füllt Telegrammformulare aus, wirft sie in den Papierkorb. Dann sitzt er starr in seinem Lehnstuhl am Kamin, raucht schweigend eine Zigarette nach der anderen und brütet über der Flucht. Erst im holländischen Exil, im teuer renovierten Schloss Doorn, holt ihn die Manie wieder ein. Wie besessen fällt er die Bäume im Park und sägt sie in Stücke; am 12. November 1919 erlegt er den zwölftausendsten Stamm. Auf dem Holzplatz bricht er im März 1941 ohnmächtig zusammen und erholt sich nicht mehr. Am 4. Juni stirbt er, 82 Jahre alt. Noch einmal zieht man ihn um. Aufgebahrt wird er in Generalsuniform; beim Begräbnis ist „Kaiserwetter“.
2. Kaisertage am Rhein. Besuche Wilhelms II. in Bonn zwischen 1891 und 1913
Prinz Wilhelm von Preußen (1859-1941) mit dem weißen Stürmer des Corps Borussia auf dem Kopf auf einer Mauer über dem Rhein, Fotografie des Bonner Ateliers Theo Schafgans. (Universitätsarchiv Bonn)
1. Einleitung
Der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. (Regentschaft 1888-1918) hielt sich vor dem Ersten Weltkrieg siebenmal zu Besuch in Bonn auf.[1] Seit seinem Studium an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität von 1877 bis 1879 fühlte sich der spätere Monarch der Stadt am Rhein besonders zugetan. Noch in seinen im holländischen Exil verfassten Jugenderinnerungen brachte er das folgendermaßen zum Ausdruck: Ein goldener Schein umstrahlt in meiner Erinnerung das vom lieblichen Rheinland eingefaßte Bild von Bonn. Bonn und seiner Alma Mater ein Dankesgruß! Bonna soll leben![2]
Das Studium an der rheinischen Universität und die – zumindest symbolische Mitgliedschaft im vornehmen Korps Borussia waren für den damaligen Prinzen ein idyllisches Intermezzo[3] einer ansonsten als freudlos beschriebenen Kindheit und Jugendzeit. In der Frühphase seiner Herrschaft bis Anfang des 20. Jahrhunderts bildeten Feierlichkeiten im Zusammenhang mit der Universität und dem studentischen Verbindungswesen deshalb meist den Hauptgrund der Besuche Wilhelms II. in Bonn. Hierzu trug bei, dass der Kaiser auch seine Söhne an der „Prinzenuniversität“ am Rhein studieren ließ. Besondere Aufmerksamkeit richtete sich dabei auf den Kronprinzen Wilhelm, den Thronfolger, der von 1901 bis 1903 zum Studium in Bonn weilte. Die Immatrikulationsfeier am 24.4.1901 fand in Anwesenheit des kaiserlichen Vaters statt.
Die späteren Besuche des Monarchen seit Mitte der 1900er Jahre hatten meist privaten Charakter und lassen sich eher als Verwandtenbesuche bezeichnen. Der zweite Grund für die Bonn-Verbundenheit des Monarchen bestand darin, dass die Schwester Wilhelms II., Viktoria von Preußen (1866-1929), mit ihrem Ehemann, dem Fürsten Adolf zu Schaumburg-Lippe (1859-1916), in Bonn im Palais Schaumburg lebte.[4] Die späteren Aufenthalte enthielten kaum noch öffentliche Termine des Monarchen und bestanden wesentlich aus Ausflügen in das Bonner Umland.
Als Grundlage dieser Untersuchung dienen vor allem Presseartikel aus der „Bonner Zeitung“. Für die Rekonstruktion der Besuchsabläufe bieten sie häufig die einzige detaillierte Quelle. Kritisch in Rechnung zu stellen ist jedoch deren subjektive Färbung, denn es handelte sich zumeist im wahrsten Sinne des Wortes um Hofberichterstattung.
Kronprinz Wilhelm als Mitglied des Bonner Corps Borussia, 1901. (public domain)
2. Die Rückkehr des ehemaligen Studenten an die Universität
Bereits vor seiner Thronbesteigung hielt sich Wilhelm 1886 und 1887 in Bonn auf. Ein gutes Jahrzehnt nach Beginn seines Studiums kehrte der Prinz somit an den Ort zurück, mit dem er persönliche Freiheit und Unbeschwertheit verband. So äußerte er rückblickend in den besagten Erinnerungen, nichts Schöneres wüßte ich als einige Semester an der rheinischen Alma mater! Es liegt wie ein sonniger Glanz über der Erinnerung an jene Jugendjahre.[5] Nachdem er bereits im Februar 1886 beim Altherren-Festmahl der Bonner Borussen teilgenommen hatte, war er auch beim 60. Stiftungsfest der Verbindung am 1. Juli des Jahres zugegen. In seiner Ansprache verglich er das Korps mit dem ersten Garderegiment der preußischen Armee, welches traditionell der militärischen Ausbildung der Hohenzollernprinzen diente. Eine ähnliche Rolle, so Wilhelm, erfüllten mit Blick auf das Universitätsstudium heute auch die Bonner Preußen.[6] Am nachfolgenden Festmahl der alten Herren des Korps am 8.3.1887 nahm der Prinz ebenfalls teil.[7]
Der erste Besuch Wilhelms als Monarch in Bonn fand vom 5.-8.5.1891 statt. Wie die „Bonner Zeitung“ in ihrem Leitartikel „Heil dem Kaiser“ hervorhob, wünsche der neue Herrscher keinen großen Einzug, sondern wolle in Anknüpfung an seine Studentenzeit die Tage in Bonn in „privater Einfachheit“ zu verbringen. Diese Bescheidenheit sah praktisch so aus, dass Wilhelm II. aus Köln kommend, am 5. Mai gegen sieben Uhr abends auf dem Schiff „Deutscher Kaiser“ am Bonner Rheinufer anlegte, wo er von einer großen Menschenmenge begeistert empfangen und vom Prinzen zu Schaumburg sowie dessen Gattin Viktoria begrüßt wurde. Am Rheinufer war eigens ein Pavillon errichtet worden, der an drei Seiten offen war, und an dessen geschlossenen Rückseite ein Thronsessel stand, worüber das Reichswappen thronte.[8] Wilhelm II. wurde anschließend zum Palais Schaumburg gefahren, wo nach Einbruch der Dunkelheit ein Fackelzug der Bonner Studenten die Koblenzer Straße (heute Adenauerallee) entlang stattfand, dem Wilhelm II. in Begleitung des Rektors der Universität Hermann Hüffer (1830-1905) und des Universitätskurators Franz von Rottenburg (1845-1907, Kurator1896-1907) beiwohnte.[9] Um zehn Uhr abends ging es weiter zur Kneipe des Korps Borussia in der Kaiserstraße. Der Kaiser übernahm, als Korpsstudent gekleidet, selbst das Präsidium über die Veranstaltung und suchte die zu singenden Lieder aus.
Am 6. Mai fand bereits um acht Uhr früh am Tannenbusch eine militärische Übung der Bonner Garnison mit anschließendem Parademarsch vor Wilhelm II. statt. Nach der gemeinsamen Manöverkritik ritt der Kaiser an der Spitze der Soldaten an einer jubelnden Menge am Straßenrand vorbei Richtung Innenstadt.[10] Später folgten Privatbesuche des Monarchen bei verschiedenen Familien sowie ein Konzert der Kapelle des Bonner Husarenregiments im Garten des Palais Schaumburg. Am Abend nahm Wilhelm II. an einem weiteren Kommers in den „Kölner Höfen“ teil, dieses Mal veranstaltet von der Gesamtheit der im Kösener SC zusammengefassten Korps in Bonn. Nach mehreren Salamandern – einer besonderen studentischen Form des Zuprostens - und gemeinsamem Gesang rühmte ein Alter Herr in seiner Begrüßung den Kaiser als den höchsten Schützer und Förderer unseres deutschen Corpslebens.[11] Anschließend ergriff der Monarch selbst das Wort und hielt eine seiner berüchtigt-forschen Ansprachen. Zunächst hob er die angebliche pädagogische Bedeutung der Studentenverbindungen hervor. Für die Erziehung eines jungen Mannes sei nichts besser als der Eintritt in ein Korps. Anschließend verteidigte der Kaiser die in der Öffentlichkeit häufig kritisierte Praxis der Mensur, also des studentischen Fechtens, mit einem gewagten historischen Vergleich: Unsere Mensuren werden im Publikum vielfach nicht verstanden. […] Wir, die wir Corpsstudenten gewesen sind, wie ich, wir wissen das besser. Wie im Mittelalter durch die Turniere der Mut und die Kraft des Mannes gestählt wurden, so wird auch durch den Geist und das Leben im Corps der Grad von Festigkeit erworben, der später im großen Leben nötig ist.[12] Außerdem kündigte Wilhelm II. an, sein ältester Sohn werde dereinst auch zu den Bonner Korpsstudenten gehören, sprich: an der Universität Bonn studieren[13] – der Kronprinz Wilhelm war zu diesem Zeitpunkt freilich erst neun Jahre alt (1882-1951). Abschließend brachte der Monarch seine Hoffnung zum Ausdruck, dass aus dem Kreis der versammelten jungen Studenten später viele tüchtige Beamte oder Offiziere hervorgehen möchten. Hier zeigt sich exemplarisch die Bedeutung der Korps zur konservativen Elitenrekrutierung, die sie in den Augen mancher Beobachter geradezu zum „Idealbild einer Epoche“[14] werden ließen.
Das kaiserliche Programm am 7. Mai (Christi Himmelfahrt) begann mit einem Gottesdienst in der erst 1871 eingeweihten Evangelischen Kirche am Kaiserplatz (heute Kreuzkirche); anschließend empfing der Kaiser den Großherzog von Luxemburg zu einem Besuch. Nach einem Arbeitsfrühstück fand am Nachmittag eine gemeinsame Schifffahrt der beiden Monarchen mit dem Dampfer „Lohengrin“ auf dem Rhein statt. Nach der Rückkehr nach Bonn begleitete Wilhelm II. den Großherzog zum Bahnhof, um ihn persönlich zu verabschieden. Abends gab er für lokale Würdenträger ein Diner.
Die Abfahrt des Kaisers am 8.5.1891 erfolgte morgens vom Bahnhof des damals noch eigenständigen Godesberg (heute Stadt Bonn) aus. In der „Bonner Zeitung“ wurde bilanzierend das Auftreten des Monarchen als ehemaliger Student in den altehrwürdigen Formen des Burschenthums[15] und seine Nähe zur jungen Generation betont. In diesem Zusammenhang wurde auch das Versprechen des Kaisers, dereinst auch seinen Erben […] nach Bonn auf die rheinische Hochschule zu senden, besonders hervorgehoben.
Kaiser Wilhelm II. als Alter Herr der Bonner Preußen, Gemälde von Ludwig Noster, 1897. (public domain)
3. Der Kaiser auf Korpsbesuch
Der zweite Aufenthalt des Kaisers in Bonn am 18.6.1897 dauerte nur wenige Stunden und trug inoffiziellen Charakter. Zuvor hatte er in Köln ein Denkmal zu Ehren seines Großvaters, Wilhelms I. (Regentschaft 1858/61-1888, ab 1871 als Deutscher Kaiser), eingeweiht. Wie bereits im Vorfeld der Bonner Reise berichtet wurde, galt der Aufenthalt des Monarchen ausschließlich dem Besuch seines alten Corps.[16] Auf Empfänge oder öffentliche Veranstaltungen wurde daher verzichtet, gleichwohl wurden die Bewohner der Innenstadt aufgefordert, ihre Häuser vorsorglich festlich zu schmücken für den Fall, dass das Staatsoberhaupt bei seinem Aufenthalt durch ihre Straßen käme.[17] Wiederum wurde in der Lokalpresse auf die besondere Nähe der Stadt zum Monarchen verwiesen, denn [a]ls Student war der Prinz Bonner.[18] Kurz vor sieben Uhr abends erreichte Wilhelm II. wiederum per Schiff das Rheinufer. Dieses Mal befand er sich in Begleitung der Kaiserin Auguste Victoria (1858-1921). Nach einem kurzen Erfrischungsaufenthalt im Hause des Landrats Max von Sandt (1861-1918, Landrat 1888-1903) verließ die Kaiserin Bonn wieder mit dem Zug, während Wilhelm II. zum Borussenhaus in der Kaiserstraße gebracht wurde und an der Kneipe des Korps teilnahm. Kurz nach zehn Uhr wurde der Monarch zum Bahnhof gefahren und reiste ab.
4. Die Immatrikulation des Kronprinzen
Zehn Jahre nach der beim Besuch in Bonn gemachten Ankündigung des Kaisers kam es zum Sommersemester 1901 zur Immatrikulation des Kronprinzen Wilhelm an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. Dafür hielt sich Wilhelm II. vom 24.-27.4.1901 in Bonn auf. Wie im Vorfeld der lokalen Presse zu entnehmen war, sei mit einem Ansturm auswärtiger Besucher zu rechnen, Wirte und Hoteliers hätten die Preise bereits erhöht, aus München sei ein Zug mit Bierwagen unterwegs an den Rhein, da allein für den geplanten Kaiserkommers 70 Hektoliter Bürgerbräu benötigt würden.[19] Die Bonner Bürgerschaft wurde von Oberbürgermeister Wilhelm Spiritus aufgefordert, ihre Häuser festlich zu beflaggen. Der Kaiser und sein ältester Sohn trafen am 24. April gegen zehn Uhr mit einem Sonderzug auf dem Bonner Bahnhof an und wurden durch eine jubelnde Menge direkt zum Hauptgebäude der Universität gefahren. Die Immatrikulationszeremonie des Kronprinzen in der Aula begann um zwölf Uhr, in der Mitte des Raumes befand sich eine große, palmengeschmückte Büste des Universitätsgründers, Friedrich Wilhelms III. (Regentschaft 1797-1840), davor ein mit grünem Tuch behängter Tisch, auf dem sich das Album der Universität und die weiteren Utensilien der Einschreibung befanden.[20] Der Rektor der Universität, Adolph Freiherr von La Valette St. George (1831-1910) hielt zunächst eine kurze Ansprache, in der er hervorhob, dass auch der verstorbene Kaiser Friedrich III. (Regentschaft 1888) und der anwesende Wilhelm II. dereinst die Universität Bonn besucht hätten. Unter der Führung unseres genialen Kaisers stehe Deutschland heute stark und blühend dar. Anschließend fand die eigentliche Einschreibung durch den Kronprinzen statt, der aus den Händen des Rektors die in lateinischer Sprache gehaltene Matrikel überreicht bekam. Der Rektor begrüßte den Kronprinzen sodann als den jüngsten Kommilitonen an der Universität, die Veranstaltung endete mit dem Absingen der Kaiserhymne „Heil Dir im Siegerkranz“.
Die Kaiserbesuche und die Rolle als „Prinzenuniversität“ waren für die Stadt Bonn mit erheblichem organisatorischem Aufwand und Mehrausgaben verbunden. Beim Aufenthalt Wilhelms II. 1901 etwa wurden von der Polizei Personengruppen wie Vorbestrafte, Irre und Anarchisten überwacht. Während des Prinzenstudiums stellte die Polizei permanent zwei Wachen vor der Villa der Hohenzollernsöhne ab und unterzog die in Bonn gastierenden Fremden einer besonderen Überprüfung. Darüber hinaus trug die Stadt auch die Kosten für das Jahresabonnement der Theaterloge des Kronprinzen in Höhe von 1.000 Mark.[21]
Am Abend des 24. April wurde ein Kaiserkommers aller Bonner studentischen Verbindungen in der Beethovenhalle mit etwa 1.200 Teilnehmern veranstaltet.[22] Bei dieser Gelegenheit hielt Wilhelm II. wieder eine seiner forschen Reden, in welcher er ausführte: Warum sank das Deutsche Reich dahin? Weil das alte Reich nicht auf streng nationaler Basis begründet war. Der Universalgedanke des alten römischen Reichs deutscher Nation ließ eine Entwicklung im deutschnationalen Sinne nicht zu. Das Wesen der Nation ist die Abgrenzung nach außen, die Persönlichkeit eines Volkes, seiner Rasseneigentümlichkeit entsprechend.[23] Die anwesenden Studenten bejubelten diese markigen Sprüche ebenso wie den anschließenden Trinkspruch des Kronprinzen an seine neuen Kommilitonen.[24]
Der Kronprinz Wilhelm verabschiedet sich von Rektor Adolph Freiherr von La Valette nach seiner Immatrikulation, 24. April 1901. (public domain)
Das kaiserliche Besuchsprogramm vom 25. April begann mit einer Besichtigungsfahrt zur Abtei Maria Laach, deren Hausherr er als König von Preußen war. Hier ließ sich Wilhelm II. die Sehenswürdigkeiten und die Restaurierungsarbeiten zeigen, insbesondere den von ihm gestifteten und von dem Berliner Architekten Max Spitta (1842-1902) geschaffenen neoromanischen Hochaltar in der Abteikirche. Anschließend ging es von Andernach aus auf dem Rheindampfer „Kaiser Friedrich“ zurück nach Bonn. Der Abend stand wiederum im Zeichen des studentischen Korporationswesens. Die Veranstaltung fand erneut in der Beethovenhalle statt, der Teilnehmerkreis jedoch war ein anderer. Es handelte sich nun speziell um den Kommers der Bonner Korps. Die Festansprache hielt Generaloberst Walter Freiherr von Loë (1828-1908), Kommandeur der Bonner Königshusaren im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 und ein früherer Vertrauter Wilhelms I. Er erinnerte daran, wie die Bonner Studenten 1870 massenweise und begeistert dem Aufruf des Königs zu den Waffen gefolgt seien. In Anwesenheit Wilhelms II. legte er im Namen der versammelten Studenten die Bürgschaft dafür ab, dass die akademische Jugend, solle es einmal notwendig sein, wie einst in der ersten Reihe der Soldaten zu finden sein würden.[25] In seiner kurzen Erwiderung nahm der Kaiser den Tenor der Festansprache auf. Er hoffe fest auf die Unterstützung der jungen Generation bei seiner Aufgabe, das Deutsche Reich nach innen und außen zu festigen. Insbesondere im Falle einer Bedrohung aber werde ich an Sie appellieren und ich erwarte, daß Sie Mich nicht sitzen lassen werden.[26] In ähnlicher Weise sollte das Gesagte 13 Jahre später zur blutigen Realität werden.
Am Morgen des 26. Juli gab der Bonner Gesangverein dem Kaiser ein Ständchen aus rheinischen Volksliedern. Wilhelm II. schritt - wie in der „Bonner Zeitung“ zu lesen war - währenddessen die Veranda des Palais Schaumburg auf und ab und deutete mit der Zigarette als Taktstock bisweilen das Dirigieren des Chors an.[27] Die folgenden Stunden wurden mit Regierungsgeschäften verbracht, wozu einige Minister und Beamte extra aus Berlin angereist waren. Währenddessen wurde der Kronprinz Freitagvormittag in feierlicher Weise als Konkneipant in das Korps Borussia aufgenommen und besichtigte anschließend den Fechtsaal der Universität. Der Abend stand wiederum im Zeichen des studentischen Vergnügens, denn der Kaiser und der Kronprinz nahmen gemeinsam an der Kneipe auf dem Verbindungshaus der Borussen teil.
Im Rückblick äußerte sich Kronprinz Wilhelm überraschend zurückhaltend zu einigen zentralen Aspekten des Verbindungswesens. So kritisierte er in seinen Anfang der 1920er Jahre erschienenen Erinnerungen etwa eine Überschätzung der Mensur sowie Übertreibungen beim Trinkkomment, für den ich selbst niemals viel Sinn besessen und dem ich mich als Student auch ungern unterworfen habe.[28]
Bereits gegen acht Uhr morgens am 27.4.1901 verließ der Kaiser Bonn. Auf dem Weg zum Bahnhof hatten neben einer großen Menschenmenge auch das Bonner Husarenregiment und das Bonner Infanterieregiment am Kaiserplatz beziehungsweise am Bahnhofsplatz Aufstellung genommen. Beim Vorbeifahren der Wagenkolonne stimmten sie den preußischen Präsentiermarsch an.[29] Für Bonn war die Immatrikulation des Kronprinzen ein besonderes Ereignis, standen Stadt und Universität doch wie einige Jahrzehnte zuvor anlässlich der Immatrikulation der späteren Kaiser Friedrich III. und Wilhelm II. wiederum im Fokus der interessierten Öffentlichkeit.
5. Das akademisch-militärische Doppeljubiläum
Zwei renommierte Bonner Institutionen standen exemplarisch als Stützen der Hohenzollern-Herrschaft, das Militär und der Adel. Die in der Bonner Sterntorkaserne stationierten Königshusaren begingen im Jahr 1902 ihr 50. Jubiläum am Garnisonsstandort Bonn und das Korps Borussia Bonn feierte sein 75. Stiftungsfest. Anlässlich dieses Doppeljubiläums hielt sich Wilhelm II. vom 17.-19.6.1902 erneut am Rhein auf.
Das Königs-Husaren Regiment König Wilhelm I. Nr. 7 (1. Rheinisches) war bereits 1815 gegründet worden und hatte seit 1852 seinen Sitz in Bonn. Wie der Name andeutet, hatte der damalige Kronprinz Wilhelm, der spätere Kaiser Wilhelm I., im Rahmen seiner militärischen Ausbildung einst dem Husarenregiment vorgestanden, welches dem Herrscherhaus seitdem besonders verbunden war. Die Feierlichkeiten zum Garnisonsjubiläum erstreckten sich über eine ganze Woche und hatten bereits am 14. Juni mit einem Festessen im Offizierskasino begonnen, bei dem noch einige „Veteranen“ des Einzugs in die neue Garnison von 1852 anwesend waren. In einer Ansprache hob Regimentskommandeur Oberstleutnant Friedrich von Hertzberg (1853-1928) die besondere Bedeutung der Armee als eine der Hauptstützen des Thrones hervor.[30] In der lokalen Presse wurde in Erwartung des hohen Besuchs wieder das besondere Verhältnis des Monarchen zu Bonn betont, das über die Jahre hinweg Bestand habe. Sichtbarer Beleg hierfür sei, dass momentan, wie einst sein Vater, auch der Kronprinz als Student an der Universität weile.[31] Dieses Mal begleitete die Kaiserin Auguste Victoria ihren Mann auf der Reise, denn es bot sich ihr so die Gelegenheit, einen näheren Eindruck vom Studienort ihres ältesten Sohnes zu erhalten. Zum kaiserlichen Reisetross gehörte außerdem Reichskanzler Bernhard von Bülow (1849-1929, Reichskanzler 1900-1909). Bereits am frühen Morgen des 17.6.1902 traf das Kaiserpaar am Bonner Bahnhof ein und wurde sogleich zum Palais Schaumburg gefahren. Einen subjektiv gefärbten Eindruck von der Stimmung in der Stadt an diesen „Kaisertagen“ vermittelt exemplarisch ein Bericht der „Bonner Zeitung“: Allenthalben herrschte das regste Leben und Treiben. Hier zog ein Kriegerverein mit entfalteter Fahne durch die Straßen, dort stand ein kleiner Trupp weißgekleideter Schulmädchen mit Schärpen um die Schultern. […] Selbstverständlich fehlten in diesem ewig wechselnden Bilde auch die ‚fliegenden Händler’ nicht. Einige von ihnen boten Postkarten mit den Bildern der Majestäten und des Kronprinzen aus, andere verkauften ‚Kaiserzeichen’, d. h. das in Wachs geprägte Reliefbild des Kaisers auf einer Unterlage von Eichenblättern. […] Von auswärts brachten die Vormittagszüge Tausende von Neugierigen heran, die der Wunsch, das Kaiserpaar zu sehen, nach Bonn getrieben hatte, und unter klingendem Spiel zogen von den benachbarten Ortschaften unablässig neue Militär- und Kriegervereine in die Stadt.[32]
Am späten Vormittag nahm Wilhelm II. zu Pferd vor einer großen Zuschauermenge eine Militärparade der Bonner Königshusaren auf der Hofgartenwiese vor der Universität ab. Im Anschluss an die Kaiserparade setzte sich der Monarch selbst an die Spitze des Regiments und führte die Husaren durch die Bonner Innenstadt hindurch zurück in die Sterntorkaserne. Dort fand ein gemeinsames Frühstück im Offizierskasino statt. Über die Mittagsstunden widmeten sich der Kaiser und der Reichskanzler den Regierungsgeschäften, bevor am Nachmittag eine Ausflugsfahrt per Schiff nach Rolandseck unternommen wurde, zu der unter anderem auch der Völkerrechtsprofessor Philipp Zorn (1850-1928) und der Bonner Oberbürgermeister Spiritus eingeladen waren. Der Abend stand dann ganz im Zeichen einer „akademischen Huldigung“ durch die studentischen Korporationen, die die offizielle Repräsentanz der Bonner Studentenschaft bildeten. Zu Ehren des Monarchen wurde ein Fackelzug veranstaltet, der am Koblenzer Tor beginnend den Rhein entlang an der Festgesellschaft auf der Rückseite des Palais Schaumburg vorbeizog.[33]
Kaisermanöver im Hofgarten des kurfürstlichen Schlosses Bonn, 1902. (Universitätsarchiv Bonn)
Die Feierlichkeiten zum Garnisonsjubiläum der Königshusaren waren mit der Kaiserparade abgeschlossen, der zweite Besuchstag am 18.6.1902 stand nun ganz im Zeichen der anderen Hälfte des Bonner Doppeljubiläums, dem 75. Stiftungsfest des Korps Borussia. Bereits am Morgen begab sich der Kaiser auf das Verbindungshaus, wo er einem Festkonvent präsidierte. Anschließend fand der Umzug des Korps Borussia durch die Bonner Innenstadt statt, der aus 60 Wagen mit Aktiven und Alten Herren bestand, an der der Kaiser selbst jedoch nicht teilnahm. Im Anschluss gab es im bekannten Restaurant „Zur Lese“ ein Festmahl, bei dem auch Wilhelm II. wieder zugegen war. In seiner eher nachdenklichen Tischansprache ermahnte er die anwesende Jugend, neben der Freude den notwendigen Ernst des Lebens nicht zu vergessen und sich im Falle einer Gefahr für das Vaterland, sei es von innen oder von außen, hinter ihm als König zu versammeln.
Höhepunkt des Stiftungsfestes war am Abend der Kommers in der Beethovenhalle. Für die weiblichen Gäste, die dem Geschehen nur als Zuschauerinnen beiwohnen durften, war auf der linken Galerie eine Loge errichtet worden, in der die Kaiserin, ihre Begleiterinnen und die Hofdamen das Geschehen verfolgen konnten. In seiner Rede stellte Wilhelm II. die bei dieser Art Veranstaltung eigentlich ungewöhnliche Anwesenheit der Damen in den Mittelpunkt: Von unseren Urahnen und Vorfahren weiß die Chronik zu vermelden, daß, wenn sie im Waffengang zusammenkamen und im Turnier die Lanze mit einander brachen, es sich von selbst verstand, daß ein schöner Kreis von Damen um sie versammelt war und auf sie herabblickte. Mit Stolz empfing der Sieger einen Kranz aus schöner Hand. […] Noch nie, solange die Geschichte deutscher Universität geschrieben ist, ist einer Universität eine solche Ehre zuteil geworden, wie am heutigen Tage. Im Kreise der Schönen Bonns, umgeben von fürstlichen Damen, ist Ihre Majestät die Kaiserin erschienen, die erste Landesfürstin, die einem Kommers der Studentenschaft beiwohnt. Diese beispiellose Ehre wird der Stadt Bonn zu teil und in der Stadt Bonn dem Korps Borussia. Ich hoffe und erwarte, daß alle jungen Borussen, auf denen heute das Auge Ihrer Majestät ruht, dadurch eine Weihe für ihr ganzes Leben empfangen werden.[34] Gegen Mitternacht verließ das Kaiserpaar die Veranstaltung.
Für den 19. Juni standen keine öffentlichen Termine mehr auf dem Besuchsprogramm; im Palais Schaumburg empfing der Kaiser die Chefs des Zivil- und des Militärkabinetts zum Vortrag.[35] Gegen Mittag reisten Wilhelm II. und Gattin mit dem Zug in Richtung Aachen ab.
6. Die Erinnerung an „Wilhelm den Großen“
Beim Kaiserbesuch des Jahres 1906 stand die preußisch-deutsche Geschichte im Mittelpunkt. Den Anlass bot die Enthüllung des Denkmals für den Großvater des Monarchen, Wilhelm I., dem Wilhelm II. besonders nahe gestanden hatte, auf dem Kaiserplatz.[36] Der Monarch hielt sich vom 15.-20.10.1906 in Bonn auf, begleitet während seiner Termine zumeist von seinem Sohn August Wilhelm (1887-1949), dem späteren glühenden Nationalsozialisten[37] -, der in Bonn studierte und somit die Tradition der Hohenzollern an der „Prinzenuniversität“ fortsetzte.
Dass die Kaiserbesuche auch immer wichtige lokale Wirtschaftsfaktoren waren und von der Bonner Geschäftswelt für ihre Verkaufsinteressen zu nutzen versucht wurden, zeigt exemplarisch eine Schilderung der „Bonner Zeitung“: Mit großer Sorgfalt haben fast alle Geschäftszweige ihren Schaufensterschmuck so gewählt, daß er in irgend einer, wenn oft auch lockerer Beziehung zu der Denkmalsenthüllung steht. Vielfach bildet eine Büste des Kaisers den Mittelpunkt der Dekorationen. […] In Konditorläden sieht man Statuen des Kaisers oder gar das ganze Denkmal in Schokolade und Zucker gegossen. Die großen Buchhandlungen am Hof bringen den Kai
Blick auf das Neutor und Kaiserplatz, rechts die Universität mit dem davor platzierten Kaiserdenkmal, Ansichtskarte. (public domain)
ser in allen Lebensaltern und Uniformen.[38]
Der 16. Oktober war der Tag der Denkmalseinweihung. Vor der Evangelischen Kirche (Kreuzkirche) und ihr gegenüber waren zwei Tribünen für die geladenen Gäste aufgebaut worden, die Zutritt zum Kaiserplatz hatten. Für den Kaiser und die anderen Ehrengäste war zudem ein weißer Pavillon errichtet worden. Zu den Ehrengästen gehörten der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha, der preußische Kultusminister Konrad von Studt (1838-1921, Kultusminister 1899-1907) sowie die Oberbürgermeister von Köln und Düsseldorf.[39] Der Standort des Denkmals war markant direkt vor der Universität gewählt, also an der Schmalseite des Kaiserplatzes, in Sichtachse zum Poppelsdorfer Schloss. Pünktlich zum Glockengeläut um zwölf Uhr traf die Wagenkolonne mit Wilhelm II. am Kaiserplatz ein, wo er von den Bonner Regimentern mit dem Preußischen Präsentiermarsch empfangen wurde. Nach einer Begrüßungsrunde der Ehrengäste im Festzelt stimmte der Männer-Gesangverein das Lied „Heil Kaiser und Reich“ an. In seiner Funktion als Vorsitzender des Denkmalausschusses hielt der Bonner Oberbürgermeister Wilhelm Spiritus die Festansprache. Er verwies darauf, dass ehemalige Bonner Studenten aus allen Teilen des Deutschen Reiches mit ihrer Initiative zur Errichtung des Denkmals und ihrer großzügigen Spendenbereitschaft wesentlich zur Realisierung des Projekts beigetragen hätten. Für die Jugend solle das Denkmal ein Ansporn sein, dem alten Kaiser nachzueifern in Gottesfurcht, Pflichttreue und Vaterlandsliebe. Spiritus verwies auf die besondere Rolle Bonns als Universität der Hohenzollernfürsten und dankte dem Kaiser abschließend für seine Anwesenheit als einem erneute[n] Gnadenbeweis für Universität und Stadt.[40] Während die Kaiserhymne „Heil Dir im Siegerkranz“ gespielt wurde, trat Wilhelm II. an das Denkmal heran. Nach dem Verklingen der letzten Töne fiel das Tuch und gab den Blick auf das Standbild Wilhelms I. frei, welches von dem Berliner Bildhauer Harro Magnussen (1861-1908) geschaffen worden war. Da die Initiative von Schülern und Lehrern der rheinischen Alma Mater ausgegangen war und das Denkmal auf dem Grund der Universität errichtet worden war, ergriff auch der Rektor der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität des Akademischen Jahres 1905/1906, Geheimrat Hermann Georg Jacobi (1850-1937), das Wort. Er nahm das Denkmal, das mit der Einweihung offiziell an die Universität überging, symbolisch in Empfang, es solle ein heiliges Besitztum, ein Palladium im antiken Sinne sein, das wir in guten und bösen Tagen treu zu hüten und zu ehren wissen werden.[41] Die Einweihungszeremonie schloss mit dem Absingen des Liedes der Deutschen „Deutschland, Deutschland über alles“. Der Kaiser und die Ehrengäste besichtigten gemeinsam mit dem Bildhauer Magnussen im Anschluss das Denkmal. Hiermit war das Geschehen auf dem Kaiserplatz jedoch noch nicht beendet. Gegen halb eins begann eine Militärparade, die Wilhelm II. auf den Stufen des neuen Monuments abnahm. Anschließend kehrten die Ehrengäste im Restaurant „Zur Lese“ zu einem gemeinsamen Festessen ein, das von etwa 13 bis 17 Uhr dauerte, wohl in Abwesenheit des Kaisers. Am Nachmittag besichtigte er stattdessen die Kirchen in Schwarzrheindorf und in Siegburg und führte vor Ort Gespräche mit lokalen Würdenträgern.
War in der Presse ursprünglich nur von einem nur zwei- bis dreitägigen Besuch des Monarchen in Bonn die Rede gewesen, so verlängerte Wilhelm II. anscheinend seinen Aufenthalt, um als begeisterter Automobilist weitere Ausflüge in das Bonner Umland zu unternehmen.[42] So gab es am 17. Oktober einen Tagesausflug in die Eifel. Auf dem kaiserlichen Besuchsprogramm standen die Burg Elz sowie wiederum die Abtei Maria Laach. Am Abend suchte Wilhelm II. das Korpshaus der Borussia in der Kaiserstraße auf und aß gemeinsam mit den Aktiven und einigen Alten Herren zu Abend.
Die aus vier motorisierten Wagen bestehende Kolonne des Kaisers brach am 18. Oktober zu einem weiteren Ausflug auf, in ähnlicher personeller Zusammensetzung wie am Vortag. Teilnehmer waren unter anderen der Prinz und die Prinzessin zu Schaumburg-Lippe, der Kaisersohn August Wilhelm sowie Paul Clemen Professor für Kunstgeschichte und Provinzialkonservator der Rheinprovinz, der als Experte für fachliche Fragen fungierte. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Siegburg bildete die Besichtigung des Altenberger Doms den Höhepunkt der Tour. Anschließend besuchte der Kaiser die Kadettenanstalt von Bensberg (heute Stadt Bergisch Gladbach) inklusive eines kurzfristig angesetzten Parademarschs, der den einfachen Rekruten anscheinend nicht angekündigt worden war. Am Abend empfing er in kleiner Runde einige Gäste zum Abendessen im Palais Schaumburg, darunter die Kommandeure des Bonner Husaren- und des Bonner Infanterieregiments sowie den Kurator der Universität, Franz von Rottenburg. Der private Charakter der Aktivitäten an diesem Tag wurde damit begründet, dass es sich um den 75. Geburtstag des verstorbenen Kaisers Friedrich III. handelte.[43] In der Öffentlichkeit und an der Universität scheint es die Erwartung gegeben zu haben, dass der Kaiser wie einst 1902 beim Kronprinzen persönlich an der anstehenden Immatrikulationsfeier für seinen Sohn teilnehmen würde. So berichtete der „General-Anzeiger“ in seiner Ausgabe vom 16. Oktober, an der Universität ist man eifrig mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt für den erwarteten Besuch des Kaisers bei der Immatrikulation des Prinzen August Wilhelm, für die der Termin aber noch nicht bestimmt ist.[44] Doch der Prinz kehrte mit seinem Vater erst einmal wieder nach Potsdam zurück. Die Immatrikulationsfeier fand daher erst weit nach Semesterbeginn am 30. Oktober statt.[45] Anders als bei vorangegangenen Besuchen nahm Wilhelm II. während seines Aufenthalts auch nicht am Kommers der Bonner Korps teil, sondern überließ dies seinem Sohn.
In besonderer Erinnerung bleiben sollte den Bonner Schülerinnen und Schülern der 19.10.1902. Nachdem einige Jugendliche eine entsprechende Bitte an den Monarchen gerichtet hatten, verfügte der Kaiser für diesen Tag unterrichtsfrei an allen Bonner Schulen. Die kaiserlichen Besichtigungsfahrten fanden an diesem Tag ihre Fortsetzung.[46] Erste Station war Euskirchen, wo die Bevölkerung Wilhelm II. einen begeisterten Empfang bereitet haben soll. Anschließend ging es weiter nach Gemünd zur Besichtigung der Urfttalsperre, die erst im Vorjahr fertig gestellt worden war. Höhepunkt war eine Motorbootfahrt auf dem Stausee. Auf der Rückfahrt wurde in Burg Nideggen, einstmals Sitz der Grafen von Jülich, Station gemacht. Wilhelm II. hatte Maßnahmen zum Erhalt der Ruine anscheinend finanziell unterstützt, und ließ sich nun über den Stand der Restaurierungsarbeiten informieren. Nach der Rückkehr nach Bonn war er am Abend bei einem Essen im neuen Offizierskasino des Husarenregiments zugegen.
Am Morgen des 20. Oktober stand wiederum eine Autotour an. Die Abfahrt bedeutete zugleich die Abreise des Kaisers aus Bonn, da anschließend sofort weitergefahren wurde. Um viertel vor zehn brach die kaiserliche Wagenkolonne in Bonn auf, die Fahrt führte über Münstereifel, wo Wilhelm II. den Ortskern und die alte Stadtmauer besichtigte, an die Mosel nach Schloss Lieser, das sich im Besitz des Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Clermens Freiherr von Schorlemer-Lieser (1856-1922, Oberpräsident der Rheinprovinz 1905-1910) befand, und wo die kaiserliche Entourage übernachtete, bevor es am folgenden Tag zurück nach Potsdam ging.
Der fünfte Kaiserbesuch hatte einen öffentlichen Teil, in dessen Mittelpunkt die Denkmalseinweihung stand, und einen privaten Teil, der insbesondere den Ausflügen in das Umland gewidmet war. Anders als bei vorangegangenen Anlässen hielt Wilhelm II. keine größeren Ansprachen und nahm auch nicht an Veranstaltungen der Universität und des Korps Borussia teil. Ein neues Ritual des Kaisers, über das auch die lokale Presse berichtete, waren die allmorgendlichen Spaziergänge am Rhein, bei denen er auch mit Passanten ins Gespräch kam, die überrascht waren, ihrem Monarchen persönlich zu begegnen.
7. Die neue Eintracht der Studentenschaft
Fast auf den Tag genau fünf Jahre nach seinem letzten Aufenthalt kam der Kaiser im Herbst 1911 wieder nach Bonn. Die Reise vom 18.-20.10.1911 sollte ein rein private[r] Besuch bei seinen hiesigen Verwandten sein, wie die „Bonner Zeitung“ bereits am 10. Oktober betont hatte.[47] Doch dabei sollte es nicht bleiben. Der Kaiser habe, wie die Lokalpresse vom 15. Oktober berichtete, das Angebot der Bonner Studentenschaft angenommen, die einen Fackelzug zu seinen Ehren organisieren wolle.[48] Eine solche Art der Huldigung hatte zwar früher bereits stattgefunden, besaß aber dieses Mal eine besondere symbolische Bedeutung. Bereits seit Jahren waren die Bonner Studenten untereinander zerstritten. Die Mehrheit der Studenten war korporiert, die wichtigsten Gruppierungen waren die Burschenschaften, die Korps und die sogenannten konfessionellen Verbindungen, das heißt die katholischen Verbindungen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es an mehreren deutschen Universitäten und Technischen Hochschulen eine Auseinandersetzung darüber, ob die katholischen Verbindungen überhaupt eine Existenzberechtigung besäßen, ihnen wurde insbesondere eine zu starke Anlehnung an die katholische Kirche und nationale Unzuverlässigkeit vorgeworfen. Im akademischen Kulturkampf[49] vollzog sich innerhalb der Studentenschaft zeitversetzt die Auseinandersetzung, die auf politischer Ebene bereits in den 1870er Jahren stattgefunden hatte. In Bonn kam noch eine Besonderheit hinzu. Hier hatte der Streit der Studenten schon Anfang der 1890er Jahre begonnen und sich seinerzeit an der Person Otto von Bismarcks (1815-1898) entzündet.[50] Während die Bonner Burschenschaft Alemannia reichsweit eine führende Rolle beim einsetzenden „Bismarckkult“ spielte, etwa die Bewegung für die Erbauung von Bismarcktürmen initiierte und die „Huldigungsfahrt“ zum 80. Geburtstag des Reichsgründers nach Friedrichsruh 1895 mitorganisierte[51], nahmen die katholische Verbindungen aufgrund der Erfahrung des Kulturkampfs eine kritische Haltung zu Bismarck ein. Da Wilhelm II. ein persönliches Interesse an der Entwicklung „seiner“ Alma Mater hatte, war der Disput der Bonner Studenten nicht nur universitätsintern von Bedeutung. Die verschiedenen Studentenverbindungen hatten sich in der Vertreterversammlung zusammengeschlossen, die quasi die offizielle Vertretung der Studentenschaft gegenüber der Universitätsleitung bildete. Infolge der Streitigkeiten zerbrach die Versammlung in zwei konkurrierende Gremien, so dass eine einheitliche Interessenvertretung nicht mehr existierte. Zwar gab es in den folgenden Jahren Phasen der Wiederannäherung, mehrere Vermittlungsversuche der Universitätsleitung scheiterten jedoch. Erst im Jahr 1911 kam es unter der Führung des renommierten Völkerrechtlers Philipp Zorn als Rektor zum Durchbruch. Es gelang ihm nicht nur, die Burschenschaften, Korps und konfessionellen Verbindungen in einer gemeinsamen Vertreterversammlung wieder zu vereinen, dem Gremium gehörten nun auch wichtige studentische Minderheiten wie die Freistudentenschaft (Finkenschaft), die Frauenverbindungen und die jüdischen Korporationen an. In seinem mündlichen Rechenschaftsbericht anlässlich des Rektoratswechsels hob der scheidende Rektor Zorn am 18.10.1911 – wenige Stunden vor dem Eintreffen Wilhelms II. in Bonn - die besondere Bedeutung der Einigung hervor, wodurch ein lange[r] unfruchtbare[r] Streit[52] überwunden worden sei. Nach einem erstmals wieder gemeinsam begangenen Kaiserkommers zu Jahresbeginn wurde der Fackelzug zu Ehren des Kaisers nun zum sichtbaren Zeichen dieser studentischen Einigung.
Wilhelm II. traf am Abend des 18. Oktober aus Aachen kommend, wo er an der Einweihung eines Denkmals für seinen verstorbenen Vater, Friedrich III., teilgenommen hatte, in einer Wagenkolonne aus sechs Kraftwagen in Bonn ein, Sein Quartier war erneut das Palais Schaumburg, der Abend fand ohne Termine im engsten Familienkreis statt. Im Gegensatz zu früheren Besuchen wurde wenig Wert auf Pomp gelegt. Das zeigte sich auch daran, dass das Bonner Husaren- und das Infanterieregiment wie bei früheren Kaiserbesuchen üblich ursprünglich eine Ehrenwache vor dem Palais Schaumburg aufstellen und ihre Regimentsfahnen aufziehen wollten. Mit dem Hinweis, der Kaiser habe für diesen Besuch keinerlei militärische Ehrenbezeugung befohlen, wurden die entsprechenden Vorbereitungen gestoppt.[53]
Nachdem der Monarch früh den neu ernannten Kommandeur der Bonner Königshusaren, Jobst-Hermann Graf und Edler Herr zur Lippe-Biesterfeld-Weissenfeld (1865-1945), zu einer Vorstellung im Palais Schaumburg empfangen hatte, brach der kaiserliche Reisetross am Morgen des 19. Oktober zur geplanten Rundfahrt durch die Eifel auf. In den betroffenen Kleinstädten und Dörfern wurde dem Kaiser und seiner Entourage bei der Durchfahrt der Wagenkolonne laut Presseberichterstattung zugejubelt. Kurze Aufenthalte gab es etwa zur Besichtigung der Burg in Lechenich (heute Erftstadt) und der Pfarrkirche von Zülpich. Das Mittagessen wurde in einem Gasthof in Altenahr eingenommen. Die Weiterfahrt führte am Nachmittag nach Mayen, wo Wilhelm II. das Schloss Bürresheim besichtigte. Anschließend besuchte er zum wiederholten Male die Abtei Maria Laach. Vom Abt des Klosters ließ er sich unter anderem das neue Christus-Pantokrator-Mosaik über dem „Kaiseraltar“ - der Kaiser hatte die Platzierung in der Hauptapsis sowie die Gestaltung nach dem Vorbild in der Kathedrale von Monreale persönlich vorgegeben - sowie die neue Orgel zeigen. Die Rückfahrt führte über Andernach und Godesberg direkt nach Bonn.
Gegen neun Uhr abends setzte sich am Hofgarten der Fackelzug der geeinten Bonner Studenten über die Koblenzer Straße in Richtung Palais Schaumburg in Bewegung. Wilhelm II., sein Gefolge und das Prinzenpaar zu Schaumburg-Lippe beobachteten das Geschehen von einem vor dem Palais errichteten Zelt aus. Ein Vertreter der katholischen Studentenverbindung „Arminia“ hielt eine kurze Ansprache, in der er betonte, dass heute die Bonner Studentenschaft [i]n voller Einheit[54] vertreten sei. Im Anschluss zogen die Studenten am Kaiser vorbei und kehrten am Rhein entlang zum Marktplatz zurück, wo unter dem Gesang des Studentenliedes „Gaudeamus igitur“ die Fackeln zu einem Feuer zusammengeworfen wurden. Professor Zorn beschrieb die Bedeutung des Ereignisses in seinen Memoiren folgendermaßen: [I]n einem dem Kaiser bei Gelegenheit eines Besuches in Bonn dargebrachten großartigen Fackelzuges feierte die Bonner Studentenschaft ihre wiederhergestellte friedliche Einheit und der Kaiser erwiderte diese Huldigung durch warme Worte der Freude über diese in der Bonner Studentenschaft wiederhergestellte deutsche Einheit.[55]
Bereits gegen neun Uhr morgens am 20. Oktober reisten der Monarch und seine Entourage wieder ab. Zur Verabschiedung hatte sich Oberbürgermeister Spiritus eingefunden. Eine Besonderheit bestand wohl darin, dass eine Filmfirma aus Metz die Abfahrt vom Palais Schaumburg aufnahm[56], was zur damaligen Zeit noch alles Andere als alltäglich war. Die Wagenkolonne verließ Bonn nach Süden über Lengsdorf und Röttgen in Richtung Meckenheim. Auf der Fahrt nach Schloss Lieser wurde ein Zwischenhalt in Münstereifel eingelegt, bei dem Wilhelm II. die Pfarrkirche und das Rathaus besichtigte. Später in Daun nahm er an der Einweihung eines sogenannten Kaiserbrunnens mit seinem Bildnis teil. Insgesamt handelte es sich um einen der kürzesten Aufenthalte am Rhein. Abgesehen vom Fackelzug der Studenten wurde der private Charakter weitgehend eingehalten. Wilhelm II. nahm an keiner Veranstaltung des Korps Borussia teil, allerdings waren die Bonner Preußen am Fackelzug beteiligt.
8. Das Thronjubiläum des Kaisers
Im Jahr 1913 jährte sich die Thronbesteigung Wilhelms II. zum 25. Mal. Dieses Ereignis wurde sowohl in der Hauptstadt Berlin als auch im gesamten Reich feierlich begangen. Im Vorfeld des neuerlichen Kaiserbesuchs vom 15.-17.10.1913 betonte die „Bonner Zeitung“, es sei eine besondere Freude, den Kaiser in seinem Jubiläumsjahr zu Besuch zu haben. Wiederum wurde das besondere Verhältnis von Stadt und Universität zu ihrem ehemaligen Studenten beschworen. Es sei das Gefühl treuer Anhänglichkeit, das uns mit dem Kaiser verbindet. Auch heute werden in diesem Gefühl dem Kaiser die Herzen seiner Bonner wieder entgegenschlagen. Hervorgehoben wurde außerdem die besondere Bedeutung der Universität als der geistige[n] Hauptstadt der Rheinlande.[57]
Wilhelm II. traf am Nachmittag des 15. Oktober unter dem Geläut der Glocken der Kreuzkirche an der Spitze einer aus fünf Kraftwagen bestehenden Kolonne in Bonn ein. Zuvor hatte er von der Mosel kommend am Weihegottesdienst für die neue evangelische Kirche in Gerolstein in der Eifel teilgenommen, für deren Bau Kaiserin Auguste Victoria die Schirmherrschaft übernommen hatte. Auf dem Palais Schaumburg wurde die Kaiserstandarte aufgezogen und sowohl vor dem Eingang als auch im Innern vor den Gemächern des Monarchen Ehrenposten aus den Reihen der beiden Bonner Regimenter – der Königshusaren und der Infanteristen – aufgestellt.[58] Den Abend verbrachte Wilhelm II. im Kreise der Verwandten, seiner Schwester und deren Ehemann.
Das Besuchsprogramm am 16. Oktober begann mit einem längeren Spaziergang des Kaisers und seines Gefolges an der Rheinpromenade. Anschließend empfing er den Abt des Klosters Maria Laach, Ildefons Herwegen, zudem war für den Folgetag ein weiterer Besuch des Kaisers im Kloster geplant. Am Nachmittag ging es zur Rundfahrt in das Bergische Land, die unter anderem durch Wipperfürth, Waldbröl und Eitorf führte, jedoch keinen Aufenthalt in einem der Orte vorsah.
Auch der 17. Oktober begann mit dem üblichen Rheinspaziergang. Da sich das kaiserliche Ritual mittlerweile herumgesprochen hatte, war eine größere Zahl an Bürgern an der Rheinpromenade unterwegs, um aus unmittelbarer Nähe einen Blick auf die hohen Herrschaften zu werfen. Die Wege waren öffentlich zugänglich, Absperrungen oder Einschränkungen existierten offensichtlich nicht.[59] Später führte den Kaiser eine Besichtigungstour über Remagen und durch das Brohltal mit Ziel Maria Laach. Nach einem Rundgang und einem Essen im Kreise der Patres ging es zurück nach Bonn. Neu war, dass auf dem Rückweg die kaiserliche Wagenkolonne von Brohl aus von einem Wasserflugzeug, einem neu konstruierten Flugzeugtyp, in der Luft „eskortiert“ wurde. Vor seiner Abreise empfing Wilhelm II. im Palais Schaumburg noch eine Abordnung von Schülerinnen des Herseler Ursulinenklosters. Am späten Abend verließen Wilhelm II. und sein Gefolge Bonn mit dem Hofzug, der während des gesamten Aufenthalts auf einem Nebengleis des Bahnhofs gestanden hatte. Eine Verlängerung des Aufenthalts war dieses Mal nicht möglich, weil am 18.10.1913 in Leipzig die große Einweihungsfeier für das Völkerschlachtdenkmal stattfinden sollte. Da viele studentische Verbindungen bereits Abordnungen nach Leipzig geschickt hatten, fanden bei diesem Bonner Aufenthalt des Kaisers keine entsprechenden Aktivitäten statt. Was diesem Zeitpunkt niemand ahnte: Es sollte der letzte Besuch Kaiser Wilhelms II. zu Friedenszeiten in seiner getreuen Stadt Bonn gewesen sein.[60]
9. Schlussbetrachtung
Insgesamt auffällig ist der Wandel der Kaiserbesuche über die zwei Jahrzehnte hinweg, wobei bei den ersten Aufenthalten des Monarchen die Universität und stärker noch das Korps Borussia eindeutig im Mittelpunkt standen. Der Kaiser absolvierte bei diesen frühen Besuchen eine Vielzahl öffentlicher Auftritte und Reden. Die späteren Besuche enthalten hingegen kaum noch öffentliche Termine und überhaupt keine größeren Ansprachen mehr. Auch nahm er keine Möglichkeiten zur Teilnahme an Veranstaltungen der Universität und der Korporationen mehr wahr, Wilhelm II. zog sich während seiner späteren Aufenthalte in Bonn weitgehend ins Private zurück. Der Kaiser verhielt sich nun eher wie ein Tourist denn wie ein Staatsoberhaupt und unternahm verschiedene Ausflüge in die Eifel. Folgende Gründe mag es für diese Entwicklung vielleicht gegeben haben:
- Mit zunehmendem Alter brachte Wilhelm II. den Angelegenheiten der Bonner Universität und dem studentischen Treiben „seiner“ Borussia möglicherweise weniger Interesse entgegen als in den frühen Jahren seiner Herrschaft.
- Die Rolle als Automobilist wurde für den technikbegeisterten Monarchen zu einem neuen Hobby, dem er sich ab 1902/1903 mit zunehmender Begeisterung widmete; die Nutzung des Kraftfahrzeugs „veränderte das Freizeit- und Reiseverhalten des Kaisers“[61], wofür der Wandel der Besuche Wilhelms II. in Bonn ein Beleg sein könnte.
- Infolge zunehmender innenpolitischer Kritik an seinem Regierungsstil, die sich an umstrittenen Reden sowie an Skandalen des Kaisers und seines Hofstaats entzündete[62], mag in späteren Jahren vielleicht eine etwas größere Zurückhaltung und eine Reduktion öffentlicher Auftritte – so auch bei den Aufenthalten in Bonn - zur Folge gehabt haben. Allerdings zeigte sich das veränderte Besuchsverhalten des Monarchen bereits im Herbst 1906, während die anhaltende Kritik am Auftreten Wilhelms II. erst eine Folge des Eulenburg-Skandals 1907 und insbesondere der Daily-Telegraph-Affäre 1908 war; und selbst nach diesen Affären war die größere Zurückhaltung in den öffentlichen Auftritten und Reden Wilhelms II. nur vorübergehender Natur.[63]
In Bonn jedenfalls hielten die alten monarchischen Eliten dem Kaiser bis in den Ersten Weltkrieg hinein und noch darüber hinaus die Treue. Bei der verspäteten Feier zum 100-jährigen Jubiläum der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität am 3.8.1919 scheute sich der Universitätsrektor Ernst Zitelmann (1852-1923) in Anwesenheit des neuen preußischen Kultusministers, des Sozialdemokraten Konrad Haenisch (1876-1925, Kultusminister 1919-1921), nicht, an das besondere Verhältnis von Stadt und Universität zu Wilhelm II. zu erinnern: In Ehrfurcht und tiefstem Mitgefühl gedenke ich darum heute vor allem des erlauchtesten Zöglings dieser Universität, des erhabenen ehemaligen deutschen Kaisers. Ihm, der so oft in Bonn umjubelt worden ist, ihm senden wir in seine tragische Einsamkeit unsere ehrfurchtvollsten Grüße und zugleich die heißesten Wünsche für sein Wohl und das seines Hauses.[64]
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Rosin, Philip, Kaisertage am Rhein. Besuche Wilhelms II. in Bonn zwischen 1891 und 1913, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/kaisertage-am-rhein.-besuche-wilhelms-ii.-in-bonn-zwischen-1891-und-1913/DE-2086/lido/5d89fb171dc5f6.17456174 (abgerufen am 18.05.2026)
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Sekundärliteratur
-> Albig, Jörg-Uwe: Wilhelm II. Als Kaiser der Letzte, in: Deutschland um 1900. Von Bismarck bis Wilhelm II. Aufstieg und Fall des Kaiserreichs (GEO Epoche Jg. 2004, Heft Nr. 12), Hamburg 2004.
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