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Die Hanse

Inhaltsverzeichnis

  1. Mittelalter: Die Hanse beherrscht den Norden
  2. Ende eines Handelsbündnisses. Das letzte Treffen der Hanse
  3. Kampf gegen Dänemark. Der Krieg der Krämer. 

1. Mittelalter: Die Hanse beherrscht den Norden

Unter Führung von Kaufleuten aus Lübeck entwickelt sich Ende des 13. Jahrhunderts der Städtebund Hanse. Er verbindet Dutzende Orte und beschert den beteiligten Städten großen Reihtum.

Ende des 13. Jahrhunderts beginnt in Norddeutschland eine wirtschaftliche Blütezeit: die Ära der Hanse. Der Städtebund entwickelt sich aus einer losen Interessengemeinschaft von Kaufleuten. Unter Führung von Lübecker Händlern entsteht daraus ein Netz von Wirtschaftsverbindungen zwischen Hafenstädten an Nord- und Ostsee sowie Handelsstädten im Binnenland. Den Begriff Hanse für den Städtebund verwenden erstmals um 1282 deutsche Kaufleute, die in England arbeiten - ein konkretes Gründungsdatum für die Hanse gibt es nicht.

Vom Kaufmannsbund zum Machtfaktor

Auch Rostock zählte zu den wichtigen Kaufmannsstädten.

Zu ihrer bedeutendsten Zeit gehören der Hanse etwa 200 Städte im Nord- und Ostseeraum an, darunter alle wichtigen Kaufmannsstädte: von Lübeck, Bremen, Hamburg und Rostock über Königsberg und Danzig bis zu Orten im Binnenland wie Duderstadt, Hameln und Uelzen. Die Warenströme fließen meist über die Ostsee. Holz, Felle, Getreide und andere Rohstoffe gelangen nach Westeuropa, fertige Produkte wie Wein und Tuche an die östliche Ostseeküste. Die Organisation wird zu einer wirtschaftlichen Großmacht. Das Netz der Handelswege erstreckt sich im 16. Jahrhundert von Portugal bis nach Russland, von Skandinavien bis nach Süditalien.

Koggen transportieren Ware der Hanse

Das typische Handelsschiff der Hanse ist die Kogge: bauchig, geräumig und schnell zu bauen. Ein einziger Mast mit einem Rechtecksegel treibt die Kogge an. Bis die Handelsgüter im Zielhafen angelandet werden können, kann viel Zeit vergehen. Die Schiffe segeln fast immer in Sichtweite der Küste. Die Seeleute müssen auf günstige Winde warten, denn gegen den Wind kreuzen können Koggen nicht. Die Arbeit an Bord der Koggen ist hart, dort gilt eine strenge Hierarchie. Decksknechte sind der "letzte Mann", der alles machen muss, was den gestandenen Seeleuten zu lästig ist.

Zweiklassengesellschaft: Kaufleute und Tagelöhner

Profiteure des wachsenden Fernhandels sind die Kaufleute in den Hafenstädten. Sie häufen große Reichtümer an. In den Häfen schuften unterdessen Tagelöhner, die meist unter erbärmlichen Verhältnissen in primitiven Holzbehausungen leben. Einzige Lichtquellen sind dort das offene Feuer und ein Loch im Dach. Viele Menschen müssen um jede Mahlzeit kämpfen.

Lübeck: Tor zum Ostseehandel

Das Holstentor in Lübeck war stets auch ein Symbol für den Reichtum der Bürger und die Macht der Hanse.

Lübeck mit seinem direkten Zugang zur Ostsee ist zeitweise einer der Hauptorte der Hanse. Reeder und Seeleute der Stadt, Bürger und Kaufmänner genießen größtes Ansehen. Im Lübecker Rathaus werden von 1356 an viele Ratsversammlungen abgehalten. An diesen sogenannten Hansetagen nehmen etwa 70 Hansestädte teil. Zusätzliches Gewicht gewinnt Lübeck durch seine Zusammenarbeit mit Hamburg. Die Hamburger Warenströme für den Ostseeraum fließen über die Stadt an der Trave. Auf der Nordsee setzt Hamburg eigene Schiffe ein.

Fernhandel versorgt Hansestädte

Die Hansestädte verdienen durch den Handel nicht nur viel Geld. Sie lassen sich auch zunehmend vom Fernhandel versorgen. Die Schiffe und Fuhrwerke der Hanse bringen Felle und Textilien, aber auch Lebensmittel aller Art, auf die die Bevölkerung der wachsenden Städte angewiesen ist. Getreide und Fisch, Salz, Butter und Pökelfleisch gehören ebenso zur Ladung der Hansekoggen wie Wein und Bier. Tonnenweise wird die Nutzlast von Hand an Bord gebracht.

Die Piraten - Raubritter zur See

Finsterer Pirat oder Robin Hood der Hansezeit? Klaus Störtebeker.

Große Gefahr auf den Meeren droht den Handelsschiffen nicht nur durch Stürme, sondern auch durch Piraten. Auf Nord- und Ostsee lauern sie, bis sie ein Hanseschiff entdecken. Und fast nie geben sie auf, bevor sie mit reicher Beute davonsegeln können. Selbst Menschenleben schonen sie nicht.

Seeräuber sind nicht nur Gesindel und Kriminelle. Auch verarmte Adelige finden sich in ihren Reihen. Im 14. Jahrhundert werden die Piraten sogar Kriegspartei, ausgestattet mit Kaperbriefen der Mecklenburgischen Herzöge im Thronstreit mit Dänemark. Die berühmtesten unter den Seeräubern sind die Vitalienbrüder. Man nennt sie auch Likedeeler - das bedeutet: Sie teilen alle Beute gleichmäßig unter sich auf. Im Gegensatz zu der strengen Ordnung, die sonst im Mittelalter herrscht, bilden sie eine Bruderschaft mit gleichen Rechten. Zu den Likedeelern zählt auch der legendäre Klaus Störtebeker.

Hanse geht gegen die Seeräuber vor

Die Hanse ist lange Zeit wehrlos gegen die Seeräuber, doch im April 1400 gehen die Hansestädte vereint gegen sie vor: Elf Koggen, an Bord 950 Mann unter Waffen, laufen von Hamburg aus, um die Vitalienbrüder auszuschalten - mit Erfolg. Im Jahr 1401 gelingt es den Hamburgern, auch Klaus Störtebeker gefangen zu nehmen: Er wird wenig später in Hamburg hingerichtet.

Im 17. Jahrhundert geht es bergab

In den folgenden Jahrhunderten verliert das Bündnis rasch an Bedeutung. Kaufleute aus anderen Ländern mischen erfolgreich im Handel mit, nationale Interessen stehen dem internationalen Bündnis entgegen. So geht der Hansetag des Jahres 1669 als letzter der alten Hanse in die Geschichte ein - mit nur noch neun Teilnehmern.

Eine neue Hanse entsteht

1980 wird im niederländischen Zwolle die Hanse der Neuzeit gegründet: ein Städtebund, der an die Tradition der alten Hanse anknüpfen will. 2025 gehören ihm fast 200 Städte in 16 Ländern an, die meisten sind deutsche Städte. In jedem Jahr veranstaltet die Vereinigung einen Hansetag in einer der Mitgliedsstädte. Die neue Hanse will den Austausch zwischen den Städten auf kulturellem, wissenschaftlichem und sozialem Gebiet fördern und die Wirtschafts- und Handelskontakte der beteiligten Orte stärken.

2. Ende eines Handelsbündnisses. Das letzte Treffen der Hanse.
Der Stahlhof, die Handelsniederlassung der Hanse in der Thames Street in London, Ausschnitt eines historischen Kupferstiches aus dem 17. Jahrhundert, auf dem Bild markiert als Gebäudekomplex Nr. 55
Der „Stalhof“, die Londoner Handelsniederlassung der Hanse, auf einem historischen Kupferstich© picture-alliance / akg-images


Vor 350 Jahren versammelten sich im Lübecker Rathaus die Abgesandten von neun norddeutschen Städten. Sie vertraten die Städte der Hanse, die im späten Mittelalter den Nord- und Ostseeraum beherrschten. Eine Zukunft hatte die Hanse 1669 aber nicht mehr.
Sie hatten eine prall gefüllte Tagesordnung, die Vertreter Hamburgs, Bremens, Danzigs, Rostocks sowie fünf weiterer Hansestädte, die sich am 29. Mai 1669 im Lübecker Rathaus versammelten. Das letzte vergleichbare Treffen lag bereits vier Jahrzehnte zurück. Mittlerweile war der Dreißigjährige Krieg zu Ende gegangen. Die gemeinsame Niederlassung der Hanse in London, der Stalhof mit seinen Geschäfts-, Lager- und Wohnräumen für die deutsche Kaufmannschaft, war 1666 abgebrannt. Zu entscheiden war über den Wiederaufbau, ferner über die Ernennung eines Syndikus als Geschäftsführer der Hanse sowie nach den Worten der Lübecker Historikerin Angela Huang nicht zuletzt über einen neuen Konföderationsvertrag: „Was deutlich wird, ist, dass die vordringlichsten Punkte (…) das Londoner Kontor, also (…) der Stalhof, waren und die Konföderation der Hansestädte, das nimmt den meisten Raum ein neben der Beratung auch von finanziellen Fragen.“

Mehr als 300 Jahre Handelstradition

Nach zähem Feilschen gelang immerhin eine Einigung über den Stalhof. Der englische König hatte Druck gemacht und gedroht, das Ruinengrundstück an der Themse zu enteignen.
„Letzten Endes beschließt man dann aber, dass Hamburg den Stalhof wiederaufbauen soll, allerdings im Namen der Gemeinschaft und ohne dass die Rechte der anderen Städte davon berührt wurden.“
Die Delegierten, die 1669 im Lübecker Rathaus 18 Sitzungen miteinander verbrachten, standen am Ende einer mehr als drei Jahrhunderte zurückreichenden Tradition. Der erste Hansetag hatte 1356 stattgefunden, als das Handelsbündnis der norddeutschen und Ostseestädte im Zenit seiner Macht stand. Zur Debatte stand damals ein Konflikt mit der Grafschaft Flandern, die die Privilegien der Hanse-Kaufleute in Brügge beschneiden wollte. Die Hanse pflegte in solchen Fällen ein Handelsembargo zu verhängen, mit dem sie die jeweils gegnerische Partei in der Regel in die Knie zwang. Auch Brügge gab nach einigen Jahren klein bei. Dem ersten Treffen der hansischen „Ratsendeboten“ folgten in unregelmäßigen Abständen weitere, in der Regel in Lübeck.

Über 170 Hansetage insgesamt

„Wir gehen derzeit davon aus, dass es etwas über 170 Hansetage gab, allerdings mit abnehmender Frequenz. (…) In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts finden sehr viele Hansetage statt. Das nimmt dann im 16. Jahrhundert allmählich ab und wird (…) schließlich im 17. Jahrhundert durch den Dreißigjährigen Krieg auf (…) ganz wenige Tagfahrten reduziert. Zwischen 1629 und 1669 findet dann (…) gar kein Hansetag mehr statt.“
Die Geschichte der Hansetage spiegelte somit das Schicksal des Handelsbündnisses selber. An dessen Anfang standen genossenschaftliche Zusammenschlüsse von Kaufleuten, die auf auswärtigen Märkten, in Russland, Skandinavien, England, Flandern, gemeinsame Interessen schützen und privilegierte Geschäfte treiben wollten. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts war daraus ein Städtebund hervorgegangen, der den gesamten Handel auf der Achse zwischen Nowgorod, Brügge und London kontrollierte und, wenn es sein musste, auch erfolgreich Krieg führte gegen Großmächte seiner Zeit.

Monarchien läuten Niedergang der Hanse ein

Der Niedergang setzte ein, als sich das politische Umfeld änderte. Die Stabilisierung monarchischer Herrschaft in der frühen Neuzeit ging auf Kosten städtischer Autonomie. Das Geschäftsmodell der Hanse, das auf exklusiven Handelsprivilegien beruhte statt auf dem Prinzip eines freien Warenaustauschs, geriet unter Druck. Auch der innere Zusammenhalt des Bündnisses wurde brüchig. Mehr „umbra“ als „res ipsa“, mit anderen Worten, nur noch ein Schatten ihrer selbst sei die Hanse, konstatierten 1669 die Stadtväter von Wismar. War das Ende also absehbar?
„Rückblickend sehen wir natürlich gerne, dass das ja klar war, dass es sich lange angebahnt hat, dass dies der letzte Hansetag sein sollte. Das war den teilnehmenden Delegierten nicht bewusst. Man war sich durchaus bewusst, dass die Hanse nach dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr in dem Zustand war wie zuvor, dass man also die Hanse wieder aufrichten wollte. (…) Doch werden viele Punkte auch explizit auf einen nächsten Hansetag (…) verschoben. (… ) Insofern wird aus den Protokollen selber (…) sehr klar deutlich, dass man hier keinen Endpunkt gesehen hat.“
Einen weiteren Hansetag hat es dann allerdings nicht mehr gegeben. Für eine neue Konföderation, die Wiederherstellung des alten Glanzes, die Verwirklichung der großen Vorsätze des Delegiertentreffens von 1669 fehlte die Kraft.

3. Kampf gegen Dänemark. Der Krieg der Krämer.

Kaufleute lieben den Krieg nicht, denn er ist schlecht fürs Geschäft. Doch als der dänische König Waldemar IV. den lukrativen Ostseehandel der Hanse bedroht, schmiedet der Städtebund eine Allianz gegen den Monarchen – und zieht 1368 in den Entscheidungskampf

Unter König Waldemar IV. hat Dänemark seine alte Stärke wiedererlangt. Doch der seit 1340 regierende Monarch wil mehr: die Kontrolle über ganz Skandinavien sowie den Handel in der Ostsee (Hafen von Kopenhagen; Gemälde von Johan Christian Clausen Dahl, 1788–1857)

 

Als an diesem Frühlingstag in der Ostsee eine Kogge vor der Südspitze der langen Insel Hiddensee ankert, deutet wenig darauf hin, dass hier eine Großmacht in den Krieg zieht. Doch dann tauchen immer mehr Schiffe auf: drei Koggen aus Lübeck, zwei aus Rostock, fünf aus den Städten Preußens. Nach und nach sind es 17 bauchige Lastensegler, die sich hier sammeln, dazu zahlreiche schmale Einmaster, die schneller und wendiger sind. Und die Handelsschiffe haben diesmal kein Salz und Getreide an Bord – sondern fast 2000 Krieger.

Auf den Decks drängen sich Männer aus dem Baltikum, Preußen und Norddeutschland, Söldner sind darunter, aber auch Handwerker und Kaufleute, die heute ebenfalls schwere Waffen mit sich tragen: Helme, Brustharnische und Eisenhandschuhe, Schwerter und Streitäxte, Bogen und Armbrüste.

Aus den größeren Schiffen dringt der Geruch von Pferden, die den Männern im Kampf zu Land helfen sollen. Anführer der Flotte ist Bruno Warendorp, ein Mann mit respektgebietendem Kinnbart und welligem Haar. Warendorp ist Bürgermeister von Lübeck, der bedeutendsten Hansestadt, und der Hansetag, eine Versammlung von Kaufmannsstädten, hat ihm einen ebenso großen wie riskanten Auftrag erteilt: Er soll Nordeuropa beweisen, dass Krämer Kriege gewinnen können.

Auf den bevorstehenden Waffengang haben sich er und die Führer anderer Hansestädte deshalb genau vorbereitet, haben unter anderem Allianzen mit Königen und Adeligen geschmiedet. An Nord- und Ostsee sollen ihre Truppen nun gleichzeitig in den Kampf ziehen. Die größte und wichtigste Flotte befehligt Warendorp persönlich. Jetzt muss sich zeigen, ob der ambitionierte Plan funktioniert. Und ob der Lübecker der richtige Stratege an der Spitze ist.

Auf ein Kommando hin lichtet die Flotte die Anker und segelt los, Kurs Nordwesten. Der Lübecker lenkt die Schiffe Richtung Öresund, mitten hinein ins Zentrum des gegnerischen Reichs: zum strategisch wichtigen Kopenhagen. In diesem April 1368 wagt die Hanse den Entscheidungskampf um die Macht im Ostseeraum. Es ist ein Konflikt der Ungleichen: Auf der einen Seite stehen kühl kalkulierende Kaufleute wie Warendorp, die Kriege nach Kräften meiden, denn Waffengänge sind teuer, voller Risiken und zumeist schlecht fürs Geschäft. Warendorp und seine Leute setzen lieber auf Verträge. Erst wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, greifen sie zu den Waffen.

Auf der anderen Seite steht König Waldemar IV., ein brillanter Taktiker und brutaler Machtmensch. Der Anführer der Dänen hat sein einst zerstückeltes Reich binnen zwei Jahrzehnten zu einer Großmacht geformt. Doch er will mehr: die Vormachtstellung in ganz Skandinavien. Verträge stören ihn da nur. Seine Gegner bezwingt Waldemar durch Überrumpelung, schlaue Allianzen – und immer wieder durch Krieg. Kaufleute und König mögen unterschiedlich sein. Eines allerdings haben sie gemein: Beide wollen vom lukrativen Handel im Ostseeraum profitieren. Und das macht sie nun bereits zum zweiten Mal zu erbitterten Feinden.

Das Duell entzündet sich an zwei meerumspülten Regionen. Zum einen an der Insel Gotland, östlich des schwedischen Festlands gelegen, fast auf halber Strecke zum Baltikum. Sehr grün ist Gotland, fast 150 Kilometer lang und ein bedeutender Umschlagplatz für den Seehandel zwischen Ost- und Westeuropa. In der Hafenstadt Visby landen Pelze, Wachs und Getreide aus Russland und dem Baltikum, Eisen, Stockfisch und Heringe aus Skandinavien. Die Hanse verfügt über verbriefte Privilegien der schwedischen Könige. Visby ist für den Bund als Zwischenstation und Handelsstützpunkt wichtig.

Ähnliches gilt für Schonen, eine Region im Süden des heutigen Schweden. Vor der Küste dort fangen Fischer jedes Jahr gewaltige Mengen an Hering, einem Grundnahrungsmittel. Die Hansekaufleute besitzen in Schonen wichtige Privilegien, verliehen von früheren Fürsten. Auch dank dieser Vorrechte dominieren sie den Handel in der Region. All das gerät mit dem Aufstieg des dänischen Königs Waldemar IV. in Gefahr, der seit 1340 auf dem Thron sitzt. Der Monarch ist gebildet, mit 1,85 Meter Größe imposant für seine Zeit.

Doch anfangs ist er wie ein Herrscher ohne Land. Weite Teile des einst großen Reichs sind aus Geldnot an Fürsten und Adelige verpfändet, das reiche, ursprünglich dänische Schonen steht unter der Oberhoheit des schwedischen Königs. Nun will Waldemar seinen Staat durch militärische Eroberungen ausbauen und festigen. Die Führer der Hansestädte verfolgen seine Bestrebungen zunächst durchaus mit Wohlwollen: Ein einheitliches dänisches Reich kann für mehr Stabilität im Ostseeraum sorgen.

Bald aber wird deutlich, dass Waldemars Vorgehen für den Städtebund Gefahren birgt. 1360 nimmt er Schonen ein, im Jahr darauf unterwirft er in blutigen Kämpfen Gotland und lässt Visby nur deshalb nicht plündern, weil die Bürger der Stadt ihm große Mengen an Gold und Silber aushändigen. Jetzt will Waldemar auch stärker vom Handel an der Ostsee profitieren, denn Söldner sind teuer. Daher erlegt er den Hansekaufleuten in Schonen höhere Abgaben und Zölle auf. Zudem kann er nun jederzeit den wichtigen Handelsweg durch den Öresund in die Nordsee blockieren. Und das ist für die Hansestädte eine Katastrophe.

Und so entschließen sich zahlreiche von ihnen 1361, mit Waffen gegen den dänischen König zu ziehen. Die Hansehändler vertrauen dabei auf eine breite Allianz. Ihre Städte schließen nicht nur Verträge untereinander, sondern auch mit den Königen von Schweden und Norwegen sowie mit dem Deutschen Orden im Baltikum. Erstmals setzen sie eine Steuer fest, um die Kosten des Konflikts aufbringen zu können. Gezahlt wird sie vor allem von norddeutschen und preußischen Städten.

Schon vorher hat sich die Hanse für einzelne Projekte enger zusammengetan, etwa beim Boykott der Stadt Brügge 1358 (siehe Seite 70). Nun aber schmieden Hansemitglieder ein Kriegsbündnis. Doch ehe es 1362 zum ersten Waffengang kommt, geht so gut wie alles schief. Zum einen verweigern sich die niederländischen Hansestädte dem Handelsembargo gegen Dänemark, das den Sieg erleichtern soll. Zum anderen beteiligen sich Städte in Preußen und Westfalen wie Danzig und Soest nicht mit Schiffen an dem kostspieligen Kriegsprojekt. Und schließlich schicken die königlichen Alliierten auch nicht die versprochenen Soldaten. Rasch sind die Hansetruppen, unter anderem aus Rostock und Wismar, weitgehend auf sich gestellt.

In dieser Situation begeht ihr Befehlshaber einen schweren Fehler. Johann Wittenborg, damals Lübecker Bürgermeister und Warendorps Vorgänger als Kommandeur, will den Fall der Festung Helsingborg am Öresund erzwingen. Solange Waldemar das Bollwerk hält, ist ja der Schiffsverkehr zwischen Ost- und Nordsee gefährdet.

Als die Unterstützung der Verbündeten ausbleibt, schlägt Wittenborg einfach los. Er lässt fast alle verfügbaren Krieger von den vor der Küste wartenden Schiffen übersetzen und schickt sie in den Kampf um Helsingborg. Waldemar nutzt die Chance zum Überraschungsangriff von See aus. Mit seiner Flotte segelt er heran, erobert zwölf der 27 fast schutzlos zurückgelassenen Koggen; die Hansetruppen an Land sind mit einem Schlag vom Nachschub abgeschnitten, hilflos, gestrandet vor der Stadt des Feindes, gezwungen aufzugeben; viele geraten in Kriegsgefangenschaft.

Erst als die Hansestädte Lösegelder zahlen und einem ungünstigen Waffenstillstand zustimmen, können die Überlebenden in die Heimat zurückkehren. Die Niederlage von Helsingborg 1362 ist eine militärische Blamage, die gekaperte Flotte zudem ein gewaltiger materieller Schaden. Die Kaufleute müssen den gesamten Krieg verloren geben. Nach langen Verhandlungen schließen König und Kaufleute 1365 Frieden – doch Entspannung bringt dieses Abkommen nicht. Die Rechte der Hansestädte beim Handel in Schonen sind nun stark gestutzt. Ihre Kapitäne haben hohe Gebühren zu entrichten, wenn sie den Öresund passieren. Zuweilen lässt Waldemar Schiffe einfach konfiszieren.

Diesmal fordern die preußischen und niederländischen Handelsstädte als Erste einen neuen Feldzug. Sie sehen ihre Zurückhaltung im vorangegangenen Krieg gegen Waldemar übel belohnt – sie hatten sich mehr Wohlwollen des dänischen Herrschers erhofft. Vor allem aber ist eine ungehinderte Sundpassage für die preußischen und niederländischen Kaufleute lebenswichtig. Auch der neue schwedische König möchte den dänischen Vormarsch stoppen.

Dafür zögern jetzt die Ostseestädte um Lübeck, die die Hauptlast des ersten Krieges getragen haben: Sie wollen den Konflikt mit Waldemar durch Verhandlungen beilegen. Doch die Gespräche mit dem König scheitern. Nun ist auch den zurückhaltendsten Kaufleuten klar, dass sie noch einmal zu tun haben, was sie nach Kräften vermeiden wollten. Sie müssen einen zweiten Krieg gegen den König wagen.

Köln, 19. November 1367 . Der Ort der Verhandlungen ist mit Bedacht gewählt: Näher an den niederländischen Städten als sonst treffen sich Abgesandte der Kaufmannsstädte und konferieren in der hansischen Metropole am Rhein. Der neue Kriegszug soll von weitaus mehr Städten getragen werden. An diesem Tag schließen die Delegierten einen Pakt. Gegen Waldemar und dessen Schwiegersohn, den König von Norwegen. „Um mancherlei Unrecht und Schaden, den die Könige dem gemeinen Kaufmanne tun und getan haben, wollen die Städte ihre Feinde werden und eine der anderen treulich helfen“, verkünden sie.

Erneut soll der amtierende Bürgermeister Lübecks den so beschlossenen Waffengang leiten: Bruno Warendorp hat bereits am ersten Krieg teilgenommen – und miterleben müssen, wie sein Freund und Vorgänger Wittenborg kläglich gescheitert ist. Warendorp weiß also um die Risiken eines erneuten Kampfes.

In den folgenden Monaten treten der Kölner Konföderation insgesamt 57 Städte bei, zudem können die Hansekaufleute Schwedens König, mehrere norddeutsche Fürsten und zahlreiche abtrünnige dänische Adelige in eine Allianz einbinden. Die Hanseleute wollen Dänemark nur schwächen und die eigenen Privilegien sichern, ihre Verbündeten aber wollen es zerstören. Durch komplizierte Verträge suchen die hansischen Vertreter sicherzustellen, dass das Bündnis trotz dieser sehr unterschiedlichen Interessen hält. Ein genauer Plan legt fest, welche Schiffe wann wo zum Einsatz kommen. Um den Krieg zu finanzieren, zahlen die Städte wieder eine Sondersteuer.

Sie können es sich deshalb sogar leisten, ihren weniger wohlhabenden adeligen Verbündeten zehn Schiffe zu stellen und ihnen Geld für die Kosten des Feldzugs vorzustrecken. Abgerechnet wird nach dem Krieg. Der Kampf beginnt mit psychologischer Kriegführung: Der Hansetag in Lübeck schickt Berichte über Waldemars Gewaltakte gegen den „gemeinen Kaufmann“ an den römisch-deutschen Kaiser sowie den Papst, die Könige von England und Polen und fast 30 deutsche Fürsten.

Darin heißt es, Waldemars Taten sähen „mehr nach einem Tyrannen und Piraten als nach einem König“ aus. Der Kaiser möge es ihnen nicht übel nehmen, wenn die Städte mit Gottes Hilfe etwas zu ihrer Verteidigung täten. Denn der deutsche Monarch sei ja zu fern, um seine „schwache und verlassene Herde“ zu schützen. Geschickt stellen sich die Händler in den Berichten aller Welt als aufrechte Vertragspartner dar, die allein aus Notwehr zum Äußersten greifen. Ihr Ziel: Waldemar soll jede Chance genommen werden, selber weitere Verbündete zu gewinnen.

Die Kölner Konföderation ist jedoch weitaus mehr als ein Kriegspakt. „Drei Jahre“, heißt es im Vertrag, „soll diese Verbindung mit allen Artikeln und Punkten feststehen, nachdem wir gemeinsam uns mit den Königen ausgesöhnt haben.

Damit verpflichten sich die verbündeten Städte, ihre Politik noch lange Zeit nach dem gemeinsamen Feldzug miteinander abzusprechen. Die Hansestädte sind innerhalb der breiten Anti-Waldemar- Allianz nun den Fürsten gleichgestellt und de facto ohnehin die treibende Kraft. Nie zuvor ist der Kaufmannsbund derart stark aufgetreten, war er derart gut organisiert, seine Ausgangssituation für einen Krieg so günstig. In dieser für Waldemar brisanten Lage verlässt der Dänenkönig am 6. April 1368 überraschend sein Land und segelt in Richtung Süden.

Der Monarch sucht im letzten Augenblick militärischen Beistand bei deutschen und polnischen Fürsten, unter denen er weiterhin gute Kontakte besitzt. Die Kölner Konföderation muss nun fürchten, dass der geschickte Taktiker doch noch eine Allianz zustande bringt, die die Kräfteverhältnisse zu seinen Gunsten verschiebt.

Sie hat sich zu beeilen. Bereits kurz nach Waldemars Abreise segelt Bruno Warendorp mit seiner Hanseflotte bei Hiddensee los. Bei gutem Wetter können die Krieger auf den Decks der Koggen bald schon die Kreidefelsen der Insel Møn im Südosten des feindlichen Reichs sehen. Wie alle Ostseefahrer dieser Zeit orientieren sich die Schiffer nicht mithilfe von Seekarten oder Kompass, sondern nutzen vor allem mündlich weitergegebenes Wissen über Wegmarken, die am Küstensaum sichtbar sind, sowie ein Lot, um die Tiefe des Wassers zu messen.

Der Auftrag an Warendorp steckt voller Risiken. Er soll die Kontrolle über den Öresund erringen und die Privilegien der Hansekaufleute sichern. Die strategisch wichtige Meerenge ist an ihrer schmalsten Stelle nur vier Kilometer breit. Sie trennt die dänische Insel Seeland im Westen von Schonen im Osten. Durch den Sund verläuft die Hauptschifffahrtsroute zwischen Ost- und Nordsee.

Um sie zu kontrollieren, wollen Warendorps Männer mehrere dänische Stellungen erobern: darunter Kopenhagen auf Seeland und Helsingborg in Schonen. Nur wenn ihnen dies gelingt, können Hanseschiffe wieder ungehindert passieren, und nur dann können sie zudem ihre Privilegien in Schonen sichern. Im Zentrum des Sunds liegt Kopenhagen, hier will Warendorp zuerst attackieren. Die spätere Hauptstadt Dänemarks ist ein strategisch perfekt gelegener Stützpunkt: Ihr Hafen befindet sich geschützt hinter mehreren kleinen Inseln; auf einer von ihnen wacht eine Festung über den Schiffsverkehr.

Die Überfahrt ist strapaziös. Die Kämpfer müssen zumeist auf offenem Deck dicht gedrängt in der Frühlingskühle ausharren, bis zu 100 Personen auf jeder der lediglich gut 20 Meter langen Koggen. Nur die Schiffsführung hat jeweils achtern eine Kammer. Am 2. Mai 1368 kommt eine Hafenstadt in Sicht, das Halbrund einer Stadtmauer mit drei Toren, davor der steinerne Festungsturm: Kopenhagen.

Einige der Männer an Bord sehen den Ort wahrscheinlich nicht zum ersten Mal: Bereits sechs Jahre zuvor haben hansische Truppen Kopenhagen angegriffen, im ersten Krieg gegen Waldemar. Die Kämpfer überprüfen ihre Waffen, Schwerter, Beile, Armbrüste, manche von ihnen verfügen wohl bereits über die neuartigen Schusswaffen. Die Ausrüstung ist teuer – und muss selber gestellt werden; nur Männer, die den Besitz von Handwaffen nachweisen können, dürfen überhaupt den Bürgereid der Hansestädte ablegen.

Jedes Gewerbe daheim hat sich verpflichtet, eine festgelegte Zahl von Kämpfern zu stellen. Die Truppen sind strikt geordnet: Die Rostocker unterstehen Rostocker Hauptleuten, die Stralsunder Befehlshabern aus Stralsund. Und sie alle gehorchen Bruno Warendorp, dem Hauptmann der lübischen Schiffe. Dessen oberstes Ziel ist nun Tempo, denn die Segler nähern sich gerade der Stadt und sind vermutlich schon von den Wachen am Hafen entdeckt worden. Die Angreifer um Warendorp müssen also landen, bevor die Verteidiger sich in Stellung gebracht haben.

Schon gleiten die ersten Schiffe in den Hafen. Die Besatzungen reffen die Segel und verlangsamen so die Gefährte. Einige Schiffe sichern die Landung zur See hin, andere nähern sich den Anlegestellen. Eilig springen Kämpfer von Bord – es scheppert, als die Männer ihre Rüstungen anlegen. Auf ihren Koggen haben sie zudem schweres Belagerungsgerät mitgeführt: große hölzerne Katapulte und gewaltige Armbrüste zum Schleudern und Schießen von Steinen und Pfeilen, dazu eine Art Rammbock auf Rädern

Auch Dutzende Reitpferde werden an Land geführt. Es ist eine der ersten großen amphibischen Landungen in der Geschichte Nordeuropas. Doch kein Augenzeuge, keine spätere Quelle berichtet über die nun beginnenden Kämpfe. Sicher scheint nur so viel: Rasch stürmen fast 2000 schwer Bewaffnete von den Hafenanlagen aus in die Gassen des kaum 6000 Einwohner zählenden Orts. Die Angreifer treffen auf verängstigte Bürger – und so wenig feindliche Kämpfer, dass sie die Stadt wohl binnen eines Tages vollständig erobern.

Warendorp ist wohl selbst überrascht, wie reibungslos alles abläuft. Tatsächlich haben dänische Adelige und Ritter keine Hilfstruppen geschickt, weil viele von ihnen ihrerseits auf die Schwächung ihres machthungrigen Königs hoffen. Doch gesiegt hat Warendorp noch nicht. Er befiehlt seinen Männern, sich einzurichten, vermutlich in konfiszierten Häusern, stellt Wachen auf – und belagert die Festung auf der kleinen vorgelagerten Insel Slotsholmen, die, obwohl von allem Nachschub abgeschlossen, noch immer von dänischen Truppen gehalten wird. Eine Brücke verbindet sie mit der Stadt.

Jetzt setzen die Angreifer das mitgebrachte Belagerungsgerät ein. Mit den Katapulten schleudern sie Steine und Balken in Richtung der Mauern, mit Armbrüsten schießen sie Brandsätze über die Zinnen und beginnen wohl den Burggraben mit Geröll und Erdreich aufzufüllen, um mit dem rollenden Rammbock das Tor zu zerschmettern. Sechs Wochen dauert der Kampf an. Dann geben die Belagerten, von Hunger geschwächt, auf.

Zufrieden zieht Warendorp in die Burg ein, die er zu seinem Hauptquartier macht. Um Waldemar jede Chance zu nehmen, Kopenhagen zurückzuerobern, lässt er im Hafen Schiffe versenken, als Hindernisse, um das Anlanden dänischer Boote zu verhindern. Zudem lässt er die Stadt zerstören. Krieger laufen mit Fackeln durch die Gassen und legen überall Feuer. In den Flammen verbrennen Wohnhäuser, Werkstätten, Läden und Ställe. Vermutlich fliehen die Bewohner ins Landesinnere: Weg von der Küste, an der die Hanse wütet. Deren Befehlshaber handelt im Krieg genauso rücksichtslos wie jeder adelige Feldherr.

Die Kaufleute haben in Kopenhagen zwar eine wichtige Schlacht gewonnen, aber noch immer müssen sie fürchten, dass Waldemar, der sich weiterhin im Ausland aufhält, neue Verbündete gewinnt. Es gilt also wie zuvor, schnell Fakten zu schaffen. Und die Aussichten scheinen gut. Denn es gibt für die Hanse auch Erfolgsmeldungen von den anderen Schauplätzen des Krieges: So kapituliert unter anderem der norwegische König, Waldemars Schwiegersohn, zermürbt von Angriffen niederländischer Schiffe auf seine Küstenstädte.

Den mit der Hanse verbündeten norddeutschen Fürsten und schwedischen Truppen gelingt es, große Teile Dänemarks zu erobern und mit ihren Koggen die Kontrolle über den Handelsverkehr auf dem Öresund zu erringen. Im Juli 1368 scheint der Krieg damit so gut wie gewonnen. Fast alle Bollwerke entlang des Öresunds sind gefallen. Zwar halten die Dänen noch die große Festung Helsingborg, doch wird sie seit dem Winter von Hansetruppen blockiert. Trotzdem ist Waldemar (der sichnoch immer im Ausland aufhält) zu keinen Friedensverhandlungen bereit. Möglich, dass der König erneut einen Überraschungsangriff bei Helsingborg plant, so wie sechs Jahre zuvor.

Was also sollen Warendorp und die anderen Hauptleute tun? Eine Versammlung von 20 Hansestädten überlässt den Befehlshabern die schwere Entscheidung. Wenn sie sich stark genug fühlen, bescheiden sie ihnen, mögen sie die Festung „in Gottes Namen belagern“ – und hoffentlich einnehmen.

Nur wie? Helsingborg ist von einer fünf Meter dicken Mauer geschützt, zudem gesichert von 14 Verteidigungstürmen und einem Burggraben, über den nur eine Zugbrücke führt. Im Zentrum der Festung ragt ein rotbrauner Backsteinturm 35 Meter in die Höhe Aushungern lassen sich die Verteidiger nur sehr schwer, denn der Turm verfügt über eine eigene Wasserversorgung, und das acht Meter hohe Erdgeschoss ist voller Lebensmittel und Brennholz. Belagerte können hier lange ausharren und auf Hilfe warten. Dennoch geht Warendorp die Herausforderung an. Helsingborg muss fallen, sonst schleppt sich der kostspielige Krieg womöglich über Monate hin.

Im Frühjahr 1369 beginnen die Hansetruppen mit Angriffsvorbereitungen. Bald schleudern ihre Katapulte wieder steinerne Geschosse auf eine dänische Festung, wieder schießen Männer brennende Pfeile. Doch Monate verstreichen, ohne dass sich etwas tut. In einer ähnlichen Lage hat Warendorps Vorgänger sechs Jahre zuvor die Geduld verloren und alle verfügbaren Männer in einen stürmischen Kampf geschickt – und so ihre Niederlage besiegelt. Auch Warendorp ändert nun seine Taktik. Allerdings auf ganz andere Art. Denn plötzlich kursieren Gerüchte in den Ostseestädten: Mit einer Übermacht stehe die Hanse vor Helsingborg, insgesamt 2200 Mann.

Die Zahl hat Warendorp selbst in Umlauf bringen lassen, zur Täuschung des Gegners. Sie wirkt so überzeugend, dass sie sogar im heimischen Lübeck für Verwirrung sorgt. Die sparsamen Ratsleute machen ihrem Befehlshaber aus der Ferne Vorwürfe: Die Verpflegungskosten für eine so große Streitmacht, schreiben sie ihm, seien doch viel zu hoch. Warendorp antwortet, in Wahrheit sei er mit nur 1100 Leuten vor Ort, darunter 260 voll Bewaffnete. Der Rest seien Knappen, Köche und Handwerker.

Inzwischen verhandelt er mit den Verteidigern von Helsingborg, die von den in Umlauf gebrachten Zahlen offenbar tatsächlich eingeschüchtert sind. Und jetzt kommt Warendorp die gute Planung des gesamten Feldzugs zugute. Die Hanse und ihre Verbündeten halten sich diesmal nämlich genau an ihre vertraglichen Zusagen über Truppenkontingente. Allmählich sehen auch Waldemars Getreue in Helsingborg ein, dass ihre Lage so gut wie aussichtslos ist.

Am 21. Juli 1369 schließen Verteidiger und Angreifer deshalb einen Vertrag. Den hansisch-fürstlichen Truppen, „die auf dem Felde vor Helsingborg sind“, werde am 8. September die Burg übergeben, sofern bis dahin nicht „König Waldemar und seine Helfer so mächtig würden“, dass sie die Hanse und ihre Verbündeten „mit Macht aus dem Reiche Dänemarks trieben“.

Es ist eine Kapitulation auf Raten. Durch den Vertrag wahren beide Seiten ihr Gesicht. Erleichtert wird den Dänen ihr Aufgeben durch das heimliche Auszahlen von Bestechungsgeldern. Bruno Warendorp gelingt damit ein Meisterstück der Verhandlungskunst, denn tatsächlich verstreicht die Frist, ohne dass Waldemars Lager das Kriegsglück wenden kann.

Mit nur geringen Verlusten gewinnt der Heerführer also die mächtige Festung und besiegt den Dänenkönig. Es ist ein echt hansischer Sieg: Warendorp erreicht vor Helsingborg durch geschickte Diplomatie, überlegte Organisation und Geld, woran sein Vorgänger mit roher Gewalt noch gescheitert ist.

Zerstörung aber haben die Kaufleute dennoch im Sinn: Als die Nachricht vom Fall Helsingborgs die Hansestädte erreicht, schicken sie eilig Handwerker nach Kopenhagen. Die schleifen, nach der Stadt, nun auch die dortige Burg. Nie wieder sollen die Dänen von dort aus den Schiffsverkehr im Sund und damit den Handel bedrohen können. Waldemar erfährt fern der Heimat, dass Kopenhagen und Helsingborg verloren sind. Seit mehr als einem Jahr versucht er Verbündete für den Kampf gegen die Kaufleute zu finden – vergebens.

Zu gut hat die Hanse sich vor Kriegsbeginn nach allen Seiten abgesichert, zu schnell durch Siege gezeigt, wer diesmal der Stärkere ist. Will der Dänenkönig nun nicht noch sein gesamtes Reich verlieren, muss er rasch Frieden schließen. Am 1. Mai 1370 sitzen sich in Stralsund eine dänische Delegation sowie Vertreter von 23 Hansestädten gegenüber. Die Wahl des Verhandlungsorts ist ein Signal: Hier bestimmen Bürger der Kaufmannsstädte die Regeln, keine Monarchen. Selbstbewusst diktieren sie den Abgesandten des dänischen Reichsrats ihre Bedingungen. Nach weniger als vier Wochen steht der Friedensvertrag.

Darin regeln die Hansestädte allerdings nur ihre eigenen Interessen. Ihre fürstlichen Alliierten, die Dänemark unter sich aufteilen wollen, müssen separate Verträge aushandeln – denn die Kaufleute wollen das Königreich nicht zersplittern, fürchten eher Chaos und Revanchegelüste der Besiegten: Handel braucht nun einmal Stabilität. Auch wollen sie verhindern, dass das mit ihnen siegreiche Schweden ohne das dänische Gegengewicht zu mächtig wird.

Die hansischen Städte aber erhalten durch die Verträge in Dänemark ihre alten Handelsprivilegien zurück. Zudem wird ihnen für die nächsten 15 Jahre ein hoher Schadenersatz zugesprochen. Um den langfristig zu sichern, kontrollieren sie in dieser Zeit Helsingborg und weitere Burgen. Als besondere Garantie für den Vertrag erzwingen die Hansestädte ein Mitspracherecht bei der nächsten Kür eines dänischen Königs: So soll Waldemars Nachfolger dazu gebracht werden, die Hanseprivilegien zu bestätigen.

Die Kaufleute inthronisieren – gemeinsam mit dem dänischen Reichsrat – den künftigen Monarchen: Der Städtebund ist auf dem Höhepunkt seiner Macht. Seine Mitglieder haben gezeigt, wozu sie mit gebündelten Kräften fähig sind. Was acht Jahre zuvor mit einer Niederlage gegen Waldemar begonnen hat, endet mit dem bedeutendsten Sieg, den deutsche Bürger im Mittelalter gegen einen Vertreter des Adels erringen. Es zeigt sich: Krämer können tatsächlich Könige besiegen.

Und der Krieg, der Erfolg nach außen, festigt den Hanseverbund auch im Inneren. Die Erkenntnis, dass eine engere Zusammenarbeit sie zu einer einflussreichen politischen und militärischen Macht werden lässt, überzeugt viele Kaufleute, sich unter den Schutz der Hanse zu stellen. In den folgenden Jahren nehmen die Loyalität, der Wille zum gemeinsamen Handeln zu.

Ab 1379 finden nun regelmäßig Hansetage statt, auf denen stets Vertreter aus allen Gebieten der Organisation vertreten sind – während die Treffen zuvor fast immer von Delegierten einzelner Regionen dominiert wurden. Bruno Warendorp erlebt all das nicht mehr mit. Nicht einmal seinen größten Triumph. Denn kurz bevor die Frist vor der endgültigen Kapitulation Helsingborgs abläuft, stirbt der Heerführer aus bis heute unbekannten Gründen fern der Heimat. Er war weitergesegelt, um auch noch die letzten dänischen Stützpunkte einzunehmen. Warendorps Leichnam wird nach Lübeck gebracht und in der Marienkirche bestattet.

Bruno Warendorps großer Gegner, König Waldemar IV., kehrt erst zwei Jahre nach dem Friedensschluss von Stralsund zurück in ein Reich, das er geeint hat und das er fast zerstört hätte. Bis zu seinem Tod im Jahr 1375 führt er weiter Kriege, aber nie mehr gegen die Hanse. Manche Gebiete, die ihm Verbündete der Hanse genommen haben, vermag er dabei sogar zurückzuerobern. Rasch kann er seine Herrschaft in Dänemark wieder festigen – und ist bald so stark, dass er keinen Angriff mehr fürchten muss.

Als es nach seinem Tod um die Kür von Waldemars Nachfolger geht, nutzt der Hanseverbund die ihm in Stralsund gegebene Macht allerdings nicht. Schon vor der Königswahl signalisieren die Kaufleute dem dänischen Reichsrat, dass sie mit dessen Kandidaten, Waldemars minderjährigem Enkel Olaf, einverstanden sind. Sie arrangieren sich, meiden den Konflikt mit den einstigen Gegnern. Viel wichtiger sind ihnen Ruhe und Stabilität. Denn die sind gut fürs Geschäft.

 

 

 

 

 

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Quellen:

Internetquellen

-> Mittelalter: Die Hanse beherrscht den Norden, in: NDR Chronologie, online verfügbar seit 24.10.2025 unter: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Die-Geschichte-des-Staedtebundes-Hanse,hanse30.html, zuletzt geprüft am 19.01.2026.

-> Dollerer, Winfried: Ende eines Handelsbündnisses. Das letzte Treffen der Hanse, in: Deutschlandfunk Kultur, online verfügbar seit 29.05.2019 unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/ende-eines-handelsbuendnisses-das-letzte-treffen-der-hanse-100.html, zuletzt geprüft am 19.01.2026.

-> Lohre, Matthiar: Kampf gegen Dänemark. Der Krieg der Krämer, in: Die Hanse 1150-1600. Europas heimliche Grossmacht (GEO Epoche, Jg. 2016, Heft Ne. 16), Hamburg 2016. 

Sekundärliteratur

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