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Die Inquisition

Inhaltsverzeichnis

1. Kampf gegen die Katharer. Krieg gegen die Ketzer.

1. Kampf gegen die Katharer. Krieg gegen die Ketzer.

Die Katharer sind eine der mächtigsten aller mittelalterlichen Häretikergruppen. Vor allem in Südfrankreich hat die Sekte viele Anhänger, auch unter Adeligen. In deren Burgen verschanzt sich die Gemeinschaft vor den Häschern der Kirche. Weder Missionierungsversuche noch ein Kreuzzug bringen die Ketzer unter Kontrolle des Papstes. Und so setzt der Heilige Stuhl beim Kampf gegen die Abweichler schließlich auf die Inquisition

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KASTELL DER KETZER. Die Burg Quéribus im Grenzland zwischen Frankreich und Spanien ist eine von vielen Festungen, die adeligen Sympathisanten der Katharer gehören. Wann immer die katholische Obrigkeit Truppen gegen die Abweichler entsendet, finden Häretiker hier Schutz

Die Wohnstatt des Satans ist eine überaus liebliche Landschaft. Eine weite, sanft gewellte Ebene, auf deren fruchtbaren Böden Weizen wächst und Wein, an deren Horizont die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen schimmern. Im Frühling des Jahres 1242 reisen durch dieses Idyll zwei Ordensmönche, zu Pferd und mit einem kleinen Gefolge aus Geistlichen und Schreibern. Ihre Mission: Irrgläubige jagen.

Ketzer, Häretiker, vom Teufel Verführte – in kaum einer anderen Region des Abendlands gibt es so viele radikale Abweichler von den Glaubensdogmen der römischen Kirche wie im Lauragais, einem Landstrich im Süden Frankreichs. In Städten und Dörfern, in den Burgen der Ritter und den Gütern des Landadels verkehren Männer und Frauen in schwarzen Talaren, die bleich sind und hager vom beständigen Fasten und die sich „Vollkommene“ nennen. Heimlich reisen sie von Ort zu Ort, um Unaussprechliches zu predigen: dass nicht Gott die sichtbare Welt geschaffen habe, sondern Satan. Dass die Seelen nach dem Tod eines Menschen in andere Körper wanderten, sogar in die von Tieren. Dass Jesus Christus möglicherweise ein Engel gewesen sei, keinesfalls aber der fleischgewordene Gott, wie die Amtskirche es lehrt.

Viele Einheimische im Lauragais verehren die Schwarzgekleideten, bieten ihnen Unterkunft, suchen sie vor den Nachforschungen der Kirche zu beschützen: Erst im Jahr zuvor haben Bewohner eines Dorfes einen Pfarrer, der zu neugierig nach den Glaubensfeinden fragte, in einen Hinterhalt gelockt. Er selbst konnte zwar fliehen, doch seinen Begleiter haben die Dörfler ermordet und den Leichnam in einen Brunnen geworfen. Seit Monaten sind nun schon die beiden Mönche Guillaume Arnaud und Étienne de Saint-Thibéry, zwei Ketzerjäger des Heiligen Stuhls, im Lauragais unterwegs – und bislang ist ihnen nichts geschehen. Am 28. Mai jedoch, dem Tag vor Christi Himmelfahrt, sind sie Gäste auf einer Burg bei Avignonet – und dies ist eine Falle.

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Während die zwei Mönche und ihre Begleiter zu Abend essen und sich dann schlafen legen, sammeln sich in einem nahen Wäldchen gut 50 schwer bewaffnete Ritter und Kriegsknechte. Auf ihrem Weg zur Festung schließen sich den Männern noch einige Bewohner der Umgebung an, der Burgvogt gewährt ihnen bereitwillig Einlass. In der Festung reißt einer der Angreifer mit der Axt die Pforte zum Grafensaal ein, in dem die Gäste schlafen, dann stürzen sich die Männer auf die wehrlosen Gottesleute. Die stimmen im Angesicht des Todes das Gebet „Salve Regina“ („Sei gegrüßt, o Königin“) an.

Die Attentäter verschonen niemanden – weder die Mönche noch deren Schreiber, den Notar, die zwei Amtsdiener oder den Prior des Ortes, der den Besuchern an diesem Abend nur etwas Gesellschaft leisten wollte. Besonders grausam richten die Mörder die beiden Anführer der Gruppe zu – ein Ritter wird später erklären, Guillaume Arnaud die Zunge herausgerissen zu haben. Und mit fast ebenso großer Wut zerfetzen und verbrennen die Angreifer die unzähligen Papiere, welche die Mönche in ihrem Gepäck mit sich führen – Namenslisten, Berichte, Protokolle, Geständnisse.

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WIDERSTAND. 1208 ruft Papst Innozenz III. zum Kreuzzug gegen die Katharer auf. Als sich der mit den Häretikern verbundene Burgherr von Peyrepertuse (hier der Aufgang zum Kastell) weigert zu kapitulieren, wird der Adelige exkommuniziert; seine Festung fällt an die französische Krone

 

Als sich die Nachricht von dem Anschlag verbreitet, feiern die Menschen überall im Lauragais, ja bald in ganz Südfrankreich. „Wir sind frei, wir sind erlöst“, jubeln sie in einem Dorf. „Bruder Arnaud ist verreckt, die verdammten Register sind zerrissen“, heißt es in einem anderen. Doch nach Jahrzehnten des Zögerns ist die katholische Kirche jetzt entschlossen, jene Häretikersekte zu besiegen, die weite Teile Südfrankreichs im Griff hat. Die mächtigste Ketzerbewegung ihrer Zeit: die Katharer.

Aus diesem Namen, wohl vom griechischen katharoi („die Reinen“) abgeleitet, hat sich überhaupt erst das deutsche Wort „Ketzer“ geformt, das zu Beginn des 13. Jahrhunderts aufkommt. Ketzer (oder Häretiker) sind nach Kirchensicht all jene, die sich eine eigene Version des Christentums erschaffen – und auch noch daran festhalten, wenn eine kirchliche Autorität sie dazu ermahnt, die Irrlehre aufzugeben.

In der Antike waren es vor allem die Arianer, die sich mit ihrer Leugnung der Dreifaltigkeit (der Einheit von Gottvater, Jesus Christus und Heiligem Geist) gegen das Dogma der jungen christlichen Kirche stellten. Nach ihrer Auffassung war Jesus nur wesensähnlich mit dem Vater, aber nicht „wesensgleich“. Auf einem Bischofskonzil im Jahr 325 wurde die Bewegung daher als häretisch verurteilt. Andere Bewegungen wie etwa die der Manichäer predigten ein dualistisches Weltbild mit einem guten und einem bösen Schöpfergott. Nach dem Untergang des Römischen Reichs aber verschwanden die antiken Häresien in Westeuropa allmählich. Streitfragen wurden jetzt nicht mehr in Predigten angesprochen, sondern in theologischen Schriften behandelt oder von Mönchen hinter den Mauern ihres Klosters diskutiert.

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ÜBERRESTE. 20 Jahre lang verwüsten die Kreuzritter ab 1209 Südfrankreich. Sie zerstören zahlreiche Burgen – etwa Peyrepertuse (o.) –, zünden Städte an, ermorden Zehntausende vermeintliche Ketzer. Doch die Bewegung der Katharer übersteht die Verfolgung

 

Erst im 11. Jahrhundert berichteten geistliche Chronisten wieder von vereinzelten ketzerischen Bewegungen. Denn viele Gläubige waren von Endzeiterwartungen erfüllt und fürchteten das Gottesgericht am Jüngsten Tag. Im französischen Orléans etwa trat eine Sekte auf, die Jungfrauengeburt sowie Auferstehung leugnete und sich vom Heiligen Geist erfüllt sah. 1022 wurden mehrere Glaubensabweichler von einer Bischofsversammlung verurteilt und auf Befehl des französischen Königs hingerichtet: die erste belegte Ketzerverbrennung Europas, angeordnet jedoch nicht von der Kirche, sondern von einem weltlichen Herrscher. Ein festes Strafmaß für Häresie gab es noch nicht – außer der Exkommunikation. Eine mitunter scharfe Waffe: In Arras etwa disputierten Geistliche im Jahr 1025 mit einer Gruppe von Häretikern, doch erst als die Sünder aus der Gemeinschaft Christi verstoßen wurden, schworen sie ihrem Glauben ab. Aber weshalb reagiert die Kirche so empfindlich auf jede unorthodoxe Auslegung der Heiligen Schrift? Warum kann sie Andersgläubige nicht einfach gewähren lassen?

Das ist vor allem mit der Vorstellungswelt der Menschen im Mittelalter zu erklären, in der die Gesellschaft in drei Stände aufgeteilt ist: Priester, Bauern, Krieger – eine göttliche Ordnung, davon sind fast alle Theologen überzeugt. Denn jede dieser Gruppen kann nur durch das Werk der anderen beiden bestehen, jede hat ihren Platz und ihre Aufgabe: eben für die Gemeinschaft zu beten, zu arbeiten oder sie zu schützen. Ketzer aber zersetzen dieses Gefüge. Denn jeder, der anderes als die „heilsamen Worte unseres Herrn Jesus Christus“ lehre, sei nur „süchtig nach Wortgefechten“, hat um 50 n. Chr. schon der Apostel Paulus geschrieben, einer der ersten christlichen Theologen: „Daraus entspringen Neid, Hader, Lästerung, böser Argwohn.“

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GRENZGEBIET. Die Kernregion der Katharer im Languedoc ist zwischen Frankreich, England und Aragón umkämpft. Daher kann sich dort lange keine starke Zentralmacht entwickeln – und damit auch keine koordinierte Verfolgung der Abweichler. Zudem gibt es in dem Gebiet zahlreiche Wehrbauten wie die Burg Peyrepertuse auf ihrem 800 Meter hohen Kalkfelsen

 

Zudem glauben viele Geistliche, Häresie würde sich wie eine Seuche verbreiten und Leichtgläubige der Amtskirche entfremden. Daher müsse jede abweichende Lehre rasch und konsequent bekämpft werden.

DIE KETZERBEWEGUNGEN, die im 11. Jahrhundert aufkommen, sind vor allem enttäuscht von der Amtskirche. Viel zu reich sei sie, viel zu sehr in weltliche Angelegenheiten verstrickt, der Gottesdienst zu pompös, das Gros der Priester lasterhaft. Das Volk sehnt sich nach glaubwürdigen Klerikern, die demütig und bescheiden wie einst die Apostel leben – und vor allem nicht den Zehnt erheben, einen Anteil an den Ernteerträgen.

In weiten Teilen Europas folgen Menschen nun Wanderpredigern, die oft selbst dem Klerus entstammen und für Armut, Enthaltsamkeit und Buße eintreten – Männern wie Tanchelm von Antwerpen in den Niederlanden, Peter von Bruis in Frankreich, Arnold von Brescia in Italien. Dabei hat der Heilige Stuhl doch Besserung gelobt! Gregor VII., Papst von 1073 bis 1085, hat versprochen, dass die Kirche, „die Braut Christi, zu ihrer wahren Pracht und Herrlichkeit zurückkehren und unbefleckt dastehen“ werde.

Tatsächlich geht es bei den Reformen, die nach ihm benannt werden, aber vor allem darum, das westliche Papsttum nach dem Bruch mit der Ostkirche von Byzanz 1054 zu einer zentral organisierten Institution zu machen, hierarchisch von Rom regiert, mit einer einheitlichen Dogmatik und Lehre. Der Heilige Stuhl soll nun zur unangefochtenen Autorität der westlichen Kirche werden – oberster Gesetzgeber, Richter und Lehrer. Für Andersdenkende ist kaum mehr Platz in der Christenheit, Ungehorsam ist Häresie. Andererseits bedeuten die Bewegungen keine wirkliche Gefahr – meist zerstreuen sie sich mit dem Tod ihres Gründers in alle Winde. Noch sieht der Papst keine Notwendigkeit zu handeln.

Im Jahr 1143 schreibt ein Propst aus der Eifel dem französischen Mönch Bernhard von Clairvaux – der größten theologischen Autorität der Zeit. In seinem Brief berichtet der Deutsche von einem neuen Irrglauben, direkt „aus dem Schlund der Hölle“. Es handele sich um Häretiker, denen man in Köln den Prozess machte und die sich weigerten zu widerrufen – woraufhin sie vom Volk ergriffen und verbrannt wurden. Ein Schicksal, dem die vermeintlich Irrgläubigen „mit Freude entgegengingen“, wie der Propst hinzufügt. „Darauf, ehrwürdiger Vater, möchte ich gern eine Antwort von dir haben, woher diese Häretiker eine solche Stärke in ihrem Glauben finden.“

Alles, was der Propst über die Abweichler zu erzählen weiß, ist zutiefst beunruhigend: Offenbar halten sich die Mitglieder dieser Gemeinschaft für die „wahre Kirche“ und für Nachfolger der Apostel. Ähnlich wie der katholische Klerus haben sich die Häretiker eine hierarchische Struktur gegeben, mit Bistümern, Bischöfen und Diakonen. Vor allem aber behaupten sie, dass ihre Bewegung „überall auf der Welt verbreitet“ sei. Das klingt nicht mehr nach der kleinen Sekte eines Wanderpredigers.

Der Propst nennt die Ketzergruppe zwar nur unbestimmt „Apostel des Satans“, aber seine Beschreibung ihrer Riten und Dogmen lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei dem Schreiben aus Köln um einen der ersten überlieferten Berichte über das Treiben jener Gemeinschaft handelt, die später Katharer genannt wird. So schreibt der Propst etwa, dass die Sekte Glaubensbrüder im Byzantinischen Reich habe.

Tatsächlich hat etwa 200 Jahre zuvor ein bulgarischer Dorfpriester namens Bogomil auf dem Balkan eine Gemeinschaft gegründet, die in manchen ihrer theologischen Vorstellungen der katharischen Glaubenswelt ähnelt. In Varianten und unter verschiedenen Namen verbreitet sie sich rasch im Byzantinischen Reich. Über Konstantinopel könnten Katharer durch Kreuzfahrer, Fernhändler und Pilger von ihren Brüdern im Osten erfahren haben.

Zur Zeit des Briefes aus Köln hat die Bewegung der Katharer längst nicht nur im Rheinland Fuß gefasst, sondern auch in Italien und Südfrankreich, in Flandern, dem Burgund und der Champagne. Ihr wesentlicher Glaubensgrundsatz ist der Dualismus: Satan – nach mancher Lehre ein Sohn Gottes, nach anderer ein ebenso mächtiger, zweiter Gott – hat einen Teil der Engel im Himmel verführt und mit sich in den Abgrund gerissen, dann die Welt und die menschlichen Körper erschaffen und die Seelen der gefallenen Engel in die Körper der Menschen gesperrt. Durch ein reines, asketisches Leben streben die Gläubigen danach, mit dem Tod wieder ins himmlische Reich des Herrn aufgenommen zu werden.

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GEHEIMER GLAUBE. Auf die Kreuzritter folgen die Inquisitoren. Vor dem zunehmenden Verfolgungsdruck flüchten sich Katharer in die Einsamkeit der Bergfestungen. Und die Gläubigen in den Städten tarnen sich, indem sie nach außen katholische Riten praktizieren (Burg Peyrepertuse)

 

Besonders die Version des Dualismus mit dem zweiten, bösen Schöpfergott ist eine ganz andere Religion als die römisch-katholische – schon weil sie im Widerspruch zur biblischen Schöpfungsgeschichte steht und nicht von der Göttlichkeit Jesu Christi ausgeht. Doch da die Worte Jesu, die Evangelien sowie das Vaterunser im Zentrum ihres Glaubens stehen, sehen sich die Katharer selbst auch als Christen.

Alles in der dualistischen Lehre bewegt sich zwischen Gut und Böse: Gut sind die Seelen und der Himmel, böse sind die Schöpfung, die Welt und die Menschen, weil Satan sie erschaffen hat. Alles Weltliche lehnen die Katharer daher radikal ab: etwa die Ehe und den Geschlechtsverkehr, Eigentum und festen Wohnsitz – sowie Speisen wie Käse, Milch und Fleisch, die allesamt aus einem sündigen Zeugungsvorgang entstanden sind. Allerdings muss sich nur eine kleine Elite den strengen Lebensregeln unterwerfen: die perfecti, die „Vollkommenen“, die ihr Dasein ganz dem katharischen Dogma geweiht haben und schwarz gekleidet als Prediger durchs Land ziehen.

Um zu einem Vollkommenen zu werden, muss ein Anhänger ein Jahr Probezeit mit strengen Fastenregeln hinter sich bringen und erhält dann in einem besonderen Ritual die Seelentaufe, bei der er ein Leben in Enthaltsamkeit gelobt. Auch die gewöhnlichen katharischen Gläubigen, die credentes, empfangen von den Vollkommenen die Seelentaufe – jedoch erst auf dem Sterbebett. Der Lohn aber ist der gleiche, nämlich die Errettung vor dem Satan. Diese Sündentilgung ohne Gegenleistung ist eines der Motive, weshalb der katharische Glaube auf viele Menschen so anziehend wirkt.

Auch der Dualismus sowie die Idee, dass die Welt von einem bösen Gott erschaffen wurde, erscheint den Menschen des Mittelalters – die von Elend, Unterdrückung, Krankheit und frühem Tod gepeinigt werden – ausgesprochen einleuchtend. Und nicht zuletzt passt die massive Kritik der Katharer an der verweltlichten und maßlosen Amtskirche in die Zeit. Die asketischen Vollkommenen erscheinen dem Volk wie eine bessere Version des sündhaften Klerus. So nennen sich die Anhänger der Bewegung selbst auch boni christiani, gute Christen. Ihre Gegner aber meinen, sie seien mit dem Teufel im Bunde.

EINE ANTWORT von Bernhard von Clairvaux auf den Brief des Propstes ist nicht überliefert. Zwei Jahre später jedoch wird der berühmte Geistliche auf einer Reise durch Südfrankreich selber Zeuge der neuen Häresie: Als er in dem Dorf Verfeil die Kanzel besteigt, verlassen alle Bürger die Kirche. Daraufhin spricht er im Freien weiter, doch die Bewohner schließen die Läden der Fenster – und einige anwesende Ritter lassen vernehmlich ihre Waffen klirren, um seine Worte zu übertönen. „Sitz des Satans“ nennt Bernhard den Ort später.

Verfeil liegt im Lauragais zwischen den drei Städten Toulouse, Albi und Carcassonne – in einer Region, die schon bald „Ketzerdreieck“ genannt wird. Der Glaube der Katharer findet hier mit der Zeit so viele Anhänger, dass er schon fast die katholische Kirche verdrängt. Ein Pfarrer klagt, er müsse alle Bewohner seiner Gemeinde bis auf vier zu den Katharern zählen. Weil die Katharer keine Kirchengebäude nutzen, sondern sich in wechselnden Häusern von Anhängern versammeln, sind ihre Amtsträger fortwährend auf Reisen. Die Vollkommenen leben und predigen ganz offen in den Dörfern, hochverehrt von den Bewohnern. In den großen Städten wie Toulouse gehören ihre Anhänger zu den obersten Schichten des Bürgertums.

Weshalb können die Katharer ausgerechnet in Südfrankreich so unbehelligt ihre Lehre verbreiten? Zum einen gibt es hier kaum Autoritäten, die sich ihnen entgegenstellen könnten. Über weite Teile herrscht der Graf von Toulouse, aber weil auch die Könige von Frankreich, England und Aragón Ansprüche auf Teile seines Territoriums erheben, zählt sein Wort nur wenig: Und so sind die Landadeligen vielfach unabhängig von der Kontrolle ihres Lehnsherrn. Da sie sich oft den der Kirche zustehenden Zehnt aneignen, ist der katholische Klerus zu arm, um sich um Bedürftige zu kümmern. Zudem fehlt ihm die Unterstützung der adeligen Kämpfer, die sich stattdessen häufig als Schutzherren der Häretiker verstehen – und sogar Fehden gegen die Kirchenmänner führen.

Bernhard von Clairvaux erkennt, dass der Klerus im Lauragais den Kampf gegen die Häretiker verloren hat, und fordert den Papst daher auf, selbst tätig zu werden. „Es ist deine Aufgabe, für diese Wunde ein Heilmittel zu finden“, schreibt er nach Rom. Aber was ist überhaupt ein Ketzer? Wie findet und erkennt man ihn? Und welche Strafe soll ihn treffen? Es existieren zu diesen Fragen zwar einige private Textsammlungen einzelner Gelehrter, aber was fehlt, ist eine einheitliche und verbindliche Rechtspraxis. Und die einzige Strafe, die das Kirchenrecht kennt, ist die Exkommunikation – eine eher stumpfe Waffe gegen überzeugte Häretiker, die die Amtskirche ohnehin nicht anerkennen.

So sind viele Bischöfe ratlos, was gegen die Häresie in ihrem Amtsbereich zu tun ist – und bleiben tatenlos. Erst 1184, als immer mehr Menschen den Katharern folgen, handelt der Vatikan und verpflichtet die Bischöfe mit einer Urkunde, zwei- bis dreimal im Jahr verdächtige Gemeinden aufzusuchen und nach Ketzern zu fahnden. Zwar liefert das päpstliche Dokument noch immer wenig Hinweise darauf, wie ein Ketzer zu erkennen sei, doch nennt es zum ersten Mal Namen häretischer Bewegungen: neben den Katharern auch die Waldenser und die Humiliaten.

Die einen haben sich nach ihrem Gründer, dem Kaufmann Valdès aus Lyon, benannt und ziehen als Wanderprediger durchs Land. Außerdem lässt Valdès eine volkssprachliche Übersetzung der Bibel erstellen. Die Humiliaten, die „Demütigen“, sind eine Büßergemeinschaft in Norditalien, die sich in Gewänder aus ungefärbter Wolle kleidet und keinen persönlichen Besitz kennt. Beide Gruppen geraten mit der Kirche vor allem deshalb in Konflikt, weil sie sich als Laien das Recht zur Predigt herausnehmen. Eine weitere päpstliche Urkunde, „Vergentis in senium“, 1199 ausgestellt, behandelt die Frage der Bestrafung. Dabei bedient sich der Verfasser eines juristischen Tricks, indem er die Häresie mit dem Majestätsverbrechen gleichsetzt, einem weltlichen Delikt noch aus der Zeit des Römischen Reichs. Denn ist Gotteslästerung nicht genau das – die Majestätsbeleidigung Christi?

„Vergentis in senium“ stammt von einem neuen Papst, im Vorjahr erst gewählt, der in Paris und Bologna studiert hat und als großer Kenner des Kirchenrechts gilt: Innozenz III. Er ist der erste Kirchenobere, der die Auseinandersetzung mit der Häresie zu einem Hauptanliegen macht. Dabei setzt er anfangs auf Überzeugungskraft und wechselt erst später zu härtester Gewalt. Schon kurz nach seiner Ernennung beauftragt Innozenz südfranzösische Mönche, die Häretiker für die Amtskirche zurückzugewinnen. Bis zu 30 Geistliche reisen bald in Zweiergruppen durchs Land, predigen den rechten Glauben und führen theologische Disputationen mit den Ketzern, die zuweilen 15 Tage lang andauern.  Außerdem lässt er zehn Bischöfe Südfrankreichs wegen Unfähigkeit oder Begünstigung der Häresie absetzen und verbessert die Ausbildung der Priester, die lernen sollen, in klarer Sprache und eingängigen Bildern zum Volk zu sprechen.

Aber es hilft alles nicht. Von den vielen Tausend Menschen, vor denen die Geistlichen predigen, sei kaum eine Handvoll zum katholischen Glauben zurückgekehrt, so ein Chronist. Dennoch: Die Kirche kann gerade die Katharer unmöglich gewähren lassen. Mit ihrer Lehre des Dualismus stellt die Gemeinschaft die fundamentalsten Dogmen überhaupt infrage.

Denn wenn die katharischen Prediger behaupten, ein teuflischer Schöpfergott habe die Welt erschaffen – machen sie damit nicht auch die katholische Kirche, die diesen Gott der Genesis anbetet, zu einer Kirche des Teufels? Der Papst besäße seine Autorität dann zu Unrecht, seine Kleriker wären im Irrtum, die Sakramente null und nichtig. Wenn sich die Ketzer also nicht zur Umkehr bewegen oder zum Schweigen bringen lassen, müssen sie vernichtet werden. Schon bald findet sich ein Anlass zur Gewalt.

Im Januar 1208 wird ein Legat des Papstes in Südfrankreich ermordet. Ein spanischer Gesandter in Rom beobachtet, wie Innozenz III., als er davon erfährt, den Kopf zwischen die Hände sinken lässt, um anschließend am Grab des Heiligen Petrus zu beten. Ein Legat ist ein Botschafter des Heiligen Stuhls – seine Ermordung eine Ungeheuerlichkeit! Obwohl die Umstände des Verbrechens unklar bleiben, sieht Innozenz die Katharer am Werk und tut etwas Unerhörtes: Er ruft zum Kreuzzug auf, doch nicht gegen irgendein Heidenreich, sondern zum ersten Mal gegen eine Region des christlichen Europa.

Im Jahr darauf ziehen mehr als 20.000 Kreuzfahrer nach Südfrankreich und greifen die Stadt Béziers an. Als die Krieger den Legaten des Papstes fragen, wie sie unter den Einwohnern denn Häretiker von guten Christen unterscheiden könnten, antwortet der: „Tötet sie alle, der Herr wird die Seinen schon erkennen.“

Gewiss handelt es sich bei dem Zitat um die spätere Ausschmückung eines Chronisten. Aber es verbildlicht den Verlauf dieses Krieges: Ausgerufen als Feldzug gegen die Häresie, entgleist der Konflikt schon bald zu einem reinen Eroberungskrieg, an dem neben dem Papst auch England, Frankreich und Aragón diplomatisch oder militärisch beteiligt sind. 20 schreckliche Jahre lang verwüsten die Heere Südfrankreich – und festigen damit nur den katharischen Glauben, den Hass vieler Einheimischer auf die Kirche. Im Jahr 1226, noch mitten im Krieg, halten die Katharer sogar ein Konzil ab und gründen ein neues Bistum. Zwar sind viele Gläubige und viele der Vollkommenen in den Exzessen des Kreuzzugs getötet worden, doch die Strukturen ihrer Bewegung halten stand.

Weder Milde noch Härte haben also etwas ausrichten können gegen die teuflische Irrlehre in Südfrankreich. Als die beiden weltlichen Hauptkontrahenten des Krieges, der französische König und der Graf von Toulouse, 1229 in Paris einen Friedensvertrag unterzeichnen, ist Innozenz III. schon 13 Jahre tot. Gregor IX., der neue Papst, erbt die Bürde der Ketzerbekämpfung von seinen Vorgängern – und er wird die Lösung finden. Die päpstlichen Verfügungen von 1184 und 1199 haben den Kampf kirchenrechtlich vorbereitet, die häretischen Gruppen benannt, einen Strafkatalog ermöglicht. Wie geht es jetzt weiter?

Gregor und die Kurie in Rom kommen zu dem Schluss, dass eine neue Institution ins Leben gerufen werden muss, deren einzige Aufgabe in der Ketzerjagd bestehen soll: eine Gruppe von Sonderbefugten, mit allen Vollmachten ausgestattet, unabhängig von weltlichen und kirchlichen Autoritäten, verpflichtet nur dem Papst. Zugleich Spezialisten der Häresie mit umfangreichen Kenntnissen über jede Art des Irrglaubens. Es ist die Erfindung des „Heiligen Amts der Inquisition“. Inquisitio bedeutet zunächst einfach nur: „Untersuchung“. Der verstorbene Papst Innozenz hat das neuartige Verfahren als innerkirchlichen Gerichtsprozess bei Verfehlungen von Priestern entwickelt und eine Reihe von Regeln für den Umgang mit Ketzern eingeführt, die Gregor IX. nun verfeinert und ergänzt.

Zuvor ist vor kirchlichen wie weltlichen Gerichten vor allem das Akkusationsverfahren üblich gewesen, das aus dem römischen Recht stammt: Ein Gericht trat nur dann zusammen, wenn es einen privaten Kläger gab. Die einzigen Beweismittel waren Eide von Bürgen, die beispielsweise für den Leumund des Angeklagten einstanden, sowie archaische Gottesurteile wie etwa die Wasserprobe, bei der als schuldig galt, wer im Wasser nicht unterging.

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DAS ENDE. Im März 1244 nehmen Truppen des französischen Königs Montségur nach zehnmonatiger Belagerung ein und überwältigen die sich dort verschanzenden Katharer. Unterhalb der Burg errichten die Sieger einen Scheiterhaufen, auf dem 224 Ketzer verbrannt werden

 

Der Inquisitionsprozess ist da weitaus rationaler und moderner. Ein kirchlicher Richter (der zugleich Ankläger ist) kann von sich aus ein Verfahren eröffnen. Er kann Verdächtige vorladen und sie zur Aussage zwingen, Nachforschungen anordnen, Indizien sammeln. Und nur wenn die Beweislast es erlaubt, darf er einen Schuldspruch verhängen und gegebenenfalls den Delinquenten zur Bestrafung der weltlichen Macht überstellen.

DOCH WELCHE MÄNNER sind die Richtigen für das neu geschaffene Amt des Inquisitors?

Im April 1233 schreibt Papst Gregor an die Vorsteher einiger Dominikanerklöster und fordert sie auf, unter ihren Mönchen geeignete Männer für die Aufgabe auszuwählen. Seit Gründung der Bruderschaft um 1215 durch den spanischen Geistlichen Dominikus de Guzmán, der den Orden ins Leben gerufen hat, um den christlichen Glauben mit besonderem Eifer zu verkünden, ist die Bruderschaft rasant gewachsen, mit Klosterstiftungen in ganz Mitteleuropa. Die „Predigerbrüder“ zeichnen sich durch ein hohes Sendungsbewusstsein aus, tiefen Glaubenseifer und unbedingte Treue zum Papst. Vor allem aber gelten sie als die Intellektuellen in der Welt der Kirche: häufig ausgebildet an den besten Klosterschulen und Universitäten der Zeit, bewandert in Theologie und Jura. Bald treffen die ersten Inquisitoren in der Region um Toulouse ein. Einer von ihnen ist Guillaume Arnaud aus Montpellier – jener Mann, dem sein Mörder gut neun Jahre später in Avignonet die Zunge herausreißen wird.

Der erste offizielle Prozess der Inquisition wird Ende 1233 in Toulouse gegen einen Bürger namens Johannes Textor eröffnet, den die Inquisitoren als Katharer ansehen. Er esse Fleisch, widerspricht der Angeklagte, schlafe mit seiner Frau und lüge regelmäßig – mit anderen Worten: Er sei ein guter Katholik. Textor, der Überlieferung nach wohl unschuldig, wird zum Tode verurteilt, in den Kerker geworfen, lernt dort eine Gruppe Vollkommener kennen, lässt sich tief beeindruckt die Seelentaufe spenden und wird mit ihnen wenig später auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

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GEDENKEN. Am Fuß der Festung Montségur erinnert ein Mahnmal an den massenhaften Feuertod der Katharer am 16. März 1244. Doch trotz der brutalen Repression durch die Inquisition wird ihre Bewegung im Verborgenen noch jahrzehntelang weiterbestehen

 

Es dauert nicht lange, bis sich die Inquisitoren erbitterte Feinde machen. Schon lange ist bekannt, dass es in den angesehensten Familien von Toulouse Anhänger der Katharer gibt. 1235 lässt es Guillaume Arnaud auf eine Kraftprobe ankommen und lädt zwölf Patrizier zum Verhör. Sie weigern sich zu erscheinen und lassen den Inquisitor aus der Stadt werfen.

Arnaud beauftragt nun die Mönche des Dominikanerkonvents in Toulouse, die Untersuchung fortzusetzen. Einige Ordensbrüder werden daraufhin verprügelt, ihr Kloster wird von einer aufgebrachten Menge belagert; schließlich müssen alle Dominikaner für Monate die Stadt verlassen. Besonders viel Abscheu ruft bei der Bevölkerung hervor, dass die Inquisitoren auch Tote verurteilen. Denn überführte Häretiker dürfen nicht in geweihter Erde begraben liegen. Wenn sich bei den Ermittlungen also belegen lässt, dass ein Verstorbener Katharer war, lassen ihn die Inquisitoren exhumieren und in einer schaurigen Prozession durch die Stadt tragen. Vorneweg ein Ausrufer, der psalmodiert: „Wer so handelt, wird so enden.“ Dann werden die Gebeine auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Wenig verbreitet wohl mehr Schrecken bei der Bevölkerung als diese Schändung der Totenruhe. Und wenig mehr Wut: In der Stadt Albi schlagen die Einheimischen einen Glaubenswächter, der einen Verstorbenen exhumieren will, fast tot und versuchen ihn in einem Fluss zu ertränken. Wenn die Inquisitoren durchs Land reisen, treffen sie meist auf Schweigen. Viele Vorgeladene verstecken sich oder fliehen. Denunzianten werden eingeschüchtert und ermordet. Längst leben die Katharer ihren Glauben nicht mehr offen wie in den Jahrzehnten vor dem Kreuzzug. Doch im Verborgenen wächst der Widerstand.

Und zum Zentrum der katharischen Bewegung wird die Burg Montségur. Die Feste, in 1200 Meter Höhe auf einem Berggipfel gelegen, zugänglich nur über einen schmalen Grat, gilt mit ihrer Ringmauer als uneinnehmbar. Die adelige Familie, der die Burg gehört, steht den örtlichen Katharern nahe und hat ihnen 1204 erlaubt, dort eine klosterähnliche Gemeinschaft einzurichten.

Nun, unter dem Druck der Verfolgung, wird die Zitadelle zum Zufluchtsort der Abweichler. Reiche Anhänger der Katharer finanzieren den Ausbau der Verteidigungsanlagen sowie eine Söldnertruppe. Katharer aus ganz Südfrankreich zieht es zur Burg, zeitweilig halten sich bis zu 1000 Menschen in Montségur auf. Im Mai 1242 erreicht ein Bote die Burg. Der Vogt einer Festung in Avignonet, selbst ein heimlicher Anhänger der Katharer, lässt in einem Brief mitteilen, dass zwei Inquisitoren bei ihm Quartier genommen hätten. Der Kommandant der Garnison von Montségur lässt sofort 50 seiner Ritter und Kriegsknechte zusammenkommen und bricht noch am selben Tage auf. Die Ketzerjäger sollen ihm auf keinen Fall entkommen …

DIE MORDE an Guillaume Arnaud und Étienne de Saint-Thibéry sowie ihrem Gefolge sorgen für Empörung in Rom. Als sich herumspricht, dass die Attentäter aus Montségur gekommen sind, lässt der französische König, der sich zur Bekämpfung der Ketzerei verpflichtet hat, die Katharerburg belagern. Im Mai 1243 blockiert das ausgesandte Heer den Zugang zur Festung. Da Montségur kaum einzunehmen ist, sollen die Bewohner ausgehungert werden.

Mehr als 360 Männer, Frauen und Kinder harren in der Burg aus, darunter 95 Kämpfer. Weil die Eingeschlossenen über reichlich Vorräte verfügen, geschieht sieben Monate lang nichts. Erst im Dezember steigen Soldaten der Franzosen mit ortskundigen Führern im Schutz der Nacht über Felswände hinauf und erobern einen Wachturm am anderen Ende des Bergkamms, 800 Meter von der Burg entfernt.

Jetzt verfügen die Belagerer über einen Vorposten auf dem Berg und können Katapulte und Armbrüste auf den Bergkamm schaffen. In den folgenden Wochen nehmen sie die Burg unter Dauerfeuer. Im Frühjahr müssen die Belagerten erkennen, dass ihre Lage aussichtslos geworden ist, und verhandeln eine Übergabe. Der Garnisonsbesatzung und den Zivilisten versprechen die Franzosen friedliches Geleit – nur die Perfecti unter den Eingeschlossenen müssen sich den Inquisitoren stellen.

Die Vollkommenen wissen, dass sie der Feuertod erwartet, wenn sie ihrem Glauben nicht abschwören. Am 16. März 1244 errichten Arbeiter unterhalb der Burg ein Rund aus Palisaden und stecken darin Holz in Brand. Jeder der Perfecti bekennt sich erneut zu seinem Glauben. Daraufhin schicken die Soldaten sie in die Flammen. 224 Männer und Frauen finden an diesem Tag den Tod. Was für ein Schlag für die Katharer! Rom ist nun noch entschlossener, die Ketzer zu vernichten. Neue Inquisitoren nehmen die Arbeit auf: Zwischen Mai 1245 und August 1246 wird die gesamte erwachsene Bevölkerung des Lauragais zum Verhör nach Toulouse geladen. 5400 Protokolle sind erhalten, sicher nur ein Bruchteil.

Ein großer Stab von Schreibern und Notaren arbeitet den Inquisitoren nun zu, die Zeugen werden in Gruppen von 20 oder 30 gleichzeitig vernommen, nach einem standardisierten Fragenkatalog. Der Kirche geht es jetzt nicht mehr darum, ein paar Vollkommene auf den Scheiterhaufen zu bringen: Sie will auch die Helfer aufspüren. Das Volk erkennt, dass die Inquisition keine vorübergehende Prüfung ist, sondern ein neu geschaffener Apparat, der nicht wieder verschwinden wird.

Die Katharer erholen sich in Südfrankreich kaum mehr von der Katastrophe von Montségur. Der größte Teil ihrer geistlichen Elite ist vernichtet: Neben den 224 bereits hingerichteten Perfecti enden gut 70 weitere nach der Verhörwelle auf dem Scheiterhaufen. Noch einmal so viele werden eingekerkert, fast 30 schwören ihrem Glauben ab, 60 fliehen nach Norditalien, wo es noch katharische Gruppen gibt.

Die Glaubensgemeinschaft kann diesen Aderlass und den weiteren Verfolgungsdruck der Inquisition langfristig nicht überstehen. Die letzten ihrer Bischöfe in Südfrankreich fliehen 1275 in die Lombardei. Doch der Katharismus lässt sich nicht so einfach auslöschen und bleibt im Verborgenen bestehen. An der Wende zum 14. Jahrhundert gelingt es einem Brüderpaar aus einem Dorf der Pyrenäen sogar noch einmal für kurze Zeit, den Glauben gegen erneute Anstürme der Inquisition zu behaupten (siehe Seite 62). Dennoch: Eine der mächtigsten Häretikerbewegungen des Mittelalters schrumpft im Laufe des 14. Jahrhunderts weiter und verschwindet schließlich völlig. Jene Institution aber, die einzig deshalb gegründet wurde, um sie zu schlagen, wird sich von Südfrankreich über ganz Europa und eines Tages sogar in die Neue Welt ausbreiten: die Inquisition.

 

 

 

 

 

 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Strempel, Johannes: Kampf gegen die Katharer. Krieg gegen die Ketzer, in: Die Inquisition (GEO Epoche Jg. 2016, Heft Nr. 81), Hamburg 2016, S. 25-41.

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