Frauen
Inhaltsverzeichnis
- Frauen im Mittelalter. Dem Manne Untertan.
- Von Pilgerinnen und Königinnen: Die wahre Macht der Frauen im Mittelalter
- Hildegard von Bingen. Die mächtige Äbtissin
1. Frauen im Mittelalter. Dem Manne Untertan.
Verlogen, treulos, gierig und schwach: Frauen gelten im Mittelalter als minderwertige Wesen, die sich den Männern zu unterwerfen haben. Doch um 1400 begehrt die Französin Christine de Pizan gegen diese vermeintlich gottgegebene Ordnung auf. Sie wagt es sogar, Rittern Ratschläge zu erteilen. Ihre Waffe ist die Schreibfeder – und ihr Ziel eine gerechtere Welt
CHRISTINE DE PIZAN belehrt eine Gruppe von Männern: Die Autorin schreibt in ihren Texten Ungeheuerliches – etwa, dass Mädchen nicht dümmer seien als Jungen (Buchmalerei, 1405)
Was, wenn eine andere Welt möglich wäre? Eine Welt, in der nicht eine Hälfte der Menschheit als schwach, minderwertig, ja gefährlich gebrandmarkt wäre. In der diese Hälfte nicht verleumdet würde, misshandelt, wieder und wieder mit geringeren Rechten abgespeist. Was, wenn Mann und Frau gleich viel zählten? Dies ist ein revolutionärer Gedanke im Paris der Jahre um 1400. Man muss kühn sein und selbstbewusst, um so zu denken. Und genau diese Eigenschaften besitzt Christine de Pizan, Dichterin in einer Männerwelt – und eine außergewöhnliche Frau.
Im schlichten dunkelblauen Kleid sitzt sie da, das lockige Haar versteckt unter dem weißen Tuch einer Hörnerhaube, die das Gesicht umschließt. Über den Schreibtisch gebeugt, die Schreibfeder in der rechten, das Radiermesser in der linken Hand, versunken in ihrer Arbeit, ihrer Kunst, in der Einsamkeit ihres Studierzimmers. So sieht man sie auf einer Illustration ihrer Zeit in einem ihrer Werke. Im Jahr 1405 vollendet sie ihren bedeutendsten Text: „Das Buch von der Stadt der Frauen“. Rund 250 Seiten, die einen großen Wurf enthalten. Die Vision von einem Ort, an dem die Frauen genauso klug, genauso stark, genauso anerkannt sind wie die Männer.
Christines Kühnheit ist umso bemerkenswerter, weil sie allein steht. Und sie weiß, wie sehr sie Ausnahme ist in einer Epoche, die kaum schreibende Frauen kennt und keine wie sie: eine Dichterin, für die das Schreiben nicht Fingerübung, Zeitvertreib ist, sondern Beruf. Sie ist eine gelehrte Frau, die sich ihr Wissen und Handwerk selbst beigebracht hat. Eine Mahnerin und Moralistin, die erfahren hat, was es heißt, am Rande der Gesellschaft zu leben, als Witwe, machtund mittellos, und die sich als Dichterin zur Wehr setzt gegen die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen niedergehalten werden, in der Literatur und im Leben.
Ihr BUCH ist eine Unverschämtheit
„Ich, Christine“: So schreibt sie. Selbstsicher, sendungsbewusst. Überzeugt, dass jeder ihrer Gedanken es verdient, gelesen zu werden. Dass ihre Ideen sich mit denen eines Mannes messen können. In fast jedem ihrer Werke tritt sie in Erscheinung, schreibt sich in den Text, zeigt sich auf den Miniaturen, die ihre Buchmanuskripte schmücken.
PARIS, UM 1400. Christine ist Mitte dreißig und hat erst wenige Jahre zuvor mit dem Schreiben begonnen, als sie jenes Werk veröffentlicht, das ihr den Durchbruch bringen wird: „Der Sendbrief der Othea“, eine Unterweisung für Ritter und andere hochgestellte Personen, Ratschläge für ein rechtschaffenes Leben.
Keines ihrer Bücher wird zu Christines Lebzeiten mehr gelesen werden als die Lektionen der fiktiven Göttin Othea an den Königssohn Hektor von Troja. Dieses Werk ist anders als alle Bücher, die zuvor erschienen sind – und eigentlich eine Unverschämtheit. Die Autorin nimmt sich heraus, Männer zu belehren, mehr noch: Ritter zu belehren. Jenen Stand, auf den sich ein ganzer Staat stützt. Zudem treten in vielen der mythologischen Geschichten, in die sie ihre Lektionen für die Ritter kleidet, Frauen als Vorbilder auf. Auch das unerhört.
Zwar erklären Ritter edle Frauen stets zum Ziel ihrer Sehnsüchte, begehren und verehren sie, schmachten sie in Minneliedern an. Zwar heben die Gläubigen eine Frauenfigur, die Muttergottes, im Marienkult aufs höchste Podest. Zugleich aber werden Frauen als sündhafte Kreaturen verachtet, nicht würdig, eine eigene Meinung zu haben, einen eigenen Beitrag zu leisten.
Daher sei es Aufgabe der Männer, festzulegen, welchen Platz weibliche Geschöpfe in Kirche, Wirtschaft und Familie einzunehmen hätten. Predigten, Moralschriften und Volksweisheiten geben ihnen unmissverständlich vor, wie sie zu sein haben: mäßig und keusch, gehorsam, schweigsam und den Blick stets gesenkt. Mit einem Wort: unterwürfig.
Doch genau das ist Christine de Pizan nicht. Sie setzt sich zur Wehr gegen die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen verleumdet werden. Und geht am Ende noch viel weiter. Denn sie besitzt – weit vor der Zeit – die Kühnheit, eine ganz neue Welt zu entwerfen: eine der gleichberechtigten Geschlechter. Schicksalsschläge haben die Autorin geformt. 1365 wird sie in Norditalien geboren. Ihr Vater Tommaso, der dem Landadel der Hügelstadt Pizzano südöstlich von Bologna entstammt, hat an der Universität Bologna Medizin und Recht studiert, dann als Professor für Astrologie gelehrt. Kurz nach Christines Geburt geht er als Leibarzt und Astrologe an den Hof des französischen Königs.
Christine verehrt ihren gelehrten Vater, der sie so wie ihre beiden älteren Brüder unterrichtet. Üblich ist das nicht: Lesen, Schreiben, Rechnen lernen manche Mädchen aus bessergestellten Familien vielleicht noch – der Zugang zu höherer Bildung aber ist für sie nicht vorgesehen. Auf die Universitäten, die gerade in immer größerer Zahl gegründet werden, dürfen nur Männer gehen. Tommaso gehört nicht zu jenen, die glauben, zu viel Wissen schade einer Frau, aber die Mutter stellt sich dem Lernwillen der Tochter entgegen und will sie mit Handarbeiten beschäftigen, mit Nähen und Spinnen. Zusammenklauben muss Christine sich ihr Wissen, in kleinsten Bruchstücken, erinnert sich die Autorin später, muss mühsam sammeln, was für sie abfällt von der Weltkenntnis des Vaters. Als 15-Jährige wird sie mit Étienne du Castel verheiratet, einem Notar am französischen Königshof. Nach einigen Jahren des Glücks stürzt der Tod dramatisch in ihr Leben: In kurzer Folge sterben der alternde Vater und, wohl an der Pest, ihr Ehemann.
Christine bleibt, 25-jährig, allein zurück mit der Verantwortung für drei Kinder und ihre Mutter – und das in einer Zeit, in der von Witwen schnelle Wiederheirat erwartet wird oder ein Leben in völliger Zurückgezogenheit. „Nun musste ich auf einmal selbst Hand anlegen, die Verwöhnte und Behütete, die dies alles nicht gelernt hatte“, schreibt sie später über diese Jahre. Ihr Vater, am Ende seiner Karriere verarmt, hat ihr kaum etwas vererbt. Und nichts wusste sie über die Geldgeschäfte ihres Mannes. Jetzt muss sie streiten und Prozesse führen um sein Vermögen, um Darlehen und Grundbesitz. Die Familie hungert, Geldeintreiber tragen ihr bei Zwangsvollstreckungen die Habe fort aus dem Haus. Angst treibt sie um, die Scham, wenn sie sich Geld leihen muss, die schlaflosen Nächte, die ungezählten Tage im königlichen Gericht. Jahre später wird sie in einem Gedicht beschreiben, was sie schließlich rettet: Wie sie wie aus einem langen Schlaf erwacht, verwandelt. Der Moment, in dem sie lernt, sich auf sich selbst zu verlassen, unabhängig zu leben und zu denken. Der Körper nun kräftiger, die Stimme lauter, der Kopf ohne Angst: „Ich spürte mein starkes und kühnes Herz, staunte darüber und merkte, dass ich wahrhaftig ein Mann geworden war.“
Die KIRCHE prägt das Frauenbild
DIE FRAU: EIN FEHLER DER NATUR. Ein Mängelwesen, im Leben nur dazu bestimmt, Kinder zu gebären. Schwach an Körper, Geist, Moral, dem Mann untertan, seiner Führung anvertraut, dabei eine ständige Gefahr für sein Seelenheil.
So sehen es viele Kleriker des Mittelalters. „Dieses Geschlecht“, schreibt ein Abt eines Benediktinerklosters in Frankreich, hat Adam „unseren Stammvater vergiftet, hat Johannes den Täufer zugrunde gerichtet, den überaus mutigen Samson dem Tode ausgeliefert. In gewisser Weise hat es auch den Heiland getötet, denn wenn seine Sünde es nicht heraufbeschworen hätte, hätte unser Heiland nicht sterben müssen. Wehe diesem Geschlecht, das weder Furcht noch Güte noch Freundschaft kennt, und das mehr zu fürchten ist, wenn es geliebt als wenn es gehasst wird.“ Die Kirche prägt das Frauenbild. Seit sie im 12. Jahrhundert den Zölibat für Priester zur Pflicht gemacht und Klerikern Ehe und Sex verboten hat, sind die Geistlichen ständig bemüht, die ihnen auferlegte Enthaltsamkeit zu rechtfertigen. Sie stützen ihre Lehren auf Denker der Antike, die den Mann zum Maß aller Dinge erklärt haben. Schwach und dem Mann unterworfen, so sieht die Kirche die Frau – aber auch als Verführerin, sündhaft und verdorben, ein Hindernis auf dem Pfad der Tugend. Als Werkzeug des Teufels beschreiben Kleriker sie in ihren Traktaten, und die Laien machen es ihnen nach. In Gedichten und Erzählungen finden sich Aufzählungen jener Laster, die Frauen vorzuwerfen sind: Eifersucht, Heuchelei, Habgier, Doppelzüngigkeit, Treulosigkeit, Verschwendungssucht – all das angeblich belegt durch die Bibel, durch Sagen und die Geschichte.
Diese Sicht bleibt nicht ohne Folgen für die Wirklichkeit: Während Männer sich Geliebte halten und Prostituierte besuchen, während Adelige sich mit Frauen aus niederen Ständen so gut wie alles erlauben, können Frauen für Ehebruch verstoßen werden, mit schweren Bußen belegt, mit dem Tode bestraft. Tagelöhnerin, Bäuerin, Bürgersfrau, Aristokratin: So unterschiedlich diese Frauen sein mögen, so sehr ähneln sie sich im Verhältnis zum anderen Geschlecht. Denn auch die Frauen des Adels sind Männern untergeordnet, rechtlich und sozial. Sie können nicht entscheiden, ob sie einen Mann erhören. Sie haben keine Wahl. Ihre Heirat arrangieren andere. Liebe spielt dabei keine Rolle.
Gewöhnlich haben sich die Mädchen, kaum dass sie die Pubertät erreichen, in die Heiratspolitik ihrer Familien zu fügen. Die geben ihre Töchter vorzugsweise in die Hände derer, die Vermögen und Einfluss der Sippe sichern. Nie sind die Frauen selbstbestimmt, immer unter Vormundschaft: von Vater, Bruder, Ehemann. Wichtige Rechtsgeschäfte der Frau müssen in der Regel vom Gatten ausgeführt oder gestattet werden. In höchsten Sphären, immerhin, sind den Frauen weniger enge Grenzen gesetzt. In vielen Reichen dürfen die Gattinnen von Herrschern bei Abwesenheit oder nach dem Tod des Mannes regieren – wenn auch meist nur so lange, bis der eigentliche Thronfolger mündig ist.
Ganz ohne Autorität sind die Frauen nicht: In Haushalt und Familie, haben sie das Sagen, etwa bei der Erziehung der Kinder. Oder auf der Burg, wenn der Herr abwesend ist, im Krieg oder auf Reisen; bei einem Angriff beaufsichtigen sie nicht selten sogar die Verteidigung. Doch die Macht endet an den Mauern, außen bleibt davon wenig. Auch in den Städten haben Frauen politisch nur geringen Einfluss, haben bei der Besetzung von Ämtern keine Mitsprache, dürfen nicht selbst kandidieren.
Wenigstens können sie in den Metropolen erfolgreich werden: In Paris und Köln beherrschen Frauen im 14. und 15. Jahrhundert das Seidenmachergewerbe. Weberinnen und Stickerinnen kommen zu Meisterehren und bilden Lehrlinge aus. In Köln reüssiert die Kauffrau Cathringen Broelmann im Eisenimport. In Lübeck sind Frauen an Schiffen beteiligt und befrachten sie, andere treiben Handel bis nach Schweden.
Christine de Pizan muss nach ihrer Lebenswende ihr neues Gewerbe erst finden. Wahrscheinlich arbeitet sie anfangs als Kopistin von Texten anderer. Daneben liest und lernt sie, gründlich und selbstvergessen. Beginnt mit der Frühgeschichte der Menschheit wie ein Kind mit dem Abc. Und schließlich fängt sie an zu schreiben, Liebesgedichte zunächst, Balladen. Auch die Lyrik setzt viel Lernen und Wissen voraus, über Formen, über Regeln für Reime und Versmaß. Christine macht das Dichten zu ihrem Handwerk, in einer Zeit, in der Frauen Leserinnen sind, auch Mäzeninnen, aber fast nie Verfasserinnen von Literatur.
Ihre Texte kreisen vor allem um Trauer, Verlust, Einsamkeit. Sie hat großes Talent, das merkt sie wohl. Und Chancen, die anderen Frauen versagt bleiben: Über ihren toten Gatten verfügt sie über Verbindungen zu Höflingen und königlichen Beamten, deren Fürsprache und Unterstützung ihr den Weg ebnen. Christine verlässt sich nicht allein auf ihre Verse, um adelige Gönner zu überzeugen. Stets achtet sie darauf, ihre Werke besonders kostbar zu gestalten, sie aufwendiger illustrieren zu lassen als die Bücher vieler männlicher Autoren.
Wahrscheinlich ist sie sich bewusst, dass sie auch Aufmerksamkeit findet, weil sie anders ist, eine Exotin – endlich ein Vorteil in der Welt der Ungleichheit. Aber immer wieder gibt es auch harsche Kritik an ihrer Arbeit, verdammen Männer ihre Werke als einer Frau nicht im Geringsten schickliche Gelehrsamkeit.
IM JAHR 1399 gelingt es Christine, ihre erste Gedichtsammlung, „Hundert Balladen“, Frankreichs Königin Isabella zukommen zu lassen; und sie findet in der Monarchin wohl eine Unterstützerin. Wenig später jedenfalls schreibt sie den „Sendbrief der Othea“, jene Unterweisung für Ritter, die zu ihren Lebzeiten beliebter sein wird als jedes andere ihrer mehr als 40 Bücher.
Für das Werk über das sittliche Verhalten von Rittern und anderen Adeligen hat sie lange und gründlich recherchiert, zeigt nun, dass sie nicht nur Lyrik, sondern auch Prosa beherrscht. Die Ritter, denen sie hier Ratschläge erteilt, sind es, die den Frauen im Mittelalter etwas Hoffnung zu verschaffen scheinen. Denn an Fürstenhöfen ist eine lyrische Gegenwelt entstanden, die Frauen geradezu überschwänglich feiert: die ritterliche Minne, eine Kombination aus Gesten, Wort und Gesang, mit der Dichter Frauen anbeten, ihre Schönheit, Tugendhaftigkeit und Verehrungswürdigkeit zelebrieren, um sie werben.

CHRISTINE DE PIZAN hat gute Kontakte zum französischen Hof: Hier überreicht sie der Königin (im Bild links) persönlich einen Band mit ihrer Lyrik
Der Blick der Minnesänger auf die Frauen ist durchaus positiv – aber viel mehr als Schmuck und idealisiertes Objekt sind sie dennoch meist nicht. Und mit der Wirklichkeit der Liebe an den Höfen haben die Gedichte ohnehin wenig zu tun: Auch bei Rittern herrschen Grobheit und Unterwerfung vor.
Weitaus lebensnaher ist da schon eine andere, offen frauenverachtende Art von literarischen Werken. Für viele dieser Autoren ist Verleumdung des weiblichen Geschlechts längst zur literarischen Mode geworden, zum satirischen Stilmittel, zum komischen Element. Breit gelesen etwa wird der „Rosenroman“, in dem der Verfasser Frauen wortreich und offen allen Verstand abspricht und alle Ehre, in Sätzen wie: „Ihr seid, werdet oder wart alle Huren, durch die Tat oder durch den bloßen Willen.“ Christine de Pizan, inzwischen erfolgreich und selbstbewusst, kann solche Texte kaum ertragen. Begreifen die Menschen nicht, was sie da lesen?
„Dieses Werk ist ein sehr gefährliches Buch“, schreibt sie an einen Gelehrten in Paris. Zum Beleg berichtet sie von einem Mann, der den Rosenroman als eine Art Evangelium betrachte: „Dieser Ehemann ist nun über alle Maßen eifersüchtig, und wenn diese Krankheit ihm besonders stark zusetzt, dann greift er zu jenem Buch, liest seiner Frau daraus vor, schlägt auf sie ein und sagt: ‚Du Drecksweib, du bist genauso, wie er es sagt, und du legst mich genau so rein, wie er es beschreibt.‘ Und bei jedem Wort, das diesen Mann in seiner Meinung zu bestätigen scheint, versetzt er ihr einen oder zwei Fußtritte oder Hiebe.“
Doch Christine belässt es nicht bei der Kritik des Machwerks. Vielleicht braucht die Welt keine gelehrte Debatte, um ihre Sicht der Dinge zu begreifen – vielleicht braucht sie eine andere Vision. Eine Heldinnenerzählung. Und so beginnt sie, die Geschichte der Frauen neu zu schreiben. 1405 legt sie ihr „Buch von der Stadt der Frauen“ vor.
Zu Beginn des Textes sitzt sie selbst als Hauptfigur des Buches in einem Studierzimmer. Dort erscheinen ihr die Traumbilder dreier Frauenfiguren, die Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit verkörpern und die jedes männliche Vorurteil über Frauen mit Beispielen außergewöhnlicher weiblicher Gestalten aus Geschichte und Mythologie widerlegen.
Mit all diesen vorbildlichen Frauen – den Gelehrten, Märtyrerinnen, Heiligen, deren Geschichten die Welt so leicht vergesse – soll die Protagonistin eine Stadt bauen und bevölkern, so tragen es ihr die drei traumähnlichen Besucherinnen auf, und verkünden: „Dies ist der Beginn eines neuen Reiches der Frauen.“ Eine Stadt als Zufluchtsort, als Gegenentwurf zur wirklichen Welt, in der Männer herrschen, allein und selbstherrlich. Jede zu dieser Zeit verbreitete böse Nachrede über Frauen können die drei Traumfiguren entkräften. Etwa den Vorwurf, verheiratete Frauen machten ihren Ehemännern das Leben mit ihrer Verschwendungssucht, ihrer ständigen Nörgelei zur Hölle: Ist es nicht viel eher umgekehrt?
Sind es nicht Männer, die ihre Frauen schlagen, beschimpfen, erniedrigen, sich in Wirtshäusern und Bordellen herumtreiben, während ihre Familien in Hunger und Armut leben? Zu der Meinung, Männer seien klüger als Frauen, sagen sie: „Wenn man Mädchen in die Schule schicken, sie studieren lassen würde, dann würden sie genauso gut lernen und die letzten Feinheiten aller Künste und Wissenschaften ebenso mühelos begreifen.“ Und wie viel mehr könnten Frauen wissen und leisten, wenn ihre Welt nicht so eng wäre, beschränkt auf ihren Haushalt mit seinen Pflichten.
Christine de Pizan fordert in diesem Buch Respekt. Aber sie nimmt Frauen auch in die Pflicht, sich die Anerkennung der Männer zu verdienen: Im Anschluss an die „Stadt der Frauen“ veröffentlicht sie 1405 das „Buch von den drei Tugenden“. Auf die Utopie folgt hier die praktische Lebenshilfe: In einem Erziehungsratgeber (wie ihn zuvor nur Männer, meist Kleriker, für Frauen verfasst haben) schreibt sie Lebensregeln fest für Bäuerinnen, Bürgerinnen, Dienstmägde, Adelige, Frauen aller sozialen Schichten, am Hof, auf dem Land, in der Stadt.
Die Autorin misst Frauen nicht an ihrer Beziehung zu einem Mann, teilt sie nicht wie alle anderen nur in Jungfrauen, Ehefrauen, Witwen: Christine sieht Frauen als Teil der Gesellschaft, und die wichtigste Tugend, die sie ihnen für ihr Leben mitgibt, ist nicht Glaube, Geduld, Gehorsam, sondern prudentia, Weltklugheit.
NIEMAND KANN HEUTE sagen, welche Wirkung diese so ungewöhnlichen Texte in der Zeit ihrer Entstehung gehabt haben – zu wenig ist dazu überliefert. Entzünden sie das Bewusstsein ihrer Geschlechtsgenossinnen? Wühlen sie die Menschen auf? Oder tut man sie als die abseitigen Äußerungen einer Einzelkämpferin ab? In jedem Fall ist die Autorin ihrer Zeit weit voraus, nimmt Inhalte und Argumente der modernen Frauenbewegung vorweg.
Im Juli 1429 veröffentlicht Christine de Pizan ihr wahrscheinlich letztes Werk: ein Gedicht auf Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orléans. Jene Bauerntochter aus Lothringen, der himmlische Stimmen angeblich aufgetragen haben, die englischen Besatzer aus Frankreich zu vertreiben. Eine 17-Jährige in ritterlicher Rüstung an der Spitze der Armee, die im Mai 1429 das belagerte Orléans von der englischen Herrschaft befreit und dem französischen König Karl VII. zu seiner Krönung in Reims verhilft.
Eine Frau wie eine Figur aus dem „Buch von der Stadt der Frauen“, zum Leben erwacht. Nur Monate nach diesem Erfolg aber wird Jeanne d’Arc bei dem Versuch, Paris einzunehmen, verwundet und gefangen genommen, an die Engländer verkauft, verurteilt und am 29. Mai 1431 als Hexe und Ketzerin verbrannt.
Es ist nicht klar, ob Christine das Ende der Kämpferin noch erlebt. Ihr Gedicht über Jeanne ist das letzte Lebenszeichen der Autorin, über ihr weiteres Schicksal ist kaum etwas bekannt. Doch noch ehe das Jahrhundert endet, gehören ihre Bücher zu den ersten, die in Frankreich nicht mehr handgeschrieben, sondern – nach der gerade erst erfundenen Vervielfältigungstechnik – gedruckt erscheinen. Zahlreiche ihrer Schriften verbreiten sich in Europa, werden übersetzt ins Deutsche, Englische, Portugiesische.
Aber es wird lange dauern, bis man in Christine de Pizan nicht nur eine begabte Schriftstellerin und bestaunte Ausnahme erkennt, sondern eine Frau, die ihrem Jahrhundert enteilt war und sich nicht damit abfinden wollte, nur im Blick der Männer zu existieren: mal ritterlich verehrt, mal als schwach und minderwertig verdammt und verurteilt. Die Autorin jedenfalls hat sich diesen Nachruhm – darin kaum weniger kühn als in ihren Visionen – schon früh selbst prophezeit. In einem ihrer Texte heißt es: „Künftig wird mehr von dir die Rede sein als zu deinen Lebzeiten.“
2. Von Pilgerinnen und Königinnen: Die wahre Macht der Frauen im Mittelalter
Die Wissenschaft erkennt immer deutlicher, wieviel Einfluss Frauen im Mittelalter besaßen. Männer haben sie bloß systematisch aus der Geschichte herausgeschrieben.
Die Roben um ihre Schultern scheinen das Mädchen fast zu verschlingen. Ein Schleier schmückt ihren Kopf, darauf ein zartes Krönchen. Mit gesenktem Haupt kniet sie vor dem Bischof, der seinen Stab über sie hält. Er weiht das Mädchen feierlich zur Äbtissin: Mathilde von Quedlinburg wird das 11-jährige Kind von nun an heißen. Eigentlich müsste nur ein einziges Kirchenoberhaupt für die Zeremonie anwesend sein. Aber Mathildes Eltern, Kaiser Otto und Kaiserin Adelheid, haben die wichtigsten Größen des Landes eingeladen. Aufmerksam beobachten sie jedes Wort, jede Bewegung, jede Geste. Denn eines zeigt das Gemälde, das den Augenblick im Jahr 966 festhält und heute im Quedlinburger Rathaus hängt, ganz deutlich: Hier wird nicht einfach ein Mädchen ins Klosterstift abgeschoben. Die Weihe ist der Beginn von Mathildes Karriere, während der sie es bis zur Reichsverweserin bringen wird. Dieser Eintritt in die Welt der Kirche ist der Grundstein ihrer Macht.
Bis heute gilt das Mittelalter vielen als "dunkles Zeitalter", in dem das Leben schmutzig, brutal und kurz war – vor allem für Frauen. Lange ging man davon aus, dass Frauen damals vor allem eine Rolle hatten: als Gehilfin und Besitz des Mannes, früh verheiratet oder eben im Kloster geparkt.
Aber vieles, was wir über diese Epoche zu wissen glaubten, wird heute von der Geschichtswissenschaft völlig neu bewertet. Weil sie Quellen aufarbeitet, neue Technologien benutzt und ihre eigenen Annahmen hinterfragt. Und plötzlich ergibt sich ein ganz anderes Bild von der Macht der Frauen im Mittelalter.
Da ist die Kriegerin von Birka, die seit der Entdeckung ihres Grabes 1870 von der Wissenschaft stur für einen Mann gehalten wurde – bis fast 150 Jahre später eine DNA-Analyse ihr eigentliches Geschlecht bewies. Da sind die Pilgerinnen, die sich in den wilden Zeiten nach dem Auseinanderbrechen des weströmischen Reiches auf den Weg machten, das Christentum nördlich der Alpen zu verbreiten. Und während Otto der Große heute für fast jeden in Deutschland ein Begriff ist, wissen die wenigsten: Nach seinem Tod kümmerte sich das Dreiergespann aus Mathilde, ihrer Mutter Adelheid und Schwägerin Theophanu jahrelang um die Geschäfte des Kaiserreiches.
In ihrem Haus wimmelte es von starken Frauen: Mathilde, die Ältere, auf ihrem Sterbebett in Quedlinburg 968. Sie war die Mutter Ottos des Großen; ihre Schwiegertochter Adelheid und Schwiegerenkelin Theophanu wurden später Kaiserin. Ihre Enkelin Mathilde, die sie am Anfang in deren Amt als Äbtissin von Quedlinburg unterstützte, wurde zur Reichsverweserin ernannt
Mächtige Frauen im Mittelalter – so sieht sie die Wissenschaft
Darin ist sich die Geschichtsforschung heute einig: Frauen im Mittelalter besaßen mehr Macht, als wir es lange glaubten. Und sie hatten damals wohl deutlich mehr Einfluss als später in Reformation und Renaissance. Für die deutsche Historikerin Amalie Fößel begann die Diskriminierung von Frauen erst flächendeckend, als Universitäten und Staatsapparate entstanden – von deren Besuch beziehungsweise Ämtern sie ausgeschlossen wurden. Kein Wunder also, dass die Suffragetten – die britischen Frauenrechtlerinnen am Anfang des 20. Jahrhunderts –, für mittelalterliche Frauen schwärmten.
Der Weg zur Gleichberechtigung ist dann eben kein linearer, von Unfreiheit zu immer mehr Freiheit. Diese Vorstellung passte nur sehr gut in das Weltbild, das Europa seit der Aufklärung prägt: von einem vermeintlichen Barbarentum hin zu Vernunft und Zivilisation.
Janina Ramirez, eine bekannte Historikerin und Autorin aus Großbritannien, geht sogar noch weiter: Frauen seien systematisch aus der Geschichte herausgeschrieben worden. "Femina" heißt eines ihrer Bücher, und der Titel ist ein Beispiel für genau solches Unsichtbarmachen. Als Ramirez in den Tiefen der Archive recherchierte, begegnete ihr das Wort immer wieder auf Dokumenten aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, mitunter waren auch die Worte "Häresie", "Hexenwerk" oder "Unorthodox" daneben gekritzelt. Die Bibliothekare sortierten mit diesen Vermerken jene Werke aus, die ihnen der Bewahrung nicht wert schienen. Denn "Femina" bedeutete schlicht: von einer Frau geschrieben.
"Ich bin immer wieder erschrocken, auf wie viel Lüge und Manipulation unser Geschichtsverständnis basiert", sagt Ramirez im Gespräch mit der Unizeitung der Universität Oxford. Natürlich interpretiere jede Gegenwart ihre eigene Vergangenheit, das sei ein normaler, gesellschaftlicher Prozess. "Aber die Gelehrten des 19. Jahrhunderts haben sich schuldig gemacht." Denn sie hätten die Historie zu einer Geschichte weniger großer Männer umgeschrieben – und die Macht der Frauen verschwinden lassen.
Dabei waren die Frauen des Mittelalters alles andere als wehr- und mittellos. Sie waren Königinnen und Königmacherinnen und bekleideten hohe Ämter in der Kirche. Und auch das Leben nichtadeliger Frauen war nicht nur auf Haus und Herd beschränkt: Sie pflegten und verteidigten den Hof, leiteten Werkstätten und handelten mit Waren. Und: Sie lasen und schrieben. Denn derlei intellektuelle Fertigkeiten behrrschten lange Zeit vor allem Frauen.
Ihrer Zeit voraus: Hildegard von Bingen (hier auf einem Bildnis um 1230) war eine Universalgelehrte. "Ein Leonardo da Vinci, 400 Jahre bevor Leonardo da Vinci überhaupt geboren wurde", nennt sie die britische Historikerin Janina Ramirez © akg-images / picture alliance
Die Hofherrin: Die Macht der Schrift
Der Gürtel ist über tausend Jahre alt und schimmert trotzdem noch leuchtend rot. Einst wurde er als kostbares Geschenk an die Kirche gestiftet, heute liegt er im Diözesanmuseum St. Afra in Augsburg. Seine Schöpferin beherrschte die damalige Technik des Brettchenwebens perfekt. Das bezeugt auch die gut lesbare Inschrift in schlanken, hohen Lettern, mit der sie sich selbst verewigt hat: "Albecunde" prangt auf der Seide.
Der Gürtel stammt aus dem 9. oder 10. Jahrhundert, als es in unseren Breiten nur wenige Städte gab. Das Leben in Mitteleuropa war damals oft um einen Herrenhof organisiert. Und der wurde meist von Mann und Frau gemeinsam geleitet. Auch die Gürtel-Weberin war wahrscheinlich eine solche Hofherrin. Zu ihren Aufgaben gehörte die Beaufsichtigung der Textilproduktion – und das Lesen und Schreiben. Handwerke und Schrift lernten Mädchen aus der Oberschicht in den Klosterschulen, während die Jungen an Waffen und in Kampftechniken ausgebildet wurden. So waren es dann auch meist die Ehefrauen, die sich um alles kümmerten, was mit Papier- (oder besser Pergament-)kram zu tun hatte. Das bezeugt auch der Sachsenspiegel aus dem 13. Jahrhundert: Im ersten Rechtsbuch in deutscher Sprache ist klar geregelt, wer etwas erben oder bei einer Scheidung behalten durfte. Schriften und Bücher gingen an die Frau – die Männer konnten sowieso nicht viel damit anfangen. Sogar Otto der Große soll lesen und schreiben erst in höherem Alter gelernt haben, und das nie besonders gut.
Im Alltag waren es also wohl meistens Frauen, die Mitteilungen aufzeichneten, Notizen machten und wichtige Dokumente verwahrten. Eine Studie von Anfang 2025 zeigt, dass auch unter den professionellen Schreibern mehr Frauen waren als lange angenommen. Jede hundertste mittelalterliche Schrift konnte eindeutig einer weiblichen Person zugeordnet werden, über Namen oder eine Selbstbezeichnung, die wahre Zahl liegt sicher noch höher. 2019 fanden Forschende Lapislazuli-Pigment im Zahn einer Frau, die vor etwa 1000 Jahren gelebt hatte. Dieses Pigment wurde für besonders wertvolle Manuskripte verwendet, womöglich war die Frau eine Illustratorin.
Christine de Pizan und Hildegard von Bingen
Gleichzeitig erinnern wir uns heute nur an wenige Schriftstellerinnen aus dieser Zeit. Eine der bekanntesten ist Christine de Pizan (1364–1430), die im ausgehenden Mittelalter sogar von ihrer Autorentätigkeit leben konnte. "Der Sendbrief der Othea", eine Anleitung für Ritter, wurde zum Bestseller. Noch bemerkenswerter ist "Das Buch von der Stadt der Frauen": Pizan entwirft darin eine Utopie, den Beginn "eines neuen Reiches der Frauen". Pizan schreibt damit explizit gegen männliche Kollegen an, die das weibliche Geschlecht als minderwertig und den Ursprung allen Übels brandmarkten. Sie schreibt sich auch selbst in das Werk hinein und verkündet selbstbewusst: "Wenn man Mädchen in die Schule schicken, sie studieren lassen würde, dann würden sie genauso gut lernen und die letzten Feinheiten aller Künste und Wissenschaften ebenso mühelos begreifen." Heute sieht man in Pizan eine der ersten Feministinnen.
In intellektuellen Kreisen waren Frauen im Mittelalter ebenfalls vertreten. Hildegard von Bingen (1098-1179) etwa war schon zu Lebzeiten hoch angesehen. "Sie war Wissenschaftlerin, betrieb Astrologie, erfand eine komplette Sprache, war Linguistin", sagt Historikerin Janina Ramirez im Onlinemagazin Culturall über von Bingen. "Sie war außergewöhnlich in allem. Ein Leonardo da Vinci, 400 Jahre bevor Leonardo da Vinci überhaupt geboren wurde."
Noch früher, um etwa 800 n.Chr., entstand unter Karl dem Großen eine Art erster geistiger Elite. Ein Thinktank aus Gelehrten, Adeligen und Kirchenvertretern, in dem auch gestritten werden durfte. Zum Beispiel darüber, ob die Erde eine Kugel sei oder nicht. Sie trafen sich am Hof und schrieben sich Briefe in endlosen Versen. Sie duzten sich und rissen sogar derbe Witze übereinander: "Eine Ära, in der Denken ausdrücklich erlaubt war", nennt es Hermann Schefers, Historiker und Leiter des Welterbes Kloster Lorsch. Und auch Frauen mischten mit, unter anderem die Tochter Karls.
Größer als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern waren damals eher die zwischen den Schichten: Das Leben von Bauern und Bäuerinnen, abhängig und gebunden in Herrschaftsverhältnissen, war von andere Einflüssen bestimmt als das hochgeborener Menschen.
Ursula von Köln: Als Pilgerin zu Fuß in die Freiheit
Als die Pilgerin im späten 4. Jahrhundert aufbricht, haben sich die Grenzen des weströmischen Reiches gerade aufgelöst. Es ist eine Zeit des Umbruchs und der Bewegung: von Waffentrupps, Familien, Tieren, ganzen Dörfern. Die Reise und die Pilgerin werden zu Legenden, als Ursula von Köln und das Martyrium der 11.000 Jungfrauen.
Die Geschichte wird so erzählt: Eigentlich sollte Ursula heiraten, willigte aber nur unter einer Bedingung ein. Die Edelfrau wollte vorher eine Pilgerreise unternehmen, von der Bretagne nach Rom und zurück, begleitet von mehreren Gefährtinnen. Was mag ihnen auf ihrem Zug widerfahren, wer ihnen begegnet sein? Ihre Prozession, sämtlich Frauen, unbegleitet und selbstbestimmt, muss auf die Menschen eine schockierende Wirkung gehabt haben: eine Provokation für die heidnische Bevölkerung – und für Männer.
Im Frühmittelalter fanden mehrere Missionsbewegungen statt, die das Christentum über den europäischen Kontinent verbreiteten. Die Forschung hat etwa die Routen der keltisch-irischen und der angelsächsischen Mission gut nachgezeichnet. Wir kennen bis heute das Bild des Wandermönchs: Männer mit Tonsur und nicht mehr Besitz als die Kutte am Leib. Klöster tragen ihre Namen, ihre Geschichten werden immer noch erzählt. Etwa die von Bonifatius, der angeblich die Chatten bekehrte, indem er ihre heilige Donar-Eiche fällen ließ.
Derart ausführliche Lebensschilderungen fehlen für die Pilgerinnen. Ihre Namen finden sich zwar in schriftlichen Quellen: Eangyth und Lioba, Hugeburc von Heidenheim und Hildegund von Schönau, Egeria und Gerberga. Doch Bücher und Aufsätze über die Fürsprecherinnen des Christentums sind rar, obwohl es offensichtlich einige gab. Im Fall von Ursula ist die Geschichtswissenschaft nicht mal sicher, ob eine reale Person dieses Namens jemals existierte.
In der Legende findet Ursula einen gewaltsamen Tod. Auf dem Rückweg der Pilgerreise halten Hunnen das Schiff der Pilgerinnen auf dem Rhein bei Köln auf und stellen sie vor die Wahl: Entweder geben sie ihren Glauben auf und heiraten die Männer – womöglich eine Chiffre für Sex –, oder sie müssen sterben. Die Frauen wählen den Tod. Und wurden so unsterblich: Aus der Pilgerreise einer Frauengruppe wird die Legende der 11.000 Jungfrauen, die sich lieber dem Martyrium aussetzen, als ihren Gott aufzugeben.
Genau solche Erzählungen inspirierten die Menschen, den christlichen Glauben anzunehmen – und waren effektiver als das Schwert, argumentieren einige Historiker. Gerade Pilgerinnen müssen eine große Faszination ausgeübt haben, mit ihrer starken Überzeugung und dem Mut, die Gefahren der heiligen Reise auf sich zu nehmen. Ohne sie hätte das Christentum wohl viel länger gebraucht, um sich gegen die heidnischen Religionen durchzusetzen. Und im Pilgerwesen fanden diese Frauen eine Möglichkeit, ihr Leben und die Welt zu gestalten.
Königin und Power Couples: Zeichen der Herrschaft
Den Thron sichern und einen Nachfolger gebären, möglichst männlich: Das gehörte auf jeden Fall zur Aufgabe von Herrscherinnen im Mittelalter. Schaut man aber genauer hin, hört ihr Einflussbereich dort bei weitem nicht auf. Im Gegenteil: Damals führten Adelshäuser mitunter regelrechte "Power Couples" an, wie es der Historiker Tobias Daniels von der Universität Heidelberg nennt. Das zeigt sich auch auf Bildnissen dieser Zeit, "die den Eindruck erwecken, dass man gemeinsam an der ‚Spitze des Reiches‘ stand", schreibt die Historikerin Amalie Fößel: Königin und König werden nebeneinander und gleich groß dargestellt.
Waren Frauen schon vorher wichtig, wurde die Doppelherrschaft unter den Ottonen geradezu zur Regel. Schon zu Lebzeiten ihrer Männer wurden Adelheid und ihre Schwiegertochter zu Kaiserinnen gekrönt. Sie fungierten als Beraterinnen, Bittstellerinnen und Fürsprecherinnen, unentbehrliche Funktionen einer Herrschaft. In einem Viertel aller Urkunden unter Otto dem Großen finden sich Interventionen durch die Herrscherin, bei Theophanu sind es sogar fast ein Drittel.
Theophanu, Adelheid und Mathilde
Nach Ottos Tod 973 und, nur kurze Zeit später, dem seines Sohns und Nachfolgers Otto II., hielten sogar drei Frauen gemeinsam die Macht im Reich: Theophanu und Adelheid auf Reisen als eine Art Außenministerinnen, Mathilde auf dem Stammsitz in Quedlinburg.
Als Mathilde mit nur elf Jahren zur Äbtissin von Quedlinburg ernannt wurde, war das sicher kein Posten, um eine Königstochter auf dem Abstellgleis zu parken. Eher ein weiterer Schritt auf einer steilen Karriereleiter, die sie schon kurz nach ihrer Geburt bestieg. Während der Reisekönig und Kaiser den Großteil seiner Amtszeit in Italien auf Schlachtfeldern und in Verhandlungsrunden verbrachte, repräsentierte Mathilde den Willen der kaiserlichen Familie nördlich der Alpen. Einen Hinweis darauf bietet eine päpstliche Urkunde von 967, das dem Quedlinburger Stift die Exemtion erteilte: Dessen Rechtsprechung unterstand damit nicht länger dem Halberstädter Bischof, sondern der Äbtissin. In der Urkunde wird Mathilde sogar als "Augusta", als Kaiserin bezeichnet. Später ernannte man sie als einzige kirchliche Frau jemals zur Reichsverweserin. "Domina imperialis", kaiserliche Herrin, hieß sie nun in den Quellen.
20 regierende Königinnen qua Geburtsrecht zählt die Geschichtswissenschaft zwischen 1100 und 1600 in Europa, mehr als in späteren Jahrhunderten. Wieso aber verloren die Frauen ihre Macht? Dafür gibt es mehrere Gründe. Während ihnen die Kirche in ihren Anfängen Freiheit und Einfluss gewährte, belebte sie später die aristotelische Vorstellung vom "Mängelwesen Frau" wieder, allen voran durch Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert. Historikerin Fößel verweist außerdem auf "Staatswerdungsprozesse und den Ausbau von Ämter- und Verwaltungseinheiten": Staaten und Institutionen, von Männern für Männer geschaffen, übernahmen nun die Herrschaftsaufgaben. Und von den damals neuen Universitäten waren Frauen ohnehin von Anfang an ausgeschlossen.
Die Idee, dass Frauen sich aus dem öffentlichen Leben ganz herauszuhalten hätten, ist sogar noch jünger: Erst die bürgerliche Gesellschaft der Neuzeit dachte sich Heim und Herd als natürlichen Wirkungsbereich der Frau aus. Dabei lässt sich das Mittelalter auch anders imaginieren, wie das International Journal of Historical Researches schreibt: als "eine Welt, in der außergewöhnliche Frauen sich als verdiente Anführerinnen, Diplomatinnen, religiöse Entscheiderinnen, Abenteurerinnen, Unternehmerinnen, Künstlerinnen, Fördererinnen, Mystikerinnen, Bewegerinnen und Rüttlerinnen, Kriegerinnen, Universalgelehrte und Forscherinnen bewiesen".
3. Hildegard von Bingen. Die mächtige Äbtissin
Nur wenige Frauen haben im Mittelalter so viel Einfluss wie Hildegard von Bingen. Verehrt als Prophetin, die den Willen des Höchsten empfängt, möchte die Äbtissin die Welt von Schuld und Sünde befreien und den Menschen den Weg zu Gott weisen. Selbst Kaiser und Könige können sich ihren Worten nicht entziehen
Das Rupertsberger Kloster bei Bingen, um 1168. Die alte Äbtissin zürnt. Hat sie den Herrscher nicht gewarnt? Hat sie, Hildegard, Friedrich I. nicht bereits in mehreren Briefen geschrieben, dass der Höchste ihn „zu Boden strecken“ könne, falls er seine Regierung weiterhin so wie bisher führe? Ihm klar zu verstehen gegeben, dass auch er ein Diener Gottes ist? Aber trotz ihrer Briefe setzt der Kaiser seinen seit Jahren andauernden Machtkampf mit dem Papst fort.
Friedrich I. Barbarossa, 1155 zum Kaiser des Römischen Reiches gekrönt, versteht sich nicht nur als oberste weltliche Gewalt – er will auch über die Kirche herrschen. Um seine Ansprüche durchzusetzen, hat er den von der Mehrheit der Kardinäle gewählten Papst Alexander III. nicht anerkannt, sondern nach und nach drei ihm ergebene Gegenpäpste unterstützt, zuletzt Kalixt III. Seit 1159 währt nun schon das Schisma. Krone gegen Tiara. Die Kirche, ja das Abendland: gespalten. In einem weiteren Brief schleudert Hildegard dem Kaiser erneut schneidend scharfe Worte entgegen: „Der da IST, spricht: Die Widerspenstigkeit zerstöre Ich, und den Widerstand derer, die Mir trotzen, zermalme Ich durch Mich selbst. Wehe, wehe, diesem bösen Tun der Frevler, die Mich verachten! Das höre, König, wenn du leben willst! Sonst wird Mein Schwert dich durchbohren!“
Wohl keine andere Frau würde es wagen, den Herrscher des Römischen Reiches derart anzugreifen. Doch Hildegard von Bingen ist keine Frau wie andere: Sie versteht sich als Seherin, die Gottes Wort und Gottes Willen offenbart. Als eine Prophetin, die der Welt die Absichten des Höchsten selbst kundgibt. Die Äbtissin vom Rupertsberg pflegt einen intensiven Briefwechsel mit Königen und Herzögen, Päpsten und Bischöfen. Sie verfasst gewaltige prophetische Schriften, sie predigt in aller Öffentlichkeit. Keine Frau nimmt in diesen Tagen größeren Einfluss auf die Mächtigen in Politik und Kirche als sie.Dabei hat sie lange Zeit ihres Lebens geschwiegen – aus Angst.
HILDEGARD WIRD 1098 als zehntes Kind einer adeligen Familie in Bermersheim im heutigen Rheinland-Pfalz geboren. Das kleine Mädchen ist ständig krank, bald sieht es unerklärliche Bilder. Im Alter von fünf Jahren hat Hildegard, so wird später erzählt, eine Vision: Sie beschreibt das Aussehen eines – erst wenige Tage später geborenen – Kälbchens. Doch als sie merkt, dass außer ihr niemand solche Erscheinungen hat, ängstigt sie sich: „Aus Furcht vor den Menschen wagte ich niemandem zu sagen, was ich schaute“, notiert sie später. Auch ihre Eltern sorgen sich: Eine Vermählung der Tochter im Alter von 13 oder 14 Jahren, wie es Brauch ist, scheint schon wegen der schwachen Konstitution des Mädchens kaum möglich. Sie beschließen, ihr Kind Gott zu weihen und in ein Kloster zu geben – so wie viele Adelige, welche die meist erwartete „Mitgift“ an eine Abtei aufbringen können.
Denn Mönche und Nonnen genießen hohes Ansehen, da sie als vollkommene Christen gelten; mit ihren Gebeten und Gesängen vermitteln sie, so der Glaube, zwischen Himmel und Erde. Besonders für Frauen hat das Leben im Kloster viele Vorteile: Als Nonnen sind sie materiell versorgt, müssen sich nicht den Ansprüchen der Ehemänner unterwerfen und gefährden ihre Gesundheit nicht durch Schwangerschaften und Geburten. Und wie nirgendwo sonst können sie sich intellektuell betätigen.
Viele Klöster des 12. Jahrhunderts sind, neben den bischöflichen Domschulen, auch Zentren der Wissenschaften. Universitäten gibt es in Deutschland noch nicht. In den Klosterschulen lernen Schüler Psalmen auswendig, lesen die Bibel und werden von hochgebildeten Ordensleuten in Disziplinen der artes liberales, der sieben freien Künsten der Antike, unterrichtet: Grammatik und Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Astronomie, Geometrie und Musik. In den Klosterbibliotheken finden sich neben religiösen Schriften auch historische Werke; hier stehen Enzyklopädien, Gedichtbände und medizinische Literatur. Nicht überall aber füllen die Schriftrollen und gebundenen Codices gleich ganze Räume. Die in mühsamer, oft jahrelanger Handarbeit angefertigten Abschriften und Bücher sind teuer, in manch ärmerem Kloster birgt eine einzige Holztruhe die gesamte Bibliothek.
Ob die Schüler, zumeist Kinder adeliger Familien, außer den für den Unterricht notwendigen Werken noch andere, kostbare Bücher in die Hand bekommen, ist ungewiss. Vielleicht aber zeigt der Bibliothekar ihnen zuweilen ein Manuskript, preist die präzise Handschrift des Kopisten oder erläutert eine kunstvoll gemalte Szene einer illustrierten Bibel. Doch die Regeln in der Klosterschule sind streng: Während des Unterrichts und der Pausen etwa dürfen die Schüler ausschließlich Latein sprechen. Auch Hildegard wird die Sprache der Gelehrten bald verstehen.
WAHRSCHEINLICH IM ALTER von 14 Jahren zieht sie in Begleitung ihrer Erzieherin Jutta von Sponheim und eines anderen Mädchens in eine steinerne Klause, die an das Kloster der Benediktinermönche auf dem Disibodenberg unweit von Bingen grenzt. Obwohl sich die Zahl der Klöster zwischen 1050 und 1150 verzehnfacht, mangelt es an reinen Frauenklöstern. Viele Nonnen leben bei Männerkonventen.
Nur ein einziges Fenster verbindet die rasch wachsende Gemeinschaft der Nonnen am Disibodenberg mit der Außenwelt. Die Mönche versorgen die Frauen mit dem Lebensnotwendigen, ein vom Abt bestimmter Priester ist Beichtvater der Nonnen und übernimmt die religiöse Unterweisung. Eine Schulausbildung erhalten die Novizinnen der Klause jedoch nicht.
Hildegard liest die Bibel, studiert Schriften der Kirchenväter – und lernt die Klosterregel des Benedikt von Nursia. Die „Regula Benedicti“ des Klostergründers aus dem 6. Jahrhundert hat sich in ganz Europa als Richtschnur für monastisches Leben durchgesetzt und bestimmt den gesamten Klosteralltag: Gebetszeiten und -formen, Ämter und Hierarchien, Arbeit, Kleidung, Speisen, Schlaf. Ora et labora – „bete und arbeite“.
Benedikt fordert von den Mönchen ein einfaches und tugendhaftes Leben: „Nicht stolz sein. Nicht trunksüchtig. Nicht essgierig. Nicht schlafsüchtig. Nicht träge.“ In vielen Punkten jedoch bleibt seine Regula sehr vage. Über deren richtige Interpretation entbrennt deshalb unter Ordensleuten immer wieder heftiger Streit, in den sich später auch Hildegard einmischen wird.
Noch vor ihrem 18. Geburtstag legt sie gemäß den Regeln Benedikts die ewigen Gelübde ab. Und empfängt ihre neue Kleidung: ein weißes Untergewand, die Tunika, und eine dunkle, weitärmelige Kukulle, die einem Engelsgewand gleichen soll. Ihr Gesicht ist von einem weißen Gebände umgeben, unter dem Schleier versteckt die Nonne ihre Haare. Zur Ausstattung der Benediktinerinnen gehören unter anderem auch Strümpfe, Schuhe, Sandalen und ein Gürtel. Persönlicher Besitz jedoch ist ihnen verboten. Über Hildegard berichten die Quellen dieser Jahre nur wenig; sie ist oft krank, fastet häufig, spricht kaum – so viel ist bekannt. Im Jahr 1136 wird sie, nach Juttas Tod, die Leiterin des Frauenkonvents. Und sie hat weiterhin Visionen.
Ein Licht, so schildert es Hildegard später, dringe aus offenem Himmel in ihr Innerstes und lasse sie plötzlich den Sinn der biblischen Schriften begreifen. „Ich habe sie (die Visionen; die Red.) bei vollem Bewusstsein erhalten, im vollkommenen Wachzustand meines Körpers. Die inneren Augen meines Geistes und die inneren Ohren haben mir meine Visionen übermittelt.“ Kein Rausch, kein Wahn, keine Ekstase. Und doch hält Hildegard ihre „Schauen“ geheim. Bis sie mit 42 Jahren einen inneren Befehl vernimmt: „Schreibe sie, wohlbelehrt, nieder und sprich davon.“
Hildegard jedoch fühlt sich überfordert, erkrankt. Erst danach beginnt sie zu schreiben. „Ich sah etwas wie einen großen eisenfarbenen Berg. Darauf thronte eine Gestalt von solchem Glanz, dass ihre Herrlichkeit meine Augen blendete“, beginnt ihre erste theologische Schrift. Insgesamt 26 Visionen ritzt Hildegard in den folgenden zehn Jahren in Wachstafeln: Ihr Werk „Scivias“ – „Wisse die Wege“ – wird ein gewaltiges Welt- und Heilsdrama voller Zahlensymbolik und apokalyptischer Bilder, in dessen Mittelpunkt der Kampf zwischen dem Himmlischen Vater und dem Leibhaftigen steht.
Hildegard lebt in einer Zeit des Umbruchs und der Widersprüche. Einerseits wächst die Bevölkerungszahl, lassen Stadtbürger prächtige Gotteshäuser errichten, stiften Adelige zahlreiche neue Klöster. Andererseits beklagen Gläubige, dass Priester die Seelsorge vernachlässigen, missachten Ordensleute vielerorts ihr Gelübde, indem sie ein bequemes Leben in Wohlstand führen. Strenggläubige Christen fordern vom Klerus den Verzicht auf irdische Güter und weltliche Macht – manche von ihnen wenden sich sogar enttäuscht von der Kirche ab und schließen sich ketzerischen Sekten an.
Gegen heftigen Widerstand ihres Abtes gründet Hildegard ein eigenes Kloster
Ihre Visionen aber, davon ist Hildegard überzeugt, können den Menschen Wege aus der Sünde zu Gott zeigen – sie wird im Laufe ihres Lebens noch zwei weitere Werke mit göttlichen Eingebungen füllen, in denen sie Ketzerei, Hochmut, Stolz und Heuchelei anprangert und die Christenheit zur Umkehr auffordert.
Hildegards Beichtvater, der Mönch Volmar, überträgt die Texte auf Pergament und glättet dabei das ungelenke Latein der Nonne. Wer aber wird den Worten einer unbekannten Nonne Glauben schenken? Und hat der Apostel Paulus die Frauen nicht geheißen, in der Kirche zu schweigen?
Doch ihre Sorgen sind offenbar unbegründet. Auf Bitten des Mainzer Erzbischofs, der für das Disibodenberger Kloster zuständig ist, lässt Papst Eugen III. im Jahr 1147 Hildegards Visionen von einer Kommission untersuchen – so berichtet es jedenfalls ihr Biograf, der Mönch Theoderich von Echternach, um 1185. Als die Kommission die göttliche Inspiration der Glaubensbilder bestätigt, erteilt der Papst Hildegard „im Namen Christi die Erlaubnis, alles zu veröffentlichen, was sie vom heiligen Geist erfahren habe“, so Theoderich.
Bald kursiert Hildegards Name auf den Marktplätzen des Reiches, in Klöstern, Domkapiteln und Burgen. Und wenig später bricht sie aus der Frauenklause auf dem Disibodenberg aus und beschließt, etwa 30 Kilometer entfernt auf dem Rupertsberg bei Bingen ein Kloster zu gründen. Für eine Äbtissin, die sich auserkoren fühlt, der Welt Gottes Willen zu verkünden, ein perfekter Standort: Nur durch einen Fluss von Bingen getrennt, liegt die Anhöhe an den wichtigsten Fernrouten des Reiches. Die alte Römerstraße von Mainz nach Köln führt mitten durch die Stadt und geradewegs auf den Rupertsberg zu. In und um Bingen verzweigen sich die Wege nach Trier, Koblenz, Metz und Worms. Vor allem aber per Schiff strömen Menschen und Waren herbei. Die Stadt liegt direkt am Rhein und an der Nahe.
DIE TRENNUNG vom Disibodenberg gerät zum Machtkampf. Der Abt und seine Mönche wollen die berühmte Frau nicht ziehen lassen. Sie weigern sich, jene Güter herauszugeben, welche die Nonnen einst als Mitgift in die Gemeinschaft eingebracht haben. Hildegard aber wendet sich über eine adelige Bekannte an den Mainzer Erzbischof: Und der bricht nun den Widerstand des Abts. Um 1150 siedelt Hildegard mit 20 Nonnen auf den Rupertsberg über, wo bereits eine Kapelle steht. Den notwendigen Grundbesitz stiften oder finanzieren Hildegards Verwandte sowie weitere Gönner. Denn ihre Mitgift müssen die Frauen zum größten Teil dem Männerkloster überlassen – der Preis für die Unabhängigkeit, die der Mainzer Erzbischof den Frauen 1158 endgültig zusichert. Ganz aber kann die Äbtissin auch danach nicht auf die Mönche verzichten: Sie sind für liturgische Handlungen zuständig und stellen den Propst, den wirtschaftlichen Leiter des Stifts.
Kern der Klosteranlage wird eine dreischiffige Basilika. Über den Kreuzgang auf der Südseite gelangen die Nonnen in den Wohntrakt: Schlafsaal, Speisesaal und Latrinen, Küche und Vorratskammern sind nach außen streng verschlossen. An die Klausur schließen sich wahrscheinlich Schreibstuben und Krankenzimmer an. Im Laufe der Zeit entstehen um die Kirche mehrere hohe und niedrige Gebäude – darunter vermutlich das Wohnhaus des Propstes, ein Gästehaus sowie Unterkünfte für das Gesinde, ferner Wirtschaftsgebäude und eine Schule. Zum Kloster gehören außerdem ein Garten, ein Friedhof mit Kapelle, Gehöfte und Mühlen, Weinberge, Ackerland und Wiesen. Reisende, die an Bingen vorbeikommen, verbreiten Hildegards Ruf als Seherin in ganz Europa. Aus allen Himmelsrichtungen eilen Boten mit Nachrichten herbei, Geistliche und Laien bitten um Gebete und tragen persönliche Anliegen vor. Die frommen Menschen hören auf ihre Worte – auch, weil sie im Namen des Herrn spricht.
Obwohl die Äbtissin niemals das Schicksal einzelner Menschen voraussagt, gilt sie ihren Zeitgenossen als Prophetin. Sie spendet Rat und Trost, und wo sie Ungerechtigkeiten, Unglauben oder Machtmissbrauch ausmacht, reagiert sie mit mahnenden und warnenden Briefen. Gleichgültig, ob es sich um den König von England, den Bischof von Prag, den Papst oder den deutschen Kaiser Friedrich I. handelt, den sie in der nahe gelegenen Ingelheimer Kaiserpfalz persönlich trifft. Im Jahr 1163 stellt Friedrich I. ihr Kloster unter seinen Schutz. Gleichwohl scheut sie vor Kritik an seiner Politik nicht zurück. Friedrich indes schlägt alle Mahnungen in den Wind: 1167 nimmt er Rom ein. Doch als es papsttreuen Truppen gelingt, die heilige Stadt zurückzuerobern, muss der Unterlegene Papst Alexander III. die Ehre des Fußkusses erweisen und ihm den Steigbügel halten. Damit geht das Schisma zu Ende.
MIT DEN IDEALEN des Klosterlebens ist Hildegards öffentliches Wirken nur schwer in Einklang zu bringen: „Sich dem Treiben der Welt entfremden“, fordert die Regel des Mönchsvaters Benedikt. Ein immergleicher Rhythmus aus Beten, Singen und Arbeiten bestimmt das Leben in der benediktinischen Gemeinschaft, gleich ob Frauen- oder Männerkloster. Inmitten der Nacht, zwischen null und zwei Uhr, erheben sich die Nonnen und Mönche von ihren Strohsäcken im Schlafsaal. Von dort aus begeben sie sich direkt in die Klosterkirche, wo sie mit der Morgenfeier im Chorraum den Tag beginnen. Bis zum Abend folgt etwa alle drei Stunden eine weitere Andacht mit Gebeten, Lesungen aus der Heiligen Schrift und gregorianischen Gesängen – in kleinen Intervallen dahinfließende, einstimmige Choräle, die nach Papst Gregor I. (590–604) benannt sind. Wie neuartig und kühn klingt dagegen der Gesang auf dem Rupertsberg! Hildegard komponiert für die Messe ebenfalls einstimmige, aber variantenreichere Melodien mit größerem Tonumfang und weiteren Intervallen als bis dahin in der Kirchenmusik üblich. Mehr als 70 Lieder verfasst die Äbtissin, für die Musik mehr ist als bloße Wortvertonung: ein Spiegel der himmlischen Harmonie.
Sie erlernt die Kunst des Heilens – und führt die Klostermedizin zu ihrer letzten Blüte
Die Zeit zwischen den Chorgebeten verbringen die Konventsangehörigen mit Arbeit. „Sie sticken, spinnen, weben und nähen vom Morgengrauen bis zum Abendbrot. Müßiggang wird nicht geduldet. Kein ungeziemendes Wort fällt“, beschreibt Hildegards Sekretär Wibert den Alltag der Nonnen. Gesinde und Handwerker aus der Umgebung übernehmen oft die körperlich anstrengenden Tätigkeiten. Etwa das Anfertigen des Pergaments: Für eine Evangelienhandschrift müssen „Buchfeller“ genannte Spezialisten die Häute von 400 Schafen mehrere Wochen einweichen, anschließend mit einem halbmondförmigen Schabeisen die oberste Schicht sowie das Untergewebe entfernen, sodann die Lederhaut in einer Kalklösung entfetten und sie über einen Rahmen spannen. Erst nach dem Trocknen übergeben die Handwerker das reißfeste Material an Nonnen oder Mönche.
Die schneiden die Bögen zu, falten sie im Skriptorium des Klosters jeweils zu Lagen aus mehreren Blättern und ziehen gleichmäßige Linien über die Seiten. Ihre Federn tauchen die Kopisten in Tinte, die etwa aus einem Sud von Weißdorn- oder Schlehenzweigen unter Zusatz von Wein oder Eisensulfat hergestellt wird. Gekrümmt sitzen die Schreiber an ihren Pulten, kopieren liturgische Gebetsund Liedtexte, schreiben Klosterannalen und Heiligenviten ab oder „Miracula“, Wundergeschichten. Im Gegensatz zu den Klosterschülern müssen die Kopisten für ihr Werk nicht unbedingt Latein verstehen – einige Schreiber malen die Texte einfach ab, Buchstabe für Buchstabe. Von Zeit zu Zeit schärfen die Ordensleute dabei den Kiel ihrer Feder mit einem Messer, schaben falsch geschriebene Passagen sorgfältig vom kostbaren Pergament.
Je nach Inhalt der Texte schmücken Maler die Seiten mit kunstvollen Ornamenten, szenischen Bildern, Pflanzenoder Tiermotiven. Die meisten ihrer Farben werden aus Mineralien gewonnen, das leuchtend blaue Ultramarin etwa aus dem sehr teuren Halbedelstein Lapislazuli. Erst wenn alle Schreib- und Malarbeit vollendet ist, näht der Buchbinder die einzelnen Pergamentlagen zusammen, versieht sie mit einem schützenden Einband aus Leder oder Holz, schlicht oder mit Gold und Edelsteinen verziert. Ohne Unterlass arbeiten die Mönche, sommers wie winters. In der kalten Jahreszeit fällt es ihnen schwer, oft frieren den Schreibern die Finger steif: Das Kloster hat nur einen beheizbaren Raum, die Wärmestube.
Während die Kopisten und Maler dem Kloster im Skriptorium dienen, kümmern sich andere Mönche und Nonnen um den Garten, versorgen neu eingetroffene Pilger – oder pflegen die Kranken. Denn Benedikt von Nursia hatte die Krankenpflege zur Pflicht der Stifte erhoben. Manche Klöster sind für lange Zeit Horte der Heilkunde: Dort wird medizinisches Wissen systematisch vermittelt und angewendet; kennen Brüder und Schwestern die pharmakologische Wirkung von Kräutern und Pflanzen; werden Gebrechliche im Spital betreut und in speziellen Räumen zur Ader gelassen. Und dort, in den Kräutergärten der Klöster, wachsen die notwendigen Heilmittel.
AUCH HILDEGARD tut sich als Heilkundige hervor. Zwischen 1150 und 1160 verfasst die Autodidaktin natur- und heilkundliche Schriften, die als „Physica“ und „Causa et curae“ überliefert sind. Doch längst haben mehrere Konzilien den Ordensleuten jede ärztliche Tätigkeit verboten. Weil die Behandlung von Kranken, mittlerweile ein lukratives Geschäft, sie allzu oft von ihren theologischen Studien ablenke. Und schon bald wird aus der Heilkunst eine universitäre Wissenschaft. So gehören die Arbeiten Hildegards zu den letzten großen Werken der Klostermedizin.
Die Äbtissin schreibt in der „Physica“ über Pflanzen, Metalle und Mineralien, verzeichnet deren medizinische Wirkung, erläutert die Herstellung von Pillen, Pulvern, Spülungen und Räucherungen. Einem Menschen mit „übermäßig viel Schleim im Kopf, in der Brust oder im Magen“ empfiehlt sie einen Sud aus gekochten Ameisen: „Er atme den Dampf zehn- oder fünfmal durch die Nase und den Mund ein.“ In der Schrift „Causa et curae“ widmet sich Hildegard unter anderem dem Grund der Krankheiten: Sie glaubt, dass der Mensch durch den Sündenfall zu Unheil und Siechtum neigt. Freimütig schreibt die Äbtissin auch über Sexualität, den weiblichen Fruchtbarkeitszyklus und Geburtenkontrolle. Und sie beschäftigt sich mit Ernährung: „Speisen mit zu viel Fett“ seien ungesund, Wein und Bier besser als Wasser.
Nach einem kalten Abendimbiss und dem letzten Chorgebet des Tages, der Komplet, zwischen 18 und 20 Uhr, beginnt im Benediktinerkloster die Nachtruhe. Obwohl die Mönche und Nonnen auch eine Mittagspause haben, reicht der Schlaf kaum: Immer wieder nickt beim Chorgebet jemand ein. Laut Benedikt ein schweres Vergehen. Hildegard jedoch sorgt sich um das körperliche und seelische Wohlbefinden der Ordensleute. Im Streit um die richtige monastische Lebensweise legt sie die Klosterregel deshalb milde aus und lehnt eine allzu asketische Lebensweise ab: Alles, was Benedikt nicht ausdrücklich verboten habe, sei erlaubt; etwa der Genuss von Geflügel. Die Äbtissin wendet sich gegen übermäßiges Fasten, setzt sich für kürzere Gebetszeiten und ausreichend Schlaf ein.
SIE SELBST ABER kommt nicht zur Ruhe. Ab ihrem 60. Lebensjahr macht sich Hildegard zu mehreren Predigtfahrten durch die deutschen Lande auf. Das Reisen ist eine Qual. Zu Pferd, zu Fuß, in schwankenden Booten und rumpelnden Kutschen legt sie 25 bis 30 Kilometer am Tag zurück. In Mainz, Trier, Köln, Bamberg und anderen Städten sucht sie die großen Plätze und Kirchen auf. Dort ermahnt sie die Menschen zu Umkehr und Buße, „gemäß dem, was Gott ihr offenbart hatte“, schreibt ihr Biograf Theoderich. Hildegard predigt vor allem gegen die Ketzerei der Katharer. Die angeblich „wahren Christen“ leben in strengster Armut und sind mit ihrer weltfeindlichen, antikirchlichen Lehre inzwischen von Südfrankreich aus über Mainz bis nach Köln vorgedrungen. Auch der weltliche Lebenswandel des Klerus ist ihr zuwider: „Ihr seid Nacht, die Finsternis aushaucht, und wie ein Volk, das nicht arbeitet und aus Trägheit nicht im Lichte wandelt“, geißelt sie etwa die Kölner Priester.
Der Klerus ist erschüttert, das Volk erstaunt. Wohl nie zuvor hat eine Nonne in aller Öffentlichkeit das Wort ergriffen. Dennoch sind die Zuhörer von Hildegard fasziniert: „Als ihr von uns gegangen wart“, schreibt ihr der Domdekan von Köln, „waren wir von großer Bewunderung ergriffen, dass Gott in ein so zerbrechliches Gefäß solche Wunder Seiner Geheimnisse wirkt.“ In Scharen strömen die Menschen zum Rupertsberg. Wohl schon zu Lebzeiten werden der alten Äbtissin in den Dörfern und Städten Wundertaten nachgesagt – Spontanheilungen etwa, nur durch das bloße Auflegen ihrer Hände.
Hildegard rühmt sich solcher Wunder freilich nicht; sie spendet Rat und gibt den Kranken Heilmittel für ihre Gebrechen. Selbst hat sie oft solche Schmerzen, „dass sie mich zu Tode zu bringen drohen“. Nicht nur auf dem Rupertsberg ist Hildegard jetzt gefordert: In Eibingen bei Rüdesheim hat sie, weil ihr Kloster so beliebt ist, eine Dependance gegründet. Die letzte Kraft aber raubt ihr ein Kampf mit der Mainzer Kirche. 1179 verhängt das Erzbistum ein Interdikt über das Rupertsberger Kloster. Hildegard hat einen exkommunizierten Adeligen auf ihrem Friedhof beisetzen lassen und sich später geweigert, dessen Leiche wieder zu entfernen.
Selbst nach ihrem Tod provoziert sie noch mit ihren Schriften
Mit der Kirchenstrafe nehmen ihr die Mainzer Geistlichen das Liebste: Hildegard und ihre Nonnen dürfen das Gotteslob nicht mehr singen. Auch die Kommunion und das Glockengeläut fallen unter das Interdikt. Die 81-jährige Äbtissin reist nach Mainz; erklärt, dass sich der Gebannte vor seinem Tod mit der Kirche ausgesöhnt habe, protestiert, weint, fleht. Vergebens. Erst der Erzbischof, der beim Papst in Rom weilt, hebt auf Bitten Hildegards das Interdikt auf.
Ausgezehrt von Kampf und Krankheit, stirbt die von ihren Zeitgenossen als prophetissa teutonica, als „deutsche Prophetin“ verehrte Äbtissin wenige Monate später am 17. September 1179 im Kloster auf dem Rupertsberg. Bei ihrer Beerdigung läuten wieder die Kirchenglocken. Hildegards Grab wird schnell zu einer Pilgerstätte. 1228 beantragt der Rupertsberger Konvent in Rom die Heiligsprechung der Äbtissin. Obwohl der Versuch scheitert, wird sie später in das „Martyrologium Romanum“, den vatikanischen Heiligenkalender, aufgenommen. Hildegard bleibt einstweilen inoffizielle Heilige.
Aber auch als solche provoziert die Äbtissin noch. Um 1270 meldet sich der künftige Erzbischof von Canterbury zu Wort, John Pecham. Hildegards Prophetie entspringe „unmittelbar aus der List des Teufels“, erbost er sich. Und ihre Schriften bezeichnet der englische Theologe als „Geschreibsel einer Vermessenen“. Denn Hildegard von Bingen hatte das Unerhörte getan: als Frau ihre Stimme erhoben.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Göring, Marlene: Von Pilgerinnen und Königinnen. Die wahre Macht der Frauen im Mittelalter, in: Geo.de, online verfügbar seit 08.12.2025 unter: https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/frauen-im-mittelalter--einblick-in-die-geschichtsforschung-36933752.html, zuletzt geprüft am 05.03.2026.
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Sekundärliteratur
-> Martins, Thea: Frauen im Mittelalter. Dem Manne Untertan, in: Die Welt der Ritter (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 94), Hamburg 2018, S. 84-88.
-> Holst, Insa: Hildegard von Bingen. Die mächtige Äbtissin, in: Kaiser, Ritter, Hanse. Deutschland im Mittelalter (GEO Epoche, Jg. 2007, Heft Nr. 25), Hamburg 2007.
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