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Juden im Mittelalter

Inhaltsverzeichnis

  1. 10. bis 14. Jahrhundert: bedrohte Blütezeit
  2. Juden im Mittelalter. Taufe oder Tod.

1. 10. bis 14. Jahrhundert: bedrohte Blütezeit

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Jüdische Siedlungen im mittelalterlichen Kaiserreich

Im Zentrum des Karolingerreiches und am Hofe Karls des Großen (Reg.: 768-814) tauchten Juden nach Angabe der Quellen nur sporadisch als Händler auf. Sie bildeten keine festen Gemeinden. Vereinzelt übernahmen sie diplomatische Dienste für den Kaiser, wie der in den Fränkischen Reichsannalen genannte "Jude Isaac", der 797 von Karl dem Großen mit einer dreiköpfigen Delegation zum Kalifen Harun al-Raschid nach Bagdad entsandt wurde. In der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts ließen sich Juden dann im Süden des Karolingerreiches, in der Kathedralstadt Lyon, nieder, wo sie 825 Kaiser Ludwig der Fromme unter seinen Schutz stellte. Wie im muslimischen Südspanien bevorzugten die Juden auch im Karolingerreich die Ansiedlung in den Städten.

Nach der Völkerwanderung hatten von den einst blühenden römischen Städten nördlich der Alpen nur die Kathedralstädte, also die Bischofssitze, einen (quasi) urbanen Charakter bewahrt. Hier entstanden auch die ersten Niederlassungen der Aschkenasim, wie die im deutschen Raum siedelnden Juden im Mittelalter auf Hebräisch genannt wurden. Nach der Aufteilung des Karolingerreiches und der Herausbildung des Ostfränkischen Reiches finden sich seit dem 10. Jahrhundert jüdische Kaufmannssiedlungen in den Kathedralstädten am Rhein. Ob die im Osten des Reiches in Magdeburg (965) und Halle (973) nachgewiesenen jüdischen Kaufleute bereits Gemeinden gebildet haben, bleibt fraglich. Im ausgehenden 10. Jahrhundert gab es nach vorsichtigen Schätzungen ca. 4000 bis 5000 jüdische Einwohner im mittelalterlichen Kaiserreich, die aus Frankreich und aus Italien eingewandert waren. Es handelte sich dabei um Sippenverbände, wie die Kalonymos-Sippe, welche der Chronist Thietmar von Merseburg (975-1018) erwähnt. Nach seiner Schilderung soll sie aus Lucca nach Mainz gekommen sein, nachdem sie angeblich 982 Kaiser Otto II. (Reg.: 973-983) in der Schlacht bei Cotrone gegen die Araber das Leben gerettet hatte. Einen Zuzug jüdischer Familien aus der Romana (Frankreich, Italien: Lucca) belegen für die Jahrtausendwende auch hebräische Quellen.

Die älteste jüdische Gemeinde siedelte in Mainz (erste Hälfte 10. Jahrhundert). Von dieser Zentralgemeinde aus bildeten sich weitere Gemeinden in Trier (1066), Worms (1084) und Speyer (1090). Ein weiteres jüdisches Zentrum war im frühen 11. Jahrhundert wiederum Köln. Auch in Regensburg, das für den Osthandel bedeutend war, sind bereits 981 Juden als Einwohner bezeugt. Könige und Bischöfe forcierten die jüdischen Niederlassungen und verliehen den dort ansässigen Juden Handelsprivilegien, um die wirtschaftliche Bedeutung ihrer Städte zu fördern. Die Juden erwiesen sich somit als Schrittmacher dieses frühen Urbanisierungsprozesses in Deutschland.

Nach 1100 weiteten sich die jüdischen Siedlungen entlang des Rhein-Flussnetzes aus und entstanden nun auch in Orten, die sich allmählich zu Städten entwickelten wie Bingen, Boppard oder Bacharach. In den hebräischen Quellen werden diese Orte als Kfarim, als Dörfer, bezeichnet. Da die Juden aufgrund ihrer Speisegesetze ihren eigenen (koscheren) Wein produzieren mussten, gab es bereits im 12. Jahrhundert im Rheingebiet Dörfer mit jüdischen Einwohnern. Doch bildeten diese hier keine eigenen Gemeinden, sondern gehörten zu den Stadtgemeinden. Entlang des Mains entstanden im 12. Jahrhundert jüdische Gemeinden in Frankfurt, Aschaffenburg, in den Kathedralstädten Würzburg und Bamberg sowie südlich davon in den königlichen Städten Nürnberg und Rothenburg ob der Tauber. Die jüdischen Siedlungen im 11. und 12. Jahrhundert entstanden ausschließlich in bischöflichen bzw. königlichen Besitzungen und in Besitzungen der so genannten Ministerialen, der kaiserlichen Beamten, die die unterste Gruppe in der Adelshierarchie bildeten.

War bis zum 10. Jahrhundert der Fernhandel für jüdische Kaufleute typisch, so wurden sie im 11. Jahrhundert zu ortsansässigen Kaufleuten und trieben ab jetzt vorwiegend Handel mit der in den frühen Städten lebenden Bevölkerung. Zu den Handelsprodukten zählten Waren des täglichen Gebrauchs: Wein, Getreide, gesalzene Fische, Metallwaren, Viehzeug, Felle und Textilien. Ein wichtiger Erwerbszweig für jüdische Kaufleute bildete auch der Geldwechsel fremder Währungen sowie die Beschaffung von Edelmetall. Die Pfandleihe spielte für Juden zu dieser Zeit noch keine Rolle, wie den Rechtsauskünften der Rabbiner, den so genannten Responsen, zu entnehmen ist.

Gemeindeleben, Sitten und Gesetze

In Mainz, Worms und Speyer (nach den hebräischen Anfangsbuchstaben wurden die drei Städte auch unter dem Begriff ShUM zusammengefasst) entstanden im 11. Jahrhundert bedeutende Gelehrtenschulen, so genannte Jeschiwen. Neben den großen jüdischen Zentren im Orient und in Spanien entwickelten sie ein eigenes geistliches und geistiges Profil und erreichten im ausgehenden 11. Jahrhundert ihre Blütezeit.

In Mainz lehrte der große Gelehrte Rabbi Gerschom ben Jehuda, das "Licht des Exils" (um 960 - 1028), der das jüdische Recht mit dem allgemein gültigen Recht in Einklang zu bringen versuchte. Nach dem Talmud, der Sammlung und Auslegung gesetzlicher Vorschriften, galt beispielsweise der Satz: Gesetze des Staates sind für Juden verbindlich. In Anpassung an das allgemeine Recht verzichteten die Juden deshalb auf Verordnung Gershom ben Jehudas hin auf die ihnen nach ihrem traditionellen Recht eigentlich zugestandene, wenn auch nicht übliche Polygamie. Da die jüdischen Zentren in Deutschland ohne Tradition waren, spielte die Festigung eigener Sitten (Minhagin) eine wichtige Rolle.

Die jüdische Gemeinde verstand sich als "heilige Gemeinde", was einen hohen moralischen Anspruch bedeutete. Da das mittelalterliche Stammesrecht, so das der Franken, die so genannte Lex Salica, sowohl für Einzelpersonen als auch für Gruppen gelten konnte, waren bei internen Rechtsfällen die jüdischen Gemeinden in ihrer Rechtsprechung autonom. Diese oblag den Rabbinern, die, im Unterschied zu den christlichen Geistlichen, als Rechtslehrer, nicht aber im liturgischen Dienst tätig waren, wenngleich sie gelegentlich als Verfasser liturgischer Dichtungen hervortraten. Die Rabbiner saßen den lokalen Gerichtshöfen vor und bestimmten in Eheangelegenheiten, über Sanktionen bei Regelverletzungen und internen Streitigkeiten, was Geld- und Körperstrafen und sogar die Konfiszierung des Eigentums beinhalten konnte. Sie bestimmten ferner über den Cherem, den Bann, also den Ausschluss von Einzelnen aus der Gemeinschaft. Mit dem Bann konnten auch Zuzügler ausgeschlossen werden, die der jüdischen Gemeinde bzw. ihrer Führungsschicht unerwünscht waren.

Die Gelehrten kamen im 10. und 11. Jahrhundert aus der Oberschicht der Großhändler, die miteinander eng versippt waren. Diese Oberschicht stellte in dieser Zeit auch die Parnassim, die Gemeindevorsteher, und deren Vertrauensmänner. Doch kam es mit Anwachsen der Gemeinden zu einer sozialen Differenzierung, infolge derer die aristokratische Gemeindeführung gegen Ende des 11. Jahrhunderts problematisch wurde.

Das Kreuzzugspogrom von 1096

Die Blütezeit jüdischen Lebens am Rhein, das durch die Kaiser und Bischöfe gefördert und geschützt worden war, wurde erstmals durch ein Pogrom gefährdet, das so genannte Kreuzzugspogrom von 1096. Im Jahr zuvor hatte Papst Urban II. (Amtszeit: 1088 - 1099) im französischen Clermont die Christenheit zu einem Kreuzzug aufgerufen, der die Stadt Jerusalem von den muslimischen Seldschuken befreien sollte. Sein Aufruf löste eine große Begeisterung auch unter dem einfachen Volk, den städtischen und ländlichen Unterschichten, aus, die in Fanatismus umschlug. Im Vorgriff auf die erwartete Auseinandersetzung mit den muslimischen Andersgläubigen richtete sich ihre Aggression gegen die Juden als Andersgläubige im eigenen Land. Wirtschaftliche Motive spielten dabei eine Rolle. Christliche Chronisten begründeten die bald einsetzenden Pogrome mit dem Satz: "Gott hat die Juden reich werden lassen, damit die Armen sich ihren Reichtum aneignen können." Trotz der Warnschreiben französischer jüdischer Gemeinden, die bereits unter den Kreuzfahrerheeren gelitten hatten, vertrauten die jüdischen Gemeinden am Rhein auf den Schutz, den sie bisher durch die Kaiser und Bischöfe erfahren hatten. Doch Kaiser Heinrich IV. (Reg.: 1056 - 1106), der den Juden noch 1090 ausdrücklich seinen Schutz zugesichert hatte, befand sich auf Italienfahrt, und auch die Bischöfe, die vielfach selbst bedroht wurden, weil sie die Juden zu schützen versuchten, vermochten trotz vorausgegangener Garantien und Geldgeschenke weitgehend keinen Schutz zu leisten. Der Ermordung durch die Kreuzfahrer bzw. der Zwangstaufe zogen zahlreiche Juden den Freitod vor. Viele von ihnen, die sich der Taufe verweigerten, wurden erschlagen.

Obwohl die menschlichen Verluste sehr hoch waren, konnten sich die Gemeinden bald nach 1100 wieder bilden. In Köln bestätigen die so genannten Schreinsurkunden, die die Besitzverhältnisse festhielten, für das zweite Viertel des 12. Jahrhunderts vielfach den Erwerb von Haus- und Grundbesitz durch jüdische Zuwanderer. Es handelte sich dabei teils um Neuzuzüge, teils um Juden, die mangels Alternativen in ihre alten Gemeinden zurückkehren mussten. Kaiser Heinrich IV. gestattete nach seiner Rückkehr aus Italien gegen die Entscheidung des Papstes den Zwangsgetauften die Rückkehr zum Judentum.

Mystische Deutung der religiösen Gewalt

Die Erinnerung an das Pogrom von 1096 wirkte in den Gemeinden nach. In Memorbüchern und geistlichen Gesängen wurde der Ermordeten gedacht. Mit den "Frommen von Aschkenas" (Chassidej Aschkenas) entwickelte sich eine mystische Bewegung, die Elemente volkstümlicher Religiosität aufnahm, welche dem gelehrten Judentum der rheinischen Jeschiwen fremd gewesen waren. Zu diesen Elementen gehörte auch die Vorstellung, die Bewahrung der jüdischen Religion, auch durch den Freitod mitsamt der Kinder, geschähe zur Heiligung des Namens Gottes (Kiddusch-Ha-Schem). Diese Auslegung gab dem Martyrium der Ermordeten und derjenigen, die sich selbst getötet hatten, einen tieferen Sinn und fand einen biblischen Bezug in der Bereitschaft des Patriarchen Abraham, auf Aufforderung Gottes hin seinen Sohn Isaac zu töten. Nach dem jüdischen Moralgesetz der Halacha war der Freitod allerdings verboten. Während das sefardische, also das spanische, Judentum, eine "Erlösung durch Konversion" (Übertritt in eine andere Glaubensgemeinschaft) als möglich ansah, da sich nach seiner Vorstellung am Ende der Tage alle Menschen zum Judentum bekehren würden, entwickelte die aschkenasische synagogale Liturgie die Vorstellung von der "Erlösung durch Rache" für das Blut der Märtyrer. Gemäß dieser Auffassung wird Gott am Ende der Tage "Edom", also das mittelalterliche Christenreich, vernichten. Die Verinnerlichung dieser Deutung bestimmte noch 250 Jahre später bei den so genannten Pestpogromen von 1350 das Verhalten zum Beispiel der Mindener Juden, als diese in den Tod getrieben wurden. So berichtet der Chronist Heinrich von Herford, ein Dominikaner: "Zum Tode eilten sie jedoch fröhlich und Tänze aufführend, wobei sie zuerst die Kinder, dann die Frauen, hernach sich selbst den Flammen übergaben, damit nicht durch menschliche Schwachheit etwas gegen das Judentum vorgebracht werden könnte."

Strukturwandel in den Gemeinden

In den wieder neu erstehenden jüdischen Gemeinden des 12. Jahrhunderts vollzog sich ein Strukturwandel, der unter anderem auch eine Folge der vom Kloster Cluny angestoßenen innerkirchlichen Reformbestrebungen war. Neben das christliche Armutsideal und die Befreiung der Kirche von weltlicher Abhängigkeit trat 1179 das allgemeine Verbot für Christen, gegen Zinsen Geld zu verleihen. Für jüdische Händler, die diesem Verbot nicht unterlagen, bot sich dadurch eine neue Chance, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, denn sonstige städtische Berufe durften nur Mitglieder christlicher Handwerkszünfte oder Kaufmannsgilden ausüben, und der Aufstieg in den niederen Ministerialadel blieb Juden verwehrt, weil ihnen das Tragen von Waffen verboten war. Auch die Nutzung von ländlichem Grundbesitz war für Juden sehr eingeschränkt, da sie keine Arbeitskräfte beschäftigen durften, und beschränkte sich deshalb weitgehend auf die Eigenproduktion von koscherem Wein.

Die Geldleihe ermöglichte bei geringem Arbeitseinsatz Gewinne, die zur Existenz ausreichten. Diese materiellen Voraussetzungen hatten Einfluss auf die Gestaltung des Familienlebens und die Beziehung der Geschlechter. Obgleich Frauen in der jüdischen Kultusgemeinde einen nachrangigen Platz hatten - zur Bildung einer Gemeinde und für den Gottesdienst waren ausschließlich (zehn) Männer vonnöten - kam ihnen im Familien- und Geschäftsleben ein hoher Rang zu. Zwar bestimmten die Brautwahl in der Regel die Eltern, zumal das Brautpaar in sehr jungen Jahren verheiratet wurde. Doch die Geldleihgeschäfte erforderten eine Konzentration des Familienbesitzes in einer Hand, was beim Todesfall des Mannes den Witwen zugute kam, die das Geschäft weiterführen mussten. In den zeitgenössischen Quellen treten häufig jüdische Frauen als Gläubigerinnen auf. So befanden sich 1338 in der Stadt Oberwesel unter den 29 jüdischen Kreditgebern zehn Frauen.

Mit dem Übergang des Geldhandels auf die Juden bildete sich in den Gemeinden eine neue Mittelschicht heraus, die den Führungsanspruch der alten Sippen in Frage stellte und durch Häusererwerb in zentraler Lage der Städte auch in der Öffentlichkeit stärker in Erscheinung trat. Sie forderte nachdrücklich ein Mitspracherecht in den Gemeinden, so dass nun die Wahl der Rabbiner und der "Judenbischöfe" nicht mehr nur bei den alten Familien lag. Während die Rabbiner als Lehrer, Prediger und Fachleute für religiöse Fragen die Gemeinden leiteten, fungierte der Judenbischof als Vorsteher und Sprecher seiner Gemeinde gegenüber der weltlichen, christlichen Obrigkeit. Er musste deshalb von den Bischöfen oder Kaisern im Amt bestätigt werden und war für die regelmäßige Zahlung der Gemeindesteuern an den Stadtherren verantwortlich. Dabei konnte der Beitrag der einzelnen Gemeindemitglieder zur gemeinschaftlichen Steuerleistung bis ins 18. Jahrhundert entweder durch eidlich beschworene Selbsteinschätzung oder durch einen gewählten Schätzer bestimmt werden.

Das Gemeindeleben erforderte zahlreiche Einrichtungen, die entweder ehrenamtlich oder durch besoldete Funktionsträger verwaltet wurden. So musste eine Synagoge ebenso zur Verfügung stehen wie die so genannte Mikwe, ein Bad für kultische Reinigungen, dazu eine Schlachterei und eine Bäckerei, Brunnen und Backöfen, die koscher waren, also die jüdischen Speisevorschriften beachteten. Erforderlich waren außerdem ein Hospital für die Armen sowie ein Haus für Gemeindeversammlungen und für Feiern. Besonders wichtig war ein eigener Friedhof, wo den Toten nach jüdischem Recht ein Begräbnisplatz für "ewige Zeiten" garantiert wurde. Gemeinden, die so einen Friedhof besaßen, hatten eine Vorrangstellung inne, Zu ihnen wurden die Verstorbenen teils aus weiten Entfernungen gebracht.

Vor 1350 gab es im Reich nur circa 30 Gemeinden mit derart umfassender Infrastruktur. Sie erstreckten sich im Osten bis nach Breslau, wo ein Grabstein von 1203 beweist, dass um 1200 dort schon eine Gemeinde mit Synagoge und Friedhof existiert haben muss, und im Norden bis nach Dortmund und Magdeburg. Im Süden reichten sie bis Basel und Villach, im Westen bis Brüssel und Mecheln. Das geografische Zentrum jüdischen Lebens im Reich bildete jedoch nach wie vor das Gebiet des Rheins und seiner Nebenflüsse, die wichtige Verkehrs- und Handelsstraßen waren.

Seit dem 13. Jahrhundert stieg die Zahl der jüdischen Niederlassungen im Reichsgebiet an, um Mitte des 14. Jahrhunderts einen Höchststand zu erreichen. Gefördert wurden die Ansiedlungen nun auch durch die Landesherren, die zur Stärkung ihrer Territorien vermehrt Städte gründeten und dazu die Juden als Kapitalgeber benötigten. Zum Anstieg der Niederlassungen trug wohl auch bei, dass die Juden 1290 aus England und 1306 aus den französischen Kronlanden vertrieben wurden. Hinter diesen Maßnahmen stand eine Vermischung religiöser und wirtschaftlicher Motive (Bereicherung, Entschuldung). Das Vertreibungsedikt des englischen Königs Edward I. begründet sie mit dem Verstoß der Juden gegen das Zinsverbot. Im Reichsgebiet waren Judenverfolgungen und -vertreibungen zu diesem Zeitpunkt noch relativ selten. Doch ließ sich aus den Vorgängen in den Nachbarländern schließen, dass der Erwerbszweig der Geldleihe für die Juden neben Chancen auch Risiken bot.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Juden in den neu entstehenden Städten des ausgehenden 12. und des 13. Jahrhunderts, sei es als Händler, Geldleiher oder Verwalter von Münzstätten, dokumentiert sich in der marktnahen Lage des Judenviertels. So lag zum Beispiel das Judenviertel in Münster/Westfalen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts hinter dem Rathaus, ebenso in Köln und Nürnberg, wogegen der Friedhof sich, anders als die christlichen Friedhöfe, die um die Kirche herum angelegt wurden, vor der Stadtmauer befand.

Bis zum Basler Konzil (1431-1449) gab es keine Verpflichtung zur Ghettobildung. Die Infrastruktur der jüdischen Gemeinde erforderte allerdings ein enges Zusammenwohnen, und so schlossen sich schon im 11. Jahrhundert die Juden häufig in eigenen Vierteln zusammen und umgaben sie vielfach mit einer Mauer, um ihre Waren und ihr Kapital zu schützen.

Verhältnis zur christlichen Obrigkeit

Im 13. und beginnenden 14. Jahrhundert besaßen die Juden in der städtischen Bürgerschaft eine "weitreichende rechtliche Gleichstellung" - so der Historiker Alfred Haverkamp -, auch wenn sie keine ausgesprochen hoheitlichen Ämter ausüben durften. Doch sind Juden auch als Leiter von Münzstätten oder Zolleinnehmer bezeugt.

Seit den ersten jüdischen Niederlassungen in Deutschland standen die Juden unter dem Schutz des Kaisers bzw. der Bischöfe. Die "Königsnähe" spielte im Hochmittelalter eine wichtige Rolle. Kaiser Friedrich Barbarossa (Reg.: 1152 - 1190) bezeichnete in mehreren Urkunden die Juden als "der kaiserlichen Kammer zugehörig", womit er an alte römische Vorstellungen anknüpfte. Sein Enkel, Kaiser Friedrich II. (Reg.: 1212 - 1250), bezeichnete sie als "servi camere nostre", als Kammerknechte, was unter anderem ihre Verpflichtung zur Steuerzahlung an den kaiserlichen Fiskus beschrieb. Diese Formulierung diente auch dazu, Ansprüche des mit dem Kaiser um die Vormachtstellung konkurrierenden Papstes abzuwenden.

Die Auseinandersetzungen zwischen Papsttum und Kaisertum beeinträchtigten jedoch im laufenden 13. Jahrhundert die kaiserliche Schutzgewalt. Bischöfe und weltliche Fürsten beanspruchten mit Erfolg das "Judenregal" (Regal = mittelalterliches königliches Hoheitsrecht) für sich und erließen in der Folgezeit eigene Judenverordnungen. Den Kaisern verblieb nur noch das Verfügungsrecht über die Juden in den Reichsstädten, wobei sie zunehmend von ihrem Steuerrecht gegenüber den Juden Gebrauch machten, während sie ihre Schutzverpflichtung immer mehr aufgaben. Schon 1241 wurden erste Steuerlisten für Juden angelegt, in den Reichsstädten brachten diese 13 Prozent der königlichen Einnahmen auf. In der Folgezeit wurden die Hebesätze immer stärker heraufgesetzt, so dass zum Beispiel in Rothenburg o. T. die Juden im 14. Jahrhundert achtmal mehr Steuern abführen mussten als die übrigen Bürger.

Ab 1342 musste zudem jeder Jude, egal ob Mann oder Frau, ab dem zwölften Lebensjahr jährlich den "goldenen Opferpfennig" zahlen. Dies betraf alle Juden, auch wenn sie inzwischen den Landesfürsten unterstellt waren. Die Juden gerieten so in eine "Schwammfunktion". Sie mussten durch möglichst hohe Zinsen hohe Einnahmen erzielen, die dann an den Fiskus des Kaisers bzw. des Landesherren wanderten. Beliebt machte sie das nicht. Mit kaiserlichem Schutz konnten sie dagegen kaum noch rechnen, eher mit dem der meist vom städtischen Patriziat dominierten Stadtobrigkeiten. Dies bedeutete neue Verpflichtungen, so einen Beitrag zu den Verteidigungsanlagen der Stadt, auch zum Wach- und so genannten Kriegsdienst, obgleich Juden nach dem Gesetz keine Waffen tragen durften. In den Städten bildete sich an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert ein so genanntes Judenbürgerrecht heraus, das offiziell "verbrieft", also den Juden urkundlich zugesprochen wurde. Wenn diese auch von den offiziellen Versammlungen der Stadtbürger oder der Zünfte ausgeschlossen blieben, so durften sie doch an den allgemeinen Festen - außer den religiösen - teilnehmen. Trotz vieler positiver Entwicklungen mehrten sich jedoch im Laufe des 13. Jahrhunderts Anzeichen für eine Verschlechterung des Verhältnisses zwischen den Juden und den übrigen Stadtbürgern.

Christliche Judenfeindschaft

Diese Verschlechterung war auch eine Folgewirkung offizieller Verlautbarungen und Beschlüsse der Kirche. Papst Innozenz III. hatte bereits 1205 die "ewige Knechtschaft" der Juden erklärt, die sie den Christen sozial und rechtlich unterstellte. Auch die Beschlüsse der römischen Laterankonzile von 1179 und 1215 zielten darauf ab, die Lebensbedingungen der Juden zu verschärfen. So sollte ihnen der Zugang zu öffentlichen Ämtern verwehrt, und sie sollten durch ihre Kleidung als Juden erkennbar sein. Sie durften keine "unangemessen hohen Zinsen" verlangen und mussten sie den Kreuzfahrern erlassen. Diese Bestimmungen wurden in Deutschland jedoch lange Zeit nicht streng beachtet.

Daneben sorgten auch theologische Entwicklungen in der Kirche für eine wachsende Judenfeindschaft. Die drastischen Darstellungen des Gekreuzigten, die in der Gotik aufkamen, erinnerten die einfachen Menschen an die "Schuld" der Juden, die mit der Verurteilung Jesu sein Blut auf sich und ihre Kinder herabgerufen hätten (Mt. 27,25). Sie galten deshalb als die Mörder Christi. 1215 erhob das IV. Laterankonzil die so genannte Transsubstantiationslehre zum Dogma, also zu einem festen Glaubenssatz. Sie besagt, dass durch die Wandlung in der Messe Brot und Wein real in Christi Leib und Blut verwandelt werde.

In diesem Zusammenhang konnte der Vorwurf des so genannten Hostienfrevels Exzesse und Pogrome auslösen. Danach besorgten sich die Juden geweihte Hostien, um sie zu schänden. Die Juden würden - so der Vorwurf - durch fünf Nadelstiche in die geweihte Hostie - analog zu den fünf Wunden Christi - den Martertod Christi wiederholen. Möglicherweise diente hierbei den Christen ein jüdischer Brauch als Vorwand: In manchen jüdischen Gemeinden wurde zur Bestimmung des Eruv, des Bezirks, in dem sich ein Jude am Sabbat frei bewegen durfte, eine Mazza, ein ungesäuertes Brot, an die Wand der Synagoge genagelt.

Noch gravierender war die Anschuldigung des Ritualmordes. Sie unterstellte den Juden, Christen ermordet zu haben, um deren Blut für rituelle Zwecke zu nutzen. Dieser Vorwurf tauchte erstmals 1144 im englischen Norwich auf; in Deutschland dann verstärkt im 13. Jahrhundert. Nachdem 1234/35 im fränkischen Lauda und Tauberbischofsheim sowie in Fulda angeblich dergleichen Morde vorgekommen sein sollten, setzte Kaiser Friedrich II. 1236 eine Untersuchungskommission ein, welche die Juden von diesen Vorwürfen freisprach. Auch Papst Innozenz IV. (Amtszeit: 1243-1254) erließ 1247 auf Bitten der Juden eine Bulle, die diesen Irrglauben verurteilte. In seinem Schreiben an die deutschen Bischöfe legt er ihm vielmehr unter anderem wirtschaftliche Motive zugrunde: "[...] um ungerechterweise ihre Güter zu plündern und sich anzueignen". Auch setzte sich Papst Innozenz IV. 1246 in einer Urkunde zugunsten der Kölner Juden für den Schutz des jüdischen Kultus ein. Demnach durften den Juden die Synagogen nicht weggenommen, ihre Feste nicht gestört und ihre Friedhöfe nicht geschändet werden.

Mochte Papst Innozenz IV. in diesem Fall die Juden in Schutz nehmen, so war die generelle Politik der Päpste allerdings eher auf eine starke Eingrenzung des Judentums bedacht. So befahl der Vorgänger Papst Innozenz' IV. Gregor IX. (Amtszeit: 1227-41) 1239 in einem Brief an die Könige von Aragon, England, Frankreich, Kastilien und Portugal die Talmudtexte einzuziehen. Vorausgegangen war eine Denunziation des jüdischen Konvertiten Nikolaus Donin, der Talmud und die damit verbundene Legendensammlung Haggada enthielten Lästerungen Christi. Gegen die Herabsetzung der jüdischen Religion durch christliche Theologen sowie deren Missionierungsversuche wehrten sich jüdische Gelehrte mit polemischen Schriften wie dem Toldot Jeshu (Leben Jesu), einer Evangelienparodie, die nach dem Kreuzzugspogrom entstanden war.

Auf anderen Gebieten grenzte sich das Judentum jedoch keineswegs von seiner Umwelt ab. So hatten christliche Vorstellungen und Praktiken durchaus Einfluss auf die jüdische Religion bis in die Sprache hinein, wie im Sefer Chassidim, dem Buch der Frommen. Dass sich die Juden in ihre soziale und kulturelle Umwelt integrierten, beweist auch der jüdische Minnesänger Süßkind von Trimberg in der staufischen Epoche. Juden verpflichteten christliche Künstler zur Illustrierung ihrer Handschriften und christliche Handwerker zum Bau der Synagogen, die im 13. Jahrhundert zum Beispiel in Worms und Regensburg entstanden. Auch in ihrer Sprache grenzten sich die Juden zunächst nicht von den Christen ab. Erst im 14. Jahrhundert bildete sich im fränkisch-schwäbischen Raum eine spezifisch deutsch-jüdische Sprache heraus, die sich zum Jiddischen weiter entwickelte und auch von den Juden gesprochen wurde, die infolge der Pestpogrome nach Polen auswanderten. Unter dem Einfluss ihrer slawischen Nachbarn erhielt in Polen und Litauen das Ostjiddische eine eigene Prägung.

1242 kam es in Frankreich auf Befehl König Ludwigs des Heiligen, der unter dem Einfluss der judenfeindlichen Bettelmönche stand, zur Einziehung aller talmudischen Schriften, die nach einer Disputation zwischen christlichen und jüdischen Gelehrten öffentlich verbrannt wurden. Die Juden in Deutschland blieben vor dergleichen Autodafés verschont, obgleich auch hier Bettelmönche, Minoriten wie Dominikaner, gegen den Talmud polemisierten. Da die Bettelmönche ihre Seelsorge vor allem in den Städten betrieben, war ihr dortiger Einfluss groß. Auch in den Rechtsbüchern, die in Deutschland im 13. Jahrhundert entstanden, sind die judenfeindlichen Vorstellungen der Bettelmönche nachzuweisen, so im Schwabenspiegel von 1275, der auf einen Minoriten zurückgeht und die Trennungsbestimmungen zwischen Juden und Christen betont. Die von den Bettelmönchen geförderten Kulte des leidenden Christus wiesen den Juden eine negative Rolle im christlichen Heilsgeschehen zu. Die Synagoga, das Symbol für das Judentum, hatte nach Auffassung der christlichen Theologen ihre Heilsträgerschaft verloren. Die Erlösung, die Gott einst seinem auserwählten Volk verheißen hatte, war auf die Christen übergegangen. Dies wurde nun auch den einfachen, nicht lesekundigen Menschen durch die Bilddarstellungen der neu entstehenden Kathedralen vermittelt. Die Figur der Ecclesia, Symbol der christlichen Kirche, blickt siegreich in die Welt, wogegen der Figur der Synagoga die Augen verbunden sind und ihr Stab zerbrochen ist. Ihren Händen entgleiten die Gesetzestafeln.

Während es im Rhônetal bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts anlässlich der Vorbereitung eines neuen Kreuzzuges zur Beschlagnahme jüdischen Besitzes und zu Zwangstaufen kam, sind für Deutschland in der Zeit von 1251 bis 1280 nur lokale Pogrome bezeugt. Trotz des Verbots Kaiser Friedrichs II., die Juden des Ritualmords zu bezichtigen, kam es 1267 in Pforzheim zu einem entsprechenden Prozess, in dessen Folge vermutlich alle Juden des Ortes ermordet wurden. 1270 ereignete sich ein ähnlicher Exzess in Weißenburg/Elsass.

Pogromwellen im Reichsgebiet

Im Reichsgebiet setzten die ersten regionsübergreifenden Pogrome seit 200 Jahren 1281 im Mittelrheingebiet ein. Auslöser war ein Ritualmordvorwurf im mittelrheinischen Oberwesel. Angeblich sollte hier ein Junge, Werner von Womrath, von einem Juden und seinen Glaubensgenossen gemartert worden sein. Dem Opfer wurde in christlichen Kreisen anschließend kultische Verehrung zuteil. Die Pogromwelle verlief den Mittelrhein hinauf bis zur Ruhr und erfasste circa 20 jüdische Gemeinden.

Den Pogromen im Reich an der Wende zum 14. Jahrhundert lagen vor allem wirtschaftliche Motive zugrunde: Sie ereigneten sich weitgehend in Weinbaugebieten (Rhein, Mosel, Main, Tauber), wo Missernten zu existenzgefährdenden Verschuldungen bei jüdischen Geldverleihern führen konnten. Mit ihrer physischen Vernichtung, die als gottgefällige Rache für die Untaten der Juden ausgegeben wurde, entledigte man sich gleichzeitig auch der Gläubiger.

Mit angeblichem Hostienfrevel, der die ökonomischen Motive verarmter Handwerker verdeckte, wurden auch die so genannten Rintfleisch-Pogrome begründet, die im Frühjahr 1298 in dem fränkischen Ort Röttingen ihren Ausgang nahmen und in fast allen Städten Frankens über 1500 jüdische Opfer forderten; darunter allein in Nürnberg 628 und in Würzburg 900 Ermordete. Die Pogrome reichten bis nach Schwaben, Hessen und in die Oberpfalz. Beteiligt waren daran ländliche und städtische Unter- und Mittelschichten, aber auch Adlige, wenngleich der Anführer Rintfleisch, ein Metzger aus Röttingen, nicht - wie häufig angegeben - zu deren Gruppe zählte. Erst der neugewählte König Albrecht von Habsburg machte im Herbst des Jahres mit seinen Truppen dem Schrecken ein Ende, wobei er allerdings nicht vergaß, die Hinterlassenschaft seiner ermordeten "Kammerknechte" für sich zu reklamieren.

Unter der antijüdischen Stimmung des ausgehenden 13. Jahrhunderts litt vor allem das blühende geistige Leben der jüdischen Gemeinden. Vom Mittelrhein aus, wo im 11. und 12. Jahrhundert die bedeutendsten Schulen existierten, hatte es sich inzwischen stärker nach Osten verlagert. In Regensburg, Würzburg und Wien gab es vielbesuchte jüdische Lehrhäuser. Der bedeutendste Rabbiner der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts war Meir ben Baruch in Rothenburg (um 1215 - 1293), der, wie seine mehr als 1000 geistlichen Auskünfte (die so genannten Responsen) beweisen, von allen jüdischen Gemeinden im Reich als Autorität anerkannt wurde. Sein Schicksal dokumentiert aufschlussreich die kritische Situation der Juden im Deutschland und Westeuropa des ausgehenden 13. Jahrhunderts: Meir beschloss Mitte der 1280er Jahre Europa zu verlassen und nach Palästina auszuwandern. Doch zuvor hatte der Kaiser ein Auswanderungsverbot für Juden erlassen. Meir wurde ergriffen und eingekerkert. Da er seiner Gemeinde verbot, für seine Freilassung ein hohes Lösegeld zu zahlen, musste er bis zu seinem Tod 1293 in Kerkerhaft bleiben. Erst 1307 wurde sein Leichnam gegen eine hohe Geldzahlung freigegeben und konnte auf dem Wormser Judenfriedhof beigesetzt werden.

1336 kam es zu einer erneuten Pogromwelle, die ihren Ausgang wiederum in Franken nahm und bis ins Elsass 65 jüdische Gemeinden traf. Dass sich diesmal - so in Kitzingen und Würzburg - die städtischen Oberschichten dem so genannten König Armleder und seinen Horden entgegenstellten, ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass die Oberschichten ihre eigene Herrschaft gefährdet sahen. Denn König Armleder, der Desperado Arnold von Uissigheim, ein verarmter fränkischer Adliger, destabilisierte mit seinen Anhängern, in der Mehrzahl aufrührerischen Bauern, das gewohnte gesellschaftliche Kräfteverhältnis. Auch dieses Pogrom berief sich auf einen angeblichen Hostienfrevel und ereignete sich in den Weinanbaugebieten. Der Würzburger Bischof Otto von Wolfskehl ließ Arnold von Uissigheim in Kitzingen hinrichten. Sein Grabstein zeigt das Schwert an seiner Kehle. Die ehrlose Art seines Todes hinderte die Bewohner von Uissigheim jedoch nicht, dem Hingerichteten in der Kirche ein Hochgrab zu errichten und ihn als "beatus Arnoldus", als seligen Arnoldus zu verehren. Die Schwertspitze an seinem Hals verlieh ihm die Gloriole eines Märtyrers.

Die Pogrome des ausgehenden 13. und beginnenden 14. Jahrhunderts gipfelten in den so genannten Pestpogromen von 1348 bis 1350, die ganz West- und Mitteleuropa erfassten und zwei Drittel der jüdischen Gemeinden und ihre Bewohner vernichteten.

Die Pestpogrome

Seit der Antike war Europa von der Pest verschont geblieben. 1348 wurden die Menschen daher mit einer Seuche konfrontiert, für die sie keine Erklärung hatten. Von der Hafenstadt Marseille aus hatte sie um die Jahreswende 1347/48 die Provence und Katalonien befallen, wo sich von der Karwoche 1348 an bis in den Juni die ersten Pogrome ereigneten. Die Seuche breitete sich schnell nach Norden aus. Parallel dazu setzte sich im Herbst 1348 die Welle der Ausschreitungen gegen die Juden über Burgund fort. Hier gelang es den Territorialgewalten allerdings noch, durch Prozesse und Ausweisungen der Juden die Verfolgungen einzudämmen. In einer weiteren Welle erreichten diese von November 1348 bis März 1349 über Savoyen, die Schweiz und das Elsass Deutschland, wo es in Schwaben, aber auch in Thüringen und Sachsen sowie im Rheingebiet zu Ausschreitungen kam. Neu und typisch für diese Pogrome war das Zusammengehen breiter, gewaltbereiter Bevölkerungskreise mit den weltlichen Territorial- oder Stadtherrschaften, die die Juden vor Gericht zu erpressen und sich ihrer anschließend zu entledigen versuchten. So wurden die meisten thüringischen Judenschaften auf Veranlassung des Markgrafen von Meißen im Februar 1349 verfolgt und vernichtet. Nach einem vorübergehenden Abflauen gingen die Verfolgungen von Juni bis Dezember 1349 an Rhein und Mosel, in den Niederlanden, Lothringen und Franken weiter.

Für die Morde führen die zeitgenössischen Quellen unterschiedliche Motive an. Im Zentrum stand der Vorwurf der Brunnenvergiftung als Auslöser der Seuche. Religiöse Motive, so der Vorwurf der Schuld der Juden am Tod Jesu, wurden den Ausschreitungen während der Karwoche zugeschrieben, während die Beteiligung der Stadtherrschaften an den Pogromen vielfach mit Herrschaftssicherung und materiellem Gewinnstreben begründet wird. Auch auf der Ebene der Reichspolitik fand sich ein Motiv. In der Auseinandersetzung zwischen König Karl IV. (Reg.: 1347-1378) und seinem Konkurrenten Günther von Schwarzburg, die bis zum April 1349 dauerte, versuchten beide Seiten sich Parteigänger zu verschaffen, indem sie Anhänger mit Gütern der verfolgten Juden bedachten. Die Quellenzeugnisse dokumentieren trotz der Angst vor der Seuche eine immense Gier nach materiellen Gütern, die sich vor allem auf den Besitz der wohlhabenden Juden richtete, denn die Mehrheit von ihnen lebte relativ bescheiden. Die Stadtobrigkeiten gingen dabei sehr durchdacht vor. Auf der einen Seite sorgten sie dafür, dass die "sammelinge", die Pöbelexzesse, ihre Herrschaft nicht gefährdeten, um auf der anderen Seite aber von der Einziehung der Güter zu profitieren. In zahlreichen Städten wie in Basel, Straßburg, Schlettstadt und Konstanz kam es bereits zu Exzessen, bevor die Pest auftrat, in Nürnberg sogar unabhängig von ihr. Hier hatte Karl IV. die städtische Obrigkeit ausdrücklich zu Übergriffen ermächtigt. Nachdenkliche Chronisten wie der Mindener Dominikaner Heinrich von Herford hielten die Behauptung, die Juden hätten "überall auf Erden" verbrecherisch und bösartig die Brunnen vergiftet, daher eher für unglaubwürdig. Als eigentliches Motiv sieht er die Gier nach dem Besitz der Juden und vergleicht ihre Vernichtung mit der der Templer, die 1291 in Frankreich der Ketzerei beschuldigt und vielfach hingerichtet worden waren, wonach ihr Besitz an die französische Krone fiel. Auch Papst Klemens VI. (Amtszeit: 1342-1352) wandte sich von seinen Amtssitz Avignon aus gegen den Vorwurf der Brunnenvergiftung und des Ritualmords und verwies sie ins Reich der Legende.

An die 300 Gemeinden im Reich wurden während der Pestpogrome vernichtet, lediglich 58 Orte blieben verschont. Diese lagen nicht im Zentrum, sondern an der Peripherie des Reichs, so in Böhmen, Mähren und Österreich. Viele der Überlebenden wanderten nach Norditalien oder nach Polen aus. Die Pestpogrome bedeuteten eine wichtige Zäsur in der Geschichte der Juden in Deutschland, sie waren - wie Alfred Haverkamp zu Recht feststellt - der "tiefgreifendste Einschnitt in der Geschichte des deutschen Judentums von den Anfängen der Ansiedlung bis zur nationalsozialistischen "Endlösung"."

2. Juden im Mittelalter. Taufe oder Tod.

Im 11. Jahrhundert sind die Städte Speyer, Worms und Mainz wirtschaftliche und geistige Zentren der mitteleuropäischen Juden, der Aschkenasim. Schon seit langem siedeln sie hier: häufig als Händler, die kostbare Waren aus dem Orient importieren, und als Gelehrte. Am Rhein entstehen die bedeutendsten Talmudschulen des Abendlandes. Doch in Sicherheit leben die Gemeinden nicht, im Gegenteil. Als der Papst zum Kreuzzug gen Jerusalem aufruft, ziehen 1096 nicht alle christlichen Streiter direkt in das Heilige Land, um gegen die Muslime zu kämpfen. Vielmehr belagert schon bald ein aufgehetzter Mob die rheinischen Metropolen – und stellt die Juden vor die Wahl: Taufe oder Tod

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Speyer ist Heimat einer großen aschkenasischen Gemeinde. Deren Verbindungen zu Worms und Mainz sind so eng, dass die drei Städte von vielen Juden mit einem einzigen Namen belegt werden: »Schum«. Die Bezeichnung ist aus den Anfangsbuchstaben der hebräischen Namen dieser drei Metropolen zusammengesetzt

Ihr Gott ist der Schöpfer der Welt und der Herr der Geschichte. Er ist transzendent und unfassbar. Aber sie besitzen Gottes Wort: die Tora. Und Sein Wort, Sein Gesetz beherrscht auch das Leben der Juden am Rhein. Der Juden, die sich „Aschkenasim“ nennen. Nach Aschkenas, der hebräischen Bezeichnung für das Gebiet nördlich der Alpen. Die ältesten Zeugnisse jüdischer Ansiedlungen am Rhein reichen zurück in die Zeit der Römer. So belegen zwei Dekrete des Kaisers Konstantin aus den Jahren 321 und 331 die Anwesenheit von Juden in Köln. In dieser Zeit gibt es wohl auch jüdische Gemeinden in anderen römischen Städten an Mosel und Rhein. In Trier, Straßburg, Bonn und Xanten, in Speyer, Worms und in Mainz. Doch für eine dauerhafte jüdische Präsenz in diesen Orten über das 5. Jahrhundert hinaus gibt es keine Quellen. Wahrscheinlich sind die jüdischen Gemeinden weggezogen oder untergegangen, als das Imperium Romanum von Germanenvölkern zerstört wurde. Erst im 9. und 10. Jahrhundert lassen sich dann wieder Juden in der Region nieder – zunächst wohl Kaufleute im Fernhandel. Einige dieser jüdischen Händler stammen aus Spanien, die meisten sind Einwanderer aus Frankreich und Italien.

Die wahrscheinlich älteste und bedeutendste mittelalterliche Ansiedlung von Aschkenasim am Rhein ist Mainz. Die erste sichere Nachricht über dort ansässige Juden datiert aus dem frühen 10. Jahrhundert. Und aus der Zeit um 938 ist eine Anfrage des Mainzer Erzbischofs Friedrich bekannt, in der er den Papst um Rat bei der Judenmission bittet. Die Bekehrung der Juden, so die Weisung von Leo VII., sei wünschenswert. Doch Zwangstaufen verbietet der Heilige Vater. Das heißt: Der Papst will seine Herde zwar vergrößern. Aber zum Christentum Konvertierte, die aus nackter Angst vor dem Schwert ihrem alten Glauben abschwören, die will er nicht. „Magenza“ nennen die Juden ihr Mainz. Dessen Blütezeit beginnt im späten 10. Jahrhundert. Mit der Familie Kalonymos, die aus dem italienischen Lucca zugewandert ist. Moses ben Kalonymos der Ältere bringt die reiche und in Palästina wurzelnde Tradition der liturgischen Dichtung nach Mainz. Und um diese Zeit wird in der Stadt auch die erste Jeschiwa gegründet. Mit dieser religiösen Hochschule nimmt in der Welt der Aschkenasim das systematische Studium des Talmuds seinen Anfang.

Rasch verbreitet sich der Ruf der Jeschiwa zu Mainz. Ihr Ansehen wächst, und der Mainzer Rabbi Gerschom ben Jehuda, der den Ehrentitel „Leuchte des Exils“ trägt, wird erst am Rhein und dann in ganz Aschkenas zum einflussreichsten Lehrer des Talmuds. Der Rabbi entscheidet, wie das jüdische Recht im Alltag der Gemeinden anzuwenden ist. Er erlässt Verordnungen zu den Religionsgesetzen; so untersagt er etwa die Polygamie und die Ehescheidung gegen den Willen der Frau. Unermüdlich kommentiert er die heiligen Schriften, verfasst liturgische Werke, und die Idee seines Gottes, der nah ist und fern zugleich und kein Abbild seiner selbst duldet, muss in ihm brennen wie ein loderndes Feuer Unter Gerschom ben Jehuda entwickelt sich das jüdische Mainz zu einem Zentrum der rabbinischen Gelehrsamkeit, der Freude am Studium der heiligen Schrift und der Lust am Streit um ihre Anwendung. Damit machen sich die Aschkenasim unabhängig von der Auslegung des Talmuds durch Gelehrte in Babylonien, dem bis dahin wichtigsten Zentrum jüdischer Lehre. Der Rabbi stirbt vermutlich 1028, vielleicht auch erst 1040. Ein grob behauener Gedenkstein auf dem „Judensand“ in Mainz, dem ältesten bekannten jüdischen Friedhof in Europa, erinnert an ihn.

SCHÜLER DES GERSCHOM BEN JEHUDA gründen in Speyer und Worms weitere religiöse Hochschulen. An der Wormser Schule beendet etwa Salomo ben Isaak aus dem französischen Troyes sein in Mainz begonnenes Studium. Er wird später unter dem Namen „Raschi“ (Rabbi Schelomo ben Iizchaki) berühmt – als einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten überhaupt und als richtungsweisender Kommentator der Tora und des Babylonischen Talmuds. Schritt für Schritt treten die Juden am Rhein so aus dem Schatten der alten jüdischen Zentren im Orient und in Italien und begründen ihre eigene, die aschkenasische Kultur.

Wenigstens 5000 Juden leben Anfang des 11. Jahrhunderts im Deutschen Reich, gegen Ende des Jahrhunderts sind es etwa 20 000. Die meisten von ihnen haben sich in den Städten entlang der bedeutenden Wasserstraßen Rhein, Main, Donau, Saale oder Elbe niedergelassen. Denn diese Städte sind wirtschaftliche Zentren, und vor allem jüdische Kaufleute sind auf urbane Strukturen angewiesen, auf Märkte und auf Flüsse als Handelswege. Nach Schätzungen heutiger Forscher hat Mainz im frühen 11. Jahrhundert mindestens 6000 bis 7000 Einwohner, darunter etwa 600 oder 700 Juden. Als Fernkaufleute haben die Mainzer Juden über ihre Glaubensbrüder im islamischen Teil Spaniens, in Sizilien, in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten Zugang zu den großen Handelsrouten des Orients – zur Seidenstraße nach Indien und China und zur Weihrauchstraße, die vom Mittelmeer nach Südarabien führt. Also in den Jemen und nach Oman, wo jene Bäume wachsen, deren kostbares Harz die Christen in ihren Kirchen als Weihrauch verbrennen.

So versorgen die jüdischen Kaufleute das Rheinland mit den Luxuswaren des Orients. Mit Perlen, Seide und Brokat, mit Weihrauch und exotischen Gewürzen. Sie dominieren den Fernhandel so sehr, dass sich in christlichen Dokumenten der Zeit oftmals die Wendung findet: judaei et ceteri mercatores: „Juden und andere Kaufleute.“ Doch längst nicht alle Juden sind Händler; manche stehen etwa als Lehrer oder Schreiber im Dienste ihrer Gemeinde, andere arbeiten als Arzt oder Viehdoktor. Wieder andere sind Gehilfen reicher Kaufleute, koschere Schlachter, Winzer oder Bäcker – oder sie üben in Städten, wo sie nicht durch Verbote gehindert werden, ein anderes Handwerk aus.

Viele der jüdischen Händler zu Mainz sind wohlhabend. Manche sogar so reich, dass sie in der Art von Bankiers Geld gegen Zinsen zur Finanzierung aufwendiger kirchlicher und weltlicher Bauten zur Verfügung stellen. Im Gegensatz zur überwältigenden Mehrheit der christlichen Bevölkerung können fast alle Juden, Männer wie Frauen, lesen und schreiben. Einige beherrschen überdies mehrere Sprachen.

Vom Mainzer Erzbischof, dem Herrn ihrer Stadt, sind die Juden als Gemeinde anerkannt. Ihr Viertel liegt im Herzen der Ortschaft, mitten zwischen Kirchen, Klöstern und Märkten. Es trägt den Namen „Unter den Juden“. An den rechten Türpfosten der jüdischen Häuser sind kleine Kapseln mit winzigen Pergamentrollen angebracht – beschrieben mit Versen aus dem fünften Buch des Moses. „Und du sollst sie auf deines Hauses Pfosten schreiben und an die Tore.“ Im Judenviertel mit seinen kleinen Häusern stehen die Synagoge, die Jeschiwa des Rabbi Gerschom ben Jehuda und das Wohnheim für Talmudstudenten. Es gibt ein kaltes Tauchbad zur rituellen Reinigung und ein Warmbad für die körperliche Hygiene. Dazu ein Hospital, das Schlachthaus zum Schächten der Tiere, die Bäckerei und das Tanzhaus für Familienfeiern und Feste der Gemeinde.

Das jüdische Viertel zu Mainz ist praktisch eine Stadt in der Stadt. Selbstverwaltet von einem Ratsgremium, das meist aus zwölf Mitgliedern besteht und in der Regel von allen jüdischen Männern gewählt wird. Den Vorsitzenden der Gemeinde bestimmen die zwölf Ratsvertreter aus ihrer Mitte – ebenso die Richter, welche über die innerjüdischen Rechtsfälle zu entscheiden haben. Darüber hinaus ist das Gremium verantwortlich für das Entrichten der Steuern an die christliche Obrigkeit von Mainz.

Jüdische Männer und Frauen können lesen und schreiben – anders als die meisten Christen

Anders als bei den Christen leben in den jüdischen Häusern selten mehr als zwei Generationen unter einem Dach. Land gibt es wenig zu vererben unter den Juden, und eine frühe Ehe wird unterstützt. Jungen heiraten mit 15 oder 16 Jahren, Mädchen oft schon im Alter von 13 oder 14.

Direkt an das Mainzer Judenviertel schließt ein Stadtteil an, der überwiegend von christlichen Händlern bevölkert wird und bis ans Rheinufer reicht. Doch auch im Judenviertel wohnen Christen. Denn im 11. Jahrhundert gibt es keine Ghettos, deren Mauern die Juden hermetisch ab-schließen von den Christen. Erst im Jahr 1310 wird ein Mainzer Konzil festsetzen: „Christen dürfen nicht bei Juden wohnen.“  Im 11. Jahrhundert müssen Juden auch keine diskriminierende Kleidung tragen. Sie sind weder besonderen Handelsbeschränkungen unterworfen, noch ist es ihnen verboten, Grund und Boden zu erwerben. Und zwischen Juden und Christen gibt es über viele Jahre zahllose Kontakte.

Christen kaufen die Waren des Orients bei Juden. Juden Dinge des täglichen Bedarfs bei Christen. In jüdischen Haushalten arbeiten christliche Diener, jüdische Ärzte kurieren Christen, und auf den Straßen gehören Juden zum alltäglichen Bild – zumindest in den drei Bischofsstädten Mainz, Speyer und Worms. Doch sind sie praktisch rechtlos jeder fürstlichen Willkür ausgesetzt. So ordnet König Heinrich II. im Jahre 1012 an, diejenigen Mainzer Aschkenasim zu vertreiben, die sich nicht taufen lassen wollen. Heinrichs Gründe sind nicht überliefert – möglicherweise aber bestraft er die ganze jüdische Gemeinde, weil ein Priester namens Wezelin zum Judentum konvertiert ist.

Den Vertriebenen wird zwar bald die Rückkehr gestattet. Aber manche Mitglieder der jüdischen Gemeinde haben sich dem massiven Druck des Monarchen gefügt und die Taufe auf sich genommen. Darunter sogar ein Sohn von Rabbi Gerschom ben Jehuda. Solche Akte der Willkür führen den Juden eindringlich vor Augen, dass sie einer kleinen und nur geduldeten Minderheit angehören, der gelegentlich offener Hass entgegenschlägt. Woher rührt dieser Hass? Und was befeuert ihn? Ist es die christliche Vulgärpropaganda, die behauptet, die Juden – alle Juden – seien die Mörder Gottes? Oder mehr die beharrliche Weigerung der Juden, Jesus Christus als Messias und Gottes Sohn anzuerkennen? Ist es ihre unerschütterliche Gewissheit, das von Gott auserwählte Volk zu sein? Die Tatsache, dass sie in manchen ihrer polemischen Schriften Christus als „gehängten Bastard“ bezeichnen, die Kirche als „Haus der Unreinheit“ und die Taufe als „Beschmutzung“? Oder einfach der Umstand, dass viele von ihnen reicher sind als die meisten der Christen und auch gebildeter? All dies mag den Hass mancher Christen zwar entzünden – doch wie ein Sturm das Feuer facht den Hass vermutlich vor allem die Tatsache an, dass die Juden in der geschlossenen Welt der Christen das Fremde schlechthin verkörpern. Das Unbekannte. Das Bedrohliche.

DIE JUDEN BETEN angeblich zu einem anderen Gott als die Christen, einem älteren Gott, dessen Namen sie niemals aussprechen. Sie haben eine andere Zeitrechnung und leben bereits am Ende ihres fünften Jahrtausends. Ihr Jahr, das im Herbst beginnt, berechnen sie nach den Mondphasen und dem Lauf der Sonne zugleich. Und ihre Monate tragen archaische babylonische Namen wie Tischri, Siwan, Kislew oder Tammuz.

Sie feiern auch andere Feste als die Christen. Jom Kippur, Sukkot, Chanukka, Passa. Unbeirrbar heiligen sie den Sabbat und nicht den Sonntag. Sie meiden vielerlei Nahrung der Christen, schächten ihr Schlachtvieh und trennen ihre Küche nach Milch und Fleisch. Sie schreiben auch in einer anderen Schrift – und das von rechts nach links. Wahrscheinlich empfinden im 11. Jahrhundert selbst gebildete Christen die Juden nicht zuletzt deshalb als fremd und als bedrohlich, weil sich deren Religion, ihr Geist und ihre Ideen in Zeichen äußern, welche die Christen nicht zu entziffern vermögen. Die Juden werden zunächst wohl gelegentlich verspottet, verlästert und verleumdet: Sie stinken angeblich, sind, so erzählt man, falsch, treulos, hässlich, verschlagen, hinterhältig oder geldgierig. Vielleicht raunen sich manche Christen im 11. Jahrhundert auch schon zu, dass die Juden ihre Brunnen vergiften würden. (Andere Schauerfabeln, dass etwa die Juden Christenkinder schächten würden, um ihr Blut für barbarische Riten zu verwenden, und dass sie Hostien schänden, werden dagegen erst in den folgenden Jahrhunderten erfunden.)

So leben die Juden von Mainz als Fremde im Rhythmus ihrer religiösen Feste. An Rosch ha-Schana, dem ersten Tag des neuen Jahres, blasen sie das Schofar, das aus dem Horn eines Widders gefertigt wird. Am Abend vor Jom Kippur, dem heiligsten aller Feiertage, stimmen sie das aramäische Gebet „Kol Nidre“ an, mit dem der Tag der Sühne und der Versöhnung beginnt; an Jom Kippur selbst fasten sie. An Sukkot, dem jüdischen Fest der Laubhütten, schütteln sie im Gottesdienst Zitrusfrüchte, Palmwedel und Zweige von Myrthen und Weiden. An Chanukka, den acht Tagen der Tempellichter, zünden sie Kerzen an: eine am ersten, zwei am zweiten – acht am letzten Tag. Und an Passa, das an den Auszug der Kinder Israels aus Ägypten erinnern soll und an das Ende der Knechtschaft unter Pharao, verzehren sie ungesäuertes Brot.

Ausdauernd und an allen Tagen beten sie. Sie beten am Morgen. Sie beten am Nachmittag. Sie beten am Abend. Und die „Amida“, die aus 18 Lobpreisungen und Bitten besteht, sprechen sie stehend und in Richtung Jerusalem. Denn dort erhebt sich mitten in der Stadt Har ha-Bajit. Der Berg des Gotteshauses. Der Tempelberg ist der zentrale Ort der jüdischen Erinnerung. Deshalb sehnen sich auch die Juden von Mainz nach Jerusalem, dem Symbol ihrer heilvollen Vergangenheit und zukünftigen Erlösung. Ausgerechnet im fernen Jerusalem spielen sich im 11. Jahrhundert dramatische Ereignisse ab. Mit katastrophalen Folgen für die Juden von Aschkenas. Aber was wissen zum Beispiel die Juden in Mainz von den Vorgängen im Orient? Von den Kämpfen? Den Ketzereien?

Die jüdischen Kaufleute im Fernhandel sind angewiesen auf zuverlässige Nachrichten aus aller Welt. Auf aktuelle Botschaften über bedeutsame Vorfälle und neue Entwicklungen. Und auf politische Analysen, überbracht von Boten, ankommenden Reisenden, Verwandten, Geschäftspartnern. Er muss wissen: Welche Pfade, Bergpässe, Furten, Seewege sind sicher? Wo lauern Diebe, Wegelagerer, Marodeure oder Piraten? Wo toben Kriege? Und welcher König, welcher Stammesfürst ist den Juden gewogen? All das muss ein Händler auf den Routen der Seiden- und der Weihrauchstraße berücksichtigen. Denn nur so kann er die Risiken für sein Leben und für seine Unternehmungen abwägen. Und Großkaufleute sowie deren Gehilfen haben den Mainzer Juden mit Sicherheit von den politischen Verhältnissen und brisanten Vorfällen im Orient berichtet.

DENN IM SEPTEMBER des Jahres 1009 ereignet sich in Jerusalem Ungeheuerliches: Die Grabeskirche wird auf Befehl des Kalifen al-Hakim geplündert und mitsamt dem Felsengrab Christi zerstört. Al-Hakim, ein strenggläubiger Muslim, residiert in Kairo und stammt aus der schiitischen Dynastie der Fatimiden, die nicht nur am Nil herrschen, sondern auch in Palästina und in Syrien.

Die Juden leben seit Generationen am Rhein und bleiben in Deutschland doch Fremde

Der Kalif hat den Christen in seinem Reich alle öffentlichen Prozessionen und das öffentliche Begehen ihrer religiösen Feste untersagt und ihnen das Läuten von Glocken und das Zeigen von Kreuzen verboten. Darüber hinaus sollen die Christen von nun an besondere Gürtel tragen und schwarze Turbane oder Kopftücher, damit man sie jederzeit erkenne unter den Muslimen. Und bereits im Jahr zuvor hat der Kalif damit begonnen, Kirchen, Klöster und auch Synagogen zu zerstören und zu plündern (denn er benötigt Geld – vor allem, um seine Armee zu bezahlen, aber auch um zerfallene Moscheen wiederaufzubauen). Schon damit beging al-Hakim Unrecht. Weshalb provoziert der Kalif jetzt auf diese unerhörte Weise die Christen? Die lateinischen in Rom ebenso wie die griechischen zu Byzanz und die koptischen in seinem eigenen Reich.

Historiker haben auf diese Frage bis heute keine befriedigende Antwort gefunden. Lange Zeit galt ihnen al-Hakim als „verrückter Kalif“. Für muslimische Chronisten ist er ein Ketzer. Denn in Kairo entsteht eine Sekte, die in al-Hakim eine Inkarnation Gottes sieht (sie existiert noch heute, vor allem im Libanon: Es sind die Drusen). Christliche Autoren beschreiben ihn als fürchterlichen Tyrannen und bösartigen Verfolger. Andererseits sind unter den höchsten Beamten seines Hofstaates manche Christen – etwa sein Kanzleichef (der das Dekret zur Zerstörung der Grabeskirche ausgefertigt hat). Zudem stellt der Kalif die Plünderung von Gotteshäusern bald wieder ein und gibt geraubtes Kirchengut an die Gemeinden zurück. Aber die Demütigung durch die Muslime sitzt tief im Bewusstsein der Christen. Und die Nachricht über die Zerstörung ihrer heiligsten Kirche gelangt mit heimkehrenden Pilgern aus Jerusalem und durch jüdische Fernkaufleute zu den Christen am Rhein. Zweifellos ausgeschmückt mit Gräuelgeschichten.

Zudem stoßen um diese Zeit arabische Stämme entlang der Südküste des Mittelmeers vehement nach Westen vor. Dabei arabisieren sie Nordafrika. Das Kreuz muss dem Halbmond weichen, die lateinischen Dialekte der Christen der Sprache des Propheten. Von den um das Jahr 1000 bezeugten 47 nordafrikanischen Bistümern sind um die Mitte des 11. Jahrhunderts nur noch fünf geblieben. Etwa gleichzeitig mit der arabischen Expansion am Südrand des Mittelmeers erhebt sich auch im Osten ein gewaltiger Sturm. Kriegerische Nomaden stürmen in Richtung Kleinasien heran: Türken, angeführt von der Sippe der Seldschuken. Die Turkvölker haben bereits ganz Zentralasien erobert und in den 30er Jahren des 11. Jahrhunderts auch den Osten Persiens.

Unaufhaltsam drängen die Türken nach Westen vor. Im August 1071 besiegt das Heer der Türken die Truppen des byzantinischen Kaisers. Nun ist das christlich-orthodoxe Kleinasien offen für die türkische Eroberung. Und 1077 erobern die Seldschuken Jerusalem. Die lateinischen Christen sind nicht unmittelbar gefährdet durch die Kriege und Machtkämpfe im Orient. Aber die Gerüchte und Nachrichten über die niedergerissene Grabeskirche, über drangsalierte Glaubensbrüder und den Ansturm von Türken und Arabern erzeugen in Europa ein Gefühl der kollektiven Bedrohung. Der Ohnmacht und der Verwundbarkeit.

DIE PSYCHOLOGISCHE WIRKUNG dieser Empfindung muss gewaltig sein. Und das veränderte Christusbild, das im Verlauf des 11. Jahrhunderts in Europa entsteht, spiegelt dies eindringlich. Denn jetzt rückt unter den römischen Christen der Mensch gewordene Gottessohn in den Vordergrund. Der von den Heiden Verfolgte, der Gemarterte, der Gekreuzigte. Für das Martyrium und den Tod Christi aber werden nun radikaler als jemals zuvor die Juden verantwortlich gemacht. So entsteht – aus Angst vor den Muslimen und aus Hass auf die Juden – die Idee der Kreuzzüge. Urban II., dessen Pontifikat 1088 beginnt, ist ihr Mentor. Für den Papst, der aus dem französischen Châtillon-sur-Marne stammt, ist der Kreuzzug nach Jerusalem und zur Befreiung der heiligsten Stätten des Christentums ein Heiliger Krieg. Und diese Vorstellung trägt er unter die lateinischen Christen. In den Gottesdiensten werden nun verstärkt Ritter, die das Christentum gegen die Ungläubigen verteidigen sollen, einbezogen in die Gebete. Schwerter werden geweiht.

Doch wie nehmen die Juden im Reich die Ereignisse im Orient wahr? Spüren sie den zunehmenden Judenhass der Christen, die religiösen Spannungen, die Kriegsstimmung? Fühlen sie sich besonders bedroht? Den wachsenden Hass ihrer Nachbarn bemerken sie wohl. Viel bedrückender für sie sind wahrscheinlich aber die Nachrichten aus Orléans und anderen französischen Städten, die sich jetzt mehren: Dort werden Glaubensbrüder, welche die Taufe verweigerten, vom christlichen Pöbel bedrängt, vertrieben oder ermordet. Aber in akuter Gefahr wähnen sich die Juden am Rhein offenbar nicht. Jedenfalls ist nichts bekannt darüber. Die jüdischen Kaufleute von Mainz gehen zwischen den Gebeten des Morgens und denen des Abends weiterhin ihrem Handel und ihren Kreditgeschäften nach. Die Studenten der Jeschiwa vertiefen sich in die Lehren der alten rabbinischen Schule Palästinas – und in den Babylonischen Talmud, diesen gewaltigen Korpus aus Lehren und Kontroversen, der die Tora erklärt und kommentiert.

Die Gelehrten verfassen ihre „Takkanot“ – Anweisungen, welche die Gemeinden als Gesetze anerkennen – und widmen sich alltäglichen Problemen: der Stellung kinderloser Witwen etwa, dem Scheidungsrecht, der Synagogenordnung, der Zulässigkeit bestimmter Haar und Bartmoden oder den Geboten der rituellen Reinheit. Häufig fallen ihre Takkanot wohl sehr streng aus. Denn die rabbinische Hochschule von Mainz ist eine der konservativsten Europas. Am Sabbat jedoch ruhen die Juden. Und das von ihrem Gott bestimmte Verbot der Arbeit legen sie so umfassend aus, dass sie am Sabbat noch nicht einmal kochen oder ein Feuer entzünden. In der Synagoge, wo Männer und Frauen in getrennten Räumen sitzen, psalmodieren sie Verse der Tora und danken Gott für seine Gnade. So leben die Juden zu Mainz ihr alltägliches Leben. Bis 1084. In diesem Jahr schlägt der Hass der getauften Mainzer wohl erstmals in offene Gewalt gegen ihre jüdischen Nachbarn um: Nach einer Feuersbrunst im Wohnviertel der Aschkenasim werden viele Opfer des Brandes bedrängt und geschlagen, sodass sie aus ihrer Vaterstadt fliehen müssen.

IM MÄRZ 1095 wird im italienischen Piacenza ein Kirchenkonzil einberufen. Es geht unter anderem um die Priesterehe und den Handel mit kirchlichen Ämtern. Doch ganz im Vordergrund steht ein anderes, ein politisches Ereignis: Eine Gesandtschaft aus Byzanz ist eingetroffen, um im Namen des Kaisers Alexios I. Komnenos um Waffenhilfe gegen die Türken zu bitten. Urban II. nutzt die Gelegenheit. Denn dieser Ruf nach Hilfe ist der ideale Anlass, um seinen Heiligen Krieg zu beginnen, den Kreuzzug gegen den Islam. So hofft er, die heiligen Stätten in Jerusalem und Palästina zu erobern. Und dabei vielleicht sogar das geschwächte byzantinische Christentum, das sich im Schisma vom lateinischen getrennt hat, zur Unterwerfung unter Rom zu zwingen. Um der westlichen Christenheit die heilige Notwendigkeit des Kreuzzugs begreiflich zu machen, lädt Urban für den 18. November 1095 zu einem weiteren Konzil ein. Nach Clermont. Am 27. November 1095 ruft der Papst dort am Ende des Konzils auf freiem Feld vor Bischöfen, Äbten und Adeligen sowie einer großen Menge einfachen Volkes zum Heidenkrieg auf. „Mit höchlichst beredtem Munde“, wie ein zeitgenössischer Chronist vermerkt. Und um „das göttliche Geheiß zu enthüllen“. Denn in Wahrheit, so behauptet der Papst, „ist es Christus, der befiehlt“. Den Heiligen Krieg. Den Kreuzzug. Gott will es!

Als Belohnung stellt der Papst jenen, die im Krieg gegen die Muslime ihr Leben lassen sollten, die Vergebung ihrer Sünden in Aussicht. Außerdem verspricht er reiche Beute. Und auch das Gesindel vergisst er nicht einzuladen zu dem Kreuzzug. „Mögen denn alle, die früher nur Räuber waren, nun Christi Soldaten werden.“ Der Beginn des Kreuzzugs wird auf den 15. August 1096 festgesetzt. Den Tag von Mariä Himmelfahrt. Urbans Rede löst einen beispiellosen Massenwahn aus. Nach dem Konzil durchziehen vor allem in Frankreich Hetzprediger die Lande – Missionare des Hasses. Der erfolgreichste von ihnen ist Peter von Amiens, genannt der Eremit, der auf einem Esel reitet und von Marktplatz zu Marktplatz zieht, um die Christen aufzuwiegeln zum Kampf gegen die Heiden. Ihm zur Seite stehen bald wilde Heerführer wie etwa Walter „Sans-Avoir“ („der Habenichts“).

Im Dezember 1095 treffen am Rhein abermals beunruhigende Nachrichten aus den jüdischen Gemeinden in Frankreich ein. Riesige Volkshorden, heißt es, hätten sich im Land versammelt, um gen Jerusalem zu ziehen. Und diese würden Juden bedrängen und berauben. Das beutegierige Gesindel wolle sich bald auf den Weg an den Rhein machen. Man werde fasten für die gefährdeten Gemeinden, antworten die Mainzer Juden auf die Warnungen ihrer französischen Glaubensbrüder. „Aber für uns selbst“, ergänzen sie, „gibt es keinen Anlass zu irgendeiner Befürchtung.“

Sorglos bleiben die Juden zu Mainz bis Anfang des Jahres 1096. Erst die Drohungen hoher Herren, so des Herzogs von Niederlothringen und Grafen der Boulogne, Gottfried von Bouillon, der an den Juden das Blut Christi rächen und sie alle erschlagen will, rütteln auch die Mainzer wach. Jetzt schickt Kalonymos bar Meschullam, der Vorsteher der Mainzer Gemeinde, einen Boten zu Heinrich IV. nach Italien und verweist auf das Schutzversprechen des Kaisers für die Juden. Und der Regent enttäuscht den Rabbiner nicht. Er fordert alle Fürsten schriftlich auf, die Juden zu schonen und zu schützen. Doch gegen die Horden aus Räubern, Verhetzten, Plünderern und Judenhassern, die nun auch in Deutschland allerorts zusammenlaufen, nutzt ein Dekret des Königs wenig. Und diese Streiter Christi warten auch nicht bis zum allgemeinen Aufbruch der Kreuzritter am 15. August 1096. Sie machen sich bereits im April auf den Weg.

AM 15. NISAN 4856 , dem 10. April 1096, feiern die Mainzer Juden das Passafest. Nach den Vorschriften der Tora haben sie jegliches chamez – alle gesäuerten Lebensmittel – aus ihren Häusern zu entfernen und sie am Tag vor Passa zu einem symbolischen Preis an ihre nichtjüdischen Nachbarn zu verkaufen oder zu verbrennen. Acht Tage dauert das Fest in der Diaspora. Kurz vor dieser Zeit, in die auch das Osterfest der Christen fällt, brechen die ersten Kreuzfahrerhaufen in Frankreich auf. Bewaffnet mit Stöcken und Sicheln.

Am 10. April, dem Beginn des Passafests, zieht Peter von Amiens mit großem Gefolge in Trier ein. Wie schon zuvor in Metz und anderen Orten erpressen die Christen Geld und Lebensmittel von der jüdischen Gemeinde. Und wie überall auf ihrem Weg schließen sich ihnen wohl auch hier Bettler, Tagelöhner und vielleicht sogar Handwerksgesellen an. Es sind schon weit mehr als 10 000: arm, ungebildet, abergläubisch die meisten, verhetzt, brutal und blindwütig viele. Und dann, am 3. Mai 1096, steht ein Heer dieser selbst ernannten Kreuzfahrer vor Speyer. Ihr Anführer ist wahrscheinlich Vicomte Wilhelm von Mélun. Sie wollen zwar nach Jerusalem. Aber Palästina ist weit. Und der Weg in die Heilige Stadt, wo sie den Muslimen das Grab Jesu entreißen wollen, noch lang und beschwerlich. „Als sie nun auf ihrem Zug durch die Städte kamen, in denen Juden wohnten“, schreibt Salomo bar Simeon aus Mainz über diese Kreuzfahrer, „sprachen sie:, Sehet, wir ziehen den weiten Weg, um die Grabstätte aufzusuchen und uns an den Ismaeliten zu rächen. Und siehe, hier wohnen unter uns die Juden, deren Väter Christus unverschuldet umgebracht und gekreuzigt haben! So lasset zuerst an ihnen uns Rache nehmen und sie austilgen unter den Völkern, dass der Name Israel nicht mehr erwähnt werde. Oder sie sollen unseresgleichen werden und zu unserem Glauben sich bekennen.‘“

Salomo bar Simeon, ein jüdischer Chronist, verfasst seinen Bericht im Jahr 1140. Wahrscheinlich hat er mehrere schriftliche Quellen von Zeitzeugen, die er chronologisch ordnet und durch mündliche Überlieferungen ergänzt. „Am Sabbat, den 8. Ijjar“, fährt Salomo bar Simeon fort in seiner Chronik, „überfielen die Feinde die Gemeinde Speyer und erschlugen elf heilige Personen. Diese waren die Ersten, die ihren Schöpfer heiligten, da sie sich nicht taufen lassen wollten. Die Übrigen wurden, ohne ihren Glauben wechseln zu müssen, von dem Bischof gerettet.“ Tatsächlich ordnet Bischof Johann I. von Speyer am 3. Mai die Verteidigung der jüdischen Gemeinde seiner Stadt an. Wohl deshalb sind nur elf Opfer zu beklagen. Doch der Bischof will für seine Hilfe bezahlt werden: mit jüdischem Geld. Die Kreuzfahrer ziehen weiter den Rhein entlang. Nach Norden – obwohl der Weg nach Jerusalem in die entgegengesetzte Richtung führt.

Unter den Toten von Speyer, berichtet Salomo bar Simeon, sei auch eine Frau gewesen, „die sich zur Heiligung des göttlichen Namens selbst schlachtete“. „Kiddusch ha-Schem“ nennen die Juden die Heiligung des göttlichen Namens. Und nach ihrer Tradition muss sich ein strenggläubiger Jude, der vor die Wahl Tod oder Taufe gestellt ist, von seinen Bedrängern töten lassen. Die Selbsttötung dieser Frau aber ist weit mehr, als der Glaube vorschreibt. Doch viele werden ihrem Vorbild folgen. So sterben unzählige Juden des Mittelalters ganz ähnlich wie die frühen Märtyrer der Christen. Es gibt aber auch andere als religiöse Gründe, weshalb sich so viele Juden der Taufe verweigern. Denn was ist ein getaufter Jude? Doch nichts anderes als ein von allen verachteter Christ ohne Gemeinde, ohne Broterwerb und auch ohne Familie. Und für die Christen bleibt er immer ein halber, beargwöhnter Jude.

Am Sonntag, dem 18. Mai, stürmen die Kreuzfahrerhorden das jüdische Viertel zu Worms. Es ist der 23. Ijjar des jüdischen Kalenders, und die Gemeinde hat sich in zwei Lager geteilt. „Die einen waren in ihren Häusern geblieben“, schreibt Salomo bar Simeon. „Die anderen waren zum Bischof geflüchtet.“ Bischof Albrand von Worms gewährt jenen Juden, die ihn um Hilfe bitten, Asyl in seinem Palast. Die Gemeinde außerhalb der Mauern aber wird sogleich von den Kreuzfahrern angegriffen. Denn die meisten der Juden verweigern die Taufe. Kiddusch ha-Schem. Sie werden erstochen, zerhackt, zu Tode geprügelt oder sterben durch eigene Hand. Danach rauft sich der Mob der Kreuzfahrer vermutlich mit dem Pöbel von Worms um die Beute: die Häuser der Juden, in denen sie wohl nichts als gewaltige Schatullen sehen. Schatztruhen, angefüllt mit Handelsware.

Im Kreuzzug überschreiten viele Christen die Grenze vom heimlichen Hass zur offenen Gewalt

Eine Woche währt das Asyl der Kirche. Dann stürmt der Pöbel den Palast. Taufe oder Tod heißt jetzt auch für die Schützlinge des Bischofs die Alternative. Und wieder wählen die meisten Kiddusch ha-Schem. „Die Feinde zogen sie aus und schleiften und warfen sie umher“, schreibt Salomo bar Simeon. „Sie ließen keinen von ihnen übrig, außer einigen, die sie zur Taufe gezwungen hatten. Bei 800 betrug die Zahl der Erschlagenen. Sie alle wurden nackt zu Grabe gebracht.“

NUR EIN KURZES STÜCK Fluss und kaum 50 Kilometer trennen Worms von Mainz. Die Kunde vom Blutbad unter den Wormser Juden gelangt vermutlich rasch nach Norden, wo bereits seit Tagen die judenfeindliche Stimmung wächst. Erzbischof Ruthard II. herrscht über die Stadt, in deren Mitte die größte, angesehenste und reichste Judengemeinde des Rheinlandes und möglicherweise der gesamten aschkenasischen Welt liegt. Mehr als 1000 jüdische Männer, Frauen, Kinder leben in Mainz. Schockiert von der Nachricht über den Massenmord und gewiss auch erfüllt mit Todesangst, versammelt sich der Rat der Gemeinde zu einer Krisensitzung.

Was ist nun zu tun? Welchen Wert hat der Schutzbrief des Königs, der in Italien weilt? Schließlich treffen die Männer des Rates eine Entscheidung. Und hoffen möglicherweise auf ein Wunder. So wie es sich in Speyer ereignet hat. „Diese kamen nun überein“, berichtet Salomo bar Simeon, „ein Lösegeld für ihr Leben zu zahlen. Ihr Vermögen hinzugeben, um damit die Fürsten, Statthalter, Bischöfe, Grafen zu bestechen.“ Eine große Summe bezahlen die Mainzer Juden dem Bischof. Dafür nimmt er sie und ihre bewegliche Habe in seine Residenz beim Dom auf. Die jüdischen Männer haben sich bewaffnet. Denn die Truppe des Bischofs ist klein und das Vertrauen, das die Juden in die christlichen Soldaten setzen, vermutlich auch. „Es war am Neumondstag des Monats Siwan“, fährt Salomo bar Simeon fort, „da kam der Graf Emicho, der Feind aller Juden – mögen seine Gebeine in einer eisernen Mühle zermalt werden –, mit einem großen Heere und lagerte nebst dem Pöbel außerhalb der Stadt in Zelten. Denn die Tore der Stadt waren vor ihm verschlossen.“

Am 25. Mai 1096 vereinigen sich vor Mainz die Horden des Vicomte Wilhelm von Mélun mit den Leuten des Grafen Emicho – eines Adeligen, der wahrscheinlich in der Nähe der Bischofsstadt ansässig ist. Und sie sind im Fieber des Massenwahns, erregt von der Aussicht auf den freigegebenen Mord und auf die Beute. Zwei Tage lagern sie vor Mainz. „Es war am dritten Tag im Siwan. Um die Mittagszeit, da kam Emicho, der Bösewicht und Judenfeind, mit seinem ganzen Heer vor das Tor. Und die Städter öffneten ihm das Tor. Da sprachen die Feinde des Ewigen:, Sehet, sie haben uns das Tor geöffnet. Jetzt lasset uns das Blut des Gekreuzigten rächen!‘“ Der 3. Siwan fällt in diesem Jahr auf den 27. Mai. Wer den Befehl gibt, die Stadttore schließlich zu öffnen, ist nicht bekannt. Aber mutmaßlich wird er gegen den Willen des Erzbischofs erteilt. Männer mit Stöcken, Sicheln, Spießen und Schwertern stürmen die Stadt.

Die jüdische Gemeinde von Mainz sitzt in der Falle. Mehr als 1000 Männer, Frauen, Kinder. „Als die Söhne des heiligen Bundes jenes Heer so unzählig wie der Sand am Ufer des Meeres sahen, blieben sie dennoch ihrem Schöpfer getreu. Sie legten Panzer an und umgürteten sich mit Kriegswaffen. Rabbi Kalonymos bar Meschullam stand an der Spitze.“ Und so verteidigen die Mainzer Juden die Eingangstore der Bischofsresidenz. „Aber unsere Sünden verursachten, dass die Feinde siegten und die Tore einnahmen. Die Leute des Bischofs flohen zuerst. Auch der Bischof selbst floh aus seiner Kirche, denn auch ihn wollten sie töten. Die Feinde drangen in den Hof. Und es war ein Tag der Dunkelheit. Mögen Finsternis und Todesschatten ihn ablösen. Möge Gott in der Höhe nicht nach ihm fragen.“

Nicht einmal die geistlichen Würdenträger der Christenheit können die Juden schützen

Die jüdischen Männer kämpfen, ihre Frauen und Kinder im Rücken. Doch angesichts der erdrückenden Übermacht ist ihre Lage aussichtslos. Die einen werden niedergemetzelt, und die anderen töten sich selbst. „Der Vater wurde geschlachtet von seinem Sohne, der Bruder von seiner Schwester, die Frau von ihrer Tochter, der Nachbar von seinem Nachbarn, der Bräutigam von seiner Braut. Einer schlachtete, der andere wurde geschlachtet, bis Blut zu Blut zusammenfloss und sich vermischte das Blut der Männer mit dem der Frauen.“

Am 3. Siwan 4856 wird die jüdische Gemeinde zu Mainz nahezu vollständig ausgelöscht. Zwei Tage später zündet ein zwangsgetaufter Überlebender des Mainzer Blutbades erst sein Haus, dann die Synagoge und schließlich sich selbst an. Kiddusch ha-Schem. Bald brennt es überall im jüdischen Viertel. In diesem Jahr morden die Streiter Christi die Juden in vielen weiteren Städten – so in Köln, Neuss und Xanten, in Regensburg und Prag. Und auch in Trier. Dort stellen aus Lothringen nachrückende Kreuzfahrer Juden vor die Wahl: Taufe oder Tod.

WÄHRENDDESSEN IST Walter, der Habenichts, bereits in Byzanz eingetroffen. Ende Juli stößt Peter von Amiens mit seiner Schar hinzu. Allein auf Emicho warten die beiden Anführer vergeblich. Dessen plündernder Haufen ist schon an der Donau von Truppen des ungarischen Königs aufgerieben worden. Aber auch Peters und Walters Gefolgsleute werden Jerusalem nicht sehen: Ein türkisches Heer schlägt sie am 21. Oktober 1096 in Kleinasien, nahe der Stadt Civetot. Damit ist der Kreuzzug des Pöbels beendet – zwei Monate nachdem die Kreuzritter des Papstes in Frankreich aufgebrochen sind. Wahrscheinlich hat der Pöbel auf seinem Zug 5000 Juden ermordet, 3000 allein im Rheinland.

Drei Jahre später, im Sommer des Jahres 1099, erobern christliche Ritter Jerusalem und richten dort das wohl schwerste Massaker des Mittelalters an: 70 000 Menschen metzeln sie nieder – Juden wie Muslime, Männer, Frauen und Kinder. Dann proklamiert sich Gottfried von Bouillon zum Advocatus Sancti Sepulchri, zum „Beschützer des heiligen Grabes“. Er ist nun Herrscher über das Königreich Jerusalem und einige Lehenterritorien wie etwa die Herrschaft Tiberias am See Genezareth. Doch immer wieder trotzen muslimische Kämpfer den Eindringlingen Teile der Ländereien ab. Und immer wieder schicken Päpste neue Kreuzzüge – der siebte und letzte scheitert 1282, nachdem Sultan Saladin schon 1187 Jerusalem zurückerobert hat.

DER AUFRUF von Papst Urban II. zum Überfall auf Jerusalem ist der Auftakt zu den antijüdischen Exzessen der folgenden Jahrhunderte. Zu wüsten Beschimpfungen in Pamphleten und Predigten. Zu Gesetzen, die den Juden etwa bestimmte Wohnorte und diskriminierende Kleidung aufzwingen. Zu den Massenmorden, die in deutschen und anderen Städten hysterische Mobs verüben, als ab 1348 die Pest durch Europa zieht und viele Menschen verzweifelt nach einem Sündenbock suchen. Und für die vollständige Vertreibung der Juden aus zwei Königreichen, 1290 aus England, 1492 aus Spanien.

Noch heute wird in der jüdischen Liturgie der Opfer dieser Bluttaten von Speyer, Worms und Mainz gedacht, die in die jüdischen Annalen als „Gezerot Tatnu“ („die Verfolgungen des Jahres 4856“) eingegangen sind. Als die Massaker des Jahres 1096. Kaiser Heinrich IV., der im Jahr nach den Massakern aus Italien nach Deutschland heimreist, gestattet 1197 den zwangsgetauften Aschkenasim von Mainz und Worms immerhin die Rückkehr zum Glauben ihrer Väter. Und auch an anderen Orten – etwa in Regensburg – dürfen getaufte Juden unter dem Schutz des Kaisers nun wieder Gott den Herrn ehren. Auf ihre Weise.

 

 

 

 

 

 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Herzig, Arno: 10. bis 14. Jahrhundert: bedrohte Blütezeit, in: Jüdisches Leben in Deutschland (Informationen zur politischen Bildung Nr. 307), Bonn 2012, online verfügbar unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/juedisches-leben-in-deutschland-304/, zuletzt geprüft am 16.05.2026.

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Sekundärliteratur

-> Saller, Walter: Juden im Mittelalter. Taufe oder Tod, in: Die Geschichte des Judentums (GEO Epoche Jg. 2005, Heft Nr. 20), Hamburg 2005.

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