Skip to main content

Ritterorden

Inhaltsverzeichnis

  1. Deutscher Orden: Politische Geschichte (Mittelalter)
  2. Ritterorden
  3. Deutscher Orden. Im Reich der Ordensritter. 

1. Deutscher Orden: Politische Geschichte (Mittelalter)

von Dieter J. Weiß

Seit 1190 im Heiligen Land entstandener Ritterorden, der den Schwerpunkt seiner Tätigkeit ab dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts über Siebenbürgen nach Preußen und ins Baltikum verlagerte. Dort baute er einen eigenen Staat unter der Leitung des Hochmeisters auf. Der Deutsche Orden verfügte im römisch-deutschen Reich, wo er dem Deutschmeister unterstand, über eine breite Besitzbasis und spielte auch in der Reichspolitik eine bedeutende Rolle. Ein besonderes Zentrum des Ordens bildete Franken, wo sich die territoriale Machtbasis des 1494 in den Reichsfürstenstand erhobenen Deutschmeisters konzentrierte. 1525 verlor der Deutsche Orden nicht nur Preußen, sondern war in Franken massiv vom Bauernkrieg betroffen, bei dem auch die Residenz des Deutschmeisters Horneck zerstört wurde.

Die Gründung

Im Verlauf des dritten Kreuzzuges richteten 1190 Kaufleute aus Bremen und Lübeck vor Akkon ein Feldspital ein, aus dem der Deutsche Orden hervorging. Die Brüder mit Mönchsgelübden widmeten sich der Betreuung erkrankter Pilger und verwundeter Kreuzfahrer. 1199 verlieh Papst Innozenz III. (reg. 1198-1216) dem Orden die Johanniterregel für die Kleriker. Für die Ritter und Brüder, die ihre Aufgabe im Kampf gegen die Feinde des Glaubens sahen, bestimmte er die Templerregel.

Noch vor dem Verlust der christlichen Bastionen im Heiligen Land übernahm der Deutsche Orden nicht nur Stützpunkte zur Rekrutierung von Geld und Mannschaften, sondern auch neue Aufgaben fern des Heiligen Landes. Dabei konnte er sich der Unterstützung Kaiser Friedrichs II. (reg. 1212-1250) und der ihm besonders verbundenen Dynasten- und Ministerialengeschlechter erfreuen. Der Gesamtorden stand unter der Leitung des Hochmeisters, der bis 1291 im Heiligen Land, kurzfristig in Venedig und ab 1309 (bis 1457) auf der Marienburg (heute Polen) residierte. Dort baute er den Staat des Deutschen Ordens, ein wirtschaftlich starkes und wohlorganisiertes Staatswesen, in Preußen aus.

Der Deutsche Orden im Reich während des 13. Jahrhunderts

Territorien und Besitz im römisch-deutschen Reich waren aus einer Vielzahl von Schenkungen der staufischen Herrscher, des Adels und der Reichsministerialität durch die Übertragung geistlicher Institute sowie durch Zukäufe erwachsen. Sie stellten sich entsprechend disparat dar. Die Stifter sprach die Verbindung des ritterlichen Elements mit dem Gedanken christlicher Nächstenliebe besonders an. Die meisten Gründungen erfolgten auf altem Reichsgut in königsnahen Landschaften. Das Stiftungsgut konnte aus Spitälern, Pfarreien, aufgelassenen Klöstern, Reichsgut, adeligen Lehen und Allodien bestehen.

Der Zweig des Deutschen Ordens im römisch-deutschen Reich stand unter der Leitung des erstmals 1235 genannten Deutschmeisters. 13 Balleien (Ordensprovinzen) entstanden im Laufe des 13. Jahrhunderts: Thüringen, Sachsen, Lothringen, Marburg, Westfalen, Utrecht, Biesen und Franken; die Balleien Koblenz, Böhmen, Österreich, Bozen (Land an der Etsch und im Gebirg) und Elsaß-Burgund entwickelten sich zu Kammerballeien des Hochmeisters.

Verbindung zu Kaiser Ludwig dem Bayern

Auf die Aufbauphase des 13. Jahrhunderts folgte eine Zeit der Konsolidierung, der Sicherung des Besitzes, der gezielten Gütererweiterung und der Versuche, Herrschaftsrechte zu erwerben. Der fränkische Landkomtur (Leiter einer Ballei) und spätere Deutschmeister Konrad von Gundelfingen (reg. 1311-1324; 1324-1328/29) führte den Orden in enge Gefolgschaft des Herrschers. Begleitete er schon Heinrich VII. (reg. 1308-1313) auf dessen Romzug, so wurde er unter Ludwig dem Bayern (reg. 1314-1347) zu einem einflussreichen Ratgeber des Königs. Er unterstützte dessen Politik auch noch, als sie zur schroffen Frontstellung der Kurie geführt hatte. Auch Deutschmeister Wolfram von Nellenburg (reg. 1331-1361) ist im Rat Kaiser Ludwigs nachweisbar. Der Komtur von Donauwörth und Ulm Heinrich von Zipplingen (reg. 1329-1346) engagierte sich ebenfalls im Reichsdienst und vertrat den König auf mehreren Auslandsgesandtschaften.

Dem Einfluss dieser Ordensritter sind der Ausbau Mergentheims und (Wolframs-)Eschenbachs zu Ordensstädten sowie die Begabung Ellingens und Virnsbergs mit dem Hochgericht zu verdanken. Die Kumulation von Stadt-, Markt- und Gerichtsrechten legte die Basis für die Territorialisierung des Ordensbesitzes in Franken.

Die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts

Auch wenn der Orden im Reich die Politik Ludwigs des Bayern unterstützt hatte, fand er nach dessen Tode sofort Zugang zu Karl IV. (reg. 1346-1378). Noch im November 1347 erreichten Wolfram von Nellenburg und der fränkische Landkomtur Burggraf Berthold von Nürnberg(reg. 1345-1349; 1351-1365 Bischof von Eichstätt) die Bestätigung der Ordensprivilegien.

In der Mitte des 14. Jahrhunderts traten auch im Deutschen Orden krisenhafte Symptome auf. Nur undeutlich zeigt dies der Versuch des ehemaligen Ellinger und nunmehrigen Aichacher Komturs Albrecht von Paulsdorf (1350/51), im Jahr 1351 die Häuser der wittelsbachischen Herzogtümer in einer eigenständigen Ballei Bayern zu organisieren. In der anschließenden Konsolidierungsphase wurde der Mergentheimer Komtur Philipp von Bickenbach (reg. 1352-1357), der Karl IV. auf dessen Romzug begleitet hatte, zur führenden Persönlichkeit in der Ballei Franken, ab 1358 als Landkomtur und von 1361 bis 1375 als Deutschmeister. Dabei stützte er sich besonders auf Mergentheim, das sich zum Zentrum des Einflussbereichs des Deutschmeisters entwickelte.

Belastungen brachte der aus vielen Einzelaktionen bestehende Städtekrieg. In Mergentheim musste der Orden 1380 seine Position als Stadtherr gegen die aufbegehrende Bürgerschaft verteidigen. Die Reichsstädte Nördlingen und Windsheim gingen mit Gewalt gegen Ordensbesitzungen vor, Rothenburger Bürger zerstörten die Burg Archshofen. Die daraus resultierenden finanziellen Belastungen konnten 1388 nur durch einen Kredit des Hochmeisters, dem dafür durch den Deutschmeister die Ballei Elsaß-Burgund verpfändet wurde, aufgefangen werden. Die Regierungszeit König Wenzels (reg. 1376-1400, gest. 1419) bedeutete eine Phase der Stagnation, geprägt vom raschen Wechsel der Deutschmeister und Landkomture.

Das Verhältnis zwischen Hochmeister, Deutschmeister und Ballei Franken

Der Ellinger Komtur und Landkomtur Konrad von Egloffstein (reg. 1392-1396, gest. 1416) wurde von 1396 bis 1416 Deutschmeister und Vertrauter König Ruprechts von der Pfalz (reg. 1400-1410). Während sich die Deutschmeister auf Franken als ihre reale Machtgrundlage zurückzogen, gewannen die Belange des Gesamtordens an Bedeutung für diese Ballei. Da die Ordensoberen an die Territorialisierung ihrer jeweiligen Besitzungen gingen, führte dies angesichts der Auflösung der ursprünglichen Ordensidee zu Konflikten.

Die Niederlage des Ordensaufgebots 1410 bei Tannenberg (heute Stębark in Masuren, Polen) gegenüber der polnisch-litauischen Übermacht bedeutete eine Zäsur, auch wenn im Ersten Frieden von Thorn (1411) der Besitzstand des Ordens gewahrt werden konnte. Der Hochmeister forderte Hilfe für sein bedrohtes Staatswesen vom Orden im Reich. Trotz anfänglichen Widerstands finanzierte die Ballei Franken 1419 neuerliche Kriegsvorbereitungen gegen Polen mit über 4.000 Gulden, die das Haus Nürnberg für den Verkauf seiner Rechte innerhalb der Stadtmauern erhalten hatte.

Unter Hochmeister Paul von Rusdorf (reg. 1422-1441) verschärfte sich der Konflikt mit dem deutschen Zweig, der sich nur gegen Erstattung seiner Unkosten zur Besiegelung des Friedens vom Melno-See (1422) mit Polen bereit fand. 1437 brachte Deutschmeister Eberhard von Seinsheim (reg. 1420-1443) angeblich vom Hochmeister Werner von Orseln (reg. 1324-1330) erlassene Statuten ins Spiel, die dem Deutschmeister ein Aufsichtsrecht über den Hochmeister zubilligten. Hochmeister Konrad von Erlichshausen (reg. 1441-1449) erkannte zwar die umstrittenen Gesetze an, verhinderte aber ihre Aufnahme in die reformierten Statuten. Diese Auseinandersetzung bedeutete einen weiteren Schritt der Entfremdung zwischen dem Hochmeister, den man im Reich nur noch als Repräsentanten des Staates Preußen sah, und dem deutschen Ordenszweig.

Die fränkischen Komture dominierten auf Grund ihrer Wirtschaftskraft den Ordenszweig im Reich und die Wahl der Deutschmeister. Das Mergentheimer Kapitel von 1444 band den Deutschmeister verfassungsmäßig an die aus dem Landkomtur und den Komturen der Ballei Franken gebildete Korporation der Ratsgebietiger (Beratungsgremium der genannten Komture). Der Deutschmeister hatte sich damit auf seine reale Machtgrundlage zurückgezogen.

Mit dem Ausbruch des Dreizehnjährigen Krieges (1454-1466) zwischen dem Orden in Preußen und Polen mit dem preußischen Bund wurde die Ballei Franken herangezogen, um die Politik des Hochmeisters zu unterstützen. Ordensritter leisteten Heerfolge; die Kommenden Archshofen und Obermässing wurden verkauft, um die Schulden zu vermindern. Im Zweiten Frieden von Thorn (1466) musste der Hochmeister den König von Polen als sein Oberhaupt anerkennen.

Reformanstrengungen

In der Mitte des 15. Jahrhunderts erlebte der Deutsche Orden Reformbestrebungen, die auf den wirtschaftlichen Aspekt konzentriert blieben. Mit der Christianisierung Litauens und damit dem Ende des Heidenkampfes am Ende des 14. Jahrhunderts und dem Zurücktreten des Spitalwesens hatte er sich von seiner ursprünglichen Bestimmung entfernt. Seine geistliche Dimension beschränkte sich weitgehend auf die Betreuung von Pfarreien durch den Priesterzweig des Ordens. Der Orden im Reich machte als "Spital des deutschen Adels" den Versorgungsgedanken zu seiner Existenzrechtfertigung.

Im Auftrag des Hochmeisters wurde 1451/1452 in den Balleien des deutschen Gebiets eine Visitation durchgeführt. Die Visitatoren sollten die Einhaltung der Ordensregel und die Abhaltung der Gottesdienste überprüfen. Erhalten ist nur eine Namensliste der Ritter- und Priesterbrüder.

Der Prager Friede von 1463, der den Fürstenkrieg beendete, ermöglichte eine ungestörte Entwicklung der Deutschen Häuser in Franken. Unter Landkomtur Melchior von Neuneck (reg. 1463-1491) nahmen Ellingen und Nürnberg großen Aufschwung. Der Besitz des Ordensamtes Nördlingen im Ries konnte durch Ankäufe erweitert werden. Dahinter stand das Bemühen, den Kernbesitz zu arrondieren. Im Jahr 1494 belehnte König Maximilian I. (reg. 1486/93-1519) den Deutschmeister mit den Reichsregalien und erkannte ihn als Reichsfürstan.

Existenzkrise 1525: Der Verlust Preußens und der Bauernkrieg

1510 wurde Markgraf Albrecht von Brandenburg (reg. 1510-1525, Herzog von Preußen 1525-1568), Sohn des Markgrafen Friedrich IV. von Ansbach-Kulmbach (reg. 1486-1515, gest. 1536), zum Hochmeister berufen. Der Krieg von 1519 bis 1521 gegen Polen brachte für den Orden zusätzliche Belastungen. Die Situation wurde verschärft durch die Reformation und das Sendschreiben Martin Luthers (1483-1546) von 1523 "An die Herrn deutschs Ordens, daß sie falsche Keuscheit meiden, und zur rechten ehelichen Keuscheit greifen". Darin forderte er sie zum Bruch der Ordensgelübde und zur Eheschließung auf. Für ihren Unterhalt schlug er vor, den Ordensbesitz zu säkularisieren.

Zum Jahresende 1524 erkannte Hochmeister Albrecht die reichsrechtlich seit 1494 fundierte Selbständigkeit des Deutschmeisters an. Schließlich glaubte Albrecht von Brandenburg, seine Stellung als Landesherr nur durch den Bruch der Ordensgelübde und die Übertragung Preußens als Lehen an die Krone Polens retten zu können. Am 8. April 1525 verließ er den Orden, unterschrieb den Friedensvertrag mit König Sigismund von Polen (reg. 1506-1548) und ließ sich mit dem nunmehrigen Herzogtum Preußen belehnen. Der im Reich wie in Livland (bis 1561) fortbestehende Deutsche Orden erkannte diesen Akt nie an. In dieser Frage verlor er den Sinn für die politischen Realitäten, die markiert wurden durch die Einwurzelung des Protestantismus in Preußen, den Willen der Stände und die schwache Position des Kaisers. Noch gegen die preußische Königskrönung 1701 legte der Deutsche Orden Protest ein.

Auch der Bauernkrieg brach in diesem Schicksalsjahr 1525 aus. Die Aufständischen überrannten den Ordensbesitz an Tauber und Neckar. Die Residenz des Deutschmeisters, Horneck, und dessen Archiv gingen in Flammen auf. Die Landkommende Ellingen konnte dank der Besatzung des Ansbacher Schirmherren gehalten werden; die Ordenshäuser in den Reichsstädten mussten meist deren Bürgerrecht annehmen. Schließlich unterdrückte der Schwäbische Bund den Bauernaufstand.

Die Sicherung des Fortbestandes

Der Orden war als geistliche Korporation wie als feudale Institution von den Sprengkräften der Reformation, der Territorialisierungspolitik der Reichsfürsten und dem Bauernaufstand besonderen Gefahren ausgesetzt. Der Verlust Preußens raubte ihm einen wesentlichen Teil seiner Existenzberechtigung. Die Leitung des Gesamtordens übernahm 1527 der Deutschmeister als Administrator des Hochmeisters, der seine Residenz von der Horneck nach Mergentheim verlegte. Der Orden konnte seine Position nur durch enge Anlehnung an den Kaiser behaupten. Die Ritter hielten am Fortbestand des Ordens als adelig-ständischer Korporation fest.

Archivsituation und Forschungsstand

Die Archivalien sind zwischen dem Deutschordenszentralarchiv Wien (Zentralüberlieferung) und den Nachfolgestaaten, dem Staatsarchiv Ludwigsburg für Württemberg und dem Staatsarchiv Nürnberg für Bayern aufgeteilt. Während für die Ordensgeschichte des Mittelalters in Preußen wie in der Ballei Franken neuere Darstellungen vorliegen, bilden das Amt des Deutschmeisters und die Entwicklung der einzelnen Kommenden wie Nürnberg oder Ellingen Forschungsdesiderate.

2. Ritterorden
Wappen des Deutschordens-Hochmeisters Wolfgang Schutzbar gen. Milchling (gest. 1566). Das Hochmeisterkreuz (Lilienkreuz), als Herzschild der Reichsadler, bildet vier Felder, die das Deutschordenskreuz, zweimal das Wappen der Schutzbar und eine Prälatenmütze enthalten. (BSB Cod.Icon. 308, fol. 57)
Wappen des Johanniterordens. Die Bezeichnung "Rhodensis" nimmt auf den Sitz des Ordensgroßmeisters auf Rhodos (bis 1522) Bezug. (BSB Cod.Icon. 269, fol 1).
Auch Wittelsbacher waren Mitglieder des Ordens vom Goldenen Vlies. Das Blatt (ca. 1530) zeigt das Wappen der Wittelsbacher umgeben von einer Collane des Ordens. Konkret geht es um Kurfürst Friedrich II. von der Pfalz (reg. 1544-1556), der 1515 Ordensmitglied wurde. (BSB Cod.Icon. 391 fol. 68 r)
Titelblatt aus dem Bruderschaftsbuch des Hubertusordens, angelegt um 1500. (BSB Cod.Icon. 318, VS)
Prinz Carl von Bayern (1795-1875) als Großprior des St. Georg-Ritterordens, zusammen mit einem Kandidaten und einem Ritter. (BSB Porträt- und Ansichtensammlung)
Ritter vom Hl. Grab bei der Beerdigung des Münchner Erzbischofs Joseph Kardinal Wendel (1901-1960). In der Mitte der ersten Reihe Alois Hundhammer (1900-1974). (BSB Fotoarchiv Fruhstorfer)

von Dieter J. Weiß

Ritterorden, deren Ideal der "monachus et miles" (Mönch und Ritter) war, entstanden erstmals im Hochmittelalter im Rahmen der Kreuzzüge im Heiligen Land, auf der Iberischen Halbinsel und im Baltikum (u. a. Templer, Johanniterorden, Deutscher Orden). Die Orden errichteten bald auch Stützpunkte in den Herkunftsländern der Kreuzfahrer und schufen sich so eine Basis für die Zeit, als ihr ursprüngliches Ziel, der Kampf gegen die Heiden, zunehmend zurücktrat und sie zu Versorgungseinrichtungen für den Adel wurden. Gleichwohl blieb das Ideal lebendig und inspirierte immer wieder dazu, Orden neu zu gründen. So entstanden im Spätmittelalter auf fürstliche Initiative hin höfische Ritterorden, die mit Dynastien verbunden waren und einen Kern des sich entwickelnden Hofadels bildeten (z. B. Orden vom Goldenen Vlies in Burgund, Schwanenorden der Hohenzollern). Auch im 18. und 19. Jahrhundert wurden Ritterorden gegründet oder wieder belebt, wie die bayerischen Hausritterorden St. Georg und St. Hubertus oder der Ritterorden vom Hl. Grab. Die alten Orden überstanden sowohl die Reformation als auch die Säkularisation. Während sie in der Frühen Neuzeit teilweise noch im Kampf gegen die Türken die alten Aufgaben wahrnahmen, entwickelten sie sich im 19. und 20. Jahrhundert zu Trägern sozialer Einrichtungen.

Die Entstehung

Die Kreuzzüge, die nach dem Aufruf Papst Urbans II. (reg. 1088-1099) im Jahr 1095 zur Befreiung des Heiligen Grabes in Jerusalem geführt wurden, gehören zu den innovativen Ereignissen der abendländischen Geschichte. In ihrem Zuge kam es mit der Entstehung der Ritterorden zu einer Umprägung des klassischen, von Askese und Kontemplation bestimmten Mönchsideals. Romanische Ritter scharten sich 1119 zur Regierungszeit König Balduins II. von Jerusalem (reg. 1118-1131) um Hugo von Payns (gest. 1137/38) zu gemeinsamem Leben nach Art der Regularkleriker. Gleichzeitig widmeten sie sich dem bewaffneten Schutz der Jerusalempilger. Den Namen Templer empfingen sie vom sog. Tempel Salomons ("templum Salomonis") in Jerusalem. Die Verbindung von geistlichem Leben nach den evangelischen Räten und Kampf sprengte die mittelalterliche Ständeordnung. Der hl. Bernhard von Clairvaux (gest. 1153) errang für sie mit seiner Rechtfertigungsschrift "De laude novae militiae" (1128) allgemeine Anerkennung und entwickelte das Ideal vom "monachus et miles" (Mönch und Ritter). Damit war das Fundament eines Ritterordens entstanden.

Als der Gemeinschaft, welche das Spital des Heiligen Johannes von Jerusalem betreute, herrschaftliche Rechte und militärische Aufgaben zugewachsen waren, bildete sich ab etwa 1113 mit den Johannitern ein weiterer Ritterorden. Auch der Dritte der großen Ritterorden entstand im caritativen Bereich. Aus einem Feldspital vor Akkon ging 1190 der Deutsche Orden hervor. 1199 verlieh ihm Papst Innozenz III. (reg. 1198-1216) die Johanniterregel für die Kleriker; für die Ritter und Brüder, die ihre Aufgabe im Kampf gegen die Feinde des Glaubens sahen, bestimmte er die Templerregel.

Neben Aufgaben im sozialen Bereich beteiligten sich die Mitglieder der Ritterorden bald an Kämpfen und bauten umfangreiche weltliche Herrschaften im Heiligen Land auf. Päpstliche Privilegien sicherten ihren Status als Orden. Noch zu Zeiten der Kreuzzüge übernahmen sie aber in Europa nicht nur Stützpunkte zur Rekrutierung von Geld und Mannschaften, sondern auch neue Aufgaben. Besonders heimgekehrte Kreuzfahrer stifteten reiche Besitzungen. Entscheidend dafür dürfte der Wunsch gewesen sein, von den umfangreichen geistlichen Privilegien der Ritterorden, Ablässen und der Erlaubnis der Sakramentenspendung bei allgemeinem Interdikt profitieren zu können.

Die Ritterorden im Abendland

Ritterorden hatten sich ebenfalls auf der Iberischen Halbinsel gebildet, wo sie sich bei der Rückdrängung der moslemischen Herrschaft (Reconquista) engagierten: Calatrava (1157/87), Évora (Avis) (1166/76), Santiago (1170), Alcántara (1176). In Portugal übernahm der 1319 päpstlich bestätigte Christusorden die Nachfolge der Templer, in Aragón der Orden von Montesa.

Mit dem Ende der christlichen Herrschaft im Heiligen Land (1291) verloren die Ritterorden einen wesentlichen Teil ihrer ursprünglichen Aufgabenstellung. Der Reichtum des Templerordens weckte die Begehrlichkeit König Philipps IV. von Frankreich (reg. 1285-1314) und führte zur Auflösung des Ordens durch Papst Clemens V. (reg. 1305-1314) am 3. April 1312.

Der Johanniterorden kämpfte von seinem neuen Sitz auf Rhodos (1309-1522) aus noch an der Türkenfront, doch gelang es ihm im ausgehenden Mittelalter zumindest im römisch-deutschen Reich nicht mehr, daraus ausreichende Unterstützung für seine Niederlassungen zu ziehen. Der Deutsche Orden hatte seinen Sitz 1208 nach Preußen verlegt, doch verlor er nach der Christianisierung der benachbarten Völker im 14. Jahrhundert seine Aufgabenstellung im Heidenkampf. In ihm gingen der Schwertbrüderorden (1202) und der Orden von Dobrin (1228) auf.

Wirtschaftlicher Verfall und weitgehender Rückzug aus dem Spitalwesen waren Johannitern und Deutschem Orden seit dem 14. Jahrhundert gemeinsam - ebenso wie das Bemühen, durch meist zaghafte Reformversuche dagegen anzugehen. Die Ritterorden entwickelten sich zum "Spital des Adels", wie der Blick auf die Mitgliederstruktur verdeutlicht: Die führenden Ordensmitglieder rekrutierten sich aus Adelsfamilien. Die Ritterorden boten ihnen eine Möglichkeit standesgemäßen Lebens im geistlichen Gewande. Es gab unterschiedliche Arten der Mitgliedschaft: Ritterbrüder, dienende Brüder, Priester und Schwestern. Für das 13. und 14. Jahrhundert scheint nur die Fähigkeit zu ritterlicher Lebensführung für die volle Mitgliedschaft erforderlich gewesen zu sein. Erst im Laufe des 15. Jahrhunderts verdichtete sich die ständische Abschließung. Das Spätmittelalter bedeutete für die verbliebenen Ritterorden eine Zeit der Besitzstandwahrung, des Zurücktretens des Spitalwesens und einer Betonung des Versorgungsgedankens für den Adel.

Deutscher Orden und Johanniter im heutigen Bayern

Die größte Dynamik in Franken, Schwaben und Bayern entfaltete der Deutsche Orden. Obwohl er erst nach den Templern und Johannitern Besitzungen im römisch-deutschen Reich erhalten hatte, überflügelte er diese bald. Auffällig ist dies in den Städten, wo Johanniter und Deutscher Orden über Niederlassungen verfügten, wie in Regensburg, Würzburg, Mergentheim und Rothenburg.

Deutscher Orden und Johanniter hatten ihre Besitzschwerpunkte in der alten terra imperii (Reichsland) am Main und seinen Zuflüssen, wo die Hochstifte und die Reichsministerialität Macht und Einfluss hatten behaupten können. Dagegen konnten die Ritterorden in den weltlichen Fürstentümern wie im Herzogtum Bayern kaum Fuß fassen.

Strukturelle Gründe für die höhere Attraktivität des Deutschen Ordens lassen sich nicht nachweisen. So verfügten die Johanniter durch Schenkung Alberts von Hohenlohe in Mergentheim seit 1208 über die Pfarrei und wurden trotzdem vom Deutschen Orden überflügelt. Auch in Rothenburg übertraf der Deutsche Orden als Inhaber der Pfarrei die über ein halbes Jahrhundert ältere Johanniterkommende an Bedeutung. Mit dem Eintritt mehrerer Angehöriger des Hauses Hohenlohe in den Deutschen Orden 1219 wandte sich die Unterstützung dieses Geschlechtes ganz dem Deutschen Orden zu. Sicher war es die Förderung, die dieser Orden durch Kaiser Friedrich II. (reg. 1212-1250) erfuhr, eventuell auch das deutsche Übergewicht (anders als bei den Templern und Johannitern), die ihn attraktiver als seine älteren Konkurrenten erscheinen ließ. Seine führenden Mitglieder blieben bis ins 15. Jahrhundert in steter Nähe zum Kaiser. Nur dem Deutschen Orden gelang es, in Franken die Reichsunmittelbarkeit durchzusetzen und im Spätmittelalter die Reichsfürstenwürde zu erwerben.

Die Spiritualität

Aussagen über die besondere Spiritualität der Ritterorden sind schwer zu treffen. Das Frömmigkeitsleben vollzog sich im Rahmen des in der Zeit Üblichen, war geprägt vom Bemühen um das Heil der eigenen Seele, wie es sich besonders in der Teilnahme am hl. Messopfer, in der Stiftung von Seelenmessen und im Erwerb von an das Bußsakrament gebundenen Ablässen manifestierte. Die Jungfrau und Gottesmutter Maria ist die Schutzpatronin des Deutschen Ordens, Ordenskirchen und Kapellen waren der Himmelskönigin geweiht. Zweite Ordenspatronin ist die hl. Elisabeth von Thüringen (1207-1231), die sich bei der Pflege der Armen und Kranken in dem bei ihrem Marburger Witwensitz errichteten Spital aufgezehrt hatte. Wenige Jahre nach ihrem Tode übernahm der Deutsche Orden mit diesem Spital die Pflege ihrer Grabstätte und erreichte 1235 ihre Heiligsprechung. Ihre hochadelige Geburt qualifizierte sie zur Standesheiligen, ihr Wirken zum Vorbild für tätige Nächstenliebe. Außerdem begegnen in Franken Ritterheilige wie St. Georg und St. Pankratius als Patrone von Kirchen des Deutschen Ordens, die gemeinsam mit der Gottesmutter Maria und Elisabeth die in den Ordensregeln festgelegte Verbindung von ritterlichem und geistlichem Leben widerspiegeln.

Patron der Johanniter ist Johannes der Täufer, dem die meisten Ordenskirchen geweiht waren. Übernahm der Orden eine bestehende Kirche mit einem älteren Patrozinium wie in Würzburg die St. Oswalds-Kapelle, so wurde dieses bei einem Neubau durch St. Johannes verdrängt. In Altmühlmünster (Lkr. Kelheim) blieb St. Achatius zwar Patron der vom Orden übernommenen älteren Pfarrkirche, der Hauptaltar wurde aber dem hl. Johannes geweiht. Laien konnten sich in Form von Bruderschaften an die Orden anschließen.

Fürstliche Neugründungen im Spätmittelalter

Während die klassischen Ritterorden mit der Verschiebung ihrer ursprünglichen Aufgabenstellung einen Bedeutungsverlust erlitten, entstand neues adeliges Gesellschaftsleben nach ihrem Vorbild. Eine Übergangsform bildete das kurzlebige Kollegium von zwölf Rittern mit Ehefrauen unter einem Meister, das Kaiser Ludwig der Bayer (reg. 1314-1347) 1332 neben einem Konvent von 20 Benediktinermönchenan der von ihm gestifteten Abtei Ettal (Lkr. Garmisch-Partenkirchen) einrichtete.

Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts riefen Fürsten eigene Orden ins Leben, um das Ansehen ihrer Dynastien zu erhöhen und den Adel ihrer Territorien an sich zu binden, aber auch aus Kreuzzugsbegeisterung. Dazu gehören der englische Hosenbandorden (1348) und der savoyische Annunziatenorden (1355). Wichtig wurde auch der 1431 durch Herzog Philipp den Guten von Burgund (reg. 1419-1467) gestiftete Orden vom Goldenen Vlies. Diese Orden hatten allerdings keine kämpferische Aufgabe mehr, sondern waren Ausdruck romantischer Rittersehnsucht, fürstlicher Reputation und zugleich ein Bildungsinstrument für den Adel. Die Ordensritter unterliegen weder dem Zölibat noch führen sie ein Gemeinschaftsleben.

Das bekannteste Beispiel aus Franken bildet der erst im 19. Jahrhundert so bezeichnete Schwanenorden, dessen Name vom Kleinod der Ordenskette herrührt. Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg (reg. 1440-1470) stiftete 1440 die "Gesellschaft Unserer Lieben Frau" in der Marienkirche auf dem Harlunger Berg (bei Brandenburg). Markgraf Albrecht Achilles (reg. 1437-1486, Kurfürst 1470) richtete 1459 eine oberdeutsche Zunge des Schwanenordens mit Sitz in der Georgs-Kapelle bei St. Gumbertus in Ansbach ein. Wie in anderen europäischen Staaten sollte sich der Ritterorden zum Kern des in Entstehung begriffenen Hofadels entwickeln.

Die geistlichen Ritterorden in der Neuzeit

Die Reformation traf die geistlichen Ritterorden in mehrfacher Hinsicht. Gegen Säkularisationsbestrebungen protestantischer Landesfürsten und Reichsstädte bot besonders dem Deutschen Orden seine reichsrechtliche Stellung einen Rückhalt. Hier hielt das ritterliche Element am Fortbestand des Ordens als adelig-ständische Korporation fest und stützte sich dabei auf die Nähe zum Kaiser. Nach Übergangsformen verblieben innerhalb des Deutschen Ordens die evangelisch-lutherischen Balleien Sachsen und Thüringen sowie die trikonfessionelle (ab 1680/81) Ballei Hessen. Die calvinistische Ballei Utrecht löste sich 1637 aus dem Gesamtverband. Die Ballei Brandenburg des Johanniterordens ging ab 1538 zum Protestantismus über, blieb aber in lockerer Form Bestandteil des Gesamtordens. Trotzdem gingen bei den Ritterorden durch Säkularisationen zahlreiche Besitzungen verloren.

Der Priesterzweig des Deutschen Ordens starb während des 16. Jahrhunderts fast völlig aus; ähnlich verlief die Entwicklung bei den Johannitern. Für ausreichenden Priesternachwuchs im Deutschen Orden sorgte erst 1606/07 die Errichtung des Priesterseminars in Mergentheim durch Hochmeister Erzherzog Maximilian von Österreich (reg. 1590/95-1618). Für das ritterliche Ordenselement bot sich eine neue Aufgabe im Türkenkampf. Seit 1696 unterhielt der Deutsche Orden ein eigenes Regiment, dessen Offiziersstellen meist von Ordensangehörigen versehen wurden. Für den katholisch gebliebenen Johanniterorden bürgerte sich seit der Verlegung seines Hauptsitzes nach Malta 1530 die Bezeichnung Malteser ein. Der Orden engagierte sich von hier im Seekrieg gegen die Osmanen, wobei sich auch deutsche Ordensritter beteiligten. Kurfürst Karl Theodor von Bayern (reg. 1778-1799) gründete zur Versorgung seines natürlichen Sohnes Karl August Graf zu Bretzenheim (1768-1823) eine bayerische Zunge (Ordensprovinz) des Malteserordens, die 1808 säkularisiert wurde.

Trotz aller Verfallserscheinungen im ausgehenden Mittelalter und in der Reformationszeit erwiesen sich die Strukturen der Ritterorden als tragfähig genug, um als geistliche wie weltliche Korporationen auch in der Neuzeit bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches zu bestehen.

Königliche Hausritterorden in Bayern

Auf Bitten Kurfürst Karl Albrechts von Bayern (reg. 1726-1745, Kaiser 1742-1745) bestätigte Papst Benedikt XIII. (reg. 1724-1730) 1728 den Ritterorden vom Hl. Georg und verlieh ihm alle Privilegien des Deutschen Ordens. Die Stiftung erfolgte am 28. März 1729; die Ritter mussten sich in ihrem Gelöbnis zur Verteidigung der Unbefleckten Empfängnis Mariens verpflichten. König Ludwig II. (reg. 1864-1886) erneuerte die Statuten und betonte die karitative Aufgabenstellung. Der Orden dient neben seiner geistlichen Zielsetzung auch nach der Revolution von 1918 der Bindung des bayerischen Adels an das Königliche Haus, dessen Chef als Großmeister fungiert. Prinzen des Königlichen Hauses werden im Rang von Großprioren aufgenommen.

Mit dem Regierungsantritt Kurfürst Karl Theodors von der Pfalz (reg. 1777-1799) in München gelangte der Ritterorden vom Hl. Hubertusnach Bayern. Dieser 1444 von Herzog Gerhard von Jülich-Berg (reg. 1437-1475) gestiftete und verschiedentlich erneuerte Orden bildete nach einer Verordnung vom 18. Mai 1808 den höchsten des Königreiches Bayern. Der Hubertus-Orden wird bis heute durch den Chef des Königlichen Hauses an Angehörige des Hochadels verliehen.

Ritterorden in der Gegenwart

Der im Kaiserreich Österreich fortbestehende Deutsche Orden wurde unter der Bezeichnung Deutscher Ritterorden 1839 grundlegend reformiert. Ein Priesterzweig wurde eingerichtet und ein Schwesterninstitut geschaffen. Der letzte habsburgische Hochmeister Erzherzog Eugen von Österreich (reg. 1894-1923, gest. 1955) resignierte 1923 zugunsten eines priesterlichen Nachfolgers, der ab 1929 einem Priesterorden vorstand. Heute blüht der Deutsche Orden in einem Priester- und Schwesternzweig; für dem Orden verbundene Laien besteht das Familiareninstitut (in Bayern existieren die Komtureien "An der Donau" und Franken). Das Priorat der Deutschen Brüderprovinz des Deutschen Ordens hat seit 1998 seinen Sitz in Weyarn (Lkr. Miesbach). Der Orden betreut Krankenhäuser und Heime. Der katholische Malteserorden wie der evangelische Johanniterorden unterhalten eigene Hilfsdienste. Das Adelsprinzip gilt weiterhin für den Orden vom Goldenen Vlies (Österreichischer Zweig), die Königlichen Hausritterorden und den Malteserorden, wobei teilweise gestufte Mitgliedschaften existieren.

Einer anderen Tradition ist der Ritterorden vom Heiligen Grab zuzuordnen. Nach dem Zusammenbruch des christlichen Königreichs Jerusalem erbaten adelige Pilger - belegt seit 1332/36 - den Ritterschlag beim Heiligen Grab. Seit dem Ausgang des 15. Jahrhunderts wurde seine Erteilung ein Vorrecht der Franziskaner auf dem Berg Sion. Erst 1868 organisierte Papst Pius IX. (reg. 1846-1878) alle Ritter vom Hl. Grab als päpstlichen Ritterorden (also einem in direkter Beziehung zum Heiligen Stuhl stehenden Orden), der sich besonders der Unterstützung der Christen im Heiligen Land widmet.

3. Deutscher Orden. Im Reich der Ordensritter

Jedes Jahr reisen einige von Europas angesehensten Kämpfern mit ihrem Gefolge in das Gebiet des Deutschen Ordens an der Ostsee. Von dort ziehen die christlichen Ritter gegen die heidnischen Litauer, brandschatzen deren Dörfer, töten Männer, Frauen und Kinder. Im Jahr 1368 macht sich Graf Johann von Blois aus Holland auf zur Jagd auf die Ungläubigen

Am 20. November 1368 geht Johann von Blois auf Reisen. Er nimmt mit: einen Bäcker, einen Mundschenk, mehrere Köche, einen Stallmeister, fünf Pagen und einen Arzt; dazu seinen Schatzmeister, einen Priester für regelmäßige Gottesdienste sowie drei Pfeifer, die unterwegs für Musik und Zerstreuung sorgen werden. Gewaltiges Gepäck ist auf zwei Wagen verstaut, die von Johanns holländischem Adelssitz aus über die Landstraßen rumpeln, darunter ein transportables Bett mit wärmender Schafsfelldecke, ein großes Zelt mit Ankleideseparee und ein faltbarer Altar, vom Papst abgesegnet.

An nichts soll es der Reisegesellschaft fehlen. Geplant sind sogar Bankette entlang des Wegs. Die Lastgespanne sind schwer beladen mit Bier, Wein und Met. Und mit Waffen. Johann ist zu Pferde unterwegs, wie es einem adeligen Ritter geziemt. Ihn begleiten mehrere Dutzend weiterer Panzerreiter. Vor ihnen liegen mehr als 1000 Kilometer. Es geht ins Baltikum.

Und sie sind nicht die einzigen Ritter, die in diesem Herbst Richtung Ostsee aufbrechen. Aus Holland, Frankreich und England, dem Rheinland, Schottland und Polen streben jedes Jahr zu dieser Zeit Kämpfer in die Gegend zwischen Weichsel und Memel: in das Territorium des Deutschen Ordens. Denn die dort herrschenden Deutschritter laden ihre europäischen Standesgenossen seit 1304 regelmäßig zu Kriegszügen gegen ihre heidnischen Nachbarn ein, die Litauer.

Diese sogenannten Preußenfahrten sind für die Ritter gesellschaftliche Großereignisse: Sie treffen sich in Königsberg zu Banketten, Festen und Gelagen. Feiern ihre Verbundenheit, stählen sich im Kampf mit den Ungläubigen. Viele Knappen erwerben den Ritterschlag. Der 25-jährige Johann von Blois entstammt einer französisch-niederländischen Adelsfamilie und gebietet über die von der Mutter geerbten Besitzungen in Holland und Seeland. Dies ist seine zweite Preußenfahrt.

Nach der Abreise aus Gouda Ende November reitet er über Aachen, Köln und Lübeck nach Königsberg, eine beliebte Route unter Preußenfahrern. Gut 60 Tage benötigt er für die knapp 1500 Kilometer; immer wieder halten Schnee, Eis und Unwetter den Tross auf. Die Preußenfahrer lockt die Aussicht auf Ruhm und Ehre. Zudem hat der Papst ihnen den Ablass ihrer Sündenstrafen versprochen, wenn sie gegen die Heiden in den Kampf ziehen. Nichts ist ehrenhafter als der Waffengang gegen ungläubige Krieger. Herolde sind auf diesen Reisen stets dabei und preisen – bei Festen, in Reden und Gedichten – die Heldentaten ihres Brotgebers. Johann von Blois hat gleich zwei mitgenommen.

Am 27. Dezember erreicht Johanns Reisegruppe, die mit unterwegs angeheuerten Kriegern aus dem niederen Adel auf mehr als 100 Reiter angewachsen ist, sicher Danzig, ihre erste Anlaufstation im Land des Deutschen Ordens. Pferde und Menschen müssen erst einmal ruhen, Untergebene kaufen Proviant ein. Johann füllt seine Reisekasse und leiht sich gegen Schuldbriefe Geld. Wie andere Preußenfahrer auch finanziert er den Großteil seiner Ausgaben auf Kredit: bei Kaufleuten oder Städten, bei reichen Fürsten oder direkt beim Deutschen Orden. Später wird er in der Heimat das geliehene Geld samt Vermittlungsgebühren an Vertreter der Gläubiger zurückzahlen.

Lange halten sich die Preußenfahrer nicht auf in Danzig. Das Gesinde zieht von hier aus meist direkt zum Sammelpunkt Königsberg; viele Herren reiten dagegen zunächst mit wenigen Getreuen gen Süden: zur Marienburg. Die Festung, fast vollständig gefügt aus rot schimmernden Backsteinen, ist eine der größten Burgen des Mittelalters. Hier residiert der Hochmeister des Deutschen Ordens. Die Ritterbrüder wählen ihn auf Lebenszeit, er ist geistliches Oberhaupt des Ordens – und zugleich ein weltlicher Herrscher mit eigenem Hofstaat.

1368 hat Winrich von Kniprode das Amt inne. Seit fast 20 Jahren treibt er die Besiedlung des Ordensgebiets mit deutschen Einwanderern voran, lässt neue Dörfer gründen. Und dank erfolgreichen Getreideexports sowie der Monopole auf den Bernstein- und Salzhandel, die die Deutschritter halten, gehört ihr Gemeinwesen zu den wenigen Staaten in Europa, die Überschüsse erwirtschaften.

DIE URSPRÜNGE des Deutschen Ordens liegen an einer ganz anderen, weit entfernten Küste am Rande des Mittelmeeres: im Heiligen Land. Während der Kreuzzüge haben Lübecker und Bremer Kaufleute dort im Jahr 1190 ein Feldlazarett für christliche Kämpfer gegründet. Aus der Laiengemeinschaft, die das Hospital führte, entstand 1199 mit Genehmigung des Papstes ein Ritterorden.

BASTION AUS BACKSTEIN Es gibt in der Region kaum Steinbrüche, aus denen sich Baumaterial gewinnen lässt. Daher nutzen die Architekten gebrannte Ziegel. Die Ordensburgen errichten sie streng und klar: Drei oder vier Burgflügel schützen einen viereckigen Innenhof. Nach außen hin ein geschlossener, mächtiger Block

Fortan nahm die Bruderschaft der Krankenpfleger auch adelige Krieger auf, die Armut, Gehorsam und Keuschheit gelobten – und die Burgen der Europäer gegen die Muslime verteidigten.

Als die Lage im Heiligen Land für die Christen immer schwieriger wurde und viele ihrer Stützpunkte in die Hände muslimischer Truppen fielen, fand der Orden in Europa eine neue Aufgabe. Der Papst und einige Fürsten versprachen den Rittern eigene Territorien an der Ostsee, falls es ihnen gelänge, die dort lebenden heidnischen Prußen zu unterwerfen.

Tatsächlich eroberten die Ordenskrieger dort ab 1230 große Gebiete, gründeten einen Staat und annektierten binnen weniger Jahrzehnte die gesamte Küste von Danzig bis ins heutige Estland. Das neue Gemeinwesen war ein Solitär in Europa, geführt nicht von einem fürstlichen Herrscher, sondern einem Ritterkollektiv, dem ein Hochmeister vorstand. Einige Hundert Ordensleute kontrollierten ihr Territorium mithilfe eines dichten Netzes von weit über 100 Festungen.

Die Verwaltung gehörte zu den modernsten ihrer Zeit. So konnten die Ordensritter dank eines komplexen Postsystems (mit Ein- und Ausgangsvermerk und der Möglichkeit für Eilbriefe) Informationen schnell verbreiten. Das half, Handel und Wirtschaft zu organisieren: Als größter Grundbesitzer der Region führte der Orden bedeutende Agrarbetriebe, verdiente viel Geld durch die Kooperation mit den Kaufleuten der Hanse. Die unterworfenen Einheimischen wurden zwangsgetauft und zur Arbeit herangezogen. Wer sich anpasste, konnte im Staat durchaus Karriere machen.

Um das Jahr 1300 begann der Hochmeister des Ordens, Adelige aus ganz Europa zu Feldzügen gegen die benachbarten heidnischen Litauer einzuladen. Wer sich diesen begrenzten Militäraktionen von wenigen Wochen Dauer anschloss, dem verhieß der Papst den Ablass von Sündenstrafen. Schon bald war die Preußenfahrt ein fester Termin im Kalender vieler europäischer Ritter, die zum Teil sogar aus Spanien anreisten.

AM 31. DEZEMBER 1368 empfängt Winrich von Kniprode, Hochmeister des Ordens, Johann von Blois in der Marienburg. Die beiden tauschen Gefälligkeiten aus. Der Angereiste nimmt drei Verwandte Winrichs als Ritter in seinen Dienst auf. Der Hochmeister verteilt Präsente, wie sie von einem Manne seines Ranges erwartet werden, darunter vier Falken.

Von der Marienburg geht Johanns Reise weiter nach Königsberg. Die Stadt ist ein Schmelztiegel der Völker. Neben einheimischen Prußen (die die Unterschicht bilden) leben hier wohlhabende Kaufleute, etwa aus den deutschen Landen, aber auch Polen und Litauer. In der Königsberger Burg residiert der Oberste Marschall des Ordens. Er koordiniert die alljährlichen Militärexpeditionen und ist einer der wichtigsten Ansprechpartner für die Gäste.

Wahrscheinlich kommen in diesem Herbst rund 200 adelige Ritter in den Ordensstaat; mit den untergebenen Kämpfern sind es insgesamt etwa 700 Kombattanten, eine übliche Teilnehmerzahl. Und eine wesentliche Verstärkung für die Deutschritter. Johann von Blois befehligt als vornehmster Herr der Saison wohl ein Fünftel des Gästekontingents. Sobald sich alle Kämpfer in Königsberg versammelt haben, geben die Ordensoberen in der Regel die Marschbefehle für die diesjährige Expedition bekannt.

Aber in diesem Winter geschieht erst einmal: nichts. Denn die Witterung ist viel zu mild. Da die Sümpfe östlich von Königsberg nicht zugefroren sind oder von Schnee bedeckt, würden die Pferde mitsamt den schwer gerüsteten Kriegern kaum vorankommen. Die Ritter sind zum Ausharren gezwungen. Johann mietet einige Räume im Haus eines reichen Kaufmanns.

In den folgenden Wochen laden sich die Adeligen gegenseitig zu Gastmählern und Festen ein. Sie kennen sich von früher, knüpfen Kontakte, halten sich auf dem neuesten Stand, betreiben Politik. Dabei benehmen sich die Edelleute oft wenig ritterlich: Sie trinken viel Alkohol, würfeln um Geld, tändeln mit Prostituierten. Ein Graf zahlt einem Knecht Geld, damit der sich zur Belustigung anderer hoher Herren wieder und wieder auf den Kopf schlagen lässt.

Auch Johann von Blois genießt das Gesellschaftsleben. Sein mitreisender Buchhalter notiert penibel die Ausgaben für Bankette, Trinkgelder, Souvenirs, Spielschulden. Immer wieder versäumt Johann die tägliche Messe und übergibt seinem Kaplan deshalb insgesamt sechs Gulden für Almosen. Und nicht alle Ritter kommen gut miteinander aus. Politische Ereignisse wie der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich werfen ihre Schatten. So empfängt Johann von Blois Franzosen und Italiener bei Tisch, aber keine Engländer.

Die wiederum reißen im Königsberger Dom einige Wappentafeln nieder, die der aus französischer Familie stammende Johann bei seiner früheren Reise hat aufhängen lassen. Zuweilen muss der Oberste Marschall als Schiedsrichter auftreten – etwa als sich Engländer und Schotten prügeln. Zum „Ehrentisch“ aber kommen alle höhergestellten Ritter einträchtig zusammen. Es ist der gesellschaftliche Gipfel der Königsberger Saison, das letzte und größte Fest vor dem Aufbruch zu den Expeditionen. In diesem Jahr ist Winrich von Kniprode der Gastgeber. Im Speisesaal der Burg bewirtet er alle angereisten Gäste.

ZENTRUM DES ORDENSSTAATES Um 1310 entsteht als Sitz des Hochmeisters der Deutschritter nahe Danzig die Marienburg, eines der mächtigsten Bauwerke des Mittelalters. Fast 40 Jahre dauert der Ausbau zur Residenz, die mit mehreren Burgmauern und einem tiefen Graben geschützt wird

Während des Festmahls preisen Herolde die Taten der Teilnehmer. Am Ehrentisch sitzen die tapfersten der fremden Ritter – wohl eine Anspielung auf die Sage von König Artus und dessen Tafelrunde, die sich die Menschen gern erzählen und der viele Ritter nacheifern. Nach dem Mahl mit Dankgebet tragen Ordensbrüder die Satzung und Geschichte der Ehrentafel vor, dann heftet einer von ihnen den am Tisch sitzenden Rittern eine Devise in goldenen Lettern an die Schulter: „Ehre besiegt alles.“

Der Ehrentisch von Königsberg ist in ganz Europa bekannt und erhöht die Anziehungskraft der Preußenfahrten. Einige Jahre lang scheint er sogar eine Art Rangfolge vorzugeben: Wer am Kopfende des Tisches sitzt – eine nur einmal im Leben gewährte Ehre –, hat die Spitze der internationalen Ritterschaft erklommen. Auch der Königsberger Dom, in dem alle Preußenfahrer ihre Wappen an die Wände malen lassen, wird zu einer Ruhmeshalle des Rittertums.

Der Staat der Deutschritter reicht um 1400 von der Danziger Bucht bis zum Finnischen Meerbusen

LANGE MUSS JOHANN VON BLOIS in Königsberg warten, ehe es schließlich losgeht. In der Regel durchqueren die Ritter zunächst die „Große Wildnis“, das Grenzgebiet zu Litauen im Osten. Gut sieben Tage lang reiten sie durch eine fast menschenleere, morastige Gegend, in der sich selbst Ortskundige gelegentlich verirren. Oft müssen sich die Kämpfer ihre Wege erst mühsam selber bahnen. Die Gegner am anderen Ende dieser Wildnis sind ein ebenbürtiger Feind. Die Litauer ringen im Osten mit dem Großherzogtum Moskau um Einfluss; im Süden erstreckt sich ihre Herrschaft bis nach Kiew.

Die angereisten Ritter erzählen sich grausame Geschichten über ihre Feinde: Gefangene, heißt es, verbrennen die Litauer lebendig, samt Ross und Rüstung. Mit dem Deutschen Orden liegen die Einheimischen seit Jahren in einem unruhigen Patt. Immer wieder kommt es im Grenzgebiet zu gegenseitigen Raubzügen, ist diese Region heftig umkämpft.

Brutal ist die Kriegführung auf beiden Seiten. Denn es geht weniger darum, Gebiete zu erobern, sondern um die Demoralisierung und Schwächung des Gegners: Man verwüstet sein Land, dezimiert die Bevölkerung, raubt seinen Besitz. Und das mit schnellen, überraschenden, überaus harten Attacken. Diese Art des Kampfes hat im Baltikum Tradition, und die christlichen Ritter übernehmen sie mit grausamer Präzision. Ihr Vorgehen nennen sie vastacio, „Verheerung“. Sobald die Preußenfahrer das feindliche Gebiet erreicht haben, schlagen sie ein Basislager auf, von dem aus kleinere Trupps in die Umgebung aufbrechen. Die plündern, brandschatzen, zerstören Häuser, Gehöfte, Dörfer, jagen Menschen. Sie ergreifen Männer, Frauen und Kinder, töten oder entführen sie. Rauben Rinder und Pferde, vernichten die Ernte, Getreide, brennen Felder nieder.

Ehe die angegriffenen Litauer ernsthaft zum militärischen Gegenschlag ausholen können, ziehen die Ritter weiter und wiederholen ihr tödliches Werk an anderer Stelle. Nur etwa zwei Wochen dauert ein solcher Verheerungszug, kaum länger als einen Tag und eine Nacht bleiben die Angreifer an einem Ort. Geraten die Trupps beim Rückzug in Bedrängnis, töten sie meist alle Gefangenen, alle erbeuteten Tiere. Lebend Entführte verkaufen sie als Sklaven oder siedeln sie unter Zwang auf Ordensgebiet an. Rund 200.000 Litauer werden auf diese Weise insgesamt von den Rittern verschleppt, wohl um ein Vielfaches mehr Menschen bei den Attacken getötet. Im Laufe der Jahre kommt es vom Gebiet des Deutschen Ordens aus zu mehr als 120 Verheerungszügen der christlichen Krieger, 16 allein in den zehn Jahren vor Johanns Zug 1369. Und stets meiden die Ritter – wie auch die Litauer – große Konfrontationen mit den feindlichen Kämpfern. Denn wenn es dazu kommt, kann vieles schiefgehen.

BEDRÄNGTE MACHT Die Herrschaft der Deutschritter ist ständig gefährdet. Denn der kleinen Zahl von Ordensbrüdern steht eine einheimische Mehrheit entgegen, die immer wieder gegen die fremden Herren aufbegehrt. Und jenseits der Grenze bildet sich eine feindliche Allianz Litauens mit dem Königreich Polen (Ruine der Burg Wesenberg)

Zwei Jahre vor Johanns Reise haben Preußenfahrer versucht, eine Festung der Litauer auf der Höhe des späteren Kaunas an der Memel zu erobern. Aber die Einheimischen waren stärker. Sie schlugen die Ritter zurück, verfolgten sie ein Stück den Fluss hinunter, versperrten ihnen den Weg zu den Schiffen und griffen mit einer Übermacht an: Lanzenreiter, Krieger, bewaffnet mit Doppeläxten, Knüppeln und Steinen. Nur mit letzter Not gelang es den christlichen Kämpfern schließlich doch noch, per Schiff zu fliehen.

MANCHE HISTORIKER werden später bezweifeln, ob die winterlichen Feldzüge der schweren Panzerreiter durch die Sümpfe Litauens militärisch wirklich sinnvoll waren. Oder eher ein gewalttätiger Sport für gelangweilte Adelige, die Heiden jagen und Feste feiern wollten.

Doch richtig ist: Für einen bloßen Zeitvertreib waren die Reisen der Ritter zu entbehrungsreich und gefährlich. Immer ging es auch um wertvolles Prestige im Kampf für die Sache des Christentums. Zudem übten die Litauer von Osten her beständig Druck aus. Ohne die alljährliche Verstärkung der Truppen durch die Preußenfahrer hätten die Ordensbrüder dem wohl nicht dauerhaft standhalten können.

Die ritterlichen Gäste halfen, das Gebiet und damit das Überleben des Deutschordensstaates zu sichern. Johann von Blois bekommt im Frühjahr 1369 einen besonderen Auftrag. Er soll mit seinen Kriegern diesmal keinen Verheerungszug unternehmen, sondern einen dauerhaften militärischen Stützpunkt an strategisch wichtiger Stelle aufbauen, mitten im Grenzland.

Auf Anweisung des Hochmeisters reist er, begleitet von 50 Rittern und Knechten, mit Booten auf der Memel nach Osten, um einen Vorposten zu errichten. Eine wehrhafte Holzbastion, umgeben von Erdwällen, die den Namen „Gotteswerder“ erhalten soll. Während die Knechte an der Burg arbeiten, schützen Ritter den Bauplatz, kundschaften die Umgebung aus und sichern die mit Material und Proviant beladenen Schiffe. Vermutlich kommt es auch zu Scharmützeln mit dem Feind. In der neu entstehenden Festung kleidet Johann einen hölzernen Saal mit seinem Wappenschmuck aus. Wahrscheinlich lässt sich Johanns Bruder Guido hier im Feindesland feierlich in den Ritterstand erheben. Im Einsatz gegen Heiden zum Ritter geschlagen zu werden gilt als besonders ehrenvoll.

1369 zieht Ritter Johann von Blois von Königsberg über die Memel bis tief in Feindesland, um dort eine Festung zu errichten

Im Mai 1369 reist Johann zurück. Und am 29. Juni kehrt er schließlich heim in sein Schloss Schoonhoven bei Gouda, nach 222 Tagen Reise. Als einer von wenigen Rittern hat er es sich geleistet, bis zum Frühling im Deutschordensstaat zu bleiben.

Das gut siebenmonatige Abenteuer hat ihn etwa 17.000 preußische Mark gekostet – die teuerste bekannte Preußenfahrt. Gut 1000 Menschen hätten davon ein Jahr lang leben können. Die Kredite, die er für die Reise aufgenommen hat, zahlt er pünktlich zurück, zum Teil allerdings, indem er sich neue Darlehen verschafft. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er sich nach seiner Rückkehr von Untertanen und auf Banketten mit anderen Adeligen für seine Heldentaten preisen lässt. Gut möglich auch, dass er dem Deutschorden weiter durch regelmäßige Geldspenden verbunden bleibt.

Noch einmal wird der Ritter die lange Reise aber nicht auf sich nehmen. 1381 stirbt Johann, mit knapp 40 Jahren, ohne eheliche Nachkommen, sein Erbe fällt an den jüngeren Bruder Guido. Der Deutsche Orden lädt auch danach noch zu Preußenfahrten ein. Doch schon bald folgen immer weniger Ritter dem Ruf. Das liegt unter anderem daran, dass sich der litauische Großfürst Jogaila 1386 taufen lässt und nach seiner Hochzeit mit der Königin von Polen den dortigen Thron besteigt. Ein Kampf gegen ihn ist für die Edlen nun kein ehrbarer Kreuzzug gegen Heiden mehr.

Den Deutschrittern ist die neue Union aus Polen und Litauern allerdings ein umso mächtigerer Gegner. Nur wenige Freiwillige kommen dem Orden zu Hilfe, als dessen Truppen im Jahr 1410 nahe Tannenberg einem polnisch-litauischen Heer gegenüberstehen. Bei dieser Feldschlacht – mit 50.000 Kämpfern eine der größten des Mittelalters – fallen am Ende der Hochmeister und nahezu der gesamte Führungszirkel des Deutschen Ordens, dazu 200 seiner Ritter.

Von der Niederlage wird sich die Rittergemeinschaft nicht mehr erholen. Der Orden muss dem siegreichen Gegner hohe Kontributionen leisten und später die Oberhoheit des Königs von Polen anerkennen. 1525 wandelt der Hochmeister den Ordensstaat schließlich in ein weltliches Herzogtum um. 176 Jahre später wird diese Herrschaft einem neuen, militärisch und politisch überaus erfolgreichen Königreich seinen Namen geben: Preußen.

Verlinkungen:

->

Quellen:

Internetquellen

-> Dieter J. Weiß, Deutscher Orden: Politische Geschichte (Mittelalter), publiziert am 01.03.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Deutscher_Orden:_Politische_Geschichte_(Mittelalter)> (18.01.2026)

-> Dieter J. Weiß, Ritterorden, publiziert am 20.09.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ritterorden> (18.01.2026)

->

Sekundärliteratur

-> Bardow. Dominik: Deutscher Orden. Im Reich der Ordensritter, in: Die Welt der Ritter (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 94) Hamburg 2018, S. 141-145.

->

->