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Tugenden, Kodex etc.

Inhaltsverzeichnis

1. 

1. Die Fehde. Um Macht und Ehre.

In deutschen Landen hat der König für Frieden und Sicherheit zu sorgen. Doch meist weilt er in der Ferne, und so ist die Fehde, die kriegerische Form der Selbstjustiz, für einen Adeligen häufig das einzige Mittel, sich Recht zu verschaffen: gegen Ehrabschneider, Raubritter, falsch erhobene Ansprüche. Wie im Streit um die Schmidtburg, der 1328 zwischen einem Erzbischof und einem Grafen entbrennt – und der eigentlich ein Machtkampf ist um die Vorherrschaft im Hunsrück

Helme und Rüstungen schützen Ritter, die für streitende Adelsgeschlechter in den Kampf ziehen (Bild: Bridgeman)

Graf Johann von Dhaun sitzt in der Falle. Seine Burg auf einem Bergrücken, hoch über einem Seitental der Nahe im Hunsrück, wird belagert, denn Erzbischof Balduin von Trier hat ihm die Fehde angesagt. Im Herbst des Jahres 1341 lagern dessen schwer bewaffnete Ritter und Kriegsknechte in den Wäldern rund um die Feste Dhaun. Die Angreifer im Auftrag des mächtigen Kirchenfürsten haben sogar schon Gegenburgen errichtet und sind nun in der Lage, von einem dieser rasch hochgezogenen, wahrscheinlich aus Steinen errichteten Bollwerke aus die Burg mit Katapulten zu beschießen.

Seine Feste droht Graf Johann zum Verhängnis zu werden. Der Zugang zur Anhöhe – ein steiler, enger Weg – endet zwar vor einem wuchtigen Torbau im Mauerring der Burg: Von dessen Zinnen und Schießscharten aus können die Verteidiger jeden Angreifer mit Pfeilen und Armbrustbolzen beschießen. Doch die Männer des Erzbischofs denken gar nicht an einen Angriff. Denn unter diesen Umständen käme eine frontale Attacke einem Selbstmord gleich. Stattdessen haben sie mit einem Wall den Zugangsweg zur Dhauner Feste blockiert – und warten nun ab.

Im Rücken der belagerten Burg liegt ein steil zum Fluss hin abfallender, zerklüfteter Berghang, den der Feind nicht kontrollieren kann. Vermutlich über diesen Weg schmuggeln die Männer des Grafen Vorräte in die Burg: Getreide, Wasser, Pökelfleisch, Pech, Feuerholz und andere Dinge. Der Pfad über den Hang ist jedoch gefährlich und schwer zu gehen. So erreicht nur wenig Nachschub die Eingeschlossenen. Zu wenig.

Ein Ausfall kommt für Johann von Dhaun nicht infrage. Der Graf befehligt wohl kaum 20 Bewaffnete – der Erzbischof dagegen verfügt allein an Berittenen über fast die zehnfache Zahl. Der Ausfall brächte den sicheren Tod.

Aber auch Balduins Männer scheuen die Attacke. Denn selbst wenn sie den Geschosshagel auf dem Zuweg überleben und die Burgmauer erreichen könnten, wäre ein Sturm nahezu unmöglich. Die Kämpfer des Grafen würden sie von den Zinnen aus mit Steinen bewerfen, mit brennendem Pech, heißem Öl und Fäkalien übergießen – sowie mit ungelöschtem Kalk, der Haut und Augen verätzt.

Sollte es den Angreifern dennoch gelingen, den Burggraben mit Erde oder Reisigbündeln aufzufüllen, liegen auf den Wehrgängen der Feste Stangen und Haken bereit. Mit ihnen können herangeschobene Holzbauten umgestürzt werden, sollten Balduins Männer unter deren schützendem Dach versuchen, das Tor einzurammen. Auch Sturmleitern lassen sich so von der Außenmauer fernhalten. Damit diese gar nicht erst einen sicheren Halt finden, ist die Mauer zudem aus unregelmäßigen, buckligen Quadern errichtet.

Erzbischof Balduin von Trier weiß um diese Gefahren. Immer wieder besucht er seine Truppen, lässt sich sogar eigens einen Tragaltar für den Gottesdienst auf eine nahe gelegene Burg bringen, die ihm als Quartier dient. Weshalb also Verluste riskieren, wenn er die Widersacher aus sicherer Distanz beschießen und von ihrem Nachschub abschneiden kann? Der Kirchenfürst wartet, denn die Zeit ist seine beste Waffe.

DER KAMPF DES ERZBISCHOFS gegen den Grafen ist nur einer von unzähligen Konflikten um Macht und Ehre, in denen Adelige in deutschen Landen gegeneinander ins Feld ziehen. So alltäglich sind die Privatkriege im Reich, dass sich die Chronisten kaum je die Mühe machen, deren Einzelheiten niederzuschreiben.

Das Ringen um die Burg Dhaun ist eine Ausnahme, denn hier haben sich einige Urkunden und Dokumente erhalten, aus denen die Machenschaften des Kirchenmanns herauszulesen sind – so etwa aus den kurzen Einträgen der zeitgenössischen Chronik der Erzbischöfe von Trier „Gesta Treverorum“. Oder aus den penibel geführten Listen über die Lieferungen zur Versorgung der Belagerungsmannschaften. Rare, wertvolle Details jenes gewalttätigen Brauchs, der jahrhundertelang für Unruhe sorgt im Römischen Reich: der Fehde.

Der Papst belegt die Armbrust mit einem Bann. Doch sein Verbot kümmert niemanden

Dem römisch-deutschen König und Kaiser obliegt es, für den Frieden im Reich zu sorgen. Zumeist jedoch ist er fern, und außerhalb seiner unmittelbaren Umgebung gelten die von ihm erlassenen Befehle wenig. Denn der Herrscher kommandiert kein stehendes Heer, seine Finanzen sind strapaziert. Keine oberste Autorität sichert den Frieden im Reich der Deutschen, niemand gibt den Menschen Sicherheit.

Streitfälle werden häufig in einem Schiedsverfahren vor einem von beiden Seiten akzeptierten Dritten beigelegt, nach schriftlich festgehaltenen Gesetzen und Gewohnheitsrecht. Die Alternative ist: Selbstjustiz.

Wenn sich ein freier Mann in seinem Recht gekränkt sieht, hat er die Möglichkeit, seinem Widersacher die Fehde zu erklären und die eigenen Ansprüche mit Gewalt durchzusetzen.

Der Tradition gemäß eröffnet ein Bote die Feindschaft, er überreicht dem Gegner einen Fehdebrief sowie ein oft blutbesprengtes Schwert und zuweilen einen Handschuh. Gegenseitige Verfluchungen werden ausgesprochen. Zum Verfahren gehört, nach dem Fehdebescheid drei Tage Frieden zu halten oder sich in dieser Frist zu einigen.

Erreichen die Kontrahenten keine gütliche Einigung, beginnt nach Ablauf der Friedenszeit die Fehde. Auch dafür gelten bestimmte Regeln; und nur wer sie einhält, ist ein Mann von Ehre. So sollen Kleriker und wehrlose Personen wie Schwerkranke, Frauen und Kinder geschont werden. Frauen lässt man ihre Kleider am Leib, vornehmen Damen sogar ihren Schmuck. Befehdet ein Adeliger den anderen, ist er außerdem gehalten, sich nicht an seinem Gegner persönlich zu vergreifen und auch dessen Residenz unversehrt zu lassen. Oft aber bleibt das bloße Theorie.

Denn das erste Ziel der Fehde ist es, dem Gegner möglichst großen Schaden zuzufügen. Dessen Land wird überfallen, Dörfer, Vieh, die Ernte des Feldes, alles wird geraubt oder zerstört. Selbst an einfachsten Gebrauchswaren vergreifen sich die Plünderer. Röcke und Hosen werden gestohlen, auch Bettzeug und Hausrat.

Weder Untertanen noch Angehörige des Feindes sind ihres Lebens sicher: Sie werden verprügelt, gefangen genommen und entführt oder getötet. Jeder Verlust schwächt den Befehdeten, sei es an Besitz, oder, so er sich unehrenhaft verhält und die Seinen im Stich lässt, an Ansehen.

Haben die Entführten Vermögen, erpresst man Lösegeld von ihren Familien; selbst für gestohlene Kühe wird zuweilen vom Eigentümer ein Betrag für die unversehrte Herausgabe verlangt. Sind die Verschleppten hingegen arm, verfaulen sie in elender Haft.

Und nicht nur hohe Herren befehden sich. Im späten Mittelalter sind es zunehmend auch Fuhrleute, Kleinhändler, Handwerker, gewöhnliche Bürger, die Adeligen und Städten die Feindschaft erklären – oder einander: In Leipzig etwa kündigen Schuhknechte einigen Professoren der Stadt die Fehde an.

Zumeist geht es um Geld – und immer um die Ehre, auch wenn die Gründe für die Streitigkeiten heute zuweilen lächerlich erscheinen: Ein Junker fühlt sich zu einer Kampfansage an die Bürger Frankfurts provoziert, weil einem Verwandten von einer Frankfurterin ein Tanz abgeschlagen worden sei. Ein Ritter behauptet, dass eine Stadt einem seiner Vorfahren noch Geld schulde. Ein anderer erklärt die Fehde, weil ein Untergebener geschlagen worden sei.

Wenn es bei der Fehde zu Feindseligkeiten kommt, reiten meist nur wenige Ritter aufeinander los. Der Kampfplatz wird vorher verabredet. Hinterhalte sind verpönt. Das direkte Duell Ritter gegen Ritter ist die ehrenhafteste Form, den Konflikt auszutragen. Stets gilt es, im Sattel zu bleiben. Häufig binden sich Ritter sogar daran fest. Denn wer erst einmal vom Pferd gefallen ist, den hemmt die schwere eherne Rüstung bei jeder Gegenwehr.

Kommt es aber doch zu einem großen Kampf, marschieren die Armbrustschützen voran. Auf bis zu 100 Meter Entfernung können sie mit ihren Bolzen eine Rüstung durchbohren. Zwar hat der Papst die Waffe mit dem Bann belegt. Auch gilt sie als wenig ehrenhaft, da sie es jedem Schwächling ermöglicht, den edelsten Ritter zu erschießen; doch hält sich niemand an das Verbot.

Hinter den Schützen formieren sich Reiter mit der Lanze im Anschlag; sie galoppieren in geschlossener Phalanx in die gegnerischen Linien.

Gefolgt werden sie von gepanzerten Reitern, umgürtet mit Schwertern – dem Zeichen der Ritter. Erst durch die feierliche Übergabe seiner Waffe in der Schwertleite wird ja der junge Edelmann zum Ritter erhoben.

Zu Seiten der Panzerreiter laufen deren leicht bewaffnete Fußknechte. Im Gegensatz zu den schweren, teuren Harnischen und aufwendigen Visierhelmen der ritterlichen Herren tragen sie zumeist nur ein mit Metallplatten verstärktes Lederhemd oder einen Ringelpanzer. Ihren Kopf schützt ein Eisenhut, ihr Gesicht bleibt frei. Die Knechte stechen die Rösser des Feindes nieder. Und sollte ihr Ritter straucheln, helfen sie ihm wieder auf.

Die Kämpfer streiten mit Hämmern und Flegeln, Äxten und Keulen, Schwertern und Dolchen. Die Fahne sowie Trompeten-, Horn- und Trommelsignale sind die einzigen Mittel, um die eigenen Männer im Lärm des Getümmels zu führen.

Leichen werden geplündert und ihrer Kleidung beraubt. Noch auf dem Schlachtfeld teilen sich die Sieger Beute und Gefangene.

In Dhaun jedoch bleiben die Ritter hinter Burg und Gegenburg verschanzt. Hier wird die Fehde mit anderen Waffen ausgefochten.

DIE KRÄFTE SIND ungleich verteilt. Johann von Dhaun gehört zu den Wildgrafen, einem von vielen Zweigen eines Nahegau-Adelsgeschlechts. Als Verbündete kann er lediglich auf einige Adelige im Umland zählen. Erzbischof Balduin von Trier dagegen ist ein hoher Kleriker und durch sein Amt einer jener sieben Kurfürsten, die den römisch-deutschen König wählen. 1308 hat er seinem Bruder Heinrich VII. zur Königswürde verholfen und ihn 1312 zur Kaiserkrönung nach Rom begleitet.

Balduin hat Großes vor. Er will seine Territorien, die im Westen des Reiches verstreut sind, zu einem großen, zusammenhängenden Herrschaftsgebiet vereinen. Deshalb gerät der Hunsrück in seinen Blick.

Wie ein gewaltiger Riegel trennt der von Burgen bekrönte Höhenzug zwischen Mosel und Nahe das Trierer Gebiet des Erzbischofs von seinen Besitzungen um Koblenz am Rhein. Leicht zu erobern ist diese Landschaft nicht: Hinter starken Mauern sitzen die Adeligen dort auf ihren Burgen – und sie leisten dem zur Eroberung entschlossenen Erzbischof Gegenwehr.

Gegen die Panzerreiter des Erzbischofs haben die Männer des Grafen keine Chance

Eine der wichtigsten Festen im Hunsrück ist die Schmidtburg über dem Tal des Hahnenbaches. Balduin ist klar: Nur wer sie beherrscht, kann auch das umliegende Land kontrollieren. Doch mit Waffengewalt ist dem Bollwerk wohl nicht beizukommen.

Die Feste gehört Heinrich von Schmidtburg, der keinen legitimen Sohn und Erben hat. Bei seinem Tod würde die Burg deshalb an einen Vetter aus einem der vielen anderen Zweige der Familie fallen. Mit diesem Verwandten jedoch hat sich der Herr der Schmidtburg schon vor Jahren überworfen.

Balduin nutzt diesen Familienzwist für seine Zwecke. Nach etlichen Verwicklungen erklärt der Kirchenfürst nach Heinrichs Tod dessen Erben die Fehde. 1328 fällt er in den Hunsrück ein, erobert eine dort liegende Burg und belagert die Stadt Kreuznach. Einnehmen kann das erzbischöfliche Heer die Stadt zwar nicht. Dafür brandschatzt es die Dörfer in der Umgebung, nimmt deren Einwohner gefangen und schleppt reiche Beute weg. Nur Kirchen und Klöster verschont der geistliche Herr.

Seine Gegner bitten den überlegenen Kirchenfürsten um Frieden, der ihnen auch gewährt wird. Nun ist Balduin Gebieter über die Schmidtburg. Doch noch gibt es einen aus der Familie der früheren Herren, der auf seine Erbansprüche nicht verzichtet hat: Wildgraf Johann von Dhaun.

Lanze, Schwert und Dolch sind die Waffen des Ritters. Alles andere gilt als unehrenhaft

Balduin sammelt Partner für ein Bündnis gegen den Wildgrafen und kann schließlich einen mächtigen Alliierten gewinnen: den Erzbischof von Mainz, den ranghöchsten aller Kurfürsten und Kanzler für die deutschen Lande.

Noch aber warten die Verbündeten ab, weil Balduin andere Eroberungsfeldzüge wichtiger sind. Anfang 1340 endlich, zwölf Jahre nach den ersten Kämpfen, scheint den Kirchenmännern der rechte Zeitpunkt gekommen, um den letzten Widerstand zu brechen. Die Verbündeten erklären Johann von Dhaun die Fehde. Mit der Belagerung seiner Burg über einem Seitental der Nahe beginnt ein weiterer Kampf um den Hunsrück.

Während die Feste schon umzingelt wird, regeln die Belagerer – die beiden Erzbischöfe sowie fünf Adelige aus der Umgebung – in detaillierten Verträgen, wie nun vorzugehen ist.

Wichtigster Stützpunkt der Angreifer wird die acht Kilometer entfernte Schmidtburg. Jeder der Bündnispartner hat zwischen 20 und 30 Ritter zu stellen. Insgesamt umfasst die Streitmacht 180 Schwerbewaffnete zu Pferde, dazu eine stattliche Anzahl Kriegsknechte zu Fuß. Entsprechend der Größe ihrer Kontingente soll auch die Beute unter den Kriegsherrn verteilt werden. Ihre Soldaten stationieren sie am Belagerungswall und dort, wo sie Wildgraf Johann durch Überfälle auf seinen Landbesitz am meisten schaden können.

Für den Bau von drei Belagerungsburgen sind jeweils 1500 Pfund Heller vorgesehen. Dafür hätten die Verbündeten eine Herde von 2000 Rindern oder rund 300 Arbeitspferde kaufen können – aber nur ein Dutzend jener kostbaren Rösser, auf denen Ritter in die Schlacht ziehen. Zwei Drittel der Kosten übernehmen die beiden Erzbischöfe, die zahlungskräftigsten unter den sieben Alliierten.

BURG DHAUN, HERBST 1341. Nach anderthalb Jahren Belagerung haben die beiden Kirchenfürsten auch ihre dritte Gegenburg bemannt. Oberhalb der Dhauner Feste und nur etwa 300 Meter entfernt auf einem Bergsporn gelegen, gemahnt sie Wildgraf Johann beim Blick über die Mauerzinnen an die Gegenwart seiner Feinde – Stunde um Stunde, Tag für Tag. Dass die Erzbischöfe die Residenz ihres Gegners nach den Regeln der Fehde eigentlich nicht antasten dürften, schert die geistlichen Herren und deren Verbündete wenig. Denn nun liegt Dhaun in Wurfdistanz für das wirkungsvollste Geschütz dieser Zeit: die Blide – ein Katapult, das ein Chronist als „teuflisches Werkzeug“ beschreibt.

Zentnerschwere Steine lassen sich damit halbwegs zielgenau über eine Entfernung von bis zu einem halben Kilometer verschießen. Aber auch mit Exkrementen oder Viehkadavern gefüllte Fässer. Oder die Köpfe enthaupteter Feinde, wie es schreckliche Sitte der Kreuzritter war im Heiligen Land.

Den dicken Mauern einer Feste wie Dhaun können die Katapultkugeln kaum Schaden zufügen. Anders sieht es bei empfindlicheren Zielen aus, etwa bei den über die Außenmauer hinausreichenden Aborten, in denen die Belagerten ihre Notdurft verrichten. Erker können abgeschossen, Dächer durchschlagen und hölzerne Wehrgänge zermalmt werden. Auch eine Rüstung mit eisernem Helm und Harnisch gibt keine Sicherheit vor der Blide; trifft den Ritter ein Steingeschoss, wird sein Panzer wie dünnes Blech zerquetscht.

Mit dem Katapult schießen Angreifer sogar die Köpfe enthaupteter Feinde in die belagerte Burg

Nicht jeder Kriegsherr kann sich ein solches Katapult leisten. Das Gerät ist groß und schwer: Bis zu 20 Meter misst der Hebelarm, der das Geschoss in einer Lederschlinge emporwuchtet; allein das Gegengewicht, dessen Fall den Arm beschleunigt, wiegt mehrere Tonnen.

Nur spezialisierte Handwerker sind in der Lage, eine Blide zu konstruieren. Zudem ist die Herstellung viel zu kompliziert, um sie am Ort der Belagerung vorzunehmen. Bau, Transport und Endmontage des zerlegten hölzernen Riesen sind daher teuer.

Balduin könnte freilich gleich mehrere Bliden nach Dhaun bestellen. Der Erzbischof ist reich, seine Mannschaften leben im Überfluss. In der Etappe auf der Schmidtburg spielen Musikanten zur Unterhaltung auf. Aus Trier erreichen die Burg Getreide und Hafer für die Pferde. Die Verbündeten schicken Erbsen, Schinken und Heringe, treiben in fünf Monaten 157 Ochsen und 104 Schafe heran, die ein eigens angestellter Metzger schlachtet und zerlegt.

Während in Balduins Lager Ochsen am Spieß braten und Musikanten aufspielen, geht es in der eingeschlossenen Dhauner Feste deutlich karger zu. Schon im Frieden ist das Burgleben hart. Denn ein solches Bollwerk, von denen es im deutschen Sprachraum insgesamt wohl mehr als 20000 gibt, ist nicht zum behaglichen Wohnen des Adeligen und seiner Familie gebaut, sondern dient als befestigte Kampfstellung – und dieser Funktion ist jeder Komfort untergeordnet.

Oft mehrere Meter dick und praktisch uneinnehmbar sind die Außenmauern, bestückt mit Zinnen, Türmen und einem überdachten Wehrgang zum Schutz der Verteidiger. Das Tor ist der einzige Schwachpunkt und daher besonders gesichert: durch eine Zugbrücke über den Graben, durch Fallgatter sowie mit Eisenblech beschlagene Türflügel. Sie sollen das Holz vor den Rammen des Angreifers schützen. Oft hat eine Burg mehrere Toranlagen hintereinander.

Gelingt es dem Feind dennoch einzudringen, zieht sich die Besatzung in den Bergfried zurück, den Hauptturm. Er ist besonders stabil gebaut, der Zugang kann leicht unterbrochen werden. Im Notfall wird der Bergfried also zu einer Burg in der Burg. Einzunehmen ist er nur schwer.

Schon ein einzelner Kämpfer kann die steile Wendeltreppe im Turm gegen eine Übermacht halten. Sie ist extra eng angelegt, damit die Angreifer sie nur einzeln erklimmen können. Hohe Stufen machen dem Feind den Sturm unmöglich. Zudem windet sich die Treppe im Uhrzeigersinn hinauf, was den Angreifer im Gebrauch des rechten Arms und der Schwerthand behindert. Die Türöffnungen sind extrem niedrig. Der Feind muss sich bücken, will er sie durchschreiten, und ist daher gegenüber einem Verteidiger stets im Nachteil.

Je kürzer die Burgmauer, desto weniger Soldaten werden benötigt, um sie zu bemannen. Im Inneren der Feste herrscht deshalb eine geradezu bedrückende Enge. Stallungen für Vieh und Pferde liegen neben dunklen Kammern, angefüllt mit Waffen, Rüstungen und Vorräten. Fast unerträglich sei der Gestank, so überliefert ein Zeitzeuge: etwa vom Pech, das zum Abdichten von Fässern benötigt wird und das die Verteidiger erhitzt auf den anrennenden Feind gießen. Oder von den Ausdünstungen und Ausscheidungen der Tiere und Menschen.

Und dann die alles durchdringende Kälte von November bis März, hinter klammem Stein und mit Läden verrammelten Fensteröffnungen, die kaum Schutz bieten vor Wind und Wetter. Wahrscheinlich lässt sich in der Dhauner Feste nur ein Raum heizen. Doch da Feuerholz ein sperriges Gut ist und sich nur schwer durch den Belagerungsring schmuggeln lässt, wird auch dort der Kamin wohl selten angezündet.

Vielleicht 30 Menschen leben unter dem Kommando des Wildgrafen auf der Burg: Kriegsknechte, Mägde, Diener, vermutlich auch ein Geistlicher. Der Familie des Grafen ist der Palas vorbehalten, das Wohngebäude des Burgherrn.

Dort befindet sich ein geschmückter Saal zur Repräsentation. In ihm werden in Friedenszeiten Gäste bewirtet und Feste gefeiert. Nur in den Privatgemächern der adeligen Familie, etwa den Schlafzimmern, gibt es hölzerne Dielen, Teppiche, vielleicht sogar Federbetten.

Die Bediensteten hausen gemeinsam in einem nicht geheizten Raum mit Steinfußboden. Glücklich ist, wer an der offenen Feuerstelle der Küche arbeitet; er hat es wenigstens tagsüber warm.

WAS ALSO SOLL der eingeschlossene Wildgraf tun: ausharren und dem Dauerbeschuss trotzen – bis der Feind doch irgendwann zum Sturm ansetzt? Es droht der zweite Belagerungswinter, mit kargen Rationen von Erbsen, Stockfisch, Zwiebeln und Pökelfleisch, dessen zunehmend fauliger Geschmack sich auch durch kräftige Gewürze kaum überdecken lässt.

Graf Johann von Dhaun will die Entbehrungen nicht länger ertragen und riskiert einen Gegenschlag. Er flieht unerkannt und reitet zur Burg eines verbündeten Ritters: Felsberg an der Saar, rund 80 Kilometer entfernt. Von dort aus unternimmt er nächtliche Überfälle, plündert und brandschatzt im nahen Trierer Gebiet des Erzbischofs. Balduin schickt einen Trupp Ritter hinterher. Die 24 Mann sollen eine Belagerung der Burg Felsberg vorbereiten.

Diesmal legt es der Kirchenfürst nicht auf eine monatelange Blockade an – Burg Felsberg will er rasch nehmen. Eine längere Belagerung könnte mit der ehrenvollen Übergabe der Feste enden. Er aber will sie zerstören, den Feind zur Kapitulation zwingen und damit den Kampf beenden. 30 Jahre zuvor hat Balduins Neffe, König Johann von Böhmen, Bergleute eingesetzt, die eine Burg untergruben und dadurch deren Mauern zum Einsturz brachten. An diese Operation erinnert sich der Erzbischof; er bittet einen befreundeten Prager Bürger um die Vermittlung geeigneter Mineure.

Die Aufgabe solcher Bergleute ist gefährlich. Einige Meter tief in der Erde treiben sie einen Stollen in Richtung Burg. Dann schlagen sie in das Fundament der Burgmauer eine Minenkammer, die sie mit einem Holzgerüst abstützen. Dort schichten die Mineure Reisigbündel auf, die mit leicht entflammbaren Substanzen wie etwa Schweineschmalz getränkt sind – und zünden sie an.

Zerstört das Feuer das Holzgerüst, verliert die Mauer ihr Fundament und stürzt in sich zusammen. Durch die entstandene Bresche können die Angreifer die Burg erstürmen.

Es gibt nur eine Möglichkeit, einen derartigen Angriff aus dem Untergrund zu orten: in den Kellerräumen der Burg Wassereimer aufzustellen und sie ständig zu beobachten. Das Hämmern der Mineure sendet Schallwellen durch Erdboden und Mauerwerk. Wenn sich das Wasser an der Oberfläche der Bottiche kräuselt, ist dies ein Zeichen für die näher rückenden Bergarbeiter.

Dann können Verteidiger ebenfalls einen Tunnel graben und durch diesen die Angreifer bekämpfen. Oder Wasser aus einem Fluss oder Burggraben in den Angriffsstollen leiten und ihn fluten. Das jedoch ist eine Arbeit, die nur Bergleute ausführen können. Die aber gibt es nicht auf Burg Felsberg.

Anfang November 1341 treffen Balduins böhmische Bergknappen ein. Als auch noch ein Verbündeter des Felsberger Burgherrn – der mit seinen Truppen eigentlich für Entsatz sorgen wollte – angesichts von Balduins Heeresmacht auf dessen Seite wechselt, flieht Graf Johann abermals.

Der nun entmutigte Herr der Burg Felsberg ergibt sich. Die Sieger schonen sein Leben – doch die Feste wird komplett zerstört.

Johann kehrt auf verborgenen Pfaden nach Dhaun zurück. Die Belagerung dort dauert an. Immer schwieriger wird die Situation. Als am 16. Januar 1342 der Burgherr einer rund zwei Kilometer flussaufwärts gelegenen Feste die Reihen Balduins verstärkt, ist auch der letzte Versorgungsweg versperrt. Vermutlich erhofft sich der Adelige schnellen Gewinn bei dem nun absehbaren Sieg.

Der Wildgraf sieht ein, dass weiterer Widerstand aussichtslos ist. Noch kann er um einen ehrenvollen Frieden nachsuchen. Denn ohne Zweifel werden Balduins Ritter bald zum Sturm auf die ausgehungerten Verteidiger ansetzen – und das Schicksal einer gestürmten Feste ist deren völlige Vernichtung. Also schleicht sich Johann nach Trier und bittet um Frieden.

Die Verhandlungen mit dem Erzbischof sind kurz, die Bedingungen des Friedensvertrags, den die Kontrahenten im Juli 1342 unterzeichnen, hart – aber erträglich: Johann verzichtet für alle Zeiten auf den Besitz der Schmidtburg und verliert eines seiner Dörfer an den Erzbischof. Doch er darf seine Heimatburg Dhaun behalten – muss lediglich Balduin dort aufnehmen, wann immer dieser es wünscht.

Nach 14 Jahren Streit und zwei Jahren offener Fehde ist der Kampf um die Vorherrschaft im Hunsrück beendet. Wie viele Menschenleben er gefordert hat, ist nicht überliefert. Die Opfer auf Seiten der Belagerten sind unbekannt. Das Lager der Angreifer hat zumindest einen Toten zu beklagen. Einen Kriegsknecht, für dessen Totenmessen die Kanzlisten der Belagerungstruppen auf der Schmidtburg die Ausgabe für Kerzenwachs verzeichnet haben. Seinen Namen haben die Schreiber ebenfalls notiert: Rudolf.

WILDGRAF JOHANN VON DHAUN stirbt wahrscheinlich 1354, zwölf Jahre nach dem Ende der Fehde – und im selben Jahr wie sein einstiger Widersacher Balduin. Der Erzbischof hat sein Ziel erreicht. Bis zu seinem Tod mit 68 Jahren hat er die zersplitterten Besitzungen zu einem geschlossenen Territorium zusammengefügt. Über mehr als 160 Kilometer reicht die Herrschaft des Erzbistums Trier nun, von der Saar im Süden bis Limburg an der Lahn im Norden.

Die komplette Zerstörung seiner Burg kann der Graf gerade noch abwenden – er gibt auf

Die Schmidtburg, jene Feste, die so wertvoll ist, dass zwei Erzbischöfe mit dem Wildgrafen von Dhaun eine erbitterte Fehde um sie geführt haben, bleibt fast ein halbes Jahrtausend lang der Mittelpunkt der Trierer Herrschaft im Hunsrück.

Dort sitzen jene Ritter, Lehnsmänner und später Beamte des Erzbischofs, die das Gebiet überwachen und in seinem Namen verwalten. So lange, bis französische Truppen 1794 das Rheinland besetzen und den kirchlichen Landesherren ihre Territorialgewalt nehmen.

Das Fehdewesen im Heiligen Römischen Reich wird sich in den folgenden Jahrzehnten noch ausdehnen und ungeheuren Schaden anrichten. Verantwortlich dafür sind zum einen die großen Herren: So ist Kurfürst Balduin nicht der Einzige, der Land und Geld erbeuten will. Zum anderen suchen viele Ritter geradezu nach Anlässen für Streitigkeiten, denn sie sehen den bewaffneten Kampf als ihre Hauptaufgabe an.

Mancher Ritter verarmt, weil er ohne Unterlass in Privatkriege verstrickt ist. Etliche sinken zu bloßen Strauchdieben herab, denen jetzt als Broterwerb dient, was sie zuvor ruiniert hat: die Fehde, die zur kaum kaschierten Form des Straßenraubs verkommen ist.

Erst Kaiser Maximilian I. aus dem Hause Habsburg leitet 1495 das Ende dieser Form der Selbstjustiz ein. Sein „Ewiger Landfriede“ verbietet die Fehde endgültig und setzt an ihre Stelle eine verbindliche Ordnung, die auch den Ritter zwingt, sich an ein Gericht zu wenden, um Genugtuung für eine Ehrverletzung oder anderes erlittenes Unrecht zu erlangen.

Wer jetzt noch eine Fehde beginnt, begeht Landfriedensbruch, verfällt der Reichsacht, wird nach einem Jahr vogelfrei – und ist damit für die gesamte Gesellschaft, was Erzbischof Balduin schon in den Augen seines Opfers Johann von Dhaun war: ein beutegieriger Kriegstreiber und Länderdieb. Ein Gesetzesbrecher.


Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Otto, Frank: Die Fehde. Um Macht und Ehre, in: GEO Epoche (Jg. 2007, Heft Nr. 25).

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Sekundärliteratur

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