Aquädukte und Wasserwirtschaft
Inhaltsverzeichnis
- Der erste Aquädukt. Wasser für Rom.
- Abwasserentsorgung im römischen Köln
- Frischwasser für gut situierte Römer in der Wetterau
1. Der erste Aquädukt. Wasser für Rom.
Ihren wichtigsten Kampf führen die Römer nicht gegen die Heere ihrer Gegner – sondern gegen die Natur. Denn nur wenn es ihnen gelingt, Rom mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen, kann die Stadt weiter wachsen. Und so über brücken römische Ingenieure Täler und Ebenen, durchbrechen Wälder und Berge, um über Aquädukte das kostbare Nass selbst aus entlegenen Quellen in ihre Kapitale zu leiten.
Rom hat keinen bedeutenden Hafen, liegt weder an einem großen See noch am Meer – und doch ist Wasser das Geheimnis seiner Größe. Denn Wasser lässt die Stadt wachsen, als die natürlichen Grenzen ihrer Ausdehnung längst erreicht sind. Ohne Wasser hätten die Römer ihre Stadt nicht zur mächtigsten Metropole der Welt ausbauen können. Hunderte Mil lio nen Liter sind für diesen einzigartigen Aufstieg nötig, glasklares Nass, jeden Tag.
Die unmittelbare Umgebung der Stadt bietet diese unverzichtbare Ressource nicht in ausreichender Menge. Um sie dennoch zu bekommen, müssen die Bewohner die Natur besiegen. Und so bestreiten die Römer ihren bedeutendsten Kampf nicht gegen die Armeen ihrer Feinde, sondern gegen die Täler und Berge, die Sümpfe und Wälder, die ihre Stadt umgeben.
Nur so können sie sicher stellen, dass das Wachstum ihrer Stadt nicht im Chaos endet. Es ist ein Kampf, der jahrhundertelang andauert und der Roms Ingenieure immer wieder vor scheinbar unlösbare Probleme stellt. Und der doch dazu führt, dass Bauwerke entstehen, die zu den beein druckendsten der Geschichte gehören: Roms Aquädukte. Aqua bedeutet im Lateini schen „Wasser“, ductus „Leitung“. Die Römer versuchen also, das Wasser zu leiten, es zu beherrschen. Zwar bauen schon die Griechen Wasserleitungen, um ihren Bedarf an Trinkwasser zu decken, auch die As - syrer sowie die Etrusker in Norditalien. Doch niemand perfektioniert die Technik so sehr wie die Ingenieure aus der Tiberstadt.
Als die Republik im Jahr 27 v. Chr. endet, transportieren fünf gigantische Fernwasserleitungen jeden Tag mehr als 200 Millionen Liter Wasser in die Stadt. Die Aquädukte verlaufen insgesamt über mehr als 200 Kilometer Länge, über winden Täler, Berge und Flüsse. In Rom ergießen sich die Aquädukte in Reservoire. Von dort aus leiten Tausende Blei- und Tonrohre das Wasser in die verschiedenen Bezirke, speisen Brunnen, öffentliche Bäder und bringen das Nass sogar direkt in Häuser wohl habender Römer. Die gewaltigen Mengen an Schmutzwasser, die täglich anfallen, nehmen mächtige, unterirdi sche Kanäle auf und führen sie in den Tiber.
Es ist ein System, in seiner Vollkommenheit typisch für die Römer. Sie mögen keine großen Erfinder sein, doch sobald sie bei anderen Völkern eine Technik entdecken, die ihnen nützlich erscheint, bringen sie die Idee der anderen zur Vollendung. Sie konstruieren nicht die ersten Katapulte, stellen aber bald die durchschlagkräftigsten her; sie bauen nicht die ersten Wassermühlen, aber sehr wahrscheinlich die größten. Und sie errichten auch nicht die ersten Fernwasserleitungen – aber die besten. Allein: Gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. bleibt ihnen keine andere Wahl mehr.
LANGE ZEIT DECKEN die Römer ihren Wasserbedarf ohne Leitungen. Die ersten Siedler, die auf Hügeln nahe einer Furt über den Tiber in Lehmhütten hausen, schöpfen ihr Wasser aus dem Tiber sowie aus nahen Bächen und kleinen Quellen. Als Rom im Laufe der Jahrhunderte allmählich zur ländlichen Kleinstadt heranwächst, heben seine Bewohner mehr und mehr Brunnen aus und legen Zisternen an, von denen manche Zehntausende Liter Wasser fassen. Das reicht aus, um die Stadt zu versorgen.
Vom 4. Jahrhundert v. Chr. an aber triumphiert Rom zunehmend über die benachbarten Völker und Gemeinwesen, erobert nach und nach die etruskischen Stadtstaaten, zwingt Latiner in ein Bündnis, später auch Samniten. Immer mehr Menschen siedeln am Tiber, die in der Metropole eine Chance zum wirtschaftlichen Aufstieg sehen. Gegen Ende des Jahrhunderts zählt Rom bereits etwa 75 000 Einwohner. Und wächst weiter.
Die Neuankömmlinge brauchen sauberes Trinkwasser. Ihre Abfälle, feste wie flüssige, müssen entsorgt werden, sonst drohen Krankheiten. Nur mit Brunnen, Zisternen und Kanälen sind diese Probleme nicht mehr zu bewäl tigen. Doch als der Zensor Appius Claudius – in seinem Amt unter anderem für Roms öffentliche Bauten zuständig – 312 v. Chr. den Bau der ersten Fernwasserleitung in der römischen Geschichte plant, sind viele Mitglieder des Senats gegen das Projekt. Ver mutlich empfinden sie das Vorhaben als zu groß, zu teuer und zu risikoreich. Und womöglich verdächtigen sie Appius auch, mit dem epochalen Bau vor allem persönliche Ziele zu verfolgen.
Denn obwohl der Politiker aus einem traditionsreichen römischen Adelsclan stammt, sind in den Jahrzehnten zuvor nur wenige seiner Familienmitglieder in be deutende Ämter auf gestiegen. Und so könnte Appius die Fernwasserleitung dazu nutzen, sich bei seiner weiteren politischen Karriere die Unterstützung der ärmeren Bevölkerung zu sichern – denn es sind vor allem die vielen Bewohner der engen und verdreckten Mietshäuser, die von einer besseren Wasserversorgung profitieren würden. Ist der erste Aquädukt Roms also nichts anderes als ein vorzeitiges Wahlkampfgeschenk? Das verwegene Pres tigeprojekt eines ehrgeizigen Politikers?
Tatsächlich ist der Plan des Appius Claudius, von Osten her eine mehr als 16 Kilometer lange, zumeist unterirdische Wasserleitung an die Stadt heranführen zu lassen, ein waghalsiges Unternehmen. Und mit der von Claudius zeitgleich geplanten Via Appia – einer knapp 200 Kilometer langen Straße in den Süden – Teil eines der größten Bauprogramme der römischen Geschichte: ein Projekt, das viele Millionen Sesterzen verschlingt und Roms Ingenieure vor extrem komplexe technische Herausforderungen stellt.
Doch so sehr die Senatoren an diesem Großvorhaben auch zweifeln mögen – verhindern können sie es nicht: Zu drückend ist der Mangel an sauberem Wasser in der wachsenden Metropole. Wie die Römer nach und nach die Wasserversorgung ihrer Stadt perfektionieren, davon berichten der Architekt Vitruv sowie der Senator Frontin, später Leiter der Wasserbehörde. Obwohl der Baumeister zur Zeit Caesars lebt und der Politiker in der Kaiserzeit, gelten etliche ihrer Ausführun gen auch für die republikanische Epoche, denn die Grund sätze der Konstruktion bleiben die gleichen.
SO STEHT AM BEGINN des Baus jedes Aquädukts die Suche nach ergiebigen Quellen, geeigneten Seen oder Flussläufen. Dazu erforschen Experten gezielt das Umland, achten dabei unter anderem auf Zeichen, die auf Grundwasserquellen hinweisen – sie suchen nach bestimmten Pflanzen, Weiden etwa, Erlen, Binsen. Legen sich flach auf den Bauch, stützen ihr Kinn auf den Boden und achten auf Verdunstungen, die aus dem Erdreich aufsteigen.
Haben sie eine vielversprechende Stelle ausgemacht, entscheidet sich oft wohl schon nach dem ersten Spatenstich, ob es lohnt, weiterzugraben: Ist der Boden lehmig oder grobkörnig, suchen die Männer anderswo, denn das Wasser unter diesen Böden wird im besten Falle „nicht wohlschmeckend“ sein, wie Vitruv schreibt, und im schlimmsten sogar „schlammig trübe“. Am reinsten, so der Architekt, sei das Wasser meist am Fuß von Bergen: kühl „und der Gesundheit zuträglich“.
Für den Bau der Aqua Appia entdecken die Römer um 312 v. Chr. am Rande der Sabiner Berge nordöstlich ihrer Stadt Quellen von bester Qualität. Doch ob die als Startpunkt ihres Aquädukts taugen, wissen sie damit noch lange nicht. Denn entscheidend beim Wassertransport ist die Schwerkraft: Die Aquädukte müssen ein Gefälle haben, andernfalls erreicht kein ein ziger Tropfen die Stadt. Deshalb müssen die Ingenieure vor dem Bau eines Kanals nicht nur seinen Start-, sondern auch den exakten Endpunkt festlegen. Sie müssen bestimmen, wo genau die Wasserleitung in Rom ankommen soll und welche Höhe sie dort noch hat, damit das Wasser in der Stadt möglichst viele Bezirke erreicht.
Von dem Punkt in der Stadt aus, den sie für günstig halten, laufen sie dann zurück zur Quelle, notieren die Lage von Hügeln, schätzen die Tiefe von Tälern, achten während des Weges auf jeden Höhen unterschied. Sie „lesen“ also den Verlauf der Landschaft, erwägen unterschiedliche Strecken, machen Umwege. Erst dann stecken Arbeiter Holzpfähle in den Boden, markieren so den Weg, den der Aquädukt nehmen soll.
Anschließend bringen Männer einen Chorobat zur Quelle: ein Gerät zum Messen von Höhenunterschieden. Sie stellen die schmale, knapp sechs Meter lange Platte, als deren Beine hüfthohe Hölzer dienen, auf den markierten Verlauf des Aquädukts. Vermutlich haben sie Holzkeile, Balken und Steine dabei, die sie so unter die Beine schieben, dass die Apparatur waagerecht steht. Sie können sich dabei an vier Bleiloten orientieren, die von der Platte herabhängen und mit senkrechten Markierungen an den Streben übereinstimmen, sobald die Apparatur horizontal ausgerichtet ist (siehe Illustration Seite 47).
Wenn bei starkem Wind die Lote nicht zur Ruhe kommen, füllt ein Arbeiter eine Mulde in der Mitte der Holzplatte mit Wasser. Reicht die Flüssigkeit an allen Stellen bis zum Rand der Mulde, ohne überzulaufen, wissen sie, dass ihr Gerät ebenmäßig steht. Sobald der Chorobat exakt waagerecht steht, stecken Landvermesser zwei Latten vor und hinter dem Gerät in den Boden, jeweils ein paar Meter entfernt. Ein dritter geht am Gerät in die Hocke, sodass seine Augen genau auf der Höhe der waagerechten Platte des Chorobats sind, und visiert die Messlatten über die Platte an. Anhand der Markierungen an den Latten kann er die Höhenunterschiede zwischen ihren Positionen berechnen – und so das Gefälle zwischen den beiden Messpunkten bestimmen.
Mithilfe des Chorobats vermessen die Männer so die Strecke des Aquädukts, notieren akribisch jede Änderung des Gefälles. Meist benutzen sie dazu wohl die Messlatten; in Streckenabschnitten aber, die recht ebenmäßig sind, bestimmen sie das Gefälle wahrscheinlich direkt am Chorobat, indem sie die Höhe der Holzbalken fest halten, die sie brauchen, um das Gerät in die Waagerechte zu bringen. Nach jeder Messung drehen sie das Gerät um 180 Grad – bewegen es also wie einen Stechzirkel vorwärts. Denn die Landvermesser sind sich sehr wohl bewusst, dass selbst ein sorgfältig gearbeiteter Chorobat nicht immer exakt gleich lange Beine hat, dass sich die Platte verziehen kann, etwa nach einem Regenschauer. Und auch wenn die Ungenauigkeiten nur minimal sind, würden sie sich bei der Vielzahl der Messungen zu einem gravierenden Fehler summieren.
Deshalb ermitteln die Landvermesser den Höhenunterschied regelmäßig an beiden Enden ihres Geräts – und gleichen die Unzulänglichkeit ihres Materials dadurch aus, dass sie zweimal „falsch“ messen, in der Summe aber das richtige Ergebnis erhalten.
Bis sie an Roms Stadtgrenze angekommen sind, haben sie den Chorobat mehrere Tausend Male akribisch in die Waagerechte gebracht, die Messstäbe anvisiert, die Ergebnisse auf Schreibtafeln zusammengestellt und an den Bauleiter über geben. Der kann nun seinen Arbeitertrupps genau sagen, wie sie das Gelände in ihrem jeweiligen Abschnitt nivellieren müssen, damit die Leitung eine möglichst einheitliche Neigung hat – die Römer bauen einen Aquädukt nicht vom Start zum Ziel, sondern teilen die Strecke, um Zeit zu sparen, in viele Einzelabschnitte auf. Die Arbeiter kennen nur das Gefälle in ihrem Bereich; sie wissen beispielsweise, dass ihre Trasse pro Kilometer fünf Meter an Höhe verlieren soll.
Mit dieser Vorgabe beginnen sie zu graben, schlagen Schneisen in die Pinienwälder der Umgebung. Denn die Aquädukte verlaufen zumeist unterirdisch – unter anderem deshalb, weil sie so geschützt sind: vor Feinden, die sie zerstören oder das Wasser vergiften könnten; vor Wasserdieben, die die Leitungen anzapfen. Die Aqua Appia etwa verläuft nur auf einem Teilstück von rund 100 Metern über der Erde. Die junge, von Konkurrenten umgebene Republik will ihre erste Lebens ader so gut wie möglich verstecken.
Und so heben Hunderte Arbeiter einen kilometerlangen Graben aus, der genug Platz lässt für den Bau der etwa 80 Zentimeter breiten und doppelt so hohen Wasserleitung. Um sicherzugehen, dass sie beim Ausheben der Trasse das vorgegebene Gefälle einhalten, hat jeder Bautrupp drei T-förmige Hölzer dabei. Die, etwa brusthoch, haben erfahrene Tischler mit exakt den gleichen Abmessungen gefertigt. Am Beginn ihres Trassenabschnitts stecken Landvermesser zwei der Hölzer entlang der Strecke in die Erde. Diese Fixpunkte, einige Meter voneinander entfernt, haben sie per Chorobat so eingerichtet, dass ihr Höhenunterschied genau dem Gefälle entspricht, das der Bauleiter bestimmt hat.
Nun stellt sich ein Arbeiter mit dem dritten T-Holz weiter unten im Trassenverlauf auf. Oben geht der Ingenieur vor dem ersten T-Holz in die Knie, blickt genau über dessen Oberkante, kneift ein Auge zu und peilt das zweite Holz an, sodass sich die Oberkanten der Hölzer decken.
Aus diesem Blickwinkel weist er den Arbeiter mit dem dritten Holz so lange ein, bis sich auch die Oberkante des dritten Holzes auf einer Linie mit den ersten beiden befindet. Dieser Punkt wird wie die beiden ersten mit Holz pflöcken für den Bautrupp markiert. Das T-Holz am Start der Trasse ist jetzt frei, um es weiter unten wieder aufzustellen und mit ihm einen vierten Punkt abzu stecken, den ein Arbeiter bestimmt, indem er vom zweiten über das dritte T-Holz peilt. So geht es weiter. Bei jedem Durchgang markieren die Arbeiter den neu gefundenen Fixpunkt mit einem kleinen Holzpflock, bis zum Ende ihres Trassenabschnitts. Mit den T-Hölzern heben die Arbeiter die gewünschte Gefälle linie sozusagen vom Boden auf Augenhöhe – so können sie das Gefälle Stück für Stück überprüfen, schnell und ohne gro ßen Aufwand.
´Allerdings hat die Methode einen Nachteil. Da die Arbeiter stets in einer geraden Linie über die Oberkanten der Hölzer blicken, lässt sie die Erdkrümmung außer Acht: Die Arbeiter kommen mit den T-Hölzern auf ihrem Abschnitt stets ein wenig über dem gewünschten Endpunkt an. Die Ab weichung wird größer, je länger die Strecke ist. Die Ingenieure entscheiden deshalb, die einzelnen Abschnitte der Trasse immer von oben nach unten fest zulegen, also von der Quelle in Richtung Stadt. Denn auf diese Weise können sie darauf vertrauen, dass sie den jeweils anschließenden Streckenabschnitt niemals zu tief, sondern stets ein wenig zu hoch erreichen – ein Fehler, der sicherstellt, dass der Aquädukt immer aus rei chen des Gefälle hat und den die Arbeiter ausgleichen können, indem sie die beiden Kanal abschnitte durch ein kurzes, steileres Stück verbinden.
Auf diese Weise folgt die Trasse dem Bodenprofil und verliert in der Regel pro Kilometer zwischen anderthalb und drei Metern an Höhe.
WÄHREND HUNDERTE Arbeiter entlang der Trasse Bäume fällen, Tonnen von Erde be wegen und durch Tausende Messungen dieses stetige Gefälle garantieren, schuften mindestens ebenso viele in den staatseigenen Tuff- und Kalksteinbrüchen östlich von Rom. Hilfsarbeiter trennen dort rie sige Steinquader aus den Felswänden, benutzen meterlange, zahnlose Sägeblätter, die den Stein mithilfe jenes scharfkantigen Sandes durchdringen, den die Arbeiter in die Schnittkerbe streuen. Oder sie schlagen Spalten in den Fels, treiben in bestimmten Abständen eiserne Keile hinein und sprengen so das Gestein von der Felswand ab.
Aus den Blöcken meißeln Steinmetze gleichmäßige Quader. Mit zweioder vierrädrigen Gespannen bringen Kutscher das Baumaterial zur Trasse.
Roms Zensoren schreiben jedes größere Bauvorhaben öffentlich aus und be auftragen dann die Unternehmer, die den besten Preis bieten. Dennoch kostet jeder Aquädukt die Republik gewaltige Ressourcen an Material und Arbeitskräften. Und gehört ein Stück Land, über das die Wasserleitung ver laufen soll, einem Privatmann, muss der Staat es ihm teuer abkaufen, denn enteignen würde er seine Bürger nicht. So belastet allein die Aqua Marcia, die dritte von Roms Fernwasserleitungen, die Staatskasse mit wohl 180 Millionen Sesterzen (der Jahressold einer Legion von 5000 Soldaten beträgt zu jener Zeit etwa 2,4 Millionen Sesterzen). Kein Wunder also, dass Beamte die Bauarbeiten penibel überwachen und jeden Mangel sofort beanstanden. Sie wissen: Das Wasser ist ein gnadenloser Gegner – kraftvoll und gegenüber dem Material schonungslos.
Um es zu bändigen, heben die Arbeiter an der Quelle sehr wahrscheinlich eine Grube aus und bauen darin ein großes Auffangbecken aus opus caementi cium , einem Gussbeton aus Kalkmörtel, in den Vulkanerde und Gesteinsbruch gemengt werden. Opus caementicium ist robuster als andere Baustoffe – und noch wichtiger: Es härtet auch unter Wasser aus.
Im unteren Bereich der Beckenwände lassen die Arbeiter kleine Schlitze zum Erdreich; durch sie kann das Quellwasser eindringen. An einer großen Öffnung weiter oben wird später die Wasserleitung angeschlossen. Sie wird zumeist aus Stein gemauert. Von innen verputzen Arbeiter die Leitung mit Opus caementicium, und – wohl ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. – einer dünnen Schicht opus signium , einem ebenfalls undurchlässigen Material, das das Wasser in seinem Fluss kaum bremst. Den U-förmigen Kanal verschließen sie anschließend mit großen Steinplatten, oder sie mauern als Dach einen Bogen darüber. So nimmt die Leitung nach und nach Form an, immer mehr Trassenabschnitte werden verbunden, und endet einer von ihnen am Abgrund eines tiefen Tals, steht dort oft schon eine Brücke, über die der Kanal die andere Seite erreichen kann.
DENN NACHDEM der Bauleiter die Trasse des Aquädukts festgelegt hat, sind auch Brückenbauer losgezogen. Mit Steinquadern haben sie die Außenwand der Brückenpfeiler gemauert, die Fundamente tief im Erdreich verankert. Ab einer gewissen Höhe haben sie die Steine mit Kränen angehoben, deren Zugseile über eine Welle mit einem großen hölzernen Rad verbunden waren, in dem mehrere Sklaven liefen und dem Flaschenzug des Krans so genügend Hubkraft verliehen.
In die fertig gemauerten Pfeiler, noch hohl, haben sie Opus caementicium gefüllt: Der Gussbeton soll die mächtigen Stützen stabilisieren, die für die relativ geringe Last, die sie tragen sollen, eigentlich zu groß sind – aber so Jahrhunderte überdauern. Von Pfeiler zu Pfeiler haben die Brückenbauer große Bögen gemauert. Durch die Bogentechnik sparen sie viele Tonnen an Material, können die Brücken auch über längere Strecken bauen. Schon die Etrusker und Ägypter errichteten Bögen, doch die Römer entwickeln die Methode weiter, setzen bei ihren Aquäduktbrücken mehrere Bogenreihen übereinander und schaffen schließlich Bauwerke von fast 50 Meter Höhe.
Die letzte, entscheidende Ebene, auf der die Wasserleitung entlanglaufen soll, errichtet der Bautrupp wahrscheinlich erst, wenn die Arbeiten an dem Trassen abschnitt vor dem Aquädukt fast beendet sind. Denn obwohl die Planer den Anfangs- und Endpunkt der Brücke per Chorobat bestimmt haben, wissen sie erst, wenn der Kanal in Sicht ist, wie hoch die Brücke tatsächlich sein muss. Bei besonders tiefen Tälern entscheiden die Ingenieure (vor allem in der Kaiserzeit), nur eine kleine Brücke am Talboden zu bauen und die Wasserleitung an den Hängen herab- und wieder hinaufzuführen. Die Rohre für diese steilen Strecken gießen Handwerker aus Blei, denn die Leitungen, die einen geringeren Durchmesser haben als das steinerne Aquädukt, müssen dem hohen Druck des Wassers standhalten.
Am Ausgangspunkt des steilen Abschnitts bauen Arbeiter ein offenes Becken. Hier sammelt sich später das Wasser, bevor es in die Bleirohre schwappt, die vom oberen Ende des Bassins abzweigen. Auf der anderen Seite des Tales errichtet ein weiterer Bautrupp am Anfang des nächsten Leitungsstücks ein zweites Sammelbecken – allerdings einige Meter tiefer als das Gegenüber liegende: So kann das Wasser später gemäß dem Gesetz kommunizierender Röhren die Steigung überwinden. Die größte Herausforderung für die Ingenieure sind aber nicht die Täler – sondern die Berge. Wann immer möglich, umgehen die Planer Erhebungen, nehmen auch Umwege in Kauf.
Doch nicht immer hilft diese Lösung; denn wird die Strecke des Aquädukts zu lang, reicht das Gefälle nicht mehr aus, um das Wasser bis nach Rom zu bringen. Und so bleibt den Römern manchmal nichts anderes übrig, als das Wasser durch einen Berg hindurchzuführen. Mit dem Chorobat bestimmen Spezialis ten wahrscheinlich die Lage von Ein- und Ausgang des Tunnels und stecken von dort aus den geplanten Tunnelverlauf über den Höhenzug ab. Entlang dieser Linie graben Arbeiter mit Schaufeln, eisernen Keilen und Hämmern senkrechte Schächte aus. Dann treiben Arbeitertrupps Verbindungsstollen zwischen den Schächten durch den Berg. Damit der Tunnel am Ende das vom Bauleiter vorgegebene Gefälle hat, orientieren sich die Arbeiter an Bleiloten, die in jedem Schacht hängen und mit den Holzlatten an der Oberfläche auf einer Linie sind.
Muss ein Aquädukt jedoch durch einen besonders hohen Hügel geführt werden, ist die Schacht-Methode zu aufwendig; dann entscheiden Ingenieure, den Tunnel von beiden Seiten durch die Anhöhe zu treiben. So können zumindest zwei Trupps aufeinander zu arbeiten, sparen damit die Hälfte der Bauzeit. Doch nicht immer stoßen die beiden Grabungstrupps präzise aufeinander. Zwar stecken die Ingenieure vor beiden Tunneleingängen Holzstäbe in die Erde, die sie mit den anderen Stäben, die über den Hügel den Verlauf des Tunnels anzeigen, in Flucht gebracht haben. So wissen die Arbeiter, dass sie auf dem richtigen Weg sind, solange sie den Stab vom Stollen aus sehen können.
Aber dennoch kommt es vor, dass sich die beiden Trupps nicht treffen, sei es wegen falsch vermessener Stolleneingänge oder Schlamperei der Tunnelarbeiter. Aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. überliefert eine Inschrift sogar den Fall, dass Arbeiter bei einem Aquäduktbau im heutigen Algerien so lange aneinander vorbeigraben, bis jeder Trupp fast den ganzen Hügel durchstoßen hat. Erst der Landvermesser – der die Baustelle in der Zwischenzeit verlassen hatte – bringt die eifrigen Gräber wieder auf Kurs. Doch meist überprüfen Arbeiter die bereits gebaute Strecke regelmäßig anhand der Fluchtstäbe, nehmen, wann immer nötig, kleine Korrekturen vor und schaffen es so, den anderen Bautrupp zu treffen.
Wenn nach monatelanger Arbeit schließ lich alle Hügel durchtunnelt, alle Täler überbrückt und alle Bauabschnitte vollendet sind, lassen die Ingenieure an der Quelle das Wasser erstmals in den Aquädukt fließen. Zumindest an den Druckleitungen werden sie an diesem Tag Arbeiter postiert haben, um sie zur Not rasch zu reparieren. Denn die Biegungen, in der die Leitungen von schrägen Abhängen auf die waagerechten Talbrücken übergehen, sind Schwachstellen der Konstruktion: Baut sich der Druck zu schnell auf, bersten die Rohre.
Einige Stunden dauert es, bis das Wasser Roms Stadtmauer passiert und ein gewaltiges Reservoir erreicht. Von diesem castellum gehen mehrere große Blei- oder Tonrohre ab, durch die das Wasser zu Verteilerbecken in den Stadtbezirken gelangt (137 dieser Becken verteilen sich am Ende der Republik über die Stadt). Dort setzen sich auch Sandkörner und andere Verunreinigungen des Wassers am Boden ab. Von diesen Verteilerbecken führen Rohre zu öffentlichen Brunnen und Bädern sowie zu den Häusern wohlhabender Bürger. Roms Einwohner dürfen kostenlos Wasser zum Trinken und Kochen aus den Brunnen schöpfen, sich in Badehäusern – für die sie Eintritt zahlen – waschen und in öffentli chen Latrinen mit dem Sitznachbarn plaudern, während die Kanäle unter den Toiletten sitzen pausenlos durch gespült werden. Doch nur Roms Oberschicht kann all die Annehmlichkeiten, die das Wasser bringt, auch im eigenen Wohnhaus genießen.
Die Höhe des Wassergeldes, das Wohlhabende für diesen Luxus zu entrichten haben, richtet sich nach dem Durchmesser der Zu leitung. 25 verschiedene Normgrößen verwendet die Wasserbehörde, die im 1. Jahrhundert n. Chr. zeitweise 250 000 Sesterzen pro Jahr von den Hausbesitzern kassiert. Im Haus selbst zwei gen von der Zuleitung häufig mehrere Rohre ab, die das Wasser in die Küche und den Waschraum bringen. Für stets gleichmäßigen Druck in den Leitungen sorgen die Castella, die – vergleichbar einem Wasserturm – einige Meter über dem Straßenniveau liegen.
Mit Wasserhähnen können die Privilegierten zwischen kaltem und heißem Nass wählen, denn nicht nur in öffentlichen Dampfbädern, sondern auch in manchem Privathaus münden einige der Rohre in einem durch glühende Holzkohlen erhitzten Kessel. Die Armaturen an den Leitungsenden erlauben es, den Wasserfluss zu stoppen, doch meist lassen die Haus besitzer das Nass einfach laufen, Tag und Nacht; schließlich haben sie dafür bezahlt, und seit es die Aquädukte gibt, erscheinen die Reserven schier unerschöpflich.
Aus den Häusern sowie den öffentlichen Bädern und Latrinen fließt das einst so rare Wasser in die Kanalisation, die unter Roms Straßen verläuft. Dort münden viele der kleineren Abwasser bäche in Hauptleitungen. Die wichtigste, die cloaca maxima , haben die Römer bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. ausgehoben, um das Sumpfland, auf dem bald das Forum Romanum entstand, zu entwässern. Zunächst war die Cloaca nicht mehr als ein offener Graben, der in den Tiber mündete. Doch nach und nach verbesserten die Römer den Kanal, überdachten und isolierten ihn teilweise mit Opus signium.
Gegen Ende der Republik ist die Cloaca so groß, dass Inspektoren sie mit dem Boot durchfahren können, und droht sie zu verstopfen, leiten die Verantwortli chen überschüssiges Wasser zu, um sie durchzuspülen. In der Zeit der Aquädukte entsorgt der Kanal jeden Tag Millionen Liter von Schmutz- und Regenwasser in den Tiber – und hilft so, Roms System des ewig fließenden Wassers zu vollenden.
AUCH DANK IHRER am Ende bis zu 91 Kilometer langen Fernwasserleitungen wächst die Stadt schneller als je zuvor und hat um die Zeitenwende fast eine Million Einwohner. Immer höher führen die Römer die Aquädukte auf ihre Stadt zu, damit das Wasser auch die Bezirke auf den Hügeln der Metropole erreichen kann.
Und bald ziehen sich Aquäduktbögen mitten durch Roms Häuserschluchten, überspannen mit bis zu 37 Meter hohen Brücken das Gewimmel in den Straßen. Stolz sind die Römer auf ihre Wasserbrücken, errichten sie auch außerhalb ihrer Kapitale: In zahlrei che Provinzen, die die Legionen er obert haben, bringen Ingenieure erstmals Wasserleitungen. So lernen viele der Unterworfenen neben den Togen und Zirkusspielen auch den Luxus fließenden Wassers kennen.
Verstecken müssen die Römer ihre Aquädukte nun nicht mehr – längst sind sie zu Symbolen ihrer Macht geworden, sei es in Gallien oder in Nordafrika. „Mit diesen so vielen und so notwendigen Wasserbauten“, schreibt der Leiter der städtischen Wasserverwaltung selbst bewusst, „kannst du natürlich die überflüssigen Pyramiden oder die übrigen nutzlosen, weithin gerühmten Werke der Griechen vergleichen.“ Und tatsächlich: Wie kein anderes Bauwerk der Antike entsprechen Roms Wasserleitungen den grundlegenden Bedürfnissen der Bevölkerung: Sie löschen den Durst Zehntausender, verbessern die Hygiene, machen den Alltag in der Metropole erträglich.
Es sind die Triumphe auf dem Schlachtfeld, die Roms Aufstieg vorantreiben; aber erst die Fernwasserleitungen ermög lichen es der Stadt, über Jahrhunderte groß zu bleiben, Kriege und Machtwechsel zu überstehen. Und so wurde, was der Zensor Appius Claudius im Jahr 312 v. Chr. mit seiner nur wenige Kilometer langen Leitung begann, zum vielleicht wichtigsten Faktor von Roms einzigartigem Erfolg.
2. Abwasserentsorgung im römischen Köln
Immer seltener bietet sich in Köln die Gelegenheit, größere, seit Kriegsende unbebaute Flächen innerhalb der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA) archäologisch zu untersuchen. Im Rahmen der Generalsanierung von Opern- und Schauspielhaus war dies vor kurzem jedoch möglich, wodurch unter anderem neue Erkenntnisse zur Abwasserentsorgung der Römerstadt gewonnen werden konnten.
GRABUNGEN IM OPERNQUARTIER 2012 / 2013
Die Sanierung der Kölner Bühnen umfasste auch den Neubau einer Kinderoper und weiterer Räum lichkeiten unter dem sogenannten Kleinen Offenbachplatz. Im Rahmen dieser Maßnahme konnte das Römisch-Germanische Museum zwischen Oktober 2012 und Juni 2013 südlich des Opern- und östlich des Schauspielhauses eine Fläche von etwa 2600 m2 untersuchen. Vor dem Zweiten Weltkrieg befand sich an dieser Stelle die seit dem Mittelalter nachweisbare Straßenkreuzung Kreuzgasse/
Streitzeuggasse, was vor allem im Bereich des ehemaligen Straßenlandes eine gute Befunderhaltung versprach. Entsprechend fanden sich neben antiken Überresten auch mittelalterliche Mauern, die unter anderem zu Wirtschaftsgebäuden des nahe
gelegenen Kreuzbrüderklosters gehörten, sowie mit Kriegsschutt verfüllte Keller gründerzeitlicher Bürgerhäuser. Römische Laufhorizonte waren dagegen nur noch in Ausnahmefällen erhalten, aufgehendes Mauerwerk nirgends. Dennoch erlaubten die unterirdischen Befunde eine Fülle von Aussagen zum städtischen Kanalisationssystem und der Straßenrandbebauung im Zentrum der CCAA.
Bezogen auf die römische Topographie lag der Gra bungsbereich nordwestlich des Forums im Umfeld einer Straßenkreuzung, die allerdings nicht deckungsgleich mit der mittelalterlichen war. Bei der hier verlaufenden Ost-West-Straße handelte es sich
um den ersten decumanus nördlich des decumanus maximus, der heutigen Schildergasse. Ob dieser eine Kiesoberfläche besaß oder mit Steinplatten gepflastert war, ließ sich nicht mehr feststellen; die Straße konnte nur noch indirekt durch die drei darunter verlaufenden Abwasserkanäle sowie die von Norden und Süden einmündenden Zuleitungen nachgewiesen werden.
HOLZKANÄLE UNTER DER STRASSE
Die beiden äußeren Straßenkanäle waren als Spitzgräben, der mittlere als kastenförmiger Sohlgraben in den anstehenden Hochflutlehm eingetieft. Ihr Gefälle verlief nach Osten in Richtung Rhein. Im weiteren Verlauf ging die holzverschalte Kanalisation auf Höhe des Forums in den steinernen Hauptsammler über, der an der Südseite des Prätoriums vorbeiführte und wenig später durch die Stadtmauer in den Fluss entwässerte. Die in der Zeichnung rekonstruierte lineare Ausrichtung der Kanäle besitzt einen vorläufigen Charakter, da sie nur in Ausschnitten untersucht worden sind. Sie waren an der Oberkante noch zwischen 1,20 m und 1,70 m breit, 64–86 cm tief und konnten auf einer Länge von bis zu 42 m nachgewiesen werden. Das Gefälle betrug auf dieser Strecke etwas über einen Meter. Alle drei Kanäle waren ursprünglich mit Holzbohlen verschalt und abgedeckt, worauf eine große Zahl von senkrechten Pfostenlöchern in den Wandungen und auf den Sohlen hindeutet. Sie hatten Durchmesser von 8–16 cm und waren noch bis zu 45 cm tief. Dichte Ansammlungen an manchen Stellen lassen auf eine regelmäßige Instandhaltung der Leitungen schließen. Aus einem der Löcher konnte der Rest eines angespitzten Eichenholzpfostens geborgen werden, der dendrochronologisch in die Zeit um 63 n. Chr. datiert werden konnte.
Die Keramikfragmente aus den Verfüllungen deuten nach einer ersten, vorläufigen Sichtung ebenfalls darauf hin, dass alle drei Gräben spätestens seit der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Betrieb waren. Vereinzelt ist allerdings auch früheres Fundmaterial (u. a. oberitalische Sigillaten) belegt, so dass eine Verwendung bereits in augusteisch-tiberischer Zeit nicht auszuschließen ist. Bei der Nutzungsdauer allerdings zeigten sich Unterschiede: Zumindest der nördliche Kanal (möglicherweise auch der südliche) geriet im Laufe des 2. Jahrhunderts außer Funktion, während aus dem mittleren noch Keramik mindestens des späten 3. Jahrhunderts stammt. Im 4. Jahrhundert wurde dann auch dieser aufgegeben, wie entsprechende Funde kleinformatiger Münzen aus den darüberliegenden Schichten beweisen.
Stadtplan des römischen Köln in der mittleren Kaiserzeit. Das Grabungsareal von 2012/2013 befand sich nordwestlich des zentral gelegenen Forums.
DIE „HAUSANSCHLÜSSE“
Dass von einer unterschiedlich langen Nutzungsdauer der holzverschalten Kanäle auszugehen ist, bestätigten auch die von beiden Seiten rechtwinklig einmündenden Zuläufe aus Ziegeln. Oft wurden nämlich ältere Ziegelkanäle nach einiger Zeit mit neuen überbaut. Diese entwässerten allerdings nicht mehr wie ihre Vorgänger in die äußeren Sammler, sondern zogen darüber hinweg bis zum mittleren. Möglicherweise wurden die äußeren Spitzgräben sogar etwas früher als der mittige Sohlgraben angelegt. Insgesamt wurden 16 Zubringerkanäle aus nördlicher und acht aus südlicher Richtung dokumentiert. Die meisten von ihnen waren in sehr ähnlicher Weise konstruiert. Ihre Gesamtbreite betrug zwischen 66 cm und 89 cm; die Kanalwangen bestanden aus lagenweise vermauerten, großteiligen Fragmenten von Dachziegeln (tegulae), die mit den Leisten nach oben und zur Kanalinnenseite hin verlegt wurden. Es waren bis zu vier Ziegellagen erhalten, was einer erhaltenen Innenhöhe von maximal 33 cm entsprach. Als Abdeckung dienten vermutlich Holzbretter, Ziegel- oder Steinplatten, die allerdings bei der Grabung nirgends nachgewiesen werden konnten. Die Sohlen der Kanalrinnen (lichte Weite 25–38 cm) wurden aus sorgfältig längs verlegten tegulae oder Ziegelplatten gebildet, deren Ränder in das Mauerwerk der Kanalwangen einbanden. Auf den Rinnensohlen konnten oft Kalksinterablagerungen dokumentiert werden, deren Dicke bis zu 1 cm betrug. So sehr sich ihre Bauweise im oberen Teil glich, so sehr unterschieden sich die Kanäle hinsichtlich ihres Unterbaus. Mal fand sich nur eine dünne Mörtelschicht, anderswo bis zu 28 cm dickes opus caementicium-Mauerwerk unter Verwendung von Grauwacke- und Tuffbrocken sowie Ziegelbruch. Die im Detail unterschiedliche Bauausführung der Zubringerkanäle lässt auf die Errichtung durch einzelne Anlieger schließen. Die Abwasserkanäle im Straßenland dürften hingegen auf eine öffentlich-städtische Gesamtplanung zurückgehen.
Die Verfüllung der Kanäle war recht einheitlich, unabhängig von ihrer Bauweise oder davon, ob sie zeitlich früher oder später erbaut wurden. Es handelte sich durchweg um schwarzbraunen, manchmal grünstichigen, stark humosen Sand. Aus dem Fundmaterial ragen insgesamt 16 Münzen sowie mehrere Nadeln aus Bronze und Bein, ein Bronzebeschlag, eine Bronzefibel, Spielsteine sowie eine Terrakottafigur heraus. Eine Besonderheit stellt eine Kette aus Melonenperlen und Metallanhängern dar. Mit Sicherheit dienten die Kanäle unterschiedlichen Zwecken. Einige setzten auf Höhe einer Reihe von Punktfundamenten an, die zu einem straßenbegleitenden Laubengang (porticus) gehörten, womit es sich um Traufwasserkanäle gehandelt haben wird. In den anderen floss dagegen das Abwasser von Haushalten oder Gewerbebetrieben. Dem System der Traufwasserkanäle ging am nördlichen Straßenrand zeitlich ein west-östlich orientierter, breiter und flacher Sickergraben voraus, der aber nach Ausweis des Fundmaterials kaum länger als bis zur Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Funktion war.
HÄUSER NÖRDLICH DER STRASSE
Der decumanus wurde an den Längsseiten von Portiken begleitet, wie sie auch schon an verschiedenen anderen Stellen in der CCAA nachgewiesen werden konnten. Im Norden des Untersuchungsbereichs ergab sich ein recht klares Bild der zugehörigen rückwärtigen Insulabebauung. Anhand von etwa 80 cm breiten und stellenweise über 1,50 m tiefen Ausbruchgräben, in denen sich Grauwackegussfundamente befanden, lassen sich am ehesten giebelständige Häuser mit einem Obergeschoss rekonstruieren, vergleichbar mit Gebäuden, wie sie jüngst für die Capitolsinsula der Colonia Ulpia Traiana in Xanten erschlossen worden sind. In unserem Fall handelte es sich um zwei benachbarte Häuser mit einem Durchgang dazwischen; unterhalb von diesem verlief der mit über 14,50 m längste dokumentierte Ziegelkanal bis zu seiner Mündung in den nördlichen Entwässerungsgraben unter der Straße. In den beiden straßenseitigen Räumen des westlichen Hauses wurde je ein Werkplatz mit einer verziegelten Arbeitsfläche und einem daneben in den Boden eingegrabenen Vorratsgefäß nachgewiesen.
Die neuen Ausgrabungen im Opernquartier ergänzen auf das Beste die Ergebnisse von einige Jahre zurückliegenden Untersuchungen in Köln, darunter die des Nord-Süd-Hauptsammlers unterhalb der Hohe Straße (also des cardo maximus der römischen Stadt) sowie von Kanalauslässen im Bereich Unter Taschenmacher/Kleine Budengasse. Insgesamt verfügen wir damit nun über solide Grundlagen für eine – noch zu schreibende – Gesamtdarstellung des Kanalisationssystems der CCAA.
3. Frischwasser für gut situierte Römer in der Wetterau
Die erfolgreiche Bewirtschaftung der im Hinterland gelegenen villae rusticae war grundlegend für die Versorgung der römischen Soldaten in den Kastellen entlang des Limes. Für die Besitzer der Landgüter war die Frischwassergewinnung essenziell und teilweise mit hohem Aufwand verbunden, wie unlängst in Karben-Petterweil (Wetteraukreis) anhand der dort genutzten Qanat-Technik nachgewiesen werden konnte.
EINE GRABUNG OHNE VORAHNUNG
In Karben-Petterweil (Wetteraukreis, Hessen) wurden im Vorfeld der Erschließung eines Neubaugebietes in der Flur „Nördlich der Fuchslöcher“ 2019 zuerst geophysikalische Untersuchungen durchgeführt. Diese erschienen notwendig, da von dem zu einem kleinen Bachlauf geneigten, mit Lösslehm bedeckten Gelände am heutigen östlichen Ortsrand einige vorgeschichtliche Lesefunde bekannt waren. Zu diesem Zeitpunkt konnte allerdings noch niemand ahnen, dass nicht etwa die zu erwartenden vorgeschichtlichen Siedlungsreste im Mittelpunkt der Untersuchung stehen würden, sondern eine überaus spannende versorgungstechnische Konstruktion der Antike, die unter den in den letzten Jahren freigelegten römischen Relikten aus der Wetterau eine außergewöhnliche Entdeckung darstellt.
Im Messbild der geomagnetischen Untersuchung der Firma Eastern Atlas GmbH & Co. KG zeichneten sich wenige auffällige, meist als „Siedlungsgruben“ zu deutende Anomalien ab. Unter der Leitung von Silke Hesemann wurden daher durch die Grabungsfirma AAB-Archäologie Suchschnitte durch das insgesamt ca. 3,5 ha große zukünftige Baugebiet gelegt. Neben kegelstumpfförmigen Vorratsgruben bildete eine „schiffsförmige“ Aneinanderreihung von zahlreichen rundlichen Anomalien einen Schwerpunkt der Grabung. In Profilschnitten konnten diese zunächst bis auf 3 m unter Geländeoberkante verfolgt werden. Sie zeichneten sich als senkrechte Schächte ab, was zu einer ersten Interpretation als Bergbaurelikte führte. Doch was hätte im Löss abgebaut werden sollen? Erst ein in 3 m Tiefe angelegtes Zwischenplanum ließ einen die Schächte verbindenden Stollen erkennen, an dessen Sohle ein aus Taunusquarzit gesetzter Kanal verlief. Damit konnte das Befundensemble als Rest einer Bewässerungsanlage nach Art des Qanat-Verfahrens erkannt werden.
DIE KONSTRUKTION EINES QANAT
Unter der arabischen Bezeichnung Qanāt oder Kanat wird eine ursprünglich aus dem Gebiet des heutigen Iran stammende Technik von Tunnelbauten zur Erschließung von Grundwasser verstanden. Bis heute ist diese traditionelle Form der Frischwasserförderung in ariden bis semiariden Gebieten Nordafrikas und Vorderasiens verbreitet. Hierbei wird jeweils ausgehend von einem gebirgig bzw. höher gelegenen Brunnen Grundwasser angezapft und über einen unterirdisch verlaufenden Kanal mit geringem Gefälle, der von zahlreichen vertikalen Zugangsschächten aus erbaut und bewirtschaftet wird, zum Verbrauchsort geleitet (siehe Infokasten).
DIE QANAT-RELIKTE VON PETTERWEIL
In Petterweil kamen in 4–5 m Tiefe mehrere unterirdische Leitungsgräben zum Vorschein, die mit einem Gefälle nach Osten in einen Kanal mündeten und ursprünglich das Wasser in ein Becken außerhalb des Grabungsareals leiteten. Die einzelnen Leitungsstränge wurden nacheinander angelegt und ausgebaut, wobei nicht auszuschließen ist, dass sie auch gleichzeitig Wasser führten und so der Durchfluss erhöht wurde. Während Leitung 1 durch eine regelmäßige Reihe aus 2–5 mauseinander liegenden Pingen von etwa 1,2 m Durchmesser an der ehemaligen Oberfläche gekennzeichnet war, deuteten die ausgebrochenen Schächte des nördlichen Leitungsabschnittes 2 auf mehrmalige Einstürze und Ausbauten hin. Diese Annahme bestätigten die Profile, in denen auch der Versturz des Wartungsstollens auf knapp 64 m Länge zu erkennen war.
In Petterweil waren eine Aufschlüsselung des gesamten, aus mehreren Wasserführungen bestehenden Quanat-Systems sowie eine Bestimmung der Bauzeiten während der Grabung nur bedingt möglich. Zu Beginn der Untersuchungen wurden die Eingriffstiefen noch mit Blick auf die spätere Bebauung gering gehalten, so dass nicht alle Befunde vollständig ausgegraben werden konnten. Auch mittels Geomagnetik sind die Qanat-Pingen nicht eindeutig zu lokalisieren, da im gesamten Gelände auch Befunde anderer Epochen mit ähnlichen Abmessungen liegen.
In der ersten Bauphase wird es sich wohl um einen Holzbau gehandelt haben, der sich im Westen in etwa 4 m Tiefe mit Resten von drei Holzplanken zwischen 1,48 m und 1,93 m Länge sowie etwa 16 cm Breite und 2 cm Dicke zu erkennen gab. Die Holzstücke deckten an der Sohle des hier kaum nachweisbaren Stollens eine flach gerundete Rinne aus stark tonigem Schluff ab. Sie war durch den Bodendruck derart stark verpresst, dass eine Kanalstärke nicht berechnet werden kann. Weitere Bruchhölzer lagen unregelmäßig verteilt im Bereich einer breit eingebrochenen Schachtpinge, hinter der die Leitung dann schräg nach Nordosten weiterverlief. Im nächsten Schnitt wurden nur noch verräumte Holzreste angetroffen, wohingegen die Wasserrinne nun aber in Stein ausgebaut war. Nach nur wenigen Dezimetern mündete der Leitungsabschnitt gemeinsam mit Leitung 3 in eine T-förmige Kreuzung zu Leitung 2. Ob die Kreuzung und die ebenfalls frühe Leitung 2 ursprünglich vollständig auf die Holzbauphase zurückgehen bzw. mit dieser gleichzeitig erbaut wurden, ist nicht mehr zu beantworten, da hier die eigentlichen Kanäle nur an den zwei kleinen Schnittstellen aufgedeckt werden konnten. Es ist jedoch angesichts der vielen Pingenverstürze in diesem Bereich eine lange Nutzungsdauer anzunehmen, wobei zwei Ausbauphasen durchaus möglich erscheinen.
Betrachtet man nun den Abschluss der Holzleitung im Westen, so bricht diese deutlich vor dem in ihrer Flucht gelegenen steinernen Wassersammler von Leitung 1 ab. Berücksichtigt man, dass Holzerhaltung im Löss eher die Ausnahme darstellt, ist nicht auszuschließen, dass die Leitung noch etwas weiter in Richtung auf den später in Stein ausgebauten Wassersammler zulief oder direkt am jetzt erhaltenen Ende auf Lössniveau ein solcher aus Holz angesetzt war.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Schneider, Johannes: Der erste Aquädukt, in: Rom. Die Geschichte der Republik (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 50), Hamburg 2011.
-> Wieland Martin u. Schäfer, Alfred: Abwasserentsorgung im römischen Köln, in: Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (9. Jg., Heft Nr. 1), Bad Homburg 2015, S. 12-15.
-> Schade-Lindig; Lindenthal, Jörg: Frischwasser für gut situierte Römer in der Wetterau, in: Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (16. Jg., Heft Nr. 1), Bad Homburg 2022, S. 24-29.

