Aquädukte und Wasserwirtschaft
Inhaltsverzeichnis
- Der erste Aquädukt. Wasser für Rom.
- Abwasserentsorgung im römischen Köln
- Frischwasser für gut situierte Römer in der Wetterau
- Römer-Quellen: Wasserversorgung in der Antike
- Der Rhein im Denken der Römer
1. Der erste Aquädukt. Wasser für Rom.
Ihren wichtigsten Kampf führen die Römer nicht gegen die Heere ihrer Gegner – sondern gegen die Natur. Denn nur wenn es ihnen gelingt, Rom mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen, kann die Stadt weiter wachsen. Und so über brücken römische Ingenieure Täler und Ebenen, durchbrechen Wälder und Berge, um über Aquädukte das kostbare Nass selbst aus entlegenen Quellen in ihre Kapitale zu leiten.
Rom hat keinen bedeutenden Hafen, liegt weder an einem großen See noch am Meer – und doch ist Wasser das Geheimnis seiner Größe. Denn Wasser lässt die Stadt wachsen, als die natürlichen Grenzen ihrer Ausdehnung längst erreicht sind. Ohne Wasser hätten die Römer ihre Stadt nicht zur mächtigsten Metropole der Welt ausbauen können. Hunderte Mil lio nen Liter sind für diesen einzigartigen Aufstieg nötig, glasklares Nass, jeden Tag.
Die unmittelbare Umgebung der Stadt bietet diese unverzichtbare Ressource nicht in ausreichender Menge. Um sie dennoch zu bekommen, müssen die Bewohner die Natur besiegen. Und so bestreiten die Römer ihren bedeutendsten Kampf nicht gegen die Armeen ihrer Feinde, sondern gegen die Täler und Berge, die Sümpfe und Wälder, die ihre Stadt umgeben.
Nur so können sie sicher stellen, dass das Wachstum ihrer Stadt nicht im Chaos endet. Es ist ein Kampf, der jahrhundertelang andauert und der Roms Ingenieure immer wieder vor scheinbar unlösbare Probleme stellt. Und der doch dazu führt, dass Bauwerke entstehen, die zu den beein druckendsten der Geschichte gehören: Roms Aquädukte. Aqua bedeutet im Lateini schen „Wasser“, ductus „Leitung“. Die Römer versuchen also, das Wasser zu leiten, es zu beherrschen. Zwar bauen schon die Griechen Wasserleitungen, um ihren Bedarf an Trinkwasser zu decken, auch die As - syrer sowie die Etrusker in Norditalien. Doch niemand perfektioniert die Technik so sehr wie die Ingenieure aus der Tiberstadt.
Als die Republik im Jahr 27 v. Chr. endet, transportieren fünf gigantische Fernwasserleitungen jeden Tag mehr als 200 Millionen Liter Wasser in die Stadt. Die Aquädukte verlaufen insgesamt über mehr als 200 Kilometer Länge, über winden Täler, Berge und Flüsse. In Rom ergießen sich die Aquädukte in Reservoire. Von dort aus leiten Tausende Blei- und Tonrohre das Wasser in die verschiedenen Bezirke, speisen Brunnen, öffentliche Bäder und bringen das Nass sogar direkt in Häuser wohl habender Römer. Die gewaltigen Mengen an Schmutzwasser, die täglich anfallen, nehmen mächtige, unterirdi sche Kanäle auf und führen sie in den Tiber.
Es ist ein System, in seiner Vollkommenheit typisch für die Römer. Sie mögen keine großen Erfinder sein, doch sobald sie bei anderen Völkern eine Technik entdecken, die ihnen nützlich erscheint, bringen sie die Idee der anderen zur Vollendung. Sie konstruieren nicht die ersten Katapulte, stellen aber bald die durchschlagkräftigsten her; sie bauen nicht die ersten Wassermühlen, aber sehr wahrscheinlich die größten. Und sie errichten auch nicht die ersten Fernwasserleitungen – aber die besten. Allein: Gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. bleibt ihnen keine andere Wahl mehr.
LANGE ZEIT DECKEN die Römer ihren Wasserbedarf ohne Leitungen. Die ersten Siedler, die auf Hügeln nahe einer Furt über den Tiber in Lehmhütten hausen, schöpfen ihr Wasser aus dem Tiber sowie aus nahen Bächen und kleinen Quellen. Als Rom im Laufe der Jahrhunderte allmählich zur ländlichen Kleinstadt heranwächst, heben seine Bewohner mehr und mehr Brunnen aus und legen Zisternen an, von denen manche Zehntausende Liter Wasser fassen. Das reicht aus, um die Stadt zu versorgen.
Vom 4. Jahrhundert v. Chr. an aber triumphiert Rom zunehmend über die benachbarten Völker und Gemeinwesen, erobert nach und nach die etruskischen Stadtstaaten, zwingt Latiner in ein Bündnis, später auch Samniten. Immer mehr Menschen siedeln am Tiber, die in der Metropole eine Chance zum wirtschaftlichen Aufstieg sehen. Gegen Ende des Jahrhunderts zählt Rom bereits etwa 75 000 Einwohner. Und wächst weiter.
Die Neuankömmlinge brauchen sauberes Trinkwasser. Ihre Abfälle, feste wie flüssige, müssen entsorgt werden, sonst drohen Krankheiten. Nur mit Brunnen, Zisternen und Kanälen sind diese Probleme nicht mehr zu bewäl tigen. Doch als der Zensor Appius Claudius – in seinem Amt unter anderem für Roms öffentliche Bauten zuständig – 312 v. Chr. den Bau der ersten Fernwasserleitung in der römischen Geschichte plant, sind viele Mitglieder des Senats gegen das Projekt. Ver mutlich empfinden sie das Vorhaben als zu groß, zu teuer und zu risikoreich. Und womöglich verdächtigen sie Appius auch, mit dem epochalen Bau vor allem persönliche Ziele zu verfolgen.
Denn obwohl der Politiker aus einem traditionsreichen römischen Adelsclan stammt, sind in den Jahrzehnten zuvor nur wenige seiner Familienmitglieder in be deutende Ämter auf gestiegen. Und so könnte Appius die Fernwasserleitung dazu nutzen, sich bei seiner weiteren politischen Karriere die Unterstützung der ärmeren Bevölkerung zu sichern – denn es sind vor allem die vielen Bewohner der engen und verdreckten Mietshäuser, die von einer besseren Wasserversorgung profitieren würden. Ist der erste Aquädukt Roms also nichts anderes als ein vorzeitiges Wahlkampfgeschenk? Das verwegene Pres tigeprojekt eines ehrgeizigen Politikers?
Tatsächlich ist der Plan des Appius Claudius, von Osten her eine mehr als 16 Kilometer lange, zumeist unterirdische Wasserleitung an die Stadt heranführen zu lassen, ein waghalsiges Unternehmen. Und mit der von Claudius zeitgleich geplanten Via Appia – einer knapp 200 Kilometer langen Straße in den Süden – Teil eines der größten Bauprogramme der römischen Geschichte: ein Projekt, das viele Millionen Sesterzen verschlingt und Roms Ingenieure vor extrem komplexe technische Herausforderungen stellt.
Doch so sehr die Senatoren an diesem Großvorhaben auch zweifeln mögen – verhindern können sie es nicht: Zu drückend ist der Mangel an sauberem Wasser in der wachsenden Metropole. Wie die Römer nach und nach die Wasserversorgung ihrer Stadt perfektionieren, davon berichten der Architekt Vitruv sowie der Senator Frontin, später Leiter der Wasserbehörde. Obwohl der Baumeister zur Zeit Caesars lebt und der Politiker in der Kaiserzeit, gelten etliche ihrer Ausführun gen auch für die republikanische Epoche, denn die Grund sätze der Konstruktion bleiben die gleichen.
SO STEHT AM BEGINN des Baus jedes Aquädukts die Suche nach ergiebigen Quellen, geeigneten Seen oder Flussläufen. Dazu erforschen Experten gezielt das Umland, achten dabei unter anderem auf Zeichen, die auf Grundwasserquellen hinweisen – sie suchen nach bestimmten Pflanzen, Weiden etwa, Erlen, Binsen. Legen sich flach auf den Bauch, stützen ihr Kinn auf den Boden und achten auf Verdunstungen, die aus dem Erdreich aufsteigen.
Haben sie eine vielversprechende Stelle ausgemacht, entscheidet sich oft wohl schon nach dem ersten Spatenstich, ob es lohnt, weiterzugraben: Ist der Boden lehmig oder grobkörnig, suchen die Männer anderswo, denn das Wasser unter diesen Böden wird im besten Falle „nicht wohlschmeckend“ sein, wie Vitruv schreibt, und im schlimmsten sogar „schlammig trübe“. Am reinsten, so der Architekt, sei das Wasser meist am Fuß von Bergen: kühl „und der Gesundheit zuträglich“.
Für den Bau der Aqua Appia entdecken die Römer um 312 v. Chr. am Rande der Sabiner Berge nordöstlich ihrer Stadt Quellen von bester Qualität. Doch ob die als Startpunkt ihres Aquädukts taugen, wissen sie damit noch lange nicht. Denn entscheidend beim Wassertransport ist die Schwerkraft: Die Aquädukte müssen ein Gefälle haben, andernfalls erreicht kein ein ziger Tropfen die Stadt. Deshalb müssen die Ingenieure vor dem Bau eines Kanals nicht nur seinen Start-, sondern auch den exakten Endpunkt festlegen. Sie müssen bestimmen, wo genau die Wasserleitung in Rom ankommen soll und welche Höhe sie dort noch hat, damit das Wasser in der Stadt möglichst viele Bezirke erreicht.
Von dem Punkt in der Stadt aus, den sie für günstig halten, laufen sie dann zurück zur Quelle, notieren die Lage von Hügeln, schätzen die Tiefe von Tälern, achten während des Weges auf jeden Höhen unterschied. Sie „lesen“ also den Verlauf der Landschaft, erwägen unterschiedliche Strecken, machen Umwege. Erst dann stecken Arbeiter Holzpfähle in den Boden, markieren so den Weg, den der Aquädukt nehmen soll.
Anschließend bringen Männer einen Chorobat zur Quelle: ein Gerät zum Messen von Höhenunterschieden. Sie stellen die schmale, knapp sechs Meter lange Platte, als deren Beine hüfthohe Hölzer dienen, auf den markierten Verlauf des Aquädukts. Vermutlich haben sie Holzkeile, Balken und Steine dabei, die sie so unter die Beine schieben, dass die Apparatur waagerecht steht. Sie können sich dabei an vier Bleiloten orientieren, die von der Platte herabhängen und mit senkrechten Markierungen an den Streben übereinstimmen, sobald die Apparatur horizontal ausgerichtet ist (siehe Illustration Seite 47).
Wenn bei starkem Wind die Lote nicht zur Ruhe kommen, füllt ein Arbeiter eine Mulde in der Mitte der Holzplatte mit Wasser. Reicht die Flüssigkeit an allen Stellen bis zum Rand der Mulde, ohne überzulaufen, wissen sie, dass ihr Gerät ebenmäßig steht. Sobald der Chorobat exakt waagerecht steht, stecken Landvermesser zwei Latten vor und hinter dem Gerät in den Boden, jeweils ein paar Meter entfernt. Ein dritter geht am Gerät in die Hocke, sodass seine Augen genau auf der Höhe der waagerechten Platte des Chorobats sind, und visiert die Messlatten über die Platte an. Anhand der Markierungen an den Latten kann er die Höhenunterschiede zwischen ihren Positionen berechnen – und so das Gefälle zwischen den beiden Messpunkten bestimmen.
Mithilfe des Chorobats vermessen die Männer so die Strecke des Aquädukts, notieren akribisch jede Änderung des Gefälles. Meist benutzen sie dazu wohl die Messlatten; in Streckenabschnitten aber, die recht ebenmäßig sind, bestimmen sie das Gefälle wahrscheinlich direkt am Chorobat, indem sie die Höhe der Holzbalken fest halten, die sie brauchen, um das Gerät in die Waagerechte zu bringen. Nach jeder Messung drehen sie das Gerät um 180 Grad – bewegen es also wie einen Stechzirkel vorwärts. Denn die Landvermesser sind sich sehr wohl bewusst, dass selbst ein sorgfältig gearbeiteter Chorobat nicht immer exakt gleich lange Beine hat, dass sich die Platte verziehen kann, etwa nach einem Regenschauer. Und auch wenn die Ungenauigkeiten nur minimal sind, würden sie sich bei der Vielzahl der Messungen zu einem gravierenden Fehler summieren.
Deshalb ermitteln die Landvermesser den Höhenunterschied regelmäßig an beiden Enden ihres Geräts – und gleichen die Unzulänglichkeit ihres Materials dadurch aus, dass sie zweimal „falsch“ messen, in der Summe aber das richtige Ergebnis erhalten.
Bis sie an Roms Stadtgrenze angekommen sind, haben sie den Chorobat mehrere Tausend Male akribisch in die Waagerechte gebracht, die Messstäbe anvisiert, die Ergebnisse auf Schreibtafeln zusammengestellt und an den Bauleiter über geben. Der kann nun seinen Arbeitertrupps genau sagen, wie sie das Gelände in ihrem jeweiligen Abschnitt nivellieren müssen, damit die Leitung eine möglichst einheitliche Neigung hat – die Römer bauen einen Aquädukt nicht vom Start zum Ziel, sondern teilen die Strecke, um Zeit zu sparen, in viele Einzelabschnitte auf. Die Arbeiter kennen nur das Gefälle in ihrem Bereich; sie wissen beispielsweise, dass ihre Trasse pro Kilometer fünf Meter an Höhe verlieren soll.
Mit dieser Vorgabe beginnen sie zu graben, schlagen Schneisen in die Pinienwälder der Umgebung. Denn die Aquädukte verlaufen zumeist unterirdisch – unter anderem deshalb, weil sie so geschützt sind: vor Feinden, die sie zerstören oder das Wasser vergiften könnten; vor Wasserdieben, die die Leitungen anzapfen. Die Aqua Appia etwa verläuft nur auf einem Teilstück von rund 100 Metern über der Erde. Die junge, von Konkurrenten umgebene Republik will ihre erste Lebens ader so gut wie möglich verstecken.
Und so heben Hunderte Arbeiter einen kilometerlangen Graben aus, der genug Platz lässt für den Bau der etwa 80 Zentimeter breiten und doppelt so hohen Wasserleitung. Um sicherzugehen, dass sie beim Ausheben der Trasse das vorgegebene Gefälle einhalten, hat jeder Bautrupp drei T-förmige Hölzer dabei. Die, etwa brusthoch, haben erfahrene Tischler mit exakt den gleichen Abmessungen gefertigt. Am Beginn ihres Trassenabschnitts stecken Landvermesser zwei der Hölzer entlang der Strecke in die Erde. Diese Fixpunkte, einige Meter voneinander entfernt, haben sie per Chorobat so eingerichtet, dass ihr Höhenunterschied genau dem Gefälle entspricht, das der Bauleiter bestimmt hat.
Nun stellt sich ein Arbeiter mit dem dritten T-Holz weiter unten im Trassenverlauf auf. Oben geht der Ingenieur vor dem ersten T-Holz in die Knie, blickt genau über dessen Oberkante, kneift ein Auge zu und peilt das zweite Holz an, sodass sich die Oberkanten der Hölzer decken.
Aus diesem Blickwinkel weist er den Arbeiter mit dem dritten Holz so lange ein, bis sich auch die Oberkante des dritten Holzes auf einer Linie mit den ersten beiden befindet. Dieser Punkt wird wie die beiden ersten mit Holz pflöcken für den Bautrupp markiert. Das T-Holz am Start der Trasse ist jetzt frei, um es weiter unten wieder aufzustellen und mit ihm einen vierten Punkt abzu stecken, den ein Arbeiter bestimmt, indem er vom zweiten über das dritte T-Holz peilt. So geht es weiter. Bei jedem Durchgang markieren die Arbeiter den neu gefundenen Fixpunkt mit einem kleinen Holzpflock, bis zum Ende ihres Trassenabschnitts. Mit den T-Hölzern heben die Arbeiter die gewünschte Gefälle linie sozusagen vom Boden auf Augenhöhe – so können sie das Gefälle Stück für Stück überprüfen, schnell und ohne gro ßen Aufwand.
´Allerdings hat die Methode einen Nachteil. Da die Arbeiter stets in einer geraden Linie über die Oberkanten der Hölzer blicken, lässt sie die Erdkrümmung außer Acht: Die Arbeiter kommen mit den T-Hölzern auf ihrem Abschnitt stets ein wenig über dem gewünschten Endpunkt an. Die Ab weichung wird größer, je länger die Strecke ist. Die Ingenieure entscheiden deshalb, die einzelnen Abschnitte der Trasse immer von oben nach unten fest zulegen, also von der Quelle in Richtung Stadt. Denn auf diese Weise können sie darauf vertrauen, dass sie den jeweils anschließenden Streckenabschnitt niemals zu tief, sondern stets ein wenig zu hoch erreichen – ein Fehler, der sicherstellt, dass der Aquädukt immer aus rei chen des Gefälle hat und den die Arbeiter ausgleichen können, indem sie die beiden Kanal abschnitte durch ein kurzes, steileres Stück verbinden.
Auf diese Weise folgt die Trasse dem Bodenprofil und verliert in der Regel pro Kilometer zwischen anderthalb und drei Metern an Höhe.
WÄHREND HUNDERTE Arbeiter entlang der Trasse Bäume fällen, Tonnen von Erde be wegen und durch Tausende Messungen dieses stetige Gefälle garantieren, schuften mindestens ebenso viele in den staatseigenen Tuff- und Kalksteinbrüchen östlich von Rom. Hilfsarbeiter trennen dort rie sige Steinquader aus den Felswänden, benutzen meterlange, zahnlose Sägeblätter, die den Stein mithilfe jenes scharfkantigen Sandes durchdringen, den die Arbeiter in die Schnittkerbe streuen. Oder sie schlagen Spalten in den Fels, treiben in bestimmten Abständen eiserne Keile hinein und sprengen so das Gestein von der Felswand ab.
Aus den Blöcken meißeln Steinmetze gleichmäßige Quader. Mit zweioder vierrädrigen Gespannen bringen Kutscher das Baumaterial zur Trasse.
Roms Zensoren schreiben jedes größere Bauvorhaben öffentlich aus und be auftragen dann die Unternehmer, die den besten Preis bieten. Dennoch kostet jeder Aquädukt die Republik gewaltige Ressourcen an Material und Arbeitskräften. Und gehört ein Stück Land, über das die Wasserleitung ver laufen soll, einem Privatmann, muss der Staat es ihm teuer abkaufen, denn enteignen würde er seine Bürger nicht. So belastet allein die Aqua Marcia, die dritte von Roms Fernwasserleitungen, die Staatskasse mit wohl 180 Millionen Sesterzen (der Jahressold einer Legion von 5000 Soldaten beträgt zu jener Zeit etwa 2,4 Millionen Sesterzen). Kein Wunder also, dass Beamte die Bauarbeiten penibel überwachen und jeden Mangel sofort beanstanden. Sie wissen: Das Wasser ist ein gnadenloser Gegner – kraftvoll und gegenüber dem Material schonungslos.
Um es zu bändigen, heben die Arbeiter an der Quelle sehr wahrscheinlich eine Grube aus und bauen darin ein großes Auffangbecken aus opus caementi cium , einem Gussbeton aus Kalkmörtel, in den Vulkanerde und Gesteinsbruch gemengt werden. Opus caementicium ist robuster als andere Baustoffe – und noch wichtiger: Es härtet auch unter Wasser aus.
Im unteren Bereich der Beckenwände lassen die Arbeiter kleine Schlitze zum Erdreich; durch sie kann das Quellwasser eindringen. An einer großen Öffnung weiter oben wird später die Wasserleitung angeschlossen. Sie wird zumeist aus Stein gemauert. Von innen verputzen Arbeiter die Leitung mit Opus caementicium, und – wohl ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. – einer dünnen Schicht opus signium , einem ebenfalls undurchlässigen Material, das das Wasser in seinem Fluss kaum bremst. Den U-förmigen Kanal verschließen sie anschließend mit großen Steinplatten, oder sie mauern als Dach einen Bogen darüber. So nimmt die Leitung nach und nach Form an, immer mehr Trassenabschnitte werden verbunden, und endet einer von ihnen am Abgrund eines tiefen Tals, steht dort oft schon eine Brücke, über die der Kanal die andere Seite erreichen kann.
DENN NACHDEM der Bauleiter die Trasse des Aquädukts festgelegt hat, sind auch Brückenbauer losgezogen. Mit Steinquadern haben sie die Außenwand der Brückenpfeiler gemauert, die Fundamente tief im Erdreich verankert. Ab einer gewissen Höhe haben sie die Steine mit Kränen angehoben, deren Zugseile über eine Welle mit einem großen hölzernen Rad verbunden waren, in dem mehrere Sklaven liefen und dem Flaschenzug des Krans so genügend Hubkraft verliehen.
In die fertig gemauerten Pfeiler, noch hohl, haben sie Opus caementicium gefüllt: Der Gussbeton soll die mächtigen Stützen stabilisieren, die für die relativ geringe Last, die sie tragen sollen, eigentlich zu groß sind – aber so Jahrhunderte überdauern. Von Pfeiler zu Pfeiler haben die Brückenbauer große Bögen gemauert. Durch die Bogentechnik sparen sie viele Tonnen an Material, können die Brücken auch über längere Strecken bauen. Schon die Etrusker und Ägypter errichteten Bögen, doch die Römer entwickeln die Methode weiter, setzen bei ihren Aquäduktbrücken mehrere Bogenreihen übereinander und schaffen schließlich Bauwerke von fast 50 Meter Höhe.
Die letzte, entscheidende Ebene, auf der die Wasserleitung entlanglaufen soll, errichtet der Bautrupp wahrscheinlich erst, wenn die Arbeiten an dem Trassen abschnitt vor dem Aquädukt fast beendet sind. Denn obwohl die Planer den Anfangs- und Endpunkt der Brücke per Chorobat bestimmt haben, wissen sie erst, wenn der Kanal in Sicht ist, wie hoch die Brücke tatsächlich sein muss. Bei besonders tiefen Tälern entscheiden die Ingenieure (vor allem in der Kaiserzeit), nur eine kleine Brücke am Talboden zu bauen und die Wasserleitung an den Hängen herab- und wieder hinaufzuführen. Die Rohre für diese steilen Strecken gießen Handwerker aus Blei, denn die Leitungen, die einen geringeren Durchmesser haben als das steinerne Aquädukt, müssen dem hohen Druck des Wassers standhalten.
Am Ausgangspunkt des steilen Abschnitts bauen Arbeiter ein offenes Becken. Hier sammelt sich später das Wasser, bevor es in die Bleirohre schwappt, die vom oberen Ende des Bassins abzweigen. Auf der anderen Seite des Tales errichtet ein weiterer Bautrupp am Anfang des nächsten Leitungsstücks ein zweites Sammelbecken – allerdings einige Meter tiefer als das Gegenüber liegende: So kann das Wasser später gemäß dem Gesetz kommunizierender Röhren die Steigung überwinden. Die größte Herausforderung für die Ingenieure sind aber nicht die Täler – sondern die Berge. Wann immer möglich, umgehen die Planer Erhebungen, nehmen auch Umwege in Kauf.
Doch nicht immer hilft diese Lösung; denn wird die Strecke des Aquädukts zu lang, reicht das Gefälle nicht mehr aus, um das Wasser bis nach Rom zu bringen. Und so bleibt den Römern manchmal nichts anderes übrig, als das Wasser durch einen Berg hindurchzuführen. Mit dem Chorobat bestimmen Spezialis ten wahrscheinlich die Lage von Ein- und Ausgang des Tunnels und stecken von dort aus den geplanten Tunnelverlauf über den Höhenzug ab. Entlang dieser Linie graben Arbeiter mit Schaufeln, eisernen Keilen und Hämmern senkrechte Schächte aus. Dann treiben Arbeitertrupps Verbindungsstollen zwischen den Schächten durch den Berg. Damit der Tunnel am Ende das vom Bauleiter vorgegebene Gefälle hat, orientieren sich die Arbeiter an Bleiloten, die in jedem Schacht hängen und mit den Holzlatten an der Oberfläche auf einer Linie sind.
Muss ein Aquädukt jedoch durch einen besonders hohen Hügel geführt werden, ist die Schacht-Methode zu aufwendig; dann entscheiden Ingenieure, den Tunnel von beiden Seiten durch die Anhöhe zu treiben. So können zumindest zwei Trupps aufeinander zu arbeiten, sparen damit die Hälfte der Bauzeit. Doch nicht immer stoßen die beiden Grabungstrupps präzise aufeinander. Zwar stecken die Ingenieure vor beiden Tunneleingängen Holzstäbe in die Erde, die sie mit den anderen Stäben, die über den Hügel den Verlauf des Tunnels anzeigen, in Flucht gebracht haben. So wissen die Arbeiter, dass sie auf dem richtigen Weg sind, solange sie den Stab vom Stollen aus sehen können.
Aber dennoch kommt es vor, dass sich die beiden Trupps nicht treffen, sei es wegen falsch vermessener Stolleneingänge oder Schlamperei der Tunnelarbeiter. Aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. überliefert eine Inschrift sogar den Fall, dass Arbeiter bei einem Aquäduktbau im heutigen Algerien so lange aneinander vorbeigraben, bis jeder Trupp fast den ganzen Hügel durchstoßen hat. Erst der Landvermesser – der die Baustelle in der Zwischenzeit verlassen hatte – bringt die eifrigen Gräber wieder auf Kurs. Doch meist überprüfen Arbeiter die bereits gebaute Strecke regelmäßig anhand der Fluchtstäbe, nehmen, wann immer nötig, kleine Korrekturen vor und schaffen es so, den anderen Bautrupp zu treffen.
Wenn nach monatelanger Arbeit schließ lich alle Hügel durchtunnelt, alle Täler überbrückt und alle Bauabschnitte vollendet sind, lassen die Ingenieure an der Quelle das Wasser erstmals in den Aquädukt fließen. Zumindest an den Druckleitungen werden sie an diesem Tag Arbeiter postiert haben, um sie zur Not rasch zu reparieren. Denn die Biegungen, in der die Leitungen von schrägen Abhängen auf die waagerechten Talbrücken übergehen, sind Schwachstellen der Konstruktion: Baut sich der Druck zu schnell auf, bersten die Rohre.
Einige Stunden dauert es, bis das Wasser Roms Stadtmauer passiert und ein gewaltiges Reservoir erreicht. Von diesem castellum gehen mehrere große Blei- oder Tonrohre ab, durch die das Wasser zu Verteilerbecken in den Stadtbezirken gelangt (137 dieser Becken verteilen sich am Ende der Republik über die Stadt). Dort setzen sich auch Sandkörner und andere Verunreinigungen des Wassers am Boden ab. Von diesen Verteilerbecken führen Rohre zu öffentlichen Brunnen und Bädern sowie zu den Häusern wohlhabender Bürger. Roms Einwohner dürfen kostenlos Wasser zum Trinken und Kochen aus den Brunnen schöpfen, sich in Badehäusern – für die sie Eintritt zahlen – waschen und in öffentli chen Latrinen mit dem Sitznachbarn plaudern, während die Kanäle unter den Toiletten sitzen pausenlos durch gespült werden. Doch nur Roms Oberschicht kann all die Annehmlichkeiten, die das Wasser bringt, auch im eigenen Wohnhaus genießen.
Die Höhe des Wassergeldes, das Wohlhabende für diesen Luxus zu entrichten haben, richtet sich nach dem Durchmesser der Zu leitung. 25 verschiedene Normgrößen verwendet die Wasserbehörde, die im 1. Jahrhundert n. Chr. zeitweise 250 000 Sesterzen pro Jahr von den Hausbesitzern kassiert. Im Haus selbst zwei gen von der Zuleitung häufig mehrere Rohre ab, die das Wasser in die Küche und den Waschraum bringen. Für stets gleichmäßigen Druck in den Leitungen sorgen die Castella, die – vergleichbar einem Wasserturm – einige Meter über dem Straßenniveau liegen.
Mit Wasserhähnen können die Privilegierten zwischen kaltem und heißem Nass wählen, denn nicht nur in öffentlichen Dampfbädern, sondern auch in manchem Privathaus münden einige der Rohre in einem durch glühende Holzkohlen erhitzten Kessel. Die Armaturen an den Leitungsenden erlauben es, den Wasserfluss zu stoppen, doch meist lassen die Haus besitzer das Nass einfach laufen, Tag und Nacht; schließlich haben sie dafür bezahlt, und seit es die Aquädukte gibt, erscheinen die Reserven schier unerschöpflich.
Aus den Häusern sowie den öffentlichen Bädern und Latrinen fließt das einst so rare Wasser in die Kanalisation, die unter Roms Straßen verläuft. Dort münden viele der kleineren Abwasser bäche in Hauptleitungen. Die wichtigste, die cloaca maxima , haben die Römer bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. ausgehoben, um das Sumpfland, auf dem bald das Forum Romanum entstand, zu entwässern. Zunächst war die Cloaca nicht mehr als ein offener Graben, der in den Tiber mündete. Doch nach und nach verbesserten die Römer den Kanal, überdachten und isolierten ihn teilweise mit Opus signium.
Gegen Ende der Republik ist die Cloaca so groß, dass Inspektoren sie mit dem Boot durchfahren können, und droht sie zu verstopfen, leiten die Verantwortli chen überschüssiges Wasser zu, um sie durchzuspülen. In der Zeit der Aquädukte entsorgt der Kanal jeden Tag Millionen Liter von Schmutz- und Regenwasser in den Tiber – und hilft so, Roms System des ewig fließenden Wassers zu vollenden.
AUCH DANK IHRER am Ende bis zu 91 Kilometer langen Fernwasserleitungen wächst die Stadt schneller als je zuvor und hat um die Zeitenwende fast eine Million Einwohner. Immer höher führen die Römer die Aquädukte auf ihre Stadt zu, damit das Wasser auch die Bezirke auf den Hügeln der Metropole erreichen kann.
Und bald ziehen sich Aquäduktbögen mitten durch Roms Häuserschluchten, überspannen mit bis zu 37 Meter hohen Brücken das Gewimmel in den Straßen. Stolz sind die Römer auf ihre Wasserbrücken, errichten sie auch außerhalb ihrer Kapitale: In zahlrei che Provinzen, die die Legionen er obert haben, bringen Ingenieure erstmals Wasserleitungen. So lernen viele der Unterworfenen neben den Togen und Zirkusspielen auch den Luxus fließenden Wassers kennen.
Verstecken müssen die Römer ihre Aquädukte nun nicht mehr – längst sind sie zu Symbolen ihrer Macht geworden, sei es in Gallien oder in Nordafrika. „Mit diesen so vielen und so notwendigen Wasserbauten“, schreibt der Leiter der städtischen Wasserverwaltung selbst bewusst, „kannst du natürlich die überflüssigen Pyramiden oder die übrigen nutzlosen, weithin gerühmten Werke der Griechen vergleichen.“ Und tatsächlich: Wie kein anderes Bauwerk der Antike entsprechen Roms Wasserleitungen den grundlegenden Bedürfnissen der Bevölkerung: Sie löschen den Durst Zehntausender, verbessern die Hygiene, machen den Alltag in der Metropole erträglich.
Es sind die Triumphe auf dem Schlachtfeld, die Roms Aufstieg vorantreiben; aber erst die Fernwasserleitungen ermög lichen es der Stadt, über Jahrhunderte groß zu bleiben, Kriege und Machtwechsel zu überstehen. Und so wurde, was der Zensor Appius Claudius im Jahr 312 v. Chr. mit seiner nur wenige Kilometer langen Leitung begann, zum vielleicht wichtigsten Faktor von Roms einzigartigem Erfolg.
2. Abwasserentsorgung im römischen Köln
Immer seltener bietet sich in Köln die Gelegenheit, größere, seit Kriegsende unbebaute Flächen innerhalb der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA) archäologisch zu untersuchen. Im Rahmen der Generalsanierung von Opern- und Schauspielhaus war dies vor kurzem jedoch möglich, wodurch unter anderem neue Erkenntnisse zur Abwasserentsorgung der Römerstadt gewonnen werden konnten.
GRABUNGEN IM OPERNQUARTIER 2012 / 2013
Die Sanierung der Kölner Bühnen umfasste auch den Neubau einer Kinderoper und weiterer Räum lichkeiten unter dem sogenannten Kleinen Offenbachplatz. Im Rahmen dieser Maßnahme konnte das Römisch-Germanische Museum zwischen Oktober 2012 und Juni 2013 südlich des Opern- und östlich des Schauspielhauses eine Fläche von etwa 2600 m2 untersuchen. Vor dem Zweiten Weltkrieg befand sich an dieser Stelle die seit dem Mittelalter nachweisbare Straßenkreuzung Kreuzgasse/
Streitzeuggasse, was vor allem im Bereich des ehemaligen Straßenlandes eine gute Befunderhaltung versprach. Entsprechend fanden sich neben antiken Überresten auch mittelalterliche Mauern, die unter anderem zu Wirtschaftsgebäuden des nahe
gelegenen Kreuzbrüderklosters gehörten, sowie mit Kriegsschutt verfüllte Keller gründerzeitlicher Bürgerhäuser. Römische Laufhorizonte waren dagegen nur noch in Ausnahmefällen erhalten, aufgehendes Mauerwerk nirgends. Dennoch erlaubten die unterirdischen Befunde eine Fülle von Aussagen zum städtischen Kanalisationssystem und der Straßenrandbebauung im Zentrum der CCAA.
Bezogen auf die römische Topographie lag der Gra bungsbereich nordwestlich des Forums im Umfeld einer Straßenkreuzung, die allerdings nicht deckungsgleich mit der mittelalterlichen war. Bei der hier verlaufenden Ost-West-Straße handelte es sich
um den ersten decumanus nördlich des decumanus maximus, der heutigen Schildergasse. Ob dieser eine Kiesoberfläche besaß oder mit Steinplatten gepflastert war, ließ sich nicht mehr feststellen; die Straße konnte nur noch indirekt durch die drei darunter verlaufenden Abwasserkanäle sowie die von Norden und Süden einmündenden Zuleitungen nachgewiesen werden.
HOLZKANÄLE UNTER DER STRASSE
Die beiden äußeren Straßenkanäle waren als Spitzgräben, der mittlere als kastenförmiger Sohlgraben in den anstehenden Hochflutlehm eingetieft. Ihr Gefälle verlief nach Osten in Richtung Rhein. Im weiteren Verlauf ging die holzverschalte Kanalisation auf Höhe des Forums in den steinernen Hauptsammler über, der an der Südseite des Prätoriums vorbeiführte und wenig später durch die Stadtmauer in den Fluss entwässerte. Die in der Zeichnung rekonstruierte lineare Ausrichtung der Kanäle besitzt einen vorläufigen Charakter, da sie nur in Ausschnitten untersucht worden sind. Sie waren an der Oberkante noch zwischen 1,20 m und 1,70 m breit, 64–86 cm tief und konnten auf einer Länge von bis zu 42 m nachgewiesen werden. Das Gefälle betrug auf dieser Strecke etwas über einen Meter. Alle drei Kanäle waren ursprünglich mit Holzbohlen verschalt und abgedeckt, worauf eine große Zahl von senkrechten Pfostenlöchern in den Wandungen und auf den Sohlen hindeutet. Sie hatten Durchmesser von 8–16 cm und waren noch bis zu 45 cm tief. Dichte Ansammlungen an manchen Stellen lassen auf eine regelmäßige Instandhaltung der Leitungen schließen. Aus einem der Löcher konnte der Rest eines angespitzten Eichenholzpfostens geborgen werden, der dendrochronologisch in die Zeit um 63 n. Chr. datiert werden konnte.
Die Keramikfragmente aus den Verfüllungen deuten nach einer ersten, vorläufigen Sichtung ebenfalls darauf hin, dass alle drei Gräben spätestens seit der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Betrieb waren. Vereinzelt ist allerdings auch früheres Fundmaterial (u. a. oberitalische Sigillaten) belegt, so dass eine Verwendung bereits in augusteisch-tiberischer Zeit nicht auszuschließen ist. Bei der Nutzungsdauer allerdings zeigten sich Unterschiede: Zumindest der nördliche Kanal (möglicherweise auch der südliche) geriet im Laufe des 2. Jahrhunderts außer Funktion, während aus dem mittleren noch Keramik mindestens des späten 3. Jahrhunderts stammt. Im 4. Jahrhundert wurde dann auch dieser aufgegeben, wie entsprechende Funde kleinformatiger Münzen aus den darüberliegenden Schichten beweisen.
Stadtplan des römischen Köln in der mittleren Kaiserzeit. Das Grabungsareal von 2012/2013 befand sich nordwestlich des zentral gelegenen Forums.
DIE „HAUSANSCHLÜSSE“
Dass von einer unterschiedlich langen Nutzungsdauer der holzverschalten Kanäle auszugehen ist, bestätigten auch die von beiden Seiten rechtwinklig einmündenden Zuläufe aus Ziegeln. Oft wurden nämlich ältere Ziegelkanäle nach einiger Zeit mit neuen überbaut. Diese entwässerten allerdings nicht mehr wie ihre Vorgänger in die äußeren Sammler, sondern zogen darüber hinweg bis zum mittleren. Möglicherweise wurden die äußeren Spitzgräben sogar etwas früher als der mittige Sohlgraben angelegt. Insgesamt wurden 16 Zubringerkanäle aus nördlicher und acht aus südlicher Richtung dokumentiert. Die meisten von ihnen waren in sehr ähnlicher Weise konstruiert. Ihre Gesamtbreite betrug zwischen 66 cm und 89 cm; die Kanalwangen bestanden aus lagenweise vermauerten, großteiligen Fragmenten von Dachziegeln (tegulae), die mit den Leisten nach oben und zur Kanalinnenseite hin verlegt wurden. Es waren bis zu vier Ziegellagen erhalten, was einer erhaltenen Innenhöhe von maximal 33 cm entsprach. Als Abdeckung dienten vermutlich Holzbretter, Ziegel- oder Steinplatten, die allerdings bei der Grabung nirgends nachgewiesen werden konnten. Die Sohlen der Kanalrinnen (lichte Weite 25–38 cm) wurden aus sorgfältig längs verlegten tegulae oder Ziegelplatten gebildet, deren Ränder in das Mauerwerk der Kanalwangen einbanden. Auf den Rinnensohlen konnten oft Kalksinterablagerungen dokumentiert werden, deren Dicke bis zu 1 cm betrug. So sehr sich ihre Bauweise im oberen Teil glich, so sehr unterschieden sich die Kanäle hinsichtlich ihres Unterbaus. Mal fand sich nur eine dünne Mörtelschicht, anderswo bis zu 28 cm dickes opus caementicium-Mauerwerk unter Verwendung von Grauwacke- und Tuffbrocken sowie Ziegelbruch. Die im Detail unterschiedliche Bauausführung der Zubringerkanäle lässt auf die Errichtung durch einzelne Anlieger schließen. Die Abwasserkanäle im Straßenland dürften hingegen auf eine öffentlich-städtische Gesamtplanung zurückgehen.
Die Verfüllung der Kanäle war recht einheitlich, unabhängig von ihrer Bauweise oder davon, ob sie zeitlich früher oder später erbaut wurden. Es handelte sich durchweg um schwarzbraunen, manchmal grünstichigen, stark humosen Sand. Aus dem Fundmaterial ragen insgesamt 16 Münzen sowie mehrere Nadeln aus Bronze und Bein, ein Bronzebeschlag, eine Bronzefibel, Spielsteine sowie eine Terrakottafigur heraus. Eine Besonderheit stellt eine Kette aus Melonenperlen und Metallanhängern dar. Mit Sicherheit dienten die Kanäle unterschiedlichen Zwecken. Einige setzten auf Höhe einer Reihe von Punktfundamenten an, die zu einem straßenbegleitenden Laubengang (porticus) gehörten, womit es sich um Traufwasserkanäle gehandelt haben wird. In den anderen floss dagegen das Abwasser von Haushalten oder Gewerbebetrieben. Dem System der Traufwasserkanäle ging am nördlichen Straßenrand zeitlich ein west-östlich orientierter, breiter und flacher Sickergraben voraus, der aber nach Ausweis des Fundmaterials kaum länger als bis zur Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Funktion war.
HÄUSER NÖRDLICH DER STRASSE
Der decumanus wurde an den Längsseiten von Portiken begleitet, wie sie auch schon an verschiedenen anderen Stellen in der CCAA nachgewiesen werden konnten. Im Norden des Untersuchungsbereichs ergab sich ein recht klares Bild der zugehörigen rückwärtigen Insulabebauung. Anhand von etwa 80 cm breiten und stellenweise über 1,50 m tiefen Ausbruchgräben, in denen sich Grauwackegussfundamente befanden, lassen sich am ehesten giebelständige Häuser mit einem Obergeschoss rekonstruieren, vergleichbar mit Gebäuden, wie sie jüngst für die Capitolsinsula der Colonia Ulpia Traiana in Xanten erschlossen worden sind. In unserem Fall handelte es sich um zwei benachbarte Häuser mit einem Durchgang dazwischen; unterhalb von diesem verlief der mit über 14,50 m längste dokumentierte Ziegelkanal bis zu seiner Mündung in den nördlichen Entwässerungsgraben unter der Straße. In den beiden straßenseitigen Räumen des westlichen Hauses wurde je ein Werkplatz mit einer verziegelten Arbeitsfläche und einem daneben in den Boden eingegrabenen Vorratsgefäß nachgewiesen.
Die neuen Ausgrabungen im Opernquartier ergänzen auf das Beste die Ergebnisse von einige Jahre zurückliegenden Untersuchungen in Köln, darunter die des Nord-Süd-Hauptsammlers unterhalb der Hohe Straße (also des cardo maximus der römischen Stadt) sowie von Kanalauslässen im Bereich Unter Taschenmacher/Kleine Budengasse. Insgesamt verfügen wir damit nun über solide Grundlagen für eine – noch zu schreibende – Gesamtdarstellung des Kanalisationssystems der CCAA.
3. Frischwasser für gut situierte Römer in der Wetterau
Die erfolgreiche Bewirtschaftung der im Hinterland gelegenen villae rusticae war grundlegend für die Versorgung der römischen Soldaten in den Kastellen entlang des Limes. Für die Besitzer der Landgüter war die Frischwassergewinnung essenziell und teilweise mit hohem Aufwand verbunden, wie unlängst in Karben-Petterweil (Wetteraukreis) anhand der dort genutzten Qanat-Technik nachgewiesen werden konnte.
EINE GRABUNG OHNE VORAHNUNG
In Karben-Petterweil (Wetteraukreis, Hessen) wurden im Vorfeld der Erschließung eines Neubaugebietes in der Flur „Nördlich der Fuchslöcher“ 2019 zuerst geophysikalische Untersuchungen durchgeführt. Diese erschienen notwendig, da von dem zu einem kleinen Bachlauf geneigten, mit Lösslehm bedeckten Gelände am heutigen östlichen Ortsrand einige vorgeschichtliche Lesefunde bekannt waren. Zu diesem Zeitpunkt konnte allerdings noch niemand ahnen, dass nicht etwa die zu erwartenden vorgeschichtlichen Siedlungsreste im Mittelpunkt der Untersuchung stehen würden, sondern eine überaus spannende versorgungstechnische Konstruktion der Antike, die unter den in den letzten Jahren freigelegten römischen Relikten aus der Wetterau eine außergewöhnliche Entdeckung darstellt.
Im Messbild der geomagnetischen Untersuchung der Firma Eastern Atlas GmbH & Co. KG zeichneten sich wenige auffällige, meist als „Siedlungsgruben“ zu deutende Anomalien ab. Unter der Leitung von Silke Hesemann wurden daher durch die Grabungsfirma AAB-Archäologie Suchschnitte durch das insgesamt ca. 3,5 ha große zukünftige Baugebiet gelegt. Neben kegelstumpfförmigen Vorratsgruben bildete eine „schiffsförmige“ Aneinanderreihung von zahlreichen rundlichen Anomalien einen Schwerpunkt der Grabung. In Profilschnitten konnten diese zunächst bis auf 3 m unter Geländeoberkante verfolgt werden. Sie zeichneten sich als senkrechte Schächte ab, was zu einer ersten Interpretation als Bergbaurelikte führte. Doch was hätte im Löss abgebaut werden sollen? Erst ein in 3 m Tiefe angelegtes Zwischenplanum ließ einen die Schächte verbindenden Stollen erkennen, an dessen Sohle ein aus Taunusquarzit gesetzter Kanal verlief. Damit konnte das Befundensemble als Rest einer Bewässerungsanlage nach Art des Qanat-Verfahrens erkannt werden.
DIE KONSTRUKTION EINES QANAT
Unter der arabischen Bezeichnung Qanāt oder Kanat wird eine ursprünglich aus dem Gebiet des heutigen Iran stammende Technik von Tunnelbauten zur Erschließung von Grundwasser verstanden. Bis heute ist diese traditionelle Form der Frischwasserförderung in ariden bis semiariden Gebieten Nordafrikas und Vorderasiens verbreitet. Hierbei wird jeweils ausgehend von einem gebirgig bzw. höher gelegenen Brunnen Grundwasser angezapft und über einen unterirdisch verlaufenden Kanal mit geringem Gefälle, der von zahlreichen vertikalen Zugangsschächten aus erbaut und bewirtschaftet wird, zum Verbrauchsort geleitet (siehe Infokasten).
DIE QANAT-RELIKTE VON PETTERWEIL
In Petterweil kamen in 4–5 m Tiefe mehrere unterirdische Leitungsgräben zum Vorschein, die mit einem Gefälle nach Osten in einen Kanal mündeten und ursprünglich das Wasser in ein Becken außerhalb des Grabungsareals leiteten. Die einzelnen Leitungsstränge wurden nacheinander angelegt und ausgebaut, wobei nicht auszuschließen ist, dass sie auch gleichzeitig Wasser führten und so der Durchfluss erhöht wurde. Während Leitung 1 durch eine regelmäßige Reihe aus 2–5 mauseinander liegenden Pingen von etwa 1,2 m Durchmesser an der ehemaligen Oberfläche gekennzeichnet war, deuteten die ausgebrochenen Schächte des nördlichen Leitungsabschnittes 2 auf mehrmalige Einstürze und Ausbauten hin. Diese Annahme bestätigten die Profile, in denen auch der Versturz des Wartungsstollens auf knapp 64 m Länge zu erkennen war.
In Petterweil waren eine Aufschlüsselung des gesamten, aus mehreren Wasserführungen bestehenden Quanat-Systems sowie eine Bestimmung der Bauzeiten während der Grabung nur bedingt möglich. Zu Beginn der Untersuchungen wurden die Eingriffstiefen noch mit Blick auf die spätere Bebauung gering gehalten, so dass nicht alle Befunde vollständig ausgegraben werden konnten. Auch mittels Geomagnetik sind die Qanat-Pingen nicht eindeutig zu lokalisieren, da im gesamten Gelände auch Befunde anderer Epochen mit ähnlichen Abmessungen liegen.
In der ersten Bauphase wird es sich wohl um einen Holzbau gehandelt haben, der sich im Westen in etwa 4 m Tiefe mit Resten von drei Holzplanken zwischen 1,48 m und 1,93 m Länge sowie etwa 16 cm Breite und 2 cm Dicke zu erkennen gab. Die Holzstücke deckten an der Sohle des hier kaum nachweisbaren Stollens eine flach gerundete Rinne aus stark tonigem Schluff ab. Sie war durch den Bodendruck derart stark verpresst, dass eine Kanalstärke nicht berechnet werden kann. Weitere Bruchhölzer lagen unregelmäßig verteilt im Bereich einer breit eingebrochenen Schachtpinge, hinter der die Leitung dann schräg nach Nordosten weiterverlief. Im nächsten Schnitt wurden nur noch verräumte Holzreste angetroffen, wohingegen die Wasserrinne nun aber in Stein ausgebaut war. Nach nur wenigen Dezimetern mündete der Leitungsabschnitt gemeinsam mit Leitung 3 in eine T-förmige Kreuzung zu Leitung 2. Ob die Kreuzung und die ebenfalls frühe Leitung 2 ursprünglich vollständig auf die Holzbauphase zurückgehen bzw. mit dieser gleichzeitig erbaut wurden, ist nicht mehr zu beantworten, da hier die eigentlichen Kanäle nur an den zwei kleinen Schnittstellen aufgedeckt werden konnten. Es ist jedoch angesichts der vielen Pingenverstürze in diesem Bereich eine lange Nutzungsdauer anzunehmen, wobei zwei Ausbauphasen durchaus möglich erscheinen.
Betrachtet man nun den Abschluss der Holzleitung im Westen, so bricht diese deutlich vor dem in ihrer Flucht gelegenen steinernen Wassersammler von Leitung 1 ab. Berücksichtigt man, dass Holzerhaltung im Löss eher die Ausnahme darstellt, ist nicht auszuschließen, dass die Leitung noch etwas weiter in Richtung auf den später in Stein ausgebauten Wassersammler zulief oder direkt am jetzt erhaltenen Ende auf Lössniveau ein solcher aus Holz angesetzt war.
Es bleibt jedoch festzustellen, dass der Strang der Holzleitung – bis auf die Einmündung in Leitung 2 – nicht in Stein ausgebaut und sein Versiegen vielleicht in Kauf genommen wurde. Leitung 2 hingegen war durch Leitung 3 in westlicher Richtung verlängert, was mit einem weiteren Wassersammler einhergegangen sein wird und den Wasserdurchfluss erhöhte. Leider konnte diese Situation nicht vollständig geklärt werden.
Um einen noch höheren oder konstanteren Durchfluss zu erzielen, wurde südlich von Leitung 2 und 3 in einem entgegengesetzt geschwungenen Bogen die Leitung 1 angelegt. Ihr Anfang lag nahe dem vermuteten Wassersammler der alten Holzleitung. Sie verfügte über sehr regelmäßig gesetzte und noch gut erhaltene Pingen und wies nur kurz vor dem Zusammentreffen mit Leitung 2 einen Versturz auf. An dieser Stelle ließ sich deutlich die nachträglich in die ältere Leitung 2 eingesetzte Mündung von Kanal 1 erkennen.
Leitung 1 wies am eindruckvollsten die nebeneinander aufgereihten, senkrecht in den Löss eingegrabenen Schächte mit Abmessungen von 1,1 m bis 1,5 m Breite auf. Zwischen den Schächten verlief in 4–5 m Tiefe ein zumeist verstürzter Stollen, dessen Deckenhöhe bei Erhaltung noch etwa 1,0 m maß. Die Sohle des Stollens reichte bis auf eine Wasser stauende Schicht. Hier lag die etwa 60 cm breite steinerne Leitung auf, bestehend aus grob gehauenem Taunusquarzit, Cerithienkalk und Buntsandsteinen. Seitlich setzten die Steine, schräg nach außen gestellt, auf dem anstehenden Boden auf. Oben deckten dann mehrere Lagen plattig gebrochener Steine den Hohlraum U-förmig ab. Der durchschnittlich 46 cm hohe Kanal hatte innen eine Leitungsbreite von 15–18 cm. Neben dem Mutter- bzw. Anfangsschacht im Westen wurde die anscheinend schon zuvor genutzte Wasserader mit einem Wassersammler – einem bis zu 31 cm hohen, brunnenartig gesetzten Steinkreis von 1,18 m Durchmesser – angezapft. Auch dieser war sorgfältig mit plattigen Steinen abgedeckt und, wie auch der Steinkanal, mit einer tonig-schluffigen Schicht sauber verschlossen. Zwischen den Schächten mäandrierte der Leitungsverlauf etwas, da die Bauabschnitte nicht immer geradlinig aufeinander zuliefen. Um sich bei Reparatur- und Bewirtschaftungsarbeiten des Kanals nicht auf dem aufgeweichten tonigen Erdauftrag bewegen zu müssen, hatte man Stroh und Einstreu aus sonstigen Pflanzenhalmen aufgebracht, die sich eingetreten auf der Decke des Steinkanals bis heute erhalten haben. Entsprechende Bodenbedeckungen fanden bis in die frühe Neuzeit auch im Bergbau Verwendung, da die niedrigen Stollen kein aufrechtes Gehen, sondern nur eine Fortbewegung auf Knien erlaubten. Mit einem geringen Gefälle zwischen 0,5 und 0,7 Prozent wurde das Wasser schließlich in einem Steinkanal zusammengeführt und in östliche Richtung weitergeleitet.
ANTIKE BEISPIELE AUS DEM RAUM NÖRDLICH DER ALPEN
Auch die Römer verstanden sich auf die Errichtung von Qanat-Bewässerungsanlagen. Eine beachtliche Menge solcher Tunnelbauten ist in Deutschland aus dem Trierer Land bzw. dem Eifel-Saar-Mosel-Raum bekannt. Die mit 1660 m längste und bis 26 m tief liegende Wasserleitung, der Drover-Berg-Tunnel, liegt bei Düren am Rande der Eifel. Nur der Raschpëtzertunnel in Walferdange (Großherzogtum Luxemburg) übertrifft diesen mit einer Tiefe von bis zu 35 m.
Im Trierer Land bot sich für die Wasserversorgung der vielköpfigen Stadtbevölkerung sowie der Bewohner der Gutshöfe, die flächenhaft den ländlichen Raum bewirtschafteten, neben Aquädukten eine unterirdische Wasserführung an. Unterirdische Wasserleitungen – wie z. B. die bekannte Ruwertal-Fernwasserleitung von der Ruwer nach Trier – sind insgesamt häufiger aus römischer Zeit nachgewiesen als Qanats, die Wasser nicht nur unterirdisch leiten, sondern explizit gewinnen. Die beste Parallele findet sich derzeit in dem Qanat von Polch (Kreis Mayen-Koblenz), bei dem die bergmännischen Spuren ebenso in mit Bims durchsetztem Löss angetroffen wurden und hervorragend dokumentiert werden konnten.
FÜR WEN WURDE DIE AUFWENDIGE WASSERLEITUNG ERSTELLT?
Ausgehend von einer römischen Datierung und unter Einbeziehung der lokalen Topografie und der Laufrichtung des Qanats, kommen mehrere Zielpunkte für das so gewonnene Wasser in Frage – zum einen mehrere ländliche, wohl zivile Siedungen östlich der Fundstelle und zum anderen der Kastellort Okarben (Stadt Karben).
Dendrochronologische Untersuchungen grenzen den Datierungsansatz durch Fälldaten zwischen 144 und 164 n. Chr. weiter ein, so dass von einer Erbauung des Qanats in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. – wohl kurz nach der Mitte der 160er Jahre – ausgegangen werden kann. Nach der Verlegung der Truppen hatte nach gängiger Lehrmeinung der 2 km entfernt gelegene Kastellvicus von Okarben zu dieser Zeit seine Bedeutung bereits weitgehend verloren.
Die im Umfeld liegenden Gutshöfe dürften an der positiven wirtschaftlichen Entwicklung der germanischen Provinzen in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr., einer insgesamt weitgehend friedlichen Zeit, teilgehabt haben, und sie waren auch wesentlich für die Versorgung der Truppen entlang der neuen Kastelllinie. Eine Errichtung des Qanats durch wohlhabende Gutsbesitzer liegt also durchaus im Rahmen des Möglichen.
Die nächste ländliche Siedlung im Umfeld des Qanats liegt nur knapp 200 m östlich des dokumentierten Kanals. Leider existieren weder von dieser noch von weiteren Siedlungsstellen aus dem direkten Umfeld konkrete archäologische Kenntnisse, so dass keine präzisere Datierung der Fundstellen als in die mittlere Römische Kaiserzeit möglich ist. Am wahrscheinlichsten handelte es sich bei diesen um ehemalige landwirtschaftliche Betriebe, sogenannte villae rusticae. Diese besaßen im Bereich der civitas Taunensium zwar nicht die Ausdehnung der aus Gallien oder dem linksrheinischen Obergermanien bekannten Landgüter, konnten aber mit bis über 3 ha großen ummauerten Hofarealen ein beeindruckendes Ausmaß erreichen. In einzelnen dieser Anlagen sind separate Badegebäude oder in das Hauptgebäude integrierte Badetrakte nachgewiesen, z. B. in Friedberg „Pfingstweide“ und Wölfersheim-Wohnbach „Kieselberg“ (beide Wetteraukreis).
FAZIT
Nicht auszuschließen ist, dass in der Umgebung noch weitere, vielleicht auch ältere Bewässerungsanlagen dieser Art ihrer Entdeckung harren. So würde der doch recht aufwendige Bau eines Qanats zu den bekannten Bauleistungen des römischen Militärs passen und sich zur Versorgung des Kastellortes Okarben mit fließendem Wasser anbieten. Auch im Hinblick auf die Klärung der Frage nach der Frischwasserversorgung der Kastelle mit den zugehörigen Bädern im Bereich der civitas Taunensium würde man sich die Entdeckung weiterer Qanate, vielleicht auch die Überlieferung eines Holzaquäduktes, wünschen. Wie schwierig sich allerdings der Nachweis der Bewässerungsanlagen durch Prospektion und Grabung gestalten kann, haben gerade die Geländeuntersuchungen in Petterweil gezeigt. Die im oberen Bereich nur schwach verfärbten Schachtverfüllungen und Verstürze ließen sich nur schwer bestimmen bzw. deuten. Außerdem ist es im Rahmen einer Ausgrabung aus statischen Gründen generell nicht üblich, senkrechte Gruben bis in eine Tiefe von weit mehr als 3 m auszuheben. Abgesehen von dem Beleg aus Petterweil gibt es noch einen Nachweis aus Frankfurt a. M.-Eschborn, wo ein Befundkomplex als römisches Qanat-System gedeutet wurde. Damit liegt ein weiteres Indiz für die Anwendung der Qanat-Technik in römischer Zeit abseits des Eifel-Saar-Mosel-Raumes und jenseits des Rheins vor. Die beiden Befunde lassen darauf schließen, dass sich auch im Rhein-Main-Gebiet ansässige Villenbesitzer oder dort stationierte Militäreinheiten hochspezialisierte Ingenieure für den Bau solch kostspieliger Anlagen leisten konnten.
4. Römer-Quellen: Wasserversorgung in der Antike
Wasserleitungsrohr aus Ton © Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum (Photo: N.Gail)
Die Wasserversorgung antiker Städte war ein wesentlicher Bestandteil ihrer Infrastruktur. Tausende Menschen mussten täglich mit frischem Trinkwasser versorgt werden, um das römische Leben in seiner damaligen Form zu ermöglichen. Wasserleitungen (lateinisch: aquae ductus) wurden genutzt, um frisches Wasser aus Quellen und Brunnen, sowohl oberirdisch als auch unterirdisch, von außerhalb in die Siedlungen zu bringen. Diese Leitungen wurden sorgfältig geplant und gebaut, um den Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht zu werden und gleichzeitig kapazitätstechnische und hygienische Anforderungen zu erfüllen. Um Wasser über weite Strecken zu befördern, wurden sie oft unterirdisch verlegt, um sie vor Eingriffen oder Verschmutzung zu schützen, war doch ein Angriff auf die Wasserversorgung oft das einfachste und effektivste Druckmittel für feindliche Armeen.
Die Durchführung brachte mitunter die beeindruckendsten Werke römischer Baukunst hervor: Das technische Know-how umfasste Zuführen, Speichern und Verteilen von Wasser, oft unter erheblichem baulichem und organisatorischem Aufwand. Für die Zufuhr von Frischwasser (bzw. die Ableitung von Abwasser) mussten Gefälle, Wasserdruck und Wassermenge stets berücksichtigt werden. Die technischen Details und der Bau von Aquädukten, wie etwa der berühmte oberirdisch verlaufende Pont du Gard in Südfrankreich, sind ausführlich bei den römischen Schriftstellern Vitruvius und Frontinus beschrieben.
Zur Nivellierung der Wasserleitungen wurde der Chorobat eingesetzt, eine Art große Wasserwaage aus Holz. Dieses Instrument half ein gleichmäßiges Gefälle der Wasserleitungen zu berechnen, um eine konstante Wasserströmung zu gewährleisten. Die Speicherung und Verteilung des Wassers innerhalb der Städte erfolgte über komplexe Systeme aus Zisternen und Verteilertürmen.
In Carnuntum und anderen Städten war das Wasserversorgungssystem so ausgelegt, dass es auch bei einem Ausfall einzelner Zuflüsse funktionierte. Mehrere Frischwasserleitungen führten durch die Stadtmauer in das Innere der Stadt. Die Straßen enthielten eingebaute Frischwasser- und Abwasserleitungen aus Ton-, Holz- und Steinrohren. Die Wasserentnahme aus öffentlichen Brunnen, welche somit zu wichtigen sozialen Treffpunkten wurden, war kostenlos und unbegrenzt, was auf eine gut organisierte öffentliche Versorgung der Bevölkerung hinweist. Neben der Entnahme als Trinkwasser wurde das in die Stadt geleitete Wasser auch für Badeanlagen und handwerkliche Betriebe wie Walkereien (fullonicae) genutzt.
In Carnuntum wurde Wasser durch gemauerte unterirdische Kanäle von entfernten Quellen in die Stadt geleitet. Diese Kanäle bestanden teilweise aus recyceltem Material, vor allem aus wiederverbauten Bauteilen (sogenannten Spolien), wie beispielsweise bei Ausgrabungen südlich der Zivilstadt entdeckt wurde. Dort wurde ein 170 Meter langer Wasserleitungskanal freigelegt, dessen Abdeckung aus Altmaterial bestand. Innerhalb der Stadt wurden Bleirohre (fistulae) wegen ihrer leichten Bearbeitbarkeit und Dichtheit häufig zur Wasserverteilung verwendet. Auch Ziegelplattenkanäle für die Frischwasserzufuhr sind für die Zivilstadt belegt, wie die Ausgrabungen im Südbereich der Villa Urbana zeigten.
Wasserleitungsrohre aus Ton und Blei © Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum (Foto: N.Gail)
In den letzten Jahren rückten die Untersuchungen zur Wasserversorgung Carnuntums erneut in den Fokus der Forschung. Bei Grabungsarbeiten für ein Projekt der EVN-Wasser in Petronell-Carnuntum wurde im Jahr 2017 in etwa sieben Metern Tiefe eine antike römische Wasserleitung entdeckt. Die 14 km lange Leitung, gebaut in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts, versorgte die römische Stadt Carnuntum mit Trinkwasser und ist auch heute noch funktionsfähig. Im Zuge des Forschungsprojektes 'Wasserleitung Abensperg-Traun'wurde 2019 und 2020 durch die Gesellschaft der Freunde Carnuntums und das Land Niederösterreich in Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt eine intakte Leitung in der westlichen Vorstadt Carnuntums untersucht. Da sich die Wasserleitung als sanierungsbedürftig erwies, wurde der mit Flachziegel abgedeckte und mit einem Gewölbe ausgestatteten Kanal dokumentiert und repariert. Die Leitung verläuft in bis zu sechs Metern Tiefe und ist sogar begehbar.
5. Der Rhein im Denken der Römer
Darstellung des 'Rhenus bicornis', Teil eines Grabmals aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., Original im LVR-LandesMuseum Bonn. (LVR-LandesMuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel)
1. Einleitung
„Vater Rhein“ ist eine bis heute gängige Bezeichnung für den bedeutendsten Strom im westlichen Mitteleuropa. Die mit dieser Personifikation verbundene Vorstellung drückt eine emotionale Nahbeziehung zu einer gleichsam übergeordneten Instanz aus; sie rührt von Menschen her, die an, mit und von diesem Fluss leben, sich von ihm abhängig fühlen und ihn daher gewogen stimmen wollen. Ebenso wie der – heute sich nicht mehr selbst erklärende – Ausdruck „zweifach gehörnter Rhein“ geht die Benennung „Vater Rhein“ auf die römische Antike zurück. Zuschreibungen dieser Art lassen erkennen, dass der Fluss für die Römer eine besondere Bedeutung hatte. Er spielte eine Rolle in ihrem Weltbild. Die Funktion des Rheins für die Römer steht nicht zuletzt in engem Zusammenhang mit der Expansion Roms und der Bildung eines Weltreiches, das neben dem gesamten Mittelmeerraum auch große Teile Westeuropas bis zum Rhein umfasste. Den entscheidenden Schritt hierzu leistete Caesar (100–44 v. Chr.) mit der Unterwerfung Galliens und der Abgrenzung seiner Eroberungen durch den Rheinstrom. Die Bedeutung, die dieser Fluss seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. für Rom gewann, geht weit über rein politisch-militärische Erwägungen hinaus.
Schrift- und Sachquellen – römische Geschichtsschreibung, Dichtung, Inschriften, Münzen, Bildwerke – sprechen eine deutliche Sprache. Die Römer sahen den Rhein mit ihren Augen und integrierten ihn in ihre Welt. Sie gaben ihm als Flussgott mit zwei Hörnern ein römisches Gewand. Damit wurde aus dem Rhein ein römischer Strom und ein römischer Gott. Wie kam es dazu, dass die Römer den Rhein in ihrem Denken vereinnahmten? Was repräsentierte er für sie? Römische Autoren und Bildquellen vermitteln hierzu Eindrücke mit stabilen und veränderlichen Elementen. An ihnen lässt sich die römische Sicht auf den Rhein ausmachen. Die folgenden Ausführungen dienen daher dem Ziel, anhand überlieferter Zeugnisse das Bild der Römer vom Rhein in seinen verschiedenen, im Laufe der römischen Herrschaft sich teilweise wandelnden Facetten vorzustellen.
2. Der Rhein als Grenze
Mit der Unterwerfung Galliens durch Caesar in den Jahren 58–51 v. Chr. trat der Rhein ins Bewusstsein der Römer. Der Eroberer wollte dem Gebiet, das er zur römischen Provinz machte, klare geostrategische Grenzen zuweisen. Daher zog er einen Trennungsstrich zwischen linksrheinischen Galliern und rechtsrheinischen Germanen. Der Fluss fungierte als Grenzscheide zwischen Barbaren, die er für zivilisierungsfähig hielt, und solchen, denen er das Romanisierungspotential absprach. So sicherte er seine Eroberung vor dem mitteleuropäischen Raum ab, der den Römern weitgehend unbekannt war. Bereits in der Einleitung seiner Schrift über den Gallischen Krieg grenzt Caesar die Gallier mit ihren Teilstämmen und die Germanen klar voneinander ab. Die Belger galten durch ihre ständige Konfrontation mit rechtsrheinischen Germanen als die tapfersten Einwohner Galliens. So setzte Caesar eine präzise Unterscheidung zwischen Galliern und Germanen voraus, die ihre geographische Bestätigung in der Flussgrenze finden sollte. Den Rhein erwähnt er in diesem Zusammenhang aber gar nicht. Seine Funktion als Grenze legte er dennoch nahe, indem er den gallischen Teilstämmen Flüsse als Territoriumsgrenzen zuwies, wie die Garonne zwischen Galliern und Aquitaniern oder die Marne und die Seine zwischen Galliern und Belgern.[1]
2.1 Germanen links und rechts des Rheins
Caesar brachte seine Vorstellung vom Rhein als Grenze erstmals in den Auseinandersetzungen mit Ariovist (gestorben um 54 v. Chr.), dem Fürsten der Sueben, zum Ausdruck. Dieser hatte als Anführer germanischer Krieger den Rhein überschritten, war in das gallische und jetzt von Caesar für Rom beanspruchte Territorium eingedrungen und hatte sich in Streitigkeiten zwischen gallischen Stämmen eingemischt. Daher sah Caesar in ihm einen Konkurrenten um die Herrschaft in Gallien. Die Verhandlungen mit Ariovist blieben ergebnislos, so dass die Entscheidung in der Schlacht fiel. Nur wenige Germanen konnten sich vor den Römern zurück über den Rhein retten. Die Vorstellung vom Rhein als Grenze erwuchs bei Caesar aus politisch-militärischem Nützlichkeitsdenken. Sie erlaubte ihm, Militäraktionen gegen Germanen, die in linksrheinisches Gebiet vordrangen, nach Belieben zu rechtfertigen. So wies er auf die Gefahren hin, die den Römern von rechts des Rheins drohen könnten, sollte die Abwehr nicht funktionieren.[2]
Gleichzeitig schloss dieser Anspruch auf die römische Herrschaft links des Rheins nicht aus, dass Caesar das Recht in Anspruch nahm, bei Bedarf auch östlich des Flusses in seinem Sinne Ordnung zu schaffen. Allerdings wollte er hier, anders als in Gallien, keine römische Verwaltung etablieren. So ließ Caesar in seinen Berichten die rechtsrheinischen Sugambrer aus Angst vor einer römischen Strafaktion auf den Rhein als Grenze des römischen Herrschaftsbereichs hinweisen und damit seine eigenen Raumordnungsvorstellungen formulieren. Sie machten geltend, an diese Grenze habe sich auch der römische Feldherr zu halten. Caesar aber sah die Gebiete östlich des Rheins als Vorfeld zur Absicherung der bis an den Rhein reichenden römischen Herrschaft an. Zugleich verbanden andere, den Römern vertraglich verbundene rechtsrheinische Germanen wie die Ubier mit römischen Expeditionen östlich des Rheins die Hoffnung, ihr eigenes Territorium vor konkurrierenden Stämmen zu schützen.[3] Die römische Ordnungsmacht wurde also auf nichtrömischem Gebiet von bestimmten hier ansässigen Stämmen geschätzt – oder aber gefürchtet, je nachdem, welches Verhältnis zu Rom sie hatten. Auf diese Weise brachte Caesar den Römern die Auffassung vom Rhein als Grenze ihres Herrschaftsbereichs nahe.
Allerdings lassen Caesars Berichte erkennen, dass trotz der von ihm postulierten Flussgrenze die gallischen Stämme auch links des Rheins germanischen Einflüssen ausgesetzt waren. Der Strom bildete eben eine von dem römischen Statthalter in Gallien nur bewusst inszenierte Grenze und gewährleistete in Wirklichkeit keineswegs die konsequente Trennung zwischen linksrheinischen Galliern und rechtsrheinischen Germanen. So weist Caesar auf die Kampfgemeinschaft zwischen bestimmten Gruppen der Belger und solchen Germanen hin, die links des Rheines wohnten; er postuliert gar eine Abstammung der Belger von Germanen.[4] Auch im Zusammenhang mit den Unruhen, die von den im Moselland lebenden Treverern ausgingen, nennt er „linksrheinische Germanen“ als Verbündete im Aufstand gegen Rom.[5] Wie die Belger waren die Treverer ein keltisch-germanisches Mischvolk, das sich immer wieder seiner besonderen „germanischen“ Eigenschaften rühmte.[6]Das war auch Caesar bewusst, wenn er ihnen trotz ihres Siedlungsgebiets in Gallien ein besonderes Aufruhrpotential zuschrieb, das er unter anderem in den guten Kontakten zwischen Treverern und Germanen angelegt sah.[7]
Die Existenz von germanisch-gallischen Mischvölkern und vor allem von linksrheinischen Germanen[8] konterkariert Caesars Vorstellung von einer sauber zu ziehenden Flussgrenze. Vielmehr ließen die ethnische Verwandtschaft, die räumliche Entfernung zur Mittelmeerkultur, die deswegen wenig fortgeschrittene Romanisierung und die dadurch erhalten gebliebene ursprüngliche Tapferkeit die rheinnahen Gallier den rheinischen Germanen recht ähnlich erscheinen. Caesar machte mit dem von ihm entworfenen Germanenbild und der Neigung dieser „Barbaren“, sich links des Rheins einzumischen und gar anzusiedeln, darauf aufmerksam, derartigen Gefahren für Roms Herrschaft müsse man entschieden entgegentreten. So erfüllten auch die „linksrheinischen Germanen“ ihre Funktion, ohne dass der Rhein als Grenzlinie aus dem Blickfeld geriet.
Andererseits waren Kontakte über den Rhein nicht generell ausgeschlossen. Ein Beispiel hierfür bieten die rechtsrheinischen Ubier. Caesars Urteil über diesen Stamm ist vergleichsweise milde: Er hielt sie für etwas zivilisierter als die anderen Germanen, weil sie in Rheinnähe wohnten, römische Kaufleute zu ihnen kamen und sie sich als Nachbarn der Gallier deren Sitten angewöhnt hatten.[9] Die zivilisatorische Wirkung der Römer auf die Gallier strahlte demnach über den Rhein hinaus. So rückte eine Kultivierung auch der östlichen Uferanrainer näher, selbst wenn es sich um Germanen handelte. Neben der reinen Nachbarschaft trugen dazu besonders die Wirtschaftskontakte bei. Daran, dass der Rhein die Vermittlung römischer Kultur und Zivilisation in den rechtsrheinischen Raum ermöglichte, werden die Einbeziehung des Flusses in die römische Vorstellungswelt und bald auch dessen Vereinnahmung im römischen Denken sichtbar.
2.2 Versuch einer Grenzkorrektur?
Doch ist auch der umgekehrte Weg denkbar, die Ausgliederung des Rheins aus der römischen Welt. Der Geschichtsschreiber Tacitus (um 56–um 120 n. Chr.) stellt in den „Annalen“, die die Geschichte des römischen Reiches von 14 bis 68 n. Chr. behandeln, den Verlauf des Flusses vor[10] und erwähnt dessen Teilung in zwei Hauptarme, zwischen denen das Siedlungsgebiet der von den Römern abhängigen germanischen Bataver lag. Der nördliche Rheinarm, der die Grenze des römischen Herrschaftsraumes zu den nicht unterworfenen Germanenstämmen markierte, hatte einen ungestüm-wilden Verlauf. Dieser Befund spiegelt das unzivilisierte, wilde Germanien an den nördlichen Ufern des Stromes wider. Der südliche Flussarm, die Waal, floss durch gallisches und damit römisches Gebiet, er war daher ruhiger und strömungsärmer. Tacitus legt also nahe, der gemächlich-friedliche Lauf der Waal sei auf die zivilisatorische Wirkung der Romanisierung zurückzuführen.
Tatsächlich hatten die Römer den Fluss durch die Anlage von Dammbauten reguliert, um für den nördlichen Hauptarm eine ausreichende Wasserversorgung und damit die Schiffbarkeit sicherzustellen. Wie Tacitus in den zeitlich an die „Annalen“ anschließenden „Historien“ berichtet, durchstachen die Bataver diesen Damm im Aufstand gegen Rom 70 n. Chr. und leiteten so einen Großteil des mit Hilfe dieses Wehrs im nördlichen Hauptarm des Rheins gehaltenen Wassers nach Südwesten, Richtung Waal, ab.[11] Der so nach Gallien gelenkte und jetzt ungehindert große Wassermassen mit sich führende Strom sorgte nun für eine lebhafteren Verlauf des südlichen Flussarmes, während das nördliche Flussbett schmal wurde. Zwar war diese Aktion ein taktisches Manöver im Krieg, doch gewinnt man aus den Worten des Tacitus den Eindruck, als hätten die aufständischen Bataver die Grenze des römischen Machtbereichs vom nördlichen Mündungsarm des Rheins zum südlichen Flussarm verlagert und ihr eigenes, zwischen den beiden Hauptarmen liegendes Siedlungsland dem römischen Zugriff entzogen, es damit also wieder dem nichtrömischen, barbarisch-wilden Germanien zugeschlagen. Dies schien ja ihrem Willen zu entsprechen, sich mit dem Aufstand aus der römischen Herrschaft zu befreien.
3. Der doppelt gehörnte Rhein
Wenige Jahrzehnte nach Caesar sollte die Vorstellung vom Rhein als Grenze des römischen Reiches der zunehmenden Vereinnahmung des Flusses in die römische Welt weichen. Dies zeigte sich an der infrastrukturellen Aufwertung des linksrheinischen Gebiets und in den Versuchen der Römer zur Zeit des Kaisers Augustus (27 v. Chr.–14 n. Chr.), auch rechts des Rheins Fuß zu fassen. Die militärische, wirtschaftliche und zivilisatorische Durchdringung des westlichen Rheinufers bewirkte auch eine Veränderung des Verhältnisses der Römer zum Rhein selbst. Er war nicht mehr nur der Grenzfluss des römischen Reiches im Nordwesten, sondern wurde auch die wichtigste Wirtschaftsader zur Erschließung dieser Region. Die Einbeziehung des Rheins in die Vorstellungswelt der Römer sorgte dafür, dass der Strom einen Platz in ihrer Religion und bildlichen Darstellung erhielt und als römischer Flussgott verstanden wurde.
Flüsse wurden als Götter mit Hörnern dargestellt. Diese Sichtweise leitet der Geograph Strabon (um 64 v. Chr.–nach 23 n. Chr.) mythologisch aus dem Kampf des Herakles mit dem stiergestaltigen Flussgott Acheloos her. Als Zeichen seines Sieges brach Herakles diesem eines seiner beiden Hörner ab. Von der Stiergestalt des Acheloos, so berichtet Strabon, schließe man gern auf das Erscheinungsbild des gleichnamigen griechischen Flusses: Die von der Strömung verursachten Geräusche erinnerten an das Gebrüll des Stieres, die gebogenen Flussschleifen an dessen Hörner.[12] Antikes Denken übertrug die für den Acheloos geprägte bildliche Vorstellung auf andere Ströme als Flussgötter: Sie nahmen menschliche Gestalt an und hatten Hörner. Auch bildliche Darstellungen des personifizierten Rheins weisen Hörner auf. Ein Relief des 2. Jahrhunderts n. Chr. aus Bonn zeigt den Kopf des Rheins vollbärtig mit offenem Mund und zwei Hörnern. Bart und Haare gehen in die Wellen des Flusses über.[13] Aus dem abgebrochenen Horn des Acheloos sollte sich in der Folge das Füllhorn als ein typisches Attribut der Darstellung eines Flussgottes entwickeln.[14] Der Stier, das Wasser und das Füllhorn stehen alle für die lebensspendende Fruchtbarkeit, die der Fluss dem Land bringt, das er durchströmt.
Der römische Dichter Vergil (70–19 v. Chr.) hat das Bild des doppelt gehörnten Rheins in seinem Epos „Aeneis“ erstmals literarisch verarbeitet. Im Zuge der Beschreibung des Schildes, den die Göttin Venus ihrem Sohn Aeneas, dem Ahnherrn des römischen Weltreiches, übergab[15], steckt der Dichter die Grenzen der in der Zeit des Augustus bekannten Welt ab. Vergil entwickelt hier eine Vision, in der er durch Nennung ausgewählter fremder Völker und geographischer Anhaltspunkte diesen Raum skizziert. Als solche dienen ihm unter anderem die Flüsse Nil, Euphrat und Rhein.[16] Von Rom aus betrachtet, stehen sie für verschiedene ferne Weltgegenden, an denen Augustus Unterwerfungs- und Romanisierungserfolge geltend machte. Den Norden repräsentiert Rhenus bicornis[17] , der doppelt gehörnte Rhein. Vergil begreift ihn wie die anderen Ströme als Flussgott und versieht ihn mit seinen typischen Attributen, den beiden Hörnern. Diese Integration in feste mythologische Vorstellungen signalisiert die römische Vereinnahmung des Flusses. Eine ergänzende Deutung bietet der spätantike Vergil-Kommentar des Servius. Dieser bezieht sich auf die beiden großen Mündungsarme des Rheins, die auch Tacitus erwähnt[18], und leitet aus dieser Besonderheit die Bezeichnung des Rheins als „doppelt gehörnt“ ab. Die geographische Deutung der zwei Hörner des Rheins erschließt sich aus dem Text Vergils allerdings nicht selbstverständlich: Hier mag man angesichts des Erzählzusammenhangs eher an menschenähnliche Flussgottgestalten denken.[19] Auch wenn beide Deutungsvarianten gut nebeneinander bestehen können, hat sich die Erklärung des Servius vielfach durchgesetzt.[20]
In den „Tristien“ beschwört der Dichter Ovid (43 v. Chr.–etwa 17 n. Chr.) die erfolgreichen römischen Feldzüge in Germanien herauf, die Drusus (38–9 v. Chr.) und Tiberius (42 v. Chr.–37 n. Chr.), die Stiefsöhne des Augustus, sowie Germanicus (15 v. Chr.–19 n. Chr.), Drusus’ Sohn, während der Herrschaft des Augustus und in den ersten Regierungsjahren des Tiberius unternommen haben. Dabei erinnert der Dichter an den „kleinen“ Triumphzug, die ovatio, des Drusus 11 v. Chr. nach dessen Erfolgen in Germanien. Mit anschaulichen Worten beschreibt Ovid die bei dieser Gelegenheit mitgeführte Statue des besiegten Rheins: Er weist auf die abgebrochenen Hörner des Flussgottes hin, die dürftige Bekleidung mit Schilfgras, die Verfärbung des Wassers mit seinem Blut.[21] Das gebrochene Horn versinnbildlicht die gewaltsame Unterwerfung unter die römische Herrschaft. Nun stand der „Romanisierung“ des Rheins nichts mehr im Wege. Er war gezähmt und bereit, sich der römischen Kultur zu öffnen. Ohne es auszusprechen, vergleicht Ovid die Leistung des Drusus am Rhein und in Germanien mit der des Herakles im Kampf mit dem Acheloos. In den folgenden Versen wechselt der Dichter zum Triumphzug des Jahres 17 n. Chr. und stellt als Pendant zum Rhein die Statue der gefesselten Germania vor.[22] Mit dem Sieg über Germanien war also die militärisch-strategische und ideologische Vereinnahmung des Rheins verbunden. Daher verkörpert der unterworfene Rhein gleichzeitig das besiegte Germanien. Mit der Unterwerfung des Flusses hatten die Römer Germanien für ihren Machtbereich erschlossen.[23] Ovid zeichnet das Bild eines Flussgottes in menschlicher Gestalt, der, besiegt, die militärischen Erfolge Roms in Germanien veranschaulicht.
4. Der umkämpfte Rhein
Mit der Zeit und nicht zuletzt mit den rechtsrheinischen Eroberungen Roms zur Zeit der flavischen Kaiser (69–96 n. Chr.) verlor sich im Denken der Römer die Qualität des Rheins als Grenze zwischen Galliern und Germanen und zwischen dem römischen Herrschaftsbereich links und dem „barbarischen“ Germanien rechts des Flusses. Auch östlich des Rheins erkannten germanische Völker die römische Herrschaft an. Ebenso selbstverständlich bewegten sich Germanen auf dem linken, schon lange römisch vereinnahmten Rheinufer.[24] Im militärischen Konfliktfall jedoch hatte man zuvor stets das alte Grenzdenken aktiviert. Der Rhein galt nach diesem Verständnis als die äußerste Rückzugslinie und durfte von den Römern nicht aufgegeben werden.[25] Dabei konnte schon Niedrigwasser die Römer in ihrem Sicherheitsdenken beunruhigen und angesichts der hierdurch gefährdeten Rheingrenze an göttlichen Zorn denken lassen.
Genauso wie die Römer beide Ufer des Stroms als ihren Machtbereich für sich in Anspruch nahmen, versuchten aufständische Germanen 70 n. Chr. die Kölner für ihr Anliegen zu überzeugen, jedermann solle wie in der Zeit vor der römischen Herrschaft an beiden Seiten des Rheins wohnen können.[26] In einer Ansprache an seine Kämpfer beschwor Civilis, der Anführer im Bataveraufstand, den Rhein und die Götter Germaniens in einem Atemzug.[27] Der Anspruch germanischer Stämme auf die Besitzrechte an beiden Ufern des Stroms war eine Reaktion auf die Herrschaftsausübung der Römer. Dabei machten die einheimischen Stämme ältere Rechte geltend. Tacitus legt einen Kampf zwischen unterschiedlichen Auffassungen nahe, die den Rhein jeweils für sich reklamierten. Diese Auseinandersetzung wussten die Römer freilich zu ihren Gunsten zu entscheiden.
Mit dem germanischen Triumph Kaiser Domitians (81–96 n. Chr.) im Jahre 83 und dem Sieg über den mit Germanen verbündeten römischen Usurpatorund obergermanischen Statthalter Saturninus im Jahre 89 war Germanien nach römischer Auffassung endgültig unterworfen. Der Dichter Statius (um 40–um 96 n. Chr.) beschreibt in den „Silven“ das Reiterstandbild Domitians auf dem Forum in Rom: Unter dem erhobenen Vorderhuf des kaiserlichen Pferdes befand sich eine Personifikation des „gefangenen“ Rheins, gewiss in traditioneller Flussgottdarstellung.[28] Diese Szenerie spielt auf die mit den Siegen von 83 und 89 gleichgesetzte Unterwerfung Germaniens durch Domitian an.[29] An anderer Stelle rückt Statius den Rhein in einen Zusammenhang, der die Grenzen der Welt und damit die unter Domitian erreichte Ausdehnung des römischen Reiches vor Augen führt.[30] Dabei steht der Rhein für den kalten Norden, dessen Eis aufgebrochen werden muss, bevor man in ihm schwimmen kann. Mit dem Sieg über die widerspenstige Natur erinnert Statius zugleich an den gebrochenen Widerstand der Germanen, die der Flussgott Rhein repräsentiert, dem die Hörner „abgebrochen“ wurden.[31] In einem ähnlichen Gedankengang verbindet der Dichter Martial (40–102/104 n. Chr.) Domitians Siegesbeinamen Germanicus mit der Überwindung des Rheins.
Illustriert wird der Anspruch Domitians auch in der römischen Münzprägung. Ein Sesterz des Kaisers von etwa 85 n. Chr.[32] zeigt auf der Rückseite den aufrecht stehenden und nach links gerichteten Kaiser Domitian in militärischem Gewand. Zu seinen Füßen ist der Rhein, nach rechts blickend, dargestellt. In der Pose eines Flussgottes stützt er seinen rechten Unterarm auf eine Quellurne und hält in der Linken einen Schilfhalm. Domitians linker Fuß steht auf dem Gewandende des Flussgottes. So wird die Unterwerfung des Rheins und damit Germaniens unter die Herrschaft Domitians veranschaulicht. Die Identifikation des Flussgottes mit dem Rhein ist jedoch nur durch die Einordnung der Münze in den historisch-politischen Zusammenhang möglich.[33]
An der Lage in Germanien änderte sich auch nach dem Antritt der Kaiserherrschaft durch Trajan (98–117 n. Chr.) zunächst nichts. Als der neue Kaiser sein Amt übernahm, befand er sich ohnehin in Germanien. Er hielt sich hier sogar noch längere Zeit auf, und die römische Bevölkerung erwartete ungeduldig die Rückkehr ihres neuen Kaisers nach Italien. Diese Situation erfasst Martial in einem Gedicht, das als Bitte an den Rhein formuliert ist, Trajan zurückkehren zu lassen. Der Fluss erscheint hier als Vater der Nymphen und seiner Nebenflüsse[34] und wird so als Wahrer römischer Interessen vorgestellt. Der Strom ist „romanisiert“, wenn man ihm wünscht, er solle sich nicht durch Rheinübergänge der Germanen bei zugefrorenem Fluss quälen lassen.[35] Gleichzeitig thematisiert Martial die Befriedung Germaniens durch Trajan am Beispiel des Rheins, dem er jetzt – natürlich unversehrte – „goldene Hörner“ zuerkennt und den er als „römisch“ bezeichnet, und zwar „an beiden Ufern“. Damit scheint der Rhein vollständig in die römische Welt einbezogen zu sein. Unterstrichen wird dies dadurch, dass der – für Rom stehende – Tiber die Funktion des Befehlshabers einnimmt und vom Rhein die Rückkehr Trajans einfordert.
Bei der Darstellung des Rheins in der Dichtung wie auch im Bildprogramm der Münzen wird in der Zeit Trajans eine bemerkenswerte Fortentwicklung der römischen Auffassung vom Rhein deutlich. Unter Domitian stand die Unterwerfung des Rheins im Vordergrund, unter Trajan die Integration dieses Flusses in die römische Welt. Trajan hob nun die zivile Struktur des germanischen Raumes hervor. Dies geschah beispielsweise durch den Abzug militärischer Einheiten vom Rhein und die Erhebung der Siedlung am Legionslager Vetera castra II zur Colonia Ulpia Traiana (Xanten). Der Rhein und damit Germanien wurden nun weniger durch militärischen Zwang unterdrückt als durch Urbanisierung und Romanisierung aufgewertet. Gegenüber der von Domitian als dessen Verdienst beanspruchten Unterwerfung stellte die Germanienpolitik Trajans unter neuen politischen Leitlinien die Zugehörigkeit dieser Regionen zum römischen Reich heraus.
Diesen Unterschied veranschaulicht die Münzprägung: Eine Goldmünze Domitians von 90 n. Chr. zeigt die besiegte Germania, trauernd auf einem Schild am Boden sitzend, mit zerbrochenem Speer[36], und eine Goldmünze Trajans aus dem Jahre 98 bildet die personifizierte Germania mit einem Ölzweig, dem Attribut der Friedensgöttin, in der rechten Hand ab; sie sitzt auf einem Waffenhaufen und stützt sich mit dem linken Unterarm auf einen Schild.[37] Die germanischen Provinzen sollten also nicht länger als mühsam unterworfenes römisches Untertanengebiet im Bewusstsein verankert bleiben. Stattdessen sollte man sich Germanien als friedlichen und sicheren Lebensraum für die Bewohner, Einheimische wie auch römische Bürger, vorstellen. Germanien und dem Rhein wurde so ein – römisches – Eigenleben und Eigengewicht zugestanden.
5. Der vereinnahmte Rhein
Vermutlich aus der Zeit Kaiser Hadrians (117–138 n. Chr.) stammt ein 1968 in Straßburg gefundener Altar, den Oppius Severus als Kommandeur der hier stationierten achten Legion dem „Vater Rhein“ widmete.[38] Diese Weihung eines Altars an den Rhein in dessen Eigenschaft als „Vater“ zeigt an, dass der Flussgott aus der Sicht des Stifters eine gewisse Autorität darstellte. Die Widmung kann durch das subjektive Empfinden des Oppius ebenso wie durch die objektive Abhängigkeit der Legion und der Einwohner des Stationierungsortes motiviert sein, die auf die Lebensader des Flusses angewiesen waren. Die Bezeichnung als „Vater“ legt ein Unterordnungs- und ein gewisses Vertrauensverhältnis nahe. Gleichzeitig hoffte man so, den Flussgott für die Belange der am Strom lebenden Bevölkerung gnädig zu stimmen. Ganz Ähnliches ist einer in Eschenz am Hochrhein gefundenen Inschrift zu entnehmen. In ihr verbindet Spicius Cerialis, Statthalter der Provinz Raetien in den Jahren 181–184, sein persönliches Wohlergehen mit dem Rhein.[39]
Die große Bedeutung des Rheins für das Leben in den germanischen Provinzen verdeutlichen zwei Weihinschriften aus Vechten im Rheindelta. In einer hierarchisch geordneten Auflistung von Göttern erscheint nach dem obersten römischen Staatsgott Jupiter, den summarisch aufgeführten vaterländischen Göttern und Lokalgottheiten sowie Oceanus auch der Rhein.[40] Diesem Fluss wird also eine beachtliche Position im Kreise traditioneller römischer Gottheiten zugewiesen. Gleichzeitig orientierte sich die Weihung an lokalen Gegebenheiten, die die Lage Vechtens am Fluss und in Meeresnähe berücksichtigten. Ähnliche Gedanken bezeugen zwei Inschriften aus Remagen. Auch hier wird der Rhein nach Jupiter und der lokalen Schutzgottheit aufgeführt.[41] Die gesonderte Nennung des Rheins zeigt immer wieder dessen Bedeutung für die Menschen an, die an seinem Ufer lebten. Aus den verschiedentlichen Erwähnungen des Rheins zusammen mit Oceanus lässt sich die Übertragung der Bezeichnung „Vater“ vom Oceanus auf den Rheinstrom gut erklären. Ursprünglich galt das Meer als Vater der Flüsse[42]; da lag es nahe, in dem mächtigen Rhein mit Hilfe des Gedankens an die Fruchtbarkeit, die er mit sich bringt, einen Vater für seine Nebenflüsse und die Anrainer zu sehen.
5.1 Zeugnisse aus dem 3. Jahrhundert n. Chr.
Den Umgang der Römer mit dem Rhein illustriert auch eine Reihe von Münzabbildungen aus dem 3. Jahrhundert. Die Rückseite eines Bronzemedaillons aus dem Jahre 235 zeigt eine Schiffsbrücke, über die der Kaiser Severus Alexander (222–235) schreitet. Ihm voran bewegt sich eine geflügelte Siegesgöttin mit einem Kranz in der rechten Hand. Hinter dem Kaiser sind mehrere Soldaten zu erkennen. Unterhalb der Gruppe befindet sich ein nach links gelagerter Flussgott, dessen Identifikation über diese Abbildung allein nicht möglich ist. Im Laufe des Jahres 234 zog Severus Alexander nach Obergermanien und nahm in Mainz Quartier, um gegen Germanen vorzugehen, die im Vorjahr den obergermanisch-rätischen Limes mehrfach durchbrochen hatten. Hierzu ließ er eine Schiffsbrücke über den Rhein schlagen.[43] Diese Aktion hat ihren Niederschlag in erzählenden Quellen und auch auf Münzen gefunden. Aufgrund der politischen Ereignisse dieser Jahre, die den Kaiser in Germanien banden, kann man den Flussgott auf dem Medaillon als Rhein identifizieren.[44]
Für Postumus (260–269), den Herrscher des Gallischen Sonderreichs, der in Köln residierte, war der Rhein von besonderer Bedeutung. Dies zeigt sich an der Ausgabe einer Münze, die auf der Rückseite einen gelagerten, nach links blickenden und mit zwei Hörnern versehenen Flussgott zeigt. Dieser stützt sich mit dem linken Arm auf eine Quellurne und hält einen Anker im Arm, die rechte Hand ist auf einen Schiffsbug gelegt. Der Flussgott ist von der Legende salus provinciarum umgeben, die das Wohlergehen der Provinzen anspricht.[45] Der ganze Zusammenhang legt es nahe, in diesem Flussgott den Rhein zu erkennen. Für das Gallische Sonderreich stellte der Rhein eine von Schiffen befahrene, kraftspendende Lebensader dar, mit der man auf dem Höhepunkt der politischen Krise des römischen Reiches nach Mitte des 3. Jahrhunderts das wirtschaftliche Wohl der germanischen Provinzen und des gallischen Hinterlandes zu beschwören vermochte.
In literarischen Quellen rückte beim Gedanken an den Rhein neben der wirtschaftlichen Bedeutung des Flusses für die an seinen Ufern liegenden römischen Provinzen allmählich die Grenzfunktion des Stromes wieder mehr in den Vordergrund. So spielt ein Trierer Lobredner auf Kaiser Maximian (286–305) im Jahre 289 mit der Bedeutung des Rheins als Grenze des römischen Machtbereichs. Er behauptet, die außerordentlichen militärischen Erfolge des Kaisers im rechtsrheinischen Raum hätten diese Funktion des Flusses aufgehoben. Auch östlich des Stromes breite sich jetzt römisches Land aus; Bedenken, die Grenze, die der Rhein bilde, könne nicht halten, seien also unbegründet.[46] Dieser Gedanke weist aber genau darauf hin, dass man sich in dieser Zeit Sorgen machte, und zwar nicht nur darüber, den Wohlstand des römischen Gebiets hinter dieser Flussgrenze zu sichern, sondern auch darüber, der Rhein könne von den Germanen überrannt werden. Um zu beruhigen, propagierte man die von den Kaisern garantierte Sicherheit des römischen Herrschaftsbereichs gerade dort, wo sie besonders gefährdet war.
5.2 Zeugnisse aus dem 4. Jahrhundert n. Chr.
Selbst über viele Jahrzehnte des 4. Jahrhunderts erschien das Verhältnis der Römer zum Rhein noch intakt. Davon zeugt Ausonius (um 310–nach 393) in seinem wohl 370/371 entstandenen Preisgedicht auf die Mosel.[47] Hier fügt der Dichter auch eine Passage über den Rhein ein, sobald er auf die Mündung der Mosel bei Koblenz zu sprechen kommt. Ausonius macht klar, dass der Nebenfluss Mosel dem Rhein keineswegs untergeordnet ist: Die Gleichstellung der beiden Flüsse signalisiert die Vereinigung ihrer Gewässer zu „brüderlichen Fluten“, die nun sozusagen einen neuen Strom ausmachen; dieser kann den Anforderungen, die an ihn gestellt werden, in vollem Umfang gerecht werden.[48] In der Folge wendet sich Ausonius an beide Flüsse zugleich: „Setzt ihr beide vereinigt (iuncti) euren Weg fort.“[49] Damit parallelisiert Ausonius die kurz zuvor erwähnten „vereinigten Siege“ (iunctos triumphos) Kaiser Valentinians I. (364–375) und seines Sohnes Gratian (367–383) aufgrund ihrer gemeinsamen Bemühungen gegen die Alemannen mit der auf der Vereinigung von Rhein und Mosel beruhenden Verdoppelung der Kraft des Stromes.[50] Nachdem der Rhein die Mosel aufgenommen hat, vermag der Strom den kaiserlichen Anspruch auf die Regionen im Nordwesten des römischen Reiches zu repräsentieren.[51] Trotz der Vermittlerfunktion der Mosel, die ihren Auftrag aus der Kaiserresidenz Trier bezieht, an der sie vorbeifließt, braucht der Rhein keinen Prestigeverlust zu befürchten: „Nimm du deinen Bruder an, unbesorgt um deinen eigenen Ruhm.“[52]
Durch den Zufluss vor allem der Mosel vergrößert der Rhein sein Flussbett erheblich und gewinnt die Macht, germanische Stämme abzuhalten und so einen wahrhaftigen Grenzverlauf zu markieren.[53] Damit rechtfertigt Ausonius die Bezeichnung des Flusses als „doppelt gehörnt“, bicornis.[54] Er fügt den bisherigen Deutungen einen weiteren Aspekt hinzu: In den Hörnern des Flusses und in dessen Aufgabe, im römischen Dienst feindliche Stämme auf Distanz zu halten, spürt man die Wehrhaftigkeit heraus. Diese Eigenschaft leitet der Dichter aus der Vereinigung von Mosel und Rhein ab; sie macht den Rhein erst richtig stark, sie bewirkt, dass er mit seinen beiden Hörnern, bicornis, zu kämpfen weiß. Dem verleiht Ausonius eine besondere Note, indem er immer wieder die in der Verbrüderung der Flüsse liegende Verdoppelung der Kraft des Rheins herausstellt.[55] Für Ausonius ist der Rhein selbstverständlich ein römischer Fluss, der seine Fähigkeit zur Feindesabwehr Rom zur Verfügung stellt. Das war noch anders, als die Römer in der Zeit von Augustus bis Domitian mit dem Bild des Abbrechens der Hörner die heraklesgleiche Mühsal der römischen Kaiser beschrieben, den Rhein und damit Germanien zu unterwerfen. In dieser Zeit stellte man sich vor, der Rhein kämpfe auf Seiten der germanischen Feinde Roms. Ausonius dagegen vereinnahmt den Rhein voll und ganz für die römische Welt.
Und doch lag ein Schatten über dieser vermeintlichen Idylle. Wenn es nötig war, dass Rhenus bicornis seine Hörner aktiv für Rom in den Dienst stellte, um in der Feindesabwehr seine Funktion als Grenze zu erfüllen, konnte die militärische Lage in den rheinischen Landen nicht sicher sein[56] – gerade weil das Gegenteil behauptet wird. Auch der römische Senator Symmachus (um 342–402/403) bemühte im Jahre 370 in seiner Lobrede auf Kaiser Valentinian I. den „zweigehörnten Nachbarn“[57], und zwar allein mit seinem bekannten Attribut, ohne dass er ihn „Rhein“ nennen musste. Er erinnerte an den Kriegszug des Kaisers gegen die Alemannen: Rom lasse sich durch natürliche Hindernisse nicht aufhalten, stelle diese vielmehr als Befestigungen in seinen Dienst, so auch den Rhein, der von Kriegsschiffen befahren und von Brücken überspannt werde. Wieder erinnert das natürliche Hindernis, das der Rhein bildet, an seine Funktion, angesichts der Gefahren, die von der rechten Seite des Flusses drohen, eine effiziente Grenze zu bilden. Anders als bei Ausonius arbeitet der Rhein bei Symmachus anscheinend nicht ganz aus freien Stücken im römischen Dienst, sondern beugt sich dem römischen Willen.
Dies gilt noch mehr für den Rhein in einer weiteren Lobrede des Symmachus, diesmal auf Valentinians Sohn Gratian: Hier „verachtet der Rhein die römischen Befehle nicht mehr […]. Von unseren Alpen fließt er in unseren Ozean“.[58] Zwar erscheint der Rhein nach wie vor als Bestandteil der römischen Welt, aber er muss zum Dienst für Rom gezwungen werden, damit der römische Herrschaftsanspruch in diesen Landen sichergestellt bleibt. Er gilt hier wieder als besiegt und unterworfen, wie in früherer Zeit, als die Römer noch mit der Absicherung ihrer Herrschaft am Rhein beschäftigt waren.
Ende des 4. Jahrhunderts war der Druck von außen auf das römische Reich und damit auf den Rhein beträchtlich angestiegen. Dies spiegelt sich in entsprechenden Funktionszuschreibungen für den Fluss: Der Mailänder Bischof Ambrosius nennt den Rhein einen „Schutzwall des römischen Reiches gegen die wilden Völkerstämme“, der Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus (um 330–um 395), sein Zeitgenosse, betont die natürliche Schutzfunktion des Rheins für das römische Gallien.[59] Angesichts der bedrohlichen Lage am Rhein wurde, wie einst von Caesar und Tacitus, die Sicherheit beschworen, die der Fluss als Grenze Rom zu bieten vermochte.
6. Der ferne Rhein
Nach dem Tode des Kaisers Theodosius (379–395) wurde die innen- und außenpolitische Lage des römischen Reiches brüchiger. Im Jahre 396 reiste der Heermeister Stilicho (um 365–408) daher an den Rhein, um Verträge mit germanischen Stämmen zu erneuern und Soldaten zu rekrutieren.[60] Diese Reise verarbeitete der Dichter Claudian (um 370–nach 404) wenig später in seinem Lobgedicht auf Stilicho. Nach der Darstellung Claudians konnte Stilicho dem Rhein „durch das Abbrechen seiner Hörner“ die bedrohliche Wirkung nehmen und ihn allein durch Verhandlungen mit germanischen Stämmen zähmen.[61] Dadurch stimmte er den Fluss so nachgiebig und unterwürfig, dass die Germanen das Schwert gegen die Sichel eintauschten und friedlich Landwirtschaft betrieben. Rhein und Germanen werden von Claudian als eins betrachtet. Sie beugen sich dem Druck Roms. Claudian krönt diese Vorstellung mit der vollständigen Integration des Rheins und seiner beiden Ufer in die römische Welt. Dabei scheint er das römische Einflussgebiet wie in der Zeit des Augustus über den germanischen Raum bis zur Elbe und darüber hinaus auszudehnen.[62] Dennoch schwebt ihm in erster Linie die landwirtschaftliche Nutzung eines Gebietes vor, das im Wesentlichen in Rheinnähe zu finden ist. Das gilt auch für die Elbe, unter der sich Claudian wohl einen seichten Nebenfluss des Rheins vorstellt.[63]
Die ungenauen geographischen Angaben Claudians zeigen an, dass dem Dichter der nordwestliche Raum des römischen Reiches und das östliche Vorfeld des Rheinstroms gar nicht mehr genau bekannt waren, selbst wenn er beide Seiten des Rheins als römisch ausgab. Damit lässt er zugleich erkennen, dass die Römer zum rechtsrheinischen Gebiet keinen wirklichen Zugang mehr hatten. Dieser Raum begann ihnen fremd zu werden. Das hatte auf Dauer auch Auswirkungen auf das Verhältnis der Römer zum Rhein und auf ihre Auffassung von der Zugehörigkeit des Flusses zum römischen Reich. Wie wenig das von Claudian entworfene Bild vom friedlichen römischen Rheinland noch mit der politischen Realität dieser Zeit zu tun hatte, zeigte der Zusammenbruch der Rheingrenze wenige Jahre später, als um die Jahreswende 406/407 große germanische Verbände nach Gallien eindrangen.
7. Schluss
Mit der Einordnung des Rheins in ihre Vorstellungen vom väterlichen Flussgott Rhenus bicornis integrierten die Römer den Strom in ihr Denken und machten ihn so zu einem römischen Fluss. Bei der Einbeziehung des Rheins in die römische Welt war es nicht relevant, ob der Rhein als Grenze oder als Bestandteil ihres eigenen Herrschaftsraums galt. Zunächst spielte der Rhein bei der Festlegung der römischen Grenze im Norden eine Rolle. Bald wurde der Fluss mehr und mehr mit einem Germanien gleichgesetzt, das Ziel römischer Expansion war, auch wenn diese Reichserweiterung nur ansatzweise verwirklicht wurde. Der Vereinnahmungsprozess fand mehr im römischen Selbstverständnis als in der Umsetzung realer Machtpolitik statt. Dabei wollte man angesichts des römischen Weltherrschaftsanspruchs häufig zwischen der Rheinregion als Bestandteil des römischen Reiches und dem nicht unterworfenen Germanien östlich des Rheins keinen sonderlichen Unterschied sehen.
In Grenzbeschreibungen des römischen Reiches wurden in allen Himmelsrichtungen selbstbewusst vom Zentrum Rom weit entfernte Weltgegenden aufgeführt; den Norden repräsentiert hier der Rhein. Die Brüchigkeit dieses Denkens zeigt sich darin, dass auch die Rheingrenze von Barbarenstämmen bedrängt wurde und so zugleich für die Gefahren stehen kann, denen das römische Reich ausgesetzt war. Im Laufe der Spätantike trat an diese Stelle sogar die Existenzbedrohung des Reiches. Dennoch versuchten die Römer zu allen Zeiten immer wieder, ihre ideologischen Vorstellungen vom intakten Reich mit der Ereignisgeschichte in Einklang zu bringen. Daher war das Verhältnis der Römer zum Rhein von gezielter Instrumentalisierung bestimmt. Wenn die Bedrohung des römischen Reichsgebiets im Norden keine sonderliche Rolle spielte, hoben die Römer gern den Strom als Lebensader für römisches Provinzialgebiet hervor. So wurde die Einbeziehung dieser Region in die römische Welt herausgestellt. Dies diente dem gezielten Verwischen möglicher Widersprüche zwischen Wunsch, politischem Erfordernis und Wirklichkeit, um den Eindruck von der Stabilität römischer Herrschaft zu erhöhen. Insofern besteht im Verhältnis der Römer zum Rhein zwischen weltanschaulicher Konzeption und politischer Realität eine spannungsreiche, gleichsam dialektische Beziehung.
Verlinkungen:
->
Quellen:
Internetquellen
-> Kirchengast, Nisa-Iduna: Römer-Quellen. Wasserversorgung in der Antike, in: Römerstadt Carnuntum Blog, online verfügbar unter: https://www.carnuntum.at/de/magazin/romer-quellen-wasserversorgung-in-der-antike/727, zuletzt geprüft am 10.08.2026.
-> Lambrecht, Ulrich, Der Rhein im Denken der Römer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/der-rhein-im-denken-der-roemer/DE-2086/lido/5d63a243246c37.82044604 (abgerufen am 11.08.2026)
->
Sekundärliteratur
-> Schneider, Johannes: Der erste Aquädukt, in: Rom. Die Geschichte der Republik (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 50), Hamburg 2011.
-> Wieland Martin u. Schäfer, Alfred: Abwasserentsorgung im römischen Köln, in: Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (9. Jg., Heft Nr. 1), Bad Homburg 2015, S. 12-15.
-> Schade-Lindig; Lindenthal, Jörg: Frischwasser für gut situierte Römer in der Wetterau, in: Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (16. Jg., Heft Nr. 1), Bad Homburg 2022, S. 24-29.


