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Handwerk

Inhaltsverzeichnis

1. ,,Unsere Spezialität: tegulae und lateres''. Von römischen Ziegeleien und Ziegelbrennöfen

1. ,,Unsere Spezialität: tegulae und lateres''. Von römischen Ziegeleien und Ziegelbrennöfen

Römische Ziegeleien — oftmals vom Militär betrieben — sind häufig nachgewiesen an militärischen Standorten in den Nordwestprovinzen. Ein Brennofen im Experiment und eine darauf aufbauendeStudie an der Universität zu Köln klären Fragen zur Kapazität eines römischen Ziegelbrennofens und zur Belegschaftsstärke der zugehörigen Ziegelei.

VON HEINZ SPERLING

RÖMISCHE ZIEGELBRENNÖFEN

Römische Ziegeleien sind eine nicht gerade selte- ne Befundgattung in den römischen Nordwest- provinzen. Meist vom Militär betrieben, lieferten sie neben Dachpfannen (tegulae und imbrices, die antiken Formen von Mönch und Nonne) und Zie- gelplatten (lateres) auch Rohre und weitere For-men für Hypokausten, Bodenbeläge und Wand- verkleidungen in Lager- und Zivilbauten. Die zu- gehörigen Brennöfen sind, neben vor Ort verbliebenen Ziegeln, die markantesten Befunde dieser Industrieanlagen. Gelegentlich nennen auf- gebrachte Stempel auch die Ziegelproduzenten. Fragen zur Kapazität solcher Öfen und die Anzahl der benötigten Mitarbeiter in einer Ziegelei beant- worten sie jedoch nicht. Es ist lediglich bekannt, dass die Öfen einen viereckigen Grundriss hatten und dass über einer Feuerkammer mit gewölbe- ähnlichem Aufbau die heizgasdurchlässige Loch- tenne lag. Darüber befand sich die eigentliche Brennkammer, in die die Rohziegel eingebracht wurden. Deren Volumen ist die wichtigste Größe, wenn es um die Kapazität einer Ziegelei geht: Was gebrannt werden kann, muss vorher geformt wor- den sein. Erhalten sind jedoch meist nur Teile der Feuerkammer und bestenfalls die Lochtenne. Komplette Brennkammern, bei denen man deren Höhe nachmessen könnte, sind nicht überliefert. Die spannende Frage nach der Menge der Ziegel, die in einem Brennvorgang oder in einem Jahr ge- fertigt werden konnte, musste also anders ange- gangen werden.

EIN BRENNOFEN IM EXPERIMENT

2009 wurde dazu auf dem Gelände des LWL-Indus- triemuseums der Ziegelei in Lage (bei Bielefeld) ein solcher Ziegelbrennofen als Experiment nach- gebautund betrieben. Seine Abmessungen und die Bauweise wurden einem Ofen aus der römi- schen Militärziegelei in Durnomagus / Dormagen nachempfunden. Dort wurden zwischen 1963 und 1977 sowie 1991 bei Ausgrabungen mehrere Öfen freigelegt. Außerdem lieferten lokale Funde die Abmessungen der mit diesen Öfen hergestellten Waren (tegulae, imbrices, lateres etc.).

Aus den Ergebnissen beim Brennen ergaben sich Orientierungspunkte für die ehemalige Höhe der nicht erhaltenen Brennkammer: Nur die Ziegel aus dem Brennkammerbereich bis ca. 2,2 m Höhe konnten nach dem Brennvorgang verwendet wer- den, die aus dem darüberliegenden Bereich dage- gen nicht. Damit liegt es nahe, für annäherungs- weise Berechnungen von 2 m Brennkammerhöhe auszugehen. Bei einer Lochtennenfläche von 3,2 m × 4,1 m, wie beim Dormagener Ofen, ergibt dies dann ein Brennkammervolumen von 26 m3. Für das beim Brennen hindurchströmende Rauch- gas ist außerdem ein Zwischenraum zwischen den Rohlingen freizuhalten; ein Abstand in Zie- gelstärke erschien dabei ausreichend. Der Ofen kann demnach 13 m3 geformte Ziegelrohlinge auf- nehmen;beispielsweise tegulae und imbrices für 326 m2 Dachfläche oder 351 m2 Bodenbelag mit la- teres im Format 35,8 cm × 35,8 cm × 3,7 cm, wie sie in Dormagen gefunden wurden. Soweit die Versu- che am Ofen.

EIN BETRIEBSMODELL

Im Rahmen der Dissertation des Verfassers an der Universität zu Köln wurde darauf aufbauend ein Betriebsmodell für die Dormagener Ziegelei ent- wickelt, das Angaben zu Betriebsabläufen, Kapa- zitäten, Personalbedarf etc. liefern kann.

Dazu wurde die Prozesskette mit den einzelnen Stufen der Ziegelproduktion vom Abbau und der Aufbereitung des Lehms über das Formen und Trocknen der Rohlinge bis zum Abtransport nach dem Brennen rekonstruiert. Dieser Ablauf hat sich beim sogenannten Handstrich von Ziegeln nicht zuletzt wegen seiner Einfachheit über die Jahrhunderte bis in die jüngste Vergangenheit na- hezu nicht verändert. So konnte für jeden Schritt die jeweilige Zeitdauer bestimmt werden. Histori- sche Handbücher lieferten hier neben Experimen- ten und daraus abgeleiteten Schätzungen die not- wendigen Daten. Es ließ sich beispielsweise ermit- teln, wie lange das Formen eines Ziegels dauert oder ein Brennvorgang mit Ein- und Ausräumen des Ofens. Summa summarum entstand so ein Re- chenwerk, mit dem sich für den Ofen in Dormagen und auch darüber hinaus für vergleichbare Ziegelbrennöfen Mengenberechnungen vornehmen ließen.

Im Dormagener Ofen konnten demnach in einer Fertigungsperiode bzw. Saison zwischen April und Oktober – im Spätherbst und Winter wird nicht geziegelt – maximal 13 Ofenfüllungen ge- brannt werden; dies sind beispielsweise bei den tegulae und imbrices mehr als 4000 m2 Dachfläche oder 33 800 Stück pedales (Standardformat 1 röm. Fuß, 29,6 cm × 29,6 cm). Sicherlich sind dabei nicht nur Ziegel eines Typs hergestellt worden, sondern es ist mit einem Produktmix zu rechnen. Hierü- ber fehlen uns allerdings Informationen; genauso wie zum Anteil der Gutstücke, die letztlich ver- wendet werden konnten. Angesichts der großen Menge verarbeiteten Lehms (max. 338 Tonnen Lehm/Saison) ist die Anzahl der benötigten Mitar- beiter in der Ziegelei erstaunlicherweise gering: Für das Formen, Brennen, Lehm aufbereiten, Transportieren etc. sind für diesen Ofen je Tag nur ca. 15 Mitarbeiter bei zehn Arbeitsstunden je Arbeitstag der Ziegelei notwendig. Dabei ist denk- bar, dass die zehn Stunden je Tag, wie in der Geschichte der Ziegelherstellung nicht unüblich, von einem Mitarbeiter erbracht wurden. Ein Einsatz von Teilzeitkräften verändert logischerweise die Zahl der erforderlichen Personen. Die tatsächli- chen Verhältnisse in einer römischen Ziegelei kennen wir leider nicht.

Wichtig ist neben der Anzahl der eingesetzten Personen auch deren Qualifikation: Für einen in- dustrieähnlichen Betrieb mit der genannten Pro- duktionskapazität müssen mindestens die For- mer und die Brenner qualifizierte Fachkräfte sein! Bei den anderen Tätigkeiten ist der Einsatz von „angelernten“ Kräften denkbar. Außerdem müssen auch Experten für den Bau und die In- standhaltung des Ofens zur Belegschaft gehört haben.

IN ANDEREN ZIEGELEIEN

Der rechteckige, oben offene Schachtofen ist ein „Standardmodell“ für römische Ziegeleien, und auch die Abmessungen dieser Öfen liegen an sehr vielen Standorten nahe an denen aus Dormagen. Deshalb bietet das Betriebsmodell auch die Mög- lichkeit „rückwärts“ zu rechnen: Wenn Anzahl und Typ der in einem Gebäude verbauten Ziegel bekannt sind, kann die zur Herstellung dieser Zie- gel nötige Ziegeleikapazität ermittelt werden.

Da zudem auch die Ziegeleien im italischen Mut- terland zu dieser Zeit den gleichen Ofentyp ver- wendeten – was hätte einen römischen Legionär auch dazu bringen sollen, den von zuhause be- kannten Ofentyp nicht auch in der Provinz einzu- setzen –, konnte so als Beispiel die für die Ziegel der Caracalla-Thermen benötigte Anzahl an Brennöfen berechnet werden: Mindestens 92 gleichzeitig während fünf Jahren mit voller Leis- tungsfähigkeit während der Ziegelsaison laufen-de Öfen mit der Kapazität des Dormagener Ofens waren dazu nötig! Und da bei den Berechnungen keine sinnvollen Minderungen aufgrund von Fehl- bränden und anderen Produktionsproblemen und -verzögerungen berücksichtigt werden können, sind die 92 Öfen nur das unterste Minimum. Summa summarum zeigt das Modell, dass an- schauliche Rekonstruktionen nicht nur für antike Bauten und andere materielle Güter, sondern auch für Herstellungsprozesse möglich sind und plausible, aussagefähige Erkenntnisse über das damalige Betriebsgeschehen im Handwerk liefern können.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Sperling, Heinz: ,,Unsere Spezialität: tegulae und lateres''. Von römischen Ziegeleien und Ziegelbrennöfen, in: Der Limes. Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (16. Jahrgang, Heft 1), Stuttgart 2022.

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