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Landwirtschaft und Versorgung

Inhaltsverzeichnis

1. Militärstandorte und Villa rustica. Getreide für Roms Soldaten.

1. Militärstandorte und Villa rustica. Getreide für Roms Soldaten.

Manche Zusammenhänge, wie z. B. der erhöhte Bedarf an Nahrungsmitteln in einer von Soldatengesicherten Grenzregion, liegen auf der Hand. Doch mitunter ergeben sich erst durch eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema sowie durch hypothetische Kartierungen noch weitere wesentliche Aspekte, die eine Betrachtung aus ganz neuen Blickwinkeln erlauben oder gar erfordern.

VON CHRISTOF FLÜGEL UND JOHANNES VALENTA

Die Kastelle und Lagerdörfer am Obergermanisch- Raetischen Limes wurden standortnah von den un- zähligen Gutshöfen (villae rusticae) im Hinterland beliefert. Diese landwirtschaftlichen Betriebe be- standen jeweils aus einem 1–5 ha großen Hofareal mit einem repräsentativen Hauptgebäude sowie zahlreichen Nebengebäuden wie Getreidedarren oder Thermen. Geschätzt etwa 15 Bewohner einer villa rustica bewirtschafteten mit ihren Sklaven zwischen 50 ha und 100 ha Fläche, um die enormen Getreidemengen, die für die Versorgung der Soldaten im Grenzgebiet notwendig waren, zu erzeugen. Der hohe Bedarf wird eindrücklich durch ein hölzernes Schreibtäfelchen aus dem Kastell Vindolanda am Hadrianswall belegt: Der Brief des Geschäftsmannes Octavius erwähnt eine Lieferung von 5000 modii Getreide (etwa 4,5 t), für die eine Anzahlung von 300 Denaren geleistet wurde, was in etwa dem Jahresgehalt eines einfachen Soldaten entsprach (VindolandaTablets 343).

Die Konzentration von Reitereinheiten in Nordraetien bedeutete für die Militärverwaltung darüber hinaus eine logistische Herausforderung: Der jährliche Getreidebedarf einer 500 Mann starken ala quingenaria, wie sie in Weißenburg stationiert war, betrug für die Soldaten jährlich 308t Weizen, dazu kamen etwa 372t Gerste für die Pferde. Für die ala miliaria in Aalen sind dementsprechend jeweils die doppelten Mengen anzusetzen. Zusätzlich mussten aber natürlich auch die Infanterieeinheiten am Raetischen Limes versorgt werden. Allein für die auf dem Weißenburger Militärdiplom für das Jahr 107 n. Chr. genannten Reiter- und Infanterieeinheiten des Heeres in Raetien waren somit jährlich 2931,4 t Gerste und 4976 t Weizen nötig, die es zu erwirtschaften galt.

NEUE KARTEN FÜR DEN ALTEN LIMES

Im Hinterland des vorderen Obergermanisch-Raetischen Limes lagen nach bisherigem Wissensstand etwa 4000 villae rusticae kleinerer und mittlerer Größe. Obwohl zahlreiche Zusammenstellungen und Monographien zur Archäologie und Geschichte einzelner Gutshöfe existieren, wurde bislang noch nicht der Versuch unternommen, diese in Relation zur heutigen Bodengüte zu setzen. Aus diesem Grund wurde an der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern in Kooperation mit der Stadt Gunzenhausen und ArchIV – Archäologische Informationsverarbeitung Johannes Valenta eine Übersichtskarte entwickelt, welche die Standorte limeszeitlicher villae rusticae sowie die germanischen Siedlungen im Vorfeld nach Bodengütewerten differenziert. Eine wesentliche Schwierigkeit dabei bildete die Tatsache, dass die Überblickskarten zur ländlichen Besiedlung in römischer Zeit weder zeitlich differenziert noch georeferenziert sind. Er- gänzend dazu wurde eine Karte zur römischen Reiterei am Limes erstellt. Als Grundlage dienten jeweils kartographische Abbildungen aus einschlägigen archäologischen Publikationen.

BODENGÜTEKARTEN FÜR DEUTSCHLAND UND ÖSTERREICH

Die „Kartierung des ackerbaulichen Ertragspotentials der Böden in Deutschland im Maßstab 1:1 000 000“ liegt als georeferenziertes Tiff-Bild (Geotiff) vor und wurde 2014 von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe herausgegeben. Diese Karte zeigt in den Rasterzellen (je 250 m × 250 m) die Werte der Bodengüte (des „Soil Quality Ratings“) für ackerbauliche Standorte in einer Skala von 0 bis 102 Punkten, die in sechs Klassen von äußerst geringem bis sehr hohem Potenzial eingeteilt sind. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nur ackerbaulich genutzte Standorte bewertet wurden, Grünland-, Wald- und Siedlungsflächen dagegen nicht. Für Österreich liegt eine landesweite Bodennutzungskartierung mit einer Rasterweite von einem Kilometer vor, wobei eine Rasterzelle nach der darin überwiegend vorkommenden Bodenform klassifiziert wird. Im Gegensatz zur oben genannten Kartierung für Deutschland wird hier neben der Eignung der Böden für die ackerbauliche Nutzung auch die Grünlandnutzung bewertet. Die Einteilung der Wertigkeiten erfolgt hier in fünf Klassen von geringwertig bis hochwertig.

Die unterschiedlichen räumlichen Auflösungen der Bodengütekartierungen für Deutschland und Österreich wurden zunächst unverändert übernommen. Die inhaltliche Klassifikation für die acker- bauliche Nutzung hingegen wurde verändert, um den Fokus auf die guten bis sehr guten Bodenertragswerte zu legen.

DER LIMES: EINE GRENZE FÜR ROM

Aus dem Verbreitungsbild der villae rusticae lassen sich in der Tendenz wesentliche Aspekte für unser Verständnis der römischen Grenze in Obergermanien und Raetien herauslesen, auch wenn wir im Detail nicht immer wissen, wie sich die Landschaft und die Bodenqualitäten seit der Römerzeit durch landwirtschaftliche Nutzung, Bodenerosion oder Überschwemmungen verändert haben.

Nur etwa 5 % der Standorte sind auch aus heutiger Sicht sehr gut für die ackerbauliche Nutzung geeignet. Etwas mehr als ein Drittel der Standorte erzielen aktuell gute oder mittlere Erträge. Etwa ein Viertel erreichen einen geringen oder schlechten Ertrag. Knapp 35 % der Standorte wurden durch die Bodenertragskartierung für ackerbauliche Nutzung nicht erfasst oder nicht bewertet.

Der Verlauf des vorderen Obergermanisch-Raetischen Limes orientiert sich deutlich an der Qualität der für Landwirtschaft zur Verfügung stehenden Flächen und schließt diese in das Imperium ein. Gut erkennbar wird dies am „Limesknick“ in der Wetterau mit überwiegend sehr guten Böden und dem nordraetischen Limesbogen mit mittleren bis guten Bodenwerten. Die große Distanz zu den germanischen Siedlungen im Vorfeld, die sich ihrerseits erst wieder auf Böden schlechter bis mittlerer Qualität im Maindreieck konzentrieren, ist dadurch zu erklären, dass das Limesvorfeld unter landwirtschaftlicher Betrachtungsweise für Rom uninteressant war, aber durchaus der Rohstoffgewinnung dienen konnte.

Die Kartierung der villae rusticae verdeutlicht, dass der Obergermanisch-Raetische Limes primär eine innenpolitisch motivierte Grenze für Rom und nicht eine Grenze gegen die Barbaren im Vorfeld war. Die Sicherung der Lebensmittelversorgung war von vitalem Interesse für das Römische Reich.

REITER FÜR ROM

Das strategische Konzept zur Sicherung von Obergermanien und Raetien wird durch eine Kartierung der Reitereinheiten (alae) und teilberittenen Reitereinheiten (cohortes equitatae) deutlich: Basierend auf experimentalarchäologischen Ergebnissen Marcus Junkelmanns sind als maximal mögliche Tagesdistanz eines Reitersoldaten etwa 80 km anzunehmen. Dies entspricht auch den Erfahrungen beim modernen Distanzreiten, denen zufolge fast alle Pferderassen bei gutem Training eine solche Strecke zurücklegen können. Die antike Überlieferung in der Historia Augusta schildert dagegen eine Ausnahmesituation (Historia Augusta, Maxi- mini Duo 25,2): Der Kopf des Usurpators Maximinus Thrax wurde nach dessen Ermordung in Aquileia (im heutigen Friaul in Norditalien) in nur vier Tagen „… unter ständigem Pferdewechsel“ nach Rom gebracht und dort am Forum ausgestellt. Die Distanz zwischen Aquileia und Rom beträgt 640 km, was bei den angegebenen vier Tagen einer doppelten Tagesleistung von 160 km entspricht. Dies ist nur durch den in der Historia Augusta be- sonders betonten Pferdewechsel denkbar.

Für das Gebiet jenseits des Limes wurde aufgrund der schlechteren infrastrukturellen Erschließung hypothetisch ein maximaler Einsatzradius von 40 km angenommen. Das Ergebnis der Kartierung zeigt, dass für die Stationierung der Reitereinheiten am Obergermanisch-Raetischen Limes besonders die Sicherung der für die Versorgung der Provinz notwendigen Kulturlandschaft mit der angesprochenen hohen Konzentration von villae rusticae wesentlich war. Gleichzeitig war, wie besonders die sich in der Provinzhauptstadt Aelia Augusta/Augsburg überschneidenden maximalen Einsatzradien der nordraetischen Reitertruppen zeigen, die militärische Sicherung der Provinzhauptstadt ausschlaggebend. Die Vorfeldsicherung des Limes deckte außerdem die militärische und wirtschaftliche Einflusszone Roms ab.

Die Kartierung der Reichweiten innerhalb des Römischen Reiches und im Barbaricum sind bislang hypothetisch. Die maximale Reichweite eines Reiters ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig. Als wesentlichste sind zu nennen:

–  die Anzahl der Wechselstationen und deren Abstand zueinander;

–  das Ausbaustadium und der Zustand der Straßen und des Straßennetzes;

–  die Beschaffenheit des Geländereliefs (Steigung, Bodenbeschaffenheit);

– saisonale Faktoren (Schnee, Eis, Matsch).

Um ein „Römer-Routing“ einigermaßen authentisch modellieren zu können, müssten zunächst Informationen zu den oben genannten Faktoren zusammengetragen bzw. erhoben werden. Dabei bedarf es vor allem einer kritischen Durchsicht der vorhandenen Informationen zum römischen Straßennetz hinsichtlich seiner Güte und Vollständigkeit. Römerzeitliche Verkehrswege im Barbaricum sind bisher ebenfallsschwer zu fassen. Zwar gibt es bereits erste Ansätze, die Reisezeiten auf den gro- ßen Fernstraßen im Römischen Reich zu modellie- ren –auch saisonal –, aber je kleinräumiger der Un- tersuchungsraum gewählt wird, desto unschärfer werden die Datengrundlagen. Abgesehen von den noch vorhandenen Schwierigkeiten bieten die hier gezeigten Kartierungen jedoch eine gute Diskussionsgrundlage für weiterführende Forschungen.

Flügel, Christof; Valenta, Johannes: Militärstandorte und Villa rustica. Getreide für Roms Soldaten, in: Nachrichtenblatt der Deutschen Limeskommission (10. Jahrgang 2016, Heft 2), Stuttgart 2026, S. 20-24. 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Flügel, Christof; Valenta, Johannes: Militärstandorte und Villa rustica. Getreide für Roms Soldaten, in: Nachrichtenblatt der Deutschen Limeskommission (10. Jahrgang 2016, Heft 2), Stuttgart 2026, S. 20-24. 

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