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Mythen und Sagen

Inhaltsverzeichnis

  1. Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht.
  2. Nibelungensage. Ein Epos aus uralten Zeiten.
  3. Siegfried von Xanten. Hauptfigur der Nibelungensage

1. Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht. 

Die Form, in der die Brüder Grimm diese Geschichte 1816 in ihre Sagensammlung aufgenommen haben, wurde ein Welterfolg, jeder kennt sie. Der Rattenfänger von Hameln wurde zur berühmtesten deutschen Sagengestalt mit globaler Ausstrahlung bis in die USA und nach China. Doch schon in der frühen Neuzeit machte die Geschichte vom »Bunting« die Runde, so wird der ominöse Pfeifer in einer Version des 16. Jahrhunderts genannt, der erst Mäuse und Ratten aus der Stadt führt mithilfe magischer Flötentöne und dann die Kinder auf Nimmerwiedersehen fortlockt, weil ihm der Stadtrat seinen Lohn verweigert. Für Hameln jedenfalls ist die Sage ein wirtschaftlicher Segen, denn die Legende lockt alljährlich Abertausende von Touristen aus aller Welt in die kleine Stadt an der Weser, um jenen Ort schaudernd zu besuchen, in dem einst der bunte Rattenfänger sein gutes Werk verrichtete, vor allem aber grausame Rache übte an den wortbrüchigen Hamelnern.

»Anno 1284 am Dage Johannis et Pauli war der 26.Juli / Dorch einen Piper mit Allerley Farve bekledet gewesen CXXX Kinder verledet binnen Hameln geboren / To Calvarie bi den Coppen verloren.« So lautet die Inschrift aus dem 17. Jahrhundert am sogenannten Rattenfängerhaus in Hameln, einem herrlichen Beispiel der Weserrenaissance. Frühere Belege des für die Kindseltern grausamen Geschehens gibt es in der Lüneburger Handschrift von 1430: »Zu vermelden ist ein höchst seltenes Wunderzeichen, das sich in der Stadt Hameln im Jahre des Herr 1284 gerade am Tage des Johannes und Paulus ereignete. Ein Jüngling von dreißig Jahren, schön und überaus wohl gekleidet, trat über die Brücke und durch das Wesertor (in die Stadt) ein. Auf einer silbernen Flöte von wundersamer Form begann er sodann durch die ganze Stadt hin zu pfeifen. Und alle Kinder, die diese Flöte hörten, an Zahl etwa 130, folgten ihm zum Ostertore hinaus zur sogenannten Kalvarien- und Gerichtsstätte. Dort verschwanden und entwichen sie, daß niemand aufspüren konnte, wo eines von ihnen geblieben war. Dieses habe ich in einem alten Buchege funden. Und die Mutter des Herrn Dekans Johann von Lüde sah die Kinder fortziehen.« Immerhin wird hier sogar eine Zeugin benannt, die zur Tatzeit etwa zehn bis vierzehn Jahre alt war. Also gibt es früh eine mündliche Erzähltradition.

Keine Rede ist allerdings in den alten Zeugnissen von Ratten. Dieser Teil der Sage wurde erst 1565 mit dem Hamelner Kinderverlust verbunden. Geschichten von sonstigen Rattenfängern waren damals weit verbreitet. Erst in der kombinierten Form wurde daraus die unsterbliche Legende vom erfolgreichen Rattenfänger von Hameln, der aus Rache zum Kinderentführer wird und in der Rezeptionsfolge rasch Teufelszüge annahm.

Zugleich aber begann die Suche nach einer realen Vorgeschichte ohne mythische Fantasie. Gottfried Wilhelm Leibniz etwa spekulierte, ob der Auszug der 130 Kinder vielleicht auf den Kinderkreuzzug von 1212 hindeute. Andere vermuteten für das Kinderverschwinden eine Pestepidemie oder aus, dass die Hamelner Kinder vielleicht Werbern für die KoIonisation im Osten folgten. Die traten meist in Begleitung eines Trommlers und Pfeifers auf. In der Version der Brüder eines Trommlers und Pfeifers auf. In der Version der Brüder Grimm ist von Siebenbürgen die Rede, wo die Kinder wiederaufgetaucht sein sollen. Andere Forscher wollten anhand von Personennamen die Auswanderer in Mähren vermuten.

Die in dieser Hinsicht haltbarste These hat der Namensforscher Jürgen Udolph entwickelt. Nach seinen Recherchen und Überlegungen sind die Hamelner wohl in die Gegenden nördlich von Berlin in die Prignitz und die Uckermark gezogen. Das beweisen nach Udolph dortige Ortsnamen; Auswanderer würden gerne in der neuen Heimat die alten Ortsbenennungen wieder verwenden. So findet sich etwa in der Wesergegend Hamelspringe, wo die Hamel entspringt und bei Hameln in die Weser mündet. In der Uckermark gibt es Hammelspring, obwohl dort keine Hamelquelle existiert.

Dass es Auswanderer aus dem Weserbergland in diese östlichen Gegenden gezogen hat, gilt als sicher. Das ist trotzdem kein absoluter Beweis für den Grund des Verschwindens. In der Trauer der Eltern schimmert nämlich noch etwas quälend Traumatisches durch, so, als als gäbe es im Hintergrund eine irgendwie düstere Schuld am Verlust der Kinder.

Die schwärzeste These entwickelt Fanny Rostek-Lühmann literaturpsychoanalytisch. Sie sieht in der Sage den Wunsch der Eltern verborgen, die Kinder, im Mittelalter oft hungrige, lästige Mitesser, auf immer loszuwerden. Im Hamelner Messbuch Passionale, der frühesten Überlieferung angeblich aus dem 14. Jahrhundert, gibt es keinen Kinderfänger, sondern nur lateinisch »rei«, Schuldige. Liegt der Sage womöglich ein Unglück, gar eine Untat zugrunde, für die man den Rattenfänger dringend als entlastenden Sündenbock erfinden musste?

2. Nibelungensage. Ein Epos aus uralten Zeiten.

Das Nibelungenlied, um 1200 verfasst, scheint ein grausames Märchen zu sein: ein übermenschlicher Held, das Bad im Drachenblut, eine Tarnkappe. Und doch verbirgt sich hinter der Sage eine wahre Geschichte – vom Untergang zweier Germanenreiche

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1924 verfilmt Fritz Lang die Sage von Siegfried, dessen Frau Kriemhild und dem finsteren Hagen von Tronje. In monumentalen Bildern erzählt er vom Schicksal des jungen Recken Siegfried (hier Paul Richter), der den Schatz des Königs Nibelung raubt, erzählt von Mord, Verrat und ewiger Treue. Das Bad im Blut des Drachen, das Siegfried fast unverwundbar macht, weist möglicherweise auf den realen Kampf der Germanen gegen die Römer
(Foto: picture alliance | Collection Christophel | RnB | UFA)

Uns ist in alten maeren – wunders vil geseit, schreibt vor rund 800 Jahren ein unbekannter Dichter: „Uns wird in alten Geschichten vom Wunderbaren viel erzählt.“ Und dann reiht er Zeile an Zeile. Niemand weiß, wie lange er an seinem Werk arbeitet, Jahre werden es wohl sein. Am Ende sind es mehr als 2300 Strophen: ein Heldenepos über Krieger und Spielleute, Königinnen und Jungfrauen, über Drachen, Zwerge und einen fluchbeladenen Schatz. Eine Geschichte von Treue und Verrat, von Liebeshochzeit und Brudermord, von Festen und Zweikämpfen. Ein Drama, das in Glanz und Abenteuer beginnt, doch in Feuer und Blut endet. Eine Erzählung, deren Wurzeln tief in die germanische Zeit zurückreichen, deren Wirkung aber noch heute spürbar ist: das Nibelungenlied. Das deutsche Nationalepos.

Es ist die Geschichte vom Glück und Verhängnis der Burgunderprinzessin Kriemhild. Ihre Brüder Gunther, Gernot und Giselher herrschen als Könige am Hof der Burgunder in Worms über das Reich am Rhein. Ihr wichtigster Ratgeber ist der finstere Hagen von Tronje. Eines Tages erscheint dort Siegfried, Königssohn aus dem kleinen Reich von Xanten am Niederrhein: ein Held, der von Kriemhilds legendärer Schönheit gehört hat und sie heiraten will. Hagen seinerseits hat bereits von dem Krieger vernommen und berichtet seinen monarchischen Herren warnend von dessen Taten. In einem fernen Land – „gut hundert lange Meilen oder mehr“ von Island entfernt – habe Siegfried die Söhne des Königs Nibelung mit seinem legendären Schwert Balmung erschlagen und deren Schatz geraubt sowie dem Zwerg, der den Schatz bewachte, eine Tarnkappe abgenommen, die unsichtbar macht und übermenschliche Kräfte verleiht. Zudem habe Siegfried einen Drachen erstochen und in dessen Blut gebadet, was seine Haut unverwundbar macht.

Trotzdem wird Siegfried in Worms gastlich aufgenommen. Doch bevor er Kriemhilds Hand erhalten kann, soll er Gunther bei einem Abenteuer beistehen. Schon bald segelt Siegfried mit ihm nach Island, wo Brünhild herrscht – eine Königin mit magischen Kräften, solange sie jungfräulich bleibt. Gunther will sie zur Gemahlin gewinnen. In drei Wettkämpfen muss sich der älteste der Burgunderkönige mit Brünhild messen. Und gewinnt sie nur, weil ihm Siegfried, unsichtbar dank der Tarnkappe, hilft, die Unbesiegbare zu besiegen. Mit Brünhild kehren die Helden zurück nach Worms. Die Isländerin wird Gunthers Gattin, am selben Tag heiratet Siegfried die schöne Kriemhild. Doch in der Nacht hilft er seinem Schwager: Verborgen dank der Tarnkappe, ringt er Brünhild im Schlafgemach des Burgunderkönigs nieder, sodass Gunther ihr die Jungfräulichkeit nehmen kann.

Zehn Jahre vergehen, dann verrät Kriemhild im Streit Brünhild, dass Gunther sie einst nur mithilfe des unsichtbaren Siegfried bezwungen habe. Die tief beleidigte Königin fordert von ihrem Gatten Siegfrieds Tod. Auch Hagen rät zum Mord: Lange schon fürchtet er die Macht des Drachentöters, die sich speist aus dessen Kraft und dem Reichtum des Nibelungenhortes. Listig entlockt er Kriemhild Siegfrieds verwundbare Stelle, denn als der einst im Drachenblut badete, legte sich ein Lindenblatt zwischen seine Schultern. Bei einer Jagd stößt Hagen eine Lanze in jene Stelle und tötet Siegfried. Den Leichnam legt er Kriemhild vor das Schlafgemach. Später versenkt er den Nibelungenhort im Rhein.

Kriemhild, verraten von ihrem Bruder, lebt 13 Jahre lang machtlos in Worms. Dann erscheint dort ein Brautwerber, gesandt vom mächtigen Hunnenkönig Etzel: Der Monarch der wilden Krieger will Kriemhild heiraten. Hagen ist dagegen, doch die Burgunder lassen ihre Schwester ziehen. Noch einmal vergehen 13 Jahre, dann lädt Kriemhild, längst Etzels Gemahlin, ihre Brüder in den Hunnenhof ein. Wieder warnt Hagen vergebens, der eine Falle ahnt: Die Könige und mehr als 1000 Recken ziehen vom Rhein los, die Donau entlang bis zum Palast von Etzel.

Nun, da sie sich auf diese Schicksalsreise begeben, nennt der Dichter die Burgunder fortan „Nibelungen“ – der Schatz hat seinen Besitzern, zuerst den Söhnen König Nibelungs, dann Siegfried, den Tod gebracht. Bald wird sein Fluch auch die Burgunder treffen, der Namenswechsel deutet dies an. Und tatsächlich flammt an Etzels Hof tödlicher Streit auf. In der brennenden Königshalle verschanzen sich die Nibelungen und fechten gegen Hunnen sowie germanische Gefolgsleute Etzels – unter anderem Dietrich von Bern. In einem Blutbad gehen die Recken unter, schließlich leben nur noch zwei: Gunther und Hagen, die beide von Dietrich von Bern bezwungen und gefesselt worden sind.

Kriemhild, außer sich vor Rachsucht, lässt ihren Bruder köpfen. Hagen erschlägt sie mit eigener Hand – ein so unerhörter Akt, dass Dietrichs Waffenmeister wiederum Kriemhild niederstreckt. Alle Burgunder/Nibelungen sind gefallen, Kriemhild ist tot, der Nibelungenschatz für immer im Rhein verschwunden … Wer hat sich diese finstere Geschichte ausgedacht? Seinen Namen hat der Verfasser im Epos nirgendwo genannt, sein Manuskript hat die Zeiten nicht überdauert. Doch 36 mehr oder weniger vollständige mittelalterliche Abschriften sind erhalten geblieben, die älteste entstand wohl zwischen 1200 und 1225.

Diese Manuskripte und der Text selbst verbergen wertvolle Indizien: Das Originalmanuskript wurde wahrscheinlich im bayerischen Dialekt des Mittelhochdeutschen verfasst, der höfischen Sprache um 1200. Auch kennt der Autor den Donauraum besonders gut, nennt etwa Details der Landschaft, während er bei seinen Beschreibungen von Worms oder dem niederrheinischen Xanten vage bleibt. Und schließlich wird die Stadt Passau, wird vor allem der dortige Bischof auffallend häufig und rühmend erwähnt. Von 1191 bis 1204 war Wolfger von Erla Bischof von Passau: ein Adeliger, der Dichter förderte. So ist sein Rechnungsbuch erhalten, das für den 12. November 1203 einen Geldbetrag verzeichnet, den der Bischof dem Minnesänger Walther von der Vogelweide für einen wertvollen Mantel übergab.

Die meisten Forscher vermuten deshalb, dass der anonyme Autor des Nibelungenliedes ein gebildeter Mann am Hof des Passauer Bischofs war und um 1200 sein Meisterwerk vollendete. Eine These sieht in dem Unbekannten niemand anderen als Walther von der Vogelweide selbst. Doch wer es auch gewesen sein mag: Der Verfasser formte Sagen um, die schon seit Jahrhunderten in Mittel- und Nordeuropa erzählt wurden – und die bis in die Germanenzeit zurückreichten. Auf der schwedischen Insel Gotland zeigen Grabsteine, die vor dem Jahr 800 gesetzt wurden, in Reliefs bereits Motive aus der Sage. Und um 800, das belegen erhaltene Totengedenkbücher aus Klöstern, hießen Adelige im Raum Worms und in Bayern auffallend häufig „Siegfried“, „Hagen“, „Kriemhild“ oder nach anderen Gestalten des Epos – beides Indizien dafür, dass bereits zu jener Zeit die Geschichte im Süden Deutschlands wie in Skandinavien populär gewesen sein muss, wahrscheinlich als Lied, das mündlich vorgetragen wurde.

Ab etwa 850 sind dann konkrete Texte erhalten, zunächst aus Skandinavien, später auch aus England und Deutschland. Die Sagen variieren: In manchen Versionen vollbringt Siegfried andere Heldentaten; Hagen ist Gunthers Bruder; Siegfried und Brünhild sind verlobt. Doch von den ältesten skandinavischen Sagen an bleiben manche Dinge auffallend konstant: Stets spielt die Handlung zwischen Rhein und Donau, fast immer dreht sie sich um den Untergang der Burgunder, stets sind die Hunnen dabei präsent.m Deutet dies auf einen historischen Kern der Sage hin? Ist die Geschichte also im geschichtlichen Sinne „wahr“? Reflektiert sie, gleich einem fernen Spiegel, dramatische Ereignisse aus der Zeit der Völkerwanderung? Oder gar Ereignisse noch früherer, antiker Jahrhunderte? Drei epochale Ereignisse, die sich im Lauf zweier Generationen zutrugen, sind vermutlich zur Sage verschmolzen:

1. ATTILA UND DIE HUNNEN

Um etwa 400 eroberte das zentralasiatische Reitervolk ein Reich von der Schwarzmeerküste bis zu den Alpen. Im Jahr 434 bestieg Attila den Herrscherthron – aus seinem Namen wurde im Mittelhochdeutschen „Etzel“. Er brach die Macht der einzelnen Stammesführer und einte so das Reich. Seine Hauptresidenz errichtete er in einer Ebene östlich der Donau – oder vielleicht im heutigen Budapester Stadtteil Obuda, wo im Mittelalter die Festung „Ecilburgu“ stand.

453 starb Attila, angeblich an einem Blutsturz in der Hochzeitsnacht mit seiner neuen, burgundischen Nebenfrau Ildiko. Bald wurde berichtet, die Frau habe den König ermordet, um Verwandte zu rächen. Das germanische Ildiko wiederum bedeutet „Hildchen“, eine Verniedlichung jedes Frauennamens, der mit „Hild“ beginnt oder endet – wie etwa Kriemhild.

2. DER UNTERGANG DER BURGUNDER

Die Burgunder zogen spätestens im 3. Jahrhundert n. Chr. aus ihrer Heimat zwischen Weichsel und Oder in Richtung des römischen Imperiums. Im Jahr 407 gründete ihr König Gundahar am Mittelrhein ein Reich, zu dem auch Worms gehörte. Doch 436 besiegte der römische Heermeister Flavius Aëtius die Burgunder in einer fürchterlichen Schlacht. Gundahar und fast alle seine Adeligen fielen. Zu den Truppen des Aëtius gehörten hunnische Krieger, die damals mit Rom verbündet waren.

Die überlebenden Burgunder siedelte Aëtius in Gallien an, wo sie sich schließlich in jener Region niederließen, die bis heute ihren Namen trägt. Dort herrschten noch fast 100 Jahre lang Könige – einem traditionellen Brauch folgend oft mehrere Brüder gemeinsam. Auch ist für die Burgunder typisch, dass Männer einer Familie ähnliche Vornamen trugen. Eine Rechtssammlung überliefert den König Gibica und dessen Söhne Gundahar, Gislahar und Gundomar.

Die Ähnlichkeit zu den drei Königen des Nibelungenliedes ist stark, auch wenn niemand sagen kann, ob je wirklich drei Brüder mit den Namen aus dem Epos bei den Burgundern regierten.

3. THEODERICH, DER OSTGOTENKÖNIG

Auch die Ostgoten waren schon durch halb Europa gezogen, als um 454 Theoderich aus der adeligen Familie der Amelungen geboren wurde. Der junge Mann musste mehrere Jahre als Geisel in Konstantinopel leben. Später wurde er König der Ostgoten und oströmischer Heerführer – und 488 im Auftrag Ostroms nach Italien entsandt, um dort Germanenstämme zu bekämpfen. In Italien eroberte sich Theoderich, abgesegnet vom Kaiser in Konstantinopel, ein eigenes Reich. Bis zu seinem Tod im Jahr 526 regierte er als einer der mächtigsten Herrscher der Völkerwanderungszeit in seinen Residenzstädten Ravenna und Verona. Aus dem Namen Verona wurde durch Lautverschiebung im Mittelhochdeutschen „Bern“. Und aus Theoderich: „Dietrich“.

Gewaltige Schlachten, Glanz, dann jähe Katastrophe und Erlöschen – dreimal wiederholt sich das Muster. Die Burgunder verlieren nicht nur gegen Aëtius und die Hunnen, ihr Restreich wird im 6. Jahrhundert von den Franken erobert. Das Hunnenreich zerfällt bald nach Attilas Tod, das Ostgotenreich überdauert Theoderichs Dahinscheiden nur um wenige Jahrzehnte. Und so wird wohl schon bald die Geschichte der drei untergegangenen Reiche zur Sage, werden die dramatischsten Ereignisse und bedeutendsten Persönlichkeiten zur Inspiration der Liedersänger, werden Schicksalsstränge der Burgunder, Hunnen und Ostgoten zu einer neuen, dann immer wieder variierten Geschichte verwoben.

Noch andere Motive der Sage deuten auf die Jahrhunderte der Völkerwanderung hin – vor allem der Nibelungenschatz. Der wird meist als „Hort“ bezeichnet, was „verborgener Schatz“ meint. Tatsächlich sind in der Zeit zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert, das belegen heutige Funde, häufig Kostbarkeiten versteckt worden: Gold, Silber, Münzen, Geschirr, Waffen und Schmuck. Mal vergrub man sie aus Angst vor heranrückenden Feinden, mal gingen sie in Flüssen verloren, wenn Plünderer über die Gewässer setzten.

So sind in Neupotz bei Speyer (rund 70 Kilometer südlich von Worms) in einem Altarm des Rheins mehr als 1000 Münzen, Messer, Schalen, Siebe, Teller und andere Metallobjekte gefunden worden: gut 700 Kilogramm insgesamt, die wertvollsten Stücke aus Silber. Wahrscheinlich sind sie um das Jahr 260 von plündernden Germanen im römischen Gallien geraubt worden und bei der Rückkehr über den Rhein verloren gegangen. Legenden von Helden und Schätzen sind zwar nicht Historie im wissenschaftlichen Sinn, sind keine Berichte „so, wie es gewesen ist“. Und Dietrich von Bern alias Theoderich kann ja niemals Etzel alias Attila begegnet sein, da der Hunne bereits tot war, als Theoderich geboren wurde.

Möglich auch, dass niemals exakt bei Worms ein großer Hort im Rhein verschwunden ist – sondern dass Berichte von anderen Desastern am Rhein, wie etwa dem zu Neupotz, aus dramatischen Gründen an den Burgunderhof verlegt worden sind. Die Nibelungensagen gleichen also mehr einem Echo auf jene historischen Umwälzungen des 5. und 6. Jahrhunderts und sind ein Versuch, sie sich immer wieder neu zu erklären. Und womöglich sind sie auch ein Echo eines noch weitaus ferneren Zeitalters: der Antike.

Sicher ist, dass das Nibelungenlied unter einem dünnen christlichen Firnis (Kriemhild und Brünhild etwa streiten auf den Stufen des Wormser Münsters vor dem Kirchgang) uralte heidnische Mythen bewahrt: Siegfried tötet einen Drachen, besitzt magische Waffen, er bezwingt einen Zwerg und setzt ihn zum Hüter des Schatzes ein. Und die jungfräulich-mächtige Brünhild im fernen Island ähnelt den Walküren, jenen weiblichen kriegerischen Geistern, die gefallene Kämpfer vom Schlachtfeld heben. Bewahrt die Sage aber womöglich auch noch Relikte aus den Jahrhunderten zwischen jener mythischen Vorzeit und der Völkerwanderung auf?

Seit etwa 1830 vertreten immer wieder Gelehrte die These, dass Siegfried ebenfalls ein reales Vorbild hat: in Arminius, dem Cheruskerfürsten, der im Jahre 9 n. Chr. die Legionen des Varus vernichtete. Manche Indizien, die für diese Vermutung bemüht wurden, grenzen ans Absurde: So soll der Drache – „Lindwurm“ in den meisten germanischen Sagen – Symbol für die in langen Reihen marschierenden Legionäre sein. Und der Hort des Nibelung sei in Wahrheit der gewaltige Schatz gewesen, den der siegreiche Arminius erbeutet habe.

Andere Indizien hingegen sind nicht so einfach von der Hand zu weisen: Schon die ältesten Versionen der Sage spielen ja an Rhein und Donau – und mithin im antiken Grenzgebiet zwischen Imperium Romanum und freiem Germanien. Siegfried stammt zudem aus Xanten. Dieser Ort war in der Antike ein Legionslager, das in der Nähe des Cheruskergebiets lag. Arminius, der ja lange als Soldat im römischen Heer kämpfte, mag hier einen Teil seiner Dienstzeit verbracht haben. Manche Sagenversionen verbinden den Hirsch mit Siegfried, so erscheint dieses Tier einmal in einem Traum als Symbol für den Recken. „Hiruz“ aber nannten sich die Cherusker selbst, die „Hirschleute“.

Und schließlich ist da noch der Name: „Arminius“ ist lateinisch, nur diesen Namen überliefern antike Geschichtsschreiber für den Cheruskerfürsten. Tacitus immerhin nennt zusätzlich die germanischen Namen von Vater, Schwiegervater und Schwager des Arminius: Alle beginnen mit der Vorsilbe „Sieg“/„Seg“. Immerhin möglich, dass – analog zu den Burgundern und anderen Germanenvölkern – auch der ursprüngliche Name des Arminius im Gleichklang mit denen seiner Verwandten war, also mit „Sieg“ oder „Seg“ begann.

Dennoch bleibt die Verbindung von Sagengestalt zu realer Person letztlich willkürlich. Wie die Figur Siegfried tatsächlich entstanden ist, bleibt bis heute schwer erklärlich – und ebenso sein großer Widersacher Hagen von Tronje. Beide Heroengestalten mögen irgendwie auf echte Krieger zurückgehen, doch bleiben deren Taten wohl für immer im Dunkeln, sind bis zur Unkenntlichkeit im Mythos verändert worden. Zum Mythos aber ist auch das gesamte Nibelungenlied geworden: zu einem modernen, finsteren Mythos.

Im 18. Jahrhundert entdecken Gelehrte mittelalterliche Handschriften der fast vergessenen Sage wieder, 1782 wird sie erstmals vollständig gedruckt – auch wenn der stolze Herausgeber der Verse vom Preußenkönig Friedrich dem Großen mit einem Brief von erlesener Unhöflichkeit bedacht wird: „Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuss Pulver wert und verdienen nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden.“ Rund zwei Jahrzehnte später jedoch hat sich diese Einschätzung deutlich geändert: Die deutschen Staaten sind von Napoleon besetzt, man kämpft gegen den scheinbar übermächtigen Franzosenkaiser – auch auf dem Feld der Kultur. Nicht mehr höfisch-französisch, am besten nicht einmal romanischrömisch soll das militärisch und politisch gedemütigte Deutschland sein, es soll sich auf eine „eigene“ Kultur und Vergangenheit besinnen.

Ab etwa 1800 verstehen die Menschen in den deutschen Landen daher das Nibelungenlied als Nationalepos: als urdeutsches, uraltes und kämpferisches Werk. Soldaten erhalten Feldausgaben zur Erbauung mit, selbst der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe zeigt sich vom Text berührt und doziert darüber in Weimar. In mehreren Volksausgaben wird der Stoff populär, der Dramatiker Friedrich Hebbel sowie eine ganze Reihe weniger begabter Theaterautoren bringen die Geschichte in zehn Fassungen auf die Bühne.

Doch niemand erzielt eine größere Wirkung als der Komponist Richard Wagner, der ab 1848 am „Ring des Nibelungen“ arbeitet. Wagner interessiert sich bald vor allem für die mythische, unhistorische Dimension der Geschichte, weshalb er weniger das um 1200 entstandene Nibelungenlied adaptiert als die älteren, nordischen Sagenversionen. So zelebriert seine im Sommer 1876 uraufgeführte Opern-Tetralogie beispielsweise das Walten der Götter und Walküren. Die Wagnersänger in Fellkleidern, Flügelhelmen und mit klobigen Waffen (Kreationen, die der Komponist selbst abscheulich findet) werden auf Jahrzehnte hinaus das Germanenbild der Öffentlichkeit bestimmen.

Als der „Ring des Nibelungen“ uraufgeführt wird, ist das neu gegründete Deutsche Reich gerade fünf Jahre alt. Bismarcks politische Schöpfung ist im Krieg entstanden – und die kämpferischen Tugenden der Sage, das Gewalttätige und Urtümliche der Recken werden gewissermaßen zur Reichsideologie verklärt, Deutschland wird in einem Lobgedicht zum „Nibelungenland“ erhöht. 1909 erklärt Kanzler Bernhard von Bülow im Reichstag Deutschlands „Nibelungentreue“ zu Österreich-Ungarn; damit wird also ein politisches Bündnis zweier moderner Staaten mit einer mythischen Gefolgschaft gleichgesetzt – mit den Burgundern/ Nibelungen nämlich, die in der brennenden Königshalle unbeirrt zusammenstehen.

Dass dies in der Sage zum Untergang führt, scheint weder den Kanzler noch seine Zuhörer sonderlich zu beunruhigen. Und 1914, da nun tatsächlich der Weltenbrand lodert, erhebt ein Reichstagsabgeordneter den „waffengewaltigen, stolzen, grimmen Hagen“ gar zum „Sinnbild Preußen-Deutschlands“. Heute ist es schwer verständlich, dass im deutschen Kaiserreich ausgerechnet die dem Untergang geweihten Nibelungen zu Vorbildern erklärt werden – vor allem der Heldenmörder Hagen, der sein Leben ja als hilflos Gefesselter verliert. Mag sein, dass sich hier eine heimliche Lust an der Apokalypse zeigt, ein uneingestandener Überdruss an der modernen Welt, eine selbstmörderische Sehnsucht, im eigenen Ende die ganze Gemeinschaft mitzureißen.

Als das Beschworene allerdings in gewisser Weise tatsächlich eintritt, als mit dem verlorenen Weltkrieg 1918 zumindest das Kaiserreich untergeht, ist der Nibelungenmythos keineswegs zerstört. Im Gegenteil: Er wandelt sich nur – und Siegfried ersetzt Hagen. Die „Dolchstoßlegende“ kommt auf, die Mär, das im Feld eigentlich unbesiegte deutsche Heer sei in der Heimat von Sozialisten, Kommunisten und Juden entscheidend getroffen worden. Besonders wirkungsvoll wird diese Legende, weil sie der ehemalige Oberbefehlshaber Paul von Hindenburg verkündet – und der vergleicht Deutschlands „ermattete Front“ mit „Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen“.

Auch Adolf Hitler schreibt schon 1923 vom „deutschen Siegfried“. Als die Nationalsozialisten zehn Jahre später an die Macht kommen, ist die Nibelungensage längst Teil ihrer Ideologie. So sind die Burgunder, die im Kampf zusammenstehen, in ihren Augen „Volksgenossen“. Und im Januar 1943, da die eingeschlossene 6. Armee in Stalingrad verblutet, spricht Hermann Göring im Radio: „Wir kennen ein gewaltiges, heroisches Lied von einem Kampf ohnegleichen, das hieß ‚Der Kampf der Nibelungen‘. Auch sie standen in einer Halle von Feuer und Brand und löschten den Durst mit eigenem Blut – aber sie kämpften und kämpften bis zum Letzten. Ein solcher Kampf tobt heute dort.“

Selbst als sich 1945 die Apokalypse vollendet, schlimmer wohl, als sie sich der Dichter des Nibelungenliedes je hätte ausmalen können, bleibt der Mythos bestehen. Zwar spricht danach kein ernstzunehmender Politiker mehr von „Nibelungentreue“, zwar sind Siegfried und Hagen als politische Vorbilder verweht. Doch die halb archaische, halb überzeitliche Faszination einer Erzählung von Mut und Treue, Verrat und Mord ist ungebrochen. Nur sechs Jahre nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands wird im stets von Hitler geförderten Bayreuth „Der Ring des Nibelungen“ wieder aufgeführt.

Und die Sagenwelt von Drachen und Zwergen, von heroischen Schwertkämpfen, von langen Zügen weniger Getreuer, von dem fluchbeladenen Schatz ist längst in der Fantasy-Literatur aufgegangen. Der alte Mythos, der in der Germanenzeit wurzelt, ist zum modernen Mythos einer wieder verzauberten Welt geworden: Mittelerde als Gegen-Erde, die all das bietet, was die moderne Zeit nicht mehr zu geben scheint.

Niemand hat die Sagen geschickter verwoben und umgestaltet als der englische Autor J. R. R. Tolkien, einst Gelehrter in Oxford und ein Kenner alter nordischer Mythen. In seinem Roman „Herr der Ringe“ lassen sich unschwer die Helden und Finsterlinge, die Kriegszüge und Zweikämpfe und selbstverständlich der Hort der Nibelungen wiedererkennen. Eigentlich kein Wunder, dass gerade die Deutschen bei einer großen Umfrage 2004 dieses Werk zum „beliebtesten Buch“ überhaupt gewählt haben. Ein Nationalepos, noch immer.

 

3. Siegfried von Xanten. Hauptfigur der Nibelungensage

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Darstellung Sigurds in einer schwedischen Ausgabe der Liederedda, 1893.

Sieg­fried von Xan­ten ge­hört zu den be­kann­tes­ten Sa­gen­ge­stal­ten des Mit­tel­al­ters und spielt ei­ne zen­tra­le Rol­le im ers­ten Teil des Ni­be­lun­gen­lie­des aus dem 13. Jahr­hun­dert. In sei­ner Per­son ver­schmel­zen meh­re­re his­to­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten der Völ­ker­wan­de­rungs­zeit zur Fi­gur ei­nes mit über­mensch­li­chen Kräf­ten aus­ge­stat­te­ten, na­he­zu un­ver­wund­ba­ren Hel­den, der schlie­ß­lich ei­nem heim­tü­cki­schen Ver­rat sei­ner engs­ten Ver­trau­ten zum Op­fer fällt. 

Die ver­schie­de­nen, un­ab­hän­gig von­ein­an­der ent­stan­de­nen Va­ri­an­ten der Ni­be­lun­gen­sa­ge im deut­schen und skan­di­na­vi­schen Sprach­raum da­tie­ren in das aus­ge­hen­de 12. und frü­he 13. Jahr­hun­dert und be­ru­hen ver­mut­lich auf äl­te­ren, da­mals weit ver­brei­te­ten, heu­te je­doch nicht mehr nach­weis­ba­ren schrift­li­chen und münd­li­chen Über­lie­fe­run­gen aus der Zeit der Völ­ker­wan­de­rung und des frü­hen Mit­tel­al­ters. Die Ver­fas­ser der mit­tel­al­ter­li­chen Sa­gen agier­ten je­doch nicht als Ge­schichts­schrei­ber und Chro­nis­ten. Ih­re Wer­ke dien­ten viel­mehr der Un­ter­hal­tung und Be­leh­rung und wei­sen ei­nen star­ken Ge­gen­warts­be­zug zur ge­sell­schaft­li­chen, po­li­ti­schen und hö­fi­schen Ak­tua­li­tät des Hoch­mit­tel­al­ters auf. Auf die­se Wei­se wur­den in der Ni­be­lun­gen­sa­ge ver­schie­de­ne, teil­wei­se his­to­risch be­leg­ba­re, aber zeit­lich weit aus­ein­an­der lie­gen­de Er­eig­nis­se und Per­so­nen des 5. und 6. Jahr­hun­derts zu ei­ner neu­en Ge­samt­ge­schich­te ver­wo­ben und mit my­tho­lo­gi­schen Ele­men­ten an­ge­rei­chert. 

Die be­kann­tes­te Dar­stel­lung der Er­zäh­lung über den Auf­stieg und Fall des Kö­nigs­sohns Sieg­fried fin­det sich im so ge­nann­ten „Ni­be­lun­gen­lied", das ver­mut­lich am En­de des 12. Jahr­hun­derts in Pas­sau nie­der­ge­schrie­ben wur­de. Der an­ony­me Ver­fas­ser ver­or­tet die Her­kunft Sieg­frieds an den Nie­der­rhein. In der ver­mut­lich äl­tes­ten er­hal­te­nen Über­lie­fe­rung des Ni­be­lun­gen­lie­des, der in der Mit­te des 13. Jahr­hun­derts nie­der­ge­schrie­be­nen und 2005 von Her­mann Rei­chert pu­bli­zier­ten St. Gal­ler Hand­schrift, hei­ßt es: 

Dô wûohs in Nie­der­lan­den eins vil ede­len kü­ne­ges kint,

des va­ter, der hiez Si­ge­munt, sîn muo­ter Si­ge­lind,

in ei­ner rîchen bür­ge, wî­ten wol be­kannt,

nide­ne bî dem Rî­ne. diu was ze San­ten ge­nant. 

Der Ger­ma­nist Karl Sim­rock ver­öf­fent­lich­te 1827 die ers­te Über­tra­gung des mit­tel­hoch­deut­schen Ori­gi­nal­tex­tes ins Neu­hoch­deut­sche. Die Pas­sa­ge über Sieg­frieds Ab­stam­mung über­setz­te er wie folgt:  

Es wuchs in Nie­der­lan­den ei­nes edeln Kö­nigs Kind,

sein Va­ter hieß Sieg­mund, sei­ne Mut­ter Sie­ge­lind,

in ei­ner rei­chen Ves­te, fer­ne wohl­be­kannt,

tief un­ten an dem Rhei­ne; sie war Burg San­ten ge­nannt. 

Die­se ge­naue Lo­ka­li­sie­rung fin­det sich in den nor­di­schen Va­ri­an­ten der Sa­ge nicht.  

 

Der Sa­ge fol­gend ver­lässt Sieg­fried, nach­dem er sei­ne Ju­gend in Xan­ten ver­bracht hat, den Hof sei­ner El­tern mit dem Vor­ha­ben, um die bur­gun­di­sche Prin­zes­sin Kriem­hil­de zu wer­ben. Be­vor er je­doch nach Worms an den Hof des Bur­gun­der­kö­nigs Gun­ther, dem Bru­der Kriem­hilds, ge­langt und des­sen Va­sall wird, be­steht Sieg­fried zahl­rei­che Aben­teu­er. So tö­tet er ei­nen Dra­chen, in des­sen Blut er ba­det und mit Aus­nah­me ei­ner Stel­le zwi­schen den Schul­ter­blät­tern, auf die ein Lin­den­blatt fällt, un­ver­wund­bar wird. Au­ßer­dem ge­rät er in den Be­sitz des Schat­zes des Kö­nigs Ni­be­lung, nach­dem er die­sen und des­sen Söh­ne samt ih­rem Ge­fol­ge mit dem Schwert Bal­mung (in der nor­di­schen My­tho­lo­gie: Gram; in der Oper Ri­chard Wag­ners: No­tung) ge­tö­tet und auch den Wäch­ter des Hor­tes, den Zwerg Al­be­rich im Zwei­kampf be­siegt hat. 

Ob­wohl ihm be­reits der Ruf ei­nes un­be­zwing­ba­ren Hel­den vor­aus­eilt, un­ter­wirft sich Sieg­fried Gun­ther, dem wan­kel­mü­ti­gen, leicht be­ein­fluss­ba­ren Herr­scher Bur­gunds und er­weist sich bald als des­sen un­ver­zicht­ba­rer Heer­füh­rer und Be­ra­ter. Nach­dem er Gun­ther auch bei der Braut­wer­bung um die is­län­di­sche Kö­ni­gin Brun­hild ent­schei­dend und lis­ten­reich un­ter­stützt hat, er­hält Sieg­fried Kriem­hild zur Frau, mit der er da­nach meh­re­re Jah­re am Kö­nigs­hof sei­ner El­tern in Xan­ten lebt. 

Wäh­rend ei­nes Auf­ent­halts in Worms ent­brennt ein fol­gen­schwe­rer Macht­kampf zwi­schen Kriem­hild und Brun­hild, den Ha­gen von Tron­je, ein ein­fluss­rei­cher Va­sall und Be­ra­ter Kö­nig Gun­thers, für sei­ne Zwe­cke aus­zu­nut­zen ver­steht. Sieg­fried wird das Op­fer ei­ner Ver­schwö­rung, in die das ge­sam­te bur­gun­di­sche Herr­scher­haus ver­wi­ckelt ist. Ha­gen von Tron­je in­iti­iert den Ver­rat, er­wirbt sich das Ver­trau­en Kriem­hilds und ge­winnt da­durch Kennt­nis über die ver­wund­ba­re Stel­le zwi­schen Sieg­frieds Schul­ter­blät­tern. Die­ses Wis­sen nut­zend, er­mor­det er Sieg­fried, wäh­rend sich die­ser nach ei­ner Jagd an ei­ner Quel­le er­frischt, in­dem er ihn rück­lings mit ei­nem Speer durch­bohrt. Im zwei­ten Teil des Ni­be­lun­gen­lie­des wird die Ra­che Kriem­hilds be­schrie­ben. Sieg­frieds heim­tü­cki­sche Er­mor­dung dient hier als Mo­tiv für die Ver­nich­tung der Bur­gun­der am Hof des Hun­nen­kö­nigs Et­zel. Die­ser zwei­te Ab­schnitt des Ni­be­lun­gen­lie­des geht in sei­nem Kern auf die Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Bur­gun­dern, Hun­nen und Rö­mern in der Mit­te des 5. Jahr­hun­derts zu­rück, die in der Zer­schla­gung des Bur­gun­der­rei­ches im Jahr 436 gip­fel­ten. Dem­ge­gen­über fin­det der ers­te Teil und mit ihm die Ge­schich­te Sieg­frieds sei­nen his­to­ri­schen Ur­sprung in den über Jahr­zehn­te an­dau­ern­den Kon­flik­ten zwi­schen Fran­ken und Bur­gun­dern im aus­ge­hen­den 5. und im 6. Jahr­hun­dert. Ver­mut­lich han­delt es sich bei den bei­den Tei­len des Ni­be­lun­gen­lie­des um zwei ur­sprüng­lich ei­gen­stän­di­ge Er­zäh­lun­gen, de­ren In­hal­te zu ei­ner Ge­samt­ge­schich­te zu­sam­men­ge­fügt wur­den.



Siegfried erweckt Brünnhilde, Stich, um 1892, nach einer Vorlage von Otto Donner von Richter (1828-1911).

 

Ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on der my­tho­lo­gisch ver­frem­de­ten Sa­gen­ge­stalt Sieg­frieds mit ei­ner ein­zi­gen his­to­ri­schen Per­sön­lich­keit ist aus­zu­schlie­ßen. Viel­mehr ver­eint sie, wie auch an­de­re Fi­gu­ren der Sa­ge, bio­gra­phi­sche Ele­men­te ei­nes Krei­ses von meh­re­ren Per­so­nen. Als be­son­ders auf­schluss­reich er­weist sich bei der Su­che nach dem his­to­ri­schen Sieg­fried die von Gre­gor von Tours (538-594) ver­fass­te Bio­gra­phie des frän­ki­schen Kö­nigs Chlod­wig I. (466-511), der nicht nur als Ei­ner der frän­ki­schen Teil­rei­che, son­dern auch als skru­pel­lo­ser und heim­tü­cki­scher Herr­scher in die Ge­schich­te ein­ge­gan­gen ist. Ob­wohl sich die­se Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten nur schwer mit dem My­thos des Hel­den Sieg­fried ver­ein­ba­ren las­sen, bie­tet Chlod­wigs Le­bens­ge­schich­te zahl­rei­che in­ter­es­san­te Par­al­le­len zu Per­so­nen und Er­eig­nis­sen im Ni­be­lun­gen­epos. So hei­ra­te­te er im Jahr 501 Chro­the­chil­dis (474-544), die Nich­te des Bur­gun­der­kö­nigs Gundo­bad (Re­gie­rungs­zeit 480-516). In ver­gleich­ba­rer Kon­stel­la­ti­on tre­ten Kriem­hil­de und Gun­ther als Haupt­fi­gu­ren mit un­mit­tel­ba­rem ver­wandt­schaft­li­chem Be­zug zu Sieg­fried in der Ni­be­lun­gen­sa­ge auf. Auch der My­thos des Ni­be­lun­gen­schat­zes könn­te auf die zahl­rei­chen er­folg­rei­chen Feld­zü­ge Chlod­wigs zu­rück­zu­füh­ren sein, auf die sich sein sprich­wört­lich ge­wor­de­ner un­er­mess­li­cher Reich­tum grün­de­te. In der Schlacht von Poi­tiers be­sieg­te Chlod­wig 507 den West­go­ten­kö­nig Ala­rich II. (Re­gie­rungs­zeit 484-507), des­sen Na­me in Ver­bin­dung mit dem sa­gen­haf­ten Zwer­gen­kö­nig und Hü­ter des Ni­be­lun­gen­hor­tes Al­be­rich ge­bracht wer­den kann. 

Auch Chlod­wigs En­kel Si­gi­bert (535-575), der als Kö­nig über Au­st­ra­si­enherrsch­te, wird in Ver­bin­dung mit der Sieg­fried­sa­ge ge­bracht. Glei­ches gilt für den Bur­gun­der­kö­nig Si­gis­mund (Re­gie­rungs­zeit 516-524) und für den in Köln re­si­die­ren­den und Tei­le des Rhein­lands be­herr­schen­den frän­ki­schen Herr­scher Si­gi­bert. Letz­te­rer fiel, wie Sieg­fried in der Sa­ge, wäh­rend ei­ner Jagd ei­nem Meu­chel­mord zum Op­fer. 

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Heinrich Gudehus (1845-1909) schmiedet als Siegfried.

Be­reits im frü­hen 19. Jahr­hun­dert wur­de ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on Sieg­frieds mit dem Che­rus­ker­fürs­ten Ar­mi­ni­us (17 vor Chris­tus - 21 nach Chris­tus) in Er­wä­gung ge­zo­gen. Sieg­frieds le­gen­dä­rer Kampf ge­gen den Dra­chen hät­te nach die­ser The­se in der Ver­nich­tung drei­er rö­mi­scher Le­gio­nen durch das ger­ma­ni­sche Herr des Ar­mi­ni­us im Jahr 9 nach Chris­tus sei­nen Ur­sprung. Der mit dem Nim­bus der Un­be­sieg­bar­keit be­haf­te­te Hee­res­zug un­ter der Füh­rung des rö­mi­schen Statt­hal­ters Pu­bli­us Quinc­ti­li­us Va­rus (47 vor Chris­tus – 9 nach Chris­tus) wä­re dem­nach in der über Jahr­hun­der­te münd­lich wei­ter­ge­ge­be­nen Über­lie­fe­rung zur my­tho­lo­gi­schen Ge­stalt des na­he­zu un­ver­wund­ba­ren Lind­wur­mes sti­li­siert wor­den. Die­se The­se er­leb­te durch die Ent­de­ckung des his­to­ri­schen Schau­plat­zes der Va­rus­schlacht in Kalk­rie­se bei Os­na­brück ei­ne Neu­be­le­bung.  

Da in der Fi­gur Sieg­frieds of­fen­sicht­lich die Bio­gra­phi­en ver­schie­de­ner his­to­ri­scher Per­so­nen ver­schmel­zen, blei­ben auch die An­ga­ben zu sei­ner rhei­ni­schen Her­kunft im Ni­be­lun­gen­lied frag­lich. Al­len­falls ist zu ver­mu­ten, dass ei­ne der his­to­ri­schen Fi­gu­ren, aus der sich die my­tho­lo­gi­sche Sieg­fried­ge­stalt ent­wi­ckel­te, in Ver­bin­dung mit ei­ner am Nie­der­rhein an­säs­si­gen frän­ki­schen Fürs­ten­fa­mi­lie ge­bracht wer­den könn­te. Die prä­zi­se Lo­ka­li­sie­rung sei­nes Ge­burts­or­tes in Xan­ten, die sich in den ver­gleich­ba­ren nor­di­schen Va­ri­an­ten der Sieg­fried­sa­ge nicht fin­det, bie­tet hier­zu al­ler­dings den ein­zi­gen Hin­weis. 

Zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts er­lang­te die Ni­be­lun­gen­sa­ge neue Po­pu­la­ri­tät und wur­de, vor dem Hin­ter­grund der na­po­leo­ni­schen Be­frei­ungs­krie­geund der For­de­run­gen nach ei­ner na­tio­na­len Ei­ni­gung der deut­schen Ein­zel­staa­ten, zum deut­schen Na­tio­nal­epos er­ho­ben. Seit die­ser Zeit ist sie auch zum Ge­gen­stand der li­te­ra­ri­schen, his­to­ri­schen und ar­chäo­lo­gi­schen For­schung ge­wor­den. Im Zu­ge die­ser Ent­wick­lung glaub­te Karl Sim­rock den Dra­chen­fels im Sie­ben­ge­bir­ge als Schau­platz des Kamp­fes zwi­schen Sieg­fried und dem Lind­wurm iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen. 

Sim­rocks Lo­ka­li­sie­rung des Dra­chen­kamp­fes mach­te aus Sieg­fried ei­ne der wich­tigs­ten Fi­gu­ren der Rhein­ro­man­tik. Bis in die Ge­gen­wart hat der My­thos um Sieg­fried und die Ni­be­lun­gen, trotz sei­ner ideo­lo­gi­schen und pro­pa­gan­dis­ti­schen Ver­ein­nah­mung durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, nichts von sei­ner Fas­zi­na­ti­on ein­ge­bü­ßt. 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Thomann, Björn, Siegfried von Xanten, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/siegfried-von-xanten/DE-2086/lido/57c94f5fdc5b67.90390949 (abgerufen am 08.06.2026)

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Sekundärliteratur

-> Eggebrecht, Harald: Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht, in: Süddeutsche Zeitung u. ders. (Hrsg.): Geheimnisse aus der Geschichte. Erstaunlich, vergessen, sagenhaft: Auf der Spur von Mythen, Rätseln und Skandalen, 2. Auflage, München 2025, S. 153-155.

-> Rademacher, Cay: Nibelungensage. Ein Epos aus uralter Zeit, in: Die Germanen (GEO Epoche Jg. 2008, Heft Nr. 34), Hamburg 2008.