Mythen und Sagen
Inhaltsverzeichnis
- Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht.
- Nibelungensage. Ein Epos aus uralten Zeiten.
- Siegfried von Xanten. Hauptfigur der Nibelungensage
- Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer
1. Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht.
Die Form, in der die Brüder Grimm diese Geschichte 1816 in ihre Sagensammlung aufgenommen haben, wurde ein Welterfolg, jeder kennt sie. Der Rattenfänger von Hameln wurde zur berühmtesten deutschen Sagengestalt mit globaler Ausstrahlung bis in die USA und nach China. Doch schon in der frühen Neuzeit machte die Geschichte vom »Bunting« die Runde, so wird der ominöse Pfeifer in einer Version des 16. Jahrhunderts genannt, der erst Mäuse und Ratten aus der Stadt führt mithilfe magischer Flötentöne und dann die Kinder auf Nimmerwiedersehen fortlockt, weil ihm der Stadtrat seinen Lohn verweigert. Für Hameln jedenfalls ist die Sage ein wirtschaftlicher Segen, denn die Legende lockt alljährlich Abertausende von Touristen aus aller Welt in die kleine Stadt an der Weser, um jenen Ort schaudernd zu besuchen, in dem einst der bunte Rattenfänger sein gutes Werk verrichtete, vor allem aber grausame Rache übte an den wortbrüchigen Hamelnern.
»Anno 1284 am Dage Johannis et Pauli war der 26.Juli / Dorch einen Piper mit Allerley Farve bekledet gewesen CXXX Kinder verledet binnen Hameln geboren / To Calvarie bi den Coppen verloren.« So lautet die Inschrift aus dem 17. Jahrhundert am sogenannten Rattenfängerhaus in Hameln, einem herrlichen Beispiel der Weserrenaissance. Frühere Belege des für die Kindseltern grausamen Geschehens gibt es in der Lüneburger Handschrift von 1430: »Zu vermelden ist ein höchst seltenes Wunderzeichen, das sich in der Stadt Hameln im Jahre des Herr 1284 gerade am Tage des Johannes und Paulus ereignete. Ein Jüngling von dreißig Jahren, schön und überaus wohl gekleidet, trat über die Brücke und durch das Wesertor (in die Stadt) ein. Auf einer silbernen Flöte von wundersamer Form begann er sodann durch die ganze Stadt hin zu pfeifen. Und alle Kinder, die diese Flöte hörten, an Zahl etwa 130, folgten ihm zum Ostertore hinaus zur sogenannten Kalvarien- und Gerichtsstätte. Dort verschwanden und entwichen sie, daß niemand aufspüren konnte, wo eines von ihnen geblieben war. Dieses habe ich in einem alten Buchege funden. Und die Mutter des Herrn Dekans Johann von Lüde sah die Kinder fortziehen.« Immerhin wird hier sogar eine Zeugin benannt, die zur Tatzeit etwa zehn bis vierzehn Jahre alt war. Also gibt es früh eine mündliche Erzähltradition.
Keine Rede ist allerdings in den alten Zeugnissen von Ratten. Dieser Teil der Sage wurde erst 1565 mit dem Hamelner Kinderverlust verbunden. Geschichten von sonstigen Rattenfängern waren damals weit verbreitet. Erst in der kombinierten Form wurde daraus die unsterbliche Legende vom erfolgreichen Rattenfänger von Hameln, der aus Rache zum Kinderentführer wird und in der Rezeptionsfolge rasch Teufelszüge annahm.
Zugleich aber begann die Suche nach einer realen Vorgeschichte ohne mythische Fantasie. Gottfried Wilhelm Leibniz etwa spekulierte, ob der Auszug der 130 Kinder vielleicht auf den Kinderkreuzzug von 1212 hindeute. Andere vermuteten für das Kinderverschwinden eine Pestepidemie oder aus, dass die Hamelner Kinder vielleicht Werbern für die KoIonisation im Osten folgten. Die traten meist in Begleitung eines Trommlers und Pfeifers auf. In der Version der Brüder eines Trommlers und Pfeifers auf. In der Version der Brüder Grimm ist von Siebenbürgen die Rede, wo die Kinder wiederaufgetaucht sein sollen. Andere Forscher wollten anhand von Personennamen die Auswanderer in Mähren vermuten.
Die in dieser Hinsicht haltbarste These hat der Namensforscher Jürgen Udolph entwickelt. Nach seinen Recherchen und Überlegungen sind die Hamelner wohl in die Gegenden nördlich von Berlin in die Prignitz und die Uckermark gezogen. Das beweisen nach Udolph dortige Ortsnamen; Auswanderer würden gerne in der neuen Heimat die alten Ortsbenennungen wieder verwenden. So findet sich etwa in der Wesergegend Hamelspringe, wo die Hamel entspringt und bei Hameln in die Weser mündet. In der Uckermark gibt es Hammelspring, obwohl dort keine Hamelquelle existiert.
Dass es Auswanderer aus dem Weserbergland in diese östlichen Gegenden gezogen hat, gilt als sicher. Das ist trotzdem kein absoluter Beweis für den Grund des Verschwindens. In der Trauer der Eltern schimmert nämlich noch etwas quälend Traumatisches durch, so, als als gäbe es im Hintergrund eine irgendwie düstere Schuld am Verlust der Kinder.
Die schwärzeste These entwickelt Fanny Rostek-Lühmann literaturpsychoanalytisch. Sie sieht in der Sage den Wunsch der Eltern verborgen, die Kinder, im Mittelalter oft hungrige, lästige Mitesser, auf immer loszuwerden. Im Hamelner Messbuch Passionale, der frühesten Überlieferung angeblich aus dem 14. Jahrhundert, gibt es keinen Kinderfänger, sondern nur lateinisch »rei«, Schuldige. Liegt der Sage womöglich ein Unglück, gar eine Untat zugrunde, für die man den Rattenfänger dringend als entlastenden Sündenbock erfinden musste?
2. Nibelungensage. Ein Epos aus uralten Zeiten.
Das Nibelungenlied, um 1200 verfasst, scheint ein grausames Märchen zu sein: ein übermenschlicher Held, das Bad im Drachenblut, eine Tarnkappe. Und doch verbirgt sich hinter der Sage eine wahre Geschichte – vom Untergang zweier Germanenreiche
1924 verfilmt Fritz Lang die Sage von Siegfried, dessen Frau Kriemhild und dem finsteren Hagen von Tronje. In monumentalen Bildern erzählt er vom Schicksal des jungen Recken Siegfried (hier Paul Richter), der den Schatz des Königs Nibelung raubt, erzählt von Mord, Verrat und ewiger Treue. Das Bad im Blut des Drachen, das Siegfried fast unverwundbar macht, weist möglicherweise auf den realen Kampf der Germanen gegen die Römer
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Uns ist in alten maeren – wunders vil geseit, schreibt vor rund 800 Jahren ein unbekannter Dichter: „Uns wird in alten Geschichten vom Wunderbaren viel erzählt.“ Und dann reiht er Zeile an Zeile. Niemand weiß, wie lange er an seinem Werk arbeitet, Jahre werden es wohl sein. Am Ende sind es mehr als 2300 Strophen: ein Heldenepos über Krieger und Spielleute, Königinnen und Jungfrauen, über Drachen, Zwerge und einen fluchbeladenen Schatz. Eine Geschichte von Treue und Verrat, von Liebeshochzeit und Brudermord, von Festen und Zweikämpfen. Ein Drama, das in Glanz und Abenteuer beginnt, doch in Feuer und Blut endet. Eine Erzählung, deren Wurzeln tief in die germanische Zeit zurückreichen, deren Wirkung aber noch heute spürbar ist: das Nibelungenlied. Das deutsche Nationalepos.
Es ist die Geschichte vom Glück und Verhängnis der Burgunderprinzessin Kriemhild. Ihre Brüder Gunther, Gernot und Giselher herrschen als Könige am Hof der Burgunder in Worms über das Reich am Rhein. Ihr wichtigster Ratgeber ist der finstere Hagen von Tronje. Eines Tages erscheint dort Siegfried, Königssohn aus dem kleinen Reich von Xanten am Niederrhein: ein Held, der von Kriemhilds legendärer Schönheit gehört hat und sie heiraten will. Hagen seinerseits hat bereits von dem Krieger vernommen und berichtet seinen monarchischen Herren warnend von dessen Taten. In einem fernen Land – „gut hundert lange Meilen oder mehr“ von Island entfernt – habe Siegfried die Söhne des Königs Nibelung mit seinem legendären Schwert Balmung erschlagen und deren Schatz geraubt sowie dem Zwerg, der den Schatz bewachte, eine Tarnkappe abgenommen, die unsichtbar macht und übermenschliche Kräfte verleiht. Zudem habe Siegfried einen Drachen erstochen und in dessen Blut gebadet, was seine Haut unverwundbar macht.
Trotzdem wird Siegfried in Worms gastlich aufgenommen. Doch bevor er Kriemhilds Hand erhalten kann, soll er Gunther bei einem Abenteuer beistehen. Schon bald segelt Siegfried mit ihm nach Island, wo Brünhild herrscht – eine Königin mit magischen Kräften, solange sie jungfräulich bleibt. Gunther will sie zur Gemahlin gewinnen. In drei Wettkämpfen muss sich der älteste der Burgunderkönige mit Brünhild messen. Und gewinnt sie nur, weil ihm Siegfried, unsichtbar dank der Tarnkappe, hilft, die Unbesiegbare zu besiegen. Mit Brünhild kehren die Helden zurück nach Worms. Die Isländerin wird Gunthers Gattin, am selben Tag heiratet Siegfried die schöne Kriemhild. Doch in der Nacht hilft er seinem Schwager: Verborgen dank der Tarnkappe, ringt er Brünhild im Schlafgemach des Burgunderkönigs nieder, sodass Gunther ihr die Jungfräulichkeit nehmen kann.
Zehn Jahre vergehen, dann verrät Kriemhild im Streit Brünhild, dass Gunther sie einst nur mithilfe des unsichtbaren Siegfried bezwungen habe. Die tief beleidigte Königin fordert von ihrem Gatten Siegfrieds Tod. Auch Hagen rät zum Mord: Lange schon fürchtet er die Macht des Drachentöters, die sich speist aus dessen Kraft und dem Reichtum des Nibelungenhortes. Listig entlockt er Kriemhild Siegfrieds verwundbare Stelle, denn als der einst im Drachenblut badete, legte sich ein Lindenblatt zwischen seine Schultern. Bei einer Jagd stößt Hagen eine Lanze in jene Stelle und tötet Siegfried. Den Leichnam legt er Kriemhild vor das Schlafgemach. Später versenkt er den Nibelungenhort im Rhein.
Kriemhild, verraten von ihrem Bruder, lebt 13 Jahre lang machtlos in Worms. Dann erscheint dort ein Brautwerber, gesandt vom mächtigen Hunnenkönig Etzel: Der Monarch der wilden Krieger will Kriemhild heiraten. Hagen ist dagegen, doch die Burgunder lassen ihre Schwester ziehen. Noch einmal vergehen 13 Jahre, dann lädt Kriemhild, längst Etzels Gemahlin, ihre Brüder in den Hunnenhof ein. Wieder warnt Hagen vergebens, der eine Falle ahnt: Die Könige und mehr als 1000 Recken ziehen vom Rhein los, die Donau entlang bis zum Palast von Etzel.
Nun, da sie sich auf diese Schicksalsreise begeben, nennt der Dichter die Burgunder fortan „Nibelungen“ – der Schatz hat seinen Besitzern, zuerst den Söhnen König Nibelungs, dann Siegfried, den Tod gebracht. Bald wird sein Fluch auch die Burgunder treffen, der Namenswechsel deutet dies an. Und tatsächlich flammt an Etzels Hof tödlicher Streit auf. In der brennenden Königshalle verschanzen sich die Nibelungen und fechten gegen Hunnen sowie germanische Gefolgsleute Etzels – unter anderem Dietrich von Bern. In einem Blutbad gehen die Recken unter, schließlich leben nur noch zwei: Gunther und Hagen, die beide von Dietrich von Bern bezwungen und gefesselt worden sind.
Kriemhild, außer sich vor Rachsucht, lässt ihren Bruder köpfen. Hagen erschlägt sie mit eigener Hand – ein so unerhörter Akt, dass Dietrichs Waffenmeister wiederum Kriemhild niederstreckt. Alle Burgunder/Nibelungen sind gefallen, Kriemhild ist tot, der Nibelungenschatz für immer im Rhein verschwunden … Wer hat sich diese finstere Geschichte ausgedacht? Seinen Namen hat der Verfasser im Epos nirgendwo genannt, sein Manuskript hat die Zeiten nicht überdauert. Doch 36 mehr oder weniger vollständige mittelalterliche Abschriften sind erhalten geblieben, die älteste entstand wohl zwischen 1200 und 1225.
Diese Manuskripte und der Text selbst verbergen wertvolle Indizien: Das Originalmanuskript wurde wahrscheinlich im bayerischen Dialekt des Mittelhochdeutschen verfasst, der höfischen Sprache um 1200. Auch kennt der Autor den Donauraum besonders gut, nennt etwa Details der Landschaft, während er bei seinen Beschreibungen von Worms oder dem niederrheinischen Xanten vage bleibt. Und schließlich wird die Stadt Passau, wird vor allem der dortige Bischof auffallend häufig und rühmend erwähnt. Von 1191 bis 1204 war Wolfger von Erla Bischof von Passau: ein Adeliger, der Dichter förderte. So ist sein Rechnungsbuch erhalten, das für den 12. November 1203 einen Geldbetrag verzeichnet, den der Bischof dem Minnesänger Walther von der Vogelweide für einen wertvollen Mantel übergab.
Die meisten Forscher vermuten deshalb, dass der anonyme Autor des Nibelungenliedes ein gebildeter Mann am Hof des Passauer Bischofs war und um 1200 sein Meisterwerk vollendete. Eine These sieht in dem Unbekannten niemand anderen als Walther von der Vogelweide selbst. Doch wer es auch gewesen sein mag: Der Verfasser formte Sagen um, die schon seit Jahrhunderten in Mittel- und Nordeuropa erzählt wurden – und die bis in die Germanenzeit zurückreichten. Auf der schwedischen Insel Gotland zeigen Grabsteine, die vor dem Jahr 800 gesetzt wurden, in Reliefs bereits Motive aus der Sage. Und um 800, das belegen erhaltene Totengedenkbücher aus Klöstern, hießen Adelige im Raum Worms und in Bayern auffallend häufig „Siegfried“, „Hagen“, „Kriemhild“ oder nach anderen Gestalten des Epos – beides Indizien dafür, dass bereits zu jener Zeit die Geschichte im Süden Deutschlands wie in Skandinavien populär gewesen sein muss, wahrscheinlich als Lied, das mündlich vorgetragen wurde.
Ab etwa 850 sind dann konkrete Texte erhalten, zunächst aus Skandinavien, später auch aus England und Deutschland. Die Sagen variieren: In manchen Versionen vollbringt Siegfried andere Heldentaten; Hagen ist Gunthers Bruder; Siegfried und Brünhild sind verlobt. Doch von den ältesten skandinavischen Sagen an bleiben manche Dinge auffallend konstant: Stets spielt die Handlung zwischen Rhein und Donau, fast immer dreht sie sich um den Untergang der Burgunder, stets sind die Hunnen dabei präsent.m Deutet dies auf einen historischen Kern der Sage hin? Ist die Geschichte also im geschichtlichen Sinne „wahr“? Reflektiert sie, gleich einem fernen Spiegel, dramatische Ereignisse aus der Zeit der Völkerwanderung? Oder gar Ereignisse noch früherer, antiker Jahrhunderte? Drei epochale Ereignisse, die sich im Lauf zweier Generationen zutrugen, sind vermutlich zur Sage verschmolzen:
1. ATTILA UND DIE HUNNEN
Um etwa 400 eroberte das zentralasiatische Reitervolk ein Reich von der Schwarzmeerküste bis zu den Alpen. Im Jahr 434 bestieg Attila den Herrscherthron – aus seinem Namen wurde im Mittelhochdeutschen „Etzel“. Er brach die Macht der einzelnen Stammesführer und einte so das Reich. Seine Hauptresidenz errichtete er in einer Ebene östlich der Donau – oder vielleicht im heutigen Budapester Stadtteil Obuda, wo im Mittelalter die Festung „Ecilburgu“ stand.
453 starb Attila, angeblich an einem Blutsturz in der Hochzeitsnacht mit seiner neuen, burgundischen Nebenfrau Ildiko. Bald wurde berichtet, die Frau habe den König ermordet, um Verwandte zu rächen. Das germanische Ildiko wiederum bedeutet „Hildchen“, eine Verniedlichung jedes Frauennamens, der mit „Hild“ beginnt oder endet – wie etwa Kriemhild.
2. DER UNTERGANG DER BURGUNDER
Die Burgunder zogen spätestens im 3. Jahrhundert n. Chr. aus ihrer Heimat zwischen Weichsel und Oder in Richtung des römischen Imperiums. Im Jahr 407 gründete ihr König Gundahar am Mittelrhein ein Reich, zu dem auch Worms gehörte. Doch 436 besiegte der römische Heermeister Flavius Aëtius die Burgunder in einer fürchterlichen Schlacht. Gundahar und fast alle seine Adeligen fielen. Zu den Truppen des Aëtius gehörten hunnische Krieger, die damals mit Rom verbündet waren.
Die überlebenden Burgunder siedelte Aëtius in Gallien an, wo sie sich schließlich in jener Region niederließen, die bis heute ihren Namen trägt. Dort herrschten noch fast 100 Jahre lang Könige – einem traditionellen Brauch folgend oft mehrere Brüder gemeinsam. Auch ist für die Burgunder typisch, dass Männer einer Familie ähnliche Vornamen trugen. Eine Rechtssammlung überliefert den König Gibica und dessen Söhne Gundahar, Gislahar und Gundomar.
Die Ähnlichkeit zu den drei Königen des Nibelungenliedes ist stark, auch wenn niemand sagen kann, ob je wirklich drei Brüder mit den Namen aus dem Epos bei den Burgundern regierten.
3. THEODERICH, DER OSTGOTENKÖNIG
Auch die Ostgoten waren schon durch halb Europa gezogen, als um 454 Theoderich aus der adeligen Familie der Amelungen geboren wurde. Der junge Mann musste mehrere Jahre als Geisel in Konstantinopel leben. Später wurde er König der Ostgoten und oströmischer Heerführer – und 488 im Auftrag Ostroms nach Italien entsandt, um dort Germanenstämme zu bekämpfen. In Italien eroberte sich Theoderich, abgesegnet vom Kaiser in Konstantinopel, ein eigenes Reich. Bis zu seinem Tod im Jahr 526 regierte er als einer der mächtigsten Herrscher der Völkerwanderungszeit in seinen Residenzstädten Ravenna und Verona. Aus dem Namen Verona wurde durch Lautverschiebung im Mittelhochdeutschen „Bern“. Und aus Theoderich: „Dietrich“.
Gewaltige Schlachten, Glanz, dann jähe Katastrophe und Erlöschen – dreimal wiederholt sich das Muster. Die Burgunder verlieren nicht nur gegen Aëtius und die Hunnen, ihr Restreich wird im 6. Jahrhundert von den Franken erobert. Das Hunnenreich zerfällt bald nach Attilas Tod, das Ostgotenreich überdauert Theoderichs Dahinscheiden nur um wenige Jahrzehnte. Und so wird wohl schon bald die Geschichte der drei untergegangenen Reiche zur Sage, werden die dramatischsten Ereignisse und bedeutendsten Persönlichkeiten zur Inspiration der Liedersänger, werden Schicksalsstränge der Burgunder, Hunnen und Ostgoten zu einer neuen, dann immer wieder variierten Geschichte verwoben.
Noch andere Motive der Sage deuten auf die Jahrhunderte der Völkerwanderung hin – vor allem der Nibelungenschatz. Der wird meist als „Hort“ bezeichnet, was „verborgener Schatz“ meint. Tatsächlich sind in der Zeit zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert, das belegen heutige Funde, häufig Kostbarkeiten versteckt worden: Gold, Silber, Münzen, Geschirr, Waffen und Schmuck. Mal vergrub man sie aus Angst vor heranrückenden Feinden, mal gingen sie in Flüssen verloren, wenn Plünderer über die Gewässer setzten.
So sind in Neupotz bei Speyer (rund 70 Kilometer südlich von Worms) in einem Altarm des Rheins mehr als 1000 Münzen, Messer, Schalen, Siebe, Teller und andere Metallobjekte gefunden worden: gut 700 Kilogramm insgesamt, die wertvollsten Stücke aus Silber. Wahrscheinlich sind sie um das Jahr 260 von plündernden Germanen im römischen Gallien geraubt worden und bei der Rückkehr über den Rhein verloren gegangen. Legenden von Helden und Schätzen sind zwar nicht Historie im wissenschaftlichen Sinn, sind keine Berichte „so, wie es gewesen ist“. Und Dietrich von Bern alias Theoderich kann ja niemals Etzel alias Attila begegnet sein, da der Hunne bereits tot war, als Theoderich geboren wurde.
Möglich auch, dass niemals exakt bei Worms ein großer Hort im Rhein verschwunden ist – sondern dass Berichte von anderen Desastern am Rhein, wie etwa dem zu Neupotz, aus dramatischen Gründen an den Burgunderhof verlegt worden sind. Die Nibelungensagen gleichen also mehr einem Echo auf jene historischen Umwälzungen des 5. und 6. Jahrhunderts und sind ein Versuch, sie sich immer wieder neu zu erklären. Und womöglich sind sie auch ein Echo eines noch weitaus ferneren Zeitalters: der Antike.
Sicher ist, dass das Nibelungenlied unter einem dünnen christlichen Firnis (Kriemhild und Brünhild etwa streiten auf den Stufen des Wormser Münsters vor dem Kirchgang) uralte heidnische Mythen bewahrt: Siegfried tötet einen Drachen, besitzt magische Waffen, er bezwingt einen Zwerg und setzt ihn zum Hüter des Schatzes ein. Und die jungfräulich-mächtige Brünhild im fernen Island ähnelt den Walküren, jenen weiblichen kriegerischen Geistern, die gefallene Kämpfer vom Schlachtfeld heben. Bewahrt die Sage aber womöglich auch noch Relikte aus den Jahrhunderten zwischen jener mythischen Vorzeit und der Völkerwanderung auf?
Seit etwa 1830 vertreten immer wieder Gelehrte die These, dass Siegfried ebenfalls ein reales Vorbild hat: in Arminius, dem Cheruskerfürsten, der im Jahre 9 n. Chr. die Legionen des Varus vernichtete. Manche Indizien, die für diese Vermutung bemüht wurden, grenzen ans Absurde: So soll der Drache – „Lindwurm“ in den meisten germanischen Sagen – Symbol für die in langen Reihen marschierenden Legionäre sein. Und der Hort des Nibelung sei in Wahrheit der gewaltige Schatz gewesen, den der siegreiche Arminius erbeutet habe.
Andere Indizien hingegen sind nicht so einfach von der Hand zu weisen: Schon die ältesten Versionen der Sage spielen ja an Rhein und Donau – und mithin im antiken Grenzgebiet zwischen Imperium Romanum und freiem Germanien. Siegfried stammt zudem aus Xanten. Dieser Ort war in der Antike ein Legionslager, das in der Nähe des Cheruskergebiets lag. Arminius, der ja lange als Soldat im römischen Heer kämpfte, mag hier einen Teil seiner Dienstzeit verbracht haben. Manche Sagenversionen verbinden den Hirsch mit Siegfried, so erscheint dieses Tier einmal in einem Traum als Symbol für den Recken. „Hiruz“ aber nannten sich die Cherusker selbst, die „Hirschleute“.
Und schließlich ist da noch der Name: „Arminius“ ist lateinisch, nur diesen Namen überliefern antike Geschichtsschreiber für den Cheruskerfürsten. Tacitus immerhin nennt zusätzlich die germanischen Namen von Vater, Schwiegervater und Schwager des Arminius: Alle beginnen mit der Vorsilbe „Sieg“/„Seg“. Immerhin möglich, dass – analog zu den Burgundern und anderen Germanenvölkern – auch der ursprüngliche Name des Arminius im Gleichklang mit denen seiner Verwandten war, also mit „Sieg“ oder „Seg“ begann.
Dennoch bleibt die Verbindung von Sagengestalt zu realer Person letztlich willkürlich. Wie die Figur Siegfried tatsächlich entstanden ist, bleibt bis heute schwer erklärlich – und ebenso sein großer Widersacher Hagen von Tronje. Beide Heroengestalten mögen irgendwie auf echte Krieger zurückgehen, doch bleiben deren Taten wohl für immer im Dunkeln, sind bis zur Unkenntlichkeit im Mythos verändert worden. Zum Mythos aber ist auch das gesamte Nibelungenlied geworden: zu einem modernen, finsteren Mythos.
Im 18. Jahrhundert entdecken Gelehrte mittelalterliche Handschriften der fast vergessenen Sage wieder, 1782 wird sie erstmals vollständig gedruckt – auch wenn der stolze Herausgeber der Verse vom Preußenkönig Friedrich dem Großen mit einem Brief von erlesener Unhöflichkeit bedacht wird: „Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuss Pulver wert und verdienen nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden.“ Rund zwei Jahrzehnte später jedoch hat sich diese Einschätzung deutlich geändert: Die deutschen Staaten sind von Napoleon besetzt, man kämpft gegen den scheinbar übermächtigen Franzosenkaiser – auch auf dem Feld der Kultur. Nicht mehr höfisch-französisch, am besten nicht einmal romanischrömisch soll das militärisch und politisch gedemütigte Deutschland sein, es soll sich auf eine „eigene“ Kultur und Vergangenheit besinnen.
Ab etwa 1800 verstehen die Menschen in den deutschen Landen daher das Nibelungenlied als Nationalepos: als urdeutsches, uraltes und kämpferisches Werk. Soldaten erhalten Feldausgaben zur Erbauung mit, selbst der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe zeigt sich vom Text berührt und doziert darüber in Weimar. In mehreren Volksausgaben wird der Stoff populär, der Dramatiker Friedrich Hebbel sowie eine ganze Reihe weniger begabter Theaterautoren bringen die Geschichte in zehn Fassungen auf die Bühne.
Doch niemand erzielt eine größere Wirkung als der Komponist Richard Wagner, der ab 1848 am „Ring des Nibelungen“ arbeitet. Wagner interessiert sich bald vor allem für die mythische, unhistorische Dimension der Geschichte, weshalb er weniger das um 1200 entstandene Nibelungenlied adaptiert als die älteren, nordischen Sagenversionen. So zelebriert seine im Sommer 1876 uraufgeführte Opern-Tetralogie beispielsweise das Walten der Götter und Walküren. Die Wagnersänger in Fellkleidern, Flügelhelmen und mit klobigen Waffen (Kreationen, die der Komponist selbst abscheulich findet) werden auf Jahrzehnte hinaus das Germanenbild der Öffentlichkeit bestimmen.
Als der „Ring des Nibelungen“ uraufgeführt wird, ist das neu gegründete Deutsche Reich gerade fünf Jahre alt. Bismarcks politische Schöpfung ist im Krieg entstanden – und die kämpferischen Tugenden der Sage, das Gewalttätige und Urtümliche der Recken werden gewissermaßen zur Reichsideologie verklärt, Deutschland wird in einem Lobgedicht zum „Nibelungenland“ erhöht. 1909 erklärt Kanzler Bernhard von Bülow im Reichstag Deutschlands „Nibelungentreue“ zu Österreich-Ungarn; damit wird also ein politisches Bündnis zweier moderner Staaten mit einer mythischen Gefolgschaft gleichgesetzt – mit den Burgundern/ Nibelungen nämlich, die in der brennenden Königshalle unbeirrt zusammenstehen.
Dass dies in der Sage zum Untergang führt, scheint weder den Kanzler noch seine Zuhörer sonderlich zu beunruhigen. Und 1914, da nun tatsächlich der Weltenbrand lodert, erhebt ein Reichstagsabgeordneter den „waffengewaltigen, stolzen, grimmen Hagen“ gar zum „Sinnbild Preußen-Deutschlands“. Heute ist es schwer verständlich, dass im deutschen Kaiserreich ausgerechnet die dem Untergang geweihten Nibelungen zu Vorbildern erklärt werden – vor allem der Heldenmörder Hagen, der sein Leben ja als hilflos Gefesselter verliert. Mag sein, dass sich hier eine heimliche Lust an der Apokalypse zeigt, ein uneingestandener Überdruss an der modernen Welt, eine selbstmörderische Sehnsucht, im eigenen Ende die ganze Gemeinschaft mitzureißen.
Als das Beschworene allerdings in gewisser Weise tatsächlich eintritt, als mit dem verlorenen Weltkrieg 1918 zumindest das Kaiserreich untergeht, ist der Nibelungenmythos keineswegs zerstört. Im Gegenteil: Er wandelt sich nur – und Siegfried ersetzt Hagen. Die „Dolchstoßlegende“ kommt auf, die Mär, das im Feld eigentlich unbesiegte deutsche Heer sei in der Heimat von Sozialisten, Kommunisten und Juden entscheidend getroffen worden. Besonders wirkungsvoll wird diese Legende, weil sie der ehemalige Oberbefehlshaber Paul von Hindenburg verkündet – und der vergleicht Deutschlands „ermattete Front“ mit „Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen“.
Auch Adolf Hitler schreibt schon 1923 vom „deutschen Siegfried“. Als die Nationalsozialisten zehn Jahre später an die Macht kommen, ist die Nibelungensage längst Teil ihrer Ideologie. So sind die Burgunder, die im Kampf zusammenstehen, in ihren Augen „Volksgenossen“. Und im Januar 1943, da die eingeschlossene 6. Armee in Stalingrad verblutet, spricht Hermann Göring im Radio: „Wir kennen ein gewaltiges, heroisches Lied von einem Kampf ohnegleichen, das hieß ‚Der Kampf der Nibelungen‘. Auch sie standen in einer Halle von Feuer und Brand und löschten den Durst mit eigenem Blut – aber sie kämpften und kämpften bis zum Letzten. Ein solcher Kampf tobt heute dort.“
Selbst als sich 1945 die Apokalypse vollendet, schlimmer wohl, als sie sich der Dichter des Nibelungenliedes je hätte ausmalen können, bleibt der Mythos bestehen. Zwar spricht danach kein ernstzunehmender Politiker mehr von „Nibelungentreue“, zwar sind Siegfried und Hagen als politische Vorbilder verweht. Doch die halb archaische, halb überzeitliche Faszination einer Erzählung von Mut und Treue, Verrat und Mord ist ungebrochen. Nur sechs Jahre nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands wird im stets von Hitler geförderten Bayreuth „Der Ring des Nibelungen“ wieder aufgeführt.
Und die Sagenwelt von Drachen und Zwergen, von heroischen Schwertkämpfen, von langen Zügen weniger Getreuer, von dem fluchbeladenen Schatz ist längst in der Fantasy-Literatur aufgegangen. Der alte Mythos, der in der Germanenzeit wurzelt, ist zum modernen Mythos einer wieder verzauberten Welt geworden: Mittelerde als Gegen-Erde, die all das bietet, was die moderne Zeit nicht mehr zu geben scheint.
Niemand hat die Sagen geschickter verwoben und umgestaltet als der englische Autor J. R. R. Tolkien, einst Gelehrter in Oxford und ein Kenner alter nordischer Mythen. In seinem Roman „Herr der Ringe“ lassen sich unschwer die Helden und Finsterlinge, die Kriegszüge und Zweikämpfe und selbstverständlich der Hort der Nibelungen wiedererkennen. Eigentlich kein Wunder, dass gerade die Deutschen bei einer großen Umfrage 2004 dieses Werk zum „beliebtesten Buch“ überhaupt gewählt haben. Ein Nationalepos, noch immer.
3. Siegfried von Xanten. Hauptfigur der Nibelungensage
Darstellung Sigurds in einer schwedischen Ausgabe der Liederedda, 1893.
Siegfried von Xanten gehört zu den bekanntesten Sagengestalten des Mittelalters und spielt eine zentrale Rolle im ersten Teil des Nibelungenliedes aus dem 13. Jahrhundert. In seiner Person verschmelzen mehrere historische Persönlichkeiten der Völkerwanderungszeit zur Figur eines mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten, nahezu unverwundbaren Helden, der schließlich einem heimtückischen Verrat seiner engsten Vertrauten zum Opfer fällt.
Die verschiedenen, unabhängig voneinander entstandenen Varianten der Nibelungensage im deutschen und skandinavischen Sprachraum datieren in das ausgehende 12. und frühe 13. Jahrhundert und beruhen vermutlich auf älteren, damals weit verbreiteten, heute jedoch nicht mehr nachweisbaren schriftlichen und mündlichen Überlieferungen aus der Zeit der Völkerwanderung und des frühen Mittelalters. Die Verfasser der mittelalterlichen Sagen agierten jedoch nicht als Geschichtsschreiber und Chronisten. Ihre Werke dienten vielmehr der Unterhaltung und Belehrung und weisen einen starken Gegenwartsbezug zur gesellschaftlichen, politischen und höfischen Aktualität des Hochmittelalters auf. Auf diese Weise wurden in der Nibelungensage verschiedene, teilweise historisch belegbare, aber zeitlich weit auseinander liegende Ereignisse und Personen des 5. und 6. Jahrhunderts zu einer neuen Gesamtgeschichte verwoben und mit mythologischen Elementen angereichert.
Die bekannteste Darstellung der Erzählung über den Aufstieg und Fall des Königssohns Siegfried findet sich im so genannten „Nibelungenlied", das vermutlich am Ende des 12. Jahrhunderts in Passau niedergeschrieben wurde. Der anonyme Verfasser verortet die Herkunft Siegfrieds an den Niederrhein. In der vermutlich ältesten erhaltenen Überlieferung des Nibelungenliedes, der in der Mitte des 13. Jahrhunderts niedergeschriebenen und 2005 von Hermann Reichert publizierten St. Galler Handschrift, heißt es:
Dô wûohs in Niederlanden eins vil edelen küneges kint,
des vater, der hiez Sigemunt, sîn muoter Sigelind,
in einer rîchen bürge, wîten wol bekannt,
nidene bî dem Rîne. diu was ze Santen genant.
Der Germanist Karl Simrock veröffentlichte 1827 die erste Übertragung des mittelhochdeutschen Originaltextes ins Neuhochdeutsche. Die Passage über Siegfrieds Abstammung übersetzte er wie folgt:
Es wuchs in Niederlanden eines edeln Königs Kind,
sein Vater hieß Siegmund, seine Mutter Siegelind,
in einer reichen Veste, ferne wohlbekannt,
tief unten an dem Rheine; sie war Burg Santen genannt.
Diese genaue Lokalisierung findet sich in den nordischen Varianten der Sage nicht.
Der Sage folgend verlässt Siegfried, nachdem er seine Jugend in Xanten verbracht hat, den Hof seiner Eltern mit dem Vorhaben, um die burgundische Prinzessin Kriemhilde zu werben. Bevor er jedoch nach Worms an den Hof des Burgunderkönigs Gunther, dem Bruder Kriemhilds, gelangt und dessen Vasall wird, besteht Siegfried zahlreiche Abenteuer. So tötet er einen Drachen, in dessen Blut er badet und mit Ausnahme einer Stelle zwischen den Schulterblättern, auf die ein Lindenblatt fällt, unverwundbar wird. Außerdem gerät er in den Besitz des Schatzes des Königs Nibelung, nachdem er diesen und dessen Söhne samt ihrem Gefolge mit dem Schwert Balmung (in der nordischen Mythologie: Gram; in der Oper Richard Wagners: Notung) getötet und auch den Wächter des Hortes, den Zwerg Alberich im Zweikampf besiegt hat.
Obwohl ihm bereits der Ruf eines unbezwingbaren Helden vorauseilt, unterwirft sich Siegfried Gunther, dem wankelmütigen, leicht beeinflussbaren Herrscher Burgunds und erweist sich bald als dessen unverzichtbarer Heerführer und Berater. Nachdem er Gunther auch bei der Brautwerbung um die isländische Königin Brunhild entscheidend und listenreich unterstützt hat, erhält Siegfried Kriemhild zur Frau, mit der er danach mehrere Jahre am Königshof seiner Eltern in Xanten lebt.
Während eines Aufenthalts in Worms entbrennt ein folgenschwerer Machtkampf zwischen Kriemhild und Brunhild, den Hagen von Tronje, ein einflussreicher Vasall und Berater König Gunthers, für seine Zwecke auszunutzen versteht. Siegfried wird das Opfer einer Verschwörung, in die das gesamte burgundische Herrscherhaus verwickelt ist. Hagen von Tronje initiiert den Verrat, erwirbt sich das Vertrauen Kriemhilds und gewinnt dadurch Kenntnis über die verwundbare Stelle zwischen Siegfrieds Schulterblättern. Dieses Wissen nutzend, ermordet er Siegfried, während sich dieser nach einer Jagd an einer Quelle erfrischt, indem er ihn rücklings mit einem Speer durchbohrt. Im zweiten Teil des Nibelungenliedes wird die Rache Kriemhilds beschrieben. Siegfrieds heimtückische Ermordung dient hier als Motiv für die Vernichtung der Burgunder am Hof des Hunnenkönigs Etzel. Dieser zweite Abschnitt des Nibelungenliedes geht in seinem Kern auf die Auseinandersetzungen zwischen Burgundern, Hunnen und Römern in der Mitte des 5. Jahrhunderts zurück, die in der Zerschlagung des Burgunderreiches im Jahr 436 gipfelten. Demgegenüber findet der erste Teil und mit ihm die Geschichte Siegfrieds seinen historischen Ursprung in den über Jahrzehnte andauernden Konflikten zwischen Franken und Burgundern im ausgehenden 5. und im 6. Jahrhundert. Vermutlich handelt es sich bei den beiden Teilen des Nibelungenliedes um zwei ursprünglich eigenständige Erzählungen, deren Inhalte zu einer Gesamtgeschichte zusammengefügt wurden.
Siegfried erweckt Brünnhilde, Stich, um 1892, nach einer Vorlage von Otto Donner von Richter (1828-1911).
Eine Identifikation der mythologisch verfremdeten Sagengestalt Siegfrieds mit einer einzigen historischen Persönlichkeit ist auszuschließen. Vielmehr vereint sie, wie auch andere Figuren der Sage, biographische Elemente eines Kreises von mehreren Personen. Als besonders aufschlussreich erweist sich bei der Suche nach dem historischen Siegfried die von Gregor von Tours (538-594) verfasste Biographie des fränkischen Königs Chlodwig I. (466-511), der nicht nur als Einer der fränkischen Teilreiche, sondern auch als skrupelloser und heimtückischer Herrscher in die Geschichte eingegangen ist. Obwohl sich diese Charaktereigenschaften nur schwer mit dem Mythos des Helden Siegfried vereinbaren lassen, bietet Chlodwigs Lebensgeschichte zahlreiche interessante Parallelen zu Personen und Ereignissen im Nibelungenepos. So heiratete er im Jahr 501 Chrothechildis (474-544), die Nichte des Burgunderkönigs Gundobad (Regierungszeit 480-516). In vergleichbarer Konstellation treten Kriemhilde und Gunther als Hauptfiguren mit unmittelbarem verwandtschaftlichem Bezug zu Siegfried in der Nibelungensage auf. Auch der Mythos des Nibelungenschatzes könnte auf die zahlreichen erfolgreichen Feldzüge Chlodwigs zurückzuführen sein, auf die sich sein sprichwörtlich gewordener unermesslicher Reichtum gründete. In der Schlacht von Poitiers besiegte Chlodwig 507 den Westgotenkönig Alarich II. (Regierungszeit 484-507), dessen Name in Verbindung mit dem sagenhaften Zwergenkönig und Hüter des Nibelungenhortes Alberich gebracht werden kann.
Auch Chlodwigs Enkel Sigibert (535-575), der als König über Austrasienherrschte, wird in Verbindung mit der Siegfriedsage gebracht. Gleiches gilt für den Burgunderkönig Sigismund (Regierungszeit 516-524) und für den in Köln residierenden und Teile des Rheinlands beherrschenden fränkischen Herrscher Sigibert. Letzterer fiel, wie Siegfried in der Sage, während einer Jagd einem Meuchelmord zum Opfer.
Heinrich Gudehus (1845-1909) schmiedet als Siegfried.
Bereits im frühen 19. Jahrhundert wurde eine Identifikation Siegfrieds mit dem Cheruskerfürsten Arminius (17 vor Christus - 21 nach Christus) in Erwägung gezogen. Siegfrieds legendärer Kampf gegen den Drachen hätte nach dieser These in der Vernichtung dreier römischer Legionen durch das germanische Herr des Arminius im Jahr 9 nach Christus seinen Ursprung. Der mit dem Nimbus der Unbesiegbarkeit behaftete Heereszug unter der Führung des römischen Statthalters Publius Quinctilius Varus (47 vor Christus – 9 nach Christus) wäre demnach in der über Jahrhunderte mündlich weitergegebenen Überlieferung zur mythologischen Gestalt des nahezu unverwundbaren Lindwurmes stilisiert worden. Diese These erlebte durch die Entdeckung des historischen Schauplatzes der Varusschlacht in Kalkriese bei Osnabrück eine Neubelebung.
Da in der Figur Siegfrieds offensichtlich die Biographien verschiedener historischer Personen verschmelzen, bleiben auch die Angaben zu seiner rheinischen Herkunft im Nibelungenlied fraglich. Allenfalls ist zu vermuten, dass eine der historischen Figuren, aus der sich die mythologische Siegfriedgestalt entwickelte, in Verbindung mit einer am Niederrhein ansässigen fränkischen Fürstenfamilie gebracht werden könnte. Die präzise Lokalisierung seines Geburtsortes in Xanten, die sich in den vergleichbaren nordischen Varianten der Siegfriedsage nicht findet, bietet hierzu allerdings den einzigen Hinweis.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlangte die Nibelungensage neue Popularität und wurde, vor dem Hintergrund der napoleonischen Befreiungskriegeund der Forderungen nach einer nationalen Einigung der deutschen Einzelstaaten, zum deutschen Nationalepos erhoben. Seit dieser Zeit ist sie auch zum Gegenstand der literarischen, historischen und archäologischen Forschung geworden. Im Zuge dieser Entwicklung glaubte Karl Simrock den Drachenfels im Siebengebirge als Schauplatz des Kampfes zwischen Siegfried und dem Lindwurm identifizieren zu können.
Simrocks Lokalisierung des Drachenkampfes machte aus Siegfried eine der wichtigsten Figuren der Rheinromantik. Bis in die Gegenwart hat der Mythos um Siegfried und die Nibelungen, trotz seiner ideologischen und propagandistischen Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten, nichts von seiner Faszination eingebüßt.
4. Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer
1. „Teutschlands Strom…“ – Kampf um die Rheingrenze
Der Rhein als natürliche Grenze des eigenen Staates, das ist eine französische Idee, deren Ursprünge zurück in das 15. Jahrhundert reichen. Nach dem Ende des Hundertjährigen Krieges hatte das französische Königreich zwar die Engländer erfolgreich vom Kontinent vertrieben, es blieb aber die unangenehme Bedrohung bestehen, durch das Haus Habsburg zwischen dem spanischen Reich und dem deutschen Reich im Zangengriff gehalten zu werden.
Das Zeitalter der Renaissance brachte nicht nur die Wiederentdeckung der Antike und der antiken Schriften wie etwa „De bello gallico“ von Julius Caesar (110-44 v. Chr.); es kam auch zur Identifikation und Gleichsetzung Frankreichs mit dem alten Gallien. Der Lothringer Jean le Bon veröffentlichte 1568 ein Pamphlet mit dem Titel „Le Rhin au Roy“, das sich mit „Der Rhein gehört dem König“ übersetzen lässt. In diesem Werk forderte er daher ganz deutlich, das französische Herrschaftsgebiet bis zum Rhein auszudehnen, um das ganze alte Gallien wieder erstehen zu lassen: „Wenn Paris den Rhein trinkt, hat ganz Gallien sein Ende wieder“.
Diese Forderung spielte fortan im Verhältnis Frankreichs zu der Vielzahl von östlichen Nachbarn eine keineswegs unbedeutende Rolle. Im 17. Jahrhundert gehörte die finanzielle Unterstützung der rheinischen Kurfürsten von Köln, Mainz und Trier zum beliebten Instrument französischer Politik, um das innere Mächtegleichgewicht des Deutschen Reiches zu beeinflussen und die Habsburger nicht allzu sehr erstarken zu lassen. Frankreich konnte mit dem Zugewinn des Elsass die Grenzen bis an den Oberrhein vorschieben und sogar einen kurzlebigen Rheinbund ins Leben rufen. Die französische Expansions- und Annexionspolitik wurde ganz selbstverständlich als „Reunion“, also als „Wiedervereinigung“ mit Frankreich, bezeichnet.
Am Anfang des 17. Jahrhunderts war auch erstmals der Staat zu territorialen Besitzungen am Rhein gekommen, der später – nolens volens – zum großen Gegenspieler Frankreichs und zur Schutzmacht des Rheinlandes werden sollte: das Kurfürstentum Brandenburg-Preußen. Kurfürst Johann Sigismund (1572-1619) konnte im Jülisch-Klevischen-Erbfolgestreit nach dem Tod des kinderlos gebliebenen Herzogs Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Mark (1562-1609) seine Ansprüche behaupten und hatte 1614 im Vertrag von Xanten aus der Erbmasse das Herzogtum Kleve sowie die Grafschaften Mark und Ravensburg erhalten. Die große Bedeutung, welche die preußischen Westprovinzen im 17. Jahrhundert bei der Ausweitung des Staates gehabt hatten, verloren sie im 18. Jahrhundert wieder. Das Hauptaugenmerk der preußischen Politik lag wieder im Osten. König Friedrich II. (Regierungszeit 1740-1786) strebte hier nach Zugewinn und entriss Österreich in drei Kriegen ab 1740 Schlesien.
In den ersten beiden Kriegen waren Preußen und Frankreich noch Verbündete gegen Österreich gewesen. Beide hatte das Bemühen, die Vorherrschaft der Habsburger im Deutschen Reich zu schwächen, geeint. Doch der britisch-französische Gegensatz in den Kolonien bewirkte ab 1754 in Europa eine „Umkehrung der Allianzen“ (Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi - 1773-1842 - beziehungsweise Richard Waddington, 1838-1913). Das mit Russland in Absprachen verbundene Großbritannien verbündete sich mit Preußen, um sein Kurfürstentum Hannover zu schützen. Preußen durchbrach damit die von Österreich zur Rückgewinnung Schlesiens angestrebte außenpolitische Isolierung. Frankreich näherte sich Österreich an, um den französisch-habsburgischen Gegensatz zu entschärfen und einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden.
Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) kämpfte Frankreich daher erstmals als Verbündeter zusammen mit Österreich. Als Folge dieser neuen Allianz griff es nach den preußischen Provinzen am Rhein und besetzte sie während des gesamten Krieges. Preußen hatte weder die Macht noch den Willen, eine Rückeroberung zu versuchen. Der preußische König Friedrich II. zeigte sogar Verständnis für die französische Forderung nach der Rheingrenze, den preußischen Gebieten am Rhein maß er keine große Bedeutung bei.
Als die französische Monarchie unterging, brachen die Protagonisten der Französischen Revolution von 1789 zwar mit vielen Traditionen, aber beileibe nicht mit allen. Die außenpolitischen Interessen Frankreichs wiesen eine erstaunliche Kontinuität auf: die führenden Persönlichkeiten übernahmen die alte Forderung nach der Rheingrenze. In der Nationalversammlung legten sich die Abgeordneten im Dezember 1791 auf die Grenzen Frankreichs fest: „Vom Rhein bis zu den Pyrenäen, von den Alpen bis zum Ozean“. Damit verfestigte sich die Rheingrenze als Bestimmung und Schicksal Frankreichs. Jetzt war es nicht mehr die Idee eines Monarchen, sondern des Volkes. 1794 besetzten die Revolutionstruppen das linksrheinische Gebiet und errichteten zunächst eine provisorische Verwaltung, die wenige Jahre später in die französische Staatsverwaltung überging. Die Umgestaltung der Verwaltung des neu gewonnen Gebietes ging einher mit der wirtschaftlichen Umverteilung des Besitzes der durch die Säkularisation seit 1802 enteigneten Stifte, Klöster und Konvente.
Ermöglicht worden war dies durch den zunächst heimlichen Verzicht auf die linksrheinischen Gebiete des Deutschen Reiches durch Preußen im Frieden von Basel 1795 und Österreich im Frieden von Campo Formio 1797. Schließlich folgte die öffentliche Abtretung an Frankreich im Frieden von Lunéville 1801. Tatsächlich lag von 1794 bis 1814 die Grenze des französischen Staatsgebietes am Rhein.
Darüber hinaus formte der französische Kaiser Napoleon Bonaparte (1769-1821) mit dem 1806 ins Leben gerufenen „Rheinbund“ einen Gürtel von deutschen Satellitenstaaten, die nicht nur als französisches Vorfeld dienten, sondern auch noch Soldaten für seine zahlreichen Feldzüge stellten. Zudem waren einige eng mit der Familie Napoleons verbunden: Großherzog des neu geschaffenen Großherzogtums Berg war zunächst bis 1808 Napoleons Schwager Joachim Murat (1767-1815), dann Napoleons vierjähriger Neffe Napoleon Louis Bonaparte (1803-1831). Für diesen übernahm Napoleon selbst die Regentschaft.
In das ebenfalls neu errichtete Königreich Westfalen setzte Napoleon als König seinen jüngsten Bruder Jérôme Bonaparte (1784-1860) ein. Beide Staaten erhielten eine moderne Verwaltung und verstaatlichten die geistlichen Besitztümer. Auch Baden, Württemberg und Bayern konnten sich den Reformideen nicht entziehen. Sie erneuerten ebenfalls ihre Verwaltungen und führten die Säkularisation durch.
Nonnenwerth, Rolandseck und Drachenfels, Gemälde von Arnold Forstmann (1842-1914 oder später), um 1870, Original im Stadtmuseum Bonn.
Die französische Besetzung des Rheinlandes und die Vorherrschaft der Franzosen in Europa trafen trotz aller Modernisierung auf zunehmende Ablehnung. Sie gründete vor allem auf den wirtschaftlichen Fesseln der Zollgrenze am Rhein und der Kontinentalsperre sowie den stetigen Einberufungen von Soldaten. Ideologisch wurde sie aufgeladen durch einen neu erwachten nationalen Selbstbehauptungswillen. Das 1806 untergegangene Deutsche Reich beziehungsweise dessen mittelalterliche Blüte wurde romantisierend als „gute alte Zeit“ verklärt und mit Sehnsüchten nach neuer nationaler Größe verknüpft.
Die anti-napoleonische Haltung zeigte sich zuerst bei den Intellektuellen. Heinrich von Kleist (1777-1811), der 1793 am Feldzug gegen Frankreich teilgenommen hatte, wandte sich trotz anfänglicher Begeisterung für die Ideen der französischen Revolution nach der Besetzung Preußens gegen die napoleonische Herrschaft. Zwischen 1806 und 1808 schrieb er das Stück „Die Hermannsschlacht“, welches den Kampf zwischen dem Germanen Arminius (Deutsche) und dem Invasoren Varus (Franzosen) behandelt. In seiner 1809 entstandenen Ode „Germania an ihre Kinder“ heißt es aufrüttelnd:
Die des Maines Regionen,
Die der Elbe heitre Aun,
Die der Donau Strand bewohnen,
Die das Odertal bebaun,
An des Rheines Lauben sitzen,
Von dem duftgen Mittelmeer,
Von dem Riesenberge Spitzen,
Von der Ost und Nordsee her!
[Chor]
Horchet! – Durch die Nacht, ihr Brüder,
welch ein Donnerruf hernieder?
Stehst Du auf, Germania?
Ist der Tag der Rache da?
Wer nicht nur auf den Tag der Rache warten wollte, engagierte sich gegen Napoleon. Allerdings konnte das Aufbegehren zur Flucht ins Exil führen. Ernst Moritz Arndt, geboren in Groß-Schoritz (heute Ortsteil von Garz) auf der Insel Rügen, die damals noch zu Schweden gehörte, war seit 1801 Privatdozent und 1806 Professor an der Universität Greifswald gewesen. Auf Grund einer anti-napoleonischen Flugschrift musste er nach der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 nach Schweden flüchten. 1809 kehrte er nach Deutschland zurück und ging 1812 auf Einladung des Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherrn vom und zum Stein (1757-1831) als dessen Privatsekretär nach Russland. Während die beiden auf politischer Ebene die Annäherung von Russland und England beförderten, unterstützten sie gleichzeitig den Aufbau der Russisch-Deutschen Legion. Arndt flankierte die Bemühungen mit politischen Kampfschriften in Form von patriotischen Flugschriften, Gedichten und Liedern.
Der Russlandfeldzug Napoleons 1812 endete mit dem Rückzug der französischen Armee und der Hilfstruppen der mit Frankreich verbündeten Staaten. Das militärisch von Napoleon gedemütigte und aus seinen westlichen Gebieten vertriebene Preußen hatte ebenfalls ein Truppenkontingent gestellt. Am 30.12.1812 handelte der preußische General Johann David von Yorck (1759-1830) eigenmächtig einen Waffenstillstand mit den russischen Truppen aus. In dieser Konvention von Tauroggen erklärten sich die preußischen Truppen für neutral. Drei Monate, im März 1813, markierte die Kriegserklärung des preußischen Königs an Frankreich endgültig den Übergang vom Verbündeten zum Gegner und eröffnete die so genannten „Befreiungskriege“. Der Koalition aus Russland und Preußen schloss sich Österreich an. Höhepunkt des Krieges war die „Völkerschlacht“ bei Leipzig im Oktober 1813, in der die Alliierten Napoleon besiegten. Die Reste der geschlagenen französischen Armee zogen sich hinter den Rhein und damit nach Frankreich zurück. Der von Napoleon 1806 geschaffene Rheinbund zerfiel. Die nachrückenden Alliierten erreichten Anfang November den Rhein. Sie besetzten die nördlichen Rheinbundstaaten Westfalen, Berg und Frankfurt und richteten dort Übergangsverwaltungen ein. Die süddeutschen Monarchien wie die in Bayern, Baden und Württemberg blieben von solch einer Auflösung verschont.
Heinrich von Kleist, Gemälde von Peter Friedel, 1801, Zeichnung, Dresden, Original. (Sammlung Otto Krug)
Bereits im Januar 1813 hatte Arndt mit seiner Flugschrift „Was bedeutet Landsturm und Landwehr“ die Volksbewaffnung empfohlen. Nach dem Vorbild des Landsturmedikts des preußischen Königs vom 21.4.1813 rief im Großherzogtum Berg der Interimsverwalter Justus Gruner (1777-1820) am 13./25. Dezember ebenfalls zur Bildung eines Landsturms auf. Er verwies dabei ausdrücklich auf die Männer des Siebengebirges. Tatsächlich hatte sich dort vor der offiziellen Aufstellung eine Bürgerwehr zusammengefunden, die sich nun der „freiwillige Landsturm vom Siebengebirge“ nannte. Die Rheinländer versahen nun den Vorpostendienst an der Rheingrenze.
Wie sehr diese Rheingrenze bereits akzeptiert worden war, zeigt das Zögern der Alliierten den Rhein zu überqueren. In dieser Situation stellte sie ihnen die Frage, ob mit der Befreiung Deutschlands in den Grenzen von 1813 ihre Kriegsziele erreicht worden waren oder nicht. Der österreichische Außenminister Clemens Wenzel Lothar von Metternich plädierte im Sinne des Gleichgewichts der Kräfte für den Erhalt Frankreichs als Großmacht, um eine Vorherrschaft des erstarkten Russlands zu verhindern. Mitte November 1813 boten die Alliierten deshalb dem geschlagenen Napoleon als Verhandlungsbasis für einen Frieden an, Frankreich in seinen natürlichen Grenzen zu erhalten.
Publizistisch schaltete sich nun Arndt mit einer weiteren Publikation in diese Debatte ein. Noch 1813 erschien seine Flugschrift „Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze“. In ihr skizzierte Arndt die Tradition der französischen Rheinpolitik von ihren Anfängen bis zu den „Ungeheuer[n] an der Seine vom Jahre 1790 bis 1800“. Die Naturgrenze eines Volkes argumentierte Arndt, sei nicht eine natürliche Gegebenheit wie ein Fluss, sondern vielmehr der Sprachraum: „was sind die Naturgränzen eines Volkes? Ich sage: die einzige gültigste Naturgränze macht die Sprache.“ So wie die Sprache eine Besonderheit sei, so habe auch das Volk, die Nation, die sie spricht, ihre Besonderheiten in der Rechtsauffassung und in der Politik. Arndt verknüpfte Deutschlands Schicksal mit dem Rhein, denn: „ohne den Rhein kann die teutsche Freiheit nicht bestehen.“ Auch das Gleichgewicht der Kräfte in Europa bemühte Arndt, da „Teutschlands Selbständigkeit und Europens Sicherheit nicht bestehen kann, wenn die Franzosen den Rhein und die jenseits des Rheins liegenden teutschen Lande behalten.“ Nur ein deutscher Rhein könne Europa vor der französischen Vorherrschaft bewahren: „Wenn Frankreich den Rheinstrom mit seinen Landen behält, so behält es nicht nur sein alles Gleichgewicht aufhebendes Übergewicht über Teutschland, sondern auch über das übrige Europa.“
Weitere Publikationen forderten ebenso, dass der Rhein nicht die Grenze Deutschlands sei. Eine anonyme Druckschrift mit dem Titel „Deutschland im rheinischen Bunde und nach seiner Wiedergeburt; oder: der Friede ohne Rheingrenze“ von 1813 formulierte emotional: „Der Rhein sey ein deutscher Strom, und trenne fürder nicht Brüder von Brüdern!“
Damit stützten Arndt und die anderen Publizisten das Drängen des Freiherrn vom Stein und der preußischen Militärs. Sie befürworteten die Fortsetzung des Krieges und das Eindringen nach Frankreich, um Napoleons Machtbasis zu zerschlagen. Da Napoleon das Angebot der Alliierten ignorierte und neue Truppen aushob, entschlossen sich die Alliierten, die Kampfhandlungen wieder aufzunehmen. Den Krieg von 1814 leitete der preußische Generalfeldmarschall Gerhard Leberecht von Blücher (1742-1819) mit dem Rheinübergang bei Kaub in der Neujahrsnacht ein.
Dieses Ereignis begrüßten und bejubelten die Zeitgenossen. Inspiriert von Blüchers Rheinübergang erschien 1814 das Gedicht „Lied vom Rhein“ von Max von Schenkendorf (1783-1817), der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen und an der „Völkerschlacht“ bei Leipzig teilgenommen hatte. Hierin wurde der Rhein als „heilig“ überhöht und seine Freiheit beschworen, Motive, die fortan immer wiederkehren sollten.
Max von Schenkendorf, Lied vom Rhein (1814)
...
Das ist der heil'ge Rhein
Ein Herrscher, reich begabt
Deß Name schon wie Wein,
Die treue Seele labt.
Es regen sich in allen Herzen
Viel Vaterländ'sche Lust und Schmerzen,
Wenn man das deutsche Lied beginnt
Vom Rhein, dem hohen Felsenkind.
...
Wir huld'gen unserm Herrn,
Wir trinken seinen Wein.
Die Freiheit sey der Stern!
Die Losung sey der Rhein!
Wir wollen ihm auf‘s neue schwören,
Wir müssen ihm, er uns gehören!
Vom Felsen kommt er frei und hehr,
Er fließe frei in Gottes Meer!
(2. und 9. Strophe)
Das Überschreiten des Rheins bedeutete das Eindringen nach Frankreich. Das Hineintragen des Krieges nach Frankreich wurde mit Genugtuung aufgenommen und später als Blüchers Verdienst angesehen. Der Rheinübergang legte den Grundstein des späteren Blücher-Mythos als „Marschall Vorwärts“. August Kopisch (1799-1853), der Dichter der „Heinzelmännchen zu Köln“, malte den Moment in dem 1836 erschienenen Gedicht „Blücher am Rhein“ aus:
August Kopisch, Blücher am Rhein (1836)
Blüchers Rheinübergang bei Kaub, Gemälde von Wilhelm Camphausen (1818-1885), 1860. (Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie)
Die Heere blieben am Rheine stehen:
Soll man hinein nach Frankreich gehn?
Man dachte hin und wieder nach,
Allein der alte Blücher sprach:
„Generalkarte her!
Nach Frankreich gehn ist nicht so schwer.
Wo steht der Feind?“ – „Der Feind? – dahier!“
„Den Finger drauf, den schlagen wir!
Wo liegt Paris?“ – „Paris? – dahier!“
„Den Finger drauf, den schlagen wir!
Nun schlag die Brücken übern Rhein!
Ich denke, der Champagnerwein
Wird, wo er wächst, am besten sein!“
Rheinübergänge der alliierten Truppen fanden allerdings auch bei Mannheim und Koblenz statt. Einer der Organisatoren des Landsturms im Rheinland war der preußische Major der Garde-Jäger Ferdinand Wilhelm Franz Bolstern von Boltenstern (1786-1814). Der Landsturm war nur zur Verteidigung der Heimat und nicht für Offensivaktionen vorgesehen, wie Boltenstern sie im Sinn hatte. Anfang Januar 1814 versuchte er im Anschluss an den Rheinübergang Blüchers bei Kaub, einen Angriff bei Mülheim über den Rhein auf Köln auszuführen. Die unerwartete heftige französische Gegenwehr trieb seinen Trupp aus preußischen Jägern, Russen und frisch rekrutierten bergischen Truppen zurück in den Rhein. Boltenstern starb – vermutlich tödlich verwundet – beim Rückzug im Rhein. Sein Leichnam wurde nie gefunden.
Zur gleichen Zeit – möglicherweise als Ablenkungsmanöver gedacht – kam es von der Insel Nonnenwerth aus zu einem Schusswechsel mit französischen Truppen auf der anderen Rheinseite. Dabei wurde der Königswinterer Steinhauermeister Johann Joseph Genger (1774-1814) tödlich verwundet, so dass er einige Tage später starb. Damit hatte der Landsturm im Rheinland – wenn Boltenstern als Organisator dazu gezählt wird – zwei Opfer zu beklagen.
Schon 1814 erhielten Boltenstern und Genger ein Denkmal, gestiftet vom Landsturm. Am Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, am 18.10.1814, war die feierliche Einweihung des von dem Baudirektor des Großherzogtums Berg Adolph von Vagedes (1777-1842) gestalteten Obelisken. Im ganzen Rheinland fanden an diesem Tag Feiern statt, die der Befreiung des Rheinlandes gewidmet waren. Die Idee zu diesen Feiern an diesem Tag stammte von Arndt, der damit ein Zeichen setzen wollte: „Hier aber um den heiligen Rhein von den Bergen über Düsseldorf bis zu den Bergen über Basel und dann auf den Hunsrück und Donnersberg sollen sie unseren uralten Neidern und Widersachern entgegenflammen und melden, welches Fest in Teutschland begangen wird.“
Die siegreichen Alliierten bestimmten auf dem Wiener Kongress 1815 über die territoriale Zukunft Europas. Den wichtigsten und größten territorialen Zugewinn am Rhein erhielt das anfangs zögerliche Königreich Preußen: das Rheinland von der niederländischen Grenze bis zur Nahe. Aus diesem Gebiet entstand alsbald die preußische Rheinprovinz, in der weiterhin der napoleonische Code Civil als „Rheinisches Recht“ Geltung hatte. Die 1818 vom preußischen König gegründete Bonner Universität hatte eigens einen Lehrstuhl dafür eingerichtet. Eine Professur erhielt auch Ernst Moritz Arndt.
Der nicht weit von Bonn entfernte Drachenfels avancierte im 19. Jahrhundert als Kulisse für patriotische Bekenntnisfeiern. Die Turnerbewegung lud 1818 zur Jahresfeier der Völkerschlacht auf den Berg ein, doch bereits ein Jahr später waren solche national denkenden Gruppierungen unter aufmerksamer Beobachtung und die Burschenschaften verboten worden. Die Bonner Studenten zogen 1819 auf den Bonner Kreuzberg. Heinrich Heine, der im Wintersemester 1819/1820 an der gerade eröffneten Bonner Universität Rechts- und Kameralwissenschaften studierte, nahm daran teil, verlegte in seinem Gedicht aber die Kundgebung auf den Drachenfels, um eine höhere Wirkung zu erzielen. Gleichwohl hielt er die für ihn typische ironische Distanz zum Geschehen.
Heinrich Heine, Die Nacht auf dem Drachenfels (Mai 1820)
August Kopisch, Porträt, 1887.
Um Mitternacht war schon die Burg erstiegen,
Der Holzstoß flammte auf am Fuß der Mauern,
Und wie die Burschen lustig niederkauern,
Erscholl das Lied von Deutschlands heilgen Siegen.
Wir tranken Deutschlands Wohl aus Rheinweinkrügen,
Wir sahn den Burggeist auf dem Turme lauern,
Viel dunkle Ritterschatten uns umschauern,
Viel Nebelfraun bei uns vorüberfliegen.
Und aus den Trümmern steigt ein tiefes Ächzen,
Es klirrt und rasselt, und die Eulen krächzen;
Dazwischen heult des Nordsturms Wutgebrause.
Sieh nun, mein Freund, so eine Nacht durchwacht ich
Auf hohem Drachenfels, doch leider bracht ich
Den Schnupfen und den Husten mit nach Hause.
Das Landsturm-Denkmal auf dem Drachenfels verfiel in den folgenden Jahren, so dass 1857 ein neues durch den Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner in Form einer neugotischen Fiale geschaffen wurde, auf dem die Namen der beiden Toten nicht mehr erschienen. 1876 musste auch dieses Denkmal ersetzt werden. Auf Drängen der Familie Boltensterns wurde 1914 an anderer Stelle auf dem Drachenfels ein Obelisk errichtet, der die Namen Boltenstern und Genger wieder aufwies.
Heinrich Heine, Porträt, Foto eines im Original farbigen Ölgemäldes von Colla, um 1825.
2. „Sie sollen ihn nicht haben …“ – Die Rheinkrise 1840
Nach dem Ende der napoleonischen Kriege reisten viele wohlhabende Briten auf ihrer „Großen Tour“ traditionell von England nach Italien und nahmen den Weg den Rhein hinauf. Die von ihnen als natürlich und schön empfundene Rheinlandschaft löste Begeisterung bei den Reisenden aus. Berichte, Briefe und vor allem George Gordon Byrons (1788-1824) Gedicht über „The castled crag of Drachenfels“ sorgten zunächst für einen stetig anschwellenden Strom britischer Touristen, denen bald auch die deutschen Reisenden folgten. Die aufblühende Rheinromantik verwandelte den Fluss endgültig in ein – erreichbares – Ziel der Sehnsucht. Maler, Dichter und Musiker verbreiteten ein verklärtes Bild des Rheinlandes, Buchverleger wie Karl Baedekermit seinen Reiseführern und die aufkommende Dampfschifffahrt trugen ihren Teil dazu bei, sehr viele Menschen an den Rhein zu befördern. Sie genossen den Ausflug, den Rheinwein und die – zumindest zeitweise – Befreiung von den Zwängen der Gesellschaft.
Auch das preußische Königshaus war „vom Zauber des Rheins ergriffen“. Die Burgenfans unter den Hohenzollern erwarben Burgruinen wie die von Rolandseck und ließen sich Burgen nachbauen wie etwa Schloss Stolzenfels.
Karikatur eines englischen Reisenden, aus Richard Doyle, The Foreign Tour of Messrs. Brown, Jones & Robinson, London 1854, Original im Siebengebirgsmuseum.
Mit der wachsenden Bedeutung des Rheins für eine immer breitere Öffentlichkeit fand auch seine politische Aufladung statt. Die Entscheidung des preußischen Königs, im Rheinland den Bau des Kölner Doms zu vollenden, fand in der Kreisen der Nationalbewegung größten Zuspruch. Der Dombau wurde zur nationalen Aufgabe und der zu vollendende Dom zum Symbol für die noch ausstehende Vollendung der deutschen Einheit. Die deutsche Nationenbildung hatte am Rhein ihr sichtbarstes Zeichen erhalten. Die Freiheit des Einzelnen und die Freiheit der Nation waren mit der Freiheit des Rheins nahezu eine Symbiose eingegangen. Daher betrafen Angriffe von französischer Seite auf diese Freiheit die ganze deutsche Nation.
Der deutsch-französische Gegensatz fand in der Rheinkrise von 1840 einen neuen Höhepunkt. Der französische Ministerpräsident Adolph Thiers (1797-1877) hatte in der Orientalischen Frage eine diplomatische Niederlage hinnehmen müssen und suchte ein Ventil für die Empörung im Land. Er richtete sie auf das Rheinland, forderte die Revision der Ergebnisse des Wiener Kongresses von 1815 und erhob den französischen Anspruch auf das linksrheinische Gebiet. Die politischen Spannungen ließen in Deutschland die patriotische Stimmung steigen und es entzündete sich ein Dichterstreit, bei dem diese mit zahlreichen politischen Liedern ein flammendes Bekenntnis zum deutschen Rhein ablegten. Eines der ersten und populärsten Lieder schrieb der in Bonn geborene Nikolaus Becker. Er hatte Rechtswissenschaft studiert und war Gerichtsschreiber am Friedensgericht in Geilenkirchen als er das „Rheinlied“ dichtete. Es erschien am 18.9.1840 in der „Trierischen Zeitung“ und dessen erste Zeilen sollten schon bald in aller Munde sein: „Sie sollen ihn nicht haben, den freien, deutschen Rhein…“
Nikolaus Becker, Rheinlied (September 1840)
Der 'rote' Baedeker, Ausgabe aus dem Jahr 1864, Original im Siebengebirgsmuseum, Foto: Original: Siebengebirgsmuseum.
Sie sollen ihn nicht haben
Den freien deutschen Rhein,
Ob sie wie gierige Raben
Sich heiser danach schrei´n,
So lang er ruhig wallend
Sein grünes Kleid noch trägt,
So lang ein Ruder schallend
In seine Woge schlägt.
Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien, deutschen Rhein,
So lang sich Herzen laben
An seinem Feuerwein.
So lang in seinem Strome
Noch fest die Felsen steh´n,
So lang sich hohe Dome
In seinem Spiegel seh´n!
Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien, deutschen Rhein,
So lang dort kühne Knaben
Um schlanke Dirnen frei´n.
So lang die Flosse hebet
Ein Fisch auf seinem Grund,
So lang ein Lied noch lebet
In seiner Sänger Mund.
Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien deutschen Rhein,
Bis seine Flut begraben
Des letzten Manns Gebein!
Das Lied war so beliebt, dass es auf über 70 Vertonungen kam. Ernst Moritz Arndt kommentierte Beckers Lied mit einem eigenen Gedicht:
Ernst Moritz Arndt, Das Lied vom Rhein an Niklas Becker (1840)
Es klang ein Lied vom Rhein,
Ein Lied aus deutschem Munde,
Und schnell wie Blitzesschein
Durchflog's die weite Runde,
Und heiß wie Blitzesschein
Durchzuckt es jede Brust
Mit alter Wehen Pein,
Mit junger Freuden Lust.
Sein heller Widerklang
Vom Süden fort zum Norden
Ist gleich wie Wehrgesang
Des Vaterlands geworden.
Nun brause fröhlich, Rhein:
Nie soll ob meinem Hort
Ein Welscher Wächter sein!
Das brause fort und fort.
Und stärkrer Widerklang
Gleich Pauken und Posaunen,
Gleich kühnem Schlachtgesang
Klingt Welschland durch mit Staunen –
Es klinget: Neue Zeit
Und neues Volk ist da;
Komm, Hoffart, willst du Streit!
Germania ist da.
Drum klinge, Lied vom Rhein!
Drum klinget, deutsche Herzen!
Neu, jung will alles sein –
Fort, fort die alten Schmerzen,
Der alten Wahne Tand!
Alleinig stehn wir da
Fürs ganze Vaterland,
Jung steht Germania.
Auf der französischen Seite erfolgte in diesem Liederstreit die Antwort durch Alfred de Musset (1810-1857), der unter dem Titel „Le Rhin allemand“ ein Gedicht veröffentlichte:
Alfred de Musset, Le Rhin allemand (1840)
Wir haben ihn gehabt, den deutschen Rhein.
In unserm Glas sahn wir ihn funkeln.
Mit eures Schlagers Prahlerein
Wollt ihr die stolze Spur verdunkeln,
Die unsrer Rosse Huf grub euch ins Blut hinein?
...
Gehört er euch denn, euer deutscher Rhein,
Wascht die Livree darin bescheiden;
Doch mäßigt eure stolzes Schrein.
Wieviele Raben, auszuweiden
Den todeswunden Aar, mögt ihr gewesen sein?
Laßt friedlich fließen euern deutschen Rhein;
Es spiegele sich geruhsam wider
Der Dome gotisches Gestein;
Doch hütet euch, durch trunkne Lieder
Von ihrem blutgen Schlaf die Toten zu befrein.
Heinrich Heine griff den „literarisch-politischen Schlagabtausch“ noch einmal kritisch auf und ließ „Vater Rhein“ in seinem 1844 veröffentlichten „Deutschland. Ein Wintermährchen“ sagen:
Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,
Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!
doch schwerer liegen im Magen mir
die Verse von Niklas Becker.
Lieder wie „Der Rhein“ von Alexander Reiferscheid und „Auf dem Rhein“ von Emanuel Geibel (1815-1884) sind heute kaum noch bekannt. Ebenso ist es dem „Rheinweinlied“ von Georg Herwegh (1817-1875) ergangen, in dem sich in typischer Weise nationaler Pathos mit Rhein, Weib und Gesang verbinden.
Georg Herwegh, Rheinweinlied (Oktober 1840)
Wo solch ein Feuer noch gedeiht,
Und solch ein Wein noch Flammen speit,
Da lassen wir in Ewigkeit
Uns nimmermehr vertreiben.
Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein,
Und wär's nur um den Wein,
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Herab die Büchsen von der Wand,
Die alten Schläger in die Hand,
Sobald der Feind dem welschen Land
Den Rhein will einverleiben!
Haut, Brüder, mutig drein!
Der alte Vater Rhein,
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Das Recht' und Link, das Link' und Recht',
Wie klingt es falsch, wie klingt es schlecht!
Kein Tropfen soll, ein feiger Knecht,
Des Franzmanns Mühle treiben.
Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein,
Und wär's nur um den Wein,
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Der ist sein Rebenblut nicht wert,
Das deutsche Weib, den deutschen Herd,
Der nicht auch freudig schwingt sein Schwert,
Die Feinde aufzureiben.
Frisch in die Schlacht hinein!
Hinein für unsern Rhein!
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
O edler Saft, o lauter Gold,
Du bist kein ekler Sklavensold!
Und wenn ihr Franken kommen wollt,
So laßt vorher euch schreiben:
Hurra! Hurra! Der Rhein,
Und wär's nur um den Wein,
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Eines der heute noch bekannten Gedichte aus der Zeit der Rheinkrise entfaltete seine volle Wirksamkeit aber erst gut 30 Jahre später. Es ist „Die Wacht am Rhein“ und stammt von dem jungen Kaufmann Max Schneckenburger (1819-1849).
Max Schneckenburger, Die Wacht am Rhein (November 1840)
Nikolaus Becker, Brustbild, Litographie von August Kneisel. (Universitätsbibliothek Frankfurt am Main)
Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
Durch hunderttausend zuckt es schnell,
Und aller Augen blitzen hell:
Der deutsche Jüngling, fromm und stark,
Beschirmt die heil´ge Landesmark.
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
Auf blickt er, wo der Himmel blaut,
Wo Vater Hermann niederschaut,
Und schwört mit stolzer Kampfeslust:
„Du Rhein, bleibst deutsch, wie meine Brust!“
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
„Und ob mein Herz im Tode bricht,
Wirst du doch drum ein Welscher nicht,
Reich wie an Wasser deine Flut,
Ist Deutschland ja an Heldenblut.“
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
„Solang ein Tröpfchen Blut noch glüht,
Noch eine Faust den Degen zieht,
Und noch ein Arm die Büchse spannt,
Betritt kein Welscher deinen Strand.“
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
Der Schwur erschallt, die Woge rinnt,
Die Fahnen flattern in dem Wind.
Am Rhein, am Rhein, am deutschen Rhein,
Wir alle wollen Hüter sein!
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
Der Text wurde umgehend von dem aus Darmstadt stammenden Berner Organisten Johann Jakob Mendel (1809-1881) vertont. Im Dezember 1840 erschienen Text und Noten. Im Hause des preußischen Gesandten in Bern von Bunsen vom Berner Musikdirektor Adolph Methfessel (1807-1878) uraufgeführt, blieb es jedoch weitgehend unbeachtet. Erst als der Krefelder Chordirigent Karl Wilhelm (1814-1873) auf den Text aufmerksam wurde und 1854 die heute bekannte Neuvertonung am Tag der Silberhochzeit des Prinzen Wilhelm, des späteren Kaisers Wilhelm I. (Regentschaft ab 1858, König 1861, Kaiser 1871-1888), präsentierte, nahm die Beliebtheit über Sängerfeste rasant zu.
Das bis heute bekannteste und wirksamste Werk aber schuf der Germanist August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874). Er schrieb am 26.8.1841 auf Helgoland, das damals eine britische Insel war, auf die Melodie des „Kaiserliedes“ („Gott erhalte Franz den Kaiser“) von Joseph Haydn (1732-1809) ein Gedicht, das das alte untergegangene Reich mit dem neuen kommenden Deutschland verband und die Verlagerung des Schwerpunktes von der Monarchie zur Nation darstellte.
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Das Lied der Deutschen (August 1841)
'Germania auf der Wacht am Rhein', Gemälde von Lorenz Clasen, Öl auf Leinwand.
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland!
Der Rhein selbst findet im Text keine direkte Erwähnung, da als der westliche Grenzfluss die Maas genannt wird. Die Maas durchfloss das Herzogtum Limburg, das seit 1839 (mit Ausnahme von Maastricht und Venlo) zum Deutschen Bund gehörte. Ist die Maas die westliche Grenze, so liegt das Rheinland in Deutschland und der Rhein bildet nicht die Grenze Deutschlands. Das Zusammenhalten der Deutschen entsprach der Forderung nach der nationalstaatlichen Einheit, damit Deutschland den französischen Ansinnen geschlossen gegenüber treten könne.
3. „Die Wacht am Rhein…“ – Das Kaiserreich und der Rhein
Die Forderung nach Einigkeit und einem Nationalstaat – wenn auch ohne Österreich - erfüllte sich gut 30 Jahre später. Der siegreiche Krieg gegen Frankreich von 1870/1871 einte die Deutschen. Diplomatie, Bestechung und eine lärmende Propaganda halfen nach, wo es nötig war. Schneckenburgers Lied von der „Wacht am Rhein“ war allgegenwärtig. Es habe den Wert von mehreren Armeekorps gehabt, soll Otto von Bismarck (1815-1898) gesagt haben. Nationale Kreise forderten die Abtretung des linksrheinischen französischen Staatsgebietes bis zu den Vogesen. Beim Friedensschluss bestätigte Frankreich den Verzicht. Der größte Teil der beiden elsässischen und Teile der lothringischen Departements bildeten fortan das Reichsland Elsass-Lothringen im neuen deutschen Kaiserreich. Nunmehr war der Rhein nirgendwo mehr die Grenze zwischen deutschem und französischem Staatsgebiet.
Schneckenburgers „Wacht am Rhein“ in der Vertonung von Karl Wilhelm erhielt eine nationale Bedeutung, sie war nicht nur die Begleitmusik des 1870er-Krieges, sondern hob sich in der Folgezeit auch in den Rang einer zweiten Nationalhymne.
Das gemeinsame Zusammenstehen gegen den „Erbfeind“ Frankreich blieb in Deutschland stets in Erinnerung, wurde propagandistisch wach gehalten und war immer auch Mittel zum Zweck für die Politik des deutschen Reichskanzlers Bismarck. Schon vier Jahre nach dem Krieg, 1875, löste er die Krieg-in-Sicht-Krise aus. Ein Zeitungsartikel mit der Überschrift „Ist Krieg in Sicht?“, der am 8.4.1875 in der regierungsnahen Zeitung „Post“ erschienen war, spekulierte über die französischen Militärausgaben. Autor war zwar der Journalist Constantin Rößler (1820-1896), aber es war deutlich, dass Reichskanzler Bismarck dahinter stand. Er drohte Frankreich mit einem Präventivkrieg im Falle weiterer Aufrüstung. Sein Ziel war, die Haltung der Großmächte Russland und Großbritannien zu erforschen. Aber auch innenpolitisch waren die Spannungen in den deutsch-französischen Beziehungen von Nutzen. Als der Exponent einer auf einen Revanchekrieg hinarbeitende Bewegung, der französische General Georges Boulanger (1837-1891), 1886 Kriegsminister seines Landes wurde und seitdem die Zahl der Truppen erhöhte, nutzte Bismarck dies geschickt aus, indem er die Gefahr hochspielte, um innenpolitisch bei den Wahlen 1887 eine seine Regierung unterstützende Mehrheit zu erhalten.
Faksimile von Hoffmann von Fallerslebens Manuskript 'Das Lied der Deutschen', Original im Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung.
Um an die Einigung Deutschlands zu erinnern und die stetig beschworene „Wacht am Rhein“ auch symbolisch zu untermauern, entstanden am Rhein nationale und regionale Denkmäler. Die erste Anregung für das Nationaldenkmal oberhalb von Rüdesheim, das so genannte Niederwalddenkmal, datiert bereits auf das Jahr 1871. Zwischen 1877 und 1883 errichtet, konnte es am 28.9.1883 eingeweiht werden. Der Sockel des Denkmals mit der Germania-Figur trägt fünf der sechs Strophen des Liedes von Schneckenburger. Im Hauptrelief reicht „Vater Rhein“ das Wächterhorn an die „Tochter Mosel“ weiter, da der Rhein seit 1871 keine Grenze mehr war. Das Denkmal steht in einer Reihe nationaler Denkmalgroßprojekte wie der Walhalla in Donaustauf (1830-1842), dem Hermannsdenkmal bei Detmold (1838-1846 und 1863-1875), dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf dem Kyffhäuser (1890-1896), dem Bismarck-Denkmal in Hamburg (1901-1906) und dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig (1898-1913).
An Deutschlands Einigung wollten auch die Rheinländer erinnern. Als Dank an Kaiser Wilhelm I. sollte nach dessen Tod 1888 ein Denkmal der Rheinprovinz errichtet werden. Viele der eingereichten Entwürfe sahen als Standort das Siebengebirge vor. Letztlich aber überließ das Komitee die Entscheidung dem Kaiserenkel Wilhelm II. (Regentschaft 1888-1918). Dieser entschied sich 1891 für den Standort Koblenz, am Zusammenfluss von Rhein und Mosel. 1897 konnte das Reiterstandbild Wilhelms I. am Deutschen Eck in Koblenz eingeweiht werden.
In der langen Friedenszeit zwischen 1871 und 1914 erlebte das Rheinland den beginnenden Massentourismus, der bald das wirtschaftliche Profil und das Gesicht der Städte am Rhein veränderte. Eisenbahn, Schiffe und Busse schafften Menschen aus ganz Deutschland und allen Ländern der Welt an den Rhein, wo zwar weiterhin das nationale Pathos gepflegt wurde, die Rheinromantik aber immer mehr einer rührseligen (Rhein-) Weinseligkeit wich. Eine regelrechte Tourismusindustrie produzierte Ansichtskarten und ein unüberschaubares Anbot von Andenken, die millionenfach verkauft, verschickt und mitgenommen wurden.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 waren patriotische Lieder mehr als je zuvor gefragt. Schneckenburgers „Wacht am Rhein“ und Beckers „Das Lied vom Rhein“ gehörten zum allgemeinen Liedgut und wurden für die einsetzende Propaganda gerne genutzt. Das heutige Rheinland war erst Aufmarschgebiet und dann Hinterland für die Westfront. Vom Krieg ist es bis auf vereinzelte Bombenangriffe verschont geblieben. Das Oberelsass im Reichsland Elsass-Lothringen hingegen war vier Jahre lang Schauplatz schwerer Kämpfe.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Thomann, Björn, Siegfried von Xanten, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/siegfried-von-xanten/DE-2086/lido/57c94f5fdc5b67.90390949 (abgerufen am 08.06.2026)
-> Klein, Ansgar S., Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/mythos-rhein-aus-sicht-der-deutschen-und-rheinlaender/DE-2086/lido/57d124853b7bd1.35175552 (abgerufen am 03.09.2026)
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Sekundärliteratur
-> Eggebrecht, Harald: Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht, in: Süddeutsche Zeitung u. ders. (Hrsg.): Geheimnisse aus der Geschichte. Erstaunlich, vergessen, sagenhaft: Auf der Spur von Mythen, Rätseln und Skandalen, 2. Auflage, München 2025, S. 153-155.
-> Rademacher, Cay: Nibelungensage. Ein Epos aus uralter Zeit, in: Die Germanen (GEO Epoche Jg. 2008, Heft Nr. 34), Hamburg 2008.


