Seuchengeschichte
Inhaltsverzeichnis
1. Frühneuzeitliches Leiden. Die Gicht.
Inhalt1. Frühneuzeitliches Leiden. Die Gicht.
Der König war ein ausgesprochen unleidlicher Mensch. Zwar war er in der Reform seines Staatswesens, in der Schaffung einer gut organisierten - legendär zuverlässigen, wenig korrumpierbaren - Verwaltung und dem Aufbau einer im Verhältnis zur Einwohnerzahl des recht kargen Landes beeindruckenden Armee äußerst effektiv. Ungeachtet seines vollkommenen Mangels an Liebenswürdigkeit sprechen ihm wohlmeinende Biografen das Attribut historischer Größe zu. Er war so erfolgreich, dass sein Sohn und Nachfolger das Land gar in den Rang einer europäischen Großmacht führen konnte: Preußen. Doch im Zwischenmenschlichen war Friedrich Wilhelm I., der König Preußens von 1713 bis 1740, ein Tyrann, der wenig anderes als Furcht verbreitete: bei seinen Beamten, bei den Bürgern und auch in seiner Familie. Der Legende nach nahmen die Berlinerinnen und Berliner Reißaus, wenn ihnen ihr Herrscher bei einem seiner Inspektionsgänge auf der Straße begegnete. Mit seinem Gehstock soll er auf Passanten, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, eingeprügelt und dabei etwas ausgerufen haben wie ,,Ihr sollt mich nicht fürchten! Ihr sollt mich lieben, lieben sollt ihr mich!«
Natürlich war es vor allem der üble Charakter des Monarchen, der sein Verhalten steuerte: Er war ein grober Mensch mit Verachtung für Bildung und Kultur, von ungehobeltem Benehmen und wahrscheinlich mit einer gehörigen Portion Sadismus. Davon zeugt auch sein Verhalten gegenüber seinem heranwachsenden Sohn, dem späteren Friedrich dem Großen, den er so drangsalierte, dass dieser ins Ausland zu fliehen versuchte. Nach seinem gescheiterten Fluchtversuch wünschte Friedrich Wilhelm die Todesstrafe für seinen Sohn. Als die Richter sich weigerten, zwang er den 17-jährigen Friedrich, die Exekution seines Freundes und Vertrauten Hans Hermann von Katte mit anzusehen. Doch zu dem unbeherrschten Wesen kam vor allem in der zweiten Hälfte seiner Regierungszeit ein weiterer Faktor, der ihn unberechenbar und jähzornig machte: Er litt unter heftigen Schmerzen. Friedrich Wilhelm I. hatte die Gicht. Wenn er sich einem seiner Hobbies widmete, der Malerei - einem seiner wenigen Ausflüge in die Welt der Kultur -, setzte er auf seine schlichten Bilder meist die Signatur in tormentis pinxit, unter Schmerzen gemalt. Woher er das Leiden hatte, war auch den Ärzten der Epoche klar: Wie so viele gekrönte Häupter frönte Friedrich Wilhelm I. den Freuden der Tafel. Auf dieser dominierten wie an allen Höfen und Adelssitzen vor allem Fleischgerichte - und natürlich wurde dabei reichlich dem Alkohol zugesprochen. Der König wurde immer übergewichtiger und konnte sich kaum noch bewegen. Als das Ende nahte, war er körperlich wie mental ausgebrannt. Friedrich Wilhelm I., der zuletzt überwiegend in einem Rollstuhl saß, starb am 31. Mai 1740 mit 51 Jahren im Stadtschloss von Potsdam.
Sein Sohn, der als Friedrich II. den Preußenthron bestieg und schon zu Lebzeiten »der Große« genannt wurde, erbte die väterliche Vorliebe für eine stark fleischlastige Ernährung. Er griff allerdings beim Dinner nicht so im Übermaß zu wie sein Vater: Friedrich der Große war nicht übergewichtig: von ihm erhaltene Uniformröcke deuten ebenso wie die zu seinen Lebzeiten angefertigten Porträts darauf hin, dass er ein zunächst normalgewichtiger und in späteren Jahren geradezu schmächtiger Mann von geringer Körpergröße war. Doch sein Ende ähnelte dem des Vaters, auch wenn ihm ein wesentlich längeres Leben beschert war: Auch Friedrich II. verbrachte in seinen letzten Jahren die meiste Zeit im Rollstuhl auf der Terrasse des von ihm erbauten Schlosses Sanssouci und in Gegenwart seiner heißgeliebten Windspiele. Die Gesellschaft der Hunde zog er dem Beisam- mensein mit Menschen vor. Auch Friedrich der Große - dessen Wunsch, bei seinen Hunden bestattet zu werden, sich erst 1991 endgültig erfüllte - litt an Gicht.
Die Liste der Gichtpatienten aus der frühen Neuzeit, also etwa zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert, liest sich teilweise wie ein Who is Who der Mächtigen und Reichen. Der Zusammenhang zwischen Wohlstand, oft auch Macht, und der Anfälligkeit für das Leiden war ganz offensichtlich. Und kaum irgendwo zeigten sich die krassen sozialen Gegensätze zwischen dem oberen einem Prozent und der großen Masse der Bevölkerung so wie bei den Mahlzeiten, die bei der Oberschicht im von zahlreichen Lüstern erhellten Spiegelsaal und in den unteren Schichten in einer von Tranfunzeln fade illuminierten Kate eingenommen wurden. Der Adelsmann und seine Damen erquickten sich an Kapaun und Wild, an Schweinebäuchen und gefüllten Schwänen; in den Karaffen funkelte Wein und Port - der einfache Bauer aß Hirsebrei und trank, wenn er es sich erlauben konnte, ein Bier, dessen Genießbarkeit in einer Zeit vor Erfindung von Kühltechnologien bezweifelt werden darf. Dieses epidemiologische Verteilungsmuster setzte sich fort, als der Aufstieg des Bürger- und vor allem des Großbürgertums einsetzte und auf der anderen Seite der Bevölkerungspyramide sich die Basis proletarisierte, zum Bauernstand sich der Industriearbeiter gesellte. Die feinfühlige Krankheitsdefinition des Earl of Chesterfield, eines englischen Staatsmannes in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, sollte man im Original auf sich einwirken lassen: Gout is the distemper of gentlemen, whereas the rheumatism is the distemper of a hackney coachman. Die rheumatische Erkrankungen des Kutschers, so muss erklärend ergänzt werden, beruhten ganz wesentlich auf unhygienischen, feuchten Wohnverhältnissen. Außerdem war er bei Ausübung seiner Tätigkeit auf dem Kutschbock dem Wetter ausgesetzt, während der wahre Gentleman im Inneren der Kutsche einigermaßen vor Wind und Regen geschutzt war.
Die Gicht ist eine Störung des Purinstoffwechsels und führt zur Ablagerung von Harnsäurekristallen in den Gelenken. Typischerweise ist das Grundgelenk an der Großzehe des Fußes zuerst oder besonders stark betroffen: Es schwillt an, ist gerötet und schmerzt sehr. Künstler und Satiriker stellten den Gichtkranken daher oft als übergewichtigen Mann dar, dessen verbundener Fuß auf einem Schemel liegt oder der mit einer Bandage im Rollstuhl sitzt. Wilhelm Busch beispielsweise zeichnete 1872 in seiner Bildergeschichte Der neidische Handwerksbursch einen Patienten mit dick verbundenem linken Fuß und setzte den Reim hinzu: »Der Dicke aber - autsch! mein Bein!/Hat wieder heut' das Lipperlein.«
Das spezifische Symptom an der Zehe wird »Podagra« genannt, ein Begriff, den Betroffene vergangener Zeiten dem der Gicht vorzogen. Ein Beispiel dafür ist der erste »Kriegs- unternehmer« der Moderne, der kaiserliche Generalissimus im Dreißigjährigen Krieg, Albrecht Eusebius Wenzel von Wallenstein. Der Mann, der in der ersten Hälfte dieses Konfliktes einen geradezu kometenhaften Aufstieg erlebte und schließlich so viel Macht anhäufte, dass seine Auftraggeber - der Kaiser und seine Verbündeten auf Seiten der Liga, des katholischen Lagers - ihn schließlich vorübergehend entließen und später seine Ermordung in die Wege leiteten, war fast während seiner ganzen Karriere schwer krank. Im Jahr 1620, als der Krieg nach dem schnellen Sieg der Kaiserlichen über die böhmischen Rebellen beendet schien, traf es Wallenstein nach eigenen Worten schwer. Er hatte auch eine Erklärung parat: »Anno 1620 im Julio bin ich auf den Tod krank gewesen, und die Krankheit, vermein ich, dass ich mirs mit Trinken causiert hab.«' Für Wallenstein war es »das Podagra«, welches ihn teilweise immobil - auf einigen seiner Feldzüge musste er von Bediensteten getragen werden - und wohl auch jähzornig (ähnlich wie Friedrich Wilhelm I.) machte. Zeitweise konnte er kein Pferd mehr besteigen, was für einen militärischen Befehlshaber der Epoche fast einer Berufsunfähigkeit gleichkam. Es war wahrscheinlich eine Kombination aus Gicht und Syphilis, die nach seiner endgültigen Entlassung zu einem rapiden körperlichen Abbau und einer weitgehenden Hilflosigkeit führte. Gegen die entschlossenen gedungenen Mörder hatte er auf der Flucht in einer Februarnacht 1634 in Eger keine Chance.
Die Gicht ist den Heilkundigen bereits seit der Antike bekannt. Im ägyptischen Papyrus Ebers (rund 1500 v. Chr.) finden sich sowohl Hinweise auf das Leiden als auch auf Therapieansätze - genannt wird der Extrakt des Herbstkrokus. Auch dem Urvater der westlichen Medizin, dem von 460 bis 377 v. Chr. lebenden Hippokrates waren die Symptome vertraut; angesichts des hohen Weinkonsums im antiken Griechenland dürften sich ihm kausale Zusammenhänge aufgedrängt haben. In einem modernen Fachbuch wird der Kenntnisstand des Heilkundigen prägnant zusammengefasst: »Hippokrates beschrieb, dass die Gicht vorzugsweise bei Erwachsenen und am ganze Körper auftrete, dass sie bei Frauen bevor ihre Regel aufgehört hat‹ selten sei und dass man sie bei Eunuchen nie finde. Er erkannte sie als Erbkrankheit, beschrieb den Einfluss des Nichtstuns und der Ausschweifungen bei Tisch. Er unterschied bereits zwischen Podagra und einer anderen schmerzhaften und entzündlichen Gelenkerkrankung, die er Arthritis nannte.«'
Erblichkeit, Ernährungsgewohnheiten und Luxusleben wurden in der Antike als Wegbegleiter der Krankheit identifiziert, und der Philosoph Seneca betonte, dass es kein reines Männerleiden sei, sondern auch in Unmäßigkeit lebende Frauen befalle: »Wie kann man sich wundern, dass selbst der Größte der Ärzte und gründlichste Kenner der Natur auf einer Lüge ertappt wird, da es so viele podagristische und kahlköpfige Weiber gibt?«*
Mehrere römische Kaiser dürften Gicht gehabt haben; am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit soll unter anderem Heinrich VIII. von ihr befallen gewesen sein sowie zahlreiche andere Fürsten, Könige und Feldherren, darunter auch Ludwig XIV. von Frankreich und Kaiser Karl V. (die ebenso wie Heinrich der VIII. auch die Syphilis gehabt haben sollen). Karls Sohn Philipp II. war in seinen letzten Lebensjahren durch die Gicht regelrecht gelähmt und starb 1598, zehn Jahre nach der schweren Niederlage seiner Armada gegen das England Elisabeths I. Zu den Gichtpatienten aus dem Burgerstand gehören unter anderem Emmanuel Kant und Benjamin Franklin. Und auch Martin Luther, der ursprünglich als Mönch ein Leben der Entsagung führen wollte, zahlte diesen Preis für seine Neigung zu ausgelassenem Speis und Trank.
Der Zusammenhang zwischen Harnsäure und Gicht wurde im späten 18. Jahrhundert entdeckt, nachdem der schwe- dische Chemiker Carl Wilhelm Scheele 1776 Harnsäure in Blasensteinen entdeckte und 1797 William Hyde Wollaston Harnsäure in den Gichtknoten Betroffener nachwies. Im 19. Jahrhundert setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass es nicht allein die Gelenke sind, die von der Gicht betroffen sind, sondern das Leiden häufig auch die Nieren befällt und zu einer Niereninsuffizienz führen kann. In Krisen- und Mangelzeiten lässt die Häufigkeit der Gicht auffallend nach. In Deutschland war sie unmittelbar nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg ausgesprochen selten. In der Gegenwart scheint sich ihre Epidemiologie im Vergleich zur frühen Neuzeit drastisch gewandelt zu haben: Schlechte, ungesunde und übermäßige Ernährung ist heute eher ein Merkmal sozial schwacher Schichten, während Wohlhabende und Eliten über die Mittel verfügen, in angesagten Öko-Supermärkten einzukaufen und in Restaurants zu essen, in denen distinguiertere und quantitativ überschaubarere Speisen aufgetragen werden, keine sich über den Tellerrand biegenden Fleischportionen.
Verlinkungen:
->
Quellen:
Internetquellen
->
->
->
Sekundärliteratur
-> Gerste, Ronald D.: Wie Krankheiten Geschichte machen. Von der Antike bis heute, dritte Auflage, München 2021, S. 153-159.
->
->