Die Revolutionen in Europa
Inhaltsverzeichnis
1. Aufstände in Europa. 1848 Jahr der Hoffnung.
1. Aufstände in Europa. 1848 Jahr der Hoffnung.
Ein beispielloser politischer Sturm fegt ab Februar 1848 über Europa: Ausgehend von Paris, lehnen sich vielerorts auf dem Kontinent Menschen auf gegen das eiserne Bollwerk der Monarchien, begehren Freiheiten, Demokratie und nationale Selbstbestimmung. Die heftige Kaskade der Revolutionen lässt die alten Regime taumeln. Doch die schlagen brutal zurück
Eine trügerische Ruhe liegt in den ersten Tagen des Jahres 1848 über Europa. Fürsten und Könige gebieten über den Kontinent, vielerorts mit nahezu unumschränkter Macht. Gut drei Jahrzehnte zuvor haben sie die alte Herrschafts ordnung wiederhergestellt – nach dem Sieg über Napoleon, der mit seinen Eroberungen das politische Gefüge vom Atlantik bis zum Ural durcheinandergewirbelt hatte. Wer öffentliche Kritik wagt oder sich umstürzlerischer Bestrebungen verdächtig macht, dem drohen Gefängnisstrafen oder Verbannung. Und in den wenigen Ländern, in denen überhaupt ein Parlament existiert, ist nur eine kleine Elite wahlberechtigt.
Doch die Französische Revolution hat eine Idee verbreitet, die kaum mehr aus der Welt zu schaffen ist: Auf dem Willen des Volkes sollen Staaten gründen, nicht auf der Autorität von Fürsten. Immer stärker verstehen sich zudem Menschen mit gemeinsamer Sprache und Kultur als Angehörige einer Nation, der ein eigenes Land zusteht. Etwa die Deutschen, deren Heimat in zahlreiche Staaten zersplittert ist – oder die Ungarn und Tschechen, deren Gebiete seit Generationen dem Vielvölkerreich der Habsburger angehören. Zudem gibt es im Bürgertum viele Anhänger des Liberalismus, der die Freiheit des Individuums propagiert. Sie hoffen auf Verfassungen, die Rechte wie Meinungs und Pressefreiheit garantieren sowie die Macht der Könige begrenzen. Radikale Republikaner träumen sogar von der völligen Abschaffung der Monarchie: Die Staatsgewalt soll in der Hand von Parlamenten liegen, die von Armen und Reichen gleichermaßen gewählt werden.
Die Industrielle Revolution hat überdies eine neue gesellschaftliche Klasse hervorgebracht, deren Unzufriedenheit ebenfalls wächst: die Arbeiter. Sie schuften viele Stunden täglich in Fabriken, hausen in den Elendsvierteln der Großstädte und müssen hungern, wenn sie ihre Anstellung verlieren. Immer wieder ist es zu vereinzelten Aufständen gekommen. Aber die Obrigkeiten haben sie blutig niedergeschlagen; die Lage scheint unter Kontrolle.
Doch schon bald wird ein Sturm über Europa hereinbrechen, der kaum einen Staat des Kontinents unberührt lässt. Franzosen und Deutsche, Italiener, Tschechen und andere werden aufbegehren gegen Tyrannei und Unterdrückung – und für eine bessere, freiere Zukunft. Sie werden Schlachten schlagen, Parlamente gründen und Monarchen vertreiben. Die Revolutionen der Jahre 1848 und 1849 lassen plötzlich greifbar erscheinen, was lange nur ein ferner Traum war – ein Europa demokratischer Staaten und freier Völker. Dies ist eine Chronik jener 17 Monate der Hoffnung und der Gewalt.
22. FEBRUAR 1848, PARIS: So harmlos beginnt dieser kalte, nasse Dienstag, dass die Wucht der Ereignisse alle Beteiligten überraschen wird. Um 9 Uhr versammeln sich rund 5000 Unzufriedene an mehreren Orten der Stadt zu Demonstrationen – Studenten, Arbeitslose, Handwerker, Frauen, auch Kinder. Nachdem sich die verschiedenen Züge vereinigt haben, versuchen die Protestierenden zum Parlament in der Nähe der Place de la Concorde zu ziehen.
Die unteren Schichten leiden besonders unter der Wirtschaftskrise, die gerade viele Länder Europas plagt. Frankreich hat zwar ein Parlament, doch es repräsentiert allein die Elite: Wahlberechtigt sind nur Männer, die pro Jahr mindestens 200 Francs direkte Steuern entrichten – nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung. Als Soldaten den Weg zum Parlament versperren, stemmen die Demonstranten Steine aus dem Pflaster und werfen sie auf die Uniformierten. Angehörige der Städtischen Garde drängen die Menschen zurück. Dabei fällt eine Frau zu Boden, prallt mit dem Kopf auf die Straße und stirbt.
ES GEHT UM FREIHEIT — UND UM EINHEIT
Nun entlädt sich die lange aufgestaute Wut auf den Staat. Immer mehr Pariser schließen sich den Demonstranten an, sie rauben Säbel, Degen und Gewehre aus Waffenläden. Zweieinhalb Tage lang erschüttern blutige Kämpfe die Stadt. Viele Nationalgardisten laufen zu den Aufständischen über oder weigern sich, gegen sie zu kämpfen. Näher und näher dringen die Rebellen zum Tuilerienpalast vor, und am Mittag des 24. Februar erscheint König Louis-Philippe die Lage aussichtslos. Er verfasst eine Abdankungserklärung und rasiert sich den Schnurrbart ab, um nicht erkannt zu werden. Dann flieht der Monarch nach England ins Exil.
In den frühen Morgenstunden betritt Alphonse de Lamartine, ein führender Gegner der Monarchie, den Balkon des Pariser Rathauses. Unter dem Jubel der Menge verkündet er: Das Land sei von nun an eine Republik. Und mit der Geschwindigkeit von Eisenbahn und Telegrafen verbreitet sich die Nachricht von Frankreichs Revolution in Europa.
27. Februar, Mannheim: Gustav Struve zögert nicht, als er die Neuigkeiten erfährt. Sogleich organisiert der Anwalt und überzeugte Republikaner im Herzogtum Baden eine Versammlung, zu der rund 1000 Menschen kommen. Sie schreiben eine Petition, fordern darin Pressefreiheit und andere Rechte, Verfassungen für alle deutschen Staaten – und die Wahl eines gemeinsamen Parlaments für die gesamte Nation. Denn die verteilt sich zu dieser Zeit auf 38 eigenständige Fürstentümer und freie Städte, die zusammen den Deutschen Bund bilden, eine lockere Union ohne eigenes Staatsoberhaupt oder Regierung. Die Behörden können nicht verhindern, dass auch anderswo Aktivisten die Mannheimer Schrift nachdrucken und als Flugblatt verteilen: So verbreiten sich die „Märzforderungen“ in den deutschen Landen. Demonstrationen und lokale Aufstände brechen aus, unter anderem im Schwarzwald rebellieren Bauern gegen adelige Großgrundbesitzer.
Aus Furcht vor einem Umsturz geben etliche der kleineren Staaten nach: Die Herrscher von Württemberg, Baden und Nassau etwa lassen sich in den folgenden Tagen auf zahlreiche Forderungen der Demokraten ein, gewähren Pressefreiheit und setzen teils auch neue, liberalere Regierungen ein. Doch die großen Mächte Preußen und Österreich verweigern jegliche Zugeständnisse. 2. März, Brüssel: Nach Aufständen von Arbeitern beschließt die belgische Regierung, das Wahlrecht und die Armenhilfe auszuweiten. So gelingt es ihr, den Unmut zu beschwichtigen. 13. März, Wien: „Verfassung, Verfassung!“ rufen Tausende Demonstranten in der österreichischen Kapitale. Und: „Nieder mit Metternich!“
Niemand verkörpert das reaktionäre Herrschaftssystem so wie Klemens Fürst von Metternich. Nach dem Sieg über Napoleon wurde er 1814 auf dem Wiener Kongress zum Architekten jener Ordnung, die in Europa den Frieden sichern und die Macht der Fürsten garantieren sollte. Als Kanzler hat er Österreich zudem in einen Polizeistaat verwandelt.
BALD ENTZWEIEN SICH DIE REVOLUTIONÄRE
Doch wie in Paris schlagen nun auch hier die Proteste in Gewalt um: Demonstranten werfen Steine auf Soldaten, die für Ruhe sorgen sollen. Die Truppen er öffnen das Feuer, mindestens fünf Menschen sterben. Daraufhin errichten Arbeiter in der ganzen Stadt Barrikaden aus zweckentfremdeten Baumaterialien und Pflastersteinen, aus Kutschen, Möbelstücken und Fässern, reißen Gasleitungen aus dem Boden und zünden sie an. Ein Umsturz droht. Am Nachmittag stellen die Aufständischen ein Ultimatum: Bis um 21 Uhr soll Metternich entlassen werden. In der Wiener Hofburg treffen sich Metternich und die kaiserliche Familie zu einem Krisengespräch. Fast 40 Jahre lang war Metternich einer der einflussreichsten Staatsmänner Europas. Doch nun lässt ihn die Kaiserfamilie fallen, um sich selbst zu retten. Er muss zurücktreten. Zwei Tage später verspricht Kaiser Ferdinand I., die Pressezensur abzuschaffen, ein Parlament wählen zu lassen und eine Verfassung einzuführen – es wäre das Ende der absolutistischen Monarchie.
DER STURZ METTERNICHS erschüttert das habsburgische Imperium, das neben Österreich unter anderem auch Ungarn, Böhmen, Mähren, einen Teil Schlesiens, Kroatien, Gebiete Polens und Italiens umfasst. Viele der dortigen Nationen sehen nun die Chance für mehr Unabhängigkeit gekommen – oder gar für eigene Staaten.
15. März, Prag: Ein von Tschechen dominierter Bürgerausschuss verlangt in einer Petition zunächst Pressefreiheit und weitere Reformen. Doch nachdem die Nachrichten aus Wien eingetroffen sind, erhebt das Gremium eine drastischere Forderung: ein eigenes Parlament für Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien – jene Region, in der viele Tschechen leben. So soll sie im Habsburgerreich mehr Autonomie erlangen. Auch in Budapest, Zagreb und Krakau marschieren in diesen Tagen Demonstranten vor Regierungsgebäuden auf, tragen ähnliche Forderungen vor – mancherorts kommt es zu gewaltsamen Aufständen.
18. März, Mailand: Eine Menschenmenge stürmt das Rathaus und nimmt den Statthalter der Habsburger als Geisel. Seit 1815 gehören große Teile Nordund Mittelitaliens zum österreichischen Imperium – der Rest der Apenninenhalbinsel ist zersplittert in mehrere Fürstentümer und Königreiche. Doch ähnlich wie die Deutschen träumen viele Italiener von einem vereinten Staat.
Binnen Stunden schlagen die 13 000 in der Stadt stationierten habsburgischen Soldaten zurück. Die Bürger bekämpfen sie mit Eisenstangen und erbeuteten Gewehren. Aus den Fenstern schütten Frauen kochendes Wasser auf vorbeilaufende Truppen. Noch während die Gefechte in den Straßen andauern, setzen die Revolutionäre eine provisorische Regierung ein. Nach fünf Tagen zieht sich die Armee zurück. Und am 23. März gelingt es auch den Bewohnern Venedigs, die österreichische Besatzungsmacht zu vertreiben und eine Republik auszurufen. Das gewaltige Reich der Habsburger droht zu zerfallen.
18. MÄRZ, BERLIN: Sturmgeläut erschallt über den Dächern, Kanonendonner in den Straßen. Die Revolution erfasst nun auch die preußische Hauptstadt, die Metropole der Unzufriedenen, in der 30 000 Menschen von der Armenfürsorge leben und jede vierte Familie vom Hunger bedroht ist. In den Tagen zuvor hat das Militär Teilnehmer von Protestversammlungen und Passanten drangsaliert. Dann haben Kavalleristen auch noch gewaltsam den Schlossplatz geräumt, wo sich eine Menschenmenge eingefunden hatte. Doch nun schlägt die Bevölkerung zurück, vor allem Handwerker und Arbeiter, die von der Wirtschaftskrise am heftigsten betroffen sind und sich die Ziele des Bürgertums zu eigen gemacht haben – Freiheit, Demokratie, ein vereintes Deutschland. Mit geraubten Waffen kämpfen sie gegen die Armee. Nachts gießen die Kinder der Aufständischen ihren Eltern neue Kugeln.
Die Truppen werden der Lage nicht Herr, und am folgenden Vormittag beordert Preußens König Friedrich Wilhelm IV. sie zurück in die Kasernen. Die Leichen von knapp 300 Rebellen und 60 Soldaten liegen auf den Straßen, in denen Fahnen in den Farben der nationalen Freiheitsbewegung wehen: Schwarz, Rot und Gold. Der Herrscher weiß, dass vor allem der Armee der Zorn seiner Untertanen galt, nicht ihm. Am 21. März erklärt er sich vor versammeltem Volk demütig selbst zu einem Verfechter der deutschen Einheit: Auch er wolle „die innigste Vereinigung der deutschen Fürsten und Völker unter einer Leitung“. Jubel bricht aus. Nach den meisten anderen deutschen Staaten zeigt sich nun auch Preußen zu Zugeständnissen bereit. Der Weg ist frei für die Wahl einer Nationalversammlung, des ersten gemeinsamen Parlaments für die gesamte Nation.
21. März, Kopenhagen: Nach Demonstrationen entlässt der König von Dänemark die konservative Regierung und weitet das Wahlrecht stark aus. Alle Männer über 30, denen „ihre eigenen Kleider und ihr eigener Tisch“ gehören, dürfen künftig mitbestimmen, wer im Parlament sitzt.
27. März, Sankt Petersburg: Zar Nikolaus I. verbietet die Veröffentlichung jeglicher Nachrichten über Revolutionen in anderen Staaten. Bereits einige Tage zuvor hat er die Westgrenze Russlands weitgehend schließen und von zusätzlichen Truppen bewachen lassen. Statt auf Zugeständnisse setzt der Monarch auf Härte – mit Erfolg: Das Zarenreich bleibt von Umstürzen verschont.
10. April, London: An Großbritannien geht das Feuer der Revolution ebenfalls vorüber. In der Hauptstadt demonstrieren zwar rund 200 000 Menschen für ein allgemeines Männerwahlrecht. Doch obwohl die Forderung nicht erfüllt wird, bleiben die Proteste friedlich. Seit einem Reformgesetz von 1832 gibt es hier anders als im Rest Europas ein Parlament, für das auch Teile der Mittelschicht stimmberechtigt sind.
18. Mai, Frankfurt: Rund 600 Abgeordnete drängen sich in der Paulskirche, angereist aus dem ganzen Land. Die Nationalversammlung tritt zusammen: das erste gesamtdeutsche Parlament der Geschichte. Vertreten sind darin vor allem liberale Intellektuelle, Adelige, Bürger, nicht die Arbeiter und Handwerker, die in den Straßen gekämpft haben. Sogleich machen sich die Abgeordneten daran, eine Verfassung für ganz Deutschland auszuarbeiten.
12. Juni, Prag: Die Habsburger haben Zugeständnisse machen müssen – doch nun schlagen sie zurück. Der kaiserliche General Alfred von Windisch-Grätz lässt zusätzliche Truppen in den Straßen Prags patrouillieren. Eine bewusste Provokation: Wie erwartet demonstrieren wütende tschechische Nationalisten, die nach wie vor auf Autonomie hoffen, und es kommt zu gewaltsamen Ausschreitungen. Als die Tschechen in den Straßen Barrikaden errichten, befiehlt der General den Rückzug und ordert, die Stadt mit Artillerie zu bombardieren, bis die Aufständischen kapitulieren. Nach fünf Tagen ist Prag wieder in der Hand der Habsburger; viele Nationalisten werden verhaftet.
23. Juni, Paris: Es ist, als wiederholte sich die Geschichte. Wie im Februar sammeln sich Demonstranten in den Straßen: Nun begehren Arbeiter gegen die neue republikanische Regierung auf, die vom Besitzbürgertum dominiert ist und kaum Interesse zeigt, die Not der unteren Schichten zu beheben. „Die Revolution fängt aufs Neue an“, rufen die Wütenden. „Freiheit oder Tod!“ Doch die Regierung reagiert mit brutaler Härte, schickt ihnen die Nationalgarde mit Kanonen entgegen. Bis zu 5000 Aufrührer sterben im Kampf oder werden nach ihrer Gefangennahme ohne Prozess erschossen. Der Versuch, dem Sturz der Monarchie eine soziale Revolution folgen zu lassen, verblutet auf den Straßen von Paris.
AUCH ITALIENER TRÄUMEN VON DER GEEINTEN NATION
22. Juli, Wien: Erstmals tritt der österreichische Reichstag zusammen, gewählt von einem Großteil der Männer des Kaiserreichs. Zwei Tage später stellt der Abgeordnete Hans Kudlich, ein 24-jähriger Bauernsohn, den Antrag, die Leibeigenschaft sowie die Fronarbeit abzuschaffen, die Landleute den Grundherren unentgeltlich leisten müssen. Im September wird das Parlament zustimmen. Ähnliche Entlastungen für die Bauern beschließen in diesem Jahr auch die Regierungen oder Abgeordnetenhäuser in einigen deutschen Staaten, Ungarn, Galizien und Dänemark.
7. August, Mailand: Der österreichische General Josef Graf Radetzky erobert die Stadt in der Po-Ebene zurück. Schlacht für Schlacht stellt er die kaiserliche Herrschaft in den italienischen Provinzen wieder her.
AUCH ANDERSWO wird sich zeigen: Zwar sind den Revolu tionären schnelle, überraschende Erfolge gelungen. Doch das Gewonnene zu verteidigen, erweist sich vielerorts als unmöglich. Denn die alten Eliten nutzen die eigene militärische Überlegenheit – und die Uneinigkeit ihrer Gegner.
17. September, Frankfurt: Die deutsche Revolutionsbewegung entzweit sich. Viele Nationalisten wenden sich gegen die eigene Nationalversammlung, der sie vorwerfen, das umkämpfte Schleswig an Dänemark preisgegeben zu haben. Der Konflikt um das Herzogtum im Norden ist so komplex, dass auch die meisten Abgeordneten ihn nicht völlig durchschauen. Wichtig ist seine Wirkung: Wütende Demonstranten geißeln die Parlamentarier als Verräter, versuchen die Paulskirche zu stürmen.
Am 18. September ermorden sie zwei liberal-konservative Abgeordnete in den Straßen Frankfurts. Preußische und österreichische Truppen folgen dem Hilferuf der Nationalversammlung – und schlagen den Aufstand nieder. Das Parlament ist zwar gerettet, aber diskreditiert: Die angebliche Stimme des Volkes braucht zum Schutz vor den Massen die Bajonette der Fürsten.
6. Oktober, Wien: Radikale Demokraten begehren gegen die gemäßigte Regierung auf, die die ungarische Unabhängigkeitsbewegung niederschlagen will. Als eine Menschenmenge den Kriegsminister lyncht, flüchten viele Politiker und die Kaiserfamilie aus Wien. Doch nur wenige Wochen bleibt die Stadt in der Hand der Revolutionäre: Bis zum 30. Oktober erobern 70 000 kaiserliche Soldaten die Kapitale zurück – und behandeln sie wie Feindesland. Die Truppen plündern, vergewaltigen und morden. Der zurückgekehrte Kaiser setzt eine neue Regierung ein, geführt von Felix Fürst zu Schwarzenberg – einem Zögling Metternichs und überzeugten Gegner der Revolution. Bald darauf marschiert eine Armee von 52 000 Mann nach Ungarn. Die von General Windisch-Grätz geführten Truppen treffen zunächst auf wenig Widerstand und beziehen in Budapest ihr Winterquartier.
12. November, Berlin: Ermutigt von den Ereignissen in Wien, gibt nun auch der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. seine Kompromisshaltung auf. Er lässt demokratische Vereine zerschlagen, löst wenige Wochen später das Parlament auf und erlässt eigenmächtig eine durch keine Volksvertretung legitimierte Verfassung. Sie sieht ein Dreiklassenwahlrecht vor, das den Stimmen der Reichsten am meisten Gewicht verleiht. Und erlaubt es dem Monarchen nicht nur, die Regierung einzusetzen und zu entlassen, sondern auch gegen jedes Gesetz sein Veto einzulegen.
15. November, Rom: Ein Mord erschüttert den Kirchenstaat, den Papst Pius IX. de facto als Monarch beherrscht. Auf offener Straße erstechen radikale Republikaner den Premierminister Pellegrino Rossi. Dann versuchen sie, den Palast des Pontifex zu stürmen. Als die Angreifer eine Kanone in Position rollen, lenkt der Heilige Vater ein und ernennt eine mit Demokraten besetzte Regierung. Wenige Tage später flieht Pius nach Süditalien. Im Dezember wählen die männlichen Römer – unabhängig von Stand oder Besitz – eine verfassungsgebende Versammlung: Sie soll Fundament für das Parlament eines künftigen vereinten Italien sein. Im Februar 1849 werden die Revolutionäre den Kirchenstaat zur „Römischen Republik“ erklären.
10. Dezember, Paris: Die Franzosen stimmen für einen neuen Präsidenten – Louis-Napoleon Bonaparte, den Neffen des ehemaligen Herrschers. Arbeiter votieren aus Protest für ihn, weil der republikanische Gegenkandidat als Kriegsminister für die blutige Niederschlagung der Juni-Aufstände verantwortlich war. Und die Landbevölkerung erhofft sich unter anderem Steuersenkungen und eine Rückkehr Frankreichs zu alter Größe. Sein Sieg ist eine fatale Niederlage für die Republik: Der Präsident beruft eine monarchistisch gesinnte Regierung, die politische Klubs und oppositionelle Vereinigungen verbietet. Zudem wird später das Stimmrecht reformiert, um bei Wahlen gezielt arme Arbeiter auszuschließen. So bricht Bonaparte die Macht der Massen, die ihm ins Amt verholfen haben – 1852 wird er sich sogar zum Kaiser krönen lassen.
DIE GEGENREVOLUTION WIRD IMMER MÄCHTIGER
7. März 1849, Wien: Ministerpräsident Felix Schwarzenberg löst das Parlament auf und diktiert eine neue Verfassung: Nahezu alle Macht soll beim Kaiser liegen, kein Volk im Reich der Habsburger einen eigenen Staat erhalten.
27. März, Frankfurt: Die Nationalversammlung verabschiedet die „Verfassung des Deutschen Reichs“. Sie garantiert Grundrechte wie Glaubens-und Pressefreiheit, „jeder unbescholtene Deutsche“ ab 25 Jahren soll bei Parlamentswahlen stimmberechtigt sein (allerdings nur Männer). An der Spitze des vereinten Landes soll ein Kaiser stehen – Friedrich Wilhelm IV., der bislang als König von Preußen über den größten Teilstaat herrscht. Doch im April lehnt der Monarch die Kaiserkrone ab. Sie sei wie ein „Hundehalsband, mit dem man mich an die Revolutionen ketten will“, sagt er zu Vertrauten – eine „Krone aus der Gosse.“
MIT DER ABSAGE ist die Vision eines deutschen Nationalstaates gescheitert. Ohne das große Preußen wäre ein vereintes Land undenkbar. In den folgenden Wochen zerfällt die Nationalversammlung, viele Abgeordnete reisen ab aus Frankfurt. Der preußische König setzt sich nun an die Spitze der Gegenrevolution und lässt seine Truppen überall dort einmarschieren, wo noch Demokraten im Amt sind oder Widerstand leisten, im Rheinland etwa, in Sachsen und der Rheinpfalz.
12. April, Budapest: Der Revolutionsführer Lajos Kossuth verkündet Ungarns Unabhängigkeit von der Herrschaft der Habsburger. Deren Tyrannei zwinge die „bis zu Tode gehetzte ungarische Nation“ zu diesem Schritt. In den Wochen zuvor haben die Freiheitskämpfer den österreichischen Truppen schwere Niederlagen zugefügt. Allein im Westen des Landes können sich die Soldaten noch halten. Die Habsburger sehen nur noch einen Ausweg – und bitten Nikolaus I. um Waffenhilfe. Denn der Zar versteht sich als „Gendarm Europas“ und sein Reich als wichtigstes Bollwerk gegen die Revolution. Und so rücken im Juni 200 000 russische Soldaten von Osten gegen die ungarischen Rebellen vor – während österreichische Truppen von Westen in Richtung Budapest ziehen.
24. April, Civitavecchia: In der italienischen Hafenstadt gehen 6000 französische Soldaten an Land. Louis-Napoleon Bonaparte, Frankreichs Präsident, hat sie geschickt, um die Römische Republik zu vernichten und den gestürzten Papst wieder als Machthaber einzusetzen. So will er die katholischen Konservativen Frankreichs auf seiner Seite halten, auf deren Stimmen er angewiesen ist.
30. Juni, Rom: Kanonenkugeln schlagen in den Straßen der Ewigen Stadt ein, während die Verfassungsgebende Versammlung der Römischen Republik die neue Konstitution ratifiziert. Sie sieht ein demokratisches Regierungssystem sowie völlige Religionsfreiheit vor und verbietet sogar die Todesstrafe. Doch ihre Verabschiedung ist kaum mehr als ein symbolischer Akt. Fast einen Monat dauert die Belagerung durch die Franzosen schon, der Gegner ist überlegen, die Versorgungslage katastrophal. Die Revolutionäre sind am Ende. Noch am selben Tag sprechen sie die Kapitulation aus – und die Republik geht unter.
23. Juli, Rastatt: Seit Wochen schon hält in der badischen Stadt das letzte Aufgebot deutscher Revolutionäre den Truppen Preußens stand. Einige der rund 6000 radikalen Demokraten wollen kämpfen bis zum letzten Mann. Aber die meisten sind nun dafür, Rastatt vor der Zerstörung zu bewahren. Wohl auch in der Hoffnung auf Gnade ergeben sich die Aufständischen. Doch der preußische Oberbefehlshaber lässt sie zu Hunderten erschießen; viele andere kommen ins Gefängnis.
13. August, Világos: An zwei Fronten haben die Ungarn gekämpft, erbitterten Widerstand geleistet – doch die russisch-österreichische Übermacht ist zu groß. Der Revolutionsführer Lajos Kossuth hat sich bereits ins Ausland abgesetzt. Nun unterzeichnet der Befehlshaber der Rebellen in einem Dorf nahe der Stadt Arad eine Kapitulationserklärung. 13 Generäle und der zeitweilige Premierminister des freien Ungarn werden später von den Habsburgern hingerichtet. Die meisten sterben am Galgen – ein besonders schmachvoller Tod.
Mit dem Scheitern des ungarischen Aufstands sind die Revolutionäre nun überall geschlagen. Nach anderthalb Jahren herrscht wieder Ruhe auf dem Kontinent – eine blutig erzwungene Ruhe.
DER TRAUM von einem freieren Europa, dessen Verwirklichung so nah schien, ist im Pulverdampf verblasst. Zu groß waren die Unterschiede zwischen bürgerlichen Eliten und hungernden Arbeitern, zwischen Liberalen und Radikalen, als dass ein starkes Bündnis hätte entstehen können. Zudem lag die militärische Macht stets in den Händen der Fürsten.
Dennoch: Die gescheiterten Revolutionen wirken nach. Nahezu auf dem gesamten Kontinent sind Leibeigenschaft und Frondienste abgeschafft, die Reste des Feudalismus beseitigt. Preußen und weitere deutsche Staaten haben Verfassungen, die Presse- und Meinungsfreiheit garantieren (wenngleich diese Rechte in der Praxis teilweise noch eingeschränkt werden). Es wird Generationen dauern, doch mit der Zeit werden sich auch die meisten anderen Forderungen der „Achtundvierziger“ erfüllen. In Italien etwa verschmelzen 1861 die Fürstentümer zu einem Nationalstaat mit konstitutioneller Monarchie. In Preußen erkennt der eigentlich erzkonservative Fürst Otto von Bismarck, wie groß die Sehnsucht nach nationaler Einheit ist: Als Preußens Ministerpräsident wird er bis 1871 in mehreren Kriegen aus dem zersplitterten Deutschland ein Reich schmieden.
Schließlich wird das Imperium der Habsburger im Ersten Weltkrieg zerbrechen, was vielen Völkern die Unabhängigkeit bringt. Und nach und nach wird sich Europa in einen Kontinent der Demokratien verwandeln.
1848/49 haben die Fürsten noch einmal gesiegt. Aber klar wie niemals zuvor hat der Sturm der Revolutionen offenbart, dass sich ihre Zeit dem Ende neigt.
Verlinkungen:
->
Quellen:
Internetquellen
->
->
->
Sekundärliteratur
-> Schrader, Hannes: Aufstände in Europa. 1848 Jahr der Hoffnung, in: Die Geschichte der Demokratie (GEO Epoche Jg. 2021, Heft Nr. 110), Hamburg 2021, S. 96-105.
->




