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Persönlichkeiten

Inhaltsverzeichnis

  1. Emma und Georg Herwegh
  2. Friedrich Hecker 
  3. Amalie und Gustav Struve 
  4. Robert Blum
  5. Lorenz Peter Karl Brentano
  6. Ernst Moritz Arndt
  7. August von Kotzebue 
  8. Carl Ludwig Sand
  9. Gebrüder Grimm
  10. Clara Schumann
  11. Friedrich Ludwig Jahn

Heinrich von Gagern

Johann Gustav Droysen

Friedrich Daniel Bassermann 

1. Emma und Georg Herwegh

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* 10.03.1817 in Stuttgart † 24.03.1904 in Lichtental /
* 31.05.1817 in Berlin † 07.04.1875 in Paris

Georg Herwegh gehörte zu den bedeutendsten Literaten des Vormärz, mit seiner Ehefrau Emma kämpfte er zudem auf Seiten der Radikaldemokraten während der badischen Revolution 1848. Ihre gemeinsame Biographie zeigt die Zerrissenheit der frühen demokratischen Opposition zwischen Exil und Heimat, ebenso wie die Schwierigkeit einer konkreten Umsetzung revolutionärer Forderungen.


Als Tochter eines Berliner Kaufmanns erhielt Emma Siegmund eine außergewöhnlich umfassende Bildung und kam so in Berührung mit verschiedenen Teilen der Vormärzbewegung, unter anderem auch mit den Schriften Georg Herweghs. Herwegh, der nach einem abgebrochenen Studium der Theologie und der Jurisprudenz sich ganz dem Schreiben widmete, galt vielen als einer der herausragenden Literaten des Vormärz. Neben französischen Einflüssen spiegelte sich in seinen Werken auch aufkommende Sozialkritik und politischer Utopismus. 1842 übernahm er die Redaktion des Deutschen Boten aus der Schweiz, ein politisches Exilblatt. Während er für die Zeitschrift auf einer Deutschlandreise warb, lernte er in Berlin Emma Siegmund kennen. Eine Woche später verlobten sich beide. Für Emma war die Heirat zwar ein standesmäßiger Abstieg aus großbürgerlichen Verhältnissen, dafür gewann sie mit Georg Herwegh einen unterstützenden Partner, der sie in ihren politischen Interessen bestärkte.

Die Bedeutung ihrer neuen Verbindung erfuhr Emma Herwegh bereits kurz darauf: Als in Preußen der Deutsche Bote verboten wurde, wurde sie gemeinsam mit ihrem Mann ausgewiesen. Schließlich führte sie ihr Weg über die Schweiz nach Paris, wo beide in politisch-intellektuellen Kreisen mit anderen Emigranten wie Karl Marx und Heinrich Heine weiter das deutsche vorrevolutionäre Geschehen verfolgten. In den Revolutionsmonaten von 1848 wurden sie schließlich erneut politisch aktiv: In Baden bemühten sie sich als Anführer einer bunten Schar aus Gleichgesinnten, die Aufständischen Friedrich Hecker und Gustav Struve zu unterstützen. Besonders Emma Herwegh erwarb sich den Ruf der unerschrockenen Kämpferin, die in Männerkleidung und bewaffnet den Kontakt zu Hecker suchte. Unkoordiniert verliefen jedoch beide Kampfzüge getrennt voneinander. Als württembergische Truppen ihre „Legion“ zerschlugen, konnte sich das Ehepaar Herwegh getarnt als Bauern zurück ins Exil retten. Wie Gustav Struve kehrte Georg Herwegh in den 1860er Jahren nach Deutschland zurück, um sich der Arbeiterbewegung anzuschließen.

 

2. Friedrich Hecker

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In der Figur des badischen Demokraten H. lebte die Erinnerung an die Revolution von 1848 im deutschen Südwesten bis in unser Jahrhundert hinein fort. Das Volkslied und die politische Karikatur nahmen sich im „Heckerlied“ und im „Heckerhut“ (als revolutionärem Emblem) schon zu Lebzeiten seiner an. H. erlangte diese seinen geistigen und politischen Fähigkeiten nicht unbedingt entsprechende Volkstümlichkeit, weil er unter den Führern der 48er Bewegung als Mann der Tat herausragte.

H. studierte 1830-34 in Heidelberg und München Rechtswissenschaften. Nach Examen und Promotion (1834) trat er zunächst in den badischen Staatsdienst. 1838 wurde er am Badischen Oberhofgericht in Mannheim als Advokat zugelassen. Sobald er das vorgeschriebene Mindestalter erreicht hatte, ließ er sich 1842 im Wahlkreis Weinheim-Ladenburg in die Badische 2. Kammer zum Abgeordneten wählen. Er gehörte dort bald zu den Führern der liberalen Opposition. Unbestreitbar besaß er ein natürliches Redetalent, das ihn in Baden bei breiten Kreisen des politisch interessierten Volkes populär machte. Als er im Mai 1845 während einer Reise zusammen mit J. A. von Itzstein aus Preußen ausgewiesen wurde, drang sein Ruf erstmals über Baden hinaus.

H. vertrat bis 1848 einen entschiedenen Liberalismus, der sich von dem politischen Programm der Mehrheit der badischen Liberalen nur dadurch unterschied, daß er eindeutig die Forderung nach einer deutschen Nationalrepräsentation miteinschloß. (Vgl. seine „Ideen und Vorschläge zu einer Reform des Gerichtswesens“ von 1844, in denen er für die Ausbildung eines nationalen Rechts in Deutschland eintritt, und seine Schrift über die Deutschkatholiken, in der er das Prinzip der Religionsfreiheit entwickelt.) Unter dem Einfluß Gustav Struves wandelte er sich 1848/49 zum Demokraten. Nach dem Ausbruch der Februarrevolution bekannte er sich auf den von ihm und Struve einberufenen Volksversammlungen in Offenburg, Freiburg und Heidelberg im März 1848 erstmals öffentlich zur republikanischen Staatsform. Auf dem Frankfurter Vorparlament gehörte er zu der kleinen, aber zielbewußten Minderheit, die die Versammlung zu einem revolutionären Volkskomitee in Permanenz erheben wollte und die Abschaffung der Monarchien verlangte. Obwohl H. von den Radikalen die meisten Stimmen erhielt, wurde er als 51. gerade nicht mehr in den Fünfzigerausschuß gewählt, der das Vorparlament ablösen sollte. Unter H.s Vorantritt verließ die radikale Minderheit das Vorparlament, als die Mehrheit der Versammelten die künftige Reichsverfassung mit den Fürsten vereinbaren wollte.

Nach seiner Rückkehr aus Frankfurt begann H. in Mannheim mit der Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes. Am 12.4. erließ er gemeinsam mit Struve eine Ausschreibung für eine bewaffnete Zusammenkunft in Donaueschingen. Die in völliger Verkennung der politischen Gegebenheiten von H. erwartete levée en masse blieb jedoch aus. Es kamen nur einige Hundert schlechtbewaffneter und mangelhaft geführter Freischärler zusammen, die am 20.4. bei Kandern nach dem ersten Zusammenstoß mit regulären württembergischen Truppen wieder auseinanderliefen. H. floh in die Schweiz, wo er in Muttenz im liberalen Kanton Basel-Land eine Schrift über die „Volkserhebung in Baden“ verfaßte. Diese Selbstdarstellung enthüllt gründlich, wie wenig sein Revoluzzertum mit echter revolutionärer Begabung zu tun hatte.

Im September 1848 wanderte H. in die Vereinigten Staaten aus, wo er nach einer vorübergehenden Rückkehr 1849 wie so viele 48er eine zweite Heimat fand. Er erwarb im Staate Illinois eine Farm und beteiligte sich rege am gesellschaftlichen und politischen Leben der Deutschen in Amerika. Im amerikanischen Bürgerkrieg kämpfte er auf der Seite der Union mit. Seit 1866 nahm er an der Entstehung des deutschen Nationalstaats lebhaften Anteil. Er veröffentlichte 1868 in Mannheim „Gepfefferte Briefe“, in denen er die Beseitigung der Kleinstaaterei durch Preußen begrüßte, zugleich aber forderte, „durch Einheit zur Republik“ zu gelangen. Sosehr er deshalb der deutschen Reichsgründung von 1871 zustimmte, sowenig konnte er sich 1873 auf einer Reise durch deutsche Städte mit der politischen Führung Preußens im Reich befreunden. H. war der alte Gesinnungspolitiker geblieben, der er 1848 gewesen war. Enttäuscht kehrte er nach Amerika zurück.

3. Amalie und Gustav Struve 

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*02.10.1824 in Mannheim † 13.02.1862 in New York (USA) /
*11.10.1805 in München † 21.08.1870 in Wien (Österreich)

Als Anführer der badischen Revolution 1848 gehörten Amalie und Gustav Struve zum radikalen Flügel der Vormärzbewegung. Dass sie häufig als gescheitertes Revoluzzer-Paar beschrieben werden, verdeckt die vielfältigen demokratischen Tätigkeitsfelder vor und nach 1848, in denen sich beide für politische wie gesellschaftliche Teilhabe einsetzten.


Über sein Amt als Verwaltungsbeamter radikalisierte sich der Jurist Gustav Struve im Vormärz. In regelmäßigen Schriften versuchte er, seine Vorgesetzten auf die Notwendigkeit rechtlicher wie politischer Reformen aufmerksam zu machen. Ab 1834 als Rechtsanwalt in Mannheim tätig, forderte er in eigenen Schriften etwa die verfassungsmäßig zugesicherte Bildung auch für die unteren Schichten ein oder drängte, die Menschenrechte unabhängig von Stand, Bildung und Vermögen gelten zu lassen. 1845 heiratete Struve Amalie Düsar, Tochter aus einem gebildeten, jedoch verarmten Elternhaus, die ihre Familie zunächst als Erzieherin finanziell versorgt hatte. Da Düsar zudem unehelich geboren worden war, rieten viele Weggefährten wie etwa Friedrich Hecker dem adeligen Struve von einer Heirat ab. Beide setzten sich über diese Widerstände hinweg, und auch in Folge verband sie eine fortschrittliche Partnerschaft. Neben ihrem Einsatz für politische Veränderungen pflegten beide auch andere Bereiche ihres Lebens reformerisch zu gestalten. So engagierten sie sich im Deutschkatholizismus und lebten vegetarisch.

In seinen staatswissenschaftlichen Schriften, aber auch in Versammlungen wie 1847 in Offenburg forderte Struve immer wieder Gleichheit und Freiheit vor dem Gesetz ebenso wie einen Nationalstaat. Jedoch scheiterte er mit diesen Forderungen zusammen mit seinem Mitstreiter Friedrich Hecker sowohl im badischen Landtag als auch in der Frankfurter Paulskirche. Auch beim anschließenden Versuch des Ehepaars Struve, die Revolution gewaltsam herbeizuführen, waren sie erfolglos. In verschiedenen Anläufen eines Volksaufstandes scheiterten sie und wurden schließlich gefangen genommen. Früher entlassen, konnte Amalie Struve durch einen geschickten Aufruhr ihren Mann aus dem Gefängnis befreien, doch die Revolution wurde durchs preußische Militär im Anschluss endgültig zerschlagen. Amalie Struve hatte ihre Teilnahme an der Revolution auch immer als einen Akt der Emanzipation und einen Beitrag zur Änderung der bestehenden Geschlechterrollen verstanden, die sie in der Verlängerung der Forderung nach Gleichheit und Freiheit mit verwirklichen wollte.

Nach dem Scheitern des Aufstandes emigrierte das Ehepaar Struve über Umwege in die USA, wo sie ihre revolutionären Thesen im Bürgerkrieg einzubringen versuchten. Während Amalie bereits 1862 starb, kehrte ihr Mann noch einmal nach Deutschland zurück und engagierte sich in der Frühphase der Arbeiterbewegung.

4. Robert Blum

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* 10.11.1807 in Köln † 09.11.1848 in Brigittenau (hingerichtet)

Robert Blum gilt als einer der herausragenden Streiter der Demokratie während der Märzrevolution und der Frankfurter Nationalversammlung von 1848. Seine Hinrichtung in Wien während der dortigen Märzunruhen machte ihn zum Märtyrer einer ganzen Generation.


Robert Blum wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und konnte so trotz hoher Begabung nur bedingt einen Bildungsweg abschließen. Nach einer Ausbildung zum Gelbgießer 1825 betätigte er sich zunächst als Schriftsteller und Theatersekretär in Leipzig, das Wissen dafür hatte er sich autodidaktisch angeeignet. In den frühen 1840er Jahren begann er sich immer mehr politisch zu engagieren. Als Herausgeber der kritischen Zeitschrift Sächsische Vaterlands-Blätter eröffnete er mit Mitstreitern immer wieder Diskussionen zu aktuellen Fragenstellungen und bot so auch ersten politisch aktiven Frauen wie Louise Otto-Peters eine Plattform, Kritik an der Obrigkeit zu nehmen und Reformen einzufordern. Die Zeitung wurde bald in weiten Teilen Deutschlands verboten und Blum dafür in Sachsen überwacht sowie mit restriktiven Maßnahmen belegt. Die sächsische Regierung verhinderte u. a. seine Wahl zum Leipziger Stadtrat. Während er gerade durch die Kontakte zu Adam von Itzstein immer mehr zum Fürsprecher der liberalen Bewegung aufstieg, irritierte er diese Bewegung bisweilen, etwa über seinen Einsatz für die polnische Nationalbewegung und den Deutschkatholizismus. Gleichzeitig erwarb sich Blum immer mehr den Ruf eines populären Anführers: Als 1845 eine Demonstration in Leipzig blutig niedergeschlagen wurde, formulierte er im Anschluss die Forderungen der Bevölkerung nach einer Aufklärung und Beilegung der Unruhen.

1848 war Blums Jahr der Entscheidung: Zunächst war er Teil des Frankfurter Vorparlaments und des sogenannten Fünfzigerausschusses, der die Nationalversammlung vorbereiten sollte. In der Paulskirche gehörte Blum zum linksliberalen Spektrum durch die von ihm begründete Fraktion des Deutschen Hofes, ging aber auch immer wieder mit radikaldemokratischen Forderungen mit. Als im Oktober 1848 in Wien Menschen auf die Barrikaden gingen, sprach Blum sich mit anderen für eine symbolische Unterstützung der Aufständischen aus. Als Frankfurter Delegierte reisten sie nach Wien, um eine Solidaritätsnote zu überbringen. Da sich Blum jedoch auch am Revolutionsgeschehen Wiens beteiligte, wurde er von kaiserlichen Truppen festgenommen. Entgegen seiner Immunität als Abgeordneter wurde er vor ein Gericht gestellt, als Aufrührer verurteilt und am 9. November 1848 standrechtlich hingerichtet.

4. Lorenz Peter Karl Brentano

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Politiker, * 14.11.1813 Mannheim, † 17.9.1891 Chicago. (katholisch)

Genealogie

V Johann Peter Paul Bartholomäus (1740–1813), kurpfälzischer Kommerzienrat, Großkaufmann in Frankfurt/Main, S des Peter Ant., Frankfurter und Mannheimer Großkaufmann (aus Tremezzo eingewandert);
M Helene Heger (1784–1831);
⚭ 1) Mannheim 1837 Caroline Leutz (gestorben 1870), aus Eberbach/Neckar, 2) Caroline Aberle (1819–93);
3 K aus 2), u. a. Theodor, Gesandter der USA in Ungarn.

Biographie

B. war seit 1837 Rechtsanwalt in Mannheim und, vom Kreise A. v. Itzsteins her, 1845 in der badischen zweiten Kammer. Führend in der Opposition, doch kein revolutionärer Querkopf wie →Hecker oder Sozialtheoretiker wie →Struve, sondern eine Jakobinernatur mit viel praktischem Instinkt, belächelte er noch 1848 skeptisch →Heckers Putsch, kannte aber, nachdem seine Wahl zum Mannheimer Oberbürgermeister von der Regierung nicht bestätigt worden war, keine Versöhnung mehr. B. gehörte 1848 der Paulskirche an, verschwand aber schon im Spätsommer 1848, um sich ganz den badischen Dingen zu widmen. Im badischen Volksaufstande (4.5.1849) trat B. an die Spitze der vierzigtägigen, provisorischen Regierung und versuchte mit den alten Gewalten über ein Kompromiß zu verhandeln. Seine Bemühungen aber scheiterten am Widerstand der Radikalen unter →Struve. B. entfloh in die Schweiz, wurde als Verräter in contumaciam zum Tode verurteilt und ging, da ihm die Schweiz das Asylrecht verweigerte, 1850 nach den Vereinigten Staaten. Zunächst als Journalist („Leuchtturm“, Pottsville, Pennsylvania), Farmer (Kalamazoo, Wisc.) und Rechtsanwalt (Chicago) wenig erfolgreich, trat er 1860 in die „Illinois Staatszeitung“ (Chicago) ein und führte sie als Chefredakteur und Mitherausgeber bald zur bedeutendsten deutsch-republikanischen Tageszeitung des Westens. 1872 bis 1876 amerikanischer Konsul in Dresden, gehörte B. nach seiner Rückkehr dem Kongreß an, trennte sich aber 1884 von der Partei und unterstützte als Unabhängiger die Wahl Clevelands zum Präsidenten. B. beschäftigte sich auch mit rechtshistorischen und vergleichenden Arbeiten über die amerikanischen und europäischen Methoden des Ermittlungsverfahrens, sowie staatsrechtlichen Fällen.

6. Ernst Moritz Arndt

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Ernst Mo­ritz Arndt war ein ent­schie­de­ner Geg­ner Na­po­le­on Bo­na­par­tes (1769-1821) und stieg als sol­cher wäh­rend der Be­frei­ungs­krie­ge zu ei­nem der po­pu­lärs­ten Ver­fas­ser pa­trio­ti­scher Schrif­ten auf. Er gilt ne­ben Fried­rich Lud­wig Jahn (1778-1852) und Jo­hann Gott­lieb Fich­te (1762-1814) als ei­ner der geis­ti­gen Vä­ter der bur­schen­schaft­li­chen Be­we­gung im frü­hen 19. Jahr­hun­dert. Im Re­vo­lu­ti­ons­jahr 1848 war er Ab­ge­ord­ne­ter und Al­ters­prä­si­dent in der deut­schen Na­tio­nal­ver­samm­lung. Sei­ne For­de­run­gen zur Schaf­fung ei­nes deut­schen Na­tio­nal­staa­tes ba­sier­ten ne­ben chau­vi­nis­ti­schen nicht zu­letzt auf ras­si­schen und an­ti­se­mi­ti­schen Ar­gu­men­ta­tio­nen, die sich auch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zu ei­gen mach­ten. Der Wert sei­ner Ver­diens­te und Leis­tun­gen wird da­her heu­te kon­tro­vers dis­ku­tiert.

Sei­ne 1803 ver­öf­fent­lich­te Schrift „Ver­such ei­ner Ge­schich­te der Leib­ei­gen­schaft in Pom­mern und Rü­gen" trug ma­ß­geb­lich zur Auf­he­bung der in Schwe­disch-Pom­mern noch be­ste­hen­den Leib­ei­gen­schaft durch den schwe­di­schen Kö­nig Gus­tav IV. (1778-1837) im Jahr 1806 bei. Am 11.4.1806 wur­de Arndt zum au­ßer­or­dent­li­chen Pro­fes­sor er­nannt. Seit der Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Flug­schrift „Geist der Zeit" im Jahr 1805, in der er die na­tio­nal­staat­li­che Ei­ni­gung der deut­schen Staa­ten ge­for­dert und die Ex­pan­si­ons­po­li­tik Frank­reichs an­ge­pran­gert hat­te, galt er als ei­ner der ve­he­men­tes­ten Kri­ti­ker Na­po­le­ons.

Aus Angst vor Ver­haf­tung durch die her­an­na­hen­den fran­zö­si­schen Trup­pen flüch­te­te Arndt im De­zem­ber 1806 nach Schwe­den. 1808 kehr­te er un­ter fal­schem Na­men nach Pom­mern zu­rück und do­zier­te nach dem Ab­zug der Fran­zo­sen von 1810 bis 1811 er­neut an der Greifs­wal­der Uni­ver­si­tät. Vor dem Russ­land­feld­zug Na­po­le­ons ent­zog sich Arndt dem Zu­griff der Fran­zo­sen wie­der­um durch Flucht. Er ge­lang­te auf Irr­we­gen nach St. Pe­ters­burg, wo er als Se­kre­tär in den Dienst des Reichs­frei­herrn Hein­rich Karl Fried­rich vom Stein (1757-1831) trat.

In den fol­gen­den Jah­ren er­lang­te er durch sei­ne pa­trio­ti­schen Schrif­ten und Kampf­lie­der ei­nen ho­hen Be­kannt­heits­grad. In sei­nen Tex­ten pre­dig­te er den Hass ge­gen die Fran­zo­sen, den er zur „Re­li­gi­on des deut­schen Vol­kes" er­klär­te, for­der­te den Zu­sam­men­schluss al­ler Deut­schen und rief auch zum Un­ge­hor­sam ge­gen die re­gie­ren­den Fürs­ten auf. Die­se In­hal­te ga­ben nicht zu­letzt der Ent­ste­hung der stu­den­ti­schen Bur­schen­schaf­ten ent­schei­den­de Im­pul­se. Die Je­nai­sche Bur­schen­schaft lei­te­te ih­re Ver­fas­sung des Jah­res 1815 mit der ers­ten Stro­phe sei­nes po­pu­lä­ren Lie­des „Des Deut­schen Va­ter­land" ein. 1818 wur­de Arndt als Pro­fes­sor an die in die­sem Jahr er­öff­ne­te preu­ßi­sche Uni­ver­si­tät Bonn be­ru­fen, zu de­ren Grün­dung er mit ei­ner 1815 ver­fass­ten Denk­schrift ma­ß­geb­lich bei­ge­tra­gen hat­te. Den ur­sprüng­lich vor­ge­se­he­nen Stand­ort Köln hat­te er auf­grund der ka­tho­li­schen Tra­di­ti­on der Rhein­me­tro­po­le ve­he­ment ab­ge­lehnt. Sei­ne Lehr­tä­tig­keit fand je­doch be­reits 1819 ein jä­hes En­de. Die nach den Karls­ba­der Be­schlüs­sen ein­set­zen­den Dem­ago­gen­ver­fol­gun­gen bo­ten der preu­ßi­schen Re­gie­rung die Ge­le­gen­heit, auch den po­pu­lä­ren, in Frie­dens­zei­ten aber un­be­que­men Arndt, aus­zu­schal­ten. Nach vor­über­ge­hen­der Ver­haf­tung und Haus­durch­su­chung wur­de er im No­vem­ber 1819 von sei­nem Amt sus­pen­diert und durf­te trotz er­wie­se­ner Un­schuld bis 1840 kei­ne Vor­le­sun­gen mehr ab­hal­ten. Da er zu­dem be­fürch­te­te aus Bonn ent­fernt zu wer­den, stell­te er auch sei­ne Ak­ti­vi­tä­ten als Schrift­stel­ler po­li­ti­scher Tex­te voll­stän­dig ein. Erst die In­sta­bi­li­tät der Ver­hält­nis­se in Frank­reich und Po­len ver­an­lass­ten ihn ab 1830 da­zu, sei­nen For­de­run­gen nach ei­ner Ei­ni­gung der deut­schen Staa­ten un­ter Preu­ßens Füh­rung wie­der öf­fent­lich Nach­druck zu ver­lei­hen.

In der Bon­ner Be­völ­ke­rung ge­noss Arndt ein ho­hes An­se­hen und galt als ein Op­fer staat­li­cher Will­kür. Die Nach­richt von sei­ner Re­ha­bi­li­tie­rung durch Kö­nig Fried­rich Wil­helm IV. (Re­gie­rungs­zeit 1840-1858) am 2.7.1840 lös­te in Bonn da­her ei­ne Wel­le von Bei­falls­be­kun­dun­gen und Eh­run­gen aus. Vom Se­nat der Uni­ver­si­tät im Au­gust 1840 zum Rek­tor für das Amts­jahr 1840/1841 ge­wählt, konn­te Arndt sei­nen Pflich­ten nach ei­ner Un­ter­bre­chung von mehr als zwei Jahr­zehn­ten wie­der nach­kom­men.

Ob­wohl er wei­ter­hin als po­li­ti­scher Mär­ty­rer und Vor­kämp­fer des deut­schen Ein­heits­ge­dan­kens ge­fei­ert wur­de, er­wies sich Arndts Leh­rer- und For­scher­tä­tig­keit an der Uni­ver­si­tät bald von ge­rin­gem Wert. Sei­ne Me­tho­dik galt als ver­al­tet, und auch die von ihm ge­hal­te­nen Vor­le­sun­gen er­füll­ten die in sie ge­setz­ten Er­war­tun­gen nicht mehr.

In den fol­gen­den Jah­ren mehr­ten sich kri­ti­sche Stim­men. Der Stu­dent Na­po­le­on Os­mol­ski ver­spot­te­te Arndt als „wah­ren, aber be­schränk­ten deut­schen Mann" so­wie als „in­to­le­ran­ten Pro­tes­tan­ten" und „fa­na­ti­schen Fran­zo­sen-, Po­len- und Ka­tho­li­ken­fres­ser". Bei der Mehr­heit der Stu­den­ten war sei­ne Po­pu­la­ri­tät bei Aus­bruch der Re­vo­lu­ti­on 1848/1849 je­doch un­ge­bro­chen. Am Abend des 17.3.1848 wur­de er von der Stu­den­ten­schaft mit ei­nem Fa­ckel­zug ge­ehrt und noch im Al­ter von 85 Jah­ren zum Haupt­mann ei­ner Stu­den­ten­kom­pa­nie ge­wählt. Als Arndt sich je­doch ge­gen den po­li­ti­schen Ra­di­ka­lis­mus der de­mo­kra­ti­schen Be­we­gung wand­te und sich für die kon­sti­tu­tio­nel­le Mon­ar­chie aus­sprach, wur­de ihm „Zag­haf­tig­keit" vor­ge­wor­fen.

Arndt wur­de als Ab­ge­ord­ne­ter der Stadt So­lin­gen ne­ben wei­te­ren sechs Pro­fes­so­ren der Uni­ver­si­tät Bonn in die Na­tio­nal­ver­samm­lung in der Frank­fur­ter Pauls­kir­che ge­wählt. Sei­ne Tä­tig­keit als Par­la­men­ta­ri­er blieb al­ler­dings oh­ne nach­hal­ti­ge Wir­kung. Die Neue Rhei­ni­sche Zei­tung ver­spot­te­te ihn als „lie­bens­wür­di­gen Schwät­zer", der „durch die Er­zäh­lung kind­li­cher An­ek­do­ten und Schnur­ren nur der Un­ter­hal­tung die­ne." Nach der Ab­leh­nung der Kai­ser­wür­de durch Fried­rich Wil­helm IV. (1849) trat Ernst Mo­ritz Arndt ent­täuscht von sei­nen po­li­ti­schen Äm­tern zu­rück. Er kehr­te nach Bonn zu­rück, wo er am 29.1.1860 an den Fol­gen ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung starb. Sein Grab be­fin­det sich auf dem Al­ten Fried­hof in Bonn.

Die Dis­kus­si­on über die Be­deu­tung und das Ver­mächt­nis des Pa­trio­ten Ernst Mo­ritz Arndt setz­te be­reits zu sei­nen Leb­zei­ten ein und dau­ert bis heu­te an. Im Kai­ser­reich zum Na­tio­nal­hel­den sti­li­siert, wur­den sei­ne Wer­ke nach dem Ers­ten Welt­krieg durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ideo­lo­gisch ver­ein­nahmt. Seit 1945 wird Arndt ei­ner zu­neh­mend kri­ti­sche­ren Be­trach­tung un­ter­zo­gen. Es wür­de der Viel­schich­tig­keit sei­nes Wir­kens je­doch nicht ge­recht, Arndt le­dig­lich zu ei­nem Vor­kämp­fer der ras­sis­ti­schen Ide­en­welt des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu de­gra­die­ren. Auch wenn sei­ne Wer­ke in vie­len Pas­sa­gen heu­te als über­holt gel­ten, blei­ben sein un­ei­gen­nüt­zi­ger Ein­satz ge­gen die na­po­leo­ni­sche Fremd­herr­schaft und den preu­ßi­schen Po­li­zei­staat da­von un­be­rührt. Sei­ne For­de­run­gen nach ei­ner geis­ti­gen und po­li­ti­schen Über­win­dung deut­scher Klein­staa­te­rei, an de­ren Stel­le ein Na­tio­nal­staat mo­der­ner Prä­gung ent­ste­hen soll­te, ma­chen ihn trotz al­ler Schwä­chen zu ei­nem wich­ti­gen Vi­sio­när und Im­puls­ge­ber der deut­schen Ein­heits­be­we­gung.

 

7. August von Kotzebue 

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K. ließ sich nach einem juristischen Studium als Advokat in Weimar nieder. 1781 ging er als Sekretär nach Petersburg, heiratete dort in den Adel, wurde Präsident des Gouvernements-Magistrats der Provinz Estland und erhielt den persönlichen Beamtenadel. Nebenbei beschäftigte er sich an einem Liebhabertheater. Sein erster Welterfolg wurde „Menschenhaß und Reue“ (1789), ein Stück, in dem die Themen Gattenliebe, Mutterliebe, Ehebruch, Standesunterschiede, Großmut, Landleben im hohen, im rührenden und im komischen Ton so haargenau den Publikumserwartungen entsprechend dosiert sind, daß der kalkulierte Erfolg vollständig eintraf. Nach diesem – aller Trivialliteratur zugrundeliegenden – Rezept, den Zuschauer niemals zu brüskieren, ihn immer etwas klüger als die Helden sein zu lassen, tragische Katastrophen zu vermeiden oder im letzten Moment aufzulösen, schrieb K. ein Stück nach dem anderen, insgesamt weit über 200.

Nach dem Tode seiner ersten Frau (1790) führte er ein unruhiges Reiseleben, hielt sich in Mannheim und Paris auf und lebte seit 1795 in Narva, 1798 in Wien. 1799 kehrte er nach Weimar zurück, wo er mit den Literaturgrößen der Zeit aneinandergeriet. 1800 wurde er auf einer Reise nach Rußland an der Grenze als vermeintlicher Jakobiner verhaftet und ohne Verurteilung nach Sibirien verbannt, aber schon nach 4 Monaten freigelassen und zum Direktor des Deutschen Hoftheaters in Petersburg ernannt. Sein zarenfreundliches Rührstück „Der alte Leibkutscher Peters des Dritten“ (1799) hatte wohl Zar Paul I. für ihn eingenommen. Nach der Ermordung des Zaren 1801 lebte K. in Weimar, Jena und später in Berlin. Nach dem Tod seiner zweiten Frau unternahm er wiederum etliche Reisen und heiratete zum dritten Mal in Estland. Als politischer Publizist kämpfte er in zum Teil von ihm mitherausgegebenen Zeitschriften – „Der Freimütige“ (1804-06), „Die Biene“ (1808-09), „Die Grille“ (1811-12) – gegen →Napoleon. Seit 1813 wirkte er als russischer Staatsrat und Generalkonsul in Königsberg, seit 1817 gab er sein „Literarisches Wochenblatt“ heraus (2 Bände, 1818–19) und schrieb für den Zaren von Weimar aus als literarisch-wissenschaftlicher Korrespondent geheime „monatliche Berichte“ zu politischen und öffentlichen Ereignissen. Dies brachte ihn durch Indiskretion in den Verdacht, russischer Spion zu sein. Ein historisches Werk: „Geschichte des Deutschen Reiches von dessen Ursprüngen bis zu dessen Untergange“ (2 Bände, 1814 folgende) wie seine antiliberalen Beiträge in seinem „Literarischen Wochenblatt“ bekunden seine veränderte politische Haltung: Er lobt die Monarchie vor der Demokratie, rückt von der unbedingten Forderung nach Freiheit und Gleichheit ab, verteidigt die Pressezensur, wettert gegen den neuen Geist der Universitäten, verspottet Turnvater Jahn, das Idol der damaligen Jugend, und macht sich so bei ihr verhaßt. Im Oktober 1817 wurden auf dem Wartburgfest auch Schriften K.s verbrannt. Von diesem politisch motivierten Haß geleitet, ermordete ihn der Jenaer Theologiestudent Karl Ludwig Sand am 23.3.1819 in Mannheim und wurde dafür selbst hingerichtet. Das Ereignis diente als Vorwand, die Karlsbader Beschlüsse in Kraft zu setzen, der staatliche Dirigismus wurde verstärkt, die Burschenschaften verboten, die Autonomie der Universitäten weitgehend zerstört.

Dieser gewaltsame Tod hat den ohnehin bekannten K. noch populärer gemacht. Er blieb im 19. Jahrhundert der am meisten gespielte Autor in Europa. Freilich wurde er schon von der Literaturkritik seiner Zeit als modischer und seichter Vielschreiber angegriffen, er geriet in massive Auseinandersetzungen mit den Frühromantikern, mit Goethe und Schiller. Auf sein Pamphlet: „Der hyperboräische Esel, oder: Die heutige Bildung. Ein drastisches Drama und philosophisches Lustspiel für Jünglinge, Literatursatire in einem Akt“ (1799), einer böswilligen Zitatkollage aus Friedrich Schlegels Schriften, antwortete August Wilhelm Schlegel in einer höhnischen Parodie: „Ehrenpforte und Triumphbogen für den Theaterpräsidenten von Kotzebue bei seiner gehofften Rückkehr ins Vaterland“ (1800). Goethe, den er wiederholt angriff, verteidigte doch in ihm den versierten Theaterpraktiker und konnte auf seine Stücke an der eigenen Bühne nicht verzichten. Den Vorwurf der Unmoral in seinen Stücken hat K. mit einem ordinären und bösen, zudem unter dem Namen eines anderen veröffentlichten Pamphlet: „Doktor Bahrdt mit der eisernen Stirn, oder Die deutsche Union gegen Zimmermann. Ein Schauspiel in vier Aufzügen, von Freiherr von Knigge“ selbst verschuldet. Aber auch Konfliktlösungen wie das Verzeihen eines Ehebruchs („Menschenhaß und Reue“), die keusche Ehe zu dritt als letzte Möglichkeit in einer sonst ausweglosen Situation („La Peyruse“) und ähnliches stießen auf heftige Kritik.

K.s Erfolg beruhte auf der virtuosen Handhabung bewährter Theater- und Komödienmittel: Verkleidung, unwahrscheinliche Zufälle, Typisierung der Personen, unablässiger Gebrauch der Rührmotivik, geschickter Einsatz spannender Effekte. Seine Thematik kam den Wunschvorstellungen des Publikums entgegen: Es durfte wunderbare Mesalliancen geben, die Moral des Herzens siegte über die gesellschaftliche, man konnte aus ausweglosen Situationen in exotische Länder mit freien Gesetzen ohne die Zwänge des alten Europa und seiner Gesellschaft fliehen. Die Kritik an der Gesellschaft, an den Standesunterschieden, am Reichtum, an den engen Tugendidealen war erhebend, solange sie auf der Bühne blieb.

Am bekanntesten ist bis heute K.s Lustspiel „Die deutschen Kleinstädter“ (1803) geblieben, das äußerst geschickt mit Witz, Spott, Komik und der Verhöhnung menschlicher Schwächen arbeitet. Die Personen sind aber so stark karikiert, daß sich der Zuschauer nicht selbst getroffen zu fühlen braucht. Krähwinkel, der Ort des Geschehens, mit seinen kleinkarierten, titelsüchtigen, klatschenden Bewohnern hat das Deutschlandbild im Ausland mitgefärbt.

8. Carl Ludwig Sand 

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Nach dem Besuch des Lyzeums in Wunsiedel und des Gymnasiums in Hof und Regensburg studierte S. 1814 ev. Theologie in Tübingen, wo er 1815 der Landsmannschaft Teutonia, 1817 der Burschenschaft Arminia beitrat. Nach einer Reise in die Schweiz 1815 und der Teilnahme am Befreiungskrieg setzte er 1816 sein Studium in Erlangen fort, wo er intensiv für burschenschaftliche Ideen warb und die „Teutsche Burschenschaft“, später Teutonia, mitbegründete, deren Führer er bis Mitte 1817 blieb. Aus der Landsmannschaft Franconia trat er nach dem fehlgeschlagenen Versuch, sie dem burschenschaftlichen Gedanken zuzuführen, wieder aus und wurde von dieser in Verruf erklärt. Im Okt. 1817 nahm S. am Wartburgfest in Eisenach teil (Mitgl. d. Festausschusses u. Fahnenbegleiter). Hier verteilte er seine Flugschrift zur Gründung einer „allgemeinen freien Burschenschaft“, die erst 1818 größere Wirkung entfaltete, und nahm teil an der Bücherverbrennung auf dem Wartenberg, der u. a. →August v. Kotzebues (1761–1819) „Geschichte des dt. Reichs“ zum Opfer fiel. Anschließend studierte S. in Jena und wurde Mitglied der (Ur-)Burschenschaft und ihres Ausschusses, im Sommer 1818 auch des inneren Zirkels, des „engeren Vereins“, und des Vorsteherkollegiums. Unter dem Einfluß →Karl Follens (1796–1840) entwickelte sich S. zum Anhänger der „Unbedingten“, des radikalen, politischen Mord nicht ausschließenden Flügels der Burschenschaft. S.s auf dem 2. Burschentag in Jena verbreitetes Flugblatt „Teutsche Jugend an die teutsche Menge, zum 18. October 1818“ fand keine Resonanz. Im Herbst 1818 besuchte S. Friedrich Ludwig Jahn in Berlin und verteilte sein Flugblatt unter den Studenten.

Den Tod Kotzebues, den er als „Landesverräter“, „Volksverführer“ und Feind der Burschenschaft betrachtete, erwog S. schon am 5. Mai 1818 in seinem Tagebuch. Nach dem formalen Austritt aus der Burschenschaft im Febr. 1819 mit dem Zweck, die gegenseitigen Beziehungen verleugnen zu können, erstach S. am 23. März Kotzebue in dessen Mannheimer Wohnung. Sein anschließender Selbstmordversuch scheiterte. Bei sich trug er seine Schrift „Todesstoß dem →August von Kotzebue“, zu der er sich auch in seinem Prozeß bekannte, in dem er vom Hofgericht Mannheim am 5. Mai 1820 zum Tode verurteilt wurde.

S. galt als fleißiger Student und gläubiger Christ, aber mit verworrenen Gefühlen und ungeordneten politischen Ideen. Bereits bei seiner Hinrichtung war S. ein Symbol für Einheit und Freiheit geworden, sein Grab wurde ein Wallfahrtsort. Im Vormärz wurde S. zum politischen Heiligen stilisiert und stieg zur Identifikationsfigur v. a. im radikaldemokratischen und -nationalen Flügel der Burschenschaft auf. Seine von der Mehrheit der Burschenschafter nicht gebilligte Tat bildete dagegen nicht den von ihm erhofften Anstoß für eine allgemeine Freiheits- und Einheitsbewegung, sondern lieferte dem Dt. Bund den Anlaß für die Karlsbader Beschlüsse (20.9.1819) und das daraus folgende scharfe Vorgehen gegen die bürgerliche Nationalbewegung.

Dem „Mörder aus Vaterlandsliebe“ (K. A. v. Müller) wurde eine Unzahl von Aufsätzen, Gedichten, Flugschriften, Schauspielen, Romanen und bildlichen Darstellungen gewidmet. Alexander Puschkin dichtete etwa auf S. „Der Dolch“, Aurore Dupin Baronin Dudevant wählte ihr Pseudonym „George Sand“ angeblich nach S., Alexandre Dumas widmete ihm eine Novelle, Karl Hans Strobl ein Schauspiel, 1873, 1921, 1924, 1926, 1993 und 1998 erschienen umfangreichere S.-Romane.

 

9. Gebrüder Grimm

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Steinau, Hanau

Jacob Grimm und Wilhelm Grimm werden 1785 und 1786 im hessischen Hanau geboren. Es folgen vier Geschwister. Kindheit und frühe Schulzeit verbringen sie in Steinau. 1796 stirbt der Vater. Unterstützung leistet fortan eine Tante, die in Kassel Hofdame ist.

Kassel

Zur Vorbereitung auf das noch vom Vater gewünschte Jurastudium gehen die Brüder Grimm 1798 an das Lyceum Fridericianum in Kassel.

Marburg

Jacob Grimm immatrikuliert sich 1802 an der Universität Marburg. Wilhelm folgt 1803. Prägend ist die Ausbildung durch Friedrich Carl von Savigny, der sie in seinen romantischen Freundeskreis aufnimmt.

Paris

Im Januar 1805 lädt Savigny Jacob Grimm als Helfer beim Quellenstudium nach Paris ein. Während dieser Trennung schließen die Brüder Grimm die Verabredung über ihre Lebensgemeinschaft.

Kassel

Die Mutter mietet mit den sechs Kindern 1805 eine Wohnung in der Kasseler Marktgasse. Gegenüber lebt die Apothekerfamilie Wild, mit der ein enges Verhältnis entsteht. (Die Apothekertochter Dortchen Wild heiratet Wilhelm Grimm 1825.) 1808 stirbt die Mutter der Brüder Grimm. Um die Brüder Grimm bildet sich ein Freundschafts- und Lesezirkel. Hier beginnen sie mit der Sammlung ihrer Märchen. 1807 macht Napoleon Kassel zur Hauptstadt des „Königreichs Westphalen“ mit seinem Bruder Jérôme als König. Jacob Grimm wird dessen Bibliothekar im Schloss Wilhelmshöhe, damals „Napoleonshöhe“. 1811 erscheinen die ersten eigenen Bücher der Brüder Grimm, 1812 mit dem althochdeutschen Hildebrandlied das erste gemeinsame Werk und im Dezember Band 1 der Märchen.

Paris und Wien

Nach dem Untergang des Königreichs Westphalen Ende Oktober 1813 wird Jacob Grimm kurhessischer Diplomat und hält sich 1814/1815 längere Zeit in Paris und Wien auf.

Kassel

1814/1815–1829 arbeiten die Brüder Grimm an der Kurfürstlichen Bibliothek in Kassel. Der Dienst lässt ihnen Zeit für eigene Arbeiten. Die reichhaltigen Bestände können sie dafür nutzen. Ab 1819 wird Jacob Grimm mit seiner Deutschen Grammatik in Europa und Nordamerika bekannt. 1829 werden die Brüder Grimm nach Göttingen berufen.

Göttingen

1830–1837: Als Bibliothekare und Professoren an der Universität Göttingen sollen die Brüder Grimm eine Modernisierung der berühmten Universitätsbibliothek bewirken und halten Vorlesungen über die frühe deutsche Sprach-, Literatur- und Kulturgeschichte. Durch politische Entwicklungen des Jahres 1837 (Protest der „Göttinger Sieben“ gegen die Aufhebung der hannoverschen Landesverfassung durch den neuen König Ernst August) müssen sie die Universität unerwartet wieder verlassen.

Kassel

Zur Vorbereitung auf das noch vom Vater gewünschte Jurastudium gehen die Brüder Grimm 1798 an das Lyceum Fridericianum in Kassel.

wieder Kassel

1837–1841 sind die Brüder Grimm ohne Anstellung. Der Landesverwiesene Jacob Grimm geht gleich nach Kassel, Wilhelm folgt ein Jahr später. In diese Zeit fällt die Vereinbarung mit der Weidmann'schen Buchhandlung über das Deutsche Wörterbuch, durch die man die Brüder Grimm materiell sicherstellen und ihre Kompetenz für ein monumentales wissenschaftliches Werk nutzen will, das ein Symbol bürgerschaftlichen Engagements für ein künftiges geeintes, freiheitliches Deutschland sein soll.

schließlich Berlin

Im Herbst 1840 lässt der neue preußische König Friedrich Wilhelm IV. die Brüder Grimm nach Berlin berufen und gewährt ihnen ein gemeinsames Gehalt aus seinen Privatmitteln, mit dem sie frei ihren wissenschaftlichen Arbeiten nachgehen sollen. Als Mitglieder der Königlichen Akademie der Wissenschaften sind sie berechtigt, an der Universität Vorlesungen zu halten, was Jacob bis 1848 und Wilhelm bis 1852 wahrnimmt. 1841–1846 wohnt die Familie am Rand des Tiergartens in der kurz vorher angelegten Lennéstraße, 1846/1847 näher zu Akademie, Universität und Bibliothek in der Dorotheenstraße und ab 1847 in der Linkstraße, unmittelbar am damaligen Potsdamer Bahnhof. Fast täglich haben die Grimms in ihrer Wohnung Gäste. Im Sommer unternehmen sie meist ausgedehnte Reisen. Jacob Grimm fügt seinen Hauptwerken noch die Geschichte der deutschen Sprache (1848) hinzu. 1848 ist er Abgeordneter der Nationalversammlung, tritt im Herbst jedoch aus Unzufriedenheit über den Verlauf der parlamentarischen Arbeit zurück. Die 1850er Jahre sind durch die Arbeit am Deutschen Wörterbuch gekennzeichnet. Jacob Grimm arbeitet A, B und C aus, Wilhelm Grimm folgt mit dem D, und Jacob übernimmt wiederum E und F. Wilhelm Grimm vollendet gerade noch das D, ehe er im Dezember 1859 stirbt. Jacob Grimm gelangt bis zu seinem Tod im September 1863 bis zum Stichwort „Frucht“.

 

10. Clara Schumann

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Nach der Scheidung der Eltern wuchs S. bei ihrem Vater →Friedrich Wieck auf, der ihr seit ihrem fünften Lebensjahr Klavierunterricht erteilte. S. genoß bei ihm eine exzellente Musikausbildung nach dessen selbst entwickelter Lehrmethode, die auch eine gezielte Schulung der Anschlagskultur, Gehörbildung und Partiturstudium umfaßte. Studien in Musiktheorie und Komposition bei Thomaskantor →Theodor Weinlig (1780–1842) und →Heinrich Dorn (1800–92), dem Musikdirektor am Hoftheater, ergänzten den Unterricht beim Vater. Der systematischen Vorbereitung auf die Virtuosenkarriere dienten zudem eine allgemeine körperliche Ertüchtigung durch lange Spaziergänge, die S. ihr Leben lang pflegte, sowie Unterricht durch Hauslehrer in Englisch und Französisch.

Nach ersten Auftritten im Rahmen der von ihrem Vater veranstalteten Abendunterhaltungen debutierte S. am 8.11.1830 im Leipziger Gewandhaus als Solistin u. a. mit Kalkbrenners „Rondo brillant“ und eigenen Variationen über ein Originalthema. 1831 unternahm der Vater mit S. erste Konzertreisen nach Dresden und Weimar sowie im Februar 1832 nach Paris. Repertoire, Konzertprogramme, Kontakte zu namhaften Musikern der Zeit wie L. Spohr, F. Chopin und F. Liszt wurden vom Vater sorgfältig ausgewählt. 1831 erschienen 4 Polonaisen von S. als opus 1 im Druck. Die „Romance varié“ opus 3 widmete sie →Robert Schumann, der seit 1830 bei Wieck als dessen Schüler wohnte. Am 9.11.1835 kam S.s Klavierkonzert op. 7 unter der Leitung von F. Mendelssohn Bartholdy im Leipziger Gewandhaus zur Uraufführung. Einen ersten Höhepunkt ihrer Karriere markiert der Aufenthalt in Wien vom Herbst 1837 bis März 1838, wo S. u. a. mit der Klaviersonate f-Moll op. 57 von L. v. Beethoven die Kritiker begeisterte und vom Kaiser zur k. k. Kammervirtuosin ernannt wurde.

Zum Konflikt mit dem Vater kam es aufgrund der sich seit 1835 entwickelnden Liebesbeziehung zu →Robert Schumann. 1839 unternahm S. erstmals eine Konzertreise ohne den Vater nach Paris. Da Wieck seine zur Heirat gesetzlich notwendige Zustimmung verweigerte, wurde der Streit schließlich vor dem Appellationsgericht entschieden. Nach der Hochzeit am 12.9.1840 nahm das Ehepaar S. seinen Wohnsitz zunächst in Leipzig, übersiedelte 1844 nach Dresden und 1850 nach Düsseldorf.

Die von der Nachwelt oft verklärte und von Robert und Clara mit hohen, dabei teils konträren Erwartungen eingegangene Ehe barg reichlich Konfliktstoff. Da Claras Klavierspiel Robert beim Komponieren störte, wurde ihre künstlerische Tätigkeit deutlich eingeschränkt. Das gemeinsame Studium von Partituren und die Bewunderung für das Werk Roberts entschädigten sie nur teilweise für das fehlende eigene Schaffen. Erst 1853,|an ihrem letzten gemeinsamen Wohnsitz in Düsseldorf, ermöglichte S. ein eigenes Musikzimmer in ausreichender Distanz zum Zimmer Roberts, wieder regelmäßig zu üben und zu komponieren.

Dennoch betrachtete S. selbst im zunächst wechselseitig geführten Ehetagebuch und in Briefen ihre Ehe als glücklich und entschied sich bewußt für den Namen Schumann, unter dem sie am 31.3.1841 im Leipziger Gewandhaus erstmals auftrat. Mit staunenswerter Energie meisterte S. die Belastungen durch insgesamt 10 Schwangerschaften in 14 Ehejahren und organisierte den Haushalt ebenso wie die Tourneepläne für gemeinsame Konzertreisen nach Norddeutschland (1842), Rußland (1844), Wien (1846) und Holland (1853), die für S. künstlerisch und finanziell überwiegend erfolgreich verliefen, für Robert aber hohe psychische und physische Strapazen darstellten. Noch ohne den sich verschlechternden Gesundheitszustand ihres Mannes zu erkennen, unterstützte ihn S. in Düsseldorf bei Chor- und Orchesterproben, übernahm Korrespondenzen und fertigte Abschriften seiner Werke an. Im Herbst 1854, ein halbes Jahr nach dem Zusammenbruch Roberts und seiner Einlieferung in die Heilanstalt Endenich bei Bonn, nahm Clara ihre Konzerttätigkeit in vollem Umfang wieder auf. Ihren Mann sah sie aufgrund eines strikten ärztlichen Besuchsverbots, das in der Literatur teilweise bezweifelt, durch einen Quellenfund in jüngerer Zeit aber bestätigt worden ist, erst zwei Tage vor seinem Tod noch einmal wieder.

Die folgenden Jahrzehnte waren für S. geprägt durch ausgedehnte, eng aufeinanderfolgende Konzerttourneen, die sie jeweils vom Herbst bis in das Frühjahr in wichtige Musikzentren Deutschlands, nach Holland, Belgien, Frankreich, Österreich, Ungarn und in die Schweiz führten. Zu einem Schwerpunkt ihrer Konzerttätigkeit wurde England, das sie von ihrem ersten Aufenthalt 1856 bis zum Ende ihrer Laufbahn – häufig begleitet von ihrer Tochter Marie – 19mal besuchte. In London feierte S. ihre vielleicht größten Erfolge. Die Sommermonate dienten der Vorbereitung der anschließenden Tourneen, aber auch der Erholung und dem Familienleben. Dies gilt besonders für die Jahre 1863–73, in denen S. ein Haus in Lichtental bei Baden-Baden besaß und hier auch regen Kontakt zu vielen befreundeten Künstlern wie der Sängerin →Pauline Garcia-Viardot (1821–1910), →Hermann Levi (1839–1900) und →Johannes Brahms (1833–97) pflegte. Die übrige Zeit des Jahres wurden die Kinder bei Verwandten und in Pensionaten untergebracht. 1878 nahm S. eine Berufung durch →Joachim Raff (1822–82) an das Dr. Hoch's Konservatorium in Frankfurt als Erste Klavierlehrerin an. Sie verlegte ihren Wohnsitz nach Frankfurt und lebte dort bis zu ihrem Tod zusammen mit ihren Töchtern Marie und Eugenie, die die technische Unterweisung der Schüler übernahmen, während S. selbst sich ganz der Interpretation widmete. Sie konzertierte – zunehmend von nervösen Zuständen, Nervenschmerzen und Gehörproblemen geplagt – noch bis 1891 öffentlich und zog sich 1892 auch von ihrer Tätigkeit am Konservatorium zurück.

S. war die bedeutendste Pianistin ihrer Zeit. Ihr Erfolg gründete auf ihrem ausdrucksvollem Spiel, ihrer in jungen Jahren zarten, später würdevollen Erscheinung – sie trat seit 1856 nur in schwarzer Kleidung auf – und einer sorgfältig durchdachten Programmdisposition: Ihr Repertoire wandelte sich von typischen gemischten Virtuosenprogrammen seit den 40er Jahren hin zu anspruchsvoller klassischer Literatur und stand in Wechselwirkung mit dem sich gleichfalls verändernden Publikumsgeschmack. Die Auswahl ihrer Stücke prägte das Konzertleben bis in unsere Zeit. Berühmt waren ihre Beethoven-Interpretationen, die auch im Zentrum ihres pädagogischen Wirkens standen. Mit Vorliebe spielte S. Beethovens Klaviersonaten op. 53 und op. 57 sowie das Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur, zu dem sie auch zwei Kadenzen schrieb. Nahm sie in der Frühzeit ihrer Ehe nur sparsam Werke ihres Mannes in ihre Programme auf, da diese noch keine Erfolgsgarantie boten, so wurde sie nach seinem Tod eine unermüdliche Protagonistin seines Werks. Ferner trug sie Stücke von Mendelssohn Bartholdy, Chopin, Schubert, aber auch von Bach regelmäßig vor sowie Werke von →Johannes Brahms.

Als Komponistin geriet S. nach ihrem Tod rasch in Vergessenheit und wurde erst von der Frauenmusikforschung in den 1970er Jahren wiederentdeckt. Ihre frühen Werke entstanden für den eigenen Vortrag, wie dies dem Selbstverständnis der Klaviervirtuosen jener Zeit entsprach. Besonders ihr Klavierkonzert überzeugt durch seinen lebhaften, teils schwärmerischen Gestus und hat Spuren im Klavierkonzert Robert S.s hinterlassen. Der künstlerische Austausch mit dem Ehemann zeigt sich auch in S.s Klavierliedern, die durch phantasievolle melodische Erfindung und einfühlsam auf den Text bezogene Klavierbegleitung gekennzeichnet sind. Wiederholt äußerte S. allerdings Selbstzweifel an ihren Werken und gab, möglicherweise aus einem gestiegenen Qualitätsanspruch heraus, 1856 das eigene Komponieren auf.

Besonders seit den Frankfurter Jahren betätigte sich S. verstärkt als Herausgeberin, sah für den Musikverleger →Hermann Härtel (1803–75), dem sie freundschaftlich verbunden war, zahlreiche Druckfahnen durch und zeichnete auch für die Gesamtausgabe der Werke Robert S.s verantwortlich, die 1879-86 bei Breitkopf & Härtel erschien. 1886 gab S. eine sog. „Instruktive Ausgabe“ der Klavierwerke Robert S.s heraus, in der sie in Vortragsangaben ihre Interpretation für Schüler festschrieb.

Zeit ihres Lebens stand S. in regem Kontakt zu vielen Musikern und namhaften Persönlichkeiten, wie z. B. →Felix Mendelssohn Bartholdy, →Julius Stockhausen (1826–1906), →Joseph Joachim (1831–1907), →Franz Wüllner (1832–1902) u. a. Am wichtigsten für S. war zweifellos die Freundschaft mit→Johannes Brahms, der S. 1854-56 vielfach unterstützte und zeitweise bei ihr wohnte, woraus sich eine lebenslange vielschichtige, spätestens seit Sommer 1856 aber rein platonische Beziehung entwickelte.

Viele Briefe aus der umfangreichen Korrespondenz, die S. manchmal mehrere Stunden am Tag beschäftigte, erschienen mit dem neu erwachten Interesse an ihrer Person seit den 1990er Jahren im Druck und geben ein genaueres Bild ihrer Persönlichkeit. Im schriftlichen Austausch mit Freundinnen und Kollegen, ihren Kindern und Enkeln zeigt S. sich als ungemein selbstdiszipliniert, ernsthaft, manchmal bis an die Grenzen der Humorlosigkeit, aber auch voller teilnehmender Fürsorge. Ihre Kraft schöpfte sie aus ihrem Künstlerdasein, in das sie sich in krisenhaften Lebenslagen flüchtete.

 

11. Friedrich Ludwig Jahn

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J. wurde bis zu seinem 13. Lebensjahr von seinem Vater unterrichtet, besuchte dann 3 Jahre das Gymnasium in Salzwedel und ½ jahr das Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, das er Ostern 1795 ohne Abschluß verließ. Seit 1796 betrieb er theologisch-historische und deutschkundliche Studien an den Universitäten Halle, Frankfurt/Oder, Greifswald, Göttingen; 1798 trat er in einen freimaurerischen Studentenorden (Unitistenorden) in Halle ein. Er erhielt in Greifswald 1803 das „consilium abeundi“ wegen einer Prügelei. J. siedelte nach längerer Hauslehrertätigkeit, mehreren Reisen und weiteren Studienversuchen in Göttingen und Jena 1809 nach Berlin über, wo er am Friedrich-Werderschen Gymnasium für einige Monate als Hilfslehrer eine Beschäftigung fand. Ein Anstellungsgesuch scheiterte, da er das „examen pro facultate docendi“ nicht bestand. Dennoch lehrte er weiter am Gymnasium zum Grauen Kloster und der Plamannschen Erziehungsanstalt. 1810 gründete er gemeinsam mit Frdr. Friesen den „Deutschen Bund“, den Vorläufer der Burschenschaften.|Die Mitglieder des Deutschen Bundes stammten vorwiegend aus Offiziers- und Lehrerkreisen. Wichtigste Ziele des Bundes, die im „Bundesbuch“ festgehalten wurden, waren die Befreiung Deutschlands von der franz. Herrschaft und die nationale Einheit. – Anfang Juni 1811 eröffnete J.nach dem Vorbild GutsMuths’ den ersten Turnplatz auf der Hasenheide in Berlin.

Das Turnen hatte mit Spaziergängen und Spielen im Kreise der Schüler zwanglos begonnen. 1811-13 nahm das Turnen auf der Hasenheide unter J.s Leitung einen starken Aufschwung. Der Turnbetrieb wurde straff organisiert, das Übungsgut beträchtlich erweitert. Während der Kriegszeit (1813–15), die J.bei dem von ihm mitbegründeten Lützowschen Freikorps verbrachte, leitete Eiselen den Turnbetrieb in Berlin. Nach Kriegsende kam es 1815-19 zu Spannungen zwischen J. und den Behörden, die auf die unterschiedliche Bewertung des Turnens zurückzuführen sind. Während das Kultusministerium das Turnen als Erziehungsgegenstand in das schulische Erziehungswesen eingebaut wissen wollte, betrachtete J. das „vaterländische Turnen“ als einen wesentlichen Beitrag zur Verwirklichung seiner Volkstumsideen, mit denen er das deutsche Nationalgefühl stärken wollte. Sein „Deutsches Volkstum“ (1810) enthält wichtige Gedanken über Volk und Staat, Sprache und Brauchtum, Erziehung und Bildung, aber auch gefährliche nationalistische, rassistische und antisemitische Äußerungen. Galt das Turnen zuerst als Vorbereitung auf den Freiheitskampf, so sollte es nach den Befreiungskriegen dazu dienen, „im Herzen das neue Deutschland aufzubauen“, das heißt, den Kampf um Einheit, Freiheit und liberale Verfassung mitzuunterstützen. Dem diente insbesondere die von J. mitinspirierte Burschenschaftsbewegung, die am 12.6.1815 in Jena gegründet wurde. Die Verbindung Turnen-Burschenschaft war so eng, daß bald der Name „Burschenturner“ geprägt wurde. Die Burschenschaftsbewegung und das „vaterländische Turnen“ gerieten seit 1816 immer stärker in die politische Auseinandersetzung mit der einsetzenden Reaktion.

Im Frühjahr 1817 hielt J. in Berlin öffentliche Vorträge über sein „Deutsches Volkstum“, mit denen er die Obrigkeit provozierte. Das Wartburgfest am 18.10.1817, die Sperrung des Breslauer Turnplatzes nach der dortigen „Turnfehde“ 1818 und die Ermordung Kotzebues durch den Burschenturner Sand 1819 – drei Ereignisse, die alle direkt oder indirekt mit dem Wirken J.s zusammenhingen – führten schließlich in Verbindung mit persönlichen Schwierigkeiten, die J. dem preuß. Kultusministerium bereitete, zur vorläufigen Einstellung des Turnbetriebes im Sommer 1819. Am 2.1.1820 erfolgte dann aufgrund der Karlsbader Beschlüsse der entscheidende Erlaß des Innen- und Polizeiministers: „Da es Seiner Majestät ernstlicher Wille ist, daß das Turnwesen ganz aufhört, so hat die Königl. Regierung von Polizei wegen nachdrücklich darauf zu halten, daß alles Turnen schlechterdings unterbleibe.“ Am 3.3.1820 verfügte Hardenberg, daß alle außerhalb der Städte errichteten Turngeräte wegzuschaffen und zu zerstören seien. – J. war bereits in der Nacht vom 13. zum 14.7.1819 „als geheimer, hochverrätherischer Verbindung verdächtig“ in seiner Wohnung verhaftet und auf die Festung Spandau, dann Küstrin gebracht worden. (Während der Haftzeit starben zwei seiner 3 Kinder). Am 22.5.1820 wurde er zwar aus der Haft entlassen, als einstweiliger Aufenthaltsort aber die Festungsstadt Kolberg bestimmt, wo er unter die Aufsicht des Festungskommandanten gestellt wurde. 1825 erfolgte die völlige Freisprechung, doch wurde ihm ein Aufenthalt in einer Universitäts- oder Gymnasialstadt untersagt. Er wählte Freyburg/Unstrut (1829–36 Kölleda) zum Aufenthaltsort. Die Beschränkung seiner politischen Tätigkeit wurde 1840 durch Friedrich Wilhelm IV. aufgehoben, der J. nachträglich das Eiserne Kreuz II. Kl. verlieh. 1848 wurde J. als Abgeordneter in das Parlament der Frankfurter Paulskirche gewählt, aber hier ist er – sieht man von seiner (nur gedruckten) „Schwanenrede“ ab – kaum hervorgetreten. – Dr. h. c. (Jena u. Kiel 1817).

J.s Turnen in seiner Verbindung von Volkstumsgedanke und Patriotismus muß als politische Erscheinung begriffen werden. Nur so ist es zu verstehen, daß mit der Reichsgründung, als sich die Deutsche Turnerschaft wieder auf J. besann, dieser als nationaler Herold, als Kämpfer für die deutsche Einheit unter Preußens Führung glorifiziert wurde. Nach dem 1. Weltkrieg kam es zu einer J.-Renaissance, als die Deutsche Turnerschaft versuchte, sich nach Deutschlands Niederlage an einem idealisierten und heroisierten J.-bild aufzurichten. Gefälscht wurde dieses dann nach 1933 von Alfred Baeumler, der J.zum „politischen Soldaten“ und Wegbereiter des Nationalsozialismus machte. Eine solche Verfälschung war aber nur möglich, weil man sich auf rassistische und nationalistische Aussagen J.s berufen konnte.

 
 
 
 
 
 
Quellen:

Internetquellen

-> Emma und Georg Herwegh, in: 100 Köpfe der Demokratie (Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte), online verfügbar unter: https://www.demokratie-geschichte.de//koepfe/2226, zuletzt geprüft am 16.09.2025.

-> Schieder, Wolfgang, "Hecker, Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 180-182 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11854750X.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 16.09.2025.

-> Revolutionäre für Freiheit und Einheit. Amalie und Gustav Struve, in: 100 Köpfe der Demokratie (Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte), online verfügbar unter: https://www.demokratie-geschichte.de/koepfe/2468, zuletzt geprüft am 14.10.2025.

-> Revolutionär und Märtyrer. Robert Blum, in: 100 Köpfe der Demokratie (Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte), online verfügbar unter: https://www.demokratie-geschichte.de/koepfe/2176, zuletzt geprüft am 14.10.2025.

-> Sperl, Georg F., "Brentano, Lorenz" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 595-596 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117630837.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 14.10.2025.

-> Thomann, Björn, Ernst Moritz Arndt, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ernst-moritz-arndt-/DE-2086/lido/57adb145be6ca9.09940164 (abgerufen am 19.10.2025)

-> Häntzschel, Hiltrud, "Kotzebue, August von" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1980), S. 624-625 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118565796.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 10.11.2025.

-> https://staatsbibliothek-berlin.de/die-staatsbibliothek/abteilungen/kinder-und-jugendbuecher/aktuelles/ausstellung/aus-den-biographien, zuletzt geprüft am 30.11.2025.

-> Brück, Marion, "Schumann, Clara" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 746-749 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11861164X.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 01.12.2025.

-> Ueberhorst, Horst, "Jahn, Friedrich Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 301-303 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118556622.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 18.12.2025.

Sekundärliteratur

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