Persönlichkeiten
Inhaltsverzeichnis
- Emma und Georg Herwegh
- Friedrich Hecker
- Amalie und Gustav Struve
- Robert Blum
- Lorenz Peter Karl Brentano
- Ernst Moritz Arndt
- August von Kotzebue
- Carl Ludwig Sand
- Gebrüder Grimm
- Clara Schumann
- Friedrich Ludwig Jahn
- Ludwig Feuerbach
- Carl Spitzweg
Johann Gustav Droysen
Friedrich Daniel Bassermann
1. Emma und Georg Herwegh
* 10.03.1817 in Stuttgart † 24.03.1904 in Lichtental /
* 31.05.1817 in Berlin † 07.04.1875 in Paris
Georg Herwegh gehörte zu den bedeutendsten Literaten des Vormärz, mit seiner Ehefrau Emma kämpfte er zudem auf Seiten der Radikaldemokraten während der badischen Revolution 1848. Ihre gemeinsame Biographie zeigt die Zerrissenheit der frühen demokratischen Opposition zwischen Exil und Heimat, ebenso wie die Schwierigkeit einer konkreten Umsetzung revolutionärer Forderungen.
Als Tochter eines Berliner Kaufmanns erhielt Emma Siegmund eine außergewöhnlich umfassende Bildung und kam so in Berührung mit verschiedenen Teilen der Vormärzbewegung, unter anderem auch mit den Schriften Georg Herweghs. Herwegh, der nach einem abgebrochenen Studium der Theologie und der Jurisprudenz sich ganz dem Schreiben widmete, galt vielen als einer der herausragenden Literaten des Vormärz. Neben französischen Einflüssen spiegelte sich in seinen Werken auch aufkommende Sozialkritik und politischer Utopismus. 1842 übernahm er die Redaktion des Deutschen Boten aus der Schweiz, ein politisches Exilblatt. Während er für die Zeitschrift auf einer Deutschlandreise warb, lernte er in Berlin Emma Siegmund kennen. Eine Woche später verlobten sich beide. Für Emma war die Heirat zwar ein standesmäßiger Abstieg aus großbürgerlichen Verhältnissen, dafür gewann sie mit Georg Herwegh einen unterstützenden Partner, der sie in ihren politischen Interessen bestärkte.
Die Bedeutung ihrer neuen Verbindung erfuhr Emma Herwegh bereits kurz darauf: Als in Preußen der Deutsche Bote verboten wurde, wurde sie gemeinsam mit ihrem Mann ausgewiesen. Schließlich führte sie ihr Weg über die Schweiz nach Paris, wo beide in politisch-intellektuellen Kreisen mit anderen Emigranten wie Karl Marx und Heinrich Heine weiter das deutsche vorrevolutionäre Geschehen verfolgten. In den Revolutionsmonaten von 1848 wurden sie schließlich erneut politisch aktiv: In Baden bemühten sie sich als Anführer einer bunten Schar aus Gleichgesinnten, die Aufständischen Friedrich Hecker und Gustav Struve zu unterstützen. Besonders Emma Herwegh erwarb sich den Ruf der unerschrockenen Kämpferin, die in Männerkleidung und bewaffnet den Kontakt zu Hecker suchte. Unkoordiniert verliefen jedoch beide Kampfzüge getrennt voneinander. Als württembergische Truppen ihre „Legion“ zerschlugen, konnte sich das Ehepaar Herwegh getarnt als Bauern zurück ins Exil retten. Wie Gustav Struve kehrte Georg Herwegh in den 1860er Jahren nach Deutschland zurück, um sich der Arbeiterbewegung anzuschließen.
2. Friedrich Hecker
In der Figur des badischen Demokraten H. lebte die Erinnerung an die Revolution von 1848 im deutschen Südwesten bis in unser Jahrhundert hinein fort. Das Volkslied und die politische Karikatur nahmen sich im „Heckerlied“ und im „Heckerhut“ (als revolutionärem Emblem) schon zu Lebzeiten seiner an. H. erlangte diese seinen geistigen und politischen Fähigkeiten nicht unbedingt entsprechende Volkstümlichkeit, weil er unter den Führern der 48er Bewegung als Mann der Tat herausragte.
H. studierte 1830-34 in Heidelberg und München Rechtswissenschaften. Nach Examen und Promotion (1834) trat er zunächst in den badischen Staatsdienst. 1838 wurde er am Badischen Oberhofgericht in Mannheim als Advokat zugelassen. Sobald er das vorgeschriebene Mindestalter erreicht hatte, ließ er sich 1842 im Wahlkreis Weinheim-Ladenburg in die Badische 2. Kammer zum Abgeordneten wählen. Er gehörte dort bald zu den Führern der liberalen Opposition. Unbestreitbar besaß er ein natürliches Redetalent, das ihn in Baden bei breiten Kreisen des politisch interessierten Volkes populär machte. Als er im Mai 1845 während einer Reise zusammen mit J. A. von Itzstein aus Preußen ausgewiesen wurde, drang sein Ruf erstmals über Baden hinaus.
H. vertrat bis 1848 einen entschiedenen Liberalismus, der sich von dem politischen Programm der Mehrheit der badischen Liberalen nur dadurch unterschied, daß er eindeutig die Forderung nach einer deutschen Nationalrepräsentation miteinschloß. (Vgl. seine „Ideen und Vorschläge zu einer Reform des Gerichtswesens“ von 1844, in denen er für die Ausbildung eines nationalen Rechts in Deutschland eintritt, und seine Schrift über die Deutschkatholiken, in der er das Prinzip der Religionsfreiheit entwickelt.) Unter dem Einfluß Gustav Struves wandelte er sich 1848/49 zum Demokraten. Nach dem Ausbruch der Februarrevolution bekannte er sich auf den von ihm und Struve einberufenen Volksversammlungen in Offenburg, Freiburg und Heidelberg im März 1848 erstmals öffentlich zur republikanischen Staatsform. Auf dem Frankfurter Vorparlament gehörte er zu der kleinen, aber zielbewußten Minderheit, die die Versammlung zu einem revolutionären Volkskomitee in Permanenz erheben wollte und die Abschaffung der Monarchien verlangte. Obwohl H. von den Radikalen die meisten Stimmen erhielt, wurde er als 51. gerade nicht mehr in den Fünfzigerausschuß gewählt, der das Vorparlament ablösen sollte. Unter H.s Vorantritt verließ die radikale Minderheit das Vorparlament, als die Mehrheit der Versammelten die künftige Reichsverfassung mit den Fürsten vereinbaren wollte.
Nach seiner Rückkehr aus Frankfurt begann H. in Mannheim mit der Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes. Am 12.4. erließ er gemeinsam mit Struve eine Ausschreibung für eine bewaffnete Zusammenkunft in Donaueschingen. Die in völliger Verkennung der politischen Gegebenheiten von H. erwartete levée en masse blieb jedoch aus. Es kamen nur einige Hundert schlechtbewaffneter und mangelhaft geführter Freischärler zusammen, die am 20.4. bei Kandern nach dem ersten Zusammenstoß mit regulären württembergischen Truppen wieder auseinanderliefen. H. floh in die Schweiz, wo er in Muttenz im liberalen Kanton Basel-Land eine Schrift über die „Volkserhebung in Baden“ verfaßte. Diese Selbstdarstellung enthüllt gründlich, wie wenig sein Revoluzzertum mit echter revolutionärer Begabung zu tun hatte.
Im September 1848 wanderte H. in die Vereinigten Staaten aus, wo er nach einer vorübergehenden Rückkehr 1849 wie so viele 48er eine zweite Heimat fand. Er erwarb im Staate Illinois eine Farm und beteiligte sich rege am gesellschaftlichen und politischen Leben der Deutschen in Amerika. Im amerikanischen Bürgerkrieg kämpfte er auf der Seite der Union mit. Seit 1866 nahm er an der Entstehung des deutschen Nationalstaats lebhaften Anteil. Er veröffentlichte 1868 in Mannheim „Gepfefferte Briefe“, in denen er die Beseitigung der Kleinstaaterei durch Preußen begrüßte, zugleich aber forderte, „durch Einheit zur Republik“ zu gelangen. Sosehr er deshalb der deutschen Reichsgründung von 1871 zustimmte, sowenig konnte er sich 1873 auf einer Reise durch deutsche Städte mit der politischen Führung Preußens im Reich befreunden. H. war der alte Gesinnungspolitiker geblieben, der er 1848 gewesen war. Enttäuscht kehrte er nach Amerika zurück.
3. Amalie und Gustav Struve
*02.10.1824 in Mannheim † 13.02.1862 in New York (USA) /
*11.10.1805 in München † 21.08.1870 in Wien (Österreich)
Als Anführer der badischen Revolution 1848 gehörten Amalie und Gustav Struve zum radikalen Flügel der Vormärzbewegung. Dass sie häufig als gescheitertes Revoluzzer-Paar beschrieben werden, verdeckt die vielfältigen demokratischen Tätigkeitsfelder vor und nach 1848, in denen sich beide für politische wie gesellschaftliche Teilhabe einsetzten.
Über sein Amt als Verwaltungsbeamter radikalisierte sich der Jurist Gustav Struve im Vormärz. In regelmäßigen Schriften versuchte er, seine Vorgesetzten auf die Notwendigkeit rechtlicher wie politischer Reformen aufmerksam zu machen. Ab 1834 als Rechtsanwalt in Mannheim tätig, forderte er in eigenen Schriften etwa die verfassungsmäßig zugesicherte Bildung auch für die unteren Schichten ein oder drängte, die Menschenrechte unabhängig von Stand, Bildung und Vermögen gelten zu lassen. 1845 heiratete Struve Amalie Düsar, Tochter aus einem gebildeten, jedoch verarmten Elternhaus, die ihre Familie zunächst als Erzieherin finanziell versorgt hatte. Da Düsar zudem unehelich geboren worden war, rieten viele Weggefährten wie etwa Friedrich Hecker dem adeligen Struve von einer Heirat ab. Beide setzten sich über diese Widerstände hinweg, und auch in Folge verband sie eine fortschrittliche Partnerschaft. Neben ihrem Einsatz für politische Veränderungen pflegten beide auch andere Bereiche ihres Lebens reformerisch zu gestalten. So engagierten sie sich im Deutschkatholizismus und lebten vegetarisch.
In seinen staatswissenschaftlichen Schriften, aber auch in Versammlungen wie 1847 in Offenburg forderte Struve immer wieder Gleichheit und Freiheit vor dem Gesetz ebenso wie einen Nationalstaat. Jedoch scheiterte er mit diesen Forderungen zusammen mit seinem Mitstreiter Friedrich Hecker sowohl im badischen Landtag als auch in der Frankfurter Paulskirche. Auch beim anschließenden Versuch des Ehepaars Struve, die Revolution gewaltsam herbeizuführen, waren sie erfolglos. In verschiedenen Anläufen eines Volksaufstandes scheiterten sie und wurden schließlich gefangen genommen. Früher entlassen, konnte Amalie Struve durch einen geschickten Aufruhr ihren Mann aus dem Gefängnis befreien, doch die Revolution wurde durchs preußische Militär im Anschluss endgültig zerschlagen. Amalie Struve hatte ihre Teilnahme an der Revolution auch immer als einen Akt der Emanzipation und einen Beitrag zur Änderung der bestehenden Geschlechterrollen verstanden, die sie in der Verlängerung der Forderung nach Gleichheit und Freiheit mit verwirklichen wollte.
Nach dem Scheitern des Aufstandes emigrierte das Ehepaar Struve über Umwege in die USA, wo sie ihre revolutionären Thesen im Bürgerkrieg einzubringen versuchten. Während Amalie bereits 1862 starb, kehrte ihr Mann noch einmal nach Deutschland zurück und engagierte sich in der Frühphase der Arbeiterbewegung.
4. Robert Blum
* 10.11.1807 in Köln † 09.11.1848 in Brigittenau (hingerichtet)
Robert Blum gilt als einer der herausragenden Streiter der Demokratie während der Märzrevolution und der Frankfurter Nationalversammlung von 1848. Seine Hinrichtung in Wien während der dortigen Märzunruhen machte ihn zum Märtyrer einer ganzen Generation.
Robert Blum wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und konnte so trotz hoher Begabung nur bedingt einen Bildungsweg abschließen. Nach einer Ausbildung zum Gelbgießer 1825 betätigte er sich zunächst als Schriftsteller und Theatersekretär in Leipzig, das Wissen dafür hatte er sich autodidaktisch angeeignet. In den frühen 1840er Jahren begann er sich immer mehr politisch zu engagieren. Als Herausgeber der kritischen Zeitschrift Sächsische Vaterlands-Blätter eröffnete er mit Mitstreitern immer wieder Diskussionen zu aktuellen Fragenstellungen und bot so auch ersten politisch aktiven Frauen wie Louise Otto-Peters eine Plattform, Kritik an der Obrigkeit zu nehmen und Reformen einzufordern. Die Zeitung wurde bald in weiten Teilen Deutschlands verboten und Blum dafür in Sachsen überwacht sowie mit restriktiven Maßnahmen belegt. Die sächsische Regierung verhinderte u. a. seine Wahl zum Leipziger Stadtrat. Während er gerade durch die Kontakte zu Adam von Itzstein immer mehr zum Fürsprecher der liberalen Bewegung aufstieg, irritierte er diese Bewegung bisweilen, etwa über seinen Einsatz für die polnische Nationalbewegung und den Deutschkatholizismus. Gleichzeitig erwarb sich Blum immer mehr den Ruf eines populären Anführers: Als 1845 eine Demonstration in Leipzig blutig niedergeschlagen wurde, formulierte er im Anschluss die Forderungen der Bevölkerung nach einer Aufklärung und Beilegung der Unruhen.
1848 war Blums Jahr der Entscheidung: Zunächst war er Teil des Frankfurter Vorparlaments und des sogenannten Fünfzigerausschusses, der die Nationalversammlung vorbereiten sollte. In der Paulskirche gehörte Blum zum linksliberalen Spektrum durch die von ihm begründete Fraktion des Deutschen Hofes, ging aber auch immer wieder mit radikaldemokratischen Forderungen mit. Als im Oktober 1848 in Wien Menschen auf die Barrikaden gingen, sprach Blum sich mit anderen für eine symbolische Unterstützung der Aufständischen aus. Als Frankfurter Delegierte reisten sie nach Wien, um eine Solidaritätsnote zu überbringen. Da sich Blum jedoch auch am Revolutionsgeschehen Wiens beteiligte, wurde er von kaiserlichen Truppen festgenommen. Entgegen seiner Immunität als Abgeordneter wurde er vor ein Gericht gestellt, als Aufrührer verurteilt und am 9. November 1848 standrechtlich hingerichtet.
4. Lorenz Peter Karl Brentano
Politiker, * 14.11.1813 Mannheim, † 17.9.1891 Chicago. (katholisch)
Genealogie
V Johann Peter Paul Bartholomäus (1740–1813), kurpfälzischer Kommerzienrat, Großkaufmann in Frankfurt/Main, S des Peter Ant., Frankfurter und Mannheimer Großkaufmann (aus Tremezzo eingewandert);
M Helene Heger (1784–1831);
⚭ 1) Mannheim 1837 Caroline Leutz (gestorben 1870), aus Eberbach/Neckar, 2) Caroline Aberle (1819–93);
3 K aus 2), u. a. Theodor, Gesandter der USA in Ungarn.
Biographie
B. war seit 1837 Rechtsanwalt in Mannheim und, vom Kreise A. v. Itzsteins her, 1845 in der badischen zweiten Kammer. Führend in der Opposition, doch kein revolutionärer Querkopf wie →Hecker oder Sozialtheoretiker wie →Struve, sondern eine Jakobinernatur mit viel praktischem Instinkt, belächelte er noch 1848 skeptisch →Heckers Putsch, kannte aber, nachdem seine Wahl zum Mannheimer Oberbürgermeister von der Regierung nicht bestätigt worden war, keine Versöhnung mehr. B. gehörte 1848 der Paulskirche an, verschwand aber schon im Spätsommer 1848, um sich ganz den badischen Dingen zu widmen. Im badischen Volksaufstande (4.5.1849) trat B. an die Spitze der vierzigtägigen, provisorischen Regierung und versuchte mit den alten Gewalten über ein Kompromiß zu verhandeln. Seine Bemühungen aber scheiterten am Widerstand der Radikalen unter →Struve. B. entfloh in die Schweiz, wurde als Verräter in contumaciam zum Tode verurteilt und ging, da ihm die Schweiz das Asylrecht verweigerte, 1850 nach den Vereinigten Staaten. Zunächst als Journalist („Leuchtturm“, Pottsville, Pennsylvania), Farmer (Kalamazoo, Wisc.) und Rechtsanwalt (Chicago) wenig erfolgreich, trat er 1860 in die „Illinois Staatszeitung“ (Chicago) ein und führte sie als Chefredakteur und Mitherausgeber bald zur bedeutendsten deutsch-republikanischen Tageszeitung des Westens. 1872 bis 1876 amerikanischer Konsul in Dresden, gehörte B. nach seiner Rückkehr dem Kongreß an, trennte sich aber 1884 von der Partei und unterstützte als Unabhängiger die Wahl Clevelands zum Präsidenten. B. beschäftigte sich auch mit rechtshistorischen und vergleichenden Arbeiten über die amerikanischen und europäischen Methoden des Ermittlungsverfahrens, sowie staatsrechtlichen Fällen.
6. Ernst Moritz Arndt
Ernst Moritz Arndt war ein entschiedener Gegner Napoleon Bonapartes (1769-1821) und stieg als solcher während der Befreiungskriege zu einem der populärsten Verfasser patriotischer Schriften auf. Er gilt neben Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) und Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) als einer der geistigen Väter der burschenschaftlichen Bewegung im frühen 19. Jahrhundert. Im Revolutionsjahr 1848 war er Abgeordneter und Alterspräsident in der deutschen Nationalversammlung. Seine Forderungen zur Schaffung eines deutschen Nationalstaates basierten neben chauvinistischen nicht zuletzt auf rassischen und antisemitischen Argumentationen, die sich auch die Nationalsozialisten zu eigen machten. Der Wert seiner Verdienste und Leistungen wird daher heute kontrovers diskutiert.
Seine 1803 veröffentlichte Schrift „Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen" trug maßgeblich zur Aufhebung der in Schwedisch-Pommern noch bestehenden Leibeigenschaft durch den schwedischen König Gustav IV. (1778-1837) im Jahr 1806 bei. Am 11.4.1806 wurde Arndt zum außerordentlichen Professor ernannt. Seit der Veröffentlichung seiner Flugschrift „Geist der Zeit" im Jahr 1805, in der er die nationalstaatliche Einigung der deutschen Staaten gefordert und die Expansionspolitik Frankreichs angeprangert hatte, galt er als einer der vehementesten Kritiker Napoleons.
Aus Angst vor Verhaftung durch die herannahenden französischen Truppen flüchtete Arndt im Dezember 1806 nach Schweden. 1808 kehrte er unter falschem Namen nach Pommern zurück und dozierte nach dem Abzug der Franzosen von 1810 bis 1811 erneut an der Greifswalder Universität. Vor dem Russlandfeldzug Napoleons entzog sich Arndt dem Zugriff der Franzosen wiederum durch Flucht. Er gelangte auf Irrwegen nach St. Petersburg, wo er als Sekretär in den Dienst des Reichsfreiherrn Heinrich Karl Friedrich vom Stein (1757-1831) trat.
In den folgenden Jahren erlangte er durch seine patriotischen Schriften und Kampflieder einen hohen Bekanntheitsgrad. In seinen Texten predigte er den Hass gegen die Franzosen, den er zur „Religion des deutschen Volkes" erklärte, forderte den Zusammenschluss aller Deutschen und rief auch zum Ungehorsam gegen die regierenden Fürsten auf. Diese Inhalte gaben nicht zuletzt der Entstehung der studentischen Burschenschaften entscheidende Impulse. Die Jenaische Burschenschaft leitete ihre Verfassung des Jahres 1815 mit der ersten Strophe seines populären Liedes „Des Deutschen Vaterland" ein. 1818 wurde Arndt als Professor an die in diesem Jahr eröffnete preußische Universität Bonn berufen, zu deren Gründung er mit einer 1815 verfassten Denkschrift maßgeblich beigetragen hatte. Den ursprünglich vorgesehenen Standort Köln hatte er aufgrund der katholischen Tradition der Rheinmetropole vehement abgelehnt. Seine Lehrtätigkeit fand jedoch bereits 1819 ein jähes Ende. Die nach den Karlsbader Beschlüssen einsetzenden Demagogenverfolgungen boten der preußischen Regierung die Gelegenheit, auch den populären, in Friedenszeiten aber unbequemen Arndt, auszuschalten. Nach vorübergehender Verhaftung und Hausdurchsuchung wurde er im November 1819 von seinem Amt suspendiert und durfte trotz erwiesener Unschuld bis 1840 keine Vorlesungen mehr abhalten. Da er zudem befürchtete aus Bonn entfernt zu werden, stellte er auch seine Aktivitäten als Schriftsteller politischer Texte vollständig ein. Erst die Instabilität der Verhältnisse in Frankreich und Polen veranlassten ihn ab 1830 dazu, seinen Forderungen nach einer Einigung der deutschen Staaten unter Preußens Führung wieder öffentlich Nachdruck zu verleihen.
In der Bonner Bevölkerung genoss Arndt ein hohes Ansehen und galt als ein Opfer staatlicher Willkür. Die Nachricht von seiner Rehabilitierung durch König Friedrich Wilhelm IV. (Regierungszeit 1840-1858) am 2.7.1840 löste in Bonn daher eine Welle von Beifallsbekundungen und Ehrungen aus. Vom Senat der Universität im August 1840 zum Rektor für das Amtsjahr 1840/1841 gewählt, konnte Arndt seinen Pflichten nach einer Unterbrechung von mehr als zwei Jahrzehnten wieder nachkommen.
Obwohl er weiterhin als politischer Märtyrer und Vorkämpfer des deutschen Einheitsgedankens gefeiert wurde, erwies sich Arndts Lehrer- und Forschertätigkeit an der Universität bald von geringem Wert. Seine Methodik galt als veraltet, und auch die von ihm gehaltenen Vorlesungen erfüllten die in sie gesetzten Erwartungen nicht mehr.
In den folgenden Jahren mehrten sich kritische Stimmen. Der Student Napoleon Osmolski verspottete Arndt als „wahren, aber beschränkten deutschen Mann" sowie als „intoleranten Protestanten" und „fanatischen Franzosen-, Polen- und Katholikenfresser". Bei der Mehrheit der Studenten war seine Popularität bei Ausbruch der Revolution 1848/1849 jedoch ungebrochen. Am Abend des 17.3.1848 wurde er von der Studentenschaft mit einem Fackelzug geehrt und noch im Alter von 85 Jahren zum Hauptmann einer Studentenkompanie gewählt. Als Arndt sich jedoch gegen den politischen Radikalismus der demokratischen Bewegung wandte und sich für die konstitutionelle Monarchie aussprach, wurde ihm „Zaghaftigkeit" vorgeworfen.
Arndt wurde als Abgeordneter der Stadt Solingen neben weiteren sechs Professoren der Universität Bonn in die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche gewählt. Seine Tätigkeit als Parlamentarier blieb allerdings ohne nachhaltige Wirkung. Die Neue Rheinische Zeitung verspottete ihn als „liebenswürdigen Schwätzer", der „durch die Erzählung kindlicher Anekdoten und Schnurren nur der Unterhaltung diene." Nach der Ablehnung der Kaiserwürde durch Friedrich Wilhelm IV. (1849) trat Ernst Moritz Arndt enttäuscht von seinen politischen Ämtern zurück. Er kehrte nach Bonn zurück, wo er am 29.1.1860 an den Folgen einer Lungenentzündung starb. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Friedhof in Bonn.
Die Diskussion über die Bedeutung und das Vermächtnis des Patrioten Ernst Moritz Arndt setzte bereits zu seinen Lebzeiten ein und dauert bis heute an. Im Kaiserreich zum Nationalhelden stilisiert, wurden seine Werke nach dem Ersten Weltkrieg durch die Nationalsozialisten ideologisch vereinnahmt. Seit 1945 wird Arndt einer zunehmend kritischeren Betrachtung unterzogen. Es würde der Vielschichtigkeit seines Wirkens jedoch nicht gerecht, Arndt lediglich zu einem Vorkämpfer der rassistischen Ideenwelt des Nationalsozialismus zu degradieren. Auch wenn seine Werke in vielen Passagen heute als überholt gelten, bleiben sein uneigennütziger Einsatz gegen die napoleonische Fremdherrschaft und den preußischen Polizeistaat davon unberührt. Seine Forderungen nach einer geistigen und politischen Überwindung deutscher Kleinstaaterei, an deren Stelle ein Nationalstaat moderner Prägung entstehen sollte, machen ihn trotz aller Schwächen zu einem wichtigen Visionär und Impulsgeber der deutschen Einheitsbewegung.
7. August von Kotzebue
K. ließ sich nach einem juristischen Studium als Advokat in Weimar nieder. 1781 ging er als Sekretär nach Petersburg, heiratete dort in den Adel, wurde Präsident des Gouvernements-Magistrats der Provinz Estland und erhielt den persönlichen Beamtenadel. Nebenbei beschäftigte er sich an einem Liebhabertheater. Sein erster Welterfolg wurde „Menschenhaß und Reue“ (1789), ein Stück, in dem die Themen Gattenliebe, Mutterliebe, Ehebruch, Standesunterschiede, Großmut, Landleben im hohen, im rührenden und im komischen Ton so haargenau den Publikumserwartungen entsprechend dosiert sind, daß der kalkulierte Erfolg vollständig eintraf. Nach diesem – aller Trivialliteratur zugrundeliegenden – Rezept, den Zuschauer niemals zu brüskieren, ihn immer etwas klüger als die Helden sein zu lassen, tragische Katastrophen zu vermeiden oder im letzten Moment aufzulösen, schrieb K. ein Stück nach dem anderen, insgesamt weit über 200.
Nach dem Tode seiner ersten Frau (1790) führte er ein unruhiges Reiseleben, hielt sich in Mannheim und Paris auf und lebte seit 1795 in Narva, 1798 in Wien. 1799 kehrte er nach Weimar zurück, wo er mit den Literaturgrößen der Zeit aneinandergeriet. 1800 wurde er auf einer Reise nach Rußland an der Grenze als vermeintlicher Jakobiner verhaftet und ohne Verurteilung nach Sibirien verbannt, aber schon nach 4 Monaten freigelassen und zum Direktor des Deutschen Hoftheaters in Petersburg ernannt. Sein zarenfreundliches Rührstück „Der alte Leibkutscher Peters des Dritten“ (1799) hatte wohl Zar Paul I. für ihn eingenommen. Nach der Ermordung des Zaren 1801 lebte K. in Weimar, Jena und später in Berlin. Nach dem Tod seiner zweiten Frau unternahm er wiederum etliche Reisen und heiratete zum dritten Mal in Estland. Als politischer Publizist kämpfte er in zum Teil von ihm mitherausgegebenen Zeitschriften – „Der Freimütige“ (1804-06), „Die Biene“ (1808-09), „Die Grille“ (1811-12) – gegen →Napoleon. Seit 1813 wirkte er als russischer Staatsrat und Generalkonsul in Königsberg, seit 1817 gab er sein „Literarisches Wochenblatt“ heraus (2 Bände, 1818–19) und schrieb für den Zaren von Weimar aus als literarisch-wissenschaftlicher Korrespondent geheime „monatliche Berichte“ zu politischen und öffentlichen Ereignissen. Dies brachte ihn durch Indiskretion in den Verdacht, russischer Spion zu sein. Ein historisches Werk: „Geschichte des Deutschen Reiches von dessen Ursprüngen bis zu dessen Untergange“ (2 Bände, 1814 folgende) wie seine antiliberalen Beiträge in seinem „Literarischen Wochenblatt“ bekunden seine veränderte politische Haltung: Er lobt die Monarchie vor der Demokratie, rückt von der unbedingten Forderung nach Freiheit und Gleichheit ab, verteidigt die Pressezensur, wettert gegen den neuen Geist der Universitäten, verspottet Turnvater Jahn, das Idol der damaligen Jugend, und macht sich so bei ihr verhaßt. Im Oktober 1817 wurden auf dem Wartburgfest auch Schriften K.s verbrannt. Von diesem politisch motivierten Haß geleitet, ermordete ihn der Jenaer Theologiestudent Karl Ludwig Sand am 23.3.1819 in Mannheim und wurde dafür selbst hingerichtet. Das Ereignis diente als Vorwand, die Karlsbader Beschlüsse in Kraft zu setzen, der staatliche Dirigismus wurde verstärkt, die Burschenschaften verboten, die Autonomie der Universitäten weitgehend zerstört.
Dieser gewaltsame Tod hat den ohnehin bekannten K. noch populärer gemacht. Er blieb im 19. Jahrhundert der am meisten gespielte Autor in Europa. Freilich wurde er schon von der Literaturkritik seiner Zeit als modischer und seichter Vielschreiber angegriffen, er geriet in massive Auseinandersetzungen mit den Frühromantikern, mit Goethe und Schiller. Auf sein Pamphlet: „Der hyperboräische Esel, oder: Die heutige Bildung. Ein drastisches Drama und philosophisches Lustspiel für Jünglinge, Literatursatire in einem Akt“ (1799), einer böswilligen Zitatkollage aus Friedrich Schlegels Schriften, antwortete August Wilhelm Schlegel in einer höhnischen Parodie: „Ehrenpforte und Triumphbogen für den Theaterpräsidenten von Kotzebue bei seiner gehofften Rückkehr ins Vaterland“ (1800). Goethe, den er wiederholt angriff, verteidigte doch in ihm den versierten Theaterpraktiker und konnte auf seine Stücke an der eigenen Bühne nicht verzichten. Den Vorwurf der Unmoral in seinen Stücken hat K. mit einem ordinären und bösen, zudem unter dem Namen eines anderen veröffentlichten Pamphlet: „Doktor Bahrdt mit der eisernen Stirn, oder Die deutsche Union gegen Zimmermann. Ein Schauspiel in vier Aufzügen, von Freiherr von Knigge“ selbst verschuldet. Aber auch Konfliktlösungen wie das Verzeihen eines Ehebruchs („Menschenhaß und Reue“), die keusche Ehe zu dritt als letzte Möglichkeit in einer sonst ausweglosen Situation („La Peyruse“) und ähnliches stießen auf heftige Kritik.
K.s Erfolg beruhte auf der virtuosen Handhabung bewährter Theater- und Komödienmittel: Verkleidung, unwahrscheinliche Zufälle, Typisierung der Personen, unablässiger Gebrauch der Rührmotivik, geschickter Einsatz spannender Effekte. Seine Thematik kam den Wunschvorstellungen des Publikums entgegen: Es durfte wunderbare Mesalliancen geben, die Moral des Herzens siegte über die gesellschaftliche, man konnte aus ausweglosen Situationen in exotische Länder mit freien Gesetzen ohne die Zwänge des alten Europa und seiner Gesellschaft fliehen. Die Kritik an der Gesellschaft, an den Standesunterschieden, am Reichtum, an den engen Tugendidealen war erhebend, solange sie auf der Bühne blieb.
Am bekanntesten ist bis heute K.s Lustspiel „Die deutschen Kleinstädter“ (1803) geblieben, das äußerst geschickt mit Witz, Spott, Komik und der Verhöhnung menschlicher Schwächen arbeitet. Die Personen sind aber so stark karikiert, daß sich der Zuschauer nicht selbst getroffen zu fühlen braucht. Krähwinkel, der Ort des Geschehens, mit seinen kleinkarierten, titelsüchtigen, klatschenden Bewohnern hat das Deutschlandbild im Ausland mitgefärbt.
8. Carl Ludwig Sand
Nach dem Besuch des Lyzeums in Wunsiedel und des Gymnasiums in Hof und Regensburg studierte S. 1814 ev. Theologie in Tübingen, wo er 1815 der Landsmannschaft Teutonia, 1817 der Burschenschaft Arminia beitrat. Nach einer Reise in die Schweiz 1815 und der Teilnahme am Befreiungskrieg setzte er 1816 sein Studium in Erlangen fort, wo er intensiv für burschenschaftliche Ideen warb und die „Teutsche Burschenschaft“, später Teutonia, mitbegründete, deren Führer er bis Mitte 1817 blieb. Aus der Landsmannschaft Franconia trat er nach dem fehlgeschlagenen Versuch, sie dem burschenschaftlichen Gedanken zuzuführen, wieder aus und wurde von dieser in Verruf erklärt. Im Okt. 1817 nahm S. am Wartburgfest in Eisenach teil (Mitgl. d. Festausschusses u. Fahnenbegleiter). Hier verteilte er seine Flugschrift zur Gründung einer „allgemeinen freien Burschenschaft“, die erst 1818 größere Wirkung entfaltete, und nahm teil an der Bücherverbrennung auf dem Wartenberg, der u. a. →August v. Kotzebues (1761–1819) „Geschichte des dt. Reichs“ zum Opfer fiel. Anschließend studierte S. in Jena und wurde Mitglied der (Ur-)Burschenschaft und ihres Ausschusses, im Sommer 1818 auch des inneren Zirkels, des „engeren Vereins“, und des Vorsteherkollegiums. Unter dem Einfluß →Karl Follens (1796–1840) entwickelte sich S. zum Anhänger der „Unbedingten“, des radikalen, politischen Mord nicht ausschließenden Flügels der Burschenschaft. S.s auf dem 2. Burschentag in Jena verbreitetes Flugblatt „Teutsche Jugend an die teutsche Menge, zum 18. October 1818“ fand keine Resonanz. Im Herbst 1818 besuchte S. Friedrich Ludwig Jahn in Berlin und verteilte sein Flugblatt unter den Studenten.
Den Tod Kotzebues, den er als „Landesverräter“, „Volksverführer“ und Feind der Burschenschaft betrachtete, erwog S. schon am 5. Mai 1818 in seinem Tagebuch. Nach dem formalen Austritt aus der Burschenschaft im Febr. 1819 mit dem Zweck, die gegenseitigen Beziehungen verleugnen zu können, erstach S. am 23. März Kotzebue in dessen Mannheimer Wohnung. Sein anschließender Selbstmordversuch scheiterte. Bei sich trug er seine Schrift „Todesstoß dem →August von Kotzebue“, zu der er sich auch in seinem Prozeß bekannte, in dem er vom Hofgericht Mannheim am 5. Mai 1820 zum Tode verurteilt wurde.
S. galt als fleißiger Student und gläubiger Christ, aber mit verworrenen Gefühlen und ungeordneten politischen Ideen. Bereits bei seiner Hinrichtung war S. ein Symbol für Einheit und Freiheit geworden, sein Grab wurde ein Wallfahrtsort. Im Vormärz wurde S. zum politischen Heiligen stilisiert und stieg zur Identifikationsfigur v. a. im radikaldemokratischen und -nationalen Flügel der Burschenschaft auf. Seine von der Mehrheit der Burschenschafter nicht gebilligte Tat bildete dagegen nicht den von ihm erhofften Anstoß für eine allgemeine Freiheits- und Einheitsbewegung, sondern lieferte dem Dt. Bund den Anlaß für die Karlsbader Beschlüsse (20.9.1819) und das daraus folgende scharfe Vorgehen gegen die bürgerliche Nationalbewegung.
Dem „Mörder aus Vaterlandsliebe“ (K. A. v. Müller) wurde eine Unzahl von Aufsätzen, Gedichten, Flugschriften, Schauspielen, Romanen und bildlichen Darstellungen gewidmet. Alexander Puschkin dichtete etwa auf S. „Der Dolch“, Aurore Dupin Baronin Dudevant wählte ihr Pseudonym „George Sand“ angeblich nach S., Alexandre Dumas widmete ihm eine Novelle, Karl Hans Strobl ein Schauspiel, 1873, 1921, 1924, 1926, 1993 und 1998 erschienen umfangreichere S.-Romane.
9. Gebrüder Grimm
Steinau, Hanau
Jacob Grimm und Wilhelm Grimm werden 1785 und 1786 im hessischen Hanau geboren. Es folgen vier Geschwister. Kindheit und frühe Schulzeit verbringen sie in Steinau. 1796 stirbt der Vater. Unterstützung leistet fortan eine Tante, die in Kassel Hofdame ist.
Kassel
Zur Vorbereitung auf das noch vom Vater gewünschte Jurastudium gehen die Brüder Grimm 1798 an das Lyceum Fridericianum in Kassel.
Marburg
Jacob Grimm immatrikuliert sich 1802 an der Universität Marburg. Wilhelm folgt 1803. Prägend ist die Ausbildung durch Friedrich Carl von Savigny, der sie in seinen romantischen Freundeskreis aufnimmt.
Paris
Im Januar 1805 lädt Savigny Jacob Grimm als Helfer beim Quellenstudium nach Paris ein. Während dieser Trennung schließen die Brüder Grimm die Verabredung über ihre Lebensgemeinschaft.
Kassel
Die Mutter mietet mit den sechs Kindern 1805 eine Wohnung in der Kasseler Marktgasse. Gegenüber lebt die Apothekerfamilie Wild, mit der ein enges Verhältnis entsteht. (Die Apothekertochter Dortchen Wild heiratet Wilhelm Grimm 1825.) 1808 stirbt die Mutter der Brüder Grimm. Um die Brüder Grimm bildet sich ein Freundschafts- und Lesezirkel. Hier beginnen sie mit der Sammlung ihrer Märchen. 1807 macht Napoleon Kassel zur Hauptstadt des „Königreichs Westphalen“ mit seinem Bruder Jérôme als König. Jacob Grimm wird dessen Bibliothekar im Schloss Wilhelmshöhe, damals „Napoleonshöhe“. 1811 erscheinen die ersten eigenen Bücher der Brüder Grimm, 1812 mit dem althochdeutschen Hildebrandlied das erste gemeinsame Werk und im Dezember Band 1 der Märchen.
Paris und Wien
Nach dem Untergang des Königreichs Westphalen Ende Oktober 1813 wird Jacob Grimm kurhessischer Diplomat und hält sich 1814/1815 längere Zeit in Paris und Wien auf.
Kassel
1814/1815–1829 arbeiten die Brüder Grimm an der Kurfürstlichen Bibliothek in Kassel. Der Dienst lässt ihnen Zeit für eigene Arbeiten. Die reichhaltigen Bestände können sie dafür nutzen. Ab 1819 wird Jacob Grimm mit seiner Deutschen Grammatik in Europa und Nordamerika bekannt. 1829 werden die Brüder Grimm nach Göttingen berufen.
Göttingen
1830–1837: Als Bibliothekare und Professoren an der Universität Göttingen sollen die Brüder Grimm eine Modernisierung der berühmten Universitätsbibliothek bewirken und halten Vorlesungen über die frühe deutsche Sprach-, Literatur- und Kulturgeschichte. Durch politische Entwicklungen des Jahres 1837 (Protest der „Göttinger Sieben“ gegen die Aufhebung der hannoverschen Landesverfassung durch den neuen König Ernst August) müssen sie die Universität unerwartet wieder verlassen.
Kassel
Zur Vorbereitung auf das noch vom Vater gewünschte Jurastudium gehen die Brüder Grimm 1798 an das Lyceum Fridericianum in Kassel.
wieder Kassel
1837–1841 sind die Brüder Grimm ohne Anstellung. Der Landesverwiesene Jacob Grimm geht gleich nach Kassel, Wilhelm folgt ein Jahr später. In diese Zeit fällt die Vereinbarung mit der Weidmann'schen Buchhandlung über das Deutsche Wörterbuch, durch die man die Brüder Grimm materiell sicherstellen und ihre Kompetenz für ein monumentales wissenschaftliches Werk nutzen will, das ein Symbol bürgerschaftlichen Engagements für ein künftiges geeintes, freiheitliches Deutschland sein soll.
schließlich Berlin
Im Herbst 1840 lässt der neue preußische König Friedrich Wilhelm IV. die Brüder Grimm nach Berlin berufen und gewährt ihnen ein gemeinsames Gehalt aus seinen Privatmitteln, mit dem sie frei ihren wissenschaftlichen Arbeiten nachgehen sollen. Als Mitglieder der Königlichen Akademie der Wissenschaften sind sie berechtigt, an der Universität Vorlesungen zu halten, was Jacob bis 1848 und Wilhelm bis 1852 wahrnimmt. 1841–1846 wohnt die Familie am Rand des Tiergartens in der kurz vorher angelegten Lennéstraße, 1846/1847 näher zu Akademie, Universität und Bibliothek in der Dorotheenstraße und ab 1847 in der Linkstraße, unmittelbar am damaligen Potsdamer Bahnhof. Fast täglich haben die Grimms in ihrer Wohnung Gäste. Im Sommer unternehmen sie meist ausgedehnte Reisen. Jacob Grimm fügt seinen Hauptwerken noch die Geschichte der deutschen Sprache (1848) hinzu. 1848 ist er Abgeordneter der Nationalversammlung, tritt im Herbst jedoch aus Unzufriedenheit über den Verlauf der parlamentarischen Arbeit zurück. Die 1850er Jahre sind durch die Arbeit am Deutschen Wörterbuch gekennzeichnet. Jacob Grimm arbeitet A, B und C aus, Wilhelm Grimm folgt mit dem D, und Jacob übernimmt wiederum E und F. Wilhelm Grimm vollendet gerade noch das D, ehe er im Dezember 1859 stirbt. Jacob Grimm gelangt bis zu seinem Tod im September 1863 bis zum Stichwort „Frucht“.
10. Clara Schumann
Nach der Scheidung der Eltern wuchs S. bei ihrem Vater →Friedrich Wieck auf, der ihr seit ihrem fünften Lebensjahr Klavierunterricht erteilte. S. genoß bei ihm eine exzellente Musikausbildung nach dessen selbst entwickelter Lehrmethode, die auch eine gezielte Schulung der Anschlagskultur, Gehörbildung und Partiturstudium umfaßte. Studien in Musiktheorie und Komposition bei Thomaskantor →Theodor Weinlig (1780–1842) und →Heinrich Dorn (1800–92), dem Musikdirektor am Hoftheater, ergänzten den Unterricht beim Vater. Der systematischen Vorbereitung auf die Virtuosenkarriere dienten zudem eine allgemeine körperliche Ertüchtigung durch lange Spaziergänge, die S. ihr Leben lang pflegte, sowie Unterricht durch Hauslehrer in Englisch und Französisch.
Nach ersten Auftritten im Rahmen der von ihrem Vater veranstalteten Abendunterhaltungen debutierte S. am 8.11.1830 im Leipziger Gewandhaus als Solistin u. a. mit Kalkbrenners „Rondo brillant“ und eigenen Variationen über ein Originalthema. 1831 unternahm der Vater mit S. erste Konzertreisen nach Dresden und Weimar sowie im Februar 1832 nach Paris. Repertoire, Konzertprogramme, Kontakte zu namhaften Musikern der Zeit wie L. Spohr, F. Chopin und F. Liszt wurden vom Vater sorgfältig ausgewählt. 1831 erschienen 4 Polonaisen von S. als opus 1 im Druck. Die „Romance varié“ opus 3 widmete sie →Robert Schumann, der seit 1830 bei Wieck als dessen Schüler wohnte. Am 9.11.1835 kam S.s Klavierkonzert op. 7 unter der Leitung von F. Mendelssohn Bartholdy im Leipziger Gewandhaus zur Uraufführung. Einen ersten Höhepunkt ihrer Karriere markiert der Aufenthalt in Wien vom Herbst 1837 bis März 1838, wo S. u. a. mit der Klaviersonate f-Moll op. 57 von L. v. Beethoven die Kritiker begeisterte und vom Kaiser zur k. k. Kammervirtuosin ernannt wurde.
Zum Konflikt mit dem Vater kam es aufgrund der sich seit 1835 entwickelnden Liebesbeziehung zu →Robert Schumann. 1839 unternahm S. erstmals eine Konzertreise ohne den Vater nach Paris. Da Wieck seine zur Heirat gesetzlich notwendige Zustimmung verweigerte, wurde der Streit schließlich vor dem Appellationsgericht entschieden. Nach der Hochzeit am 12.9.1840 nahm das Ehepaar S. seinen Wohnsitz zunächst in Leipzig, übersiedelte 1844 nach Dresden und 1850 nach Düsseldorf.
Die von der Nachwelt oft verklärte und von Robert und Clara mit hohen, dabei teils konträren Erwartungen eingegangene Ehe barg reichlich Konfliktstoff. Da Claras Klavierspiel Robert beim Komponieren störte, wurde ihre künstlerische Tätigkeit deutlich eingeschränkt. Das gemeinsame Studium von Partituren und die Bewunderung für das Werk Roberts entschädigten sie nur teilweise für das fehlende eigene Schaffen. Erst 1853,|an ihrem letzten gemeinsamen Wohnsitz in Düsseldorf, ermöglichte S. ein eigenes Musikzimmer in ausreichender Distanz zum Zimmer Roberts, wieder regelmäßig zu üben und zu komponieren.
Dennoch betrachtete S. selbst im zunächst wechselseitig geführten Ehetagebuch und in Briefen ihre Ehe als glücklich und entschied sich bewußt für den Namen Schumann, unter dem sie am 31.3.1841 im Leipziger Gewandhaus erstmals auftrat. Mit staunenswerter Energie meisterte S. die Belastungen durch insgesamt 10 Schwangerschaften in 14 Ehejahren und organisierte den Haushalt ebenso wie die Tourneepläne für gemeinsame Konzertreisen nach Norddeutschland (1842), Rußland (1844), Wien (1846) und Holland (1853), die für S. künstlerisch und finanziell überwiegend erfolgreich verliefen, für Robert aber hohe psychische und physische Strapazen darstellten. Noch ohne den sich verschlechternden Gesundheitszustand ihres Mannes zu erkennen, unterstützte ihn S. in Düsseldorf bei Chor- und Orchesterproben, übernahm Korrespondenzen und fertigte Abschriften seiner Werke an. Im Herbst 1854, ein halbes Jahr nach dem Zusammenbruch Roberts und seiner Einlieferung in die Heilanstalt Endenich bei Bonn, nahm Clara ihre Konzerttätigkeit in vollem Umfang wieder auf. Ihren Mann sah sie aufgrund eines strikten ärztlichen Besuchsverbots, das in der Literatur teilweise bezweifelt, durch einen Quellenfund in jüngerer Zeit aber bestätigt worden ist, erst zwei Tage vor seinem Tod noch einmal wieder.
Die folgenden Jahrzehnte waren für S. geprägt durch ausgedehnte, eng aufeinanderfolgende Konzerttourneen, die sie jeweils vom Herbst bis in das Frühjahr in wichtige Musikzentren Deutschlands, nach Holland, Belgien, Frankreich, Österreich, Ungarn und in die Schweiz führten. Zu einem Schwerpunkt ihrer Konzerttätigkeit wurde England, das sie von ihrem ersten Aufenthalt 1856 bis zum Ende ihrer Laufbahn – häufig begleitet von ihrer Tochter Marie – 19mal besuchte. In London feierte S. ihre vielleicht größten Erfolge. Die Sommermonate dienten der Vorbereitung der anschließenden Tourneen, aber auch der Erholung und dem Familienleben. Dies gilt besonders für die Jahre 1863–73, in denen S. ein Haus in Lichtental bei Baden-Baden besaß und hier auch regen Kontakt zu vielen befreundeten Künstlern wie der Sängerin →Pauline Garcia-Viardot (1821–1910), →Hermann Levi (1839–1900) und →Johannes Brahms (1833–97) pflegte. Die übrige Zeit des Jahres wurden die Kinder bei Verwandten und in Pensionaten untergebracht. 1878 nahm S. eine Berufung durch →Joachim Raff (1822–82) an das Dr. Hoch's Konservatorium in Frankfurt als Erste Klavierlehrerin an. Sie verlegte ihren Wohnsitz nach Frankfurt und lebte dort bis zu ihrem Tod zusammen mit ihren Töchtern Marie und Eugenie, die die technische Unterweisung der Schüler übernahmen, während S. selbst sich ganz der Interpretation widmete. Sie konzertierte – zunehmend von nervösen Zuständen, Nervenschmerzen und Gehörproblemen geplagt – noch bis 1891 öffentlich und zog sich 1892 auch von ihrer Tätigkeit am Konservatorium zurück.
S. war die bedeutendste Pianistin ihrer Zeit. Ihr Erfolg gründete auf ihrem ausdrucksvollem Spiel, ihrer in jungen Jahren zarten, später würdevollen Erscheinung – sie trat seit 1856 nur in schwarzer Kleidung auf – und einer sorgfältig durchdachten Programmdisposition: Ihr Repertoire wandelte sich von typischen gemischten Virtuosenprogrammen seit den 40er Jahren hin zu anspruchsvoller klassischer Literatur und stand in Wechselwirkung mit dem sich gleichfalls verändernden Publikumsgeschmack. Die Auswahl ihrer Stücke prägte das Konzertleben bis in unsere Zeit. Berühmt waren ihre Beethoven-Interpretationen, die auch im Zentrum ihres pädagogischen Wirkens standen. Mit Vorliebe spielte S. Beethovens Klaviersonaten op. 53 und op. 57 sowie das Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur, zu dem sie auch zwei Kadenzen schrieb. Nahm sie in der Frühzeit ihrer Ehe nur sparsam Werke ihres Mannes in ihre Programme auf, da diese noch keine Erfolgsgarantie boten, so wurde sie nach seinem Tod eine unermüdliche Protagonistin seines Werks. Ferner trug sie Stücke von Mendelssohn Bartholdy, Chopin, Schubert, aber auch von Bach regelmäßig vor sowie Werke von →Johannes Brahms.
Als Komponistin geriet S. nach ihrem Tod rasch in Vergessenheit und wurde erst von der Frauenmusikforschung in den 1970er Jahren wiederentdeckt. Ihre frühen Werke entstanden für den eigenen Vortrag, wie dies dem Selbstverständnis der Klaviervirtuosen jener Zeit entsprach. Besonders ihr Klavierkonzert überzeugt durch seinen lebhaften, teils schwärmerischen Gestus und hat Spuren im Klavierkonzert Robert S.s hinterlassen. Der künstlerische Austausch mit dem Ehemann zeigt sich auch in S.s Klavierliedern, die durch phantasievolle melodische Erfindung und einfühlsam auf den Text bezogene Klavierbegleitung gekennzeichnet sind. Wiederholt äußerte S. allerdings Selbstzweifel an ihren Werken und gab, möglicherweise aus einem gestiegenen Qualitätsanspruch heraus, 1856 das eigene Komponieren auf.
Besonders seit den Frankfurter Jahren betätigte sich S. verstärkt als Herausgeberin, sah für den Musikverleger →Hermann Härtel (1803–75), dem sie freundschaftlich verbunden war, zahlreiche Druckfahnen durch und zeichnete auch für die Gesamtausgabe der Werke Robert S.s verantwortlich, die 1879-86 bei Breitkopf & Härtel erschien. 1886 gab S. eine sog. „Instruktive Ausgabe“ der Klavierwerke Robert S.s heraus, in der sie in Vortragsangaben ihre Interpretation für Schüler festschrieb.
Zeit ihres Lebens stand S. in regem Kontakt zu vielen Musikern und namhaften Persönlichkeiten, wie z. B. →Felix Mendelssohn Bartholdy, →Julius Stockhausen (1826–1906), →Joseph Joachim (1831–1907), →Franz Wüllner (1832–1902) u. a. Am wichtigsten für S. war zweifellos die Freundschaft mit→Johannes Brahms, der S. 1854-56 vielfach unterstützte und zeitweise bei ihr wohnte, woraus sich eine lebenslange vielschichtige, spätestens seit Sommer 1856 aber rein platonische Beziehung entwickelte.
Viele Briefe aus der umfangreichen Korrespondenz, die S. manchmal mehrere Stunden am Tag beschäftigte, erschienen mit dem neu erwachten Interesse an ihrer Person seit den 1990er Jahren im Druck und geben ein genaueres Bild ihrer Persönlichkeit. Im schriftlichen Austausch mit Freundinnen und Kollegen, ihren Kindern und Enkeln zeigt S. sich als ungemein selbstdiszipliniert, ernsthaft, manchmal bis an die Grenzen der Humorlosigkeit, aber auch voller teilnehmender Fürsorge. Ihre Kraft schöpfte sie aus ihrem Künstlerdasein, in das sie sich in krisenhaften Lebenslagen flüchtete.
11. Friedrich Ludwig Jahn
J. wurde bis zu seinem 13. Lebensjahr von seinem Vater unterrichtet, besuchte dann 3 Jahre das Gymnasium in Salzwedel und ½ jahr das Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, das er Ostern 1795 ohne Abschluß verließ. Seit 1796 betrieb er theologisch-historische und deutschkundliche Studien an den Universitäten Halle, Frankfurt/Oder, Greifswald, Göttingen; 1798 trat er in einen freimaurerischen Studentenorden (Unitistenorden) in Halle ein. Er erhielt in Greifswald 1803 das „consilium abeundi“ wegen einer Prügelei. J. siedelte nach längerer Hauslehrertätigkeit, mehreren Reisen und weiteren Studienversuchen in Göttingen und Jena 1809 nach Berlin über, wo er am Friedrich-Werderschen Gymnasium für einige Monate als Hilfslehrer eine Beschäftigung fand. Ein Anstellungsgesuch scheiterte, da er das „examen pro facultate docendi“ nicht bestand. Dennoch lehrte er weiter am Gymnasium zum Grauen Kloster und der Plamannschen Erziehungsanstalt. 1810 gründete er gemeinsam mit Frdr. Friesen den „Deutschen Bund“, den Vorläufer der Burschenschaften.|Die Mitglieder des Deutschen Bundes stammten vorwiegend aus Offiziers- und Lehrerkreisen. Wichtigste Ziele des Bundes, die im „Bundesbuch“ festgehalten wurden, waren die Befreiung Deutschlands von der franz. Herrschaft und die nationale Einheit. – Anfang Juni 1811 eröffnete J.nach dem Vorbild GutsMuths’ den ersten Turnplatz auf der Hasenheide in Berlin.
Das Turnen hatte mit Spaziergängen und Spielen im Kreise der Schüler zwanglos begonnen. 1811-13 nahm das Turnen auf der Hasenheide unter J.s Leitung einen starken Aufschwung. Der Turnbetrieb wurde straff organisiert, das Übungsgut beträchtlich erweitert. Während der Kriegszeit (1813–15), die J.bei dem von ihm mitbegründeten Lützowschen Freikorps verbrachte, leitete Eiselen den Turnbetrieb in Berlin. Nach Kriegsende kam es 1815-19 zu Spannungen zwischen J. und den Behörden, die auf die unterschiedliche Bewertung des Turnens zurückzuführen sind. Während das Kultusministerium das Turnen als Erziehungsgegenstand in das schulische Erziehungswesen eingebaut wissen wollte, betrachtete J. das „vaterländische Turnen“ als einen wesentlichen Beitrag zur Verwirklichung seiner Volkstumsideen, mit denen er das deutsche Nationalgefühl stärken wollte. Sein „Deutsches Volkstum“ (1810) enthält wichtige Gedanken über Volk und Staat, Sprache und Brauchtum, Erziehung und Bildung, aber auch gefährliche nationalistische, rassistische und antisemitische Äußerungen. Galt das Turnen zuerst als Vorbereitung auf den Freiheitskampf, so sollte es nach den Befreiungskriegen dazu dienen, „im Herzen das neue Deutschland aufzubauen“, das heißt, den Kampf um Einheit, Freiheit und liberale Verfassung mitzuunterstützen. Dem diente insbesondere die von J. mitinspirierte Burschenschaftsbewegung, die am 12.6.1815 in Jena gegründet wurde. Die Verbindung Turnen-Burschenschaft war so eng, daß bald der Name „Burschenturner“ geprägt wurde. Die Burschenschaftsbewegung und das „vaterländische Turnen“ gerieten seit 1816 immer stärker in die politische Auseinandersetzung mit der einsetzenden Reaktion.
Im Frühjahr 1817 hielt J. in Berlin öffentliche Vorträge über sein „Deutsches Volkstum“, mit denen er die Obrigkeit provozierte. Das Wartburgfest am 18.10.1817, die Sperrung des Breslauer Turnplatzes nach der dortigen „Turnfehde“ 1818 und die Ermordung Kotzebues durch den Burschenturner Sand 1819 – drei Ereignisse, die alle direkt oder indirekt mit dem Wirken J.s zusammenhingen – führten schließlich in Verbindung mit persönlichen Schwierigkeiten, die J. dem preuß. Kultusministerium bereitete, zur vorläufigen Einstellung des Turnbetriebes im Sommer 1819. Am 2.1.1820 erfolgte dann aufgrund der Karlsbader Beschlüsse der entscheidende Erlaß des Innen- und Polizeiministers: „Da es Seiner Majestät ernstlicher Wille ist, daß das Turnwesen ganz aufhört, so hat die Königl. Regierung von Polizei wegen nachdrücklich darauf zu halten, daß alles Turnen schlechterdings unterbleibe.“ Am 3.3.1820 verfügte Hardenberg, daß alle außerhalb der Städte errichteten Turngeräte wegzuschaffen und zu zerstören seien. – J. war bereits in der Nacht vom 13. zum 14.7.1819 „als geheimer, hochverrätherischer Verbindung verdächtig“ in seiner Wohnung verhaftet und auf die Festung Spandau, dann Küstrin gebracht worden. (Während der Haftzeit starben zwei seiner 3 Kinder). Am 22.5.1820 wurde er zwar aus der Haft entlassen, als einstweiliger Aufenthaltsort aber die Festungsstadt Kolberg bestimmt, wo er unter die Aufsicht des Festungskommandanten gestellt wurde. 1825 erfolgte die völlige Freisprechung, doch wurde ihm ein Aufenthalt in einer Universitäts- oder Gymnasialstadt untersagt. Er wählte Freyburg/Unstrut (1829–36 Kölleda) zum Aufenthaltsort. Die Beschränkung seiner politischen Tätigkeit wurde 1840 durch Friedrich Wilhelm IV. aufgehoben, der J. nachträglich das Eiserne Kreuz II. Kl. verlieh. 1848 wurde J. als Abgeordneter in das Parlament der Frankfurter Paulskirche gewählt, aber hier ist er – sieht man von seiner (nur gedruckten) „Schwanenrede“ ab – kaum hervorgetreten. – Dr. h. c. (Jena u. Kiel 1817).
J.s Turnen in seiner Verbindung von Volkstumsgedanke und Patriotismus muß als politische Erscheinung begriffen werden. Nur so ist es zu verstehen, daß mit der Reichsgründung, als sich die Deutsche Turnerschaft wieder auf J. besann, dieser als nationaler Herold, als Kämpfer für die deutsche Einheit unter Preußens Führung glorifiziert wurde. Nach dem 1. Weltkrieg kam es zu einer J.-Renaissance, als die Deutsche Turnerschaft versuchte, sich nach Deutschlands Niederlage an einem idealisierten und heroisierten J.-bild aufzurichten. Gefälscht wurde dieses dann nach 1933 von Alfred Baeumler, der J.zum „politischen Soldaten“ und Wegbereiter des Nationalsozialismus machte. Eine solche Verfälschung war aber nur möglich, weil man sich auf rassistische und nationalistische Aussagen J.s berufen konnte.
12. Ludwig Feuerbach
F. studierte ab 1823 in Heidelberg bei dem Hegelianer →K. Daub Theologie, 1824-26 in Berlin bei →Hegel selbst Philosophie. 1825 ging er ganz zur Philosophie über. 1828 promovierte er in Erlangen und habilitierte sich dort im gleichen Jahr mit der nur wenig umgearbeiteten Dissertation, die als Habilitationsschrift den Titel trug „De ratione una, universali, infinita“. Diese sowie eine spätere Schrift, „Kritik des Anti-Hegel“ (1835), eine Auseinandersetzung mit C. F. Bachmann, bezeugen F.s gründliches Hegel-Verständnis. 1830 veröffentlichte er eine anonyme Schrift „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ mit einem Anhang: „Satirisch-theologische Distichen“. Daß er In dieser Schrift die persönliche Unsterblichkeit leugnete, entschied über seine fernere Zukunft: dreimal bewarb er sich vergeblich um eine außerordentliche Professur. Auch Versuche, durch V. Cousin eine Stellung in Paris zu finden, scheiterten, ebenso Bemühungen um einen Lehrstuhl in Bern oder eine passende Tätigkeit in Griechenland. Da ihm die akademische Lehrtätigkeit ohnedies nicht zusagte, zog er sich 1836 endgültig von der Universität zurück. Auf Schloß Bruckberg bei Ansbach, wo seine Frau Mitbesitzerin einer ererbten Porzellanfabrik war, führte er ab 1837 ein stilles, genügsames Leben. Hier schrieb er „Das Wesen des Christentums“ (1841) und die selbständigen philosophischen Werke der 40er Jahre: „Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie“ (1842); „Grundsätze der Philosophie der Zukunft“ (1843). Durch A. Rüge, G. Herwegh, Christian Kapp, K. Marx mit den revolutionären Bewegungen vor und nach 1848 verbunden, hielt er sich doch von der Tagespolitik fern. Im Revolutionsjahr hielt er auf Einladung von Studenten öffentliche Vorlesungen im Heidelberger Rathaus (Wintersemester 1848/49). Der Physiologe J. Moleschott und der Dichter Gottfried Keller zählten zu seinen Hörern. 1860 zwang ihn der Bankrott der Porzellanfabrik zur Übersiedlung nach Rechenberg. Dort lebte er unter ungünstigen Verhältnissen, zum Teil auf Spenden angewiesen, die unter anderem die Sozialdemokratische Partei für ihn sammelte, bis zu seinem Tode.
In seiner Philosophie geht F. davon aus, daß der Geist der Neuzeit die Auflösung der Theologie sei, – in der Naturwissenschaft praktisch, durch ihren von theologischen Rücksichten befreiten Empirismus; im Protestantismus religiös-praktisch, durch die Verlagerung des Interesses von Gott-an-sich auf den Gott-für-uns, Christus, den menschgewordenen Gott; im Deutschen Idealismus theoretisch: Hegels Logik erfaßt die metaphysischen Wesensbestimmungen Gottes, die im Laufe der Geschichte hervorgetreten sind, als die Kategorien des Denkens selbst. Was im Theismus Objekt ist, – das gedachte Wesen der Vernunft, – das ist in der spekulativen Philosophie Subjekt, – das denkende Wesen der Vernunft: durch diese Subjektivierung Gottes wird seine Jenseitigkeit aufgelöst, allerdings nur erst „im Kopf“. Der absolute Geist der Hegelschen Logik ist seinerseits noch ein Jenseits gegenüber dem wirklichen Menschen; darin bezeugt sich die Herkunft der idealistischen Philosophie aus der christlichen Theologie. Es gilt nun, diesen Auflösungsprozeß kritisch zu vollenden und Gottes Jenseitigkeit auch „im Herzen“ aufzulösen. F.s Anliegen ist die Aufhebung aller Theologie und metaphysischen Philosophie in Anthropologie. In aller Religion sieht F. eine Selbstentfremdung des Menschen: was als Gott vorgestellt wird, ist nur die Personifizierung unserer eigenen Wesensakte, die dabei von den Schranken, die ihnen in jedem Individuum anhaften, befreit werden, und so – als All-Wissen, All-Macht und so weiter – einem höheren Wesen als dessen Akte zugeschrieben werden. In Wahrheit haben die Menschen mit dieser Entschränkung des konkreten Denkens, Fühlens und so weiter zum „actus purus“ zwar sich als Individuen, nicht aber die Allgemeinheit der menschlichen Gattung überschritten. Aber das durchschauen sie zunächst nicht. Die Spannung zwischen dem endlichen „Ich“ des Einzelnen und dem unendlich-überindividuellen „Wir“ der Gattung wird vielmehr vergegenständlicht zur Spannung zwischen dem menschlichen „Ich“ und dem göttlichen „Du“, an das sich der Mensch in Liebe hingibt. In solcher religiösen Vergegenständlichung der Gattung liegt freilich eine tiefe anthropologische Wahrheit verborgen, – eine Wahrheit, die die spekulative Philosophie mit ihrer Umwandlung des gefühlten göttlichen Du in die Allgemeinheit des Denkens nicht festzuhalten vermochte – die Wahrheit nämlich, daß der Mensch nicht nur ein Ich ist, sondern immer schon Ich und Du; daß er ein Sinnenwesen und darum auf Gegenstände angewiesen ist; und daß er schon durch den Geschlechtsunterschied auf ein mitmenschliches Du verwiesen ist, mit welchem zusammen er in der (Gatten-)Liebe die Gattung schon fühlt und leibhaftig vollbringt, bevor er Gattungen im Sinne von Allgemeinbegriffen in gedanklicher Abstraktion aus der Totalität des Lebens herauslöst. Auf dem Umweg über die religiöse Selbstentfremdung und ihre Aufhebung kommt der Mensch zur Bejahung seiner selbst als Sinnenwesen. – Wenn F. somit den Sensualismus erneuert, so fällt ihm dabei die Aufgabe zu, zu erklären, wieso ein solches Sinnenwesen wie der Mensch überhaupt dazu kommt, seine sinnliche Unmittelbarkeit theologisch und logisch zu transzendieren, anstatt bei der sinnlichen Gewißheit, die das Prinzip der Philosophie der Zukunft sein soll, von vornherein einfach stehen zu bleiben; besaß er sie doch schon immer. F. löst diese Aufgabe, indem er an die Stelle des alten Dualismus zwischen Sinnlichkeit und Geist einen anderen Unterschied setzt: den durchgängigen Unterschied zwischen tierischer, beziehungsweise roher Sinnlichkeit und menschlicher, wahrhaft humaner Sinnlichkeit. In Fortführung des anthropologischen Ansatzes eines J. G. Herder sieht F. die menschliche Sinnlichkeit durchwaltet von Bewußtsein und Freiheit. Die Freiheit von den Trieben ermöglicht Bewußtsein insofern, als der Mensch sich nicht unmittelbar auf die einzelnen Gegenstände seines jeweiligen Fühlens und Wollens stürzt; indem er vielmehr dies oder jenes fühlt und will, fühlt er zugleich auch sein Gefühl und will er auch seinen Willen entfalten. Auf Grund dieses Selbstbezuges, auf den die Sinnlichkeit des Menschen angelegt ist, weiß der Mensch in jedem besonderen Bezug zugleich um sich als Allgemeines, als Gattungswesen, sowie auch um die Gattungen der Dinge. Auf die so verstandene humane Sinnlichkeit läßt sich nun die Hegelsche Geschichtsauffassung anwenden: Geschichte als Weg der Selbst-Werdung, jedoch nicht des Geistes, sondern des Menschen. Wie der Geist in Hegels Geschichtsmetaphysik nicht von vornherein da ist, sondern erarbeitet werden, beziehungsweise sich herausarbeiten muß, so ist auch der Mensch als wahrhaft menschliches Naturwesen nicht von vornherein da. Religion und Metaphysik sind umwegige Stadien im Selbstunterschei- dungsprozeß der humanen von der inhumanen Natur. Das wahrhaft Menschliche ist das Göttliche: erst wenn der Mensch dies bis in seine naturhafte Sphäre, in Leiblichkeit und Sinnlichkeit hinein, begriffen hat, kann er sich als Naturwesen fühlen. Die Geschichte ist der Umweg des Menschen zu seiner eigenen Natur und damit zugleich zur Natur überhaupt.
Die Wirkung F.s war zwiespältig: F.s kritische Arbeiten schlugen bei den Zeitgenossen durch, aber seinem positiven Ansatz blieb größere Anerkennung versagt. Die Selbstbestätigung des Menschen in seiner Sinnlichkeit als Resultat der gesamten Religions- und Geistesgeschichte: das wirkte wie der enttäuschend banale Schluß eines gewaltigen Dramas. K. Marx und K. Barth, die F.s kritische Ergebnisse übernahmen, kamen zu einer dialektischen Fortführung. Was bei F. Objekt sinnlicher Anschauung ist, wird von Marx als Vergegenständlichung sinnlich-materieller Tätigkeit gefaßt; F.s Uminterpretation von Religion und Metaphysik in Anthropologie wird von Marx weitergeführt zur Forderung einer Veränderung und Humanisierung der Welt selbst, durch die dem Bedürfnis nach Religion und Metaphysik die materielle Basis entzogen werden soll (dialektischer Materialismus). F.s Auflösung der Religion in ihren Gefühlsgrund hinein wird für K. Barth zum Anlaß eines Neuverständnisses des Wortes Gottes: als das „ganz Andere“ steht es im Angriff auf alle Religion und Metaphysik samt ihrem menschlichen Gefühlsgrund (dialektische Theologie).
13. Carl Spitzweg
S. verließ 1825 das Wilhelmsgymnasium in München ohne Abschluß und begann eine pharmazeutische Lehre bei dem Münchner Hofapotheker →Franz Xaver Pettenkofer (1783–1850). Nach einer weiteren Station in der Löwenapotheke in Straubing nahm er 1829 das Studium der Pharmazie an der Univ.München auf, das er 1832 erfolgreich abschloß. Bereits nach dem Tod des Vaters 1828 und des älteren Bruders Simon im Jahr darauf waren die Erbangelegenheiten so geregelt worden, daß S. und sein jüngerer Bruder Eduard sichere Einkünfte aus dem väterlichen Vermögen hatten. Für S. eröffnete sich damit nach einer gesundheitlichen Krise 1833 die Möglichkeit, sich ausschließlich der Malerei zu widmen. Anregung und Ermunterung erhielt er aus dem Freundeskreis, zu dem u. a. der holstein. Maler →Christian Heinrich Hanson (1790–1863) gehörte. Von diesem sowie weiteren Freunden und Kollegen angeleitet, jedoch ohne eine förmliche Ausbildung absolviert zu haben, malte S. um die Mitte der 1830er Jahre die ersten eigenständigen Bilder, Landschaften und Genredarstellungen. Diesen beiden Gattungen blieb S. im Laufe seiner weiteren künstlerischen Tätigkeit nahezu ausschließlich verpflichtet.
Schon in den ersten Jahren eroberte S. das Feld der humorvollen Genremalerei für sich und schuf realistisch anmutende Darstellungen biedermeierlicher Lebenswelten. 1839 entstanden die beiden Fassungen des „Armen Poeten“ (München, Neue Pinakothek, u. Berlin, Alte Nat.gal., 1989 gestohlen), eine der populärsten Bildschöpfungen S.s.: ein skeptischer Blick auf einen von der Welt abgeschiedenen Sonderling, auf einen erfolglosen Dichter, der in seiner ärmlichen Dachstube Verse niederschreibt, die nicht gedruckt und gelesen, sondern letztlich nur zum Heizen des Ofens verwendet werden. 1841 vollendete S. den „Sonntagsspaziergang“ (Salzburg, Mus. Carolino Augusteum), in dem die Atmosphäre eines Sommertages mit dem beschaulichen und zugleich decouvrierenden Idyll eines Familienausflugs verknüpft ist. Die ironische Behandlung von Individualisten und Intellektuellen ist ein häufig wiederkehrendes Thema: Der „Bücherwurm“ (Schweinfurt, Mus. Georg Schäfer) zeigt einen Leser, der sich auf der Bibliotheksleiter stehend mit mehreren Büchern zugleich beschäftigt, ein Sinnbild für die geistigen Anregungen, die durch Lektüre zu gewinnen sind, gleichzeitig aber auch für ein sich verzettelndes, letztlich unproduktives Gelehrtentum. Gegenstand von S.s hintergründigem Humor sind immer wieder ältere Männer wie der „Ewige Hochzeiter“ oder solche, die sich besonderen Interessen verschrieben haben und darüber die Welt vergessen wie der „Kaktusliebhaber“ oder der „Geologe“ (beide Schweinfurt, Mus.Georg Schäfer).
Bis in die Mitte der 1860er Jahre unternahm S. viele Reisen, oft in Begleitung von Freunden wie dem Münchner Landschaftsmaler Eduard Schleich d. Ä.Häufige Wanderungen im bayer. Bergland, in Nord- und Südtirol, aber auch in Franken und Schwaben nutzte er zu Naturstudien. 1833 führte ihn eine längere Italienreise über Venedig und Florenz bis nach Rom und Neapel. Oberitalien und Venetien besuchte er mehrfach, so 1834, 1837, 1839, 1842 und 1850. Die Schweiz erkundete S. auf teilweise ausgiebigen Wanderungen in den Jahren 1838, 1841 und 1843. 1849 reiste er nach Prag, 1851 gemeinsam mit Schleich nach Paris und zur Weltausstellung nach London. 1856 war er in Dresden und in Berlin, 1862 in Wien. Die Erfahrungen dieser Reisen fanden nur bedingt Eingang in die Bildwelten S.s. Die kleinstädtische Idylle und die bayer. Berglandschaft seiner Bilder erscheinen geradezu als Gegenpole zu der Betriebsamkeit des modernen Großstadtlebens. Die Welt des Orients hingegen, der S. in Venedig und auf der Weltausstellung 1851 in London mit Interesse begegnete, findet sich u. a. in Bildern von Tabak rauchenden Türken, deren bedeutendstes Beispiel der Münchner Sammler und Orientalist Adolf Friedrich v. Schack erwarb (München, Schack-Gal.).
Seit seiner Jugend war S. als Zeichner tätig. Während der Reisen entstanden zahlreiche Studien, die er für spätere Gemälde verwendete. Von 1844 bis 1852 lieferte er Zeichnungen für die von Caspar Braun begründeten „Fliegenden Blätter“, in denen sich der Einfluß der zeitgenössischen franz. Karikatur zeigt.
Als Landschaftsmaler nahm S. zunächst Anregungen aus dem Kreis der skandinav. und norddt. Künstler auf, die in den 1830er Jahren die Münchner Malerei mit ihrer realistischen Auffassung und der Praxis des intensiven Naturstudiums beeinflußten. Anregungen bezog S. aber auch aus der älteren Kunst, v. a. aus der niederl. Genre- und Landschaftsmalerei des 17. Jh. In den 1840er und 1850er Jahren war er mehrfach in Pommersfelden und kopierte in der Schönbornschen Galerie holländ. Gemälde, aber auch Landschaften von Zeitgenossen wie Eugène Isabey (Kopie d. „Badenden Frauen am Meer bei Dieppe“ nach Isabey, Berlin, Alte Nat.gal.). Die Malerei der Schule von Barbizon wirkte nachhaltig auf S.s Landschaftsauffassung. Wie auch Schleich adaptierte S. die in Frankreich entwickelte „paysage intime“, von Nahem gesehene Naturausschnitte, die ausschließlich mit Mitteln der Farbe gestaltet sind und die dem Licht und der Stimmung in der Landschaft besondere Aufmerksamkeit widmen („Irrlichter“, München, Neue Pinakothek). Als Maler gehörte S.zu den bedeutenden Koloristen seiner Zeit in Deutschland, eine Leistung, die durch die Popularität seiner Bildthemen in den Hintergrund gedrängt wurde. Mit seinem Witz, der menschliche Unzulänglichkeiten und bürgerliche Doppelmoral ebenso aufgreift wie das kleine Malheur, zählt S. zu den wenigen bedeutenden Humoristen in der dt. Kunst des 19. Jh.
Seit 1837 führte S. ein Verzeichnis, in dem er seine Bilderverkäufe dokumentierte. In den ersten Jahren wurden seine Gemälde v. a. über die Ausstellungen der Kunstvereine vermittelt, später übernahmen Händler diese Funktion. Die Käufer stammten aus dem Bürgertum und dem Adel, und wie andere Münchner Maler auch hatte S. in den späteren Jahren einen Kreis von Sammlern in den USA. Er signierte seine Bilder im allgemeinen und verwendete dazu ein Monogramm mit dem Buchstaben S im Rhombus. Da er keine große stilistische Entwicklung durchlief und viele Motive auch in größeren Zeitabständen wiederholte und variierte, sind eine chronologische Ordnung seines Œuvres und die Datierung einzelner Werke problematisch. Seit 1863 lebte und arbeitete S. zurückgezogen in einer Wohnung im vierten Stock des Hauses am Heumarkt 3, dem heutigen St. Jakobsplatz in München. Dort starb er an den Folgen eines Schlaganfalls.|Nach S.s Tod setzte eine große Nachfrage nach seinen Werken ein, die in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg einen Höhepunkt erreichte und sich nach dem 2. Weltkrieg erneut belebte. Die andauernde Popularität und Wertschätzung in weiten Kreisen machten S.s Werk für Nachahmer und Fälscher attraktiv. So existiert eine kaum überschaubare Zahl von Kopien, Nachahmungen und Fälschungen unterschiedlichster Qualität, während andererseits die Konturen seines Œuvres durch fragwürdige Zuschreibungen und den extensiven Gebrauch des Nachlaßstempels aufgeweicht wurden. Die Sicherung des Œuvres, die Unterscheidung zwischen Originalen und Bildern von fremder Hand ist die Aufgabe einer primär auf kennerschaftlichen Methoden fußenden kunsthistorischen Forschung. Dagegen wurden die geistesgeschichtlichen und kulturhistorischen Implikationen der erstaunlichen, alle Moden überdauernden Popularität des Künstlers bisher nur in Ansätzen ergründet.
14. Heinrich von Gagern
Biografie:
Der bedeutendste der „politischen“ Söhne von Hans ist nicht in Weilburg, wie die|5 Brüder, sondern in der Neuen Eremitage zu Bayreuth geboren, als der Vater seine Familie während der Franzosennot in das neutrale Nebenland des preußischen Staates flüchtete. Nach der Rückkehr der Ruhe in Weilburg unterrichtet, wurde er beim Austritt des Vaters aus dem nassauischen Dienst 1812 Kadett in München und kam 1814 nach Weilburg zurück, wo er sich dem nassauischen Kontingent der Verbündeten anschloß. 1815, wie Bruder Fritz, auf den Schlachtfeldern von Waterloo leicht verwundet, war ihm der Einzug in Paris das erste große Erlebnis; er wurde bis 1820 als Unterleutnant zum Studium beurlaubt, dann verabschiedet. In Heidelberg fand er mit dem Beitritt zur Burschenschaft Anschluß an die Einheits- und Reformbewegung, die er in Göttingen vergeblich durchzusetzen suchte, um so erfolgreicher war er in Jena, wo G. in der Urburschenschaft dem „engeren“, politisch aufgeschlossenen Verein angehörte; als Vorsteher hatte er dank einer glänzenden Rednergabe maßgebenden Anteil an der Begründung der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft: nach eigener Angabe der bedeutungsvollste Auftakt für sein Streben nach Einheit und bürgerlicher Freiheit. Daß er sich seiner „aristokratischen“ Herkunft durchaus bewußt blieb, gehört ebenso in die hier gewonnenen Eindrücke wie der Verzicht auf das Adelsprädikat in seiner Unterschrift. Um seine weltmännische Ausbildung abzurunden, schloß sich ein Studienaufenthalt in Genf an. Dank der vom Vater eingeleiteten Beziehungen zum Großherzogtum Hessen folgten 1820 juristische Prüfungen in Gießen und Darmstadt sowie der Eintritt in die hessische Verwaltung, zunächst in Lorsch, dann in der Hauptstadt. Im näheren Verkehr mit vormaligen Burschenschaftern, unter denen ihm →Reinhard Eigenbrodt Vertrauensmann fürs Leben wurde, bildete sich eine lebhafte Teilnahme für die in den früheren Rheinbundstaaten vordringlichen Verfassungsfragen aus, wesentlich gefördert durch den Gedankenaustausch mit dem ältesten Bruder. In einem lebhaften Briefwechsel bekennt sich der Sohn des Reichsfreiherrn zum liberalen Gedankengut des Vormärz, 1827 verteidigt eine kleine finanzpolitische Schrift die von der Regierung bedrohten Rechte, die die Verfassungsurkunde den Landständen gab; im folgenden Jahr sah er in einem Aufsatz in der Augsburger Allgemeinen Zeitung in den ersten preußischen Provinzialständen eine Vorstufe künftiger Reichsstände, ohne damit den Beifall des Vaters sowie des von ihm angesprochenen Stein zu gewinnen. Trotzdem schien, seit ihn die erste Heirat sowie die Ernennung zum Regierungsrat und Kammerherrn an Hof und Verwaltung fesselten, eine durchaus staatstreue Laufbahn gesichert. Um so heftiger brach nach dem Tod der Gattin der seit langem vorbereitete Konflikt mit dem neuen leitenden Minister, dem Freiherrn Du Bos du Thil, aus, der sich um eine Verwaltungs- und Rechtsgemeinschaft der 3 völlig verschieden gearteten Provinzen des Großherzogtums bemühte, ohne die für den südwestdeutschen Liberalismus vorbildlichen Sonderrechte des linksrheinischen Rheinhessen zu berücksichtigen. 1832 sandte sein alter Amtsbezirk Lorsch den Regierungsrat in die 2. Kammer des Landtags; eine seit langem erstrebte „ständische“ Laufbahn begann.
Als Berichterstatter des besonders wichtigen Finanzausschusses trat G. sehr scharf für die konstitutionelle Gewaltenteilung ein und bekämpfte die insbesondere von dem Österreich Metternichs gestützte „Reaktion“. Aussprachen mit Abgeordneten der besonders „fortschrittlichen“ württembergischen und badischen Landtage führten zu einer wechselseitigen Bindung des Liberalismus. In Darmstadt vertieften Auflösung des Landtags und Neuwahl die Spannung und führten 1833 zum Austritt aus dem Staatsdienst; da die Regierung die Oberhand behielt, verzichtete G. 1836 auf eine weitere Kandidatur und ließ sich als Pächter, später als Besitzer auf dem Familiengut Monsheim nieder. Die Vermählung mit der katholischen 2. Gattin, die ihn zur Erziehung aller Kinder in der Konfession der Mutter verpflichtete, sowie der Ausbau seines landwirtschaftlichen Betriebs drängten die politische Teilnahme nur für kurze Zeit zurück. Eifrige Tätigkeit im landwirtschaftlichen Verein sowie der ständige Meinungsaustausch mit den Darmstädter Freunden und mit den Vertretern des pfälzischen und badischen Liberalismus, vor allem mit Bruder Fritz, brachten dem Gedanken an Einheit und Freiheit neue Nahrung; seit dem Thronwechsel in Preußen (1840) wuchs der Wille, aufs neue in den Kampf einzutreten. Während Bruder Fritz eindeutig auf Preußen als den Regulator der Zukunft verwies, forderte G. 1844 eine friedliche Auseinandersetzung mit Österreich, „um dann umso fester das übrige Deutschland zur staatlichen Einheit zusammenzufügen“. Neben den Forderungen der jüngeren, in der Burschenschaft aufgewachsenen Generation behielt der vom Vater überlieferte Reichspatriotismus eine überraschend starke Kraft. Vor diesem Hintergrund führte wiederum eine gegen die Regierung gerichtete Schrift den Gutsbesitzer von Monsheim, den die Standesgenossen in Rheinhessen durch die Wahl zum Präsidenten ihres landwirtschaftlichen Vereins geehrt hatten, in die aktive|Politik zurück. 1847 wurde er im Darmstädter Landtag zum Sprecher des Liberalismus und unterschrieb zusammen mit dem Vater und Bruder Max das Programm der in Heidelberg gegründeten „Deutschen Zeitung“. Im Herbst des gleichen Jahres durfte er in seinem ersten Amts- und Wahlbezirk Heppenheim Preußen und „Deutsche“, das heißt nach dem Sprachgebrauch der Zeit Mitglieder der südwestdeutschen Opposition, zu gemeinsamer Beratung begrüßen. Die Frage, ob man sich mit einem politischen Ausbau des preußisch-deutschen Zollvereins begnügen oder auch Österreich heranziehen sollte, blieb ungelöst. Unter den Schlägen einer europäischen Revolution brachen alle Voraussetzungen der bisherigen Gesellschaftsordnung und Machtverteilung zusammen. In der Südwestecke des Deutschen Bundes erhielt das in der Verfassungsurkunde der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft festgelegte Ziel neue Vorzeichen.
Wie die Gesinnungsfreunde in Württemberg und Baden, in Kurhessen und Nassau sah sich G. aus dem Gegensatz zur Regierung zur Verantwortung berufen. Am 5.3.1848 nahm er an der Heidelberger Versammlung von 50 liberalen Persönlichkeiten teil, die die große Welle der nationalen Bewegung auslöste; am gleichen Tage betraute ihn der zum Mitregenten erhobene Erbgroßherzog Ludwig (III.) von Hessen mit der Leitung des Staatsministeriums sowie der inneren und auswärtigen Angelegenheiten. In dieser Eigenschaft gab er seinem Bruder Max Vollmacht, durch eine weitgehende Vereinbarung das Verhältnis Preußens zu den übrigen Staaten enger zu gestalten. Der Ausbruch der Märzrevolution in Berlin durchkreuzte den Plan. Friedrich Wilhelm IV. forderte das unbedingte Einverständnis Österreichs und gab damit den Zweifeln, die G. dem Hegemonieanspruch Preußens entgegengestellt hatte, recht. Sie auszutilgen müsse sich, wie er im Darmstädter Landtag ausführte, das übrige Deutschland unverzüglich mit Preußen über eine gemeinsame Verfassung einigen, ohne darüber Österreich aufzugeben. Im Gegensatz zu anderen Plänen, die die bisherige Dreiteilung des Deutschen Bundes beibehalten wollten, zeichnet sich hier das künftige Programm vom engeren und weiteren Bund ab; es durchzuführen war die Aufgabe einer gesamtdeutschen Volksvertretung.
Im Vorparlament ist G. nur vorübergehend aufgetreten. In der Frankfurter Paulskirche übertrug ihm die mehrfach erneute Wahl zum Präsidenten der konstituierenden deutschen Nationalversammlung Verantwortung und Führung. Den ersten Sieg auf dem Wege zu einem Bundesstaat mit monarchischer Spitze bezeichnete die Erhebung Erzherzog Johanns, des alten Kampfgenossen des Vaters, zum Reichsverweser. Die schnelle Durchführung der Reichsverfassung verhinderte der allzu berechtigte Wunsch, zunächst in Grundrechten des deutschen Volkes eine Wiederkehr der vormärzlichen Reaktion unmöglich zu machen. Erst die blutigen Septemberereignisse in Frankfurt, die der Innenminister der provisorischen Zentralgewalt, A. von Schmerling, in Zusammenarbeit mit G. unterdrückte, erzwangen Stück für Stück die Vorlage des vom wichtigsten Ausschuß ausgearbeiteten Entwurfs einer Reichsverfassung. Da das seit langem umstrittene Verhältnis zu Österreich zum Rücktritt des bisherigen, nach persönlichen und landsmannschaftlichen Rücksichten berufenen Reichsministeriums führte, kam als Nachfolger lediglich der Präsident der Paulskirche als Führer der Mehrheitsparteien in Frage. Mit seinem „Programm vom engeren und weiteren Bund“, das den Einfluß des Vaters und des gefallenen Bruders Fritz zeigt, stellte er den unverzüglichen Zusammenschluß Preußens mit dem übrigen Deutschland voran, ohne Österreich aus den älteren Verpflichtungen zu lösen. Während seine norddeutschen Anhänger bereits auf den habsburgischen Kaiserstaat verzichten wollten, zumal dieser aufs neue der Reaktion verfallen schien, blieb ihm eine wesentliche Voraussetzung, „Österreichs Unionsverhältnis zu Deutschland mittels einer besonderen Unionsakte zu ordnen und damit alle die verwandtschaftlichen, geistigen, politischen und materiellen Bedürfnisse nach Möglichkeit zu befriedigen, welche Deutschland und Österreich von je her verbunden haben und im gesteigerten Maße verbinden können“. Als diese Fassung eine stattliche Stimmenzahl erhielt, trat am 18.12.1848 die erste parlamentarische Regierung Deutschlands, in der dem Vorsitzenden Reichsminister die auswärtigen wie die inneren Angelegenheiten zufielen, ihr Amt an.
Eine ausreichende, in sich geschlossene Mehrheit hat die Reichszentralgewalt nie erreicht. Unter dem Druck der Einzelregierungen ging die Beratung der Reichsverfassung in erregendem Wechsel weiter. Ein Staatsstreich des vom Fürsten Schwarzenberg geführten Wiener Ministeriums, das mit der Verkündigung einer neuen, selbständigen Verfassung alle Bemühungen des deutschen Liberalismus abschnitt, führte zum dramatischen Ende. Ein Ausgleich mit der Linken, die als Gegengabe für ihre Zustimmung das allgemeine Stimmrecht einsetzte, gewann der Mitte einen knappen Sieg. Am 28.3.1849 vereinigte sich eine verschwindend geringe|Mehrheit zur Wahl Friedrich Wilhelms IV. zum Kaiser der Deutschen. Als dieser ablehnte, kämpfte das Reichsministerium verbissen um einen Ausweg. Hatte sich der begnadete Redner vordem durch den Zuruf einer begeisterten Menge emportragen lassen, – jetzt zeigte er in der Wirrnis der parteipolitischen Gegensätze eine wahrhaft bewundernswerte Größe, ohne in der Nationalversammlung eine feste Mehrheit, beim Reichsverweser Hilfe und Vertrauen zu finden. Am 10.5. entließ Erzherzog Johann das seit langem nur provisorisch amtierende Reichsministerium und gab damit auch der Paulskirche den Todesstoß. Schweren Herzens unterschrieb G. am 21.5. die Austrittserklärung der Mitte, die seiner „Standarte“ gefolgt war. Über die Zusammenkunft in Gotha, die Bruder Max vorbereitete, und über das Erfurter Unionsparlament ging der Weg in die einsame Welt des geschlagenen Kämpfers.
Ein Zwischenspiel zeigte den tiefen Ernst seines Willens: Als Preußen nach seinem Verzicht im Ringen um die Einheit auch Schleswig-Holstein fremder Willkür preiszugeben drohte, zog es den einstigen Waterloo-Kämpfer als Volontär-Major an die Front, „der Nation den Weg zur Pflicht zu weisen“. Wie in der deutschen Revolution zerbrach der Versuch am Widerstand der großen Mächte. Verbittert nahm sich der einstige Herold der Paulskirche, den mancherlei Ehrungen als den Wegbereiter von Einheit und Freiheit gefeiert hatten, „völlige Enthaltsamkeit von jedem öffentlichen Wirken“ vor. Zunächst im heimatlichen Monsheim, dann in Heidelberg gingen seine Gedanken in die Vergangenheit. Das groß angelegte Werk „Das Leben des Generals Friedrich von Gagern“ ist 1856 ein Ergebnis dieser Überlegungen geworden. Preußen und seinem König gilt der Vorwurf der Untreue. Persönliche Mißachtung, die ihm das Berliner Ministerium entgegenbrachte, vertiefte die Abkehr. Wie einst dem Vater erschien auch ihm jetzt Österreich gleichberechtigt im Wettlauf um die Gunst der Nation.
1859 eröffneten sich für die deutsche Einheitsbewegung wie für G. persönlich neue Aussichten. Kurz zuvor war Bruder Max nach Wien übergesiedelt; nicht allein 2 Neffen, die Söhne der ebenfalls politisch interessierten Schwester Amalie von Breidbach, folgten und sind bei Solferino gefallen, auch der älteste Sohn G.s, nach dem unvergessenen Mentor (Seefritz) Fritz genannt, fand, zumal Preußen einem katholischen Gagern verschlossen war, in der österreichischen Marine Aufnahme. Die Berliner Regierung dagegen versagte in den Augen vieler Reichspatrioten dem Bruderstaat aus eigennützigen Gründen ihre Hilfe und drohte nach einer kurzen liberalen Aera aufs neue der Reaktion zu verfallen. Im Wettstreit zwischen dem von R. von Bennigsen als einem „zweiten Gagern“ geleiteten Nationalverein und der großdeutschen Reformpartei, die die Wunschträume der alten Burschenschaft auf anderem Wege durchzusetzen hoffte, entschied sich G. 1862 für „eine Einigung der Nation unter der Zentralgewalt von Österreich und Preußen mit paritätischen Bedingungen“, – unter der unerläßlichen Voraussetzung, daß diese Führung von einem Parlament beraten und kontrolliert werde. Damit das eigene Programm vom Spätherbst 1848 durchgeführt werden konnte, war der „weitere Bund für die österreichischen gesamtstaatlichen Verhältnisse so vorteilhaft als möglich zu gestalten“.
Während er persönlich den Vorwurf des „Abfalls“ schmerzlich empfand, entschieden sich die vordem treuesten Anhänger für die kleindeutsche Lösung. Der Kreis der Freunde wurde enger und enger. Da finanzielle Sorgen hinzutraten, übernahm G. im Herbst 1863 die diplomatische Vertretung des Großherzogtums Hessen in Wien. Bald darauf rief ihn eine Neuwahl in die 2. Kammer des Darmstädter Landtages zurück. Hier wie dort hoffte er, dem Einheitsgedanken und den bürgerlichen Freiheitsbestrebungen zu dienen; hier wie dort sah er sich einer verwandelten Zeit gegenüber. Der Abgeordnete trat erst hervor, als er die Begründung des Reichs durch →Bismarck aufs freudigste begrüßte; der Diplomat verfolgte das wechselvolle Verhältnis der deutschen Vormächte zu den Mittel- und Kleinstaaten des Deutschen Bundes, ohne irgendwelchen Einfluß zu erhalten. Mit dem Abschluß eines engeren deutsch-österreichischen Bündnisses, das der neue Kanzler des Deutschen Reichs als eine Verwirklichung „Gagernscher Träume“ und als ein organisches, von den Launen der Regenten unabhängiges Verhältnis auslegte, schien ihm, der 1872 aus dem Staatsdienst ausschied und Darmstadt zum Alterssitz wählte, ein wesentliches Ziel seiner Lebensarbeit erfüllt. Für das nach seiner Meinung ausstehende Mitbestimmungsrecht einer Volksvertretung einzustehen, verbot längere Krankheit. Der Nachruf, daß kein deutscher Mann größere Vaterlandsliebe im Herzen getragen habe, verhallte; die Zeitungen hatten ihn vergessen. In der Geschichte der deutschen Einheitsbewegung dagegen verkörpern sein Leben und sein Wirken die Bestrebungen des im Dritten Deutschland wurzelnden Liberalismus und dürfen damit eine Stellung zwischen den Vertretern der beiden „Vormächte“, zwischen Metternich und→Bismarck, beanspruchen.
Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
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