Persönlichkeiten
Inhaltsverzeichnis
- Emma und Georg Herwegh
- Friedrich Hecker
- Amalie und Gustav Struve
- Robert Blum
- Lorenz Peter Karl Brentano
- Ernst Moritz Arndt
- August von Kotzebue
- Carl Ludwig Sand
- Gebrüder Grimm
- Clara Schumann
- Friedrich Ludwig Jahn
- Ludwig Feuerbach
- Carl Spitzweg
- Heinrich von Gagern
- Johann Gustav Droysen
- Friedrich Daniel Bassermann
- Felix Mendelssohn Bartholdy
- Ludwig Richter
- Heinrich Heine
- Georg Büchner
- Friedrich Wilhelm IV.
- Robert Schumann
- Philipp Jakob Siebenpfeiffer
1. Emma und Georg Herwegh
* 10.03.1817 in Stuttgart † 24.03.1904 in Lichtental /
* 31.05.1817 in Berlin † 07.04.1875 in Paris
Georg Herwegh gehörte zu den bedeutendsten Literaten des Vormärz, mit seiner Ehefrau Emma kämpfte er zudem auf Seiten der Radikaldemokraten während der badischen Revolution 1848. Ihre gemeinsame Biographie zeigt die Zerrissenheit der frühen demokratischen Opposition zwischen Exil und Heimat, ebenso wie die Schwierigkeit einer konkreten Umsetzung revolutionärer Forderungen.
Als Tochter eines Berliner Kaufmanns erhielt Emma Siegmund eine außergewöhnlich umfassende Bildung und kam so in Berührung mit verschiedenen Teilen der Vormärzbewegung, unter anderem auch mit den Schriften Georg Herweghs. Herwegh, der nach einem abgebrochenen Studium der Theologie und der Jurisprudenz sich ganz dem Schreiben widmete, galt vielen als einer der herausragenden Literaten des Vormärz. Neben französischen Einflüssen spiegelte sich in seinen Werken auch aufkommende Sozialkritik und politischer Utopismus. 1842 übernahm er die Redaktion des Deutschen Boten aus der Schweiz, ein politisches Exilblatt. Während er für die Zeitschrift auf einer Deutschlandreise warb, lernte er in Berlin Emma Siegmund kennen. Eine Woche später verlobten sich beide. Für Emma war die Heirat zwar ein standesmäßiger Abstieg aus großbürgerlichen Verhältnissen, dafür gewann sie mit Georg Herwegh einen unterstützenden Partner, der sie in ihren politischen Interessen bestärkte.
Die Bedeutung ihrer neuen Verbindung erfuhr Emma Herwegh bereits kurz darauf: Als in Preußen der Deutsche Bote verboten wurde, wurde sie gemeinsam mit ihrem Mann ausgewiesen. Schließlich führte sie ihr Weg über die Schweiz nach Paris, wo beide in politisch-intellektuellen Kreisen mit anderen Emigranten wie Karl Marx und Heinrich Heine weiter das deutsche vorrevolutionäre Geschehen verfolgten. In den Revolutionsmonaten von 1848 wurden sie schließlich erneut politisch aktiv: In Baden bemühten sie sich als Anführer einer bunten Schar aus Gleichgesinnten, die Aufständischen Friedrich Hecker und Gustav Struve zu unterstützen. Besonders Emma Herwegh erwarb sich den Ruf der unerschrockenen Kämpferin, die in Männerkleidung und bewaffnet den Kontakt zu Hecker suchte. Unkoordiniert verliefen jedoch beide Kampfzüge getrennt voneinander. Als württembergische Truppen ihre „Legion“ zerschlugen, konnte sich das Ehepaar Herwegh getarnt als Bauern zurück ins Exil retten. Wie Gustav Struve kehrte Georg Herwegh in den 1860er Jahren nach Deutschland zurück, um sich der Arbeiterbewegung anzuschließen.
2. Friedrich Hecker
In der Figur des badischen Demokraten H. lebte die Erinnerung an die Revolution von 1848 im deutschen Südwesten bis in unser Jahrhundert hinein fort. Das Volkslied und die politische Karikatur nahmen sich im „Heckerlied“ und im „Heckerhut“ (als revolutionärem Emblem) schon zu Lebzeiten seiner an. H. erlangte diese seinen geistigen und politischen Fähigkeiten nicht unbedingt entsprechende Volkstümlichkeit, weil er unter den Führern der 48er Bewegung als Mann der Tat herausragte.
H. studierte 1830-34 in Heidelberg und München Rechtswissenschaften. Nach Examen und Promotion (1834) trat er zunächst in den badischen Staatsdienst. 1838 wurde er am Badischen Oberhofgericht in Mannheim als Advokat zugelassen. Sobald er das vorgeschriebene Mindestalter erreicht hatte, ließ er sich 1842 im Wahlkreis Weinheim-Ladenburg in die Badische 2. Kammer zum Abgeordneten wählen. Er gehörte dort bald zu den Führern der liberalen Opposition. Unbestreitbar besaß er ein natürliches Redetalent, das ihn in Baden bei breiten Kreisen des politisch interessierten Volkes populär machte. Als er im Mai 1845 während einer Reise zusammen mit J. A. von Itzstein aus Preußen ausgewiesen wurde, drang sein Ruf erstmals über Baden hinaus.
H. vertrat bis 1848 einen entschiedenen Liberalismus, der sich von dem politischen Programm der Mehrheit der badischen Liberalen nur dadurch unterschied, daß er eindeutig die Forderung nach einer deutschen Nationalrepräsentation miteinschloß. (Vgl. seine „Ideen und Vorschläge zu einer Reform des Gerichtswesens“ von 1844, in denen er für die Ausbildung eines nationalen Rechts in Deutschland eintritt, und seine Schrift über die Deutschkatholiken, in der er das Prinzip der Religionsfreiheit entwickelt.) Unter dem Einfluß Gustav Struves wandelte er sich 1848/49 zum Demokraten. Nach dem Ausbruch der Februarrevolution bekannte er sich auf den von ihm und Struve einberufenen Volksversammlungen in Offenburg, Freiburg und Heidelberg im März 1848 erstmals öffentlich zur republikanischen Staatsform. Auf dem Frankfurter Vorparlament gehörte er zu der kleinen, aber zielbewußten Minderheit, die die Versammlung zu einem revolutionären Volkskomitee in Permanenz erheben wollte und die Abschaffung der Monarchien verlangte. Obwohl H. von den Radikalen die meisten Stimmen erhielt, wurde er als 51. gerade nicht mehr in den Fünfzigerausschuß gewählt, der das Vorparlament ablösen sollte. Unter H.s Vorantritt verließ die radikale Minderheit das Vorparlament, als die Mehrheit der Versammelten die künftige Reichsverfassung mit den Fürsten vereinbaren wollte.
Nach seiner Rückkehr aus Frankfurt begann H. in Mannheim mit der Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes. Am 12.4. erließ er gemeinsam mit Struve eine Ausschreibung für eine bewaffnete Zusammenkunft in Donaueschingen. Die in völliger Verkennung der politischen Gegebenheiten von H. erwartete levée en masse blieb jedoch aus. Es kamen nur einige Hundert schlechtbewaffneter und mangelhaft geführter Freischärler zusammen, die am 20.4. bei Kandern nach dem ersten Zusammenstoß mit regulären württembergischen Truppen wieder auseinanderliefen. H. floh in die Schweiz, wo er in Muttenz im liberalen Kanton Basel-Land eine Schrift über die „Volkserhebung in Baden“ verfaßte. Diese Selbstdarstellung enthüllt gründlich, wie wenig sein Revoluzzertum mit echter revolutionärer Begabung zu tun hatte.
Im September 1848 wanderte H. in die Vereinigten Staaten aus, wo er nach einer vorübergehenden Rückkehr 1849 wie so viele 48er eine zweite Heimat fand. Er erwarb im Staate Illinois eine Farm und beteiligte sich rege am gesellschaftlichen und politischen Leben der Deutschen in Amerika. Im amerikanischen Bürgerkrieg kämpfte er auf der Seite der Union mit. Seit 1866 nahm er an der Entstehung des deutschen Nationalstaats lebhaften Anteil. Er veröffentlichte 1868 in Mannheim „Gepfefferte Briefe“, in denen er die Beseitigung der Kleinstaaterei durch Preußen begrüßte, zugleich aber forderte, „durch Einheit zur Republik“ zu gelangen. Sosehr er deshalb der deutschen Reichsgründung von 1871 zustimmte, sowenig konnte er sich 1873 auf einer Reise durch deutsche Städte mit der politischen Führung Preußens im Reich befreunden. H. war der alte Gesinnungspolitiker geblieben, der er 1848 gewesen war. Enttäuscht kehrte er nach Amerika zurück.
3. Amalie und Gustav Struve
*02.10.1824 in Mannheim † 13.02.1862 in New York (USA) /
*11.10.1805 in München † 21.08.1870 in Wien (Österreich)
Als Anführer der badischen Revolution 1848 gehörten Amalie und Gustav Struve zum radikalen Flügel der Vormärzbewegung. Dass sie häufig als gescheitertes Revoluzzer-Paar beschrieben werden, verdeckt die vielfältigen demokratischen Tätigkeitsfelder vor und nach 1848, in denen sich beide für politische wie gesellschaftliche Teilhabe einsetzten.
Über sein Amt als Verwaltungsbeamter radikalisierte sich der Jurist Gustav Struve im Vormärz. In regelmäßigen Schriften versuchte er, seine Vorgesetzten auf die Notwendigkeit rechtlicher wie politischer Reformen aufmerksam zu machen. Ab 1834 als Rechtsanwalt in Mannheim tätig, forderte er in eigenen Schriften etwa die verfassungsmäßig zugesicherte Bildung auch für die unteren Schichten ein oder drängte, die Menschenrechte unabhängig von Stand, Bildung und Vermögen gelten zu lassen. 1845 heiratete Struve Amalie Düsar, Tochter aus einem gebildeten, jedoch verarmten Elternhaus, die ihre Familie zunächst als Erzieherin finanziell versorgt hatte. Da Düsar zudem unehelich geboren worden war, rieten viele Weggefährten wie etwa Friedrich Hecker dem adeligen Struve von einer Heirat ab. Beide setzten sich über diese Widerstände hinweg, und auch in Folge verband sie eine fortschrittliche Partnerschaft. Neben ihrem Einsatz für politische Veränderungen pflegten beide auch andere Bereiche ihres Lebens reformerisch zu gestalten. So engagierten sie sich im Deutschkatholizismus und lebten vegetarisch.
In seinen staatswissenschaftlichen Schriften, aber auch in Versammlungen wie 1847 in Offenburg forderte Struve immer wieder Gleichheit und Freiheit vor dem Gesetz ebenso wie einen Nationalstaat. Jedoch scheiterte er mit diesen Forderungen zusammen mit seinem Mitstreiter Friedrich Hecker sowohl im badischen Landtag als auch in der Frankfurter Paulskirche. Auch beim anschließenden Versuch des Ehepaars Struve, die Revolution gewaltsam herbeizuführen, waren sie erfolglos. In verschiedenen Anläufen eines Volksaufstandes scheiterten sie und wurden schließlich gefangen genommen. Früher entlassen, konnte Amalie Struve durch einen geschickten Aufruhr ihren Mann aus dem Gefängnis befreien, doch die Revolution wurde durchs preußische Militär im Anschluss endgültig zerschlagen. Amalie Struve hatte ihre Teilnahme an der Revolution auch immer als einen Akt der Emanzipation und einen Beitrag zur Änderung der bestehenden Geschlechterrollen verstanden, die sie in der Verlängerung der Forderung nach Gleichheit und Freiheit mit verwirklichen wollte.
Nach dem Scheitern des Aufstandes emigrierte das Ehepaar Struve über Umwege in die USA, wo sie ihre revolutionären Thesen im Bürgerkrieg einzubringen versuchten. Während Amalie bereits 1862 starb, kehrte ihr Mann noch einmal nach Deutschland zurück und engagierte sich in der Frühphase der Arbeiterbewegung.
4. Robert Blum
* 10.11.1807 in Köln † 09.11.1848 in Brigittenau (hingerichtet)
Robert Blum gilt als einer der herausragenden Streiter der Demokratie während der Märzrevolution und der Frankfurter Nationalversammlung von 1848. Seine Hinrichtung in Wien während der dortigen Märzunruhen machte ihn zum Märtyrer einer ganzen Generation.
Robert Blum wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und konnte so trotz hoher Begabung nur bedingt einen Bildungsweg abschließen. Nach einer Ausbildung zum Gelbgießer 1825 betätigte er sich zunächst als Schriftsteller und Theatersekretär in Leipzig, das Wissen dafür hatte er sich autodidaktisch angeeignet. In den frühen 1840er Jahren begann er sich immer mehr politisch zu engagieren. Als Herausgeber der kritischen Zeitschrift Sächsische Vaterlands-Blätter eröffnete er mit Mitstreitern immer wieder Diskussionen zu aktuellen Fragenstellungen und bot so auch ersten politisch aktiven Frauen wie Louise Otto-Peters eine Plattform, Kritik an der Obrigkeit zu nehmen und Reformen einzufordern. Die Zeitung wurde bald in weiten Teilen Deutschlands verboten und Blum dafür in Sachsen überwacht sowie mit restriktiven Maßnahmen belegt. Die sächsische Regierung verhinderte u. a. seine Wahl zum Leipziger Stadtrat. Während er gerade durch die Kontakte zu Adam von Itzstein immer mehr zum Fürsprecher der liberalen Bewegung aufstieg, irritierte er diese Bewegung bisweilen, etwa über seinen Einsatz für die polnische Nationalbewegung und den Deutschkatholizismus. Gleichzeitig erwarb sich Blum immer mehr den Ruf eines populären Anführers: Als 1845 eine Demonstration in Leipzig blutig niedergeschlagen wurde, formulierte er im Anschluss die Forderungen der Bevölkerung nach einer Aufklärung und Beilegung der Unruhen.
1848 war Blums Jahr der Entscheidung: Zunächst war er Teil des Frankfurter Vorparlaments und des sogenannten Fünfzigerausschusses, der die Nationalversammlung vorbereiten sollte. In der Paulskirche gehörte Blum zum linksliberalen Spektrum durch die von ihm begründete Fraktion des Deutschen Hofes, ging aber auch immer wieder mit radikaldemokratischen Forderungen mit. Als im Oktober 1848 in Wien Menschen auf die Barrikaden gingen, sprach Blum sich mit anderen für eine symbolische Unterstützung der Aufständischen aus. Als Frankfurter Delegierte reisten sie nach Wien, um eine Solidaritätsnote zu überbringen. Da sich Blum jedoch auch am Revolutionsgeschehen Wiens beteiligte, wurde er von kaiserlichen Truppen festgenommen. Entgegen seiner Immunität als Abgeordneter wurde er vor ein Gericht gestellt, als Aufrührer verurteilt und am 9. November 1848 standrechtlich hingerichtet.
4. Lorenz Peter Karl Brentano
Politiker, * 14.11.1813 Mannheim, † 17.9.1891 Chicago. (katholisch)
Genealogie
V Johann Peter Paul Bartholomäus (1740–1813), kurpfälzischer Kommerzienrat, Großkaufmann in Frankfurt/Main, S des Peter Ant., Frankfurter und Mannheimer Großkaufmann (aus Tremezzo eingewandert);
M Helene Heger (1784–1831);
⚭ 1) Mannheim 1837 Caroline Leutz (gestorben 1870), aus Eberbach/Neckar, 2) Caroline Aberle (1819–93);
3 K aus 2), u. a. Theodor, Gesandter der USA in Ungarn.
Biographie
B. war seit 1837 Rechtsanwalt in Mannheim und, vom Kreise A. v. Itzsteins her, 1845 in der badischen zweiten Kammer. Führend in der Opposition, doch kein revolutionärer Querkopf wie →Hecker oder Sozialtheoretiker wie →Struve, sondern eine Jakobinernatur mit viel praktischem Instinkt, belächelte er noch 1848 skeptisch →Heckers Putsch, kannte aber, nachdem seine Wahl zum Mannheimer Oberbürgermeister von der Regierung nicht bestätigt worden war, keine Versöhnung mehr. B. gehörte 1848 der Paulskirche an, verschwand aber schon im Spätsommer 1848, um sich ganz den badischen Dingen zu widmen. Im badischen Volksaufstande (4.5.1849) trat B. an die Spitze der vierzigtägigen, provisorischen Regierung und versuchte mit den alten Gewalten über ein Kompromiß zu verhandeln. Seine Bemühungen aber scheiterten am Widerstand der Radikalen unter →Struve. B. entfloh in die Schweiz, wurde als Verräter in contumaciam zum Tode verurteilt und ging, da ihm die Schweiz das Asylrecht verweigerte, 1850 nach den Vereinigten Staaten. Zunächst als Journalist („Leuchtturm“, Pottsville, Pennsylvania), Farmer (Kalamazoo, Wisc.) und Rechtsanwalt (Chicago) wenig erfolgreich, trat er 1860 in die „Illinois Staatszeitung“ (Chicago) ein und führte sie als Chefredakteur und Mitherausgeber bald zur bedeutendsten deutsch-republikanischen Tageszeitung des Westens. 1872 bis 1876 amerikanischer Konsul in Dresden, gehörte B. nach seiner Rückkehr dem Kongreß an, trennte sich aber 1884 von der Partei und unterstützte als Unabhängiger die Wahl Clevelands zum Präsidenten. B. beschäftigte sich auch mit rechtshistorischen und vergleichenden Arbeiten über die amerikanischen und europäischen Methoden des Ermittlungsverfahrens, sowie staatsrechtlichen Fällen.
6. Ernst Moritz Arndt
Ernst Moritz Arndt war ein entschiedener Gegner Napoleon Bonapartes (1769-1821) und stieg als solcher während der Befreiungskriege zu einem der populärsten Verfasser patriotischer Schriften auf. Er gilt neben Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) und Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) als einer der geistigen Väter der burschenschaftlichen Bewegung im frühen 19. Jahrhundert. Im Revolutionsjahr 1848 war er Abgeordneter und Alterspräsident in der deutschen Nationalversammlung. Seine Forderungen zur Schaffung eines deutschen Nationalstaates basierten neben chauvinistischen nicht zuletzt auf rassischen und antisemitischen Argumentationen, die sich auch die Nationalsozialisten zu eigen machten. Der Wert seiner Verdienste und Leistungen wird daher heute kontrovers diskutiert.
Seine 1803 veröffentlichte Schrift „Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen" trug maßgeblich zur Aufhebung der in Schwedisch-Pommern noch bestehenden Leibeigenschaft durch den schwedischen König Gustav IV. (1778-1837) im Jahr 1806 bei. Am 11.4.1806 wurde Arndt zum außerordentlichen Professor ernannt. Seit der Veröffentlichung seiner Flugschrift „Geist der Zeit" im Jahr 1805, in der er die nationalstaatliche Einigung der deutschen Staaten gefordert und die Expansionspolitik Frankreichs angeprangert hatte, galt er als einer der vehementesten Kritiker Napoleons.
Aus Angst vor Verhaftung durch die herannahenden französischen Truppen flüchtete Arndt im Dezember 1806 nach Schweden. 1808 kehrte er unter falschem Namen nach Pommern zurück und dozierte nach dem Abzug der Franzosen von 1810 bis 1811 erneut an der Greifswalder Universität. Vor dem Russlandfeldzug Napoleons entzog sich Arndt dem Zugriff der Franzosen wiederum durch Flucht. Er gelangte auf Irrwegen nach St. Petersburg, wo er als Sekretär in den Dienst des Reichsfreiherrn Heinrich Karl Friedrich vom Stein (1757-1831) trat.
In den folgenden Jahren erlangte er durch seine patriotischen Schriften und Kampflieder einen hohen Bekanntheitsgrad. In seinen Texten predigte er den Hass gegen die Franzosen, den er zur „Religion des deutschen Volkes" erklärte, forderte den Zusammenschluss aller Deutschen und rief auch zum Ungehorsam gegen die regierenden Fürsten auf. Diese Inhalte gaben nicht zuletzt der Entstehung der studentischen Burschenschaften entscheidende Impulse. Die Jenaische Burschenschaft leitete ihre Verfassung des Jahres 1815 mit der ersten Strophe seines populären Liedes „Des Deutschen Vaterland" ein. 1818 wurde Arndt als Professor an die in diesem Jahr eröffnete preußische Universität Bonn berufen, zu deren Gründung er mit einer 1815 verfassten Denkschrift maßgeblich beigetragen hatte. Den ursprünglich vorgesehenen Standort Köln hatte er aufgrund der katholischen Tradition der Rheinmetropole vehement abgelehnt. Seine Lehrtätigkeit fand jedoch bereits 1819 ein jähes Ende. Die nach den Karlsbader Beschlüssen einsetzenden Demagogenverfolgungen boten der preußischen Regierung die Gelegenheit, auch den populären, in Friedenszeiten aber unbequemen Arndt, auszuschalten. Nach vorübergehender Verhaftung und Hausdurchsuchung wurde er im November 1819 von seinem Amt suspendiert und durfte trotz erwiesener Unschuld bis 1840 keine Vorlesungen mehr abhalten. Da er zudem befürchtete aus Bonn entfernt zu werden, stellte er auch seine Aktivitäten als Schriftsteller politischer Texte vollständig ein. Erst die Instabilität der Verhältnisse in Frankreich und Polen veranlassten ihn ab 1830 dazu, seinen Forderungen nach einer Einigung der deutschen Staaten unter Preußens Führung wieder öffentlich Nachdruck zu verleihen.
In der Bonner Bevölkerung genoss Arndt ein hohes Ansehen und galt als ein Opfer staatlicher Willkür. Die Nachricht von seiner Rehabilitierung durch König Friedrich Wilhelm IV. (Regierungszeit 1840-1858) am 2.7.1840 löste in Bonn daher eine Welle von Beifallsbekundungen und Ehrungen aus. Vom Senat der Universität im August 1840 zum Rektor für das Amtsjahr 1840/1841 gewählt, konnte Arndt seinen Pflichten nach einer Unterbrechung von mehr als zwei Jahrzehnten wieder nachkommen.
Obwohl er weiterhin als politischer Märtyrer und Vorkämpfer des deutschen Einheitsgedankens gefeiert wurde, erwies sich Arndts Lehrer- und Forschertätigkeit an der Universität bald von geringem Wert. Seine Methodik galt als veraltet, und auch die von ihm gehaltenen Vorlesungen erfüllten die in sie gesetzten Erwartungen nicht mehr.
In den folgenden Jahren mehrten sich kritische Stimmen. Der Student Napoleon Osmolski verspottete Arndt als „wahren, aber beschränkten deutschen Mann" sowie als „intoleranten Protestanten" und „fanatischen Franzosen-, Polen- und Katholikenfresser". Bei der Mehrheit der Studenten war seine Popularität bei Ausbruch der Revolution 1848/1849 jedoch ungebrochen. Am Abend des 17.3.1848 wurde er von der Studentenschaft mit einem Fackelzug geehrt und noch im Alter von 85 Jahren zum Hauptmann einer Studentenkompanie gewählt. Als Arndt sich jedoch gegen den politischen Radikalismus der demokratischen Bewegung wandte und sich für die konstitutionelle Monarchie aussprach, wurde ihm „Zaghaftigkeit" vorgeworfen.
Arndt wurde als Abgeordneter der Stadt Solingen neben weiteren sechs Professoren der Universität Bonn in die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche gewählt. Seine Tätigkeit als Parlamentarier blieb allerdings ohne nachhaltige Wirkung. Die Neue Rheinische Zeitung verspottete ihn als „liebenswürdigen Schwätzer", der „durch die Erzählung kindlicher Anekdoten und Schnurren nur der Unterhaltung diene." Nach der Ablehnung der Kaiserwürde durch Friedrich Wilhelm IV. (1849) trat Ernst Moritz Arndt enttäuscht von seinen politischen Ämtern zurück. Er kehrte nach Bonn zurück, wo er am 29.1.1860 an den Folgen einer Lungenentzündung starb. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Friedhof in Bonn.
Die Diskussion über die Bedeutung und das Vermächtnis des Patrioten Ernst Moritz Arndt setzte bereits zu seinen Lebzeiten ein und dauert bis heute an. Im Kaiserreich zum Nationalhelden stilisiert, wurden seine Werke nach dem Ersten Weltkrieg durch die Nationalsozialisten ideologisch vereinnahmt. Seit 1945 wird Arndt einer zunehmend kritischeren Betrachtung unterzogen. Es würde der Vielschichtigkeit seines Wirkens jedoch nicht gerecht, Arndt lediglich zu einem Vorkämpfer der rassistischen Ideenwelt des Nationalsozialismus zu degradieren. Auch wenn seine Werke in vielen Passagen heute als überholt gelten, bleiben sein uneigennütziger Einsatz gegen die napoleonische Fremdherrschaft und den preußischen Polizeistaat davon unberührt. Seine Forderungen nach einer geistigen und politischen Überwindung deutscher Kleinstaaterei, an deren Stelle ein Nationalstaat moderner Prägung entstehen sollte, machen ihn trotz aller Schwächen zu einem wichtigen Visionär und Impulsgeber der deutschen Einheitsbewegung.
7. August von Kotzebue
K. ließ sich nach einem juristischen Studium als Advokat in Weimar nieder. 1781 ging er als Sekretär nach Petersburg, heiratete dort in den Adel, wurde Präsident des Gouvernements-Magistrats der Provinz Estland und erhielt den persönlichen Beamtenadel. Nebenbei beschäftigte er sich an einem Liebhabertheater. Sein erster Welterfolg wurde „Menschenhaß und Reue“ (1789), ein Stück, in dem die Themen Gattenliebe, Mutterliebe, Ehebruch, Standesunterschiede, Großmut, Landleben im hohen, im rührenden und im komischen Ton so haargenau den Publikumserwartungen entsprechend dosiert sind, daß der kalkulierte Erfolg vollständig eintraf. Nach diesem – aller Trivialliteratur zugrundeliegenden – Rezept, den Zuschauer niemals zu brüskieren, ihn immer etwas klüger als die Helden sein zu lassen, tragische Katastrophen zu vermeiden oder im letzten Moment aufzulösen, schrieb K. ein Stück nach dem anderen, insgesamt weit über 200.
Nach dem Tode seiner ersten Frau (1790) führte er ein unruhiges Reiseleben, hielt sich in Mannheim und Paris auf und lebte seit 1795 in Narva, 1798 in Wien. 1799 kehrte er nach Weimar zurück, wo er mit den Literaturgrößen der Zeit aneinandergeriet. 1800 wurde er auf einer Reise nach Rußland an der Grenze als vermeintlicher Jakobiner verhaftet und ohne Verurteilung nach Sibirien verbannt, aber schon nach 4 Monaten freigelassen und zum Direktor des Deutschen Hoftheaters in Petersburg ernannt. Sein zarenfreundliches Rührstück „Der alte Leibkutscher Peters des Dritten“ (1799) hatte wohl Zar Paul I. für ihn eingenommen. Nach der Ermordung des Zaren 1801 lebte K. in Weimar, Jena und später in Berlin. Nach dem Tod seiner zweiten Frau unternahm er wiederum etliche Reisen und heiratete zum dritten Mal in Estland. Als politischer Publizist kämpfte er in zum Teil von ihm mitherausgegebenen Zeitschriften – „Der Freimütige“ (1804-06), „Die Biene“ (1808-09), „Die Grille“ (1811-12) – gegen →Napoleon. Seit 1813 wirkte er als russischer Staatsrat und Generalkonsul in Königsberg, seit 1817 gab er sein „Literarisches Wochenblatt“ heraus (2 Bände, 1818–19) und schrieb für den Zaren von Weimar aus als literarisch-wissenschaftlicher Korrespondent geheime „monatliche Berichte“ zu politischen und öffentlichen Ereignissen. Dies brachte ihn durch Indiskretion in den Verdacht, russischer Spion zu sein. Ein historisches Werk: „Geschichte des Deutschen Reiches von dessen Ursprüngen bis zu dessen Untergange“ (2 Bände, 1814 folgende) wie seine antiliberalen Beiträge in seinem „Literarischen Wochenblatt“ bekunden seine veränderte politische Haltung: Er lobt die Monarchie vor der Demokratie, rückt von der unbedingten Forderung nach Freiheit und Gleichheit ab, verteidigt die Pressezensur, wettert gegen den neuen Geist der Universitäten, verspottet Turnvater Jahn, das Idol der damaligen Jugend, und macht sich so bei ihr verhaßt. Im Oktober 1817 wurden auf dem Wartburgfest auch Schriften K.s verbrannt. Von diesem politisch motivierten Haß geleitet, ermordete ihn der Jenaer Theologiestudent Karl Ludwig Sand am 23.3.1819 in Mannheim und wurde dafür selbst hingerichtet. Das Ereignis diente als Vorwand, die Karlsbader Beschlüsse in Kraft zu setzen, der staatliche Dirigismus wurde verstärkt, die Burschenschaften verboten, die Autonomie der Universitäten weitgehend zerstört.
Dieser gewaltsame Tod hat den ohnehin bekannten K. noch populärer gemacht. Er blieb im 19. Jahrhundert der am meisten gespielte Autor in Europa. Freilich wurde er schon von der Literaturkritik seiner Zeit als modischer und seichter Vielschreiber angegriffen, er geriet in massive Auseinandersetzungen mit den Frühromantikern, mit Goethe und Schiller. Auf sein Pamphlet: „Der hyperboräische Esel, oder: Die heutige Bildung. Ein drastisches Drama und philosophisches Lustspiel für Jünglinge, Literatursatire in einem Akt“ (1799), einer böswilligen Zitatkollage aus Friedrich Schlegels Schriften, antwortete August Wilhelm Schlegel in einer höhnischen Parodie: „Ehrenpforte und Triumphbogen für den Theaterpräsidenten von Kotzebue bei seiner gehofften Rückkehr ins Vaterland“ (1800). Goethe, den er wiederholt angriff, verteidigte doch in ihm den versierten Theaterpraktiker und konnte auf seine Stücke an der eigenen Bühne nicht verzichten. Den Vorwurf der Unmoral in seinen Stücken hat K. mit einem ordinären und bösen, zudem unter dem Namen eines anderen veröffentlichten Pamphlet: „Doktor Bahrdt mit der eisernen Stirn, oder Die deutsche Union gegen Zimmermann. Ein Schauspiel in vier Aufzügen, von Freiherr von Knigge“ selbst verschuldet. Aber auch Konfliktlösungen wie das Verzeihen eines Ehebruchs („Menschenhaß und Reue“), die keusche Ehe zu dritt als letzte Möglichkeit in einer sonst ausweglosen Situation („La Peyruse“) und ähnliches stießen auf heftige Kritik.
K.s Erfolg beruhte auf der virtuosen Handhabung bewährter Theater- und Komödienmittel: Verkleidung, unwahrscheinliche Zufälle, Typisierung der Personen, unablässiger Gebrauch der Rührmotivik, geschickter Einsatz spannender Effekte. Seine Thematik kam den Wunschvorstellungen des Publikums entgegen: Es durfte wunderbare Mesalliancen geben, die Moral des Herzens siegte über die gesellschaftliche, man konnte aus ausweglosen Situationen in exotische Länder mit freien Gesetzen ohne die Zwänge des alten Europa und seiner Gesellschaft fliehen. Die Kritik an der Gesellschaft, an den Standesunterschieden, am Reichtum, an den engen Tugendidealen war erhebend, solange sie auf der Bühne blieb.
Am bekanntesten ist bis heute K.s Lustspiel „Die deutschen Kleinstädter“ (1803) geblieben, das äußerst geschickt mit Witz, Spott, Komik und der Verhöhnung menschlicher Schwächen arbeitet. Die Personen sind aber so stark karikiert, daß sich der Zuschauer nicht selbst getroffen zu fühlen braucht. Krähwinkel, der Ort des Geschehens, mit seinen kleinkarierten, titelsüchtigen, klatschenden Bewohnern hat das Deutschlandbild im Ausland mitgefärbt.
8. Carl Ludwig Sand
Nach dem Besuch des Lyzeums in Wunsiedel und des Gymnasiums in Hof und Regensburg studierte S. 1814 ev. Theologie in Tübingen, wo er 1815 der Landsmannschaft Teutonia, 1817 der Burschenschaft Arminia beitrat. Nach einer Reise in die Schweiz 1815 und der Teilnahme am Befreiungskrieg setzte er 1816 sein Studium in Erlangen fort, wo er intensiv für burschenschaftliche Ideen warb und die „Teutsche Burschenschaft“, später Teutonia, mitbegründete, deren Führer er bis Mitte 1817 blieb. Aus der Landsmannschaft Franconia trat er nach dem fehlgeschlagenen Versuch, sie dem burschenschaftlichen Gedanken zuzuführen, wieder aus und wurde von dieser in Verruf erklärt. Im Okt. 1817 nahm S. am Wartburgfest in Eisenach teil (Mitgl. d. Festausschusses u. Fahnenbegleiter). Hier verteilte er seine Flugschrift zur Gründung einer „allgemeinen freien Burschenschaft“, die erst 1818 größere Wirkung entfaltete, und nahm teil an der Bücherverbrennung auf dem Wartenberg, der u. a. →August v. Kotzebues (1761–1819) „Geschichte des dt. Reichs“ zum Opfer fiel. Anschließend studierte S. in Jena und wurde Mitglied der (Ur-)Burschenschaft und ihres Ausschusses, im Sommer 1818 auch des inneren Zirkels, des „engeren Vereins“, und des Vorsteherkollegiums. Unter dem Einfluß →Karl Follens (1796–1840) entwickelte sich S. zum Anhänger der „Unbedingten“, des radikalen, politischen Mord nicht ausschließenden Flügels der Burschenschaft. S.s auf dem 2. Burschentag in Jena verbreitetes Flugblatt „Teutsche Jugend an die teutsche Menge, zum 18. October 1818“ fand keine Resonanz. Im Herbst 1818 besuchte S. Friedrich Ludwig Jahn in Berlin und verteilte sein Flugblatt unter den Studenten.
Den Tod Kotzebues, den er als „Landesverräter“, „Volksverführer“ und Feind der Burschenschaft betrachtete, erwog S. schon am 5. Mai 1818 in seinem Tagebuch. Nach dem formalen Austritt aus der Burschenschaft im Febr. 1819 mit dem Zweck, die gegenseitigen Beziehungen verleugnen zu können, erstach S. am 23. März Kotzebue in dessen Mannheimer Wohnung. Sein anschließender Selbstmordversuch scheiterte. Bei sich trug er seine Schrift „Todesstoß dem →August von Kotzebue“, zu der er sich auch in seinem Prozeß bekannte, in dem er vom Hofgericht Mannheim am 5. Mai 1820 zum Tode verurteilt wurde.
S. galt als fleißiger Student und gläubiger Christ, aber mit verworrenen Gefühlen und ungeordneten politischen Ideen. Bereits bei seiner Hinrichtung war S. ein Symbol für Einheit und Freiheit geworden, sein Grab wurde ein Wallfahrtsort. Im Vormärz wurde S. zum politischen Heiligen stilisiert und stieg zur Identifikationsfigur v. a. im radikaldemokratischen und -nationalen Flügel der Burschenschaft auf. Seine von der Mehrheit der Burschenschafter nicht gebilligte Tat bildete dagegen nicht den von ihm erhofften Anstoß für eine allgemeine Freiheits- und Einheitsbewegung, sondern lieferte dem Dt. Bund den Anlaß für die Karlsbader Beschlüsse (20.9.1819) und das daraus folgende scharfe Vorgehen gegen die bürgerliche Nationalbewegung.
Dem „Mörder aus Vaterlandsliebe“ (K. A. v. Müller) wurde eine Unzahl von Aufsätzen, Gedichten, Flugschriften, Schauspielen, Romanen und bildlichen Darstellungen gewidmet. Alexander Puschkin dichtete etwa auf S. „Der Dolch“, Aurore Dupin Baronin Dudevant wählte ihr Pseudonym „George Sand“ angeblich nach S., Alexandre Dumas widmete ihm eine Novelle, Karl Hans Strobl ein Schauspiel, 1873, 1921, 1924, 1926, 1993 und 1998 erschienen umfangreichere S.-Romane.
9. Gebrüder Grimm
Steinau, Hanau
Jacob Grimm und Wilhelm Grimm werden 1785 und 1786 im hessischen Hanau geboren. Es folgen vier Geschwister. Kindheit und frühe Schulzeit verbringen sie in Steinau. 1796 stirbt der Vater. Unterstützung leistet fortan eine Tante, die in Kassel Hofdame ist.
Kassel
Zur Vorbereitung auf das noch vom Vater gewünschte Jurastudium gehen die Brüder Grimm 1798 an das Lyceum Fridericianum in Kassel.
Marburg
Jacob Grimm immatrikuliert sich 1802 an der Universität Marburg. Wilhelm folgt 1803. Prägend ist die Ausbildung durch Friedrich Carl von Savigny, der sie in seinen romantischen Freundeskreis aufnimmt.
Paris
Im Januar 1805 lädt Savigny Jacob Grimm als Helfer beim Quellenstudium nach Paris ein. Während dieser Trennung schließen die Brüder Grimm die Verabredung über ihre Lebensgemeinschaft.
Kassel
Die Mutter mietet mit den sechs Kindern 1805 eine Wohnung in der Kasseler Marktgasse. Gegenüber lebt die Apothekerfamilie Wild, mit der ein enges Verhältnis entsteht. (Die Apothekertochter Dortchen Wild heiratet Wilhelm Grimm 1825.) 1808 stirbt die Mutter der Brüder Grimm. Um die Brüder Grimm bildet sich ein Freundschafts- und Lesezirkel. Hier beginnen sie mit der Sammlung ihrer Märchen. 1807 macht Napoleon Kassel zur Hauptstadt des „Königreichs Westphalen“ mit seinem Bruder Jérôme als König. Jacob Grimm wird dessen Bibliothekar im Schloss Wilhelmshöhe, damals „Napoleonshöhe“. 1811 erscheinen die ersten eigenen Bücher der Brüder Grimm, 1812 mit dem althochdeutschen Hildebrandlied das erste gemeinsame Werk und im Dezember Band 1 der Märchen.
Paris und Wien
Nach dem Untergang des Königreichs Westphalen Ende Oktober 1813 wird Jacob Grimm kurhessischer Diplomat und hält sich 1814/1815 längere Zeit in Paris und Wien auf.
Kassel
1814/1815–1829 arbeiten die Brüder Grimm an der Kurfürstlichen Bibliothek in Kassel. Der Dienst lässt ihnen Zeit für eigene Arbeiten. Die reichhaltigen Bestände können sie dafür nutzen. Ab 1819 wird Jacob Grimm mit seiner Deutschen Grammatik in Europa und Nordamerika bekannt. 1829 werden die Brüder Grimm nach Göttingen berufen.
Göttingen
1830–1837: Als Bibliothekare und Professoren an der Universität Göttingen sollen die Brüder Grimm eine Modernisierung der berühmten Universitätsbibliothek bewirken und halten Vorlesungen über die frühe deutsche Sprach-, Literatur- und Kulturgeschichte. Durch politische Entwicklungen des Jahres 1837 (Protest der „Göttinger Sieben“ gegen die Aufhebung der hannoverschen Landesverfassung durch den neuen König Ernst August) müssen sie die Universität unerwartet wieder verlassen.
Kassel
Zur Vorbereitung auf das noch vom Vater gewünschte Jurastudium gehen die Brüder Grimm 1798 an das Lyceum Fridericianum in Kassel.
wieder Kassel
1837–1841 sind die Brüder Grimm ohne Anstellung. Der Landesverwiesene Jacob Grimm geht gleich nach Kassel, Wilhelm folgt ein Jahr später. In diese Zeit fällt die Vereinbarung mit der Weidmann'schen Buchhandlung über das Deutsche Wörterbuch, durch die man die Brüder Grimm materiell sicherstellen und ihre Kompetenz für ein monumentales wissenschaftliches Werk nutzen will, das ein Symbol bürgerschaftlichen Engagements für ein künftiges geeintes, freiheitliches Deutschland sein soll.
schließlich Berlin
Im Herbst 1840 lässt der neue preußische König Friedrich Wilhelm IV. die Brüder Grimm nach Berlin berufen und gewährt ihnen ein gemeinsames Gehalt aus seinen Privatmitteln, mit dem sie frei ihren wissenschaftlichen Arbeiten nachgehen sollen. Als Mitglieder der Königlichen Akademie der Wissenschaften sind sie berechtigt, an der Universität Vorlesungen zu halten, was Jacob bis 1848 und Wilhelm bis 1852 wahrnimmt. 1841–1846 wohnt die Familie am Rand des Tiergartens in der kurz vorher angelegten Lennéstraße, 1846/1847 näher zu Akademie, Universität und Bibliothek in der Dorotheenstraße und ab 1847 in der Linkstraße, unmittelbar am damaligen Potsdamer Bahnhof. Fast täglich haben die Grimms in ihrer Wohnung Gäste. Im Sommer unternehmen sie meist ausgedehnte Reisen. Jacob Grimm fügt seinen Hauptwerken noch die Geschichte der deutschen Sprache (1848) hinzu. 1848 ist er Abgeordneter der Nationalversammlung, tritt im Herbst jedoch aus Unzufriedenheit über den Verlauf der parlamentarischen Arbeit zurück. Die 1850er Jahre sind durch die Arbeit am Deutschen Wörterbuch gekennzeichnet. Jacob Grimm arbeitet A, B und C aus, Wilhelm Grimm folgt mit dem D, und Jacob übernimmt wiederum E und F. Wilhelm Grimm vollendet gerade noch das D, ehe er im Dezember 1859 stirbt. Jacob Grimm gelangt bis zu seinem Tod im September 1863 bis zum Stichwort „Frucht“.
10. Clara Schumann
Nach der Scheidung der Eltern wuchs S. bei ihrem Vater →Friedrich Wieck auf, der ihr seit ihrem fünften Lebensjahr Klavierunterricht erteilte. S. genoß bei ihm eine exzellente Musikausbildung nach dessen selbst entwickelter Lehrmethode, die auch eine gezielte Schulung der Anschlagskultur, Gehörbildung und Partiturstudium umfaßte. Studien in Musiktheorie und Komposition bei Thomaskantor →Theodor Weinlig (1780–1842) und →Heinrich Dorn (1800–92), dem Musikdirektor am Hoftheater, ergänzten den Unterricht beim Vater. Der systematischen Vorbereitung auf die Virtuosenkarriere dienten zudem eine allgemeine körperliche Ertüchtigung durch lange Spaziergänge, die S. ihr Leben lang pflegte, sowie Unterricht durch Hauslehrer in Englisch und Französisch.
Nach ersten Auftritten im Rahmen der von ihrem Vater veranstalteten Abendunterhaltungen debutierte S. am 8.11.1830 im Leipziger Gewandhaus als Solistin u. a. mit Kalkbrenners „Rondo brillant“ und eigenen Variationen über ein Originalthema. 1831 unternahm der Vater mit S. erste Konzertreisen nach Dresden und Weimar sowie im Februar 1832 nach Paris. Repertoire, Konzertprogramme, Kontakte zu namhaften Musikern der Zeit wie L. Spohr, F. Chopin und F. Liszt wurden vom Vater sorgfältig ausgewählt. 1831 erschienen 4 Polonaisen von S. als opus 1 im Druck. Die „Romance varié“ opus 3 widmete sie →Robert Schumann, der seit 1830 bei Wieck als dessen Schüler wohnte. Am 9.11.1835 kam S.s Klavierkonzert op. 7 unter der Leitung von F. Mendelssohn Bartholdy im Leipziger Gewandhaus zur Uraufführung. Einen ersten Höhepunkt ihrer Karriere markiert der Aufenthalt in Wien vom Herbst 1837 bis März 1838, wo S. u. a. mit der Klaviersonate f-Moll op. 57 von L. v. Beethoven die Kritiker begeisterte und vom Kaiser zur k. k. Kammervirtuosin ernannt wurde.
Zum Konflikt mit dem Vater kam es aufgrund der sich seit 1835 entwickelnden Liebesbeziehung zu →Robert Schumann. 1839 unternahm S. erstmals eine Konzertreise ohne den Vater nach Paris. Da Wieck seine zur Heirat gesetzlich notwendige Zustimmung verweigerte, wurde der Streit schließlich vor dem Appellationsgericht entschieden. Nach der Hochzeit am 12.9.1840 nahm das Ehepaar S. seinen Wohnsitz zunächst in Leipzig, übersiedelte 1844 nach Dresden und 1850 nach Düsseldorf.
Die von der Nachwelt oft verklärte und von Robert und Clara mit hohen, dabei teils konträren Erwartungen eingegangene Ehe barg reichlich Konfliktstoff. Da Claras Klavierspiel Robert beim Komponieren störte, wurde ihre künstlerische Tätigkeit deutlich eingeschränkt. Das gemeinsame Studium von Partituren und die Bewunderung für das Werk Roberts entschädigten sie nur teilweise für das fehlende eigene Schaffen. Erst 1853,|an ihrem letzten gemeinsamen Wohnsitz in Düsseldorf, ermöglichte S. ein eigenes Musikzimmer in ausreichender Distanz zum Zimmer Roberts, wieder regelmäßig zu üben und zu komponieren.
Dennoch betrachtete S. selbst im zunächst wechselseitig geführten Ehetagebuch und in Briefen ihre Ehe als glücklich und entschied sich bewußt für den Namen Schumann, unter dem sie am 31.3.1841 im Leipziger Gewandhaus erstmals auftrat. Mit staunenswerter Energie meisterte S. die Belastungen durch insgesamt 10 Schwangerschaften in 14 Ehejahren und organisierte den Haushalt ebenso wie die Tourneepläne für gemeinsame Konzertreisen nach Norddeutschland (1842), Rußland (1844), Wien (1846) und Holland (1853), die für S. künstlerisch und finanziell überwiegend erfolgreich verliefen, für Robert aber hohe psychische und physische Strapazen darstellten. Noch ohne den sich verschlechternden Gesundheitszustand ihres Mannes zu erkennen, unterstützte ihn S. in Düsseldorf bei Chor- und Orchesterproben, übernahm Korrespondenzen und fertigte Abschriften seiner Werke an. Im Herbst 1854, ein halbes Jahr nach dem Zusammenbruch Roberts und seiner Einlieferung in die Heilanstalt Endenich bei Bonn, nahm Clara ihre Konzerttätigkeit in vollem Umfang wieder auf. Ihren Mann sah sie aufgrund eines strikten ärztlichen Besuchsverbots, das in der Literatur teilweise bezweifelt, durch einen Quellenfund in jüngerer Zeit aber bestätigt worden ist, erst zwei Tage vor seinem Tod noch einmal wieder.
Die folgenden Jahrzehnte waren für S. geprägt durch ausgedehnte, eng aufeinanderfolgende Konzerttourneen, die sie jeweils vom Herbst bis in das Frühjahr in wichtige Musikzentren Deutschlands, nach Holland, Belgien, Frankreich, Österreich, Ungarn und in die Schweiz führten. Zu einem Schwerpunkt ihrer Konzerttätigkeit wurde England, das sie von ihrem ersten Aufenthalt 1856 bis zum Ende ihrer Laufbahn – häufig begleitet von ihrer Tochter Marie – 19mal besuchte. In London feierte S. ihre vielleicht größten Erfolge. Die Sommermonate dienten der Vorbereitung der anschließenden Tourneen, aber auch der Erholung und dem Familienleben. Dies gilt besonders für die Jahre 1863–73, in denen S. ein Haus in Lichtental bei Baden-Baden besaß und hier auch regen Kontakt zu vielen befreundeten Künstlern wie der Sängerin →Pauline Garcia-Viardot (1821–1910), →Hermann Levi (1839–1900) und →Johannes Brahms (1833–97) pflegte. Die übrige Zeit des Jahres wurden die Kinder bei Verwandten und in Pensionaten untergebracht. 1878 nahm S. eine Berufung durch →Joachim Raff (1822–82) an das Dr. Hoch's Konservatorium in Frankfurt als Erste Klavierlehrerin an. Sie verlegte ihren Wohnsitz nach Frankfurt und lebte dort bis zu ihrem Tod zusammen mit ihren Töchtern Marie und Eugenie, die die technische Unterweisung der Schüler übernahmen, während S. selbst sich ganz der Interpretation widmete. Sie konzertierte – zunehmend von nervösen Zuständen, Nervenschmerzen und Gehörproblemen geplagt – noch bis 1891 öffentlich und zog sich 1892 auch von ihrer Tätigkeit am Konservatorium zurück.
S. war die bedeutendste Pianistin ihrer Zeit. Ihr Erfolg gründete auf ihrem ausdrucksvollem Spiel, ihrer in jungen Jahren zarten, später würdevollen Erscheinung – sie trat seit 1856 nur in schwarzer Kleidung auf – und einer sorgfältig durchdachten Programmdisposition: Ihr Repertoire wandelte sich von typischen gemischten Virtuosenprogrammen seit den 40er Jahren hin zu anspruchsvoller klassischer Literatur und stand in Wechselwirkung mit dem sich gleichfalls verändernden Publikumsgeschmack. Die Auswahl ihrer Stücke prägte das Konzertleben bis in unsere Zeit. Berühmt waren ihre Beethoven-Interpretationen, die auch im Zentrum ihres pädagogischen Wirkens standen. Mit Vorliebe spielte S. Beethovens Klaviersonaten op. 53 und op. 57 sowie das Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur, zu dem sie auch zwei Kadenzen schrieb. Nahm sie in der Frühzeit ihrer Ehe nur sparsam Werke ihres Mannes in ihre Programme auf, da diese noch keine Erfolgsgarantie boten, so wurde sie nach seinem Tod eine unermüdliche Protagonistin seines Werks. Ferner trug sie Stücke von Mendelssohn Bartholdy, Chopin, Schubert, aber auch von Bach regelmäßig vor sowie Werke von →Johannes Brahms.
Als Komponistin geriet S. nach ihrem Tod rasch in Vergessenheit und wurde erst von der Frauenmusikforschung in den 1970er Jahren wiederentdeckt. Ihre frühen Werke entstanden für den eigenen Vortrag, wie dies dem Selbstverständnis der Klaviervirtuosen jener Zeit entsprach. Besonders ihr Klavierkonzert überzeugt durch seinen lebhaften, teils schwärmerischen Gestus und hat Spuren im Klavierkonzert Robert S.s hinterlassen. Der künstlerische Austausch mit dem Ehemann zeigt sich auch in S.s Klavierliedern, die durch phantasievolle melodische Erfindung und einfühlsam auf den Text bezogene Klavierbegleitung gekennzeichnet sind. Wiederholt äußerte S. allerdings Selbstzweifel an ihren Werken und gab, möglicherweise aus einem gestiegenen Qualitätsanspruch heraus, 1856 das eigene Komponieren auf.
Besonders seit den Frankfurter Jahren betätigte sich S. verstärkt als Herausgeberin, sah für den Musikverleger →Hermann Härtel (1803–75), dem sie freundschaftlich verbunden war, zahlreiche Druckfahnen durch und zeichnete auch für die Gesamtausgabe der Werke Robert S.s verantwortlich, die 1879-86 bei Breitkopf & Härtel erschien. 1886 gab S. eine sog. „Instruktive Ausgabe“ der Klavierwerke Robert S.s heraus, in der sie in Vortragsangaben ihre Interpretation für Schüler festschrieb.
Zeit ihres Lebens stand S. in regem Kontakt zu vielen Musikern und namhaften Persönlichkeiten, wie z. B. →Felix Mendelssohn Bartholdy, →Julius Stockhausen (1826–1906), →Joseph Joachim (1831–1907), →Franz Wüllner (1832–1902) u. a. Am wichtigsten für S. war zweifellos die Freundschaft mit→Johannes Brahms, der S. 1854-56 vielfach unterstützte und zeitweise bei ihr wohnte, woraus sich eine lebenslange vielschichtige, spätestens seit Sommer 1856 aber rein platonische Beziehung entwickelte.
Viele Briefe aus der umfangreichen Korrespondenz, die S. manchmal mehrere Stunden am Tag beschäftigte, erschienen mit dem neu erwachten Interesse an ihrer Person seit den 1990er Jahren im Druck und geben ein genaueres Bild ihrer Persönlichkeit. Im schriftlichen Austausch mit Freundinnen und Kollegen, ihren Kindern und Enkeln zeigt S. sich als ungemein selbstdiszipliniert, ernsthaft, manchmal bis an die Grenzen der Humorlosigkeit, aber auch voller teilnehmender Fürsorge. Ihre Kraft schöpfte sie aus ihrem Künstlerdasein, in das sie sich in krisenhaften Lebenslagen flüchtete.
11. Friedrich Ludwig Jahn
J. wurde bis zu seinem 13. Lebensjahr von seinem Vater unterrichtet, besuchte dann 3 Jahre das Gymnasium in Salzwedel und ½ jahr das Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, das er Ostern 1795 ohne Abschluß verließ. Seit 1796 betrieb er theologisch-historische und deutschkundliche Studien an den Universitäten Halle, Frankfurt/Oder, Greifswald, Göttingen; 1798 trat er in einen freimaurerischen Studentenorden (Unitistenorden) in Halle ein. Er erhielt in Greifswald 1803 das „consilium abeundi“ wegen einer Prügelei. J. siedelte nach längerer Hauslehrertätigkeit, mehreren Reisen und weiteren Studienversuchen in Göttingen und Jena 1809 nach Berlin über, wo er am Friedrich-Werderschen Gymnasium für einige Monate als Hilfslehrer eine Beschäftigung fand. Ein Anstellungsgesuch scheiterte, da er das „examen pro facultate docendi“ nicht bestand. Dennoch lehrte er weiter am Gymnasium zum Grauen Kloster und der Plamannschen Erziehungsanstalt. 1810 gründete er gemeinsam mit Frdr. Friesen den „Deutschen Bund“, den Vorläufer der Burschenschaften.|Die Mitglieder des Deutschen Bundes stammten vorwiegend aus Offiziers- und Lehrerkreisen. Wichtigste Ziele des Bundes, die im „Bundesbuch“ festgehalten wurden, waren die Befreiung Deutschlands von der franz. Herrschaft und die nationale Einheit. – Anfang Juni 1811 eröffnete J.nach dem Vorbild GutsMuths’ den ersten Turnplatz auf der Hasenheide in Berlin.
Das Turnen hatte mit Spaziergängen und Spielen im Kreise der Schüler zwanglos begonnen. 1811-13 nahm das Turnen auf der Hasenheide unter J.s Leitung einen starken Aufschwung. Der Turnbetrieb wurde straff organisiert, das Übungsgut beträchtlich erweitert. Während der Kriegszeit (1813–15), die J.bei dem von ihm mitbegründeten Lützowschen Freikorps verbrachte, leitete Eiselen den Turnbetrieb in Berlin. Nach Kriegsende kam es 1815-19 zu Spannungen zwischen J. und den Behörden, die auf die unterschiedliche Bewertung des Turnens zurückzuführen sind. Während das Kultusministerium das Turnen als Erziehungsgegenstand in das schulische Erziehungswesen eingebaut wissen wollte, betrachtete J. das „vaterländische Turnen“ als einen wesentlichen Beitrag zur Verwirklichung seiner Volkstumsideen, mit denen er das deutsche Nationalgefühl stärken wollte. Sein „Deutsches Volkstum“ (1810) enthält wichtige Gedanken über Volk und Staat, Sprache und Brauchtum, Erziehung und Bildung, aber auch gefährliche nationalistische, rassistische und antisemitische Äußerungen. Galt das Turnen zuerst als Vorbereitung auf den Freiheitskampf, so sollte es nach den Befreiungskriegen dazu dienen, „im Herzen das neue Deutschland aufzubauen“, das heißt, den Kampf um Einheit, Freiheit und liberale Verfassung mitzuunterstützen. Dem diente insbesondere die von J. mitinspirierte Burschenschaftsbewegung, die am 12.6.1815 in Jena gegründet wurde. Die Verbindung Turnen-Burschenschaft war so eng, daß bald der Name „Burschenturner“ geprägt wurde. Die Burschenschaftsbewegung und das „vaterländische Turnen“ gerieten seit 1816 immer stärker in die politische Auseinandersetzung mit der einsetzenden Reaktion.
Im Frühjahr 1817 hielt J. in Berlin öffentliche Vorträge über sein „Deutsches Volkstum“, mit denen er die Obrigkeit provozierte. Das Wartburgfest am 18.10.1817, die Sperrung des Breslauer Turnplatzes nach der dortigen „Turnfehde“ 1818 und die Ermordung Kotzebues durch den Burschenturner Sand 1819 – drei Ereignisse, die alle direkt oder indirekt mit dem Wirken J.s zusammenhingen – führten schließlich in Verbindung mit persönlichen Schwierigkeiten, die J. dem preuß. Kultusministerium bereitete, zur vorläufigen Einstellung des Turnbetriebes im Sommer 1819. Am 2.1.1820 erfolgte dann aufgrund der Karlsbader Beschlüsse der entscheidende Erlaß des Innen- und Polizeiministers: „Da es Seiner Majestät ernstlicher Wille ist, daß das Turnwesen ganz aufhört, so hat die Königl. Regierung von Polizei wegen nachdrücklich darauf zu halten, daß alles Turnen schlechterdings unterbleibe.“ Am 3.3.1820 verfügte Hardenberg, daß alle außerhalb der Städte errichteten Turngeräte wegzuschaffen und zu zerstören seien. – J. war bereits in der Nacht vom 13. zum 14.7.1819 „als geheimer, hochverrätherischer Verbindung verdächtig“ in seiner Wohnung verhaftet und auf die Festung Spandau, dann Küstrin gebracht worden. (Während der Haftzeit starben zwei seiner 3 Kinder). Am 22.5.1820 wurde er zwar aus der Haft entlassen, als einstweiliger Aufenthaltsort aber die Festungsstadt Kolberg bestimmt, wo er unter die Aufsicht des Festungskommandanten gestellt wurde. 1825 erfolgte die völlige Freisprechung, doch wurde ihm ein Aufenthalt in einer Universitäts- oder Gymnasialstadt untersagt. Er wählte Freyburg/Unstrut (1829–36 Kölleda) zum Aufenthaltsort. Die Beschränkung seiner politischen Tätigkeit wurde 1840 durch Friedrich Wilhelm IV. aufgehoben, der J. nachträglich das Eiserne Kreuz II. Kl. verlieh. 1848 wurde J. als Abgeordneter in das Parlament der Frankfurter Paulskirche gewählt, aber hier ist er – sieht man von seiner (nur gedruckten) „Schwanenrede“ ab – kaum hervorgetreten. – Dr. h. c. (Jena u. Kiel 1817).
J.s Turnen in seiner Verbindung von Volkstumsgedanke und Patriotismus muß als politische Erscheinung begriffen werden. Nur so ist es zu verstehen, daß mit der Reichsgründung, als sich die Deutsche Turnerschaft wieder auf J. besann, dieser als nationaler Herold, als Kämpfer für die deutsche Einheit unter Preußens Führung glorifiziert wurde. Nach dem 1. Weltkrieg kam es zu einer J.-Renaissance, als die Deutsche Turnerschaft versuchte, sich nach Deutschlands Niederlage an einem idealisierten und heroisierten J.-bild aufzurichten. Gefälscht wurde dieses dann nach 1933 von Alfred Baeumler, der J.zum „politischen Soldaten“ und Wegbereiter des Nationalsozialismus machte. Eine solche Verfälschung war aber nur möglich, weil man sich auf rassistische und nationalistische Aussagen J.s berufen konnte.
12. Ludwig Feuerbach
F. studierte ab 1823 in Heidelberg bei dem Hegelianer →K. Daub Theologie, 1824-26 in Berlin bei →Hegel selbst Philosophie. 1825 ging er ganz zur Philosophie über. 1828 promovierte er in Erlangen und habilitierte sich dort im gleichen Jahr mit der nur wenig umgearbeiteten Dissertation, die als Habilitationsschrift den Titel trug „De ratione una, universali, infinita“. Diese sowie eine spätere Schrift, „Kritik des Anti-Hegel“ (1835), eine Auseinandersetzung mit C. F. Bachmann, bezeugen F.s gründliches Hegel-Verständnis. 1830 veröffentlichte er eine anonyme Schrift „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ mit einem Anhang: „Satirisch-theologische Distichen“. Daß er In dieser Schrift die persönliche Unsterblichkeit leugnete, entschied über seine fernere Zukunft: dreimal bewarb er sich vergeblich um eine außerordentliche Professur. Auch Versuche, durch V. Cousin eine Stellung in Paris zu finden, scheiterten, ebenso Bemühungen um einen Lehrstuhl in Bern oder eine passende Tätigkeit in Griechenland. Da ihm die akademische Lehrtätigkeit ohnedies nicht zusagte, zog er sich 1836 endgültig von der Universität zurück. Auf Schloß Bruckberg bei Ansbach, wo seine Frau Mitbesitzerin einer ererbten Porzellanfabrik war, führte er ab 1837 ein stilles, genügsames Leben. Hier schrieb er „Das Wesen des Christentums“ (1841) und die selbständigen philosophischen Werke der 40er Jahre: „Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie“ (1842); „Grundsätze der Philosophie der Zukunft“ (1843). Durch A. Rüge, G. Herwegh, Christian Kapp, K. Marx mit den revolutionären Bewegungen vor und nach 1848 verbunden, hielt er sich doch von der Tagespolitik fern. Im Revolutionsjahr hielt er auf Einladung von Studenten öffentliche Vorlesungen im Heidelberger Rathaus (Wintersemester 1848/49). Der Physiologe J. Moleschott und der Dichter Gottfried Keller zählten zu seinen Hörern. 1860 zwang ihn der Bankrott der Porzellanfabrik zur Übersiedlung nach Rechenberg. Dort lebte er unter ungünstigen Verhältnissen, zum Teil auf Spenden angewiesen, die unter anderem die Sozialdemokratische Partei für ihn sammelte, bis zu seinem Tode.
In seiner Philosophie geht F. davon aus, daß der Geist der Neuzeit die Auflösung der Theologie sei, – in der Naturwissenschaft praktisch, durch ihren von theologischen Rücksichten befreiten Empirismus; im Protestantismus religiös-praktisch, durch die Verlagerung des Interesses von Gott-an-sich auf den Gott-für-uns, Christus, den menschgewordenen Gott; im Deutschen Idealismus theoretisch: Hegels Logik erfaßt die metaphysischen Wesensbestimmungen Gottes, die im Laufe der Geschichte hervorgetreten sind, als die Kategorien des Denkens selbst. Was im Theismus Objekt ist, – das gedachte Wesen der Vernunft, – das ist in der spekulativen Philosophie Subjekt, – das denkende Wesen der Vernunft: durch diese Subjektivierung Gottes wird seine Jenseitigkeit aufgelöst, allerdings nur erst „im Kopf“. Der absolute Geist der Hegelschen Logik ist seinerseits noch ein Jenseits gegenüber dem wirklichen Menschen; darin bezeugt sich die Herkunft der idealistischen Philosophie aus der christlichen Theologie. Es gilt nun, diesen Auflösungsprozeß kritisch zu vollenden und Gottes Jenseitigkeit auch „im Herzen“ aufzulösen. F.s Anliegen ist die Aufhebung aller Theologie und metaphysischen Philosophie in Anthropologie. In aller Religion sieht F. eine Selbstentfremdung des Menschen: was als Gott vorgestellt wird, ist nur die Personifizierung unserer eigenen Wesensakte, die dabei von den Schranken, die ihnen in jedem Individuum anhaften, befreit werden, und so – als All-Wissen, All-Macht und so weiter – einem höheren Wesen als dessen Akte zugeschrieben werden. In Wahrheit haben die Menschen mit dieser Entschränkung des konkreten Denkens, Fühlens und so weiter zum „actus purus“ zwar sich als Individuen, nicht aber die Allgemeinheit der menschlichen Gattung überschritten. Aber das durchschauen sie zunächst nicht. Die Spannung zwischen dem endlichen „Ich“ des Einzelnen und dem unendlich-überindividuellen „Wir“ der Gattung wird vielmehr vergegenständlicht zur Spannung zwischen dem menschlichen „Ich“ und dem göttlichen „Du“, an das sich der Mensch in Liebe hingibt. In solcher religiösen Vergegenständlichung der Gattung liegt freilich eine tiefe anthropologische Wahrheit verborgen, – eine Wahrheit, die die spekulative Philosophie mit ihrer Umwandlung des gefühlten göttlichen Du in die Allgemeinheit des Denkens nicht festzuhalten vermochte – die Wahrheit nämlich, daß der Mensch nicht nur ein Ich ist, sondern immer schon Ich und Du; daß er ein Sinnenwesen und darum auf Gegenstände angewiesen ist; und daß er schon durch den Geschlechtsunterschied auf ein mitmenschliches Du verwiesen ist, mit welchem zusammen er in der (Gatten-)Liebe die Gattung schon fühlt und leibhaftig vollbringt, bevor er Gattungen im Sinne von Allgemeinbegriffen in gedanklicher Abstraktion aus der Totalität des Lebens herauslöst. Auf dem Umweg über die religiöse Selbstentfremdung und ihre Aufhebung kommt der Mensch zur Bejahung seiner selbst als Sinnenwesen. – Wenn F. somit den Sensualismus erneuert, so fällt ihm dabei die Aufgabe zu, zu erklären, wieso ein solches Sinnenwesen wie der Mensch überhaupt dazu kommt, seine sinnliche Unmittelbarkeit theologisch und logisch zu transzendieren, anstatt bei der sinnlichen Gewißheit, die das Prinzip der Philosophie der Zukunft sein soll, von vornherein einfach stehen zu bleiben; besaß er sie doch schon immer. F. löst diese Aufgabe, indem er an die Stelle des alten Dualismus zwischen Sinnlichkeit und Geist einen anderen Unterschied setzt: den durchgängigen Unterschied zwischen tierischer, beziehungsweise roher Sinnlichkeit und menschlicher, wahrhaft humaner Sinnlichkeit. In Fortführung des anthropologischen Ansatzes eines J. G. Herder sieht F. die menschliche Sinnlichkeit durchwaltet von Bewußtsein und Freiheit. Die Freiheit von den Trieben ermöglicht Bewußtsein insofern, als der Mensch sich nicht unmittelbar auf die einzelnen Gegenstände seines jeweiligen Fühlens und Wollens stürzt; indem er vielmehr dies oder jenes fühlt und will, fühlt er zugleich auch sein Gefühl und will er auch seinen Willen entfalten. Auf Grund dieses Selbstbezuges, auf den die Sinnlichkeit des Menschen angelegt ist, weiß der Mensch in jedem besonderen Bezug zugleich um sich als Allgemeines, als Gattungswesen, sowie auch um die Gattungen der Dinge. Auf die so verstandene humane Sinnlichkeit läßt sich nun die Hegelsche Geschichtsauffassung anwenden: Geschichte als Weg der Selbst-Werdung, jedoch nicht des Geistes, sondern des Menschen. Wie der Geist in Hegels Geschichtsmetaphysik nicht von vornherein da ist, sondern erarbeitet werden, beziehungsweise sich herausarbeiten muß, so ist auch der Mensch als wahrhaft menschliches Naturwesen nicht von vornherein da. Religion und Metaphysik sind umwegige Stadien im Selbstunterschei- dungsprozeß der humanen von der inhumanen Natur. Das wahrhaft Menschliche ist das Göttliche: erst wenn der Mensch dies bis in seine naturhafte Sphäre, in Leiblichkeit und Sinnlichkeit hinein, begriffen hat, kann er sich als Naturwesen fühlen. Die Geschichte ist der Umweg des Menschen zu seiner eigenen Natur und damit zugleich zur Natur überhaupt.
Die Wirkung F.s war zwiespältig: F.s kritische Arbeiten schlugen bei den Zeitgenossen durch, aber seinem positiven Ansatz blieb größere Anerkennung versagt. Die Selbstbestätigung des Menschen in seiner Sinnlichkeit als Resultat der gesamten Religions- und Geistesgeschichte: das wirkte wie der enttäuschend banale Schluß eines gewaltigen Dramas. K. Marx und K. Barth, die F.s kritische Ergebnisse übernahmen, kamen zu einer dialektischen Fortführung. Was bei F. Objekt sinnlicher Anschauung ist, wird von Marx als Vergegenständlichung sinnlich-materieller Tätigkeit gefaßt; F.s Uminterpretation von Religion und Metaphysik in Anthropologie wird von Marx weitergeführt zur Forderung einer Veränderung und Humanisierung der Welt selbst, durch die dem Bedürfnis nach Religion und Metaphysik die materielle Basis entzogen werden soll (dialektischer Materialismus). F.s Auflösung der Religion in ihren Gefühlsgrund hinein wird für K. Barth zum Anlaß eines Neuverständnisses des Wortes Gottes: als das „ganz Andere“ steht es im Angriff auf alle Religion und Metaphysik samt ihrem menschlichen Gefühlsgrund (dialektische Theologie).
13. Carl Spitzweg
S. verließ 1825 das Wilhelmsgymnasium in München ohne Abschluß und begann eine pharmazeutische Lehre bei dem Münchner Hofapotheker →Franz Xaver Pettenkofer (1783–1850). Nach einer weiteren Station in der Löwenapotheke in Straubing nahm er 1829 das Studium der Pharmazie an der Univ.München auf, das er 1832 erfolgreich abschloß. Bereits nach dem Tod des Vaters 1828 und des älteren Bruders Simon im Jahr darauf waren die Erbangelegenheiten so geregelt worden, daß S. und sein jüngerer Bruder Eduard sichere Einkünfte aus dem väterlichen Vermögen hatten. Für S. eröffnete sich damit nach einer gesundheitlichen Krise 1833 die Möglichkeit, sich ausschließlich der Malerei zu widmen. Anregung und Ermunterung erhielt er aus dem Freundeskreis, zu dem u. a. der holstein. Maler →Christian Heinrich Hanson (1790–1863) gehörte. Von diesem sowie weiteren Freunden und Kollegen angeleitet, jedoch ohne eine förmliche Ausbildung absolviert zu haben, malte S. um die Mitte der 1830er Jahre die ersten eigenständigen Bilder, Landschaften und Genredarstellungen. Diesen beiden Gattungen blieb S. im Laufe seiner weiteren künstlerischen Tätigkeit nahezu ausschließlich verpflichtet.
Schon in den ersten Jahren eroberte S. das Feld der humorvollen Genremalerei für sich und schuf realistisch anmutende Darstellungen biedermeierlicher Lebenswelten. 1839 entstanden die beiden Fassungen des „Armen Poeten“ (München, Neue Pinakothek, u. Berlin, Alte Nat.gal., 1989 gestohlen), eine der populärsten Bildschöpfungen S.s.: ein skeptischer Blick auf einen von der Welt abgeschiedenen Sonderling, auf einen erfolglosen Dichter, der in seiner ärmlichen Dachstube Verse niederschreibt, die nicht gedruckt und gelesen, sondern letztlich nur zum Heizen des Ofens verwendet werden. 1841 vollendete S. den „Sonntagsspaziergang“ (Salzburg, Mus. Carolino Augusteum), in dem die Atmosphäre eines Sommertages mit dem beschaulichen und zugleich decouvrierenden Idyll eines Familienausflugs verknüpft ist. Die ironische Behandlung von Individualisten und Intellektuellen ist ein häufig wiederkehrendes Thema: Der „Bücherwurm“ (Schweinfurt, Mus. Georg Schäfer) zeigt einen Leser, der sich auf der Bibliotheksleiter stehend mit mehreren Büchern zugleich beschäftigt, ein Sinnbild für die geistigen Anregungen, die durch Lektüre zu gewinnen sind, gleichzeitig aber auch für ein sich verzettelndes, letztlich unproduktives Gelehrtentum. Gegenstand von S.s hintergründigem Humor sind immer wieder ältere Männer wie der „Ewige Hochzeiter“ oder solche, die sich besonderen Interessen verschrieben haben und darüber die Welt vergessen wie der „Kaktusliebhaber“ oder der „Geologe“ (beide Schweinfurt, Mus.Georg Schäfer).
Bis in die Mitte der 1860er Jahre unternahm S. viele Reisen, oft in Begleitung von Freunden wie dem Münchner Landschaftsmaler Eduard Schleich d. Ä.Häufige Wanderungen im bayer. Bergland, in Nord- und Südtirol, aber auch in Franken und Schwaben nutzte er zu Naturstudien. 1833 führte ihn eine längere Italienreise über Venedig und Florenz bis nach Rom und Neapel. Oberitalien und Venetien besuchte er mehrfach, so 1834, 1837, 1839, 1842 und 1850. Die Schweiz erkundete S. auf teilweise ausgiebigen Wanderungen in den Jahren 1838, 1841 und 1843. 1849 reiste er nach Prag, 1851 gemeinsam mit Schleich nach Paris und zur Weltausstellung nach London. 1856 war er in Dresden und in Berlin, 1862 in Wien. Die Erfahrungen dieser Reisen fanden nur bedingt Eingang in die Bildwelten S.s. Die kleinstädtische Idylle und die bayer. Berglandschaft seiner Bilder erscheinen geradezu als Gegenpole zu der Betriebsamkeit des modernen Großstadtlebens. Die Welt des Orients hingegen, der S. in Venedig und auf der Weltausstellung 1851 in London mit Interesse begegnete, findet sich u. a. in Bildern von Tabak rauchenden Türken, deren bedeutendstes Beispiel der Münchner Sammler und Orientalist Adolf Friedrich v. Schack erwarb (München, Schack-Gal.).
Seit seiner Jugend war S. als Zeichner tätig. Während der Reisen entstanden zahlreiche Studien, die er für spätere Gemälde verwendete. Von 1844 bis 1852 lieferte er Zeichnungen für die von Caspar Braun begründeten „Fliegenden Blätter“, in denen sich der Einfluß der zeitgenössischen franz. Karikatur zeigt.
Als Landschaftsmaler nahm S. zunächst Anregungen aus dem Kreis der skandinav. und norddt. Künstler auf, die in den 1830er Jahren die Münchner Malerei mit ihrer realistischen Auffassung und der Praxis des intensiven Naturstudiums beeinflußten. Anregungen bezog S. aber auch aus der älteren Kunst, v. a. aus der niederl. Genre- und Landschaftsmalerei des 17. Jh. In den 1840er und 1850er Jahren war er mehrfach in Pommersfelden und kopierte in der Schönbornschen Galerie holländ. Gemälde, aber auch Landschaften von Zeitgenossen wie Eugène Isabey (Kopie d. „Badenden Frauen am Meer bei Dieppe“ nach Isabey, Berlin, Alte Nat.gal.). Die Malerei der Schule von Barbizon wirkte nachhaltig auf S.s Landschaftsauffassung. Wie auch Schleich adaptierte S. die in Frankreich entwickelte „paysage intime“, von Nahem gesehene Naturausschnitte, die ausschließlich mit Mitteln der Farbe gestaltet sind und die dem Licht und der Stimmung in der Landschaft besondere Aufmerksamkeit widmen („Irrlichter“, München, Neue Pinakothek). Als Maler gehörte S.zu den bedeutenden Koloristen seiner Zeit in Deutschland, eine Leistung, die durch die Popularität seiner Bildthemen in den Hintergrund gedrängt wurde. Mit seinem Witz, der menschliche Unzulänglichkeiten und bürgerliche Doppelmoral ebenso aufgreift wie das kleine Malheur, zählt S. zu den wenigen bedeutenden Humoristen in der dt. Kunst des 19. Jh.
Seit 1837 führte S. ein Verzeichnis, in dem er seine Bilderverkäufe dokumentierte. In den ersten Jahren wurden seine Gemälde v. a. über die Ausstellungen der Kunstvereine vermittelt, später übernahmen Händler diese Funktion. Die Käufer stammten aus dem Bürgertum und dem Adel, und wie andere Münchner Maler auch hatte S. in den späteren Jahren einen Kreis von Sammlern in den USA. Er signierte seine Bilder im allgemeinen und verwendete dazu ein Monogramm mit dem Buchstaben S im Rhombus. Da er keine große stilistische Entwicklung durchlief und viele Motive auch in größeren Zeitabständen wiederholte und variierte, sind eine chronologische Ordnung seines Œuvres und die Datierung einzelner Werke problematisch. Seit 1863 lebte und arbeitete S. zurückgezogen in einer Wohnung im vierten Stock des Hauses am Heumarkt 3, dem heutigen St. Jakobsplatz in München. Dort starb er an den Folgen eines Schlaganfalls.|Nach S.s Tod setzte eine große Nachfrage nach seinen Werken ein, die in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg einen Höhepunkt erreichte und sich nach dem 2. Weltkrieg erneut belebte. Die andauernde Popularität und Wertschätzung in weiten Kreisen machten S.s Werk für Nachahmer und Fälscher attraktiv. So existiert eine kaum überschaubare Zahl von Kopien, Nachahmungen und Fälschungen unterschiedlichster Qualität, während andererseits die Konturen seines Œuvres durch fragwürdige Zuschreibungen und den extensiven Gebrauch des Nachlaßstempels aufgeweicht wurden. Die Sicherung des Œuvres, die Unterscheidung zwischen Originalen und Bildern von fremder Hand ist die Aufgabe einer primär auf kennerschaftlichen Methoden fußenden kunsthistorischen Forschung. Dagegen wurden die geistesgeschichtlichen und kulturhistorischen Implikationen der erstaunlichen, alle Moden überdauernden Popularität des Künstlers bisher nur in Ansätzen ergründet.
14. Heinrich von Gagern
Biografie:
Der bedeutendste der „politischen“ Söhne von Hans ist nicht in Weilburg, wie die|5 Brüder, sondern in der Neuen Eremitage zu Bayreuth geboren, als der Vater seine Familie während der Franzosennot in das neutrale Nebenland des preußischen Staates flüchtete. Nach der Rückkehr der Ruhe in Weilburg unterrichtet, wurde er beim Austritt des Vaters aus dem nassauischen Dienst 1812 Kadett in München und kam 1814 nach Weilburg zurück, wo er sich dem nassauischen Kontingent der Verbündeten anschloß. 1815, wie Bruder Fritz, auf den Schlachtfeldern von Waterloo leicht verwundet, war ihm der Einzug in Paris das erste große Erlebnis; er wurde bis 1820 als Unterleutnant zum Studium beurlaubt, dann verabschiedet. In Heidelberg fand er mit dem Beitritt zur Burschenschaft Anschluß an die Einheits- und Reformbewegung, die er in Göttingen vergeblich durchzusetzen suchte, um so erfolgreicher war er in Jena, wo G. in der Urburschenschaft dem „engeren“, politisch aufgeschlossenen Verein angehörte; als Vorsteher hatte er dank einer glänzenden Rednergabe maßgebenden Anteil an der Begründung der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft: nach eigener Angabe der bedeutungsvollste Auftakt für sein Streben nach Einheit und bürgerlicher Freiheit. Daß er sich seiner „aristokratischen“ Herkunft durchaus bewußt blieb, gehört ebenso in die hier gewonnenen Eindrücke wie der Verzicht auf das Adelsprädikat in seiner Unterschrift. Um seine weltmännische Ausbildung abzurunden, schloß sich ein Studienaufenthalt in Genf an. Dank der vom Vater eingeleiteten Beziehungen zum Großherzogtum Hessen folgten 1820 juristische Prüfungen in Gießen und Darmstadt sowie der Eintritt in die hessische Verwaltung, zunächst in Lorsch, dann in der Hauptstadt. Im näheren Verkehr mit vormaligen Burschenschaftern, unter denen ihm →Reinhard Eigenbrodt Vertrauensmann fürs Leben wurde, bildete sich eine lebhafte Teilnahme für die in den früheren Rheinbundstaaten vordringlichen Verfassungsfragen aus, wesentlich gefördert durch den Gedankenaustausch mit dem ältesten Bruder. In einem lebhaften Briefwechsel bekennt sich der Sohn des Reichsfreiherrn zum liberalen Gedankengut des Vormärz, 1827 verteidigt eine kleine finanzpolitische Schrift die von der Regierung bedrohten Rechte, die die Verfassungsurkunde den Landständen gab; im folgenden Jahr sah er in einem Aufsatz in der Augsburger Allgemeinen Zeitung in den ersten preußischen Provinzialständen eine Vorstufe künftiger Reichsstände, ohne damit den Beifall des Vaters sowie des von ihm angesprochenen Stein zu gewinnen. Trotzdem schien, seit ihn die erste Heirat sowie die Ernennung zum Regierungsrat und Kammerherrn an Hof und Verwaltung fesselten, eine durchaus staatstreue Laufbahn gesichert. Um so heftiger brach nach dem Tod der Gattin der seit langem vorbereitete Konflikt mit dem neuen leitenden Minister, dem Freiherrn Du Bos du Thil, aus, der sich um eine Verwaltungs- und Rechtsgemeinschaft der 3 völlig verschieden gearteten Provinzen des Großherzogtums bemühte, ohne die für den südwestdeutschen Liberalismus vorbildlichen Sonderrechte des linksrheinischen Rheinhessen zu berücksichtigen. 1832 sandte sein alter Amtsbezirk Lorsch den Regierungsrat in die 2. Kammer des Landtags; eine seit langem erstrebte „ständische“ Laufbahn begann.
Als Berichterstatter des besonders wichtigen Finanzausschusses trat G. sehr scharf für die konstitutionelle Gewaltenteilung ein und bekämpfte die insbesondere von dem Österreich Metternichs gestützte „Reaktion“. Aussprachen mit Abgeordneten der besonders „fortschrittlichen“ württembergischen und badischen Landtage führten zu einer wechselseitigen Bindung des Liberalismus. In Darmstadt vertieften Auflösung des Landtags und Neuwahl die Spannung und führten 1833 zum Austritt aus dem Staatsdienst; da die Regierung die Oberhand behielt, verzichtete G. 1836 auf eine weitere Kandidatur und ließ sich als Pächter, später als Besitzer auf dem Familiengut Monsheim nieder. Die Vermählung mit der katholischen 2. Gattin, die ihn zur Erziehung aller Kinder in der Konfession der Mutter verpflichtete, sowie der Ausbau seines landwirtschaftlichen Betriebs drängten die politische Teilnahme nur für kurze Zeit zurück. Eifrige Tätigkeit im landwirtschaftlichen Verein sowie der ständige Meinungsaustausch mit den Darmstädter Freunden und mit den Vertretern des pfälzischen und badischen Liberalismus, vor allem mit Bruder Fritz, brachten dem Gedanken an Einheit und Freiheit neue Nahrung; seit dem Thronwechsel in Preußen (1840) wuchs der Wille, aufs neue in den Kampf einzutreten. Während Bruder Fritz eindeutig auf Preußen als den Regulator der Zukunft verwies, forderte G. 1844 eine friedliche Auseinandersetzung mit Österreich, „um dann umso fester das übrige Deutschland zur staatlichen Einheit zusammenzufügen“. Neben den Forderungen der jüngeren, in der Burschenschaft aufgewachsenen Generation behielt der vom Vater überlieferte Reichspatriotismus eine überraschend starke Kraft. Vor diesem Hintergrund führte wiederum eine gegen die Regierung gerichtete Schrift den Gutsbesitzer von Monsheim, den die Standesgenossen in Rheinhessen durch die Wahl zum Präsidenten ihres landwirtschaftlichen Vereins geehrt hatten, in die aktive|Politik zurück. 1847 wurde er im Darmstädter Landtag zum Sprecher des Liberalismus und unterschrieb zusammen mit dem Vater und Bruder Max das Programm der in Heidelberg gegründeten „Deutschen Zeitung“. Im Herbst des gleichen Jahres durfte er in seinem ersten Amts- und Wahlbezirk Heppenheim Preußen und „Deutsche“, das heißt nach dem Sprachgebrauch der Zeit Mitglieder der südwestdeutschen Opposition, zu gemeinsamer Beratung begrüßen. Die Frage, ob man sich mit einem politischen Ausbau des preußisch-deutschen Zollvereins begnügen oder auch Österreich heranziehen sollte, blieb ungelöst. Unter den Schlägen einer europäischen Revolution brachen alle Voraussetzungen der bisherigen Gesellschaftsordnung und Machtverteilung zusammen. In der Südwestecke des Deutschen Bundes erhielt das in der Verfassungsurkunde der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft festgelegte Ziel neue Vorzeichen.
Wie die Gesinnungsfreunde in Württemberg und Baden, in Kurhessen und Nassau sah sich G. aus dem Gegensatz zur Regierung zur Verantwortung berufen. Am 5.3.1848 nahm er an der Heidelberger Versammlung von 50 liberalen Persönlichkeiten teil, die die große Welle der nationalen Bewegung auslöste; am gleichen Tage betraute ihn der zum Mitregenten erhobene Erbgroßherzog Ludwig (III.) von Hessen mit der Leitung des Staatsministeriums sowie der inneren und auswärtigen Angelegenheiten. In dieser Eigenschaft gab er seinem Bruder Max Vollmacht, durch eine weitgehende Vereinbarung das Verhältnis Preußens zu den übrigen Staaten enger zu gestalten. Der Ausbruch der Märzrevolution in Berlin durchkreuzte den Plan. Friedrich Wilhelm IV. forderte das unbedingte Einverständnis Österreichs und gab damit den Zweifeln, die G. dem Hegemonieanspruch Preußens entgegengestellt hatte, recht. Sie auszutilgen müsse sich, wie er im Darmstädter Landtag ausführte, das übrige Deutschland unverzüglich mit Preußen über eine gemeinsame Verfassung einigen, ohne darüber Österreich aufzugeben. Im Gegensatz zu anderen Plänen, die die bisherige Dreiteilung des Deutschen Bundes beibehalten wollten, zeichnet sich hier das künftige Programm vom engeren und weiteren Bund ab; es durchzuführen war die Aufgabe einer gesamtdeutschen Volksvertretung.
Im Vorparlament ist G. nur vorübergehend aufgetreten. In der Frankfurter Paulskirche übertrug ihm die mehrfach erneute Wahl zum Präsidenten der konstituierenden deutschen Nationalversammlung Verantwortung und Führung. Den ersten Sieg auf dem Wege zu einem Bundesstaat mit monarchischer Spitze bezeichnete die Erhebung Erzherzog Johanns, des alten Kampfgenossen des Vaters, zum Reichsverweser. Die schnelle Durchführung der Reichsverfassung verhinderte der allzu berechtigte Wunsch, zunächst in Grundrechten des deutschen Volkes eine Wiederkehr der vormärzlichen Reaktion unmöglich zu machen. Erst die blutigen Septemberereignisse in Frankfurt, die der Innenminister der provisorischen Zentralgewalt, A. von Schmerling, in Zusammenarbeit mit G. unterdrückte, erzwangen Stück für Stück die Vorlage des vom wichtigsten Ausschuß ausgearbeiteten Entwurfs einer Reichsverfassung. Da das seit langem umstrittene Verhältnis zu Österreich zum Rücktritt des bisherigen, nach persönlichen und landsmannschaftlichen Rücksichten berufenen Reichsministeriums führte, kam als Nachfolger lediglich der Präsident der Paulskirche als Führer der Mehrheitsparteien in Frage. Mit seinem „Programm vom engeren und weiteren Bund“, das den Einfluß des Vaters und des gefallenen Bruders Fritz zeigt, stellte er den unverzüglichen Zusammenschluß Preußens mit dem übrigen Deutschland voran, ohne Österreich aus den älteren Verpflichtungen zu lösen. Während seine norddeutschen Anhänger bereits auf den habsburgischen Kaiserstaat verzichten wollten, zumal dieser aufs neue der Reaktion verfallen schien, blieb ihm eine wesentliche Voraussetzung, „Österreichs Unionsverhältnis zu Deutschland mittels einer besonderen Unionsakte zu ordnen und damit alle die verwandtschaftlichen, geistigen, politischen und materiellen Bedürfnisse nach Möglichkeit zu befriedigen, welche Deutschland und Österreich von je her verbunden haben und im gesteigerten Maße verbinden können“. Als diese Fassung eine stattliche Stimmenzahl erhielt, trat am 18.12.1848 die erste parlamentarische Regierung Deutschlands, in der dem Vorsitzenden Reichsminister die auswärtigen wie die inneren Angelegenheiten zufielen, ihr Amt an.
Eine ausreichende, in sich geschlossene Mehrheit hat die Reichszentralgewalt nie erreicht. Unter dem Druck der Einzelregierungen ging die Beratung der Reichsverfassung in erregendem Wechsel weiter. Ein Staatsstreich des vom Fürsten Schwarzenberg geführten Wiener Ministeriums, das mit der Verkündigung einer neuen, selbständigen Verfassung alle Bemühungen des deutschen Liberalismus abschnitt, führte zum dramatischen Ende. Ein Ausgleich mit der Linken, die als Gegengabe für ihre Zustimmung das allgemeine Stimmrecht einsetzte, gewann der Mitte einen knappen Sieg. Am 28.3.1849 vereinigte sich eine verschwindend geringe|Mehrheit zur Wahl Friedrich Wilhelms IV. zum Kaiser der Deutschen. Als dieser ablehnte, kämpfte das Reichsministerium verbissen um einen Ausweg. Hatte sich der begnadete Redner vordem durch den Zuruf einer begeisterten Menge emportragen lassen, – jetzt zeigte er in der Wirrnis der parteipolitischen Gegensätze eine wahrhaft bewundernswerte Größe, ohne in der Nationalversammlung eine feste Mehrheit, beim Reichsverweser Hilfe und Vertrauen zu finden. Am 10.5. entließ Erzherzog Johann das seit langem nur provisorisch amtierende Reichsministerium und gab damit auch der Paulskirche den Todesstoß. Schweren Herzens unterschrieb G. am 21.5. die Austrittserklärung der Mitte, die seiner „Standarte“ gefolgt war. Über die Zusammenkunft in Gotha, die Bruder Max vorbereitete, und über das Erfurter Unionsparlament ging der Weg in die einsame Welt des geschlagenen Kämpfers.
Ein Zwischenspiel zeigte den tiefen Ernst seines Willens: Als Preußen nach seinem Verzicht im Ringen um die Einheit auch Schleswig-Holstein fremder Willkür preiszugeben drohte, zog es den einstigen Waterloo-Kämpfer als Volontär-Major an die Front, „der Nation den Weg zur Pflicht zu weisen“. Wie in der deutschen Revolution zerbrach der Versuch am Widerstand der großen Mächte. Verbittert nahm sich der einstige Herold der Paulskirche, den mancherlei Ehrungen als den Wegbereiter von Einheit und Freiheit gefeiert hatten, „völlige Enthaltsamkeit von jedem öffentlichen Wirken“ vor. Zunächst im heimatlichen Monsheim, dann in Heidelberg gingen seine Gedanken in die Vergangenheit. Das groß angelegte Werk „Das Leben des Generals Friedrich von Gagern“ ist 1856 ein Ergebnis dieser Überlegungen geworden. Preußen und seinem König gilt der Vorwurf der Untreue. Persönliche Mißachtung, die ihm das Berliner Ministerium entgegenbrachte, vertiefte die Abkehr. Wie einst dem Vater erschien auch ihm jetzt Österreich gleichberechtigt im Wettlauf um die Gunst der Nation.
1859 eröffneten sich für die deutsche Einheitsbewegung wie für G. persönlich neue Aussichten. Kurz zuvor war Bruder Max nach Wien übergesiedelt; nicht allein 2 Neffen, die Söhne der ebenfalls politisch interessierten Schwester Amalie von Breidbach, folgten und sind bei Solferino gefallen, auch der älteste Sohn G.s, nach dem unvergessenen Mentor (Seefritz) Fritz genannt, fand, zumal Preußen einem katholischen Gagern verschlossen war, in der österreichischen Marine Aufnahme. Die Berliner Regierung dagegen versagte in den Augen vieler Reichspatrioten dem Bruderstaat aus eigennützigen Gründen ihre Hilfe und drohte nach einer kurzen liberalen Aera aufs neue der Reaktion zu verfallen. Im Wettstreit zwischen dem von R. von Bennigsen als einem „zweiten Gagern“ geleiteten Nationalverein und der großdeutschen Reformpartei, die die Wunschträume der alten Burschenschaft auf anderem Wege durchzusetzen hoffte, entschied sich G. 1862 für „eine Einigung der Nation unter der Zentralgewalt von Österreich und Preußen mit paritätischen Bedingungen“, – unter der unerläßlichen Voraussetzung, daß diese Führung von einem Parlament beraten und kontrolliert werde. Damit das eigene Programm vom Spätherbst 1848 durchgeführt werden konnte, war der „weitere Bund für die österreichischen gesamtstaatlichen Verhältnisse so vorteilhaft als möglich zu gestalten“.
Während er persönlich den Vorwurf des „Abfalls“ schmerzlich empfand, entschieden sich die vordem treuesten Anhänger für die kleindeutsche Lösung. Der Kreis der Freunde wurde enger und enger. Da finanzielle Sorgen hinzutraten, übernahm G. im Herbst 1863 die diplomatische Vertretung des Großherzogtums Hessen in Wien. Bald darauf rief ihn eine Neuwahl in die 2. Kammer des Darmstädter Landtages zurück. Hier wie dort hoffte er, dem Einheitsgedanken und den bürgerlichen Freiheitsbestrebungen zu dienen; hier wie dort sah er sich einer verwandelten Zeit gegenüber. Der Abgeordnete trat erst hervor, als er die Begründung des Reichs durch →Bismarck aufs freudigste begrüßte; der Diplomat verfolgte das wechselvolle Verhältnis der deutschen Vormächte zu den Mittel- und Kleinstaaten des Deutschen Bundes, ohne irgendwelchen Einfluß zu erhalten. Mit dem Abschluß eines engeren deutsch-österreichischen Bündnisses, das der neue Kanzler des Deutschen Reichs als eine Verwirklichung „Gagernscher Träume“ und als ein organisches, von den Launen der Regenten unabhängiges Verhältnis auslegte, schien ihm, der 1872 aus dem Staatsdienst ausschied und Darmstadt zum Alterssitz wählte, ein wesentliches Ziel seiner Lebensarbeit erfüllt. Für das nach seiner Meinung ausstehende Mitbestimmungsrecht einer Volksvertretung einzustehen, verbot längere Krankheit. Der Nachruf, daß kein deutscher Mann größere Vaterlandsliebe im Herzen getragen habe, verhallte; die Zeitungen hatten ihn vergessen. In der Geschichte der deutschen Einheitsbewegung dagegen verkörpern sein Leben und sein Wirken die Bestrebungen des im Dritten Deutschland wurzelnden Liberalismus und dürfen damit eine Stellung zwischen den Vertretern der beiden „Vormächte“, zwischen Metternich und→Bismarck, beanspruchen.
15. Johann Gustav Droysen
D.s früheste Kindheitserinnerungen reichten an die Männer und Ereignisse der Freiheitskriege heran. Jugend, Schulzeit und Studium standen im Zeichen von Kargheit und materieller Not. 1826 absolvierte er das Gymnasium in Stettin und bezog die Universität Berlin, wo er Philologie und Philosophie studierte. Die gleichzeitige Begegnung mit der großen Altertumswissenschaft, vor allem mit August Böckh und mit der Philosophie Hegels schuf bei diesem ungemein lebendigen, vom Geiste durchglühten Jüngling die Voraussetzungen für die fruchtbare Spannung empirischer und spekulativer Elemente, die ihn von Anfang an auszeichnete. Seit 1831 am Gymnasium zum Grauen Kloster und nach seiner Habilitation für klassische Philologie (1833) zugleich an der Berliner Universität wirkend, ragte der junge D. sofort durch seine erstaunliche Produktivität hervor. Nach einem Beitrag zur Papyrus-Forschung und Übersetzungen von Aeschylus und →Aristophanes wurde die entscheidende Tat des 25jährigen, die ihn mit einem Schlage in die erste Reihe der Historiker seiner Zeit stellte, seine „Geschichte Alexanders des Großen“ (1833), ein Werk von höchster Kraft der Anschauung und Gestaltung, in seiner Sprache am ehesten an den Historiker Schiller gemahnend, bedeutsam aber vor allem durch die Kühnheit seiner Konzeption: D. bricht hier mit der von Demosthenes her gesehenen Auffassung vom Untergang der griechischen Freiheit durch die Makedonen-Könige, wie sie auch vom nationalen Idealismus der Freiheitskriege – zuletzt von Niebuhr – vertreten worden war. Der Sieg Philipps bei Cheironea ist für ihn nicht das Ende, sondern das Öffnen der Tür für die Vollendung der griechischen Geschichte: für die Überwindung des zähen Partikularismus des Griechentums und für die Lenkung ihres „kosmopolitischen Zuges“ „in geordnete Bewegung“, zum großen nationalen Kampf gegen die Perser. Die Darstellung ist beherrscht von der universalhistorischen Anschauung im Geiste Hegels, dessen Urteil über Alexander sichtlich auf D. gewirkt hat; sie bestimmt das Bild von der Rolle des großen Genius Alexander ebenso wie die „dialektische“ Deutung des „Hellenismus“ – ein Begriff, den erst D. zur umfassenden Epochenbezeichnung erhoben hat –, der die Menschen des Heidentums zu „tiefster Verlorenheit und Trostlosigkeit“ geführt und damit das Christentum erst ermöglicht habe. D. hat sein Bild vom Hellenismus über Alexander hinaus weiter ausgestaltet (1836, 1843) und in der 2. Auflage (1877/78) drei Bände unter dem Titel „Geschichte des Hellenismus“ zusammengefaßt, allerdings ohne den Plan, die Darstellung bis zur Stiftung des Christentums fortzuführen, vollenden zu können.
Als D. 1840 einen Ruf nach Kiel annahm, wurde die erste Lebensphase, die im Zeichen eines gelehrten und künstlerischen Neuhumanismus stand, abgeschlossen. In der politisch bewegten Atmosphäre Schleswig-Holsteins fiel der deutschen Universität Kiel eine bedeutsame Rolle im Werden des deutschen Nationalbewußtseins zu. D. hielt und veröffentlichte „Vorlesungen über die Freiheitskriege“ (2 Bände, 1846), kein Werk gelehrter Aktenforschung, sondern ein Dokument politisch-nationaler Erziehung, das den inneren Zusammenhang des nationalstaatlichen Liberalismus mit der großen Reformzeit Preußens zeigt. Als 1846 der Offene Brief Christians VIII. von Dänemark den nationalen Kampf um die Herzogtümer eröffnete, war D.s Weg vom nationalen Historiker zum nationalen Politiker gewiesen. Er beteiligt sich an der publizistischen Abwehr der dänischen Ansprüche, nimmt am Aufstand vom März 1848 teil und tritt dann als bedeutender geistiger Mitgestalter der deutschen Verfassungsfrage in der deutschen Revolution von 1848 hervor: als Mitglied des 17er-Ausschusses, schließlich als Abgeordneter der Nationalversammlung und in ihr vor allem als Mitglied des Verfassungsausschusses, dessen Protokolle er mit der meisterhaften Kunst eines alle Politik als Geisteskampf deutenden Kopfes führte. D. gehörte dem „rechten Zentrum“ in der Nationalversammlung an, von dem die Politik der kleindeutschen-preußischen Führung vor allem getragen wurde. Sein Eintreten für Preußen, seine mit Dahlmann zusammen gestellte „Frage an Österreich“, sein schon im Alexander-Werk anklingender Machtsinn waren Ausfluß der Hegelischen Staatsidee, in der sein Freiheitsgedanke gipfelte.
Bis zur Punktation von Olmütz war D. dann noch Abgeordneter der Kieler Landesversammlung gewesen. Nach 1850 trat er nicht mehr politisch hervor. Unter dem Druck der Verhältnisse nahm er einen Ruf nach Jena an, wo er bis zu seiner Übersiedlung nach Berlin 1859 blieb. Hier im Zentrum des preußischen Staates, mit dem er innerlich untrennbar verwachsen war, hat er bis zu seinem Tode an der Universität gelehrt. In dieser letzten Lebensphase bildet sich eine eigenartige Spaltung seiner wissenschaftlichen Interessen, ein Nebeneinander der ins Methodische, Geschichtsphilosophische gewendeten universalhistorischen Tendenz der Frühzeit und des sich auf die Erforschung des geschichtlichen Phänomens Preußen konzentrierenden nationalen Idealismus aus. Die Enttäuschungen über die Abkehr Preußens von den liberalen und nationalen Idealen riefen in dem Anhänger der Reformzeit von 1813 nicht eine innere Abwendung von dem Staat seiner Geburt und geistigen Wahl hervor, sondern sie trieben eher seine geistigen Energien an, angesichts der Verfälschungen der Gegenwart die reine Idee des preußischen Staates und seiner Politik aufzuspüren. D. nähert sich dabei immer mehr dem alten Preußen mit seinen konservativen, militärischen Zügen. So schreibt er „Das Leben des Feldmarschalls Grafen Yorck von Wartenburg“ (3 Bände, 1851/52), in dem er die Verkörperung des alten friderizianischen Geistes der preußischen Armee sah und den er zweifellos stilisiert, wenn nicht heroisiert hat (Kontroverse mit dem Oberpräsidenten von Ostpreußen Theodor von Schön). Die große Wirkung dieses Buches beruhte wohl in erster Linie darauf, daß hier ein besonderer Beitrag zur Entstehung des deutschen Nationalbewußtseins mit seiner Verschmelzung nationalstaatlicher, idealistischer und altpreußisch-militärischer Elemente geleistet war. Das Hauptwerk D.s, um dessen Vollendung er fast 30 Jahre gerungen hat, wurde aber die „Geschichte der preußischen Politik“ (14 Bände, 1855-86). Sie ist die umfassendste Darstellung der borussischen Geschichtsidee und zeigt, wie die konstruktiv-spekulative Begabung des Verfassers nun ganz im Dienste einer politischen Anschauung der Geschichte steht. D. unternimmt den Versuch, eine Kontinuität der deutschen Politik der Hohenzollern vom 15. bis ins 19. Jahrhundert zu unterstellen, der längst als ein Irrtum erwiesen ist. D. interessiert dabei nicht das Mit- und Gegeneinander der Staaten wie Ranke, sondern die konsequente Verfolgung der einen Linie der preußischen Politik. Sie ist ihm ein Erweis der „Kontinuität der fortschreitenden geschichtlichen Arbeit“, wie er es in seiner „Historik“ nannte.
Man wird ein Jahrhundert nach dem Erscheinen des 1. Bandes der „Preußischen Politik“ die ungeheure geistige Anstrengung bewundern, aber in dem Werke doch eine fast tragisch anmutende Verirrung und Verarmung erkennen müssen. Daß aber in deren Schöpfer der innere Reichtum der Frühzeit noch nicht verloren war, der ihn in seiner Jugend zu fast verschwenderischer Produktivität befähigt hatte, zeigen die „Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte“, die D. zuerst im Sommersemester 1857 gelesen und dann noch 17mal wiederholt hat. Sie sind uns seit 1937 unter dem Titel „Historik“ (²1943) in der Ausgabe von Rud. Hübner zugänglich. Dieses Werk stellt einen der wenigen Anläufe dar, die ein praktizierender Historiker unternommen hat, einen systematischen Standort für die Geschichtswissenschaft zu finden. D. hat darin den Grund für die Verstehenslehre gelegt, die|später vor allem von Dilthey und Rickert weiterentwickelt wurde. („Unsere Methode ist, forschend zu verstehen.“) Dieses Selbstbewußtsein des geschichtlichen Erkennens ist gereift in der Auseinandersetzung mit dem Anspruch des westeuropäischen Positivismus, die Geschichte zum Rang einer Wissenschaft zu erheben, indem sie naturgesetzlichen Determiniertheiten unterworfen wird. Er hat seine Einsichten aber auch aus dem Gegensatz zur „kritischen Schule“ Rankes und zu dem vor ihr aufgestellten Begriff der objektiven Tatsache gewonnen. D. unterscheidet scharfsinnig „die sogenannten Tatsachen in ihrer einstigen Wirklichkeit“ und das, was von ihnen noch unvergangen und gegenwärtig ist.
D. wird getragen von einem ethischen Optimismus, der ganz im idealistischen Erdreich wurzelt. Inhalt der Geschichte ist ihm „die rastlos werdende Humanitas, die fortschreitende Bildung“, die in den „sittlichen Gemeinsamkeiten“ – Hegels objektivem Geist – sich realisiert. Die Ethik ist ihm das Gesetz der Geschichte, „die sittliche Weltordnung, die Herrschaft und Ausgestaltung der sittlichen Mächte“. In diesen Anschauungen ist neben Burckhardts historischem Skeptizismus und Nietzsches Leugnung des Nutzens der Geschichte für das Leben noch bis ins späte 19. Jahrhundert ein tiefer Glaube an die Macht des sittlichen Willens in der Geschichte lebendig, der sich nicht nur in Staat und Nation, sondern in allen „sittlichen Gemeinsamkeiten“ zu bewähren hat. D. verfügt auch als philosophischer Schriftsteller über das Wort mit souveräner Sicherheit. In seinen Abstraktionen bleibt immer das lebendige Wesen der Geschichte und ihrer Gestalten erhalten; manche seiner Formulierungen weisen in die Nähe neuester existenzphilosophischer Begriffe. Am größten ist er immer da, wo er die historischen Phänomene zugleich anschaulich zu beschreiben und geistig zu durchdringen versucht.
16. Friedrich Daniel Bassermann
Nach kaufmännischer Ausbildung, Auslandsreisen und naturwissenschaftlichen sowie historischen Studien in Heidelberg (→Friedrich Christoph Schlosser) betrieb B. 1833-41 ein Drogengeschäft und gründete 1843 mit seinem Freunde →Karl Mathy einen Verlag, in dem u. a. 1847/48 die von Georg Gottfried Gervinus redigierte „Deutsche Zeitung“ als Organ des preußenfreundlichen gemäßigten Liberalismus erschien. Nach reger kommunalpolitischer Tätigkeit wurde er 1841 in die II. Kammer des badischen Landtags gewählt, wo er, ein ungewöhnlich geschickter Redner, sich bald einen Namen machte als einer der gemäßigten und doch entschiedenen Führer der Opposition („Urlaubsstreit“, Militärverfassung, Steuerreform). Auf einer Versammlung süd- und westdeutscher Liberaler in Heppenheim (10.10.1847) vertrat er, in der Erwartung einer baldigen Krise, gegen →David Hansemann und Mathy, die den Ausbau des Zollvereins wünschten, das Programm einer Umwandlung des Deutschen Bundes in einen konstitutionellen Bundesstaat; in diesem Sinne begründete er dann am 12.2.1848 im badischen Landtag seine berühmte Motion auf „Vertretung der deutschen Ständekammern am Bundestage“. B., der seit dem Aufkommen des Radikalismus in Baden immer mehr nach rechts neigte, aber doch an den liberalen Forderungen festhielt, wurde im März 1848 als badischer Vertrauensmann in den zur Ausarbeitung eines Verfassungsentwurfes bestimmten 17er-Ausschuß beim Frankfurter Bundestag entsandt. Als Abgeordneter im Vorparlament, im 50er-Ausschuß und in der Nationalversammlung (Vorsitzender des Verfassungsausschusses) sowie als Unterstaatssekretär im Reichsministerium des Inneren suchte er im Sinne der „Kasinopartei“ bzw. der „Erbkaiserlichen“ zu wirken. Im November 1848 war B. als Reichskommissar in Berlin, um die preußische Regierung zum Zusammengehen mit der Zentralgewalt zu bestimmen; an seinen Bericht in der Paulskirche, in dem er von unheimlichen Gestalten gesprochen hatte, die in Berlin das Straßenbild bestimmten, knüpft das geflügelte Wort von den „B.schen Gestalten“ an. Eine zweite Reise Ende April 1849 diente dem vergeblichen Versuch, Friedrich Wilhelm IV. zur Annahme der Reichsverfassung und der Kaiserkrone zu bewegen. Nach dem Scheitern der Nationalversammlung und des Erfurter Parlaments, dem er ebenfalls angehört hatte, zog sich B.enttäuscht ins Privatleben zurück und beging schließlich unter dem Eindruck eines langwierigen konstitutiven Nervenleidens Selbstmord.
17. Felix Mendelssohn Bartholdy
Nachdem die Familie 1811 wegen der franz. Besatzung aus Hamburg nach Berlin übersiedelt war, wuchs M. dort in der kulturell aufgeschlossenen Atmosphäre des wohlhabenden, assimilierten Judentums auf. Seine musikalische Begabung wurde, wie die der Schwester Fanny, bereits früh nachhaltig gefördert. Ersten Klavierunterricht erhielt er von der Mutter, die aus einer musikbegeisterten Familie stammte, in der besonders die Musik Bachs gepflegt wurde. M., der nie eine Schule besuchte, wurde zunächst von seinen Eltern und später von Hauslehrern unterrichtet. Bei →Karl Heyse, dem Vater des Dichters →Paul Heyse, lernte er Griechisch und Latein sowie die allgemeinen Fächer; Klavierunterricht erhielt er bei →Ludwig Berger. 1816 ließ der Vater, enttäuscht über die nicht wirklich vollzogene Emanzipation der Juden, seine Kinder evangelisch taufen. Seither führte die Familie den Doppelnamen Mendelssohn Bartholdy nach dem Bruder von M.s Mutter, der diesen Schritt entscheidend gefördert hatte. M. selbst war sein Leben lang ein gläubiger Christ, der jedoch seine jüd. Abstammung nie|verleugnete, sich vielmehr mit dem Schicksal der Juden solidarisch fühlte.
Als die Familie 1816 zu einem mehrmonatigen Aufenthalt nach Paris ging, erhielt M. dort Klavierunterricht bei Marie Bigot. Seit 1819 unterrichtete ihn Carl Friedrich Zelter in Harmonielehre und Kontrapunkt. Dessen Eintreten für Bach und sein Wirken an der Berliner Singakademie, in deren Chor M. seit seinem elften Lebensjahr regelmäßig mitwirkte, haben seine Musikerlaufbahn entscheidend beeinflußt. Bei dem Konzertmeister Carl Wilhelm Henning erhielt M.Unterricht in Violine und Bratsche, später bei Eduard Rietz, seinem Jugendfreund. Bereits 1820 waren die ersten Kompositionen, Symphonien für Streichorchester sowie Kammermusiken, entstanden. Nachhaltigen Eindruck machte auf M. →Carl Maria v. Weber während dessen Berliner Aufenthalts 1821, vor allem mit der Musik des „Freischütz“. Im selben Jahr lernte er als Reisebegleiter Zelters in Weimar Goethe kennen, der an der Aufführung eines Klavierquartetts des Zwölfjährigen sowie an dessen Fähigkeiten als virtuoser Improvisator großen Gefallen fand. Zwischen dem alten Dichter und dem jungen Musiker entstand eine enge Vertrautheit, die bis zu Goethes Tod andauerte.
Nach der Rückkehr von einer Familienreise in die Schweiz, an der auch der Lehrer →Heyse teilgenommen hatte, begannen 1822 in M.s Elternhaus die regelmäßigen „Sonntagsmusiken“, für die ein kleines Orchester zusammengestellt wurde. Zu den Zuhörern zählten außer Zelter auch Alexander v.Humboldt, Hegel und der Altphilologe →Philipp August Boeckh. Für das Ensemble schrieb M. kleine Stücke, im Oktober 1822 entstand sein Klavierquartett c-Moll, das als op. 1 gedruckt wurde; außerdem verfaßte er einige Operetten, von denen „Die beiden Neffen oder Der Onkel aus Boston“ an seinem 15. Geburtstag bei der „Sonntagsmusik“ uraufgeführt wurde. Außer mehreren Klavierquartetten hatte M. damals bereits neun Symphonien für Streichorchester und zahlreiche andere Stücke verfaßt. Seine erste eigentliche Symphonie (op. 11, c-Moll) vollendete er 1824. Nach Beendigung des Unterrichts bei Zelter reiste der Vater 1825 mit M. nach Paris, um ihn Cherubini vorzustellen und dessen Urteil über seine Befähigung als Musiker einzuholen. Dieser äußerte sich begeistert und empfahl, den Sohn die Musikerlaufbahn einschlagen zu lassen. Während des Aufenthalts in Paris lernte M. auch andere bekannte Musiker kennen, unter ihnen Liszt, Rossini, Kreutzer, Auber und Meyerbeer.
Im Spätsommer 1825 bezog die Familie ihr neues Haus in Berlin, Leipziger Straße (später Preuß. Herrenhaus), in dessen Garten sich ein mehrere hundert Personen fassender Saal befand, wo seither die „Sonntagsmusiken“ stattfanden. Zu M.s Freundeskreis gehörten nun auch der Historiker Gustav Droysen, der nachmalige Diplomat Karl Klingemann sowie der Musiktheoretiker →Adolph Bernhard Marx, der M. bei der Komposition der Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ (op. 21) beraten hatte. Die 1826 vollendete Ouvertüre zu Shakespeares Theaterstück entstand im Zuge der Begeisterung für Schlegels und Thiecks Shakespeareübersetzungen und kam unter M.s Leitung am 29.4.1827 in Stettin zur Uraufführung. Ebenfalls 1826 war das meisterhafte Oktett op. 20 entstanden. Mit der Oper „Die Hochzeit des Camacho“ (Libretto nach Cervantes von Ebert), die 1827 in Berlin unter der Leitung des Generalmusikdirektors Gasparo Spontini aufgeführt wurde, hatte M. allerdings nur geringen Erfolg.
Um seine Studien fortzusetzen, bewarb sich M. 1827 um die Aufnahme an der Berliner Universität. Da er keine Schule besucht hatte, reichte er auf Anraten Heyses eine in Versform erstellte Übertragung der Komödie „Das Mädchen von Andros“ von Terenz ein, die er im Druck vorlegte. Er hörte Vorlesungen bei Hegel, dem Geographen →Carl Ritter und dem Juristen →Eduard Gans. Neben dem Studium wurden die regelmäßigen Sonntagsmusiken und der Besuch der Singakademie fortgesetzt. Zu seiner Erholung spielte M. gerne Schach und Billard, er galt als ein hervorragender Reiter, Schwimmer und Tänzer. In seinem Tagesablauf stand er in seiner Jugend unter der strengen Aufsicht seiner Eltern, die große Anforderungen an seine Leistungen stellten. Dieses hohe Arbeitsethos behielt M. sein Leben lang bei.
In seinem kompositorischen Schaffen wurde M. durch die Schrift „Über Reinheit der Tonkunst“ (1825) von Anton Friedrich Justus Thibaut beeinflußt, den er auf einer sommerlichen Reise an den Rhein 1827 in Heidelberg besuchte. Dessen Programmschrift zur Wiederbelebung der altital. Vokalmusik hatte die Wiederverwendung des a-cappella-Stils zum Ziel, was bei M. zur verstärkten Beschäftigung mit der Vokalmusik führte. Wichtiger noch wurde für ihn die systematische Beschäftigung mit den Werken Bachs. Nachdem er bereits 1823 eine von E. Rietz angefertigte Abschrift der „Matthäus-Passion“ von seiner Großmutter mütterlicherseits zum Geburtstag erhalten hatte, machte er sich nun daran, eine Aufführung dieses Werkes zu realisieren Er versuchte, Zelter für seinen Plan zu gewinnen, und nach anfänglichem Widerstand sicherte dieser die Mitwirkung seiner Singakademie zu. Im Herbst 1827 begann M.zunächst mit privaten Proben, am 11.3.1829 fand schließlich, 100 Jahre nach der Uraufführung, unter M.s Leitung in der Berliner Singakademie die erste von drei Aufführungen statt. Die Partie des Jesus hatte →Eduard Devrient übernommen, den Evangelisten sang der Hofopernsänger Stürmer. Damit leitete M. eine Bach-Renaissance ein, die bis heute anhält und in ihren Auswirkungen auf das Musikleben des 19. Jh. kaum zu überschätzen ist.
Zur Vervollständigung von M.s Ausbildung als Musiker und Komponist gewährte ihm der Vater eine dreijährige Reisezeit, die er im April 1829 zunächst mit einem Aufenthalt in England begann. In der Londoner Philharmonie führte er seine Symphonie in c-Moll und die Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ auf und trat auch als Pianist hervor. Bereits damals wurde er zum Ehrenmitglied der Philharmonie Society ernannt. Bei diesem Aufenthalt entstand die enge Bindung an das engl. Musikleben, die im Laufe seines Lebens zu neun weiteren Reisen nach England führen sollte. Die engl. Mendelssohn-Tradition, die unbeeinflußt blieb durch ästhetischen Wertewandel und durch antisemitische Verketzerung, nahm damals ihren Anfang. M. war einer der wenigen deutschen Komponisten, die die engl. Musik des 19. Jh. prägend beeinflußt haben.
Nach dem Ende der Londoner Konzertsaison, in der er noch in einem Wohltätigkeitskonzert zugunsten notleidender Schlesier aufgetreten war, unternahm M. zusammen mit seinem Freund Klingemann eine längere Wanderung durch das schott. Hochland. Beim Anblick der Kapelle Maria Stuarts entstand das Urmotiv der erst 1842 vollendeten Schottischen Symphonie. Ein Ausflug auf die Hebriden führte zu ersten Skizzen zur „Hebriden-Ouvertüre“. Neben weiteren kompositorischen Entwürfen entstand nach der Rückkehr in London, wo er durch eine Beinverletzung aufgehalten war, das Liederspiel „Die Heimkehr aus der Fremde“, das er seinen Eltern zur Silberhochzeit widmete. Im Spätherbst 1829 kehrte M. nach Berlin zurück, wo er mit der Komposition seiner Reformationssymphonie als Beitrag zur 300-Jahr-Feier der Augsburger Konfession begann. Zu dieser Zeit soll er laut E. Devrient eine Professur für Musik an der Berliner Unversität angeboten erhalten haben, für die er jedoch seinen Freund Marx empfohlen habe.
Die Fortsetzung von M.s Reise erfolgte schließlich Mitte Mai 1830. Sie begann mit einem Besuch bei Goethe in Weimar und dauerte bis Juli 1832. Zwei Monate hielt M. sich in München auf, wo er das 1. Klavierkonzert g-Moll op. 25 komponierte und zur Uraufführung brachte. In Wien blieb er über einen Monat; er war vom dortigen Musikleben wenig angetan, schloß jedoch lebenslange Freundschaft mit den Musikern →Aloys Fuchs und →Franz Hauser. Fuchs war als Antiquar M. wiederholt bei der Suche nach Musikautographen behilflich. Über Venedig und Florenz gelangte M. nach Rom, wo er vor allem die altital. Vokalmusik studierte. Hier traf er mit Berlioz zusammen, der damals Stipendiat in der Villa Medici war. Er schätzte Berlioz als Persönlichkeit, hielt jedoch nur wenig von dessen Musik. In Rom arbeitete M. an der Goethe-Kantate „Die erste Walpurgisnacht“ sowie an der „Italienischen Sinfonie“. Über die Schweiz reiste er im Sommer 1831 zurück nach München, wo er im Kreis um Delphine v. Schauroth verkehrte, der er das Klavierkonzert widmete. Kg.Ludwig I. hatte sich sogar darum bemüht, sie mit M. ehelich zu verbinden. Mit einem Opernauftrag des Münchener Hoftheaters reiste M. über Düsseldorf, wo er mit Immermann das Projekt einer Oper nach Shakespeares „Sturm“ erörterte, nach Paris. Hier traf er im Dezember ein, verkehrte häufig mit Chopin, Hiller, Habeneck und Liszt, auch mit den anderen Größen des Pariser Musiklebens. Seine Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ war in Paris ein Mißerfolg, die „Reformationssymphonie“ wurde geprobt, kam jedoch nicht zur Aufführung. Er selbst beurteilte das damalige Pariser Musikleben sehr negativ. Nach der Genesung von einer schweren Erkrankung reiste er im Frühjahr 1832 nach London. Hier spielte er mit großem Erfolg sein Klavierkonzert, dirigierte die Hebridenouvertüre und konzertierte in der St. Pauls-Kathedrale an der Orgel. Nach dem Tod Goethes und Zelters, durch den er tief erschüttert wurde, kehrte M. im Juli 1832 wieder nach Berlin zurück. Auf Drängen der Familie bewarb er sich um die Nachfolge Zelters als Leiter der Singakademie, doch wurde ihm der unbedeutende Carl Friedrich Rungenhagen vorgezogen, wobei deutlich antisemitische Tendenzen im Spiel waren. Unter Rungenhagen verlor die Singakademie an Ansehen und wurde schließlich in ihrem Rang von anderen Berliner Chorvereinigungen übertroffen.
Anfang 1833 nahm M. das Angebot an, das 15. Niederrhein. Musikfest in Düsseldorf zu leiten. Doch zunächst reiste er im Frühjahr|erneut nach London, wo er am 13. Mai die Uraufführung seiner „Italienischen Symphonie“ leitete. Beim Niederrhein. Musikfest brachte er außer Beethovens Pastoralsymphonie und der dritten Leonoren-Ouvertüre die erste deutsche Aufführung von Händels „Israel in Ägypten“ in der Urfassung, deren Originalhandschrift er in London selbst kopiert hatte. Auch mit dieser Aufführung trug M. entscheidend zur Renaissance der deutschen Barockmusik bei. Der große Erfolg des Musikfestes brachte M. die Anstellung als Musikdirektor der Stadt Düsseldorf. Er hatte hier die Oberleitung über die Kirchenmusik der Katholiken und der Protestanten sowie die Direktion des Düsseldorfer Musikvereins inne. Von Ende 1833 bis Ende 1834 wirkte er neben Immermann auch am Düsseldorfer Theater als Kapellmeister, wo er in erster Linie Opern dirigierte.
In dieser Zeit entstanden die ersten von M.s „Liedern ohne Worte“, mit denen er ein neues, sehr erfolgreiches Genre schuf. Von vergleichbarer Wirkung waren die später entstandenen „Sechs Lieder, im Freien zu singen“ (1839) sowie seine meisterhaften Männerchöre. 1834 leitete M. das 16. Niederrhein. Musikfest in Köln, an dem auch Chopin und Hiller teilnahmen. In diesem Jahr wurde er zum Mitglied der Berliner Kunstakademie ernannt und damit zum ersten Mal in Deutschland offiziell geehrt. Es entstand eine Reihe von Konzertouvertüren, und das Oratorium „Paulus“ wurde vollendet, das bereits 1831 vom Frankfurter Cäcilienverein bestellt worden war. Zu Pfingsten 1835 leitete er das 17. Niederrhein. Musikfest in Köln, bei dem auch seine Familie und Berliner Freunde anwesend waren. Aufsehen erregte diesmal die Aufführung von Händels „Salomo“. Im Januar 1835 hatte M. das Angebot erhalten, Musikdirektor des Gewandhauses in Leipzig zu werden, und am 1.9. trat er diese Stelle an. Unter seiner Leitung gewannen die Konzerte dieser Institution einen hohen Rang. M. führte die systematische Schulung des Orchesters ein und engagierte herausragende Solisten als Gäste. Neben der zeitgenössischen deutschen Musik pflegte er besonders die damals wenig bekannten Werke Bachs und Händels sowie die Symphonien Beethovens. In den Leipziger Jahren entwickelte sich eine enge Freundschaft mit →Robert Schumann und seiner Frau Clara.
Der Tod des Vaters im November 1835 stürzte M. in eine tiefe Depression, von der er sich nur langsam erholte. Sein Zustand besserte sich erst, als er im Sommer 1836 in Frankfurt seine spätere Frau, →Cécile Jeanrenaud, kennenlernte. Im Frühling dieses Jahres hatte er beim Niederrhein. Musikfest in Düsseldorf die Uraufführung des „Paulus“ dirigiert, nachdem sich die geplante Aufführung durch den Frankfurter Cäcilienverein wegen der Erkrankung dessen Leiters, →Johann Nepomuk Schelble, verzögert hatte; für den Freund übernahm er im Sommer dieses Jahres die Leitung des Cäcilienvereins. In Frankfurt traf er auch mit Hiller und Rossini zusammen. Nach der Hochzeit im März 1837 und der anschließenden Hochzeitsreise, während der M. seine Streichquartette op. 44 komponierte, ging er im Sommer nach Birmingham, wo er den „Paulus“ dirigierte, der auch in zahlreichen deutschen Städten aufgeführt wurde. Der überragende Erfolg dieses Werkes machte M. endgültig zu einem der führenden Komponisten Europas.
In Leipzig begann M. 1838 mit der Reihe der „Historischen Konzerte“, bei denen er den Zuhörern die Musik von Bach und Händel und in chronologischer Folge die Werke weiterer Komponisten bis hin zu den Zeitgenossen vorführte. Zu den Verdiensten M.s gehört auch sein Eintreten für die Musik Schuberts, dessen große Symphonie in C-Dur er 1839 aus dem Nachlaß aufführte, nachdem Schumann sie in Wien entdeckt hatte. Das kompositorische Ergebnis dieses Jahres, in welchem M. wiederum die Leitung des Niederrhein. Musikfestes hatte, waren insbesondere die Lieder für gemischten Chor „Im Freien zu singen“ sowie die geistliche Komposition „Da Israel aus Ägypten zog“. In dieser Zeit vollendete er zum Gutenberg-Jubiläum die Symphoniekantate „Lobgesang“, ein Werk, das von ihm selbst sehr geschätzt, aber noch zu seinen Lebzeiten stark kritisiert wurde. Im folgenden Jahr entwickelte er Pläne zur Gründung eines Konservatoriums in Leipzig und war Mitinitiator eines dort zu errichtenden Bach-Denkmals. Auch im Sommer 1840 hielt sich M. wieder beim Musikfest in Birmingham auf.
Kg. Friedrich Wilhelm IV. von Preußen berief M. auf Vorschlag von K. Bunsen und A. v. Humboldt 1841 als Preuß. Generalmusikdirektor und Leiter der Musikabteilung der neuerrichteten Akademie der Künste nach Berlin, worauf dieser erst nach längerem Zögern einging. Seine Ideen zur allgemeinen Verbesserung der musikalischen Ausbildung konnte er dort nicht realisieren, die Bestrebungen, die musikalische Klasse der Akademie der Künste zu reorganisieren, scheiterten. Statt seinen Verpflichtungen weiterhin nachgehen zu müssen, sollte M. von nun an im persönlichen Auftrag des Königs als Komponist frei arbeiten können; er schuf für Ludwig Tiecks Wiederaufführungen der Dramen von Sophokles und Euripides Schauspielmusiken zu „Antigone“ und „Oedipus auf Kolonos“ sowie die „Sommernachtstraum“-Musik. Eine Musik zu den „Eumeniden“ zu schreiben, hielt er allerdings für zu gewagt, weshalb er diesen Auftrag ablehnte und dadurch einen Zwiespalt mit dem König hervorrief. Schließlich wurde eine Einigung dahingehend getroffen, daß M. weiterhin zur Verfügung stehen sollte, aber nicht mehr an Berlin fest gebunden war. Eine der ihm verbliebenen Aufgaben war die Reorganisation und Leitung des Berliner Domchors, für die M. zum Generalmusikdirektor ernannt wurde. Von Dezember 1842 bis August 1843 wurde er jedoch zunächst beurlaubt und hielt sich vorwiegend in Leipzig auf. Hier hatte er im März 1842 die Uraufführung der „Schottischen Symphonie“ dirigiert. Zu dieser Zeit erhielt er das Angebot, Leipziger Thomaskantor zu werden, was er jedoch ablehnte. Im Sommer 1842 hielt er sich erneut in England auf, wo er häufig mit Kgn.Victoria und Prinz Albert zusammentraf.
Ein lange gehegter Plan konnte im Frühjahr 1843 verwirklicht werden: Aus einem dem sächs. König zugedachten Legat erhielt M. die Mittel zur Einrichtung eines Konservatoriums in Leipzig, das am 3.4. als „Musikschule“ im Gebäude des Gewandhauses eröffnet wurde. Die ersten Lehrer waren M. selbst für Klavier und Komposition, →Moritz Hauptmann für Musiktheorie, →Ferdinand David für Violine. →Robert Schumann für Klavier und Komposition, Carl Ferdinand Becker für Orgel und Christian August Pohlenz für Gesang. Nach dem Weggang Schumanns aus Leipzig 1843 unterrichtete →Ignaz Moscheles am Konservatorium. Aus dieser Gründung wurde bald die angesehenste Musikhochschule Deutschlands im 19. Jh.
In Berlin leitete M. in diesem Jahr die Aufführung seiner Schauspielmusiken, die jedoch geteilte Aufnahme fanden. Trotz erheblicher Schwierigkeiten mit der rigiden prot. Liturgie seiner Zeit hat M. eine Reihe hervorragender Kompositionen für den Berliner Domchor geschaffen. Im Frühjahr 1844 hielt er sich wieder in London auf, wo er sechs Konzerte der Philharmonie dirigierte; damit wurde das gesunkene Ansehen des Orchesters wieder gehoben sowie das bis dahin entstandene finanzielle Defizit ausgeglichen. Währenddessen arbeitete M. an seinem Violinkonzert e-Moll op. 64, das David im März 1845 in Leipzig zum erstenmal spielte. Außerdem schuf er hier die Musik zu „Athalie“ von Racine und die sechs Orgelsonaten op. 65. Daneben bereitete er für die „Handel Society“ eine Partiturausgabe von Händels „Israel in Egypt“ vor. Im Herbst dieses Jahres kehrte M. zunächst nach Berlin zurück, wurde jedoch bald auf seinen Wunsch hin von seinen dortigen Pflichten entbunden und ging Anfang Dezember nach Frankfurt, wo er sich mehr seiner Familie widmen konnte und komponierte. In erster Linie arbeitete er hier an dem „Elias“, seinem zweiten großen Oratorium. Eine vielversprechende Einladung nach New York schlug er aus, auch bei der Uraufführung seines Violinkonzerts in Leipzig war er nicht zugegen.
Erst im Herbst 1845 nahm er seine Tätigkeit für Leipzig wieder auf. Im Dezember sang die schwed. Sopranistin Jenny Lind im Gewandhaus, und eine enge künstlerische Freundschaft entstand zwischen ihr und M. Beim zweiten Konzert des Gewandhausorchesters dirigierte M. die Uraufführung von Schumanns Klavierkonzert a-Moll. In dieser Zeit fand auch ein Gedankenaustausch mit →Richard Wagner statt, dessen Tannhäuser-Ouvertüre M. am 14.2.1846 in Leipzig aufführte. Im Mai dieses Jahres leitete er erneut das Niederrhein. Musikfest, das diesmal in Aachen stattfand. Nach der Fertigstellung des „Elias“ wurde dieses Oratorium unter seiner Leitung am 26.8.1846 auf dem Musikfest in Birmingham mit großem Erfolg uraufgeführt.
Mittlerweile machte sich bei M. die übermäßige Anstrengung durch seine ungeheure Arbeitsleistung gesundheitlich bemerkbar. Er litt zunehmend an Migräne, sein angeborener Jähzorn nahm zu. M. wollte nun seine Ämter aufgeben und sich in Frankfurt ganz dem Komponieren widmen. Am 18.3.1847 leitete er zum letzten Mal eine Aufführung des Gewandhaus-Orchesters, dessen Leitung er anschließend niederlegte. In London dirigierte er im Sommer in Anwesenheit des Königspaares die Neufassung seines „Elias“. Die Nachricht vom Tod seiner Schwester Fanny am 14.5.1847 hatte ihn tief erschüttert. Als eine Art instrumentales Requiem für die Schwester entstand im September sein Streichqartett f-Moll op. 80. Am 7.10. schrieb er die Vertonung eines Gedichtes von Eichendorff nieder, das „Nachtlied“, das wie eine Vorahnung seines Todes erscheint. Für den Winter 1847 hatte M. eine Aufführung des „Elias“ mit Jenny Lind in Wien geplant, zu der es nicht mehr kam. Am 4.11. starb M. in Leipzig, nachdem er am 28.10. einen ersten Schlaganfall erlitten hatte, durch den er teilweise gelähmt wurde und das Bewußtsein verlor, ein zweiter Gehirnschlag war am|3.11. erfolgt. M.s Leichnam wurde nach Berlin überführt und an der Seite seiner Schwester Fanny auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof beigesetzt.
In der Mitte des 19. Jh. galt M. unbestritten als der bedeutendste deutsche Komponist seiner Zeit. Mit seinen Oratorien und Symphonien, mit den Ouvertüren und dem Violinkonzert, der Kammermusik, den Chor- und Kirchenwerken und auch mit den „Liedern ohne Worte“ für Klavier war er Repräsentant eines bürgerlichen Musiklebens, wie es während der ersten Hälfte des Jahrhunderts mit der Loslösung von höfischen Strukturen entstanden war. M.s Werk vereinigt musikalische Elemente aus den verschiedensten Epochen und Richtungen, was das Urteil über seine Kompositionen von Anfang an zwischen emphatischem Lob, wie etwa durch Schumann, Liszt und Chopin, und heftiger Ablehnung, etwa durch Wagner und seine Anhänger, schwanken ließ, obwohl auch dieser zunächst etwa die Hebriden-Ouvertüre und den „Paulus“ sehr geschätzt hatte. Bis zum 1. Weltkrieg nahm M.s Werk im Repertoire der Chorvereinigungen, Orchester und Kammermusikensembles einen großen Raum ein. Initiiert durch Richard Wagners 1851 anonym veröffentlichten Aufsatz über das „Judentum in der Musik“, erfolgten immer mehr antisemitische Angriffe auf M., in denen seine Musik als kalt, glatt und oberflächlich abgetan wurde. In unserem Jahrhundert führte die Verketzerung des Komponisten und seiner Werke bis zum Verbot ihrer Aufführung während des Dritten Reichs. Erst allmählich, diesmal auf den Weg gebracht durch die musikwissenschaftliche Forschung, begann eine Mendelssohn-Renaissance in Deutschland, während die Mendelssohn-Tradition zumal in England und den USA, aber auch in den skandinav. Ländern nie abgerissen war.
Eine heutige Wertung des Werkes zielt auf die Mittlerposition M.s zwischen Beethovens Formstrenge und einem romantischen Subjektivismus; man kann ihn wohl am ehesten als „romantischen Klassizisten“ bezeichnen. Sein Werk ist gekennzeichnet durch eine Gestaltung, die immer wieder die Balance zwischen klassisch gefügter Struktur und romantisch schweifender oder liedhaft geschlossener Melodik zu erreichen sucht. Eine unvergleichliche Subtilität und Farbkraft in der Instrumentation und eine bei deutschen Komponisten seltene Leichtigkeit und Eleganz in der Satzfügung zeichnen es aus. Darüber hinaus war M. der Initiator einer bis heute andauernden Bach-Renaissance. Neben Hector Berlioz kann er als der erste Dirigent im modernen Sinne gelten, der auch durch sein organisatorisches Wirken bedeutenden Einfluß auf das Musikleben seines Jahrhunderts genommen hat. Die Gründung des Leipziger Konservatoriums schließlich führte in der Mitte des 19. Jh. zur europaweiten Verbreitung eines „Leipziger Stils“, der stark durch M.s Werk beeinflußt und teilweise bis ins 20. Jh. hinein, etwa in der Musik Skandinaviens und Englands, spürbar ist. –
18. Ludwig Richter
R. erhielt ersten Unterricht bei seinem Vater, einem hauptsächlich als Vedutenzeichner tätigen Schüler Adrian Zinggs, und besuchte 1816-23, zuletzt als Schüler →Johann David Schuberts (1761–1822) die Dresdner Kunstakademie. An deren Ausstellungen nahm er seit 1814, zunächst mit Kopien, teil. Zusammen mit seinem Vater schuf er eine 1820 erschienene Serie von 100 radierten Ansichten von Dresden und seiner Umgebung, eine Leistung, die den russ. Fürsten Narischkin bewog, den jungen R. als Zeichner auf eine Reise nach Südfrankreich 1820/21 mitzunehmen. Genaue Naturbeobachtung, treffsichere Zeichnung und gewissenhafte Umsetzung in die Druckgraphik wurden somit neben hingebendem Fleiß Merkmale seiner Haltung als Künstler. Prägend wurde ein von dem Verleger Christoph Arnold ermöglichter Aufenthalt in Italien 1823–26, wo er engen Kontakt mit Julius Schnorr v. Carolsfeld, Ernst Ferdinand Oehme, →Carl Wagner und →Carl Wilhelm Götzloff pflegte, aber auch im Austausch mit Karl Bunsen und →Richard Rothe das geistige Fundament seiner Kunst befestigte: Ehrfurcht vor der Natur und die Einordnung der Menschen in ihr Regelwerk, was er durch die Staffierung seiner Landschaften ausdrückte. Befruchtend wirkte schon das Erlebnis des Salzkammergutes und Tirols, wie das erste noch ganz an Joseph Anton Koch orientierte Hauptwerk „Der Watzmann“ von 1824 und spätere Salzburger Landschaften belegen. Sonst sind bis 1834 hauptsächlich italien. Motive der Gegenstand seiner Ölgemälde und Radierungen. Bei den späteren, nun seltenen Gemälden bevorzugte R. dt. und böhm. Mittelgebirgslandschaften mit stärkerer Gewichtung einer idyllischen Staffage. Den Wendepunkt bezeichnen die Gemälde „Aufsteigendes Gewitter am Schreckenstein“ 1835 und „Überfahrt am Schreckenstein“ 1837, die auch Ausdruck einer von Besorgnis erfüllten Zeitstimmung sind. Seit 1828 wirkte R. in Meißen als Zeichenlehrer an der Porzellanmanufaktur, bis er 1836 Lehrer für Landschafts- und Tiermalerei an der Dresdner Akademie wurde. 1841 erhielt er die Professur für Landschaftsmalerei. Bis zu seiner Pensionierung 1876 bildete er hier Schüler aus, die seine konservative Richtung auch im Zeichenstil bis in den Anfang des 20. Jh. lebendig erhielten, so →Heinrich Dreber, Eduard Leonardi, Carl Wilhelm Müller, Albert Venus und Viktor Paul Mohn.
Mit der Rückkehr zur dt. Landschaft wandte sich R., auch wegen der Schwierigkeit, seine sorgfältig durchgeführten Gemälde zu verkaufen, wieder verstärkt der Illustration zu, die den Hauptteil seines späteren Werkes ausmacht. Diesen Arbeiten verdankt er hauptsächlich seine Popularität; besonders hier konnte er seine pädagogischen Absichten verwirklichen. Fruchtbar war zunächst die Verbindung mit dem Leipziger Verleger →Georg Wigand, für dessen Serie „Das malerische und romantische Deutschland“, und zwar für die Bände „Sächs. Schweiz“, „Der Harz“, „Riesengebirge“ (mit Böhmen) sowie „Franken“ er 133 Zeichnungen mit Betonung einer erzählenden Staffage als Vorlage für Stahlstiche lieferte. Das führte ihn 1836-38 zu Reisen in diese Gegenden. Auch später hat R. fast jährlich Reisen unternommen, mit Vorliebe nach Böhmen, 1849 und 1851 nach Ostende, 1859, 1861 und 1867 in die Schweiz sowie 1869 nach Venedig und Mailand, auf denen ihn nun fast ausschließlich das Leben der einfachen Menschen, besonders der Landleute und namentlich der Kinder im Zusammenhang mit Illustrationen für Bücher beschäftigte. Angeregt durch →Otto Wigand, der ihn 1838 für die Illustration seiner Volksbücher gewann, lieferte er bis 1879, als Krankheit ihn lähmte, Vorlagen zu 2660 Holzschnitten zu 59 Publikationen, so zu Märchen und anderen Büchern für die Jugend, zu Erzählungen, Erbauungsbüchern, Kalendern, Zeitschriften sowie – für seine Darstellungsart wenig geeignet – zu Geschichtsbüchern und Werken der großen Dichtung. Hinzu kommen zwölf selbständige Folgen und 31 Einzelblätter. 1853 setzten die öffentlichen Ehrungen ein, 1878 fand eine größere Ausstellung seiner Werke in der Berliner Nationalgalerie statt. 1879 schloß er das 1885 von seinem Sohn Heinrich herausgegebene Manuskript seiner „Lebenserinnerungen“ ab, die dank des hohen Ansehens ihres Autors, ihres Quellenwerte und ihrer schriftstellerischen Qualität weite Verbreitung bis in die Gegenwart fanden.|
19. Heinrich Heine
H. wuchs in Düsseldorf auf, einer damals kleinen Residenzstadt, in der den Juden eine gewisse Gleichberechtigung mit den Christen zugebilligt war. Die französische Herrschaft im Rheinland, die mit Unterbrechungen 1795-1815 währte, wurde für ihn von großer Bedeutung. Durch sie wurde nicht nur eine Reihe noch bestehender Behinderungen für die jüdische Bevölkerung aufgehoben, es zog auch ein neuer freiheitlicherer Geist in die Stadt ein, der sich bis in die Schulstuben auswirkte. H.s Hinneigung zum französischen Geist und speziell zur Gestalt →Napoleons wurde in dieser Zeit in ihm angelegt. Nach seiner Schulzeit begann er 1815 eine kaufmännische Lehrzeit zunächst in Frankfurt und dann in Hamburg unter Aufsicht seines Onkels →Salomon. Da er im Grunde keine kaufmännische Fähigkeit und Neigung besaß, endete diese Periode 1819 mit dem Konkurs seines Manufakturwarengeschäfts „Harry Heine & Co.“. Er begann noch 1819 mit Unterstützung seines Onkels sein juristisches Studium in Bonn, das er in Göttingen und Berlin fortsetzte. Zeitweise hörte er neben seinen juristischen Vorlesungen eifrig philosophische und historische Kollegs. 1825 beendete er sein Studium mit der Erlangung der Doktorwürde vor der juristischen Fakultät in Göttingen. Kurz vor der Promotion trat H. in Heiligenstadt im Eichsfeld zur evangelischen Kirche über. Er folgte mit diesem Schritt dem Vorbild so vieler bedeutender Juden seiner Zeit, um sich aus der geistigen und sozialen Isolierung der Juden zu lösen und als gleichberechtigtes Glied am kulturellen und öffentlichen Leben seiner Zeit teilnehmen zu können. Er selbst nennt die Konversion das „Entreebillett zur europäischen Kultur“. – H.s verschiedentliche Versuche in den Jahren 1825–31, nach dem Abschluß seines Studiums einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, als Advokat oder als Syndikus in Hamburg, als Professor in München oder Berlin, scheiterten alle. Diese beruflichen Mißerfolge hatten ihre Ursache wohl weniger in seiner jüdischen Abstammung als in einer Abneigung gegen seine extrem liberale und darum für diese Zeit politisch verdächtige Gesinnung.
Nach ersten dichterischen Versuchen während seiner kaufmännischen Lehrzeit in Hamburg als Ausdruck der aufkeimenden unglücklichen Neigung zu seiner Cousine Amalie entstanden seine ersten bedeutenden schöpferischen Leistungen in seiner Bonner Studentenzeit (1819–20), zum Beispiel „Belsazar“ und die Tragödie „Almansor“. H. hatte in Bonn nach eigener Aussage die beratende und fördernde Hilfe seines Universitätslehrers →A. W. Schlegel gefunden. Der eigentliche Durchbruch seines Dichtertums erfolgte aber erst in Berlin, wo er in den Salons von →Rahel Varnhagen, →Friederike Robert und →Elise von Hohenhausen für sein Schaffen Anregung, wohlwollende Kritik und Anerkennung fand. 1821 erschien sein erstes selbständiges Werk, „Gedichte“, das er später überarbeitet in sein „Buch der Lieder“ aufnahm. 1823 folgten die „Tragödien nebst einem lyrischen Intermezzo“. Das gute Echo, das der 1. Gedichtband gefunden hatte, öffnete H. die Spalten einer Reihe bekannter Zeitschriften, in denen er nun ziemlich regelmäßig Gedichte, Rezensionen und kleinere Prosaartikel erscheinen ließ, etwa die „Briefe aus Berlin“ und „Über Polen“. Schon bei der Veröffentlichung dieser zum Teil recht kritischen persönlichen Erlebnisberichte mußte er die ersten Erfahrungen mit den Schikanen staatlicher Behörden machen.
1826 erschien bei →Julius Campe, der H.s Werk von da an durch alle schwierigen Zensurhindernisse hinweg treu verwaltet hat, der 1. Band der „Reisebilder“. Mit diesem Werk und dem im nächsten Jahre folgenden „Buch der Lieder“, das zu seinen Lebzeiten noch 13 Auflagen erleben sollte, wurde H. in der breiten Öffentlichkeit bekannt und als einer|der bedeutendsten Dichter der jungen Generation gefeiert. Doch schon bald meldeten sich die Gegenstimmen. Der leicht mokante Plauderton seiner „Harzreise“, der Bedeutendes und Banales, Gefühlvolles und ironisch Witziges scheinbar beziehungslos mischte, erregte wie die ironisch desillusionierenden Schlüsse mancher Gedichte die Kritik besonders konservativer Rezensenten. Die Kritik wurde mit dem Erscheinen jedes neuen Bandes der „Reisebilder“ und späterer theoretischer Schriften mit ihren deutlicher werdenden Angriffen auf die bestehenden Ordnungen in Staat und Gesellschaft immer schärfer. – In den 4 „Reisebilder“-Bänden (1826–31) brachte H. Berichte von Reisen im Harz (1824), nach England (1827) und Oberitalien (1828) sowie von einem Sommeraufenthalt an der Nordsee. Zu diesen echten Reisebildern stellte er im 2. Band das Werk „Ideen. Das Buch Le Grand“, das in lockerem Plauderton von einem romantischen Liebeserlebnis, von Jugenderinnerungen und seiner wieder erwachten Napoleonschwärmerei berichtet, die er in der Figur des französischen Kriegsveteranen, des Trommlers Le Grand, personifiziert. Der lockere Erlebnisbericht der „Reisebilder“ ermöglichte es ihm, Novellistisches, Anekdotisches mit kürzeren und längeren Abschnitten über Eindrücke aus dem Alltagsleben der bereisten Gegend zu mischen. Sogar pamphletartige Abschweifungen – wie die gegen →Platen – sind ihm in dieser damals in der deutschen Literatur noch wenig bekannten Dichtungsform möglich. 1828 war H. einige Monate für den Verleger Cotta als Herausgeber von dessen Zeitschrift „Politische Annalen“ in München tätig, gab diese Arbeit aber aus Anlaß einer Italienreise auf, die ihn nach Lucca, Florenz und Venedig führte. Der Tod des Vaters rief ihn im Dezember 1828 aus Venedig wieder nach Deutschland zurück, wo er dann 1829/30 die letzten beiden „Reisebilder“-bände vollendete.
Als bald nach der Pariser Julirevolution seine letzten Versuche in Hamburg, einen ihm zusagenden Beruf zu ergreifen, scheiterten, ging H. im Mai 1831 nach Paris, wo er bis zu seinem Tode bleiben sollte. Er hatte die Pariser Revolution begeistert begrüßt, erhoffte er sich doch von ihr die endgültige Befreiung der Menschen aus den staatlichen und gesellschaftlichen Fesseln, die Beseitigung der Vorrechte der privilegierten Stände und die Freiheit von Wort und Schrift. Er ging nach Paris, um von hier Berichte über das kulturelle und politische Leben in der französischen Hauptstadt zu schreiben, die er dann seit Ende 1831 in Cottas Augsburger „Allgemeiner Zeitung“ erscheinen ließ, aber schon Anfang 1832 auf Grund eines Einspruchs von →Metternich einstellen mußte. Diese Berichte veröffentlichte er noch im gleichen Jahr geschlossen als „Französische Zustände“.
In Paris war H. sehr schnell in der literarischen Welt bekannt geworden und fand Eingang in die Zirkel der geistigen und gesellschaftlichen Elite. Übersetzungen seiner Werke erschienen in den wichtigsten französischen Zeitschriften. In den Pariser Salons war er ein gern gesehener Gast und verkehrte freundschaftlich mit →Balzac, dem älteren →Dumas, →George Sand, →Musset, →Alfred de Vigny, mit den Politikern →Guizot und →Thiers, mit den großen Bankiers Rothschild, Fould und vielen anderen. Diesen Kreisen wollte H. nun ein neues, zutreffendes Bild von den Deutschen, von ihrer Dichtung und Philosophie als Gegenstück zu den auf die jüngere Generation nicht mehr zutreffenden Eindrücken in den Schriften der Madame de Staël geben. So schrieb er eine Reihe von Aufsätzen über die Entwicklung der deutschen Dichtung für die Zeitschrift „L'Europe littéraire“ (Paris 1833), die er dann zwei Jahre später den Deutschen als „Die Romantische Schule“ vorlegte. Diesen Berichten folgte – auch zunächst für die Franzosen geschrieben – die „Geschichte der Religion und Philosophie“ in Deutschland. In seiner sehr eigenwilligen und persönlichen Deutung verkündet er in diesen Werken für die Dichtung das Ende der Romantik und für die Philosophie das Ende des Idealismus, für das er die Gedankenwelt seines Berliner Lehrers →Hegel verantwortlich macht. Die Deutung beziehungsweise Umdeutung der Hegelschen Lehre etwa im Sinn der Hegelschen Linken war bei H. stark von den Saint-Simonisten beeinflußt, in deren Zirkeln er zeitweise sehr interessiert verkehrte. Besonders von ihren pantheistischen Ideen, ihrer Lehre von der Emanzipation des Fleisches fühlte er sich angezogen und vertrat, wie er es nannte, die Partei der Sensualisten gegenüber den Spiritualisten, der Hellenen gegenüber den Nazarenern. Diesen Vorstellungen, die allen seinen Werken bis Ende der 40er Jahre zugrunde liegen, entsagte er erst auf seinem letzten Krankenlager, wie aus Äußerungen im Nachwort zum „Romanzero“ und den „Geständnissen“ hervorgeht. Deren Glaubwürdigkeit, die wegen ihrer ironisierenden Sprache manchmal angezweifelt worden ist, wird durch die letzten Gedichte und manche Brief- und Gesprächsbemerkungen bestätigt. – Es ist bemerkenswert, daß H. diese und auch noch spätere|zunächst für die Franzosen geschriebene Werke trotz seiner guten Kenntnis der französischen Sprache immer deutsch konzipierte und auch die französische Übersetzung anderen überließ. Nur die nachträgliche Durchsicht und Überarbeitung der französischen Texte behielt er sich vor.
Von den deutschen politischen Emigranten in Paris, die zu dieser Zeit zu Zehntausenden in Paris lebten, besonders von →Ludwig Börne und dessen Kreis, löste sich H. schon bald. Mögen es anfangs zwischen ihm und Börne wohl mehr Charakter- und Temperamentsunterschiede gewesen sein, die beide trennten, vielleicht auch gewisse politisch-taktische Divergenzen, mehr als echte politische Gegensätze, so wuchsen sie sich im Laufe der 30er Jahre doch zu einer schroffen gegenseitigen Ablehnung aus, der H. schließlich 1840 in seinem Buch „Über Börne“ unverhohlen Ausdruck gab. Dieses Werk machte ihm gerade in dem ihm bisher nahestehenden Kreis der Liberalen viele Feinde. – 1835 wurden vom Deutschen Bundestag in Frankfurt H.s Schriften zusammen mit denen des „Jungen Deutschland“ verboten beziehungsweise unter strenge Zensur gestellt. H. wurde dadurch gezwungen, seine politisch-weltanschaulichen Gedanken nicht mehr so offen und aggressiv zu äußern, um nicht in ständigen Konflikt mit der Zensur zu geraten. Seine in diesen Jahren erscheinenden 4 Bände des „Salon“ (1834-40) sowie die selbständig veröffentlichten Werke „Shakespeares Mädchen und Frauen“ und die Don-Quixote-Ausgabe mit H.s längerem Vorwort bewegten sich auf politisch harmloseren Wegen. Dafür fließen in diesen Jahren neue rein dichterische Produktionen wieder reichlicher: die novellistischen Prosastücke „Florentinische Nächte“, die „Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“ und der „Rabbi von Bacherach“, dazu eine Reihe neuer Liebesgedichte. – Die dichterische Gestaltung seiner Anschauungen im politischen und literarischen Streit gab H. in seinen beiden Versepen „Atta Troll“ (entstanden 1841/42, 1. Buchveröffentlichung 1847) und „Deutschland. Ein Wintermärchen“ (1844). Persönliche Erlebnisse – ein Aufenthalt im Pyrenäenbad Cauterets 1840 und eine Reise nach Hamburg 1843 – verflocht er mit Traumbildern und Begegnungen mit Sagen- und Märchengestalten zu epischen Reisebildern, in denen er voller Ironie ein Bild Deutschlands, seiner literarischen wie politisch gesellschaftlichen Gegensätze gab. Gleichzeitig brachte er seinen zweiten großen Gedichtband, die „Neuen Gedichte“, heraus (1844). In diesem Band vereinigte er, außer den schon früher vereinzelt erschienenen Liebesgedichten, Balladen und Zeitgedichte mit zum Teil deutlich politischer Zielsetzung, wie er sie in dieser Offenheit und Schärfe wohl erst auf Grund seiner zeitweiligen Verbindung mit →Karl Marx und dessen Kreis in Paris 1843/44 aussprechen konnte. Das bedeutendste dieser politischen Gedichte, „Die schlesischen Weber“, erschien damals allerdings zunächst nur als Flugblatt. – Dieser Begegnung mit Marx hat H. vieles an Intensität und Zielgerichtetheit seiner politischen Dichtung zu verdanken, wenn er auch durch seine Berührung mit dem französischen Sozialismus der Saint-Simonisten, →Proudhons, →Fouriers und →Louis Blancs auf sie vorbereitet war. Da Marx und seine Freunde schon 1844 aus Paris ausgewiesen wurden, war es für H. nur eine zeitlich kurze, aber recht entscheidende Begegnung, deren Eindruck ihn noch bis in seine letzten Lebensjahre beschäftigte. Doch trotz seiner Überzeugung von der ungeheuren Wirkung dieser neuen Ideen für die Zukunft der Welt und seiner inneren Anteilnahme an vielen ihrer Gedanken wuchs in ihm immer stärker die Angst vor der unheimlichen Konsequenz dieser „Doktoren der Revolution“, wie er sie nannte, die ihrem Kampf alles unterordnen würden, alles Schöne und alle Kunst, der sich H. im letzten allein verpflichtet fühlte.
Anfang der 40er Jahre hatte H. wieder begonnen, für die Augsburger „Allgemeine Zeitung“ Berichte aus dem politischen und kulturellen Leben in Paris zu schreiben. Mit seinem sehr wachen kritischen Blick beurteilte er darin die politischen Gegebenheiten und die führenden Persönlichkeiten des politischen und kulturellen Lebens mit einer Treffsicherheit, deren Gültigkeit noch heute in Erstaunen versetzt. – Im August 1841 vor einem Duell, das H. auf Grund seines Buches über Börne austragen mußte, heiratete er Crescencia Eugenie Mirat – er nannte sie selbst Mathilde –, mit der er schon mehrere Jahre zusammenwohnte. Er hatte sie 1834 als Verkäuferin in einem Schuhgeschäft kennengelernt und sie dann bald ganz zu sich genommen. Sie war ein hübsches, unkompliziertes, lebenslustiges Mädchen, aber ohne große geistige Fähigkeiten, die treu an ihrem Henri hing, ihm aber für sein Schaffen nichts geben konnte. – Seit seiner Übersiedlung nach Paris hat H. nur 1843 und 1844 zwei Reisen nach Deutschland unternommen, zum Besuch seiner Mutter in Hamburg und zu Verhandlungen mit seinem dortigen Verleger Campe. Ende 1844, nach dem Tode seines Onkels Salomon, der ihn bis zuletzt trotz mancher Unstimmigkeiten immer wieder|großzügig mit Geld unterstützt hatte und mit dessen Erben quälende Auseinandersetzungen folgten, kam eine seit langer Zeit schleichende Krankheit, wohl Lues cerebrospinalis, zum Ausbruch und fesselte ihn von 1848 an für volle 8 Jahre ans Bett, an seine „Matratzengruft“. Trotz größter Schmerzen und immer fortschreitender Lähmung blieben sein Geist und seine Schaffenskraft lebendig. 1851 erschien ein neuer Band seiner Gedichte, der „Romanzero“, Schöpfungen der vergangenen 7 Jahre. Sowohl in den Balladen und Zeitgedichten wie in den „Lamentationen“ und den „Hebräischen Melodien“ traten neue Töne auf, bitterer und schmerzerfüllter als die früheren. Die persönlichen Erfahrungen seines schweren Krankenlagers hatten ihn so manche kühn selbstbewußten und aufklärerisch optimistischen Vorstellungen überdenken und revidieren lassen, wie er es selbst in der Nachrede zum „Romanzero“ erzählt. Großer Ernst und menschliche Tiefe kennzeichnen erschütternd die Gedichte seiner letzten Lebensjahre, die später als „Nachlese zum Romanzero“ von dem ersten Herausgeber seiner Werke, Strodtmann, zusammengestellt wurden.
Neben der Bearbeitung seiner politischen Zeitungsberichte aus den Jahren 1840-44 unter dem Titel „Lutezia“, zwei Tanzpoemen – „Donna Diana“ und „Doktor Faust“, dem Vorbild von →Egks „Abraxas“ –, die er auf Wunsch des Londoner Theaterdirektors →Lumley verfaßt hatte, legte H. 1854 in den Sammelbänden „Vermischte Schriften“ seine letzte große Prosaarbeit vor, die „Geständnisse“. Hier versucht er seinen geistigen Weg von der Kindheit an zu schildern und setzt sich dabei mit den großen politischen und weltanschaulichen Fragen auseinander, die ihn und sein Werk bestimmt hatten. Seine Memoiren, an denen er nach eigenen Äußerungen schon seit vielen Jahren gearbeitet hatte, vollendete er nicht mehr. Wenigstens ist das, was fast 30 Jahre nach seinem Tode davon erschien, nur ein Torso des Werkes, dessen ganze Veröffentlichung, soweit es bei seinem Tode vorlag, von Familienmitgliedern, wie man annimmt, verhindert wurde. - Er starb in seinem Pariser Exil, von seinen Zeitgenossen halb vergessen, eine fast schon legendäre Gestalt, geliebt von nur wenigen, mißachtet von vielen.
Die literargeschichtliche Bedeutung H.s und seines Werks liegt in seiner Stellung zwischen Romantik und Realismus. Seine Dichtung war auf dem Boden der Romantik erwachsen. Für die Lyrik war er zunächst →Fouqué und →Uhland, sehr stark auch dem deutschen Volkslied verpflichtet – der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ verdankt er wesentliche Anregungen –, für die Prosa →Jean Paul und dessen Ahnherrn →Laurence Sterne sowie →E. T. A. Hoffmann. Doch bald schon fühlte er sich als Überwinder der Romantik und als Verkünder eines neuen Anfangs. In seiner Aufgeschlossenheit gegenüber der modernen Welt, einer im Umbruch befindlichen Zeit, wurde ihm die Dichtung zur Arena seines Kampfes gegen die überkommenen Ordnungen in Politik und Gesellschaft. Er löste sich aus der Isoliertheit der Gefühls- und Gedankenwelt des Dichters vergangener Epochen und stellte sich den Problemen seiner Zeit nicht nur als Berichterstatter der Zeitungen, sondern auch als Dichter. Er wich in seinem Werk bis zur Wortwahl von der überlieferten Vorstellung von Lyrik ab und schuf sich eine Dichtungssprache, die der modernen Zeit gerecht werden konnte. Er hat damit in Inhalt, Form und Sprache eine Dichtung geschaffen, die noch heute vielfach als lyrikfremd angesehen und darum abgelehnt wird, in der er aber gerade im 20. Jahrhundert entscheidende Nachfolger und Fortführer gefunden hat. Sein Werk wurde aber nicht nur in seinem Inhalt als Neubeginn begeistert begrüßt, besonders von der Jugend, sondern auch in seiner Form, in der er die klassische Geschlossenheit lokkerte oder sogar auflöste. Man denke an die freien Rhythmen seiner Nordseelieder und die Überwindung der musikalisch-rhythmisch gebundenen Liedform in seiner späten Lyrik, an das Fragmentarische seiner Novellen und an die locker aneinandergereihten Erlebnisberichte seiner „Reisebilder“. Allein in dieser spielerisch leichten, ironischen, scheinbar unverbindlichen Form konnte er seine politisch weltanschaulich engagierte Aussage zu echter Dichtung gestalten. Durch das Assoziative in seinem Prosastil, seine scheinbar abschweifenden Wortwitze, durch die Zusammenstellung und Vergleiche von offensichtlich Unvergleichbarem und der daraus entstehenden Paradoxie seiner Sätze gelingt es H., seine Aussage in scheinbarer Unverbindlichkeit um so treffender und einprägsamer zu machen, überzeugender als durch jede sachlich nüchterne logische Erörterung. Er hat damit die feuilletonistische Berichterstattung zu einer Kunstgattung erhoben, wie sie in dieser Höhe vor ihm unbekannt war und nach ihm nur selten erreicht wurde. Daß er bei all seinem Engagement doch den inneren Abstand des Dichters wahrte, seine Kritik nach außen immer mit einer Kritik|gegen sich selbst verband, verleiht H.s Werk vor allem in seinen letzten Lebensjahren die Aussagekraft eines Menschen, der durch Leid und Not zu den letzten Fragen menschlichen Suchens durchgestoßen war. – H.s Abstand vom Realismus ist noch deutlicher als zur Romantik. Er gibt nirgendwo eine objektive Schilderung der Außenwelt und tritt auch nicht als Erzähler hinter seinen Stoff zurück. Ganz im Gegenteil sieht er sich immer im Mittelpunkt des Geschehens und schildert es in der Spiegelung seines Ichs. Selbst sein eigenes Fühlen erlebt und schildert er in dem ironisierenden Licht seines Intellekts. Damit stand er im Grunde der Dichtung um 1900 viel näher als der seiner eigenen Epoche.
Die Wirkung und das Nachleben des H.schen Werks ist durchaus unterschiedlich. In Deutschland waren zunächst die negativen Stimmen, die schon zu seinen Lebzeiten überwogen, bestimmend. Seine Lyrik, besonders das „Buch der Lieder“, das durch die zahlreichen Vertonungen →Schuberts, →Schumanns, →Brahms', →Wolfs und vieler anderer eine Popularität wie kaum je ein anderes lyrisches Werk gefunden hatte, wurde, wenn auch meistens in romantischer Fehlbeurteilung, sehr geschätzt. Doch seine Prosa, seine Epen und seine späteren Gedichte, besonders die Zeitgedichte, lehnte man weithin ab, sofern man sie überhaupt noch zur Kenntnis nahm. Mit seinem politisch-weltanschaulichen Kampf gegen die herrschenden Mächte hatte er konservative und kirchlich orthodoxe Kreise verärgert. Die ironische Grundhaltung vieler seiner Werke ließ ihn als den frivolen Spötter erscheinen, dem nichts heilig sei. So versuchte man in Deutschland weithin gar nicht erst, zu einem wirklichen Verständnis H.s und seiner Dichtung zu kommen. Man lehnte ihn als charakterloses Talent ab.
Die Versuche, seit etwa 1890, für H. in Düsseldorf und später in Hamburg und Frankfurt Denkmäler zu errichten, trieben erst recht seine Gegner aus nationalistischen, aus kirchlich konservativen und antisemitischen Kreisen auf den Plan und führten unter dem Nationalsozialismus schließlich zu der wilden Hetze gegen den rassefremden Juden H. bis zur Verbrennung seiner Bücher. Die wenigen öffentlichen Stimmen für H. wie die →Nietzsches, →Thomas Manns und anderer und die Wirkung seines Werkes auf die Kreise des Münchener Brettls bis hin zu →Tucholsky und Brecht vermochten wenig gegenüber der weit verbreiteten Abneigung gegen den Dichter und sein Werk. Ein wirklicher Wandel in der Wertung H.s konnte erst nach 1945 einsetzen, wenn auch noch immer eine verbreitete Unkenntnis und eine erneute politisch verfälschende Interpretation seines Werkes im Sinn des Vulgär-Marxismus einer wertentsprechenden Schätzung im Wege stehen mögen. Anders stand es und steht es mit H.s Wirkung und Anerkennung im Ausland. Schon zu seinen Lebzeiten beginnend, verstärkt erst nach seinem Tod, besonders von den 70er Jahren an, erschienen Übersetzungen seiner Werke in fast alle lebenden Sprachen. Noch heute finden seine Dichtungen immer wieder neue Übersetzer in der ganzen Welt. Weithin gilt im Ausland H. nach Goethe als bedeutendster deutscher Lyriker. Sein Werk hat auf viele bedeutende Dichter aus aller Welt großen Einfluß ausgeübt und hat ihnen geholfen, sich in Stoff und Form aus der Gebundenheit von Konvention und Tradition zu lösen. Es erlangte dadurch eine Wertschätzung, die ihm bis heute erhalten blieb.
20. Georg Büchner
Nach Besuch des Gymnasiums in Darmstadt 1825-31 studierte B. von Herbst 1831 bis Sommer 1833 Naturwissenschaften, insonderheit Zoologie und vergleichende Anatomie in Straßburg. In jener Zeit verlobte er sich mit Luise Wilhelmine (Minna, 1810–80), der Tochter des Pfarrers Johann Jakob Jaeglé, in dessen Haus er wohnte. Seine fortgesetzte Ausbildung, die sich nun vorwiegend der praktischen Medizin zuwendete, betrieb er an der hessischen Landesuniversität Gießen. Im Zusammenhang mit dem in Gießen sich manifestierenden politischen Interesse linksradikaler Art beteiligte sich B. an der Gründung der „Gesellschaft für Menschenrechte“. Gemeinsam mit August Becker und dem Butzbacher Rektor Friedrich Ludwig Weidig gab er im Juni 1834 anonym den „Hessischen Landboten“ heraus, eine an die Bauernschaft sich richtende revolutionäre Flugschrift. Eine infolge dieser Publikation eingeleitete polizeiliche Untersuchung ergab die Autorschaft B.s, der im März 1835 nach Straßburg floh und seit Juli steckbrieflich verfolgt wurde, zur großen Erbitterung des freiheitlich denkenden, aber unrevolutionär sich verhaltenden Vaters. In Straßburg führte B.die medizinischen Studien fort, beschäftigte sich mit Cartesius und →Spinoza, verdeutschte die Dramen Victor Hugos „Lucretia Borgia“ und „Marie Tudor“ (erschienen 1835). Gegen Jahresende begann die Arbeit an der Abhandlung „Mémoire sur le système nerveux du barbeau“, die er im April und Mai 1836 in der Société d'Histoire Naturelle, deren Mitglied er geworden war, vorlas. Die Vorlage dieser Arbeit bewirkte vier Monate später die Promotion B.s zum Dr. phil. der Universität|Zürich, wo er nach Abhaltung einer Probevorlesung („Über Schädelnerven“) zur Privatdozentur auf dem Gebiet der Naturgeschichte zugelassen wurde. Eine am 2.2.1837 sich bemerkbar machende typhöse Erkrankung endete tödlich (als Todesursache wurde „Nervenfieber“ angegeben). Die Bestattung erfolgte am 21.2. auf dem Zürcher Friedhof Zum Krautgarten.
Das Schicksal von B.s Nachruhm wurde stark bestimmt durch die Politisierung der ihn betreffenden Auffassungen. Konservative Betrachter haben lange B.s Werk, sofern es nicht ganz oder halb verschwiegen wurde, eher unterschätzt als gewertet, linksradikale Kritiker es als frühe sozialistische Kampfdichtungen unter Verzicht auf jede ästhetische Kritik vorbehaltlos gepriesen. Solche vorurteilsvolle Einschätzung übersah die Tatsache, daß sich B.s kurzes Leben zu einer Ganzheit gerundet haben dürfte, die zwar intensiven revolutionären Elan in sich schloß, aber auch dessen schöpferische Überwindung. B., der Herausgeber der ersten kommunistischen Zeitschrift Deutschlands, scheint im Ablauf seiner dichterischen Entwicklung das Fazit jugendlicher Revolutionsträume gezogen zu haben und gab vielleicht schon mit seinem ersten Drama eine Antwort auf diese, die Selbstanklage war. Aus dem letzten Lebensabschnitt B.s liegen schwerwiegende Briefstellen sowie Zeugnisse von ihm nahestehenden Personen vor, die zum mindesten die Vermutung rechtfertigen, daß er sich einem eher konservativ gearteten Weltbild zugewendet habe, welches in Widerspruch mit den früheren politischen (doch nicht mit seinen antiidealistisch-naturwissenschaftlichen, von Tendenzen zum Nihilismus durchsäuerten) Anschauungen stand. In engster Bahn hat er den vollen Kreis des Daseins durchstürmt. Es dürfte daher kaum zutreffend sein, die Episoden des „Hessischen Landboten“ und der politischen Emigration vorbehaltlos zu verabsolutieren.
Das von sehr realistischer Gesinnung erfüllte, alle deutschen veristischen Bestrebungen auf dem Gebiet des Dramas vor dem Ausbruch des Naturalismus übertreffende Stück „Dantons Tod“ (1835, Erstaufführung 1902 im Berliner Belle Alliance-Theater) hat trotz gewissen Unvollkommenheiten geniale Züge. Ziel dieses Dramas ist es, die Geschichte unmittelbar, so wie sie wirklich gewesen, widerzuspiegeln, ohne Rücksicht auf Sittlichkeit oder Unsittlichkeit. Der Held Danton ist ein kraftvoller Mensch, der alle Lüste der Macht und des Daseins genossen hat und dem, leidenschaftlich im Leben verhaftet, vor dem revolutionären Fanatismus des selbstgerechten Moralideologen Robespierre zu grauen beginnt. Das nächste Werk, das Lustspiel „Leonce und Lena“ (etwa 1836 entstanden, Erstaufführung durch eine Liebhabertruppe in München 1885) hat geringeren politischen und sozialkritischen Einschlag, ist vor allem eine an Shakespearesche Spielkunst erinnernde serene Komödie romantischer Artung, die mit den keineswegs Sozialrevolutionären - allerdings ebensowenig bürgerlichen oder jungdeutschen - Worten ausklingt: „Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht.“ Die vermutlich 1836 in Straßburg niedergeschriebene Szenenreihe „Woyzeck“ (nicht „Wozzeck“, Erstaufführung 1913 im Residenztheater zu München) ist trotz ihrem fragmentarischen Charakter voll stärkster dramatischer Schlagkraft, hintergründig-dynamische Gestaltung des Schicksals eines armen und dumpfen Menschen, dessen naiv-opferwilliges Ethos in einer elementaren Verwirrung der Gefühle verströmt. Bei stärkster Wirklichkeitsbezogenheit der meisten Szenen verdichtet sich die magische Kraft eines „panischen Grauens“ so sehr, daß man hier weniger von einem Werk verfrühten Naturalismus' als von einem Zeugnis vorweggenommener, Menschen und Dinge von innen erhellender Überwirklichkeitskunst sprechen muß. Ebenso stark hat auf die jungen Generationen seit Anbruch des Expressionismus das stilistisch überaus verdichtete, Temposteigerung des Vortrags und Präzision der Einlebung verbindende Novellenbruchstück „Lenz“ (etwa 1836 entstanden) gewirkt, welches von einem Maximum an Modernität erfüllt ist und nach Jahrzehnten der Nichtbeachtung ein eifersüchtig umworbenes Vorbild ehrgeiziger Erzähler wurde. Ein als Meisterleistung geschildertes „Pietro Aretino“-Drama hat B.s Braut viele Jahre nach seinem Tod aus Abneigung gegen die Familie B. vernichtet.
21. Friedrich Wilhelm IV.
F. ist nach einem geflügelten Wort D. F. Strauß' als „Romantiker auf dem Thron“ in das Bewußtsein der Nachwelt eingegangen. Aber das komplexe, schwer faßbare Wesen des Königs, der seinen Zeitgenossen so viele ungelöste Rätsel aufgab, läßt sich mit einer knappen, wenn auch bestechenden Formel nicht befriedigend erklären. Romantisch war der hohe Geistesflug des Königs und die Ironie, deren er sich oft und vorzugsweise im Berliner Dialekt bediente, um dem Andrang überquellender Gemütskräfte zu entfliehen Als romantisch mag auch sein ausgeprägter Sinn für alles historisch Gewordene hingehen, das rückwärts gekehrte Prophetentum. Jedoch schon sein nicht minder ausgeprägtes künstlerisches Empfinden zeigt mehr eine klassische als eine romantische Note; der König liebte die hellen Töne, die sanften, dem Auge leicht faßbaren Konturen der heimischen Havellandschaft oder der italienischen Toscana. Was ihm vorschwebte, war eine Synthese von antiker und christlicher Kunst, wie sie in den Bauten Schinkels zu Tage trat: das vom Geist beflügelte, aber auch gebändigte stille und melancholisch-heitere Ebenmaß.
So war ihm auch in der Politik alles Gewaltsame und Umstürzlerische fremd und zuwider. Er wollte nichts willkürlich machen, sondern organisch Gewachsenes mit kundiger Hand schonend fortbilden. Dabei hatte er ein deutliches, nicht ohne Überheblichkeit sich äußerndes Bewußtsein seines hohen, von Gott ihm verliehenen Amtes, aber zugleich ein feines Gefühl für das Dämonische, Verführerische, das Gewissenlose der Macht, deren Grenzen man nicht ungestraft überschreitet. Die Berufung Bismarcks in das Ministerium lehnte er im Sturmjahre 1848 kategorisch ab („Nur zu gebrauchen, wenn das Bajonett schrankenlos waltet“), um ihn 3 Jahre später als Bundestagsgesandten in Frankfurt auf den damals wichtigsten Posten der preußischen Diplomatie zu stellen. Aus einer umfassenden Bildung erwuchs ihm die Sicherheit einer, man möchte sagen, divinatorischen Voraussicht, aber zwischen Hoffnung und Erinnerung fand er nur selten den einfachen Entschluß zur Tat.
Das Geburtsjahr des ältesten Sohnes der Königin Luise war das Jahr des Baseler Friedens von 1795, mit dem Preußen die erste Koalition gegen das revolutionäre Frankreich verließ und um seiner Ostgebiete willen eine schwächlichet Neutralitätspolitik einleitete, die es 1806 mit der vernichtenden Niederlage von Jena und Auerstedt bezahlen mußte. Der herbe Sturz des Staates von der Höhe seines militärischen Ruhmes, die Flucht der königlichen Familie nach Memel und der frühe Tod der geliebten Mutter 1810 prägten sich dem damals 15jährigen unverlöschlich in die Seele; der Abscheu gegen die Revolution und ihre die überkommenen Ordnungen sprengende politische Ideologie wurde zu einer geistigen Dominante seines Lebens.
Unter den Erziehern des hochbegabten, aber zu jähen Gefühlsausbrüchen neigenden Knaben verkörperte der spätere Außenminister Ancillon, ein Refugié von universaler Bildung und Weltkenntnis, die friderizianische Tradition, das diplomatische Wesen alten Stils, die Politik des europäischen Gleichgewichts. Das wurde nun überdeckt von den aufwühlenden Ereignissen des Jahres 1813, dem hinreißenden Erlebnis des Volkes in Waffen, das die Einheit von Staat und Nation zum ersten Male sichtbar werden ließ. Die großen Männer der preußischen Reform, Clausewitz, Scharnhorst und Gneisenau, der Freiherr vom Stein, Niebuhr, Savigny, treten handelnd und lehrend dem jungen Prinzen leibhaft vor das Auge, und mit dem konkreten Ideal der Freiheit verbindet sich ihm ein schöner Traum von deutscher Einheit. „Ich baue mir nicht goldene Schlösser, aber Zeiten träume ich, wo in Deutschland viel herrliche Saat für den Himmel aufkeimen soll.“ Hier zeigt sich der religiöse Hintergrund dieser auf das altdeutsche Reich bezogenen politischen Romantik, das Gegenbild und Gegengewicht zu der von Ancillon vermittelten Gedankenwelt: eine von den Sinnen, nicht vom Verstande her bestimmte künstlerische Gesamtschau der Dinge und ein im lutherischen Erlösungsglauben wurzelndes Christentum ohne konfessionelle Enge, das die una sancta ecclesia catholica in der Vielheit ihrer Gestalten sah. Daraus erwuchs allmählich, in selbständiger Auseinandersetzung mit Gedankengängen Schleiermachers und Bunsens, der Brüder Gerlach und F. J. Stahls, ein festumrissenes kirchliches Reformprogramm des Königs: er wollte die Reformation vollenden und die preußische Landeskirche aus der Obergewalt des Staates entlassen, damit sie ihren apostolischen Auftrag, das Gottesreich auf Erden zu bauen, reiner und besser erfüllen könne. An eine wirkliche Trennung von Staat und Kirche hat er dabei nicht gedacht, die kirchliche sollte die staatliche Ordnung von innen her mittragen und durchleuchten („christlicher Staat“). In dieser Ewigkeitsperspektive verschob sich das nüchterne Ethos des preußischen Staates auf das weite Feld seiner deutschen Sendung und erzeugte eine seltsam oszillierende Polarität, die mit den konkurrierenden konstitutionellen Ideen der Zeit in ein weiteres spannungsreiches Verhältnis trat.
Nach dem Wiener Kongreß gab das patriarchalische und hausbackene Regime Friedrich Wilhelms III., gestützt auf eine tüchtige, aber ideenlose Ministerialbürokratie, dem Kronprinzen nur wenig Raum zur eigenen schöpferischen Initiative und Tätigkeit. Das Versprechen der Krone von 1815, dem Lande eine neue ständische und repräsentative Verfassung zu geben, suchte er an der Spitze einer Kommission zur Einführung provinzialständischer Institutionen in seinem Sinne einzulösen. Er vertrat dabei die Auffassung, die er stets festgehalten hat, daß dem Volke das Recht auf Mitregierung und Selbstverwaltung nicht prinzipiell, sondern nur als Geschenk aus der Fülle der königlichen Macht und Gnade zugestanden werden könne. 1828 wurde ihm die Erfüllung eines langjährigen Herzenswunsches zuteil, eine Reise nach Italien, die als Erlebnis einer bezaubernden Landschaft und ihrer künstlerischen Bewältigung nachhaltige Spuren in der eigenen Betätigung als Bauherr in Berlin und Potsdam hinterließ (Altes Museum, Schloßkuppel, Domentwurf; Friedenskirche, Orangerie, Pfingstberg).
Nach dem Tode des Vaters (1840) ergriff der pietätvolle Sohn die Zügel der Regierung nicht in der Form eines abrupten Systemwechsels, jedoch wurden die Rehabilitierung verdienter, in der Reaktionszeit kaltgestellter oder gemaßregelter Freiheitskämpfer wie Boyens, Arndts, Jahns und der Brüder Grimmund die Liquidierung des Kölner Kirchenstreites durch die Freilassung des inhaftierten Erzbischofs Droste-Vischering als verheißungsvoller Aufbruch zu liberalen Auffassungen und Methoden gedeutet, vollends der Akt der Huldigung selbst, bei dem der König die versammelten Stände mit einer improvisierten, aber wohlgezielten und zündenden Rede überraschte. Dasselbe wiederholte sich bald darauf bei dem Kölner Dombaufest, und mindestens bekundete sich darin ein bemerkenswerter Stilwandel, nicht ohne Gefahren für die Krone, deren Träger sich damit unmittelbar der öffentlichen Kritik aussetzte.
Über diesen Anfängen lag schon der Schleier verhängnisvoller Mißverständnisse. Der König war geneigt, aus den Provinziallandtagen eine reichsständische Versammlung zu bilden und ihr eine beratende Funktion bei der Aufstellung des staatlichen Haushaltsplanes einzuräumen; für weitere Zugeständnisse, wie die Versammlung sie forderte, die Periodizität der Sitzungen und das Steuerbewilligungsrecht, die eine fühlbare Einschränkung der königlichen Prärogative bedeutet hätten, war er nicht zu haben. Der Konflikt war also unausbleiblich und kam über Nacht mit dem Ausbruch der Februarrevolution in Paris. Ihr Übergreifen nach Deutschland warf mit der konstitutionellen sofort die deutsche Frage auf, die ja niemals aus dem Gesichtskreis des Königs entschwunden war: vielleicht ließ sie sich jetzt zusammen mit der preußischen Verfassungsfrage lösen, aber nicht im Sinne der „Satansideologie“ von 1789, sondern mit „der festen Treue des Landesherrn, der unerschütterlichen Ehre des Heeresfürsten“. Schimmernde Worte – aber was den König daran hinderte, mit der Revolution „aus dem Baß zu reden“, war seine Überzeugung, daß Preußen nur moralische, keine machtpolitischen Eroberungen in Deutschland machen dürfe. So stellte er sich in dem berühmten Manifest vom 21.3.1848 als „konstitutioneller Fürst an die Spitze des Gesamtvaterlandes“. Das wurde von allen Seiten mißverstanden. Österreich und die deutschen Fürsten glaubten darin eine opportunistische deutsche Hegemonialpolitik Preußens zu erkennen; die Paulskirche in Frankfurt legte das Wort „konstitutionell“ in ihrem Sinne aus und bot dem Preußenkönige die deutsche Kaiserkrone an. Dieser aber lehnte sie ab, er wollte die ehrwürdige|Krone des tausendjährigen Reiches nicht aus den Händen einer Volksversammlung entgegennehmen. Sie gebührte nach seiner Auffassung allein dem Hause Österreich. Was von all diesen einfallsreichen, aber wirklichkeitsfremden Gedankenspielen und Tatansätzen übrigblieb – ein engerer deutscher Bund unter preußischer Führung – scheiterte an dem Einspruch Österreichs und Rußlands (Punktation von Olmütz 1850).
In der letzten großen Krise seiner Regierung, dem Krimkriege zwischen Rußland und den Westmächten (1853–56), befolgte der König trotz heftiger Widerstände auch in seiner nächsten Umgebung eine Politik strikter Neutralität, die in der Hauptsache doch seinen religiösen, jedem „ungerechten Kriege“ abholden Überzeugungen entsprang. Er träumte ferner von einer Emanzipation der Christen in der Türkei, die er – anknüpfend an das preußisch-anglikanische Bistum in Jerusalem – unter der Mithilfe Englands und des preußischen Gesandten in London Ch. K. J. Bunsen zu erreichen hoffte. Dieser jedoch, nicht minder phantastisch als sein königlicher Freund, liberal und ganz westmächtlich gesinnt, setzte sich im Gegenteil für einen Strafkrieg gegen Rußland und die Wiederherstellung Polens ein und mußte daraufhin seinen Posten räumen. Das völlig unpolitische Manövrieren des Königs zwischen den streitenden Parteien förderte das Ansehen Preußens weder innerhalb noch außerhalb Deutschlands, schonte aber seine Kräfte und schuf in dem freilich ganz unbeabsichtigten Endergebnis, der nachhaltigen Verstimmung zwischen Rußland und Österreich, die Voraussetzungen für die deutsche Einigung durch Bismarck.
Gegen das Ende hin verschärfte sich das persönliche Regiment des Königs. In einem politischen Testament verpflichtete er seine Nachfolger, die preußische Verfassung wieder aufzuheben. Er korrespondierte hinter dem Rücken seiner Minister, geistvoll und wertreich, aber ungenau, gefühlsbetont und stets mißverständlich, mit den gekrönten Häuptern in aller Welt; er regierte mit der „Kamarilla“, Männern seines langjährigen persönlichen Vertrauens, die wie Senfft von Pilsach, die Gerlachs, die Grafen Gröben und Anton Stolberg der pietistischen Erweckungsbewegung angehörten; hingegen war J. M. von Radowitz, der bevorzugte Ratgeber und Gehilfe seiner deutschen Politik, ein Katholik ungarischer Abkunft. Daneben gewannen auch Schmeichler und Unwürdige sein Ohr. Aber um ihn, der den Orden Pour le mérite für Künste und Wissenschaften stiftete, sammelte sich die Blüte des geistigen Lebens, und inmitten dieser illustren Gesellschaft konnte Ranke von dem Könige sagen: „Er war unser aller Meister.“
Um so tragischer war der Ausgang. Der König erkrankte 1858 an einer Gesichtsrose, die eine partielle Lähmung wichtiger Gehirnzellen, darunter des Sprechvermögens, nach sich zog und die Einsetzung der Regentschaft seines Bruders Wilhelm notwendig machte. In langsamem, qualvollem Siechtum erlosch dieses begnadete, von der Bewunderung im Mißerfolge, von dem Haß und Spott seiner Widersacher begleitete Leben, über das unser größter Historiker das nachdenklich stimmende Motto gesetzt hat: „Er hatte vielleicht mehr Gemüt, als der Staat ertragen kann.“
22. Robert Schumann
S. empfing im Elternhaus umfassende literarische Anregungen. Nach einer Vorbereitungsschule besuchte er 1820-28 das Lyzeum in Zwickau, wo er schriftstellerische Versuche unternahm und einen literarischen Schülerverein gründete. Klavier- und musiktheoretischien Unterricht erhielt er durch den Organisten der Zwickauer Marienkirche Johann Gottfried Kuntsch (1775–1855), wirkte des öfteren als Klavierspieler sowie Rezitator bei den Musikalischdeklamatorischen Abendunterhaltungen des Lyzeums mit und schuf etwa seit dem 11. Lebensjahr eigene Kompositionen (Le psaume cent cinquantième, später vorwiegend Lieder). S. schwankte eine gewisse Zeit, ob er zum Dichter oder Musiker berufen sei, doch waren damit keine Berufspläne verbunden. Der Vater hatte allerdings 1824 Verbindung mit Carl Maria v. Weber in London aufgenommen, um ihn als Lehrer für den Sohn zu gewinnen, doch zerschlugen sich die Pläne durch Webers Tod 1826. Die Mutter und der als Vormund eingesetzte Kaufmann Johann Gottlob Rudel bestimmten S. zum Jurastudium, das er nach dem Schulabschluß 1828 in Leipzig begann und 1829 in Heidelberg fortsetzte; von dort aus führten ihn Reisen in die Schweiz und nach Oberitalien.
Ostern 1830 wurde der Besuch eines Konzerts von Niccolò Paganini in Frankfurt/M. für S. zum „Schlüsselerlebnis“. Mit Zustimmung der Mutter und auf Empfehlung von Friedrich Wieck (1785–1873), der ihn zum Klaviervirtuosen auszubilden versprach, brach S. sein Studium ab und kehrte im Herbst nach Leipzig zurück, um bei Wieck Unterricht zu nehmen. Dort wie schon in Heidelberg entstanden seine ersten veröffentlichten Kompositionen (Abegg-Variationen op. 1, Papillons op. 2), von denen nicht wenige literarisch beeinflußt waren (z. B. op. 2; Jean Paul, Flegeljahre; Kreisleriana op. 16; E. T. A. Hoffmann) oder eigene poetische Erfindungen ausdrückten (Davidsbündlertänze op. 6). Der Kreis der „Davidsbündler“ (AT, 1. Sam. 17) entsprang vorwiegend S.s Phantasie, doch verkörperten einzelne Gestalten auch reale Personen oder personifizierten Wesenszüge ihres Schöpfers – so Florestan, Eusebius und Meister Raro, die für Leidenschaft, Kontemplation und Ratio standen; sie erschienen sowohl in Kompositionen als auch in musikliterarischen Aufsätzen S.s (1831 ff.) und zogen gegen die als „Philister“ verspotteten kunstfeindlichen Spießbürger zu Felde. Im April 1834 gründete S. mit Freunden die „Neue [Leipziger] Zeitschrift für Musik“ (NZfM), die er bis 1844 als Redakteur leitete und zum wichtigsten Organ des musikalischen Fortschritts in Deutschland machte.
Die Pianistenkarriere mußte S. 1832 aufgrund eines selbstverschuldeten Handleidens aufgeben und konzentrierte sich nun auf Komposition und musikliterarische Tätigkeit. 1834 verlobte er sich heimlich mit Wiecks Schülerin Ernestine v. Fricken (1816–44), doch entwickelte sich seit 1835/36 eine Liebesbeziehung zu der hochbegabten Tochter seines Lehrers, Clara. Die von Wieck heftig bekämpfte Beziehung (S. versuchte zwischenzeitlich vergeblich in Wien Fuß zu fassen, um Bedingungen Wiecks zu erfüllen) führte nach langwierigem Gerichtsprozeß Mitte Sept. 1840 zur Heirat; das Paar ließ sich danach in Leipzig nieder.
S.s Kompositionstätigkeit, die seit etwa 1830 ganz auf Klavierwerke konzentriert war (außer den genannten: Carnaval op. 9, Fantasie C-Dur op. 17, 3 Klaviersonaten op. 11, 14 und 22, Humoreske op. 20, Novelletten op. 21 u. a.), verlagerte sich im Frühjahr 1840 auf intensive Liedproduktion; sie zeugt mit der Vertonung von Texten u. a. Heines, Rückerts, Kerners, Goethes, Eichendorffs, Chamissos von S.s umfassendem Verständnis der zeitgenössischen Dichtung und seiner Fähigkeit zu außerordentlicher musikalischpsychologischer Durchdringung in der Nachfolge Schuberts. In den nächsten Jahren widmete sich S. der Komposition von Orchester- und Kammermusikwerken: 1841 wurden zwei Sinfonien (B-Dur op. 38, d-Moll, in 2. Fassung op. 120) vollendet, eine dritte (c-Moll) skizziert; ferner entstanden ein kleineres sinfonisches Werk (Ouvertüre, Scherzo und Finale op. 52) und eine Fantasie für Klavier und Orchester (1845 zum Klavierkonzert op. 54 erweitert). Die 1. Sinfonie (Frühlingssinfonie) B-Dur wurde S.s größter Publikumserfolg zu Lebzeiten. 1842 schrieb S. die drei Streichquartette op. 41, das Klavierquintett (op. 44) und -quartett (op. 47) sowie ein Trio (als Fantasiestücke op. 88 erschienen). Nach einer Dichtung von Thomas Moore (1779–1852) entstand 1843 das Oratorium „Das Paradies und die Peri“ op. 50, mit dem S. gleichfalls große Erfolge bis hin nach New York, Kapstadt und Dublin erzielte und das zu einem Höhepunkt der Gattung neben Mendelssohns „Paulus“ und „Elias“ wurde. Mit Felix Mendelssohn Bartholdy verband S. eine achtungsvolle Künstlerfreundschaft; ihm widmete er die Quartette op. 41 und hinterließ Aufzeichnungen zu seinem Gedenken. An dem auf Initiative Mendelssohns 1843 gegründeten Leipziger Konservatorium gehörte S. zu den ersten Lehrern.
1842 hatte Clara ihre Pianistentätigkeit durch eine Tournee nach Kopenhagen fortgesetzt; Anfang 1844 unternahm das Ehepaar eine Konzertreise nach Rußland, wo S. in St. Petersburg seine B-Dur-Sinfonie dirigierte und Clara dort und in Moskau Erfolge feierte. Im Sommer desselben Jahres begann S. mit der Komposition seiner „Scenen aus Göthe's Faust“ (WoO 3; 1853 in Düsseldorf vollendet), deren Schlußteil zur Goethe-Säkularfeier 1849 in Dresden, Leipzig und Weimar (unter Franz Liszt) aufgeführt wurde.
Ende 1844 zog die Familie nach Dresden, wo Friedrich Wieck, mit dem im Jahr zuvor eine Versöhnung stattgefunden hatte, ansässig war. S. gelang es in den sechs Jahren seines dortigen Aufenthalts nicht, eine öffentliche Anstellung zu erhalten, doch wurden seine Werke vielfach in Privatkonzerten aufgeführt. Nach Verkauf der Neuen Zeitschrift für Musik an Franz Brendel (1811–68) und weitgehender Aufgabe der musikschriftstellerischen Tätigkeit widmete S. sich ganz der|Komposition und schrieb 1845 vorwiegend kontrapunktische Werke (Pedalflügelstücke op. 56 u. 58, Orgel- u. Klavierfugen op. 60 u. 72), 1846 die 2. Sinfonie C – Dur op. 61, 1847/48 die Oper „Genoveva“ op. 81 und die Musik zu Byrons „Manfred“ op. 115, 1847-49 zahlreiche Werke der (vokalen u. instrumentalen) Kammermusik, Lieder und Klavierstücke (Klavier-Album f. d. Jugend op. 68 u. Lieder-Album op. 79) sowie die Musik zu Goethes „Wilhelm Meister“ op. 98 a/b. Seit 1847 leitete S. den Männerchor „Dresdner Liedertafel“, seit Jan. 1848 einen von ihm gegründeten gemischten Chorgesangverein. In Dresden hatte er Umgang mit Richard Wagner und zahlreichen bildenden Künstlern, unter ihnen Ludwig Richter und Ernst Rietschel.
1849 erreichte S. die durch Ferdinand Hiller vermittelte Berufung als Städt. Musikdirektor nach Düsseldorf, der er im Sept. 1850 nachkam. Anfangs mit Auszeichnung aufgenommen und erfolgreich, erlebte S. bald Enttäuschungen in seinem Amt, die durch seine mangelnde Befähigung und Erfahrung als Dirigent, aber auch durch gesundheitliche Probleme verursacht waren. Im Herbst 1853 legte er de facto seinen Posten nieder (der erst 1855 durch Julius Tausch, 1827–95, neu besetzt wurde). In den Düsseldorfer Jahren 1850-53 komponierte S. etwa ein Drittel seines Œuvres: 1850 entstanden die 3. Sinfonie (Rheinische) op. 97 und das Cellokonzert op. 129, 1851 u. a. das Oratorium „Der Rose Pilgerfahrt“ op. 112, die beiden Violinsonaten op. 105 und 121, das 3. Trio op. 110 und weitere Kammermusikwerke. 1852 schrieb S. die „Missa sacra“ op. 147 und das Requiem op. 148, 1853 mehrere konzertante Werke mit Orchester (Fantasie [Violine] op. 131, Konzert-Allegro [Klavier] op. 134, Violinkonzert WoO 1) sowie das zukunftsweisende, auf Hölderlins Diotima-Gestalt bezogene und Bettine v. Arnim gewidmete Klavierwerk „Gesänge der Frühe“ op. 133 und die 3. Violinsonate WoO 2. Zu Pfingsten 1853 nahm S. an der Leitung des Niederrhein. Musikfests teil und erlebte einen großen Erfolg mit seiner neubearbeiteten d-Moll-Sinfonie (als 4. Sinfonie op. 120 veröff.). Im Herbst dieses Jahres lernte er durch den befreundeten Geiger Joseph Joachim den jungen Johannes Brahms kennen und widmete ihm, den er als eine Art künstlerischen „Nachfolger“ empfand, seinen letzten Aufsatz „Neue Bahnen“ (in: NZfM, Okt. 1853). Erfolgreiche Konzertreisen führten ihn durch Holland (Okt.-Dez. 1853) und an den hann. Königshof (Jan. 1854); nach Düsseldorf zurückgekehrt, erlebte S. schwere depressive Störungen und suchte durch einen Sturz in den Rhein am 27.2.1854 seinem Leben ein Ende zu setzen. Am 4.3.1854 wurde er auf eigenen Wunsch in die Privat-Heilanstalt des Dr.Franz Richarz in Endenich bei Bonn gebracht, die er bis zu seinem Tod 1856 nicht mehr verließ. Das vermutlich durch eine luetische Infektion während der Studentenzeit verursachte Leiden (Aufnahmediagnose: Melancholie mit Wahn) verlief nicht kontinuierlich negativ, doch erwies sich eine Besserung 1854/55 als trügerisch; S. stellte danach seine Kommunikation mit der Außenwelt ein und starb nach fortgesetzter Nahrungsverweigerung. Zum Besuch zugelassen wurden in der Anstalt nur die Freunde Joachim und Brahms; Clara durfte S. erst zwei Tage vor seinem Tod wiedersehen. In der Folge setzte v. a. sie sich für das Werk ihres Mannes ein, indem sie selbst seine Kompositionen mit Klavier aufführte und für Aufführungen der übrigen sorgte.
S.s reiches kompositorisches und musikliterarisches Schaffen wurde nach seinem Tod allmählich erschlossen, wobei sich bald eine durch sein tragisches persönliches Schicksal bedingte Zurücksetzung der „späten“ Werke abzeichnete, die erst gegen Ende des 20. Jh. (Dissertationen v. R. Kapp u. M. Struck) überwunden werden konnte. Während S. lange Zeit als Meister der „kleinen Form“ gesehen und vorwiegend seine poetische Klaviermusik und sein Liedschaffen geschätzt wurden, setzte sich seit etwa 1960 eine umfassendere und ausgewogenere Betrachtungsweise durch, die die Eigenart und den hohen Wert seiner Kammer- und Orchestermusik, aber auch der Kantaten und Oratorien sowie der großen „dramatischen“ Werke (Genoveva, Manfred u. Faust) erkannte. Die Vorstellung von einem abrupten Stilwandel besonders hin zum Spätwerk wurde korrigiert und durch die Erkenntnis einer „Kontinuität im Wandel“ ersetzt. Obwohl S. nicht eigentlich schulbildend wirkte, wurde insbesondere sein Einsatz für Bestand und Fortentwicklung der Gattung der Sinfonie von Brahms, Tschaikowski, Mahler u. a. aufgenommen. Die dort sowie in den Klavierwerken, Liedern und weiteren Werkgruppen geleistete „Poetisierung“ der Musik jenseits von vordergründiger Programmatik sicherte S. eine Vorbildwirkung bis ins 20./21. Jh. hinein, zu der sich zahlreiche Komponisten wie Carl Reinecke, Theodor Kirchner, Nils W. Gade, Max Reger, Hans Pfitzner, B. A. Zimmermann, Dieter Schnebel, Wolfgang Rihm, György Kurtág und Aribert Reimann durch|Übernahme von Themen und Motiven S.s bekannten und bekennen.
Die von Clara 1879 initiierte erste S.-Gesamtausgabe wird seit 1991 durch eine neue Ausgabe Sämtlicher Werke (RSA) ersetzt. Mit der Biographie und dem Werk S.s beschäftigt sich ein reiches, seit den 1980er Jahren ständig anwachsendes Schrifttum; das musikalische Œuvre einschließlich der bisher vernachlässigten Werke verbreitet sich in Aufführungen und auf Tonträgern weltweit.
23. Philipp Jakob Siebenpfeiffer
Seit 1799 Vollwaise, wuchs S. bei seiner Tante Catharina Salome Rost in Lahr auf. Nach der Lateinschule besuchte er das Pädagogium in Lahr und arbeitete seit 1808 in der Verwaltung der Rentkammer Freiburg (Br.). Durch seine Tätigkeit als Steuercommissär in Gengenbach seit 1811 finanzierte S.sein nebenberufliches Studium der Rechtswissenschaften an der Univ. Freiburg (1. jur. Staatsexamen u. Dr. iur. 1813), wo ihn Karl v. Rotteck (1775–1840)nachhaltig prägte. Anschließend begann er ein „Wanderleben“ in der bayer.-österr. Verwaltung in Kreuznach, Trier, Ottweiler, Speyer, Landau und Frankenthal. Nach der Zuordnung des linkrhein. Gebiets an das Kgr. Bayern 1816 wurde S. 1818 Landcommissär des neuen Landcommissariats Homburg. Neben seiner praktischen Tätigkeit im Gemeinde-, Verwaltungs-, Rechnungs- und Schulwesen verfaßte er hier ein „Handbuch der Verfassung, Gerichtsordnung und gesamten Verwaltung Rheinbayerns“ (5 Bde., 1831–33), das lange in Gebrauch blieb.
1830 artikulierte S. erstmals öffentlich seine Kritik an ökonomischen, sozialen und politischen Mißständen und unterbreitete seine Reformvorschläge in der Zeitschrift „Rheinbayern“. Sie brachten den staatsloyalen S. in Konflikt mit Kg. Ludwig I. und trugen ihm eine (Straf-)Versetzung als Vorstand der Zwangsarbeitsanstalt in Kaisheim (Donauwörth) ein, die aber nach einer Klage S.s 1831 an einem Urteil des Bezirksgerichts Zweibrücken scheiterte. Um seine politischen Forderungen in die Öffentlichkeit zu tragen, gab S. seit April 1831 die Zeitung „Der Bote aus dem Westen“ (1832 u. d. T. „Westbote“) heraus und regte bereits vor dem „1. Schülerfest“ 1832 in Zweibrücken die Gründung des „Preß- und Vaterlandsvereins“ an, der ersten „Journalisten-Gewerkschaft“ in Deutschland.
Auf S.s und Johann Georg August Wirths (1798–1848) Initiative wurde am 27.5.1832 das „Hambacher Fest“ veranstaltet, das S. mit seiner Rede „Der Deutschen Mai“ (gedr. 1832) eröffnete, in der er Pressefreiheit, die Gleichberechtigung der Frau und andere zentrale demokratische Rechte forderte. Zur Erfüllung dieser Ziele rief S. zu einer friedlichen Revolution auf. Bald nach dem Fest wurde er wegen „Aufreizung zum Aufruhr“ in Haardt verhaftet, 1833 angeklagt, aber vom Assisengericht in Landau freigesprochen. Ebenfalls in diesem Jahr endete ein Prozeß wegen Beamtenbeleidigung am Zuchtpolizeigericht Frankenthal gegen ihn mit einer Verurteilung zu zwei Jahren Haft. S. entzog sich der Inhaftierung durch Emigration in die Schweiz (schweizer. Staatsbürger 1834), wo er nicht mehr politisch aktiv wurde, aber mit seinen „Ideen zu einer Grundreform der Erziehungs- und Unterrichtsanstalten“ 1834 eine grundlegende Pädagogik mit liberal-demokratischen Implikationen veröffentlichte. 1834 zum kommissarischen Stellvertreter des Lehenskommissärs bestellt, wurde S. noch im selben Jahr zum ao. Professor für das gerichtliche Verfahren, Polizeirecht und Staatswissenschaft berufen und 1840 zum Sekretär der Justizdirektion ernannt. 1842 wurde S. infolge einer unheilbaren Geisteskrankheit in die Irrenanstalt Bümpliz eingewiesen. – S. ist ein markanter Exponent des frühen Liberalismus im Südwesten Deutschlands.
Quellen:
Internetquellen
-> Emma und Georg Herwegh, in: 100 Köpfe der Demokratie (Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte), online verfügbar unter: https://www.demokratie-geschichte.de//koepfe/2226, zuletzt geprüft am 16.09.2025.
-> Schieder, Wolfgang, "Hecker, Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 180-182 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11854750X.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 16.09.2025.
-> Revolutionäre für Freiheit und Einheit. Amalie und Gustav Struve, in: 100 Köpfe der Demokratie (Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte), online verfügbar unter: https://www.demokratie-geschichte.de/koepfe/2468, zuletzt geprüft am 14.10.2025.
-> Revolutionär und Märtyrer. Robert Blum, in: 100 Köpfe der Demokratie (Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte), online verfügbar unter: https://www.demokratie-geschichte.de/koepfe/2176, zuletzt geprüft am 14.10.2025.
-> Sperl, Georg F., "Brentano, Lorenz" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 595-596 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117630837.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 14.10.2025.
-> Thomann, Björn, Ernst Moritz Arndt, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ernst-moritz-arndt-/DE-2086/lido/57adb145be6ca9.09940164 (abgerufen am 19.10.2025)
-> Häntzschel, Hiltrud, "Kotzebue, August von" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1980), S. 624-625 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118565796.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 10.11.2025.
-> https://staatsbibliothek-berlin.de/die-staatsbibliothek/abteilungen/kinder-und-jugendbuecher/aktuelles/ausstellung/aus-den-biographien, zuletzt geprüft am 30.11.2025.
-> Brück, Marion, "Schumann, Clara" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 746-749 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11861164X.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 01.12.2025.
-> Ueberhorst, Horst, "Jahn, Friedrich Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 301-303 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118556622.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 18.12.2025.
-> Schulz, Ruth-Eva, "Feuerbach, Ludwig Andreas" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 113 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118532758.html#ndbcontent , zuletzt geprüft am 29.12.2025.
-> Rott, Herbert W., "Spitzweg, Franz Carl" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 725-727 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118616307.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.01.2026
-> Wentzcke, Paul, "Gagern, Wilhelm Heinrich August Freiherr von" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 32-36 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118689150.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.01.2026.
-> Schieder, Theodor, "Droysen, Johann Gustav Bernhard" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 135-137 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11852755X.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.01.2026.
-> Angermann, Erich, "Bassermann, Friedrich Daniel" in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 624 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118653415.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.01.2026.
-> Schwingenstein, Christoph, "Mendelssohn Bartholdy, Felix" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 53-58 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118580779.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 18.01.2026.
-> Börsch-Supan, Helmut, "Richter, Adrian Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 535-537 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118600486.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 19.01.2026.
-> Galley, Eberhard, "Heine, Christian Johann Heinrich (bis 1825 Harry)" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 286-291 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118548018.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 09.03.2026.
-> Alker, Ernst, "Büchner, Karl Georg" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 720-722 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118516906.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 11.03.2026.
-> Borries, Kurt, "Friedrich Wilhelm IV." in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 563-566 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118535994.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 16.03.2026.
-> Nauhaus, Gerd, "Schumann, Robert" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 742-746 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118611666.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.05.2026.
-> Becker, Bernhard, "Siebenpfeiffer, Philipp Jakob" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 321-322 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118828460.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 17.05.2026.
Sekundärliteratur
->
->
->
























