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Die Arbeiterbewegung

Inhaltsverzeichnis

  1. Die Arbeiterbewegung
  2. Rebell im Rheinland. Ferdinand Lassalle, die Revolution 1848/1849 und die Arbeiterbewegung

1. Die Arbeiterbewegung

Für den 1847 in London entstandenen "Bund der Kommunisten" stellten Karl Marx und Friedrich Engels mit dem "Kommunistischen Manifest" von 1848 das erste Grundsatzprogramm der Arbeiterbewegung auf: Sie forderten den Klassenkampf des internationalen Proletariats als Mittel zur Überwindung des Kapitalismus. Das Manifest endet mit den Worten: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Diese Losung verdeutlicht das transnationale Leitbild der europäischen Arbeiterbewegung im beginnenden industriellen Zeitalter, eine bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 von den meisten führenden Sozialdemokraten und Sozialisten ernsthaft verfolgte Wunschvorstellung.

Am Anfang der organisierten Arbeiterbewegung standen zumeist Arbeiterbildungsvereine, die Bildungsarbeit mit kulturellen Angeboten und politischen Zielen verbanden. In Deutschland war es maßgeblich Ferdinand Lassalle, der immer wieder demokratische und sozialökonomische Reformen zum Wohl der Arbeiterklasse forderte, die sich mehrheitlich aus lohnabhängigen und zumeist ungelernten Arbeitern, Tagelöhnern und verarmten Handwerkern zusammensetzte. Lassalle gründete als ersten zentralen Verein 1863 in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV), der von dem Grundsatz ausging, dass die Durchsetzung des gleichen und allgemeinen Wahlrechts eine parlamentarische Vertretung der sozialen Interessen der Arbeiter und die Beseitigung der Klassengegensätze ermöglichen würde. Demgegenüber vertrat die 1869 unter Führung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei strenger an Marx orientierte revolutionäre Grundsätze.


Die darstellende Kunst bildete mit Gemälden wie "Der Sozialist" eine Bühne zur Formung des Selbstverständnisses der sozialdemokratischen Bewegung nach der Reichseinigung 1871. Neben dem Leipziger "Vorwärts" und dem "Hamburg-Altonaer Volksblatt" gehörte die ab 1876 erscheinende "Berliner freie Presse" zu den drei großen sozialdemokratischen Tageszeitungen im Deutschen Reich. Ihr Titelmotto "Freiheit, Gerechtigkeit" stand allerdings in krassem Widerspruch zur Lebenswirklichkeit politisch engagierter Arbeiter: Hausdurchsuchungen, Verbote, Beschlagnahmungen und Verhaftungen waren auch schon vor Erlass des Sozialistengesetzes 1878 an der Tagesordnung. Sie steigerten die Unzufriedenheit und den Hass vieler Arbeiter und anderer Menschen auf den konservativen Staat und seine Gesellschaftsordnung.


Unter dem Eindruck gemeinsamer politischer Verfolgung durch Reichskanzler Otto von Bismarck hatten sich der ADAV und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei 1875 in Gotha trotz programmatischer Differenzen zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) zusammengeschlossen. Aufgrund des Sozialistengesetzes wurde die SAP 1878 verboten, gründete sich aber nach dessen Aufhebung 1890 als Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) neu. Noch immer bestand ein deutlicher Widerspruch zwischen den bei vielen Arbeitern auf Sympathie stoßenden revolutionären Theorien von Marx und den realen Möglichkeiten ihrer Umsetzung. Innerhalb der SPD-Führung setzte sich in den 1890er Jahren die Überzeugung durch, eine "revolutionäre, nicht aber Revolutionen machende Partei" zu sein.


Innerhalb der Arbeiterschaft sah sich die SPD einem starken Gegner in Gestalt der christlichen Gewerkschaften gegenüber. Viele Arbeiter fühlten sich von sozialistischen Ideen angezogen und hatten sich von der Kirche abgewandt. Die Kirchen unternahmen daher Anstrengungen, diesen Tendenzen entgegenzuwirken: Mit Wanderarbeiterstätten, Arbeiterkolonien und karitativer Unterstützung versuchten sie, Arbeiter an sich zu binden. Sozialpolitische Aktivitäten ließen den deutschen Katholizismus nach der Sozialdemokratie zur zweiten großen Kraft innerhalb der Arbeiterbewegung werden. Die ab 1894 gegründeten christlichen Gewerkschaften besaßen annähernd 350.000 Mitglieder. Ihre Hochburgen lagen in den Industriezentren an Rhein, Ruhr und Saar sowie in Schlesien. Aufgrund der starken konfessionellen Bindungen an die Katholische Kirche waren viele dort ansässige Arbeiter auch Mitglied in einem der christlichen Arbeitervereine.

Die Forderungen der Arbeiterbewegung galten vor allem sozialen Maßnahmen, denen häufig auch durch Streiks Nachdruck verliehen wurden. Gegenüber Krankheit, Unfall oder Arbeitslosigkeit waren Arbeiter nicht abgesichert. Sie raubten den Menschen ihre Existenzgrundlage und konnten Familien schnell in den Ruin treiben. Als die Forderungen nach Schutz vor dem Abstieg in die Armut immer lauter wurden, reagierte Bismarck ab 1883 mit der Einführung von Sozialgesetzen. Bismarck hatte erkannt, dass die unübersehbare soziale Not in Deutschland ein staatliches Eingreifen erforderte. Zugleich wollte er mit der Sozialgesetzgebung die Arbeiter der Sozialdemokratie entfremden und an den Staat binden. Ein Hauptziel der Arbeiterschaft war die Einführung des Achtstundentags. Diese Forderung wurde allerdings erst im Zuge der Revolution von 1918/19 verwirklicht.

2. Rebell im Rheinland. Ferdinand Lassalle, die Revolution 1848/1849 und die Arbeiterbewegung

1. Einleitung

An drei be­deu­ten­de Ge­denk­ta­ge er­in­nert die­ser Bei­trag: 165 Jah­re sind seit der Re­vo­lu­ti­on von 1848/1849 mit dem Rhein­land als ei­nem der Zen­tren ver­gan­gen, vor 150 Jah­ren, am 23.5.1863, wur­de in Leip­zig der All­ge­mei­ne Deut­sche Ar­bei­ter­ver­ein (ADAV) ge­grün­det, ein Vor­läu­fer der SPD. Für bei­de Da­ten steht pro­mi­nent Fer­di­nand Las­sal­le, der als An­walt und po­li­ti­scher Agi­ta­tor wäh­rend der 48er Re­vo­lu­ti­on ma­ß­geb­lich im Rhein­land ge­wirkt und den ADAV mit­ge­grün­det hat.[1]  Sein To­des­tag jährt sich am 31.8.2014 zum 150. Mal.

Las­sal­le setz­te sich für tief­grei­fen­de ge­sell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen ein: Als mit­rei­ßen­der Red­ner im Ge­richts­saal und auf den Stra­ßen von Bar­men (heu­te Stadt Wup­per­tal), Duis­burg, Köln, Neuss, Rons­dorf (heu­te Stadt Wup­per­tal), So­lin­gen, Wer­mels­kir­chen, als ei­ner der Füh­rer des Bar­ri­ka­den­baus in Düs­sel­dorf so­wie als füh­ren­des Mit­glied des Düs­sel­dor­fer Volks­klubs. Er hat­te sich in jun­gen Jah­ren die An­er­ken­nung Hein­rich Hei­nes er­wor­ben, stand in en­gem Kon­takt mit Karl Marx, und selbst Bis­marck (1815-1898) zoll­te ihm Re­spekt. Sein po­li­ti­sches En­ga­ge­ment brach­te ihm mehr­fach Haft­zei­ten ein, zu­letzt ei­ne An­kla­ge we­gen Hoch­ver­rats. Zu die­ser Zeit war er be­reits der ers­te Prä­si­dent des ADAV. Sein be­weg­tes Le­ben en­de­te in ei­nem Du­ell.

Dass aus­ge­rech­net der Spross ei­ner gut si­tu­ier­ten jü­di­schen Kauf­manns­fa­mi­lie zu ei­nem Prot­ago­nis­ten der Re­vo­lu­ti­on am Rhein und der Ar­bei­ter­be­we­gung in Deutsch­land wur­de, ist be­zeich­nend. Denn nicht von un­ge­fähr ist die 48er Re­vo­lu­ti­on als „bür­ger­li­ch“ und die Frank­fur­ter Na­tio­nal­ver­samm­lung  als „Aka­de­mi­ker­par­la­men­t“ cha­rak­te­ri­siert wor­den.[2]  Vor die­sem Hin­ter­grund fällt Las­sal­les bio­gra­phi­sches Pro­fil we­ni­ger aus dem Rah­men, als man es bei ei­nem bür­ger­lich-aka­de­mi­schen Füh­rer der Ar­bei­ter­be­we­gung er­war­ten wür­de.

2. Ferdinand Lassalle: Herkunft, Ausbildung, Einflüsse

Las­sal­le, mit blau­en Au­gen, blon­den krau­sen Haa­ren, schlank und mög­li­cher­wei­se kurz­sich­tig, kam aus be­tuch­tem Hau­se: Sein Va­ter Heyman Las­sal (1791-1862) war ein wohl­ha­ben­der Sei­den­händ­ler und Stadt­rat in Bres­lau, sei­ne Mut­ter Ro­sa­lie Heitz­feld (1797-1870) stamm­te aus ei­ner Händ­ler­fa­mi­lie. Der am 11.4.1825 in Bres­lau ge­bo­re­ne Sohn Fer­di­nand folg­te nicht der Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on, son­dern brach den Be­such der Han­dels­schu­le ab und eig­ne­te sich selbst phi­lo­so­phi­sche Kennt­nis­se an, die er 1843 bis 1846 im Stu­di­um in Bres­lau und Ber­lin ver­tief­te. Früh in­ter­es­sier­te er sich für po­li­ti­sche und so­zia­le Fra­gen. Sei­ne Ide­en reich­ten von ei­ner Re­form des Ju­den­tums, um des­sen ge­sell­schaft­li­che Son­der­stel­lung zu be­en­den, bis hin zur De­mo­kra­ti­sie­rung der Ge­samt­ge­sell­schaft. Er selbst maß der Re­li­gi­on of­fen­bar kei­ne über­mä­ßi­ge Be­deu­tung bei.[3]

Ei­ne Rei­se nach Pa­ris 1845/1846 brach­te ihn mit Hein­rich Hei­ne zu­sam­men, der ihm „grö­ß­ten Scharf­sin­n“[4]  be­schei­nig­te, so­wie mit Ge­org Her­wegh (1817-1875), dem spä­te­ren Füh­rer der 48er Re­vo­lu­ti­on in Ba­den. Die­se Be­geg­nun­gen be­rei­te­ten den Weg für Las­sal­les po­li­ti­sche Ak­ti­vi­tä­ten. Aus Be­wun­de­rung für den fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­ons­ge­ne­ral An­toi­ne La Sal­le (1775-1809) än­der­te Fer­di­nand zu­dem sei­nen Nach­na­men 1846 in Las­sal­le. Wäh­rend er Hei­ne bei ei­ner Erb­schaft­saus­ein­an­der­set­zung un­ter­stütz­te, ent­deck­te Las­sal­le die Rechts­ma­te­rie als Mit­tel des ge­sell­schaft­lich-po­li­ti­schen Kamp­fes – ei­nes Kamp­fes, der ihn 1848/1849 wech­sel­wei­se auf die Bar­ri­ka­den und ins Ge­fäng­nis führ­te.

3. Lassalle im revolutionären Rheinland

Zu­nächst führ­te ihn das In­ter­es­se am Recht im Som­mer 1846 nach Düs­sel­dorf, wo er in ei­ner acht Jah­re dau­ern­den Se­rie von Pro­zes­sen die Grä­fin So­phie von Hatz­feldt ver­trat. Das Pri­va­te nahm in der re­vo­lu­tio­nä­ren At­mo­sphä­re rasch po­li­ti­sche Zü­ge an. Da­zu trug Las­sal­le ma­ß­geb­lich bei. Im Schei­dungs­pro­zess ge­gen So­phies Mann Ed­mund (1796-1874) er­kann­te Las­sal­le ei­ne Ge­le­gen­heit, sich – wie er im nach­hin­ein pa­the­tisch schrieb – als jun­ger, macht­lo­ser Ju­de […] ge­gen die Macht des Ran­ges und der gan­zen Aris­to­kra­tie, ge­gen die Macht ei­nes un­be­grenz­ten Reich­tums, ge­gen die Re­gie­rung, […] ge­gen al­le nur mög­li­chen Vor­ur­tei­le[5]  zu en­ga­gie­ren.

Die Auf­se­hen er­re­gen­den Pro­zes­se nutz­te Las­sal­le als Büh­ne für po­li­ti­sche Auf­trit­te. Mit der für ihn ty­pi­schen Selbst­ge­wiss­heit be­rich­te­te er spä­ter, wie er es als ju­ris­ti­scher Laie ge­schafft ha­be, der Grä­fin zum Sieg zu ver­hel­fen: In­dem ich die Pro­zes­se führ­te, wur­de ich selbst Ju­rist; […] und nach zwei Jah­ren [...] über­traf ich sie al­le.[6]  An­de­rer­seits tru­gen ihm die Pro­zes­se nicht ganz von der Hand zu wei­sen­de Be­schul­di­gun­gen we­gen il­le­ga­ler Prak­ti­ken bei der Be­weis­mit­tel­be­schaf­fung ein. Er wur­de vor dem kö­nig­li­chen As­sis­en­hof in Köln als in­tel­lek­tu­el­ler Ur­he­ber ei­nes Dieb­stahls an­ge­klagt und ver­brach­te die ers­te Jah­res­hälf­te 1848 in Un­ter­su­chungs­haft. So konn­te er nicht an der März­re­vo­lu­ti­on teil­neh­men.

Mit ei­ner elo­quen­ten Ver­tei­di­gungs­re­de ge­lang es ihm schlie­ß­lich, die Ge­schwo­re­nen zu über­zeu­gen und im Au­gust 1848 sei­ne Frei­las­sung zu er­rei­chen. Aus der zeit­li­chen Dis­tanz be­ur­teil­te er die­sen ge­won­ne­nen Pro­zess als Mei­len­stein für sei­ne po­li­ti­sche Kar­rie­re: Seit die­sem Tag er­kann­te mich die de­mo­kra­ti­sche Par­tei in der Rhein­pro­vinz als ei­nen ih­rer Haupt­füh­rer an.[7]  Ganz un­recht hat­te er da­mit nicht, wur­de ihm doch am 31. Au­gust der Vor­sitz des Düs­sel­dor­fer Volks­klubs an­ge­tra­gen.[8]  Er lehn­te ihn je­doch ab, um sich dem Ge­biet wid­men zu kön­nen, auf dem er sei­ne grö­ß­te Be­ga­bung sah: der Re­de vor Pu­bli­kum. So trat er am 9. Sep­tem­ber in Neuss bei ei­ner öf­fent­li­chen Ver­samm­lung vor rund 6.000 Men­schen, an­ge­führt von et­wa 200 Mit­glie­dern des Volks­klubs und des de­mo­kra­ti­schen Ver­eins, ge­gen die preu­ßi­sche Re­gie­rung auf.[9]

Als sich im Herbst 1848 die Fron­ten ver­här­te­ten und die re­vo­lu­tio­nä­re Be­we­gung sich wei­ter ra­di­ka­li­sier­te, spie­gel­te sich dies auch im nörd­li­chen Rhein­land und in Las­sal­les En­ga­ge­ment wi­der. Im No­vem­ber un­ter­stütz­te er, ei­nem Vor­schlag sei­nes Freun­des Karl Marx fol­gend, in Düs­sel­dorf ei­nen Auf­ruf an al­le Steu­er­pflich­ti­gen zur Ver­wei­ge­rung der Steu­er­zah­lun­gen.[10]  Die­se Pro­test­form soll­te der Re­gie­rung die fi­nan­zi­el­le Ba­sis ent­zie­hen. Und Las­sal­le ging noch wei­ter: Am 21. No­vem­ber rief er auf ei­ner Volks­ver­samm­lung in Neuss zum be­waff­ne­ten Kampf ge­gen die dro­hen­de Be­la­ge­rung auf.[11]  Dar­auf­hin wur­de er er­neut ver­haf­tet und muss­te sich vor dem Land­ge­richt Düs­sel­dorf ver­ant­wor­ten. Es ge­lang ihm auch dies­mal zu­nächst, sich er­folg­reich zu ver­tei­di­gen. Er wur­de am 6.5.1849 von der An­kla­ge zum Ge­walt­auf­ruf frei­ge­spro­chen, dann aber we­gen Be­lei­di­gung des Ge­ne­ral­pro­ku­ra­tors (Staats­an­walts) in Haft ge­nom­men und am 5. Ju­li des Jah­res zu ei­ner sechs­mo­na­ti­gen Haft­stra­fe ver­ur­teilt.[12]

Auch nach dem Schei­tern der Re­vo­lu­ti­on blieb Las­sal­le sei­nen re­vo­lu­tio­nä­ren Idea­len und der Ar­bei­ter­be­we­gung ver­bun­den, und da­mit auch im Vi­sier der Ob­rig­keit. Ein De­nun­zi­ant be­rich­te­te der Düs­sel­dor­fer Po­li­zei von den po­li­ti­schen Äu­ße­run­gen wäh­rend Las­sal­les Ge­burts­tags­fei­er im April 1853, bei der auch Ar­bei­ter zu­ge­gen wa­ren: Die gan­ze Un­ter­hal­tung dreh­te sich le­dig­lich um Po­li­tik in der kras­ses­ten Be­deu­tung, um Mord­bren­ne­rei und Tot­schlä­ge­rei, na­ment­lich der be­sit­zen­den und re­gie­ren­den Klas­se, und es fand ei­ne leb­haf­te De­bat­te dar­über statt, ob es recht sei die Fürs­ten zu mas­sa­krie­ren? Dies wur­de aber als recht an­er­kannt […].[13]

Nach dem En­de der Pro­zes­se um So­phie von Hatz­feldt zog es Las­sal­le nach Ber­lin. Als sein Auf­ent­halts­ver­bot 1857 auf­ge­ho­ben wur­de, über­sie­del­te er mit So­phie, die sei­ne po­li­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten nach Kräf­ten un­ter­stütz­te, dort­hin. Ob die Be­zie­hung je über ei­ne Ar­beits- und pla­to­ni­sche Freund­schaft hin­aus­ging, ist nicht ge­klärt; für die po­li­ti­sche Ge­schich­te ist dies oh­ne­hin von un­ter­ge­ord­ne­ter Be­deu­tung. Es folg­ten ei­ni­ge Aus­lands­rei­sen in die Schweiz und nach Ita­li­en, wo sich Las­sal­le von Giu­sep­pe Ga­ri­bal­di (1807-1892), dem Kämp­fer für die na­tio­na­le Ei­ni­gung, in­spi­rie­ren ließ. Las­sal­les Un­ter­stüt­zung für die Idee, dass Preu­ßen ei­ne star­ke Stel­lung in­ner­halb ei­nes ge­samt­deut­schen Staa­tes ein­neh­men sol­le, wird die­ser Be­geg­nung mit dem ita­lie­ni­schen Re­vo­lu­tio­när zu­ge­schrie­ben. Zu­rück in Ber­lin trat Las­sal­le mit ei­nem Pro­gramm auf, das ei­ne Ar­bei­ter­par­tei als po­li­ti­sche In­ter­es­sen­ver­tre­tung vor­sah. Sein Ein­tre­ten für ei­ne so­zia­lis­ti­sche Ge­sell­schaft durch Evo­lu­ti­on statt Re­vo­lu­ti­on be­wirk­te zwei­er­lei: die Ab­wen­dung der Mar­xis­ten von ihm und das An­ge­bot aus Leip­zig, ei­nen noch zu grün­den­den deut­schen Ar­bei­ter­ver­ein zu lei­ten. Las­sal­le stell­te in sei­ner Ant­wort auf die­ses An­ge­bot sei­ne Zie­le vor: das all­ge­mei­ne und glei­che Wahl­recht so­wie die Bil­dung von Pro­duk­ti­ons­ge­nos­sen­schaf­ten. Am 23.5.1863 er­folg­te dann in Leip­zig die Grün­dung des All­ge­mei­nen Deut­schen Ar­bei­ter­ver­eins und die Wahl Las­sal­les zu des­sen ers­tem Prä­si­den­ten.

In die­ser Funk­ti­on reis­te Las­sal­le noch ein­mal zur Agi­ta­ti­on ins Rhein­land. Als die Po­li­zei ei­ne Ver­samm­lung von et­wa 5.000 Ar­bei­tern in So­lin­gen auf­lös­te, pro­tes­tier­te Las­sal­le in ei­nem Te­le­gramm an Bis­marck.[14]  Tat­säch­lich hat­te es schon zu­vor Kon­tak­te zwi­schen bei­den Po­li­ti­kern ge­ge­ben, trotz ih­rer kon­trä­ren Stand­punk­te: Bis­marck hat­te am 11.5.1863 Las­sal­les Ex­per­ten­mei­nung zur Ar­bei­ter­fra­ge an­ge­fragt.[15]  Die bei­den tra­fen sich seit Sep­tem­ber 1863 mehr­fach im ge­hei­men, um Mög­lich­kei­ten der Ein­fluss­nah­me auf­ein­an­der aus­zu­lo­ten, doch oh­ne nach­hal­ti­ge Fol­gen. Jah­re nach Las­sal­les Tod, 1878, äu­ßer­te sich Bis­marck im Reichs­tag  lo­bend über Las­sal­les In­tel­lekt und die lan­gen in­ter­es­san­ten Ge­sprä­che.[16]

4. Tod und Nachleben

Be­reits ein Jahr nach der Grün­dung des ADAV starb Las­sal­le am 31.8.1864 an den Fol­gen ei­nes Du­ells. Die­ser un­ge­wöhn­li­che Tod für ei­nen Re­vo­lu­tio­när und Ar­bei­ter­füh­rer zeig­te deut­lich, wie sehr er bür­ger­li­chen Wer­ten ver­haf­tet ge­blie­ben war. Er selbst hat­te das Du­ell als über­kom­me­nes Ri­tu­al be­zeich­net und sah sich dar­in von Marx be­stä­tigt. An­lass für die töd­li­che Aus­ein­an­der­set­zung war ein Streit um ei­ne Frau, nicht et­wa die lang­jäh­ri­ge Freun­din So­phie von Hatz­feldt, son­dern He­le­ne von Dön­ni­ges (1843-1911), die Toch­ter ei­nes baye­ri­schen Di­plo­ma­ten. Las­sal­le wur­de auf dem jü­di­schen Fried­hof sei­ner Ge­burts­stadt Bres­lau bei­ge­setzt. Der Lei­chen­zug schlug im Rhein­land noch ein­mal ho­he Wo­gen.

Um das po­li­ti­sche Er­be be­müh­te sich un­ter an­de­rem So­phie von Hatz­feldt; sie er­lang­te je­doch kei­nen ent­schei­den­den Ein­fluss. Der von Las­sal­le ge­führ­te Ar­bei­ter­ver­ein schloss sich 1875 mit der So­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ar­bei­ter­par­tei zur So­zia­lis­ti­schen Ar­bei­ter­par­tei Deutsch­lands zu­sam­men, die sich 1890 in So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei Deutsch­lands  um­be­nann­te.

Las­sal­le blieb mit sei­nen viel­fäl­ti­gen Be­ga­bun­gen und Ak­ti­vi­tä­ten in der Wahr­neh­mung der Nach­welt wohl am ehes­ten so in Er­in­ne­rung wie er sich 1860 selbst be­schrieb, als Mann der Po­li­tik.[17]

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Rogasch, Wilfried; Scriba, Arnulf: Die Arbeiterbewegung, in: Lebendiges Museum Online (lemo), online verfügbar seit 25.08.2014 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/arbeiterbewegung, zuletzt geprüft am 12.05.2026.

-> Boden, Ragna, Rebell im Rheinland. Ferdinand Lassalle, die Revolution 1848/1849 und die Arbeiterbewegung, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/rebell-im-rheinland.-ferdinand-lassalle-die-revolution-18481849-und-die-arbeiterbewegung/DE-2086/lido/57d12cf49c8909.43544228 (abgerufen am 03.09.2026)


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Sekundärliteratur

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