Die Frühindustrialisierung
Inhaltsverzeichnis
1. Frühindustrialisierung. Pioniere einer neuen Welt.
1. Frühindustrialisierung. Pioniere einer neuen Welt.
Eine stille, von holprigen Wegen und verschlungenen Flüssen durchzogene Gegend ist das Land zwischen Duisburg und Dortmund noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Doch dann entfachen die Menschen mit Kohle und Dampfkraft eine Ära radikaler Veränderungen: Binnen Jahrzehnten verwandelt sich die beschauliche Region in eine Landschaft der Zechen und Hüttenwerke, in der visionäre Unternehmer wie Franz Haniel nach Gewinnen streben
DER KAUFMANN FRANZ HANIEL (links) treibt die Entwicklung des Ruhrgebiets entscheidend voran. Als Erster versucht er sich um 1830 im Kohletiefbau, mit Verwandten dominiert er auch die Eisenbranche vor Ort. So gehören der Familie unter anderem Werke im heutigen Oberhausen (unten)
Dies ist die Geschichte einer Verwandlung. Einer gewaltigen Metamorphose, bei der Bauern zu Arbeitern werden und auf Äckern Fabriken emporwachsen. Bei der in Wiesen und Feldern Schächte aufklaffen, die tief in die Erde führen, das Donnern von Lokomotiven und das Stampfen von Dampfschiffen durch einst stille Landschaften dringen. Ein Umbruch, der eine ganze Region so sehr verändert, dass sie gleichsam neu geboren wird. Es ist die Geschichte der Gegenden von Duisburg bis Dortmund, dereinst Ruhrgebiet genannt, die in nur ein paar Jahrzehnten vom beschaulichen Landstrich zu einer der leistungsstärksten Industrieregionen Europas werden.
Angetrieben wird dieser Wandel von Kohle – jener Substanz, die die Epoche prägt, die Hitze liefert, Maschinen, Züge, Schiffe in Bewegung setzt und Eisen zum Schmelzen bringt. Aber auch von vielen Tausend Menschen, die Tag für Tag in einem mühsamen Ringen die schwarzen Brocken aus unterirdischem Gestein brechen. Ebenso von Beamten, die die Region mit Macht zu modernisieren suchen. Und vor allem von cleveren, ehrgeizigen Kaufleuten auf der Suche nach hohen Gewinnen. Menschen wie Franz Haniel.
Ende März 1834, in Ruhrort, einem Städtchen mit knapp 2000 Einwohnern an der Mündung der Ruhr in den Rhein, unweit von Duisburg (in das es später eingemeindet wird). Franz Haniel wartet in seinem imposanten Wohn- und Lagerhaus vermutlich ungeduldig auf eine Nachricht. Er ist ein energischer Mann von 54 Jahren, mit hoher Stirn und spitzem Kinn, ein seit Langem erfolgreicher Unternehmer, der einen Kohlenhandel, mehrere Eisenhütten und eine Werft betreibt. Doch seine Gedanken gehen wohl zu einem Grubenfeld knapp 15 Kilometer entfernt auf dem Gebiet des heutigen Essen, in das er schon Tausende Reichstaler investiert hat – bisher ohne Ertrag. Seit eineinhalb Jahren arbeitet dort in Haniels Auftrag eine Gruppe von Bergleuten. Das Ziel, das der Unternehmer ihnen vorgegeben hat, ist ambitioniert: Sie sollen die sogenannte Mergeldecke durchstoßen, eine bislang als undurchdringlich geltende Gesteinsschicht aus Ton und Kalk, die mal wenige, mal Dutzende Meter unter der Erdoberfläche beginnt.
Darunter, so vermuten Experten, sollen sich gigantische, noch unerschlossene Kohlevorkommen erstrecken – die zudem von deutlich höherer Qualität seien als die meisten Lagerstätten nahe der Oberfläche, die Bergleute an der Ruhr seit langer Zeit abbauen. Haniels Männer haben zunächst ein Bohrgerüst aufgebaut, anschließend mit Hacken und Schaufeln einen senkrechten Schacht bis zum Anfang der Mergelschicht gegraben und dessen Wände mit Ziegelmauern stabilisiert. Sind dann tiefer und tiefer in das Gestein eingedrungen. Haben die größte Gefahr im Mergel – das immer wieder einbrechende Wasser – mit Pumpen bekämpft; um sie anzutreiben, nutzen sie eine der neuartigen Dampfmaschinen. So können sie schließlich, im Spätsommer 1833, in gut 50 Meter Tiefe das untere Ende der Mergelschicht erreichen. Ein erster Erfolg.
Doch noch sind die Männer nicht auf die erwarteten Kohleflöze gestoßen. Und so schlagen sie nun einen horizontalen Gang in die Unterwelt, stützen dessen Decke mit Holzstreben ab. Immer wieder treiben sie von dort aus Löcher in Boden und Wände, in der Hoffnung, den begehrten Stoff zu finden. Mehrere Monate, einen ganzen Herbst und einen Winter lang, mühen sie sich im kargen Licht ihrer Öllampen. Dann, am 27. März 1834, sehen sie in einem am Ende des Ganges nochmals zwei Meter in die Tiefe gegrabenen Schacht nachtschwarzes Gestein schimmern. Endlich haben sie die Kohle getroffen!
Noch am selben Tag schickt der Leiter des Bergmannstrupps eine Nachricht nach Ruhrort: „Es freud mier daß ich die ehre haben kann Herrn Haniel die Anzeige zu machgen das wier ein Flötz an gebort haben von zwei Fuß machtigkeit.“ Haniel dürfte die Botschaft mit allergrößter Freude entgegennehmen: Es ist vollbracht. Als erster Unternehmer an der Ruhr hat er einen Weg zu den riesigen, bislang ungenutzten Kohlereservoirs gefunden, ist förmlich in neue Dimensionen vorgedrungen – in die ihm viele Geschäftsleute der Region folgen werden. Bei der Feier, die Haniel für die Bergleute ausrichtet, fließen denn auch fast 20 Liter Branntwein und an die 140 Liter Bier.
So ist Haniels Vorstoß von 1834 einer der Schlüsselmomente in der großen Verwandlung des Landes an der Ruhr: jener technischen, sozialen und ökologischen Revolution, die ihre Wucht fast genau in jener Spanne Zeit entwickelt, in der Franz Haniel lebt. Und zu der kaum einer so viel beiträgt wie er.
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
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