Persönlichkeiten
Inhaltsverzeichnis
- Ludwig II. (Bayern)
- Karl Marx
- Johannes Brahms
- Richard Wagner
- Friedrich Engels
- Nicolaus August Otto
- Philipp Reis
- Louise Otto-Peters
- Franz Haniel
- Friedrich Harkort
1. Ludwig II. (Bayern)
Biographie
Der phantasievolle und weiche L. litt schwer unter der strengen Zucht seines an Verstand und Pflicht orientierten Vaters, der wenig Interesse an seiner Erziehung nahm und dem er schließlich mit Abneigung, ja Haß gegenüberstand. Auch das Verhältnis zu seiner Mutter, einer Frau ohne geistige Interessen, war die längste Zeit distanziert. So baute sich der einsame Jüngling eine eigene Welt, in der sich fortwährend die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischten. L.s Erzieher waren ohne spezifische Qualifikation, seine humanistische Schulbildung ohne Vertiefung, vor allem ohne jede Ausrichtung auf seinen künftigen Beruf; von neueren Sprachen beherrschte er nur das Französische. Die Erinnerung an seine freudlose Jugend und seinen verfehlten Bildungsgang lastete zeitlebens auf ihm. Als der Vater am 10.3.1864 starb, wurde der noch nicht 19jährige L. gleichwohl mit hohen Erwartungen begrüßt: Ein blendendes, romantisches Äußeres, jünglingshafter Charme und ungezwungene Liebenswürdigkeit bezauberten breite Kreise; rasche Auffassungsgabe, gutes Gedächtnis, anfänglicher Arbeitswille und umfangreiche literarische Kenntnisse wirkten auf seine nähere Umgebung. →Bismarck sprach von „begabter Lebhaftigkeit“ des jungen Mannes. Jedoch war L. offensichtlich zu früh auf den Thron gelangt, persönlich unfertig und sachlich unvorbereitet, ohne die Autorität soliden Sachverstandes gegenüber seinen Ministern, auch ohne familiären und freundschaftlichen Umkreis, auf den er sich hätte stützen können. Solche Voraussetzungen vereinten sich jedoch mit einem hohen, ja vielfach phantastisch überspannten monarchischen Selbstgefühl. Die Zwangslagen, in denen sich die bayer. Politik der Jahre 1864-71 befand, waren dazu angetan, dieses Selbstbewußtsein fortwährend zu tangieren und zu verletzen. Ihnen wäre auch ein anderer Monarch nicht entkommen. Jedoch hat L. aus politischer Schwäche auch selbst zu den von ihm beklagten Entwicklungen beigetragen.
Das politische Programm L.s 1864 war durchaus konservativ. In der deutschen Frage zielte es auf Aufrechterhaltung der Selbständigkeit und Integrität Bayerns, das die Führungsrolle unter den deutschen Mittelstaaten behalten sollte. Innenpolitisch forderte es die Aufrechterhaltung des monarchischen Prinzips und des unbedingten Vorranges der Krone vor dem Parlament. Jedoch konnte das außenpolitische Konzept in den folgenden Jahren nicht realisiert werden. Dem im Dez. 1864 ernannten Außenminister Ludwig v. der Pfordten gelang es weder, zwischen Preußen und Österreich auf der Basis des Bundesrechts zu vermitteln, noch eine Politik der bewaffneten Neutralität zu betreiben; vielmehr verlor Bayern den Krieg von 1866 an der Seite Österreichs. Im Friedensvertrag mit Preußen vom 22.8.1866 war Bayern zu Gebietsabtretungen und zur Zahlung einer Kriegsentschädigung gezwungen; der gleichzeitige Bündnisvertrag mit Preußen verpflichtete es im Kriegsfall zu Waffenhilfe unter preuß. Oberbefehl, was von L. als erheblichen Eingriff in die bayer. Souveränität empfunden wurde. Nach dem Scheitern v. der Pfordtens berief L. Ende 1866 Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst als|Außen- und leitenden Minister, obwohl klar war, daß dieser auf ein Verfassungsbündnis mit Preußen und den übrigen deutschen Staaten zusteuerte, das entgegen den Wünschen L.s die bayer. Souveränität beeinträchtigen mußte, wie schon das Militärbündnis mit Preußen und ebenso die Modalitäten des neuen Zollbundes, dem Bayern 1867 beizutreten veranlaßt war. Wie in der deutschen Frage, so wurde Hohenlohe auch in seiner Kritik am Vatikanischen Konzil von L. gedeckt, ebenso auch innenpolitisch bezüglich einer Reihe liberalisierender Gesetze der Jahre 1868/69 (Gewerbefreiheit, Heimat und Verehelichung, Armen- und Krankenpflege, Gemeindeordnung); der liberale Schulgesetzentwurf des Kultusministers Franz v. Gresser scheiterte zum Bedauern des Königs an der Reichsratskammer. L. erkannte nicht, daß die breite Volksbewegung, die sich gegen die national-liberale Politik Hohenlohes erhob, sich 1868 in der bayer.-patriotischen Partei formierte und in den patriotischen Landtagswahlsieg von 1869 mündete, in ihrer bayer.-monarchisch-kath. Grundstruktur weit mehr mit seinen Zielen übereinstimmte als das Ministerium Hohenlohe und die es stützende Fortschrittspartei. Nur gezwungen entließ er zunächst Gresser, dann im März 1871 auch Hohenlohe.
Im preuß.-franz. Konflikt des Sommers 1870, dessen friedliche Beilegung er an sich wünschte, sah L. schließlich den Bündnisfall für Bayern gegeben und entschied am 16.7. den Antrag des Ministerrats auf Mobilmachung ohne Einschränkung. Ein eventueller Widerstand des Landtags gegen die notwendigen Kriegskredite sollte durch Landtagsauflösung gebrochen werden. Man hat als Motiv L.s, unzweideutig auf die preuß. Seite zu treten, das Bemühen bezeichnet, keinen Anlaß zu erneuter Schmälerung der bayer. Selbständigkeit nach dem Krieg zu bieten. Mit der Existenz einer solchen Zwangslage argumentierte auch der Nachfolger Hohenlohes, Otto Gf. Bray. Jedoch ist dieser Wunsch nur bedingt in Erfüllung gegangen, ganz zu schweigen von der Hoffnung L.s auf eine Alternation der Kaiserkrone zwischen Preußen und Bayern und auf territorialen Gewinn (Elsaß). Zwar konnte sich Bayern durch die Versailler Verträge vom 23.11.1870 Sonderrechte sichern, verlor aber durch den von L. akzeptierten Beitritt zum zweiten Kaiserreich zentrale Souveränitätsrechte, insbesondere das Bündnisrecht und die Entscheidung über Krieg und Frieden – „finis Bavariae“, wie Edmund Jörg, der Führer der Patrioten, formulierte. Gleichzeitig hat L. durch den von →Bismarck initiierten sog. Kaiserbrief vom 30.11.1870, mit dem er Kg. Wilhelm I. zur Übernahme des erblichen Kaisertitels aufforderte, dazu beigetragen, das unitarische Moment im neuen Reich zu verstärken, auch wenn er – in für ihn typischer Weise – kurz danach seinen Schritt bereute und zu revidieren suchte.
In den folgenden 15 Jahren bis zu seinem Tod hat L. im Verhältnis zum Reich dieses ambivalente Verhalten in charakteristischer Weise fortgesetzt. Einerseits beklagte er immer wieder die Beschränkung seiner Souveränitätsrechte durch die Reichsgründung und war ständig darauf bedacht – u. a. durch seinen Briefwechsel mit →Bismarck –, den föderativen Charakter des Reiches und die Rechte der einzelstaatlichen Monarchen (sowie die Gefahren des Parlamentarismus und des Sozialismus) zu beschwören. Auf der anderen Seite deckte er fortgesetzt die liberalkonservativen reichsfreundlichen Ministerien in Bayern seit 1871 und wies die wiederholte Forderung der Patriotenpartei, welche im Landtag die Mehrheit bildete, nach einem Systemwechsel entschieden zurück. Nur einmal, im April 1875, schien eine Wende erreicht, als L. den Zentrumsabgeordneten Georg Frhr. v. Franckenstein mit der Regierungsbildung beauftragte. Dieser lehnte jedoch ab, um keine „feindliche Stellung der Reichsregierung“ gegenüber Bayern zu provozieren. Damit war→Bismarck gemeint, der seinen starken Einfluß auf L. zur Stützung reichsfreundlicher Ministerien nützte. L. ist als König →Bismarck nie persönlich begegnet, hat ihn aber ohne Schwankungen als Vaterfigur verehrt. Von dem Rückhalt L.s und →Bismarcks hat insbesondere Johann v. Lutz profitiert, der als Kultusminister 1870-90 (1880-90 zugleich Vorsitzender im Ministerrat) die stärkste politische Kraft in Bayern bildete. Lutz gelang es auch, sich den Rückhalt L.s zu sichern, als er in jahrelangen Auseinandersetzungen mit der kath. Kirche und der patriotischen Landtagsfraktion den Kulturkampf in Bayern führte und diesen durch die Einbringung des Kanzelparagraphen im Reichstag (1871) auf das Reich übertrug. Die Frage ist allerdings, inwieweit die bayer.Innen- und Außenpolitik der 70er Jahre tatsächlich auf eigenständige politische Auffassungen und freie Willensentscheidungen des Königs zurückgeführt werden darf.
Tatsächlich hatte sich im Verhältnis L.s zu seiner Umwelt und seinen Regierungsaufgaben schon seit dem Ende der 60er Jahre ein bemerkenswerter Wandel vollzogen.|Schon bald nach der Thronbesteigung zeigte der König auffallende Scheu vor der Öffentlichkeit, Abneigung vor offiziellen Verpflichtungen, vor den Anforderungen menschlichen Gemeinschaftslebens überhaupt. Die Menschenscheu äußerte sich alsbald in immer schrofferen, vielfach auch in grotesken Formen, in steter Flucht in die Schlösser und Jagdhäuser im Oberland, aus denen er schließlich nur noch wenige Wochen im Frühjahr und Herbst nach München zurückkehrte, auch dort meist unerreichbar. Gleichzeitig wandte sich L. immer mehr von den Regierungsgeschäften ab, der realen Basis seines so stark entwickelten monarchischen Selbstgefühls. Zur Politik fehlten ihm, trotz mancher Bemühungen in den Anfangsjahren, Kenntnisse und vor allem Neigung; seine politischen Vorstellungen waren relativ einfach strukturiert und stießen sich deshalb immer wieder mit der Realität. Wenn er auch nach 1871 verschiedentlich in die bayer. Innenpolitik (etwa mildernd in den Kulturkampf) eingriff, so bestand die wesentliche Einflußnahme doch darin, das Ministerium gewähren zu lassen und es gegenüber konservativen Angriffen zu stützen. Seit dem Ende der 70er Jahre zog sich L. aber nahezu vollständig aus dem politischen Geschehen zurück. Die Minister erreichten ihn nur noch über die Zwischenstelle des Kabinettssekretariats, das hierdurch zu einer starken Stellung gelangte. Da die Kabinettssekretäre mit den Ministern, insbesondere mit Lutz, politisch weitgehend übereinstimmten, ergab sich aus der Schwäche L.s die Situation, daß Ministerium und Kabinettssekretariat gemeinsam jahrelang die Linie der bayer. Politik bestimmten. Seit 1883 verkehrte L. auch mit dem Kabinett nur mehr über untergeordnete Hofbedienstete und Lakaien. Wichtiger war ihm überhaupt das Hofsekretariat, das mit der Hofkasse, den Theaterangelegenheiten und den kgl. Bauten befaßt war. Denn nicht so sehr in Politik und Staatsverwaltung, als vielmehr in der Kunst, vor allem in Musik und Architektur, suchte und fand die phantasievolle, ja phantastische Natur des Königs ihre eigentliche Erfüllung.
Schon als Knabe war L. mit Texten und Musik Richard Wagners vertraut. Bei der Lektüre von Wagners „Kunstwerk der Zukunft“ berauschte sich der Jüngling an dem Gedanken, dereinst das Musikdrama mit aus der Wiege zu heben. So gehörte es zu den ersten Taten L.s als König, den Komponisten im Mai 1864 nach München zu holen und den 30 Jahre älteren mit schwärmerisch-überspannten Freundschaftsbeweisen zu überschütten, die von Wagner als Rettung aus schwierigster Lebenssituation dankbar aufgenommen wurden. Durch erhebliche regelmäßige Zuwendungen aus der Kabinettskasse (für die er die Rechte an einer Reihe Wagnerscher Werke erhielt) gab er Wagner die Möglichkeit ungestörter künstlerischer Arbeit und adäquater Aufführungen seiner Musikdramen. Im Juni 1865 wurde der „Tristan“ im Münchener Hoftheater uraufgeführt. Die ungewöhnliche Bevorzugung und finanzielle Förderung Wagners und der von ihm nachgezogenen Künstler (u. a. H. v. Bülow, P. Cornelius) rief jedoch in breiten Kreisen Münchens Kritik hervor. Aber erst als sich Wagner publizistisch in die öffentlichen Verhältnisse Bayerns einzumischen begann, dem König politische Ratschläge erteilte und damit das Ministerium herausforderte, sah auch L. die Grenzen zwischen Künstler und König überschritten und forderte (wenn auch mit innerem Widerstreben) Wagner im Dez.1865 zum Verlassen Bayerns auf. Diese erste Entfremdung schien überwunden, nachdem L. im Mai 1866 Wagner in Tribschen (b. Luzern) besucht hatte und als schließlich im Juni 1868 in München die triumphale Uraufführung der „Meistersinger“ vor L. und Wagner gemeinsam stattfand. Als aber L. kurz darauf von der Liebesbeziehung Wagners zu Cosima v. Bülow erfuhr, war er nicht mehr imstande, das ursprüngliche Freundschaftsverhältnis aufrechtzuerhalten; die Entfremdung blieb, auch wenn er Wagner anläßlich der Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses 1876 und noch einmal 1880 sah. Unabhängig davon hat L. das Wagnersche Werk weiterhin gefördert, denn seit je galt die Faszination L.s nicht eigentlich dem Komponisten, sondern dem Werk, in dessen Zauber er sich willenlos verlor, und an dem ihn der Text und die Form der Darstellung mindestens ebensosehr faszinierten wie die Musik. So ließ er (gegen den Willen Wagners) 1869 „Rheingold“ und 1870 „Walküre“ in München zur Uraufführung gelangen und beteiligte sich durch erhebliche Beträge am Bau des Bayreuther Festspielhauses. L. war sich seiner Verdienste um Wagner durchaus bewußt. Auch Wagner wußte, was er L. verdankte; wenn er auch verschiedentlich die finanzielle Abhängigkeit als „unerhört und unerträglich“ für einen Künstler beklagte, so nahm er sie im Interesse seines Werkes und aufwendigen Lebensstils doch in Kauf.
Bereits Ende 1864 faßte L. den Plan zu einem großen Theaterbau in München, „damit die Aufführung des Ring des Nibelungen eine vollkommene werde“. Der von Wagner vorgeschlagene Architekt G. Semper projektierte den Bau, der jedoch wegen der ungesicherten Finanzierung und des Widerstands der Stadt München nicht ausgeführt wurde. 1867 zog sich auch Wagner von dem Projekt zurück, um einige Jahre später den Bau eines Festspielhauses in Bayreuth zu betreiben. Im selben Jahr 1867 besuchte L. auf zweien seiner ganz wenigen größeren Reisen Paris und Versailles sowie die Wartburg bei Eisenach. Seitdem schob sich in seiner Gedankenwelt die Bauleidenschaft neben die Faszination durch das Wagnersche Werk, um schließlich innerhalb weniger Jahre – parallel zur Abkühlung des Verhältnisses zu Wagner und zu den politischen Ereignissen bis 1871 – zum alles beherrschenden Mittelpunkt seines Denkens und Planens, zur „Hauptlebensfreude“ (Ludwig 1886) zu werden. Wie manchem seiner Vorgänger galt auch L. die Bauleidenschaft als eine fürstliche Qualität. Aber anders als Ludwig I. und Max II. errichtete er (nach dem Scheitern des Semperschen Projekts, das er tief empfand und das seine Abneigung gegen München befestigte) seine Bauten nicht in der Stadt, sondern nahezu durchwegs im einsamen Voralpengebiet; sie waren auch nicht für die Allgemeinheit bestimmt, sei es als Zweckbau, sei es als Denkmal, sondern ausschließlich für ihn allein. L. baute historistisch, wie seine Zeit überhaupt. Seine Bauten lassen sich drei historischen Epochen und Stilen zuordnen: Dem Spätbarock und Rokoko (Königswohnung in der Münchner Residenz, Linderhof, Herrenchiemsee); dem Mittelalter (Neuschwanstein, Pläne für Falkenstein); dem orientalischbyzantin. Kulturkreis (Jagdhaus auf dem Schachen, Marokkan. Haus, Arab. Pavillon und Kiosk in Linderhof). Schließlich findet sich auch gebautes Theater (Grotte, Hundinghütte und Eremitage in Linderhof). Von den projektierten Bauten wurden nur das Jagdhaus auf dem Schachen (1870) und das von Georg v. Dollmann errichtete, Klein-Trianon nachempfundene Schloß Linderhof (1869–74) zu Lebzeiten L.s fertiggestellt; der an Versailles orientierte Bau von Herrenchiemsee, ebenfalls von Dollmann (1878 begonnen), wurde weit vorangetrieben, aber wegen Geldmangels nicht vollendet. Linderhof und Herrenchiemsee standen in Baugedanken, Architektur und Innenausstattung in engstem Zusammenhang mit einer emphatischen Verehrung L.s für Kg. Ludwig XIV. von Frankreich und seine Zeit. L.s Großvater und Pate war 1786 von Kg. Ludwig XVI. aus der Taufe gehoben worden, L. selbst am Tage des hl. Ludwig von Frankreich (25.8.) geboren. L. sah in Ludwig XIV. das Ideal monarchischer Selbstherrschaft verkörpert. Er hat es um so mehr vergöttert, je weniger er selbst zu Leistungen fähig war, auf denen dieses Königtum eigentlich beruhte. Auch das seit 1868 von mehreren Architekten aufgeführte Burgschloß Neuschwanstein wurde erst nach L.s Tod vollendet. Der die Innenausstattung beherrschende Minnesänger- und Lohengrin-Stoffkreis war L. nicht erst durch Wagner nahegebracht worden, sondern bereits durch die Fresken des Schlosses Hohenschwangau, in dem L. einen Teil seiner Jugend verbracht hatte. Das Projekt einer weiteren Schloßburg Falkenstein bei Pfronten (durch Max Schultze) wurde ebensowenig verwirklicht wie dasjenige eines weitläufigen Schlosses in byzantin. Stil. Die Gartenanlagen um Linderhof und Herrenchiemsee sowie ein großer Dachgarten auf der Münchener Residenz wurden von Karl v. Effner gestaltet. Dekoration und Ausstattung der Schlösser haben die Entwicklung des bayer. Kunsthandwerks sehr gefördert. L. selbst hat an den Bauten lebhaftesten Anteil genommen und deren Programm und Ausführung bis in Einzelheiten bestimmt. Dabei ging es ihm nicht um künstlerische Hochleistung, sondern um penible historische Treue und um die atmosphärische Gesamtwirkung, um die Schöpfung einer Welt für sich. Je weniger er mit der realen Welt zurechtkam, desto mehr wurde die bizarre Scheinwelt der Schlösser, eines künstlichen Mittelalters und Absolutismus, zur Realität seines Lebens und seines Königtums.
Diese Atmosphäre hat wiederum dazu beigetragen, L.s überhöhte Auffassung von sich und seinem Herrschertum um so mehr zu steigern, je mehr er seine wirkliche Herrschaft als Last betrachtete und vernachlässigte. Dabei war kennzeichnend, daß die teils ängstliche, teils hochmütige und humorlose Distanzierung von den Untergebenen wie der eigenen Familie, ja deren kalte Demütigung, nicht selten abwechselte mit gewinnender Leutseligkeit gegenüber den Menschen, denen er auf seinen einsamen Fahrten begegnete, und mit überschwänglicher Freigebigkeit gegenüber Künstlern (wie den Schauspielern Ernst v. Possart und Josef Kainz) oder auch gegenüber den Bediensteten in seiner isolierten Welt. Mit intensiver Lektüre, auf die er viel Zeit verwendete und die vor allem historischen Themen galt, hat sich L. noch weiter in seine Scheinwelt versponnen. Dem entsprach, daß in das Repertoire des Hoftheaters zunehmend Themen des Ancien Régime aufgenommen werden mußten, wofür L. u. a. durch K. v. Heigel eine|Reihe neuer Stücke schreiben ließ. Zahlreiche dieser Werke wurden – neben Opern Wagners und anderer – dem König allein in Separatvorstellungen vorgeführt (1872-85 insgesamt 209).
Spätestens seit Beginn der 80er Jahre konnten die Verhaltensweisen L.s auch dann nicht mehr als bloße Eigenarten eines exzentrischen Romantikers bezeichnet werden, wenn man entschuldigend einräumte, daß ein König nicht mit bürgerlichen Maßstäben gemessen werden dürfe. Die schon früh auftretende geistige Erkrankung L.s (paranoide Schizophrenie) machte sich fortschreitend deutlicher bemerkbar. Wahnvorstellungen gewannen die Oberhand, auch wenn L. daneben zu ungezwungenem Verhalten und rationaler Argumentation fähig blieb. Der fortschreitende Zerfall seiner Persönlichkeit blieb kritischen Zeitgenossen nicht verborgen. Er wurde vorangetrieben durch L.s homoerotische Veranlagung, die ihm selbst wohl erstmals 1867 bei seiner alsbald aufgelösten Verlobung mit Hzgn. Sophie in Bayern (der Schwester der von ihm so sehr verehrten Kaiserin Elisabeth von Österreich) deutlich wurde. In zerfleischenden Selbstanklagen, religiösen Übungen und dem Kult eines „reinen Grals“ versuchte er vergeblich seine Veranlagung zu überwinden.
Die Finanzlage L.s war seit Anfang der 80er Jahre äußerst bedrohlich. Da er aus den regulären Einnahmen der Hof- und Kabinettskasse auch alle seine Bauten zu finanzieren hatte, geriet er seit 1877 in Schulden, Anfang 1884 betrugen sie 8,25 Mill. Mark. Daß sie nicht höher waren, verdankte L. den Geldern, die er seit 1871 von →Bismarck aus dem Welfenfonds erhielt. Diese waren gewiß nicht die Bedingung L.s für den Beitritt Bayerns zum Reich gewesen. Ob er für den Kaiserbrief ultimative Geldforderungen gestellt hatte, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit behaupten. Jedenfalls hatte er im Nov.1870 in engstem, allen Beteiligten überaus deutlichem Zusammenhang mit Kaiserfrage und Kaiserbrief →Bismarck seine damalige große Geldverlegenheit nachdrücklich zum Ausdruck bringen lassen. So wurden aus dem Welfenfonds zunächst jährlich 300 000 Mark, später erheblich mehr, bis 1885 insgesamt 5 Mill. Mark an L. gegeben, wovon der vermittelnde Oberststallmeister Max Gf. v. Holnstein 10% erhielt. Weiterhin gab →Bismarck im Februar 1884 einen einmaligen Betrag von einer Mill. Mark, der wohl nicht auf die laufenden Zahlungen verrechnet wurde.
Das Ministerium begegnete den Schulden des Frühjahrs 1884, indem es (neben der Bismarckschen Million) im Mai 1884 eine Bankanleihe von 7,5 Mill.Mark vermittelte, die dann bis 1901 durch die Zivilliste verzinst und amortisiert wurde. Jedoch war die Kabinettskasse im Sommer 1885 erneut mit sechs Mill. Mark verschuldet. Nunmehr forderte das Ministerium von L. unverblümt die Einstellung der Bauten. Eine darauf von L. im April 1886 geforderte Finanzvorlage an den Landtag lehnte das Ministerium rundweg ab. Angesichts der Unnachgiebigkeit des Königs und der Gefährdung des Ministeriums steuerte dieses schließlich auf die Erklärung der Regierungsunfähigkeit L.s und die Einsetzung einer Regentschaft zu; →Bismarck hatte den Eindruck, daß die Minister, „weil sie sich nicht mehr halten könnten, den König ‚schlachten' wollten“. Am 8.6.1886 erklärte der Psychiater B. v. Gudden aufgrund schriftlicher Äußerungen L.s sowie von Zeugenaussagen den König für unheilbar geisteskrank; am 9.6. stellte eine Konferenz des Ministeriums mit dem Onkel L.s, Prinz Luitpold, die Regierungsunfähigkeit L.s fest und vollzog seine Entmündigung. Luitpold übernahm die Regentschaft und gab sie am 10.6. durch Proklamation bekannt. Am 12.6. ließ sich L. widerstandslos, wenngleich tiefverletzt und mit Selbstmordgedanken und Angst vor Ermordung, von Neuschwanstein nach Schloß Berg am Starnberger See überführen, das in der Vergangenheit seinen häufigsten Aufenthaltsort gebildet hatte. Am folgenden Tag fand er auf ungeklärte Weise zusammen mit Gudden den Tod im See. Vermutlich hatte er selbst den Tod gesucht und den ihn zurückhaltenden Gudden ertränkt, war aber dann nicht ertrunken, sondern einem Herzschlag erlegen. Am 14.6. verkündete ein Thronfolge- und Regentschaftspatent, daß die Krone auf Prinz Otto übergegangen sei, der aber durch Krankheit regierungsunfähig sei, so daß Prinzregent Luitpold vorbehaltlich der Zustimmung des Landtags (die am 21. bzw. 26.6. erfolgte) die am 10.6. übernommene Regentschaft fortsetze. Am 28.6. leistete Luitpold den in der Verfassung vorgeschriebenen Regenteneid.
Kein bayer. König, ja kaum ein anderer Monarch des 19. Jh., ist im Bewußtsein breiter Kreise derart lebendig geblieben wie L., wenngleich verkürzt auf den Märchenkönig der Königsschlösser. Paul Verlaine hat ihn als „le seul vrai roi de ce siècle“ bezeichnet. Bestehen bleibt, daß L. das Genie Richard Wagners erkannt und seinem Werk entscheidende ideelle Förderung und materielle Sicherung verliehen hat; hierin liegt seine zeitüberdauernde Bedeutung. Unter dem Gesichtspunkt der verfassungsmäßig verankerten Kompetenzen des Monarchen und der ihm gestellten staatspolitischen Aufgaben jedoch bedeutete das Königtum L.s ein Verhängnis für den bayer. Staat. In einer Zeit folgenreicher außenpolitischer Entscheidungen und eines weitreichenden innenpolitischen, sozialen und ökonomischen Wandels besaß das Land keinen handlungsfähigen König. Selbst eine ausgleichende und integrierende Funktion, wie sie dem konstitutionellen Monarchen des 19. Jh. zumindest zukam, ist von L. nicht oder kaum wahrgenommen worden. Jedoch kann die Verantwortlichkeit L.s für sein Handeln und Nichthandeln angesichts seiner Krankheit nicht exakt abgegrenzt werden.
2. Karl Marx
Karl Heinrich Marx wurde am 5.5.1818 in Trier als Sohn eines Rechtsanwalts geboren, der einer traditionsreichen jüdischen Rabbinerfamilie entstammte. Den größten Teil seines Lebens verbrachte Marx als Staatenloser im Exil. Nachdem er 1845 auf seine preußische Staatsbürgerschaft verzichtet hatte, um politischen Repressionen zu entgehen, blieben seine späteren Bemühungen vergeblich, eine Wiedereinbürgerung in Preußen (1861) zu erreichen oder die britische Staatsbürgerschaft (1874) zu erhalten. In der Revolution von 1848 stellte die französische Regierung ihm einen auf ein Jahr befristeten Reisepass aus.
1835 begann er in Bonn Rechtswissenschaften zu studieren und schloss sich dem „Poeten-Bund" sowie der Bonner Tischgesellschaft der „Treveraner" (ab 1838 Corps Palatia) an. Seine studentische Ehre verteidigte er mehrfach in Duellen, was seinen Vater zu der Frage verleitete: „Und ist denn Duelliren so sehr mit der Philosophie verwebt?" (Mai – Juni 1836). 1836 setzte er in Berlin seine Studien fort, nun vor allem in Philosophie und Geschichte, und wurde 1841 an der Universität Jena mit einer Dissertation „Über die Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie" promoviert. In Berlin schloss sich Marx dem Kreis der politisch und zeitkritisch engagierten Jung- oder Linkshegelianer an.
Da Marx aus politischen Gründen eine Universitätskarriere in Bonn verschlossen blieb, arbeitete er 1842 an der in Köln erscheinenden liberalen „Rheinischen Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe" zunächst als freier Journalist und ab Oktober als Chefredakteur mit. Mehr als 15 Jahre später schrieb der Kölner Unternehmer Gustav Mevissen über die Bedeutung der Zeitung: „Die Rheinische Zeitung ist deshalb [...] folgenreich gewesen, weil sie zuerst [...] das Zeitbewußtsein überall [...] zum Hervortreten anregte."
Marx' Artikel, in denen er das „geheime Staatswesen" in Preußen angriff und verlangte, das „mysteriöse priesterliche Wesen des Staates" solle „in das Fleisch und Blut der Staatsbürger" verwandelt werden, erregten Aufsehen. Er verteidigte das von Frankreich übernommene Rheinische Recht sowie die öffentlichen Schwurgerichte und schrieb flammende Rechtfertigungen der Pressefreiheit. Eine „freie Presse" bezeichnete er als „die inkorporierte Kultur". Auch kam er in der Zeitung „zuerst in Verlegenheit über sogenannte materielle Interessen mitsprechen zu müssen". „Die Verhandlungen des Rheinischen Landtags über Holzdiebstahl" und Artikel „über die Zustände" der Moselwinzer, schrieb er 1859, „gaben die ersten Anlässe zu meiner Beschäftigung mit ökonomischen Fragen."
Als die „Rheinische Zeitung" in zahlreichen Artikeln für die Emanzipation der Juden im preußischen Staat Stellung bezog, wollte sich auch Marx mit den in der „Kölnischen Zeitung" erschienenen Aufsätzen „gegen das Judenthum" auseinandersetzen. Er kündigte einen Artikel an, der die Diskussion „in eine andre Bahn bringen" werde. Als im März 1843 die Liberalen in Köln eine Petition an den rheinischen Provinziallandtag planten, in der sich für die Emanzipation der Juden eingesetzt werden sollte, wollte Marx dies unterstützen und erklärte sich gegenüber der jüdischen Gemeinde bereit, einen entsprechenden Text zu entwerfen. Die schließlich zustande gekommene Petition hat er nicht verfasst., sonder der aus Elberfeld stammende Maschinenbauunternehmer und Politiker Heinrich Kamp (1786-1853), Mitbegründer und erster Direktor der Feuerversicherungsgesellschaft Colonia.
Ende 1842 schritt die preußische Regierung gegen die Zeitung ein und verbot diese „Hure am Rhein" (Friedrich Wilhelm IV.). Am Rande des Kölner Dombaufestes von 1842 hatte der österreichische Staatskanzler Metternich (1773-1859) gegenüber dem preußischen König die Presse als „ein lebendiges Werkzeug des Bösen" bezeichnet. Nachdem Ende März 1843 die letzte Ausgabe erschienen war, heiratete Marx in Bad Kreuznach seine Jugendliebe Jenny von Westphalen (1814-1881) und ging ins Ausland, zuerst nach Paris, dann nach Brüssel, wo er Ende 1847 / Anfang 1848 gemeinsam mit Friedrich Engels für den Bund der Kommunisten das „Manifest der Kommunistischen Partei" verfasste. Er wurde Mitbegründer und Vizepräsident der „Association Démocratique", die eine europäische Föderation anstrebte und im Herbst 1848 einen „Congreß der Demokraten aller europäischen Nationen" abhalten wollte.
In der Revolution von 1848/1849 gab Marx von Juni 1848 bis Mai 1849 in Köln die „Neue Rheinische Zeitung" heraus, die er zum bedeutendsten Sprachrohr der demokratischen Bewegung machte. Hatte Marx die französische Februarrevolution von 1848 zunächst „nur als einen oberflächlichen Anfang der europäischen Bewegung" betrachtet, so musste er sich, als er am 11. April nach Köln kam, rasch davon überzeugen, dass seine radikalen Vorstellungen an den deutschen Realitäten vorbeigingen. Statt der proletarischen Revolution wurde sein politisches Ziel die Herstellung einer einheitlichen Republik auf der Basis einer breiten, den Mittelstand und die Arbeiterschaft umfassenden Volksbewegung. Im November 1848 trat er als einer der Initiatoren der Steuerverweigerungskampagne im Rheinland hervor.
Nach dem Scheitern der Revolution emigrierte er mit seiner Familie nach London, wo er von 1852 bis 1862 als Europakorrespondent der „New York Tribune" arbeitete und 1867 „Das Kapital", seine berühmte Kritik des modernen Kapitalismus, veröffentlichte.
In seinen politischen und insbesondere in seinen außenpolitischen Überlegungen bezog Marx sich immer wieder auf das Rheinland. 1852 verfolgte er von London aus mit Hilfe der in der „Kölnischen Zeitung" veröffentlichten Protokolle den Kölner Kommunistenprozess und beschaffte Entlastungsmaterial für die Angeklagten. In dem mehrere Wochen dauernden Geschworenenprozess waren Mitglieder des Bundes der Kommunisten des Hochverrats angeklagt worden. Schließlich widmete er dem Prozess die Schrift „Enthüllungen über den Kommunistenprozeß zu Köln". In den fünfziger und sechziger Jahren befürchtete er mehrfach, dass Preußen, gedrängt von Russland, das westliche Rheinland aufgeben werde. Er ging davon aus, dass die preußischen Könige die „Abtretung der Rheinprovinz an Frankreich" nicht als „Verminderung" ihrer „Hausmacht" betrachten würden.
1864 war er Mitbegründer der Internationalen Arbeiterassoziation, der so genannten ersten Internationale, deren Generalrat er bis 1872 als korrespondierender Sekretär für Deutschland angehörte. Auf den Kongressen der Internationale, 1866 in Genf, 1867 in Lausanne, 1868 in Brüssel, 1869 in Basel und 1872 in Den Haag, wurden die Grundforderungen diskutiert und in Beschlüsse gefasst, die über Jahrzehnte hinweg die Programmatik sozialistischer und kommunistischer Bewegungen in Europa bestimmten. Für die Internationale schrieb Marx das Gründungsprogramm, die so genannte Inauguraladresse, ein mit dem Kommunistischen Manifest vergleichbares Dokument. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 wandte sich Marx vehement gegen die Annexion von Elsass und Lothringen durch Deutschland.
Marx’ Leben war reich an persönlichen Tragödien. Vier seiner sieben Kinder starben schon bald nach ihrer Geburt. Frederick, den wahrscheinlich mit seiner fast lebenslangen Haushälterin Helene Demuth 1851 gezeugten Sohn, hat Marx nie anerkannt. Seine Frau Jenny, die seit 1860 von den Folgen einer Pockenerkrankung gezeichnet war, starb im Dezember 1881 an Leberkrebs, seine älteste Tochter Jenny im Januar 1883 im Alter von 38 Jahren, wahrscheinlich an Blasenkrebs. Seine beiden jüngeren Töchter gingen 1898 und 1911 in den Freitod, Eleanor mit 42 Jahren und Laura, gemeinsam mit ihrem Mann, mit 66 Jahren. Marx selbst starb am 14.3.1883 in seinem langjährigen Londoner Exil. Beigesetzt wurde er dort auf dem im Norden Londons gelegenen Highgate-Friedhof, auf dem neben Marx eine Reihe weiterer Exilanten ihre letzte Ruhestätte fanden.
Das barocke Wohnhaus, in dem Marx 1818 in Trier geboren wurde, ist heute ein Museum, in dem die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Daueraustellung zu Leben und Werk von Karl Marx zeigt.
3. Johannes Brahms
Das Talent von B. zeigt sich in früher Jugend, so daß der Vater ihn von Anfang an für den Musikerberuf bestimmte. Mit 10 Jahren war er so weit, daß er in einem Konzert als Klavierspieler auftreten konnte. Sein Lehrer, der selbstlose F. W. Cossel, erreichte, daß der hochangesehene Theoretiker →Eduard Marxsen ihn ohne Entgelt als Schüler annahm. Von seinem 13. Jahre an mußte er nachts in Kneipen spielen, um zum Unterhalt der Familie beizutragen. Bald fing er an zu komponieren, hatte auch Gelegenheit, sich im Dirigieren zu üben, und erwarb sich daneben durch eifriges Lesen ernster Bücher eine tief fundierte Bildung. Mit 20 Jahren unternahm B. eine Konzertreise mit dem ungarischen Geiger Eduard Reményi, besuchte Jos. Joachim in Hannover, der ihn an Franz Liszt in Weimar empfahl. 1853 erfolgte der schicksalhafte Besuch bei →Robert Schumann in Düsseldorf, der von der Fülle und Bedeutung der mitgebrachten Kompositionen tief ergriffen war und in der „Neuen Musikzeitung“ (1854) den berühmten Aufsatz „Neue Bahnen“ erscheinen ließ. Engste Freundschaft verband ihn nun mit Schumann und nach dessen geistiger Erkrankung mit Frau Clara, der er in den schweren Jahren treulich beistand und bis zu ihrem Tode (1896) eng verbunden blieb. Von nun an zeigte sich bei B. eine fast gradlinige Entwicklung: reichstes Schaffen, von Anfang an unter der Kontrolle einer unbestechlichen Selbstkritik, Konzertreisen als Pianist, nur in den ersten Jahren auch Unterricht. Drei Jahre lang wirkte er als Chordirigent und Hofpianist in Detmold, 1859 übernahm er die Leitung eines Frauenchors in Hamburg. Sein erstes großes Werk, das Klavierkonzert in d-moll, war zuerst ein Mißerfolg, durch den sich →Clara Schumann nicht abhalten ließ, es immer wieder zu spielen. 1860 erschien auf Veranlassung und mit der Unterschrift von B. das unselige Manifest gegen die „Neudeutschen“, das Liszt und seine Schule treffen sollte und auf Wagner bezogen wurde. Von nun an galt B. als das Haupt der gegen Wagner kämpfenden Partei, sehr zu seinem Mißvergnügen, da er um die Größe Wagners sehr wohl wußte, so fern ihm auch dessen Art lag. Nur Brückner lehnte, er bis zum Ende seines Lebens aufs schärfste ab. 1862 war B. zum erstenmal in Wien, wo er Wagner kennenlernte, der sich günstig über seine Kompositionen geäußert haben soll. 1863 wurde ihm die Leitung der Wiener Singakademie übertragen, die er schon nach einem Jahr wieder aufgab. Wiederholte Bemühungen um einen Dirigentenposten in Hamburg scheiterten. Immer wieder lockte ihn Wien, wo er als Klavierspieler und Komponist große Erfolge hatte. Das Verständnis für seine Werke wuchs rasch, Rückschläge waren nur mehr vereinzelt, wie bei der ersten Aufführung des „Deutschen Requiems“, das dann bald seinen Ruhm überallhin trug. Nur die Wagnerstadt München blieb bis nach 1900 kühl. 1872 siedelte B. endgültig nach Wien über, leitete 3 Jahre lang die Konzerte der „Gesellschaft der Musikfreunde“, in der er später noch organisatorisch tätig war, wie auch als Präsident des 1885 gegründeten „Wiener Tonkünstlervereins“. Seine selbstlos hilfsbereite, äußerst aktive Natur verlangte nach einer solchen Wirksamkeit. Daneben aber nahmen ihn die Konzertreisen, auf denen er als Pianist und Dirigent seine Werke der Welt darbot, immer intensiver in Anspruch, ohne daß darüber seine schöpferische Kraft gelitten hätte. Werk entstand auf Werk, kaum eines von geringerem Gewicht. Der Erfolg blieb ihm treu. Wenn einmal ein Werk nicht gleich verstanden wurde, kam die Wirkung sehr bald nach. Sein Ansehen wuchs mit jedem Jahre, auch im Ausland, vor allem in England, Holland und Amerika. B. ist der erste Komponist ernster Musik, der vom Ertrag seiner Werke lebte, ja reich wurde: er hinterließ ein Vermögen von rund 400 000 Mark. In Fritz Simrock fand er einen Verleger, der freiwillig, oft gegen die Warnung des Komponisten, hohe Honorare zahlte. Doch führte B. sein einfaches Leben weiter, war aber sehr freigebig und half, wo er konnte, seiner Familie, an der er rührend hing, und Freunden, die er in Not wußte. Er blieb unverheiratet, hat wohl schwer darunter gelitten, und es mag sein, daß sein zu Zeiten schwieriges, schroffes Wesen damit zusammenhing. Doch war er schon von Natur schwerblütig und verschlossen, eine „hartnäckig versperrte Seele“ (R. Specht). Dabei aber hatte er Sinn für Behagen, bedurfte der Geselligkeit und vor allem der Freundschaft.
Die Freundschaft mit →Clara Schumann, die dem Musiker ebenso wie dem Menschen verbunden war, begleitete ihn durch sein ganzes Leben. Dazu trat später Elisabeth v. Herzogenberg, eine geistig bedeutende Frau von größtem weiblichen Reiz. B. hat sie wohl heimlich geliebt. Seine Jugendliebe galt der Göttinger Professorentochter Agathe v. Siebold, doch fühlte er sich der ehelichen Bindung nicht gewachsen. In späteren Jahren fesselten ihn die Sängerinnen →Hermine Spieß und Alice Barbi. Zahlreich waren die Männer, die ihm freundschaftlich nahestanden. Von Musikern Jos. Joachim, →Hermann Levi, Hans v. Bülow, der Sänger Julius Stockhausen, die Komponisten K. Goldmark, Fr. Hegar, Th. Kirchner und der von ihm besonders geschätzte Johann Strauß, die Theoretiker →Eusebius Mandyczewski, G. Nottebohm und der Bachforscher Ph. Spitta, ferner u. a. der berühmte Arzt Th. Billroth, der Schweizer Dichter J. W. Widmann, der Maler →Anselm Feuerbach und dessen Biograph J. Allgeyer. Seine Freundschaften, die freilich, besonders bei den nächsten, →Clara Schumann, Jos. Joachim und H. v. Bülow, nicht ohne schwere Krisen blieben, pflegte er vor allem in den Sommerferien, die er stets auf dem Lande zubrachte, meistens in der Schweiz (Thun), zuletzt im Salzkammergut (Ischl). Achtmal fuhr er, stets mit Freunden, nach Italien, das er heiß liebte. Er war bis in das letzte Lebensjahr niemals krank. Er vertraute seiner robusten Natur - „ich bin ein Dauermensch“, pflegte er zu sagen -, doch wurde ihm eine vom Vater ererbte Anlage zum Krebs verhängnisvoll. Im gleichen Alter wie dieser starb er an Leberkrebs.
Im Schaffen von B. sind sämtliche Gattungen der Musik, soweit sie im Gesichtskreis eines Komponisten des 19. Jahrhunderts lagen, in ungefähr gleicher Dichte vortreten, mit einziger Ausnahme der Oper. Von dem offenbar sehr reichen Schaffen der ersten Jugend ist nichts erhalten. Auch von den Werken, die er Schumann vorlegte, hat er, gegen dessen Willen, mehrere vernichtet. Erhalten blieben, außer einer Reihe von Liedern (op. 3), nur die beiden Klaviersonaten op. 1 (C) und 2 (fis), die letztere früher entstanden, und das Scherzo für Klavier op. 4, drei Werke von bereits ausgeprägter Eigenart, die sich, trotz mancher Anklänge an Beethoven, einstweilen noch rein romantisch, maßlos und ungezügelt äußert. Dies gilt auch noch für die - bedeutendere - Sonate in f-moll op. 5 (1854) mit dem herrlich schwärmerischen Andante. Das reichste und beglückendste Jugendwerk, das Trio in H op. 8 (1854) zeigt die formalen Schwächen so deutlich, ist dabei aber so voll von melodischen Einfällen, daß B. in den Jahren der Reife, 1891, das Werk neu herausgab, von den Schwächen gereinigt und in klassische Form gebracht - ein in der Musikgeschichte fast vereinzelter Fall, an dem man die Entwicklung des Komponisten von dem romantisch schwärmenden, um die Gestaltung nicht weiter besorgten Jüngling zum reifen Meister deutlich ablesen kann. Bald wagte er sich an die Konzeption einer Sinfonie, aber während der Arbeit fühlte er sich, in einer bei seiner Jugend erstaunlichen Selbstkritik, diesem größten Gestaltungsproblem doch noch nicht gewachsen, schmolz das thematische Material um in eine Sonate für zwei Klaviere - um sich schließlich für die Form des Klavierkonzerts zu entscheiden. So entstand das 1. Klavierkonzert in d-moll op. 17, das zuerst nicht verstanden wurde, aber nun seit langem zu den großen Werken dieser Gattung zählt. Die ersten reinen Orchesterwerke sind zwei Serenaden in D und A op. 11 und 16 (1859), kurz gefaßte Werke von konfliktloser, melodischer Haltung. Hier wie in dem wenig später entstandenen Streichquartett in B op. 18 wird das Vorbild Schubert deutlich. 1862 entstand der 1. Satz der Sinfonie in c-moll (ohne die erst später hinzugefügte Einleitung), sein erstes Meisterwerk in großem Stil, in dem er die Leidenschaft seiner Jugend mit einer grandiosen sinfonischen Kraft bändigte, an Reichtum der thematischen Arbeit und Konzentration der Gestalt den größten Werken Beethovens ebenbürtig. In den nächsten Jahren entstanden die beiden Klavierquartette op. 25 (g) und 26 (A), deren erstes zum Finale jenes hinreißende „Rondo alla Zingaresa“ hat, in dem B. zum erstenmal Anregungen aus der ungarischen Musik verarbeitet, die 1. Sonate für Cello und Klavier op. 38 (e) und, als Krönung des frühen kammermusikalischen Schaffens, das berühmte Klavierquintett in f-moll op. 34, zuerst als Streichquartett geplant, dann als Sonate für 2 Klaviere ausgearbeitet (so auch später erschienen), bis es in der Fassung für Klavier und Streichquartett seine endgültige Form erhielt, ein Werk großen Stils. Das gewichtigste aber der frühen Werke, zugleich eins der berühmten und allgemein bewunderten, ist das 1866 vollendete, einige Jahre später noch um den Satz mit Sopransolo erweiterte „Deutsche Requiem“ für Soli, Chor und Orchester op. 45, komponiert auf Worte der Heiligen Schrift, ein Werk, das trotz aller Traditionsgebundenheit in den etwas klassizistisch anmutenden Fugen eine neue Welt religiöser Empfindung erschließt, monumental und doch voll von großer Zartheit des Menschlichen. Vorausgegangen waren an Vokalwerken, abgesehen von vielen Liedern, in denen sich der Typus des B.schen Meisterlieds allmählich herausbildet, weltliche und geistliche Chöre mit und ohne Begleitung. Auf das Requiem folgten bald: die „Rhapsodie“, Fragment aus|Goethes Harzreise für Altstimme, Männerchor und Orchester op. 53 und das „Schicksalslied“ (Hölderlin) für Chor und Orchester op. 54, sowie das „Triumphlied“ für achtstimmigen Chor und Orchester op. 55, das im Gegensatz zu jenen höchst persönlichen, tief empfundenen Werken sich mit mehr äußerlichen Wirkungen begnügt, mit deutlichen Anklängen an den allerdings mit Meisterschaft frei behandelten Stil Händels. Es ist geschrieben zur Feier des deutschen Sieges im Kriege 1870/71. Auch die kurz vorher entstandene Kantate „Rinaldo“ (Text von Goethe) für Tenorsolo, Chor und Orchester hat nicht das innere Gewicht der übrigen Werke B.s, es ist formalistisch glatt und ermangelt doch des rechten Glanzes.
In dem Jahrzehnt nach 1870 sind nur wenige Werke reiner Instrumentalmusik entstanden, diese allerdings von größtem Gewicht. Zuerst die „Variationen über ein Thema von Jos. Haydn“ für Orchester op. 56a (als op. 56b in einer Bearbeitung für 2 Klaviere erschienen), eines der größten Variationswerke der gesamten Musik. B. hatte bereits sehr früh Klaviervariationen von hoher Bedeutung geschrieben, op. 9, 21,1 und 2, 23, Werke, in denen der von Beethoven vor allem in den „Diabellivariationen“ op. 120 geschaffene Typus der „Strukturvariationen“ weiter in die Sphäre des Monumentalen entwickelt wird. Sodann ein schon früher begonnenes Klavierquartett in c op. 60 und die 3 Streichquartette op. 51,1 und 2 und op. 67, Werke von wahrhaft Beethovenscher Reife des Stils, denen, wie man erzählt, 20 andere Werke der gleichen Art vorhergegangen sind, die B. als noch nicht ausgereift vernichtet hat. 1876 vollendete er endlich die Sinfonie op. 68 in c-moll, deren erstem, 14 Jahre vorher entstandenen Satz erst jetzt die monumentale Einleitung hinzugefügt wurde. Auch das wiederum in größtem Stil gehaltene Finale hat eine breite Einleitung, in der sich das thematische Material gleichsam durch Nebelschwaden zum klaren Tage durchringt. Die beiden Mittelsätze zeigen, wie meistens bei B., einen etwas kleineren Stil, der dritte Satz ist kein sinfonisches Scherzo der Beethovenschen Art, sondern mehr ein „Intermezzo“. Ein breit entwickeltes, sinfonisches Adagio findet sich nur in der 2., gleich nach der 1. geschaffenen Sinfonie in D op. 72, die nach der 1. die Spannweite der künstlerischen Natur von B. zeigt: an Stelle düsterer Leidenschaft eine heitere Gelöstheit, an Stelle konzentrierter Ballungen breit ausladende Entwicklungen. Dei gleichen D-dur-Welt entstammt das bald darauf entstandene Violinkonzert, heute als eines der größten Werke dieser Art anerkannt. Die gleiche Höhe hält das 1881 entstandene, gewaltige 2. Klavierkonzert in B op. 83, dem dann 6 Jahre später das Doppelkonzert für Violine und Violincello op. 102 folgte, ein fast überreifes, edles, aber etwas sprödes Werk. Zwei Ouvertüren: die „Akademische Festouvertüre“ op. 80, in der Studentenlieder sinfonisch verarbeitet sind, und die „Tragische“ op. 81, geschaffen auf die Nachricht vom Tode des Freundes→Anselm Feuerbach, in der Haltung dem edlen, etwas blassen Klassizismus von dessen Bildern verwandt.
In den folgenden Jahren entstanden die letzten großen sinfonischen Werke, die 3. (in F, op. 90) und 4. (in e, op. 98) Sinfonie. Der erste Satz der dritten, mit seinem leidenschaftlich enthusiastischen, energiegeladenen Hauptthema und dem stark gegensätzlichen, fast pastoralen 2. Thema ist mit unbegreiflicher Kunst in eine klassische Einheit gezwungen. Nicht geringer ist die Kunst, mit der im Finale der Vierten die aus dem Barock übernommene statische Form der Passacaglia (30 Variationen über eine aus einem Bachschen Baßmotiv entwickelte Akkordfolge) mit stärksten dynamischen Spannungen geladen und zu einer echt sinfonischen Gestalt entwickelt wird. Neben diesen monumentalen Werken entstanden 3 Violinsonaten op. 78, 100 und 108, die beiden ersten von intimem Zauber, die letzte leidenschaftlich und in großem Stil, die 2. Cellosonate op. 99 und 2 Klaviertrios op. 87 und 101, das letztere ein düsteres c-moll-Stück von größter Gedrängtheit der Gestaltung, ein Streichquintett op. 88, und als letztes Chorwerk mit Orchester der „Gesang der Parzen“ op. 89.
1889 hat B. sein Liederwerk (200 Lieder für eine Singstimme, außerdem Duette, Soloquartette u. ä.), mit dem er sich ebenbürtig neben die Meister des Kunstliedes Schubert und Schumann gestellt hat, abgeschlossen. Von den Tendenzen der „Neudeutschen Schule“ hielt er sich auch hier fern. Die Übertragung des Wagnerischen „Sprechgesangs“ auf das Lied und die damit verbundene Verlagerung des musikalischen Schwerpunktes aufs Klavier hielt er für falsch. Auch die Liedmelodie folgt bei ihm absolut musikalischen Gesetzen, ist aber trotzdem stets echte Gesangsmelodie. Sie ist so sehr „absolute Musik“, daß bei den „Liebeslieder-Walzern“ für Soloquartett und Klavier zu 4 Händen (op. 52) die Singstimmen ausdrücklich als „ad libitum“ bezeichnet sind. Die Gedichte gehen ohne Rest in der Musik auf. Doch bleiben grundsätzlich Versmaß des Gedichts und strophische Gliederung erhalten, ein Beweis,|wie wichtig er das Gedicht als geformtes Gebilde nahm. Dabei hat er verhältnismäßig wenige Gedichte ersten Ranges vertont, aber kaum eines von nichtigem Inhalt. Am geeignetsten zur Vertonung erschienen ihm Gedichte von ausgeprägtem Gefühlsinhalt und einer musikalisch fruchtbaren Rhythmik. Die Intensität, mit der der Gefühlsinhalt der Gedichte in Musik verwandelt wird, ist außerordentlich, nicht minder die Kraft der Verdeutlichung und zugleich Beseelung des Bildlichen im Gedicht: „Feldeinsamkeit“ (op. 86,2) etwa ist in dieser Hinsicht Schumanns „Mondnacht“ ebenbürtig. Das Klavier „begleitet“ dabei nicht, dient aber auch nicht nur der Verdeutlichung des Stimmungsgehalts, sondern verbindet sich mit dem Gesang zu einer vollkommenen Einheit. Nur ausnahmsweise beschränkt sich das Klavier auf einfache Begleitung, die aber auch dann sehr kunstvoll gesetzt ist, wie etwa in dem berühmten „Wiegenlied“, einer der wenigen Melodien hohen Ranges, die im wahrsten Sinne des Wortes „volkstümlich“ sind. Auch im Lied hat B. da und dort, aber nur sehr selten, „archaistischen“ Tendenzen Raum gegeben: in op. 43,3 und 48,6 hat er zwei altdeutsche Gedichte, im Stil des frühen Barocks, etwa von H. L. Hasler, vertont. Häufiger sind Anklänge an osteuropäische Volksmusik, die ja auch in seinen Instrumentalwerken manchmal deutlich werden. Bei den „Zigeunerliedern“ op. 103 ist nicht immer klar, ob sich hier B. (wie bei den „Ungarischen Tänzen“, die er nur in meisterhafter Weise bearbeitet hat, ohne die melodische Substanz anzutasten) darauf beschränkt hat, zu den Melodien eine kunstvolle Begleitung zu finden, oder ob er auch an der Gestaltung der Melodien mit beteiligt ist. Als reine „Bearbeitungen“ haben die „deutschen Volkslieder“ zu gelten, an denen er Zeit seines Lebens gearbeitet hat; unter vielen ähnlichen Sammlungen ragen sie durch die Meisterschaft, mit der die Begleitung gestaltet ist, hervor. Nicht alle Stücke sind echte „Volkslieder“, manches stammt aus dem Kreis der Romantiker - das schönste Stück aber, „In stiller Nacht“, das mit der kunstvollsten Begleitung ausgestattet ist, scheint von B.eingeschmuggelt zu sein - ein Beweis, wie nahe er als Melodiker der Welt des echten Volksliedes war.
1890 wollte er sein Schaffen mit dem Streichquintett op. 111 beschließen, dessen Ecksätze zum Heitersten gehören, das er geschrieben hat; vor allem der letzte ist von einer Differenziertheit der Polyphonie, die an die letzten Quartette Beethovens erinnert. Aber kaum hatte er damit sein, wie er glaubte, letztes Wort gesprochen, floß sein schöpferischer Quell von neuem, hervorgelockt durch das Spiel des Klarinettisten Rich. Mühlfeld vom Meininger Orchester. Diesem verdanken wir vier der schönsten Kammermusikwerke (1891–93): das Trio für Klavier, Klarinette und Violoncell op. 114, das Quintett für Klarinette und Streichquartett op. 115 und die beiden Sonaten für Klarinette und Klavier op. 120, vier Werke höchster Reife und Abgeklärtheit, vollkommen gelöst, wie mit leichter Hand hingeschrieben und doch voll tiefen Gehalts, am tiefsten wohl das berühmte Klarinettenquintett, in dessen Adagio noch einmal die Erinnerung an die Zigeunermusik auftaucht. Dann kehrte er zurück zur Liebe seiner Jugend, dem Klavier als Soloinstrument. (Einzige Werke der mittleren Zeit die Klavierstücke op. 76 von 1878, und die beiden bedeutenden Rhapsodien op. 79 von 1879.) Nun gab er als op. 116-119 in den Jahren 1892 und 1893 zwanzig Klavierstücke unter verschiedenen, nicht sehr bezeichnenden Titeln heraus, die meisten erst damals entstanden, mit denen er sich als Meister des „Klavierstücks“ neben Schubert, Schumann und Chopin stellt. Die gleiche reife Meisterschaft zeigen die „Vier ernsten Gesänge“ (auf Worte der Bibel) op. 121, geschrieben Anfang Mai 1896, kurz vor dem Tode Clara Schumanns, wohl in der Vorahnung eigener Todesnähe, ein erhabener Abschluß reichen Schaffens, ohne eine Spur von Nachlassen der schöpferischen Kraft, nur letzte Vergeistigung. Es folgten noch, als op. 122 nach dem Tode des Meisters herausgegeben, elf Choralvorspiele für Orgel, in denen der Stil Johann Sebastian Bachs aus der Individualität von B. wiedergeboren erscheint. Das letzte Stück, die letzten Noten, die er schrieb, geht über den Choral „O Welt, ich muß Dich lassen“.
In den Jahrzehnten, da die Werke von B. entstanden, war die musikalische Welt durch das Auftreten und den Siegeszug Richard Wagners tief erregt. Lange Zeit standen sich die Anhänger des einen und des anderen als feindliche Parteien gegenüber, wobei allmählich von den „Wagnerianern“ auch →Anton Bruckner als der echte Sinfoniker gegen B. auf den Schild gehoben wurde. In der Wiener Presse kämpfte →Eduard Hanslick mit der gleichen verbissenen Leidenschaft für B. gegen Wagner und Bruckner, wie Hugo Wolf für diese beiden gegen B.. Auch bei den Musikern gab es die beiden Parteien. Hans Richter, der Wagner und B. mit der gleichen Hingabe und größtem Verständnis dirigierte, war eine Ausnahme. Bei Hans v. Bülow, der sich aus einem Jünger Wagners in einen|fanatischen B.anhänger verwandelte, mögen persönliche Schicksale mitbestimmend gewesen sein. Allmählich haben sich die Gegensätze abgeschliffen, nur B. und Bruckner gelten noch immer als fast unvereinbare Größen. (Doch steht ein Dirigent wie W. Furtwängler beiden Meistern gleich nahe.) Auch das Neue, Vorwärtsweisende an B. wird heute deutlicher gesehen als zu seinen Lebzeiten. Bezeichnend ist, daß ein Vertreter der extremen Moderne behauptet, daß B. „in allen Fragen der Konstruktion →Arnold Schönberg antizipiere“ (Th. Wiesengrund-Adorno, Philosohpie d. neuen Musik, 1949, S. 48 Anmerkung). Von den Komponisten der auf B. folgenden Generation sind nur diejenigen von ihm unbeeinflußt geblieben, die von Anfang an →Richard Wagner folgten, am wenigsten noch →Hans Pfitzner, der in Schumanns Art begann, während Richard Strauß vor seiner Bekehrung zu Wagner brahmsisch komponiert hat. →Max Reger steht, trotz der Maßlosigkeit seines künstlerischen Wesens, in seinen Anfängen B. am nächsten und ist ihm, vor allem im Klavierstil, Zeit seines Lebens verpflichtet geblieben. Durch ihn wirkte die B.’sche Kunst weiter auf seine Schüler, vor allem auf deren begabtesten, Josef Haas. Aber auch außerhalb der Regerschule ist überall da, wo das klassisch-romantische Ideal noch etwas gilt, das Vorbild von B.deutlich. Dies trifft auch für das Ausland zu, dessen Verständnis für B. immer mehr wächst. Vor allem die Tatsache, daß B., der einzige rein nordisch-deutsche unter den großen Meistern, im Konzertleben Frankreichs und Italiens von Jahr zu Jahr mehr verlangt wird, zeigt, wie echt und reich der menschliche Gehalt, wie groß die objektive Gestaltungskraft seiner Musik ist.
4. Richard Wagner
W.s windungsreicher Lebensgang weist neben wenigen Strecken einer relativen, an zentrale Wohnorte gebundenen Stabilität überwiegend eine Folge kürzerer Abschnitte auf, deren konstantes Merkmal räumliche Unbeständigkeit als Ausdruck existentieller Ungewißheit darstellt. Eine starke Strebe in dieser an Fährnissen reichen Biographie bildete die Klarheit eines künstlerischen Lebensprogramms, das spätestens in den 1840er Jahren feste Konturen gewann. Der Kreis an literarischen und mythischen Stoffen, die W. zu Opern und musikalischen Dramen formen wollte, wurde zu dieser Zeit fixiert und bis zum Lebensende konsequent ausgeschritten. Das künstlerische Schaffen strukturierte als stets präsentes Movens den Lebenslauf, und daß Biographie und Werk wechselseitig aufeinander bezogen seien, reflektierte W. von früh auf; er vergewisserte sich dieses Bezugs unentwegt in Briefen und Schriften und inszenierte das fragile Verhältnis beinahe zeitlebens in teleologischer Perspektive, wie die 1870, 1875 und 1880 gedruckten vier Bände der Autobiographie „Mein Leben“ belegen.
Kindheit und Jugend W.s standen bis 1833 unter der prägenden Erfahrung einer Irritation hinsichtlich der eigenen Herkunft sowie häufiger Ortswechsel (Dresden 1814–20, Possendorf 1820 / 21, Eisleben 1821 / 22, Dresden 1822–27, Leipzig 1827–33). Nachdem der leibliche →Vater ein halbes Jahr nach der Geburt des Sohnes gestorben war, übernahm die verwaiste Stelle 1814 der Schauspieler, Portraitmaler und Dichter →Ludwig Geyer, dessen Name W.bis Ende 1827 trug. Seit 1822 besuchte W. die Dresdner Kreuzschule, seit 1828 das Nikolai-Gymnasium in Leipzig; einen förmlichen Schulabschluß erreichte er nicht. Herausragende musikalische Begabung war nicht zu erkennen, doch erwachte früh das Interesse für Literatur (beeinflußt durch seinen Onkel →Adolf), Theater und in der Folge dramatische Komposition. W. versuchte sich zunächst autodidaktisch mit dem „System der Musikwissenschaft“ von →Johann Bernhard Logier (1777–1846) zu bilden; geregelten Kompositionsunterricht erhielt er seit Spätsommer 1831 für wenige Monate bei dem Thomaskantor →Theodor Weinlig (1780–1842). Aufführungen erster Orchesterwerke erregten lokale Aufmerksamkeit, v. a. die Symphonie in C-Dur WWV 29 (1832). Im Jan. 1833 trat W. für kurze Zeit eine Stelle als „Choreinstudierer“ am Würzburger Theater an, wo sein Bruder →Albert als Sänger wirkte. Das Jahr stand jedoch ganz im Zeichen von Dichtung und Komposition des an dt. Vorbildern wie →Carl Maria v. Weber (1786–1826) und →Heinrich Marschner (1795–1861) orientierten Bühnenerstlings „Die Feen“ WWV 32 (UA postum München 1888) und damit der Selbstfindung als Opernkomponist. Es gelang ihm jedoch nicht, sich dauerhaft beruflich zu etablieren: Kurzfristige Theaterengagements (1834–36 Lauchstädt, Rudolstadt, Magdeburg; 1837 Königsberg; 1837–39 Riga) brachten zwar praktische Erfahrungen ein, aber die zweite, nun an ital. Vorbildern ausgerichtete Oper „Das Liebesverbot oder Die Novize von Palermo“ WWV 38 (erfolglose UA Magdeburg 1836) führte schließlich zu einer bedrohlichen Schuldenlage; dieser konnten sich W. und seine Frau →Minna 1839 nur durch eine abenteuerliche Flucht über London nach Paris entziehen. Die entbehrungsreichen Jahre bis 1842 brachten nicht den erhofften Durchbruch, doch erkundete W. mit „Rienzi, der Letzte der Tribunen“ WWV 49 nach dem Modell der franz. Grand opéra sowie der stilistisch eigenständigeren romantischen Oper „Der fliegende Holländer“ WWV 63 weitere Spielarten musikdramatischer Genres. Erst die triumphale Uraufführung des „Rienzi“ im Okt. 1842 am Hoftheater Dresden und der dortige Achtungserfolg der „Holländer“-Premiere Anfang des Folgejahrs führten im Febr. 1843 zu einer Anstellung als Zweiter kgl. sächs. Hofkapellmeister. Sofort stürzte sich W. in eine rastlose Tätigkeit als Dirigent (neben Opern v. a.Musteraufführungen klassischer Orchesterwerke, u. a. 1846 die 9. Symphonie Beethovens), als Operndichter und als Komponist; es entstanden „Das Liebesmahl der Apostel“ WWV 69 (UA Dresden 1843), 1843–45 „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ WWV 70 (UA Dresden 1845), 1845 die Prosaskizze zu „Die Meistersinger von Nürnberg“ und 1845–48 „Lohengrin“ WWV 75 (UA Weimar 1850). Dringendes Anliegen war ihm überdies die künstlerische Reorganisation des Musik- und Theaterwesens. W.s unbedingter Reformwille machte ihn empfänglich für die politischen Anliegen der Revolutionäre von 1848 / 49; er beteiligte sich am Dresdner Maiaufstand 1849, geriet unter Verdacht, wurde fortan steckbrieflich gesucht und floh außer Landes.
Seit Ende Juli 1849 mit seiner Frau im Zürcher Exil lebend, richtete W. sein Selbstverständnis neu aus und legte seine Kunst- und Weltsicht umfassend in Schriften nieder, so in „Die Kunst und die Revolution“ und „Das Kunstwerk der Zukunft“ (beide 1849), dann im theoretischen Hauptwerk „Oper und Drama“ (1850 / 51), schließlich in der autobiographischen Notiz „Eine Mittheilung an meine Freunde“ (1851). In diesen Kontext gehört auch der hochproblematische Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ (1850). Dramatisch-musikalische Verwirklichung fanden die entwickelten Gedanken in einer großangelegten, den Nibelungen-Mythos entfaltenden Tetralogie: Bis 1852 waren die Dichtungen zu „Das Rheingold“ WWV 86A, „Die Walküre“ WWV 86B, „Siegfried“ WWV 86C und „Götterdämerung“ WWV 86D abgeschlossen. Die Komposition der vier Teile erstreckte sich, mit großen Unterbrechungen, über mehr als 20 Jahre (Abschluß in der Reihenfolge der Werke: 1854, 1856, 1865 [bis 2. Akt]/ 1871, 1874). Da W. der Weg nach Deutschland abgeschnitten war – eine Teilamnestie wurde erst 1860, die völlige Aufhebung 1862 erlassen –, versuchte er sein Wirkungsfeld im Ausland zu erweitern, namentlich durch Konzertreisen (1855 London; 1860 Paris, Brüssel; 1862 / 63 Wien, Prag, St. Petersburg, Moskau, Budapest u. a.) und Opernaufführungen (Fiasko des „Tannhäuser“ 1861 in Paris). Auch in Zürich trat er als Dirigent auf. Die Lebensverhältnisse blieben angespannt, obwohl vermögende Bürger ihn großzügig unterstützten. Im April 1857 bezogen die Wagners ein „Asyl“ genanntes Domizil neben der Villa des Mäzenaten-Ehepaars →Otto (1815–96) und →Mathilde Wesendonck (1828–1902). Hier unterbrach W. die Arbeit am „Ring“ zugunsten von „Tristan und Isolde“ WWV 90. Nach familiären Mißhelligkeiten verließ W.ein Jahr später Zürich und begann erneut ein unstetes Wanderleben (1858 / 59 Venedig; 1859–62 Luzern, Paris, Wien, Karlsruhe; 1862–64 Biebrich b.Wiesbaden, Wien), das ihn unaufhaltsam in den finanziellen Ruin trieb. Trotz aller Unruhe arbeitete W. seit 1861 an „Die Meistersinger von Nürnberg“ WWV 96 (UA München 1868).
Einer drohenden Schuldhaft in Wien entging W. im Frühjahr 1864 durch Ausweichen in die Schweiz und nach Deutschland. Ein erhofftes „gutes, wahrhaft hilfreiches Wunder“ (Brief v. 8. 4. 1864 an →Peter Cornelius, 1824–74) ereignete sich am 3. Mai des Jahres, als der gerade gekrönte bayer. Kg. →Ludwig II. (1845–86) den Komponisten nach München rufen ließ. Die nun wie im Rausch erlebte Zeit in der Residenzstadt, in der sich W. schlagartig aller materiellen Sorgen enthoben sah und beinahe uneingeschränkten Einfluß auf den jungen Monarchen ausüben konnte, fand ihren Höhepunkt in der Uraufführung von „Tristan und Isolde“ im Juni 1865. W.s hochfliegende organisatorische, kunstpolitische und künstlerische Pläne, wie z. B. der Bau eines monumentalen Festtheaters oder die Gründung einer Musikschule für die Heranbildung fähiger Sänger, blieben allerdings weitgehend unverwirklicht (außer Prosaentwurf des „Parzival“), da der →König sich im Dez. 1865 genötigt sah, seinen maßlosen Protegé des Landes zu verweisen. W. siedelte nach Tribschen nahe Luzern über und gründete hier einen Haushalt mit der ihm bereits seit längerem intim verbundenen →Cosima v. Bülow, der Tochter →Franz Liszts und Ehefrau seines Freundes →Hans v. Bülow (1830–94). Die Ehe mit →Minna war seit langem zerrüttet gewesen. Von 1866 bis 1872 vollendete W.zunächst die „Meistersinger“, dann „Siegfried“, förderte die Skizze der „Götterdämmerung“ bis weit in den 3. Akt hinein, stellte die Ausgabe seiner „Gesammelten Schriften und Dichtungen“ zusammen und führte die Pläne von Festspielen in Bayreuth bis zur endgültigen Entscheidung über ihre Realisierung und bis zur Grundsteinlegung für das Festspielhaus. Ein intensiver persönlicher Austausch bestand zeitweilig mit →Friedrich Nietzsche (1844–1900).
Die Übersiedlung mit →Cosima und den drei gemeinsamen Kindern Isolde, Eva und Siegfried nach Bayreuth 1872 markiert den Beginn der letzten Lebensperiode W.s. Im Aug. 1873 wurde das Richtfest des Festspielhauses gefeiert; seit April 1874 lebte die Familie im eigenen, neu errichteten Haus Wahnfried. Die „Ring“-Partitur konnte W. im Nov. dieses Jahres abschließen. Sogleich liefen die Vorbereitungen für die ersten Festspiele an: Im Aug. 1876 ging erstmals vor internationalem Publikum die Tetralogie über die Bühne. Ungeachtet des künstlerischen Triumphs endeten die Festspiele in einem Finanzdebakel, das eine Wiederholung vorerst unmöglich machte – die nächsten Gesamtaufführungen des „Rings“ fanden 1878 in München sowie 1879 in Leipzig und Wien statt. Trotz aller Aussichtslosigkeit und fortdauernder Mühsal bei der Aufrechterhaltung seiner Festspielidee begann W. im Frühjahr 1877 mit Dichtung und Komposition des „Parsifal“ WWV 111, den er – immer wieder unterbrochen durch längere Auslandsreisen – bis Anfang 1882 beendete. Diese letzte Schöpfung stand im Mittelpunkt der zweiten Bayreuther Festspiele im Juli/ Aug. 1882. Inzwischen gesundheitlich angeschlagen, übersiedelte W. mit seiner Familie im September nach Venedig, um dort Erholung zu suchen. Wenige Monate vor seinem 70. Geburtstag erlag er hier im Palazzo Vendramin am Canal Grande einem Herzanfall.
W. ist neben →Ludwig van Beethoven (1770–1827) der wirkungsmächtigste Komponist des 19. Jh. Im Zentrum von Denken und Schaffen steht das Theater und hier das Drama in einem allumfassenden Sinn als Medium des Zusammenspiels aller Künste. Für dieses neuartige Verständnis verwendete W.erstmals in seiner Schrift „Die Kunst und die Revolution“ (1849) den schon Jahrzehnte vor|ihm geprägten Begriff „Gesamtkunstwerk“ (den Ausdruck „Musikdrama“ lehnte er als zu eng ab). Instrumentalmusik spielt, abgesehen vom Frühwerk, nur am Rande eine Rolle („Eine Faust-Ouvertüre“ WWV 59, 1839 / 40; „Siegfried-Idyll“ WWV 103, 1870). Das historische Widerlager seiner die ganze europ. Geschichte umspannenden Theorie bildet das antike Theater und hier die Tragödie. Die in ihr vorhandene Einheit von Sprache, Bewegung („Gebärde“) und Musik, war, so W., zerbrochen und müsse wiederhergestellt werden, freilich nicht im Sinne eines restauratorischen Aktes, sondern in Form und Funktion eines „Kunstwerks der Zukunft“. Dessen Hervorbringung ist an den Künstler gebunden, der Dichter- und Musikertum in sich vereinigt; von Beginn an schrieb W. die Textbücher seiner musikalischen Dramen selbst. Von dieser Position aus brach er nach 1850 endgültig mit der herkömmlichen Oper, in der die Musik – ein Mittel des Dramas – irrigerweise zu dessen Zweck erhoben worden sei. Entscheidend für die Erneuerung des Dramas war für W. neben einem neuen, stark an der Sprachdeklamation orientierten Gesangsstil die Rolle des Orchesters. Es trat in die Stellung des allwissend-kommentierenden antiken Tragödienchors ein und garantierte durch u. a. →von Beethoven herrührende symphonische Durchführungsverfahren den strukturellen Zusammenhang in dramatischen Verläufen („Leitmotiv“; „dichterischmusikalische Periode“, „unendliche Melodie“, „Kunst des Übergangs“); herkömmliche Arien- und Ensembleformen verschwanden weitgehend. Die Stoffe des Dramas fand W. vornehmlich im mittelhochdt. Epos (Ausnahmen u. a. „Die Feen“, „Rienzi“ und „Meistersinger“); aus diesem nährt sich auch der synkretistische Mythos des Nibelungen-Rings. Das grundlegende Motiv in W.s Gedankenwelt stellt „Erlösung“ dar, ein Begriff, den er über die Kunst hinaus für Mensch und Gesellschaft als zunehmend verabsolutierte Maxime geltend macht; deren Problematik tritt in der „Judenthum“-Schrift (1850) eklatant hervor.
Die genannten kunsttheoretischen Grundüberzeugungen W.s und deren ästhetische Ausformungen sowie die kompositorischen Merkmale der Werke erzeugten einen enormen Widerhall bei den künstlerischen Zeitgenossen wie auch beim Publikum. Die schon früh in beinahe bedingungslose Gefolgschaft einerseits, unerbittliche Gegnerschaft andererseits gespaltene Öffentlichkeit bildete den weiten Resonanzraum für einen Bühnendichter, Komponisten und Musikdenker, der sich selbst und seine Imaginationskraft für letztlich inkommensurabel hielt. Tatsächlich orientierten sich viele schöpferische Musiker im In- und Ausland an Kompositionstechniken und -verfahren W.s, was nicht pauschal als epigonales Nachahmen abgetan, sondern vielmehr als produktive Aufnahme fortzeugungsfähiger Modelle verstanden werden sollte – jenes gab es, doch dieses allein ist, schaut man auf Namen wie →Bruckner, →Debussy, Wolf, →Humperdinck, Strauss, →Pfitzner oder →Schönberg, von historischer Relevanz. Darin liegt auch der Grund, daß die Vorbildfunktion und Einflußkraft W.s für die Entwicklung der Musik in der zweiten Hälfte des 19. Jh. und weit darüber hinaus nicht hoch genug einzuschätzen ist.
Zu W.s Selbstverständnis gehört untrennbar eine lebenslange publizistische Tätigkeit als – im weitesten Sinne verstandener – Kommentator seines musikalischen Schaffens, aber auch des Geschehens in Kunst, Geschichte, Philosophie, Religion, Politik und Gesellschaft seiner Zeit. Wirkungsgeschichtlich höchst effektiv waren und sind die auf W. selbst zurückgehenden Vereine und Gemeinden, die weltweit für die Pflege des Werks, das als Träger einer Weltanschauung verstanden wird, eintreten. Ihre Mitte finden sie in der langen Tradition sommerlicher Festspiele in Bayreuth.
Der Einfluß von W.s Persönlichkeit und Œuvre zeitigte mächtige Folgen für die europ. Kulturgeschichte im allgemeinen, für das Theater, die Literatur („Wagnérisme“: →Baudelaire, →Mallarmé, →Verlaine, →d’Annunzio, →Wilde, →Joyce, →Ibsen, →Strindberg, →Mann u. a. m.), den Film und die bildende Kunst (→Makart, →Beardsley, →Kandinsky u. a. m.). Neben dieser kulturgeschichtlichen Dimension ist im besonderen auch die fatale politische Rezeption W.s zu erwähnen. Sie läßt sich nicht vom Werk trennen, sondern liegt, jedenfalls in manchen Teilen, in ihm begründet. Wohl bei keinem anderen Künstler des 19. Jh. sind Person und Bühnenkunst derart ideologisch aufgeladen wie bei W. Dessen Hegemonialanspruch in Theater und Musik korrelierte mit demjenigen des jungen Dt. Reichs und der Überzeugung, in der Welt der Dichter, Denker und Musiker die Führung innezuhaben. Diese Hybris befeuerte sich wechselseitig und schuf den Nährboden für spätere Vereinnahmungen, v. a. im „Dritten Reich“. Die Meinung, es sei „viel Hitler in Wagner“ (Th. Mann), berührt einen ebenso problematischen wie ambivalenten Sachverhalt. W. ist|kein Nationalsozialist „avant la lettre“. Aber mit Elementen seiner Weltsicht, insbesondere seinem Antisemitismus, stieß er bei Hitler und im NS-Staat auf begierige Rezipienten, aufs eifrigste befördert vom Bayreuther Familien-Wagnerismus um →Winifred Wagner und →Houston Stewart Chamberlain. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Widerspruch zwischen nach wie vor faszinierender künstlerischer Leistung auf der einen Seite, abgründiger Unterminierung des Œuvres auf der anderen gehört auch im 21. Jh. zu den großen Herausforderungen, vor die W. die Nachwelt stellt.
5. Friedrich Engels
E. Leben und Bedeutung ist bestimmt durch seine 1844 in Paris geschlossene Freundschaft mit Karl Marx. Sie basiert auf einer bemerkenswerten Übereinstimmung der Ansichten, die selbst wieder das Resultat einer parallelen Entwicklung in den revolutionären Jahren 1839-43 und einer regen Anteilnahme an den theologischen und politischen Auseinandersetzungen der Junghegelianer und den damals einströmenden kommunistischen Theorien ist.
Als noch nicht 18jähriger kam E. im Juli 1838 aus einer pietistischen Umwelt in die kaufmännische Lehre nach Bremen. Seine Neigungen galten jedoch dem Dichten, der Musik und der Schriftstellerei. Seine ersten Versuche erschienen meist unter dem Pseudonym Friedrich Oswald, Gedichte und zeitkritische Beiträge in liberalen Blättern (Briefe aus dem Wuppertal, in: Gutzkows Literaturzeitschrift „Telegraph für Deutschland“, März 1839). E. war begeistert von Freiligrath, Gutzkow, dem Jungen Deutschland, E. M. Arndt, vor allem aber von Börne. Seine entscheidende Wandlung vollzog sich 1839, als der durchaus noch kirchliche E. sich durch Schleiermacher, vor allem aber durch D. F. Strauß aus der Orthodoxie löste und zur nach- und junghegelianschen Theologie und Geschichtsphilosophie kam und Börne ihn zum politischen Radikalismus führte. E. Ideal wurde eine Durchdringung von Börne und Hegel als Vermittlung von Leben und Philosophie. Auch das Zeitgeschehen erregte E. jetzt stärker; schon in seinen ersten zeitkritischen Beiträgen zeigten sich soziale Interessen, um 1840 auch schon sozialistische Züge.
Zum Herbst 1841 ging E. als Einjährig-Freiwilliger zum Garde-Fußartillerie-Regiment nach Berlin, wohin ihn die rege Universität und der Junghegelianerkreis lockte, dem auch Marx in seiner Studentenzeit noch bis April 1841 angehört hatte. E. hörte Schellings Antrittsvorlesung (15.11.1841) und dessen erste gegen Hegel gerichtete Vorlesung über die Philosophie der Offenbarung, und er nahm sofort führend Anteil am junghegelianischen Kampf gegen Schelling („Schelling über Hegel“, Mitte Dezember im „Telegraph“, ferner die anonymen Broschüren „Schelling und die Offenbarung, Kritik des neuesten Reaktionsversuchs gegen die freie Philosophie“, März 1842, und „Schelling, der Philosoph in Christo, oder Die Verklärung der Weltweisheit zur Gottesweisheit“, Mai 1842), an der sich damals radikalisierenden Hegelkritik der linken Junghegelianer, der sogenannten „Freien“ (durch Mitarbeit an der „Rheinischen Zeitung“ April/Juli 1842) und an deren Kampf gegen den neuen reaktionären Kurs in Preußen anläßlich des Vorgehens gegen →Bruno Bauer (travestierendes Pamphlet „Die frech bedräute, jedoch wunderbar befreite Bibel oder Triumph des Glaubens“, Sommer 1842, das bereits den starken Einfluß Feuerbachs und den betonten Atheismus zeigte). Bald aber distanzierte sich E. von der ihm zu theoretisch und zu individualistisch-anarchisch werdenden Entwicklung der „Freien“ (Kritik an Alexander Jungs „Vorlesungen über die moderne Literatur der Deutschen“, in: Deutsche Jahrbücher, Juli 1842), von denen sich auch Marx damals bereits entschiedener getrennt hatte. In diesen Berliner Kreis drangen 1842 Gedanken über soziale Revolution.
Nach Beendigung der Militärzeit sollte E. in Manchester bei der Firma Ermen und Engels, an der sein Vater Mitinhaber war, die Lehre abschließen. In Köln suchte E. die Redaktion der Rheinischen Zeitung auf. Moses Heß wies ihn auf Englands Bedeutung für die künftige soziale Revolution und auf das Problem des Klassenkampfes hin; ein Halbjahr später nahm er für sich in Anspruch, E. zum Kommunismus bekehrt zu haben. Hier fand auch eine erste, etwas kühle Begegnung mit Marx statt, der diesem Berliner „Freien“ gegenüber sich mißtrauisch zurückhielt. In der Überzeugung, daß die Emanzipation der Menschheit nur durch Überwindung des Privateigentums durch die nahe soziale Revolution und nicht auf dem Wege der politischen Demokratie möglich sei, kam E. im November 1842 nach Manchester, dem Geburtsort der Anti-Kornzoll-Liga, einem Zentrum des Chartismus, den damaligen Brennpunkt des industriellen Fortschritts, der proletarischen Verelendung und der politischen und sozialen Spannungen Englands in den letzten Jahren, in einem Augenblick, als dort gerade der erste große Massenstreik zusammengebrochen war. E. studierte die Chartisten- und Arbeiterbewegung, kam mit O'Connor, Harney, O'Brien, Watts zusammen, besuchte|Owensche Massenversammlungen, Fabriken, Arbeiterviertel, beobachtete O'Connels irische Bewegung, suchte 1843 in London die deutschen Kommunisten →Karl Schapper, Joseph Moll, Heinrich Bauer vom „Bund der Gerechten“ auf, studierte die englische sozialkritische Literatur (Shelley, Disraeli, Carlyle), das nationalökonomische Schrifttum und die sozialistischen Theoretiker und sammelte Material für eine Sozialgeschichte Englands. In der „Rheinischen Zeitung“, dem „Schweizer Republikaner“, dem Pariser „Vorwärts“ (1844) stellte er die englische Krisensituation dar, im Owen-Blatt „The New Moral World“ entwickelte er die Fortschrittlichkeit des theoretischen Kommunismus in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. In den 1½ Jahren in Manchester (bis August 1844) vollzog E. – spürbar schon seit den ersten Wochen – die entscheidende Wandlung zum unutopischen Kommunismus und revolutionären Aktivismus, und er betrachtete die ökonomischen Verhältnisse als Grundlage der politischen Spannungen. Die literarische Frucht dieser Zeit sind die Vorarbeiten für „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1845) und die Beiträge für die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ aus dem Winter 1843/44: „Die Lage Englands, ‚Past and Present' by Thomas Carlyle“ und vor allem die „geniale Skizze“ (Marx 1859) „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“. Diese Arbeit führte zum zunächst brieflichen Kontakt mit Marx.
Die entscheidende Begegnung, die die bleibende enge Freundschaft und Zusammenarbeit begründete, fand Anfang September 1844 in Paris statt, wo E.seine Rückreise zehn Tage unterbrach. Beide stellten fest, wie nahe sie sich in ihren Anschauungen und Zielen gekommen seien und wie gut sie einander ergänzen könnten, der grüblerische, radikale Theoretiker und der dem praktischen Leben und der Ökonomie zugewandte, begabte Dilettant. Für ein gemeinsames Werk, das unter starkem Einfluß Feuerbachs vom Boden des „realen Humanismus“ den abstrakten Subjektivismus der Junghegelianer, insbesondere der Brüder Bauer und anderer Gefährten der Berliner Zeit, deren Organ 1843/44 die „Allgemeine Literatur-Zeitung“ war, aber auch Hegel selbst kritisieren sollte, steuerte E. noch in Paris einige Abschnitte (noch nicht ein Zehntel des Umfangs) bei (E. und K. Marx, „Die Heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik“, 1845). Im Winter 1844/45 schrieb E. in Barmen „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1845, 2. Auflage mit neuem Vorwort 1892). Es beruht auf dem in Manchester gesammelten Material, eigenen Beobachtungen, dem englischen sozialkritischen Schrifttum und den parlamentarischen Enqueten, und es ist wohl E. bedeutendstes Werk geblieben, das für seine geistige Entwicklung von besonderem Interesse ist, weil es noch nicht ganz die Übereinstimmung mit Marx zum Ausdruck bringt und – wie schon „Die Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“ – Besonderheiten zeigt, die E. weitgehend bewahrt hat.
In seiner Heimat trieb E. kommunistische Propaganda („Zwei Reden in Elberfeld“, Februar 1845, in: Rheinische Jahrbücher, 1845) zusammen mit Moses Heß, aber ohne Widerhall im Proletariat. Als es zu Konflikten mit den Behörden und seinem Vater kam, ging E. gegen Ostern nach Brüssel, wo der aus Paris ausgewiesene Marx schon seit Februar lebte. Im Sommer (Juli/August) unternahmen beide eine Studienreise nach London und Manchester; dann begann die gemeinsame „Selbstverständigung“ (bis August 1846), ihre Abrechnung mit den Junghegelianern und vor allem die Auseinandersetzung mit Feuerbach (das umfangreiche Manuskript „Die deutsche Ideologie, Kritik der nachhegelschen Philosophie in deren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten“ wurde erst seit 1926 beachtet, 1932 erstmalig vollständig herausgegeben, maßgeblich in MEGA I, 5; Abdruck mit verkürztem wissenschaftlichem Apparat, Berlin 1957). Hier wurde von beiden der „historische Materialismus“ nach den verschiedensten Seiten bis in die praktisch-politischen Konsequenzen durchdacht. Sie suchten jetzt Einfluß auf die aufkeimende sozialistisch-kommunistische Bewegung durch ein von ihnen in Brüssel begründetes Korrespondenzbüro; sie kritisierten die verschiedensten „utopischen“ Richtungen, verkündeten ihren wissenschaftlich-kritischen Kommunismus als die Lehre von den wirklichen Bedingungen der Befreiung des Proletariats und wandten sich scharf gegen Hermann Kriege, Wilhelm Weitling, Moses Heß, →Karl Grün, →Karl Heinzen.
Im August 1846 zog E. nach Paris, wo er unter den „Straubingern“, den dortigen deutschen Handwerkerkommunisten, die Proudhon-, Grün-, Heß- und Weitling-Einflüsse bekämpfte und Kontakt zu den französischen Theoretikern Proudhon, Cabet, Blanc, Flocon suchte. Er vertrat radikal die Notwendigkeit der gewaltsamen demokratischen Revolution. Ein Erfolg des Kampfes dieser Zeit war|Marx' Einfluß auf den Londoner „Bund der Gerechten“, dessen führende Köpfe sich im Winter 1846/47 zur neuen Theorie des Kommunismus von Marx und E. bekannten. E. sprengte im Juni 1847 den bisherigen „Bund der Gerechten“ und wirkte an seiner Umgestaltung zum „Bund der Kommunisten“ mit. Als Programm entwarf er im November 1847 die „Grundsätze des Kommunismus“. Anfang Dezember nahmen Marx und E. am Bundeskongreß in London teil, wo Marx sich endgültig durchsetzte und den Auftrag zur Abfassung des „Manifestes der kommunistischen Partei“ erhielt, für das dieser E. „Grundsätze“ verwendete und das dann unter beider Namen Anfang Februar 1848 in London erschien.
Ende Januar 1848 wurde E. aus Frankreich ausgewiesen, kehrte Ende März von Brüssel nach Paris, wohin bereits das Londoner Zentralkomitee des Kommunistenbundes verlegt war, und Ende April ins Rheinland zurück, wo Marx und er seit Juni aus der Neuen Rheinischen Zeitung ein Organ zur Aufrüttelung des liberalen Bürgertums schufen. E. verfolgte besonders das revolutionäre Geschehen im Ausland. Er erwartete von einem deutschen Volkskrieg gegen Rußland den Sturz der alten Mächte; er hoffte vergebens auf den Ausbruch der Revolution in England, auf den Sieg der Pariser Arbeiter, auf Widerstand der Frankfurter und Berliner Nationalversammlung gegen die erstarkende Reaktion. Im September trat E. stärker im Rheinland hervor – dabei auch erste Begegnung mit Lassalle –, mußte dann fliehen und ging über Brüssel und Paris in die Schweiz, wo er Kontakte mit den dortigen Arbeitervereinen suchte; Januar 1849 kehrte er nach Köln zurück. Als im Rheinland im Frühjahr die Revolution neu aufflackerte, beteiligte er sich führend in Wuppertal. Drohender Verhaftung entzog er sich Mitte Mai und ging ins pfälzisch-badische Aufstandsgebiet. Nach kurzer Festnahme beteiligte er sich als Adjutant August von Willichs am weiteren Aufstand – damals Begegnung mit Gottfried Kinkel – und nahm am letzten Rückzug in die Schweiz teil. In Genf lernte er Wilhelm Liebknecht kennen. Oktober/November gelangte er über Genua zu Schiff nach London, wo sich Marx bereits niedergelassen hatte, um in der „Revue“ der Neuen Rheinischen Monatsschrift die bürgerliche Demokratie zu bekämpfen und die zweite Revolution zu schüren. In London sammelten sich die revolutionären Emigranten und die alten Mitglieder der Zentralbehörde des Kommunistenbundes. Marx und E. gerieten hier bald in die völlige Isolierung; die „Revue“ ging 1850 ein. Vergebens hoffte E. auf eine neue Wirtschaftskrise und mit ihr auf den Ausbruch der von ihm schon seit Jahren erwarteten englischen Revolution. In diesem Londoner Jahr stellte E. kritische Betrachtungen zur jüngsten Vergangenheit an: „Die deutsche Reichs-Verfassungskampagne“ (gleichzeitig mit Marx' „Klassenkämpfe in Frankreich“ in der „Revue“ erschienen), „Der englische Zehnstundentag“ und als historische Erläuterung „Der deutsche Bauernkrieg“. Für die nächsten 20 Jahre kehrte E. nach Manchester in den „hündischen Commerz“ zurück; er war als Prokurist der deutschen Firma, seit 1864 als Teilhaber mit guten Einkünften tätig, so daß er Marx kräftig unterstützen konnte. Er entlastete ihn auch dadurch, daß er weitgehend dessen journalistische Verpflichtungen übernahm, unter anderem für New York Tribune, die Neue Oder-Zeitung und die Wiener Presse. Die wichtigsten Artikel sind in „Gesammelte Schriften von Marx und E. 1852-62“ (herausgegeben von D. Rjasanow, 1917) enthalten (erschienen nur 2 Bände bis 1855). Die Artikelserie „Revolution und Kontre-Revolution in Deutschland“, die noch 1896 von Kautsky und Marx' Tochter als Schrift von diesem in Übersetzung herausgebracht wurde, stammte aus E. Feder (1851/52 im New York Tribune).
Die Auflösung des Kommunistenbundes (1852) gab Marx und E. größere Freiheit für eigene Arbeit. E. beschäftigte sich mit militärischen Fragen und verfolgte aufmerksam die Weltpolitik, den Aufstieg →Napoleons III., die orientalische Frage, den Panslawismus, den Krimkrieg, die Nationalitätenprobleme. 1854/55 bereitete er eine Arbeit „Deutschland und das Slawentum“ gegen Panslawismus und russischen Revolutionsoptimismus vor; damals beschäftigten ihn auch Fragen des frühen Agrarkommunismus und der ökonomischen Grundlage der orientalischen Reiche. Seit der Neuen Ära in Preußen nahm er wieder lebhafteren Anteil an den deutschen Verhältnissen. Als der italienische Krieg drohte, nahm er im Februar/März 1859 in der anonymen Schrift „Po und Rhein“ im großdeutsch-nationalen Sinne gegen die populäre proösterreichische Politik Stellung und trat für Preisgabe der Lombardei an ein geeintes Italien ein. Nachdem sich Lassalle für →Napoleon III. und eine „friderizianische“ Politik gegen Österreich zum Erwerb Schleswig-Holsteins eingesetzt hatte, warnte E. (Februar 1860, „Savoyen, Nizza und der Rhein“) vor Bonapartismus und Zarismus. Aufmerksam verfolgte E. dann den amerikanischen Sezessionskrieg, sowohl von der militärischen Seite her (Volkskriegsprobleme|in „Essays addressed to Volunteers“, London 1861) als auch wegen der wirtschaftlichen Folgen, die Marx und Engels selbst finanziell deutlich zu spüren bekamen. Beim polnischen Aufstand 1863 setzte E. Hoffnungen auf Polens Wiederherstellung; er plante zusammen mit Marx eine Schrift „Deutschland und Polen“. Im Londoner „Commonwealth“ griff E. im Frühjahr 1866 die Polenfrage im Zusammenhang mit dem Nationalitätenproblem und der Verneinung des Panslawismus erneut auf (nur die ersten Teile gedruckt). 1864 machte E. eine Reise durch Schleswig-Holstein.
Nach Lassalles Tod (1864) und der Gründung des „Sozialdemokrat“, herausgegeben von J. B. von Schweitzer und Liebknecht, nahmen Marx und E. wieder stärkeren Anteil an der deutschen Arbeiterbewegung. E. wandte sich zur Beeinflussung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gegen den Lassalle-Kurs, den von Schweitzer und Sophie Gräfin Hatzfeld diktatorisch fortsetzten, in „Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei“ (1865): Marx und E. blieben – außer bei Liebknecht – ohne Widerhall in Deutschland.
In seiner Preußen- und Bismarckabneigung irrte sich E. in Beiträgen für Manchester Guardian in seinen Kriegsprognosen von 1866, erkannte aber nach Königgrätz schnell die Aussichten der Arbeiterbewegung im entstehenden Reich. Nach Erscheinen des „Kapital“ suchte E. 1867/68 durch mehrere anonyme Anzeigen in großen Tageszeitungen die Aufmerksamkeit des deutschen Bürgertums auf dies Werk zu lenken; eine kleine ursprünglich für die „Gartenlaube“ bestimmte Marx-Biographie erschien 1869 in der „Zukunft“. Die Beziehungen zu der 1868/69 entstehenden deutschen Sozialdemokratie blieben trotz starker Anteilnahme gering.
Nachdem E. zum 1.7.1869 aus der Firma ausgeschieden war, unternahm er eine Irlandreise und bereitete ein geschichtlich-soziologisches Werk über die irische Frage vor. Im Herbst 1870 siedelte er nach London über, wo er nur wenige Minuten von Marx entfernt wohnte. Für die Pall Mall Gazette schrieb E.60 Artikel über die Kriegsvorgänge (in deutscher Übersetzung „Der Deutsch-Französische-Krieg 1870/71“, Berlin 1957). Nach dem Sturze →Napoleons wechselten seine Sympathien auf die französische Seite; er warnte dringend vor der Annexion Elsaß-Lothringens und vor einer vorzeitigen Erhebung des französischen Proletariats gegen die bürgerliche Republik. Er setzte Hoffnungen auf den französischen Volkskrieg und auf englisches Eingreifen gegen Rußland. Für diese Ziele trat E. Februar/März 1871 auch im Generalrat der Internationale ein, dem er seit kurzem angehörte. Der fast aller europäischer Sprachen Kundige versah dort das Sekretariat für Belgien, Dänemark und Portugal, 1871 auch für Spanien und Italien.
Seitdem im Süden Europas Bakunins Einfluß nach 1868 und besonders nach Mazzinis Tod (1872) gewachsen war, drohte eine Spaltung der Internationale, die Marx und E. zentraler im Londoner Generalrat zusammenzufassen suchten. Sie erreichten 1872 Bakunins Ausschluß und die Verlegung des Generalrats nach New York. 1873 suchte E. durch die „Allianz“-Broschüre („L'Alliance de la demokratie socialiste et l'Assoziation internationale des travailleurs“), ein bissiges Pamphlet gegen Bakunin, diesen als russischen Lockspitzel bloßzustellen, der sich jetzt ganz aus dem politischen Leben zurückzog. Eine Rettung der Internationale wurde nicht mehr erreicht (letzte Sitzung in New York 1876). Als Johann Philipp Becker 1876 und 1882 die (2.) Internationale als Föderation der sozialistischen Arbeiterorganisation der verschiedenen Länder neu gründen wollte, widersetzte sich E.; er schaltete sich erst ein, als seit 1888 die deutschen Sozialisten und die britischen Gewerkschaften internationale Arbeiterkongresse zur Erörterung des Arbeiterschutzes planten, ohne eine Einigung zu erzielen. E. suchte die drohende Spaltung zu verhindern und das Kommunistische Manifest als Programm der 2. Internationale durchzusetzen. Erst in Brüssel gelang 1891 die Einigung mit den englischen Gewerkschaften und den belgischen Possibilisten gegen die Anarchisten, nicht ohne den Einfluß, den E. auf die deutschen und französischen Marxisten von London her ausübte.
Wegen der Gefahren, die E. für die sozialistische Arbeiterbewegung nach 1871 sah, bemühte er sich jetzt um so mehr, die theoretischen Grundlagen des Kommunismus zu verbreitern, indem er Marx zur Vollendung des „Kapital“ drängte und selbst – auch zu dessen Entlastung – stärker brieflich und publizistisch hervortrat. Er bekämpfte 1872 im Leipziger „Volksstaat“ den Proudhonismus, der in Deutschland durch Arthur Mülberger (Die Wohnungsfrage, 1872) wieder auflebte, durch eine Artikelserie „Zur Wohnungsfrage“ (überarbeiteter Neudruck mit neuem Vorwort 1887), in der E. die Zwangsläufigkeit der Proletarisierung von Stadt und Land betonte, die auch durch Eigenheim-|und Wohnungsbesitz nicht kleinbürgerlich aufzuhalten sei.
Nach der Verlegung des Generalrats (1872) gewann E. wieder Zeit zu eigenen wissenschaftlichen Arbeiten, die aber stark durch die inneren Kämpfe der deutschen Sozialdemokratie abgelenkt und mitbestimmt wurden. Er strebte ein universales, wissenschaftlich-philosophisches System des dialektischen Materialismus an, durch das er Marx' „politische Ökonomie“ naturwissenschaftlich zu fundieren und zu einer allgemeinen, Natur, Geschichte und Gesellschaft umfassenden Wissenschaftslehre auszubauen suchte; zugleich wollte er das Weltanschauungsbedürfnis der Arbeiterbewegung vor einer materialistischen Popularphilosophie bewahren – dahin gehört der 1873 gefaßte Plan eines „Anti-Büchner“ – die noch starken Reste des „Lassalle-Kults“ ausrotten und das Gothaer Einigungsprogramm von 1875 bekämpfen, besonders als nach dem Verbot des Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (Juni 1874) dessen Anhänger auf Fusion mit den Eisenachern und zu Kompromissen mit dem Staat drängten und der Einfluß von →Eugen Dühring auf die jungen Köpfe der Berliner Sozialdemokratie bedrohlich wurde.
Nur mühsam konnten Marx und E., die von den deutschen Freunden als nörgelnde und die Verhältnisse nicht mehr genügend kennende Emigranten empfunden wurden, ihren theoretischen Einfluß behaupten. 1876/78 schrieb E. den „Anti-Dühring“, zunächst als Beiträge im „Vorwärts“, 1878 als Buch erschienen („Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft"); erst 1882 erschien die Sonderausgabe von drei Kapiteln („Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“), übte eine Breitenwirkung aus und half den „Marxismus“ formen. Aus den Jahren 1873/76 stammten auch die ersten Vorarbeiten zur „Dialektik der Natur“, die E. 1881/82 weiterführte; sie wurden erst seit 1925 aus dem Nachlaß veröffentlicht (sorgfältig in der MEGA und in der „Bücherei des Marxismus-Leninismus“, 18, 1952). Dieser Torso von etwa 120 Entwürfen blieb nicht ohne Einfluß auf den Stalinismus.
Seit dem Sozialistengesetz (1878) nahm E. besonderen Anteil an parteitaktischen Fragen, aber erst nach Jahren gewann er stärkeres Vertrauen zur deutschen Parteiführung. Seine Kritik kam scharf in dem „Zirkular an die Parteiführer“ vom 21.10.1879 zum Ausdruck, in dem E. sich entschieden gegen den sogenannten „Dreisternartikel“ wandte, der anonym – unter Beteiligung von →Eduard Bernstein – im 1. Bande des „Jahrbuch für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ 1879 erschienen war.
Nach Marx' Tode (14.3.1883) blieb E. in England, um sich dort ungestörter vom politischen Kampf theoretischen Arbeiten – zunächst dem Abschluß des 2. Bandes des „Kapital“ – widmen zu können.
So konnte er im Juni 1884 das umfangreiche Werk „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Im Anschluß an Morgans Forschungen“ abschließen, dessen Vorarbeiten – zusammen mit Studien zu einer Urgeschichte der Deutschen (1952 als Band 35 der „Bücherei des Marxismus-Leninismus“ unter dem Titel „Zur Geschichte und Sprache der deutschen Frühzeit“ veröffentlicht) – schon in die Jahre 1881/82 gehören. Es ist die instruktivste Anwendung der materialistischen Geschichtsauffassung auf die Frühformen der menschlichen Gesellschaft. 1886 beschäftigte sich E.anläßlich einer Besprechung der Dissertation von C. N. Starcke, „→Ludwig Feuerbach“ (1885) für die Neue Zeit (1888 überarbeitet zu E. wohl bekanntester und wirksamster Schrift „→Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“) erneut mit den Ausgangsfragen des wissenschaftlichen Sozialismus. Er versuchte hier, den ursprünglichen Ansatz der „materialistischen Geschichtsauffassung“ im Feuerbach-Teil der Deutschen Ideologie von 1845/46 zu einer auf dem neuesten Erkenntnisstand der Wissenschaft beruhenden, Natur und Geschichte umfassenden materialistischen Dialektik auszubauen, die, durch mancherlei Zeitströmungen beeinflußt, sich in den Grundgedanken kaum mehr mit den früheren charakteristischen Anschauungen von Marx und E. vereinbaren läßt. Diese Neuerungen, die bei E. nach Marx' Tod immer stärker wieder hervortreten und die sich nicht ohne weiteres als folgerichtige Weiterführung auffassen lassen, haben sowohl dem „Marxismus“ der deutschen Sozialdemokratie als auch dem dialektischen und historischen Materialismus Lenins und Stalins ein eigentümliches Engels-Gepräge verliehen.
Im Winter 1887/88 plante E. eine Darstellung der deutschen Entwicklung in den letzten 30 Jahren und arbeitete zunächst an einer aufreizenden Schrift über die Rolle der politischen Gewalt in der Geschichte, ein Problem, das er von der ökonomischen und soziologischen Seite schon im Anti-Dühring dargestellt hatte und jetzt auf die deutsche Gegenwart und „ihre Gewaltpraxis von Blut|und Eisen“ anwandte; die unvollendete Arbeit hat Bernstein unter dem Titel „Gewalt und Ökonomie bei der Herstellung des neuen Deutschen Reiches“ in der „Neuen Zeit“ 1896 veröffentlicht (Neuausgabe in „Über die Gewaltstheorie“, 1946).
Nach →Bismarcks Sturz und dem Erlöschen der Sozialistengesetze nahm E. an der neuen Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie, der er selbst nie angehört hat, und der 2. Internationale regen Anteil, wobei er besorgt war, die Marxsche Linie sowohl gegen staatssozialistisch-reformistische (→Eduard Bernstein) als auch gegen zu radikale und anarchistische Strömungen zu stärken. Er hatte besonderes Vertrauen zu Bebel und Kautsky, weniger zu Liebknecht. Er gewann den vorherrschenden Einfluß auf das Erfurter Programm (Oktober 1891), unter anderem durch Veröffentlichung von Marx' Randglossen zum Gothaer Kompromißprogramm (Neue Zeit IX, 1, 1891). Er förderte den Bruch mit G. von Vollmar, der in Bayern das kleine und mittlere Bauerntum für die Sozialdemokratie gewinnen wollte, durch die Schrift „Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland“ (Neue Zeit XIII, 1, 1894). E. warnte vor offenem Kampf gegen den Staat und hoffte auf die zunehmende sozialistische Unterwanderung der Armee. Sein „Testament“ an die Arbeiterbewegung stellte sein für den Druck etwas entgiftetes Vorwort vom März 1895 für die Neuausgabe von Marx' „Klassenkämpfe in Frankreich“ dar. Seit der französisch-russischen politischen Annäherung befürchtete er den Ausbruch eines Weltkrieges, der sich vielleicht durch Stärkung der internationalen, besonders der deutsch-französischen Solidarität der Arbeiterschaft, durch Demokratisierung und Systemsturz in Rußland und auch durch europäische Abrüstung verhindern ließe. E. sah aber durchaus die Schwierigkeiten und warnte vor einem Kriege, an dem sich das deutsche Proletariat zur Verteidigung der nationalen Existenz Deutschlands beteiligen müsse. Diese Probleme sind erörtert in E. Vorwort vom März 1891 zur Neuausgabe von Marx' „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ (die Adressen des Generalrats von 1870/71) und „Der Sozialismus in Deutschland“ (Neue Zeit X, 1, 1892) und „Kann Europa abrüsten?“ (ebenda März 1893).
An dem Züricher Kongreß der 2. Internationale 1893 nahm E. als Ehrenvorsitzender kurz und ohne besondere Mitwirkung teil. Nach der Rückkehr von dieser Reise auf den Kontinent, die ihn noch bis Wien geführt hatte, brachte er die Bearbeitung des 3. Bandes des „Kapital“ im November 1894 zum Abschluß. Nach kurzer Krankheit starb er in London. Von seinem beträchtlichen Vermögen hatte er eine erhebliche Summe für die deutsche Sozialdemokratie bestimmt, der auch seine Bibliothek und sein und Marx' literarischer Nachlaß zufielen; dieser befindet sich heute im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam, nicht – wie oft behauptet wird– im Moskauer Marx-Engels-Lenin-Archiv.
6. Nicolaus August Otto
O. verlor früh seinen Vater; er besuchte 1846-48 die Realschule in Langenschwalbach und absolvierte dann eine kaufmännische Lehre. 1851-62 arbeitete er als reisender Handelsvertreter für Kaffee, Tee, Reis, Zucker und Strohballen in ganz Westdeutschland. Als er von einer neuartigen, von →Etienne Lenoir (1822–1900) konstruierten Maschine erfuhr, die mit Gas betrieben wurde, ohne Schornstein und Kessel auskam und nicht genehmigungspflichtig war, erschien ihm diese als eine ideale Kraftquelle für das Kleingewerbe. O. gab seine Tätigkeit als Vertreter auf, um selbst einen weiter verbesserten Motor zu entwickeln. 1861 ließ er von dem Kölner Mechaniker Michael Joseph Zons eine kleine Kolbenmaschine für die Verbrennung eines Gas/Luft-Gemisches mit elektrischer Zündung bauen. Er verwendete ein fettes Gemisch und legte den Zündzeitpunkt an das|Ende des Verdichtungshubes. Als sich das Schwungrad daraufhin mehrmals drehte, teilte O. sein Verbrennungsverfahren in Ansaugen, Verdichten, Zünden/Expandieren und Ausschieben des Gases ein. Zons baute ihm danach eine Vierzylinder-Boxermaschine, versetzt um einen Hub, so daß in allen vier Zylindern nacheinander einer der vier Takte erfolgte. Damit hatte O. das Viertakt-System erfunden, der Motor aber zerbarst. Eine Patentierung des Motorprinzips wurde 1861 abgelehnt. O. kehrte daraufhin 1863 zu seiner Idee einer atmosphärischen Flugkolbenmaschine zurück, die ein Drittel weniger Gas verbrauchte als →Lenoirs Konstruktionen. Der Kinematiker Franz Reuleaux (1829–1905) half in dieser Zeit ratend und anregend. Mit dem Ingenieur →Eugen Langen (1833–95, v. d. Zuckerfabrik J. J. Langen u. Söhne) gründete O. als persönlich haftender Gesellschafter und mit Langen als Kommanditisten 1864 in Köln die Firma „N. A. Otto & Cie.“ als KG. Der Start war schwierig, Langens Einlage war 1865 zur Hälfte verloren, an einen Verkauf von Maschinen war nicht zu denken, aber die Flugkolbenmaschine wurde weiter verbessert. 1866 ersetzte O. die elektrische Zündung durch die 1794 von Robert Street erfundene Flammenzündung. Langen erfand außerdem einen Freilauf. Anstelle der Kurbel, die die Kolbenbewegung auf die Achse übertrug, trat 1865 eine Zahnstange, die ein Zahnrad auf der Achse antrieb. Dieser säulenartige Aufbau war kennzeichnend für die erste betriebsfähige atmosphärische Verbrennungsmaschine, die mit Leistungen von ½, 1 und 2 PS angeboten wurde (1866 preuß. Patent). Nach dem Sieg gegen Österreich 1866 nahmen die Bestellungen so zu, daß Langen eine leistungsfähigere Maschinenfabrik bauen wollte. 1867 präsentierten O. und Langen ihre Maschine auf der Weltausstellung in Paris. Anfangs noch nicht sehr beachtet, ging die Maschine als Sieger aus einem Verbrauchswettbewerb hervor, erhielt eine Goldmedaille und wurde zur besten Gasmaschine der Welt erklärt Dennoch wollte niemand investieren. 1869 übernahm der Hamburger Kaufmann L. A. Roosen-Runge die Geschäftsführung der „OHG Langen, Otto & Roosen“ und brachte weiteres Kapital ein. Roosen kaufte ein Grundstück in Köln-Deutz und baute eine Werkstatt, die 110 Maschinen pro Jahr fertigen konnte. Trotz des deutsch-franz. Krieges 1870/71 stieg die Produktion auf 200 Stück und auch Lizenzgebühren gingen ein. Roosen kündigte 1871 den Gesellschaftsvertrag. Nach dem Tode von Langens Vater (→Johann Jakob Langen, 1794–1869) beteiligten sich →Emil (1806–89) und Valentin Pfeifer (1837-1909) an der Firma. Sie gründeten 1872 die „Gasmotorenfabrik Deutz A.G.“ mit 300 000 Taler Grundkapital. Davon brachten Eugen, Gustav und Jakob Langen 170 000, Emil und Valentin Pfeifer 100 000 und O. 30 000 Taler ein. O. wurde als gewinnberechtigter Aktionär kaufmännischer Direktor,→Eugen Langen Aufsichtsratsvorsitzender, Betriebsleiter wurde →Gottlieb Daimler (1834–1900), Konstrukteur →Wilhelm Maybach (1846–1929). Bis 1874 hatte man 80 Maschinen pro Monat gebaut, dann sank der Verkauf auf die Hälfte ab, weil die Kunden höhere Leistungen verlangten, die mit einer atmosphärischen Maschine nicht mehr erbracht werden konnten. Hinzu kam die Konkurrenz der Heißluftmaschine, die bis zu 8 PS leistete und unabhängig von einer Leuchtgasleitung war. Reuleaux riet zum Bau solcher Aggregate. Die Suche nach einer Maschine höherer Leistung ging indes weiter. Wegen andauernder Zwistigkeiten zwischen O. und Daimler richtete Langen für O. eine betriebsunabhängige Versuchsabteilung ein und stellte dafür Franz Rings als Konstrukteur ein. Es gab demnach 1875 zwei konkurrierende Konstruktionsgruppen, nämlich O. und Rings sowie Daimler und Maybach. Dieser entwickelte 1876 eine atmosphärische Maschine mit Benzinantrieb, kam aber nicht über eine Leistung von drei PS; Daimler schlug eine doppeltwirkende atmosphärische Maschine vor. O. versuchte sich 1871-73 (von Reuleaux beeinflußt) mit einem stehenden, einfach wirkenden Heißluftmotor mit gesteuertem Feuer aus einer Bunsenflamme und Schleifkurbel-Antrieb mit variabler Kolbengeschwindigkeit. Aber der Verbrauch verdoppelte sich, die Haltbarkeit schien bedenklich, die Leistung war unzureichend. Letztlich waren alle Bemühungen fehlgeschlagen. O. und Rings erzeugten die Verdichtung des Kraftstoff-Luft-Gemisches nicht in einem getrennten Verdichter, sondern im Arbeitszylinder, entsprechend der sog. Hochdruckmaschine von 1862, die bereits alle wesentlichen Merkmale des Viertakt-Otto-Motors aufgewiesen hatte, aber im Probebetrieb explodiert war. Rings konstruierte eine Steuerwelle mit halber Drehzahl der Hauptwelle, ein Ausströmventil und einen Kolben mit selbstspannenden Ringen. Die wichtigste und empfindlichste Komponente war der Schieber, der den Motor erst funktionsfähig machte, weil er Gemischbildung, Einlaß und Flammenzündung regelte. Der neue Motor lief erstmalig Anfang März 1876. Mitte Mai 1876 trug Rings das erste Diagramm eines Viertaktmotors in sein Versuchsbuch ein, das sich mit O.s Berechnungen deckte. Die Direktion|sowie Daimler und Maybach waren vom Viertaktmotor immer noch nicht überzeugt, erstellten aber Ende 1876 die Konstruktionszeichnungen für Motoren bis 8 PS Leistung, legten Verkaufspreise fest und begannen mit der Werbung für „Ottos neuen Motor“. Die konstruktive Ausführung führte 1876 →Hermann Schumm (1841–1901) in Maybachs Büro durch. Das war der technische Durchbruch für O.s Motor, der die Grundlage aller späteren Kolbenmotoren bildet. Mit O.s Namen verbundene Begriffe bürgerten sich erst wesentlich später ein: „the Otto-Cycle“ (für die Viertaktabfolge) 1932, „Otto-Motor“ und „Otto-Kraftstoff' (Benzin) 1936. O. ist der Schöpfer des modernen Verbrennungsmotors schlechthin. 1877 wandte sich →Eugen Langen wegen der Entwicklung einer elektromagnetischen Zündung an →Werner Siemens (1816–92), indes ohne Erfolg. O. schlug 1878 eine elektromagnetische Abreißzündung vor und experimentierte 1884 mit einem Minenzünder von Siemens. Ein Jahr später baute er den ersten betriebsfähigen Zündapparat für ortsfeste Benzinmotoren, der 1887 patentiert wurde.
1878 kam der große Erfolg für O. auf der Pariser Weltausstellung. „Ottos Neuer Motor“ erregte großes Aufsehen. Unter 75 Modellen von 32 Firmen schnitt er am besten ab. Man schätzte seinen ruhigen, sparsamen Lauf, die Raum- und Gewichtsersparnis. Reuleaux nannte ihn „die größte Erfindung im Kraftmaschinenfach seit Watt“. Trotz ungünstiger Wirtschaftslage setzte sofort eine starke Nachfrage ein. O. glaubte, daß er die Dampfmaschinen in den städtischen Gaswerken verdrängen könne, da Gas billiger sei als Kohle. 1879 konnten schon Zwillingsmaschinen angeboten werden, 1885 mit einer Leistung von 50 PS. Der Hauptbedarf kam aber durch den Siemensschen Generator, der den Städten Licht spendete.
Mit dem Erfolg des Otto-Motors kam es jedoch auch zu zahlreichen und langwierigen Auseinandersetzungen um Patentrechte und Lizenzen, vor allem als diese 1877 von preuß. in Reichspatente umgewandelt wurden. Es begann damit, daß die Darmstädter Maschinenfabrik Gebr. Loßen mit gestohlenen Deutzer Zeichnungen O.s Viertaktmotor nachbaute. 1879 meldeten die Ingenieure Wilhelm Wittig und Wilhelm Hees in Hannover und die Hanomag Umgehungspatente auf Zweitaktmotoren an. C. M. Sombart (Maschinenfabrik Buss, Sombart & Co Magdeburg) erfand 1879/80 Verbesserungen am Gasmotor, durch die O. eigene Patente verletzt sah. Nachdem die Hanomag 1880, →Ernst Körting und Buss-Sombart neben ihren Zweitaktauch Viertaktmotoren bauen wollten, O. und Langen jedoch inländische Lizenzen verweigerten und ihre Angriffe auf die Konkurrenz fortsetzten, reichten diese 1882 eine Nichtigkeitsklage beim Patentamt ein. Unzufrieden mit der Entscheidung des Patentamtes brachten die Parteien eine zweite Nichtigkeitsklage ein, die bis zum Reichsgericht ging, das 1886 die meisten Ansprüche O.s als vorbekannt ansah und für nichtig erklärte, darunter auch den Viertaktmotor. In Großbritannien und Österreich blieben die Patente in Kraft.|
7. Philipp Reis
R. kam mit elf Jahren an das Knabeninstitut Garnier in Friedrichsdorf und 1848 an das Hassel’sche Institut in Frankfurt/M. Zwei Jahre später trat er eine kaufmännische Lehre in einer Frankfurter Farbwarenhandlung an. Nebenher bildete er sich durch Privatunterricht in Mathematik sowie an der Gewerbeschule in Mechanik weiter und erlernte auch das Drechseln. Nach einem Jahr an der Polytechnischen Vorschule von Poppe führte er seine Studien selbst weiter, bis er 1855 bei den hess. Jägern in Kassel seine Militärpflicht ableistete. Reisen und naturwiss. Studien in verschiedenen Laboratorien schlossen sich an. Im Frühjahr 1858 erhielt R. eine Stelle als Lehrer im Knabeninstitut Garnier, wo er zunächst Französisch, dann auch Mathematik sowie Physik und Chemie unterrichtete. Als begeisterter Bastler und Experimentator erfand und entwickelte er diverse Geräte, u. a.Rollschlittschuhe und ein Veloziped, das über Hebel mit den Händen in Bewegung zu setzen war. Schließlich wurde das Problem der elektrischen Sprachübertragung bei R. zur Obsession. Wie andere vor ihm scheiterte er anfänglich, bis ihm 1860 durch das Studium von physiologischen und physikalischen Schriften, u. a. von Hermann v. Helmholtz, der Durchbruch gelang. Auf der Grundlage der Anatomie des Ohrs und der Erkenntnisse über Tonempfindungen konstruierte er 1861-64 verschiedene Formen eines Apparats, den er – in Anlehnung an den Telegraphen – „Telephon“ nannte. Dieses funktionierte nach dem Relaisprinzip, d. h. durch Änderung des Kontaktwiderstands zwischen einem Platinplättchen und einem Platindraht, wobei der Strom in einem geschlossenen Stromkreis analog zu den Tonschwingungen variierte. Dieses Prinzip fand später beim Kohlemikrophon weite Verbreitung. Bei R.s Konstruktion waren jedoch Sender und Empfänger so schlecht aneinander angepaßt, daß Musik zwar relativ gut, Sprache aber nur bedingt übertragen werden konnte. R. ließ seinen Apparat in vielen Ländern von renommierten Instrumentenbauern produzieren und vertreiben und machte ihn so international bekannt. Weder dadurch noch durch seine eher laienhaften Vorträge bei naturwissenschaftlichen Gesellschaften erlangte er die von ihm gewünschte Anerkennung. R. dachte zwar an eine technische Weiterentwicklung und an eine industrielle Verwertung seiner Apparate, forcierte sie aber nicht. Auch bekundeten damals weder Telegraphenverwaltungen noch -hersteller Interesse an einem zusätzlichen Nachrichtenmittel. Nach 1864 beschäftigte sich R.nur noch sporadisch mit Verbesserungen seines Telephons. Zwei Jahre nach seinem Tod meldeten in den USA Alexander Graham Bell (1847–1922) und Elisha Gray von ihnen entwickelte Telephone zum Patent an, welche nach anderen Prinzipien funktionierten. Obwohl Bell stets bestritt, daß R.s Telephon ihn beeinflußt habe, ist es doch wahrscheinlich, daß er es zumindest gekannt hat.
8. Louise Otto-Peters
Kindheit und Jugend in Meißen, erste Veröffentlichungen
Louise Otto wurde am 26. März 1819 als jüngste Tochter des Gerichtsdirektors Fürchtegott Wilhelm Otto (1776–1836) und seiner Frau Christiane Charlotta, geb. Matthäi (1781–1835), in Meißen geboren und wuchs mit ihren Geschwistern im elterlichen Haus am Baderberg in bürgerlichen Verhältnissen auf. Einblick in Kindheitserlebnisse geben autographe Aufzeichnungen aus der Zeit nach 1871.
Weil für Mädchen ihrer Zeit der Schulbesuch nur bis zur Konfirmation möglich war, nahm sie an dieser ein Jahr später teil, um länger lernen zu können. Danach konnte sie sich nur noch autodidaktisch weiterbilden.
Ihre Eltern starben, als sie 16 Jahre alt war; 22-jährig verlor sie den Verlobten Gustav Müller, Advokat und Dichter in Dresden. Durch ihr kleines elterliches Erbe war sie zunächst finanziell abgesichert. Früh wandte sie sich dem Schreiben zu. Zuerst entstanden Gedichte. Ab 1843 trat sie mit Romanen und journalistischen Beiträgen an die Öffentlichkeit. Sie nahm Verbindung zu Literaten in Leipzig auf und kam mit der freireligiösen Bewegung, die Frauen Mitspracherechte gewährte, in Berührung. In ihrem Buch Schloß und Fabrik, das zu den wichtigen sozialkritischen Romanen des Vormärz zählt, zeigte sie die Folgen der Industrialisierung für alle Stände auf; es durfte 1846 nur zensiert erscheinen. Die erste unzensierte, vollständige Ausgabe erschien nach dem Auffinden und Einfügen der zensierten Stellen durch Johanna Ludwig 1996 in Leipzig.
Schon damals sah Louise Otto in der Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht. 1847 erregte ihre politisch brisante Gedichtsammlung Lieder eines deutschen Mädchens Aufsehen.
Revolutionszeit und Frauen-Zeitung
In der Revolutionszeit 1848/49 veröffentlichte Louise Otto zahlreiche Artikel und Gedichte. Dazu zählte ihre Adresse eines Mädchens an den hochverehrten Minister Oberländer, an die von ihm berufene Arbeiterkommission und an alle Arbeiter vom Mai 1848, in der sie von der sächsischen Regierung forderte, bei der Organisation der Arbeit die Frauen nicht zu vergessen. In darauffolgenden persönlichen Gesprächen mit den Ministern Martin Gotthard Oberländer (1801–1868) und Robert Georgi (1802–1869) wies Louise Otto auf das Recht der Frauen auf Erwerbsarbeit und auf die dafür notwendige Kinderbetreuung hin. In dieser Zeit organisierte sie Versammlungen und empfing Abordnungen von Arbeitern. Eine Besonderheit Louise Ottos ist es, dass ihr Engagement trotz bürgerlicher Sozialisation von Anfang an der Verbesserung der Lage aller Frauen galt, auch der proletarischen.
Ab 1849 erschien ihre Frauen-Zeitung. Unter dem Motto ‚Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen‘ bot sie Frauen aller Klassen ein Podium zum Informationsaustausch. Das Königreich Sachsen reagierte darauf Ende 1850 mit einem neuen Pressegesetz, das Frauen die Herausgabe und Mitredaktion von Zeitungen verbot (Lex Otto). Danach erschien die Frauen-Zeitung noch bis Mitte 1852 im reußischen Gera (Fürstentum Reuß) (und von April bis Juni 1853 als Deutsche Frauen-Zeitung in Leipzig). Sie war damit die erste langlebigere Frauenzeitung dieser Zeit.
Ebenfalls 1849 lernte Louise Otto bei einem Besuch ihrer Schwester Antonie in Oederan den Schriftsteller und Journalisten August Peters (1817–1864) kennen. Als Teilnehmer an den Revolutionskämpfen 1848/49 musste dieser sieben Jahre Kerkerhaft verbüßen. Sie verlobten sich während der Haftzeit und heirateten 1858 im Dom zu Meißen. 1860 folgte Louise Otto ihrem Mann nach Leipzig, wo sie das Feuilleton der von ihm geleiteten Mitteldeutschen Volks-Zeitungbetreute. 1864 starb August Peters.
Einen Einblick in Lebensverhältnisse, Ansichten und Ziele Louise Ottos geben ihre Tagebuchaufzeichnungen 1849–1857.
Begründung der organisierten deutschen Frauenbewegung
Im Februar 1865 gründeten Louise Otto-Peters, die Lehrerin Auguste Schmidt (1833–1902), die Schulvorsteherin Ottilie von Steyber (1804–1870), die Fröbel-Pädagogin Henriette Goldschmidt (1825–1920) und andere den Frauenbildungsverein, der den Beschluss fasste, im Oktober eine gesamtdeutsche Frauenkonferenz einzuberufen. Auf der vom 15. bis 18. Oktober 1865 in Leipzig abgehaltenen Konferenz wurde der Allgemeine Deutsche Frauenverein ADF gegründet. Erste Vorsitzende beider Vereine war Louise Otto-Peters, ihre Stellvertreterin war Auguste Schmidt. Im überregional agierenden ADF wagten Frauen die Selbstorganisation; Männer waren wichtige Berater, aber im Verein nur als Ehrenmitglieder zugelassen. Ziel war nicht Wohltätigkeit, sondern Hilfe zur Selbsthilfe: der Zugang von Frauen zur schulischen, beruflichen und universitären Bildung und damit zur eigenständigen Erwerbsarbeit. 1866 erschien Louise Ottos Schrift Das Recht der Frauen auf Erwerb. So wichtig wie wirkungsvoll für die Verbreitung der Ideen des ADF war dessen Zweiwochen-Zeitschrift Neue Bahnen, die ab 1866 erschien. In diesem Jahr hatte der ADF 75 Mitglieder, 1870 waren es bereits mehr als 10.000. Louise Otto-Peters war bis zu ihrem Tod 1895 gemeinsam mit Auguste Schmidt Herausgeberin und Redakteurin des Blattes.
Berufstätigkeit und Vereinsarbeit
Ihr jahrzehntelanges verantwortliches Wirken in den Frauenvereinen leistete Louise Otto-Peters ehrenamtlich; ihren Lebensunterhalt verdiente sie erfolgreich als Schriftstellerin und Journalistin. Sie veröffentlichte etwa 60 Bücher, darunter 28 meist mehrteilige Romane, Erzählungen, Novellen, Opernlibretti, historische Reflexionen, Streitschriften und Essays, dazu ungezählte Gedichte sowie journalistische Beiträge, war Mitglied des Schriftstellerverbandes und des von ihr mitgegründeten Leipziger Schriftstellerinnen-Vereins. 1868 wurde ihr 25-jährige Schriftstellerinnen-Jubiläum feierlich begangen. Den Festvortrag im großen Saal der Buchhändlerbörse zu Leipzig hielt Henriette Goldschmidt.
Aus der Zeit nach 1871 sind autographe Aufzeichnungen Louise Ottos zu ihren Erlebnissen und Erfahrungen erhalten – Vorarbeiten zu einem Lebensrückblick.
1892 übergab Louise Otto-Peters die Leitung des Frauenbildungsvereins an Auguste Schmidt. Ihren letzten öffentlichen Auftritt hatte sie Ostern 1894 zur Einweihung der von Dr. Käthe Windscheid (1859–1943) in Leipzig geleiteten Gymnasialkurse des ADF, welche Mädchen als Voraussetzung eines Universitätsstudiums auf das Abitur vorbereiteten.
Am 13. März 1895 starb Louise Otto-Peters 76-jährig an den Folgen einer Lungenentzündung in ihrer Mietwohnung Kreuzstraße 29. Bei ihr waren in den letzten Stunden ihre Nichte Anna Niedermüller (1857–1936) und Dr. Anna Marie Kuhnow (1859–1923), Leipzigs erste approbierte Ärztin, die beide zur ‚Töchtergeneration‘ der Begründerinnen des ADF gehören.
Erinnerung, Gedenken, Namensgebungen
In Leipzig erinnern im öffentlichen Raum und in Gebäuden an Louise Otto-Peters:
- der Grabstein August Peters und Louise Otto-Peters (Alter Johannisfriedhof);
- das Louise-Otto-Peters-Denkmal im Rosental von 1900 mit der Gedenktafel der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. von 2000/2017;
- der Louise-Otto-Peters-Gedenkstein der LOP-Gesellschaft e.V. von 1995 (Kreuzstraße 31);
- die ADF-Gedenktafel der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. von 2015;
- der Baum der LOP-Gesellschaft für Louise und Auguste im Friedenspark (vorm. Neuer Johannisfriedhof) von 2016;
- die Gedenktafel für Louise Otto-Peters in der Zentrale der Deutschen Bank (Straße des 18. Oktober, 04103 L.);
- das Porträt Louise Otto-Peters von Klaus H. Zürner (1932–2010), von 1998 in der Porträtgalerie der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (Senatssaal, 04275 L.).
Auch am Geburtshaus in Meißen befindet sich eine Gedenktafel für Louise Otto-Peters. Zum 200. Geburtstag wurde am 26.03.2019 eine frauenorte sachsen-Gedenktafel des Landesfrauenrates Sachsen e.V. für Louise Otto-Peters in der Roten Schule Meißen, in der sie einige Jahre gelernt hatte, eingeweiht. Folgende Straßen, Plätze und Einrichtungen wurden bisher nach ihr benannt
- Louise-Otto-Peters-Platz seit 1934 (04105 Leipzig);
- Louise-Otto-Peters-Allee seit 2006 (04159 Leipzig);
- Louise-Otto-Peters-Straße in Halle/S. und Freiburg/Br.;
- Louise-Otto-Straße in Meißen;
- Luise-Otto-Peters-Weg in Hamburg-Bergedorf; (dortige Schreibweise)
- Senior/innen-Wohnpark Louise Otto-Peters in Annaberg-Buchholz;
- Seniorenzentrum Louise Otto-Peters in Meißen;
- Louise-Otto-Peters-Schule, Gymnasium der Stadt Leipzig seit 2013;
- Louise-Otto-Peters-Schule Hockenheim und Wiesloch, Berufsfachschule.
Seit 1993 widmet sich die gemeinnützige Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. dem Ziel, Leben und Werk von Louise Otto-Peters weiter bekannt zu machen und zu würdigen. In ihrem 1997 gegründeten Louise-Otto-Peters-Archiv werden alle Veröffentlichungen von sowie über Louise Otto-Peters gesammelt, erschlossen und Interessierten zugänglich gemacht.
Seit 2015 vergibt die Stadt Leipzig den mit 5.000 € dotierten Louise-Otto-Peters-Preis in Würdigung herausragender Leistungen zur Gleichstellung von Frauen und Männern.
9. Franz Haniel
Als H. 1782 seinen Vater verlor, lag die Sorge für seine Erziehung in den Händen seiner tatkräftigen Mutter, die das Hanielsche Geschäft und das ihres Vaters bedeutsam ausbaute. Hierbei stand ihr H. bereits als Knabe zur Seite. Mit 21 Jahren machte er sich mit der Eröffnung einer Steinkohlenhandlung in Ruhrort selbständig, einige Jahre später bemühte er sich gemeinsam mit seinem Bruder Gerhard und seinem Schwager Gottlob Jacobi um den Zusammenschluß der „Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen“ zum Erwerb der Gutehoffnungshütte von der Witwe Krupp, was sich zunächst allerdings als ein schlechtes Geschäft für die Brüder erwies, da Huyssen sie übervorteilte. Unterdessen baute H. seine Handlung aus, beteiligte sich auch an dem heimlichen Transport von Getreide aus Frankreich heraus über den Rhein. Nach den Napoleonischen Kriegen verfrachtete er zeitweise Ruhrkohle nach Holland, bis die hohen Zölle dem ein Ende setzten, ähnliches widerfuhr ihm mit dem Handel anderer Güter. Einen Ersatz fand H., bald nachdem Preußen und Hessen-Darmstadt einen Zollverein geschlossen hatten (1828), im Handel mit Kohlen den Oberrhein bis Basel hinauf. Gewinne, die er zuvor auch durch den Betrieb einer eigenen Ölmühle und durch Holzhandel mit England erzielte, suchte er nach 1815 stärker als bisher in Beteiligungen an Zechenbetrieben anzulegen. 1821 führte H. als erster an der Ruhr den bereits an der Saar betriebenen geschlossenen Koksofen ein, der daraufhin den alten Koksmeiler verdrängte. 1841 ließ er den ersten Doppel-Koksofen bauen, der größer als alle bisher verwendeten Koksöfen an der Ruhr war; Ende 1842 beschäftigte er bereits 184 Mann insgesamt bei der Kokserzeugung und lag damit an führender Stelle. Trotzdem gelang es erst sehr viel später, 1850, und von anderer Seite, den Ruhrkoks zur Verhüttung von Eisenerz zu verwenden – bis dahin war noch mit Holzkohle gearbeitet worden. – In Ruhrort war eine von der „Hüttengewerkschaft Jacobi, Haniel & Huyssen“ betriebene Schiffswerft errichtet worden, auf der 1830 der erste eiserne deutsche Rheindampfer gebaut wurde. In der Folgezeit betrieb die Hüttengewerkschaft Dampfschiffahrt zwischen der niederländischen Grenze und Köln.
1833 gelang es H. in einem Prozeß um die Gewerkschaft Schölerpad, an der er maßgeblich beteiligt war, sich gegen das von den Bergbehörden ausgeübte Direktionsprinzip durchzusetzen, so daß der Gewerkschaft das Vorzugsrecht zum Tiefbau zugestanden wurde. Einen ähnlichen Schritt erwirkte er zur gleichen Zeit bei der Zeche Hagenbeck, der ältesten, seit 1575 bestehenden Zeche des Ruhrreviers, wobei ihr wichtige Kohlenflöze zugesprochen wurden. Bei Mülheim begann H. 1830 einen Schacht abzuteufen, der eine starke Mergelschicht zu durchstoßen hatte. Zur Inbetriebnahme war jedoch der Schacht für damalige Verhältnisse bereits zu tief geworden, so daß sich H. 1833 entschloß, einen neuen Schacht abzuteufen, der sich allerdings ebenfalls als eine Fehlkalkulation erwies, denn die Qualität der Kohle, auf die er gestoßen war, lohnte den Abbau nicht. Neben dieser langwierigen und kostspieligen technischen Pionierleistung, seiner größten, arbeitete H. an der Ausweitung seines Zechenbesitzes, der seiner Stimme in wirtschaftspolitischen Fragen und in den Erörterungen um eine Reform der Berggesetzgebung in zunehmendem Maße Gewicht verlieh. 1848 wurde er in die Kommission berufen, die ein neues Berggesetz entwerfen sollte. 1847 begann eine von H. ins Leben gerufene Bohrgesellschaft mit der Erschließung der Zeche Zollverein bei Essen. Ende 1849 war man in einem Hauptschacht auf einer Tiefe von 114m auf Kohle gestoßen. Ein Jahr später war auch ein zweiter Schacht abgeteuft worden, so daß 1851 die Förderung aufgenommen werden konnte. Schon 1853 betrug sie gegen 100 000 t, und nach anderthalb Jahrzehnten war die Zeche Zollverein unter die führenden Zechen des Ruhrreviers aufgestiegen. Eine weitere Tat war die Erschließung der Hüttenzeche Oberhausen, die von H.vorangetrieben wurde, nachdem es 1853 zwischen den daran Beteiligten zu einem Vertrage gekommen war. 1856 stießen die den Schacht abteufenden Bergleute auf Kohle; trotz der Wirtschaftskrise des Jahres 1857 wurde weitergearbeitet, so daß 1858 mit der Förderung begonnen werden konnte. Zugleich gelang H. die Konsolidierung, die Übertragung des gesamten Bergwerksbesitzes auf die Hüttengewerkschaft Jacobi, Haniel und Huyssen. Oberhausen wurde zur ersten Hüttenzeche im Ruhrgebiet. Wohl das gewagteste und schwierigste Bergbauunternehmen H.s war die Erschließung des linken Niederrheins durch die Zeche Rheinpreußen. 1857 wurde mit der Niederbringung des ersten Schachtes begonnen. 1861 drohte in großer Tiefe eindringender Schwimmsand das gesamte Vorhaben scheitern zu lassen, erst 1877, schon nach H.s Tode, wurde nach größten Schwierigkeiten wieder festes Gebirge erreicht. Ein zweiter Schacht hingegen, der 1867 in der Nähe in Angriff genommen wurde, stieß bereits 1872 auf Kohle.
Mit der Zunahme der Kohlenförderung im Ruhrgebiet und der Verkokung der Kohle wurde auch die Frage des Transportes dringlicher. H. gehörte seit 1832 mit Friedrich Harkort zu den ersten Befürwortern von Eisenbahnen in den Rheinprovinzen. Erst nach dem Fehlschlagen verschiedener Projekte H.s konnte 1848 die hauptsächlich auf sein Betreiben hin gebaute Strecke Ruhrort–Oberhausen in Betrieb genommen werden, die danach als Zweigbahn zu der bereits bestehenden Köln–Mindener Bahn gehörte. Bald danach kam auch eine Verbindung zwischen Ruhrort und Gladbach hinzu. Daneben beteiligte sich H. am Straßenbau, am Ausbau des Hafens von Ruhrort und am Bau einer Trajektanstalt zum Übersetzen von Bahnwagen nach Homberg auf der gegenüberliegenden Rheinseite.
H. war der Urtyp einer patriarchalischen Gründergestalt – wichtig war für ihn vor allem sein Ruf und der seiner Familie. Ihn zu mehren, setzte er Zähigkeit und Tatkraft ein; die Fähigkeit, neue Strömungen des Zeitgeistes zu erfassen und sie sich nutzbar zu machen, kam ihm dabei zu Hilfe.
10. Friedrich Harkort
Nach Besuch der Hagener Handlungsschule und Kaufmannslehre in der Firma Wuppermann & Mohl nahm H. als freiwilliger Landwehroffizier an den Befreiungskriegen teil. Dann leitete er einen Kupferhammer im Deilbachtal bei Hattingen und eine Gerberei auf Harkorten. 1819 gründete er gemeinsam mit dem Elberfelder Kaufmann und Bankier Johann Heinrich Daniel Kamp und dem englischen Ingenieur Thomas die „Mechanische Werkstätte“ in Wetter/Ruhr für den Dampf- und Textilmaschinenbau. Das Unternehmen wurde 1822 durch den Kauf des Erzbergwerks Valberger Zug bei Olpe, 1826 durch Einrichtung eines Puddel- und Walzwerks und einer Kesselschmiede in Wetter und 1830 durch die „Henriettenhütte“ bei Olpe erweitert; damit entstand eine Unternehmenskonstruktion, die den späteren großen Vertikalkonzernen des Ruhrgebiets entsprach, allerdings 1832 insgesamt nur 147 Arbeiter beschäftigte. Für den Aufbau mußten vor allem englische Arbeitskräfte, die H. auf zwei Englandreisen 1819 und 1826 anwarb, eingesetzt werden, doch widmete er sich von Anfang an besonders der Ausbildung deutscher Facharbeiter. Anfangserfolge im Maschinenbau – Abnehmer waren neben den Zechen des Ruhrgebiets (Pumpanlagen) und den Wuppertaler Textilfabriken auch schlesische, sächsische und böhmische Firmen – sicherten der „Mechanischen Werkstätte“ in Wetter die Unterstützung der preußischen Regierung, die ihr jedoch entzogen wurde, als nach dem Ausscheiden Thomas’ (1826) die Leistungen nachließen. Vom Glauben an den notwendigen technischen und industriellen Fortschritt besessen, vernachlässigte H. zugunsten des weiteren Ausbaus seines Unternehmens die Maschinenfabrik, vergaß über den Entwicklungsmöglichkeiten, die er sah und richtig einschätzte, die realen Gegebenheiten, die einen langsamen und schrittweisen Ausbau verlangt hätten. Als 1831/32 Liquiditätsschwierigkeiten auftraten, erzwang Kamp, dessen Söhne dann das Unternehmen erfolgreich weiterführten (eine Stammfirma der DEMAG), das Ausscheiden H.s (1834). Mit einer kleinen eigenen Maschinenfabrik und einem Eisenwerk in Hombruch bei Dortmund hatte H. keinen Erfolg.
Seit 1825 widmete H. sich auch Eisenbahnplänen. Zuerst trat er mit einem berühmt gewordenen Aufruf „Eisenbahnen-Railroads“ im „Hermann“ für den deutschen Eisenbahnbau ein, stellte dann auch eigene Versuche an und beteiligte sich maßgeblich am Bau der westdeutschen Kohlenbahnen (Schmalspurbahnen mit Zugpferden); einen großen Plan für ein westdeutsches Eisenbahnnetz, der weitgehend den späteren Streckenverlauf vorzeichnete, veröffentlichte er 1833, hatte jedoch danach am westdeutschen Bahnbau keinen Anteil mehr. Dann wandte er sich dem Schiffsbau zu. In Verbindung mit der Duisburger Werft Westphal, Strack & Co. baute er 1836 ein Dampfschiff für die Weser, das aber den Anforderungen nicht genügte, und dann 1836/37 die Schonerbrigg „Rhein“ für den Rhein-See-Verkehr. Auch dieses Projekt scheiterte; seine Kölner Geldgeber trieben ihn daraufhin 1838 zum Bankrott. Zwar verfolgte er danach noch weitere industrielle Projekte, konnte sie aber ebenfalls nicht verwirklichen. So gehörte er zwar zu den großen Anregern der westdeutschen Industrialisierung, sein Anteil an diesem Prozeß ist aber kleiner, als gemeinhin angenommen wird.
1823 wurde H. Beigeordneter für Wetter und leitete die Gemeindegeschäfte bis 1839. Bereits 1826 in den Westfälischen Provinziallandtag gewählt, dort aber nicht zugelassen, weil er der für das passive Wahlrecht vorgeschriebenen Bedingung des zehnjährigen Grundbesitzes nicht entsprach und ein Antrag des westfälischen Oberpräsidenten von Vincke auf Erteilung einer Ausnahmegenehmigung abgelehnt wurde, nahm er zuerst 1830/31 als Abgeordneter des Standes der Landgemeinden (4. Stand) des Kreises Hagen am Provinziallandtag teil. Nach dem Zusammenbruch seiner Unternehmungen mußte er wieder ausscheiden. 1848 wurde er als Abgeordneter in die konstituierende preußische Nationalversammlung gewählt und gehörte dem preußischen Abgeordnetenhause (2. Kammer) ununterbrochen als Vertreter westwestfälischer Wahlkreise bis 1870 an, 1871-74 als Vertreter des Wahlkreises Hagen auch dem 1. deutschen Reichstag. Während der Revolutionsjahre Abgeordneter der antirevolutionären bürgerlichen Rechten, gehörte er später zur liberalen Linken des Abgeordnetenhauses. Konsequent und kompromißlos vertrat er die parlamentarische Verfassung gegen Revolution und Reaktion. Als Abgeordneter äußerte er sich vor allem sachverständig zu Verkehrs- und Sozialfragen und befaßte sich besonders mit Fragen der Schul- und Bildungspolitik.
Bedeutender als sein parlamentarisches Wirken ist seine Leistung als politischer Publizist. Beginnend mit den „Bemerkungen über die preußische Volksschule und ihre Lehrer“ (1842) bis hin zum „Arbeiterspiegel“ (1875), nahm er in einer Vielzahl von Aufsätzen und selbständigen Schriften zur Innenpolitik Stellung. Vor allem entwickelte er ein Modell der sozialen Integration des neuen „Vierten Standes“, der späteren Arbeiterschicht, in eine bürgerlich-industrielle Gesellschaft, das, auf Erfahrungen und nicht auf theoretischen Folgerungen basierend, ausführlicher und umfassender ist als die gleichzeitigen Vorschläge anderer bürgerlicher Sozialpolitiker. Es weist vier Bereiche aktiver Sozialpolitik auf: 1. Sicherung der Existenz in Notzeiten durch Einführung von Kranken-, Alters- und Invalidenversicherungen; 2. die Förderung von Eigentumserwerb und Seßhaftigkeit durch Sparkassen, Mobilisierung des Grundbesitzes und Kleinsiedlung, wobei er sogar bereits Fertigbauweisen für Reiheneigenheime und Ausbildung eines Arbeiterberufsverkehrs in Erwägung zog; 3. Ausbau der Betriebsverfassung im Sinne einer Mitberatung (noch nicht Mitbestimmung) der Arbeitnehmer; 4. ein Bildungssystem, das vom Kindergarten über die Volksschule und die Berufsund Hauswirtschaftsschule zum Beruf, über Arbeiterbildungsvereine und Volksbüchereien zur Fortbildung führte, wobei er nicht nur fachliche Ausbildung vorsah, sondern auch politische Bildung, die auch die Angehörigen der Unterschichten befähigen sollte, bewußte Staatsbürger zu werden und damit an den Rechten und Pflichten des Staatsbürgers teilzuhaben. Dieser sozialpolitische Entwurf zeichnet weitgehend die sozialpolitische Entwicklung bis zur Gegenwart vor. Schon darum gehört H. zu den bedeutenden bürgerlichen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Daneben ist seine hohe Auffassung von dem Wesen der Politik hervorzuheben. Als ein unbeirrbarer Verfechter der bürgerlichen Freiheit als des wichtigsten und höchsten Gutes und echter Liberalität in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, für ihn die Grundlage jeglichen Fortschritts, erkannte er seinen politischen Auftrag in der konsequenten und kompromißlosen Bewahrung solcher Freiheit, wie er, wie kaum einer seiner Zeitgenossen, die Notwendigkeit der Industrialisierung erkannt hatte. Bürgerliches Selbstbewußtsein, Verantwortungsbereitschaft gegenüber Volk und Staat und Glaube an den Fortschritt in Technik, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, den er in Wort und Schrift vertrat, prägten seine Persönlichkeit und begründeten – jenseits aller äußeren Mißerfolge – seinen Nachruhm, der den „alten Harkort“ vor allem in seiner engeren Heimat zur fast legendären Gestalt werden ließ.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
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