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Persönlichkeiten

Inhaltsverzeichnis

1.

  1. Ludwig II. (Bayern)

  2. Karl Marx

1. Ludwig II. (Bayern)

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Biographie

Der phantasievolle und weiche L. litt schwer unter der strengen Zucht seines an Verstand und Pflicht orientierten Vaters, der wenig Interesse an seiner Erziehung nahm und dem er schließlich mit Abneigung, ja Haß gegenüberstand. Auch das Verhältnis zu seiner Mutter, einer Frau ohne geistige Interessen, war die längste Zeit distanziert. So baute sich der einsame Jüngling eine eigene Welt, in der sich fortwährend die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischten. L.s Erzieher waren ohne spezifische Qualifikation, seine humanistische Schulbildung ohne Vertiefung, vor allem ohne jede Ausrichtung auf seinen künftigen Beruf; von neueren Sprachen beherrschte er nur das Französische. Die Erinnerung an seine freudlose Jugend und seinen verfehlten Bildungsgang lastete zeitlebens auf ihm. Als der Vater am 10.3.1864 starb, wurde der noch nicht 19jährige L. gleichwohl mit hohen Erwartungen begrüßt: Ein blendendes, romantisches Äußeres, jünglingshafter Charme und ungezwungene Liebenswürdigkeit bezauberten breite Kreise; rasche Auffassungsgabe, gutes Gedächtnis, anfänglicher Arbeitswille und umfangreiche literarische Kenntnisse wirkten auf seine nähere Umgebung. →Bismarck sprach von „begabter Lebhaftigkeit“ des jungen Mannes. Jedoch war L. offensichtlich zu früh auf den Thron gelangt, persönlich unfertig und sachlich unvorbereitet, ohne die Autorität soliden Sachverstandes gegenüber seinen Ministern, auch ohne familiären und freundschaftlichen Umkreis, auf den er sich hätte stützen können. Solche Voraussetzungen vereinten sich jedoch mit einem hohen, ja vielfach phantastisch überspannten monarchischen Selbstgefühl. Die Zwangslagen, in denen sich die bayer. Politik der Jahre 1864-71 befand, waren dazu angetan, dieses Selbstbewußtsein fortwährend zu tangieren und zu verletzen. Ihnen wäre auch ein anderer Monarch nicht entkommen. Jedoch hat L. aus politischer Schwäche auch selbst zu den von ihm beklagten Entwicklungen beigetragen.

Das politische Programm L.s 1864 war durchaus konservativ. In der deutschen Frage zielte es auf Aufrechterhaltung der Selbständigkeit und Integrität Bayerns, das die Führungsrolle unter den deutschen Mittelstaaten behalten sollte. Innenpolitisch forderte es die Aufrechterhaltung des monarchischen Prinzips und des unbedingten Vorranges der Krone vor dem Parlament. Jedoch konnte das außenpolitische Konzept in den folgenden Jahren nicht realisiert werden. Dem im Dez. 1864 ernannten Außenminister Ludwig v. der Pfordten gelang es weder, zwischen Preußen und Österreich auf der Basis des Bundesrechts zu vermitteln, noch eine Politik der bewaffneten Neutralität zu betreiben; vielmehr verlor Bayern den Krieg von 1866 an der Seite Österreichs. Im Friedensvertrag mit Preußen vom 22.8.1866 war Bayern zu Gebietsabtretungen und zur Zahlung einer Kriegsentschädigung gezwungen; der gleichzeitige Bündnisvertrag mit Preußen verpflichtete es im Kriegsfall zu Waffenhilfe unter preuß. Oberbefehl, was von L. als erheblichen Eingriff in die bayer. Souveränität empfunden wurde. Nach dem Scheitern v. der Pfordtens berief L. Ende 1866 Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst als|Außen- und leitenden Minister, obwohl klar war, daß dieser auf ein Verfassungsbündnis mit Preußen und den übrigen deutschen Staaten zusteuerte, das entgegen den Wünschen L.s die bayer. Souveränität beeinträchtigen mußte, wie schon das Militärbündnis mit Preußen und ebenso die Modalitäten des neuen Zollbundes, dem Bayern 1867 beizutreten veranlaßt war. Wie in der deutschen Frage, so wurde Hohenlohe auch in seiner Kritik am Vatikanischen Konzil von L. gedeckt, ebenso auch innenpolitisch bezüglich einer Reihe liberalisierender Gesetze der Jahre 1868/69 (Gewerbefreiheit, Heimat und Verehelichung, Armen- und Krankenpflege, Gemeindeordnung); der liberale Schulgesetzentwurf des Kultusministers Franz v. Gresser scheiterte zum Bedauern des Königs an der Reichsratskammer. L. erkannte nicht, daß die breite Volksbewegung, die sich gegen die national-liberale Politik Hohenlohes erhob, sich 1868 in der bayer.-patriotischen Partei formierte und in den patriotischen Landtagswahlsieg von 1869 mündete, in ihrer bayer.-monarchisch-kath. Grundstruktur weit mehr mit seinen Zielen übereinstimmte als das Ministerium Hohenlohe und die es stützende Fortschrittspartei. Nur gezwungen entließ er zunächst Gresser, dann im März 1871 auch Hohenlohe.

Im preuß.-franz. Konflikt des Sommers 1870, dessen friedliche Beilegung er an sich wünschte, sah L. schließlich den Bündnisfall für Bayern gegeben und entschied am 16.7. den Antrag des Ministerrats auf Mobilmachung ohne Einschränkung. Ein eventueller Widerstand des Landtags gegen die notwendigen Kriegskredite sollte durch Landtagsauflösung gebrochen werden. Man hat als Motiv L.s, unzweideutig auf die preuß. Seite zu treten, das Bemühen bezeichnet, keinen Anlaß zu erneuter Schmälerung der bayer. Selbständigkeit nach dem Krieg zu bieten. Mit der Existenz einer solchen Zwangslage argumentierte auch der Nachfolger Hohenlohes, Otto Gf. Bray. Jedoch ist dieser Wunsch nur bedingt in Erfüllung gegangen, ganz zu schweigen von der Hoffnung L.s auf eine Alternation der Kaiserkrone zwischen Preußen und Bayern und auf territorialen Gewinn (Elsaß). Zwar konnte sich Bayern durch die Versailler Verträge vom 23.11.1870 Sonderrechte sichern, verlor aber durch den von L. akzeptierten Beitritt zum zweiten Kaiserreich zentrale Souveränitätsrechte, insbesondere das Bündnisrecht und die Entscheidung über Krieg und Frieden – „finis Bavariae“, wie Edmund Jörg, der Führer der Patrioten, formulierte. Gleichzeitig hat L. durch den von →Bismarck initiierten sog. Kaiserbrief vom 30.11.1870, mit dem er Kg. Wilhelm I. zur Übernahme des erblichen Kaisertitels aufforderte, dazu beigetragen, das unitarische Moment im neuen Reich zu verstärken, auch wenn er – in für ihn typischer Weise – kurz danach seinen Schritt bereute und zu revidieren suchte.

In den folgenden 15 Jahren bis zu seinem Tod hat L. im Verhältnis zum Reich dieses ambivalente Verhalten in charakteristischer Weise fortgesetzt. Einerseits beklagte er immer wieder die Beschränkung seiner Souveränitätsrechte durch die Reichsgründung und war ständig darauf bedacht – u. a. durch seinen Briefwechsel mit →Bismarck –, den föderativen Charakter des Reiches und die Rechte der einzelstaatlichen Monarchen (sowie die Gefahren des Parlamentarismus und des Sozialismus) zu beschwören. Auf der anderen Seite deckte er fortgesetzt die liberalkonservativen reichsfreundlichen Ministerien in Bayern seit 1871 und wies die wiederholte Forderung der Patriotenpartei, welche im Landtag die Mehrheit bildete, nach einem Systemwechsel entschieden zurück. Nur einmal, im April 1875, schien eine Wende erreicht, als L. den Zentrumsabgeordneten Georg Frhr. v. Franckenstein mit der Regierungsbildung beauftragte. Dieser lehnte jedoch ab, um keine „feindliche Stellung der Reichsregierung“ gegenüber Bayern zu provozieren. Damit war→Bismarck gemeint, der seinen starken Einfluß auf L. zur Stützung reichsfreundlicher Ministerien nützte. L. ist als König →Bismarck nie persönlich begegnet, hat ihn aber ohne Schwankungen als Vaterfigur verehrt. Von dem Rückhalt L.s und →Bismarcks hat insbesondere Johann v. Lutz profitiert, der als Kultusminister 1870-90 (1880-90 zugleich Vorsitzender im Ministerrat) die stärkste politische Kraft in Bayern bildete. Lutz gelang es auch, sich den Rückhalt L.s zu sichern, als er in jahrelangen Auseinandersetzungen mit der kath. Kirche und der patriotischen Landtagsfraktion den Kulturkampf in Bayern führte und diesen durch die Einbringung des Kanzelparagraphen im Reichstag (1871) auf das Reich übertrug. Die Frage ist allerdings, inwieweit die bayer.Innen- und Außenpolitik der 70er Jahre tatsächlich auf eigenständige politische Auffassungen und freie Willensentscheidungen des Königs zurückgeführt werden darf.

Tatsächlich hatte sich im Verhältnis L.s zu seiner Umwelt und seinen Regierungsaufgaben schon seit dem Ende der 60er Jahre ein bemerkenswerter Wandel vollzogen.|Schon bald nach der Thronbesteigung zeigte der König auffallende Scheu vor der Öffentlichkeit, Abneigung vor offiziellen Verpflichtungen, vor den Anforderungen menschlichen Gemeinschaftslebens überhaupt. Die Menschenscheu äußerte sich alsbald in immer schrofferen, vielfach auch in grotesken Formen, in steter Flucht in die Schlösser und Jagdhäuser im Oberland, aus denen er schließlich nur noch wenige Wochen im Frühjahr und Herbst nach München zurückkehrte, auch dort meist unerreichbar. Gleichzeitig wandte sich L. immer mehr von den Regierungsgeschäften ab, der realen Basis seines so stark entwickelten monarchischen Selbstgefühls. Zur Politik fehlten ihm, trotz mancher Bemühungen in den Anfangsjahren, Kenntnisse und vor allem Neigung; seine politischen Vorstellungen waren relativ einfach strukturiert und stießen sich deshalb immer wieder mit der Realität. Wenn er auch nach 1871 verschiedentlich in die bayer. Innenpolitik (etwa mildernd in den Kulturkampf) eingriff, so bestand die wesentliche Einflußnahme doch darin, das Ministerium gewähren zu lassen und es gegenüber konservativen Angriffen zu stützen. Seit dem Ende der 70er Jahre zog sich L. aber nahezu vollständig aus dem politischen Geschehen zurück. Die Minister erreichten ihn nur noch über die Zwischenstelle des Kabinettssekretariats, das hierdurch zu einer starken Stellung gelangte. Da die Kabinettssekretäre mit den Ministern, insbesondere mit Lutz, politisch weitgehend übereinstimmten, ergab sich aus der Schwäche L.s die Situation, daß Ministerium und Kabinettssekretariat gemeinsam jahrelang die Linie der bayer. Politik bestimmten. Seit 1883 verkehrte L. auch mit dem Kabinett nur mehr über untergeordnete Hofbedienstete und Lakaien. Wichtiger war ihm überhaupt das Hofsekretariat, das mit der Hofkasse, den Theaterangelegenheiten und den kgl. Bauten befaßt war. Denn nicht so sehr in Politik und Staatsverwaltung, als vielmehr in der Kunst, vor allem in Musik und Architektur, suchte und fand die phantasievolle, ja phantastische Natur des Königs ihre eigentliche Erfüllung.

Schon als Knabe war L. mit Texten und Musik Richard Wagners vertraut. Bei der Lektüre von Wagners „Kunstwerk der Zukunft“ berauschte sich der Jüngling an dem Gedanken, dereinst das Musikdrama mit aus der Wiege zu heben. So gehörte es zu den ersten Taten L.s als König, den Komponisten im Mai 1864 nach München zu holen und den 30 Jahre älteren mit schwärmerisch-überspannten Freundschaftsbeweisen zu überschütten, die von Wagner als Rettung aus schwierigster Lebenssituation dankbar aufgenommen wurden. Durch erhebliche regelmäßige Zuwendungen aus der Kabinettskasse (für die er die Rechte an einer Reihe Wagnerscher Werke erhielt) gab er Wagner die Möglichkeit ungestörter künstlerischer Arbeit und adäquater Aufführungen seiner Musikdramen. Im Juni 1865 wurde der „Tristan“ im Münchener Hoftheater uraufgeführt. Die ungewöhnliche Bevorzugung und finanzielle Förderung Wagners und der von ihm nachgezogenen Künstler (u. a. H. v. Bülow, P. Cornelius) rief jedoch in breiten Kreisen Münchens Kritik hervor. Aber erst als sich Wagner publizistisch in die öffentlichen Verhältnisse Bayerns einzumischen begann, dem König politische Ratschläge erteilte und damit das Ministerium herausforderte, sah auch L. die Grenzen zwischen Künstler und König überschritten und forderte (wenn auch mit innerem Widerstreben) Wagner im Dez.1865 zum Verlassen Bayerns auf. Diese erste Entfremdung schien überwunden, nachdem L. im Mai 1866 Wagner in Tribschen (b. Luzern) besucht hatte und als schließlich im Juni 1868 in München die triumphale Uraufführung der „Meistersinger“ vor L. und Wagner gemeinsam stattfand. Als aber L. kurz darauf von der Liebesbeziehung Wagners zu Cosima v. Bülow erfuhr, war er nicht mehr imstande, das ursprüngliche Freundschaftsverhältnis aufrechtzuerhalten; die Entfremdung blieb, auch wenn er Wagner anläßlich der Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses 1876 und noch einmal 1880 sah. Unabhängig davon hat L. das Wagnersche Werk weiterhin gefördert, denn seit je galt die Faszination L.s nicht eigentlich dem Komponisten, sondern dem Werk, in dessen Zauber er sich willenlos verlor, und an dem ihn der Text und die Form der Darstellung mindestens ebensosehr faszinierten wie die Musik. So ließ er (gegen den Willen Wagners) 1869 „Rheingold“ und 1870 „Walküre“ in München zur Uraufführung gelangen und beteiligte sich durch erhebliche Beträge am Bau des Bayreuther Festspielhauses. L. war sich seiner Verdienste um Wagner durchaus bewußt. Auch Wagner wußte, was er L. verdankte; wenn er auch verschiedentlich die finanzielle Abhängigkeit als „unerhört und unerträglich“ für einen Künstler beklagte, so nahm er sie im Interesse seines Werkes und aufwendigen Lebensstils doch in Kauf.

Bereits Ende 1864 faßte L. den Plan zu einem großen Theaterbau in München, „damit die Aufführung des Ring des Nibelungen eine vollkommene werde“. Der von Wagner vorgeschlagene Architekt G. Semper projektierte den Bau, der jedoch wegen der ungesicherten Finanzierung und des Widerstands der Stadt München nicht ausgeführt wurde. 1867 zog sich auch Wagner von dem Projekt zurück, um einige Jahre später den Bau eines Festspielhauses in Bayreuth zu betreiben. Im selben Jahr 1867 besuchte L. auf zweien seiner ganz wenigen größeren Reisen Paris und Versailles sowie die Wartburg bei Eisenach. Seitdem schob sich in seiner Gedankenwelt die Bauleidenschaft neben die Faszination durch das Wagnersche Werk, um schließlich innerhalb weniger Jahre – parallel zur Abkühlung des Verhältnisses zu Wagner und zu den politischen Ereignissen bis 1871 – zum alles beherrschenden Mittelpunkt seines Denkens und Planens, zur „Hauptlebensfreude“ (Ludwig 1886) zu werden. Wie manchem seiner Vorgänger galt auch L. die Bauleidenschaft als eine fürstliche Qualität. Aber anders als Ludwig I. und Max II. errichtete er (nach dem Scheitern des Semperschen Projekts, das er tief empfand und das seine Abneigung gegen München befestigte) seine Bauten nicht in der Stadt, sondern nahezu durchwegs im einsamen Voralpengebiet; sie waren auch nicht für die Allgemeinheit bestimmt, sei es als Zweckbau, sei es als Denkmal, sondern ausschließlich für ihn allein. L. baute historistisch, wie seine Zeit überhaupt. Seine Bauten lassen sich drei historischen Epochen und Stilen zuordnen: Dem Spätbarock und Rokoko (Königswohnung in der Münchner Residenz, Linderhof, Herrenchiemsee); dem Mittelalter (Neuschwanstein, Pläne für Falkenstein); dem orientalischbyzantin. Kulturkreis (Jagdhaus auf dem Schachen, Marokkan. Haus, Arab. Pavillon und Kiosk in Linderhof). Schließlich findet sich auch gebautes Theater (Grotte, Hundinghütte und Eremitage in Linderhof). Von den projektierten Bauten wurden nur das Jagdhaus auf dem Schachen (1870) und das von Georg v. Dollmann errichtete, Klein-Trianon nachempfundene Schloß Linderhof (1869–74) zu Lebzeiten L.s fertiggestellt; der an Versailles orientierte Bau von Herrenchiemsee, ebenfalls von Dollmann (1878 begonnen), wurde weit vorangetrieben, aber wegen Geldmangels nicht vollendet. Linderhof und Herrenchiemsee standen in Baugedanken, Architektur und Innenausstattung in engstem Zusammenhang mit einer emphatischen Verehrung L.s für Kg. Ludwig XIV. von Frankreich und seine Zeit. L.s Großvater und Pate war 1786 von Kg. Ludwig XVI. aus der Taufe gehoben worden, L. selbst am Tage des hl. Ludwig von Frankreich (25.8.) geboren. L. sah in Ludwig XIV. das Ideal monarchischer Selbstherrschaft verkörpert. Er hat es um so mehr vergöttert, je weniger er selbst zu Leistungen fähig war, auf denen dieses Königtum eigentlich beruhte. Auch das seit 1868 von mehreren Architekten aufgeführte Burgschloß Neuschwanstein wurde erst nach L.s Tod vollendet. Der die Innenausstattung beherrschende Minnesänger- und Lohengrin-Stoffkreis war L. nicht erst durch Wagner nahegebracht worden, sondern bereits durch die Fresken des Schlosses Hohenschwangau, in dem L. einen Teil seiner Jugend verbracht hatte. Das Projekt einer weiteren Schloßburg Falkenstein bei Pfronten (durch Max Schultze) wurde ebensowenig verwirklicht wie dasjenige eines weitläufigen Schlosses in byzantin. Stil. Die Gartenanlagen um Linderhof und Herrenchiemsee sowie ein großer Dachgarten auf der Münchener Residenz wurden von Karl v. Effner gestaltet. Dekoration und Ausstattung der Schlösser haben die Entwicklung des bayer. Kunsthandwerks sehr gefördert. L. selbst hat an den Bauten lebhaftesten Anteil genommen und deren Programm und Ausführung bis in Einzelheiten bestimmt. Dabei ging es ihm nicht um künstlerische Hochleistung, sondern um penible historische Treue und um die atmosphärische Gesamtwirkung, um die Schöpfung einer Welt für sich. Je weniger er mit der realen Welt zurechtkam, desto mehr wurde die bizarre Scheinwelt der Schlösser, eines künstlichen Mittelalters und Absolutismus, zur Realität seines Lebens und seines Königtums.

Diese Atmosphäre hat wiederum dazu beigetragen, L.s überhöhte Auffassung von sich und seinem Herrschertum um so mehr zu steigern, je mehr er seine wirkliche Herrschaft als Last betrachtete und vernachlässigte. Dabei war kennzeichnend, daß die teils ängstliche, teils hochmütige und humorlose Distanzierung von den Untergebenen wie der eigenen Familie, ja deren kalte Demütigung, nicht selten abwechselte mit gewinnender Leutseligkeit gegenüber den Menschen, denen er auf seinen einsamen Fahrten begegnete, und mit überschwänglicher Freigebigkeit gegenüber Künstlern (wie den Schauspielern Ernst v. Possart und Josef Kainz) oder auch gegenüber den Bediensteten in seiner isolierten Welt. Mit intensiver Lektüre, auf die er viel Zeit verwendete und die vor allem historischen Themen galt, hat sich L. noch weiter in seine Scheinwelt versponnen. Dem entsprach, daß in das Repertoire des Hoftheaters zunehmend Themen des Ancien Régime aufgenommen werden mußten, wofür L. u. a. durch K. v. Heigel eine|Reihe neuer Stücke schreiben ließ. Zahlreiche dieser Werke wurden – neben Opern Wagners und anderer – dem König allein in Separatvorstellungen vorgeführt (1872-85 insgesamt 209).

Spätestens seit Beginn der 80er Jahre konnten die Verhaltensweisen L.s auch dann nicht mehr als bloße Eigenarten eines exzentrischen Romantikers bezeichnet werden, wenn man entschuldigend einräumte, daß ein König nicht mit bürgerlichen Maßstäben gemessen werden dürfe. Die schon früh auftretende geistige Erkrankung L.s (paranoide Schizophrenie) machte sich fortschreitend deutlicher bemerkbar. Wahnvorstellungen gewannen die Oberhand, auch wenn L. daneben zu ungezwungenem Verhalten und rationaler Argumentation fähig blieb. Der fortschreitende Zerfall seiner Persönlichkeit blieb kritischen Zeitgenossen nicht verborgen. Er wurde vorangetrieben durch L.s homoerotische Veranlagung, die ihm selbst wohl erstmals 1867 bei seiner alsbald aufgelösten Verlobung mit Hzgn. Sophie in Bayern (der Schwester der von ihm so sehr verehrten Kaiserin Elisabeth von Österreich) deutlich wurde. In zerfleischenden Selbstanklagen, religiösen Übungen und dem Kult eines „reinen Grals“ versuchte er vergeblich seine Veranlagung zu überwinden.

Die Finanzlage L.s war seit Anfang der 80er Jahre äußerst bedrohlich. Da er aus den regulären Einnahmen der Hof- und Kabinettskasse auch alle seine Bauten zu finanzieren hatte, geriet er seit 1877 in Schulden, Anfang 1884 betrugen sie 8,25 Mill. Mark. Daß sie nicht höher waren, verdankte L. den Geldern, die er seit 1871 von →Bismarck aus dem Welfenfonds erhielt. Diese waren gewiß nicht die Bedingung L.s für den Beitritt Bayerns zum Reich gewesen. Ob er für den Kaiserbrief ultimative Geldforderungen gestellt hatte, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit behaupten. Jedenfalls hatte er im Nov.1870 in engstem, allen Beteiligten überaus deutlichem Zusammenhang mit Kaiserfrage und Kaiserbrief →Bismarck seine damalige große Geldverlegenheit nachdrücklich zum Ausdruck bringen lassen. So wurden aus dem Welfenfonds zunächst jährlich 300 000 Mark, später erheblich mehr, bis 1885 insgesamt 5 Mill. Mark an L. gegeben, wovon der vermittelnde Oberststallmeister Max Gf. v. Holnstein 10% erhielt. Weiterhin gab →Bismarck im Februar 1884 einen einmaligen Betrag von einer Mill. Mark, der wohl nicht auf die laufenden Zahlungen verrechnet wurde.

Das Ministerium begegnete den Schulden des Frühjahrs 1884, indem es (neben der Bismarckschen Million) im Mai 1884 eine Bankanleihe von 7,5 Mill.Mark vermittelte, die dann bis 1901 durch die Zivilliste verzinst und amortisiert wurde. Jedoch war die Kabinettskasse im Sommer 1885 erneut mit sechs Mill. Mark verschuldet. Nunmehr forderte das Ministerium von L. unverblümt die Einstellung der Bauten. Eine darauf von L. im April 1886 geforderte Finanzvorlage an den Landtag lehnte das Ministerium rundweg ab. Angesichts der Unnachgiebigkeit des Königs und der Gefährdung des Ministeriums steuerte dieses schließlich auf die Erklärung der Regierungsunfähigkeit L.s und die Einsetzung einer Regentschaft zu; →Bismarck hatte den Eindruck, daß die Minister, „weil sie sich nicht mehr halten könnten, den König ‚schlachten' wollten“. Am 8.6.1886 erklärte der Psychiater B. v. Gudden aufgrund schriftlicher Äußerungen L.s sowie von Zeugenaussagen den König für unheilbar geisteskrank; am 9.6. stellte eine Konferenz des Ministeriums mit dem Onkel L.s, Prinz Luitpold, die Regierungsunfähigkeit L.s fest und vollzog seine Entmündigung. Luitpold übernahm die Regentschaft und gab sie am 10.6. durch Proklamation bekannt. Am 12.6. ließ sich L. widerstandslos, wenngleich tiefverletzt und mit Selbstmordgedanken und Angst vor Ermordung, von Neuschwanstein nach Schloß Berg am Starnberger See überführen, das in der Vergangenheit seinen häufigsten Aufenthaltsort gebildet hatte. Am folgenden Tag fand er auf ungeklärte Weise zusammen mit Gudden den Tod im See. Vermutlich hatte er selbst den Tod gesucht und den ihn zurückhaltenden Gudden ertränkt, war aber dann nicht ertrunken, sondern einem Herzschlag erlegen. Am 14.6. verkündete ein Thronfolge- und Regentschaftspatent, daß die Krone auf Prinz Otto übergegangen sei, der aber durch Krankheit regierungsunfähig sei, so daß Prinzregent Luitpold vorbehaltlich der Zustimmung des Landtags (die am 21. bzw. 26.6. erfolgte) die am 10.6. übernommene Regentschaft fortsetze. Am 28.6. leistete Luitpold den in der Verfassung vorgeschriebenen Regenteneid.

Kein bayer. König, ja kaum ein anderer Monarch des 19. Jh., ist im Bewußtsein breiter Kreise derart lebendig geblieben wie L., wenngleich verkürzt auf den Märchenkönig der Königsschlösser. Paul Verlaine hat ihn als „le seul vrai roi de ce siècle“ bezeichnet. Bestehen bleibt, daß L. das Genie Richard Wagners erkannt und seinem Werk entscheidende ideelle Förderung und materielle Sicherung verliehen hat; hierin liegt seine zeitüberdauernde Bedeutung. Unter dem Gesichtspunkt der verfassungsmäßig verankerten Kompetenzen des Monarchen und der ihm gestellten staatspolitischen Aufgaben jedoch bedeutete das Königtum L.s ein Verhängnis für den bayer. Staat. In einer Zeit folgenreicher außenpolitischer Entscheidungen und eines weitreichenden innenpolitischen, sozialen und ökonomischen Wandels besaß das Land keinen handlungsfähigen König. Selbst eine ausgleichende und integrierende Funktion, wie sie dem konstitutionellen Monarchen des 19. Jh. zumindest zukam, ist von L. nicht oder kaum wahrgenommen worden. Jedoch kann die Verantwortlichkeit L.s für sein Handeln und Nichthandeln angesichts seiner Krankheit nicht exakt abgegrenzt werden.


Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Albrecht, Dieter, "Ludwig II." in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 374-379 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118574892.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 07.11.2025. 

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Sekundärliteratur

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